Die
VdriHihne
Oer Schaubulmc JUUllllSalur
Hbchrnschrifi for Fbliift Rims* Wfafc&afl
Be^ndefvon Siegfried Jacatooim
Vnier Mifarbeii von Kurt Tucholsky
geleiiei von Coil v.Qssieizky
28. Tahrgang
Zweites Halbjahr
19 3 2
VeitaSdcrWeKbahnt
ChAriotfenburg'Kairfstosse 152
Register der ,Weltbiihhe'
XXVIII. Jahrgang (1932), 2. Band
Autorenregister
Anonyme Beitrage:
Herr von Papen . . .
Ein guter Tag fur die
Justiz
Wochenschau des, Riick-
schritts . . 27 31
29 104 30 141 31 179
33 249 34 290 35 328
37 402 38 438 39 479
41 558 42 590 43 62$
45 695 4$ 737 47 775
49 842 50 882 51 917
Wochenschau des Fort-
schritts . . 27 31
29 104 30 141 31 179
33 249 34 290 35 329
37 402 38 438 39 479
41 558 42 590 43 628
45 695 46 737 47 775
49 842 50 882 51 917
Die Mutter der Kom-
pagnie %
Antworten . . 27 37
29 111 30 149 31 186
33 257 34 297 35 337
37 408 38 447 39 487
41 565 42 597 43 636
45 703 46.744 47 782
49 849 50 888 51 923
Der Wurzelschlager
Ein Heldenschicksal
Pietat i
Liebe Weltbiihne! 28 72
33 256 35 336 38 446
41 564 43 639 44 670
47 781 51 920
Liebe als Sommer-
geschaft . . . . ,.
Aus grofier Zeit . . .
Erotik erwiinscht . . .
Der Kaiser braucht Sol-
daten ."
Der Heuwagen . , . <
Seelsorge vom Taxi aus
Unsre Marine . ' . . .
Gottesdienst im Nazi-
paradies
27
4
27
5
28
67
32
212
36
368
40
518
44
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48
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52
952
28
67
32
212
36
368
40
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44
664
48
809
52
952
27
36
28
73
32
218
36
374
40
525
44
671
48
815
52
961
28
72
28
72
28
72
31
185
40
524
45
702
29
110
29
110
30
148
30
148
30
148
31
184
31
185
32 214
Eben doch"aus Buda-
pest 32 216
Der Anhangewagen . . 32 217
Die Berner 33 255
Deutsche Lyrik ... 33 256
Dada aktuell .... 33 256
Der Druckfehler bringt
es an den Tag . . . 33 256
Ein Fachmann ... 33 256
Befahigungsnachweis . 35 336
Sehr peinlich ... 35 336
Eine brachtvolle) Re-
klame 35 336
Noch einmal: Die Ber-
ner 35 336
Erlost 35 336
Der Nachraf der Nazis 36 373
Referenzen 37 407
Die feindlichen Briider . 37 407
Gumbel und Ossietzky 38 446
Die Soziologie des klei-
nen Moritz .... 38 446
Von Stein zu Papen-
Bracht 39 458
Der Regierung ins
Stammbuch ... 39 486
Humor der Woche . . 39 486
Tagliche Praxis ... 40 524
Christusjugend mar-
schiert . . . . . 40 5(24
Hopplal oder Der kluge
Setzer 40 534
Die Penne ubertrumpft 40 S24
Schwiile Luft .... 40 524
Die Rute des Herrn
Scholz 41 564
Deutsche Manneszucht . 41 564
Zu dieser Notverord-
nung 41 564 .
Preisfrage 41 564
Weg damit 43 635
Der Fascismus ... 44 669
Nicht mehr z. K. . . . 44 669
Er kurbelt an .... 44 670
Sire, geben Sie ja nicht
Gedankenrreiheit ( . 44 670
Austausch . . . . 44 670
II
Syphilis-Autarkie . .
Auch ein Dementi . .
Wozu braucht Hitler
FtiBe — ? . . . .
Mariauxnetten des
Rundfunks ....
Protest gegen die be-
absichtigte Wieder-
einfuhruhg der all-
gemeinen Wehrpflicht
Neues vom Arbeits-
dienst
Zuviel Hoflichkeit . .
Zschorlich hort Giese-
king
Epilog auf Papen . .
Schon wieder Herr
Zischkal ....
Kaiser Karl — Agent
Frankreichs? . . .
Das gibt es noch . .
Sammlung fiir Hinden-
burg ......
Weihnachts-Tips fiir
Nazis ......
Wenn das nicht hilft! .
Schon wieder un-
modern?
Baltikumer ....
Bayern und die Am-
nestie
Wilhelm II. ein Jude?
Abel, Walter: Buch-
kritik? Wirtschaft,
Horatio!
Ander, Alfred: Pro-
fessoren-Aufruhr
gegen Klagges . . .
Anderson, Sherwood: Das
Gesicht der amerika-
nischen Provinz . .
Arendt, Werner: Die Ge-
schafte des Herrn
Ouvrard ....
Arnheim, Rudolf: Ein
Horspiel . . ■ . . .
Der Mensch ohne
Naxnen . . . . •
John dos Passos und
die heifien Tage . *
Kurzwaren ....
Brief aus der Ferae .
Flucht in die Kulisse .
Ernst im Spiel und
Spiel im Ernst - .
Filmwinter ....
Lieber Herr von Os-
sietzky .....
Vom Tragischen . .
Paul Cohen-Portheim .
45
45
702 |
702
45
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46
728
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51
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398
38
39
431
465
40
41
42
519
551
5S3
Teils gut, teils wichtig 43 620
Rapprochement in Oel . 47 763
Schiller iiber Kastner . 48 796
Vom Fischer und seiner
Frau 49 830
Filmnotizen .... 49 847
Palucca 50 886
Kurbeln und Knipsen . 51 909
Asiaticus: Wer regiert in
. China? 52 929
Auslander, Fritz: Hitler
als Erzieher ... 30 126
Bargenhusen, Jan: Floten
und Trommeln . . 28 42
Termin: 6. November . 34 266
Hitler baut urn ... 39 455
General am ReiBbrett . 42 570
Bleibt Papen? ... 46 708
Bauer, Hans: Erinnerung
an Slang .... 34 294
Der Herr in der
' Kutsche 47 770
Behne, Adolf: Kleinliche
Matzchen .... 29 108
Hausrecht contra Gast-
recht / 37 406
Ludwig Hoffmann ge-
storben 47 779
Ben-Gavriel, M. Y.: Hitler
in Jerusalem . . . ' < 52 958
Bergh, Erwin - R-: Die
deutsche Musikbiihne 51 919
Bergmann, M.: Die Krise
der Gewerkschaften . 38 435
Die Streikbremse ver-
sagt 46 741
Bernhard, Georg: Der
13. Juli .... 28 47
Berthold, Gregor: Natio-
nalistische Splitter . 50 865
Beth, Heinriette: Van ,
Gogh als Zeuge . . 43 623
Blumenthal, Ernst: Das
Schicksal des Bau-
. hauses . . . . . 29 86
Bowie, Tim: FuBangeln . 28 71
Welsches Vorbild . . 38 446
Borne, Ludwig: Zu dieser
Reaktion .... 27 30
Brenner, Hans Georg: Das
Gut im Elsafi ... 43 632
Bruyere, La: Der Krieg . 31 180
Budzislawski, Hermann:
ProfesiSoren in der
Politik 49 840
Gereke und sein Plan . 50 879
Der soziale Syrup . . 52 949
Buckler, Johannes: Der
Chief 28 52
Ill
Wahl-Interviews . .32 190
Was ist Karezza? . . 41 561
Frankreich zittert . . 46 738
Billow, J, v.: Seufzer von
unten ..'.... 33 266
Die Frommen ... 37 407
Caillaux, Joseph: Das
Gold 33 245
Citron, Bernhard: Banken-
sanierung II ... 27 29
Batismus 29 102
Braune Wolle ... 30 142
Trennung von Staat und
Wirtschaft .... 31 177
Die Grundsatze des
Doktor Schacht . . 32 213
Wer betriigt . . . wenn
Hitler regiert? . . 33 251
Konsumgenossenschaf-
ten in Not ... . 34 287
Sozialist Schleicher . 35 306
Antisoziales Wirt-
schaftsprogramm . 36 364
Tribute an die Land-
wirtschaft .... 40 515
Amok-Lauf .... 41 556
Riickkehr zur offent-
■ lichen Wirtschaft . . 42 588
IG-Farben-Diktatur . 43 629
Papens Gewinn- und
Verlust-Rechnung . . ' 44 644
Agrarier und Ober-
agrarier 45 692
Politischer Treibstoff . 46 735
Cohen- Portheim, Paul :
Religiose Sekten in
England .... 42 583
Cohn-Bendit, Erich: Pla-
doyer fiir Litten . . 35 314
Corday, Michael : Kleine
Geschichten aus dem
Weltkrieg .... 33 255
Tristan Bernard im
Krieg 36 371
Budow, S. Th.: Simultan-
film ■ . - 52 955
Diinner, Josef; Mein Aus-
schlufi aus der KPD 34 274
Eggebrecht, Axel: Jugend
bei uns und in Rut-
land 30 131
Girl und Komsomolzin 43 616
Ekert-Rothholz, Alice; Die
Reisebekanntschaft . 29 101
Betteln und Hausieren
verboten! .... 30 140
Der Mann, der ver-
zeiht 32 206
37
40
401
514
42
579
46
734
52
946
39
463
48
811
52
967
Wenn irgendeiner plotz-
lich stirbt
Chanson vom Ruhm
Deutscher Damenclub
en avant! ....
Das Himmelreich annon-
ciert
Unheimlicher Treppen-
witz
Engel, Franz Joseph:
Im giitlichen Einver-
nehmen ....
Enskat, Arthur: Ist das
Saargebiet deutsch? .
Eskul, Noemi: Nationali-
sierte Wissenschaft .
Fabian, Walter: Gift,
Brand, Bakterien . 31 161
Falkenfeld, Hellmuth:
Diirfen Dissidenten
Lehrer werden? . , 35 334
Faensen, Jos.: Ankurbe-
lung ...... 42 592
Feuchtwanger, Lion:
Deutschland 1932 . . 52 960
Flieg, Helmut: Zwei Ge-
dichte 31 176
Auch eine Tragikj . . 39 485
Auftakt 45 702
Frei, Bruno: Amsterdam . 36 349
SDS 38 439
Frey, A. M.: Der Fuhrer 30 134
Friedrichs, Fritz: Wie
mans nicht ntachen
soil 30 143
Wenn die Soldaten ... 39 481
Gehrke, M. M.: „Vater-
landische Verbande" 43 630
Die Macht .... 45 698
Buchkritik und Tages-
zeitung 47 766
Romanze vom Steh-
kragenproleten . . 48 793
Gerlach, Hellmut v.; Ge-
fesselte Regierung . 27 1
Papens Wahlpolitik in ,
Lausanne .... 28 39
BruningsZukunftspolitik 29 75
Papen hilft der Linken 30 113
Wahlbilanz .... 31 151
Papens Siindenregister . 32 187
Verfassungsfeier — Lei-
chenfeier .... 33 219
Wenn Hindenburg
stiirbe 34 259
Papen auf dem Rii-
stungspfad .... 35 303
IV
Schleicher und sein
Stahlhelm . . . .
Schleichers Ultimatum .
Blutstreif am Horizont
Deutschland kreist sich
aus
Papens agrarischer
Standestaat . - .
Hitlers sehr lange Nacht
Renaissance der Mon-
archie * • •
Feinde ringsum . . ■•
Der neue Reichstag . .
Finis Borussiae - . •
Die Milizlegende - •
Talmudist Hitler . .
Militarherrschaft . .
Die russische Niete
Aufienpolitik des Als-
Ob
Die Neudecker Luft . ,
und Hanns-Erich Ka-
minski: Diktierte Ver-
fassung
Gerstorff, K. L.: Eiserne
rote Front . , .
Und das Zentrum?: . .
Die Zahlen vom31. Juli
Krisenwende aus
Amerika? ....
Spaltungstendenzen bei
den Nazis ....
Deutsche Etat-„Sanie-
rung" ......
Papens Chance . . .
Die russi^chen Aus-
schliisse und die KPD
Die Streikwelle ...
Wer hemmt die Ein-
heitsfront? ....
Hitlers Angst vor der
Macht
Ein staatliches t)ber-
schufiunternehmen
Glafibrenner, Adolf :
Volkslied aus dem
Jahre 1848 . . .
Glenk, Hans: Prager Lie-
besparade ....
Tage der Kindheit . .
Sechstagerennen . . .
Goldschmidt, Alfons: Der
Terror in Peru . .
Gosing, Peter : Kinder-
biicher
Goethe, Wolfgang v.: Zur
Kapitalflucht . . .
Graetzer, Walther: Der
Primaner und die
Politik
36
342
37
375
38
409
39
449
40
4912
41
527
42
591
44
641
45
671
46
711
47
748
48
783
49
817
50
854
51
918
52
926
43 599
27 13
30 116
32 199
35 325
37 381
40 521
41 534
43 604
45 678
47 750
49 820
52 963
43 619
28 69
34 295
47 777
32 213
49 834
35 336
40 502
Grofimann, Kurt: Aka-
demiker zum Fall
Gumbel
,,Der letzte deutsche
Kriegsgefangene" . .
„Wenn schon . . ." , .
Grumbach, S. : Frank-
reich sieht nach
Deutschland ...
Gumbel, E. J.: Rekurs an
das Staatsministerium
Gurdus, Nathan: Das Aus-
land schaltet ab . .
Hartwig, Claus: Roose-
velts Dilemma . .
Hasenclever, Walter und
Panter, Peter:
Christoph Columbus .
Hauptmann, Elisabeth :
Gastfeindschaft . .
Hauser, Kaspar; Worauf
man in Europa stolz
ist
Haebler, R. G.: Nur ein
Konkor dats&treit ?
Hegem/inn, Werner: Welt-
retter oder -verderber
Henry Ford . . .
Thomas' Manns Blut-
schande, Rassen- und
Landesverrat . . .
Nazi-Reue iiber Dessau
Friedrich vergewaltigt .
Barberina ... 41 548
Zum deutschen Biir-
gerkrieg ......
Heilig, Bruno : Blutbund
Doppelkreuz . . .
Heinroth, Stephan: Die
eineiigen Zwillinge
der Erb von Schon-
aich-Carolath . . .
Heller, Hans: Sonntag
nachmittag . . .
Herbers, Hein: Deutsch-
land zwischen Gestern
und Morgen . . .
Hilier, Kurt : Schief er
Revisionismus . -
Linke Leute von rechts
t)ber die Ursachen des
nationalsozialistischen
Erfolges . 34 270
Die Reichsverfassung
bricht sich selbst , .
Ewiger Friede in Ganse-
fiifichen .....
Zur Offensive gegen
den Materialismus .
37 388
42 593
47 778
32 193
41 537
47 760
46 714
40 506
45 689
45 687
49 823
32 207
35
36
318
369
42
580
46
723
39
461
38
442
32
215
38 439
28
31
50
153
35
309
38
415
40
498
43
608
Meisteressays . . -
44
666
Stalin und Trotzki . -
48
786
Corydon . , . . .
50
885
Hillers, Marta: Kriegs-
kind ../....
40
505
Hollander, Walther v. :
Entthronong der Pro-
duktion ...
31
166
Geburtenregelung Man-
nessache! ....
48
805
Holm, Gregor: Brief nach
driiben .....
36
372
Holmsen, Erich: Elisabeth
Bergner .....
39
484
Horn, Heinz: Hitlers
Deutsch . . . . ,
40
500
Holderlin, Friedrich: Zu
diesen Nazis . . .
33
248
Hudes, T. N.: Geistes-
freiheit in Polen . .
27
33
Ihering, Herbert: Deut-
sches Theater 1932 -
27
23
Harakiri des Theaters?
36
354
Bracht als Dramaturg .
38
427
Die Hauptmann-Feiern
39
468
Studentenprinzen . .
44
654
Hauptmannpublikum
1932
46
731
Falsch links — falsch
rechts .....
50
872
J., S,: Politik und Theater
49
828
Kahle, H. G., Doktor
Scholz funkt da-
zwischen ....
36
351
Kal enter, Ossip: Stel-
lungslosenpoesie . .
33
239
Kallai, Ernst: Zeichen
und Bilder ....
38
444
Kaiser; Erwin: Theater
in der Sowj et-Union
33 240
34
284
Kaminski, Hanns-Erich:
Ruckblick auf Lausanne
29
78
Geschichte eines Staats-
streichs
30
122
Lehrmeister Reaktion .
32
1%
Heldenpleite ....
33
250
Nochmals kleineres
Obel?
34
262
Rechtsfragen — Macht-
fragen .....
35
299
Re oder Duce . . .
36
339
Der Weg zur Einheit .
37
378
Chaos
38
412
Der Volksentscheid der
SPD
39
452
Oberall Linksruck . .
Neuraths. vierte Nieder-
lage ......
Gayl und Severing . .
Staatsmannischer Wahl-
kampf
Herriots Mehrheit . .
Marschroute derLinken
Dauerkrise ....
OstpreuBisches , . .
Def Sabel
Die Stimme des Gene-
rals
Ein WeiBrusse . . .
und Gerlach (siehe
Gerlach)
Karsch, Walther: 33000
fur Carl v. Ossietzky
Dynamik contra Ver-
nunft
Offener Brief an den
Oberreichsanwalt
Materialistisches Ragout
Streik gegen Lohnraub
Germanischer Dreh . .
Die Linke hat Schuld
Eine verworfene Re-
vision
Nur Wirtschaft? Nur
Ware?
Nationalsozialistische
Geschichtsauffassung ,
Kastner, Erich: Das Herz
im Spiegel . . . .
Denn ihr seid dumm .
Spaziergang nach einer
Enttauschung . .
Brief an >in Bracht-
exemplar , . . .
Das ohnmachtige Zwie-
gesprach ....
Ein Kubikkilometer ge-
niigt
Neues. Volkslied , .
Hotelsolo fiir eine
Mannerstimme . .
Unter aller Kritik! . .
Stehgeigers Leiden . .
Kent, N. O.: Es mufl doch
etwas dran sein . .
Kesten, Hermann: Die
„Auflosung" des Ro-
mans
Kritik der Literatur-
kritik
Kolb, Annette: Der ein-
zige freie Beruf , .
Kraft, Peter: Ungarn
bhne Akt ....
Die Uniform ....
40 4819
41 530
42 567
44 637
45 696
46 705
47 745
49 844
50 851
51 889
52 954
27 10
33 236
34 293
39 482
40 496
43 631
45 697
47 776
49 846
51 899
27 28
31 164
33 244
35 324
36 360
39 474
40 524
45 688
47 765
48 799
27 34
40
509
47
767
47
765
41
44
560
665
VI
Kraszna-Krausz, A.: Film-
saison 1932/33 . . 31 171
Schone, leere Photo-
graphic 42 586
Filmpleiten 49 825
Krey, Franz: t)berschrift:
Putativ-Notwchr . . 38 444
Krleza, Miroslav: Das
Museum der russi-
s-chen Revolution . . 46 739
Kruijff, J. de: Ein Horer
in Holland .... 51 920
Kubra: Der entziickende
Mord 39 486
Kuh, Anton: Gustav Mey-
rink und das deutsche
Prag 51 903
Kurd, Michael: WTB re-
digiert die Wahrheit 36 345
Lasker-Schiiler, Else:
Ouverture . . . - 44 659
Lehfeldt, Hans: Arzte
auf der Buhne ... 37 404
Leonhard, Rudolf: Queen
Kelley ..... 50 877
Leu, Emmerich: Die
Drohung von Pir-
masens 35 333
Litten, Hans: Liebe Welt-
biihne! ..... 43 635
Notverordnung des
Kammergerichts . . 47 757
Lunz, Eduard: Kritik . . 28 59
Gebiihr rex 34 292
Mayer, M. : Im Hinter-
grunde: Flick ... 28 68
Mehring, Walter: pas
Bild 27 35
Chartrea 28 58
„M . . . pour la guerre!" 30 144
Riickkehr zur Lebens-
freude 33 234
Pazifismus — ein
schlechtes Geschaft . 35 330
Ein Satiriker ... 38 423
Kleines Lehrstiick der
Zensur 39 485
Das Rosenwunder von
Lisieux ..... 41 554
Oberdeutsche Dichtung 44 668
Der Prophet .... 45 701
Kille mit Schmus! . . 52 937
Menczer, Bela: Gombos
und Mussolini ... 47 755
Meyrink, Gustav: Eine
Montage aus seinen
Geschichten ... 50 876
Michel, Erna: Nach-
ahmung empfohlen . 43 634
Mintel, Elisabeth: Kiinst-
liche Defloration?
30
137
Sterbende Partei . .
44
653
Mouch, Paul : Der pazi-
fistische Stahlhelm .
37
404
Murner, Thomas: Der
Kaiser ging
27
17
O. B. Server ....
28
69
I. K
31
181
Otto StraBers „deut-
scher Sozialismus" .
' 33
230
Benito Ludovico . . .
36
356
Kamerad Lampel . .
38
425
Wenn Annette Kolb .
40
522
Der Jiinger ....
42
577
Zehrer und Fried . .
47
771
Natonek, Hans: Oester-
reich zieht in den
Krieg 31 165
Neumann, Erich Peter:
Fiinfundzwanzig gegen
Einen 41 559
SA manovriert ... 46 720
SA — kehrt marsch! . 52 932
Neumann, Robert: Zwei
Parodien 44 661
Nietzsche, Friedrich: Zum
31. Juli 30 146
Olden, Rudolf: Gargantua
in Hagen 29 84
Sondergerichte * . . . 33 222
Ossietzky , Carl v, : Rede
vor Gericht ... 27 8
Antisemiten . ... . 29' 88
Zu diesen Terroristen . 33 227
Erklarung 48 809
Riickkehr 52 925
Ofiwald, Fritz: Die Bett-
ler von Paris . . 36 372
Panter, Peter: Schnipsel .
29 98 32 205
Maienklang und die so-
ziologische Situation .
und Hasenclever, Wal-
ter (siehe Hasen-
clever)
Pax, Karl: Helden . .
Pick, Fritz: Den Kame-
raden
Pitcairn, Francis: Das
arme Amerika , .
Pohl, Gerhart: Der groBe
Brockhaus als Lite-
raturbetrachter . .
Pol, Charlotte: Wie ver-
bringt die Jugend ihre
freie Zeit? ....
27 21
36 358
28 56
51
922
30
144
51
892
32
202
40
522
VII
Pol, Heinz: Der Fall Renn
Polgar, Alfred: Von oben
Filmparadoxie . . .
Wunder um Verdun -
Theater
Paula Wessely aus
Wien .....
Wie leben die armen
Leute im Film? . .
Elisabeth Bergner . .
Sinn der Buchkritik
Horvath: „Kasimir und
Karoline" ....
Das Neue Paradies
Zu Joseph Roths ,,Ra-
detzkymarsch" . .
Quidde, Ludwig: Neue
Beleidigung der
Reichswehr . . .
Reimann, Hans: Die
Grenze
Reinach, Joseph: Boulan-
ger und Hitler . .
Reiner, K. L.: Das ver-
wirklichte Dritte
Reich
Zehn Jahre Mussolini .
Reisch, Ernst: Auf dem
Boden der Tatsachen
Rene, Peter: Untermieter
Resch, Johannes: ,,Wie
mans nicht machen
soil"
Rhedo: Patriotismus . .
Ringelnatz, Joachim: An
der StraBe vorm
„Grunen Baum" . .
Unterhaltungs-Fischer .
Roda, Roda: Der Para-
graph
Was wird aus Rottach?
Medizinisches . . .,
Rosendorff, Emil: Ein
Weltschlagerhonorar !
Rosenfeld, Kurt: Die
Lehren des Falles
Bullerjahn
Rutra, Arthur Ernst:
Wer schiitzt den Dra-
matiker? , , . .
Rude, Frith j of: Rede an
den brotlos werden-
den Mitmenschen
Shakespeare, William:
Poeta Propheta, . .
Shaw, Bernard: Zum
31. Juli
49
843
28
70
31
180
37
397
38
429
39
484
41
553
46
740
47
768
49
828
50
875
52 941
27 34
44
660
37
391
27
44
32
647
38
35
419
321
31
38
183
442
29
41
97
562
31
32
51
185
217
921
27 35
50
861
41
543
37
394
40
495
30
148
Slang: Alte Kameraden . 33 253
Sonderburg, F.: Marx hat
doch recht .... 46 717
Schiff, Fritz: Primitive
und sublimierte Ha-
kenkreuz-Aesthetik .
Schiff er, E. L.: Tod 1932.
Schiller, Norbert: Titel .
Bruder Chao-Kung
Schmit, Pierre: Ein Schla-
ger des Goethe jahres
Schnack, Anton: Madchen,
warum fahrst - du
nach Berlin? . .
Schnog, Karl: GroBer
Filmprospekt . .
Schroter, Erich: Ein Ar-
beitsvertrag aus dem
Dritten Reich . .
Schiicking, Lothar Engel
bert: Vom westfa
lischen Adel . .
Brief an Gumbel
Stapel, Bernhard: Kiinst-
liche Defloration .
Stefan, Wilhelm: Anti-
fascistische Agitation
auf dem Holzweg
Sternberg, Fritz: Der
Niedergang des Welt-
kapitalismus . .
Einheitsfront in der
Praxis . . , ,
Stossinger, Felix: AuJJen-
politik und Wahlen
Reinhardt, Hand weg!
Ein Nazi entdeckt
Frankreich . . .
Von Klemperer zui
Rosenkavalier
Prosperitys Untergang
Der Vorrang der Oper
Eine bunte Schiissel
Schallplatten . .
Tarn, Thomas: Nazis
koalitionsbereit?
Die Arbeiterklasse Ob-
jekt. der Regierung
Unsichtbare Arbeits
losigkeit . . .
Papen kann nicht zau-
bern
Des Kaisers neue Klei-
der
Krisenwende? . .
Tergit, Gabriele: Wafi-
mann . , . . .
39 470
35 332
32 217
45 700
31 174
34 283
28" 63
48 791
33
35
254
331
27
19
29
80
28
64
29
105
30
34
119
2S0
37
403
41
44
48
562
650
800
51 907
33 224
34 291
38 440
39 475
48 810
51 914
29 109
vin
Btirgerkriegsgericht . 36 362
Bettler 38 433
Die Kronzeugin . . 39 480
Freigesprochen . . . 41 540
Wo bleibt die Hoflich? 42 596
Landarbeiter ... 51 912
Deutsche Besprisornis. . 52 934
Timpe, Theodor: Das
Loch im Westen . . 43 625
Tischbein, Felix: Die
neuen Ideale ... 30 148
Toller, Ernst; Erwachtes
Ungarn 31 159
General und die Frauen 35 331
Trotzki, Leo; Das deut-
sche Ratsel . ... . 45 673
Unger, Emil; Fascistischer
Strafvollzug ... 40 520
Vegesack, Siegfried v.;
Die Toten halten still 44 652
Velde, Th. H, Van de:
Geburtenregelung
auch Mannessache .. 49 836
Viertel, Berthold: Jagd
auf Greta Garbo . . 52 943
Walter, Arnold; Der Fall
Schreker . . . . 45 685
, Kultus, Kunst und
Kestenberg ... 46 732
Oratorium heute , . 48 803
Walter, Hilde; „Dienst-
madchen" , ... 30 146
Juden beim Zentrum . 33 228
Glaube macht selig —
auch wenn es viel
Geld kostet ... 35 335
Auswiichse der Prosti-
tution 42 594
Reservations auch fiir
Anwalte? .... 50 883
Wangenheim, Gustav v.:
Familie . > , ■ . . . 44 656
Wehner, Carl: Gerechtig-
keit fiir einen Perser! 29 106
Weiskopf, F. C; Kurz-
bericht iiber RuBland-
biicher ..... 50 869
Westheim, Paul: Kurist
und Geldsack ... 30 370
Wiesel, Gerda: Die aus-
gebeutete Ehefrau . 44 665
Wolfradt, Willi: Der
Sprung ins Helle . . 37 392
Kunstbetrieb .... 45 682
Saturnalien der t)ber-
miidung 48 812
Zavrel, Lotte; Besuch bei
WeiBenberg ... 40 511
Zwehl, Hans v.: Berlin
liegt nicht in „Preu-
Ben" 34 277
Christus in der GroB-
stadt 37 385
Sachregister
Abel, Antwort an Wal-
ter — 49 846
1848, Volkslied aus dem
Jahre — ..... 43 619
Adcl, Vom westfalischen
— ....... 33 254
Agrarier und Oberagrarier 45 692
Agrarischer Standestaat,
Papens — .... 40 492
• Akademiker zum Fall
Gumbel 37 388
Akt, Ungarn ohne — . . 41 56<?
^Alt-Heidelberg" ... 44 654
Amerika, Das arme — 51 892
— , Krisenwende aus — ? 35 325
— nischen Provinz, Das
Gesicht der . . 43 612
Amnestie, Bayern, und
die — 52 960
Amok-Lauf 41 556
Amsterdam 36 349
Anhangewagen, Der — - 32 217
Ankurbelung .... 42 592
Antifascistische Agitation
auf dem Holzwetf . 29 80
AntikriegskongreB ... -36 349
Antisemiten 29 88
Antisoziales Wirtschafts-
programm .... 36 364
Anwalte, Reservations
auch fur — ? 50 883
Arbeiterklasse, Die —
Objekt der Regierung 34 291
Arbeitsdienst, Neues vom
— 46 743
Arbeitslositfkeit. Unsicht-
bare — 38 440
Arbeitsvertrag, Ein — aus
dem Dritten Reich . .48 791
Argutinskaja, L — ... 50 869
Armen Leute, Wie leben
aic im Film? . 41 553
Arnheim, Antwort an Ru-
dolf — 39 484
Atlantis, „Die Herrin
von — " 37 398
Auftakt 45 702
Ausgebeutete Ehefrau,
Die .... 44 665
Ausland, Das — schaltet
ab 47 760
Austausch 44 670
Auflenpolitik des Als ob
— und Wahlen . .
Arzte auf der Biihne . .
„ — im Kampf" ....
Bakterien, Gift, Brand, —
Ballerina, „Die — des
Konigs"
Baltikumer
Bankensanierung II . .
Barberina, Friedrich ver-
gewaltigt — . 41 548
Batismus
Batsch, Konteradmiral .
Bauer, Otto — . . . .
Bauhauses, Das Schicksal
Baumbach, Baron v. — .
Bayern und die Amnestie
Beer, Rudolf — . . .
Befahigungsnachweis . .
Belmond, Hans Heinz v. —
Berger,- Ludwig — . . .
Bergner, Elisabeth —
' 39 4&4
Berlin, Madchen, warum
fahrst du nach — ?
— liegt nicht in „Pr-eui3en'
Bernard, Reymond —
— , Tristan' — im Krieg
Bernd, „Rose — " . .
Berner, Die — ...
— , Noch einmal: Die —
Beruf, Der einzige freie —
Besprisornis, Deutsche —
Betteln und Hausieren
verboten! ....
Bettler
— , Die — von Paris .
Beumelburg, Werner —
Bild, Das — ...
— er, Zeichen und —
Bindernagel, Gertrud —
Blank, Herbert — . .
Blutbund Doppelkreuz
B 1 utschande, Thomas
Manns — , Rassen-
und Landesverrat .
^Blutstreif am Horizont
Bliiher, Hans — . -
Bonn, M, J. — . . .
Bonsels, Waldemar —
Borussiae, Finis — .
51 918
30 119
37 404
37 404
31 161
34 292
52 947
27 29
42 580
29 102
38 423
46 743
29 86
48 791
52 960
38 430
35 336
41 559
49 848
38 431
46 740
34 283
34 277
39 466
36 371
39 484
33 255
35 336
47 765
52 934
30 140
38 433
36 372
44 663
27 35
38 444
44 666
51 899
39 461
35 318
38 409
29 88
44 650
34 296
46 711
Boulanger und Hitler . 37 391
Bracht, Voa Stein zu Pa-
pen — . . .... 39 458
— als Dramaturg ... 38 427
— Erlafi 34 279
— exemplar, Brief an ein
— 35 324
— voile Reklame, Eine —
— 35 336
Brand, Gift, — , Bakterien 31 161
Braune Wolle , . . . 30 142
Brief an ein Bracht-
exemplar 35 324
— aus der Ferae ... 34 279
— nach driiben ... 36 372
Bringolf, Ernst — ... 27 24
Brockhaus, Der groBe —
al s Literaturbetrach-
ter 32 202
Brotlos werdenden Mit-
menschen, Rede an
den ... 37 394
Bruder, Die f eindlichen — 37 407
Briinings Zlukunftspolitik 29 75
Buchkritik 47 765
— ,Sinn der — ... 47 768
— und Tageszeitung . . 47 766
— ? Wirtschaft, Horatdon! 49 845
Budapest, Eben doch aus
— 32 216
Buller j ahn, Die Lehren
des Falles — ... 50 861
Buhn-e, Arzte auf der — 37 404
Biirgerkrieg, Zum deut-
schen — 46 723
— sgericht 36 362
Capek, Carel — ... 49 834
„ChampM 43 620
Chao-Kung, Bruder — . 45 700
Chaos 38 412
Chartres 28 58
Chief, Der — .... 28 52
China, Wer regiert in—? 52 929
Chlumberg, Hans — . . 37 397
Christus in der GroBstadt 37 385
— jugend marschiertl . . 40 524
Cohen-Portheira, Paul — 42 583
Cory don .50 885
Crede, Carl — .... 37 404
Czinner, Paul — ". . . 38 431
Dada aktuell .... 33 256
Damenclub, Deutscher —
en avant! .... 42 579
Das gibt es noch ... 50 887
Daubmann, Oskar — . 42 593
Dauefrkrise . . . . . 47 745
Defloration, Kiinstliche — 27 19
— , 7 30 137
Dementi 45 702
Dessau, Nazi-Reue iiber —
Deutsche Besprisornis
— Etat-„Sanierung" . .
— Kriegsgefangene, „Der
letzte *' . . .
— Lyrik
— Manneszucht ....
— Musikbiihne, Die
— Prag, Gustav Meyrink
und das ...
— Ratsel, Das — . — .
— n Biirgerkrieg, Zum — —
— r Damenclub en avant!
— r Sozialismus, Otto
StraBers „ — — " . .
-^s Theater 1932 . . .
Deutschland, Frankreich
sieht nach — ...
— , Spexrfeuer um —
— kreist sich aus . . .
— 1932 ......
: — zwischen Gestern und
Morgen
Dichtung, Oberdeutsche —
MDienstmadchen" . . .
Diktierte Verfassung .
Dinge, „Menschen und — "
Dinse, Robert — ...
Dissidenten, Diirfen —
Lehrer werden? . .
Dobbert, Gerhard —
Dobert, Eitel Wolf — .
Dramatiker, Wer schiitzt
den — ?
Dramaturg, Bracht als —
Dreh, Germanischer — .
Dritte Reich, Das ver-
wirklichte — — . .
— n — , Ein Arbeitsver-
trag aus dem — — .
Druckfehler, Der — bringt
es an den Tag . .
Driiben, Brief nach — . .
Duce, Re oder — ...
Dumm, Denn ihr seid —
Dynamik contra Vernunft
Eckhardt, Ferdinand — .
Ehefrau, Die ausgebeu-
tete —
Ehrhardt, Justus — . .
Eineiigen Zwillinge, Die
— — der Erb von
Schoenaich-Carolath .
Einen, Fiinfundzwanzig
gegen —
Einheit, Der Weg zur —
— sfront, Wer hemmt die
— ?
— sfront in der Praxis .
36
369
52
934
40
521
42
593
33
256
41
564
51
919
51
903
45
673
46
723
42
579
33
230
27
23
32
193
44
663
39
449
52
960
38
439
44
668
30
146
43
599
43
620
40
522
35
334
50
869
37
403
41
543
38
427
43
631
27 32
48 791
33
256
36
372
36
339
31
164
33
236
45
682
44
665
52
934
38 442
41 559
37 378
47 750
29 105
XI
Eiserne rote Front 27 13
Elbogen, Antwort an
Paul — 27 35
ElsaB, Das Gut im — . 43 632
tEngel unter uns" ... 50 872
Engels, Friedrich — . . 35 331
England, Religiose Sekten
in — 42 583
Enttauschung, Spaziergang
nach einer — ... 33 244
Erklarung . ..... 48 809
Erlost 35 336
Ernst im Spiel und Spiel
im — 38 431
Erotik erwunscht ... 30 148
Erziehungshaus, „Revolte
im — " . ...... 52 947
Es muB doch etwas dran
sein 27 34
Etat-„Sanierung",
Deutsche — .... 40 521
Europa, Worauf man in
— stolz ist .... 45 687
„ — AG." 36 354
Fachmann, Ein — ... 33 256
Fallada, Hans — ... 48 793
Falsch links. rechts 50 872
Familie 44 666
Farokhi, Mohamed — , .29 106
Fascismus, Der — . . 44 669
FascLstisicher Strafvoll-
zug 40 520
Feinde ringsum .... 44 641
Feindlichen Briider, Die
37 407
Felsen, Karl — .... 34 293
Feme, Brief aus der — . 34 279
Film, Wie Ieben die ar-
men Leute im — ? . . 41 553
— notizen 49 847
— paradoxie 31 180
— pleiten 49 825
— prospekt, GroBer — .28 63
— saison 1932/33 ... 31 171
— winter 39 465
Fins, Konstantin — . . 50 869
Fischer, Heinrich — , . 28 59
Fischer, Vom — und sei-
ner Frau 49 830
Fitzmaurice, George — . 38 432
Flick, Im Hintexgrunde; — 28 68
Floten und Trommeln . 28 42
Flucht in die Kulisse . 37 398
Ford, Weltretter oder
-verderber Henry — . 32 207
Frankreich, Ein Nazi ent-
deckt — 37 403
Frankreich sieht nach
Deutschland . . . . . 32 193
— zittert 46 738
— s, Kaiser Karl — Agent
— ? 50 857
Frauen, General und
die — 35 331
Freie Berufi, Der ein-
zige .... 47 765
Freigesprochen .... 41 540
Frenzel, H. K. — ... 51 909
Fried, Zehrer und — . . 47 771v
Friede, Ewiger — in
GansefiiBchen ... 40 498
Friedrich vergewaltigt
Barberina . . 41 548 42 580
Friedrichs, Antwort an
Fritz — ..... 31 183
Frommen, Die — ... 37 407
FuBangeln ...... 28 71
Fiihrer, Der — .... 30 134
Fiinfundzwanzig gegen
Einen 41 559
Garbo, Greta — ...
— , Jagd auf Greta —
Gargantua in Hagen
Gastfeindschaft ....
Gastrecht, Hausrecht
contra — ....
Gayl und Severing . .
GansefiiBchen, Ewiger
Friede in — ...
Geburtenregelung auch
Mannessache . . . .
— Mannessache! . . .
Gebiihr, Otto — . . .
— rex
Gedankenfreiheit, Sire,
geben Sie ja nicht — !
Gedichte, Zwei — . . .
Gefesselte Regierung . ,
Geistesfreiheit in Polen .
Geldsack, Kunst und — .
General am ReiBbrett
— und die Frauen . .
— s, Die Stirame des —
Gent, „Der Schmied von
Georg, Manfred — . .
Gereke und sein Plan .
Gergely, Alexander — .
Gerlach, Antwort an
Hellmut v, — 35 299
Germanischer Dreh . .
Geschichtsauffassung, Na-
tionalsozialistische — 51 899
Gewerkschaften, Die Krise
der — 38 435
38
431
52
943
29
s 84
45
689
37
406
42
567
40
498
49
836
48
805
34
292
34
292
44
670
31
176
27
1
27
33
36
370
42
570
35
331
51
889
45
685
31
181
50
879
36
372
36
373
43
602
43
631
XII
Gewissen, „Der Mann,
den sein — - trieb" . 47 763
Gide, Andre — . . . 50 885
Gieseking, Zschorlich hort
— 47 ' 780
Gift, , Brand, Baktericn . 31 161
Girl und Komsomolzin . 43 616
Gladkow, Fedor — . . 50 869
Glaube macht selig —
auch wenn es viel
Geld kostet .... 35 335
Glaeser, Ernst — 28 72 43 632
Gogh, Van — als Zeuge 43 623
Gold, Das — .... 33 245
Gontard, Paul v. — . . 47 778
Gottesdienst im Nazi-
paradies . , . . , . 32 214
Gombos und Mussolini . 47 755
Goethe zur Kapital-
flucht 35 336
— jahres, Ein Schlager
des — . ...*.. 31 174
Grabowsky, Adolf — .33 236
Grenze, Die — ... 44 660
Grofier Zeit, Aus — — 29 110
Grofistadt, Christ us in
der —......: 37 385
,,Griinen Baum", An der
StraBc vorm .29 97
Guerre, „M - . . pour
la — !M 30 144
Guilbeaux, Henri — . . 35 330
Gurabel, Akademiker zum
Fall — ..... 37 388
— , Schiicking an — . . 35 331
— urtd Ossietzky ... 38 446
Gustav Adolf .... 46 723
Gut, Teils — , teils
wichtig ..... 43 620
Giitljchen Einvernehmen,
Im ..... 39 463
Haas, Willy — .... 28 71
Haffner, Ernst — ... 52 934
Hagen, Gargantua in — . 29 84
Hajdu, Julius — ... 50 869
Hakenkreuz - Aesthetik,
Primitive und subli-
mierte — . . . . . 39 470
Halle, Fannina W. — . 50 869
Hamburger Schauspieler,
Kollektiv ... 43 634
Hari, „Mata — " ... 38 431
Hauptmann, Gerhart — 39 484
46 740
— , Die — Feierri ... 39 468
— publikum 1932 ... 46 731
Hausieren, Betteln und —
verboten! 30 140
Hausrecht contra Gast-
recht 37 406
Hay, Julius — . ... 50 875
Heinz, Friedrich Wilhelm
— 52 937
Heifien Tage, John dos
Passos und die — — 29 99
Helden 51 9(22
— pleite ...... 33 250
— schicksal, Ein — ... 28 72
Helle, Der Sprung ins — 37 392
Heller, Hermann — - . . 43 608
Herr, Der — in der
Kutsche 47 770
Herriots Mehrheit . . 45 696
Herz, Das — im Spiegel 27^ 28
Heuwagen, Der — ' . . . 30 148
Hiller, Kurt — . ... 37 392
Hilpert, Heinz — ... 50 875
Himmelreich, Das —
annonciert .... 46 734
Hindenburg, Sammlung -
fur — 51 895
— , Wenn — sturbe . , . . 34 259
Hitler, Boulanger und — 37 391
— , Talmudist — . . , 48 783
— als-Erzieher .... 30 126
— baut urn 39 455
— , Wozu braucht — FiiBe ? 45 702
— in Jerusalem ... 52 958
— , Wer betrugt . . . wenn
— regiert? .... 33 251
— s Angst vor der Macht 49 820
.— s Deutsch 40 500
— s sehr lange Nacht . 41 527
Hoffmann, Ludwig — ge-
storben 47 779
Holland, Ein Horerin— 51 920
Hollander, Antwort an
Walther v. — ... 49 836
Hoppla! oder Der kluge
Setzer 40 524
Horizont, Blutstreif am
— 38 409
Horvath: „Kasimir! und
Karoline" 49 828
Hotelsolo fur eine Man-
nerstimme 45 688
Hoyningen-Huene ... 51 909
Hoflich, Wo bleibt die
— ? 42 5%
Hofltchkeit, Zuviel — . 46 743
„H6lzerne Kreuze" . . 39 465
Horer, Ein — in Holland 51 920
Horspiel, Ein — ... 27 24
Hummel, Karl Ignaz — . 42 593
Humor der Woche . . 39 486
Hund, „Hier liegt der —
begraben" .... 43 620
Husson, „Le Rosier de
Mme — " .... 31 184
XIII
Ideale, Die neuen —
,,IdomeneoM . . -
IG-Farben-Diktatur
Iljin, M. — ...
Jerusalem, Hitler in —
Jugend bei uns und in
RuBland
— , Wie verbringt die
ihre freie Zeit?
Juden beim Zentrum ,
Juli, Der 13. — . . .
— , Die Zahlen vom 31. —
— , Zum 31. — . . .
Jus
Justi .... 29 108
Justiz, Ein guter Tag fur
die —
Jiinger, Der — ...
— , Ernst — ....
K.f I. —
Kahle, Antwort an H. G
Kaiser, Der — braucht
Soldaten ....
— , Der — ging
— s, Des — neue Kleider
Kameraden, Alte — .
— Den —
Kammergerichts, Notver
ordnung des — . .
Kapitalflucht, Goethe
zur —
Karezza, Was ist — ?
Karl, Kaiser Agent
Frankreichs? . .
Karoline, Horvath: „Kasi-
mir und — " . .
Karstadt, Hinter —
„Kasimir und Karoline"
Horvath:
Kastner, Schiller iiber —
Kelley, Queen — . .
Kempinski, die Geschichte
eines Restaurateurs!
Kestenberg, Kultus, Kunst
und — ....
Kille mit Schmus! . .
Kinderbucher ....
Kindheit, Tage der —
Kisch, Egon Erwin —
Klagges, Professoren-Auf
ruhr gegen — . .
Kleider, Des Kaisers
neue — ....
Kleineres t)bel, Noch
mals — — ? . .
Klemperer, Von — zum
Rosenkavalier . .
Knipsen, Kurbeln, und —
30 147
48 800
43 629
50 869
52 958
30 131
40
522
33
228
28
47
32
199
30
148
43
599
39
470
27
5
42
577
42
577
31 181
39 463
30 148
27 17
48 810
33 253
30 144
47 757
35 336
41 561
50 857
49 828
31 176
49 828
48 7%
50 877
44 661
46 732
52 937
49 839
34 295
50 869
51 896
48 810
34 262
41 562
51 909
Koalitionsbereit, Nazis
— ? 33 224
Kohn, Hans — .... 50 869
Kolb, Wenn Annette — 40 522
Kolbenheyer, Erwin
Guido — ..... 32 216
Kollektiv Hamburger
Schauspieler .... 43 634
Kolumbus, Christoph — : . 40 506
Kompagnie, Die Mutter
der — 27 36
Komsomolzin, Girl und — 43 616
Konkordatsstreit, Nur ein *
— ? 49 823
Konsumgenossenschaften
in Not 34 287
KPD, Die russischen Aus-
schliisse und die — . 43 604
— , Mein Ausschlufi aus
der — 34 274
Kreuger, Ivar — ... 31 181
Krieg, Der — .... 31 180
— , Oesterreich zieht in
den — 31 165
— , Tristan Bernard im — 36 371
— sgefangene, „Der letzte
deutsche — " ... 42 593
— skind 40 505
Krisenwende? .... 51 914
— aus Amerika? ... 35 325
Kritik : 28 59
— , Unter aller — ! . . 47 765
— der Literaturkritik . 47 767
Kronzeugin, Die — . . 39 480
Kubikkilometer, Ein —
geniigt 39 474
Kulisse, Flucht in die — 37 398
Kultus, Kunst und Kesten-
berg 46 732
Kunst und Geldsack . . 36 370
— , Kultus, — und Kesten-
berg 46 732
— betrieb 45 682
Kurbeln und Knipsen . 51 909
Kurbelt an, Er . 44 670
Kurzwaren 33 243
Kutsche, Der Herr in
der — 47 770
Kiinstliche Defloration . 27 19
? 30 137
Lahusen 30 142
Lamm, Albert — ... 52 934
Lampel, Kamerad — . .38 425
— , Peter Martin— 38 425 52 947
Landarbeitetr 51 912
Landesverrat, Thomas
Mann Blutschande,
Rass'en- und — . . 35 318
XIV
Landwirtschaft, Tribute
an die —
Langer, Frantisek —
Lara
Lausanne, Papens Wahl-
politik in — . . . .
— , Ruckblick auf — . -
Lebensfreude, Riickkehr
zur —
Lehrer, Diirfen Dissiden-
ten — werden? . .
Lehrmeister Reaktion
Lehrstiick, Kleines — der
Zensur .
Liebe als Sommergeschaft
— sparade, Prager —
Linke, Die — hat Schuld
— Leute von rechts . .
— n, Marschroute der — .
— n, Papen hilft der — .
Links, Falsch falsch
rechts
— ruck, Oberall — . .
Lisieux, Das Ros-enwun-
der von — ....
Literaturbetrachter, Der
grofie Brockhaus als —
Literaturkritik, Kritik
der —
Litten, Pladoyer fur — .
Lofting, Hugh — . . .
Lohnraub, Streik gegen —
Lubitsch, Ernst — , ,
Ludovico, Benito — . -
Ludwig, Emil — 36 356
„Lukaspassion" ....
Lyrik, Deutsche — . .
„M . . . pour la guerre!"
Macht, Die — ....
— , Hitlers Angst vor der
40
515
50
872
52
955
28
39
29
78
33
234
35
334
32
1%
39
485
29
110
28
69
45
697
31
153
46
705
30
113
50
872
40
489
41 554
32 202
-fragen, Rechtsfragen
Maienklang und die so-
ziologische Situation .
Mamoulian, Roiiben — .
Mann, ,,Der — , den sein
Gewissen trieb" . .
— , Der — , der verzeiht . . .
— essache, Geburtenrege-
lung auch — ....
— essache, Geburtenrege-
lung — I .....
— eszucht, Deutsche — .
Mann, Heinrich — . .
— s, Thomas — Blut-
schande, Rassen- und
Landesverrat ....
47
767
35
314
49
834
40
496
47
763
36
356
44
661
48
803
33
256
30
144
45
698
49
820
35
299
28
56
43
620
47
763
32
206
49
836
48
805
41
564
44
666
35 318
Mariauxnetten des Rund-
funks ....'., 46 728
Marine, Unsre ■ — ... 31 185
Marschroute der Linken 46 705
Martin, Karl Heinz — . 37 397
Marx hat doch recht . 46 717
Materialismus, Zur Offen-
sive gegen den — . 43 608
Materialistisches Ragout 39 482
Madchen, Vierzehnjahri-
ges — 31 176
— , warum fahrst du nach
Berlin? 34 283
Mannerstimme, Hotelsolo
fur eine — .... 45 688
Matzchen, Kleinliche — 29 108
Medizinischesi , ... 51 921
Mehnert, Klaus — . . 30 131
Meisteressays . , , . 44 666
Mendelssohn, Francesco
v. — ...... 49 828
Mensch, Der — ohne
Namen 28 61
„— en und Dinge" . . 43 620
Mertens, Carl — . , . 43 630
Meyrink, Gustav — ' t ■ 50 876
— ,' Gustav — und das
deutsche Prag ... 51 903
Mickiewicz, Adam — . 52 957
Militarherrschaft ... 49 817
Milizlegende, Die — . . 47 748
Miltenberg, Wedgand
v. — 51 899
Monarchic, Renaissance
der — . • 42 591
„Moral" 38 427
Mord, Der entziickende — 39 486
Moritz, Die Soziologie
des kleinen — ... 38 446
Mozart, Wolfgang Ama-
daus — 48 800
Museum, Das — der rus-
sischen Revolution . 46 739
Musikbiihne, Die deutsche
— 51 919
36 356
47 755
44 647
Mussolini, Benito — . ■
— , Gombos und — . .
— . Zehn Jahre — ...
Mutter der Kompagnie,
Die ...
Muthel, Lothar — . .
27 36
38 430
Nachahmung empfohlen . 43 634
Nachruf, Der — der Na-
zis 36 373
Nacht, ,.Ich bei Tag und
du bei — " .... 49 847
Nationalisierte Wissen-
schaft 52 957
Nationalistische Splitter 50 865
XV
Nationalsozialistische Ge-
schichtsauffassung , . 51 899
— n Erfolges, Ober die
Ursachen des — — .34 270
35 309
Nazi, Ein — entdeckt
Frankreich .... 37 403
— paradies, Gottesdienst
im — 32 214
— Reue uber Dessau . 36 369
— s, Der Nachruf der — . 36 373
— s, Spaltungstendenzen
bei den — .... 37 381
—3, Weihnachts-tips fur — 51 902
— s, Zu diesen — ... 33 248
— s koalitionsbereit? . 33 ,224
NeudeckerLuft, Die 52 926
Neumann, Robert — .45 698-
1932, Deutsches Theater
— 27 23
->-, Deutschland — . . 52 960
— , Hauptmannpublikum
— 46 731
_ Tod — . . . . . . 35 332
— /33, Filmsaison — . . 31 171
Neuraths vierte Nieder-
lage 41 530
Nicht mehr z. K. . . . 44 669
Niedergang, der — des
Weltkapitali&mus . . 28 64
„Northcliffe-Tagebuch" . 28 52
Notverordnung, Zu die-
ser — 41 564
— des Kammergerichts . 47 757
November, Termin: 6. — 34 266
Oben, Von — .... 28 70
Oberreichsanwalt, Offe-.
ner Brief an den — 34 293
Ohnmachtige Zwie-
gesprach, Das — — .
Olden, Rudolf — . . .
- Oper, Der Vorrang der —
— und Oratorium . .
Oratorium, Oper und — .
— heute
Orff, Carl — . . . .
Ossietzky, Carl v. — 27 5
— , 33 000 fur Carl v. —
— , Gumbel und — ...
— , Lieber Herr von — .
— spricht
Ostpreufiisches . ' . . .
Oswald, Richard — . .
Ouvertiire
Ouvrard, Die Geschafte
des Herrn — ... 42 574
Offentlichen Wirtschaft,
Ruckkehr zur . 42 588
Oel, Rapprochement in — 47 763
Osterreich zieht in den
Krieg 31 165
36
360
41
561
48
8O0
48
8O0
48
800
48
803
48
803
47
116-
27
10
38
446
40
5lT
27
8
49
844
37
398
44
659
Pabst, G. W. — .
Palucca . - . .
Papen, Bleibt — ?
— , Epilog auf —
— , Herr yon — .
— auf dem Riistungspfad
— hilft der Lin ken . ,
■ — kann nicht, zaubern
— , Von Stein zu —
-Bracht
— s agrarischer Stande-
staat
■ — s Chance . . . . .
— s Gewinn- und Verlust-
rechnung
— s Sundenregister . .
— s Wahlpolitik in Lau-
Paradies, Das Neue — .
Paragraph, Der — . .
Paris, Die Bettler von —
Parodien, Zwei — ...
Partei, Sterbende — , .
Passos, John dos — und
die heifien Tage . .
Patriotismus
Pazifismus — ein schlech-
tes Geschaft ....
Pazifistische Stahlhelm,
Der ....
Paetel, K. O. — 31 153
Peinlich, Sehr — ...
Penne, Die — ubertrumpft
Perser, Gerechtigkeit fur
einen — !
Peru, Der Terror in —
Photographien, Schdne,
leere — ■
Pietat
Pirmasens, Die Drohung
von —
Plivier, Theodor — . .
Poeta Propheta . . .
Polen, Geistesfreiheit in
Politik
— , Der Primaner und die
— , Professoren in der —
— und Theater . . .
Politischer Treibstoff
Prag, Gustav Meyrink und
das deutsche — . .
— er Liebesparade . . ,
Praxis, Tagliche — . .
Preisfrage . ...'■..
37 398
50 886
46 708
47 780
27 4
35 303
30 113
39 475
39 458
40 492
41 534
44 644
32 187
28 39
50 875
31 185
36 372
44 661
47 653
29 99
38 442
35 330
37 404
40 498
35 336
40 524
29 106
32 213
42 586
28 72
35 333
27 17
40 495
27 33
43 602
40 500
49 840
49 828
46 735
51 903
28 69
40 524
41 564
XVI
,,PreuI3en'\ Berlin liegt
nicht in — . ... 34 277
Primaner, Der — urid die
Politik 40 502
Produktion, Entthronung
der — . , . .' ... . 31 166
Professoren in der Poli-
tik 49 840
Aufruhr gegenKlagges 51 896
Prophet, Der — ... 45 701
—a, Poeta — 40 495
Prosperitys Untergang . 44 650
Prostitution, Auswiichse
der — 42 594
Protest gegen die beab-
sichtigte Wiedereinfiih-
rung der allgemei-
nen Wehrpflicht . . 46 742
Provinz, Das Gesicht der
amerikanischen —- . 43 612
Putativ-Notwehr, t)ber-
schrift; — .... 38 444
Queen Keiley .... 50 877
,tRadetzkymarsch", Zu
Joseph Roths — . .
Rapprochement in Oel
Rassen-, Thomas Manns
Blutschande, — und
Landesverrat . . .
Rae, G. —
Ratsel, Das deutsche — .
Re oder Duce , .
Reaktion, Lehrmeister —
— , Zuj dieser — ....
Rechts, Falsch links —
falsch —
— , Linke Leute von — .
Rechtsfragen — Macht-
fragen
Rede an den brotlos wer-
denden Mitmen&chen .
Referenzen
Regierung, Gefesselte —
— , Der — ins. Stammbuch
Rehfisch, H. J. — . .
Reichstag, Der neue — .
Reichsverfassung, Die —
bricht sich selbst . .
Reichswehr, Neue Beleidi-
gung der — ....
Reinhardt, Gottfried — .
— , Hand weg! ....
Reisebekanntschaft, Die —
Reklame, Eine bracht-
volle —
Rekurs an das Staats-
ministerium ....
52
941
47
763
35
318
49
834
45
673
36
339
32
196
27
30
50
872
31
153
36
299
37
394
37
407
27
1
39
466
35
336
45
671
38
415
27
34
36
354
34
280
29
101
35
336
41
537
Religiose Sekten in Eng-
land 42 583
Remmele, Hermann — . 50 869
Renn, Der Fall — ... 49 843
Restaurateurs, Kemphxskif
die Geschichte eines
— 44 661
Revision, , Eine verworfene
— 47 776
— ismus, Schiefer — . . 28 50
,,Revolte im Erziehungs-
haus" ...... 52 947
Revolution, Das Museum
der russischen — , . 46 739
Rewald, Ruth — ... 49 834
Richthofen, Hartmann
Freiherr v. — ... 28 68
Romans, Die ,,Aufl6sung"
des — 40 509
Romanze! vom Stehkragen-
proleten ..... 48 793
Roosevelts Dilemma . . 46 714
Rosenkavalier, Von Klem-
perer zum — ... 41 562
Rosenwunder, Das — von
Lisieux 41 554
Rosier, ,,Le — de Mme
Husson" ..... 31 184
Rote Front, Eiserne 27 13
— Wirtschaft, „Die —
— " 50 869
Roths, Zu Joseph — „Ra-
detzkymarsch" . . . 52 941
Rottach, Was wird aus — ? 32 217
Ruhm, Chanson vom — . 40 514
Rundhinks, Mariauxnetten
des — 46 728
Russische Niete, Die 50 854
— n Ausschliisse, Die —
— und die KPD . . 43 604
— n Revolution, Das Mu-
seum der , . . 46 739
Rutland, Jugend bei uns
und in — .... 30 131
— biicher, Kurzbericht
iiber — 50 869
Ruckkehr ....... 52 925
Rustungspfad, Papen auf
dem — .... 35 303
SA — kehrt marsch! . . 52 932
— manovriert .... 46 720
Saargebiet, 1st das —
deutsch? .... 48 811
Sanssouci, „Die Tanzerin
von — " . . 41 548 42 580
Satiriker, Ein — ... 38 423
Saturnalien der Uber-
miidung • 48 812
Sauerland, Kurt — ... 39 482
XVII
Sabel, Der — . . . .
SDS
Sechstagerennen , .
Seelsorge vom Taxi aus
Sekten, Religiose — in
England ....
Seldte, Franz — . .
Server, O. B. — . .
Setzer, Hoppla! oder Der
kluge — ....
Seufzer von unten . .
Severing, Gayl und —
Shakespeare, William
Siemsen, Anna —
Simultanfilm ....
Sire, geben Sie ja nicht
Gedankenfreiheit!
Slang, Erinnerung an -
Soldaten, Der Kaiser
braucht — . . ,
— , Wenn die — ...
Sommergeschaft, Liebe als
Sondergerichte . . .
Sonntag nachmittag
Sowjet-Union, Theater in
der — . . 33 240
Sozialismus, Otto Strafiers
„deutscher — "
Sozialist Schleicher
Soziologie, Die — desi
kleinen Moritz . .
Soziologische Situation,
Maienklang und die —
Spaltungstendenzen bei
den Nazis . .
Spaziergang nach einer
Enttauschung
SPD, Der Volksentscheid
der —
Sperrfeuer urn Deutsch
land
Spiegel, Das Herz im —
Spiel, Ernst im — und —
im Ernst ....
Syphilis-Autarkie . .
Syrup, Der soziale — .
Schacht, Die Grundsatze
des Doktor — . . .
Schallplatten, Eine bunte
Schiissel — ...
!(Schicksal nach Wunsch
Schiefer Revisionismus
Schiff, Julius — . .
Schiffer, Marcellus —
Schiller iiber Kiistner .
50 851
38 439
47 777
31 184
42 583
30 144
28 69
40 524
33 256
42 567
38 130
38 439
52 i955
44 670
34 294
30 148
39 481
29 110
33 232
32 215
34 284
33 230
35 306
38 446
28
56
37
381
33
244
39
452
44
27
663
28
38
45
52
431
702
949
32 213
. 51
907
' 38
429
. 28
50
. 31
174
. 35
332
. 48
7%
Schillings, ..Gabriel —
Flucht" 46 740
Schleicher 42 570
— , Sozialist — , ... 35 306
— und sein Stahlhelm . 36. 342
-ns Ultimatum .... 37 375
„SchloB im Mond" ... 43 620
Schmied, „Der — von
Gent" 45 685
Schmus, Kille mit — ! . . 52 937
Schnipsel 27 21 29 98 32 205
36 358
Scholz, Die Rute des
Herrn — 41 564
— , Doktor — funkt da-
zwischen 36 351
Schoenaich- Carol ath, Die
eineiigen Zwillinge der
Erb von — .... 38 442
Schreker, Der Fall — . 45 685
Schultze-Naumburg, Paul
— 39 470
Schiicking an Gumbel • 35 331
Schwule Luft .... 40 5i24
Staat und Wirtschaft,
Trennung von 31 177
— liches" OberschuBunter-
nehmen, Ein * *
— smannisicher Wahlkampf
— sministerium, Rekurs an
das —
— spartei
— sstreiches, Geschichte
eines —
Stahlhelm, Der pazi-
fistische — ....
— , Schleicher und sein —
Stalin und Trotzki . . .
Stammbuch, Der Regie ■
rung ins — . - . .
Stapel, Antwort an Bern-
hard —
— Wilhelm — . 29 88
Standestaat, Papens agra-
rischer — ....
Stehgeigers Leiden . . .
Stehkragenproleten, Ro-
manze vom — ...
Stein, Von — zu Papen-
Bracht
Stellungslosenpoesie
Stepun, Fedor — ...
Sterbende Partei . . .
Sternberg, Fritz — * ,
■ — , Josef v, — ....
Stolz, Worauf man in
Europa — ist . , , 45 687
52
953
44
637
41
537
44
653
30
122
37
404
36
342
48
786
39
486
30
137
38
446
43
631
40
492
48
799
48
793
39
45S
33
239
51
909
44
653
46
717
49
847
XVIII
Strafvollzug, Fascistischer
Strasser, Alex — . .
StraBers, Otto — „deut-
scher Sozialismus"
StrauB, Richard — . .
Streik gegen Lohnraub
— bremse, Die — versagt
— welle, Die — , ...
Strohheim, Erich v. -\
Studentenprinzen . ,
Stiller, A. — . . . .
40
521
51
909
33
230
41
562
40
496
46
741
45
678
50
877
44
654
51
909
Tag, „Ich bei — und du
bei Nacht" .... 49 847
— eszeitung, Buchkritik
und — 47 766
Talmudist Hitler ... 48 783
Taraszkiewics, Bronis-
law —...... 52 954
Tatsachen, Auf dem Bo-
den der — ... . 38 419
Taxi, Seelsorge vom —
aus 31 184
Tagliche Praxis .... 40 524
Terrain: 6. November . . 34 266
Terroristen, Zu diesen — 33 227
Theater ...... 38 429
— Politik und — ... 49 828
— in der Sowjet-Union 33 240
34 284
— Deutsches — 1932 . 27 23
— s, Harakiri des — ? , 36 354
Thoma, Ludwig — . . , 38 427
Titel 32 217
Tod 1932 35 332
Toten, Die — halten still 44 662
Tragik, Auch eine — .39 485
Tragischen, Vom — . . 41 551
Traumende Mund, „Der
"
38
431
Trebitseh-Lincoln 45 700
45
701
Treibstoff, Politischer —
46
735
Treppenwitz, Unheim-
licher — .....
52
946
Tretjakow, Serge j — ,
50
869
Trommeln, Floten und —
28
42
Trotzki, Stalin und —
48
786
Tugendkonig, ,,Der — "
31
184
Ucicky
28
61
Ungarn, Erwachtes — .
31
159
— ohne Akt ....
41
560
,,Unheimliche Geschich-
ten"
37
398
— r Treppenwitz . .
52
946
Uniform, Die — ...
44
665
Unmodern, Schon wieder
— ?
51
922
Unterhaltungs-Fischer . 41 562
Untermieter 35 321
libel, Nochmals kleineres
— ? . . 34 262
Oberdeutsche Dichtung . 44 668
Ubermiidung, Saturnalien
der — 48. 812
OberschuSunternehmen,
Ein staatliches — . . 52 953
„Vaterlandische Ver-
bande"
Venus, „Die blonde ■ — " .
Verdun, Wunder um — .
Verfassung, Diktierte —
— sfeier — Leichenfeier .
Verhexte Stunde, „Die —
Vernunft, Dynamik contra
43 630
49 847
37 397
43 599
33 219
27 24
33 235
Verworfene Revision,
Eine — — ....
47
776
Victor, Walther — . .
35
331
Vidor, King — ....
43
620
Vierzehnjahriges Mad-
chen
31
176
Volksentscheid, Der —
der SPD
39
452
Volkslied, Neues — . .
40
524
— aus dem Jahre) 1848 .
43
619
Wagemann, Ernst — . . 49 840
Wahlbilanz 31 151
Wahlen, AuBenpolitik
und — .30 119
Wahl-Interviews ... 32 190
Wahlkampf, Staatsmanni-
scher — 44 637
Wangenhexm, Gustav v. — 43 620
Ware, Nur Wirtschaft?
Nur — ? 49 846
Warmbold 49 840
„Was Ihr wollt" .... 38 430
WaBmann 29 109
Wechmar, Freiherr v. — 37 404
Weg damit 43 635
Wehrpflicht, Protest gegen
die beabsichtigte Wie-
dereinfuhrung der all-
gemeinen — .... 46 742
Weihnachtstips fur Nazis 51 902
Weiskopf, F. C. — . . 50 869
WeiBenberg, Besuch bei
— ....... 40 511
Weifirusse, Ein — ... 52 954
Welsches Vorbild . . . 38 446
Weltkapitalismus, Der
Niedergang des — . . 28 64
Weltkrieg, Kleine Ge-
schichten aus dem — 33 255
XIX
"Weltschlagerhonorar, Ein
— [
^'enn das nicht hilft! ,
— irgendeiner plotzlich
stirbt . . . . . .
■fi — schon ..." , . -
Wessely, Paula — aus
Wien .....
Westen, Das Loch im"-
Westfalischen Adel, Vom
Weyrauch, Wolfgang —
Wichtig, Teils gut, teils —
Wie mans nicht machen
soil
Wilhelm II. ein Jude?
Windischgratz, Furst —
Winsloe, Christa — .
Wirtschaft, Riickkehr zur
offentlichen — . .
— , Trennung von Staat
und — * . - . .
— , Buchkritik? — Ho
ratio! . .
— , Nur — ? Nur Ware?
— sprogramm, Antisoziales
27
35
51
922
37
401
47
778
39
484
43
625
33
254
28
71
43
620
30
143
31
183
52
960
39
461
38
429
42
588
31
177
49
845
49
846
36 364
Wissenschaft, Nationali-
sierte — 52 957
Woker, Gertrud — ... 31 161
Wolff, Otto — .... 42 574
WTB redigiert dieWahr-
heit 36 345
Wunder um Verdun . . 37 397
Wurzelschlager, Der — . 28 72
„X = 5.30" ..... 37 404
Zehn Jahre Mussolini . . 44 647
Zehrer und Fried . . . 47 771
Zeichen und Bilder . . 38 444
Zeltner, Waldemar — . 28 50
Zensur, Kleines Lehrstiick
der — 39 . 485
Zentrum, Juden beim — 33 228
— Und das — ? . . . . 30 116
Zischka, Schon wieder
Herr — ! 48 813
Z. K„ Nicht mehr — . . 44 669
Zschorlich hort Gieseking 47 780
Zwiegesprach, Das ohn-
machtige — .... 36 360
Zwillinge, Die eineiigen
— : der Erb von Schoen-
aich-Carolath ... 38 442
XXVIH, Jahrgang 5. Juli 1632 Nummer 27
Gefesselte Regierung vonneumutv. tfetiach
A/or ein paar Wochen war es, in ciner groBen Provinzialstadt
PreuBens. Nach dem Diner saBen die Herren zusammen
im politischen Gesprach, lauter bessere Leute, Deutschnatio-
nale oder so ahnlich. Nur ein Jude war unter ihnen, noch vor
kurzem sehr reich und darum selbst fiir diesen exklusiven
Kreis gesellschaftsfahig. Die deutschnationalen Herren hatten
samtlich starke Bedenken gegen die Regierung Papen, natiir-
lich nicht gegen ihre Gesinnung, aber gegen ihre Fahigkeiten.
Der jiidische Exmillionar war der Einzige, der Papen ver-
leidigte: ,,Was wollen Sie, meine Herren, der Mann ist doch
der letzte Schutzwall gegen den Bolschewismus."
Diesem Papenfreund hatte ich gewiinscht, am 29, Juni in
dem Zuge der U-Bahn zu sitzen, der um Mitternacht Bahnhof
Nollendorfplatz einlief, Wagen fiir Wagen bis auf den letzten
Stehplatz1 mit jugendlichen Hakenkreuzlern gefiillt, die, offen-
bar stark alkoholisiert, mit hervorquellenden Augen ununter-
brochen briillten: „Juda verrecke! Juda verrecke!'* Ein paar
gewohnliche Sterbliche, die keine Fahrkarte ins Dritte Reich
gelost hatten, saBen mitten zwischen den Horden. Ware einer
dieser Sterblichen Freiherr von Gayl gewesen, waren ihm viel-
leicht doch Bedenken iiber die Auswirkungen seiner Nazipoli-
tik gekommen.
Sofort als die Regierung Papen-Schleicher ernannt worden
Avar, wurde sie an dieser Stelle als gleich katastrophal in in-
nen- wie auBenpolitischer Beziehung bezeichnet<
Zu den Zeiten des Kaisertums gab es einen Augenblick,
wo man von der Reichsverdrossenheit der Siiddeutschen sprach.
Fiir das, was die Regierung Papen-Schleicher in den weni-
gen Wochen ihrer Existenz in Siiddeutschland erzeugt hat, ist
der Ausdruck ,, Reichsverdrossenheit" ganz unangemessen. Ge-
wiBt verdrossen ist man, mehr als das, verargert, miBtrauisch,
beunruhigt gegeniiber dem, was aus Berlin von den Herren
ohne Volk diktiert wird. Aber zum Reich steht man in unver-
briichlicher Treue, Man sieht nur schwerste Gefahren iiber
das Reich heraufziehen, wehn ihm weiter ein ostelbischer Kurs
aufgezwungen werden soil
Man fiigt sich auch der neuesten Notverordnung, obwohl
sie den Siiddeutschen ihren Ordnungskurs auBerordentlich er-
schwert. Steht es doch so, daB sie, wie das halbamtliche Or-
gan der bayrischen Regierung feststellt, „sich in der Haupt-
sache gegen die Lander richtet, in denen die blutigen Krawalle
nicht vorgekommen sind, unter denen seit langem das ganze
norddeutsche Reichsgebiet leidet". Man warnt:
Um im Rahmeri des Moglichen wenigstens vom bayerischen Staats-
^ebiet die Krawallpolitik der Strafie einigermafien fernzuhalten, er-
wachst nun fiir die bayerischen verantwortlichen Stellen die selbst-
verstandliche Pflicht, die Bestimmungen dieser Notverordnung, so-
lange sie nicht zu beseitigen ist, so auszuschopfen, daB die Staats-
autoritat nicht noch weiteren Schaden leidet als den, der ihr von
oben her schon zugefiigt worden ist. Das tun, ist keine Bekundung
einer Obstruktion, des passiven Widerstandes oder sonst einer Oppo-
1 1
sitionsstellung gegen das Reich. Das ist einzig eine aus den kornmen-
den Zustanden ganz von selbst erwachsende Separation der Ordnung-
liebenden, fur die auch das Reichskabinett von Papen Bayern nocb
Dank wissen wird.
Konfliktc von uniibcrschbarer Konsequenz kiinden sich an:
Die neue Notverordnung verfiigt:
I. Allgemeine Dcmonstrationsvcrbotc treten auBer Kraft,
IL Die Landesbehorden konnen in Einzelfallen Verbote ver-
anlassen.
III. Hat der Reichsinnenminister gegen ein solches Verbot
Bedenken, ka-nn'er dieLandesbehorde um Aufhebung ersuchen.
IV. Entspricht die Landesbehorde diesem Ersuchen nichtr
so kann er das Verbot aufheben.
Was ist der langen Rede kurzer Sinn? Freiherr von Gayf
wird in Demonstrationssachen Polizeidiktator iiber ganz
Deutschland.
Freiherr von Gayl ist stockreaktionar, aber immerhin der
beste politische Kopf im Kabinett. Wenn ein Mann mit Ur-
teilsvermogen wie er die Dinge in Suddeutschland auf die
Spitze treibt, die juristische Verantwortung fur die Obertra*
gung der norddeutschen Unordnungszustande auf Suddeutsch-
land ubernimmt, das Verbot der fiihrenden Blatter der beiden
groBten Oppositionsparteien (,Vorwarts* und ,Kolnische Volks-
zeitung') forderi, der SA in einer Weise die StraBe freigibt,
daB sie heute kein ordentlicher Familienvater mehr zu betreten
wagt, wenn er sich nicht im Besitz einer Lebensversicherung
befindet, so fragt man sich, was ihn dazu veranlaBte.
Die Antwort hat Ministerprasiderit Doktor Bolz, ein sehr
weit rechtsstehender Zentrumsmann, im wurttembergischen
Landtag gegeben, als er erklarte, „man habe den Eindruck
gehabt, daB die Reichsregierung Bedingungen eingegangen sei,.
die man der wurttembergischen Regierung auf schriftliche An-
frage nicht habe mitteilen wollen".
Sehr begreiflich! Man genierte sich, weil man sich zu
genieren alien Grund hatte. Die Geheimdiplomatie des Kaiser-
reichs ist abgelost worden durch die innere Geheimpolitik der
sozusagen republikanischen Regierung Papen-Schleicher.
Die Geheimakten aus der Kriegs- uhd Vorkriegszeit sind
veroffentlicht worden. Wann werden die Geheimakten iiber
den Vertrag veroffentlicht werden, den Hitler oder seine Be-
auftragten mit den Herren von Papen und von Schleicher oder
ihren Vertrauensmannern abgeschlossen haben?
DaB eine Abmachung vorliegt, hat ein Mann von dem
amtlichen Gewicht des Ministerprasidenten Bclz erklart. Lage
sie nicht vor, hatte die Reichsregierung auf die schriftliche An-
frage aus Stuttgart nur zu erwidern brauchen, daB sie keine
Bedingungen eingegangen sei.
Die Bedingungen, die Hitler eingegangen ist, sind unge-
fa.hr bekannt. In dem vertraulichen Rundschreiben des Reichs-
propagandaleiters der NSDAP Doktor Goebbels hieB es:
Jede Diskussion iiber das Kabinett von Papen hat seitens aller
Parteistellen in diesem Wahlkampf zu unterbleiben, um jedem der-
artigen Versuch unsrer Gegner von vornherein die Spitze abzubrechen.
Die Verpflichtungen der Reichsregierung Herrn Hitler
gegenuber sind unbekannt. Ausdriicklich hat sie sich gewei-
gert, sie nach Stuttgart mitzuteilen.
Die Auswirkungen der Verpflichtungen sieht man. Sic
sprechen dafiir, daB die Verpflichtungen sehr schwerer und
unerbittlich bindender Natur sind.
Unsre innern Zustande sind katastrophal. Mit jedem Tage,
der uns dem Wahltermin naher riickt, werden sie katastro-
phaler werden. Mit einer gewissen hochmiitigen Verachtung
sprach man vor dem Kriege bei uns von den nblutigen" Wah-
len in Galizien und Ungarn. Die blutigen Opfer, die schon
bis jetzt der deutsche Wahlkampf infolge der Freilassung der
SA gefordert hat, iibersteigen die gesamte Verlustliste irgend
eines Wahlkampfes in irgend einem ostlichen Lande.
Und wie steht es auBenpolitisch? Sind da wenigstens
Kompensationen gegenuber den innern Niederlagen erreicht
worden? Ich hoffe, daB es gestattet ist, in diesem Zusammen-
hang wenigstens den Herrn von Papen sonst so unlieb gewor-
denen Ausdruck ,,Kompensationen" ohne uble Folgen ge-
brauchen zu konnen.
Herr von Papen hatte es unvergleichlich leichter in Lausanne,
als es jemals Briining bei seinen Verhandlungen mit Frankreich
gehabt hat. Sein Gegenspieler ist nicht Laval sondern Herriot.
Laval war Nationalist und stiitzte sich auf eine nationalistische
Kammermehrheit. Herriot ist Pazifist und hat die bei den letz-
ten Wahlen siegreiche Linksmehrheit hinter sich. Niemals wird
ein deutscher Kanzler mit einer bessern franzosischen Mehrheit
und mit einem friedenswilligern Ministerprasidenten rechnen
konnen.
Erst klangen die Nachrichten aus Lausanne auch gar nicht
iibeL Was Papen in gewissen Interviews gesagt haben sollte,
schien ein biBchen links von Briining zu liegen, also recht
verniinftig zu sein.
Die Presse der Rechten drohte. Papen reiste nach Berlin.
Papen dementierte. Natiirlich ist sein Dementi lautere Wahr-
heit. Der Franzose hat ihn miBverstanden. KeinMensch guten
Willens und guten Glaubens darf mehr Herrn von Papen in
dem Verdacht haben, daB er zu Stephane Lauzanne so staats-
mannisch gesprochen habe, wie dieser zu melden gewuBt hatte.
Mit wem und iiber was mag Papen wahrend seines Week-
ends in Berlin gesprochen haben?
Geheimpolitik
)
Kaum war er wieder in Lausanne, so gewitterte es. Herr von
Papen sprach jetzt bestimmt anders, als Stephane Lauzanne
ihn sprechen zu horen geglaubt hatte. Deutsche Rechtsblatter
meldeten begliickt, er habe sich gegen Versailles und fiir
deutsche Riistungsgleichheit ins Zeug gelegt. Was er wirklich
gesagt hat, ist authentisch nicht bekannt geworden. Anauthen-
tischem Material liegt nur ein deutsches offtzioses Communique
vor, dessen Verfasser offenbar in direkter Linie von der Pythia
abstammt.
Nur ein Erfolg der berliner" Papenreise liegt klar zutage:
England und Frankreich, die vorher keineswegs besonders
einig schienen, hatten mit einem Male wieder engste Tuch-
fiihlung.
Das heiBt, noch einen zweiten Erfolg kann Herr von Papen
fiir sich verbuchen: Deutschland wird in Zukunft keine Repara-
tioneri mchr bezahlen, sondcrn nur noch einen ,,Beitrag zum
Wiederaufbau Europas", der allerdings in erster Linie Frank-
reich zugute kommen soil.
Hurra! Es ist geschafft. Das Kind hat einen andern Namen
bekommen. Alle Kinder freuen sich.
Die Steuerzahler freilich werden sich sagen: Unter welchem
Namen wir noch etliche Milliarden zur Wiedergutmachung der
Schaden des von Wilhelm IL entfesselten Krieges zu zahlen
haben, ist fiir unser Portemonnaie ziemlich belanglos. Lohnte
es sich, die iBriiningregierung zu stiirzen, um eine von den Nazis
abhangige Papenregierung zu bekommen, nur damit die deut-
schen Zukunftszahlungen unter ein andres Rubrum eingereiht
wiirden?
Herr von Papen steht vor einer peinlichen Entscheidung*
Entweder schluckt er den Hauptteil der Bedingungen, auf die
seine Vertragsgegner sich geeinigt haben. Dann werden ihm
zwar die vernunftigen Deutschen zustimmen, aber nicht die
Leute, denen er seine Kanzlerschaft verdankt.
Oder er lehnt ab, bringt damit die Konferenz zum Schei-
tern (in der Diplomatensprache wird man es ,,vertagen" nennen),
Dann streuen ihm Schwarz-weiB-rote und Braune Palmen. Aber
die deutsche Wirtschaft ist schlechter dran als vor Lausanne.
Stresemann befand sich wiederholt in ahnlicher Lage. Dann
entschied er sich nicht fiir das leere Prestige, sondern fiir die
realpolitische Notwendigkeit Und Nutzlichkeit, auch wenn er
wuBte, daB seine eigne Partei zunachst aufschreien wiirde.
Allerdings — Stresemann fiihlte sich als freier Mann, ob~
wohl er Minister war.
Herr von Papen
P\ ie erste Begegnung mit dcm Reichskanzler spielte sich so ab*
*-^ Papen kam in das Hotel Lausanne-Palace angefahren, wurde von
* der Hotel lei tung empfangen und stattete dem Hause, in dem die fran-
zosische Delegation wohnt, einen Besuch ab. Es war am Vorabend
der Konferenz. Lausanne wuBte noch gar nicht, dafi* der Reichskanz-
ler in der Stadt war. Im Arbeitszimmer der Presse saCen ein paar
Dutzend Journalisten und klapperten auf den Maschinen, Sie beach-
teten nicht die vielen Menschen, die ununterbrochen ein- und aus-
gehen ; sie beachteten auch den kleinen schlanken Herrn nicht im
grauen Anzug, der schon zehn Minuten im Pressesaal stand und sich
den Betrieb ansah. Es waren offenbar alles ganz neue Sachen fiir
den kleinen schlanken Herrn. Er fallt so wenig auf, er ist so un-
scheinbar, dafi trotz den vielen Photographien, die man von ihm in
den letzten Wochen in den Zeitungen gesehen hat, niemand darauf
kam, dafi es der deutsche Reichskanzler in eigener Person war, der
hier stand. Man wurde auf ihn erst aufmerksam, als ein Herr seiner
Umgebung an die Journalisten aus alien Landern heraritrat und sie
einzeln dem Reichskanzler vorstellte. Herr von Papen spricht aus-
gezeichnet franzosisch, ein glanzendes Englisch, rein und mit kaum
merkbarem Akzent; seine Formen sind konziliant und liebenswiirdig;
er ist stets sichtlich bemuht, einen guten Eindruck zu machen. Von
einer ganz auffallenden Zuvorkommenheit ist er zu den Franzosen.
Als man ihm die franzosischen Journalisten vorfuhrte, schiittelte er
jedem minutenlang die Hand, hatte fiir jeden ein paar freundliche
Worte, fragte nach diesem und nach jenem franzosischen Freund und
4
ganz besonders erkundigte er sich nach dem Wohlergehen seines
Freundes Graf Wladimir d'Ormesson, des bekannten politischen Publi-
zisten. Das ist ja alles sehr hiibsch und nett; aber immer wiede'r
drangt sich einem die Frage auf: was ware mit dem armen Strese-
mann und dem gehetzten Briining in Deutschland geschehen, wenn
sie solche „Anbiederungsversuche" unternommen hatten? Ein hervor-
ragender Schweizer gab mir die Antwort: ,,In kleine Stiickchen hatte
man sie zerhackt!"
Herr von Papen gehort zu den Menschen, iiber die man sich
schon nach kurzer Bekanntschaft ein Urteil anmafien darf, Er ist
eine MittelmaBigkeit, Durchschnitt, vielleicht unter Durchschnitt.
Stresemann war ein Staatsmann; Briining war eine Personlichkeit —
er ist ein Militarattache. Aber er wird es sehr bald heraus haben,
wie man sich auf diesem Parkett benimmt; er ist ein Salonmensch,
ein Weltmann. Einer, der Konversation machen kann; er hat nicht
die Steife des deutschen Aristokraten, ist im Gegenteil sehr na-
tiirlich, temperamentvoll; er spricht mit viel Gesten, verneigt sich,
wo es gar nicht notig ist, kiiBt mit Grandezza den Damen die Hand,
kommt den Menschen freundlich entgegen und wird sie ganz gewifi
auch gewinnen. Er ist ein smarter Mann, der im Herrenklub sehr
beliebt sein muB. Sofort merkt man, daB er viel im Auslande war
und viel mit feinen Leuten verkehrt hat. Hitler und Breitscheid
mussen sich darin einig sein, dafi er nichts fiir die Proletarier ist.
Wenn man ihm Zeit lieBe, konnte aus ihm ein kleiner Biilow werden!
Kaiser Wilhelm hatte ihn wahrscheinlich auch eines Tages zum Reichs-
kanzler gemacht.
*' Jhurgauer Zeitung* (Schweiz), 21, 6, 32
Ein guter Tag fiir die Justiz von * * *
Am 1. August 1914 brach das groBe Ungliick iiber Europa
"^ herein. Jede erste Augustnummer dieser Zeitschrift ist
seitdem der Verunglimpfung. des Krieges gewidmet. Denn es
soil nicht geleugnet werden — obwohl Leugnen heute niitzlich
sein konnte ' — , daB hier Leute schreiben, denen der Sinn fiir
das Frisch-Frohliche fehlt und die einen Krieg fiir ein groBes
Ungliick halten.
Im August 1931 veroffentlichte die ,Weltbiihne' ein Doku-
ment, das besonders geeignet war, dem Krieg eins auszu-
wischen: die Exhortatio des Papstes Benedikt XV, vom 28. Juli
1915. War sie bis dahin unbekannt? Keineswegs. Aber
erstens kann man etwas wahrhaft Gutes immer wieder ab-
drucken, es ist immer neu. Und dann kannten wir Deutschen
das papstliche Rundschreiben nur in der Form, in der es 1915
Deutschland bekanntgemacht worden war, und diese Form war
eine Falschung. Um uns den Geschmack am Krieg nicht zu
> verderben, hatte man Milderungen vorgenommen, die einen
vaterlichen Tadel fiir den Weltkampf enthielten. In Wahrheit
aber hatte der kathblische Oberhirt in gellenden Worten des
Entsetzens iiber das grofie Verbrechen mehr geschrieen als ge-
schrieben, es war eine Sprache von schneidender Wucht, -die er
Itihrte. Durch die ,Weltbiihne' zuerst erfuhren die deutschen
• Katholiken, daB ihr kirchlicher Oberherr den Krieg „eine ent-
setzliche GeiBel" und „eme grauenvolle Schlachterei" und nein
entehrendes Gemetzel,( genannt hatte.
Die Veroffentlichung der Exhortatio war von Kurt
Tucholsky veranlaBt worden, und er schrieb dazu eine Glosse,
2 " . " 5
in der es gleichfalls an schimpflichen Ausdriicken fiir den Welt-
verderber Krieg nicht fehlte. Die scharfsten Satze lauteten so:
,tDa gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes,
auf denen war der Mord obligatorisch, wahrend er eine halbe
Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war, Sagte ich;
Mord? Natiirlich Mord. Soldaten sind Morder."
Der Herr Reichswehrminister, damals noch Groener, stellte
Strafantrag gegen Carl von Ossietzky als verantwortlichen Re-
dakteur, Der Anklageerhebung soil der Chef der Staatsanwalt-
schaft beim Landgericht III aus juristischen Grunden wider-
sprochen haben. War es so, so war es vergeblich. Aber das
Schoffengericht Charlbttenburg lehnte den Antrag der Staats-
anwaltschaft auf Eroffnung des Hauptverfahrens ab. Ossietzky
sei des Vergchens der offentlichen Beleidigung beschuldigt, sagte
das Gericht, ,,aber er ist dieser Tat nicht hinreichend verdach-
tig. Der von ihm veroffentlichte Aufsatz Ignaz Wrobels be-
trifft die Reiehswehr nicht".
Geigen den BeschluB beschwerte sich die Staatsanwalt-
schaft, die Strafkammer entschied: „Er ist der Tat hinreichend
verdachtig", und eroffnete das Hauptverfahren.
Am 1. Juli — bald wieder jahrt sich der arge Tag, an dem
viele Torichte mit Jubel den blutigen Untergang begriiBten —
wurde in Moabit verhandelt. Unsre Freunde wissen, wie es
endete: Ossietzky wurde freigesprochen. l Und durfte in die
Strafanstalt Tegel, von wo er gekommen war, zuriickkehren,
ohne daB die lange Zeit der Haft, die noch vor ihm liegt, ver-
langert worden war, Aber es lohnt sich, von dem Tag, der denk-
wiirdig ist gerade durch die Zeit, in die er fallt, zu berichten,
Es begann damit, daB Rechtsanwalt Apfel die Verlesung
des Urteils verlangte, in dem der IV. Strafsenat des Reichs-
gerichts eineinhalb Jahre Gefangnis iiber den heute wieder
Angeklagten verhangt, wegen Landesverrats und Verbrechens
gegen das Spionagegesetz, wie es dort heiBt.
Dem Staatsanwalt war es unerfindlich, was die Entschei-
dung des Reichsgerichts mit dem jetzt behandelten Fall zu tun
habe.
Dem konnte erwidert werden: Tausend und abertausend
Mai ist der Krieg Mord, sind die Soldaten Morder genannt wor-
den. Es ist nichts davon bekanht, daB irgendwann und irgend-
wo eine Armee, auch nicht die Reiehswehr, sich dadurch be-
leidigt gefiihlt hatte. Warum grade hier, warum grade durch
Ossietzky? Hier ist ein politischer ProzeB, ein Politiker wird
verfolgt, aus personlichen Grunden wird er verfolgt. Warum
er schon fruher und mit welchen, guten oder schlechten, Griin-
den er verfolgt worden ist, kann fiir das Gericht nicht gleich-
giiltig sein. Es ist die Frage, ob er vernichtet werden soil und
mit welchen Mitteln, ist es so, man das erreichen will.
Das Gericht zog es vor, als wahr zu unterstellen, daB er
das, wofiir er fruher bestraft wurde, aus lauteren Motiven ge-
tan habe.
Dann verantwortete sich Ossietzky. Etwas muB man wohl,
ehe seine Worte folgen, iiber die Art sagen, in der er sich ver-
teidigte. So wenig wir Personenkultus treiben wollen, so sei
doch konstatiert, daB die Widerstandskraft, die er zeigt, vor-
bildlich ist. Bismarck hat beklagt, wir hatten zu wenig Zivii-
courage. Was Ossietzky leistet, geht langst daruber hinaus, es
ist nicht mehr Zivilcourage, nicht Zivilmut, es ist Ziviitapfer-
keit. Solange er wegen Landesverrat verfolgt wurde, solange
er, verurteilt, die Verwerfung der Gnadengesuche und die
Strafvollstreckung erwartete, — er ist nie auch nur um Fin-
gerbreite von der gleich schroffen, gleich maBvollen Vertretung
seines Standpunktes abgewichen. Jetzt sitzt er seit acht
Wochen in Tegel, eine neue gefahrliche Strafdrohung stent ihnt
bevor, aber er spricht, wie er friiher geschrieben hat, ebenso
schroH, ebenso maBvoll. Viele, die Grund haben, ihm zu grol-
len, weil er sie kritisierte, haben nicht genug Verstandnis fur
das Beispiel, das er uns gibt. Der Mann ist nicht niederzuwer-
fen. Er ist auch, das bedeutet noch mehr, nicht aus seiner Ruhe
zu bringen. Es ist, das ist zu bedenken, keiner zuruckgeschla-
genen Opposition damit gedient, wenn einer der ihren im Un-
gliick anfangt, zu toben, zu exzedieren. Man sagt: begreiflich!
Aber der Sache niitzt er nicht mehr. Wie es um die andern
stent, es sind heute nicht wenige, die vor dem Wind umfallen,
nun, sie sind zu gar nichts mehr niitze. Wenn einer so steht,
unbewegt, unbesorgt um sich — denkwurdig, dafi die Anhanger
des Vulgarheroismus gar keine Anerkennung dafiir empfinden.
Die Exhortatio des Papstes Benedikt wurde verlesen, die
machtigen, die verzweifelten Worte des christlichen Oberhaup-
tes hallten wider von den Wanden im Sitzungssaal 567, vor
Atheisten, Lauen, Lenin-Jungern, Anbetern Hitlers. Der Vati-
kan sprach in Moabit. 1915 hat 1932 jede Aktualitat.
Dem Staatsanwalt fiel die schwerere Aufgabe zu. Man
muB ihm, wenn es nicht gegen den Respekt ist, das Verhaltnis
umzukehren, mildernde Umstande zubilligen. Ein Beamter, der
eine unvertretbare Sache vertreten muB, kann es auf zweier-
lei Arten tun, — dieser Anklagevertreter wahlte die zweite
Art. SchlieBlich ist es eine Temperamentsfrage,
Waren die Soldaten des Weltkriegs nicht beleidigt, von
denen es in Deutschland allein zehn Millionen gab, von d'enen
vielleicht eine Million in den Verbanden der Frontkampfer
organisiert ist, so soil die Reichswehr, von deren hunderttausend
Mann nur ein Bruchteil im Krieg gewesen sein kann, beleidigt
sein? Auch ein kluger Debatter wiirde sich vergeblich um den
Nachweis bemuhen.
Wenn seit tausenden Jahren der Krieg dem Mord, die
Krieger Mordern gleichgesetzt worden sind, so ginge das,
meinte der Staatsanwalt, die Richter so wenig an, wie wenn
ihm, verhandelte ein Gericht gegen einenDieb, bewiesen werde,
daB schon andre gestohlen haben.
Weil Ossietzky den Soldatenstand diffamieren wollte, weil
die harten Strafen der spater, nach der ,>Tat", ergangenen Not-
verordnungen ,, analog" anzuwenden seien, beantragte der
Staatsanwalt sechs Monate Gefangnis.
Rechtsanwalt Apfel konnte mitteilen, daB eine Strafkam-
mer, ebenfalls des Landgerichts III, es dem Revolutionar Max
Holz versagt hat, sich beleidigt zu ftihlen, als er von einer na-
7
tionalistischen Zeitung Morder und Massenmdrder genannt
wurde. „Im volkstiimlichen Sprachgebrauch" werde nur in den
seltensten Fallen der so genannt, der sich nach § 211 des Straf-
gesetzbuchs strafbar gemacht habe, vom „eigentlichsten, formal-
juristischen Sinn" sei dabei nicht die Rede.
Aber er konnte vor Allem nicht wenige Urteile des Reichs-
gerichts benennen, in denen bei Beleidigungen von Kollektiven
regelmaBig die Legitimation, sich beleidigt zu fiihlen, verwei-
gert wurde, weil nicht ein genau umschriebener Kreis gemeint
und gekennzeichnet war. Die Juden erreichen, trotz nicht ge-
ringer antisemitischer Hetze, nie eine Verurteilung. Was ihnen
recht sein muB, muB, gilt noch Recht, der Wehrmacht billig
sein.
Rechtsanwalt Olden trug die Masse der Zitate vor, von
Laotse, Erasmus, Friedrich dem GroBen, Voltaire, Kant,
Goethe, Klopstock, Herder, Schubert, Hoffmann von.Fallers-
leben, Rosegger, Kaiser Friedrich III., Victor Hugo, Raabe, in
denen Soldaten Morder, Henker, Schlachter genannt wurden.
Nie hat eine Armee deshalb Strafantrag gestellt, nie ein Staats-
anwalt angeklagt, ein Gericht verurteilt,
Er zeigte, daB es hier gar nicht um-Pazifismus gehe son-
dern um das Recht, richtig zu denken und logisch zu sprechen,
und daB Zensur, geistige Unfreiheit, ein Volk auch soldatisch
entnerven miisse.
Den fliichtigen Veranderungen der Machtverhaltnisse im
Staat diirfe das Gericht sich nicht anbequemen und miisse dar-
um Ossietzky freisprechen.
Nacb Ossietzkys SchluBrede erging Freispruch.
Der Vprsitzende begriindete: es sei nicht einzusehen, daB
grade Kriegsteilnehmer, die in der Reichswehr dienen, gemeint
seien. Erhoben iiber rechts und links seien die deutschen Ge-
richte unabhangig, der einzige stetige Faktor im Leben des
Staats. Ein Verteidiger habe gesagt, es gehe um die geistige Frei-
heit. Keineswegs, Aus rein juristischem Grunde sei der An-
geklagte freizusprechen. (Wie wahr! Wird das Recht richtig
angewendet, so ist die Freiheit nicht bedroht.)
Ossietzky spricht
Nach Notizen von Johannes Buckler
Ich betrachte die in Aussicht stehende Amnestie nicht als eine
Hintertiir, durch die ich entschlupfen mochte. Aber es findet
in diesen Tagen eine Konferenz in Genf statt, in der die
deutsche Regierung sich iiber die Abriistung zu entscheiden hat.
Es kann dies ein wendepunkt des deutschen Schicksals sein.
Und wahrend die deutschen Vertreter in Genf erklaren, daB
ihnen der Abriistungsvorschlag von Hoover nicht weit genug
geht, wird in der Heimat ein ProzeB gefiihrt, in dem der Ver-
treter der Anklage den Soldatenstand nur verherrlichen kann.
Ich ftirchte von diesem ProzeB schlimme auBenpolitische Folgen;
ebenso wie sie durch das Urteil des Reichsgerichts im Welt-
biihnenprozeB eingetreten sind. Der ProzeB kann zu groBeren
8
Schadigungen dcs deutschen Ansehens fiihren, als die ganze
Sache wert ist.
Seit 1912 habe ich den Krieg bekampft. Ich gehorte schon
yor dem Krieg einer pazifistischen Organisation an. Ich bin
kein Novembersozialist oder -pazifist. Was ich im Krieg ge-
sehen, hat meine Meinung iibef ihn und das Kriegshandwerk
durchaus bestatigt. Den Artikel in der ,Weltbiihne', der. ja
nicht von mir selbst stammt, und wegen dessen ich hier an-
geklagt binr vertrete ich vollstandig. Ich habe niemals lieber
vor dem Gericht gestanden als grade wegen dieses Artikels,
der ganz meiner AuHassung entspricht. Doktor Tucholsky1
den Verfasser, habe ich 1919 in Berlin in einem Kreise kennen
gelernt, aus dem die alljahrlich im August stattfindenden f,Nie-
wieder-Krieg"-Demonstrationen entstanden sind.
1919 erschicnen auch in der .Weltbuhne' die ersten pazifi-
stischen Glossen von Tucholsky. Aus jener Zeit stammt die
Abneigung des Reichswehrministeriums gegen die ,Weltbtihne\
Spater waren wir geradezu der Gegenpol der Politik des
Reichswehrministeriums.
Wir Anhanger des Friedens haben die Pflicht, immer wie-
der darauf hinzuweisen, daB der Krieg nichts Heroisches be**
deutet, sonderai daB er nur Schrecken und Verzweiflung iiber
die Menschheit bringt. Grade weil wir wissen, daB die macht-
politische Situation fiir uns im Augenblick nicht giinstig ist,
grade deshalb miissen wir eine lapidare Sprache fuhren. Aber
diese lapidare Sprache geht von Laotse iiber die Bibel und
Kant durch die ganze Literatur. Alle haben den Krieg als Mord
und das Soldatenhandwerk als Mord erh and werk gekennzeich-
net. Das Wort Morder wird hier nicht in einem juristischen
sondern in einem sittlichen Sinne gebraucht, Seit zweitausend
Jahren streitet man sich. um diese Dinge herum, Es scheint
sich hier um eine Frage der Quantitat zu handeln. Das ist der
ewige Zwiespalt zwischen der Staatsmoral und dem Indivi-
duum. Man kann das auf die Formel bringen: dem kleinen
Morder schlagt man den Kopf ab, dem groBen setzt man einen
Lorbeerkranz auf.
Wir sind keine Fanatiker und keine Bildersturmer, aber
wir halten es fiir notig, daB eine deutliche Sprache gefiihrt wird.
Wenn die Anhanger des Kriegs gegen uns aufmarschieren, dann
heiBt es auch Verrater, Feigling, und der Pazifist gilt als zucht-
hauswiirdig. Wir aber, die wir in einem standigen Angriff
gegen den Krieg stehen, miissen uns der Terminologie bedie-
nen, die dafiir seit zweitausend Jahren vorliegt.
Wir vertreten heute keine isolierten Gedanken mehr. Seit
einigen Jahren besteht der Kelloggpakt, durch den die Reihe der
Mittel, die die Staaten gegeneinander anwenden diirfen, be-
schrankt worden sind, und der den Krieg out of law stellt.
Ich fasse den ProzeB als ein Kesseltreiben des Reichswehr-
ministeriums gegen Pazifisten auf. Es ist auch kein Zufall, daB
keine der groBen Frontsoldatenorganisationen mit ihren Hun-
dei-ttausenden von Mitgliedern sich beleidigt fiihlt; jeder Front-
soldat wiirde den Vorwurf ruhig einstecken. Hochstens die
OHiziere konnen sich beleidigt fiihlen, die in den Krieg einen
Ehrbegriff hineingetragen haben, der nicht hineingehort.
Ich habe eben cinen der merkwiirdigsten Augenblicke mei-
nes Lebcns gehabt, als in das Plaidoyer meines Verteidigers
von der StraBe die Klange der Militarmusik hereintonten. Ich
weifi nicht, ob man darin ein bedcnkliches Symbol sehen soil
oder einen belanglosen Zuf all. Aber vielleicht ist* durch diesen
Klang der Staatsanwaltschaft von heute die Stimme ihres Herrn
mitgeteilt worden.
Ich bin vielleicht der Einzige hier im Saal gewesen, der
iib er den Strafantrag auf sechs Monate Gefangnis nicht erstaunt
gewesen ist. Denn es bleibt fiir mich bestehen, daB eine be-
stimmte Denkrichtung verfolgt werden soil. Es ist aber falsch,
wenn man annimmt, daB es sich in dem Weltbiihnenartikel urn
die Diffamierung eines Standes handelt, es handelt sich um die
Diffamierung des Krieges. W*r greifen aber hier nicht nur an,
sondern wir verteidigen das Recht auf Leben. Was niitzt den
Toten des Weltkriegs die Ehre, die hier angeblich geschutzt
werden soil? Was niitzen Denkmaler des unbekannten Sol-
daten den Gefallenen? Erst muB der Mensch leben, dann kann
seine Ehre geschutzt werden!
Der Antrag des Staatsanwalts beweist, wie sehr die Staats-
anwaltschaft unter den EinfluB des Nationalismus geraten ist,
der sich einbildet, die wahre deutsche Nation zu verkorpern.
Ich wende mich an das Gericht mit der Beteuerung, daB
ich durch zwanzig Jahre eine gute und anstaridige Sache ver-
treten habe. Eine Gesinnung kann man nicht unter Beweis
stellen. Hier muB geglaubt werden. Ganz gleich, wie das
Urteil ausfallt, ich werde mit alien mir zur Verf iigung* stehen-
den Mitteln fiir die Idee weiter kampfen, die ich fiir Recht er-
4cannt habe.
33000 fur Carl V.Ossietzky von Walther Karsch
C o viele hatten sich in die Petitionslisten; eingezeichnet, als
diese Zeilen in Druck gingen- Ein Besuch bei der Deutschen
Liga fiir Menschenrechte, die gemeinsam mit der Deutschen
Gruppe des PEN-Clubs das Gesuch um Abkiirzung oder Um-
wandlung der Strafe in Festungshaft einreichen wird, ver-
schaffte mir Einblick in die ungezahlten Mappen mit ihren
Unterschriften. Am 10. Juli soil die Einzeichnung abgeschlos-
sen werden. So wie sie einliefen, sind die Listen aneinander-
gereiht, nebeneinander stehen da Menschen verschiedenster
Herkunft, verschiedenster Berufsschichten, Menschen aus alien
Gegenden Deutschlands und Auslands deutsche. Der Arbeitslose
wechselt sich mit dem Landrat a. D. ab, der Bergmann mit dem
Polizeiprasidenten, der Metallarbeiter mit dem Schriftsteller,
die Hausfrau mit der Schauspielerin, der Handwerker mit dem
Fabrikdirektor, der Bankangesteilte mit dem Verkaufer, der
Student mit dem Laufcjungen, der Redakteun mit dem Setzer,
der Gewerbetreibende mit dem Abteilungsleiter: sie alle geben
durch ihre Unterschrift kundf daB Carl v. Ossietzky seine
Strafe nicht absitzen soil. Aber es sind nicht nur Menschen
*insrer Gesinnung, die sich mit ihrer Stimme fiitf den
Inhaftierten einsetzen, auch der Gegner meldet sich, um kurid-
zutun, daB ihm die Behandlung Carl v. Ossietzkys ungerecht-
10
fertigt erscheint. Hier gibt ein Mitglied der Deutschnationalen
Volkspartci seine Stimme fur den Verurteilten ab ; dort
schreibt einer, er sei Mitarbeiter am ,VorstoB\ dem Wochen-
ableger der ,DAZ.'; und einer war da, der zahlte sich sogar zur
Schar Adolf Hitlers. Und so hatte sich denn neben dem Pastor
der Freidenker eingetragen, neben den Mitgliedern einer kom-
munistischen die einer Zentrumsredaktion. Ware das Wort
nicht zu anriichig, man diirfte sagen, der Appell fur Carl
v. Ossietzky habe eine Volksgemeinschaft der anstandigen Men-
schen zustandegebracht,
Daneben fallt aber der haufige Widerstand auf, der sich
gegen das Gnadengesuch richtet. Manch einer hat zwar unter-
schrieben, aber er bemerkt ausdrucklich, daB er c ies nur aus
Sympathie fur Carl v. Ossietzky tue, es wider^trebe ihm
eigentlich, daB hier „um Gnade gewinselt" werde, Und da
diese Ansicht nicht nur in einigen Briefen sondern auch in
manchem Organ der Linken geauBert worden ist, scheint es an-
^ebracht, einmal den Irrtum aufzuklaren, der bei vielen durch
die Bezeichnung ^Gnadengesuch" entstanden ist.
Es gibt gegen ein vom Reichsgericht gefalltes Urteil nur
zwei Rechtsmittel. Das eine ist das Wiederaufnahmeverfah-
ren. Wer einigermaBen iiber die Verhaltnisse unterrichtet ist,
wird wissen, daB die Aussicht, ein Wiederaufnahmeverfahren
durchzudriicken, ganz minimal ist, und daB auf jeden Fall' eine
sehr erhebliche Zeit vergeht. Das zweite Mittel ist ein Ge-
such an den Reichsprasidenten um Niederschlagungf Verkiir-
zung oder Umwandlung einer Strafe, Das Anrecht, diese Hand-
lungen vorzunehmen und somit gewissermaBen oberster Rich-
ter zu sein, ist dem Prasidenten durch die Verfassung gewahr-
leistet. Wenn also in der Petition der Liga und des1 PEN-
Clubs der Reichsprasident um sein Eingreifen gebeten wird, so
machen diese Orgariisationen eben nur von einem Rechtsmittel
Gebrauch; davon, daB hier um Gnade gewinselt werde, kann
also nicht die Rede sein. Das Wort ,, Gnadengesuch1' ist nun
einmal der fiir eine solche Aktion gebrauchliche Ausdruck;'
wir wissen selber, daB er nicht angenehm klingt, aber wir wis-
sen auch, daB Carl v. Ossietzky, der noch kurz vor seiner In-
haftierung den Reichsprasidenten in scharfster Fo'rm ange-
griffen hat, niemals um die Gnade des Herrn von Hindenburg
winseln wiirde. Wer hier also glaubt, sich aus Uberzeugungs-
griinden von der Petition fernhalten zu imissen, befindet sich
im Irrtum.
DaB dieses Urteil, daB die durch Herrn Joel erfolgte Ab-
lehnung des nicht an ihn sondern an den Reichsprasidenten
gerichteten Gnadengesuches, daB die Inhaftierung Carl
v. Ossietzkys, daB dies alles nichts mit Recht zu tun! hat, da-
-von sind wh- natiirlich alle fest iiberzeugt. Und wenn auch
dieses neue, von 33 00Q unterstiitzte Gesuch einer Ab-
lehnung verfallt, dann werden wir wiederum bestaligt be-
kommen, daB hier ein gefiirchteter Kampfer mundtot gemacht
werden soil.
Auch der Feind hat nicht vergessen, seine Visitenkarte ab-
zugeben. Trieben es schon einige Zeitungen reichlich tollt
alien voran die vor Hysterie (iberschnappende ,B6rsen-Zeitung'f
11
so dekuvriert sich die nationalistischc Geistesverfassung noch
offener in einigen anonymen Zuschriften an die Liga, Ein
Herr Stein findet die Strafe richtig und findet es wahrschein-
lich genau so richtig, daB er seine Adresse nicht angibt. MEin
Freund der jWeltbiinne' " halt es ,,fiir dringend notwendig, daB
die Strafe verdoppelt und in Zuchthaus umgewandelt wird",
Herr Kramer wiederum, der als nahere Personalien immerhin
angibt: „ehemaliger Parteigenosse der SPD", schreibt an die
„Deutsche Liga fiir Menschenrechte, Deserteure und Zucht-
hausler"; ,,Die Bestrafung des Schriftstellers Carl v. Ossietzky
mit 1 % Jahren Gefangnis erscheint mir viel zu niedrig. Ein
pollnischer Nachkomme von solch schlechter Gesinnung hat
fiir eine derartige Handlung lebenslangliche Zuchthausstrafe
verdient." ,,Viel zu wenig fiir den Hund!" pladiert ein dritter
und schreibt darunter ,,Heil Isidor!", wobei nicht festzustellen
ist, ob Isidor der Vorname dieses sympathischen Herrn ist,
Nur ein Herr PiaBmann fand den Mut, seine Adresse mitzu-
teilen, er schrieb: „Es ist allein zu bedauern, daB der Landes-
verrater Carl v. Ossietzky die geringe Strafe von 1 Yi Jahren
Gefangnis erhalten hat. Zuchthaus war am Platz!"
Genau der gleiche Geisteszustand spiegelt sich in einem
Gedicht des nationalsozialistischen Jllustrierten Beobachters*
wider. Herr Pidder Liing kommentiert ein Bild vom Straf-
antritt Carl v. Ossietzkys mit folgenden, sicher sehr tief emp-
fundenen, formal leider nicht ganz einwandfreien Versen:
Schwerer Abschied
Ach, wie war, Sie armer Ossi-
etzky, einst die Welt bequemer!
Nun umsteht ein ganzer TroB Sie
leidgeknickter Abschiednehmer,
Fern der bunten Weltenbiihne,
muBt Du nun mit Wehmutschauern
hinter einer Stahlgardine
iibcr Deutschlands Rettung trauern,
Wer verfaBt nun die Artikel,
die fiir Panjudaa werben — — ?
Wai, der Untat Aktfaszikel
muB im Feuerbrand verderbeni
Bitter flennt da die Mischpoke
iiber ihren „Idealiste'\
der doch statt im Straflingsrocke
landverraten gehen muflte.
Aus dem „prominenten" Kreisc
tont jetzt vor des Kittchens Toren
die vertraute Mauschelweise
einmal noch an deine Ohren. \
Einmal noch weht vor dem Fasten
lind um dich das Knoblauchduftchen
wenn du rauskommst aus dem Kasten,
sauselt wohl ein andres Luftchen!
12
Eiserne rote Front von k. l. oerstorff
\l on den Nazis konnen die Sozialdemokraten lernen, wie
man zu tolerieren hat. Zuweilen bestreiten die Nazis zwar
auf geduldigem Papier, daB die Regierung Papen von ihnen
abhangig ist. Der Tatbestand aber liegt so klar, daB es auch
der nationalsozialistischen Demagogie nicht gelingt, ihn vor
den breiten Massen vollig zu verbergen. Aber wie tolerieren
die Nazis die Papenregierung? Sie tolerieren sie, indem sie
taglich neue Forderungen erheben. Von der Ausschreibung
der neuen Wahlen, liber die Aufhebung des Uniformverbotes,
bis zur letzten Notverordnung, die den Widerstand der Lander
brechen soil, fuhrt eine klare Linie. Und die Nazis werden
bald neue Forderungen anzumelden haben. Denn sie miissen
den Massen etwas bieten. In ihrer Presse nehmen sie zwar
gegen die Notverordnung Stellung, aber der einfache Mann
auf der StraBe sagt sich: wenn die nationalsozialistische Partei
wirklich gegen die Notverordnung ist, warum sturzt sie dann
nicht die Papenregierung?
Bisher wuBten sich die Nazis frei von jeder Verantwortung
fur die Zuspitzung der wirtschaHlichen Situation. Denn die
kam ja, wie man es hundertmal im ,Volkischen Beobachter'
und im .Angriff lesen konnte, von den alten Systemparteien.
Jede Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage, jede neue
Notverordnung fuhrte ihnen daher Massen zu. Wenn man
diese Massen halten will, so kann man ihnen heute und viel-
ieicht noch einige Wochen lang sagen, daB das vom alten
System angerichtete Obel nicht sofort iiberwunden werden
kann sondern erst nach einem gewissen Zeitraum.v Das
kann man aber nicht auf die Dauer sagen. Wenn die Nazis jetzt
die neue Notverordnung und den gewaltigen Lohnabbau
tolerieren, den die Schwerindustrie noch im Sommer plant,
dann fiirchten sie mit Recht, daB ihnen die Millionenmassen
weglaufen, die ihnen in -der Opposition gefolgt sind.
Jeder Tag weiterer Tolerierung droht daher gefahrlich zu
werden fur den Bestand der NSDAP, fur die Nazis als Auf-
fangbecken von Millionen Enttauschter.
Daher ist die Einlosung der Wechsel, di5 sie von der
Papenregierung verlangen, immer schwerer. Daher wird das
terroristische Vorgehen der SA gegen die Arbeiterorgani-
sationen immer brutaler. War bisher vielfach festzustellen,
daB das Tempo in der Zuspitzung der wirtschaftlichen Lage
weit schneller war als das Tempo in der Zuspitzung der poli-
tischen, so haben wir in den letzten Wochen eher das Gegen-
teil festzustellen. Die politische Lage verscharft sich in
gradezu rapidem Tempo. *
■ Es ist sicher, daB im biirgerlichen Lager selber noch be-
trachtliche Widerstande sind gegenuber einer hundertprozenti-
gen fascistischen Regierung, Widerstande, die nicht etwa allein
auf die Zentrumspartei beschrankt sind, sondern die dariiber
hinaus bis weit in die Kreise des GroBgrundbesitzes, der Mili-
tars, der Spitzen der Bureaukratie und einiger Teile der Grofi-
bourgeoisie reichen, Man soil diese Widerstande nicht unter-
8 13
schatzen, im Gegenteil, man soil sie bei einer niichternen Kal-
kulierung der politischcn Krafte in ihrer ganzcn Bedeutung
wiirdigen, Aber sie allein rcichcn natiirlich nicht aus. Ent-
scheidend fiir den Kampf gegen den Fascismus ist letzthin die
Arbeiterklasse und ihre Organisationen,
Es ist sicher, daB der Gedanke der Einheitsfront der Ar-
beiterklasse fiir die Tagesforderung ,,Kampf gegen den Fascis-
mus" immer breitere Massen ergreift. Es ist weiter sicher, daB
diese Bewegung .sich in nachster Zeit noch stark verbreitern
wird. Zwei Faktorenreihen, die in enger funktionaler Be-
ziehung stehen, wirken in diescr Richtung. Die eine ist das Aus-
scheiden der Sozialdemokratie und der Spitzenfiihrung der
Gewerkschaften aus der Tolerierungspolitik. Die Folge ist
eine gewisse Bewegungsfreiheit fiir die Sozialdemokratie und
die Gewerkschaften. Aus der Sprache des ,Vorwarts* gegen-
iiber Papens Notverordnung ist nicht mehr zu ersehen, daB
viele Notverordnungen einstmals unter Tolerierung der Sozial-
demokratie durchgefiihrt wurden. Diese immer starkere Aus-
schaltung der Sozialdemokratie aus der nStaatsnahe" bringt
automatisch einen starken Zug nach links mit sich, der von
Hunderttausenden von sozialdemokratischen Arbeitern und
Funktionaren schon lange erwiinscht und ersehnt wurde.
Die zweite Faktoreiireihe, die mit der ersten in einem
sehr engen Zusammenhang steht, ergibt sich aus tolgendem.
Der Bruch mit der Sozialdemokratie zwang die Papenregierung
zu immer starkerer Anlehnung an die nationalsozialistische
Partei. Mit der Aufhebung des SA-Verbotes geht eine neue
Terrorwelle durch Deutschland. Drei Tote und dreiBig Schwer-
verletzte pro Tag melden uns die Zeitungen im Durchschnitt
aus alien Teilen Deutschlands. Diese Terrorwelle aber be-
schrankt sich in keiner Weise mehr auf die Kampfe der SA
mit den Kommunisten, sondern es werden planmaBig AngriHe
auf Gewerkschaftshauser, auf Reichsbannerheime, auf Ge-
nossenschaftsladen und auf die sozialdemokratische Presse
ausgeiibt. Je starker der direkte Terror wiitet, urn so fester
schmiedet sich die Einheitsfront der Arbeiter von unten. Es
gibt kaum mehr eine Stadt in Deutschland, wo nicht bei einem
Angriff der Nazis gegen die Kommunisten diese von den Reichs-
bannerleuten, von der eisernen Front der Gewerkschaften
unterstiitzt wurden. Es gibt kaum mehr einen Ort in Deutsch-
land, wo bei einem Angriff der Nazis auf die Sozialdemokraten
und die mit ihnen sympathisierenden Organisation en die Kom-
munisten, die Antifa nicht tatkraftig zur Hilfe eilten. In die-
sem taglichen Kampf weiB der kommunistische Arbeiter nichts
von den Parolen seiner Fuhrung, nach denen die Sozialdemo-
kraten ,,Sozialfascisten" seien. In diesem taglichen Kampf
weiB der sozialdemokratische Arbeiter nichts von den Parolen
seiner Fuhrung, nach denen man gegen die Radikalen von links
und rechts, gegen Nazis und Kozis Stellung nehmen miisse. So
wachst innerhalb der Arbeiterschaft selbst der Drang nach
Einheitsfront und so werden die Bureaukraten der groBen Ar*
beiterparteien durch die elementare Wucht der Ereignisse ge-
zwungen, zu diesem Einheitswillen der Arbeitermassen Stel-
lung zu nehmen.
14
Bisher sind die Ergebnisse noch minimal, Wenn man den
,Vorwarts' und die ,Rote Fahne' aus den letzten Wochen zur
Hand nimmtj so bestcht der groBte Teil des Raumcs1 der der
Einheitsfront gewidmet ist, darin, vor der andern Partei zu
warnen, die unter der Parole Einheitsfront im Triiben zu
fischen suche, Aber so geht es nicht weiter. Die deutsche Ar-
beiterklasse soil sich durch das italienische Beispiel warnen
lassen. Wahrend der Angriff des Fascismus immer massiver,
immer konzentrierter erfolgte, kamen die verschiedenen Ar-
beiterorganisationen nicht iiber das Diskutieren hinaus und
waren somit nicht fahig, die geschlossene antifascistische
Front herzustellen, Und auch in Deutschland hielten bisher
die Fiihrerschichten der beiden groBen Arbeiterparteien nicht
Schritt mit dem Tempo der politischen Entwicklung, und ihre
Parolen sind daher haufig schon uberholt, wenn sie aus-
gesprochen werden. Der Gedanke einer wirklichen Einheits-
front ergreift auch immer .mehr die kommunistischen Arbeiter.
Und auch die kommunistische Fiihrung muB ihm daher Rechnung
tragen. Aber sie tut dies unter fortwahrenden Verrenkungen
und Verzerrungen, Bis vor kurzem war die Losung: Einheits-
front, jawohl, aber nicht mit den andern Organisationen son-
dern nur mit den einzelnen sozialdemokratischen, lyndikalisti-
schen, SAP- oder sonstigen Arbeitern. Damit war der Ge-
danke der Einheitsfront in Wirklichkeit sabotiert, da sie nur
moglich ist, wenn sie von den groBen Organisationen derArbeiter-
kiasse in der Praxis durchgefiihrt wird. Die kommunistische Par-
tei sah sich genotigt, dem Drangen von unten weiter nachzuge-
ben. In einer Versammlung, die vor kurzer Zeit in Trebbin bei
Berlin zusammen mit der KPD, der SAP und dem Ortskartell des
ADGB stattfand, erklarte der Redner der KPD, der als Reichs-
tagsmitglied sicher nach den Losungen der Zentrale handelte,
daB die KPD bereit sei zu einer Einheitsfront mit den untern
Organisationen. Ich wies unter groBem Beifall auch der an-
wesenden kommunistischen Arbeiter nach, daB eine solche
Einheitsfront eine Unmoglichkeit ist, Denn wenn die KPD
nur Einheitsfront mit untern Organisationen will, dann kann
man vielleicht zu einer Einheitsfront in Trebbin oder sonst
einem kleinen Marktflecken kommen, aber nicht zu einer Ein-
heitsfront in den entscheidenden Orten, , in Berlin, in den
GroBstadten, in den Industrierevieren, Die KPD spiirt grade
unter dem Druck ihrer Mitglieder, daB sie weiter gehen muB,
sie schrieb daher — und das war seit vielen Jahren das erste
Mai — an die Spitzenfiihrung der SPD, Berlin-Brandenburg
und schlug eine gemeinsame Demonstration gegen den Fascis-
mus vor. Aber wahrend sie so hier em Einheitsfrontangebot
an die Spitzenorganisationen machte, beschimpfte sie in einem
Aufsatz, der in der gleichen Nummer der ,Roten Fahne' er-
schien, die sozialdemokratische Fiihrerschaft derartig, daB sie
es dem .Vorwarts' leicht machte, diesen Einheitsfrontschritt
abzulehnen, ohne daB die sozialdemokratischen Arbeiter da-
gegen protestierten,
Eine wirkliche Einheitsfront ist heute nur moglich fur be-
stimmte konkrete Ziele, bei deren Durchsetzung bewuBt die
tiefen Gegensatze zwischen den alten Arbeiterparteien aus-
15
geschaltet werden. Das soil nicht etwa heiBen, daB Gegen-
satze verkleistert werden; das soil aber bedcuten, daB sie
zeitweilig zuriickgestellt werden. Die Geschichte der Arbeiter-
bewegung kennt genug solche Beispiele, So standen die Bol-
schewiki in RuBland im scharfsten Gegensatz zur Kerenski-
regierung, die den Krieg weiter fiihrte, die keinen Schritt tat
auf dem Wege zur Sozialisierung der Betriebe, zur Zer-
schlagung des GroBgrundbesitzes. Als der Kornilow-Aufstand
aber kamt legten sich die Bolschewisten unter Fiihrung Le-
nins nicht auf die Taktik fest: Kornilow ist gleich Kerenskit
sondern sie haben im Bund mit Kerenski zunachst einmal Kor-
nilow geschlagen, und grade durch diesen Kampf • haben sie
ihre Position auch innerhalb der Arbeiterschaft, die bisher
Kerenski fiihrte, auBerordentlich gestarkt
Es sind zwei Punkte, bei denen sich der Einheitsfront-
gedanke ganz konkret manifestieren kann. Das ist einmal
ein kartellmaBiges Verhaltnis samtlicher antifascistischer Or-
ganisationen. Eine rote eiserne Front, die unter anderm dazu
bestimmt ist, samtliche Arbeiterversammlungen in der Wahl-
zeit ungestort durchzufiihren.
Der zweite konkrete Vorschlag ist, daB die groBen Ar-
beiterparteien zwar mit eignen Listen in den Wahlkampf
gehen, aber zur Verrechnung der Reststimmen eine gemein-
same Reichsliste aufstellen, Bestimmend fur diesen Vorschlag
ist nicht etwa der Gedanke, daB man -dadurch Mandate mehr
erhalt, sondern bestimmend ist, daB bei alien Gegensatzen
zwischen SPD und KPD der Gedanke an den gemeinsamen
Feind, an den Fascismus, immer mehr in die Arbeitergehirne
eingehammert wird, Im ,Dortmunder General-Anzeiger' hatte
ich dariiber in der Sonntagsnummer vom 26. Juni geschrieben.
Es hieB dort:
Wir horen schon den Einwand: Gemeinsame Reichsliste, Seve-
ring auf der einen und Thalmann auf der andern Seite, das ist un-
moglich. Aber wenn eine solche gemeinsame Reichsliste unmoglich
sein soil, dann ware in gleicher Weise die Forderung der KPD an
die Spitzenfuhrung der SPD und des ADGB nach einer gemein-
samen antifascistischen Demonstration unmoglich, bei der dann doch
auch Severing oder Wels neben Thalmann an der Spitze marschieren
muBte. Dio gemeinsame Reichsliste ist notwendig, und wenn viele
kommunistische Arbeiter dagegen Bedenken haben, so soil man ihnen
die Frage vorlegen: wenn ihnen gemeldet wird, daB die fascistischen
Sturmtruppen den Vorwarts belagern, werden sie dann nicht selbst-
verstandlicherweise did Antifa veranlassen, gemeinsam mit den
Reichsbannerkameraden, gemeinsam mit dem Schutzbund der SAP
den Vorwarts gegen fascistischen Terror zu verteidigen?
Die Sonntagsnummer des ,Dortmunder General-Anzeigers'
erscheint im Rheinland Sonnabend Nachmittag. Fast um die-
selbe Stunde, als sie dort in die Hand der Leser kam, dran-
gen die Nazihorden in das Vorwartsgebaude, ein. Die Antifa
erklarte ihre Bereitschaft, den .Vorwarts' gegen die SA mitzu-
verteidigen. Wenn das moglich ist, dann muB bei diesem Wahl-
kampf auch eine gemeinsame Reichsliste der groBen Arbeiter-
parteien moglich sein.
Es ist nicht zu verkennen, daB durch den immer starker
werdenden fascistischen Terror betrachtliche Teile der Ar-
16
beitcrschaft deprimiert, mutlos, passiv wurden und werden,
in dem Glauben: an dem Sieg der Konterrevolution ist nichts
mehr zu andern. SPD und KPD in ciner gemeinsamen Front,
das wiirde auf Hunderttausende, auf Millionen wie eine Fanfare
wirken, das wiirde die Stromungen der Mutlosigkeit, der Pas-
sivitat, der Depression unterbrechen, das wiirde den Beginn
einer Wende bedeuten.
Die Fiihrerschaften in beiden Parteien wehren sich. Das
ist die notwendige Folge ihrer traditionellen Haltung. Der
Druck von unten ist da, Objektive Faktoren sind es, die
diesen Druck erzeugt haben und immer starker erzeugen, Es
gilt, ihn zu verstarken. Die Agitation fur eine gemeinsame
Reichsliste der groBen Arbeiterparteien muB begleitet sein
von der Agitation fur das Kartell der antifascistischen Or-
ganisationen. Die Eiserne Front allein kann den Fascismus
nicht schlagen. Die Rote Front ebenso wenig. Die eiserne
rote Front muB geschaffen werden.
Der Kaiser gillg • . . von Thomas Murner
"Theodor Plivier, der starke Chronist der Matrosenrevolte
von 1917, macht einen interessanten Versuch, eine Ge-
schichte der deutschen Revolution zu schreiben. Der erste
Band liegt von „Der Kaiser ging — die Generale blieben."
(Malik-Verlag.) Er beginnt mit der Oktoberwende, mit dem
Abschied Ludendorrfs, und endet am 9. November mit dem
Pakt Ebert-Groener, die Revolution niederzuhalten, in dem das
ganze spatere Schicksar der Republik enthalten ist.
Der Verfasser nennt seine Arbeit einen Roman, was keine
durchaus zutreffende Bezeichnung ist. GewiB, es fehlt nicht
an novellistischen Ziigen, es sind ein paar durchaus wegdenk-
bare erfundene Figuren eingefiigt, und es werden auch die
historischen Figuren in ihrer verborgenen seelischen Existenz,
in Traum und Selbstgesprach, bloBgelegt. Aber Plivier hat
nicht nur griindliche Quellenstudien gemacht, er hat auch Mit-
spieler von damals eingehend befragt, Gesprache mit Arbei-
tern, Matrosen, Soldaten, Offizieren, Parteimannern, Ministern,
zweiundneunzig an der Zahl, hat er gefiihrt und verwendet.
Nein, es ist kein Roman geworden, denn der Roman ist eine
ganz andre und viel strengere Kunstform, wohl aber eine hin-
reiBende politisch-historische Reportage, in deren besten Par-
tien sich Exaktheit und Intuition gliicklich gefunden haben.
So ist das Resultat nicht einheitlich, aber hochst' liebenswert.
Und es soil Plivier die Anstandigkeit hoch angerechnet wer-
den, mit der er das behandelt, was von den Konflikten der
sozialistischen Parteien von Achtzehn heute noch unverjahrt
ist und weiterbrennt. Er sagt manchmal Grobheiten, aber er
streut kein Salz in die Wunden.
Es gait niemals als besonders fein, an den 9. November zu
erinnern; heute ist es lebensgefahrlicher als je. Desto groBer
ist Pliviers Verdienst, denn er gibt einer totgeschwiegenen
oder besudelten Epoche ihre Ehrenrechte wieder. Bei Michelet
und Krapotkin oder andern bedeutendenDarstellern der Fran-
17
zosischen Revolution haben wir die heroische Rolie der kleinen
Leute aus den Vorstadten kennengelernt, ihr Elan stofit und
treibt die Revolution, neben ihnen wird die Gloriole der be-
riihmten Tribunen und demagogischen Rhetoren blasser und
dunner. Plivier hat diese namenlosen deutschen November-
manner, die vergessen und versunken schienen, fur die Ge-
schichte gerettet, Es sind in seinem Werke viele Episoden,
die nicht leicht in der Erinnerung verwehen wie der in Fieber
phantasierende Reichskanzler Max vop Baden, wie die kieler
Matrosendemonstration oder Otto Wels in der Alexander-
Kaserne die Truppen zura Ubertritt auflordernd. Aber nichts
atzt sich dem Gedachtnis so tief ein wie die Gestalten der
Revolutionaren Obleute, so hieB dieses Gremium, das ohne
schriftliches Mandat aus dem schopferischen Geist des dulden-
den und schweigenden Volkes gewachsen zu sein schien. Da-
mit kehren auch Namen wieder, die mit der Vorbereitung und
Durchfuhrung der Revolution aufs engste verkniipft sind, so
wie Laukant oder Richard Muller, der dann spater der
,,Leichen-Muller" wurde und iibrigens eine als Material wich-
tige Darstellung dieser Zeit geschrieben hat. Lebendig wird
wieder der Maschinist Suit, der die Turbogeneratoren im Kraft-
werk Rummelsburg zum Stillstand bringt und damit den gan-
zen berliner Osten dunkellegt. Das ist Suit, der spater im
Polizeigeiangnis nauf der Fluent" erschossen wurde, ebenso wie
Dorrenbach, Unter diesen proletarischen Verschworenen gab
es echtes revolutionares Spartanertum und eine Unterdruckung
natiirlicher Gefiihle, die in ihrer Wortlosigkeit manchmal
antike GroBe annahm. So schildert Plivier, wie Emil Barth,
der Biirgerschreck mit der roten Revolutionstolle, der von der
Polizei verfolgt wurde und tagelang nicht zu Hause war, am
Abend des 5, November in die Nahe seiner Wohnung kommt:
Als cr von der Straflenbahn, abstieg, erblickte er seinen drei-
jahrigen Jungen, der auf ihn zulief, gleich danach sah er seine
Frau aus der offenen Tiir eines Sarggeschafts herauskommen,
Barth erriet sofort die Zusammenhange,
Als er drei Tage vorher von Hause weggegarigen war, lag sein
altester Sohn grippekrank und mit Fieber im, Bett.
Er folgte seiner Frau in den Hausflur.
„Montag Nacht ist er gestorben, um sechs wird er eingesargt,
du kommst grade zurecht ..."
Barth blickte auf seine vergramte Frau und den an ihr Kleid
geschmiegten Jungen. t)ber ihre Schultern weg sah er ein Kind
mit rachitischen Beinen iiber den Hof laufen. „Auch wenn Vater
und Mutter, wenn Bruder und Schwester auf dem Totenbett lie-
gen . . /\ hatte er vor kurzem in einer seiner pathetischen Ansprachen
vor den Obleuten ausgefiihrt.
Er machte sich von, seiner Frau los:
„Nein, es geht nicht — ich kann nicht mit nach oben. Geh
schnell und bring mir den andern Anzug, den braunen — ich muB
gleich wieder weg."
Die Republik hat den Menschen dieser Zeit kein Cenotaph
gesetzt. Jetzt hat ein Schriftsteller, selber ein oppositioneller
Mann und in der Revolutionsara verwurzelt, diese Ehrenpflicht
nachgeholt. Wie weit weg liegt das alles, wie prahistorisch
wirkt das. Aber auch die Generale werden einmal abreisen.
18
Kiinstliche Defloration von Bemhard stapei
FVe Sexualwissenschaft ist einen seltsamen Weg gegangen.
Nachdem sie sich von kirchlicher Bevormundung frei-
gemacht hatte, schenkte sie ihre Aufmerksamkeit so aus-'
schlieBlich dem Studium der Perversionen, daB fiir ein Studium
des normalen Geschlechtslebens keinerlci Interesse iibrig blieb.
Erst schr viel spater begriff man, daB sexuelle Hygiene, ohne
genaue Kenntnis auch des normalen geschlechtlichen Lebens
nicht moglich ist, und allmahlich wandte sich die Wissenschaft
auch dem Studium dieser Dinige zu.
Immer noch aber setzen sich auch die fortschrittlichsten
Sexualhygieniker iiber die Fragen der Virginitat und Deflora-
tion hinweg. DaB hier eine ungeloste hygienische Frage vor-
liegt, ist nie bezweifelt worden. Im Gegenteil, die Defloration
ist in ihrer Bedeutung fiir die sexuelle Hygiene von Arzten
und Wissenschaftlern nie iibersehen oder verkannt worden.
Nervenarzte wie Breuer und Freud, Forel, Fiirbringer, Hoche
und Stekel haben in zahlreichen Krankengeschichten das
,,Trauma der Brautnacht" als Ursache fiir Erkrankungen er-
wahnt. Die Frauenarzte Falk, Neugebauer (in fiinfundsiebzig
Fallen), Rahm (in zehn Fallen), Schaffer und andre haben die
korperlichen Folgen brutaler Entjung.ferung (also nicht der Ver-
gewaltigung!) geschildert. Aber erst der Sozialhygieniker Al-
fred Grotjahn hat die psychologischen, hygienisehen und eu-
genischen Folgen der Defloration klar iibersehen. Er hat seine
Gedanken konsequent zu Ende gedacht: er hat die kiinstliche
Deflorierung durch den Arzt, etwa im Jahrei der ersten' Men-
struation, verlarugt. Aber er ist mit seiner Forderung allein
geblieben und hat weder in der Fachliteratur noch sonstwo
ein Echo gefunden (A. .Grotjahn, Soziale Pathologie, 2. AufL
Hirschwald, Berlin 1915; ferner in fHygiene der menschlichen
Fortpflan&ung', Urban und Schwarzenberg, Berlin 1926 und zu-
letzt ausfiihrlich in ,Eine § 218-Kartothek und ihre Lehren,
Metzner-Verlag, Berlin 1932).
Die Defloration tragt wie; alle entscheidenden Phaser* der
weiblichen GeschJechtsentwicklung (Menstruation, Entbindung,
Klimakterium) den Charakter einer blutigen und schmerzhaf-
tea Verletzung. Das Hymen ist keineswegs ein hauchzartes
Gewebe, sondern es ist ein Organ, d'essen Verletzung im ersten
Geschlechtsakt meist nur mit roher Gewalt moglich ist. Or-
gasmus ist mit Defloration unvereinbar, so daB das sexuelle
Leben der Frau mit einer ^Enttauschung beginnt. Diese Ent-
tauschung trifft sie um so mehr, je groBer der Widerstand ge-
wesen ist, je mehr Angst und Hemmungen iiberwunden wer-
den muBten, je starker die Liebesbereitschaft gewesen ist, die
der Defloration vorausging. Schmerz, Enttauschung, Krankung
des Selbstgefuhls, die Empfindungen eines besiegten, verletz-
tem, vergewaltigten Menschen, die Gefiihle der Rache und
Feindschaft gegen den ersten Mann, untermischt mitDankbar-
keit, endlich von der Last der Virginitat befreit zu sein, Schaf-
fen einen Seelenzustand, der viel haufiger zu Vaginismus, Fri-
giditat und lebenslanglicher Hysterie fiihrt, als gemeinhin an-
genommen wird.
19
Fur den Mann bedeutet die Defloration der Frau nur eine
Episode, die eingestandenermaBen in der Regel eine nicht sehr
angenehme Erinnerting hinterlaBt. .Fiir die Frau hingegen ist
sie ein einmaliges, tiefgehendes und aufwtihlendes Erlebnis,
das ihr die Bedeutung des Weibseins' zum BewuBtsein bringt.
Es soil nicht verkannt werden, wie weitgehend diese selbst-
qualerische Rolle dem Wesen der Frau eigentumlich. ist. Es
gibt viele Frauen, die mit ihrer Jungfernschaft einen Kult trei-
ben und sie dem Manne in der bisher iib lichen Form zum
Opfer zu bringen wunschen:. Grade bei die sen Frauen fiihrt
dann der befriedigte Masochismus zu Horigkeit und willen-
loser Abhangigkeit. Diese Reaktion ist. die typische der biir-
gerlichen Frau. Sie folgt da mit nicht nur dem Wunsche des
Mamies sondern erfullt so vielleicht auch den ,,Sinn des Hy-
men'*. Denn welches ist die.biologische Funktion des Hymens?
Vielleicht ist es wirklich nur die Materialisation der masochi-
stischen Rolle, die die Frau nach der Defloration dem Manne
gegenuber spielen soil. Der heutige europaische Durchschnitts-
mann begreift unbewuBt diese Zusammenhange sehr gut. Im
Gegensatz zu den Primitiven und den Menschen der Antike,
die den Folgen und Gefahren der Defloration durch Tabu-
Vorschriften und Kulthandlungen auswichen, sieht der Euro-
paer in der Defloration sein geheiligtes Recht, das ihm allein
zusteht und das er als Gegengabe fiir seine lebenslangliche
Liebe fordert. Die Defloration ist ihm Besitzergreifung, Unter-
werfung, bedeutet ihm Voraussetzung fiir Ehe und Ehrbarkeit.
Die Frau reagiert darauf mit den Formen, die ihr Charakter
in der iburgerlichen Ehe annimmt: mit Stumpfsinn, Neurose
oder dem Gefiihl, ungliicklich und unbefriedigt zu sein. Die
kiinstliche Defloration konnte das Frauenleben entbrutalisie-
rent sie konnte ein weiterer Schritt zur Gleichberechtigung,
zur Reinigung und Befreiung des geschlechtlichen Lebens und
damit zur Entnieurotisierung iiiberhaupt sein.
Die Einwande, die gegen diese Art von Defloration er-
hoben werden konnen, liegen zum groBten Teil auf Gebieten,
die keine Diskussionsbasis bilden. Die Jungfrau gilt nun ein-
mal als Begriff der Reinheit, obwohl nicht einzusehen ist, wes-
halb sie reiner sein soil als ein andres Madchen oder weshalb
eine deflorierte Jungfrau nicht auch rein ibleiben kann. Kon-
fessionelle und politische Argumente (,,Judischer Geist er-
strebt Beschneidung deutscher Madchen") seien rechts liegen
gelassen. „Entzauberung und Rationalisierung der Erotik"?
Neht, sondem Zerstorung eines falschen Nimbus.
Ein Madchen, das vor der Defloration Angst hat, furchtet
nicht nur den korperlichen Vorgang sondern nahrt ihren Wi-
derstand aus vielen Quellen. Die kiinstliche Defloration macht
nicht alle Neurosen unmoglich — aber eine Kultur, in der es
mdglich ist, iiber kiinstliche Defloration zu sprechen und sie
auszufiihren, ist auf dem Wege einer freiheitlichen Ent wick-
lung; und im gut en Sinne so „enthemmt", daB auch viele andre
neurosenverursachende Momente von vornherein in WegfalL
kommen. Es sei auf den Kranz-ProzeB verwiesen und auf die
Rolle, die die Virginitat in diesem Milieu spielte.
20
AuBer den psychologischen gibt es noch hygienische und
eugenische Griinde, die Grotjahn veranlaBten, fiir die kiinst-
liche Defloration der heran'reifenden Madchen einzutreten, Ein
Vorfall, wie er sich in einer westdeutschen GroBstadt ereig-
nete, diene zur Veranschaulichung; Es erschien eine vierzehn-
kopfige Klasse von schulentiassenen Lyceumsschiilerinnen ge-
schlossen in der Sprecbstunde eines Arztes, urn sich, zu "eier
ihrer Schulentlassung Scheidenocclusiv-Pessare emr-' zu las-
sen, Nur zwei von den vierzehn Madchen erwiesen sich als bereits
defloriert. Allen andern konnte also nicht geholfen werden, weil
ein intaktes Hymen das Einsetzen eines Pessars unmoglich
macht. Da eine Defloration andrerseits memals im Koitus
condomatus ausgefiihrt werden kann, werden die jungen
Madchen, wenn sie nicht einfach entsagen wollen, die Gefahr
der Ansteckung und Schwangerung auf sich nehmen miissen,
die erwiesenermafien grade im ersten Geschlechtsverkehr un-
verhaltnismaBig groB ist Nichtausfiihrung der kiinstlichen De-
floration verhindert eine planmaBige sexuelle Hygiene, ver-
hindert die Bekampfung der Ansteckung, die grade fiir die
Frau jahrelanges Siechtum bedeutet, verhindert zweckmaBigen
Schutz vor unehelicher Schwangerschaft, treibt die Frauen zum
Abort mit alien seinen moglichen Folgen, zwingt zu unvoll-
kommenen und schadlichen Vorbeugungsmitteln, schafft psy-
chische und physische Qualen. Die kiinstliche Defloration
wiirde alle diese Gefahren beheben und ware in den Handen
des Arztes ein kleiner und harmloser Eingriff.
Der letzte Grund, der Grotjahn zur Forderung der artifi-
ziellen Deflorierung veranlafit hat, fiihrt iiiber den Rahmen der
individuellen Hygiene hinaus in das Gebiet der sozialen Hy-
giene und der Eugenik. Die Geschlechtskrankheiten sind
durch ihre Haufigkeit — rund eine Million behandlungsbedurf-
tiger Falle jahrlich in Deutschland — und durch ihren EinfluB
auf Qualitat und Quantitat der Nachkommenschaft zu einer
schweren Gefahr fiir die Volksgesundheit geworden. Trotz-
dem ist eine verniinftige Bekampfung moglich und aussichts-
reich, und zwar durch planvollen und der Allgemeinheit zu-
ganglichen Infektionsschutz, der mit der; Defloration beginnen
muB.
SdinipSel von Peter Panter
lWfan soil nichts tun, was einem nicht gemaB ist.
1V* *
Von dem ausgestreckten Zeigefinger des Kindes: „Ein Onkell"
bis: „Guck mal den da — wahrscheinlich ein siiddeutscher Burschen-
schafter!" ist es ein langer Weg in der Menschenbeobachtung. Nur
haben die Babys meist mehr Instinkt als di« Erwachsenen,
*
Ein Film . . . Was kann das schon sein, wenn es die Zensur er-
laubt hat!
*
Schlange vor dem Schalter, Alles geht, wenn auch langsam, so
doch regelmaBig; du ruckst voran. Bis der Mann vor dir heran-
21
kommt, Der Mann vor dir macht stets ungeahnte Schwierigkeiten, cr
will Herrn Eisenbahn personlich sprechen und braucht fiir sich allein
so vicl Zeit wie alle andern Vormanner zusammen, So ist das Leben.
Die meisten Hotels verkaufen etwas, was sie gar nicht haben:
Ruhe;
Dieser Schriftsteller schreibt einen laufigen StiL
Was herauskommt, wenn ein Kunstvermittler sagt: „Ich hab mir
gedacht , , .", ist meist der Erfolg vom vergangenen Jahr, nur etwas
plumper,
Wenn du liest: „Dem Dichter Potschappel ist der groBe Bananen-
Preis zuerkannt worden", so frage stets: Wer hat ihm den Preis ge-
geben? Das allein macht namlich erst seinen Wert aus.
Es ist ein Charakteristikum des Maschinenzeitalters, dafi die
meisten Menschen glauben, etwas Gutes geleistet zu haben, wenn sie
etwas geleistet haben. Sind die Regeln erfullt, so sind alle befriedigt.
Der Arzt hat operiert; der Richter hat terminmafiig ein Urteil gefallt;
der Beamte hat das Gesuch gepriift — sie haben das ReglementmaBige
getan. Was dabei herauskommt, ist ihnen vollig gleichgtiltig. nDas ist
nicht mehr meine Sache ..." Da keiner die Gesamtwirkung der kl einen
Teilarbeiten iibersieht und sie auch gar nicht iibersehn will, so bleibt
die Gesamtwirkung nur auf einem haften: auf dem Erleidenden, Die
andern haben ihre Pflicht getan.
Das schauerlichste Wort, das uns der marxistische Slang beschert
hat, ist das Wort von der „richtigen" Politik. Sie wissen es ganz genau.
*
Den Menschen aus der Seele zu schreiben — : das konnte eine
Aufgabe sein.
Aber daB wir den Kunstkaufleuten aus der Seele schreiben — :
das kann Gott nicht gewollt haben.
Da haben sie uns beigebracht, was ein Werkauftrag ist und was
ein Kauf ist und ein Kauf auf Abzahlung ... Es' hat sich ein neues
Geschaft herausgebildet.
Die Auftrage, die heute oft herausgehen und bei denen der Be-
stellende zunachst gar nicht daran denkt zu bezahlen, sind: Zwangs-
beteiligungen an Unternehmen, die der.Zwangsbeteiligte nicht kontrol-
lieren kann. Gehts gut, kann er vielleicht etwas Geld bekommen —
gehts schief, ist er der Lackierte, Oberschrift: die Usance.
it
Und gehts gut, so ist der Kapitalist ein tuchtiger Kerl, auch zeigt
dies, daB die Wirtschaft nicht auf private Initiative verzichten kann.
Gehts aber schief, so ist das ein elementares Ereignis, fiir das
natiirlich nicht der NutznieBer der guten Zeiten, sondern die All-
gemeinheit zu haften hat.
Wirf den Bankier, wie du willst: er fallt immer auf dein Geld.
*
Wenn ein Autofahrer einen umgefahren hat und er ergrelft dann
die Flucht, etwa ein blutendes Kind auf der LandstraBe hinter sich
lassend — : das nennt die Rechtsprechung Fiihrerflucht. Manche er-
klaren solch ein gemeines Verhalten mit einem plotzlich einsetzenden
22
Chock. Man sollte Fiihrerflucht stets mit Zuchthaus bestrafen. Ver-
antwortung muB sein — ein Autof ahrer ist doch kein Generaldirektor!
*
Vom Nationalstolz. Einem Norweger wurde in ^Copenhagen der
dicke, runde Turm gezeigt, in dessen Innern man auf eincr spiral-
formigen Rampe mit Pferd und Wagen hinauffahren kann. „Habt ihr
so etwas auch in Norwegen?" wurde er gefragt. „NeinM, sagte der
Mann aus Oslo beleidigt. ,,Aber wenn wir so einen Turm hatten,
dann ware er hoher und runder!"
DeutSCheS Theater 1932 von Herbert Ihering
r\er deutsche Biihnenverein hielt in diesen Tagen seine
Generalversammlung ab. Eine auBerordentliche General-
versammlung, die schleunigst einberufen worden war, um sich
zu den kiinstlerischen Grundlagen des Theaters zu bekennen,
die durch den BeschluB des preuBischen Landtags erschiittert
sind? Nein, die regulare Generalversammlung. Aber der
Biihnenverein benutzte gewiB das giinstige Zusammentreffen,
um diese Antrage in den Mittelpunkt der Verhandlungen zu
stellen und eine sorgfaltige, nach alien Seiten abgedichtete
Aktion einzuleiten? Nein, der Biihnenverein orakelte liber
Tariff ragen. Das Thema wurde an den Verwaltungsrat ab-
geschoben,
Deutsches Theater 1932: Auslander, darunter auch Oester-
reicher, und Juden sollen nicht mehr engagiert werden, Josef
Kainz und Girardi wiirden heute davongejagt, pazifistische
und destruktive Stiicke sind aus den Spielplanen zu entfernen
(destruktiv waren ()Die Rauber" und ,,Kabale und Liebe",
„Wozzek" und f,Judith", MDie Stiitzen der Gesellschaft" und
„Die Weber") — aber der Biihnenverein knobelt mit der Biih-
nengenossenschaft tiber die „NebenbeschaftigungM der Schau-
spieler. Provinzbuhnen werden die Subyentionen entzogen,
die stadtischen Regiefcheater sind gefahrdet, Biihnen ver-
krachen, die berliner Direktionen brechen zusammen, Gagen
werden oft nur gestottert, oft iiberhaupt nicht gezahlt, aber der
Biihnenverein will den „Schauspielern die einzigen noch halb-
wegs sichern Erwerbsmoglichkeiten verkiirzen: die Neben-
beschaftigung im Rundfunk und Tonfilm, Deutsches Theater
1932: Theaterskandale werden provoziert, wertvollen Kiinstlern
wird die Existenz abgeschnitten, aber die beiden groBen Organi-
sationen, die das Theater reprasentieren, der deutsche Biih-
nenverein und die deutsche Buhnengenossenschaft, konnen sich
nicht zu einer Aktion zusammenschlieBen. Man faselt vom
Kulturtheater, aber man versteht darunter nur die Erhaltung
der Betriebsformen, also der stadtischen und staatlichen Regie-
theater, An eine Kritik dieser Betriebsformen wird nicht ge-
dacht Den wahren Feind sieht man nicht, und wenn man ihn
sieht, wagt man ihn nicht zu nennen. Ministerialrate debattie-
ren. Ministerialrate schustern Paragraphen, Inzwischen wird
das, was durch diese Paragraphen gehtitet werden soil: das
Theater selbst, in Stiicke geschlagen.
Das groBe Schweigen. Die panische Angst. Das lahmende
Entsetzen, Man sieht etwas nahen, aber man ruft es nicht an.
Die alien Methoden sind abgenutzt. Proteste sind stumpf ge-
23
worden. Taktischc Matzchen haben keinen Sinn. Warum hat
niemand den Mut, ruckhaltlos auszusprechen, ,,was ist", und
damit eine neuc Situation, cine neue Tatsache zu schaffen?
Warum hat niemand die innere Freiheit nach alien Seiten, um
zu sagen: ,,Jawohl, es sind oft minderwertige auslandische
Stiicke eher gespielt worden als riskante deutsche, Aber das
geschah doch grade aus Angst vor denen, die jetzt die deutschen
Stiicke verlangen. Grade sie verhohnten und traten nieder
alles, was irgendwie nach einem modernen deutschen Drama
aussah. So haben sie selbst das Theater von der deutschen
Produktion abgeschnitten, Jawohl. es hat oft im Theater und
Film eine iibertriebene Auslanderei geherrscht, Aber doch nurf
weil man immer wieder die alten Routiniers bevorzugte und
vom deutschen Nachwuchs nichts wissen wollte, aus Furcht,
er konnte zu radikal sein. Und jetzt kommen dieselben Leute,
die das deutsche Theater zerstort haben, und stellen „Pro-
skriptionslisten" auf. Wir weigern uns, Theater nach schwar-
zen Listen zu fuhren."
Konnen die deutschen Intendanten so nicht sprechen, weil
sie von der Mehrheitszusammensetzung ihrer Parlamente ab-
hangig sind? Nur sie konnen so sprechen. Nur ihr Zusam-
nienschluB schafft eine Macht. Nur ihr Mut sichert ihnen wie-
der Autoritat. Warum ruft Tietjen nicht sofort alle Inten-
danten zusammen? Warum schweigt er? Es gibt nur zwei
Entscheidungen. Die deutschen Theaterfuhrer sagen offen, was
sie unter deutschem Theater verstehn und durchzusetzen ge-
denken, oder sie geben die Unmoglichkeit zu, heute noch
Staats- und Stadttheater zu fiihren, Dann wiirde die schon
durchlocherte Betriebsform der gemeinniitzigen Biihnen ihr
endgiiltiges, aber notwendiges Ende erreicht haben,
Deutsches Theater. 1932: Noch nicht einmal diese Entschei-
dung, noch nicht einmal diese Klarheit wird herbeigefiihrt.
Man schweigt. Man wartet ab. Man verliert die Initiative.
Das Handeln iiberlafit man den andern. Ministerialrate la-
vieren. Bureaukraten verhandeln. Gespenstersonate.
Ein HSrSpiel von Rudolf Arnheim
Cinnloser noch als bei Theater und Film ist beim Horspiel,
das ja nur einmal gesendet wird, die ubliche Art der Kri-
tik, die sich begniigt festzustellen, dafi Madame X trotz
kindhaften Charmes sich nicht ganz der Rolle einzuver-
leiben vermochte und daB der Regisseur Y mit feinsinniger
Hand den Intentionen des Dichters gefolgt sei. Um so not-
wendiger ftir den Rundiunk aber und leider noch fast nir-
gendwo geiibt ist eine kritische Beobachtung, die die einzelne
Sendung weniger als isoliert zu bewertendel Leistung sondern
als einen kleinen Baustein in der Entwicklung zur Funk-Form
hin sieht. GroBe Kunstwerke soil man hier noch nicht erwar-
ten, denn die konnen, wie wir vom Film her wissen, erst ent-
stehen, wenn eine gewisse Handwerkstradition, eine Formen-
grammatik geschaffen ist. Die gibt es beim Rundfunk erst in
Ansatzen. Um so spannender ist es, diese Zeit der Entdeckun-
gen, des Tastens und Versuchens wachsam zu verfolgen.
24
Die eigentliche Experimentierarbeit wird nicht so auf dem
Gebict des offiziellen MHorspiels" geleistet, das noch allzusehr
Thcatcrstiick mit ctwas Windmaschine im Hintergrund ist. Die
Avantgarde betatigt sich, wie auch beim Film, in lockeren,
von keiner durchgehenden Dramenhandlung gef esselten Formen,
etwa in den sogenannten literarischen Querschnitten, Diese
Versuche, Literaturwerke als Montagematerial fur einstiindige
Funkspiele zu verwenden, sind als Mittel literarischer Er-
ziehung nicht ungefahrlich, Auch ist die Moglichkeit zu freier
Erfindung und Gestaltung stark beengt, ahnlich wie wenn
man einen Film nicht aus selbstgedrehtem sondern bereits
fertig vorliegendem Material zusammenschneiden soil. Andrer-
seits verlangt der literarische Querschnitt ganz besondre Be-
weglichkeit und Wandelbarkeit der Form: dauernden Szenen-
wechsel, Ineinander von Rezitation und Biihnenhandlung, von
leibhaftigem Schauplatz und abstrakter Diskussion, von irdi-
schen Figuren und bloBen ,,Stimmen". Er liefert also die
reinsten .Eeispiele fiir die Eigenarten des Funkmaterials. Des-
halb sef'hier die „Verhexte Stunde", eine nakustische Mon-
tage" von Ernst Bringolf, besprochen; nicht weil es sich um
ein heraushebenswertes Spitzenwerk handelt sondern als ziem-
lich beliebig gewahltes Beispiel fiir eine werdende, von den
meisten Menschen ignorierte Kunst.
Bringolf verflicht drei Schauergeschichten, Meyrinks ,,Vio-
letten Tod" und nHeiBen Soldaten" und Maupassants „Horla"
zu einem Zopf. Wie drei durcheinander geratene Fortsetzungs-
romane — ein Verfahren, das den Horer je nach Tempera-
ment gespannt oder rasend machen wird, zum mindesten aber
neu und sehr amiisant ist. Die Moglichkeit zu blitzartigem
Szenenwechsel teilt der Rundfunk einerseits mit dem Film,
andrerseits mit der Literatur. Keinerlei Umbau ist notig, der
Sprecher kann vorm Mikrophon stehen bleiben und behaup-
ten, er sei jetzt in Chicago, im nachsten Augenblick in Paris.
Nur besteht die Schwierigkeit darinf dies den Horer glauben
und verstehen zu machen. Beim Film setzt auch der plotz-
lichste Wechsel des optischen Schauplatzes den Zuschauer
sofort ins Bild, im Roman laBt sich mit vier, fiinf Wor-
ten viel Orientierungsarbeit leisten. Der Rundfunk aber als
ein Klingen sparlicher, zunachst anonymer Stimmen und Ge-
rausche vor einem blindschwarzen Hintergrund muB dem Ho-
rer erst klar machen, daB iiberhaupt ein Schauplatzwechsel
vollzogen sein soil. Daher ist eine geschickte Oberblendungs-
technik notwendig. Bringolf bedient sich da, wie iiblich, der
Musik; genauer gesagt: musikalischer Gerausche — einer
Zwischenform, die fiir den Rundfunk sehr charakteristisch ist.
Die Naturgerausche werden stilisiert, indem sie auf Instru-
menten nachgeahmt werden: das Saxophon lacht, die Posaune
stohnt, Triangel und Geige klingeln. Dadurch wird der Hor-
schauplatz ganz im Sinne der parodistisch-spielerischen Spuk-
geschichten entwirklicht. Die Gerausche sind einerseits kon-
kret schauplatzbezeichnend, andrerseits nur symbolisch-
abstrakte Begleitmusik, so daB sie beispielsweise, wie die
Praxis zeigt, ohne weiteres in einen Praetereritumsbericht ein-
gefiigt werden konnen, ohne daB ein Stilbruch, ein Widerspruch
25
in der Vorstellung, entsteht. Klangsymbolisch wie in den
Micky-Maus-Filmen wird die Gerauschmusik etwa in der fol-
genden sehr lustigen Szene verwendet:
Weibliche Stimme: Patient machte vor zehn Jahren einen Typhus
durch, (Musikalischer Schnorkel,) Vor zwolf ' Jahren eine leichte
Diphtheritis. (Musikalischer Schnorkel,) Vater an Schadelbruch ge-
storben, (Pauke leise: bumm!) Mutter an Gehirnerschutterung. (Et-
was starker: Bumm!) Grofivater an Schadelbruch. (Bumm!) GroB-
mutter an Gehirnerschutterung. (Bumm ! ) Der Patient und seine
Familie stammen namlich aus Bohmen, (Saxophon: Huahuahuahuahua!)
Behind ■ — Temperatur ausgenommen ■ — ■ normal. (Saxophon lacht.)
Nun ein Beispiel fur die Oberblendungstechnik:
Stimme: . . . ich will dir mitteilen, was ich von dem Tibetaner
erfahren habe: etwa zwanzig Tagereisen von hier befindet sich, am
Himavat, ein ganz seltsames Stuck Erde, Es soil dort ein Tal geben,
dessen einziger Zugang durch giftige Gase abgesperrt ist, Gase, die
ununterbrochen aus der Erde dringen und jedes Lebewesen, das pas-
sieren will, augenblicklich toten. In der Schlucht selbst soil ein
kleiner Volksstamm leben, mitten unter iippigster Vegetation, der
rote spitze Miitzen tragt und ein bosartiges satanisches Wesen in
Gestalt eines Pfaues anbetet, (Glucksende, gurgelnde Gerausche.)
Lache nicht, Jaburek! Sondern hore: dieses teuflische Wesen also
soil die Bewohner im Laufe der Jahrhunderte die schwarze Magie
gelehrt und ihnen Geheimnisse geoffenbart haben, die einst den gan-
zen Erdball umgestalten werden , . , Das hat ihnen angeblich auch
eine Art Melodie beigebracht, die den starksten Mann augenblicklich
vernichten kann. (Amalan-Motiv, iibergehend in exotische Musik,
die anhalt.) Ich gedenke nun, mit Hilfe von Taucherhelmen und
Taucherglocken die giftigen Stellen zu passieren, um ins Innere der
geheimnisvollen Schlucht einzudringen. Wenn du mich begleiten
willst, so komm! (Musik naher und starker, halt etwas an,) Ah — -
der Tibetaner hat nicht gelogen: sieh — da unten liegt das seltsame
Tal!
Dieser Bericht, zugleich ein Beispiel fur die charakteristi-
schen Monologformen des Rundf unks, springt also iiber eine Zeit-
und Raumspanne von zwanzig Tagereisen. Die exotische Mu-
sik, nicht so sehr aus einem wirklichen Theater-Tibet schal-
lend als yielmehr bloBe abstrakte Begleitung zum Novellen-
text, macht dennoch durch ihr plotzliches Anschwellen und
Sich-Annahern die Verschiebung des Schauplatzes, ahnlich wie
bei der fahrenden Filmkamera, hinreichend deuilich. Das
gerauschbegleitete Erzahlen, eine Mittelform zwischen re-
portagehaftem Bericht eines ,,Augenzeugen" und einem rezi-
tierten Stuck Literatur, gibt eine gute Probe des reizvoll
Schwebenden, Unbestimmten, das so sehr zur Eigenart des
Rundfunks gehort und das man bewuBt hervorheben soil, statt
dem blinden Horer mit Gewalt eine solid gezimmerte Erden-
welt vors Ohr zaubern zu wollen.
Das Amalan-Geschrei, ebenso wie der Horla-Ruf, wird
durch Instrumente imitiert. Hinzukommt das Trompetensignal
des heiBen Soldaten. So hat jede Geschichte ihr akustisches
Leitmotiv, das einerseits die Zugehorigkeit jeder Szene signal-
maBig bezeichnen hilft und also das Verstandnis erleichtert, an-
drerseits den Sprechtext zu einem farbigen Klanggebilde er-
weitert.
SchlieBlich sei als ein Beispiel fur die Auflosung der
Prosaerzahlung in ein Stimmen- und Gerauschgebilde der An-
26
fang des Horspiels wiedergegeben. Die Stimmen sind nur als
mannliche oder weibliche und durch ihren Gefiihlston charak-
terisiert, sonst ganzlich abstrakt. Das Tacken des Telegra-
phen untermalt nur. Das Durcheinander der Rundfunknach-
richten dann hat konkrctercn Charakter und wirkt trotzdcm
nicht als Stilbruch gegenuber der Einleitungsszene: das Rund-
funkmaterial ist ebcn wundervoll biegsam. Dies Ineinander-
schwimmen von Hilferufen aus alien Kontinenten, anschauliche
Gestaltung eines Welt-Schicksals, ware liiemals auf dem The-
ater und kaum im Film moglich. Bei der berliner Sendung
(Regie: Edlef Koeppen) wurde, um es zu erzielen, mit Schall-
platten gearbeitet,
(Als Auftakt eine Art „Ouvertiire", in der die einzelnen Haupt-
motive des ganzen Ablaufs vorhanden sind. Ubergehend in eine
leise, flimmernde, exotische Musik, aus der Tacken und Tuten von
Telegraphenapparaten hervordringt. Dieses ununterbrochen iiber die
ganze Szene, wie es gebraucht wird.)
Stimme (erregt): Die Jndian Gazette', die die Veroffentlichung
des Falles „Sir Roger Thornton" brachte, erschien heute um voile
drei Stunden spater als sonst . . ,
Stimme: Ja. — Ein seltsamer und schreckenerregender — Zwi-
schenfall tragt Schuld an der Verzogerung: Mr, Birandranath, der
Redakteur des Blattes, und zwei Unterbeamte sind aus dem Arbeits-
zimmer spurlos verschwunden, (Tacken.)
Siimme: Ja, — Drei blauliche, gallertartige Zylinder standen an
ihrer Stelle auf dem Boden und mitten zwischen ihnen — lag das
frischgedruckte Zeitungsblatt. — Aufierdem — (starkes Tacken)
Stimme: Aufierdem verschwanden zu Dutzenden die zeitungs-
lesenden und gestikulierenden Menschen vor den Augen der entsetz-
ten Menge, die aufgeregt die Strafien durchzieht. — Zahllose vio-
lette Pyramiden stehen umher , . . wohin das Auge blickt , , ,
Stimme: . . . und: am Abend — ist Bombay halb entvolkert , . .!
(Das vielfache Tacken der Telegraphen wird stark, Musik geht
leise zischelnd mit. Die folgenden Stimmen kommen von verschie-
denen Mikrophonen, erst eine nach der andern, allmahlich durch-
einander fliefiend.)
Stimmen: Hier Bombay! . . . hallo! . , . hier Bombay! . . . Sir
Roger Thornton! — Es ist ratselhaft; — Der violette Tod . , .
Hallo!,.,
Hallohallo! . . , Der violette Tod...! Die Indian Gazette tot!...
Alloallo! ... alloallo! Radio. Budapest! ... Ratselhafter Fall
Thornton! ... Tod! Achtung! Achtung! Berlin! ... Achtung Berlin!
. , . was ist mit Thornton . . .? alio!:' . . , Radio Paris! . . . Der violette
Tod! . . . alio . . . alio!
Halloooo! , . . Radio Moskau! . . . Halloooo! , , , (Musik zum
nachsten:) Sir Thornton! Der violette Tod in Bombay.,. Furchtbare
Katastrophe ...
Hallo . . . Radio Rom , . , ' Eine neue Sintflut . . . Hallo . , . Sir
Thornton . . .! Hallo! . , . hallohallo I hallohallo! hallo! . . . hallohallo!
,.. hallo! (Musik wachst allmahlich zum chaotischen Furioso, verliert
sich auf dem Hohepunkt in einem klagenden Winseln. — Tiefe Stillel)
Stimme (zaghaft einsetzend) : Aus alien Landern verkiinden
Schreckensbotschaften, dafi der violette Tod fast uberall gleichzeitig
ausgebrochen ist und die Erde zu entvolkern droht, Alles hat den
Kopf verloren und die zivilisierte Welt gleicht einem Ameisenhaufen.
. . . (Das Tacken und die Hallo*Rufe noch einmal leise, wie unter-
druckte Hilfeschreie.)
27
DaS HerZ im Spiegel von Erich KSstner
F^er Arzt noticrte eine Zahl.
Er war em griindlicher Mann,
Dann sprach er streng: MIch durchleuchte Sic mal"
und schleppte mich nebenan,
Hier wurde ich zwischen kaltem Metall
zum Foltcrn aufgestellt.
Der Raum war finster wie cin Stall
und auBerhalb der Welt.
Dann knisterte das Rontgenlicht.
Der Leuchtschirm wurde hell.
Und der Doktor sah mit ernstem Gesicht
mir quer durchs RippenfelL
Der Leuchtschirnn war seine Staffelei.
Ich stand vor Ergriffenheit straram.
Er zeichnete eifrig und sagtef das sei
mein Orthodiagramm.
Dann brachte er ganz feierlich
einen Spiegel und zeigte mir den
und sprach: „In dem Spiegel konnen Sie sich
Ihr Wurzelwerk ansehn."
Ich sahf wobei er mir alles beschrieb,
meine Anatomie bei Gebrauch.
Ich sah mein Zwerchfell im Betrieb
und die atmenden Rippen auch.
Und zwischen den Rippen schlug sonderbar
ein schattenhaftes Gewachs,
Das war mein Herz! Es glich aufs Haar
einem zuckenden Tintenklecks.
Ich muB gestehn, ich war verstort.
Ich stand zu Stein erstarrt.
Das war mein Herz, das dir gehort,
geliebte Hildegard?
LaB uns vergessen, was geschah,
und mich ins Kloster gehn,
Wer nie sein Herz im Spiegel sah,
der kann das nicht verstehn.
Kind, das Verniinftigste wird sein,
daB du mich rasch vergiBt,
Weil so ein Herz wie meines kein
Geschenkartikel ist.
28
Bankensanierung II von Bernard citron
M ach Angaben, die der friihere Reichsfinanzminister Dietrich
1N im HaushaltsausschuB des Reichstages gemacht hatf betrug
der Gesamtaufwand fur die Bankensanierung elfhundert Mil-
lionen Mark, zu dem noch vierhundert Millionen Mark Reichs-
garantie fiir die Auslandsschulden der Danatbank traten. Die
Reichsverluste bezifferte Dietrich mit dreihundertdreiBig Mil-
lionen Mark, die aus der Zusammenlegung der Dresdner-Bank-
Aktien und der Hergabe von Schatzanweisungen resultieren.
Ferner meinte er, dafi das Reich durch Burgschaften in Hohe
von fiinfzehn Millionen Mark in Anspruch genommen werden
konnte. Wenige Monate spater hat sich bereits gezeigt, daB
diese Verlustschatzung viel zu niedrig gegriffen ist. Erstens
konnen auch jene Ankurbelungskredite kaum jemals zuriick-
gezahlt werden, zweitens hat das Reich, das Aktien der
GroBbanken in Hohe von einhundertsiebzig Millionen uber-
nahm, effektive Kursverluste zu verzeichnen, Der Kurs der
Dresdner-Bank-Akiien belauft sich nach erfolgter Zusammen-
legung auf sechzig Prozent, der der Commerzbank-Aktien auf
dreiundfiinfzig Prozent. Man kann in diesem Falle auch nicht
sagen, daB bei einer dauernden Beteiligung des Reiches der
Marktpreis keinen objektiven Wertmesser darstellt. Das Reich
hat namlich erklart, daB es sich von seinem Besitz, wenn
irgend moglich, spater wieder trennen will, was naturgemafi
auf der Basis des Borsenkurses geschehen muB. AuBerdem
zeigt der Kurs deutlich an, daB nach Ansicht der am Wert-
papiergeschaft interessierten Bankkreise die Aktien auch nach
der Sanierung nur eincn Wert von sechzig und dreiundfunfzig
Prozent reprasentieren. Diese Kreise diirften sich in ihren
Schatzungen kaum derartig tauschen, daB diese Kurse als zu
pessimistisch angesehen werden konnten.
Den wesentlichen Bestandteil der Bankensanierung bil-
dete aber die Abschreibung auf Debitorenkonten. Bekanntlich
haben einige Institute — besonders die Darmstadter und Na-
tionalbank — Kredite an die Industrie in viel zu groBzugiger
Weise gewahrt. Darunter befanden sich solche Schuldner, die
wie die Norddeutsche Wollkammerei in der Zwischenzeit
ganzlich zahlungsunfahig geworden sind, aber auch andre,
deren Betriebe weitergefiihrt werden und die dennoch nicht in
der Lage sind, ihre Konten abzudecken* Auch solche Gesell-
schaften und fiihrende Personlichkeiten der deutschen Wirt-
schaft, die heute noch in der Industrie eine Rolle spielen, ver-
mogen nicht, ihren Verpf lichtungen restlos nachzukommen. In
zwei bekannten Fallen — Hapag-Lloyd-Union und Flick-
Konzern — hat das Reich selbst die Schuldner gestiitzt. Die
Hilfe ist also nicht den Banken direkt sondern mittelbar auf
die Weise gewahrt worden, daB sich die Debitoren gebessert
haben. Hiermit soil durchaus nicht gesagt werden, daB ein
Verlust, der aus der Illiquiditat der beiden genannten Schuld-
ner entstanden ware, die betroffenen Banken ruiniert hatte.
Ein groBer Teil der stillen Reserven ware aber zweifellos auf-
gebraucht worden, und noch einige derartige Falle wiirden ge-
29
ntigen, um neue Schwierigkeiten auch bei den Bankcn herbei-
zufiihren.
Von einer Reihe von Schuldncrn, die sich eines guten
Rufes erfreuen und dennoch nicht zahlen konnen, haben die
Banken Aktien iibernommen, die zum Teil als Deckungsunter-
lage fiir die Bankkredite gedient hatten, zum Teil aber auch
zur Vermeidung von akuten Schwierigkeiten bei diesen Schuld-
nerfirmen den Banken zur Verfiigung gestellt worden sind. Eine
borsenmaBige Verwertung solcher Aktien ist heute und in ab-
sehbarer Zeit weder im In- noch im Auslande denkbar. Um
aber die Liquiditat der Banken zu erhalten, will man jetzt dazu
tibergehen, diese Wertpapiere in ein gemeinsames Unterneh-
men einzubringen, das den Instituten die Moglichkeit gibt, sich
durch ihre Beteiligung zu finanzieren. Die zu andern Zwecken
gegriindete Bank fiir Industriewerte wird ihr Kapital auf fiinf-
zig Millionen Mark erhohen und Aktien bis zum Hochstbetrage
von zweihundertfiinfzig Millionen Mark aus den Bestanden der
Banken ubernehmen. GewiB gewahrt diese Griindung einige
technische Vorteile. So konnen die Banken ihre AuBenstande
und Beteiligungen besser kontrollieren, wenn ein Oberblick
iiber die Gesamtengagements moglich ist. Ferner besteht die
Aussicht, durch das Zusammentragen groBerer Aktienposten
geschlossene Pakete im Portef euille der Bank fiir Industriewerte
zu schaff en, die einen starkern EinfluB auf die Gesellschaften
ausiiben als die Einzelbestande der Institute, SchlieBlich aber
verfolgt die neue Bank fiir Industriewerte, die neben den
GroBbanken auch die groBern Privatbankfirmen umfassen soil,
den Zweck, eingefrorene Debitoren in liquide Mittel zu verwan-
deln. Dies ist aber nur dann moglich, wenn die Bank fiir In-
dustriewerte in der Lage ist, entsprechend den Beteiligungen
der einzelnen Institute Kredite zu gewahren, Diese Kredit-
gewahrung auf Grund der eingebrachten Aktien kann nicht aus
der Luft geschopft werden sondern wird selbstverstandlich mit
Hilfe des Reiches oder der Reichsbank geschehen. Man sieht
also, dafi die Banken auch heute noch nicht in der Lage sind,
ohne staatliche Eingriffe ihren Betrieb zu fiihren. Selbst wenn
man unterstellen wollte, daB die wirklich faulen Debitoren be-
reits restlos abgeschrieben und neue Verluste nicht zu erwar-
ten sind, so fehlt es doch an fliissigen Mitteln, die jene neu-
erworbenen Beteiligungen auf natiirlichem Wege nicht her-
geben. Man hat geglaubt, daB die Banken nach der Sanierung
in einem aufs Neue hergerichteten und gut fundamentierten
Hause leben, und dennoch muB jetzt ein weiterer Stein in das
Gebaude der deutschen Finanzinstitute eingefugt werden.
Hoffentlich ist es der SchluBstein,
Zu dieser Reaktion von Ludwig Borne
Wenn, wie es in Deutschland oft geschieht, Gesetze in der Sprache
von Bef ehlen abgefafit werden, gewohnt man die Burger daran,
Gesetze als bloBe Befehle anzusehen, denen man folgt, nicht weil man
sie ehrt, sondern sie furchtet,
*
Sie wollen keine Prefifreiheit, weil sie glauben, der Wind drehe
sich nach der Wetterfahne.
30
Wochenschau des Ruckschritts
— In Berlin wurde infolge der letzten Notverordnung der Papen-
Regierung 180 000 Berlinern die Invaliden-, Witwen- oder Waisenrente
gekiirzt,
— Der sechsundvierzigste Aidelstag in Miinster hat dem Kabinett
Papen in einer EntschlieBung seinen Beifall bezeugt.
— Die Bilanz der ersten Wocbe nach der Aufhebung des SA-Ver-
botes zahlt 12 Tote und 38 Schwerverletzte.
— Die nationalsozialistische Regierung Anhalts hat zur Vorberei-
tung des Arbeitsdienstes Freiwillige im Alter von neunzehn bis zwei-
unddreiBig Jahren angefordert, „Militarische und technische Vor-
kenntnisse sind erwunscht/'
— Hakenkreuzler uberfielen den wiener Golfklub im lainzer Tier-
garten. Unter andern dort golfspielenden auslandischen Diplomaten
wurde auch der italienische Militarattache miBhandelt.
— Zwei Nationalsozialistent die den Chefredakteur der wiener
,Sonn- und Montagszeitung* wegen der Behauptung, der Vater Hitlers
habe ursprunglich Schiicklgruber geheiBen, mit der Hundepeitsche an-
gegriffen hatten, wurden zu 20 Schilling Geldstrafe verurteilt Ein
dritter Nationalsozialist wurde freigesprochen.
— Die verantwortlichen Redakteure der .Berliner Volkszeitung',
der .Leipziger Volkszeitung', der ,Breslauer Volkswacht fur Schlesien
und der ,Berliner 12 Uhr MittagszeitungV wurden zu je drei Monaten
Gef angnis - verurteilt wegen ihrer Behauptungen liber die Tatigkeit des
nationalsozialistischen Abgeordneten Rosenberg wahrend des Krieges
in Paris . Die betreffenden Blatter hatten im wesentlichen nur die An-
gaben einer pariser Zeitschrift wiedergegeben.
— An einer voni ArbeitsausschuB Deutscher Verbande abgehaltenen
Versailles-Kundgebung, in der Professor Draeger gegen die sogenannte
Kriegsschuldluge sprach, nahm der Reichsinnenminister* Freiherr von
Gayl teiL Die auf Schallplatten ' auf genommene Rede Professor Drae-
gers wurde am Abend von alien deutsqhen Rundfunksendern wieder-
gegeben. Am selben Tage, dem Tage der Unterzeichnung des Versail-
ler Friedensvertrages, sprach der Stahlhelmfuhrer Seldte im Rundfunk.
Die Sender von Bayern und Wiirttemberg schlossen sich von der Uber-
tragung dieser Rede aus,
— In der Technischen Hochschule wurde unter Mitwirkung der
Polizei, der Feuerwehr, des Rettungsamtes, der Berliner Verkehrsgesell-
schaft und der technischen Nothilfe eine Luftschutziibung veranstaltet,
— Im PreuBischen Landtag wurde ein von der nationalsozialisti-
schen Partei eingereichter Antrag angenommenf wonach an den Staats-
theatern Vertrage mit nichtreichsdeutschen oder nichtdeutschstammi-
gen Buhnenktinstlern zu ktindigen und nicht zu erneuern sind, Vertrage
mit solchen Buhnenktinstlern kunftig nicht abzuschlieBen sind und
Buhnenstiicke antinationaler, pazifistischer oder sittlich destruktiver
Tendenz nicht mehr zur- Auffiihrung gebracht werden sollen, Bereits
vorher hatten die berliner Staatstheater alle Vertrage mit judischen
Schauspielern, mit der einzigen Ausnahme von Frau Eleonore von
Mendelssohn, gekiindigt.
— Der nationalsozialistische Film „Horridoh Lutzow" geht seiner
Vollendung entgegen. Der Chinesenfilm ,,Der Racher des Tong" wurde
von der Filmprufstelle Berlin verboten, da er eine entsittlichende und
verrohende Wirkung ausiibe. Der deutsche Film „Der Morder Kara-
masow" wurde in London verboten. Es wurde unter anderm beanstan-
det, daB Vater und Sohn sich in dieselbe Frau verlieben. In Amerika
wurde der Film „Madcben in Uniform" verboten, weil er die Moral
untergrabe, verrohend wirke und zu Verbrechen anreize,
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen. '
31
Bemerkungen
Das verwirklichte Dritte Reich
In der letzten Zeit steigert der
italienische Fascismus seinen
grausamen Terror. Mehrere Male
in der Woche tritt nun das ,,Son-
dergericht zum Schutze des Staa-
tes" zusammen, um £trafen von
ungeheuerlichem AusmaB gegen
„Feinde des Regimes" zu verkiin-
den. So brachte der Prozefi gegen
den Attentater Bovone allein ein
Todesurteil und zweihundert
Jahre Kerker. Strafen von fiinf-
zehn bis dreifiig Jahren Zuchthaus
sind die Regel. Dabei handelt es
sich in der Mehrzahl nicht um Be-
strafung irgendwelcher Delikte
sondern um Urteile gegen t)ber-
zeugungs„verbrecher". Anti-
fascistische Propaganda wird mit
Freiheitsstrafen geahndet, die
einem hinausgeschobenen Todes-
urteil gleichkommen.
Die Ursache fiir diese Verschar-
fung des Terrors liegt in der
Wirtschaftskrise, die auch die
„f ascistische Ordnungszelle Italien"
in immer starkerem MaBe erfaBt,
Wenn irgendwo, so zeigt sich hier
das vollstandige Versagen des
Fascismus, Das italienische Volk
hat sich seine Freiheit • rauben
lassen in der stillen Hoffnung, fiir
seinen Verrat an sich selbst we-
nigstens sein Linsengericht zu er-
halten. Diese Spekulation der
Feigheit hat sich als falsch erwie-
sen. Der italienische Arbeiter
hungert. Das mag das Biirgertum
nicht beunruhigen. Denn die Her-
abdnickung des Niveaus der Ar-
beiterschaft, ihre vollstandige
Versklayung ist ja das eigentliche
Ziel des Fascismus, mag es auch
noch so sehr mit vaterlandischen
Phrasen verbramt sein, Doch auch
der italienische Mittelstand geht
zugrunde. Im "Marz 1932 gab es
1668 Bankrotte, im April bereits
1793. Das Wirtschaftsleben ver-
sandet. Und nur einige Grofi-
finanziers, GroBgrundbesitzer und
der Klerus sind die Nutzniefier
des Regimes. Selbstverstandlich
im Verein mit der Kohorte der
fuhrenden Manner des Regimes
und mit der Meute der kleinen
Mitlaufer; Milizsoldaten, Ovra
32
(politische Geheimpolizei) , Spitzel,
die inmitten der allgemeinen Not
ein bevorzugtes Leben fuhren.
Die Wirtschaftskrise riittelt an
den Grundlagen des Regimes. Die
Staatsschuld ist seit dem Tage, da
Mussolini die Macht an sich rifi,
von 78 auf 92 Milliarden gestie-
gen, ein Beispiel fiir die Mspar-
same Wirtschaft", die der Fascis-
mus tiberall verspricht. Das offi-
ziell zugestandene Budgetdefizit
fiir das laufende Jahr betragt 1750
Millionen Lire, durfte aber in
Wirklichkeit noch hoher liegen.
Das gesamte Wirtschaftsleben ist
in unaufhaltsamem Verfall. Hier
einige Ziffern nach dem Bericht
des Direktors der Nationalen Ver-
sicherungskassen Medolaghi, der
gewifi nicht zu ungunsten des Re-
gimes gefarbt ist. Im Marz 1932
betrug die Zahl der Erwerbslosen
1 053 016. Davon erhielteh nur
248 000 eine Unterstiitzung. Die
ubrigen mogen sehen, wie sie sich
durchhungern. Gegeniiber dem
Vorjahr weisen alle Wirtschafts-
zweige ein Anschwellen der Ar-
beitslosigkeit auf, verbunden mit
einem Riickgang der Produktion.
Auf den Eisenbahnen in den
ersten vier Monaten des Jahres
1932 ein Riickgang der Menge der
beforderten Guter um zwei Mil-
lionen Tonnen gegeniiber der glei-
chen Zeit des Vor jahres. In den
Hafen ein wachsendes Sinken des
Umschlags. Mit Ausnahme der
Bleiproduktion weist die gesamte
Industrieproduktion eine starke
Abnahme auf. Der AuBenhandel
schrumpft zusammen und wenn
das Passivum nicht wesentlich
wachst, so geht dies darauf zu-
riick, dafi das immer kapitalarmer
werdende Land einfach nicht in
der Lage ist, neue Giiter zu be-
ziehen. Die ersten vier Monate
des heurigen Jahres zeigen eine
Schrumpfung der Einfuhr von
4t169 Millionen Lire (in der glei-
chen Zeit des Vorjahres) auf
2,991 Millionen Lire. Auch die
Ausfuhr sank um fast genau eine
Milliarde von 3204 Millionen auf
2226 Millionen Lire,
Eines der Hauptargumente
Mussolinis fiir den ,,Platz Italiens
an der Sonne" war der Hinweis
auf den wachsenden Bevolke-
mngsiiberschufi, nGebt uns Raum
oder wir miissen explodieren",
rief Mussolini aus, Die Tatsachen
zeigen, wie sich unter dem ,,auf-
geklarten Absolutismus" der fas-
cistischen Diktatur die Bevolke-
rung vermehrt. In den ersten vier
Monaten des laufenden Jahres
wurden 92 729 Ehen geschlossen
gegeniiber 102 656 in der gleichen
Periode des Vorjahres. Die Ge-
burtenziffern weisen einen stan-
digen Riickgang auf: 351 257
gegeniiber 373 763 in der gleichen
Periode des Vorjahres und 393 733
im Jahre 1930. Wohlgemerkt in
einem Lande, das Pramien fiir die
Vermehrung seines Menschen-
materials aussetzt. Umgekehrt ist
eine Steigerung der Todesfalle zu
konstatieren: Von 194 344 ^m
Jahre 1930 auf 229 778 im Jahre
1931. Das ist die fascistische Be-
volkerungspolitik in der Praxis.
K. L. Reiner
Geistesfreiheit in Polen
J7in derartiges Paradoxon kann
" eigentlich nur Bernard Shaw
unterlaufen: Sein neuestes, pazi-
fistisches Theaterstiick, dessen In-
halt viel zu schon ist, um Wirk-
lichkeit zu werden, fand ausge-
rechnet in einem Lande, dessen
„pazifistische" Gesinnung alien
wohlbekannt ist, begeisterte Auf-
nahme, Die neueste Komodie des
groBen Iren, betitelt „Zu schon,
um wahr zu sein", geifielt mit un-
barmherziger Satire die Politik
der imperialistischen Staaten. Zur
Premiere erschienen die polnische
Regierung, die Mitglieder des di-
plomatischen Korps, die mit fre-
netischem Beifall den Schauspie-
lern dankten. Aber am' Tage dar-
auf war die Begeisterung der Re-
gierungsmitglieder bereits ver-
flogen, die auslandischen Diplo-
maten erhoben Mhohern Ortes"
Vorstellungen, man moge einzelne
Stellen des Stiickes verbietetL
Nach zwei Tagen erschien das
Stiick vom Zensor grausam vei-
stiimmelt und der witzigsten
Pointen beraubt. Der Eingriff des
Zensors hatte noch andre Folgen:
Alle kiinstlerischen Darbietungen,
die der Ideologic des gegenwarti-
gen Regimes nicht genehm waren,
wurden verboten. Das erzreaktio-
nare Organ Jllustrowany Kurjer
Codzienny' hetzte zum Angriff
gegen alle namhaften Schriftstel-
ler, die nicht die Kriegspropa-
ganda mitmachen wollen,
Einer der tiichtigsten Theater-
regisseure Polens, Leon Schiller,
Intendant des Stadttheaters in
Lemberg, wagte es, Tretjakows
,,Brulle China" zu inszenierea.
Das Stiick hatte einen unerhorten
Erfolg, aber nur beim Publi-
kum. Die lemberger Polizeibehor-
den lieB der Ruhm ihrer war-
schauer Kollegen nicht ruhen.
Was dem Shaw recht war, muBte
auch dem Tretjakow billig sein.
Man verbot nicht nur das Stuck
sondern verhaftete auch noch den
Regisseur.
Romain Rolland und Henri
Barbusse haben einen Aufruf
gegen den imperialistischen Krieg
verfaBt. Achtundsiebzig Intellek-
tuelle, Schriftsteller, Maler,
Schauspieler und Joui nalisten
kamen auf die ungliickselige Idee,
Sollen wir wieder einmal der Nachwelt das beschamende Schau-
spiel bieten, in unserer Gegenwart nicht erkannt zu haben,
dafi Worte unter uns gesprochen wurden, die unsere Nachkommen
als heiligstes Besitztum verehren werden!? — Soil erst „Lite-
ratur" werden, was uns heute als ursprungliche Verkundungf er-
reicht? — Wer das ntcht will, der ist vor sich selbst verpilichtet,
die Bo Yin Ra-Biicher kennen zu lernen. Bo Yin Ra, J. Schneider-
franken, gibt in diesen Buchern Aufschlflsse und Lehren, die
kein Anderer unter uns vermitteln kSnnte, weil kein Anderer
auch nur entfernt uber ahnliche Erfahrungen verfugt. Spatere
Geschlechter werden die Zeit beneiden, an die zuerst dieser Ruf
erging. Sein neuestes Buch hat den Titel „Der Weg meiner
Schuler", Es ist in jeder guten Buchhandlung erhaltlich. Preis
gebunden RM.6.— . Kober'sche Verlagsbuchhandlung (gegr. 1816)
Basel-Leipzig.
33
diesen Aufruf zu unterzeichnen.
Alle achtundsiebzig wurden ver-
haftet und sitzen bereits im Ge-
fangnis.
■■' Diese achtundsiebzig Verhafte-
ten reprasentieren die Bliite der
polhischen Intellektuellen. Die
nationalistische Presse tituliert sie
als Hochverrater und vaterlands-
lose Gesellen und bearbeitet die
offentliche Meinung, um fur em
besonders hartes Urteil gegen
diese Manner Stimmung zu
machen. Die Intellektuellen der
ganzen Welt, die vor dem Mili-
tarstiefel nicht zu Kreuze krie-
chen wollen, haben die Pflicht,
auch fur die Geistesfreiheit in
Polen einzutreten.
T. N. Hades
Neue Beleidigung
der Reichswehr
¥a einer vor wenigen Jahren ver-
* offentlichten Schrift lesen wir:
„Der Krieg ist ein klaglich, er-
barmlich Schauspiel; der Krieger
Stand und Wesen ist Rauberei
und Morderei." Geschrieben sind
diese Worte freilich vor fast 400
Jahren, von Sebastian Franck,
dem freiesten und vorurteilslose-
sten aller deutschen Reformato-
ren, in seinem ,fKriegsbuchlein
des Friedens", erschienen 1539.
Aber eine neue, stark verkurzte
(ubrigens sehr lesenswerte) Bear-
beitung von Doktor Klink (im
Verlag von Hermann Aupperle in
Schw.-Gmiind) gibt der Schrift
aktuelle Bedeutung und wendet
ihre Ausfiihrungen auf die Ge-
genwart an. Nach der Logik, die
Herrn Groener veranlafit hat, in
der AuBerung Tucholskys „Krieg
ist Mord, Soldaten sind Morder"
eine Beleidigung der . Reichswehr
zu sehen und Beleidigungsklage
zu stellen, miifite auch in diesem
Fall geklagt werden.
Ludwig Quidde
Es mufl doch etwas dran sein
YV/enn irgendeine Sache einen
** Massenerfolg hat und durch
die Zugkraft, die sie ausubt,
Leerraume erzeugt (auch in der
Seele und im Gehirn), stehen
immer ein paar isolierte Leute
34
nachdenklich herum und sagen:
Es mufi doch etwas dran sein,
Als der Rattenfanger durch Ha-
meln zog und die Minder jahrigen
aller Altersklassen jubelnd hin-
ter ihm herliefen, sagte ein Zu-
ruckgebliebener und wiegte an-
erkennend das Kopfchen: Etwas
muB doch dran sein . . .
Als der Weltkrieg ausbrach und
einen riesigen jubelnden Pre-
mierenerfolg hatte, standen etliche
Leute mit gelblichen Gefiihlen an
die Mauer gedriickt und fiiister-
ten: Es laBt sich nicht in Abrede
stellen, die grofie Zeit hat aller-
hand fur sich.
Eine Film-Literatur (ganz gleich
ob auf Zelluloid oder Papier)
mit siiften Harfentonen gaukeln-
der Wunschbilder, mit dem Luchs-
blick der Wirkung, mit einer
knorken Mache und einer geiibten
Disziplin, die nichts produziert,
als was jeder ihrer Millionen
Konsumenten, wenn er es konnte,
ebenso machen wurde, geht wie
eine Walze iiber den Geschmack
und den Geist — : eine Walze,
bitte, immerhin, es muB doch
etwas dran sein, dafl sie so viele
Millionen platt macht . , . (Nicht
umsonst sagt man: Da bist du
platt!)
Und wenn eine Bewegung, auf
die das bisher Gesagte sinngemafi
anzuwenden ist, - alles zusammen-
trommelt, was da dumpf und
rachegeladen, vermiekert, macht-
gierig und wunderglaubig ist,
fahrt vielen Leuten die Angs£ in
den Kopf, und sie sagen mit einer
Stimme, die vor Respekt stramm-
steht; Man mag dariiber denken,
wie man will, es mufi doch etwas
dran sein.
Ja, es ist etwas dran; schlimmer
als die blinden Anhanger sind die
Abgehangten. Angesteckt sein ist
schlieBlich keine Schande. Aber
die ,tObjektivitat'\ die vor dem
Erfolg achselzuckend resigniert,
mit einem scheuen, schiefen Blick
auf die Macht der Zahl, das ist
wohl das Widerlichste eines
geistigen Lasters, das lediglich
durch seine Impotenz ausgezeich-
net ist.
Diese gegen jeden Wert ge-
richtete miese Skepsis; „Es mufi
doch etwas dran sein" verrat mit
cinem feigen Achselzucken alles,
alles, was zu adelig istf um mas-
senhaft zu wirken; alles: in der
Politik wie in der Kunst. Jeden,
der einsam dasteht ; j eden, der
sich nicht nach dem niedersten
Plattkopf richtet ; j eden, der in
der Stille das Kreuz seiner Auf-
gabe tragt; jeden, der sich nicht
unter die Walze wirft oder sie
dirigiert. Jeden, der dem flach-
machenden Erfolgdemokratismus
widersteht.
Die Walze kommt. Es mufi doch
etwas dran sein, murmelten zo-
gernd die Ob j ektiven, und da
lagen sie schon bauchlings unter
ihr> N. 0. Kent
Das Bild
r^ie franzosische Sektion der
*-^ Heilsarmee wollte in ihrer
Zeitung ,En Avant' ein Bild ihrer
barmherzigen Tatigkeit geben.
Also veroffentlichte sie die Ori-
ginalphotos eines ihrer Schlaf-
sale, wo Arbeitslosen von Solda-
ten der Heilsarmee ein Lager zu-
gewiesen wird, Und setzte, um
alien MiBverstandnissen vorzu-
beugen, darunter:
„Ce ne sont pas des bieres,
mais des couchettes!"
Keine Sarge, sondern Schlaf-
statten! Walter Mehring
Ein Weltschlagerhonorar!
Nachfolgend, im Originaltext, cine Ent-
gegnung auf Paul Elbogens „Lex Cohn" in
Niimmer 25.
^achdem vor 30 % Jahren der
* * groBte, bisher unerreichte
Schlagerprominent aller Zeiten,
„Der kleine Cohn" seine Gast-
spiele auf der groBen Weltbuhne,
dem gesammten Erdball begann
und sich, weder um Grenzen,
Rassen, Klassen etc, kiimmernd,
die groBe Internationale gemein-
samer Frohlichkeit schaffend,
sich wenn auch jetzt mit lange-
ren Pausen bis heute darauf hal-
tend und nunmehr eine neue Ge-
neration durch Nekrologberichti-
gung wiederum erfuhr, daB ich
der Dichter dieses weltberuhmten
Couplets bin, hat der „kleine
Cohn" jetzt durch den Elbogen-
schen Artikel: „Lex Cohn" sei-
nen Einzug in diese „Weltbiihne"
gehalten,
Der mir gegeniiber in seinem
„Lex Cohn" durch eine herablas-
sende Geringschatzung meiner
Leistung von. einer besonderen
Produktivitat sprudelnde, aber
sonst wohl niemals produktiv her-
vorgetretene Herr E., welcher
leider den Punkt iiber welchen
er sich erlaubt so geringschatzig
zu schreiben, nicht einmal be-
herrscht, denn er weiB, was sonst
wohl allbekannt ist, nicht einmal,
daB Einodshofer der Vertoner des
„Cohn" ist, kann sich in Scha-
denfreude nicht genug tun, daB
„drei Zeilen beinahe meinen
Ruhm und einzigen Stolz vernich-
tet hatten, mich einmal durch Ver-
wertung der Idee eines Anderen*
dichterisch betatigt zu haben", da
ihm namlich unbekannt ist, daB
ich als blutjunger Mensch nicht
nur jahrelang der Brutstatje der
damaligen grofien Schlagererfolge,
dem j etzt leerstehenden Thalia
Theater fur die angeblich „selbst-
dichtenden" Direktoren Kren und
Schonfeld gegen Fixum u. Einzel-
honorierung, sondern auch fiir die
damaligen beriihmtesten Humori-
sten die zugkraftigsten Texte dich-
tete und mir Millionen Menschen
heitere Stunden verdankten, —
ALBERT EHRENSTEIN
In einer Zeit, die kaum noch weifi, was
ein Dichter 1st, wird dies Versbudrmlt
seinen Klagen und Anklagen, den kuhnen
Bekenntnissen zu alien Verlotkungen
des Geistes und Fleisdies, seinen
kleinen Liedern und mSchtigen Hymnen,
zum kostbarsten Besitz aller ethten
Freunde der Dichtung und Geistesfrelheit.
Soeben , ersdiienen
Durch jede Buchhandlung
Mein Lied
1900 — 1931 • Mit 8 lithographischen
Zcldinungen von Oskar Kokoschka
1000 numerlertc Ex cm pi are • 365 Seiten
Format 16X24 • lnterimspbd. RM 12.-
Halbpergamentband RM 18.—
ROWOHLT VERLAG BERLIN W 50
35
All er dings kann ich ihm nicht
verdenken, wenn er neidisch
schreibt, daB, wenn es mir ver-
gonnt war, die „Fruchte des gro-
Ben Wurfs" (des „kleinen Cohn")
jahrelang „geniefien zu konnen",
ich dann ruhig gestatten konne,
den Ruhm nunmehr einem An-
deren zuzuschreiben.
Die von Elbogen so beneideten
goldenen „Fruchte des groBen
Wurfs", das Honorar fiir den in
der ganzen Welt gesungenen, in
alle Spracheni ubersetzten Cou-
plets; „Hab'n Sie nicht den klei-
nen Cohn gesehn?" welches nicht
nur den Theatern voile Hauser,
dem Vertoner und Verleger Un-
summen, dann in vielen Variatio-
nen den Ansichtskarten- und
Gipsfigurenhandlern, den Spiel-
warenfabrikanten, den Humori-
sten und Vereinskomikern etc,
jahrelang Gelegenheit zum Ver-
dienst des gesamten Lebensunter-
halts gab, dieses Honorar war
allerdings beneidenswert u. rie-
senhaft, es betrug nach Abtretung
aller Rechte fur alle Lander und
alle Zeiten baare — zwanzig
Mark, welcher Betrag allerdings
dann nach einem gerichtlichen
Vergleich deshalb erhoht wurde,
~weil die ,,dichtendenv Direkto-
ren sich obendrein gern selbst
mit dem Ruhm des „Dichters"
schmucken wollten und nur den
Vortragenden und den Vertoner
benannten, nicht aber mich, den
Dichter, fiir die Riesenhonorie-
rung y. Mk: 20, — , und welche
ich derin nach und nach fur Be-
richtigungen ausgab, einfach nicht
auf den Druckexemplaren zu nen-
nen fiir gut befanden. —
Aus diesem Grunde wird es
wohl, der in seinen samtlichen
Voraussetzungen sich irrende
Herr Elbogen, welchen sein Ar-
tikel aber trotzdem mehr ein-
brachte, als mir den Dichter des
grofiten Weltschlager aller Zei-
ten, mir wenigstens giitigst ge-
statten, wenn ich bei Falschmel-
dung richtig stelle, daB ich der
Verfasser des Couplets; „Hab'n
Sie nicht den kleinen Cohn ge-
seh'n?" bin. —
Emil Rosendorff
Die Mutter der Kompagnie
Tn der kolner Stadtverordneten-
* sitzung vom 27. Juni kam es
zwischen den Rechtsparteien und
dem Zentrum zu einem Streit dar-
uber, welche Parteien eigentlich
fiir das Kabinett Papen verant-
wortlich seien. Der Redner der
Deutschnationalen, Doktor Heim-
soeth, beendete die unfruchtbare
Aussprache unter heiterer Zu-
stimmung des Spanischen Baus
schlieBlich mit einer Feststellung,
die trotz ihrer Paradoxic den
Nagel auf den Kopf traf. Er
sagte;
Ich stelle hiermit ausdriick-
lich fest, daB das jetzige
Kabinett Papen einzig und
allein aus dem SchoBe des
Herrn Reichsprasidenten ge-
boren wurde.
So, da wiiBten wir also, wer
die Mutter des Kabinetts ist.
Und der Vater?
Hinweise der Redaktion
Berlin
Arbeitsgemeinscbait marxistischer Sozialarbeiter. Frei tag 20.00. Sopbiensale, Sophien -
siraBe : Die Theorie von der Erhaltung und die Praxis von der Zerstorung der
Familie. Es sprechen Alice Ruhle-Gerstel und Felix Halle.
Bucher
Ernst Glaeser: Das Gut im Elsass. Gustav Kiepenheuer, Berlin.
LiH Korber: Eine Frau erlebt den roten Alltag. Ernst Rowohlt, Berlin.
Rundfunk
Dienstag. Berlin 16.05: Das Dramatische im Film, Herbert Ihering. — Donne rs tag.
Berlin 16.05: Menschenkenner, Stefan GroCmann. — 18.25: Heinrich Mann liest. —
20.45: Anabasis, Ernst Glaeser und Wolfgang Weyrauch. — Freitajr. Breslau 18.03:
So erwacht eine Millionenstadt, Georg W. Pijet, — Berlin 18,10; Von der bildendeu
Kunst, Adolf Behne. — Munchen 18.25: Kleiues Wirtschaftslexikon, Wolfgang Petzet.
36
Antworten
PreuBisches Finanzministerium, Die Staatsanwaltschaft hat Re-
vision gegen den Freispruch Ossietzkys eingelegt. Kannst du eine der-
artige unverantwortliche Verschleuderung von Steuergeldern dulden?
Oberbiirgermeister Kiilz, Dresden. Immer noch der Alte! Seit-
dem Sie durch Ihr Schund- und Schmutzgesetz einen sehr beacht-
lichen Nagel zum Sarg der Demokratischen Partei geliefert haben,
scheinen Si© nichts hinzugelernt zu haben, im Gegenteil. Locken Sie
die Sporen Ihres Kollegen Buhrer? Am 13, Juni haben Sie im dresdner
Stadtverordnetenkollegium eine feurige Verteidigungsrede fiir die Zu-
riickziehung von Pliviers „Des Kaisers Kulis" aus der stadtischen
Bibliothek gehalten und sich damit die Ihnen gespendeten Bravorufe
der Nationalsozialisten redlich verdient. Sie behaupten, die Gefiihle
Andersgesinnter. seien durch) das Buch verletzt worden, Wer zwingt
denn die „Andersgesinnten", sich grade dies Buch auszuleihen? Ihre
Stadtbibliothek muB ja allmahlich ein nettes Niveau bekommen, wena
nur noch Biicher ausgeliehen werden diirfen, die bei keinem „Anders-
gesinnten" Anstofi erregen. Da ware es am einfachsten, Ihr Stadtrat
dekretierte: Ausgeliehen werden nur Biicher ohne Gesinnung! Aller-
dings ware dann; nicht einmal Karl May mehr ganz sicher vor dem
Interdikt,
Adolf Hitler, Sie haben erklart: „Im Dritten Reich wird jede
Frau einen Mann haben," Da es laut Statistik erheblich mehr
Frauen als Manner gibt, werden Sie einen Schritt weiter gehen und
ein paar Millionen Mannern je zwei Frauen zuweisen miissen. Die
Schwierigkeit wird nur darin bestehen, ob diese doppelte Begluckung
als Belohnung oder als Strafe verhangt werden soil,
Konigsberger Allgemeine Zeitung. Du bist eine Falscherin. In
seinem Artikel iiber „Die bedrohte Provinz" schrieb unser Mitarbeiter
Rudolf Olden: „Aber der dickste Nervenstrick mufi ins Zittern kom-
men, wenn Dinge gesagt und getan werden, die Herrn Goerdelers
Meinung entsprechen^ daB es ,hart auf hart' kommen werde, weil sc*
seine ostpreuBischen Landsleute seien, Es gibt, dazu brauchen wir
keine Erklarung des Reichskabinetts, kein ostpreuBisches, kein badi-
sches, kein sachsisches Volk, — es gibt nur ein deutsches Volk, Und
wollen oder sollen wir uns in eine Kriegspsychose sturzen, so mufl
OstpreuBen nicht grade darin allein stehen, Kein polnisches Kind
ist kindisch genug, zu glauben, daB es einen Krieg Polens gegen Ost-
preuBen geben konne, Nur den ostpreuBischen Kindern wird das
eingeredet." Das „zitierst" Du auf Deine Weise. Du machst einen
Punkt, wo ein Komma steht, und laBt den Nebensatz „weil so seine
ostpreuBischen Landsleute seien" weg, Du bist eine Falscherin, Du
lafit das Bekenntnis Oldens zur Einheit Deutschlands weg und
„zitierstM weiter; „Kein polnisches Kind ist kindisch genug, zu glau-
ben, daB es einen Krieg1 Polens gegen Deutschland geben konne". Wo
Olden. „Ostpreufien" schrieb, schreibst Du „Deutschland", Du bisf
eine Falscherin. Warum falschst Du? Weil man Dir dafiir auf die
Finger geklopft hat, daB Du durch Deine schamlose Reklame ein
Geschaft aus der Kriegshetze gemacht hast. Du bist eine Falscherin.
Deutsche Liga fiir Menschenrechte. Euer Vorstand hat sich mit
einer Eingabe an den Reichsinnenminister gewandt^i in der die Frei-
gabe des Rundfunks wahrend des Wahlkampfes an alle Parteien, da-
her auch an die KPD, gefordert wird. Die Eingabe bezieht sich auf
den Standpunkt des Kabinetts Marx, das im Jahre 1924 der damals
verbotenen Kommunistischen Partei das Recht auf Wahlpropaganda
zugestand.
Roter Aufbau. Eure neuste Nummer beschaftigt sich auf Grand
sehr fundierten Materials mit der Finanzierung der Hitlerbewegung.
37
Die Lektiire des Heftes sei alien Interessenten angelegentlichst emp-
fohlen,
Schriltstellcn Die am 29. Juni 1932 in den Kammersalen tagende
ordentliche Mitgliederversammlung der berliner Ortsgruppe des Schutz-
verbandes Deutscher Schriftsteller fafite nach Anhdrung der Referate
von Otto Corbach, Erich Franzen, Arnold Zweig, Peter Flamm und
K, A. Wittfogel iiber das Thema ,,Der Krieg und der Schriftsteller"
folgende EntschlieBung: „Krie^shetzer bedrohen in alien kapitalisti-
schen Landern Kultur und Frieden. In Verbindung damit iiber-
schwemmt eine Welle schwarzester Reaktion die Welt, Jede Opposi-
tion soil mit blutigen fascistischen Mitteln niedergeschlagen werden.
Den Schriftstellern, die sich Freiheitsgefiihl und Kampfermut bewahrt
haben, obliegt unter den gegebenen Zustanden die Pflicht; Kampf
mit alien ihnen zur Verfiigung stehenden Mitteln gegen die Kultur-
katastrophe eines neuen Weltkrieges; Zusammenschlufl mit alien
Schichten der Bevolkerung, die wahrhaft gegen den Krieg und gegen
die Bedrohung des Aufbaus in der Sowjetunion zu kampf en bereit
sind. Fiir Freiheit und Frieden! Gegen Krieg und Fascismus!"
Rudolf Schmeer, M. d. R, Sie haben bei der Trauerfeier fur
<len von Kommunisten erschossenen SA-Fiihrer Hambiickers gesagt:
nIn Wilhelm Hambiickers verliert die deutsche Freiheitsbewegung
cinen ihrer besten Kampfer". Wie die .Kolnische Volkszeitung' fest-
stellt, war Hambiickers dreizehnmal vorbestraft, wegen schwerer Kor-
perverletzung, Hausfriedensbruch, Bedrohung, Widerstand, Hehlerei,
Schmuggel, schliefllich wegen Ausgabe falscher Banknoten zu drei
Jahren Zuchthaus und fiinf Jahren Ehrverlust. Sie nennen ihn trotz-
dem „einen der Besten". Das Strafregister der minder guten Ihrer
Parteigenossen mufi reizvoll sein.
Allgemeine Marburger Studentenschaft. Ihr habt in Eurer letz-
ten Kammersitzung beschlossen, neben andern „marxistisch-pazifisti-
schen" Zeitschriften auch die , Weltbiihne' aiis der Akademischen Lese-
halle zu entfernen, weil sie ,,staats- und kulturzersetzend" sei. Wacker,
ihr teutschen Jiinglinge ! Das Goethe j ahr scheint uns vorbestimmt
dazu, fiir alle akademischen Lesehallen das Monopol der Hitlerlitera-
tur wie einen rocher de bronze zu stabilieren. Im Interesse der deut-
schen MKultur"1 die eure Kollegen den Andersgesinnten mit den schla-
gendsten Argumenten beizubringen gewohnt sind. /
Weltjugendliga, In1 Gemeinschaft mit mehreren andern Gruppen
wollt ihr in diesem Sommer zum ersten Mai seit dem Kriege gemein-
same Wanderungen der belgischen und deutschen Jugend veranstal-
ten. Wer sich dafiir interessiert,- erfahrt Naheres gegen Einsendung
des doppelten Briefportos bei Karl Obermann, Koln^Bickendorf,
Akazienweg 33. In eurem Zentralsekretariat Berlin-Schoneberg, M6I-
lendorfstrafie 84 — 85, ist gegen Einsendung von 0,15 Mark in) Brief-
marken ein Kalender zu beziehen, der iiber alle Tagungen, Treffen
und Wanderungen unterrichtet, die der Volkerverstandigung dienen.
Dieser Nummer liegt eine Zahlkarte fiir die Abonnenten bei, auf
der wir bitten,
den Abonnementsbetrag fiir das III. Vierteljahr 1932
einzuzahlen, da am 10. Juli 1932 die Einziehung durch Nachnahme
beginnt und unnotige Kosten verursacht.
Manuskripte sind our an die Redaktion der Weltbiihne, Charlottenburg, Kantstr, 152, zu
richten; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonst keine Rucksenduny erfolgen kann.
Das Auf f uhrungsrecht, die Verwertung von Titeln u. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechanische Wiedergabe aller Art und die Verwertung im Rahmen von RadiovortrSgen
bieiben ftlr alle in der Weltbuhne erscheinenden Beitrage ausdrUcklich vorbehalten.
Die Weltbiihne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
untcr Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet. — Verantwortlich : Walthcr Karsch, Berlin.
Verlagcier Weltbiihne, Siegfried Jacobsohn & Co., Charlottenburg.
Tclephon: C 1, Steinptatz 7757. — Postscheckkonto; Berlin 11958.
Bankkonto; Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112,
XXVIII. Jahrgang 12. Juli 1932 Nummer 28
Papens Wahlpolitik in Lausanne
von Hellmut v. Gerlach'
A uch neutrale Kreise hier haben die politischen Forderun- -
W gen Deutschlands gewissermaBen als willkurliche Storun-
gen dcr Verhandlungen empfunden und ihren Sinn und ihre Be-
rechtigung nicht erfaBt."
So laBt sich ein relativ einsichtsvolles Blait der Rechten,
die (Deutsche Tageszeitung', am 7. Juli von seinem Vertreter
aus Lausanne melden.
Naturlich ist der Text der Meldung in eine Form gegos-
sen, die dem Wohlwollen des hochagrarischen Blattes fur das
hochagrarische Kabinett Papen entspricht. Immerhin, die fun-
damentale Wahrheit leuchtet daraus hervor, daB das Vorgehen
Papens sogar von neutralen Kreisen als willkurliche Stoning
der Konferenz empfunden wurde, Andern Kreisen, namentlich
den franzosischen, konnte es gradezu als gewollte Provokation
erscheinen — gewollt urn innerpolitischer deutscher Zwecke
willen, um im deutschen Wahlkampf den starken Mann der
Linken und Brilning gegeniiber markieren zu konnen,
Herr v. Papen, der ein ganz umganglich-harmloser Herr
ist, wird sich bestimmt nicht mit Bismarck vergleichen wol-
len. Aber nachdenken konnte er einmal iiber den Grundsatz
Bismarcks, daB man nicht zwei Hasen auf einmal jagen sollte,
.weil der Jager dann keinen zur Strecke zu bringen pflegt.
Die Konferenz von Lausanne war einberuf en, um die Re-
parationsfrage zur endgultigen Erledigung zu bringen. Ein
Thema, ausreichend, um den Rahmen einer Konferenz zu fiillen.
Solange sich Herr v. Papen auf den Reparationshasen be-
schrankte, schien er Aussicht zu haben, wenn nicht als Jagd-
konig, so wenigstens als Kronprinz heimzukehren. Man dis-
kutierte noch iiber Zahlen und Zahlungsmodalitaten, Aber
eine Einheitsfront war daf die deutsche Verpflichtung aus dem
Youngplan in einem fast traumhaften MaB herabzusetzen.
Das finanzielle Entgegenkommen Herriots war um so an-
erkennenswerter, als Frankreich sich keineswegs mehr in einer
finanziell sorgenfreien Lage befindet. Die Steuern sind auch
dort sehr hoch und die Beamtengehalter viel niedriger als bei
uns, selbst nach unsrer Kiirzung dieser Gehalter. Trotzdem
weist jede Woche nach dem 1, Januar 1932 einen Fehlbetrag
von zweihundert Millionen Franken auf. Herriot muB die
Steuern erhohen und die Beamtengehalter weiter herabsetzen,
um das Defizit aus der Welt zu schaffen, was ihm enisle
Schwierigkeiten in der Kammer bereitete, ja, einen Augenblick
seine Stellung gradezu bedroht erscheinen lieB.
Aber Herriot dachte viel zu international, war viel zu sehr
durchdrungen von der Notwendigkeit einer deutsch-franzosi-
schen Verstandigung, als daB er nicht zu weitgehenden
Opfern Frankreichs entschlossen gewesen ware, um damit
Deutschlands wirtschaftliche Lebensfahigkeit zu erhalten.
1 39
Natiirlich murrten die franzosischen Nationalistcn. Wie,
bei uns verzogert man den Bau des einzigen Panzerschiffes,
der im Jahre 1932 begonnen werden sollte, die Deutschen
aber, die angeblich nicht einen Pfennig mehr zahlen konnen,
fahren ruhig mit dem Bau1 ihrer Panzerkreuzer fort?
Herriot lieO sich nicht irre machen. Sicher ware ihm
seine Position sehr erleichtert worden durch eine deutsche
Geste des vorlaufigen Verzichts auf Panzerkreuzerbau. Aber
auch ohne sie war Herriot von groBem Entgegenkommen, nicht
bloB in 4er Sache selbst, sondern auch in der Form. Wenn
aus innerpolitischen Griinden Herr v. Papen Wert darauf
legte, das Wort Reparation durch ,, deutschen Beitrag zum Wie-
deraufbau Europas" zu ersetzen: Habeat sibi! Alles schien in
Ordnung.
Da kam Herr v. Papen aus Berlin zuriick und meldete po-
litische Anspriiche an. Die Reparationskonferenz verwandelte
sich in einen politischen Kriegsschauplatz, Kriegsschuldfrage
und Rustungsgleichheit traten in den Vordergrund.
Man hielt Herrn v. Papen entgegen, daB Artikel 231 des
Friedensvertrages nicht aufgehoben werden konne, weil den
Friedensvertrag viele Machte unterzeichnet hatten, die in Lau-
sanne nicht vertreten seien, und daB fur die Abriistungsfrage
die Konferenz in Genf zustandig sei. Es nutzte nichts. Herr
v. Papen bestand auf den Schein, den man ihn anscheinend in
Berlin zu unterzeichnen genotigt hatte. Fur ihn wurde der
Konferenzsaal zum Wahlversammlungssaal.
In Lausanne fragten sich grade die ehrlichsten Freunde
Deutschlands; 1st wirklich die wirtschaftliche Not Deutsch-
lands nicht so groB, daB es sich den Luxus gestatten kann,
durch Aufwerfen von Prestigefragen die Finanzreglung zu ge-
fahrden?
Artikel 231 des Friedensvertrages hat langst jede prak-
tisch-politische Bedeutung verloren.
Die Deutschen, die am meisten gegen ihn toben, pflegen
seinen Inhalt am wenigsten zu kennen. Einer schwatzt dem
andern nach, daB er die Alleinschuld Deutschlands am Kriege
statuiere. Dabei ist davon nicht mit einem Wort die Rede.
Er leitet nur die deutsche Verpflichtung zur Wiedergutmachung
aus der Tatsache des deutschen Angriffs her, DaB aber die
Regierung Wilhelms II. Belgien, Frankreich und RuBland an-
gegriffen hat, miiBten eigentlich selbst die Nationalsozialisten
wissen, soweit sie bei Kriegsausbruch schon erwachsen waren.
Die Kriegserklarungen des deutschen Kaisers an RuBland und
Frankreich sind doch Dokumente, die nicht aus der Welt zu
schaffen sind, die an Frankreich ubrigens ein fur uns beson-
ders blamables Dokument, weil es mit allerlei Schwindel wie
dem von dem angeblichen franzosischen Bombenabwurf auf
Niirnberg begriindet war.
Was an dem Artikel 231 des Friedensvertrages jedermann
zum Protest herausfordern muB, ist lediglich, daB er ein er-
zwungenes Anerkenntins der Deutschen enthalt. Gezwungener
Eid tut Gott leid! In diesem Sinne ist er unmoralisch. Das
sehen auch fast alle Franzosen ein. Deshalb erstreben die
Manner von der franzosischen Liga fur Menschenrechte schon
40
lange einen Akt der moralischen Wiedergutmachung seitens
Frankreichs. Natiirlich wird dazu nur eine Linksregierung be-
reit sein. Aber grade ein Mann wie Herriot ware berufen,
freiwillig bei geeigneten Gelegenheiten in feierlicher Form
an dem Artikel 231 preiszugeben, was billigerweise nie hatte
Deutschland aufgezwungen werden diirfen.
Die Kriegsschuldfrage ist schon seit Jahren nur noch eine
historische Frage. Darum ist es ein Widersinn, sie zum Ge-
genstand eines politischen Handelsgeschafts zu machen, LaBt
sie den Gelehrteni
Von eminent praktisch-politischer Bedeutung dagegen
ist die Abrustungsfrage. Nur daB sie an dem dafiir bestimm-
ten Ort, namlich in Geni, von den dazu berutenen Personen
erledigt werden muBt nicht aber so nebenher in Lausanne.
Vor allem ist bei einer solchen Materie mit dem demagogischen
Scklagwort MRustungsgleichheit" gar nichts anzufangen. Soil
das etwa heiBen, daB Frankreich nur genau so viel Soldaten
haben darf wie Deutschland? Dann ware bei vierzig Millio-
nen Franzosen und fiinfundsechzig Millionen .Deutschen in
Wahrheit eine Sicherheitsungleichheit von phantastischem
Ausmafie gegeben, selbst wenn man von Hitlers Privatarmee
ganz absieht.
Alle diese Erwagungen sind so simpel, daB sie vielleicht
sogar Herr v. Papen angestellt hat. Nur verwerten ditrf te , er
sie nicht. Hitler und Hugenberg sind ja die Tragpfeiler seiner
voriibergehenden Macht. Und die erheischten von ihm ein
Maximum von Forderungen und eine Null an Entgegenkommen,
Nun kommt Herr v. Papen als Erfiillungspolitiker nach
Berlin zuriick. In der Reparationsfrage hat er die geoffnete
Hand fiir eine bessere Geste gehalten als die geballte Faust.
Er hat im Sinne der guten Tradition Stresemanns ein Kom-
promiB geschlossen. Das war nicht im Sinne seiner Regierungs-
parteien. Das war vernunftig. Grade wir von der Linken als
grundsatzliche Gegner Papens erkennen das bereitwillig an.
Leider muB diese unsre Anerkennung von sehr bittern Ge-
fiihlen begleitet werden. Herr von Papen hat den Repa-
rationserfolg, der ihm librigens durch den guten Willen Herriots
sehr erleichtert wurde, mit einer bosen und ganz unnotigen
politischen Niederlage erkauft. Mit seinen politischen Forde-
rungen ist er restlos abgeblitzt. Das ist eine Niederlage, die
um so peinlicher ist, weii sie vermieden werden konnte, wenn
Papen in Lausanne nur als praktischer Staatsmann und nicht
zugleich als Vertrauensmann von Hugenberg und Hitler hatte
aufzutreten brauchen.
Er sucht seine Niederlage zu verhiillen, indem er im Stil
eines Wahlredners im Rundiunk verkundet:
Im Namen Deutschlands melde ich schon heute erncut den An-
spruch vor der ganzen Welt an, als Volk rait gleichen Rechten und
mit gleichen Pf lichten in der ganzen Welt behandelt zu werden.
Diese Fragen, besonders die der Kriegsschuld und der Wehr-
freiheit, sind zwischen den Staatsmannern eingehend erortert worden.
Wenn heute auch noch nicht alle Nationen zu einer Anerkennung
unserer Rechte bereit sind, so sind diese, die deutsche Ehre betreffen-
den Fragen nun vor dem Weltforum aufgeworfen.
2 41
Die bloBe Anmeldung von. Forderungen ist eine leere
Geste, wcnn man nicht die Macht hat, die Forderungen zu ver-
wirklichen.
Die Forderung auf Wehrfreiheit (statt auf Abriistung, der
andern) ist verhangnisvoll, weil sie bei ihrer Erfiillung das
sicher zum Kriege fuhrende Wettriisten vor 1914 wieder herbei-
fiihren miiBte.
Die Behauptung, dafi die Frage der Kriegsschuld mit der
deutschen Ehre irgend etwas zu tun habe, muB aufs scharfste
zuriickgewiesen werden. Die Ehre des deutschen Volkes hat
nicht den geringsten Kausalzusammenhang mit dem Mafl von
Verantwortung, das Wilhelm IL und seine Ratgeber an der
Entfesslung des Weltkrieges tragen.
In der Reparationsfrage hat Herr v. Papen nicht dem
Verlangen seiner Regierungsparteien, sondern der Vernunft
Rechnung getragen. Darum wurde sie zu einem Erfolg.
In alien andern Fragen ist ein durch die allgemeinen Re-
densarten der Lausanner Erklarung nur notdiirftig verhullter
MiBerfolg zu verzeichnen.
Mufite das sein?
Jaf es muBte sein, wenn man eine Regierung auf Hitler und
Hugenberg aufbaut.
F15ten Und TrOmmeln von Jan Bargenhusen
r^ie groBe Frag«f wie Deutschland am ersten August, nach
der Reichstagswahl, aussehen wird, laBt sich ohne prophe-
tische Gaben heute noch nicht beantworten, Anders steht es
mit der Frage, wie sich die Herren von Schleicher und von Pa-
pen den weitern Gang der Dinge nach der Wahl gedacht haben.
Dafi sie nicht als Platzhalter Hitlers fungieren wollen, wissen
wir aus dem Gesprach zwischen von Schleicher und Hermann
Dietrich, in dem der General erklarte; Das Kabinett von Pa-
pen sei kein Oibergangskabinett sondern werde jedenfalls vier
Jahre am Ruder bleiben. Diese AuBerung ist tatsachlich so
gefallen — wenn auch der Ex-Finanzminister Dietrich keinen
besondern Wert darauf legt, den ganzen Gang jenes inter-
essanten Gesprachs mit Schleicher publik zu machen.
Wie will sich das Adels-Kabinett nach der Wahl behaup-
ten — wie will es sich mit der Hitler-Partei auseinandersetzen?
Es gibt hieriiber zwei Versionen, Die eine ist in dem Brief
des Herrn von Gleichen an seine Freunde vom Herrenklub
enthalten, den der „Demokratische Pressedienst" ausgegraben
hat. In diesem witzigen Dokument heiBt es, das neue Kabi-
nett habe die ausdriickliche Zustimmung Hitlers; es sei kein
Obergangskabinett, sondern es werde vom neuen Reichstag, das
heiBt zum mindesten von dessen NSDAP-Fraktion, ,,so wie es
ist" bestatigt werden. Als Gegenleistung fiir die Tolerierung
wiirden Schleicher und von Papen „den Nazis die Lander iiber-
lassen41. Speziell iiber PreuBen bestiinde eine Abmachung, wo-
nach die Einsetzung eines „bewahrten Mannes" als Minister-
prasident oder Reichskommissar vorgesehen sei; ferner solle
die innere Verwaltung PreuBens „unter starker Mitwirkung der
nationalsozialistischen Krafte" umorganisiert werden.
42
Selbstverstandlich hat die Reichspressestelle ein Dementi
gegen den Gleichen-Brief herausgegeben: Es handele sich bei
der Darstellung iiber die Vorgeschichte der Kabinettsbildung
um zum Teil torichte Legenden. Da kann sich jeder denken,
was er will. Auch Legenden pflegen einen gewissen Wahrheits-
gehalt" zu haben, selbst darfn, wenn sie zu einem Teil toricht
sind, Oberdies; was hat die Darstellung des Herrn von Gleichen
mit der Vorgeschichte der Kabinettsbildung zu tun? Der Matador
des , Rings' und des berliner Herrenklubs, der von seinemMit-
glied, dem Herrn Reichskanzler, als nunserm Freund Papen"
sprechen kann, hat sich in seinem Brief lediglich iiber das nach
der Reichstagswahl zu effektuierende Abkommen zwischen
Hitler und Papen geauBert. Wann dies Abkommen abgeschlos-
sen worden sein mag, ist gleichgultig; jedenfalls gehort es
nicht zur ,, Vorgeschichte der Kabinettsbildung". Uber diese
bemerkt der Papen-Brief lediglich, daB „die entscheidenden
Stellen" (lies: von Schleicher) Herrn Doktor Briining als AuBen-
minister des neuen Kabinetts hatten halten wollen, was aber
dann an Briinings Erregungl in der kritischen Stunde der De-
mission bei Hindenburg gescheitert sei.
Ob Herr von Schleicher aber tatsachlich mit Briining als
AuBenminister nach Lausanne gehen wollte, oder ob dies eine
„ torichte Legende" ist — das ist heute nicht mehr so inter-
essant. Es ware hochstens im Zusammenhang mit der Frage
wichtig, ob General von Schleicher bei der Nominierung. seines
Kanzler-Kandidaten von Papen das Zentrum an den neuen
Kurs fesseln wollte, oder ob diese Absicht nicht ibestand. Ich
glaube, im Gegensatz zu Hellmut von Gerlach und andern, daB
die Ablehnung von Papens durch das Zentrum fiir die neuen
Herren keine Enttauschung gewesen ist — eher das Gegenteil.
Die Benennung des Mehrheits-Aktionars der ,Germania* als
Kanzler durch von Schleicher und die Cliquen des Adels, des
Kosener S, C, und der Gro Bind us trie ist meiner Meinung naoh
nicht mit der Absicht erfolgt, das Zentrum tiir eine Tolerie-
rungspolitik zu gewinnen, sondern in der Absicht, die Partei-
Organisation des Zentrums in Schwierigkeiten zu bringen, Man
kann auch sagen: um die Partei-Organisation des deutschen
Zentrums in einen Gegensatz zur Kurie zu bringen — oder
wenigstens: zu gewissen Cliquen, die erheblichen EinfluB auf
den Heiligen Vater haben.
Man sagt, daB Herr von Papen, ehe er in die Wilhelm-
slrafie einzpg, den apostolischen Segen fur sein Haupt erfleht
(und erhalten) habe. Das mag stimmen, oder auch nicht, Tat-
sache ist jedenfalls, daB der Schwiegersonn des Herrn von Boch-
Galhau mindestens ebenso gute Beziehungen zu Orsenigo und
Pacelli hat, wie der Pralat Kaas. Es ist moglich, ja wahrschein-
lich, daB der hohe Klerus die allzustarke Abhangigkeit der
Partei-Organisation von Gewerkschaftlern mit einiger Sorge be-
trachtet. Selbstverstandlich kann man denGewerkschaftsflugel
der Partei nicht briiskieren, Im Gegenteil, man braucht die Stim-
men dieser Leute. Deshalb ist es gradezu ein Segen fur das
Zentrum, daB es den Wahlkampf als Oppositionspartei fiihren
kann. So bleiben die Gewerkschaftswahler hubsch bei der
Stange. Wenn es sich nach den Wahlen dann herausstellt,
43
daB man, urn Schlimmeres — eine Minderheits-Regierung der
NSDAP, gleichbcdcutcnd mit Diktatur — zu verhiiten, mit
jener Partei und zugleich mit dem geschmahten Papen-Kabinett
pakticren mufi: nun, die Wahler werden schon Verstandnis
dafiir habcn! Sie miissen wohl, denn sie werden, wenn iiber-
haupt, dann erst in vier Jahren wieder gefragt,
Obrigens sind sich wohl alle fiihrenden Zentrumsleute
— ein paar Gewerkschaftler, denen man den Impetus des guten
Glaubens im Wahlkampf gegen Herrn von Papen nicht nehmen
will, vielleicht ausgeschlossen — iiber die Notwendigkeit im
Klaren, daB nach den Wahlen das Steuer scharf nach Rechts
herumgelegt werden muB. DaB also der Streit mit Herrn von
Papen, der die Wiirze des Wahlkampfes bildet,' dann schnell
begraben und vergessen sein wird, daB die Trommeln des
Wahlkampfes schnell in die Ecke gestellt und die Schalmeien
der Koalitionspolitik hervorgeholt werden — vorausgesetzt,
daB Herr von Papen dann noch vorhanden ist, um gemeinsam
mit Herrn von Schleicher und seinen ubrigen Freunden den
Damm gegen die Alleinherrschafts-Geliiste der Hitler-Partei
bilden zu konnen,
Auf welche Weise die Auseinandersetzung der beiden Ri-
valen erfolgen wird, daruiber gibt es, neben der Darstellung des
Hen*n von Gleichen, noch eine zweite Version. Sie findet sich
in der Korrespondenz ,Osthilfe\ deren Herausgeber, Baron
G. Wrangel, iiber gute Beziehungen zum ostelbischen Junker-
turn und zur westdeutschen Schwerindustrie (Silverberg) ver-
fiigt, und der deshalb iiber interne Vorgange auf der Rechten
mitunter ausgezeichnet informiert ist:
Es spricht iibrigens manches dafiir, dafi die neue Regicruixg durch-
aus nicht nur ein Obergangskabinett sein wird . . . denn nach unsern
Informationen hat Hitler bei ihrer Entstehung Zusagen in dieser Rich-
tung gemacht, die erkennen lassen, daB seine Partei nach seiner Auf-
fassung die Aufgabe habe, sich zu einer groBen, die Mehrheit des deut-
schen Volkes umfassenden Erneuerungsbewegung zu entwickeln, und
nicht die alleinige Mission, die fiihrende und unumschrankt herr-
schende Partei einer parlamentarischen Mehrheitsregierung zu sein. —
Die Ubernahme der Regierung in Preufien, womit also auch die ent-
sprechende Reichsexekutive in nationalsozialistischer Hand sein wiirde,
Ausbau und Konsolidierung der gewaltigen Parteiorganisation der
. NSDAP unter dem Schutze der SA. und SS, sowie eventuell einige
personelle Anderungen im Reichskabinett nach den Wahlen wurden
demnach das MaB der Wiinsche des Nationalsozialismus unter Urn-
standen erschopfen. Diese Einstellung des nationalsozialistischen
Fiihrers beweist viel staats- und nationalpolitische Weitsicht . . .
* Sanfter Flotenton! Man kann sich ungefahr vorstellen,
mit welchem Grimm ein Mann wie Gregor StraBer auf diese
Rattenfanger-Weise reagieren wird. Aber der Osaf — ?
Hitler mag diese Zusage gegeben haben, oder nicht —
sicher ist soviel, daB die Argumentation der Wrangels und
andrer Barone auf ihn wirken wird; mag sie in Einzelheiten
(PreuBen als Trager der Reichsexekution! * — wo bleibt da die
Reichswehr?) noch so falsch sein. Wie, Hitler — Du hast
gegen den Parlamentarismus, gegen die Herrschaft der bloden
Zahl, gegen die politische Arithmetik gekampft — und Du
•wolltest nunselber die Zahl der Ministersitze nach der Man-
datsziffer aushandeln? Hore, Hitler — bleibe Du der Volks-
44
mann, haltc Dcine Partei unter den alten Fuhrern zusammen,
als groBe geistige Bewegung der deutschen Erneuerung — setze
sie nicht aufs Spiel, indem Du die Verantwortung fiir die miih-
selige'Kleinarbeit des Regierens direkt libernimmst, indem Du
Deine Paladine, auf Ministersesseln thronend, Dir und Deiner
Partei entfremdest! Hitler, spare Dich fiir ein besseres Amt
auf, laB uns die Aufraumungsarbeiten fiir Dich machen — Du
riskierst zu viel als fuhrender Teil einer Koalitionsregierung,
Deine Partei ist noch konsolidierungsbediirftig, sie halt die
groBe Belastungsprobe nicht aus! Soblasen die Floten, und in
ihren sanf t iiberredenden Ton mischt sich leise der dumpfe Klang
andrer Instrumente : Die Drohung, daBI die Partei, wenn sie mehr
will als das, was man ihr freiwillig zugesteht, zerbrechen muB,
zerbrechen wird. Vielleicht auch: daB sie zerbrochen wird.
Die Reichswehr marschiert wieder einmal auf; erst hort man
die hellen Pfeifen und dann den harten Trommelwirbel . . ;
Wie sich Hitler auch entscheiden mag — soviel ist jeden-
falls sicher: Gregor StraBer wird eine Tolerierungspolitik zu-
gunsten der Schleicher und Papen, bei der er und seine Leute
von der Machtergreifung im Reiche abgehalten werden, nicht
mitmachen. StraBer, der nach wie vor die engsten Be-
ziehungen zu seinem Bruder und dessen Cliquen unterhalt, hat
vom Osaf den Auftrag erhalten, im Wahlkampf eine straff ge-
werkschaftlich-proletarische Linie zu verfolgen, Diese soil von
ihm und einer kleinen Gruppe seiner Heifer durchgesetzt wer-
den; abweichend von der allgemeinen Wahlkampf-Taktik der
Partei, die mittelstandlerisch und gemaBigt kapitalistisch (auch
agrar-kapitalistisch) angesetzt ist. (Daneben besteht noch
ein Sonderauftrag fiir eine andre Gruppe: Bearbeitung der
katholischen Wahler, um sie dem Zentrum zu entfremden,)
Nach der Wahl, so kalkuliert das Braune Haus, werden die Ar-
beiter-Wahler, die mit StraBers Parolen eingefangen sind,
nicht mehr gefragt. Nach der Wahl, so kalkuliert StraBer, bin
ich mit meinen Proleten und den Pgs. im braunen Rock stark
genug, um den Kurs der Partei .entschieden herumzuwerfen:
gegen die Reichswehr und die I. G. Farben, deren Kabinett
dann zum Riicktritt gezwungen wird, gegen die Rohm, Funk
und Rosenberg im eignen Lager, gegen Barone, GroBindustrie,
Herrenklub, Ring und Reichsbankprasidenten, gegen die fran-
zosische Orientierung, die Freunde Andre Germains und den
Credit Lyonnais.
Wenn es reinmal so weit kommt, dafi die heute noch im
Geheimen schwelenden Gegensatze in offener Flamme heraus-
schlagen, dann wird man wohl auch das interessante Schau-
spiel erleben, daB die politischen Reste des Burgertums, — und
mit ihnen die SPD — erschreckt vor so viel proletarisch-„re-
volutionarem" (Jberschwang, unter die Fittiche des Kabinetts
Schleicher-Papen fliichten; daB das Kabinett der Barone, das
den ,,letzten Damm" vor dem nationalbolschewistischen Chaos
bildet, genau so als das kleinere Obel toleriert wird, wie vor
ihm Schleichers erstes Werk, das Kabinett der Frontsoldaten.
Nun, das kann noch heiter werden. Wer weiB, wer dann
die Zeche zahlt, und wer den Profit einsteckt. Darum ist jeder
gliicklich zu preisen, der heute schon seinen Lohn fiir die Wie-
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derwahl Hindenburgs und fiir die Tolerierung des Experiments
Papen-Schleicher in bar ausgezahlt erhalt: die ostdeutsche
Landwirtschaft — die Schwerindustrie — und vor allem: die
L G. Farben. Sie hat, gemeinsam mit dem Benzol-Verband,
eine artige Abschlagszahlung auf das vorerst noch zunickge-
stellte Benzin- (ader Treibstoff-JMonopol erhalten, in Form
einer erneuten und diesmal vollstandigen Niederschlagung der
— als Ausgleich fiir den Einfuhrzoll geschaffenen — Steuer
auf inlandische Benzinproduktion, Nach einer mir verlaBlich
erscheinenden Schatzung bedeutet das, nach der bisherigen
Praduktion berechnet, ein Geschenk von 4,5 Millionen Mark
fiir die L G., von 9,6 Millionen fiir den Benzolverband, 3,7 Mil-
lionen fiir sonstige Treibstofferzeuger. Daibei ist der Nutzen
noch nicht mit eingerechnet, den vor allem * oder fast
allein die L G. dank ihrer stark ausbaufahigen Produktion
davon haben wird, daB die auslandische Konkurrenz, die nach
wie vor mit dem hohen Zoll — Briinings Freundschaftsgabe an
seinen Wirtschaftsberater Schmitz von der L G. — belastet ist,
allmahlich aus dem Markt verdrangt werden kann. Vielleicht
nur ein Teil der auslandischen Konkurrenz: denn mit der
Standard Oil und mit dem Shell-Konzern ist die I. G. ja durch
Patentabkommen und andre Bindungen verheiratet. Aber
deren Konkurrenten, beispielsweise die Russen, werden jetzt
einen schweren Stand auf dem deutschen Markt haben.
Der penetrante Duft nach Erdol und Benzin, der sich um
das Kabinett Schleicher-Papen verbreitet, beriihrt die feinern
Nasen im Herren-Klub recht peinlich. Man findet, daB Graf
Schwerin-Krosigk und Herr Warmbold sich noch etwas Zeit
mit der Auszahlung an die L G. Farben hatten nehmen diirfen.
Herr von Gleichen spricht von MImprovisationen"; Warmbold
ist ,,eine Belastung" und auch der Ersatz eines politischen
Fachministers (was ist das?) durch Schwerin-Krosigk ,,befrie-
digt nicht". Warum so empfindsam? Schon der nachste Satz
gibt die Aufklarung: „, . .man hat keinen Mann, der wie Luther
die Konzeption eines umfassenden Plans besitzt, und auch die
Kraft, ihn durchzusetzen. Aber ich nehme an, daB sich Luther
dies em Kabinett gegeniiber inhaltlich durchsetzen wird; und er
hat sich ja hereits durchgesetzt gegeniiber dem von Schleicher
und den Nationalsozialisten geauBerten Wunsch, ihn durch
Schacht ersetzt zu sehen."
Allen Respekt also vor Luther, der deshalb, weil en dem
Herrenklub, dem ,Ring* und Herrn von Gleichen so gut ge-
fallt, wahrend er bei den Agrariern als Zinswucherer ver-
schrieen ist, ja weiB Gott noch kein schlechterer Reichsbank-
prasident ist. Der Respekt miiBte eigentlich noch groBer sein,
wenn man erfahrt, daB nicht nur Schacht ins Reichsbank-
prasidium zuriick will, sondern dafi auch ein gewisser Herr
Wagemann, dessen Revenuen aus seinem chilenischen Besitz
jetzt sparlicher flieBen, jenen Posten erstrebt: President Wage-
mann vom Statistischen Reichsamt, der Vater eines Wahrungs-
Reformplans, und der Schwager des Ministers Warmbold, also
sozusagen der Schwipp-Schwager der L G.
Mitunter ist es wirklich recht merkwiirdig, das politische
Leben.
46
Der 13. JtlH von Georg Bernhard
Mahezu eine Milliardc Mark haben die Banken nach dem Zu-
' sammenbruch, dcssen einjahriges Jubilaum wir am 13. Juli
feiern, als Verlust abgeschrieben. GroBer noch ist dfe Auf-
weridung, die die so viel geschmahte offentliche Hand zur Sa-
nierung der Banken machen muBte- Wenn man Biirgschaft und
, Geldleistung zusammenrechnet, so werden allein vom Reich
alles in allem rund anderthalb Milliarden aufgewendet worden
sein. Sind nun wenigstens die Banken endgiiltig saniert? Nie-
mand kann das unter seinem Eid behaupten. Es hangt in
hohem MaBe davon ab, wie sich endgiiltig die Frage der Re-
parationen und der privaten Devisenverschuldung erledigt. DaB
nicht einmal alle voraussehbaren Risiken bei den Abschreibun-
gen berucksichtigt worden sind, darf man leider aus dem Flick-
geschaft schlieBen, Denn daB der Finanzminister Dietrich fur
ein Aktienpaket Gelsenkirchen, das selbst unter feindlichen
Briidern mit dreiBig Prozent zu haben gewesen ware, neunzig
Prozent zahlte, laBt sich nur aus dem Bestreben erklaren, der
Dresdner Bank aus der verhangnisvollen Danaterbschaft noch
weitere Verluste zu ersparen. Ob aus dies em Grunde gleich-
zeitig Flick einen so groBen Vorteil einheimsen muBte, ist ge-
wifl der Untersuchung wert, steht aber hier nicht zur Debatte.
An dieser Stelle ist nur wichtig, festzustellen, daB trotz einer
Milliarde Abschreibung noch weitere Verlustmoglichkeiten of-
fen bleiben. Erst die Entwicklung der nachsten Jahre kann
daher die Frage beantworten, ob die Bankensanierung, vom
privatwirtschaftlichen Standpunkt aus beurteilt, als gegliickt
bezeichnet werden kann.
Dagegen laBt sich eins bereits jetzt feststellen: die viel-
fach vorausgesagte, vor allem aber von weiten Volkskreisen
geforderte Anderung der Bankenwirtschaft ist bisher nicht ein-
getreten und vor der Hand sieht es auch nicht so aus, als ob
aus den weitgehenden Besitzrechten des Reiches an den Bank-
anteilen grundsatzliche Folgerungen gezogen werden sollen.
Formell besteht ja eine Bankenkontrolle. Sie wird auch sicher
so sorgfaltig ausgeiibt, wie der Apparat der deutschen Bureau-
kratie eben gewissenhaft arbeitet. Aber die Kontrolle be-
schrankt sich doch wohl hochstens auf die Liquiditat und viel-
leicht noch auf die Sicherheit der Anlagen, soweit wie sie
iiberhaupt im voraus zu beurteilen sind. Dagegen ist an irgend
eine Planwirtschaft auf dem Umweg iiber die Bankdirektionen
doch kaum zu denken. Nicht einmal von Planen kleinern Um-
fanges hort man, wie sie friiher erwogen wurden: Abzweigung
von Instituten fiir Kleinkredite oder regionale Aufteilung der
noch immer vollig konzentrierten Bankdispositionen. Am we-
nigsten ist man der groBen Frage nahergetreten, die ja eigent-
lich schon seit Jahrzehnten immer wieder auf taucht, wenn es
irgend etwas an der deutschen Bankwirtschaft zu monieren
gibt: die Trennung zwischen der Griindungs- und Emissions-
tatigkeit und den Depositengeschaften. Seit nahezu vierzig
Jahren versuchen einzelne Theoretiker, ermutigt durch poli-
tische Agitationsstromungen unter Hinweis auf das englische
Vorbild, um Depositeneinlagen und Spargelder zu sichern, fiir
47
diese Trennung Stimmung zu machen. Noch hcute trifft kei-
ner der Griinde zu, mit den en sie ihre Reformplane stiitzen.
Denh <lie Sicherheit der Einlagen ist aus dem Geschaftsprinzip
der deutschen Banken heraus nie ernstlich bedroht gewesen.
Und wo sie bedroht war, da lag die Schuld nicht am System,
sondern entweder an personlicher Leichtfertigkeit, die ja
schlieBlich in jeder Form der Bank wirtschaft ernstliche Gefahr-
dung der Bahkensicherheit bedeutet, oder es herrschtc eine so
bedrohlichc Krisenwindstarke, daB schlieBlich jede Bank ge-
fahrdet war. Denn es trifft nicht nur fur das deutsche Bank-
system sondern iiberhaupt fiir jede erdenkbare Bankenf orm
zu, was Georg von Siemens auf die Frage antwortete, was er
denn tun wolle, wenn alle seine Einleger von ihm ihr Geld
zuriickverlangten: dann stelle ich mich auf den Balkon und
pfeife ihnen eines! DaB diesmal die deutschen Bankleiter nicht
erkannt hatten, wie sehr anders die Gefahr der Barabhebung
bei Auslandsguthaben als bei einheimischen Depositenein-
lagen ist, bewies gewiB einen Mangel an wirtschaftlicher Uber-
legung, aber spricht noch keineswegs gegen das System und
fiir die Moglichkeit unbedingter Deposit ensicherung auf
andern Wegen.
Das viel angefochtene deutsche Bankensystem hat bis in
die letzte Zeit hinein fiir Deutschlands Wirtschaftsentwick-
lung zweifellos viel mehr Gutes als Schlechtes geleistet. Es
ist doch nicht von bosen Volksverderbern ersonnen, und an-
drerseits sind diejenigen, die in England nach anderm System
wirtschafteten, nicht etwa in irgendeiner Weise moralischer als
deutsche Bankmanner. Es ist eben hier wie immer gewesen:
andre wirtschaftliche Voraussetzungen schufen verschiedene
wirtschaftliche Institutionen, Die Voraussetzung der Banken-
entwicklung in England war das Vorhandensein einer aus lan-
ger kolonialwirtschaftlicher Tradition gespeisten Kapitalwirt-
schaft. Die englischen Banken wareh daher Kapitalistenban-
ken fiir Aufbewahrung und Verwertung vieler iiberreicher Ka-
pitalien mit all den Sicherheitsventilen, die Kapitalisten bean-
spruchen, die ihr Geld den Banken anvertrauten. Die deut-
schen (Banken entstanden aus der Sehnsucht, den englischen
Entwicklungsvorsprung einigerniaBen wett zu machen und ei-
ner kapitalarmen Wirtschaft die Moglichkeit zu geben, wenig-
stens in bescheidenem MaBe industriekapitalistisch zu wirt-
schaften. Der romantisch verbramte, sozialistisch gefarbte
Ausdruck solcher Sehnsucht war die Saint-Simonistische Pro-
paganda in Frankreichf der der Plan des Credit mobilier ent-
spfang: einer Griindungsbank, die die Kapitalsplitter aus dem
Lande aufsaugen und mit Aktiengriindungen gewissermaBen
kiinstlich eine Industriewirtschaft hervorzaubernl sollte, Nach
dem Vorbilde des Credit mobilier sind die deutschen Banken
entstanden. Von seinen Fehlern haben sie gelernt und mit
echt deutscher Griindlichkeit sind sie so ausgebaut worden,
daB vor dem Weltkriege die deutsche Wirtschaft die englische
iiberholt hatte Eine grandiose Leistungt fiir die man dankbar
sein und an der man nicht unnotig makeln sollte. Aus der
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Entstehungsursache der deutschen Banken ergibt sich alles wei-
tere. Sie waren nicht wie die englischen Institute Kapitalisten-
banken sondern Kapitalisierungsbanken. Das reiche Deposi-
tenwesen, das sich in Deutschland in den Jahrzehnten von
1890 bis 1914 entwickelte, war eine Folge dieses Banksysteras.
Und man konnte in diesem System die Verwendung der Depo-
siten fur die eigentlichen Bankzwecke des Systems nicht ent-
behren.
Mit Recht hat man sich deshalb zunachst gegen die Nach-
ahmung des englischen Beispiels aus Grunden, die nur fiir die
anglo-amerikanische Wirtschaft zutrafen; gewendet. Aber in-
zwischen sind andre Erwagungen von weitertragender Art auf-
getaucht* Bis vor dem Kriege war es nur mit der Aktienwirt-
schaft moglich, die Fiille der Kapitalien zu beschaffen, die fur
eine groBziigige Industriewirtschaft notig war. Um dieser
Notwendigkeit willen muBte man auch Ubergriindungen, selbst
gelegentlich schwere Systemfehler in Kauf nehmen. Denn die
Bankwirtschaft stand auch mit ihren Fehlern im Dienst dessen,
was Technik und internationale kaufmannische Konkurrenz-
notwendigkeit verlangten. Nach dem Kriege ist vielfach die
kapitalistische Seite bei solchen Transaktionen Selbstzweck
geworden, Nicht mehr die innere Entwicklungsnotwendigkeit
der Unternehmungen sondern die Lust an rein kapitalistischen
Kombinationen und Agiospielereien hat Umformung undi Aus-
weitung der Unternehmungen bestimmt, Deshalb muB man sich
jetzt sehr ernst fragen, ob nicht tatsachlich das System eine
Anderung erheischt.
Diese Anderungen hangen mit dem zusammen, was man
groBe Borsenreform nennt. Es handelt sich dabei durchaus
nicht etwa, wie manche Privatbankierkreise meinen, um das
Erfordernis, den Privatbankiers wteder eine Existenznolwen-
digkeit gegenuber den Banken zu schaffen, die heute noch
mehr als schon vor dem Kriege drohen, die Borse zu einem
Abrechnungsinstitut fiir die Spitzen der Bankenengagements
zu machen. Nein, es dreht sich um wichtigeres: soil nicht
wieder ein unabhangiges Urteil des Kapitalmarktes und seines
Fuhktionars, des Bankiers, dariiber eingeschaltet werden, in-
wieweit Neugriindungen und Kapitalerhohungen notwendig
sind? Geniigt wie bisher das Urteil der Bankdirektionen und
allenfalls der GesellschaHsverwaltungen, die durch Selbstfinan-
zierung aus uberhohten Preisen und Dividendenbeschneidungen
oder aus direkten oder indirekten Bankkrediten (Paket-
beleihung) das Kapital beschaffen, ohne an den Willen des Ak-
tionars bei der Ausfiihrung ihrer Plane gebunden zu sein? Ver-
neint man diese Fragen, dann muB man die Griindungsakte
wieder aus den Banken herausverlegen und sie zur Domane
von Privatbankiers machen, die sich vorher die Kapitalien
durch Beteiligung oder KauHust des Publikums sichern miis-
sent bevor sie an die Griindung gehen. Das bedeutet dann
groBe Borsenreform unter AusschluB der Banken. Die hat
dann aber wieder zur Voraussetzung Anderung des Banken-
systems, Es scheint, als ob wieder einmal die Zeit fiir eine
Ba'nken-Enquete reif ist.
3 49
Schiefer Revisionismus von Kurt mner
P in Linksmann von Verantwortung hat heute auf zwei Klavieren
*-* zu spielen: dem der Konzentration und dem der Revision,
Konzentration aller linken Krafte; Revision) aller linken Riten.
(Revision nicht z weeks Anpassung etwa an die rechten; sondern
zwecks wirksameren VorstoBes gegen die rechten-)
Nahe liegt, zu befurchten, dafi die eine Musik die andre er-
schlagen, dafi Revisions-Aktivitat nicht Konzentration bringen werde,
sondern neue Spaltungen; ein tiefrer Blick lehrt das Gegenteil. Die
einzige Methode, die bestimmt nicht zur ersehnten Einheit der so-
zialistischen Aktion fiihrt, ja die fur absehbare Zeit die Nichtverwirk-
lichung des Sozialismus gradezu garantiert, ist: die Fortsetzung des
Zuckeltrabs in den ausgefahrenen historisch-materialistischen Gleisen.
Darum mufi jeder Versuch, diese Gleise zu zerstoren, grundsatz-
lich begriifit werden. Der jiingste riihrt von einem schriftstellerisch
ungewohnlich begabten Zweiundzwanzigjahrigen her, aus dem Nach-
wuchs der ,Entschiedenen Schulreformer*: Waldemar Zeltner, Seine
Studie ,Die Entwicklung des Sozialismus von der Wissenschaft zur
Utopie' — ein Titel, der nicht spotten sondern fordern will — ward
von Paul Oestreich mit einem barocken Furioso bevorwortet. Sie ist
erschienen bei Karl Zwing in Jena,
Diese Schrift, mehr Schneegestober von Aphorismen als gedank-
liche Architektur, enthalt einige sehr geistreiche und zutreffende Be-
merkungen iiber die Marxische Grundlehre. Die materialistische Ge-
schichtsauflassung sei ,, nicht imstande, die Existenz des Oberbaus zu
erklaren, sondern nur seine Veranderung". Sie habe dazu gefuhrt,
1(dafi gewaltige Triebkrafte der Gegenwart unterschatzt wurden, weil
man sie nicht zu verstehen vermochte". ftHierher gehort in erster
Linie das NationalgefuhL" t)Seit ab 1914 das Nationalbewufltsein
aller Volker aufgeilammt ist und stets neue Nahrung gefunden hat,
geht es nicht mehr an, mit der Karte .materialistische Geschichtsauf-
fkssung' durch die Welt zu laufen und zu erklaren, die Gegend sei
falsch, wenn offensichtlich! die Karte nicht stimmt." Hiibsch variiert
er ein beriihmtes Wort: „Man kann die Welt nicht sofort verandern,
erst mufi man sie richtig interpretierenf" Gelangen in Auslegung des
gleichen Tatbestandes zwei historische Materialisten zu verschiedenen
Ergebnissen (was taglich passiert), dann gleiche die Frage, welcher
von beiden recht habe, jenem durch Demonax, den Kyniker, beschrie-
benen „Anblick, dafi von zwei Mannern der eine einen Bock melkt
und der andre ein Sieb darunterhalt". Fiir einen Witz miti solchem
Gehalt an Ernst gebe ich gern siebenhundertsiebenundsiebzig materia-
listische Leitartikel hin, und den ganzen Hegel dazu,
Dafi Zeltners Kritik sich stark an Hendrik de Man anlehnt, be-
deutet keinen Einwand, zumal er de Man zwar verpflichtet, aber nicht
yerfallen ist.
Einzuwenden gegen die Schrift ware: ihre durchaus bodenlose
Attacke gegen die Ratio. Zeltner weifi gar nicht, was Ratio ist;.
aufs trivialste verwechselt er des Menschen allerhochste Kraft mit
dejm Intellekte; Geist mit Verstand; finales Erwagen mit kausalem;
den prophetischen Typus mit dem wissenschaftlichen. Wie oft soil
mans wiederholen: Verstand erklart, Ratio wertet; Verstand sucht
im Vorhandenen zu orientieren, Ratio das Vorhandene zu regulieren;
Verstand erzeugt nur Begriffe* Ratio obendrein Ideen. Die Feder hat
man sich fusselig geschrieben — von zehn Jahren schon und friiher;
umsonst. Immer wieder dieselben Dummheiten entkriechen dem
Mus-Topf und entfalten ihre bekleckerteri Fliigel. Zeltner diederichst,
kafinert, bluhert, schelert, moellert, flakt; spenglert, jiingert, schau-
weckert, strafiert. (Ohne zu ahnen, dafi ers tut.)
Er schwirrt an gegen das f,rationale Denken", als ob es aueh ein
andres gabe. Mit gleichem Recht konnte einer gegen das emotio-
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nale ^Fiihlen sein oder gegen das aktivc Wollen, Der Marxismus
habe „die rationalistische Methode tibernommen"; das Gegenteil ist
doch wahr! Er ist ja positivistisch, empiristisch, intellektualistisch.
Wie? Zu verwerfen sei er „wegen seiner vorwiegend rationalisti-
schen, auf ethische Motive scheinbar verzichtendem Begriindung"?
Er begrtindet j a eben grade nicht mit Griinden (im Gegensatz zu
all em Rationalismus), er erklart aus Ursachen. Kant rotiert im
Grabe! Etwas in geringcrm Mafie Rationalistisches als den Verzicht
auf ethische Motivation von Forderungen gibts doch gar nicht. Er ende,
der Marxismus, „mit der Ausmalung des Paradieses" (klassenlose
Gesellschaf t) , obwohl man „erkannt" habe, ,tdaB es nichts Ftirchter-
licheres geben kann als ein derartiges Paradies"; es bedeute Behag-
lichkeit, SpieBerdasein; „wir aber lehnen heute die Schwierigkeiten
des Lebens nicht ab". Wozu dann Sozialismus? „Wir wollen sie";
„weil wir sie iiberwinden wollen". Aha. Ein Arzt spricht: „Wir
wollen Syphilis, Tuberkulose, Krebs — weil wir sie iiberwinden wol-
len." Zeltner: „Unser Das ©in soil kein paradiesisches sein, sondern
ein heroisches," Aber der Heroismus, Verehrtester, falls er geistig
fundiert und keine bloB korperliche Angelegenheit ist, besteht ja
grade in der permanenten, zahen Aktion fur ein unendlich femes
Menschheits-Ziel: welches nur unter dem Symbol des Paradieses vor-
stellbar bleibt, Verzicht auf dieses Symbol entzieht aller sozialen
Aktivitat den Boden. Die ganze Mystik der Ratio leuchtet- in der
Idee des verlorenen, wiederzugewinnenden Paradieses auf, Predigen
Sie etwa substanzlosen, ziellosen Heroismus?. Heroismus Tart pour
l'art? Deutsch sein heiBt heroisch um des> Heroischen selbst willen
handeln? Sexuell lage da vielleicht ein Wert vor; geistig: eine taube
NuB. Die Verhohnung der uralten, ewigen, heiligen Paradies-Idee,
weil, wie Sie sagen, „der Mensch keine Mastgans ist", setzt irriger-
weise Unendliches Endlichem gleich und wtirde (ibrigens jedem loden-
grunen Fronvogt mit Hakenkreuz Ehre machen, Unendlicher Kampf
fur die Befreiung Aller,. das Gliick Aller ist keineswegs diskreditier-
bar als „da« burgerliche Sekuritatsbediirfnis" — aufier durch Leute,
die sich mit Erfolg bemiiht haben, nicht zu Ende zu denken.
Solche aber entraten des Rechts, iiber Nietzsche zu auBern, er
sei „ein funkelnde Aphorismen produzierender Kleinbiirger"; und
am wenigsten befugt zu Ehrfurchtslosigkeiten dieserart ist, wessen
eigne kulturpolitische Pointe, wessen philosophischer Endtip lautet',
,tNormlosigkeit". Die Behauptung, „burgerliches Normendenken"
konne „nicht durch Normendenken mit umgekehrtem Vorzeichen",
namlich durch sozialistisches, „uberwunden werden", „sondern nur
durch die Befreiung von der Norm an sich" — teurer Freund, das
ist einfacher Unsinn,
Erkannte Paul Oestreich das nicht? Zeltner fordert „das norm-
lose Handeln", also Animalitat; freilich diirfe es „nicht zur Anarchie
fiihren", es miisse „gericbtet sein". Normlos, aber gerichtet! Heili-
ger Strohsack, gegen diesen sich selbst setzenden Widerspruch ist
die „Dialektik" der Materialisten ja ein Waisenmadchen! Wie kann
man von „Ungerechtigkeit", „Unsittlichkeit", „Unterdruckung"
sprechen (Zeltner tut das), wenn man „Normlosigkeit" fur das Rich-
tige halt! Welch seltsamer Gegner des Normendenkens, der da ver-
sichert, die Losung aller Krisen werde „nicht unmittelbar von der
Okonomie her kommen", „sondern von der Ethik"! Gibt es norm-
lose Ethik?
Nur Altershochmut wjirde, weil solche Unbesonnenheit einem
Jiingling unterlief, sie parionieren. Achtung gebietet Strenge, Zelt-
ner verdient Achtung. Ebendeshalb muB ihm vor der Hand das Recht
abgesprochen werden, in die neu-sozialistische, auf Revision der
Marxschen Ideologic abzielende Bewegung seinerseits einzugreifen.
Einstweilen* schadigt er damit diese Bewegung nur. Er sollte begin-
nen, sie grundlicher zu studieren.
51
Der Chief von Johannes Buckler
lUfein lieber Tom Clarke, schmeiBen Sie . . . hinaus", Unter-
» schrift: Chief, Dieser erfrischend kurze Brief ist datiert
vom 29, November 1920 und geschrieben auf einen Bogen der
.Daily Mail'. Das Faksimile schimickt die erste Seite des
,,Northcliffe-Tagebuchs" des damaligen .Daily Mail'-Redakteurs
und keutigen Herausgebers von ,News Chronicle', Tom Clarke.
Clarkes ,,Northcliffe Diary" ist 1931 erschienen und umfaBt die
Jahre von 1912 bis 1922, also bis zum Tod des grofien Zeitungs-
mannes. Der t, Chief", wie er bei alien seinen Blattern nur hieB,
ist noch heute, zehn Jahre nach seinem Tod, so maBgebend fur
die englische Presse — und auch fur einen Teil der andern
eurppaischen — , daB es sich wohl lohnt, seine Ansichten und
Methoden, die so erfolgreich waren, kennen zu lernen.
Tom Clarke betonte ausdrucklich, daB die Veroffentlichung
keinerlei politische Bedeutung habe, und daB er sein Tagebuch
einzig als Journalist und Reporter zusammengestellt und kom-
mentiert habe.
Journalist und Reporter. Es ist das ganze Geheimnis von
Lord Northcliffes beispiellosen Erfolgen, daB er immer in die*
sen beiden Eigenschaften dachte und handelte und nie als Ver-
leger. Er kam nach Fleet Street, um Macht und EinfluB zu ge-
winnen, nicht um Geld zu verdienen. Und weil seine Macht
und sein EinfluB so groB wurden, darum floB ihm das Geld
automatisch zu. Seine hervorstechendsten Eigenschaften waren
sein todsicherer Instinkt, den er seinen sechsten Sinn nannte,
und seine Intoleranz gegeniiber Unfahigkeit, sei es in seinem
eignen Geschaft oder bei andern. Seine Macht und sein Ein-
fluB waren so groB, daB sich schoiu zu seinen Lebzeiten und
auch nach seinem Tod viele Legenden um ihn bildeten.
Es gibt eine gewisse Klasse von Leuten, die jeden erfolgreichen
Menschen in der Welt fur sich reklamieren wollen, und so wird
immer wieder behauptet, Alfred Charles William Harmsworth
stamme eigentlich aus Frankfurt am Main und heiBe Stern.
Einigen alten Weibern in Hosen und Rocken ist er nach seinem
Tode erschienen und hat ihnen zweifelhafte Wahrheiten ver-
kiin-det. Was das erstere betrifft, so ist er in Chapelizod bei
Dublin in Irland am 15. Juli 1865 geboren, und zu dem zweiten
ist zu sagen, daB er am 14. August 1922 in London gestorben
ist und spater also nichts mehr sagen konnte. Wir sind auch
gar nicht auf seine Botschaften aus dem Jenseits angewiesen,
nachdem er zu seinen Lebzeiten so viel Kluges und Bemerkens-
wertes gesagt hat. Die Veroffentlichungen Tom Clarkes sind
eine Fundgrube fur jeden Journalisten und sollten vor alien
Dingen von Verlegern gelesen und auch in deutscher Sprache
herausgebracht werden.^
Northcliffe bestand darauf, fur Spezialherichte nur Fach-
leute heranzuziehen: einen Katholiken, um iiber Lourdes zu
schreiben, einen Juden, um iiber eine jiidische Hochzeit zu be-
richten, einen Ingenieur, um Telephone zu kritisieren, einen
Amerikaner fiir einen Baseballspielbericht, einen Gewerkschaft-
ler, um iiber eine Arbeitertagung, einen Seemann, um iiber Se-
gelregatten, einen Juristen, um iiiber einen MordprozeB zu
schreiben. . Aber sic muBten alle in ciner klar verstandlichen
Sprache schreiben und durften sich nicht hinter gelehrttuende
Fachausdriicke verstecken. Jeder Artikel muBte Antwort auf
die Fragen geben Warum? Wann? Wie? Wo? Einmal tele-
graphierte er von der Riviera, was das Wort ,,Ectoplasma" in
dem heutigen Leitartikel heiBe. ,,Niemand im Hotel kennt das
Wort'*. Er erlaubte nie, daB Inserate wichtiger genommen wur-
den als redaktionelle Nachrichten. ,,Die Leute kaufen die Zei-
tung wegen der Neuigkeiten, und wenn Sie die Nachrichten
durch Inserate kaputt machen, machen Sie die Zeitung kaputt."
Er hielt es auch im Interesse der Inserenten fur richtig, daB
der redaktionelle Teil der Zeitung der wichtigste sei. Der
Chief fiihrte eine betrachtliche Erhohung der Gehalter
von Redakteuren und Reportern ein, verlangte aber selbstver-
standlich entsprechende Leistungen. In seinem Testament ver-
machte er seinen samtlichen sechstausend Angestellten, kleinen
und groBen, ein Dreimonatsgehalt, insgesamt 533 000 Pfund.
Beim Verkauf der Grundstiicke, die diesen Betrag aufbringen
sollten, kamen hunderttausend Pfund weniger heraus. Lord
Rothermere, Northcliffes Bruder, bezahlte aus seiner Tasche
die restliche Kleinigkeit von zwei Millionen Mark.
Northcliffe wird mit Recht nachgesagt, daB er fur die er-
barmungslose Fortfuhrung des Krieges bis zum Sieg gekampft
hat. Aber er lieB sich seine Taktik nicht von einem ,,Kriegs-
presseamt" vorschreiben. Er weigerte sich, auf Ersuchen der
Admiralitat seinen Kampf gegen Jellicoe einzustellen. Der
Chefredakteur der .Daily Mail', Tom Marlowe, war in dieser
Sache zu Sir Auckland Geddes bestellt. „Ihre Zeitung fiihrt
einen Kampf gegen Jellicoe. Ich habe Sie hergebeten, um
Ihnen zu sagen, daB das aufhoren soil." „Das lehne ich ab'\
sagte Marlowe, Sir Auckland sah ihn ruhig an und sagte: ,,Sie
scheinen ein starker Bursche zu sein, Guten Morgen." Dann
ging er zum Staatsanwalt und verlangte, daB Marlowe verhaftet
wiirde. Es passierte nichts, aber zwei Tage spater war
Jellicoe abgesetzt.
Am 11. Marz 1914 teilt .Daily Mail' mit, daB die , Times',
ebenfalls ein Northcliffeblatt, von jetzt an nur noch einen
Penny kosten sollten. Am 9. Mai ist die Auflage von 53 000
auf 170 000 gestiegen. Spater, im Jahre 1922, als die , Times*
wie alle andern Blatter wieder teurer geworden war und zwei
Penny kostete, erhielt der Chief eines Tages in Pau ein Tele-
gramm, daB der , Daily Telegraph', das Blatt der Konkurrenz,
sechs Wochen spater auf eineinhalb Penny herabgesetzt wer-
den sollte. Er erhielt das Telegramm an einem Sonnabend. Am
Montag darauf kosteten die .Times' nur noch eineinhalb Penny.
Tom Clarke schreibt als Einleitung zu den Kriegsseiten
seines Tagebuchs, es habe ihn immer gewundert, daB spater
alle Leute von dem Attentat von Serajewo als dem Flammen-
zeichen des europaischen Brandes gesprochen hatten. Damals
habe das niemand in seinem Vaterland gesehen. Auch North-
cliffe nicht. Die Vorgange in Ulster f iillten noch am 20. Juli
die samtlichen Blatter. Am 26. notiert Clarke in seinem Tage-
buch, daB ein Telegramm des wiener Korrespondenten die
53
Kriegserklarung Oesterreichs an Serbien meldet, und weitere
Nachrichten mclden die Zusammenziehung der dcutschen
Flotte. ,,Was hat das zu bedeuten?" fragt er, Nach Riick-
sprache mit dem Chefredaktcur wifd ein Telegramm an
Winston Churchill, den erstcn Lord der Admiralitat, der sich
in seinem Weekendhaus befand, geschickt: MKrieg Oesterreichs
an Serbien erklart. Deutsche Flotte zieht sich zusammen. Ge-
statten uns anzufragen, ob es wahr ist, daB englische Flotte
demo:bilisiert. , Daily Mail1." Churchill hat das Telegramm nie
beantwortet, aber Tatsache ist, daB er nachher mit dem Prin-
zen Ludwig Battenberg, dem ersten Seelord, telephonierte,
noch am gleichen Nachmittag nach London zuriickfuhr, und daB
die Demobilisierung der Flotte gestoppt wurde.
Northcliffe war entgegen der amtlichen und einem groBen
Teil der offentlichen englischen Meinung nicht fur Entsendung
eines Expeditionsheeres auf den europaischen Kontinent. Er
hielt die Flotte ausreichend zum Schutz Englands. ,, Nicht eiri
einziger Soldat geht mit meiner Einwilligung. Sagen Sie das
morgen i'm LeitartikeL" Es gab eiaen schweren Kampf zwi-
schen dem Chief und seinem Chefredakteur Marlowe, den Mar-
lowe gewann. Die Setzer muBten die ganze Nacht zwei ver-
schiedene Titelseiten vorbereiten, und bis zum letzten Augen-
blick wuBte niemand, welche Seite herauskommen wiirde. Das
Blatt erschien am Morgen des 5. August mit einer Verspatung
von dreiviertel Stunden und dem Leitartikel in Marlowes Sinn,
also fur Entsendung von Truppen auf den Kontinent.
Wie stark auch wahrend des Kriegs eine demokratische
Kritik an der Politik des eignen Landes in England im Gegen-
satz zu andern Landern geiibt werden durfte und geiibt wurde,
geht aus zwei Bemerkungen des Tagebuchs hervor. Am 1. De-
zember 1914 schrieb der ,Star\ eine liberale Zeitung; ,,Nachst
dem Kaiser hat Lord Northcliffe mehr als irgend jemand anders
zur Herbeifuhrung des Krieges getan." Und ami, Februar
1915 ist der Chief wiitend iiber den ,,pestilenzartigen Optimis-
mus" seines eignen Blattes in der Beurteilung der Kriegslage.
Er verlangt, daB die amtlichen Liigen, die zu diesem falschen
Optimismus in der britischen Offentlichkeit gefiihrt haben, auf-
gedeckt werden.
Solange man in England vom Krieg sprechen wird, so lange
wifd man sich an Northcliffes Kampf gegen den ,,Munitions-
skandal" und Lord Kitchener und an sein Eintreten fur Lloyd
George und dessen Einsetzung zum Munitionsminister er-
innern. Er hielt diesen Kampf gegen die gesamte englische
Presse durch, lieB sich auch nicht dadurch Jbeirren, daB seine
Blatter , Times' und ,Daily Mail* an der Borse zum Zeichen des
Protestes verbrannt und zu zehntausenden abbestellt wurden,
wahrend gleichzeitig die Auflage der Konkurrenz, des ,Daily
ExpreB', urn fiinfzigtausend stieg, Northcliffe sagte zu all die-
sen Ereignissen nur: ,,Das ist nur ein Beweis dafiir, daB sie die
Wahrheit nicht kennen." Er steckte den letzten Pfennig sei-
nes privaten Vermogens in diesen Kampf und gewann ihn. Die
Regierung sturzte, Kitcheners Ruhm schwand dahin, und Lloyd
George wurde Munitionsminister. Und trotz alledem war
54
Northcliffe in der Hauptsache kein Politiker sondcrn immcr
wieder Journalist. Er konnte es zum Beispiel nicht vertragen,
wenn seine Blatter von den Kampf en am Isonzo berichteten,
ohne dem Leser zu erklaren, was der Isonzo ist. „Sie konnten
ja glauben, es sei ein italienischer Tenor oder ein Musik-
instrument."
Auch :bei der Behandlung der inschen Ereignisse, die von
der Regierung aus politischen Griinden geheim gehalten wur-
den, durchbrach er aus journalistischen Griinden diese Politik.
Er wufite sich Spezialberichte zu verschaffen, und nach einem
sechstagigen Schweigen der gesamten Presse auf Regierungs-
geheiB brachte er ausfiihrliche Nachrichten und beschwerte sich
iiber die den Zeitungen zugemutete Kontrolle durch die Regie-
rung. Er fiihrte auch das Geschrei iiber den ,,Sieg am Skager-
rak" auf das richtige MaB zuriick und behauptete, daB mit die-
sen breitausgesponnenen Berichten nur die Aufmerksamkeit von
Ypern und Verdun abgelenkt werde, zwei sehr gefahrlichen
Punkten, Spater kam sein Kampf gegen Asquith, der ihm viel
zu wenig Energie hatte: ,,Bringen Sie heute nebeneinander die
Bilder von Lloyd George und Asquith. Nehmen Sie das liebens-
wiirdigste Photo von Lloyd George und setzen Sie darunter tSo-
fort handeln' (Do it now), und nehmen Sie das schlechteste Bild
von Asquith mit der Unterschrift ,Abwarten' (Wait and See).1'
1917 lehnte er ein Angebot, als Luftfahrtminister ins Ka-
binett einzutreten, ab, weil er sich nicht der Freiheit der Kritik
an der Regierung berauben wollte. Spater lehnte er aus den
gleichen Griinden den Posten des Kriegsministers ab. Aber
er ubernahm im Mai 1918 im Kriegskaibinett die Leitung der
Propaganda gegen den Feind. Der Furor, mit dem er diese
1(Papieroffensive" gegen Deutschland eroffnete und durch-
fiihrte, ist Geschichte geworden.
Es kam zum Krach zwischen ihm und Lloyd George, als
dieser sich weigerte, ihn in die Delegation zur Friedenskonfe-
renz aufzunehmen, weil er es nicht zulassen wollte, ,,daB dieser
groBe Mann den Premierminister beherrsche".
Interessant ist des Chiefs Stellung zu jungen Leuten und
zu Frauen, und zwar sowohl als Mitarbeitern wie auch als Le-
sern. Er moniert eines Tages, daB die , Times' viel frischer und
lebendiger seien als .Daily Mail', und zwar komme das daher,
daB die Redakteure der , Times' im Durchschnitt sechs Jahre
jiinger seien als die der ,Daily Mail'. Ebenso sei die Generation,
die die Zeitung beeinflussen wolle und miisse, die junge, und
man miisse daher Dinge bringen, die diese Menscheri inter-
essiere und weniger die Mitglieder des londoner Presseklubs.
Fiir viele Gebiete hatten Frauen weit mehr Verstandnis als
Manner, diese sollten daher auch von Frauen bearbeitet wer-
den. Das sei um so wichtiger, als auch das Leserpublikum zu
einem sehr groBen Teil aus Frauen bestehe. Das ganze Blatt
mufite sich einmal fiir den Kampf um den kurzen Rock zur
Verfiigung stellen. Die ganze Welt muBte zu dieser Frage
interviewt werden, jund von der ersten bis zur letzten Seite
muBten Bilder von Frauen mit hiibschen Beinen gebracht
werden.
55
Oberragenden Wert legte Northcliffe darauf, daB seine Mit-
arbeiter fremde Lander, moglichst die ganze Welt, kennen
lernten. Er stellte Riesensummen fiir Reisen zur Veriugung.
Die Redakteure brauchten von diesen Reisen keine Berichte
zu geben, sie sollten nur Eindriicke in sich aufnehmen, damit
sie spater die Dinge richtigi beurteilen konnten.
Als der Chief schon sehr krank war, telephonierte er eines
Tages ins Bureau; ffIch hore eben, daB man sich erzahlt, ich
sei verrtickt geworden. Schicken Sie Ihren besten Reporter,
damit er mich interviewt,"
Maienklang und die soziologische Situation
von Peter Panter
p\ er gebildete Mittelstand des neunzehnten Jahrhunderts son-
derte, wenn entsprechend gereizt, lyrische Gedichte ab
sowie auch Dramen — keine Biedermeier-Schublade ohne sol-
ches. Das hat man derm zum SchluB gar nicht mehr ernst ge-
nommen; die immer gleiche Wiederholung. dieser Produktion
machte sie lacherlich. Nicht Lyrik und Drama wurden lacher-
lich, sondern die kleinen Leute, die sich dieser Formen be-
dienten, um ihre Sechsergefuhle auszudrucken. Sie fiihlten sich
durch die Klassiker angekratzt, nun rann ihre Bildungsdriise
aus, leer klapperten die Jamben, es stelzten die Trochaen, und
was Hebbel konnte, das' vermeinte Herr Schuldirektor Gott-
schalk vom Realgymnasium in Pasewalk noch alle Tage zu
konnen. Die Sekundaner dichteten beinah so schon wie Heine.
Und wenn einer sagt: „OberlehrerdramaM oder ,,Pubertats-
lyrik'*, dann wissen wir Bescheid, die Sache ist richtig ein-
rangiert und damit erledigt. Irgend ein Wert kommt diesem
Zeug in den allerseltensten Fallen zu. Kitsch ist das Echo der
Kunst.
Das hat sich geandert.
Der gebildete, sanft abgerutschte Mittelstand sondert keine
Dramen mehr ab, nur noch wenig Gedichte — er produziert in
unendlichen Massen gebildeten Schmus, Man kann das nicht
anders nennen.
Die Zeitschriften sind voll davon, Der Kram hauft sich zu
Biichern. Viele Leute reden sogar in diesem vertrackten Stil,
und er hat ein untrugliches Kennzeichen; das sind seine iiber-
[liissigen, ja, zu diesem Zweck erst erfundenen Fachworter.
Die Kerle glauben, sie hatten eine Leistung vollbracht, wenn
sie irgend eine Selbstverstandlichkeit oder einen kleinen Ge-
danken mit dem Zusatz ,,religionspsychologisch" versehen;
wenn sie ,,verkehrstechnischM sagen oder wenn sie eine Ober-
schrift „Zur soziologischen Situation des . . ." formen. Es ist
ganz und gar sinnlos, was da geschieht,
Jeder kann sich den SpaB machen, diese aufgequollenen
Satze links von einem Strich zu setzen und rechts die Ober-
setzung ins Deutsche hinzuzuiiigen; er wird eine verbliiifende
Entdeckung machen. Namlich die: die eine Halfte dieses Ge-
schwafels bedeutet iiberhaupt nichts, und die andre laBt sich
56
sehr cinfach ausdriicken. Dann bleibt allerdings nicht viel. Die
aufgelosten Knaule crgeben etwa: „Man kann nicht alles durch
die Glaubenssatze des Katholizismus erklaren" oder: ,,Viele
Bauernsohne sind in den letzten Jahrzehnten in die Stadte ge-
zogen" oder: „Die jungen Leute gehn lieber ins Kino als ins
Theater" oder so etwas. Aber ausgedriickt ist das geschwollen,
gequollen, geblaht und auf geblasen, * daB einem himmelangst
wird. Arm — ? Arm heiBt das nicht. „Die okonomische
Existenznot der Bourgeoisie", so heiBt das. Und worum geht
es — ? „Es geht um das Wissen um . . /'
Lacht <loch das Zeug aus — !
Glaubt ihnen das doch nicht. Es ist ja nicht wahr, daB
man das nicht alles genau so gut, ja, viel besser, klar und ein-
fach ausdriicken kann. Ich spreche nicht von Facharbeitern;
will sich einer mit den Nachfolgern Kants auseinandersetzen,
dann muB er die uberkommenen Fachausdriicke anwenden.
Die eitle Dummheit aber, iiber jedem Gebiet des Lebens eine
Wissenschaft zu errichten, und die dumme Eitelkeit, so zu tunr
als sei man in alien diesen falschen Wissenschaften zuhause,
das ist grauslich. Es besteht auch nicht der leiseste Grund,
jede Untersuchung mit schmatzenden Fachausdriicken aller
nur moglichen Gebiete zu beladen, Hier wird wiedergekautf
was Zeitungen, ZeitschriUen und Vortrage in das widerstands-
lose Gehirn hineingestopft haben; wieder scheidet die Bildungs-
drlise etwas aus, und wieder taugt es nichts. Sehr gern ge-
tragen wird der marxistische Slang. „Ein Experiment organi-
sieren" schreibt Bruder Brecht, aiber das ist nichts als schlech-
tes Deutsch. Man kann etwas organisieren, zum Beispiei den
Versand von Kali nach Amerika, und man kann ein Experi-
ment machen — aber ein Experiment organisieren: das kann
man nicht. Dergleichen ist hingesudelt. Gemeint ist: ver-
suchen.
Jede Betatigung auf dieser Kugel hat sich eine Wissen-
schaft als Dach gebaut, darunter ist gut munkeln. Und die
Pfaffen aller dieser Wissenschaftchen sind munter am Werke,
die deutsche Sprache zu einem Monstrum zu machen; dies
Deutsch mit seinen vielen Fremdwortern klingt, wie wenn
einer die Stiefel aus dem Morast zieht:* quatsch, quatsch,
platsch, quatsch . . .
Luge. Luge und Wichtigtuerei. Dieser unertragliche Stil
mit dan Fachadverbien, mit dem pseudowissenschaftlichen Ge-
klohn, das jeder halbwegs gebiidete Primaner beherrscht — :
das ist gar nichts. Zwischen:
Wonnige Stunden im Lenze!
Sonniger, duf tiger Mai!
Tage der bluhenden Kranze,
Seid ihr fur ewig vorbei?
und;
„Die Seinsverbundenheit des Wissens halt einer Analyse im an-
thropologischen Sinne schon deshalb nicht stand, weil die Frage
Utopie oder Ideologie in der gedanklichen und gesellschaftlichen Auf-
losung ..."
zwischen diesen beiden AuBerungen ist kein Unterschied.
Leer und sinnlos sind beide, Aff ereien von Formen, die bei andern
5T
cinmal eincn Sinn gehabt haben: die Bildung hat in die Men-
schenschlucht gerufen, und nun hallen die Wande wider. Diese
gesamte Schmus-Literatur hat genau den gleichen Wert wie
das Oberlehrerdrama und die Maienklang-Lyrik: namlich gar
keinen, Anno fiinfundachtzig kamen Drama und Lyrik auf die
Oberlehrer herunter; jetzt sind Geschichte und Philosophie auf
die Klugredner heruntergekommen.
Wir auf der Redaktion lesen solche Aufsatze schon lange
nicht mehr. Ich kann euch nur das gleiche empfehlen.
ChartreS von Walter Mehring
JJs wohnen in Berlin und Indien
Ganz wict in Chartres Menschen auch —
Sie rakelt sich auf einer windgen
Anhohe und blast diinnen Rauch.
Sie wascht ihr 14. Jahrhundert
Sich eitel in dem schmutzgen Bach.
Wenn sie ein Reisender bewundert,
Dann lacht sie ubers ganze Dach.
Trage sickert durch schmale
Gassen das Gestern ins Heut —
Und iiberall die Kathedrale
Und einen Himmel voll Gelaut!
Es fallen ihr die alten Bauten
Wie ZahneS aus den Mauern aus —
Es adert sich in diirren Rauten
Die Gotik um ein jedes Haus.
Die Fenster schaun sich in die Stuben
Mitwisser ungesiihnter Schuld —
Und Bilder treiben in den Schuben
Unzuchtig greisen Ahnenkult.
Tief im Schlund der Portale
Wird Historie zerkaut —
Und iiberall die Kathedrale
Und einen Himmel voll Gelaut!
Als Suhne langst vergossnem Blute
Tragt sie ein schweres Monument —
So hockt sie an der Atttoroute,
Die sich nach Tours zu Tode remit,
Doch streift im Flug der Fledermause
Ein Fremdes an der Ttirme Stein,
Dann krampft sie sich in ihr Gehause
Der starr gewundnen Brauche ein.
Weit uber Berg und im Tale
Schnarcht ihre Brut verstreut —
Und iiberall die Kathedrale
Und einen Himmel voll Gelaut!
58
KHtik von Eduard Lunz
Tn einer schr klaren und klugen, ihre Erkenntnisse ausgezeich-
net formulierenden Broschiire iibcr das deutsche Theater-
elcnd: MUngeschminkt" (bei Jahoda und Siegel, Wicn) spricht
Heinrich Fischer, seinerzeit, unter der Direktion Aufricht,
Dramaturg am Schiffbauerdammtheater, auch iibcr die Kritik.
Er sieht in ihr den unheimlichsten der unheimlichen Faktoren,
,,die das kiinstlerische Theater der Zeit in seiner Arbeit be-
driicken";
Aber wie reell, wie menschlich und handgreiflich wirkt solche
Bedrangnis (die wirtschaftliche) neben jenem unfaBbaren kritischen
Diktat, das in Berlin wie in keiner anderen Stadt der Welt dem Di-
rektor, dem Regisseur, dem Schauspieler jeden seiner Schritte be-
klemmend vorschreibt. Ich habe einen Angsttraum gehabt, aber es
war ein wahres Erlebnis: unmittelbar vor der Premiere von Wedekinds .
„Liebestrank" an unserem Theater, in jenem letzten unheimlichen Mo-
ment, bevor der Vorhang zum ersten Mai aufgeht, wenn auf der Buhne
nur noch hier und dort gefliistert wird, der Inspizient sein „Buhne
frei!" ruft und schon den Arm hebt, .urn den erstefl Gongschlag zu
geben, in diesem herzbeklemmenden Augenblick stiirzt mit einem Mai
der Darsteller des Fiirsten Rogoschin, ein Riesenkerl von einem Men-
schen, ein Schauspieler von Namen und Rang ans Guckloch des Vor-
hangs, starrt eine Sekunde in den Zuschauerraum, ruft plotzlich mit
kaum horbarer Stimme aus: „Kerr!" — „Ihering!", fallt, indem er
sich unter der Schminke verfarbt, in einen Sessel und erbricht sich,
von unmenschlicher Aufregung geschiittelt, mitten auf der Buhne. Er
hat Minos und Rhadamanthys ins Auge gesehen. Ich weiB, daB jene
zarte Schauspielerin, die viele als den Inbegriff dekadenter Zerbrech-
lichkeit lieben, als den Ansbund jener Wesensart Frau, die vor dem
leisesten Hauch des Unheils behiitet werden miifite, dafi diese Schau-
spielerin am Tag nach ihrem Mifierfolg in einer grofien Rolle bei der
Lektiire der Kritiken einen Nervenanfall von solchen AusmaBen er-
litt, daB sie das Mobiliar ihrer Wohnung besinnungslos in Stiicke
schlug und nur miihsam von dem rasch herbeigeholten Arzt beruhigt
werden konnte. Konnten Sie einmal miterleben, wie die unnennbare
Angst vor der Kritik die Atmosphare des modernen Theaters mit
einer immerwahrenden, immer wechselnden Unsicherheit erfiillt hat,
die sich drei Tage vor der Premiere bei alien Beteiligten zu einer
klinischen Hysterie steigert! Eine fiebernde Nervenangst gibt schon
im voraus die Schlage weiter, deren sie von dem Richtschwert der
ungreifbaren, geltung- und gagebestimmenden Macht immer ge-
wartig ist.
Nach der Premiere eines lustigen Stiicks im Deutschen
Kiinstlertheater (die Geschichte steht nicht in der Fischerschen
Broschiire, aber sie gehorte hinein) war auf der Biihne alles
in Siegerlaune, denn die Zuhorer hatten sich groBartig unter-
halten, Autor und Darsteller immer wieder hervorgerufen. Der
Erfolg des Abends schien zweifellos. Nur der Direktor sah
gequalt und sorgenvoll drein. ,,Haben Sie denn den riesigen
Applaus nicht gehort und wie die Leute geschrien haben vor
Lachen?" Da schiittelte der Direktor traurig das Haupt und
sprach die gefliigelten Worte, epea pteroenta: „Kerr hat nicht
gelacht!" Zum Gluck war er im Irrtum, Kerr hatte doch ge-
lacht; anderenfalls freilich hatten die an Stuck und Theater
Interessierten nichts zu lachen gehabt.
f,NiemaIs'\ schreibt Fischer, den Kritiker Ihering zitierend,
59
„niemals war die Unzufriedenheit mit dcr Kritik grofier als
heute, die Verbitterung bei alien Betroffenen, bei Direktoren,
Schauspielern, Regisseuren, Malern, Bildhauern, Musikern,"
Aber niemals, fiigt er hinzu, war auch die Angst groBer als
heute. Und er stellt fest, daB die kritische Tyrannei dort am
unertraglichsten ist, wo sie von einer kleinen Personlichkeit,
der die geistige Legitimation fehlt, ausgeiibt wird:
Die Institution stellt sich schiitzend vor den Mann, die grofie
Zeitung gibt dem Einzelnen von ihrer ephemeren Autoritat ab und
macht ihn durch die aufiere EinfluB-Position gegen jeden Angriff ge-
feit. So ging die Entwicklung der berliner Theaterkritik; je geringer
der geistige und dramaturgische EinfluB des Kritikers auf die Theater
wurde, destp gewichtiger seine Bedeutung fur die Feststellung des
auBeren Erfolgs, die er von der Machtstellung des Blattes bezog. So
werden Theaterkritiken in Berlin heute von Direktoren, Regisseuren,
Schauspielern und Publikum fast nur noch als Kurszettel des Erfolgs
gelesenj aber als solche sind sie von entscheidender Wichtigkeit.
Wahre Worte, die den Nagel, der einer zum Sarg des
Theaters ist, auf den Kopf treffen. Auch damit hat Fischer
recht, wenn er sagt: „Es ist das starkste Argument gegen die
Theaterkritik, daB keiner ein Argument gegen sie wagt." In
der Tat, die Kritik ist tabu. Keiner getraut sich, aus guten
Grunden, ein Wort gegen sie, nicht einmal eines gegen die
Praimpotenz der Kleinen von den ihren,
Kritik; Das sind, res pro persona, die Kritiker. Es sitzefi
bei einer Premiere im Zuschauerraum, nehmen wir an: viele
Menschen. Alle sind Kritiker, Sie beurteilen, was ihnen ge-
boten wird, es gefallt oder miBfallt ihnen, sie haben Lob fiir
dieses, Tadel fiir jenes, sie sind begeistert, emport, spottlustig,
gelangweilt, je nachdem. Einige von den Vielen aber Kaben
das Vorrecht, daB ihre Meinung durch Zeitungsdruck sich in
Kritik verwandeln, daB ihr Loben und Tadeln sich in groBer
Streuung ausgieBen darf iiber die glaubige zeitunglesende
Welt. Sie entscheiden inappellabel; dies ist gut, dies schlecht.
Wer hat sie eingesetzt in ihr Richteramt? Der Hebe Gott, be-
ziehungsweise der Verleger. Wie wird man Theaterkritiker?
Indem man Theaterkritiker wird. „Herr Miiller", sagte der
Chef, ,,Sie ha;ben zehn Jahre* brav im lokalen Teil gearbeitet,
eine Gageerhohung kann ich Ihnen natiirlich nicht geben, aber
ich gebe Ihnen das Referat iiber das soundso Theater.'* Und
von nun ab ist die Meinung des Herrn Miiller ein Teil jener
geheimnisvollen, Kritik gerufenen, Macht, welche iiber Leben
und Tod im Theaterbezirk entscheidet. In vergangener Zeit,
als die Schauspieler noch ihre langfristigen Vertrage in der
Tasche hatten, konnte die Kritik sie nur in ihrer kiinstlerischen
Geltung herabsetzen. Heute nimmt ihnen der abfallige Spruch
des iBeurteilers die Existenzmoglichkeit. Heute sind Tbeatei*-
kritiken, wie Heinrich Fischer sagt, nKurszettel", die den
Marktwert des Schauspielers bestimmen. Und in der verzwei-
felten Bangigkeit, mit d»r er dem Votum seiner Richter ent-
gegenzittert, spricht sich weniger die Sorge eines empfind-
lichen Ehrgeizes aus, gekrankt zu werden (das lieBe sich zur
Not ertragen), als vielmehr die Sorge urns Brot fiir morgen.
Die Kulturwelt kennt wohl keine zweite, iiber Menschenschick-
sale bestimmende Macht, die, so wie die Theaterkritik, ohne
60
jede Verantwortung als die fragwiirdige vor sich selbst ge-
braucht wird und niemals ihrc Entscheidungen vor einer iiber-
geordnetcn Instanz rechtfertigen muB, kcin Amt, zu dessen
Ausubung einer schon und nur dadurch legitimiert erscheint,
daB er es cben ausiibt,
Der Mensch ohne Natnen von Rudolf Arnheim
W7as die Jungen im Sturm und Drang wagehalsig erfinden,
das tragcn zwanzig Jahre spater die GroBmiitter als wiir-
digen Sonntagsstaat. Dinge, mit denen umstiirzlerische Film-
kiinstler uns den Atcm raubten, kchren ein wcnig spater, stu-
benrein und hoffahig, in der gepflegten Spitzenproduktion der
Filmindustrie wieder. Wer den Ufa-Film ,,Mensch ohne Na-
men" sieht, wird ein packendes Thema behandelt linden, prach-
tig klare Bilder, wagehalsige Bildausschnitte, ein geschickt raf-
fendes Manuskript, eine kluge Schauspielkunst voll gedampfter
Zwischentone, einige gut pointierte Ausfalle gegen die Bureau-
kratie, die einen Menschen tot nennt, auch wenn er lebt, und
ihm schlieBlich nur deshalb einen neuen Namen gibt, um fur
die Ordnungsstrafe wegen Beamtenbeleidigung einen einwand-
freien Adressaten zu haben. Auch gibt es zum Besten der not-
leidenden berliner Filmkritik eine Kameraeinstellung von rus-
sischer Schonheit, wenn tief unten im Schacht der Kartothek-
schranke — von Herlth und Rohrig vorbildlich gebaut — * wie
auf dem Meeresgrunde winzig der Namenlose steht.
Aber siehe, der bureaukratische Staat wird durch einen
giitig abwagenden Amtsrichter vertreten; das schreiende Un-
recht braucht nicht repariert zu werden, weil der Enterbte
durch Gottes und der Produktionsleitung weise Fiigung einen
neuen Namen, eine neue Frau, neue Millionen und neue Arbeit
findet; dem Fabrikbesitzersehepaar wird geschickt der drama-
tische Konflikt erspart, der ja erst ausbrache, wenn die Bei-
den den Wiedergekehrten erkennten — so zerflieBt der Stoff
wie Butter an der lieben Sonne, noch ehe er recht in Angrifl
genommen ist. Raum ist in der kleinsten Hiitte, der Stempel-
bruder hat Gaslicht in der Kuche und einen guten Kern un-
term Sporthemd, und die abgebaute Stenotypistin tragt noch
zu nachtschlafender Zeit ein Brokatkleid mit Riickenausschnitt.
Liebe Menschen, ordentliche Leute, und es ist alles halb so
schlimm mit den Schicksalen und mit dieser bosen Welt
Bewundernswert die Geschicklichkeit, mit der in diesen
Filmen alle geistigen Anspriiche zugleich erfiillt und enttauscht,
Zeitfragen angeschnitten und dann rechtzeitig abgebogen, An-
spruchsvolle und Dienstmadchen durch die gleichen Bilder ge-
fesselt werden, Im Atelier wird alles einschlagige Elend der
Seele und des Portemonnaies auf gebaut, aber daneben steht
eine Art Rauchverzehrer, der Obelriechendes wegschluckt und
seinerseits Ozon verbreitet. Alles ist wie aus dem Ei gepellt.
das der Chefdichter Robert Liebmann mit schoner RegelmaBig-
keit jedes Quartal legt.
Der irre Blick des Schauspielers Werner KrauB schweift
in die Feme, auch wenn das Gut e so nah liegt. Er ist — wie
bei einem Photoapparat, dessen Entfernungseinstellung verbo-
61
gen ist — stets auf unendlich eingestellt und eignet sich des-
halb fur Besessene und Hcroen, fur Leute mit groBen Gesichts-
punkten. Wie schwarze Knopfe sitzen die hypnotisierenden
Augen in dem semmelblonden Gesicht. Virtuos wechselt der
Schauspieler die Tonfalle, springt vom sanften Gurren in
schneidendes Gezeter, von plump-ehrlicher Offenheit in hinter-
haltiges Lauern, vom einfaltig liichelnden Faibrikarbeiter zum
geistvoll-energischen Fabrikanten, Seine Leistung gleicht einer
Paganini-Etude. Nur, den Paganini begleitete stets, wie wir
von Heine wissen, ein spiritus familiaris. Den Werner KrauB
begleitet nichts. Kalte Luft ist um ihn. Der Zuschauer friert
vor Bewunderung.
Kalte Pracht auch Helene Thimig, Eine marmorne Ma-
donna, die ganz auBen mit ein paar beweglichen Gesichtsmus-
keln ein stets zu Diensten stehendes Lacheln und Augen-
aufschlagen produziert. Und Maria Bard, auf Theaterdistanz
glaubhaft, ist im intimen Raum des Filmbildes nur eine fleiBig
hantierende Schauspielschiilerin. Schlaksig wirft sie die Glie-
der, wie das, einem on dit zufolge, im niederen Volke (iblich ist.
So sinken Madchen aus guter Familie ins Angestelltenfach. In
prachtigem Saft hingegen die zweite Garnitur: Falken- und
Winterstein, Griinbaum, Wieman und Giilstorff.
Und der Geheimrat Hugenberg konnte mit vaterlichem
Stolz auf diesenFilm blicken, wenn der nicht — ach! — ein un-
deutsches Werk ware. Denn der Regisseur Ucicky soil Oester-
reicher sein, und nach dem jiingst notverordneten Kontingent-
gesetz gilt jeder Film als auslandisch, der nicht von einer deut-
schen Gesellschaft in Deutschland, von einem deutschen Re-
gisseur, Autori und Musiker angefertigt ist. Was bedeutet
solche Aberkennung der Ehrenrechte praktisch? Nach § 7 der
Verordnung wird alljahrlich festgesetzt, wieviel ,,auslandische"
Tonfilme in Deutschland verliehen werden du'rfen. Vier Sie-
bentel dieser Menge werden auf die Verleiher verteilt, und zwar
im Verhaltnis zu der Zahl der ,,deutschen" Filme, die sie im
Vorjahr herausgebracht haben, Dreht also die Ufa einen Film
mit einem ,,auslandischen" Regisseur, so muB sie fiir ihn das
ihr zustehende Kontingent in Anspruch nehmen und erzielt
auBerdem im nachsten Jahr eine entsprechend geringere Kon-
tingentquote. Nun weiB aber jeder Kenner, daB bei uns grade
die vaterlandischen Filme mit Hilfe auslandisch-fremdstammi-
ger, ja in krassen Fallen aus Wien stammender Hilfskrafte ent-
stehen. Kiinftig also werden die Fridericusse aller Art zwar
von deutschen Staatsbiirgern angefertigt werden, aber denBlut-
geruch der angestammten Scholle wird das nicht mehr haben.
Der wird in den wiener und budapester Kiinstlercafes, ge-
wissermaBen in fremder Heimaterde, leise verduften.
Ach, was riiitzt nun der kecke Militarmarsch, eine Trom-
petenpiece wie frisch vom Vergniigungsdampfer gelockt, die,
eigentlich ohne Grund, den Kinoabend im Ufa-Palast einleitete!
Was niitzen die von englischen Panzerkreuzern reichlich aus-
gesendeten U-Boot-Bomben und das Land und Leute ver-
nebelnde Luftschutzgas in der Wochenschau! Was mitzt es —
nachfolgt, als Hauptfilm, ein undeutsches Werk! Germania
steht an der Kasse und trauert.
62
Grofier Filmprospekt von Kari schnog
Pressechef:
Es 1st der Mammuth-Monstre-Film-AG. gelungen,
Das schonste Werk der Gegenwart zu drehn,
Nach sehr viel Arbeit, noch mehr Anderungen:
Welch prachtger Ausschnitt aus dem Zeitgeschehn!
Nicht nur das schonste aller Manuskripte
Auch die Idee half mit zum hohen Zweck,
Bureauchef:
Ich weiB noch gut, wie es das Fraulein tippte
Und der Direktor meinte „GroBer Dreck!"
Pressechef:
Sechshundert Tiger, tausend wilde Pferde,
Vier Negerdorfer und ein Urwald-Kral
Nebst einer wilden Elefantenherde
Sind nur ein Teil von unserm Material.
Zwolftausend Menschen, uns ein Jahr verbunden,
Hat dieses Werk erfordert und begluckt.
Statist:
Nur wurde meistens in den Oberstunden,
So sehr man konnte, Honorar gedruckt!
Pressechef:
Was mitzen Bauten, helfen Film-Montagen,
Was fremder Lander hehre Zauberpracht,
Wenn wir nicht durch die hochste aller Gagen
Die grofie Diva bei uns ,festgemacht!
Wie sie durch teure. Schicksalssturme wandelt,
Und siegreich feindlichen Gewalten trotzt . . .
Diva:
Wie sie gefeilscht, geschachert und gehandelt,
Hat mich beim AbschluB damals angekotzt*
Pressechef:
Acht Lustspielfilme und neun Riesendramen
Sind das Programm der nachsten Produktion.
Auffiihrung nur im allergroBten Rahmen
Mit Biihnenschau und Ausschank-Konzession.
Wir bauen funfzig neue Filmpalaste
Mit Tonfilm-Orgel, Pliisch und Marmorpracht . , ,
Vorfiihrer:
Und ich kann klage^um die Gagenreste,
Wenn meine Firma nachstes Jahr verkracht!
63
Der Niedergang des Weltkapitalismus
von Fritz Sternberg
In seinem Buch „Der Niedergang des deutschen Kapitalis-
mus", das dieser Tage im Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, er-
scheint, fiihrt Fritz Sternberg den Nachweis, daB nicht nur die
heutige Krise strukturell verschieden ist von den Krisen im
aufsteigenden Kapitalismus, sondern daB die Konjunktur vor
dieser Krise einei Konjunktur im niedergehenden Ka-
pitalismus war. Wir bringen hier einen Abschnitt aus dem Ka-
pitel „Der Niedergang des Weltkapitalismus",
A4an kann die entscheidende Differenz gegeniiber dem aul-
stcigcnden Vorkriegskapitalismus nicht plastischcr veran-
schaulichen als durch nachfolgendes Schaubild, das dem vom Sta-
tistischen Reichsamt herausgegebenen Buche ,,Die Wirtschaft
des Auslandes" entnommen ist:
VenStaaten v. Amerika * Jndusfrie entwicklung
(18 99 = 100)
400
400
1899 1904 1909 1914
1919 21 21 25 2?
i
Cgeschafzf)
Wenn wir auf dem Schaubild die Entwicklung bis zum
Jahre 1914 betrachten, so finden wir einmal eine ziemlich
gleichlaufende Kurve der Entwicklung der Produktion und der
Anzahl der beschaftigten Arbeiter. Die Produktivitat der
Arbeit nimmt langsam zu.
Betrachten wir aber die Entwicklung seit 1921, so ist sie
alles andre eher als gleichlaufend. Die Ziffern der Produktion
wachsen stark weiter, die beschaftigten Arbeiter nehmen da-
gegen nicht mehr zu und die Steigerung der Produktion ohne
Steigerung der Zahl der beschaftigten Arbeiter wird dadurch
moglich gemacht, daB die Produktivitat der Arbeit in ungleich
schnellerem Tempo wachst als in der Vorkriegszeit Die auBer-
ordentlich groBe Steigerung der Produktivitat gilt nicht nur fur
64
die Industrie der Vereinigten Staaten, sie gilt in gleicher Weise
fiir die Landwirtschaft.
Was war die Konsequenz des Rtickgangs der Zahl der Be-
schaftigten in Industrie und Landwirtschaft bereits in der Kon-
junktur? Die Konsequenz war einmal, daB die Einwanderung
gestoppt wurde, daB die Vereinigten Staaten also fiir die euro-
paischen Lander in immer geringerem Umfange als Auswande-
rungsland in Frage kamen. Die weitere Konsequenz war, daB
die jungen Arbeiter, die jahrlich neu in den ProduktionsprozeB
eintraten, nicht mehr voli beschaftigt werden konnten, das
heiBt also, daB die Zahl der Arbeitslosen bereits in der Kon-
junktur auBerordentlich wuchs, Eine exakle Arbeitslosen-
statistik haben wir bekanntlich in den Vereinigten Staaten
nicht. Man macht dort viele Statistiken, man macht auch
Enqueten, man schickt Zehntausende von Fragebogen heraus:
Wie denkt der Schiiler in der Pubertat iiber Gott? Aber eine
genaue Statistik der Arbeitslosigkeit gibt es in den Vereinigten
Staaten nicht. Wir sind daher auf Schatzungen angewiesen. In
dem bereits zitierten Buch ,,Die Wirtschaft des Auslandes"
heiBt es (Seite 546):
Die starke Freisetzung menschlicher Arbeitskraft, wie sie beson-
ders seit 1923 als Folge der Rational isierung eingetreten ist, diirfte
neben der Landflucht die Hauptursache der seit Herbst 1927 stark
anwachsenden Arbeitslosigkeit (Schatzungen 2 bis 4 Millionen Er-
werbslose) sein.
Wenn man einen Beweis dafiir haben will, daB der gesamte
Weltkapitalismus im Niedergang ist, so sind es die Zahlen der
amerikanischen Arbeitslosigkeit in der Konjunktur. In der
Konjunktur sind die amerikanischen Arbeitslosenzahlen bereits
groBer gewesen, als sie jemals in der Vorkriegszeit in der Krise
waren. Niemals hatte der amerikanische Kapitalismus in der
Vorkriegszeit auch in den schlimmsten Jahren eine Arbeits-
losigkeit von vier Millionen. In der Niedergangsepoche des
Kapitalismus hat sie der amerikanische Kapitalismus in der
Konjunktur, in dem Zeitraum also, als die deutschen Pro-
fessoren fiir Vulgarokonomie nach Amerika fuhren und dort
das Wunderland entdeckten, dessen Methoden man iiberneh-
men miisse, damit auch in Deutschland alles wieder gut wiirde.
Aber die amerikanischen Zahlen sind auch darum noch so be-
sonders wertvoll, weil sie die Entwicklung klar, plastisch zei-
gen, ohne daB Faktoren hier eine wesentliche Rolle spielen,
von denen unsre Vulgarokonomen behaupten, daB sie nur
einen voriibergehenden Charakter triigen, daB sie im Rahmen
des kapitalistischen Systems bald beseitigt werden konnten.
Die Vereinigten Staaten sind durch den Krieg und die
Kriegsfolgen weit weniger betroffen worden als die euro-
paischen Lander,
In Europa sind durch den Krieg eine Reihe neuer Staaten
entstanden und daher Tausende von Kilometern neuer Zoll-
grenzen.
Die Vereinigten Staaten kennen in ihrem Gebiet ebenso-
wenig Zollgrenzen wie in der Vorkriegszeit,
In Europa war zunachst durch den Krieg der AuBenhandel
stark nicklaufig.
65
Die Vereinigten Staaten habcn im Gegensatz dazu ihren
Anteil am AuBenhandel der Welt verstarken konnen.
In Europa hatte in einer Reihe von Landern cine starke
Inflation eingesetzt und damit cine Vermogensberaubung der
Mittelschichten,; von denen viele, die bisher cin Rentnerein-
kommen hatten, wieder in den ProduktionsprozeB eiritreten
muBten.
Die Vereinigten Staaten hatten keine Inflation.
In Europa hat die Beseitigung des stehenden Heeres in
Deutschland, die starke Verringerung der Friedensheere gegen-
iiber dem Kriegsheer zunachst einmal starke Reibungswider-
stande geschaffeh, die erst hinweggeraumt werden muflten.
Die Vereinigten Staaten haben es auch in diesem Punkt
leichter gehabt. Sie hatten in der Vorkriegszeit ein kleines
stehendes Heer.
Krieg und Kriegsfolgen haben also den Kapitalismus der
Vereinigten Staaten weit geringer negativ beeinfluBt als die
europaischen Kapitalismen. Sie haben dagegen den ameri-
kanischen Kapitalismus sehr stark bereichert, denn er konnte
einmal im entwerteten Kriegsgeld seine fruhern Schulden ab-
tragen und konnte weiter an Kriegslieferungen riesenhaft ge-
winnen, so daB er in auBerordentlich schnellem Tempo den
englischen Kapitalismus aus seiner Stellung als Weltbankier
verdrangte und immer mehr zum entscheidenden Glaubiger-
staat wurde. Im Kapitalismus der Vereinigten Staaten gibt es
daher keine Kapital„knappheit", Die jahrlichen Investitionen
erreichen fur europaische Verhaltnisse gradezu phantastische
Ziffern. Allein die jahrlichen Kapitalemissionen betrugen:
Kapitalemissionen
Vereinigte Staaten
Jahr
(in Mill. Dollars}
1924
5 593
1925
6 220
1926
6 344
1927
7 776
1928
8114
1929
10195
Wozu aber hat der amcrikanische Kapitalismus diese rie-
senhaften Kapitalien benutzt? Diese neuinvcstierten Kapi-
talien haben sich nicht nur darin ausgewirkt, daB die Neu-
anlagen modernisiert wurden, daB hier die lebendige Arbeit
durch die tote immer mehr verdrangt wurde, daB hier der Ar-
beiter immer mehr Maschinerie kommandierte, sie haben sich
daher nicht darin ausgewirkt, daB, wenn auch in langsamem
Tempo, mehr Arbeiter beschaftigt wurden, sondern sie haben
sich weiterhin darin ausgewirkt, daB auch die alten Anlagen
vollig umgestellt wurden, daB auch hier die Maschine die Men-
schen verdrangte. Und so haben wir im Kapitalismus der Ver-
einigten Staaten, das heiBt in dem Kapitalismus, in dem der
66
Krieg und die Kriegsfolgen kaum eine negative Rolle spielten,
-bei riesenhaften neuen Kapitalanlagen ein solches Tempo der
Rationalisierung festzustellen, daB in der Konjunktur die Re-
servearmeeh wuchsen, daB in der Konjunktur die Zahl der Be-
schaftigten nicht zunahm, nicht stabil blieb sondern direkt
abnahm.
Die amerikanischen Zahlen sind darum so besonders we-
sentlich, weil sie kristallklar die entscheidenden Ursachen er-
kennen Lassen, auf die wir bereits hingewiesen haben; die im-
perialistischen Expansionsmoglichkeiten sind beschnitten, da-
her verscharfter Konkurrenzkampf, daher verscharfte Rationali-
sierung, die dieses Mai mit verstarkter Rationalisierung des
Arbeitsprozesses selbst verbunden ist, daher bei auBerordent-
licher Steigerung der Produktivitat Abbau der Arbeiterschaft
in der Konjunktur,
Wochenschau des Riickschritts
— Der Etat fiir das neuc Jahr enthalt einen Betrag von vierzig
Millionen Mark fiir die Zwecke des freiwilligen Arbeitsdienstes.
— Bei den Luftschutziibungen in der ber liner Technischen Hoch-
schule batte die SA einen regelrechten Absperrungsdienst eingerichtet,
der von dem anwesenden Polizeioffizier geduldet wurde.
— Nachdem der Vierte Strafsenat des Reichsgerichts dem preuBi-
schen Innenministerium das von der Reichsregierung verlangte und von
diesem verweigerte Verbot des .Vorwarts' aufgezwungen hatte, mufite
der Minister nunmehr auf Grund einer zweiten Entscheidung des
Senats auch das Verbot der fKolnischen Volkszeitung' aussprechen.
— In Bremen erklarte der Nazifuhrer Feder, es sei gleichgultig,
ob die NSDAP am 31. Juli die erforderlichen 51 Prozent bekomme
oder nicht. Vielleicht komme esJ gar nicht zur ReichstagswahL Die
Nazipartei erwage, f,das deutsche Notrecht zu proklamieren". Bald
wtirden bewaffnete SA-Leute nicht mehr aus der Bewegung ausge-
schloss^n, sondern umgekehrt, es wurden bald diejenigen aus der
NSDAP gestrichen werden, die ihre Waffen nicht anzuwenden ver-
standen.
— Der Abgeordnete Rosenberg von der NSDAP sprach im Rund-
funk tiber Aufienpoiitik,
— Die medizinische Fachschaft der berliner Universitat hat be-
schlossen, dafi Anschlage linksgerichteter Organisationen an den
schwarzen Brettern der anatomischen Anstalten und Kliniken nicht
mehr zu genehmigen sind und daB Juden bei der Demonstration inter-
essanter Falle nicht mehr ganz vorn sitzen durfen,
— Wilhelm II, hat das ihm angebotene Protektorat xiber den Na-
tionalen Deutschen Automobilklub angenommen.
— In Zurich ist ein „Bund nationalsozialistischer Eidgenossen"
gegrundet worden,
— Mit dem Grafen Moltke als militarischem Beirat dreht Ben
Fett einen Film „Die fiinf Schillschen Offiziere",
— Freiherr v, Gayl hat in einem Schreiben an die Kunstverwal-
tungen der Lander die „dringende Bitte" ausgesprochen, MdffentHche
oder offentlich .verwaltete Mittel nicht zum Ankauf auslandischer
Kunstwerke verwenden zu wollen",
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen,
67
Bemerkungen
Im Hintergrunde: Flick
l"Ve Staatspartei hat ihrcn bis-
*^ herigen Spitzenkandidaten fur
den Wahlkrcis Potsdam I, den
friihern Staatssekretar Oscar
Meyer, Syndikus des Berliner
Borsenvorstandes, Mitglied; der
Berliner Handel skammer undso-
weiter fiir die kommenden Reichs-
tagswahlen nicht wieder aufge-
stellt. Statt seiner ist Hartmann
Freiherr von Richthofen — fniher
in Rothenburg in Hannover, jetzt
in Berlin wohnhaft — als Spitzen-
kandidat benannt worderu Er ist
einer von den wenigen Staats-
parteilern, die iiberhaupt Aussicht
haben, in den neuen Reichstag zu
kommen, wo die Staatspartei —
nach der Rechnung der ,Vossi-
schen* — gtinstigstenfalls acht Sitze
erhalten kann, namlich vier in den
Wahlkreisverbanden (Berlin, Ham-
burg, Sachsen, Suddeutschland)
und nochmals vier auf der Reichs-
liste.
Warum hat die Partei Herrn
von Richthofen Jetzt so stark her-
ausgestellt? Als er friiher dem
Reichstag angehorte, noch in der
Zeit der Demo-Partei, hat er nie
eine besondere Rolle gespielt
(ebensowenig wie sein deutsch-
nationaler Vetter gleichen Na-
mens, der schlesische Landbiind-
ler). Geruchtweise verlautete, dafi
er, mehr als sonst (iblich, parla-
mentarische und finanzielle Inter-
essen zu verbinden wisse, und
darauf wurde es auch zuriickge-
fiihrt, daB ihn die Partei in der
Versenkung verschwinden HeB,
Holt man ihn, den Freiherrn,
etwa jetzt wieder hervor, statt
des „Juden" Oscar Meyer, um
in der Wahlagitation dem
Antisemitismus den Wind aus
den Segeln zu nehmen, oder
um dem Kabinett der Barone
einen ebenburtigen Fraktionschef
entgegenstellen zu konnen?
Moglicherweise war das die
Absicht der Partei. Schade —
man wird sie nicht durchsetzen
konnen. Herr Dietrich, der all-
machtige Parteifiihrer, wird. sei-
nen Kandidaten von Richthofen'
68
zurtickziehen miissen, Die Gefahr
ist viel zu groB, daB sonst ein
innerer Zusammenhang zwischen
dem Gelsenkirchen-Geschaft des
Reichsfinanzministers Dietrichr
bei dem Herr Friedrich Flick so
gut abgeschnitten hat, und der
Wiederkehr des Freiherrn von
Richthofen in die politische Arena
konstruiert wird. Weil namlich
Herr von Richthofen einer der
Vielen war oder noch ist, die sich
fiir die Interessen Flicks betati-
gen. Nicht immer sehr geschickt
— mitunter sogar recht plump:
unter Anwendung der Formel,
daB es „auf ein paar Mark" nicht
ankomme, wenn man Herrn Flick
die Peinlichkeit sachlich nicht
oder nur mangelhaft begriindeter
Presseangriffe ersparen konne.
Die politischen Gegner der
Staatspartei wiirden sich natiirlich
voller Freude im Wahlkampf auf
diese Angelegenheit sturzen und.
mit den iiblichen juristisch nicht
faBbaren halben Andeutungen
Herrn Dietrich unterstellen, daB
er beim Kauf der Gelsenkirchen-
Aktien nicht nur das Interesse
des Reichs sondern auch das sei-
ner Partei und seines Parteifreun-
des von Richthofen be nicks ichtigt
habe, weshalb denn auch dessen
Brotherr Flick so gut habe ab-
schneiden konnen. Andeutungen
dieser Art kann kein Dementi
aus der Welt schaffen sondern
nur ein Prozefi — fur den aber
im Wahlkampf die Zeit fehlt —
oder ein parlamentarischer Unter-
suchungsausschuB. In einem
Wahlkampf, der gegen Dietrich
und von Richthofen als die
„Freunde" des General direktors
Flick gefuhrt wird („. . . man kann.
sich j a denken, wer den Wahl-
kampf fonds aufgeftillt hat . , ."},
wiirde die Staatspartei auch ihre
letzte geringe Chance noch ver-
spielen und endgiiltig der innern
Auflosung verfallen,
Dietrich kann dieses Risiko
nicht eingehen. Deshalb muB er
die Kandidatur von Richthofens
aufgeben.
M . Mayer
O. B. Server
/~Mauben Sie mir, die Politiker
**-* sind durchweg nicht so inter-
essant wie ihr Beruf. Vor
Jahren hat sich Johannes Fischart
in der .Weltbuhne' bemiiht, ihnen
pittoreske Seiten abzugewinnen.
Ihm folgt ein neuer Mann, der
sich 0. B, Server nennt. Er hat
in einem Buch „Matadore der
Politik" (Universitas-Verlag, Ber-
lin) zwei Dutzend Portrats ge-
sammelt, und Erich Goltz hat
die Herrschaften sehr lustig kari-
kiert. Politiker sind heute mehr
denn je „Exponenten vonMacht-
gruppen", in ihrem unpolitischen
Wesensteil indifferent. Aber da-
mit gibt sich das Hebe Publikum
nicht zufrieden. 0. B* Server
weifi, dafl Heinz Neumann mit
einer Nichte von Stalin verheira-
tet gewesen sein soil, dafi bei
Lambachs noch immer vor Tisch
gebetet wird, dafi iiber den Pra-
laten Schreiber ein Schlussel-
roman umgeht, der keinen Ver-
leger findet. Der Verfasser hat
fleiBig herumgehort, viele Kleinig-
keiten aufgelesen. Aber alles hat
er sicher und geschmackvoll zu-
sammengestellt.
Am besten sind ihm die Leute
der zweiten Garnitur geraten
oder die mit den wirklich beweg-
ten Lebenslaufen, wie Abel oder
Goering, am wenigsten die Grofl-
kopfeten. Hier kommt man wohl
doch mit der Anekdote nicht aus,
hier muB Stellung genommen wer-
den. Der Versuch mit Groener
scheint mir ganz danebengegan-
gen zu sein. Moglich, dafi wir
ungerecht sind, aber hier kann
man von uns keine Objektivitat
verlangen, Auch' der alte Olden-
burg- Januschau, ein feistes Ge-
spenst aus der Feudalzeit, laBt
sich nicht mit den Mitteln des
burgfriedlichen Feuilletons ab-
handeln. Da heifit es hauen —
fiir ihn oder auf ihn, jedenfalls
hauen! Der Autor: nimmt ihn
als einen urwiichsigen alten
Herrn, einen sehrulligen Roya-
listen von achtenswerter Konse-
quenz. Ich wiirde gern zustim-
men, wenn dieser unerbittliche
Royalist im November Achtzehn
die Plempe fiir seine Dynastie
gezogen und fiir sie „Feuer auf
den Frack" gekriegt hatte, um
ein beliebtes Bild von ihm zu ge-
brauchen. Der Januschauer hat
damals nicht gemuckst, Er ist ein
Komodiant und Poltron; man
kann nicht, ohne zu posieren, mit
fiinfundsiebzig Jahren den jungen
Bismarck spielen,
Herr O. B. S., der sich in die-
sem Buche nicht grade hinter
einer eisernen Maske verbirgt,
sollte sein nicht sehr klangvol-
les Pseudonym ganz abtun, Es
steckt eine gute und launige Fe-
der dahinter, die sich mit diesen
Skizzen fiir grofiere Aufgaben
freigeschrieben hat.
Thomas Murner
Prager Liebesparade
^ ationalhymnen sind eine.feier-
*■ 'HcheSache, bei der es nicht ohne
Heroismus zugehn darf. Meines
Wissens gibt es nur ein einziges
Land, dessen vaterlandische Ge-
fiihle sich im Dreivierteltakt be-
wegen: Mexiko, Seine National-
hymne ist anderwarts als der
wunderschone Walzer „La Pa-
loma" bekannt, Dariiber soil man
nicht spotten — die Gefiihls-
rhythmen der Volker sind so ver-
schiedenartig wie ihre Kiiche.
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69
Hingegen Militarmarsche. Die
sind wohl alle gleich. Marsch-
rhythmus, Schnetterendeng, Ver-
nebelung durch Gleichschritt,
Blasinstrumente; wir Jubeln und
sind festlich gestimmt, aber
immerhin auch feierlich. In
unsres Herzens Grunde wohnt
der Tod, Berauscht von Blech-
musik zum groBen Sterben, Uns
ist nicht zu helfen , . .
Aber da hat es jetzt in Prag
eine Parade der Kleinen Entente
gegeben, den Neunten Allslawi-
schen SokolkongreB, mit fest-
licheni Einzug jugoslawischer und
rumanischer (ich dachte, ihr be-
trachtet euch als Romer?) Mili-
tarabteilungen. Die tschechoslo-
wakische Generalitat und der
siidslawische General stabschef
nahmen die Festparade ab. Die
Jugoslawen spielten dabei als
feine Huldigung den Marsch des
prager Hausregiments, j enes be-
ruhmten, im osterreichischen
Sinn beriichtigten K. und K. In-
fanterieregiments Nr. 28; die Ru-
manen aber — ja, was spielten
die Rumanen, grenadiers, steady
and strong, coming along , . .?
Eben dies spielten sie. Nam-
lich den Marsch aus der ,,Liebes-
parade", Maurice Chevaliers welt-
bekanntem Tonfilm, und eine der
reizendsten Sachen, die das viel-
geschundene. Genre der Tonfilm-
operette bislang hervorgebracht
hat, Neben „Eyes of Suzette" ist
der Grenadiermarsch sein belieb-
tester Schlager geworden, Die
Rumanen haben ihn ernst genom-
men oder aber ...
Jetzt sollen sie, bitte, nicht
kommen und behaupten, der Kom-
ponist habe sich an alte solda-
tische Motive gehalten ; bitte
nicht, Schliefilich war ja auch
„Giovinezza" mal ein schweizer
Hirtenliedchen. Darauf kommt
es nicht an. Wir wollen im Ge-
genteil den Rumanen unterstel-
len, sie hatten nicht den Marsch
aus der „Liebesparade" ernst
sondern die prager Parade als
Operette genommen. (Wir wissen,
dem ist nicht so, Aber es ware
doch sehr schon.)
Das Militar, aus rauher Wirk-
lichkeit auch bei sogenannten
feierlichen Anlassen verwandelt
70
in kindliches Spiel — die Parade,
aus drohender Geste endgultig
zuriickversetzt in die heitere
Welt der Tonfilmoperette —
kurzum, alles da, wo es hinge-
horen sollte — wie ruhig konn-
ten wir schlafen, wenn der-
gleichen nicht nur auf allslawi-
schen Kongressen geschahe.
Hans Glenk
Von oben
Mittwoch abends landeten die
beiden amerikanischen Welt-
flieger Griffin und Mattern in
Berlin^ Sie blieben, da sie
raschestens weiter wollten, nur
ganz kurze Zeit hier, wahrend
dieser, nachdem sie sich ge-
saubert und Kaffee getrunken
hatten, vor allem niit 01 und
Benzin beschaftigt. Dennoch fand
Mr. Mattern Gelegenheit — ein
Zeitungsmann verschaffte sie
ihmi — , etwas von seinen Ein-
drucken uber Berlin zu erzahlen.
Das „uber" ist hier auch und
vorwiegend lokal zu verstehen.
Mr. Mattern also aufierte sich
kurz, aber durchaus gunstig. Er
gab an, Berlin hatte ihm von
oben; sehr gut gefallen.
Da kann man, bei aller Genug-
tuung liber solches Lob, nur sagen:
Kunst! Das glauben wir gern,
dafi die Stadt von oben Einem ge-
fallen kann. Es ist sozusagen die
Ideal-Einstellung fur den Be-
trachter. Von seinem hoheren
Standpunkt, beziehungsweise Flug-
punkt aus, sieht er sofort, daB
alles in weiter und umfassender
Totalitat vorhanden ist, was zu
einer schonen grofieh Stadt ge-
hort, und dafi diese liegt: sowohl
hingebreitet wie auch eingebettet.
Hauser ohne Zahl stehen neben-
einander und einander gegenuber,
wodurch sie Strafien bilden,
welche kreuz und quer ziehen
und sich oft zu Platzen aus-
weiten. Tausende von Dachern
ergeben langgestreckte hiigelige
Formationen, in denen Rundes
und Kantiges reizvoll wechselt,
Turme weisen spitzfingrig zum
Himmel, aus den Schornsteinen
weht Rauch, der sich krauselt,
viel Metallisches blitzt in der
Sonne, und ein FluB ist auch da,
nach altem Brauch wie ein Band
durch die Stadt geflochten, wel-
ches Band der Fem-Beschauer
mit einigem guten Willen als sil-
bern perzipieren kann. Viele
Wagelchen rollen durch die Ein-
schnitte zwischen den Hauser-
linien, manchmal krachen sie zu-
sammen, aber von oben sieht man
das kaum, Figiirchen wimmeln in
Menge, daB viele von ihnen nur
wimmeln, weil sie nichts andres
zu tun haben, stort den astheti-
schen Eindruck des Gewimmels
nicht, und daB die Figiirchen ge-
legentlich aufei nander schiefien,
ist aus so verklarender Distanz
nicht zu merken. Obrigens gehoft
das nicht eigentlich zum Stadt-
bild. Dieses stellt sich von oben
durchaus angenehm dar. Straf-
anstalten stehen, aus ein paar
hundert Meter Hohe betrachtet,
so herzig da wie sonstwelche
Menschen-Nester, Friedhofe bil-
den pittoreske griin-weiBe Kleckse,
und der Rauch aus dem Kre-
matorium flicht nicht minder als
der aus herrschaftlicher Kiiche
feine Faden ins Gewebe, das als
Dunstschleier der Stadt Berlin
wie jeder groBen Stadt so kokett
zu Gesichte steht. .
Kurz, Berlin hat Mr. Mattern
beim Hinunterblicken gefallen,
und demgemafi war sein Urteil
iiber die Stadt, wenn auch von
oben herab, sehr freundlich. Zu
bewundern ist j edenf alls die
Geistesgegenwart, mit der der er-
mudete Mann, der eben in neun-
undzwanzig Stunden von New
York nach Berlin geflogen war
(wobei er so viele Orte und Ge-
genden von oben zu sehen Ge-
legenheit hatte!) , doch, obschon
nur den Rekord im Herzen und
im Sinn, daB er also doch im-
stande war, Eindriicke von Ber-
lin zu empfangen und diese Ein-
driicke in einem lapidaren Satz
zu formulieren. Ein wenig kran-
kend bleibt, daB er dem
Interviewer kein Wortchen der
Anerkennung iiber die schicke
Berlinerin gesagt und auch Max
Reinhardt gar nicht erwahnt hat,
Aber bei solcher Hetzjagd um
die Welt herum sind derlei
kleinp Unterlassungen verzeihlich.
Alfred Polgar
FuBangeln
Willy Haas, ein Schriftsteller
aus. dem linken Lager,
schreibt fur den ,Film-Kurier*
einen Aufsatz iiber das Film-
kontingent. Und darin: „Diese
Regelung ist vollig unhaltbar und
fiir alle reichsdeutschen Schrift-
steller — auch ich bin einer, und
iibrigens, was hier zur besseren
publizistischen Wirkung hinzuge-
fiigt werden mag, Frontkampfer
mit zweiunddreiBig Felddienst-
monaten — tief verletzend." Und
dann: „Sie sind Kameraden —
und Kameraden nimmt man nicht
das Brot weg. So hat mans we-
nigstens im Schiitzengraben ge-
lernt/'
Der publizistischen Wirkung
mag solche feldmarschmaBige
Sprache ja dienen, fragt sich nur,
in welchem Sinne sie wirkt. Auf
einen Nazi beispielsweise wird
man am heftigsten wirken, wenn
man im Ton des ,Angriffs* zu ihm
spricht. Gefahrliche Dinge! Wir
sind Zivilisten, und unsre Ethik
hat aus dem Zivil zu stammen.
Um keinen Preis diirfen wir den
\Wenn die ganze Welt heute nach berufener Fflhrung verlangt,
" V wir aber von einer erpiobt sicheren geistigen Fiihrung wissen,
dann glauben wir nur pflichtgemafi zu handeln, indem wir stets
erneut auf die B6 Yin RS-Bucher aufmerksam machen. Wer sie
nicht kennt, der kennt das Wertvollste nicht, was ihm seine
Zeit zu bieten hat. Bo Yin Ra\ J. Scbneiderfranken, ist weit ent-
fernt davon, sich als Fuhrer autzudrangen und nach Mitlaufern
zu suchen. Er betrachtet seine Aufgabe als reichlich erfullt
durch die in seinen Biichern gegebenen Mitteilungen und Auf-
schlflsse aus seiner geistigen ErTahrung. Wertvolle Aufschlusse
uber die praktische Verwertung seiner Mitteilungen enthait sein
neuestes Werk .Der Weg meiner Schtiler", das in jeder Buch-
handlung erhaltlich ist. Preis gebunden RM. 6.—. Kober'sche
Verlagsbuchhandlung (gegr. 1816) Basel-Leipzig.
71
Seldte- und StraBer-Zauber mit-
machen, als gebe es die sozialisti-
schen und allgemeinmenschlichen
Tugenden der Solidaritat, der
Pf lichterfiillung und der Tapfer-
keit nur bei den Uniformierten.
Der Schiitzengraben ist ein sehr
geeignetes Beispiel fur Solidaritat
und ist trotzdem heute ein sehr
ungeeignetes. Weil dies Beispiel
schadliche Politik macht.
Dieser Tage wurde die , .Ana-
basis", das — in Einzelnem aus-
gezeichnete — Horspiel von der
Solidaritat der zehntausend grie-
chischen Soldaten erneut gesendet,
VerfaBt von zwei linken Leuten,
Glaeser und Weyrauch, im ber-
Iiner Rundfunk sehr sinnvoller-
weise von einem Nationalsozia-
listen inszeniert, Denn was hier
geschieht, ist, in der Wirkung zu-
mindest, nicht: Propaganda fur
sozialistische Solidaritat an Hand
eines zufallig militarischen Bei-
spiels, Sondern: Propaganda fiirs
Militar. Das Heer als Monopol-
inhaber aller Mannertugenden.
Erschreckende Proben fiir die
sprichwortliche Instinktlosigkeit
der linken Leute, Wenn mans
nicht anders nennen will. Ach-
tung, Freunde, hier liegen Fufi-
angeln.
Tim Bowie
Der Wurzelschlager
HPausende und Abertausende,
* darunter viele unsrer Lands-
leute aus Niedersachsen, um-
saumten die Strafien, — Rathaus
und Biirgerhauser prangten im
Fahnenschmuck, und mancher
Blumengrufi von lieber und scho-
ner Hand bezeugte unsf daB wir
Schutzen, ob jung, ob alt, auch in
den Herzen unsrer Mitbiirge-
rinnen Wurzel geschlagen haben.
,Hannoverscher Kurier, 5. 7. 32
Aus einer Rede des Schiitzen-
deputierten Haberkorn
Ein Heldenscbicksal
TQ^issen Sie vielleicht, wo der
w eiserne Hindenburg geblie-
ben ist?
Ach, aus dem haben sie schon
langst eine Meifiner Porzellan-
figur gemacht.
72
Pietat
P inem amerikanischen Jour-
*-* nalisten wurde ein Interview
von sieben Minuten (exakt einzu-
halten) mit Herrn Fritz von K./-,
Fiihrer eines bayrischen Sturm-
trupps, gewahrt,
Ein kriegerisches Vorzimmer,
dekoriert mit trophaenartigen
Waffenaufbauten und Standarten,
mit einer standigen Wache. Ein
schmuckloser Arbeitstisch, ohne
iiberflussige Ornamente, wie es
sich fiir Soldaten gebtihrt, die
unter einem Zelt zu schlafen ge-
wohnt sind ... An der Wand
eine Photographie Hitlers mit
eigenhandiger Widmung; auf dem
Tisch, geschiitzt durch eine Glas-
glocke, ein Stein und eine ver-
trocknete Rose.
Wahrend sechs Minuten be-
wegt sich die Unterhaltung auf
dem Gebiete der hohen Politik.
Immer wieder wird der Blick des
Amerikaners von den sonder-
baren Reliquien angezogen, die so
demonstrativ auf dem Tische
liegen,
MDarf ich Sie fragen, was dieser
Stein bedeutet?"
Der Sturmfiihrer zeigt auf eine
Narbe an der Stirn:
„Den Stein hat ein Kommunist
bei einer Demonstration in Miin-
chen nach mir geworfen."
In diesem Moment sind sieben
Minuten abgelaufen, und mit der
Genauigkeit eines Weckers er-
scheint ein Nazi, um den Gast
hinauszubegleiten-
„Noch eine letzte .Frage," be-
eilt sich der Journalist, „und die
Blume?"
„Die Blume ... die pfliickte ich
einige Zeit spater auf seinem
Grabe," antwortete sanftmutig der
Wegbereiter des Dritten Reichs.
Liebe Weltbuhne!
Was treiben die National-
SQzialisten gegeniiber der Re-
gierung der Barone?
Tolerieruhgspolitik.
Und wie uuiBte man deshalb
logischerweise von jetzt an das
Braune Haus nennen?
Maison de tolerance.
Antworten
Wifibegieriger. Carl von Ossietzky darf in seiner Haft keine
Artikel schreiben. Bei der Sichtung des in seinem Schreibtisch lie-
genden Materials haben wir jedoch noch- einige nicht fur den Tag
geschriebene Beitrage gefunden, die wir bald bringen werden.
Reichstagsabgeordneter a. D. Rupp. Nach einer Meldung der
,Welt am Montag' haben Sie auf einer heidelberger Studentenver-
sammlung gegen Professor .Gumbel gesagt: „Sorgen Sie dafiir, dafi am
31. Juli der Grundstein gelegt wird fiir den deutschen Staat, in dem
Gumbel und Konsorten unmoglich sind. Geschieht das, dann kann
Gumbel am 1. oder 2. August beerdigt werden." Will Ihre Partei
f)legal" zwischen dem 31, Juli und dem 2. August die Todesstrafe fiir
Pazifisten wie Gumbel einftihren? Denn dafi Ihre Partei nur ..legal"
vorgehen wolle, hat Hitler ja beschworen. Und Hitler ist ein Ehren-
mann.
Bernhard StapeL Rudolf Arnheim schreibt^ Ihnen: „Ich fiirchte,
dafi die Einfiihrung der ,kunstlichen Defloration', fiir die Sie sich in
Nummer 27 einsetzen, die Traumen der prima nox nicht vermindern
und weder die Frauengemtiter noch die Nervenarzte entlasten wird.
Denn es ist doch zumeist nicht der — wohl unbetrachtliche — korper-
liche Schmerz und das Blutvergiefien, was Schocks hervorruft, son-
dern der entsetzliche Schreck, den ein unyorbereitetes Madchen er-
fahrt, wenn der eben in Kleidern noch so gesittete Mann plotzlich als
ein nacktes Raubtier auf sie losstiirzt. Sollte es sich bei der Defloration
vielleicht mehf um eine Mannerfrage als um eine Frauenfrage han-
deln? Vielleicht ware es wichtiger, die Manner zu erziehen als Quar-
tanerinnen in der Sprechstunde keimfrei zu perforieren. Ist der De-
florationsakt an sich wirklich scbadlich? Ich erinnere daran, dafi ver-
niinftige Arzte gebarende Frauen nicht gern betauben und dafi ver-
niinftige Frauen sich ungern grade in derjenigen Stunde das B«wufit-
sein rauben lassen, die zu den wenigen grofien Erlebnissen des weib-
Hchen Lebens zahlen diirfte* Sollte es bei der Defloration nicht ahn-
Iich sein? Das blofie Streben nach Unlustverhiitung entspringt einer
etwas kummerlichen Weltanschauung. Soil man das grofie Premieren-
erlebnis des Frau-Werdens wirklich um diesen von der Natur vor-
gesehenen Initiationsritus vermindern — (die Primitiven feiern auch
den Eintritt in die Mannbarkeit mit blutigen Verletzungen) — , soil
man die starke und schone Bindung, die sich unter Iiebevollen Men-
schen daraus ergibt, operativ verhindern, nur weil viele Manner man-
gels Sexualkultur aus der Hochzeitsstube eine Schreckenskammer
machen? Nein, durch dies Verfahren werden nur aufiere, nicht innere
Verletzungen vermieden. Durch dies Verfahren wird das Geschlechts-
leben verarmlicht, aus der Natur in ein weifigekacheltes Fort-
pflanzungslaboratorium versetzt und — wenn schon auch im positiven
— so doch auch im negativen Sinne sterilisiert. Man vervollkommne
lieber die Manner!" \
Ausschufi der Karlsruher Studentenschaft. Wir haben davon
Notiz genommen, dafi Ihr in Zukunft die .Weltbtihne' nicht mehr in
Eurem Lesezimmer auflegen werdet, Offenbar habt Ihr Angst davor,
dafi der eine oder andre Eurer Kommilitonen unsern Argumenten
zuganglich werden und am Dritten Reich zu zweifeln beginnen konnte.
Reichsverweser Horthy, Budapest. Bei Ihnen ist Anna Knurr,
Sekretarin des Landeskomitees der Sozialdemokratischen Partei Un-
garns, verhaftet worden, weil sie bei einer Versammlung ausgerufen
hat: „Nie wieder Krieg!" Dafi die Machthaber Ungarns den Krieg
wollen, ist allgemein bekannt, Halten Sie es aber fiir klug, das so
of fen zum Ausdruck zu bringen? Ungarn' braucht doch manchmal
sehr dringend Anleihen von den Westmachten.
73
Hauptmann a. D. Seydcl. Sie schreiben im ,V6lkischen Beob-
achter' vom 25. Juni: „Fiir uns Nationalsozialisten ist der Luftschutz-
gedahke untrennbar verbunden mit dera Wehrgedanken." Ihre Offen-
herzigkeit wird den Regierungsstellen peinlich sein, die dem Publi-
kum einzureden versuchen, bei der Propaganda fiir den Luftschutz
handle es sich nur um Defensive,
Die Volksbuhne, In eurem Heft 3 antwortet ihr aui die Vorwiirfe,
die A. M, Frey, Oskar Maria Graf, Oedon Horvath und Arthur Ernst
Rutra in ihrer auch bei uns (Heft 13) veroffentlichten Resolution
gegen die munchner Volksbuhne erhoben haben. Das ist euer gutes
Recht, nur hattet ihr es euch nicht so leicht machen sollen; es geniigt
nicht, Behauptung gegen Behauptung zu stellen, man mufi sie auch
beweisen, was ihr nicht tut. Wir wollen es uns darum versagen, noch
einmal den ganzen Fragenkomplex aufzurollen. Erschreckend ist aber
die Art, wie ihr auf die Resolution reagiert. Dafi sozialdemokratische
Bildungsbureaukraten jeden nicht zu ihrer Partei gehorigen Schrift-
st.eller als „Literaten" abtun, sind wir gewohnt; aber findet ihr nicht
auch, dafi der Ausdruck, die munchner Volksbuhne ginge die vier
Herren einen „Dreck" an, ein bifichen zu starker Tobak ist? Wobei
das Argument, sie hatten ja vorher kaum etwas mit der Volksbuhne zu
tun gehabt, schlecht verfangt. Dafi ihr die offenkundig ironisch gemeinte
Bemerkung, fiir Miinchen geniige eigentlich der „Biihnenvolksbund't
(namlich weil er ,,beinahe auch das Programm" fiir die Volksbuhne
„entwirft"), so auslegt, als machten die „ Re solutions re" Kotau vbr
dem Biihnenvolksbund, spricht entweder fiir mangelnde Intelligent
oder, fiir polemische Unsauberkeit. Es fallt uns schwer, die Wahl zu
treffen, zumal ihr gleich hinterher Horvath und Rutra personliche
Motive fiir ihr Vorgehen gegen die munchner Volksbuhne unterschiebt;
und zwar sei der eine einmal mit dem Wunsch, gefordert zu werden,
abgewiesen, dem andern ein Stuck abgelehnt worden, Nicht sehr
hubsch, was ihr euch da leistet. Wenn ihr damals Rutras Stuck ab-
gelehnt habt, weil es „mehr gut gemeint als gut geschrieben" war,
dann diirfen wir wohl annehmen, dafi ihr nur deshalb den „Friedrich
Friesen" des ehemaligen Theaterkritikers vom ,Volkischen Beobachter'
in euer Programm aufgenommen habt, weil es ein mehr gut ge-
schriebenes als gut gemeintes Stiick ist. Die ,Weltbuhne* fehle nie-
mals, „w«nn Unrat aufgewirbelt wird"? Was versteht ihr denn unter
Unrat? Diesen Friesen, fiir den ihr seid, oder das Bemuhen der vier
Herren um ein anstandiges Theaterprogramm?
Nationalsozialistische Symphoniker, Ihr sucht durch Inserat im
,Volkischen Beobachter' Stellung, da ihr „von jiidischen Hausern
boykottiert" wiirdet. Was wiirde Hitler sagen, wenn eine jiidische
Kapelle dem Braunen Hause ihre Dienste anbote? Aber soviel
Charakterlosigkeit traut ihr wohl euren judischen Kollegen nicht zu,
E. Jolowicz. Wir berichtigen gern, dafi nicht in Ihrem Buch
iiber den Rundfunk sondern in dem von Richard Kolb ein „schar-
fer Trennungsstrich zwischen dem Unterhaltungshorspiel und dem
Horspiel als Kunstform" gefordert wird. Die Forderung wird da-
durch nicht weniger unverniinftig.
Weltjugendliga. Durch ein Versehen wurde im vorigen Heft die
Adresse Ihres Zentralsekretariats falsch angegeben, sie mufi lauten:
Berlin-Lichtenberg, Mollendorfstrafie 84/85.
Manuskripte sind nur an die Redaction der Weltbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 152, zu
richten; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegeo, da sonst keine Rucksendung erfolgen kann.
Das Auf f ubrungsrecht, die Verwertung von Titeln u. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechanische Wiedergabe aller Art und die Verwertung im Rahmen von Radiovortragen
bleiben fur alle in der Weltbuhne erscheinenden Beltragre ausdrOcklicb vorbehaiten.
Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet. — Veraritwortlich : Walther Karsch, Berlin.
Verlag der Weltbuhne, Siegfried Jacobsohn & Co., Charlottenburg.
Telephon: C 1, Steinplatz 7757. — Postscheckkonto : Berlin 11958.
Bankkontot Dresdner Bank. Deposit enkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
XXVIII. Jahrgang 19. Juli 1932 Nummer 29
BrfiningS ZukunftSpOlitik von Hellmut v. Gerlach
l^Iugheit ist wahrhaftig nicht immer identisch mit Giite. Fur
meine Person habe ich es trotzdem lieber mit einem in-
telligenten Gegner als einem begriffsstutzigen Gesinnungs-
genossen zu tun.
Das Zentrum ist immer die am kliigsten geleitete Partei
gewesen,
Seit Bismarck den groBten negativen Erfolg seines Lebens
erzielte, indem er durch den Kulturkampf zwar nicht die ka-
tholische Kirche schwachte, dafiir aber das katholische Drittel
des deutschen Volkes zu einer einheitlichen Partei zusammen-
schweiBte, seit den denkwiirdigen Tagen der Maigesetze steht
das Zentrum da als der ausschlaggebende Faktor der deut-
schen Politik. Ob es mit der Rechten oder Linken zusammen-
ging, ob es in der Regierung oder in der Opposition war,
immer blieb es bestimmend. Und, was noch wichtiger war, es
blieb einig. Splitter losten sich. Der Stamm stand. Katho-
lische Magnaten und katholische Landarbeiter, katholische
Industrieherren und katholische Industrieproletarier, katho-
lische Intellektuelle und katholische Handwerker — wer ein
guter Katholik war, stand 1875 zum Zentrum und steht heute
noch zu ihm. Keine Partei geht mit so ruhiger Sicherheit dem
Wahltag entgegen wie das Zentrum,
Das ist eine politische Leistung allerersten Ranges,
Dabei hat das Zentrum nie ein Parteiprogramm gehabt.
Wie hatte das auch aussehen sollen, wenn es alien wirtschaft-
lichen Interessengegensatzen innerhalb des Mikrokosmos eines
ganzen Volkes hatte gerecht werden sollen? Seine Klugheit
bestand grade in dem Verzicht auf ein Programm. Das Pro-
gramm wurde durch die Fiihrung ersetzt, Nie redete man, wie
das in-andern Bewegungen so iiblich ist, vom Fuhrergedanken
als dem groBen Geheimnis des politischen Erfolges, nie ver-
gottete man einen Duce. Aber man hatte Fiihrung, man hatte
Fuhrer.
Von Windthorst bis Bruning, gewiB, es hat Nuancen ge-
geben, es gibt Nuancen. Es gab Zentrumsfiihrer, die Konser-
vative gewesen waren, wenn sie nicht zufallig im katholischen
Glauben gestanden hatten. Es gab andere, die nur ihre katho-
lische Erziehung vom AnschluB an die biirgerliche Demokratie
abhielt, Ein paar Wochen vor seiner Ermordung sagte mir
Erzberger mit blitzenden Augen: „Ich brauche jetzt etwas
Ruhe. Dann aber, im September, beginne ich einen Feldzug
durch die katholischen Teile Deutschlands hindurch, um das
katholische Volk aufzurufen zu einem planmaBigen Zusammen-
gehen mit der Sozialdemokratie gegen die Reaktion."
Heute haben wir statt Erzberger Brtining. Wirth, der zeit-
weise ganz* in den Gedankengangen Erzbergers wirkte, ist so
ziemlich kaltgestellt. Auch die christlichen Gewerkschaften
stehen zu Briining. Was an latenter Opposition gegen ihn
1 75
etwa noch vorhanden war, ist ausgeloscht worden durch die
Art und Weise, wic er sozusagen ohne Kiindigungsfrist vor die
Tiir gesetzt worden ist. Das wird als schwere Unbill gegen-
tiber dem katholischen Volksteil empfunden, gegen die das
politisch organisierte katholische Volk sich einmiitig zur Wehr
setzen nviisse. Er ist Martyrer. Den Martyrer verehrt man-
Noch immer gehen die Meinungen dariiber auseinander,
was Herr v. Schleicher mit der Berufung des Katholiken
Papen eigentlich bezweckt habe. Die einen meinen, er habe
damit das Zentrum fiir seine feudale Regierung gewinnen, die
anderen, er habe es spalten wollen. Nur Herr v. Schleicher
selbst konnte1 die authentische Interpretation liefern. Er wird
kaum dazu Neigung haben.
Jedenfalls, was immer er gewollt hat, er hat das Gegenteil
seiner Absicht erreicht — was er tibrigens hatte voraussehen
mtissen, wenn er nicht General, sondern Staatsmann ware.
DaB er das Centrum nicht gewinnen konnte, wenn er
ohne Zustimmung der Zentrumsfiihrung einem katholischen
AuBenseiter das h6chste Amt antrug, hatte ihm jeder politische
Elementarschiiler sagen konnen.
Und Spaltung? Da hatte er sich erst einmal die Geschichte
der Zentrumspartei ansehea sollen,
GewiB, es lieien in Berlin seit einiger* Zeit Geriichte urn,
im Vatikan billige eine machtige Richtung nicht das Zusam-
menregieren Briinings mit der Sozialdemokratie. Man wiinsche
einen Ruck nach rechts, eine Annaherung an die konser-
vativen Protestanten von der Farbe Hugenbergs, einen modus
vivendi mit den immer starker werdenden Nationalsozialisten.
Besonders der friihere berliner Nuntius Pacelli wurde in dem
Zusammenhang genannt< Die konservative Richtung im Vatikan
werde, so fliisterte man, mit Genugtuung die Ablosung Brii-
nings durch einen katholischen Vertrauensmann der Rechten
begriiBen und dann auch den deutschen Episkopat von seiner
Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus abbringen.
Sollten solche Spekulationen auf den Vatikan bei- Herrn
v. Schleicher eine Rolle gespielt haben, so waren sie nicht
besser fundiert gewesen als die Spekulationen der Herren
Flick und Lahusen, »
Manner, die in den letzten Monaten in Rom mit dem
Vatikan zu tun hatten, teilen mir mit, daB grade dort die Ver-
urteilung des Vorgehens gegen Briining vollig einmiitig ge-
wesen sei. Auch Pacelli, wie auch sonst fseine politische Stel-
lung sei, teile die allgemeine Stellungnahme gegen die Ab-
sagung Briinings. Niemand an der Zentralstelle der katho-
lischen Kirche ergreife bei der heutigen Lage fiir Papen gegen
Briining ParteL Und es sei wilde Phantasie, sich einzubilden,
daB etwa von Rom aus eine Einwirkung auf den deutschen
Klerus im Sinne einer Revision seiner Ablehnung gegen die
Hitlerbewegung versucht werden wurde.
So weit, so gut. Aber wie wird Briining selbst nach dem
31. Juli stehen?
Briining ist ein durchaus loyaler Mensch. Das ist das, was
man als sein scharfster Gegner anerkennen muB. Er hat zwei
76
Jahrc hindurch nur deshalb regieren konnen, weil er von, der
Sozialdemokratie tolcriert wurdc. In diesen zwei Jahren hat
er die grofite Hochachtung vor dem StaatsbewuBtsein nicht
bloB der sozialdemokratischen Fiihrer, sondern auch der so-
zialdcmokratischen Massen bekommen. Er hat gesehen, zu
welcher fast bis zur Selbstaufopierung gehenden Selbstver-
leugnung diese Massen im Interesse des Staatsgedankens zu
bringen waren, wahrend er auf' der Rechten nur wiiste De-
magogic und staatsgefahrdenden Parteiegoismus erblickte.
Auf Grund dieser Erfahrungcn hat er immer erklart, daB er
personlich nie an einem Kabinett mit Nationalsozialisten teil-
nehmen werde.
An sich aber wiinscht er ein solches Kabinett.
Ware er nicht Katholik, so ware er bestimmt deutsch-
national. Seine politische Seele ist konservativ und mili-
taristisch. Als ich mich einmal iiber eine besonders reaktio-
nare AuBerung von ihm wunderte, sagte mir lachelnd einer
seiner Parteigenossen: ,,Aber wissen Sie denn nicht, dafl er
immer einen unsichtbaren Offiziersdegen an der Seite tragt?"
Briining fiihrt den Wahlkampf als der Fiihrer der katho-
lischen Opposition gegen das Kabinett Papen-Schleicher. Aber
er macht auch in dieser Situation aus seinem Herzen keine
Mordergrube.
In seiner groBen Programmrede in Koln hat er offen aus-
gesprochen, daB er nach den Wahlen vom 24. April fur
PreuBen ein Kabinett mit der Rechten angestrebt und die
Meinung vertreten habe, daB auch im Reich ein paar Monate
spater eine, Umbildung nach rechts hin erfolgen solle. Nach
wie vor sei sein Ideal, „mit einer Gruppe von evangelischen
Menschen zusammenzuarbeitenf die auf konservativem Boden
stehen." Fiir die Zeit nach der Wahl behielt er dem Zentrum
freie Hand vor und erklarte, daB es fiir das Zentrum keine
Politik 'der Verbitterung geben diirfej
In ganz. klares Deutsch iibersetzt . kann dies nur heiBen,
daB Briining nach dem 31. Juli versuchen wirdf eine Koalition
seiner Partei mit der dann weitaus starksten Partei der Rech-
ten, den Nationalsozialisten, zustande zu bringen. Nicht zu-
gunsten seiner Person. Eben hatte er in Glatz wieder betont,
daB er einem Kabinett mit Hitleranhangern nicht angehoren
wurde. Aber er hat sich doch fiir den Versuch einer MUmbil-
dung nach der nationalen Seite hin" ausgesprochen,
Wir werden uns also fiir den August auf sehr intensive
Bemuhungen Briinings gefaBt machen miissen, ein schwarz-
braunes Koalitionskabinett zu kreieren. Offenbar erhofft " er
sich davon eine erzieherische Einwirkung auf die Nazis, wie
das seiner theologischen Denkweise entspricht. . Ihn fasziniert
das Schlagwort ..national". Sein hochster Wunsch ware, die
von demagogischen Schlacken gereinigten Braunhemden einzu-
gliedern in ein Regime konservativ-militarfroher Staats-
bejahung.
Briining ist sehr ehrlich, aber sehr weltfremd und vor
allem ein sehr schlechter Psychology Sein Versuch ist einer
am untauglichen Objekt. HeiBt es nicht schon in der Bxbel:
„Willst du Feigen von den Disteln ernten?" Bruning verkennt,
77
daB die Dema^ogie nicht bloB ein Annex des Hitlerismus 1st,
das man wie ein gebrauntes Hemd bei Gelegenheit ablegen
kann, sondern sein wahres Wesen, dem allein er seine Erfolge
verdankt
Briining hat viel studiert. Aber die Geschichte des Ger-
bers Kleon hat er offenbar nicht studiert.
Riickblick auf Lausanne uannsErkh Kaminski
Y*\ie Reichsregierung ging nach Lausanne mit der feierlichen
Erklarung, Deutschland konne und werde unter keinen Um-
standen mehr Reparationen zahlen. Als das geeignete Mittel
zur Durchsetzung dieser Politik erschien ihr die Isolierung
Frankreichs. Die Reichsregierung glaubte sich ihres Erfolges
dabei um so sicherer, als sie auf die unbedingte Unterstiitzung
Englands, Italiens und Amerikas vertraute.
Das doppelte Ziel, nichts mehr zu zahlen und obendrein
den Erbfeind einzukreisen, ist nicht erreicht worden. Eher das
Gegenteil.
Die . deutsche Delegation , . * beharrt in ihrer Intransigenz und
wartet im iibrigen ab. Manche Leute halten das fur eine, sehr kluge
Taktik. In Wirklichkeit erzwingt Deutschland dadurch etwas, woruber
sich unsre Nationalen jahrelang beklagt haben: namlich, daB die an-
dern sich zunachst untereinander verstandigen und dann Deutschland
geschlossen gegeniibertreten, so daB ihm schlieBlich nur iibrig bleibt,
nein zu sagen und als Storenfried zu gelten oder sich mit einem neuen
, ,DiktatM abzufinden.
So schrieb ich in Nummer 26 der jWeltbiihne', kurz nach
Beginn der Konferenz. Und genau so ist es gekommen.
Die Englander gaben ihren Wunsch, die Reparationen end-
giiltig zu streichen, sehr bald auf. Die Italiener, die sich seit
einiger Zeit darin gefallen, die Schrittmacher des Weltfriedens
zu spielen, erklarten sich zwar noch im letzten Augenblick fur
den t,coup d'eponge", fanden sich aber im iibrigen so gut mit f
der Endlosung ab, daB ihr Delegierter Scialoja schlieBlich; die
KompromiBformel redigierte, Und die Amerikaner traten nach
auBen iiberhaupt nicht hervor; nach sehr ernsthaften franzosi-
schen Behauptungen sprachen sie sich jedoch hinter den Kulis-
sen gegen die vollige Streichung aus.
Eines Tages waren die Glaubigerstaaten, die sich in Lau-
sanne hoflich ,,die einladenden Machte" nannten, dann einig.
Deutschland sollte ein Moratorium von drei Jahren erhalten
und eine SchluBzahlung von vier Milliarden leisten. Jetzt erst
merkte die deutsche Delegation, daB nicht Frankreich isoliert
war sondern Deutschland. Die immer herzlicher werdende
Zusammenarbeit zwischen Herriot und MacDonald war mittler-
weile sogar so sichtbar geworden, daB die Franzosen darin eine
Entschadigung fur die von ihnen gebrachten Opfer erblicken
durften,
Wieder einmal fand sich so Deutschland einer Einheits-
front gegemiber. Diet deutsche Delegation hatte es versaumt,
rechtzeitig selber Vorschlage zu machen, Jetzt wuBte sie sich
78
nicht anders zu helfen als durch den Versuch, von dem Kom-
promiB moglichst viel abzuhandeln. Wie sic das tat, war ganz
dazu angetan, sie um jcde Sympathie zu bringen.
Zunachst erklarte sie, Deutschland konne zwar etwas zah-
len, aber es miisse dafiir, Gleichheit in der Riistungsfrage er-
halten. Dann bdt sie statt der geforderten Globalzahlung An-
nuitaten an und kehrte so, entgegen dem Urteil der eignen
Sachverstandigen, selbst zum System des Youngplans zuriick,
Dann erhohte sie ihre erste Offerte, die zwei Milliarden be-
tragen hatte, um sechshundert Millionen und verlangte dafiir
nun auBer der Riistungsgleichheit audi noch die Streichung
der Kriegsschuldklausel. Am Ende blieb es bei dem Plan der
Glaubiger, nur die Endsumme wurde auf drei Milliarden Mark
festgesetzt. Die Sonderkorrespondenten der deutschen Zeitun-
gen, die all diesen Peripetien des deutschen Widerstandes ge-
treulich Beifall zollen muBten, waren nicht zu beneiden.
Die Reichsregierung hat ledigiich erreicht, daB die Glau-
bigerstaaten auf die Verbindung der deutschen Restzahlung mit
den Forderungen Amerikas verzichteten. Doch auch das ist
nur ein Scheinerfolg. Denn die einladenden Machte haben sich
durch ein Gentleman-Agreement verpflichtet, den Vertrag von
Lausanne erst zu ratifizieren, nachdem die Vereinigten Staaten
ihre Forderungen entsprechend reduziert haben.
Wenn man will, kann man also von einem neuen „Diktat
von Lausanne" sprechen. Zum Gliick ist es ein Diktat nur
durch die Art, wie es, dank dem Ungeschick der deutschen
Delegation, zustande kam. In der Sache selbst ist es ein Kom-
promiB, und zwar ein anstandiges KompromiB. Drei Milliar-
den, verteilt auf fiinfzehn Jahre und zahlbar erst nachl einem
dreijahrigen Moratorium, das bedeutet eine Reduktion der Re-
parationen, mit der jeder verniinftige Mensch in Deutschland
zufrieden sein kann. Verhandlungen zwischen Staaten konnen
eben immer nur mit Opfern und Verzichten fur alle Beteiligten
enden. Das hat schliefilich sogar Herr von Papen einsehen
miissen. Dabei kann sich der Betrag von drei Milliarden noch
weiter verringern: einmal, wenn es der BIZi nicht gelingt, die
Bonds ganz unterzubringen; zum andern, wenn MacDonald auf
der bevorstehenden Weltwirtschaftskonferenz durchsetzt, daB
die Zinsen aller Staatsanleihen gesenkt werden.
Wenn die Parteien, die hinter der Regierung Papen-
Schleicher stehen, trotz alledem gegen das Ergebnis von Lau-
sanne Sturm laufen und womoglich im Reichstag dagegen stim-
men werden, so ist das nicht unsre Sache. Die Regierung muB
schon zusehen, wie sie mit ihren Freunden und Vorgesetzten
fertig wird. Keinesfalls kann es die Aufgabe der Linken sein,
ihr aus der Patsche zu helfen. Die „nationale Opposition" hat
jahrelang die deutsche AuBenpolitik bekampft. In Lausanne
hatte sie zum ersten Mai Gelegenheit, ihre eigne AuBenpolitik
zu machen. Sie mag sie nun auch selbst verteidigen. Wenn sie
dabei findet, daB sich ihre neue Politik von der alten der
republikanischen Regierungen in nichts unterscheide, so sind
wir diesmal ausnahmsweise der gleichen Meinung. Aber um
50 schlimmer fur sie.
2 79
Antif ascistische Agitation auf dem Holzweg
von Wilhelm Stefan
W/as tut die antif ascistische Publizistik bei uns in Wien? Sie
W enthiillt.
Drei typische Beispiele:
Ein liberales Blatt veranstaltet cine Extra-Ausgabe, deren
sensationeller Inhalt die Enthiillung ist, Hitler heiBe eigentlich
Schiikelgruber.
Eine sozialistische Tageszeitung enthiillt, dafi der wiener
Nazi-Gausaf ein halbpornographischer (und ganz talentloser)
Schriftsteller ist.
Eine kommunistische Zeitung enthiillt, daB die National-
sozialisten den Unternehmern Streikbrechergarden bereit-
stellen.
Analysieren wir diese drei Beispiele auf ihre Wirkungs-
moglichkeiten.
DaB Hitler eigentlich Schiikelgruber heiBe, ist kcin Be-
w.eis gegen ihn. Hatte er mit seinen Absichten historisch
Recht, so auch dann, wenn er wirklich Schiikelgruber hieBe,
HieBe der Osaf tatsachlich Schiikelgruber, so wiirde das an
dem verwirrten Weltbild irgendeines arbeitslosen Franz Huber
auch nicht den allerkleinsten Schnorkel gradebiegen. Auf wen
konnte die fragwiirdige Namensensation iiberhaupt wirken?
AusschlieBlich auf einen bewufiten Gegner des Nationalsozialis-
mus, dem es stillen SpaB bereiten mag, daB der Fiihrer einer
Bewegung, die den assimilierten Juden die Ruckannahme ihres
einst fur gutes Geld geanderten allzu blumigen Namens diktie-
ren will, ihnen darin voranzugehen hatte. Dem National sozia-
listen aber ermoglicht die Pseudosensation nur eine billige Ge-
nugtuung, das verjudete „ System" wisse kein ernsteresi Argu-
ment gegen das Dritte Reich.
DaB der wiener Nazifiihrer ein unbegabter Pornograph ist,
besagt freilich schon erheblich mehr iiber seine Bewegung.
Wir iiberschatzen keineswegs die Moglichkeit, aus Stil und
Stoffgebiet eines Schriftstellers auf seinen Personlichkeitswert,
seine Charakterqualitaten, auf den ganzeh Menschen zu schlie-
Ben; aber innerhalb gewisser Vorsichtsgrenzen ist das fraglos
zulassig. Ganz bestimmt im Falle eines bezahlten Antisemiten,
der ,,den Erstling seiner Kunst" „ehrfurchtsvoir* seinem da-
maligen Chef, dem jiidischen Bankmagnaten Sieghart gewid-
met und — als er bereits zum Gausaf von Wien aufgeblasen
war — im Feuilleton des parteiamtlichen Organs eine unappe-
titliche Geschichte von fingierten Schlangen und ausgesaugten
Madchenpopos veroffentlicht hat. Nur: Wieviele Menschen
sind denn an Literatur auf einer so kritischen Ebene interes-
siert? Wieviele noch dazu unter den Nachlaujern des Natio-
nalsozialismus, denen ja — sonst waren sie es nicht — Nerven
und Kritikvermogen durchgegangen sind? Zu befiirchten ist
vielmehr, daB die erotische und literarische Kultur seiner
Durchschnittsanhanger dem Niveau dieses pornographischen
Gausaf genau entspricht. Jene, die solches Niveau erschrek-
80
ken kann, wcrden nach seiner Enthiillung noch ein gutes Stiick
mehr gegen die fascistische Vergiftung immunisiert sein, — und
das ist freilich .auch ein Erfolg. Aber die enthiillende Absicht
wandte sich -ja nicht an die Gegner sondern an die Gefolgs-
leute des Nationalsozialismus. Und in diese Richtung ab-
geschossen, bleibt die Enthiillung notwendig ein Blindganger.
DaB die Nazis Streikbrechergarden organisieren, ist in den
Augen des sozialistischen Arbeiters ein Nachweis argster Lum-
perei. Aber eben nur in den Augen des Arbeiters! Man
falsche nicht die Wirklichkeit: dem durchschnittlichen Nazi-
Mann sind diese Ehrbegriffe, auch wenn er sie seiner Klassen-
lage nach teilen miiBte, verlorengegangen. Leute, denen zu-
gemutet werden darf, daB ihr wiener Parteiorgan leidenschaft-
lich die rascheste Hinrichtung der unschuldigen Negerkinder
in USA fordert, solche Leute finden es ganz in Ordnung, daB
man Streikenden den zu lang entbehrten Arbeitsplatz weg-
nimmt, Sind sie zu allem andern auch noch belesen, so wer-
den sie die Lumperei mit Zitaten aus Nietzsche oder gar Jiin-
ger verscharfen, mit Spruchlein iiber den Kriegszustand in der
Natur, iiber das Recht des Starkeren und mit ahnlichen judi-
schen Drehs. Welchen Sinn soli es haben, einer Bewegung,
die Bestialitat zum Programm erhoben hat, eben diese Bestiali-
tat vorzuwerfen in der Hoffnung, damit ihre Anhanger, die ja
eben diese Haltung angelockt hat, zu gewinnen? Unausgesetzt
das arbeiterfeindliche Wesen dieser Partei nachzuweisen, ist
selbstverstandliche Pflicht sozialistischer Publizistik; aber sie
sei sich klar, zu welchem Zweck: nur um den sozialistischen
Arbeiter gegen die fascistische Liige widerstandsfahig zu
machen; den Hakenkreuzler, fur den Klassensolidaritat eine
Erfindung der Weisen von Zion ist, erschuttert der Vorwurf des
Streikbruchs wahrscheinlich nicht erheblicher, als den Kanni-
balen der des Kannibalismus erschuttern konnte.
Unserm Pessimismus konnte entgegengehalten werden, daB
die formulierten Programme des Nationalsozialismus eine so-
zialistische Haltung fingieren, daB also der Nachweis, es handle
sich eben nur um eine Fiktion, Erfolgaussichten haben miiBte.
Dieses Argument ist nichts als Selbsttauschung, genau wie
der unaufrichtige Trost, die Expansion des Hitlerismus bedeute
,,letzten Endes" die Abwanderung der Mittelschichten zum So-
zialismus, ,,wenn auch vorerst auf Umwegen1'. Auf , dem
,,Umweg" zum „letzten Ende" wird die Barbarei, hat sie ein-
mal die Macht an sich gerissen, den Sozialismus ,, vorerst" fur
eine Epoche totschlagen. DaB ihm dafiir die nachste gehort,
wird, furchte ich, fiir den Toten eine magere Nahrung sein,
Damit Enthiillungen wirksam werden, muB zweierlei ge-
geben sein. Die Anhanger der Bewegung, der die Attacke
gilt, muBten zu ihr aus bewuBter iRejahung ihres Programms ge-
stoBen sein. Denn nur dannj konnten sie, hat man ihnen erst
die aktive Verleugnung des Programms durch seine berufenen
Htiter nachgewiesen, erniichtert und einem andern Programm
gewonnen werden* Und zweitens muBten die Werturteile, die
doch alien Enthiillungen zugrunde liegen, von den Adressaten
der Enthiillung geteilt werden.
81
Warum wurde der Franz Huber. abcr Nationalsozialist?
Der Programme Fedcrs wegen? Oder weil erden Sozialismus
will? Nein. Sondern weil ihm in der furchtbarsten Wirt-
schaftskrise jede Hoffnung auf private Lebenssicherheit ver-
lorenging (und nur solange man sich ein Bild von der privaten
Zukunft machen kann, ist man ruhiger, logischer Oberlegung
fahig). Weils alle Parteien, Theorien, Manner, die seit 1918
offizios wurden undi ihre impotente Haltung mit bravster Ver-
nanft begriinden konnten, ihm den Sturz in diese Aussichts-
iosigkeit nicht ersparen (und darum halt der Franz Huber gar
nichts mehr von der Vernunft). Weil, nicht nur in Deutsch-
land, jene Partei, die seit Jahrzehnten den Sozialismus zum
Programm erhoben hatte, sobald sie zur Regierung kam, den
rabiatesten Kapitalismus stiitzte (und wer kann dem Franz
Huber, der ja kein Privatgelehrter ist, die Berechtigung ab-
sprechen, fur die daraus resultierende Pleite das kompromit-
tierte Programm gen-au! so gut verantwortlich zu machen, wie
wir unsrerseits die kompromittierende Partei damit belasten?).
Kurz, Franz Huber wurde enttauscht, hoffnungslos und wild,
Und wenn man dazu auch noch hungrig ist, pfeift man auf die
Besonnenheit des logischen Arguments und hangt sein Herz
an eine Bewegung, die Impulse, Aktivitat, Elan zu Selbst-
zwecken gemacht hat: man wird Nationalsozialist.
Mit den Mitteln der Argumentation kann fiir oder gegen
ein Programm geworben werden, das an die ratio appelliert
Also etwa fiir oder gegen den marxistischen Sozialismus. Denn
sozialistische Oberzeugung griindet sich viel mehr auf Einsicht
in das Niitzliche und Notwendige der gesellschaftlichen Ent-
wicklung als aufl Triebhaftes und auf Sentiments, (Die gege-
bene Triebsituation des heutigen Durchschnittsdeutschen
diirfte sozialistischer Einsicht eher entgegenwirken.) Grade
deshalb ist die Position eines rational Oberzeugten um so' ge-
fahrdeter. Weil unterhalb der logisch gewonnenen Oberzeu-
gung noch immer eine Menge von Einwanden dunkel opponiert,
wird er — und das ist nur ganz! in Ordnung — zur logischen
Kontrolle seiner Ansicht bereit sein. Der sozialistische Arbei-
ter wird etwa, mit vollem Recht, verlangen, da6 seines Fiihrers
Lebensweise in Einklang mit dem sozialistischen Programm
steht, Wiirde ihm bewiesen, daB seine Partei oder deren Fuh-
rer ihr Programm verleugnen, so ,konnte ihn das stutzig und
in manchen Fallen auch abtriinnig machen. Wer dem Haken-
kreuz nachlauft, hat dem Appell an seine unsozialen Triebe
nachgegeben; daB Fiihrer einer Bewegung, in die er eben des-
halb geriet, das gleiche tun und profitabel realisieren konnen,
bedeutet fiir ihn also keine Erschutterung. So erklart sich die
manchem braven Sozialdemokraten vollig ratselhafte Tatsache,
daB nationalsozialistische Enthiillungen iiber SPD-Fiihrer sehr
fiihlbaren, sozialdemokratische Revanchen an nationalsozia-
listischen Fiihrern hingegen nicht den geringsten Erfolg haben;
hier tun zwei das gleiche, aber die beiden sind anders.
Wird hier also gegen die Enthullungsagitation piadiert?
Einl sehr erheblicher Teil soldier Enthiillerei ist sinnlos, mehr
noch, ist Unfug, Dazu gehoren, die Pikanterien a la Schiikel-
gruber und Rohm; dazu gehort auch die Berichterstattungs-
82
geschaftigkeit mancher (1iinken" Boulevardblatter, Ich holfe,
niemand wird diescn Zeilen entnehmen konnen, daB ich fiir
eine publizistische Totschweigetaktik gegenuber dcm Fascis-
mus eintrete; Verwahrung eingclegt wird hier nur gegen eine
verhatschte Sensationsjournalistik, die — um paar Exemplare
des diirftigen Blattes mehr anzubringen — dem Feind genatt
jene Reklame verschafft (und gratis dazu), mit der er sich
aufblaht.
Ernsthafte Enthiillung der fascistischen Verlogenheit und
Unvernunft ist hingegen sicher notig; aber — und darum ging
es mir — sie ist nicht antifascistische Agitation im aktiven
Sinne. Sie dient ausschlieBlich der Immunisierung; auf gutem
Niveau besorgt, wiirde sie jene, die noch nicht erkrankt sind,
gegen das Hitlergift impfen; die ihm schon erlegen sind, er-
reicht solche Agitation uberhaupt nicht mehr, j
Wie also muB antifascistische Agitation beschaffen, sein,
soil sie den Nazimann erreichen? Positiv. Dem verwirrten,
hoffnungs- und postenlosen Franz Huber muB ein gradliniger
libersichtlicher Weg zu einer wirklichen Veranderung des Be-
stehenden gezeigt werden. Den muB man sich gar nicht erst
ausknobeln, er ist gefundenr der Weg zur sozialistischen An-
derung. Diesen Weg — er hat iiberdies den Vorzug, ein rao-
ralisch und verstandesgemaB zulangliches Ziel anzustreben —
offensiv, unbekiimmert um impotente Staatsmannerei, mit klu-
gem Appell an. den Aktivitatsdrang aufzuzeigen, das allein ist
antifascistische Agitation. Alles andre ist, bestenfalls, Vorbeu-
gung in der Defensive.
Und nicht nur ihrem Inhalt nach hat diese Agitation offen-
siv zu sein. Wir sind gewiB nicht fiir die Kniippelparole
,,Schlagt die Fascisten, wo ihr sie trefft!" Aber machen wir
uns, so schmerzlich das' den Kultivierten auch beriihren mag,
vom Vorurteil frei, daB Schlage nie ein Argument seien. Qe-
geniiber Sozialerkrankungen von der Art des Hitlerismus, sind
sie manchmal eine taugliche Medizin. Wo sie nicht im vor-
hinein aussichtslos ist, wird eine energische Probe aufs Exem-
pel, ob die MNordischen ' auch, wirklich die unbesiegbaren
Kampen sind, manchmal recht niitzlich sein. Eine erniich-
ternde Tracht Priigel ist in bes.timmten Fallen wirksamere Wi-
derlegung der Legende von der Unwiderstehlichkeit, der fas-
zinierenden Unwiderstehlichkeit des Hakenkreuzes als die sach-
lichste Analyse ihres Programms. Als unlangst Hitlerstuden-
ten in die wiener Judengasse eindrangen, um die dort vege-
tierenden jiidischen Trodler anzustankern, wurden sie von den
degenerierten Untermenschen entsetzlich verhauen; das hat
Hitler in Wien erheblich mehr geschadet als die Enthiillungen
iiber die Pornographien des Gausafs,
Aber nicht vom materiellen Kampf gegen den Fascismus
sollte hier die Rede sein; die Tracht Priigel ist gewiB seine
allerprimitivste Form — auf hoherer politischer Ebene, ent-
wickelt bis zum Generalstreik, wird natiirlich er das entschei-
dende sein, Nur soil eben nicht die Bedeutung der ideologi-
schen Agitation unterschatzt werden; und da schien es mir
wichtig, auf einige MiBverstandnisse aufmerksam zu machen(
die der antifascistischen Publizistik immer wieder unterlaufen.
83
MiBverstandnisse? Gedankenlosigkeit? Ach neiri! Die
Haltung dieser Publizistik spiegelt nur die ganze sture Ohn-
macht der antifascistischen Linken wieder. Ich weiB nicht, ob
der Vogel StrauB cine Presse hat. Hat er aber eine, dann
sieht sie ganz bestimmt genau so aus.
Gargantua in Hagen von Rudoif oiden
T^ie Stadt Hagen liegt nicht weit vom Land der Flaraen. Und
in Flandern ist es der Legende nach von alters her Ge-
brauch und Sitte, in wahrhaft pantagruelischef Art zu fressen
und zu saufen. Empfindsame Astheten wenden sich mit Schau-
dern von Szenen der Oppigkeit und Schlemmerei, wie sie
de Coster im Tyl Ulenspiegel erzahlt. Ach, das Wiihlen in
Fischen und Fleisch, in Bier und Kuttelfleck! In Hagen ist
jetzt ein ProzeB zu Ende gefiihrt worden gegen den StraBen-
bahndirektor Pforte, der zwar ein legitimes Einkommen be-
zog, vor dem die Gehalter hoher Staatsfunktionare beschamt
erblassen, der aber trotzdem hunderttausend oder zweihundert-
tausend mehr ausgegeben hat, als ihm zustand. Es ware daran
nichts Bemerkenswertes, fraudulose Beamte waren immer an
der Tagesordnung, der Mensch ist nicht gut. Sondern auf-
fallend ist nur die Art, wie das Geld oder doch ein betracht-
licher Teil des Geldes unter die Leute gebracht wurde. Mit
wie viel naiver Freude sich Oberbiirgermeister, Stadtratet
Magistratsrate, Aufsichtsrate an der Verzehrung beteiligten:
Allein im Jahre 1924/25 seien von elf Sitzungen zehn mit anschlie-
Bendem Essen gewesenf wofiir dreitausend Mark ausgegeben wurden.
Der Sachverstandige fragte, ob es denn stimmen konne, daB ein
einziger derartiger Schmaus dreihundert Mark gekostet habe . , .
Getrost, es kann stimmen.
Die Verhandlung ging dann auf Einzelheiten der berliner Reisen
ein. Der Zeuge schatzt den Verzehr in einem berliner Nachtlokal auf
etwa zweihundert Mark. Vorher aB man bei Kempinski zu Abend
zu zweit,
Oberbiir germeister Finke: Ich nehme an, daB das Essen etwa
50 Mark gekostet hat.
Bei anderen Gelegenheiten ist man in Berlin auch mit den Damen
ausgegangen. Man hat den Dameni , .douceurs" in Gestalt von Prali-
nen und Teddybaren gekauft. Alles auf Rechnung der Strafienbahn.
Im berliner Admiralspalast hat, wie Finke zugab, Pforte abends
ebenfalls bezahlt. Er, der damalige amtierende Oberburgermeister,
habe das als eine personliche Einladung des General direktors auf-
gefaBt.
Vors.: Ist da auch Kaviar und Hummer gegessen worden?
Finke: Ja, gelegentlich.
Fast grotesk wird dieses Trauerspiel urn die Steuergroschen der
Bevolkerung, als man auf das bekannte uppige Essen auf der Hohen-
syburg zu sprechen kommt,
Finke: Das war ein sehr gutes Essen und dabei ist auch viel ge-
trunken worden. Es handelte sich namlich darum, die an der Vor-
ortbahn Beteiligten zu neuen Zuschiissen zu bewegen.
Die Vertreter der Gemeinden Vorde und Breckerfeld werden
jetzt wohl wissen, warum man sie damals bewirtet hat.
Der Besuch der juristischen Fakultat Miinster beziehungsweise
das abschliefiende opulente Souper in Hagen und die erstaunliche
84
Tatsache, dafi dessen Kosten zur einen Halfte vom Kommunalen
Elt-Werk Mark, zur andern Halfte von der Strafienbahn getragen
wurden, erklarte man damit, dafi in erster Linie diese beiden wirt-
schaftlichen Unternehmen besichtigt worden seien. Der Spafi kostete
ftir 25 Personen 1177,90 Reichsmark!
Was die „gemtitlichen Zusammenkunfte" des Strafienbahnauf-
sichtsrates nach den Sitzungen anbetrifft, hat. der damalige Oberbtir-
germeister Finke die Hohe der" dadurch ve; -trsachten Kosten nie er-
fahren, Augenscheinlich hat er auch nicht danach gefragt.
Ein andermal geht es so;
Ob man dort auch Kaviar gegessen habe, fragte der Vorsitzende.
Der Oberbtirgermeister erklart, dafi in Paris einer der Anleihevermitt-
ler erklart habe: „In Paris ist Kaviar das billigste, was man essen
kann!" Man hat dann naturlich auch Kaviar gegessen. Auch ist abends
Sekt getrunken worden. Entgegen der Schilderung des Angeklagten
erklart der Oberbtirgermeister, dafi er auf der Hinreise bereits ge-
sagt habe, die Reise geht im ganzen auf Reisekonto.
Oder so:
Der Vorsitzende fragte noch, ob man im „Lido" in Paris auch
Sekt getrunken habe und ob er sehr teuer gewesen sei. Der Zeuge
weifi davon nichts; man hat aber Sekt getrunken. Bei einer andern
Reise habe Pforte seinen, des Oberbtirgermeisters, Schwiegervater
kennen lernen wollen, Man habe sich abends verabred«t. Wieder hat
man Hummer gegessen.
Oder aber so:
Vors.: Wieviel hat das Essen denn gekostet (sechs Personen)?
Zeuge: Etwa 15 hollandische Gulden fur die Person. Abends hat
man dann, wie sich weiter ergibt, wieder erheblich gebechert,
Vors.: Wieviel hat denn so ein ganzer Tag in Holland gekostet?
Zeuge: Der Abend hat immerhin einige hundert Gulden ge-
kostet.
Dem Ochsen, .der da drischt, sollst du nicht das Maul
verbinden. Fur einen Angestellten, der dem Herrn General-
direktor als Chauffeur diente und der als Beamter ein Monats-
gehalt von vierhundert Mark bekam, soil daneben in sechs
Jahren funfzehntausenddreihundert Mark fur Verpflegung ver-
braucht worden sein, und sein Dienstanzug, der jahrlich er-
neuert wurde, kostete zweihundert Mark.
Bei dem Bau der generaldirektorialen Villa wurde der
Kostenanschlag erheblich liberschritten. Unter anderm wegen
eines Lichtbads.
Vors.: Wurde der Aufsichtsrat das Lichtbad genehmigt haben,
wenn Pforte das mit der Begriindung vorgetragen hatte, es geschehe,
um seine Gesundheit im Dienst zu erhalten?
Zeuge: Wenn mir personlich das mit der Begriindung gesagt wor-
den ware, glaube ich, dafi ich das bewilligt hatte.
Womit erklart der Herr Architekt die Oberschreitung des
Anschlags? Mit der „falschen politischen Einsteliung'\ die
..dauernd Lohnerhohungen" gebracht habe. nBesondere
Wiinsche Pfortes konnte ich naturlich nicht abschlagen".
Obrigens aber lag alles zumeist an den „damaligen Ver-
haltnissen",
Einmal hieB der Oberbtirgermeister Raabe und einmal
Finke, aber wenn er auch Cuno gerufen wurde, es war der
gleiche Vogel. Es wurde gefressen und gesoffen, ein richtiger
Pfuhl, in dem man sich sielte, ein ungeheurer Gugelhupf voll
von Steuerrosinen, Schlaraffenland.
85
1st es das nSystem"? Aber abgesehen davon, daB ,,Mar-
xisten", wie cs scheint, nicht beteiligt waren, sondcrn daB die
unersattlichen Bauche streng antimarxistisch gewahlt wurden,
abgesehen davon, sind es ja die gleichen Leute, die 1919 links
und heute rechts schillern, Sklareks und Pfortes lafit man
tranenlos ins Kittchen wandern und wird sich national-
sozialistisch den Leib vollschlagen. Im Gegeriteil, es kann
schon deshalb nicht billiger werden, weil morgen die Manner
oder Mannchen drankommen, die bis heute nut dem Wasser im
Mund zugeschaut haben, wie ihre Vorganger Kaviar und
Hummer mit Sekt herunterschwemmten und die Fettsucht mit
privaten Lichtbadern kurierten, Ihr Appetit wird so groB
sein, wie bisher ihr Neid und ihre Entriistung war. Die Wohl-
fahrtsunterstutzungen mtissen heruntergesetzt werden!
Das Schicksal des Bauhauses Emst Biumenthai
Anhalter nationalsozialistische Amtspersonen haben dieser
Tage, begleitet von dem blutgebundenen Kunstfachmann
Schultze-Naumburg, dem Bauhaus einen Besuch abgestattet, der
nicht als Freundschaftsakt gedacht war. Da zii erwarten steht,
daB die Stadt den Etat des Bauhauses ablehnen und damit eine
Schule vernichten wird, die das moderne Kunsthandwerk ent-
scheidend beeinfluBt hat, soil hier em ehemaliger Bauhausler
uber die Vorgeschichte des Falls zu Worte kommen.
P\ie Leitung des Bauhauses in Dessau, das unter Gropius und
**/ Hannes Meyer Weltbedeutung erlangt hatte, ging nach der MaB-
regelung von Hannes Meyer im Oktober 1930 in die Hande des Archi-
tekten Mies van der Rohe) uber. Hannes Meyer war geflogen,.weil
,f seine Einstellung zum Bauhausunterricht nicht mit den Anschauungen
der Stadtverwaltung iibereinstimmte" und weil sie den personlichen
Interessen der Meister Kandinsky und Albers zuwiderlief, die durch
eine Erweiterung der exaktwissenschaftlichen Lehrfacher ihre Stellung
bedroht sahen. Nachdem der rote Direktor entfernt, rote Studierende
ausgewiesen worden waren und der neue Direktor Mies van der Rohe
das Amt eines Kommunistenreinigers ubernommen hatte, setzte eine
folgerichtige Entwicklung zum Fascismus ein, erkennbar an:
Neuen Satzungen
Schul gel der hohung
Abschaffung der Produktivarbeit in den Werkstatten
Annullierung aller Rechte der Studierenden und ihrer verantwort-
lichen Mitarbeit an der Gestaltung des Bauhauses
Aufhebung der Koalitionsfreiheit
Scharwenzeln vor den spieBburgerlichen Elementen der Stadt;
aus einer Ausstellung des Malers Werner Scholz wird das Bild
„§ 218M entfernt
Herauswurf von weiteren sechzehn Studierenden und Einsetzen
von Polizeigewalt gegen die beim Mittagessen in der Kantine bera-
tenden Bauhausler. Diese letzten Ereignisse haben sich folgender-
maBen abgespielt:
Am 18. Marz, einen Tag vor der an jedem Semesterende statt-
findenden Ausstellung der Schiilerarbeiten, wurden die beiden Stu-
dentenvertreter von der Direktion abgesetzt. Die Beideri beriefen
daraufhin eine Versammlung ein, die von Mies, obwohl sie satzungs-
gemaB rechtzeitig vierundzwanzig Stunden vorher angemeldet worden
war, verboten wurde. Die Versammlung wurde nicht durchgefuhrt,
Als aber die Studenten wahrend des Essens in der Kantine berat-
schlagten, wie den diktatorischen MaBnahmen der Direktion zu be-
86
gegnen sei, erschien der Hauswart als Abgesandter des Direktors mit
den Worten: „Hier wird nicht gesprochen, hier wird nur gegessen."
Die Art, wie hier achtzig Studenten der Mund verboten wurde, loste
groBe Emporung aus. Der Direktor wuBte sich nicht anders zu hel-
fen, als, statt selbst zu den Studierenden zu gehen, telephonisch das
tlberfallkommando herbeizurufen, das die Kantine raumte und die
Personalien eines vom Direktor denunzierten Studenten feststellte.
Die Studenten, die aus aller Welt nach Dessau gekommen waren,
weit das Bauhaus als das freiheitlichste und modernste Lehrinstitut
bekannt geworden war, muBten erleben, wie ihr eigner Direktor Mies
van der Rohe, Erbauer des Liebknecht-Luxemburg-Denkmals, Mit-
glied der Akademie, sie durch die Polizei aus den Raumen des Bau-
hauses treiben liefi, Ein Teil der Studierenden trat daraufhin in den
Ausstellungsstreik.
Das Bauhaus in Weimar wurde, als in Thuringen eine Rechts-
regierung ans Ruder kam, von der anhaltischen Stadt Dessau iiber-
nommen. Durch das Anwachsen der nationalsozialistischen Bewe-
gung wurde auch hier seine Existenz bedroht. Die Macht der re-
publikanischen Parteien reichte nach den Gemeinderatswahlen vom
Oktober 1931 nicht mehr aus, um das Haus gegen die Stimmen der
Rechten zu halten.
Im Januar des Jahres brachten die National sozialisten im Stadt*
parlament einen Antrag auf sofortige Schliefiung und Abbruch des
Bauhauses ein. Die vier kommunistischen Gemeindevertreter waren
ausschlaggebend. In ihrer Hand lag bei der Abstimmung* das Ge-
schick des Bauhauses.
Die kommunistische Gemeindefraktion stellte sich hinter die For-
derungen der Studenten, die die Bereitstellung ausreichender Sti-
pendien, Staffelung der Schulgebuhren, Abbau der Meistergehalter
etcetera verlangten, und machte ihre Stimmabgabe fur den Fort-
bestand des Bauhauses von der Erfullung dieser Punkte* abhangig.
Man versprach, die Forderungen der Studentenschaft zu benicksich-
tigen, und die Abgeordneten der KPD stimmten gegen den Antrag.
Der Bestand des Hauses war also einstweilen gesichert. Jetzt
ging die Politik der Mies und Hesse darauf hinaus, sich bei den
Rechtsburgerlichen anzubiedern und sich von den ausschlaggebenden
kommunistischen Stimmen unabhangig zu machen. Man hoffte, daB
Gruppen, wie etwa die Wirtschaftspartei, fur die Erhaltung* des
Hauses zu bewegen sein wiirden, wenn es mit eisernem Besen von
allem gesaubert wiirde, was im Verdacht stand, kommunistisch zu
sein.- Man zog, weil man die wirklichen Griinde nicht of fen bekannt-
geben konnte, alle mogliche Anschuldigungen an den Haaren herbei,
-um gegen die als revolutionar bekannten Studierenden vorzugehen.
Als der Naziantrag auf Schliefiung des Hauses in der Stadt be-
kannt wurde, rief einer der Studierendenvertreter Mies van der Rohe,
der sich in Berlin aufhielt, telephonisch an, um ihn uber die Situa-
tion zu unterrichten und ihn auf die Wichtigkeit seiner Anwesenheit
in Dessau aufmerksam zu machen. Er fugte hinzu, daB sich die Koin-
tnunisten hinter die Forderungen der Studierenden gestellt hatten.
Darin erblickte man eine f,Drohung", die man benutzte, um sogleich
mit der Sauberungsaktion zu beginnen.
Der Meister Albers hatte in einer Meisterratssitzung erklart,
„wenn die Gehalter nicht gezahlt wiirden, konne das Bauhaus nicht
bestehen; wenn aber die Stipendien nicht gezahlt wiirden, konne es
weiter bestehen".
Diese Erklarung von Albers wurde in der Bauhauszeitung wieder-
gegeben. Man verlangte von der Studentenvertretung, daB ^ sie die
Redaktion veranlasse, einen Begleitsatz von Albers hinzuzufugen, in
dem er sich fur ausreichende Stipendien erklarte. Die Bauhauszei-
tung stellte sich auf den Standpunkt, daB schone Phrasen keinem
Unbemittelten das Studium ermogHchen konnten und „daB ein Bau-
3 87
haus ohne Stipendien, ohne proletarische und revolutionare Studen-
ten abzulehnen sei",
Gegen die beiden Studentenvertreter und den Studenten, der sich
bei der Polizeiaktion in der Kantine fur das, was dort gesprochen
worden war, verantwortlich erklart hatte, wurde ein Disziplinarver-
fahren eingeleitet, Im DisziplinarausschuB saflen Mies van der Rohe,
Kandinsky und Hilberseimer, Dozent an der marxistischen Arbeiter-
schule zu Berlin. Das Verfahren ging in mittelalterlicher Manier
vor sich und endete mit der Entlassung der drei Studenten.
Dreizehn Bauhausler, die sich am Ausstellungsstreik beteiligt
hatten, wurden, angeblich „wegen ungemigender Leistungen", von der
Anstalt verwiesen. Im Ganzen sind also sechzehn Studenten entlas-
sen worden;
Keiner der beteiligten Meister, weder Mies, noch Kandinsky, noch
Albers, ist offener Fascist. Indem sie aber dem fascistischen Druck
weichen und das Haus den Erfordernissen des Dritten Reiches an-
passen, unterstiitzen sie in Wirklichkeit den Fascismus.
AntlSemiten von Carl v. Ossietzky
7u den Dingen, von denen die republikanische Linke kaum
mchr zu sprechen pflcgt, gehort auch der Antisemitismus.
Die Presse begmigt sich damit, seine Existenz zuzugestehen,
ohne sich iiber seine Erscheinungsformen naher auszulassen;
gelegentlich nur werden einige allzu knotige Exzesse niedriger
gehangt. Im ganzen ist man bereit, wie so vieles andre, auch
Israel still z:i opfern. Die Menschen- und Biirgerrechte des
Juden sind, wenn nicht angefochten, so doch wieder Gegen-
stand lebhafter Diskussion. Wieder ist es der Konterrevolu-
tion gelungen, das Thema aufzunotigen; sie hatte die Initiative,
und die Demokratie sucht nur dadurch, daB sie nicht mitmacht,
den Eindruck zu erwecken, als gabe es die ganze Diskussion
nicht.
Der Antisemitismus ist. dem Nationalismus blutsverwandt
und dessen bester Alliierter, Die beiden gehoren, zusammen.
Denn ein Volk, das sich ohne Territorium und ohne materielle
Autoritat zweitausend Jahre in der Weltgeschichte herum-
treibt, ist eine lebendige Widerlegung aller nationalistischen
Ideologic, die den Begritt der Nation ausschlieBlich von macht-
politischen Voraussetzungen abhangig macht. Niemals hat der
Antisemitismus in der Arbeiterschait Wurzel gefaBt, er war
von je Sache des Mittelstandes und des kleinen Bauerntums;
heute, wo sich diese Schichten in ihrer groBten Krise befin-
den, ist er ihnen zu einer Art von Religion geworden, minde-
stens zu einem Religionsersatz, Nationalismus und Antisemitis-
mus bestimmen das innere politische Bild Deutschlands, Sie
sind die grofien revolutionar kreischenden Jahrmarktsorgeln
des Fascismus, welche das viel leisere Tremolo der sozialen
Reaktion ubertonen,
Vor etwa fiinfundzwanzig Jahren war die antisemitische
Welle der Stockerzeit schon abgeebbt. Im Reichstag saB eine
antisemitische Fraktion, die an Starke und parlamentarischer
Haltung etwa der heutigen Wirtschaftspartei entsprach. Der
Radauantisemitismus lag bei dem beriichtigten Grafen Piickler-
88
Tschirne, dem sogenannten ,,Dreschgrafen", der indessen keine
Bewegung reprasentierte sondern nur den eigncn wirrcn Kopf,
und in allgemeinem Gelachter unterging, als er in ciner Hotel-
halle mit einem jiidischen Geschaf tsrcisendcn in Tatlichkeiten
geriet und dabci furchterlich verhauen wurde. Dcr intellek-
tuelle Antisemitismus lag dagegcn bei Houston Stewart Cham-
berlain, der in den ,,Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" die
nach Bayreuth gedrungenen Phantasien Gobineaus aktualisierte
und aus der Sprache eines harmlosen Snobismus in die eines
modernen zugkraftigen Mystagogentums iibersetzte. Ein Aus-
laufer dieses Kreises war der Kunstschriftsteller Artur Moeller
van den Bruck, der mit einem noch heute lesenswerten Werke
,,Die Deutschen" eine Typologie des deutschen Wesens ver-
suchte, und dessen, Buch nDas Dritte Reich" einer Bewegung
das Schlagwort gegeben hat, obgleich es sich hier um keine
drohnende AgitationsschriU handelt sondern um ein politik-
fremdes Lamento von monotoner Melancholie.
Der literarische Antisemitismus von heute hat sich inso-
fern besser gedeckt, als er nicht mehr mit langst als briichig
erkannten Rassetheorien aufwartet und auch mit dem ,,Arier-
tum" und dem Mnordischen Menschen" nicht mehr viel her-
macht. Gobineau wollte von Hakon Jarl abstammen, und das
bayreuther Parvenutum der Jahrhundertwende suchte seinen
Stammbaum moglichst bis in die Wikingerzeit zu verfolgen;
mit alledem wagen heute nur noch subalterne Broschiiren-
schreiber zu kommen. Die antisemitische Literatur dieser Jahre,
soweit sie sich nicht ausschlieBlich auf die rohe Hetze stellt
sondern Anspruch auf geistige Wertung erhebt, begnugt sich
im ganzen damit, eiri feierliches Deutschtum zu postulieren,
das sich jedoch bei kritischer Betrachtung wie einer der scho-
nen Gotter Epikurs in schimmernden Dunst auflost. In dieser
Phraseologie spielt das ,,Blut" eine groBe Rollej das ,,Biut'\
die unveranderliche Substanz bestimmt das Schicksal der Vol-
ker und Menschen. Aus den Geheimgesetzen des ,fBlutes"
werden sich Germanen und Judaer entgegenstehen bis ans
Ende der Tage, werden sie sich niemals mischen konneii, wer-
den sie sich ewig innerlich fremd bleiben miissen. Das ist
mehr balladenhaft als tief, und eine reale Volkerbetrachtung
laBt sich nicht so schwach fundamentieren. Denn ,,deutsch"
und njiidisch" etcetera sind; keine in mythischer Vorzeit fest-
gemauerten Kategorien sondern durchaus flieBende Begriffe,
die mit den der allgemeinen historischen Dynamik unterlie-
genden geistigen und okonomischen Voraussetzungen auch die
Inhalte wechseln. Was hat der Diirerdeutsche etwa mit dem
Rokokodeutschen zu tun? Was der amerikanisierte Stalin-
russe der Pjatiletka mit dem tragen Oblomowrussen der sech-
ziger Jahre? Alles was der literarische Antisemitismus aufbie-
tet, bleibt wolkig und flockig. Er unterscheidet sich in dieser Un-
bestimmtheit nicht von. dem Neokonservativismus oder der
heute beliebten nationalen Romantik, Wir wollen uns im fol-
genden mit einigen Dokumenten eines literarisch aufgemachten
Antisemitismus beschaftigen, nicht weil wir diese iiir beson-
dere Leistungen halten, wohl aber weil sie wie das beriihmte
Lazarettpferd alle Krankheiten der Gattung vereinen und weil
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einzelne der dort versuchten, Formulierungen rapide umlaufen
und Unfug anrichten.
Wenn ich meinem Krawattenmacher an den wucherischen
Hals will, so geniigt, wenn die eigne Emporung nicht auslangt,
ein Flugzettel aus irgend einem Braunen Haus. Wenn ich da-
gegen nach einem Grunde zur Abrechnung mit meinem Nach-
barn, dem alten judischen Augenarzt, suche, der ein Wohltater
der Menschen ist, so muB ich, urn zu erfahren, warum er trotz-
dem mein und aller Feind ist, schon zu einem Buche von Hans
Bliiher greifen.
Was ist aus dem Propheten des MWandervogels" gewor-
den? Was aus dem Entdecker der geschichtsbildenden Kraft
der Mannerbiinde, einem Schriftsteller von wirklich produk-
tiven Einf alien also — ? Es erfordert Miihe, mit der „Erhe-
bung Israels gegen die christlichen Guter" (Hanseatische Ver-
lagsanstalt, Hamburg) zu Ende zu kommen. Wiederhoit ist
gesagt worden, daB in Herrn Charles Maurras, dem eisenklir-
renden Bayard der .Action Francaise', ein heimlicher SpaB-
vogel steckt. Auch bei Bliiher fragt man sich immer wieder,
ob hier nicht die satirische Laune eines Mystifikators der klu-
.gen Welt eine Nase gedreht hat. Wenn Bliiher wie ein roya-
listischer Ultra, wie ein intellektueller Januschaiier herumfuch-
telt, wenn er wie ein schottischer Jakobit, wie ein evangeli-
scher Ulstermann, wie ein Kavalier aus der Vendee fiir den
sakralen Charakter des Konigtums die Klinge hebt, dann ist
wirklich ein kleiner Zweifel an der Ernsthaitigkeit der Atti-
tude berechtigt. Da liest man es so:
flDie einzige fiir einen Christen wirklich annehmbare Verfassung
ist das Gottesgnadentum des Konigs,"
„. . . so wie die deutsche Seele nicht ohne Kaiser und Reich zu
leben vermag."
„. . . es gibt keine republikanische Geschichtsauffassung. Diese
i iihrt nur, gestiitzt durch die korruptiven Gedankengange des Juden-
tums, ein voriibergehendes Dasein in den amtlichen Publikationen und
der horigen Presse."
Gut gebriillt, Herr Elard von Bliiher! . ,
„Jeder Jude, ganz gleichgultig, welchen Willens er ist oder zu
sein glaubt, untersteht diesem Sendungsauftrag des messianischen
Reiches, vertreten durch den jeweilig regierenden Fiirsten der Ver-
bannung."
nDieser Fall liegt auch vor bei den sogenannten ,Protokollen der
Weisen von Zion'. Auch hier besagt die Echtheit oder Unechtheit gar
nichts sondern nur ihr intelligibler Inhalt. Dieser aber ist wie bei
jenem ErlaB des Fiirsten der Verbannung unbedingt wahr. Denn das
Judentum hat danach gehandelt."
„Henry Fords hochwichtiges Buch iiber den .Internationalen Ju-
den ist iiber wiegend richtig, aber es steht kein wahres Wort drin ..."
Das ist wirklich ungewollte Travestie. Wir werden durch
Astrologie, Magie und Mantik und die ganzen iurchtbaren Ge-
heimnisse des Freimaurertums geschleift, das alles wirkt etwas
komisch und auch etwas blamabel — einen Kopf, der vielen
etwas bedeutet hat und noch bedeutet, auf der Tour von
Mathilde Ludendorff zu sehen. Doch dann zeigt sich plotzlich
ein zergriibeltes und zerqualtes Intellektuellengesicht, an der
innern Ehrlichkeit ist kein Zweifel erlaubt. Bliiher halt auf
90
Abstand gegen den politischen Antisemitismus, es fallen ein
paar klatschende Hiebe auf Hitler, aber so sehr er sich auch
bemiiht, die Wiirde des geistigen Menschen zu wahren, er ret-
tet sie nur in der schriftstellerischen Form, nicht in den Mitteln
der Argumentation. So geht es oft ebenso platt und wiist zu
wie in einer beliebigen Sechserbroschure:
„SolI man hier sagen: eine deutsche Frau, der es moglich ist, ihr
Geheimnis den Blicken eines jtidischen Arztes preiszugeben und seine
Eingriffe willenlos zu dulden, hat soviel an Instinkt verloren, daB
man/ auf sie verzichten mufi? Oder soil man lieber hier doch noch
warnen,,.? Die Unertriiglichkeit dieser Vorstellung: der Jude am
Lebenstor der deutschen Rasse ist kaum zu iiberbieten."
Was hat Bliiher nun dem Judentum vorzuwerfen? Ver-
suchen wir zusammenzufassen: Das Judentum zehrt die ger-
manische Substanz auf. Das Judentum kann die Figur eines
andern Volkes annehmen. Es gibt eine ,,organisch-plastische
Begabung der jiidischen Substanz zur Mimikry. Das Juden-
tum hat etwas Entscheidendes zu verbergen." Bliiher will we-
der mit politischem noch mit wirtschaftlichem Antisemitismus
etwas zu tun haben. Der ,,jiidische Sendungsauftrag", von dem
er fabelt und wobei er sich auf mittelalterliche Pergamente
stiitzt, ist ausschlieSlich religios, Deshalb gibt es auch keine
wirkliche Verstandigung:
HWie das Dasein der primaren Rasse im Judentum auf die Spitze
nach oben getrieben worden ist, so das der sekundaren nach unten.
Der wissende Jude gibt es ohne weiteres zu, dafi die Tiefengrade, die
sein Volk erreichen kann, erheblich unter denen der andern Volker
liegen und dafi gewissermafien der Mittelstand fehlt. Zehn verfluchte
Stamme und zwei heilige! Mit den verfluchten haben wir es, im tag-
lichen Leben zu tun, und die zwei heiligen leiten die Politik des
Reiches Jehuda gegen uns. Nur mit diesen also kann man sich ernst-
haft auseinandersetzen, nur sie sind unser eigentlicher Feind. Wie
toricht der Antisemitismus ist, wenn er etwa meint: es gabe auch an-
standige Juden, und die seien selbstverstandlich ausgenommen — er-
hellt wohl zur Geniige aus diesem Sachverhalt."
Damit waren wir also wieder bei der Weisheit des GroB-
inquisitors angelangt: ,,Totet sie alle, Gott kennt die Seinen!"
Damit holt sich der Glaubige das gute Gewissen, selbst gegen
den besten Juden die Hand zu erheben. Deshalb wirkt es
nicht konsequent und nicht einmal mutig, wenn Bliiher selbst,
nachdem er jeglichen Gedanken*der Versohnung unbarmherzig
in die Wiiste. getrieben hat, etwas verlegen stehen bleibt und
keine Antwort darauf gibt, was nun in der Praxis geschehen
soil, Wir erfahren es auch nicht bei dem Schriftsteller, den
Bliiher einen der ,,wenigen echten Antisemiten" nennt, die es
ini Deutschland gebe, bei Herrn Doktor Wilhelm Stapel, der
einige friihere Artikel aus seiner Zeitschrift in, einer Broschiire
^Antisemitismus und Antigermanismus" (Hanseatische Verlags-
anstalt, Hamburg), gesammelt hat. Bleibt Bliiher bei aller sei-
ner Verranntheit doch immer ein seltsames und oft ergreifen-
des Bild des in Zeitstiirmen verwehten geistigen Menschen, ein
Diener, der Finsternis zwar, aber doch mit einem paracelsi-
schen Kern, so ist der Herr Doktor Stapel einfach der wild-
gewordene Pauker, der Oberlehrer, der sich als Prophet auf-
getan hat. Herr Stapel wird von Bewunderern fur die beste
91
Feder der Rcchten gchalten, und ich gebe zu, Hcrr Doktcr
Stapel verfiigt iiber reichc Ausdrucksformen, er ware indcssen
ein viel bcsscrer Schriftsteller, wcnn er nicht so rhetorisch
bewegt schriebe und seine Bildung nicht so pratentios auf-
tischte. Er legt wie ein von seinem Publikum verwohnter
Redrier Pausen ein; wo er auf Beifall wartet. Ein seltenes
Zitat tragt er so zeremonios auf wie der Ober eine besonders
teure Platte, mit zwei neuen blutenweiBen Servietten, und
vor seinen eignen Pointen tanzt er mit wehenden Rockschofien
her wie David vor der Bundeslade Der Schriftsteller soil
sich ernst nehmen, ja wohl — aber nicht so furchtbar wichtig.
Auch Stapel lehnt einen Antisemitismus aus wirtschaft-
lichen Grunden ab. Er will auch die Juden nicht ausbiirgern.
Nur soil auf Distanz gehalten werden, zum Beispiel sollen sich
die Juden nicht um Politik kiimmern, und im iibrigen regelt
auf beiden Seiten guter Takt die Grenzverhaltnisse. Nur ist
manchmal der Kampf unausweichlich:
„Den Kampf der ,rohen Gewalt' nennt der Jude das handfeste
jRittertum1 der Antisemiten, Wir werten den Geist hoher als den
Leib. Aber nicht immer ist der Geist bei den ,Geistigen\ sondern
oft auch bei dem wackern und ehrlichen Mann, der die gottgesegnete
Kraft seiner Arme fur sein braves Gefuhl, iiber dessen Berechtigung
er nicht erst einen Philosophen fragen muB, gebraucht. Ich bin nicht
unter alien Umstanden geneigt, einem begabten Tintenspritzer, bloB
weil er vom sichern Ort aus mit ,Geist' arbeitet, den moralischen Vor-
zug zu geben vor einem wackern Kampfer, der immerhin sein Leib
und Leben der Gefahr aussetzt."
Es hat sich bisher noch nirgends gezeigt, dafi bei Pogro-
men — so nennt man namlich gewisse mit judischen Mitbiir-
gern gesuchte Auseinandersetzungen -^ die Angreifer ihr Leib
und Leben der Gefahr ausgesetzt flatten. Diese wackern und
ehrlichen Hansen haben die gottgesegnete Kraft ihrer Arme
gewohnlich nur in Gesellschaft angewandt, wenn sie fiinfzig
gegen fiinf standen. Herr Doktpr Stapel predigt die Distanz,
aber er selbst hat eine merkwurdige Neigung, immer wieder
Tuchfuhlung mit dem Reiche Jehuda zu suchen. Sein Takt hin-
dert ihn nicht an einem so bizarren Versuch:
„Ich machte einmal in einer iiberwiegend von Juden besuchten
Versammlung das Experiment, am Schlufi meiner Debatterede in
einem zugespitzt formulierten, aber nichts als die bloBe Tatsache
enthaltenden Satze auf die/ Totung Jesu durch die Juden hinzuwei-
sen. Der Satz wirkte explosiv. Es gab einen plotzlichen und heftigen
Aufruhr der Gefiihle durch den ganzen Saal hin, eine heifie, kochende
unbeschreibliche Emporung, die vollig verschieden war von den Em-
porungen, die man etwa in deutschen Arbeiterversammlungen er-
leben kann. Wahrend ich dann beobachtend durch den Saal auf
meinen Platz ging, umwehte raich diese heiBe, brennende, haBvolle
Emporung auf das heftigste. Aus Gesprachen, die ich nachher mit ein-
zelnen mir auf die StraBe folgenden Juden fiihrte, wurde es mir ganz
deutlich, daB durch das Anschlagen dieses' Komplexes Angst- und
Wutgefiihle sowie schreckhafte Vorstellungen aus der Zeit der mittel-
alterlichen Judenverfolgungen wach geworden waren."
Was sollte mit diesem Experiment bewiesen werden? Gar
nichts wird damit gegen die judischen Versammlungsbesucher
bewiesen, die mit Recht emport waren. Wohl aber wird sehr
viel gegen Herrn Stapel selbst bewiesen, namlich, dafi er, der
92
in euier modernen grofistadtischen Versammlung, in einem
Saal mit Dampfheizung und elektrischer Beleuchtung, ein Ar-
gument aus der Begriffs- und Empfindungswelt der mittelalter-
lichen Hexen- und Juden- und Ketzerrichter gebraucht, damit
selbst in diesc Kategorie gehort. Er ist zu selbstgefallig, um
den entstandenen Krach anders als in einem fur ihn triumpha-
len Sinne zu deuten. Er bildet sich ein, ein paar hundert Ju-
daer demaskiert zu haben, und hat sich doch nur dadurch
kompromittiert, indem er offentlich zeigte, was bei ihm unter
der Schwelle des BewuBtseins ruht. Wer hat es nicht schon
erlebt, dafi einmal ein Ahnungsloser in einem psychologisch
geschulten Kreise seine Traume erzahlte, aus denen der Er-
fahrene schnell seine Schliisse ziehen konnte? Herr Stapel
glaubt, auf einige hundert jiidische Gesichter mitten im niich-
ternen Alltag den Flackerschein lange verglommener Scheiter-
haufen gezaubert zu haben. Aber er hat nur den Scheiter-
haufen im eignen Hirn peinlich ofienbart.
Diese um des Vaterlandes Wohl besorgten Antisemiten
erinnern alle an die Prinzessin auf der Erbse, Warum machen
ihnen die paar Juden so viel Unruhe? Auf hundert Deutsche
kommt ein Jude, das betont auch Stapel; dennoch:
„Ein Stiickchcn Saccharin von der Grofic eines Stecknadelknopfes
geniigt,; um ein Glas Wasser zuf versiiBen. Es kommt nicht nur auf
die Masse sondern auf die chemischen Eigenschaften an. Ist auf
unsern Hochschulen auch nur ein Jude unter hundert, oder bei unsern
Theatern, im Kunsthandel, in den Zeitungen?"
Ich habe von Deutschland keine so geringe Vorstellung
wie der heiBe Patriot. So diinn und farblos ist Deutschland
nicht, um durch eine fremde chemische Eigenschaft gleich in
seiner Natur bedroht zu werden. Wenn Juden in akademi-
schen Berufen prozentual stark vertreten sind und auch einige
kulturelle Schliisselstellungen innehaben, so frage ich den, der
sich dariiber beschwert: was hat Deutschland denn in derZeit
seiner hochsten Prosperitat, in der Kaiserzeit namlich, fiir eine
Auslese seiner- begabten armen Jungen getan? Das Judentum
hat auch in schlechten Zeiten fiir seine fordernswerten Kinder
immer Mittel iibrig gehabt. Aber die deutschen Jungen aus
dem Proletariat, die mufiten fruh aufs Feld oder in die Fabrik;
Kraft, die nicht hochkam. Das einzige Sprungbrett, das der
Klassenstaat bot, war die Unteroffiziersschule. Obrigens wird
in vielen Landern der kulturelle Wettbewerb mit Menschen
andern Stammes als anfeuernd, mindestens nicht als lastig emp-
funden. In der englischen Presse und Literatur dominieren
zum Beispiel die beweglichen Keltenkopfe. Und in der Schule
haben wir die Weisheit des GroBen Kurfiirsten bewundern
gelernt, weil er die franzosischen Refugies in Preufien aufnahm.
Dieser energische Hohenzoller hat gewiB nicht unter dem Min-
derwertigkeitskomplex des heutigen deutschen Nationalismus
gelitten.
Immer wieder kehren bei Stapel die Worte ,1Volkstum"
und ,,Volk" wieder. Sie ersparen ihm, mit etwas Mystik ver-
bramt, viele Beweise. Wie Bliiher verzichtet Stapel darauf, mit
dem Begriff „Rasse" zu operieren. Er weiB, daB es damit keirie
Lorbeeren zu holen gibt. Aber es ist nicht weniger nebel-
93
haft, wenn er standig jiidisches gegen deutsches ,,Volkstum"
stellt. Auch hicr spielt die leidige Okonomie cine Rolle. Das
,,Volkstum"' eines kleinen jiidischen Angestellten ist nicht das
gleiche wie das seines jiidischen Chefs, der drei Autos hat.
Das f)Volkstum" des jiidischen Proleten wird sicher erwachen,
wenn ein paar Hakenkreuzliimmel die gottgesegnete Kraft
ihrer Arme an ihm erproben wollen. Ob dies gleiche BewuBt-
sein jedoch in ihm rege wird, wenn man' seinen Chef so mit-
nimmt — wir konnen es nicht untersuchen. Es ist auch
ein Irrtum der nationalistischen Theorie, daB wir den ganzen
Tag ,,als Deutscher", ,,als Jude" etcetera herumlaufen. Der
heutige Berufsmensch ist ganz anders fixiert. Oberhaupt ist
,,Volkstum" kein Begriff, mit dem sich viel anfangen laBt.
Staat und Wirtschaft bestimmen das Schicksal des Einzelnen im
weitesten Sinne und geben die Stichworte fur die Trennung in
Parteien, wahrend der soziale Alltag die allgemein gultigen
Denk- und Lebensformen pragt. „Volkstum" laBt sich nicht
auf eine Nation von mehreren Dutzend Millionen anwenden,
,,Volkstum" ist ein vorwiegend landschaftlich begrenzter Be-
griff, durchsetzt von bauerlichen Erinnerungen, Es gibt kein
,, deutsches Volkstum", wohl aber eines der deutschen Stamme,
wohL ein thiiringisches, rheinisches oder bayrisches, Es gibt
kein britisches, franzosisches oder spanisches ,, Volkstum",
wohl aber eines von Schottland, von der Normandie oder von
Viscaya. Es gibt nicht einmal einen genormten deutschen Ju-
dentyp. Der schwabische Jude ist anders als der aus Ham-
burg oder Liibeck, und das nicht, weil das Judentum so be-
sonders anpassungsfahig ist f sondern weil der Pragestock der
engern Umwelt sich immer noch starker erweist als eine mit-
gebrachte Tradition.
,,Die Menschheit ist nicht die Summe der Menschen sondern der
Volker , , . Das eigentumliche Gebilde ,Volk' ist nicht ein wesenloser
Begriff, ist auch nicht wie Verein oder Staat nur ein Werk des
menschlichen Willens; sondern es ist eine naturhafte, gewachsene oder
zusammengewachsene Einheit, wie der Baum, das Korallenriff, der
Bienenschwarm.' '
Falsch, falsch und nochmals falsch. Nur der Einzelne ist
naturgewachsen, nicht das Volk. Das Volk ist ein menschlicher
Organisationsbegriff. Die Natur hat die Baume wachsen las-
sen, aber nicht die Grenzpfahle. Die Natur hat die Tiere in
ihrem Plan, aber nicht. den Kafig, in den der Mensch sie ein-
sperrt, Es macht der Natur nichts aus, ob der Mensch au pair
auf dem Kokosbaum haust oder in einer von Professor Taut
entworfenen Siedlung. Die Natur ist indifferent.
Selbstverstandlich ware Stapels scharfsinnige Unter-
suchungj nicht vollstandig ohne ein kraitig Wortlein zur Ver-
judung der Literatur.
„Wie Lessing sich einst gegen das Franzosentum wehrte, so
wehren wir uns heute mit Recht gegen das Judentum."
Halt. Selbst wenn die Gleichstellung Franzosentum —
Judentum widerspruchslos hinzunehmen ware: Lessing hatte
das historische Recht auf seiner Seite, denn er verhalf der
jungen deutschen Literatur zum Durchbruch. Lessing hat aber
nicht nur gegen Voltaire gekampft sondern auBerdem noch
94
fiir cincn andern Auslander, namlich Shakespeare, Seit hun-
dert Jahren observieren miBtrauische Literaten die angeb-
liche jiidische Uberfremdung unsrer Literatur, Seit hundert
Jahren muB sich jeder Autor von Belang die physische Kon-
trolle durch dummdreiste Praputial-Inspizienten gefallen las-
sen. Und was ist nun dabei herausgekommen? Da ist der
alte Judenriecher Adolf Bartels, der sich jetzt schon zwei
Menschenalter das Plastron vollsabbert — was hat er denn
mit seinen Denunziationen bewirkt? Seit Jahrzehnten sind
alle anerkannten Dichter als Juden oder Halbjuden verstan-
kert worden, aber hat denn dieser ganze Aufwand auch nur
einem einzigen wertvollen, unverfalscht deutschbliitigen Dich-
ter den Weg geebmet? Haben die Herren auch nur einen
einzigen entdeckt? Wen denn — ? Artur Dinter laBt schon
griiBen.
,,Sehr deutlich" spurt Stapel jiidischen Tonfall in den
Schriften von Karl Marx. Es ist mir noch nie aufgefallen, daB
das Kommunistische Manifest gemauschelt ware. Aber auch
der Okonomist Ferdinand Fried wittert ahnliches. Nach Fried
ist der eigentliche Begriinder des wissenschaftlichen Sozialis-
mus der ,,wuppertaler Patriziersohn" Friedrich Engels, der
sich dann leider von dem Juden Marx ,,uberschatten" lieB.
Was Stapel mit Heinrich Heine aufstellt, ist ein Zirkus fiir
sich. Um an Heines Lyrik die jiidischen Bestandteile zu de-
monstrieren, wendet er ein Verfahren an, das nichts Philolo-
gisches mehr an sich hat sondern ganz der wissenschaftlichen
Kriminalistik entnommen scheint. Stapel knopft sich die arme
„Loreley" vor, indem er sie einer hochst detektivischen Sprach-
analyse unterwirft, die natiirlich seine These erhartet. Zwar
laBt er bestehen, daB Heine ein grofier Wortkiinstler war, aber
als Intellektueller doch unfahig, ein deutsches Volkslied zu
dichten. Diese Resultate prasentiert er, mit der moralischen
Genugtuung eines iibelgelaunten Polizeiarztes, der bei einer
miBliebigen Frauensperson, nachdem man ihr keinen Taschen-
diebstahl nachweisen konnte, wenigstens Gonokokken gefun-
den hat. Stapel konfrontiert die raffinierte <jiidische Loreley
Heines mit einer viel keuschern Loreley-Edition Eichendorffs.
Dann beginnt er zu vergleichen und zu messen und fahrt in der
Hitze des Gefechtes den beiden Madchen dabei unter die Klei-
der, daB es eine Freude ist, das zu sehen.
„Wahrend die Reime Eichendorffs etwas Verhaltenes, Geheimnis-
volles, Weites haben, haben die Reime Heines etwas Spitzes, Scharfes,
ja fast etwas Heiseres. Bezeichnend ist fiir den Juden die Haufung
von K- und G-Lauten, also von Gutturalen an dieser Stelle — "
Ein Gedicht, mag; man es sympathisch finden oder nicht,
ist jedenfalls kein Kriminalvergehen, das vergiBt dieser beflis-
sene Forscher. Es kann deshalb auch nicht analysiert werden
wie ein am Tatort zuriickgelassenes blutiges Taschentuch.
Cbrigens will ich mich verpflichten, nach diesem Rezept muhe-
los festzustellen, daB ein frommer Choralsanger, nach der fiir
ihn charakteristischen Haufung von A- und O-Lauten zu schlie-
Ben, von Hiihneraugen geplagt war, daB ein feuriger Liebes-
dichter sich mit Hamorrhoiden qualen muBte, und daB Stapel,
bei dem die offenen Laute iiberwiegen, sich danach Gottsei-
95
dank einer hcitern und unbcschwcrtcn Verdauung erfreut. Und
nun kommt ein Humoristikum ganz groGcn Ranges:
„Man gebe sich der Innervation des Satze$: Jch weiB nicht, was
soil es bedeuten* hin, sofort fahren uns die Worte in die Arme und
zwingen uns zu einem Zucken der Achseln, wahrend die Handflachen
auseinandergehen: eine typiscb jtidische Geste. Und der SchluO mit
dem ,Ich glaube , . / und dem ,und das hat mit ihrem Singen die
Loreley getaft' ist ein Musterbeispiel der jiidischen Sentimentalitat,
der Sentimentalitat des schrag gehaltenen (ein we nig nach hinten ge-
neigten) Kopfes mit dem; verlorenen Blick, aus welcher Stellung der
Jude sofort mit einem Sprung, mit einem Witzwort heraushupfen kann;
denn diese Sentimentalitat ist der Ironie benachbart, sie hat nicht das
Schwerbliitige der deutschen Sentimentalitat."
Ein lebhafter Leser, in der Tat, so wie ihn sich der Dich-
ter wiinschen mag, Jeder Eindruck setzt sich sofort in Gestik
um, und man wagt gar nicht an die korperlichen Verrenkun-
gen zu denken, zu denen ihn die Lekture des ,,G6tz von Ber-
lichingen" verleiten konnte.
Es ist viel Finsternis, viel Wirrwarr und noch mehr un-
freiwillige Komik bei dieser Art von geistigem Antisemitismus.
Ich versichere dem hochgelahrten Herrn Doktor: so unheim-
lich ich auch iiber die ihm gegliickte ktihne Synthese von Lite-
raturkritik und Kriminalistik habe lachen miissen, so reicht
doch das Vergmigen dieser Stundeni bei weitem nicht an das
Bedauern heran, daB es heute notwendig geworden ist, sich
mit solchem Mumpitz abgeben zu miissen. Herr Stapel ist
gewiB nur ein larmoyanter Schonredner, das, was man im
Kirchenwesen einen Damenprediger nennt. ' Aber auch einem
hartern Intellekt wiirde es nicht gelingen, einen geistigen Anti-
semitismus zu statuieren. * Denn der Geist ist gewiB kein sanf-
tes Lammerschwanzchen und kann sich sehr wohl mit der Ge-
walt vertragen., Aber niemals ist der Geist mit der Vergewal-
tigung einer Minderheit, der sich nichts andres vorwerfen laBt
als ein mit mehr oder weniger Recht vermutetes Anderssein.
Niemals wird der Antisemitismus ein andres Symbol finden
als den Kniippel,
Hans Bluher und Wilhelm Stapel beschworen beide em-
phatisch, weder die physische nocb geistige MiBhandlung der
Juden zu versuchen, auch nicht deren biirgerliche Entrechtung.
Die/Herren vergessen den Zeithintergrund und welche Reso-
nanz sie finden konnen. Heute braucht sich kein schwach-
nerviger Skribler selbst zu bemiihen. Ein gutgezieltes Wort ge-
niigt, um Hande in Bewegung zu bringen. In dieser Zeit liegt
viel Blutgeruch in der Luft. Der literarische Antisemitismus
liefert nur die immateriellen Waffen zurii Totschlag. Das Wei-
tere mogen dann die wackern und ehrlichen Hansen mit
ihrer gottgesegneten Kraft besorgen. Kommt es aber einmal
wirklich zum Pogrom, so hat sich Bluher die folgende etwas
primitive Sicherung geschaffen:
„Und es ist iiberhaupt einer der grofiten politischen Aktivposten,
die das Reich Jehuda mit' seiner Blutsverfluchung fur sich buchen
kann, daB es fast jederzeit in der Lage ist, die Gastvolker in das
Fluchbereich zu verstricken. i
Und das geschieht dadurch, daB sie sie zum Pogrom reizen und
damit schuldig machen/'
96
Totgeschlagenwerden ein Aktivposten? Jcdenfalls ist dcr
Jude schuldig, auch twcnn er mit zerbrochcncm Schadel auf dem
Pflastcr liegt, von zehnfachcr Obermacht zur Streckc gebracht
Nun bchauptct Stapel zwar: „Taktvolle Judcn urid taktvolle
Deutsche storen einander nicht.1* Das hort sick ganz annehm-
bar an, aber wie es mit Stapels Takt beschaffen ist, davon hat
uns seine Erzahlung, was er in einer Versammlung an Provo-
kation der jiidischen Besucher geleistet hat, eine immerhin be-
denkliche Probe gegeben. Sollte es also wirklich einmal zu
Peinlichkeiten kommen, so hat Hans Bliiher fiir diesen Fall ja
schliissig dargelegt, daB der Jude sowieso verdammt ist. Ihm
ein Leid antun, bedeutet also nur, einen von Gott vorgesehenen
Tatbestand erfiillen.
Diese literarischen Antisemiten miissen in einem argen
Dilemma herumlaufen. Sie bewegen sich immer am Rande des
Pogroms, sie naschen gleichsam davon, aber sie scheuen sich,
so aktiv zu werden wie weniger intellektuell beschwerte Zeit-
genossen. Warum so schiichtern, meine. Herren? Geben Sie
sich doch einen Ruck, entbinden Sie das Stuck Pobel in sich,
das in jedem Antisemiten steckti Nehmen Sie doch den
Pferdeapfel auf, werfen Sie ihn dem jiidischen Mitbtirger ins
Gesicht und rufen Sie „Saujud" hinter ihm her! Sie werden
Erleichterung fiihlen und, da wir in Deutschland leben, auch
einGericht finden, das Ihrer bedrangten Seelenlage Verstand-
nis entgegenbringt. Diese kleine Anstrengung befreit Sie von
einem haBlichen, kotigen Stiick Atavismus und enthebt Sie
der unangenehmen Verpflichtung, Biicher zu schreiben, deren
subjektive Redlichkeit nicht bezweifelt werden soli, die je-
doch durch ihre verquollene Art durchaus geeignet sind, die
allgemeine Verlogenheit in diesem Lande noch zu vergroBern.
Statt dessen findet Stapel Herzenstone, die an die beriihmte
Proklamation des n'euhebraischen Klassikers Erich Ludendorff
,,An die Jiden in Paulen!" erinnern. „Jiidische Mitburger!",
ruft Stapel mit seiner unleidlichen Pradikantensalbung aus,
,tvergesset doch nie, wo Gott die Grenze gezogen hat!" Was
soil das? LaB dcch den Herrgott aus dem Spiel, Pharisaer— !
An der Strafie vorm „Griinen Baum"
von Joachim Ringelnatz
W/ie Gold auf der StraBe liegt
" Vor mir ein Kuhfladen.
Dahinter baden
Tausend Kafer im Gras, das. der Wind biegt.
Da gehen unter hunderten
Vielleicht drei Madchen vorbei,
Die, wenn sie mein Gelusten wufiten,
Sich baff dariibeD wunderten.
Mich geliistet: dafi jede die meinige sei.
Doch auf einmal sind meine Gedanken fort,
Weitweg und urn eine Woche voraus<
Sind in Berlin. — Dort
Wohnt M. Dort bin ich zu Haus.
97
SchtlipSel von Peter.Panter
\V7ie man in den Souffleurkasten hineinschreibt, schallt es noch lange
" nicht aus den Schauspielern heraus.
*
Wenn sich in RuBland auch nur ein Achtel der Entfiihrungen,
Erpressergeschichten, Bandeniiberfalle und Gewalttaten ereignete wie
in Amerika — : das Geschrei der sittlich entriisteten Amerikaner
mochte ich mal horen! Sie sollten wirklich bei sich selber Ordnung
machen, sich auf Reisen anstandiger benehmen und im ubrigen den
Schnabel halten.
ft
Ich personlich freue mich immer, wenn ich auf das Wort ,,per-
sonlich" stofie — ein zu dummes Wort. Manchmal wird es aus Be-
scheidenheit gebraucht; „ich personlich" bedeutet dann: ,ich fur mein
Teil, im Gegensatz zu andern, die vielleicht anders denken', und
manchmal wird es aus Wichtigtuerei gebraucht: ,der Herr President
personlich*.
Aber eine gradezu morgensternsche Anwendung dieses Wortes
habe ich neulich in einer Anzeige gefunden, Die Besitzerin eines
Schonheitssalons konnte nicht erscheinen, und daher sandte sie etwas.
Namlich ihre „pers6nliche Stellvertreterin". Dariiber kann man ganze
Nachte nachdenken.
ft
Humor ruht oft in der Veranlagung von Menschen, die kalt blei-
ben, wo die Masse tobt, und die dort erregt sind, wo die meisten
„nichts dabei finden \
ft
Wenn eine Firma fur ihre Waren Reklame macht, sollte man sie
immer fragen; „Bezahlt ihr eure Angestellten so, daB sie sich eure
Waren kaufen konnen?" Und wenn sie dann antwortet: . „Fiir unsre
Angestellten sind unsre Fabrikate nicht bestimmt", so sage man ihr:
Andre Firmen bezahlen ihre Angestellten auch nicht besser, sondern
genau so schlecht. Und so viel reiche Chefs gibt es nicht, Und was
ihr treibt, ist Selbstmord: ihr ruiniert eure eigne Kundschaft. Ihr
seid F'abrikanten fur das Nichts. Wer hat bloff den Kaufleuten den
Handel anvertrautl Das ist ein Jammer.
Da haben sie neulich Rudolf Pannwitz in die Akademie gewahlt.
Das ist gleichgultig; denn diese Akademie ist keine. Aber an ein
hubsches Fontane-Wort habe ich dabei denken mussen. Er schrieb
einmal an Karl Zollner:
„Ich glaube ganz bestimmt, daB drei geistreiche Kerle einen vier-
ten, wenn sie es nur eisern wollen, beruhmt machen konnen, nament-
lich wenn der zu Feiernde dunkel und unverstandlich ist."
Ware er es nicht: was ware er denn — !
*
Es ist ein Ungliick, dafi die SPD Sozialdemokratische Partei
Deutschlands heiBt. HieBe sie seit dem 1, August 1914 Reformistische
Partei oder Partei des kleinern Obels oder Hier konnen Familien
Kaffee kochen oder so etwas — : vielen Arbeitern hatte der neue
Name die Augen geoffnet, und sie waren dahingegangen, wohin sie
gehoren: zu einer Arbeiterpartei. So aber macht der Laden seine
schlechten Geschafte unter einem ehemals guten Namen.
*
Er war sehr, eitel darauf, nicht eitel zu sein,
*
Die Seele jeder Ordnung ist ein grofier Papierkorb.
ft
98
Fraulein Ullmari las die Familiennachrichten ihrer Zeitung. Mit
einem Ruck schloB sie das Blatt, „Wieder kein Bekannter tot!"
sagte sie.
»•-
Wann beherrschst du eine fremde Sprache wirkltch? Wenn du
Kreuzwortratsel in ihr losen kannst.
*
Gewisse frankfurter Juden fiihren taglich ihre Klugheit spazie-
ren. Die bellt munter umher, und an jedem Baum macht sie ein
biBchen Pipi.
Der Kreislauf der Natur, Mein Vetter hat einen Cousin, dessen
Stiefnichte ist mit ihrem GroBzwilling verheiratet. Und dem sein
Onkel pflegt zu sagen:
„Mein liebes Kind, da sind nun also die Wurmer. Die Wurmer
werden von den Froschen gefressen; die Frosche von den Storchen;
die Storche bringen Kinder, und die Kinder haben Wurmer. So
schlieBt sich der Kreislauf der Natur."
John dos Passos und die heifien Tage
Parodie von Rudolf Arnheim
p\ie Kassiererin in Edes Stempelstelle, Graudenzer StraBe 8 a, hatte
^ dieselbe Lilienhand blaubliitig wie Hannelore bevor sie mit Hein-
rich das verfluchte Ding auf dem Bahndamm trieb. Zum Satan, die
Kassiererin harkte Kleingeld, und Ede war vor Besoffenheit schweifi-
triefend und glotzte ihr ins Gesicht. Als er des Morgens neben ihr
erwachte, dampften die Schwaden aus den Gullis von Schmargendorf,
und die Schwane paarten sich in dem blutigen See. Ihr drittes Kind
ging fehl, da schmiB er den Schlagring in die Kommode, verflucht
noch eins, und zog Leine. Ede empfing das Geld von Tante Elfriede.
WELTWOCHENSCHAU XXXI
Deutschlands Gaue melden: der Beginn der Sommersaison, Aus
dem Gefangnis entlassen, lockte er das kleine Madchen in seine Woh-
nung in der Rathenower StraBe und ermordete es dort in bestia-
lischer Weise. Nach der Tat stellte er sich selbst der Polizei. In
Amerika die Literaturformen etwas zuriick. Der kalte Kaffee von
gestern als HeiBluftgetrank fiir Magenkranke von heute.
Stadtbankdirektor Hubmann
Seine El tern hatten im April Berberitzen geerntet und besafien
das Vorkaufsrecht auf das linke Panke-Ufer, noch ehe er Stadtbank-
direktor war. In den, Nachten weinte das Kind; Puppchen, du bist
mein Augenstern, aber feste. Seine erste Frau hatte Nummer 36 und
bevorzugte schottisch. Als der President des Provisoriums im Ster-
ben rochelte, Wasser, Wasser, sagte Hubmann in der Stadtbank, die
Linden riechen heute bitter-suB wie eine rotblonde enttauschte Frau.
Das brachte ihm die fehlenden 800 000 zinsfrei ein. Choralgesang
in der Kirche, ein Kriegsblinder geigte, ich nehme kein Brot statt
Arbeit, und Stadtbankdirektor H. erleidet Panne in der Nahe der
Friedrichsgracht. Das deutsche Volk, einig in seinen Stammen, auch
Eiche angenehm, die splitterfeste Schutzscheibe, sonst war es diesmal
Essig mit ihm. Nietzsche und Kant retteten ihn durch fortgesetzte
Atemubungen. Am 13, August 1932 stand das Tief dann uber Island.
WELTWOCHENSCHAU XXXII
doch ihre Seelen, die sind schlank. Der Reichskanzler gestern
Abend im Rundfunk: Deutsche Eier, Trinkeier, vollfrische, gestem-
99
pelte: Sonderklasse uber 65 Gramm 8, Klasse A uber 60 Gramm 7,
aussortierte kleine und Schmutzeier 434 — 5.
Frere Jaques, frere Jaques
Dormez-vous, dormez-vous?
Donne-moi ia fille, donne-moi ta fille
Ma no, e troppo caro.
Kommt nicht in Frage, dove e la cameriera?
Eupen-Malmedy 1st deutsch. Das Tempo unsrer Zeit, indem man
Kommas statt Punkte setzt.
J7 dc HeB die Badehose trocknen und murmelte, wahrend er mit Anna
*"J schlief, der Kaugummimann torkelte miide durch den Brunst-
hauch der Anlagen, daB er mit Bertha schlafen wurde, wenn er sei-
nerzeit in der Motzstrafie mit Gertrud geschlafen hatte, nichts zu
danken, komme nach. Dann schlief er mit Hedwig, heute noch auf
stolzen Rossen, bis die Sprungfeder im Leihhaus verfiel und bei 12,50
wochentlich keine Kleinigkeit, kreuzhagelundzugenaht, Tante Elfriede
nickte ekelhaft befriedigt, Irgendwo in den Syringenbtischen sang
die kanariengelbe Grille, eigentlich griin aber wegen modern, und
da er ihm gleich unsympathisch gewesen war, damals in Ottos Laube,
sagte er der Mordkommission, alles Zufall, meine Herren, kann vor-
kommen.
WELTWOCHENSCHAU XXXIII
Wieder Hochspannung in Lausanne: Dem Spiel des Deutschen
gegeniiber, das darauf ausging, den Gegner abzuhetzen und zu tau-
schen, setzte der Englander schliefilich die zermiirbende Taktik der
langsamen, an den AuBenlinien haarscharf placierten halbhohen Balle
entgegen. Immer schon durcheinander und dokumentarisch direkt
aus der Zeitung, damit der Leser den groBen Zusammenhang ahnt
und das billige Chaos auf vierhundert Seiten. Ohne die geringste
Antwort auf ihre Klopfsignalei zu erhalten.
Erik Jan Hennessy
Erik Jan Hennessy rettete in seinem dritten Jahr, 1892 nach
Christi. Geburt, einer Ziege das Leben, in der Pfutze glitzerten wie
Krahenfiifle die Funken des Mondes. Als der Lehrer Vieren ver-
teilte, stand E. J, H. obenan und sagte der Pfortnerstochter, dafi ein
verfluchter Unterschied sei zwischen Mann und Weib
und am Abend traf der beruhmte Halsarzt Sir Morell Mackenzie
im potsdamer SchloB ein
und Bismarck zog sich, als die Kastanien im Roste des Abendrots
klirrten, zog sich derselbe von seinem Amt zuriick,
E. J. H, kaufte Montanaktien und las Rilke im blonden Siidwind,
da schossen sie in Serajewo. Er sagte, der Krieg durchblute die Po-
ren, und lobte das dreifach bescheidene Bucheckernbrot. Die Infla-
tion glitzerte mit vieladrigen Scheinen, der Leib der Tanzerinnen
wurde braun und rund. E. J, H. wuCte, wie es kommen muBte, er
sprach im Rundfunk zwanzig Minuten uber Gustav Adolf und fuhr
in stromendem Gewitterregen nach den Docks der Behala. Der Arzt
sagte dann, es sei schon langst vereitert gewesen. Als uber Schanghai
die Schrapnells krachten,
WELTWOCHENSCHAU XXXIV
Der Erfinder der weltbekannten Gillette-Apparate, King Camp
Gillette, sagte noch: Alles durch das Auge, nichts durch das Gehirn.
Spatimpressionismus und etwas Klassenkampf mit Kraftausdnicken fur
gepflegte Bucherschranke, Diatetisch-physikalische Kuranstalt fur alle
Driisenerkrankungen. Urn 21 Uhr traten dann im groBen Festsaal des
Hotels Beau-Rivage-Palace die achtzehn Delegierten der Konferenz zu
einer Vollsitzung zusammen, Coupes Elisabeth: In Sektschalen kaltes,
100
mit Cherry Brandy parfumiertes Kirschkompott fullen, dariiber Schlag-
sahne, mit Zimt bestreut, Der Abwurf der Karo-10 des Tisches ist
notwendig, weil A nur gewinnen kann, wenn er im nachsten Stich
Karo spielt. Die Montage als Patiencespiel fur Schreibmaschinen-
besitzer. Mit Zimt bestreut.
A Is Ede schwer bekummelt im Grab lag und der Pastor, nun wer-
** dense hier man nich drollig, junge Frau, und Ede war kotzelend
wegen der Kassenpreise des Erdgewiirms, wie unter dem kapitalisti-
schen System nicht anders zu erwarten. Eine so starke Brust ver-
schlechtert die Karriere, erfuhr sie jetzt. Lautsprechergrohlen, die
Milch zitterte im Topf, da blieb sie die Miete schuldig und vergiftete
ihn nach BureauschluB, An der Nordbahn, hinter der InvalidenstraBe,
ach das zarte Rosa der Epauletten, sagt man noch heute, wenn die
Huren nichts von Politik verstehen, eine solche Frau ist ein Vorbild
und war mehrfache Grofimutter, trink Bruderlein trink, und kein
Wort zu verstehen wegen der Warme.
Die Reisebekanntschaft von Mice Ekert-Rothhoiz
Cei einmal im Leben klug und weise!'
*** Lafi die Reisebekanntschaften auf der Reise I
Aber so siehst Du aus. Du bestellst son Mann lieber nach Berlin
Und dann wunderst Du Dich iiber ihn.
Er bevolkert Dein Zimmer und das Zimmer ist leer . . .
Kein Kontakt . . . Keine Sonne , . . Es stimmt nicht mehr.
Dein Zimmer ist kein Bergsee!
Da sitzt Du nun mit einem wildfremden Mann
und denkst: MHab ich andre Augen an?"
Ihr sprecht lauter Sachen im Ausverkaufspreise,
Und auf der Reise war alles ganz leise . . .
Er spuckt jetzt Leitartikel. Die Sennhiitte ist versunken.
Ja, ahnst Du eigentlich immer noch nicht?
Der Mann vor Dir ist damals im Bergsee ertrunken . . ,
In Luft und Sonne* gibts kein wichtiges Getue, kein kluges, Gehabe.
Da ist der Mensch seine eigene Luxusausgabe!
Aber jetzt sitzt Ihr da...
Er redet aus Hoflichkeit noch ein paar Meter,
Und schlieOlich und endlich und einmal geht er.
Gab es mal einen Bergsee? . . .
Warum bist Du nicht klug? Warum bist Du nicht weise?
Warum laflt Du die Reise nicht auf der Reise?
Weil der Mensch nichts so sehr' wie die Fortsetzung, liebt.
Und immer von Sachen, wos keine gibt ...
Denn man kann EdelweiB nicht auf den Asphalt verpflanzen,
Und keiner kann auf dem Wittenbergplatz Schuhplattler tanzen!
Das tate auch keiner. Er ware ja toll!
BloS Deine Reisebekanntschaft . . . die soil.
Glaub: drei Wei tea weiter im Abendrot
liegt immer ein Bergsee und lacht sich tot . , .
BloB einmal verzichtest Du . . , klug und weise.
Aber das ist:
Zwei Stunden vor Antritt der Reise;
101
BatiStnUS von Bernhard Citron
F Tnter den Wirtschaf tsf tihrern Europas gibt es kaum cine so
^ ausgepragte Personlichkeit wie Thomas Bata. Seine An-
hanger nennen ihn einen Wohltater der Menschheit, seine Geg-
ner den schlimmsten Ausbeuter des Proletariats, Ein Teil der
Wirtschaftskritiker glaubt, daB Bata nach Oberwindung der
Krise den Grundstein zu einer neuen, glanzenden Entwicklung
seines Werkes gelegt habe, andere wieder sind der Ansicht,
daB der Schuhkonig vor dem Zusammenbruch seines Reiches
stand. So umstritten wie dies Leben, ist das plotzliche Ende.
Seine engsten Mitarbeiter berichten selbst, daB der Chef erst
kiirzlich gesagt hat: „Kinder, was tatet ihr, wenn mir plotzlich
etwas zustieBe? Es kann doch passieren, daB mich ein Ver-
riickter erschieBt oder daB icli mit dem Flugzeug abstiirze."
Wenn heute ein Wirtschaftsfiihrer auf gewaltsame Weise sein
Leben laBt, vermutet man zuerst Freitod. Die AuBerung Batas
konnte so ausgelegt werden, daB er tatsachlich die Absicht ge-
habt habe, mit dem Flugzeug abzustiirzen. Man mufi aber be-
denken, daB fiir diesen Mann, der jahrlich viele tausend Kilo-
meter auf dem Luftwege zuriicklegte, der bei seinen grofien
Reisen kaum ein anderes Verkehrsmittel benutzt hat, der Tod
im Flugzeug nichts Ungewohnliches bedeuten konnte. Aber
selbst wenn nur ein Unghicksfall vorgelegen hat, so mag man
auch hier an ein schicksalhaftes Walten glauben, Bata selbst
fiihlte wohl, daB seine Kraft verbraucht und daB seinem Expan-
sionsdrang eine Grenze gesetzt war. Moderne Wirtschafts-
fiihrer sind skrupellose Eroberer, ihr Leben wird mit einem
Mythos umkleidet, und auch der Tod erhalt oft den Nimbus, der
sich friiher um groBe Kriegsmanner wob.
Bata war in der tschechoslowakischen Republik eine
Macht. Sein Name natte dort einen Klang wie bei uns wah-
rend der Inflationszeit' der Name Hugo Stinnes. Aber die Be-
deutung dieses Schuhindustriellen fiir die kleine Republik ging
noch weit iiber den EinfluB hinaus, den der „Kaufmann aus
Miilheim" in Deutschland je besessen hatte. Beiden sagte
man personliche Bescheidenheit nach, aber Stinnes besaB in
seinen politischen Ambitionen, in der GroBartigkeit seiner wirt-
schaftlichen Gedankengange, ein andres Format als der ,,Schu-
ster aus Zlin'4. Das ,Prager Tagblatt1, ein durchaus demokra-
tisches und vorurteilsloses Organ, spricht von den beiden gro-
Ben Tragern des Namens Thomas: Masaryk und Bata. Die
Bedeutung eines Mannes richtet sich nicht nach den Sympa-
thies die man ihm entgegenbringt. Das Gedenken des Weisen
vom Hradschin wird auch spateren Geschlechtern als Staats-
griinder und edler Fiihrer einer Nation' erhalten bleiben. Fiir
die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhaltnisse in der
tschechoslowakischen Republik ist aber auch eine so zeit-
gebundene GroBe wie die des Schuhkonigs von Bedeutung.
Batas Werk wiirde sich kaum von dem Unternehmen andrer
GroBindustrieller unterscheiden, wenn es nicht auf einer eigen-
artigen sozialen Basis aufgebaut ware, die ihr Schopfer
gradezu als eine neue Gesellschaftsform ansah. Der augenblick-
102
lich leitendc Direktor der Werke in Zlin, Doktor Vavrezka,
ehemaliger tschcchoslowakischer Gesandter in Wien, bezeich-
netc den Erwerb und das Privateigentum im Sinnc Batas als
eine religiose Pflicht. Die Lobredner, die sich am Grabe des
Wirtschaftskonigs in groBer Zahl eingefunden haben, sehen
in dem Batasystem einen sozialen Kapitalistnus oder einen
kapitalistischen Kommunismus. Was aber dieses Sytem etwa
von der ZeiB-Stiftung unterscheidet, die in Europa fast die
einzige Synthese von kapitalistischer Betriebsfiihrung und so-
zialistischer Gewinnverteilung darstellt, ist die Tatsache, daB
die Bata-Werke nicht den Arbeitern sondern dem Unterneh-
mer bzw. der Aktiengesellschaft gehoren. Die Bata-Arbeiter
ziehen nicht aus den steigenden Gewinnen „ihrer" Fabrik gro-
Bere Einnahmen, sondern das Unternehmen selbst arbeitet mit
den Ersparnissen seiner Angestellten. Man konnte diese Be-
triebsform vieileicht als negativen Sozialismus bezeichnen.
Wenn die Arbeiter bei sehr ausgedehnten Dienststunden und
intensivster Kraftanstrengung mehr verdienen als die andern
niedrig bezahlten Lohnempfanger der Tschechoslowakei, so ist
dies ebensowenig ein Beweis fiir die soziale Leitung wie die
groBziigigen Anlagen von Krankenhausern, Speiseanstalten und
dergleichen, Diese humanitaren Einrichtungen entstammen
einer gewissen patriarchalischen Gesinnung des verstorbenen
Schuhkonigs. Nur vertragt sich der patriarchalische Geist
durchaus nicht mit den FlieB-Methoden und dem Antreiber-
Systern, das in diesen Fabriken herrscht. In dem schonen
Hutten-Epos Conrad Ferdinand Meyers wird von dem alten
Zimmermann berichtet, der seinen Gesellen am Abend auf die
Schulter klopft und ihn mahnt, mit der Arbeit aufzuhoren,
denn nun sei der Feiertag angebrochen. Den Bata-Arbeitern
klopft kein vaterlicher Meister auf die Schulter, wir leben
nicht im Mittelalter, und patriarchalischer Geist im hochkapi-
talistischen Unternehmen, im iiberrationalisierten Betrieb —
das ist mehr als ein Anachronismus, namlich eine innere Un-
wahrheit.
Nach den offiziellen Erklarungen sind die Finanzen der
Bata-Gesellschaft geordnet. Bankschulden sind nicht vorhan-
den, weil die Werksparkasse das Unternehmen finanziert. 135
Millionen Kronen oder 17 Millionen Mark lassen die Arbeiter
und Angestellten im Unternehmen arbeiten, das auf diese Weise
keine Bankschulden aufzunehmen braucht. In Deutschland
hat der Fall Borsig zu einer volligen Reorganisation der Werk-
sparkassen gefiihrt, Sollte man vieileicht in der Tschecho-
slowakei bald zu ahnlichen Erkenntnissen kommen? Die Ar-
beiter von Zlin sind nicht Aktionare sondern -Zwangsobliga-
tionare der Gesellschaft. Ihre Einlagen sind noch nicht einmal
hypothekarisch gesichert. An dieser Tatsache gehen, die be-
geisterten Nekrologe voriiber. Vieileicht hatte die faszinie-
rende Personlichkeit Thomas Batas die Schwierigkeiten iiber-
winden konnen, die sich jetzt einstellen werden. Das System
Bata hatte Erfolg, solange der „Schuster bei seinem Leisten
blieb". Der Vertikaltrust mit seiner gewaltigen Absatzorgani-
sation, mit auslandischen Fabriken, mit eigenen Bahnlimen und
Versicherungsgesellschaften ist entstanden aus dem Wunsch
103
des Schuhkonigs, seine Einnahmen mit niemandem zu teilen,
Fabrikation, Versand und Vertrieb in eigne Regie zu nehmen.
Die Nachfolger werden den Konzern nur aufrecht erhalten
konnen, wenn es ihnen gelingt, bei gedrosselter Produktion die
gewaltigen Lager zu verkaufen. Bata hatte kurz vor seinem
Tode, nachdem die Eroberung des indiscben Marktes infolge
der noch billigeren japanischen Konkurrenz miflgliickt war, die
bereits eingeschrankte Produktion wieder erhoht. Dieses letzte
Wagnis, in der gegenwartigen Krisenzeit taglich 100 000 Paar
Schuhe, 3 Milliarden im Jahr, zu erzeugen, ist eine Tollkiihn-
heit gewesen. Sollten die Folgen dieses Experiment den Kon-
zern erschiittern, — so wird wohl die Tschechoslowakei bald
zu ihrem ersten staatssozialistischen Unternehmen kommen,
Wochenschau des Ruckschritts
— In Warschau fand, organisiert im Einverstandnis mit der pol-
nischen Regierung, eine „Antideutsche Kundgebung" statt,,
— Wie die .Miinchener Post' mitteilt, ist im Braunen Haus in
Miinchen eine etwa sechzig Mann starke „Stabswache" gebildet wor-
den. Fiir die Aufnahme ist Bedingung: Grofie nicht unter 1,75 Meter,
Alter unter 30 Jahren. Der SA-Mann erhalt voile Verpflegung und
wochentlich 10 Mark. Die Aufgabe der Stabswache ist die Begleitung
und der Schutz Hitlers sowie der Oberfiihrer.
— Ein oldenburger Nationalsozialist, der einen Angehorigen der
Eisernen Front erschossen hatte, wurde vom Gericht, nachdem der
Staatsanwalt Freispruch wegen Mangels an Beweisen beantragt hatte,
wegen Notwehr freigesprochen,
— Das Postministerium und das Innenministerium haben einen
Entwurf fiir die Neuordnung des Rundfunkwesens ausgearbeitet, der
wichtige Umbesetzungen in den leitenden Stellen bringt und die Ein-
spruchsmoglichkeiten der Lander gegen zentrale politische Beemflus-
sungen stark beeintrachtigt.
— Im Rundfunk sprach der nationalsozialistische Abgeordnete
Kube iiber MNeues Preufientum"/ und ein paar Tage spater Goebbels
liber den „Nationalcharakter als Grundlage der nationalen Kultur."
Weil die Funkstunde Berlin wegen einer andern Veranstaltung einen
Vortrag von Schultze-Naumburg uber „Zeitgebundene oder blut-
gebundene Kunst?" vom frankfurter Sender nicht libernehmen konnte,
liefi sie ihn auf Schallplatten aufnehmen und sendete ihn einen Tag
spater in der Aktuellen Abteilung.
— In Ohlau wurde der Korrespondent des .Berliner Tageblatts',
als er seinem Blatt einen Bericht telephonierte, von der Polizei aus
der Telephonzelle herausgeholt und zum Polizeirevier' gef iihrt, SA-
Leute hatten durch lugenhafte Angaben die Polizei zu ihrem Vorgehen
veranlaBt. Nach Klarung des Sachverhalts wurde der Korrespondent
vom Vorsteher des Polizeireviers mit Entschuldigungen entlassen.
— Studenten in vollem Wichs, Stahlhelmer und Nationalsoziali-
sten in Uniform halten am Gefallenendenkmal der berliner Universi-
tat Tag und Nacht Wache. Es wird verlangt, dafi diese Wache bis
Semesterschlufi beibebalten werde. Der Rektor hat den Wunsch der
republikanischen Student ens chaft, sich an der Bewachung des Denk-
mals zu beteiligen, abgelehnt, Der Rektor der charlottenburger Tech-
nischen Hochschule hat einen Bewachungsdienst emgerichtet, der vor-
wiegend von nationalsozialistischen Studenten gestellt wird.
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen.
104
Bemerkungen
Einheitsfront in der Praxis
p\er Wunsch nach der Einheits-
LJ front wachst in der deut-
schen Arbeiterscbaftf so kann
man jetzt schon sagen, fast stiind-
lich. Jede Naziprovokation, je-
der fascistische Terror verstarkt
ihn. Und die Arbeiter, die an
irgend einer Stelle in Deutsch-
land bereits im direkten Kampf
gegen die Nazis gestanden haben
oder noch stehen, sind die besten
Agitatoren fur die Einheitsfront.
Die Kommunisten werfen der so-
zialdemokratischen Fiihrung vor,
daB sie diesen Einheitsfrontwillen
der Massen sabotiere. Wenn die
kommunistischen Taktiker nicht
so vollig unfahig waren, miiBte
es der KPD ein leichtes sein, bei
der immer starkern Bereitschaft
der sozialdemokratischen und frei-
gewerkschaftlichen Arbeiter der
sozialdemokratischen Fiihrung die
Einheitsfront aufzuzwingen, wie
man sie ihr seinerzeit bei der
Aktion zur entschadigungslosen
Fiirstenenteignung aufgezwungen
hat .
Aber die kommunistische Par-
teifiihrung versagt hier. iiberall.
Sie denkt gar nicht daran, der
Sozialdemokratie die Einheits-
front aufzuzwingen — im Gegen-
teil: sie sabotiert sie ihrerseits
immer und immer wieder. Und
so haben wir das klagliche Schau-
spiel, daB diejenigen, die an sich
dazu bestimmt waren, die deutsche
Arbeiterschaft in diesen schick-
salsschweren Tagen zu fiihren, die'
bestimmt waren, den Einheits-
frontwillen der Massen in organi-
sationsfahige und aktionsfahige
Form zu bringen, hinter dem Wil-
len der Massen kilometerweise
zuriickbleiben; und dafi man es
daher schon als einen groBen
Fortschritt begriifit, wenn in der
Verwirklichung der Einheitsfront
an irgend einer Stelle die Fiih-
rung bereits so weit ist wie die
Massen.
In einer ihrer vielen Proklama-
tionen hatte die KPD jiingst er-
klart, daft sie bereit sei, mit jeder
Organisation zusammen zu arbei-
ten, der der Kampf gegen den
Fascismus ernst sei. Die SAP
ist im Vergleich zu den beiden
grofien Arbeiterparteien nur eine
kleine Partei. Aber sie ist iiber-
all bestrebt, der Einheitsfront der
arbeitenden Massen eine feste or-
ganisatorische Gestalt zu geben.
Lange Zeit reagierte die KPD
nicht darauL Sie mufite es aber
schliefilich unter dem Druck ihrer
eignen Arbeiterschaft doch tun.
Aber auf welche Weise ? Nur
einige Beispiele aus der letzten
Zeit, deren Zeuge ich selber war:
In Krimmitschau, in einem der
Zentren der sachsischen Textit-
industrie, wo die Erwerbslosig-
keit gradezu gigantisch ist, hatte
der Erwerbslosenausschufi ' eine
gemeinsame Demonstration von
SAP und KPD beschlossen, eine
Demonstration, die von der Poli-
zei genehmigt wurde. Es-war bei
den vorbereitenden Besprechun-
gen liber diese Demonstration aus-
driicklichi vereinbart worden, daB
die Aktionslosungen vor allem ge-
gen rechts gehen und daB nicht
Transparente mitgefuhrt werden
sollten, denen die SAP nicht zu-
stimmen konnte. Als die verschie-
denen Ziige anmarschierten, muBte
man feststellen, daB die KPD
- Transparente mitfiihrte, wie „Ein-
heitsfront nur unter Fiihrung der
KPD" etcetera. Die gemeinsame
Demonstration kam daher nicht
zustande. Die kommunistischen
Arbeiter waren auBerst emport
liber das Verhalten ihrer Fiih-
rung, weil in ihnen die Sehnsucht
nach der wirklichen Einheitsfront
vorhanden ist- und weil sie spur-
ten, daB die Fiihrung, um ein
Parteisiippchen zu kochen, die
Demonstration in Wirklichkeit
unmoglich gemacht hatte.
Die KPD merkt, daB sie sich
durch solche Manover die Sym-
pathien ihrer eignen Anhanger
immer mehr verscherzt, und bei
einer gemeinsamen Demonstration,
die von KPD und SAP in Rei-
chenbach und den umliegenden
Ortschaften veranstaltet wurde,
hielt sich die KPD an die getrof-
fenen Vereinbarungen, so daB ein
Aufmarsch ermoglicht wurde, wie
105
er in diesen kleinen Orten bisher
noch nicht dagewesen war.
Aber zur Einheitsfront gehort
ja nicht nur KPD und SAP. Die
Einheitsfront gegen den Fascis-
mus ist erst dann geschaffen, wenn
KPD, SPD und der ADGB in ihr
stehen. Plauen ist heute 'eine
Hochburg der Nazis. In Plauen
ist die SAP ein sehr betracht-
licher Faktor, Hier hatte vor
kurzer Zeit ein grofier gemein-
samer Aufmarsch der SAP und
der KPD stattgefunden. Die SAP
war naturlich damit nicht zufrie-
den. Nach langen Bemiihungen
war es gegltickt, den ADGB von
Plauen, die SAP und die KPD
an einen Tisch zu bringen, um
iiber die Frage einer einheitlichen
Demonstration zu verhandeln. Ein
einheitlicher Aufmarsch von SPD,
ADGB und KPD in Plauen ware
naturlich nicht nur fur Plauen
wichtig gewesen sondern hatte
sehr weittragende Wirkungen ge-
habt. Die Kommunisten aber ka-
men zu dieser Verh^ndlung mit
der Forderung, dafi die Arbeiter-
schaft Plauens nicht nur eine ge-
meinsame Demonstration machen
sondern dafi sie am Tage der Ein-
fiihrung der Salzsteuer in einen
eintagigen Proteststreik treten
solle. Die Argumentation, dafi
man mit einem eintagigen Protest-
streik nicht beginnen konne, dafi
man zunachst einmal die Aktivi-
tat der Arbeiterklasse durch ge-
meinsame Demonstration mobil
machen miisse, dafi so der Protest-
streik nicht am Beginn der Aktion
stehen konne sondern erst eine
weitere Etappe darstelle, fruch-
tete nichts. Die Kommunisten in
Plauen blieben bei ihrer Forde-
rung. Der ADGB erklarte damit
die Verhandlungen fur geschei-
tert.
Das sind nur einige Beispiele
aus der Praxis der letzten Tage,
aus einem bestimmten Bezirk
Deutschlands. Aber was sich hier
in Sachsen abspielt, konnen wir
mit ortlichen Variationen in ganz
Deutschland feststellen. Im
gleichen Zeitraura, wo uns die
Zeitungen melden, dafi die Zahl
derer, die von den Nazis ermordet,
schwer oder leicht verwundet
werden, in gradezu geometrischem
106
Tempo wachst — im gleichen
Zeitraum, wo diese wachsende
Mordliste den Arbeitern die
Notwendigkeit der Einheitsfront
wortwortlich einhammert, im
gleichen Zeitraum wird sie durch
bureaukratische Manover der
grofien Parteien immer wieder
erschwert. Um so notwendiger
ist die Arbeit fur sie.
Fritz Sternberg
Gerechtigkeit fur einen Perser!
In Berlin lebte ein voiles Jahr
lang, ganzlich zurtickgezogen,
der friihere persische Abgeord-
nete Mohamed Farokhi. Er ist
hohen deutschen Regieprungsstel-
Len kein Unbekannter, denn er
hat wahrend des Weltkrieges von
Deutschland die Errettung seiner
Heimat aus> der zaristisch-eng-
lischen Zange erwartet. Der ge-
genwartige deutsche Gesandte in
Teheran, Herr von Blucher, im
Kriege kaiserlicher Emissar auf
dem persischen Kampfplatze,
kennt den Namen und die Be-
deutung dieses persischen Demo-
kraten ganz genau.
Als Farokhi im August 1930
als Abgeordneter des Medschlis
von der Tribune herunter mutig
fur Wahlfreiheit pladierte, wurde
er im Parlamentsgebaude blutig
geschlagen. Von Mordanschlagen
bedroht, hielt er sich tagelang
im Parlamentsgebaude versteckt,
bis ihm auf abenteuerliche Weise
die! Flucht aus Teheran iiber die
nachste Grenze gelang. Sein
zweites Verhangnis wurde der
Fall der persischen Emigranten-
Zeitschrift ,Peykar' und der im
Zusammenhang damit von den
Reichs- und preufiischen Staats-
behorden, betriebene Majestats-
beleidigungsprozeB, der das Land-
gericht I. als Berufungsinstanz am
30. Juni beschaftigte. Der Ab-
geordnete Farokhi, der mit der
Zeitschrift weder direkt noch in-
direkt das mindeste zu tun hatte,
war von den Angeklagten als
Hauptentlastungszeuge benannt
worden.
Schon einmal, vor der Eroff-
nung der Hauptverhandlung gegen
die Majestatsbeleidiger im April
1932, hatte die Polizei Farokhi
den PaB entzogen und das Do-
kument der persischen Gesandt-
schaft „zur Priifung" auf seine
Echtheit iibergeben. Gleichzeitig
hatte man durchblicken lassen,
dafi Farokhi so schnell wie mog-
Hch aus PreuBen zu verschwin-
den habe. Presseverbffentlichun-
gen verhinderten damals das
Aufierste, ja. zwei Herren von der
persischen Gesandtschaft brach-
ten Farokhi den PaB zuriick,
unter vielen hoflich vorgebrach-
ten Entschuldigungen, Man hatte
offenbar auf der persischen Seite
Farokhis Aussagen vor dem deut-
schen Gericht geftirchtet. Da es
zu solchen Aussagen nicht ge-
kommen war, hatte die persische
Gesandtschaft wohl keine Beden-
ken mehr gegen den Aufenthalt
des Abgeordneten in Berlin.
Inzwischen hatte die Staats-
anwaltschaft nach dem erst-
instanzlichen Freispruch in der
Persien-Angelegenheit Berufung
eingelegt, und das Landgerichtl
beraumte noch am 20, Juni die
Hauptverhandlung auf den
30, Juni an. Um genau dieselbe
Zeit wurde Farokhi zur persi-
schen Gesandtschaft gebeten, wo
man ihm eroffnete, Schah Riza
Khan hatte die Gnade gehabt, ihn
zu amnestieren. Amnestieren
kann man aber nur jemanden, der
rechtskraftig verurteilt wurde.
Farokhi dagegen war wegen einer
Parlamentsrede in dem angeblich
konstitutionell regierten Persien
blutig geschlagen und mit Ermor-
dung bedroht worden, Auf diesen
Standpunkt versteifte sich auch
Farokhi. Die Gesandtschaft be-
deutete ihm unfreundlich, er moge
sich in Acht nehmen, es gabe so
etwas wie die Beziehungen zwi-
schen zwei Landern. Womit
deutlich auf den Prazedenzfall
angespielt wurde, der im Oktober
1931 zur Ausweisung des per-
sischen Studenten Alawi gefuhrt
hatte, Damals war von per-
sischer Regierungsseite mit dem
Abbruch der diplomatischen und
wirtschaftlichen Beziehungen ge-
droht worden, falls die verschie-
denen Forderungen aus Teheran
nicht erfullt wiirden, Farokhi
sollte auf diese Weise an einem
Auftreten als Entlastungszeuge in
dem bevorstehenden Prozefi ver-
hindert werden. Da dies nicht
gelang, wurde von persischer
Seite wieder der Weg des Verbal-
notenwechsels beschritten.
Am 24. Juni erhielt Farokhi
eine vom 22. Juni datierte Zu-
stellungsurkunde vom Polizeipra-
sidium Berlin (Geschaftszeichen
1749. 3. 31) mit der Aufforde-
rung, „wegen Gefahrdung der
ordnungsmaBigen Beziehungen
des Deutschen Reiches zum Aus-
land" PreuBen binnen drei Tagen
zu verlassen, Nichts; davor und
nichts dahinter. Keine Angabe,
worin diese „Gefahrdung der
Auslandsbeziehungen" zu er-
blicken sei. Die Zustellung ent-
hielt die libliche Strafandrohung
gemaB §§ 55, 56 des Polizeiver-
waltungsgesetzes und den Zusatz:
„Wer, nachdem er des Reichs-
gebiets verwiesen, ohne Erlaubnis
der ausweisenden Behorde zu-
riickkehrt,; wird nach § 3612
Strafgesetzbuchs mit Haft bis zu
sechs Wochen bestraft." Dieser
Zusatz kann nur eine Spekulation
auf die Unkenntnis des Auslan-
ders gewesen sein, denn das ber-
liner Polizeiprasidium kann,
selbst unter der Notverordnungs-
Rechtslage, nur aus PreuBen,
nicht aber aus dem Reichsgebiet
ausweisen.
Die unvergleichliche Wirkung, die jedem Etnzelnen aus den
Buchern Bo Yin Ra erlangbar werden kann, besteht nicht
in einer gedanklichen Ueberzeugung von irgendwelchen irdischen
oder aufierweltlichen Zusammenhangen, sondern in einer prak-
tisch sich bewShrenden unerahnbaren Steigerung aller Lebens-
freude und Spannkraft. Besonders umfassend sind die Rat-
schlage des zuletzt erschienenen Buches „Der Weg meiner
Schuler". Es ist in alien Buchhandlungen erhaltlich. Preis ge-
bunden RM. 6.—. Kober'sche Verlagsbuchhandlung (gegr. 1816).
Basel-Leipzig.
107
Es unterliegt keinem Zweifeh
Das Verbrechen des ehemaligen
Abgeordneten Farokhi, der sich
aus Uberzeugungstreue seit einem
Jahr in Berlin durchhungerte, be-
stand darin, dafi er gewillt war,
zur Entlastung einiger Majestats-
beleidiger vor Gericht auszusagen
und seine aus einem langen poli-
tischen Leben stammenden Erfah-
rungen zur Kenntnis zu bringen.
Das war der einzige Grund fur
die brutale Abschiebung eines
politischen Emigranten, Der Ab-
geordnete Farokhi hat in den
liber funfzig Jahren seines Lebens
nicht nur unter Riza Khan mehr-
fach das Brot der Verbannung
gegessen und persische Unter-
suchungsgefangnisse von innen
gesehen.. Er hat nicht nur 1906
an der groBen konstitutionellen
Bewegung in Persien an fiihren-
der Stelle teilgenommen. Er hat
sich nicht nur vom Backer zum
einflufireichen Zeitungsheraus-
geber und Chefredakteur des
Blattes ,Tufan' emporgearbeitet,
die offentliche Meinung Persiens
mitgebildet, die Jugend des Lan-
des als politischer Lehrer zum
Denken erzogen. Er hat um sei-
ner tJberzeugung willen schon
unter der durch den heutigen
Schah gestiirzten Kadscharen-Dy-
nastie eine Folter erlitten, von
der man in Europa nur mit
Schaudern sprechen kann, Ihm
wurden auf Befehl Muzaffer-ed-
Dins die Lippen zugenaht, und
die Narben der ihm beigebrach-
ten Wunden tragt Mohamed Fa-
rokhi heute noch. Das war sein
erstes Mundverbot. Das letzte
erreichte ihn in Berlin, als er ein
harmloser ProzeBzeuge sein
sollte.
Diese Ausweisung ist unhaltbar.
Sie muB besonders jetzt nach Be-
endigung der ganzen Groteske
zuriickgezogen werden, ebenso
wie die gegen Alawi. Von Rechts
wegen.
Car! Wehner
Kleinliche Matzchen
ps hat Justi offenbar gekrankt,.
*-* daB ich hier, in meiner Oslo-
Kritik, das Herausstellen des
Anton von Werner-Bildes in der
National-Galerie politisch deutete.
108
Er antwortet in seiner Zeitschrift
„Museum der Gegenwart", igno-
riert alle meine sachlichen Fest-
stellungen iiber Oslo (desgleichen
sein Assistent Hentzen in dersel-
ben Zeitschrift), dementiert aber
heftig und in einer falschen Ton-
lage, dafi der Anton von Werner
jetzt aus dem Depot hervorgeholt
sei. Das Bild habe nur wahrend
einiger besonders grofier Ausstel-
lungen nicht gehangen. Man kann
es beamtenmaBig vielleicht so
nennen. Es waren mehrere beson-
ders groBe Ausstellungen, jede
dauerte Monate, mit Vorberei-
tungszeit, mit Abbauzeit, , , . man
kann also beamtenmaBig vielleicht
sagen: Bild hat immer gehangen,
sogar auf demselben Platz . . . nur
wahrend einiger besonders groBer
Ausstellungen nicht.
Ich bin in diesen Jahren uber-
aus haufig in der Galerie ge-
wesen, habe ganz gute Augen und
ein ganz gutes Gedachtnis. Ob
das Bild im Depot war oder viel-
leicht in einem anderen nicht zu-
ganglichen Raum, weiB ich richt>
Jedenfalls: jahrelang war es nicht
sichtbar. Es hat einmal einige
Zeit im Corneliussaal gehangen,
das fiel mir auf. Ich hatte aber
den Eindruck, dafi der damalige
Zustand des Saales behelfsmafiig
und zufallig sei und nahm die
Sache nicht weiter wichtig. Aber
nun . . . und das ist der entschei-
dende Punkt! ... ist eine durch-
greifende, offenbar auf die Dauer
berechnete Neuordnung der Gale-
rie durch Justi erfolgt, und da
das Bild in diese Neuordnung
aufgenommen ist, hielt ich mich
zur Kritik verpflichtet. Justi kann
mir hochstens vorwerfen, daB ich
seine kunstlerische Einsicht iiber-
schatzt hatte, indem ich annahm,
das Verschwinden des Bildes , . .
und daB es faktisch mehrmals
verschwunden war, bestreitet ja
Justi nicht, es hat nur immer da-
bei auf demselben Platz gehan-
gen ... sei Absicht gewesen (weil
es namlich ein Schinken ist) ,
wahrend es also fur Justi nur die
unerwiinschte Folge auBeren
Zwanges (durch besonders groBe
Ausstellungen) war. Die Kraft-
ausdrucke Justis sind recht un-
angebracht.
Justi ist nun besonders erbit-
tert, dafi ich das Wiederaufneh-
men des Bildes in die j etzige
planmaBige Neuordnung mit poli-
tischen Motiven erklare. Will er
bestreiten, dafl er zu alien Zeiten
mit politischen Mitteln gearbeitet
hat? War es nicht Politik, als er
vor dem Kriege den Prinzen
August Wilhelm, heute Held
Auwi, in die Kunstkommission
hereinholte, um so die EinfluB-
nahme des Hofes zu paralysieren?
War es nicht Politik, wenn aus-
gerechnet wahrend des Ruhr-
kampfes die Franzosen aus dem
gelben Saal in schlechtere Raurae
wandern mufiten? War es nicht
Politik, wenn er sofort den Ober-
biirgermeister Sahm in die Kom-
mission hereinholte . . . um so den
ihm unerwiinschten Plan einer
stadtischen Galerie zu durchkreu-
zen. Auch ich bin der Meinung,
dafl eine Galerie der Stadt tiber-
flussig ist, aber darum handelt es
sich hier nicht. Ist es nicht Poli-
tik, wenn im Katalog Oslo bei je-
dem Kiinstler angegeben wird, ob
und wann und wo er im Felde
war? Ist es nicht Politik, wenn
Justis Vertreter Thormahlen sich
in jedem Falle sehr eindeutig er-
kundigt, ob ein Kiinstler Arier
oder Jude sei? Haben nicht
Justis Assistenten Thormahlen
und Rave in dem offiziellen Buch
,,200 Bilder der National-Galerie' '
1926 geschrieben: „Nachdem poli-
tische Griinde weniger als friiher
auf kiinstlerisches Gebiet hiniiber-
spielen, riickt der Plan einer .
f ranzosischen Ausstellung in
greifbare NaheM, und sbllte es
nicht auf ein wieder starkeres
Hineinspielen politjscher Grunde
gehen, wenn diese franzosische
Ausstellung ungreifbare Feme ge-
worden ist?
Wenn Justi das politisierende
Prasentieren von Bildern a la
Anton von Werner ein ,tklein^
liches Matzchen" nennt, so bin
ich ganz seiner Meinung, und ich
wtirde in diese politisierende
Rubrik auch einreihen, wenn er
im Katalog der Lesser Ury-Aus-
stellung unter den „Jahreszahien
zu Lesser Urys Leben1' treuherzig
vermerkt: ,,1887, Gegnerschaft
von Max Liebermann" ... er, der
zum ersten Male 1925 ein paar
Landschaften Lesser Urys ausge-
stellt hat, obwohl er seit 1910
Leiter der National-Galerie ist.
Politik? Kleinliches Matzchen?
— Beides.
Adolf Behne
Wafitnann
rjes nunmehr toten Schauspie-
*** lers Waflmann bedeutendste
Rolle, erschiitterndste Leistung
war sein verkommener Baron in
Gorkis „Nachtasyl". Durch die
Jahrzehnte blieb das Bild des
weifiblonden Mannes haften, der
auf einem Stuhl safi und die Er-
zahlung seines Lebens immer mit
dem bloden Ausspruch unter-
brach: ,,Keine Ahnung." Gorkis
Gestalt, WaBmanns Gestalt war
vor ein paar Tagen aufefrstan-
den. Ein schoner Mensch mit
einem stumpfen traurigen Ge-
sicht und glanzendblonden Haa-
ren war wegen eines traurigen
Raubes angeklagt. Genau wie der
verkommene russische Baron ant-
wortete er auf alle Fragen mit
Gorkis Worten, im Tonfall
tagige billige Pauschalkuren in den mit
Schlammbadern verbundenen Kuranstalten
gegen Rheuma, Gicht, Ischias und Nerven-
leiden. Individueller Kurplan. Gtinstige
Pauschalkuren. Golf, Tennis. Devisenfrei-
grenze pro Person und Monat RM. 700,—.
PISTYAN-
Buro Berlin, W/15, Fasanenstr. 61. Oliva 4907,
109
WaBmanns, traurig, stumpf und
demutig: „Keine Ahnung."
„Warum gingen Sie von Hause
fort?"
„Keine Ahnung."
MWarum gingen Sie dem Mad-
chen nach?"
ttKeine Ahnung."
So dicht decken sich Leben
und Kunst, daB man iiber die
Entstehung des Kunstwerks nach-
denkt. Hat WaBmann gewufit,
was er bildete? Kannte er einen
schwachsinnigen Psychopathen,
der hochgradig degeneriert war
und unter reaktiven Verstim-
mungszustanden zu leiden hatte,
wie das klinische Krankheitsbild
heifit? -
Oder ist es eben das Wesen
eines grofien Scbauspielers, daB
sich ihm aus den Worten des ge-
nialen Dichters so klar das We-
sen eines Menschen erschliefit,
daB nachher die Wirklichkeit der
Kunst nachgebildet scbeint?
Gabriele Tergit
Liebe als Sommergeschaft
\T on einem groBern berliner
" Verlag erhielten die Buch-
handler Deutschlands kiirzlich
eine Empfehlung seiner Zeit-
schrift .Die Liebe', Blatter fur
Kultur des Geschlechtslebens und
der Ehe. Sie beginnt mit den
Worten: nSehr geehrter Herr
Kollege! Sie werden sicherlich
unsre neuerliche Ankiindigung
iiber ,die Liebe' mit Interesse ge-
lesen baben. ,Die Liebe' ist das
groBe Sommergeschaft . . ., Die
Liebe ist preiswert und bietet
Ihnen eine groBe Verdienstmog-
lichkeit!"
Aus grofier Zeit
Auch wer beide Hande und
FiiBe verloren hat, kann da-
zu gebracht werden, daB er durch
eigene, sogar schwierige Arbeit
sein Brot verdient. Wer beide
Beine verloren hat, kann durch
niedrige, allmahlich hoher wer-
dende Hilfsstiitzen, die schlieB-
lich durch kunstliche Beine von
richtiger Lange ersetzt werden,
Stehen und Gehen lernen,
Leichter noch laBt sich der
Verlust beider Unterschenkel
durch Ersatzstticke ersetzen.
Erganzendes Zusammenwirken
zweier Einarmiger wird auch die
Tatigkeit solcher Art ermoglichen,
die zunachst nur vollig Gesun-
den vorbehalten zu sein scheint.
Einen Tischler, der an der
Hand schwere Verstummelungen
aufzuweisen und auBerdem das
rechte Bein verloren hatte, sah
ich ebenso frisch und froh arbei-
ten wie seine Kameraden. Offen-
bar war er sich seiner schweren
Verletzung gar nicht mehr be-
wuBt.
Diese Beispiele zeigen, daB das
stolze Wort nicht mit Unrecht
gepragt ist; Es gibt kein Kriippel-
tum, wenn der eiserne Wille vor-
handen ist, es zu uberwinden.
Dies muB auch das Leitwort fur
unsre Kriegsverletztenfursorge
sein.
.Deutsche Tageszeitung',
4. 6. 1915
Dr. Link-Lubeck
Hinweise der Redaktion
Berlin
Bund Geistiger Berufe. Mittwoch 20.00. Kammersale, Tcltower Str. I- 4. Die Krise
friCt die Volksgesundheit, Felix Boenheim; Krise der Gesundheitsfflrsorge, Paul
Levy; Die Krise in der Kinderwelt, Annemarie Bieber.
Hamburg
Weltbuhnenleser, Freitag 20.00. Timpe, Grindelallee 10: Die Einheitsfront.
Bucher
Manfred Georg: Der Fall Ivar Kreuger. Brtickenverlag, Berlin,
Rundfunk
Diensta?. Langenberg 18.20: Alfred Prugel liest. — 20.00: Rudolf Braune zum Ge-
denken. — Konigsberg 20.05: Totengesprache von Fritz Mauthner. — Mittwoch.
Berlin 17.50: Berliner Geschichten von S. Kracauer. — Donne r stag. Leipzig 18.30:
Besuch bei Baedecker, Hans Natonek. — Konigsberg 20.00: Shakespeares Macbeth.
— Breslau 21.10: Ein Horspiel von meinem Leben, Roda Roda. — Sonn abend.
Berlin 18.10: Die Erzahlung der Woche, Albert Daudistel.
110
Antworten
Romain Rolland. Wir danken Ihnen fiir die Mitteilung, daB der
KongreB, gegen den imperialistischen Krieg, der fiir Genf verboten
worden ist, voraussichtlich Mitte August in Brussel stattfinden wird.
Allerdings steht die Genehmigung der belgischen Regierung noch aus.
Theaterdirektor. Felix StoBinger schreibt: „Die Leute vom
Theater haben nach ihrem Zusammenbruch die Beschaftigung der
deutschen Parteien seit 1918 tibernommen, namlich die Schuld bei
den andern zu suchen. Wenn man in der letzten ,WeltbUhne' die
Schilderung der panischen Angst der Prominenten liest und zu die-
sem Zitat Heinrich Fischers die Bemerkungen von Eduard Lunz,
muB man wahrhaftig glauben, daB die berliner Theaterkritik Legis-
lative und Exekutive in einem war, Mit keinem Wort erfahrt der
Leser, daB die Urteile der Presse fiir die Betroffenen nur dadurch
Bedeutung hatten, daB eine feige und urteilslose Gruppe von Theater-
mannern die Verdikte der Kritik prompt exekutierte. War die Kritik
schlecht, liefien sich am nachsten Morgen Dramaturgen und Direk-
toren nicht mehr sprechen. Die guten Zeiten, in denen der Kiinst-
ler sich eines Theatermanns sicher wuBte, der an ihn glaubte und
ihn deckte, waren vorbei. Die Direktoren haben den Schauspielern
ihren Schutz entzogen und damit sich selbst ans Messer geliefert
An ihrer Feigheit und Konjunkturschieberei sind sie nun zugrunde
gegangen. Hoffentlich — auf Nimmerwiedersehn,"
Kultusminister Baumgartner, Karlsruhe. Sie warnen in einem
Rundschreiben an die Kreisschulamter vor einer Beteiligung der
Lehrer an der Studienreise deutscher Padagogen nach RuBland, wo-
zu der ,Intourist* eingeladen hat, indem Sie diese Reise als „kommu-
nistische Propagandaveranstaltung" bezeichnen. Sind Sie wirklich
der Meinung, daB es besser ist, RuBland einfach zu verurteilen, als
durch Studien an Ort und Stelle sich ein Urteil zu bilden? Wollen
Sie wirklich die Theorie vom alleinseligmachenden Index auch auf
Reisen ausdehnen?
Alter Freund, Ihnen und alien andern, die auch aus AnlaB des
letzten Prozesses wieder Carl v. Ossietzky in herzlichen Briefen ihre
Freundschaft bezeugt haben, Dank fiir alle Unterstutzung und Auf-
munterung.
Landgerichtsdirektor Doktor WeiB in Guben. Nach Ihren Dar-
legungen miissen die von unserm Mitarbeiter Hans Glenk in der
,Weltbiihne' vom 14. Juni gegen Sie mit Bezug auf Ihre Stellung-
nahme zum § 218 erhobenen Vorwiirfe zuriickgenommen werden. Sie
haben in der Verhandlung, wie Sie schreiben, ausdrucklich erklart,
daB Meine etwaige Beteiligung des Ehemanns Ziehm an dem an seiner
ersten Frau vorgenommenen Eingriff auf einem Gebiet liege, das rein
menschlich zu verstehen und nicht geeignet sei, die Anstandigkeit und
Glaubwurdigkeit des Ehemanns Ziehm in Zweifel zu ziehen." Es liegt
danach kein Grund vor, Ihr Verhalten dem Ehemann Ziehm gegen-
uber in irgendeiner Weise zu beanstanden. Leider haben Sie recht,
wenn Sie erklaren: ,,DaB| ein Richter das geltende Recht, also auch
§ 218 StGB, — unbeschadet etwaiger entgegenstehender personlicher
Auffassung — unbedingt anzuwenden hat, ist eine Selbstverstand-
lichkeit."
Weltfriedensbund der Miitter und Erzieherinnen. Wir haben mit
Befriedigung von den Verhandlungen eures Kongresses in Koln Kennt-
nis genommen. Neu war uns, daB der franzosische Zweig eures Bun-
des schon sechzigtausend Mitglieder hat (der deutsche leider nur
siebentausend), und daB durch ihn erfolgreich die franzoslschen Wah-
len im Sinne der Linken, also im Sinne der Volkerversohnung, beein-
fluBt worden sind.
Ill
Major von Lobbecke in Mans Nachrodt. Sie haben nach dem
Bericht des ,Dortmunder Generalanzeigers* einen 17jahrigen Jungen
namens Polascheck, der in Ihrem Forst trockenes Holz sammelte, ohne
weitercs von hinten beschossen. Im Krankenhaus hat man 41 Schrot-
korner im Riicken und Oberschenkel des armen Jungen gefunden.
Eine erregte Volksmenge hat Sic zu lynchen versucht. Konnen Sic
sich dartiber wundern? In Westdeutschland. ist man eben noch nicht
an ostelbische Baronsmanieren gewohnt.
Rundfunkautor, Die westdeutsche Leitung eines nationalsoziali-
stischen tfKampfbundes fiir Deutsche Kultur", Darmstadt, fordert alle
ihm nahestehenden 1(kunstlerischen und wissenschaftlichen Fiihrer und
Mitarbeiter der deutschen Rundfunkgesellschaften" zum Zusammen-
schlufi auf, Um so wichtiger ist es, Gegenmafinahmen zu ergreifen.
Seit cin paar Wochen gibt es den „Bund freier Rundfunkautoren".
Tritt ihm bei, (Sekrctariat: Neukrantz, Reinickendorf-Ost, Arosa-
Allce 153.)
Arl thmeticus. Sie wundern sich, daB in Frankreich die Gehalter
der hoheren Offiziere um ein Drittel niedriger sind,1 als in Deutsch-
land, obwohl die deutschen Finanzen eigentlich noch mehr Anreiz zur
Sparsamkeit bieten sollten als die franzosischen, Ja, verehrter Freund,
ist Ihnen der Qualitatsunterschied zwischen deutschen und franzosi-
schen Offizieren noch nicht aufgefallen? Oder glauben Sie, daB man
in Frankreich irgend einem General die politische Macht anvcrtrauen
mochte, die bei uns General von Schleicher erhalten hat? An ihrem
politischen EinfluB gemessen, sind unsre Generale eigentlich noch
niedrig entlohnt.
Hamburger. Die hamburger Arbeitsgemeinschaft der Deutschen
Liga fur Menschenrechte wird in eine Ortsgruppe umgegriindet, deren
Geschaftsstellc sich Gansemarkt 35 befindet. Sie konnen dort die
noch nicht abgelieferten Erklarungen fiir Carl v, Ossietzky abgeben.
Jiidisches Echo. Du behauptest, an dem Hitlerdiner des dussel-
dorfcr Industrieklubs. hatten auch Juden teilgenommen, namlich Ban-
kier Elkan, Munitionsfabrikant Griinthal, Justizrat Cohen und Direktor
Nothmann. Alle diese jiidischen Herren haben, wie du schrpibst,
auf Aufforderung von Fritz ThyBen Hitler durch den romischen GruB
geehrt. Wenn die Anhanger Hitlers eine Liste unerwunschter Juden
aufstellem wollen — vielleicht notieren sie sich dafur die Namen
der Herren mit dem FascistengruB, Dann konnten die Nazis bei
alien charaktervollen Juden auf Verstandnis rechnen,
Marxistische Arbeiterschule. Fur das am 18, Juli begonnene
IV. Quartal ist ein Vorlesungsverzeichnis erschienen, das gegen Ein-
sendung von 5 Pfennig in Marken von eurer Zentrale, Berlin O 27,
Schicklerstr. 6 IIIf zu beziehen ist.
Rheumatischer Leser. Das Pistyan-Bureau hat una zehn Vergti-
tungsanweisungen zur Verfiigung gestellt, die unsere Leser, welche
eine Kur in Bad Pistyan vornehmen wollen, zu folgenden Vergiinsti-
gungen berechtigen: 40 bis 50 Prozent Baderermafligung, 20 Prozent
ErmaBigung des Zimmerpreises, ferner Pauschalpreise I. Klasse zu
70, — KcM II. Klasse zu 48, — Kc, pro Tag. Anweisungen durch unsern
Verlag. Ausktinfte erteilt das Pistyan-Bureau, FasanenstraBe 61,
Manuskripte sind nur an die Redaktion der WeHbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 152, zu
richten ; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonst keine Rucksendung erfolgen kann.
Das Auf f uhrungsrecht, die Verwertung von Titeln u. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechanische Wiedergabe alter Art und die Verwertung im Rahmen von Radiovortragen
bleiben fur alle in der Weltbflhne eracheinenden BeitrSge ausdrQcklich vorbehaltem
■Die Weltbubne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
unter Mitwirkung von Kurt Tucbolsky geleitet. — Verantwortlich : Walther Karsch, Berlin
Verlag der Weltl-Ohne, Siegfried Jacobsohn & Co., Charlottenburg.
Telephon: C 1, Steinplatz 7757. — Poatscheckkonto: Berlin 11958.
Bankkonto: Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
XXVHLJahrgang s 26. Jati 1932 Nnmmer 30
Papen hilft der Linken vonHeiimutv.Geriach
ps gibt Augenblicke, wo man Lust hat, die Wahrheit zu
" schreiben, zu drei Monaten die Zeile."
Es war kein Revolutionar, der sich also auBerte. Es war
der grofle franzosische Publizist Louis Veuillot.
An das Wort des Franzosen muBte ich denken, als ich die
Rundiunkrede Papens las, in der er alle Verantwortung den-
Kommunisten aufbiirdete und von der Unzahl der national-
sozialistischen Bluttaten nicht einmal eine Andeutung machte.
Soil man? Nein, man soil nicht! Wozu dem Gegner die
Triimpfe in die Hand spielen?
Es, ist wieder wie in der MgroBen" Zeit, nur daB damals
der Hochstkommandierende in den Marken von Kessel hiefi,
wahrend diesmal Herr von Rundstedt unser Vorgesetzter ist,
Damals lernte man als Journalist der Linken seine Leser zum
Lesen erziehen, Sie durften nicht auf den Zieilen lesen, sie
muBten zwischen ihneh lesen. Was sie sich dann dachten, war ,
ihre Sache, Denken durften sie sogar in den unparlamenta-
rischsten Ausdriicken.
Was wir heute in PreuBen erleben, benennt man in Frank-
reich und sogar in Siiddeutschland mit sehr ausdrucks- und
eindrucksvollen Namen. Wir im Bereich des Belagerungs-
zustandes nennen es eine politische MaBnahme von umstritte-
ner staatsrechtlicher Zulassigkeit.
Gewundert haben wir uns gar nicht uber die Verhangung
des Ausnahmezustandes. Gewundert haben wir uns hochstens
dariiber, daB er nur iiber Berlin und Brandenburg verhangt
worden ist. Warum nicht iiber ganz PreuBen? In Altona z. B.
hatte es an einem Tage mehr Tote gegeben als in Berlin wah-
rend des ganzen Wahlkampfes. Im Rheinland standen die
blutigen ZusammenstoBe auf der Tagesordnung.
Allerdings — der Belagerungszustand fiir ganz PreuBen
hatte einen internationalen Haken. Deutschland ist bis 50 Kilo-
meter rechts des Rheins volkerrechtlich entmilitarisiert. Es
diirfte nicht ganz einfach sein, in einem entmilitarisierten Ge-.
biet, wo kein Reichswehrmann amtlich stationiert werden darf,
die Zivilgewalt durch die Militargewalt abzulosen.
Warum man grade Berlin und die Provinz Brandenburg
mit dem Belagerungszustand begnadet hat, wird so lange ein
undurchdringliches Geheimnis bleiben, bis die wenigen Ein-
geweihten es fiir gut befinden, sich dariiber zu auBern — falls
sie es je fiir gut befinden sollten. Ein Phonograph war vermut-
lich nicht angebracht, um die entscheidenden Unterredungen
zu fixieren.
In Neudeck ist die Entscheidung gefallt worden. In Neu-
deck wurdei vor ein paar Wochen das Urteil iiber Briining und
jetzt das iiber Otto Braun gesprochen. Neudeck ist Neu-
potsdam geworden.
1 113
Warum ist in PreuBen ein Reichskornmissar eingesetzt
worden?
Am 18. Juli schrieb der nationaisozialistische preuBische
Landtagsprasident Kerrl seinen anmaBenden Brief an Herrn
v. Papen, worin er ihn zur Ubernahme der Polizeigewalt in
PreuBen aufforderte.
Am 20, Juli war Herr v. Papen Reichskornmissar fiir
PreuBen,
Ich werde mich hiiten, einen Kausalzusammenhang zu be-
haupten, den ich nicht beweisen kann, Ich notiere nur zwei
Da ten, Durch den Belagerungszustand kann viel, aber nicht
der {Calender auBer Kraft gesetzt werden.
Warum lag den Nationalsozialisten so viel daran, daB die
Regierung der Barone, mit der sie angeblich gar nichts zu tun
haben, die Macht in PreuBen ergreife?
Weil sie Angst vor dem Wahlergebnis haben. Je weiter
die Wahlbewegung vorschritt, urn so klarer wurde es ihnen,
daB sie weder allein die absolute Mehrheit erhalten wiirden,
noch selbst unter Zurechiiung der Deutschnationalen und andrer
politischer Kleinhilfsvolker. Ja, sie merkten, daB es ihnen
nicht einmal gelingen werde, die fiir Hitler bei der zweiten
Prasidentenwahl abgegebenen Stimmen zu halten. Zu ihrem
Schrecken sahen sie sich aus der Offensive in die Defensive
gedrangt, Sie hatten nur iiberfullte Versammlungen gekannt,
Jetzt waren mit einem Male die Versammlungen ihrer Gegner
besser besucht als ihre eignen,
SPD und Zentrum bef inden sich eben in einer Lage, wie
seit vielen Jahren nicht, Sie sind Opposition, Und sie haben
noch dazu das Gliick, einer Regierung opponieren zu konnen,
die ausschlieBlich aus Angriffsflachen besteht.
Am 19, Juli traf ich einen sehr urteilsfahigen Links-
politiker, der grade von einer mehrwochigen Wahlreise zuriick-
kam, die ihn in die verschiedensten Teile Deutschlands gefiihrt
hatte. Er berichtete:
Als ich Anfang Juli losging, war ich uberzeugt, daB die Nazis
etwa 220 Mandate erringen wiirden. Heute gebe ich ihnen noch 180.
Der Eindruck war iiberall derselbe; Der Zustrom hat aufgehort, viele
Mitlaufer sind stutzig geworden. Die Papenregierung ist in alien
Volksschichten unbeliebt, aber die Naziredner dtirfen sie nicht so be-
kampfen, wie sie Briining bekampft haben, Ihre Demagogie ist stumpf
geworden, Vielen, die ihnen bisher zu^ejubelt haben, erscheinen sie
jetzt als Haibseidene,
Diese Erfahrungen eines erfahrenen Politikers werden mir
von alien Seiten bestatigt, sogar von alten Offizieren, die noch
im April nationalsozialistisch gewahlt haben,
Wehn schon vor dem 20, Juli die Aussichten der National-
sozialisten sehr gesunken und die der Linken und des Centrums
dementsprechend gestiegen waren, so haben die Ereignisse des
20, Juli und der folgenden Tage diese Proportion noch pro-
gressiv gesteigert, Herr v, Papen und Herr v, Schleicher wer-
den das vielleicht nicht glauben, Sie stehen der Psyche der
Volksmassen zu fern, Aber auf den Glauben der im Augen-
blick scheinbar allmachtigen Herren kpmmt es ja politisch sehr
viel weniger an als auf die Bilanz des Wahltages.
114
Vor ihr hat Hitler Angst. Wenn man vor seinen Glaubigen
den Mund zu voll genommen hat, ist es peinlich, nachher mit
leeren Handen dazustehen.
Radikale Elemente seiner eignen Partei drangen ihn, den
Plan vom 13- Marz in erweitertem Umfang wieder aufzu-
nehmen: Mobilisierung der braunen Streitkrafte in der Nacht
vom31.Juli zum 1. August zum Marsch auf Berlin! Es scheint
nicht, als wenn er dazu irgendwelche Neigung hatte. Die
Spuren vom November 1923 schrecken ihn. Seitdem halt er
wirklich Legalitat fiir den bessern Teil der Tapferkeit.
Natiirlich weifi er, dafl seine Stellung in seiner Partei un-
sicher wird, wenn auch der 31.JuIi ohne sichtbaren Erfolg
voriiber geht. Darum ist sein sehnlichster Wunsch: Aufhebung
des Wahltermins!
Warum drangten die Nationalsozialisten auf den Reichs-
kommissar fiir PreuBen, auf den Belagerungszustand? Weil sie
erwarteten, daB die Arbeiter diese Herausforderung mit bluti-
gen Gewalttaten beantworten wiirden, Generalstreik — das
hatte den Herren so gepaBt. Vielleicht noch ein paar Barri-
kaden dazu, Maschinengewehre in den StraBen, angebliche
Dachschutzen usw., ware es dann nicht ganz plausibel gewesen,
wenn man erklart hatte', bei so unordentlichen Zustanden sei
eine ordnungsmaBige Wahl unmoglich? Man rechnete auf
Illegalitaten der Andern, um die hochste IllegaJitat, die Sus-
pendierung der Wahl, rechtfertigen zu konnen.
Diese Spekulation der Nationalsozialisten ist miBgliickt.
Die Narrenparole des Generalstreiks ist an d'em gesunden
Menschenverstand der Arbeitermassen zerschellt. Unsre
prachtvoll geschulten Gewerkschaftler wissen, welch unwider-
stehliche Waffe sie in der Legalitat besitzen,
Aber die Nazis bohren weiter. Geniigte die bisherige Her-
ausforderung der Arbeiter nichtf so muB man die Dosis ver-
starken. Verbot der KPD! Dann wird doch endlich die heiB
ersehnte gewalttatige Reaktion eintreten.
Aber die Regierung will an dies Verbot nicht heran, so
sehr sie auch die Kommunisten haBt. Das Verbot hatte die
Ungiiltigkeit aller Stimmen zur Folge, die fiir die Liste der
KPD abgegeben werden. Mit einem Schlage eroffnete sich fiir
Hitler die Moglichkeit einer Rechtsmehrheit, bei der seine
Partei als weitaus starkste fast allmachtig ware.
Grad'e das kann Herrn v. Schleicher nicht in seine Reoh-
nung passen. Er hat durchaus keine Abneigung dagegenf Hitler
an der Macht teilnehmen zu lassen. Aber natiirlich nicht als
bestimmenden Faktor! Herr v. Schleicher hat viel zu viel
SelBstbewuBtsein, um als Stein — und ware es als Konigin, —
auf dem Schachbrett des Herrn Hitler figurieren zu wollen.
Auoh sonst hat man Bedenken gegen das Verbot der KPD.
Konnten am Ende diese torichten KPD-Arbeiter nicht, wenn
sie eigne Kandidaten nicht mehr wahlen diirfen, zu einem er-
heblichen Teil aus Erbitterung gegen die Regierung fiir die
SPD stimmen? Dann ware man aus dem Regen unter die
Traufe gekommen. Das Verbot einer regierungsuniahigen
Partei hatte einer regierungsfahigen Linkspartei eine iiber-
ragende Macht verliehen.
115
Scheinbar ist die Reaktion jetzt allmachtig. Aber sie hat
sich zu weit vorgewagt. Damit hat sic der Linken cine ge-
waltige Chance gegeben. Wenn dicse am 31.Juli ausgeniitzt
wird . . .
Was die Franzosen am meisten an den Deutschen ver-
missen, ist ,,la mesure", das MaBhalten.
Die Regicrung Papen ist die typische Vertreterin dessen,
was den Franzosen als typisch fur die Deutschen erscheint.
Und das Zentrum? von k. l. oerstortf
{"IJenaue Prophezeiungen liber das Wahlresultat sind kaum
^* moglich, Allzu groBe Oberraschungen aber werden sich
bei den Reichstagswahlen gegeniiber den letzten Wahlergeb-
nissen kaum herausstellen. In PreuBen habcn die National-
sozialisten, Deutschnationalen und die biirgerlichen Splitter der
Rechten es nicht zu einer Majoritat gebracht, Im Reich steht
das Stimmenverhaltnis fur die Fascisten und ihre Anhanger
noch ungiinstiger. Das zeigten bereits die Resultate des ersten
Prasidentschaitswahlgangs, bei dem zur absoluten Mehrheit fur
Hindenburg im Reich reichlich 100 000 Stimmen, in PreuBen da-
gegen 1,3 Millionen fehlten.- Wenn so die Nationalsozialisten
es in PreuBen mit ihrem Anhang nicht zur Majoritat gebracht
haben, so werden sie es bei den Reichstagswahlen noch weniger.
Das bedeutet aber, wenn man mit rein parlamentarischen Zah-
len rechnet, daB fiir jede Majoritatsbildung das Zentrum not-
wendig ist. Das Zentrumj geht in den Wahlkampf mit der
klaren Parole, es sei gegen jede hundertprozentige Parteiherr-
schaft, Und diese Haltung des Zentrums ist es nicht zuletzt,
die von der rechten Seite Plane aufkommen laBt in der Rich-
tung, die kommunistische Partei in die Illegalitat zu drangen.
Wenn man auf irgend eine Weise die kommunistischen
Mandate fiir ungiiltig erklaren konnte, so konnte man mog-
licherweise in einem neuen Reichstag zu einer reinen Rechts-
mehrheit kommen. Deutschland ware nicht das erste Land, in
dem dies geschieht — und die ,DAZ' schrieb schon vor lan-
gerer Zeit, die Kommunisten sollten doch froh sein, daB sie sich
noch so frei bewegen konnten, Das Zentrum aber wird diese
Art des Kampfes gegen die Kommunisten schon darum nicht
mitmachen, weil es seine eigene Machtstellung damit schadigt.
Das Zentrum wird alles versuchen, urn auch nach diesen Wah-
len eine hundertprozentige fascistische Herrschaft zu verhin-
dern. Aber: ob ihm das gelingi, hangt nicht allein von seinen
eignen Kraften und seinein eignen Willen ab. Wie sich in
Deutschland grade nach den Wahlen die weiteren politischen
Verhaltnisse gestalten werden, ist in erster Reihe von der Ent-
wicklung der Krise abhangig. Bisher deutet nichts darauf hin,
daB in nachster Zeit ein, wenn auch nur geringfiigiger Wieder-
anstieg der Wirtschaft kommen wird. Es ist durchaus bezeich-
nend, daB heute selbst alle diejenigen, die als! entscheidenden
Faktor fiir die Heftigkeit der Krise die Reparationen, die di-
rekten und indirekten Kriegsf olgen, bezeichnet haben, nach dem
AbschluB' der Lausanner Konferenz sehr vorsichtig werden und
bereits erklaren, daB fiir einen Wiederanstieg noch ganz andere
116
Voraussetzungen notwendig sjsien als der vorlaufige AbschluB
der Reparationskonferenz, Die Griinde sind klar. Seit dem
Hoover-Moratorium sind keine Reparationen gezahlt worden,
und doch hat sich die Krise, nicht nur in Deutschland sondern
in der ganzen Welt, weiter vertieft. Die Vereinigten Staaten
und England* melden, daB selbst in diesen Sommermonaten, in
denen in Deutschland immerhin eine kleine Entlastung auf dem
Arbeitsmarkt eingetreten ist, die Zahl der Arbeitslosen sich
weiter verstarkt habe. Auch in Frankreich und Italien hat sich
die Krise weiter vertieft. Mit einer erheblichen Wieder-
ankurbelung der Wirtschaft nach der Lausanner Konferenz ist
daher nicht zu rechnen, nicht einmal mit einer Stabilisierung
des Tiefstandes auf dem heutigen Niveau. Was aber wird die
Folge sein?
Die Papenregierung hat die Sozialpolitik durch ihre letzte
Notverordnung auBerordentlich stark abgebaut Und jeder Ab-
bau der Sozialpolitik in dieser Krise hat immer noch den Vor-
stoB zu einem neuen Lohnabbau gegeben. Schon der Arbeits-
minister der Bniningregierung, Stegerwald, hatte angekiindigt,
daB man urn einen neuen Lohnabbau nicht herumkame. Und es
ist sicher, daB das gesamte Monopolkapital und die Schwer-
industrie, die grade wegen der Wahlen mit ihrem Lohnabbau-
planen etwas zuriickgehalten haben, unmittelbar nach den
Wahlen ihre Anspruche in dieser Richtung anmelden werden.
Wir werden daher in den Herbst kommen mit einer weiteren
Verscharfung der Krisef mit Arbeitslosenzahlen, die weit groBer
sind als im vergangenen Jahre und mit einem neuen Angriff der
Unternehmer auf den Lebensstandard der deutschen, Arbeiter-
schaft
Das ist die Lage, die eine Nazifraktion von voraussichtlich
mehr als 200 Abgeordneten im neuen Reichstag vorfinden wird.
Das ist die Situation, die das Zentrum vorfinden wird. Die
Nazis haben den Massen lange Zeit erzahlt, wenn sie die Herr-
schaft hatten, dann wiirde Deutschland keinen Pfennig Repa-
rationen mehr zahlen und aufrusten, dann werde die Krise bald
liquidiert sein, es werde keine Notverordnungen mehr geben,
und den Massen werde geholfen werden. Nach den Wahlen
werden die Nazis, wenn man sie irgendwie an der Regierung
beteiligt, die Verantwortung fur das Ergebnis der Lausanner
Konferenz ubernehmen nnissen, die Verantwortung fur die
Papensche Notverordnung auf dem Gebiet der Sozialpolitik,
die Verantwortung fur den neuen Abbau der Lohne. Sie
werden diese Verantwortung aus der Logik ihres Partei-
interesses heraus nur dann ubernehmen konnen, wenn
sie ihre grofien politischen Gegner vernichten, das heiBt,
wenn sie die Arbeiterorganisationen zerstoren und so ver-
hindern, daB die Millionenmassen, die ihnen in der Opposition
nachgelaufen sind, — wenn sie sich von ihnen abwenden —
legale Organisationen finden, die sie aufnehmen. Der Terror
der Nazis vor ihrem Eintritt in die Regierung zeigt, worauf sie
hinauswollen.
Aber wird das Zentrum das mitmachen? Kann das Zentrum
das mitmachen? Das Zentrum ist die burgerliche Partei ge-
wesen, die als einzige ihren Bestand gegeniiber dem fascisti-
2 117
schen Vormarsch gehalten hat. Und auch die Reichstagswahlen
werdcn zeigen, daB das Zentrum in seiner Organisation, in den
Massen, die ihm Gefolgschaft leisten, unerschiittert geblieben
ist. Die Stellung des Zentrums in Deutschland beruht darauf,
daB rechte und linke Parteien vorhanden sind, zwischen denen
es wahlen konnte. Wenn das Zentrum seine Hand dazu bietet,
daB die Arbeiterorganisationen links von ihm zerschlagen wer-
den, so ist die Stellung des Zentrums selbst auBerordentlich
bedroht. Das weifi das Zentrum. Und daher sind die Koali-
tionsverhandlungen zwischen Zentrum und Nazis in groBerem
MaBstab bisher nicht weitergekommen. Den Nazis liegt nichts
am AuBenminister. Ihnen liegt nichts am Finanzminister. Aber
sie verlangen bei alien Koalitionsgesprachen die Ministerien,
in denen die staatliche Exekutive verkorpert ist, Daran sind
die Koalitionsverhandlungen bisher gescheitert, und hier liegt
auch der springende Punkt fur alle Verhandlungen zwischen
Nazis und Zentrum nach den Wahlen, Das Zentrum hat die Er-
fahrungen seiner italienischen Bruderpartei, der Popolari, nicht
vergessen. Es weiB, daB der siegreiche Fascismus in Italien
nicht nur samtlichc Arbeiterparteien und ihre Organisationen
zerschlagen hat sondern auch samtliche biirgerliche Parteienf
auch die italienische katholische Volkspartei. Das Zentrum,
das, solange die Nazis in der Opposition geblieben sind, als Or-
ganisation ,ein unerschiitterlicher Turm blieb, befiirchtet mit
Recht bei einer Koalition mit den Nazis, bei einem schwarz-
braunen Block, schwerste Gefahr. Denn wenn es den Fascisten
gelingt, die kommunistischen und sozialistischen Arbeiter-
organisationen zu zerschlagen, dann befiirchtet das Zentrum,
daB es bald selber als Partei bedroht wird. Und vor allem be-
furchten das natiirlich die christlichen Gewerkschaften inner-
halb des Zentrums, die einen ganz betrachtlichen Teil, fast die
Halfte, seiner Wahler bilden. Das ist der Grund, warum das
Zentrum mit solcher Aktivitat in den Wahlkampf gegen die na-
tionalsozialistische Parteidiktatur geht.
Das Zentrum ist dabei selbst innerhalb des Biirgertums
nicht ganz isoliert. Denn die Kreise, die hinter der Papen-
regierung stehen, die Kreise des Monopolkapitals, die Junker,
die Generale, die hoheren Beamten — auch«sie wollen bisher
keine hundertprozentige fascistische Diktatur. Ihnen ware die
liebste Losung ein Kabinett, das sich zwar in manchen Einzel-
besetzungen, aber nicht grundsatzlich von dem heutigen unter-
scheidet, ein Kabinett, das den Reichstag so selten wie moglich
zusammenruft und das, wenn es nicht anders geht, auch fur
langere Zeit mit dem Ausnahmezustand regiert. Ein Kabinett
aber, das, im Gegensatz zu einem hundertprozentig national-
sozialistischen, die Arbeiterorganisationen, vor allem die So-
zialdemokratie und die freien Gewerkschaften, noch legal be-
stehen lafit und nur gegen die KPD scharfere MaBnahmen er-
greift.
Das wiinschen die Kreise, die hinter der Papenregierung
stehen — und mit einer solchen Losung wiirde auch moglichen-
falls das Zentrum sich einverstanden erklaren. Es hat bisher
niemals die Briicke nach rechts abgebrochen. Sicher ware es
fur eine Losung zu haben, die ihm den Weg nach links nicht
118
fur immer versperrt, Fiir cine Losung, die den Bestand der
Zentrumspartei als Partei nicht gefahrdet.
Aber die Krise wird sich in ihrem Ablauf nicht danach
richten, was das Zentrum wiinscht und was ein betrachtlicher
Teil der Kreise wunscht, die hinter Papen stehen. Und wenn
die Krise sich weiter so schnell verscharft, wenn wir in einen
Herbst und Winter kommen, wo die Millionenzahlen der Ar-
beitslosen noch weiter zunehmen, wo der Lohn noch
weiter abgebaut wird, wo die Mittelschichten, die ihre letzten
Reserven immer mehr aufbrauchen, weiter proletarisiert wer-
den, dann werden die aktivistischen Kreise innerhalb der Nazis
mit einer solchen Losung nicht einverstanden sein, dann wer-
den sie, wenn man von ihnen die regierungsmaBige Verant-
wortung verlangt, die Zerschlagung aller ihrer politischen Geg-
ner fordern — und dann steht auch die Zentrumspartei vor
der schwersten Stunde in ihrer Geschichte. Wenn man die
freien Gewerkschaften zerschlagt, dann kann man die christ-
lichen Gewerkschaften nicht bestehen lassen, denn sie wiirden
bald zum Sammelbecken aller freiheitlichen Arbeiter werden.
Man muB die christlichen Gewerkschaften mit zerschlagen und,
wie in Italien, Zwangsorganisationen einfuhren, die unmittelbar
dem Staate unterstehen. Wenn man die christlichen Gewerk-
schaften zerschlagt, dann ist das Zentrum in seinem Lebens-
kern bedroht. Das Zentrum spurt die Gefahr. Es mobilisiert
in diesem Wahlkampf alle seine Krafte, um nochmals eine Lo-
sung zu erreichen, die ihm gestattet zu lavieren.
Aber es gibt historische Situationen, in denen Taktik allein
nicht mehr ausreicht, Wie schnell die Krise sich weiter zu-
spitzt, dayon hangt ab, ob wir in eine solche Situation kommen
werden.
AuBenpolitik und Wahlen von Feiix stossinger
Cs ist nioht leicht, iiber die deutsche AuBenpolitik im Wahl-
kampf zu schreiben, aber es ist wichtig.
Seit 1919 gab es keine Wahl, in der die AuBenpolitik eine
so geringe Rolle gespielt hat wie diesmaL Bisher diente die
AuBenpolitik zur Verhetzung der Massen. Jetzt sind sie ver-
hetzt genug. Dieser Waffe bedarf es nicht mehr. Aber
wahrend die AuBenpolitik aus der politischen Agitation
relativ verschwunden ist, existiert sie in der Wirk-
lichkeit intensiv. Noch niemals gab es Wahlen in Europa, auf
deren Ausgang auBenpolitische Aktionen der Machte so wenig
gewartet haben wie auf diese. Ungestort von der Agitation, die
das Land mit Blutdampf fullt, fallen hinter den Kulissen Ent-
scheidungen von groBter Tragweite. In einem Tempo, das man
vor kurzem noch berlinerisch genannt hatte, wird in Europa
die AuBenpolitik der letzten vierzehn Jahre liquidiert.
Was ist allein im Juli passiert! Ein Kanzler der Rechten
hat in Lausanne Frankreichs Recht auf Zahlungen anerkannt
und naohher in Berlin in einer Pressekonferenz erklart, d'aB
Deutschland vertragliche Bindungen eingegangen ist, die man
nicht verleugnen kann. Dieselbe Regierung hat in Lausanne
auf alle politischen Bedingungen verzichtet. In Genf ist Na-
119
dolny isoliert. Sic hat es hingenommen, dafi die deutschc
Hauptforderung in der Reparationsfrage stillschweigend bei-
seitc geschoben wurde: gegen das deutsche Dogma Kaben
die Machte die methodische Vcrbindung zwischcn Dcutschlands
Schulden an Frankreich und Europas Schulden an Amerika
wicder hergestellt Deutschland hat nicht verhindert, dafi
Oesterreich feierlich auf die Dauer von zwanzig Jahren auf
den AnschluB an Deutschland verzichtete. Die deutsche
Politik nimmt es ferner offenbar als unabwendbar hin, daB die
osterreichische Politik den AnschluB an das sudosteuropaische
Praferenzsystem vollzieht und sich dadurch zum Projekt Tar-
dieu bekennt. Zu gleicher Zeit ist, in logischer Folge dieser
neuen auBenpolitischen Haltung, Grandi, Deutschlands grofier
Freund, von Mussolini abgesetzt und damit auch in Italien die
Politik der Unterstiitzung des deutschen Revisionisms gegen
Frankreich liquidiert worden. SchlieBlich ist Deutschlands
anonymer Bundesgenosse England in Lausanne Frankreichs
offener Partner geworden, ein Biindnis, das sich wohl vor allem
auf die Verhandlungen Europas mit Amerika bezieht. Diesem
Biindnis messen wir Kontinentalpolitiker freilich keine iiber-
grofie Bedeutung bei, weil sich England niemals einseitig oder
gar dauernd bindet und es an Freundlichkeiten versohnlichen
Charakters fiir Deutschland nicht fehlen lassen wird,
Aber man muB zugeben: auch nur eine einzige dieser Tat-
sachen unter einem Kanzler einer weimarer Partei hatte ge-
niigtt das Land in Siedeglut zu bringen, das Kabinett zu
stiirzen und eine offene Kriegsgefahr zu beschworen.
Und jetzt! Schweigen, desinteressement, das uns grell
zeigt, wie aufgepeitscht der nationalistische Fanatismus dieser
vierzehn Jahre war. Es schaudert einen, zu denken, daB alles
dieses grenzenlose Elend nie notig war, von einem einzigen
Mann mit Zivilkourage und eisernen Fausten verhindert wor-
den ware>
Schon ist auf der Linken das gefahrliche Wort von Papen
als Tributkanzler gesprochen worden, Schon haben Republi-
kaner zu Lausanne ,, niemals" gesagt. Als Scherz ist das Wort
vom Erfiillungs- und Tributkanzler nicht schlecht Aber die
Massen haben in Deutschland keinen Sinn fiir Ironie. Sie ver-
stehen nicht, daB dieses Wort die nationalistische Demagogie
retrospektiv entlarven soil. Diese Wirkung wird nicht er-
reicht, weil auch die Massen ganz links viel zu stark unter
den Druck dieser Demagogie geraten sind. Sie verstehen das
Wort nur wortlich, und so wird es ja auch von mancher Seite
gemeint. Das ware freilich das schlimmste. Abgesehn von der
Sache selbst, die keine Taktik mehr vertragt, besteht namlich
schon heute die Gefahr, daB der Nationalismus die Linke auf
der Hetze gegen Frankreich sitzen laBt und sich mit Frank-
reich direkt verstandigt.
Seit vierzehn Jahren ist kein Zweifel moglich, daB der
Friede mit Frankreich das Entreebillett zum Machtbesitz iiber
Deutschland ist, Wer es einlost, gewinnt eine Machtposition,
mit deren Hilfe er die Interessen seiner Klasse, und seine poli-
tischen Ideale iiberhaupt, riicksichtslos verwirklichen kann.
Die Linke hat nicht gewagt, den Preis zu zahlen, der grade fiir
sie kein Preis hatte sein diirfen. Wird es nun die Rechte wagen?
120
Es bcstchen vicle Anzeichen dafiir, daB Potsdam den Nach-
krieg Weimars zu liquidicren gedenkt, wie Weimar den Krieg
Potsdams liquidieren muBte. Im Kabinett vertritt Papen, viel-
leicht auch Gayl, die franzosische, Neurath (hinter dem Bulow
arbeitet) die englische Richtung. Schleicher ist wohl nicht
gegen Frankreich, aber er halt den Weg iiber London, vielleicht
auch noch immer den iiber Moskauf fur den kiirzesten Weg
nach Paris- Papen ist bereits vor Jahren dem deutsch-iran-
zosischen Mayrisch-Komitee und dem deutsch-franzosischen
KatholikenausschuB beigetreten. In Wahrheit geht seine Fest-
Icgung noch viel weiter/
Ober das Kabinett Papen, Schleicher, Gayl veroffentlicht
soeben einer der Mitgriinder des Herrenklubs, Walther Schotte,
ein Buch, das zweifellos authentischen Charakter hat, da es
mit einer Unterredung des Verfassers mit dem Kanzler schlieBt,
die jiingsten Datums ist. Nach Schotte halt Papen den deutsch-
franzosischen Gegensatz fiir den dynamischen Ursprung der
Weltkrisis. Wahrend Briining noch angelsachsisch dachte und
Frankreich durch angelsachsischen Druck besiegen wollte (hier
konnte Schotte hinzufiigen; darin alien Mannern gleich, die seit
1918 fiir die deutsche AuBenpolitik verantwortlich sind], unter-
scheidet Papen zwischen la bonne et la mauvaise France. Be-
reits vor zwei Jahren iorderte er im fRing\ daB sich das „gute'1
konservative Deutschland mit dem ltguten" konservativen
Frankreich verstandige, das heiBt Papendeutschland mit
Poincarefrankreich. Im deutschen Herrenklub hat Papen 1931
eine deutsch-franzosische Generalbereinigung gefordert, die
auch die deutschen Ostprobleme einschlieBen miisse. Papen
wollte Polen eine Garantie seiner Ostgrenze gegen RuBland
anbieten, als Morgengabe offenbar fiir ein deutsch-polnisch-
frahzosisches Biindnis,
DaB die sogenannte nationale Opposition Papens auBen-
politische Linie kennt und toleriert, steht auBer Zweifel. Eben-
so, daB es von da zu einer Cuno- oder Briiningintransigenz
schwerlich ein Zuriick gibt.
Die deutsche Linke muB diese Dinge viel klarer sehnj als
bisher. Die Erbitterung dariiber, daB Papen die sozialdemo-
kratische Arbeiterschaft auf ein vorbismarckisches Niveau zu-
riickschrauben will, darf uns nicht blind dafiir machen, daB
Papen offenbar in der AuBenpolitik die Verstandigungsidee der
Linken nehmen, dem Jupiter den Donner stehlen will, mit dem
dieser allzuwenig gedonnert hat, Dagegen kann selbstverstand-
lich nicht mit Argumenten des Nationalismus agitiert werden,
die aufienpolitisch bald von vorgestern sein werden, sondern
nur mit einer konsequenten Politik, die auf die Bildung des
vereinigten europaischen Kontinents hinzielt, also auf eben
jene Bildung, zu der sich heute schon Staatsmanner, Politiker,
Wissenschaftler aller Parteien, von Mussolini bis zu manchem
Kommunisten, bekennen.
Nicht weniger sondern mehr Verstandigung mufl gegen
Papen die Parole vor und nach dem 31. Juli sein. Nicht der
AbschluB in Lausanne ist ihm vorzuwerfen sondern sein Ver-
zicht darauf, die Endsumme in Sachwerten zu leisten, diese
121
aber sofort, das einzige Miltel. zur spontanen Oberwindung der
Wirtschaftskrise.
Aber da von AuBenpolitik in diesem Wahlkainpf kaum die
Rede ist, ist auch von solchen Forderungen nichts zu horen.
Und doch kann. nur auf dieser Basis cine neue auBenpolitische
Plattform der Linken gegen eine reaktionare Verstandigungs-
regierung gebildet werden. Sollte die Linke nun aus Trotz die
Verstandigung fur iiberholt erklaren, so ware erst das die Ka-
tastrophe, die uns die Hitierbaronie wiinscht. Die Arbeiter-
klasse wird am 31. Juli nicht geschlagen werden, aber es ist
gut, schon wahrend der Wahlen an die geistige Reorganisation
zu denken, die nach ihnen unverziiglich folgen wird.
t
Geschichte eines Staatsstreichs
von Hanns-Erich Kaminski
A Is gegen Abend bekannt wurde, daB ein kaiserlicher Mar-
^^ sehall als Kandidat der Rechten zum Prasidenten gewahlt
worden sei, schien vielen das Ende der Republik gekommen.
Dieser rtistige Greis reprasentierte schon auBerlich den Typus
der alten Armee. Ein Historiker der Epoche schildert ihn:
Er war mehr als mittelgroB, von militarischer Haltung, mit
weiBem Schnurrbart, kurzgeschorenem, sparlichem, ebenfalls weil^em
Haar, roter Gesichtsfarbe, blauen, tiefliegenden Augen, die gleich-
zeitig streng uad sanft blickten, und offenem Gesicht. Sein Reiter-
korper, gewohnt an die Uniform, gehorchte seinem starken Willen.
Er wirkte impulsiv und schroff und manchmal ein bifichen verlegen.
Der neue Herr, dessen Siege durch seine Niederlagen nicht
verdunkelt wurden, gait der Reaktion als ihr Retter, und seine
erste Botschaf t ans Land war ganz dazu angetan, diese Mei-
nung zu, bestatigen, Mit Gottes Hilfe, mit der Ergebenheit
unsrer Armee, die immer die Sklavin des Gesetzes sein wird,
mit der Untersttitzung aller ehrlichen Leute werden wir das
Werk der Wiederherstellung der moralischen Ordnung in un-
serm Vaterland iortsetzen, hieB es darin. Noch deutlicher war
ein Ausspruch Frau MacMahons, der durchgesickert war:
Wir sind nur hier, um den Platz zu halten.
Indessen zeigte sich bald, daB der Marschall sich seiner
verfassungsmafiigen Pflichten durchaus bewuBt war. Er blieb
ein Mann der Rechten, gewiB, aber er regierte mit Mannern
der Mitte, die sich im Parlament sogar auf die Linke sttitzten.
Die Reaktionare verbargen ihre Enttauschung dariiber nicht,
wahrend die republikanischen Parteien sich immer besser mit
dem Prasidenten abfanden, der fraglos entschlossen war, seinen
Eid zu halten. Ohne jeden Widerstand der Linken wurde
denn auch seine Amtszeit verlangert.
MacMahon verstand nicht viel von Politik, er ha tie sich
nie damit beschaftigt, das Einzige, was er in sein Amt mit-
gebracht hatte, war das Vertrauen auf seine Autoritat. Nach-
dem nun sicher war, daB er noch lange President sein wiirde,
wuchs sein Selbstvertrauen womoglich noch. Die politischen
Gegensatze wurden dabei, nicht zuletzt durch die wirtschaft-
liche Krise, immer scharfer. „Das ist keine parlamentarische
Debatte, das ist ein Faustkampf!" rief der Ministerprasident
122
Jules Simon in ciner Kammersitzung aus, in der er seine Rede
kaum beenden konnte. So kam es, daB der Prasident sich im-
mer unabhangiger von der Regierung und den Parteien fuhlte
und sich immer mehr von seinen personlichen Freunden be-
raten lieB, die schlieBlich eine formliche Kamarilla bildeten.
Am 15. Mai 1877, fast auf den Tag vier Jahre nach der
Wahl MacMahons, forderte die Mehrheit der Kammer in einer
stiirmischen Sitzung die Aufhebung der die Pressefreiheit ein-
schrankenden Verordnungen. Die Regierung wehrte sich da-
gegen, wenn auch nicht sehr heftig; der Ministerprasident lieB
durchblicken, daB er mehr der Direktive des Prasidenten als
der eignen Oberzeugung folge. Die Linke zauderte in der Tat,
gegen die Regierung zu stimmen, denn es war klar, daB der
Prasident dann ein reaktionares Kabinett bilden wiirde. Doch
bevor es zur Abstirnmung kam, griff MacMahon selbst in die
Ereignisse ein.
Mitten in der Nacht lieB er den Herzog von Broglie, den
Fiihrer der Rechten, zu sich kommen. Und am nachsten Mor-
gen fand der Ministerprasident ein Schreiben des Marschalls
aufc seinem Tisch. MacMahon machte in diesem Brief Simon
Vorwiirfe, den Standpunkt der Regierung nicht nachdriicklich
genug vertreten zu haben.
Diese Haltung des Regierungschefs wirft die Frage auf, ob er noch
den notwendigen Einflufi auf die Kammer besitzt, urn seine An-
schauungen zur Geltung zu bringen. Eine Erklarung dariiber ist un-
vermeidlich; denn wenn ich nicht wie Sie dem Parlament verantwort-
lich bin, trage ich eine Verantwortung vor Frankreich, um die ich
mir heute mehr Sorge als. je mache.
Die Kammer hatte noch gar nicht abgestimmt. Aller
Wahrscheinlichkeit nach hatte sie sich auch diesmal dem Wil-
len des Prasidenten gebeugt, um die Regierung der Mitte als
das kleinere Obel zu halten. Es war der Prasident, der der
Regierung ein MiBtrauensvotum ausstellte. Spater hat Jules
Simon erklart, man hatte ihm angeboten zu bleiben, unter der
Bedingung, daB er sich uber die Verfassung hinwegsetze. Er zog
es vor, zu demissionieren. Die personliche Macht triumphierte
iiber das Parlament, Die franzosischen Historiker bezeichnen
dieses Heraustreten des Prasidenten aus seiner verfassungs-
maBigen Rolle ais Staatsstreich. Der 16. Mai 1877 ist noch
heute beriichtigt in Frankreich.
Und wie beantworteten die Republikaner diese Heraus-
forderung?
Samtliche republikanischen Parteien, die der Linken wie
die der Mitte, veranstalteten sofort eine gemeinsame Versamm-
lung, in der sie sich auf drei Punkte einigteu.
Skrupulose Beachtung des parlamentarischen Systems und
der Ministerverantwortlichkeit.
Die republikanische Politik ist die Garantie der Ordnung
und des wirtschaftlichen Aufschwungs.
Widerstand gegen jede Taktik des Hazards, die Frank-
reich in dynastische und kriegerische Abenteuer stiirzen
konnte.
Unmittelbar darauf trat die Kammer zusammen. Eine
Interpellation iiber die Ursachen des Riicktritts der Regierung
- ' 123
wird) eingebracht. Da kcine Regierung mehr da ist, wird sie
nicht beantwortet , Aber sie wird begriindet. Gegen den Dik-
tator erhebt sich der Tribun, warn end zunachst
Man hat Sie betrogen; man hat Ihnen zu einer schlechten Politik
geraten;, wir beschworen Sie, zur konstitutionellen Wahrheit zuriick-
zukehren . . . Wir wenden uns an den Prasidenten, an seinen Ver-
stand, an seinen Patriotismus, den fur ihn die Erleuchtung und der
beste Fiihrer sein wird. Wir sagen ihm: Bleiben Sie in der Verf as-
sung, immer in der Verfassung! . . . Fragen Sie, die Verfassung in
der Hand, verlangen Sie, daB man endlich §age, ob man mit der re-
publikanischen Partei, mit alien ihren Nuancen, regieren will oder ob
man, indera man die Manner zuriickruft, die drei- oder viermal durch
die Volkswahl abgelehnt worden sind, diesem Land eine Auflosung
androht, die der Vorbote des Krieges sein kann.
Das ist die Stimme Leon Gambettas.
Doch schon ist die neue Regierung gebildet. Es ist ein
sehr feudales Kabinett, an seiner Spitze steht der Herzog von
Broglie, die Minister sind alle Monarchisten. ,,Gestern wurden
wir behandelt wie Hunde, heute sind wir an der Macht , . .
Fangt mit dem GroBreinemachen an! Moge der Besen ein
Symbol werden!" schreibt der rechtsradikale .Pays'. Noch
dreiflig Jahre spater wird Ernest Lavisse, Frankreichs bedeu-
tendster Historiker, diese Regierung so kennzeichnen;
Das Ministerium beteuert seinen Respekt fiir *die Verfassung,
aber cs legt sie im Sinne der personlichen Macht des Prasidenten aus
und vermeidet den Namen Republik.
Bereits ani, 18. Mai erscheint das neue Kabinett vor dem
Parlament, Jedoch weder die Abgeordneten der Kammer noch
des Senats diirfen sprechen. Sie diirfen nur eine Botschaft
des Prasidenten anhoren, Danji wird das Parlament vertagt,
denn die Regierung ist sich noch nicht im klaren, fiir welchen
Zeitpunkt sie die Auflosung und damit die Neuwahlen an-
setzen soil. In der Botschaft des Marschalls heiBt es:
Ich habe mich von meinem Ministerium trennen . . . und ein neues
bilden miissen . . . Zwei Ministerien sind aufeinander gefolgt. Weder
das eine noch das andre hat eine Mehrheit fiir seine Ideen erhalten
konnen ... So weit meine Macht reicht, werde ich sie in ihrer ganzen
Tragweite gebrauchen, um mich dem zu widersetzen, was ich als den
Untergang meines Landes ansehen wiirde . . . Ich habe also die Rat-
geber wahlen miissen — das ist mein verfassungsmaBiges Recht — die,
in diesem Punkt so denken wie ich.
Die Republikaner beantworten den Angriff mit einem Ge-
genangriff , sie sind der Situation gewachsen, Nachdem sie den
Plenarsaal der Kammer, der nun fiir einen Monat geschlossen
ist, verlassen haben, treten samtliche 363 republikanischen Ab-
geordneten zu einer Vollsitzung zusammen, um einen Aufruf
zu beschlieBen.
Ein Kabinett ist ohne Diskussion abgesetzt worden, das in keiner
Abstimmung die Mehrheit verloren hat . . , Wir rufen Euch auf zu
wahlen zwischen der Politik der Reaktion und der Abenteuer . . . und
der weisen und standhaften Politik, die Ihr erstrebt . . . Die Republik
wird sich starker als je aus den Wahlurnen erheben,
Namen aus alien Lagern der Mitte und der Linken stehen
unter diesem Aufruf, der des Konservativen Thiers neben dem:
des Sozialisten Louis Blanc.
124
Einc Welle von Erregung geht durch das Land, die Repu-
blikaner, geschwacht durch so viele Kompromisse und Oppor-
tunismen, finden sich zu sich selbst zuriick. Ein Prafekt
schreibt an den Prasidenten:
Herr Marschall, ich bitte Euer Exzellenz, meine Demission von
den Funktionen anzunehmen, mit denen Sie die Gnade batten, micb zu
betrauen. Empfangen Sie, Herr Marschall, den Ausdruck der Emp-
findungen, die man einem Marschall von Frankreich schuldet, der
seinen Treueid gebrochen hat.
Oberall wachst der Widerstand gegen die Diktatur und mit
dem Widerstand die Siegeszuversicht. Gambetta, der immer
mehr zum anerkannten Fiihrer der Republikaner wird, geht
bereits aufs Ganze. ,,Es fehlt der republikanischen Partei nicht
an bedeutenden Mannern, die sehr konstitutionelle Prasiden-
ten der Republik sein wiirden", erklart er in einer Rede.
Endlich hat sich die Regierung entschlossen, die Kamraer
aufzulosen. Mit einer kleinen Mehrheit stimmt der Senat dem
Auflosungsdekret zu, Unter denen, die es ablehnen, ist Victor
Hugo.
Zum letzten Mai tritt die Kammer zusammen. Eine neue
Botschaft des Prasidenten wird verlesen. „Ich werde mich mit
Vertratien an die Nation wenden." Dann spricht der Innen-
minister de Fourton:
Der Marschall hat das notwendige Gleichgewicht wiederher-
gestellt . . . Anstatt die regelmafiige und friedliche Funktion der Ver-
fassung zu storen, hat er sie vor Euch geretfet, indem er den Radi-
kalen den Weg versperrte.
Doch es ist kein guter Tag fur- die Regierung. Als der
Minister erklart, der Marschall und die Reaktionare hatten
Frankreich nach dem ungliicklichen Krieg von der Fremdherr-
schaft befreit, zeigt ein Abgeordneter auf Thiers und^ruit:
„Hier sitzt der Befreier!" Eine endlose Ovation fur den ehe-
maligen Prasidenten der Republik, die auf diesen Zwischenruf
folgtr zwingt den Minister, seine Rede zu unterbrechen,
Dann sprechen die Fiihrer der Republikaner. Laboulaye:
Wir haben eine parlamentarische Republik geschaffen . . . Das
Staatsoberhaupt kann nicht eine einzige selbstandige Handlungj ohne
ein verantwortliches Ministerium tun, er ist Schiedsrichter der Par-
teien, er hat niemals das Recht, am Kampf teilzunehmen.
Jules Ferry:
Die Politik des Marschalls, die Politik des Kabinetts ist anti-
parlamentarisch und antikonstitutionell. Stehen wir eigentlich unter
dem Degen eines Marschalls von Frankreich oder unter der Herr-
schaft der Gesetze?
Gambetta:
Wir haben nicht nur das Recht sondern die Pflicht, von der Tri-
bune Frankreiehs zum Auslanti zu sprechen. Wir haben das Recht
und die Pflicht, jenseits der Alpen wissen zu lassen, daB, wenn durch
einen vorubergehenden Zwischenfall die Regierung Frankreiehs in
verdachtige Hande fallen kann, die Nation sie preisgeben wird . . .
Das Land wird uber uns urteilen, tiber uns und iiber Euch.
Zum letzten Mai votiert die Mehrheit der Kammer, dafi
die Regierung Broglie ,,eine Gefahr fiir die Ordnung und fur
den Frieden" ist.
3 125
Dann beginnt der Wahlkampf. Die Regierung fordert alle
Beamten auf, fiir ihre Kaadidaten, fiir „die Kandidaten des
Prasidenten" zu stimmen. Sie droht sogar den Tabaktrafi-
kanten, ihnen die Konzession zu entziehen, wenn sie sich zur
Republik bekennen, Prozesse werden gefiihrt, Zeitungen ver-
boten, republikanische Blatter werden nicht mehr von der
Eisenbahn bef ordert, an manchen Orten diirfen sie nicht auf der
StraBe verkauft werden, Der Marschall selbst reist durch das
Land und halt Reden. Ein Aufruf von ihm, in dem er be-
teuert, nicht zuriickzuweichen, wie die Wahlen auch ausfallen
werden, wird als Brief an jeden einzelnen Wahler geschickt,
Aber auch die Republikaner sind nicht mtiBig. Sie haben
beschlossen, den 363 ausscheidenden Abgeordneten keine Ge-
genkandidaten gegeniiberzustellen, und in der Tat gibt es in
jedem Wahlkreis nur einen republikanischen Kandidaten, fiir
den Einheitskomitees agitieren, Es ist, als existiere nur
noch eine einzige republikanische Partei, in der in diesem ent-
scheidenden Augenblick alle Gegensatze verschwunden sind.
Die Parole gibt ihr Gambetta, der in einer Rede in Lille er-
klart, auch der President sei nur ein Beamter, der sich dem
Willen der Mehrheit fiigen miisse. Und dann kommt das be-
kannte ,,se soumettre ou se demettre",
Wenn Frankreich seine souverane Stimme wird haben horen
lassen, dann, meine Herren, glauben Sie es, wird man sich unter-
werfen oder gehen miissen.
Am 14. Oktober, fiinf Monate nach dem Staatsstreich, fin-
den die Wahlen statt. Die Regierung gewinnt fiinfzig Man-
date. Sie ist trotzdem geschlagen. Die Republikaner haben
nach wie vor die Mehrheit.
Der Herzog von Broglie tritt zuriick, MacMahon betraut
den General de Rochebouet mit der Kabinettsbildung. Jedoch
die Kammer weigert sich, in Beziehungen zu dieser Regierung
zu treten, die ,,die Negation der Rechte der Nation und des
Parlaments" ist.
Die Kamarilla rat dem Marschall, die Kammer noch ein-
mal aufzulosen, Er zogert, am Ende wagt er es doch nicht.
Er versucht zunachst, ein Kompromil3 mit der Kammermehr-
heit zu erreichen* Da die Republikaner fest bleiben, muB* er
sich schlieBlich unterwerfen und einen Radikalen als Minister-
prasidenten berufen.
Ein Jahr noch bleibt MacMahon im Amt, ehe er still und
unauffallig verschwindet, Fortan ist' der President in Frank-
reich nicht mehr als eine representative Figur, Die Republik
hat gesiegt, weil die Republikaner einig waren.
Hitler als Erzieher von Fritz Ausiander
In der grofien kulturpolitischen Debatte des preuBischen Land-
tags am 23. und 24. Juni wurde namentlich von den Rednern
der Sozialdemokratie und des Zentrums wiederholt festgestellt;
daB die Sprecher der Nationalsozialisten, Doktor Haupt und
Pfarrer Peperkorn, keineswegs klar und konkret darlegten»
was die nationalsozialistische Partei, die sich zur Obernahme
der Regierungsgewalt fiir fahig und geriistet erklart, auf dem.
126
Gcbiet der Erziehung und Schule zu tun gedcnkc. In dcr Tat
blieb bei bciden Nazi-Rcdnern und auch bei dem friiheren
Zentrumsmanne Doktor Stadtlcr, der zwar noch bei den
Deutschnationalen sitzt, aber von einem echten Hitlerjiinger
auch nicht mit der Lupe mehr zu unterscheiden ist, alles in
den sogenannten ,,groBen Linien" stecken. Ja, man erfuhr, die
Herren hatten, im AusschuB hart bedrangt, erklart, sie diirften
nicht alles sagen, was sie, im Besitz der Macht, zu tun ge-
dachten. GewiB liegt da der Verdacht nahe, daB durch be-
sonderen Larm an der Kulturfront von den entscheidenden
wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten abgelenkt
werden soil, die eine deutsche und preuBische Hitlerregierung
zu bestehen hatte. Immerhin, was an andren Stellen zu den
Fragen der Erziehung und Schule von nationalsozialistischer
Seite vorgebracht worden ist, gibt ein geniigend klares Bild,
und es ist Sache der Antifascisten, ihrerseits auch an diesem
Frontabschnitt Alarm zu schlagen.
Hans Schemm, von Hitler selbst bestellter Obmann fiir
Lehrer- und Schulfragen, hat in vier Begriffen das Leitmotiv
der nationalsozialistischen Erziehung aufgestellt: Rasse, Fiih-
rer, Wehr, Religion. In der Tat, in diesem Vierklang hat man
Hitler als Erzieher!
Hitler selbst hat den Rassebegriff als nationalsozialisti-
sches Hauptprinzip auch fiir die Erziehung und Schule heraus-
gestellt, In ,,Mein Kampf" heifit es programmatisch:
Die gesamte Bildungs- und Erziehungsarbeit des volki-
schen Staates muB ihre Kronung darin finden, daB sie den
Rassesinn und das Rassegefiihl instinkt- und verstandesmaBig
in Herz und Gehirn der ihr anvertrauten Jugend hineinbrennt.
Es soil kein Knabe und kein Madchen die Schule verlassen,
ohne zur letzten1 Erkenntnis iiber die Notwendigkeit und das
Wesen der Blutreinheit gefiihrt worden zu sein.
Nach dieser Anweisung des ,,Fuhrers" stellen alle Nazi-
padagogen (Schemm, Usadel, Starke, Scharrelmann, Severus,
Ziegler, Krieck) das Rasseprinzip an die Spitze, leider ohne
bislang konkret aufzuzeigen, wie man Schulkinder in das We-
sen der Blutreinheit einfiihrt. Welche Verwiistung durch
Ztichtung des Rassediinkels bei den Kindern des ,,nordischen
Typs", durch Erzeugung von Minderwertigkeitskomplexen bei
alien Kindern ,,schlechter Rasse" ein Unterricht und eine Er-
ziehung nach solchem Grundprinzip anrichten wurde, sollte
sich jeder Erzieher einraal klarmachen. Die Antisemiten-
hetze an hoheren Schulen hat schon stille und offene Trago-
dien genug gebracht,
Der braunschweigische Minister Klagges will sogar als
einziges Differenzierungsmerkmal der Schulen die Rasse an-
gewandt wissen. Ernst Krieck, nunmehr durch sein Buch
,,Nationalpolitische Erziehung" (Armanen-Verlag, Leipzig 1932)
zum offenen Nazi-Padagogen geworden, erklart, daB die
nationalsozialistischen „Methpden und Zuchtformen" nur bei
Menschen von ,,entsprechenden Rassewerten" voll wirksam
werden konnen. Im Durchschnitt werden also die Kinder nor-
dischen Typs in einem nationalsozialistischen Schulsystem
auch als Schiiler besser abschneiden. Endlich soil auch die
Stoffauswahl nach „rassischen Werten" erfolgen. Die Lehrer
127
mogen sich ausmalen, wie der Unterricht aussahe, wenn das
achte der von dem auf seine alten Tage kindisch gewordenen
Lehrer Heinrich Scharrelmann aufgestellfen zehn Gebote fur
den nationalsozialistischen Lehrer galte {.Nationalsozialistische
Lehrerzeitung' Nov./Dez.-Heft 1931):
Zeige dem Kinde an immer neuen Beispielen, daB arisches
Blut das einzigste (!) ist, das Kultur schafft.
Betont muB werden: Es handelt sich stets um praktische
,,nationalpolitische Erziehung". Wenn etwa nach Prof. Plates
Lehre auf den Schulen Sozialpolitik gelehrt wiirde, so hieBe
das praktisch, da nach dieser Lehre das Proletariat mit Aus-
nahme einer kleineii Oberschicht schlechte Rasse ist; Ersatz
der sozialen Frage, der Klassenfrage durch die Rassenfrage.
,,Die gesamte Revolution*', so schreibt Krieck, ,,ist der Kampf
der innerdeutschen Rassengegensatze um Vorherrschaft der
einen Rasse iiber die andere, wobei die innern Gegensatze
steta Riickhalt an aufieren Rasseeinflussen — romanischen, jii-
dischen und andren — finden", wie ja auch nach Hitler (,,Mein
Kampf", S. 475) die groBe Frage, um die sich alles dreht, die
istt ,,ob die/ groBe Umwalzung zum Heil der arischen Mensch-
heit oder zum Nutzen des ewigen Juden ausschlagt." Daraus
ergibt sich die Pflicht, die heranwachsende Jugend zur Aus-
rottung des ^Untermenschentums" zu erziehen,
Fiir die AuBenpolitik aber ist das den gesamten Unterricht
durchziehende Leitmotiv die Gewinnung von Lebensraum fiir
die bessere, die germanisch-nordische Rasse, So begriindet der
Reichstagsabgeordnete Studienrat Usadel die Notwendigkeit
russischen Unterrichts folgendermaBen: „Nach dem Osten haben
wir uns volkisch zu entwickeln; daher ist es notwendig, ihn
kennen zu lernen, um in ihm FuB fassen zu konnen" (No-
vember-Heft 1930 der Nationalsozialistischen Monatshefte).
Also direkte Einstellung des Schulunterrichts auf den Krieg
gegen die Sowjetunion! Genau so heiBt es in der ,,Deutschen
Geschichte" von Konrad MaB (MNationalsozialistische Biblio-
thek", Heft 24, S, 201), die iiberhaupt als Musterbeispiel dafur
zu gelten hat, was man in nationalsozialistischen Schulen den
Schiiiern vorsetzen wiirde: „Im Osten ist Land, gutes Land in
Fiille. Es zu erwerben muB unser Ziel sein." Und! dann wird
moralisch begriindet, daB der Russe es nicht anders verdient,
weil er — den Juden zur Herrschaft hat gelangen lassen!
,,Brechen wir diese Herrschaft — und das ist nur moglich
durch restlose Besiegung des Bolschewismus — , so bricht der
heutige russische Staat zusammen und macht die Bahn frei fiir
unser Ziel, dessen Verfolgung uns die heilige Pflicht der na-
tionalen Selbsterhaltung auferlegt.
Was das Fiihrerprinzip anlangt, so handelt es sich dabei
nicht nur um den groBen Adolf, dessen Selbstbiographie in
fascistischen Kreisen heute bereits das beliebteste Konfirma-
tionsgeschenk ist. Dieses Fiihrertum wurzelt durchaus .im
Mystischen und tritt daher mit dem unbedingten Anspruch des
Gehorsams auf. Noch wichtiger aber ist dies: Wie Mussolini
die Weiterexistenz des Fascismus geradezu auf die Ziichtung
einer Elite {Balila- und Avangardisten-Organisation) gestellt
hat, so erstrebt auch der deutsche Nationalfascismus die Auf-
zucht einer volkischen Ausleseschar. Dies Prinzip wird vor-
128
laufig mit Riicksicht aul die Massenpropaganda vor der Macht-
ergreifung noch zuriickgestellt. Bei Ernst Krieck tritt es jedoch
bereits mit aller wunschenswerten Klarhcit hervor:
Das Kerns tuck des volkischen Gesamtstaates wird eine
politisch-wehrhafte Ausleseschicht sein, die sich in fest ge-
schlossener Ordnung und Zucht quer iiber das ganze Volkstum
hinweg erhebt als der eigentliche Tracer des Staates, der
Former des politischen Willens im Ganzen, als Reprasentant der
politischen Einheit und Organ der politischen Macht (a. a. O.
S. 83).
Dicser Typus des neuen Herrenmenschen soil in den ncben
der Schule herlaufenden Jugendbiinden geziichtet werden. Der
Aufstieg in die Ausleseschicht ist das eigentliche Ziel der Er-
ziehung im Jugendbund. Sie ist eine ,,Gefolgschaft des Fiihrers
mit eigenen Gesetzen . . , Es ist die Gruppe, in der sich die
politische Wehr, die politische Macht und Aufgabe ihr eigenes
Organ schafft."
Hier klafft also ganz deutlich der fascistische Staat in die
beherrschte Masse und die ,, politische staatstragende Ober-
schicht" auseinander.
Selbstverstandlich aber gilt das Prinzip der Wehrerziehung
fiir die ganze breite Masse. Nach Professor Stark (,,Nationale Er-
ziehung", Verlag; Fr. Eher, Miinchen)- sollen die Schiilerbiinde
der SA nachgebildet werden. Schon auf der Schule wird
(Usadel u. a.) Sport und Turnen als Vorform des spatern Wehr-
dienstes getrieben. Und Krieck faBt zusammen:
Wahrscheinlich ist der Jugendbund zu iiberhonen mit
einer Militar- und- Arbeitsdienstzeit auf Grund der allgemeinen
Wehr- und Arbeitspflicht, denen groBte erzieherische Aufgaben
im Volkstum zukommen.
Konsequenterweise werden in diesem Staat, in dem eine
volkische Herrenkaste iiber die Helotenmasse der Arbeits-
sklaven und Soldnerhaufen gebietet, die Madchen und Frauen,
wie Krieck sagt, ,,aus der offentlichen Lebenssphare in Privat-
kreis und Familie" gefiihrt. Die Trennung der Geschlechter in
den Schulen soil sogar, nach dem biedern Herrn Usadel, dahin
verscharft werden, da8 Madchen nur von Frauen, Knaben nur
von Mannern unterrichtet werden,
DaB zur Verschleierung des dreisten Ausbeutungs- und
Unterdriickungscharakters eines solchen Systems die Religion
nicht fehlen darf, liegt auf der Hand. Vielmehr, dies System
schreit geradezu nach einer mystisch-religiosen Oberhohung-
Es geniigt noch nicht, daB „der Fiihrer" sich selbst als gott-
gesendet verkiindet, daB christliche Pastoren, wie immer, wo
eine Knute geschwungen wird, bereitstehen, ihr die religiose
Weihe zu geben, man sucht bereits, wie Alfred Rosenberg in
seinem ,,Mythos des 20. Jahrhunderts", nach einem neuen Glau-
ben, etwa so; ,,Das nordische Blut stellt jenes Mysterium dar,
welches die alten Sakramente ersetzt und iiberwunden hat."
Das ist nattirlich aufgelegte Ketzerei, ebenso wie Herrn Doktor
Haupts Sehnsucht nach „Naturreligion" oder Rosenbergs
These, daB ,, nicht das Christentum dem Germanentum Gesittung
gebracht hat sondern umgekehrt diesem seine dauernden Werte
verdankt/'
129
Indes, keinc Bange! Hitler braucht die Kirchen, wie sie
heute sind und wie sie der Kapitalismus braucht. Die Extra-
vaganzen eines Rosenberg dienen nur dem Zentrum heute da-
zu, sich als politische Vertretung der katholischen Kirche gegen
die Koalition mit Hitler zu sperren. In Wahrheit ist hinsicht-
lich der Schule der Pakt, zum mindesten mit der evangelischen
Kirche, bereits geschlossen: Hitler, der stets positiv christlich
war, wie es ja auch im Parteiprogramm fur die ganze Be-
wegung; stent, laBt es bei der konfessionellen Spaltung bewen-
den. Auch ein Stuck Verrat aus Opportunismus: Die national-
fascistische Einheitsschule, von der ein Teil der fascistischen
Lehrerschaft traumt, ist bereits geopfert. Die geistliche Schul-
aufsicht wirft bereits ihren Schatten deutlich uber die Schule.
wie namentlich der kommunistische Abgeordnete Wecker fest-
stellte. Selbstverstandlich fallen die weltlichen Schulen (wie in
Braunschweig) und mit ihnen die dissidentischen Lehrer. Wieder
kennzeichnet Krieck am besten die Situation:
Einer Verstarkung des ■ Einflusses der Kirchen und ihrer
weltanschaulichen Sonderaufgaben wird in dem Augenblicke
kein wesentliches Hindernis mehr im Wege stehen, wo . . . die
Religion volkisch ausgerichtet, die Kirche sich als Volksglied
weiB und auf ihre Weise dem Volksganzen dient.
Von der ,,volkischen Ausrichtung" der Religion im Dritten
Reich aber gab es einen Vorgeschmack in jenen Morgen-
gebeten, die der Minister Frick in den Thiiringer Schulen ein-
ftihrte.
Diese Gesamtkonzeption, die auf der Eliminierung der
Kategorien Klasse, Klassensoheidung, Klassenkampf beruht,
zeigt nun eine hochst bedeutsame und charakteristische Dis-
krepanz zu der Konzeption, die dem ,,unveranderlichen" Par-
teiprogramm der NSDAP vom Jahre 1920 zugrunde liegt.
Nach. Punkt 20 soil jedem ,,fahigen und fleiBigen" Deutschen
durch Erreichen ,,h6herer Bildung" das ,,Einriicken in fiih-
rende Stellungen" ermoglicht werden; der Staat soil fiir einen
grundlichen ,,Ausbau" des Volksbildungswesens Sorge tragen,
Kinder „normaler Eltern" sollen ohne Riicksicht auf deren
Stand oder Beruf auf Staatskosten ausgebildet werden, die
Lehrplane sollen dem 1fpraktischen Leben" angepaBt werden.
Das ist gut und harmlos kleinburgerlich-reformistisch und
mutet an wie — aus der Weimarer Verfassung abgeschrieben!
In der Schrumpfungsperiode der kapitalistischen Wirt-
schaft ist damit natiirlich nichts mehr anzufangen. Die Aus-
merzung der proletarischen Elemente aus dem hoheren Schul-
wesen steht, auf der Tagesordnung. Und die Naziminister
Frick in Thiiringen, Klagges und Franzen in Braunschweig
marschieren an der Spitze des brutalen Schulabbaus als ge-
horsame Trabanten der Spardiktatur. Zu dem militarischen
Drill, der Pflege der volkischen Instinkte und fiir Kriecks
„Zuchtformen" bedarf es natiirlich keines kostspieligen Bil-
dungsapparats, Und iiber die Ausbildung der ,,Elite" — wird
man spater reden. Das bedeutet: Der Kleinbiirger Hitler hat in
Theorie und Praxis auch sein Schulprogramm langst im Dienste
des Finanzkapitals preisgegeben.
130
Urid noch eins: Krieck und die anderen vermeiden jedc
Auseinandersetzung mit dem Schul- und Erziehungswesen der
Sowjetunion. Vorsichtigerweise! Denn hier stoBen die Pseudo-
vertreter einer ,,organischen" Staats- und GesellschaftsamS
fassung auf das Entstehen einer neuen wanrhaft organischen
Erziehungs- und Schulform, die auf Grund einer in der Struk-
tur veranderten Wirtschafts- und Gesellschaftsform erwachst:
Die einheitliche weltliche Arbeitsschule, deren Hauptmerkmale
die polytechnische Erziehung durch Verbindung der Schule
mit den Auf gab en des sozialistischen Aufbaus ist Auf gab e
des Nationalsozialismus aber ist esf die Lebensdauer des Ka-
pitalismus kiinstlich mit alien Mitteln des Betrugs und der
Gewalt zu verlangern. Das driickt auch ihren Erziehungs- und
Schulf orderungen den Stempel. auf.
Jugend bei uns und in Rufiland Axei Eggebrecht
F Jnser diensthabender Klassiker hat sich dahing,ehend ge~
auBert: Jugend sei Trunkenheit ohne Wein.
Sieht man sich daraufhin idie Jugend in Deutschland an,
insbesondere die viel umworbene Jungwahlerschaft, so muB
man ihm wohl recht geben. Sicbtbar hat die allgemeine Trun-
kenheit den Grad gel" ahr lichen Torkelns angenommen.
Wer dariiber jammert, vergesse nicht, was alles ein Jahr-
zehnt lang an blinder Jugendverherrlichung getrieben word'en
ist. Im Kriege war mit jungen Leben so verschwenderisch um-
gegangen word en, daB nachher der junge Mensch schlechthin
als ein Wunder gait. Jungsein an sich wurd'e zu einem Wert*
Wir erlebten die Inflation d'er kindlichen Primitivitat. auf alien
Gebieten/. Baby war der Kosename der Zeit. Junge Schieber
waren die besten Schieber. All'e jungen Dichter waren Wun-
derkinder.
In solcher larmenden Verherrlichung versuchte die mude,
bose, verzweifelte Welt sich noch einmal auf jung zu schmin-
ken. Die Verkalkten aller Lander warfen sich den Minder-
jahrigen an die Brust.
Heute sind die politischen Folgen dieser falschen Trun-
kenheit iiberall deutlich, Mit der millionenmal wiederholten
Giovinezza-Hymne Mussolinis fing es an; bei zwolf Millionen
Naziwahlern halten wir jetzt.
Wenn auch wir einmal von Rassebiologie, von den belieb-
ten tiefern Zusammenhangen des Blutes sprechen diirfen, so
mochte ich vermuten, daB hinter solcher Anbetung des Kind1-
lich-Kindischen ein dunkles Schuldgefiihl steckt. Die euro-
paischen Volker ahnen verangstigt ihre * Uberalterung, ihre
Vergreisung voraus. Und die Statistiken geben diesem Min-
derwertigkeitsgefiihl der Kriegsgenerationen recht, das sich in
den allzu forschen Gesten munterer Jugendlichkeit iiber-
schlagt.
Die Diagnose unseres Jugendrausches lautet auf Euphorie.
In RuBland aber sind von 160 Millionen Sowjetburgern
100 Millionen jiinger als funfund'zwanzig Jahre. Und jahrlich
werden funfeinhalb Millionen geboren. Zwei Drittel der Na-
131
tion haban die vorrevolutionare Zeit nicht mehr crlebt. Sic
kennen den Kapitalismus nur noch als einen historischen Be-
griff, so wie wir von Napoleon wissen oder von Bismarck.
Sie konnen sich den Zustand der iibrigen Welt nicht einmal
mehr vorstellen, Sie wissen nur: Damals, in grauer Vorzeit,
war die Erde wiist und schlimm. Damn kamen Marx und
Lenin, schieden das Feste vom Briichigen, das Gute vom Bo-
sen, schufen die Welt der arbeitenden, gleichen Menschen,
die jetzt -die letzten Riesenschritte zum Zustande dauernden
Gliickes tut.
Dieser Gliaube an das Richtige, das durchaus Gute, an
die Moglichkeit allgemeiner Vollendung ist ungemein jugend-
lich. Er allein wiirde noch, keinen grundsatzlichen und un-
iiberbruckbaren Unterschied zu uns bedeoiten, wenn er nur
verkiindet, nur von oben, von den Alten gelehrt wiirde, Aber
schon lebt RuBland nicht mehr fur seine Jugend sondern in
ihr und' durch sie. Schon bestimmt sie den Gang, des Lebens,
der Arbeit, der Politik selbst. Die Jungen sind eingeriickt in
die Reihen der Fiihrer. Es wirdl uberall systematisch verjungt,
Der Fiinfziger Stalin wirkt mehr oind mehr als ein Veteran.
AUe RuBlandberichte, die gegnerischen wie die begeister-
ten, schild'ern uns ubereinstimmend die angespannte Hochstim-
rnung,, das Pathos, die Glaubigkeit, den Heroismus des freiwil-
ligen Verzichts, den allgemeinen Rausch der Hoffnung und Zu-
versicht. Das alles sind ausgesprochen jugendliche Stimmun-
gen. In ihnen steckt das sieghafte BewuBtsein: Unser die
Zukunit, Wir Zwanzigjahrigen werden noch selbst das unend-
liche Gliick erleben. Lenin war Moses, durfte das gelobte Land
nur schauen; wir werden es hewohnen.
So ist, nach zwei Jahrzehnten unsaglicher Opfer, nach
Kriegen, Mord, Hunger, Unterernahrung, RuBland das un-
bedingte Reich der Jugend geworden,
t)ber dieses Wunder hat jetzt einer ein kleines, aber sehr
wichtiges Buch geschrieben: „Die Jugend in SowjetruBland"
(S. Fischer Verlag). Er heiBt Klaus Mehnert. Ist Mitte Zwan-
zig. In Moskau aufgewachsen. Deutschrusse mit zwei Mutter-
sprachen. Kriegsfluchtling. Jetzt Sekretar der von Hoetzsch
geleiteten- Gesellschaft zum Studium Osteuropas. Redakteur
der wissenschaftlich-kritischen, durch ihre Reichhaltigkeit aus-
gezeichneten Monatshefte ,Osteuropa\
Jahrlich verbringt Mehnert ein paar Monate in RuBland.
Ober diese Reisen macht er nebenbei ein paar Bemerkungen;
sie sind, wie alles Personliche in diesem Buch, ungemein sym-
pathised und unterstreichen die Glaubhaitigkeit des Autors.
Stets reist er als unauffalliger Durchschnittspassagier. Wohnt
bei Kameraden, Komsomolzen; ist mit vielen von ihnen gut
Freund. Kennt Fabriken, Wohnkommunen, Staatsgiiter durch
Teitnahme an den taglichen Aufgaben. Also: das Gegenstiick
zu den iiblichen RuBlandreisenden und wohlinformierteni Kor-
respondenten. (Hans Siemsen machte eine ruhmliche Ausnahme,
ohne natiirlich die gleichen Informationsmoglichkeiten zu
haben.)
Dabei ist nun dieser Klaus Mehnert ein gariz zweifellos
,,rechts eingestellter" Mann. Vielleicht, wenn man aus gewis-
132
sen AuBerungeai tiber Deutschland schlieBen darf, ein soge-
nannter nbundischer Typ". Auf alle Falle ein ganz und gar
unverdach tiger Zeuge. Wer ihm nicht glauibt, muB als bos-
willig gelten.
Was erfahren wir von ihm? Zunachst und vor allem den
ungeheueren Unterschiedi zwischen dem Jungsein, bei uns und
in RuBland. Hier — Plage, UngewiBheit, Aussicht auf arbeits-
lose Jahre, auf ein leerlaufendes Leben. Dort — Zuversicht,,
Anspannung, die echte jugendlichc Aktivitat ernes kampferi-
schen Zeitalters. Die railitanten Bediirfnisse junger Mensehen,
bei uns in diistere Blutromantik verdrangt, werden driiben in
den Kampfen um den GroBen Plan, an den nGefechtsfronten"t
aiif den ,,Kommandoh6hen", in den Wettbewerben des soziali-
stischen Aufbaus sinnvoll eingesetzt. In mannigfachen Episo-
d'en berichtet Mehnert von diesem Heroismus. Er bringt Bei-
spiele eines mitre iBenden, oft genug physischen ridden turns
der industriellen StoBbrigaden. Trunkenheit ohne We in . . .
Zutiefst packt ihn die Selbstverstandlichlceit, mit der das
unbedingte Gemeinschaftsgefuhl immer neuen Ausdruck sucht.
Vorsichtig, mit dem anstandigen, staunenden Lacheln ' des
AuBenstehenden, beobachtet er die Versuche, neue Formen
des Zusammenlebens zu s chaff en. Er s child ert, wie in den
Kommunen der Komsomolzen die sexuellen Fragen, die Frage
des Kindes, nicht mehf durch gewaltsame Experimente son-
dern in sicherem, bewuBt gefordertem Wachstum geklart wer-
den. Vor allem aber raumt er mit der bidden, noch immer
nicht verschwundenen Fab el auf, all das sei doch nur Folge
eines blindwutigen Terrors, der friiher oder spater elend zu-
sammenbrechen miisse; gar nichts, so sagt er, sei mit der vie!
zitierten Leidensfahigkeit des Russen erklart; nicht passiver
Gehorsam — aktiver Einsatz aliein mache das schon Erreichte*
das bald zu Erreichende denkbar.
Manchmal spiirt man, wie ihn, den westlichen Menschen
einer andern Welt, an die er immer noch glauben mochte, vor
den Anstrengungen dieser rastlosen, siegreichen Jugend die
Scham anpackt. So etwa, wetui er schildert, wie in der Pol-
sterklasse des sibirischen ExpreBzuges lauter Europaer mit
Wallace- und Ullsteinbanden sitzen; die Russen in der Holz*
klasse studieren durchweg technische oder landwirtschaftliche
Lehrbucher, Broschiiren, Protokolle. Das ganze Land ahnelt
oft einer riesigen Schule,
Die Kommunisten haben Mehnert sogleich seine mangelnde
Konsequenz vorgeworfen. Tatsachlich vermeidet er es, aus
seinen russischen Erlebnissen entscheidende Folgerungen fur
uns zu ziehen. Niemand wird von ihm Propaganda fur ein so-
fort zu errichtendes Sowjetdeutschland er war ten. Aber sein
SchluBkapitel ist dock betriiblich mager ausgefalien. Er be-
gniigt sich damit, der deutschen Jugend RuBland als Beispiel
hinzustellen, dem man nacheifern, das man aber keinesfalls
nachahmen miisse. Und nach so eindringlichen Erfahrungen
im Lande des soziaiistischen Aufbaus fordert er mit bedenk-
licher Dringlichkeit eine deutsche Einheitsfront der ,tArbeiter,
Burger und Bauern".
133
Diese verworrene Haltung macht zwar, so scheint es mir,
•semen Bericht nachtragiich doppelt glaubwtirdig. Der auf-
merksame Leser kann und mu8 seine Schliisse daraus selbst
ziehen.
Aber daB selbst ein so redlicher, so; mutiger Beobachter,
ein Mann mit offenen Augen und) einem unverdorbenen Her-
.zen, ein unzweideutig junger Mensch, daB selbst dieser Kron-
zeug-e d'es siegreichen neuen Lebens in RuBland fur unser
Elend nicht mehr als ein paar unverbindliche Bemerkungen
hat: Das allerdings macht es schwer, auf unsre Jugend auch
nur schwache Hoffnungen zu setzen,
Der Ffihf er von A. 1W Frey
P s fing damit an, daB er in der Volksschule erkannte, wie
leicht andre zu kommandieren seien, AnlaBlich des Aui-
baues eines Schneemannes entdeckte er seine Fahigkeiten
— die in Wahrheit die Fahigkeiten der andern waren. Er
stand' im Schulhof und verspiirte wenig Lust, sich viel zu bnk-
ken und rote, nasse und kalte Hande zu bekommen. Mitzu-
machen trieb es ihn aber, er wollte keinesfalls ausgeschaltet
sein - — o ganz im Gegenieil, er wollte sich so einschalten in
den Gang der Handlungen, die in diesem Fall nur auf einen
Schneemann abzielten, daB er schlieBlich vom Ergebnis em-
porgehoben wiirde, distanziert gegen die andern und in irgend-
einer Weise gezeichnet und ausgezeichnet,
Er sah sofort, was die, andern nicht sahen oder nicht sehen
wollten: daB nicht alle gleichzeitig am Schneemann bauen
konnten, Einige muBten das notwendige Material herbeischaf-
fen — und er beorderte sie dazu, Sie gaben dem Druck sei-
ner bestimmt herausgestoBenen Worte zogernd nach, aber als
sie erst einmal angefangen hatten, sich keuchend mit dem
Heranrollen von Schneeklumpen zu befassen, *empfanden sie
alsbald ihre Arbeit als die fur sie gegebene, Er entdeckte:
dies seien die wahren Kulis und die zuverlassigen. Die an-
dern, die in gehobcner Position am Schneemann selber werk-
ten, neigten viel eher zu Meutereien. Wenn er befahl, daB die
Basis breiter, der ganze Rumpf hoher werden miisse, so maul-
ten sie: er solle doch eigenhandig mehr Schnee aufmauern.
Aber er wies sie zurecht: einer miisse da sein, der nicht als
Glied in der Kette iungiere sondern das Ganze standig iiber-
blicke. Sein starkster Widersacher war ein wohl kiinstlerisch
Veranlagter, er gab dem Schneemann die Ietzte Form und hatte
auf Ermahnungen wie „Die Brust gewolbterl", „Den rechten
Arm kraftiger!" nur hingebrummte Entgegnungen, die unver-
standen und' unwichtig blieben, Unwichtig fur beide Teite,
weil der am Schneemann Forniende nur irgend etwas geauBert
hatte, um moglichst unbehelligt weiterschaffen zu konnen, und
weil den Andern Einwande iiberhaupt nioht beschaftigen konn-
ten. sondern bloB der Trieb, sich geradesten Weges durchzu-
setzen, Er setzte sich durch, nicht nur damit, daB er sich
iiber Vieles hinwegsetzte, sondern zum SchluB mit Hilfe eines
geschickten Akzentes, den er seiner im Grunde niohtstueri-
schen Rolle zu geben wuBte. Wahrend die andern arbeiteten,
hatte er im Winkel des Hofes einen ausgedienten emaillier-
134
ten Koohtopf erspaht. Und wie nun der Schadel des Marines
i ertig . gemodelt war und allc sich verschnaufcn wollten, da
holte er mit wirksaomer Gebarde den hinter scinem Riicken
versteckt gehaltenen blauen Hafen hervor und setzte ihn flink
auf das weiBe Haupt. Er hatte nicht nur den Jubel derer fiir
sich, die auf seinen Befehl muhselig Schnee hatteri herbei-
schaffen miissen — • es lachelten sogar die widerspenstigen
Lippen seines halben Gegners in iiberrumpelter Wertschatzung.
Zehn Jahre spater, als er immer noch reichlich jung war,
kam ihm durch ein Geschehnis seine Eignung zum Fuhrer erst
richtig ins BewuBtsein,
Wieder war es Winter, und ein schweres Fuhrwerk war
an einer StraBenbiegung in zusammengeschobenen Schnee-
haufen stecken geblieben. Die Passivitat der Menge, die sich
bestenfalls zu einer anspruchslosen Schaulnst aufrafft, dann
aber'zah und schlafrig und zufriederi in ihr verharrt — diese
trage Anteilnahme hatte auch hier binnen kurzem einen Kreis
von Passanten vereinigt, der die Hande in den Taschen und
die Augen ziemlich verstandnislos auE die Bemuhungen um den
unbeweglichen Wagen gerichtet hielt. Alle warteten geduldig
ab, wie es weitergehen werde; auch er, der nachmalige Fuh-
rer, wartete vorlaufig. Er sah den Fuhrm-ann sich in die Zugel
der machtigen Pferde hangen und horte ihn, der bereits eine
weinerlich-wutende Stimme hatte, t,Hua-hu!" schreien. Er
sah den Begleiter des Fuhrmanns aus der Umgebung der fest-
gefahrenen Rader mit den Handen Schnee entfernen, aber die
Schneehauichen, die auf diese armselige Weise beseitigt wur-
den, spielten keine Rolle fiir die Freilegung des Weges. Zudem
rutschte in die ausgehobenen Locher schnell von neuem hem-
mendes Material nach. Die Pferde, die deutlich merkten, wie
die Rader nach wie vor festgerammt waren, machten gar nicht
mehr den Versuch, sich in die Strange zu legen, der Fuhr-
mann riB immer aussichtsloser an den Ziigeln, schrie immer
schriller; der zu den' Radern Gebiickte grub immer hastiger
kleine Mulden, die sich gleich wieder fullten.
Da griff er ein. Er nahm einem Schneeschipper in der
hintersten Reihe der Gaffer die Schaufel und reichte sie dem,
der bisher mit seinen Handen das biBchen Schnee beiseite ge-
kratzt hatte.
Er tat gut daran, das Instrument weiterzugeben und sich
nicht selbst mit ihm zu versuchen, denn er hatte keinerlei Er-
fahrung und Obung im Gebrauch von Schaufeln, Im Gebrauch
der Rede hatte er bereits einige Obung. Er war Tapezierer
geworden, muBte der Kundschaft den Fall von Vorhangen,
muBte ihnen Raffungen und geschmackvolle Anordnung von
Stoffen und Tapeten mundgerecht machen, er war in seinem
Verein erste Stimme und rhetorische Kraft — und so begann
er nun auch hier zu reden, schon wahrend er die Schaufel dem
einen nahm und dem andern gab.
Die Leute horchten auf. Es fesselte sie weniger das, was
er sagte, als daB xiberhaupt einer etwas sagte, und zwar un-
unterbrochen, unterstrichen und befehlerisch. _
Der Fuhrmann erschrak beinahe iiber den Wortschwall, er
glaubte wohl, Schutzmannschaft wolle eingreifen; die aber war
135
weit. Er lieB fur cinen Augenblick die Ziigel fahren und die
Arme hangen.
Aus der hangenden Hand nahm jener die Peitsche, und als
er sie hatie, erklarte erf wahrend er sie leicht und fast an-
mutig in die Hohe hob, mit einer tonenden Stimime: nun nviifl-
ten alle anpacken. Auf den letzten Mann kame es an! Er
blickte mit schauspielerhaft drohendem Gesicht in die Runde.
Es kamen zwar nicht alle bis zum letzten Mann, aber es losten
sich rasch einige aus dem Gafferkreis, hinter ihnen her schrit-
ten unsicher, dennoch widerstandslos mitgezogen, viele.
Er verteilte sie zu beiden Seiten des Wagens, an die Vor-
derrader, an die Hinterrader, an die breite Riickseite des Last-
fuhrwerkes. Er rief, sie sollten auf ein von ihm gegebenes
Zeichen sich an- und drauflosstemmen, sich in die Speichen
le,gen. Er selber wuBte nicht, wie man sich in die Speichen
legt, er verlieB sich draui, daB jene es wuBten.
Er hielt sich ganz hinten, dort, wo der Fuhrer eben am
besten die gesamte Lage uberblickt. Er gab das Zeichen nicht
mit der Peitsche, er hatte nie gelernt, mit einer Peitsche zu
knallen, immerhin fuohtelte er mit ihr herum. Sie bedrohte
jetzt kaum noch die Pferde, wohl aber die arbeitsbereiten
Manner. Sie lieBen es sich gefallen, sie waren ohne Erorte-
rungen ein vers tanden; sohon regierte eine Art Gott.
Er gab das Zeichen zur allgemeinen Kraftaufwendung in
einem ungeformten Ruf, Jeder konnte aus dem Ruf heraus-
horen, was zu horen er Neigun,g hatte: etwas Ermunterndest
etwas Brutales, etwas Kameradschaftliches, etwas Knechtendes.
Jedcnialls setzte der bisher wie angenagelte Wagen sich
in Bewegung. Einer von denen, die an den Speichen beschaf-
ti,gt w^aren, rutschte aus und fiel. Er fiel in die Radspur und
entging mit knapper Not dem Schicksal, zerquetscht zu
werden,
Der Fuhrer sah hin — voll Sorge, das Ganze konne wie-
der ins Stocken geraten. Er schrie zornig: ,,Weg mit dem da!'-
Sie rissen ihn beiseite und empfanden in erschreckter Bewun-
derungf daB es weniger um ein Menschenleben gegangen war
als urn die Wichtigkeit, nicht mehr aufgehalten zu werden.
In der Tat, sie kamen eindeutig in Schwung. Der Fuhrer
erkannte es und spritzte von der Wagenriickseite an die Tete
des Unternehmens. Er schwang die Peitsche, er tanzte den
Rossen voraus, aber mit dem Gesicht und dem ganzen Korper
ihnen zugewendet, er gin^g vorwarts, indem er riickwarts ging,
Er schrie mehrnials: ,,Hierher, weiter, weiter, hierher!"
Es gab gar keinen andern Weg als den, den er lief und
zeigte. Das wuBte der Fuhrmann, das hatten alle wissen kon-
nen: um die StraBenbiegung ging es immer der StraBe nach*
Es ging also, das sah man jetzt, es ging in der Tat, jedoch
vorerst machte man Halt. Die rauchenden Pferde tauchten
mit den Halsen auf v und nieder iund stieBen Dampf durch die
Niistern, der Fuhrmann und die, welche an den dicken Radern
geschuftet hatten, wischten sich den SchweiB aus den Ge-
siohtern.
Aber alle lachelten, diimmlich in der Erschopfung, dem
Fuhrer zu, der mit Ab stand zurucklachelte. Er gab dem Fuhr-
136
mann die Peitsche und sorgte dafiir, daB dcr Schnceschipper
die Schaufel wieder bekam. Dann verlieB er den Schauplatz,
iiber dem etwas in der Luft lag wie von ungeborenen Hoch-
rufen auf ihn.
Er dachte wahrend seines Weges daran, wie verlockend
es ware, dafiir zu sorgen, daB solche Hochrufe eines Tages ge-
boren wiirden. Er fing an, die Menschen hamisch zu betraoh-
ten. Er fing an, umfassender zu spiiren, wie bereit sie waren,
auch auf eine unwissende Stimme zu horen, wenn sie es nur
verstand, SicKerheit und Sachkenntnis vorzutauschen. Er fing
an, die Objekte, die seinen Aufstieg ermoglichen konnten,
Uebevoll zu verachten. Er beschloB, in die Bahn des Politikers
einzubie;gen — nicht anders, als er mit dem Lastwagen und
den schiebenden Mannern in jene StraBe eingebogen war.
Kiinstliche Defloration? von Elisabeth Mintei
T Tnter den verschiedenartigen, zumeist von Mannern verfafiten
^ Briefen, die der .Weltbiihne' anlafilich des Aufsatzes iiber „Kiinst-
liche Defloration" von Bernhard Stapel (in Nummer 27) zugingen und
die mir von der Redaktion zur Durchsicht gegeben wurden, ,,damit
auch eine Frau zu Worte korame", schienen mir am bedeutsamsten
die Auslassungen eines Herrn, der aus Stapels Gedankengang die nur
auf den ersten Blick befremdliche letzte Konsequenz gezogen hat:
der kiinstlichen Defloration die kiinstliche Zeugung hinzuzufiigen!
Dieser durchaus ernst gemeinte, Vorschlag geht, vielleicht unbewuBt,
von der alten christkatholischen Lehre aus, nach welcher der Korper
unrein und die Lustbefriedigung Siinde ist. Urn aber die schwere
Folge der Erbsiinde zu vermeiden und die Menschheit vom alten
Fluch zu erlosen, miisse man, so meint der Schreiber, die Frauen
kiinstlich befruchten, auf Grund des „Rechtes der Ungeborenen, der
neuen Menschen, auf eine reinere, saubere Art gezeugt, ins Leben ge-
setzt zu werden. Zufallsprodukt der Lustbefriedigung zu sein, be-
deutet eine ungeheure Erniedrigung . . . Aus Achtung gegen den neuen
Menschen hat keine Frau das Recht, Weib ihres Mannes zu sein, ihm
Lustbediirfnis zu sein und selbst Lustbefriedigung zu suchen, ehe sie
nicht Mutter war , , . Der Leib der Frau, der ihm das Leben gibt, war
vor seiner Geburt . . . Lustobj ekt eines Mannes — dies Wissen ist un-
geheuer erniedrigend/1 Der Verfasser kommt dann natiirlicherweise
zur Forderung eines neuen Mutterrechts, einer allgemeinen unbefleck-
ten Empfangnis (buchstablich; kiinstliche Jungfernzeugung) und nach-
folgender Sterilisation, Die Frau, die in sehr jungen Jahren ihre
Fortpflanzungsfunktionen erfiillt hat, soil sich spater ausschlieBlich
der gegenseitigen Lustbefriedigung widmen!
Ich mochte auf diese verschrobenen Gedankengange nicht im ein-
zelnen eingehen; sie sehen an der Tatsache, daB heute meist erst die
durch Liebe (oder meinetwegen „Lust") herangereifte Frau Berufung
zur Mutterschaft in sich fuhlt, ebenso blind vorbei wie an dem tiefen
Sinn dessen, was Schopenhauer die „List der Natur" nannte, und sie
iibersehen in der beschamenden Erkenntnis, daB — wie der Schrei-
ber sagt — „vom Erhabenen zur Schweinerei nur ein Schritt" sei, die
zum Gliick ebenso haufige Umkehrung, aus der heraus f1alle Lust
Ewigkeit — tiefe, tiefe Ewigkeit" will. Ich habe die vorstehenden
Satze nur zitiert, um zu zeigen, wohin wir kommen, wenn wir, den
altesten und neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft zum Trotz,
gegen die Natur handeln wollen, statt immer mehr zu versuchen, ihre
eigensten Wege zu finden und fiir uns zu ebnen: wir kommen ins
Laboratorium des Homunkulus. Die Abwehr dagegen, die keineswegs
137
fortschrittsfeindlicher Verknocherung sondern einem Rest instinktiver
Naturverbundenheit entspringt, hat wohl auch Rudolf Arnheims Ant-
wdrt an Bernhard Stapel (in Nummer 28) veranlafit, Im Sinne dieses
Instinktes hat Arnheim Recht, Stapel Unrecht; in Enzelheiten und
SchluBfolgerungen irren beide.
Nun besteht aber bei dem Versuch, die aufgeworfene Frage all-
gemeingiiltig zu losen, eine fast umiberwindliche Schwierigkeit: diese
Allgemeingiiltigkeit existiert nicht, weil hier, wie iiberall, zu grofie
Unterschiede einmal zwischen den Generationen, zweitens und we-
sentlichstens aber zwischen den sozialen Schichten vorhanden sind.
Fur das btirgerliche Madchen yon friiher war der erste Geschlechts-
akt gleichbedeutend mit der Heirat; beides war in ihrer Vorstellung
Ziel und somit SchluBpunkt ihres Lebens. (Ich spreche von der
Mehrzahl; Ausnahmen gab es immer.) Im Proletariat und in der
Bauernschaft war es anders. Theorie und mehr npch Praxis des
Biirgertums haben sich geandert — im „Volk" hat sich nichts ge-
andert, Dennoch hat sich zwischen den sozialen Schichten kein Aus-
gleich vollzogen, weil die Vorbedingungen der Frauwerdung fur die
Tdchter dieser Schichten zu verschieden sind. Sie sind im Prole-
tariat viel ungiinstiger, und trotzdem hort man recht wenig von den
Traumata proletarischer primae noces. Nicht etwa nur, weil sich da
keiner drum kummert, sondern weil bei dem raschen ■ Verbrauch der
Proletarierin durch Geburten und kdrperliche Arbeit das Problem
schon nach wenigen Jahren an Interesse verliert. Die Kinder, die. in
einem Zimmer mit den Eltern schlafen und oft genug die miide Ab-
wehr der Mutter als einzige Aufierung weiblicher Sexualitat mit-
erleben — diesen Kindern stellt sich der Geschlechtsakt von An-
beginn recht unromantisch dar, und je weniger ihre Phantasie sie er-
warten lafit, desto geringer wird ihre Enttauschung sein. Dafi er, dafi
auch die Entjungferung in ihren Vorstellungen eine Rolle spielt, ver-
steht sich naturlich trotzdem, Eine berliner Schularztin, die sich von
22 Schiilerinnen der obersten Volksschulklasse nach einer Aufkla-
rungsstunde schriftliche Fragen vorlegen lieC, fand darunter als
haufigste die, ob „es weh tate" — allerdings auch nur in 20 Prozent
der Fragen,
Mit diesem „Wehtun" komme ich zu einer richtigen Feststellung
Stapels: dafi Defloration unvereinbar mit Orgasmus sei. Aber bereits
die Schlufifolgerung („so daB das sexuelle Leben der Frau mit einer
Enttauschung beginnt") ist wieder grundfalsch. Das sexuelle Leben
der Frau beginnt so gut wie niemals mit der Defloration sondern mit
einer langen Kette von Vor- und Zwischenstadien, die dem Madchen
einen sehr deutlichen Begriff von dem Bevorstehenden und oft durch-
aus hundertprozentige sexuelle Erlebnisse vermitteln, lange ehe es zur
Defloration kommt. Insofern irrt auch Arnheim, wenn er behauptet,
den Schock bereite nicht der „wohl unbetrachtliche kdrperliche
Schmerz" — er kann verdammt betrachtlich sein! — sondern der
„entsetzliche Schreck, den ein unvorbereitetes Madchen erfahrt, wenn
der eben in Kleidern noch so gesittete Mann plotzlich als ein nacktes
Raubtier auf sie losstiirzt." Diese Art unvermittelter Hochzeitsnachte
diirfte wohl doch heute nahezu ausgestorben sein. SchlieBlich schafft
ja schon Sportgemeinschaft (in alien Schichten) eine optische kdrper-
liche Vertrautheit, welche die der anderen Sinne unmerklich aber
griindlich vorbereitet. Aber was dann spater entscheidet oder wenig-
stens auf die kiinftige psychisch-physische Entwicklung der Frau ent-
scheidend wirken kann, ist gar nicht die Defloration. Es ist das
erste intime Zusammensein mit einem Mann, das durchaus nicht
immer gleichbedeutend mit Defloration ist. Ich radchte zur Verdeut-
lichung einen Fall erzahlen, der sich vor kurzem in einer berliner
Volksschule ereignete: ein kraftig entwickeltes dreizehnj ahriges Mad-
chen, das sich bisher sehr ordentlich und solide verhalten hatte,
138
brachte eines Abends in Abwesenheit der Eltern einen Jungen mit
nach Hause, mit dem sie schon haufig auf dem Rummel gewesen war
und sich auch, wie spater herauskam, regelmaBig gekiiBt hatte. Am
Morgen nach dem Zusammensein stahl das Kind das vom Vater ver-
steckte Geld und fiihrte, obgleich es bisher noch nie iiber den Bezirk
seiner Wohnung herausgekommen war, aufs raffinierteste eine Flucht
nach Hamburg aus; durch einen gliicklichen Zufall bekam man sie
rasch und unbeschadigt zuriick. Die Arztin, der man die Kleine
brachte, erfuhr von ihr alle Einzelheiten der Reise, auch das Zusam-
mensein mit dem Jungen, das sie gar nicht schon gefunden habe —
nein, wehgetan habe es auch nicht. Ergebnis der Untersuchung: '
virgo intacta. Das unerfahrene Madchen hatte an ein „richtiges" Zu-
sammensein geglaubt; das Erlebnis hatte sie vollig verwandelt, ihrcn
latenten Selbstandigkeitsdrang aktiviert, es war ihr entscheidendes.
,,erstes Erlebnis", dessen Folgen sich nach Ansicht der Arztin noch
viel spater auswirken konnen, Aber — es war keine Defloration.
Hier liegt der entscheidende Irrtum Stapels.
Ein Psychoanalytiker mit ausgedehnter Frauenpraxis und ein
achtzehn jahriges Madchen aus Intellektuellenkreisen, das seit drei
Monaten seinen ersten Freund hat, erklarten beide das gleiche, obeii
schon Angedeutete, diese aus Intuition, jener aus langer Erfahrung:
die Defloration ist unwichtig. Entscheidend ist dieses „erste Zusam-
mensein". Aufierdem bereitet die erste Zeit iiber der Geschlechts-
verkehr fast stets Schmerzen, auch wenn die Defloration durch Sport
oder den aus irgend einem Grund notwendig gewesenen Eingriff be-
reits erfolgt ist, wahrend es andrerseits eine Menge Falle gibt, in
denen die Deflorierung auf dem vorlaufig noch normalen Weg
schmerzlos vor sich geht. Hiermit entfallt also auch der physische
Grund, den Stapel anfuhrt. Der erwahnte Psychoanalytiker verstieg
sich sogar zu der Behauptung, eine Durchfuhrung von Stapels Vor-
schlag wiirde lediglich eine Verdoppelung der Traumata zur Folge
haben: das erste erfolge dann bei der kunstlichen Deflorierung, das
zweite durch das erste Zusammensein mit dem Mann — „bei denen,
die uberhaupt zu Traumata neigen, die andern kriegen sie so nicht
und so nicht!" sagte meine weise kleine achtzehn j ahrige Freundin.
Im iibrigen scheint mir fur diese Traumata, die ja unleugbar
haufig auftreten, der Generationenunterschied eine gewisse Rolle zu
spielen. Das Trauma der Frau kann entstehen (mufi nicht entstehen)
durch das erste Sexualerlebnis; es bleibt bestehen, wenn sie Dei dem-
jenigen bleibt, der das Trauma verschuldet hat, namlich beim ersten
Mann, Das war wohl friiher in weitaus starkerem Mafi das Obliche
als heute; daher die Traumata der mittleren Generation. „Was die
Frau betrifft, so soil sie im allgemeinen beim Zweiten bleiben", sagte
Stendhal vor rund hundert Jahren und nahm damit eine groBe Er-
kenntnis vorweg, die dann wieder verloren ging. Heute wird der
Schritt vom Ersten zum Zweiten unbefangener getan, und damit ist
die Heilung des Trauma, noch ebe es sich auswirken kann, unendlich
erleichtert, f)Wir fiihlen uns nicht an diese Jungen gebunden, bloU
weil sie die Ersten sind", sagten mir eine Achtzehn- und eine Neun-
zehnj ahrige, die beide noch beim „ErstenM waren und offensichtlich
Glfick gehabt hatten, „Aufierdem", fiigte die Achtzehn j ahrige hinzu,
„ich fiir mein Teil finde das alles gar nicht so wichtig. Es gibt doch
noch andre Dinge auf der Welt."
Ob es wirklichi Gold war, was da so zuversichtlich glanzte, das
werden wir ja erst in zwanzig Jahren erfahren, Inzwischen bleibt
von Stapels Vorschlag als einziger wirklich beachtenswerter Grund
der hygienische Nutzen. Aber — reicht der aus?
Was jedoch Arnheims Vorschlag betrifft, lieber die Manner zvt
vervollkommnen, so konnen wir Frauen da nur von Herzen zustim-
men. Nur mussen das meiste dazti wohl die Manner selbst beitragent
139
tind — sie tun es ja auch. Es mehren sich die Stimmen der Frauen,
die von guten Erfahrungen zu berichten haben. Wenn es sich dabei
meist urn kulturell gehobene Schichten handelt, so ist das kein Gegen-
beweis; es gibt Fortschritte und Entwicklungen, die sich von oben
nach unten vollziehen. Die Entwicklung vom Stier zum Liebesktinst-
ler lauft der Natur nicht zuwider — sie vermag nur ihren Sinn besser
und schoner zu erf ull en.
Betteln und Hausieren verboten!
von Alice Ekert-Rothholz
Geehrte Hausfrau!
YJJ/enn Sie nach Tisch lesen, wie Ihre Zeitung die Lage beschaut
" stort Sie immer im allerbesten Schlaf ein harter Klingellaut.
Sie stiirzen zur Flurtiir und denken dabei:
„Zum Verriicktwerden . , . diese Klingelei!"
Vor der Tiir stehn: Junglehrer, kein Geldbrieftrager, die Arbeitslosen
und offerieren Ihnen fur den Haushalt: Zwirn, Motten, .Schnursenkel
und selbstgepflanzte Papierrosen.
Geehrte Hausfrau!
Hausieren macht Spafi: eh man eintritt, ist man schon rausge-
schmissen . . .
Man ist hungrig, schlecht verpackt, regennaB^ Selbst das Seelenfutter
ist abgerissen.
Sie fragen aber nun, wo man hinsegeln sollte
wenn man alien, wo man selbst nichts hat, geben wollte-
Sie fragen: „Warum immer vor meiner Tiir?
...wie son Kerl einen ansieht! Kann ich was dafur?"
Nein. Aber fallen Sie dem Mann vor der Tiir nicht sofort
mit derselben Tiir in das erste Wort!
Geehrte Hausfrau !
Das Klingeln lafit Ihnen keine Ruh. Und Ihr Mitgefiihl zerbricht.
Aber glauben Sie: Ihre Tiir schlagt nicht zu. Sie schlagt denen da
ins Gesicht.
Eins A-Arbeiter waren die! Und miissen Karten vom sonnigen Rhein
verkaufen!
Sie hatten Traume, Wurst, Stellung, Jetzt haben sie:
die Weltmeisterschaft im Treppenlaufen,
Betteln und Hausieren verboten? Das war wohl ein Vorkriegsverbot?
Verstaubt! Verstaubt! Verstaubt!
Durch Berlin galoppiert der Hungertod. Heute ist alles erlaubt.
Geehrte Hausfrau!
Selbst erlaubtes Betteln bleibt ein taktloser Spafi. Zweckloser
Dauerlauf!
Auch im Haushalt der Staaten findet man das* Fallt Ihnen gar
nichts auf?
Geehrte Hausfrau!
Mai waren wir Dichter und Denker . . . Satt, taktvoll, brav.
Spater wurden wir Weltkriegsverlierer.
Jetzt klingeln , wir die Volker egal aus dem Mittagsschlaf ...
und man empfangt uns — wie Sie die Hausierer!
Klingeln Sie nief — Sie stofien auf Ungeduld oder Emporungf
Denn der Mensch liebt die Menschheit, aber er liebt keine Storung.
140
Wochenschau des Riickschritts
— Die preuBische Regierung wurdc durch Notverordnung
abgesetzt und, als sic dagegcn protestierte, mit militarischer
Gewalt aus ihrcm Amt vertrieben. tJber (Berlin und Branden-
burg wurde der militarische Ausnahmezustand verhangt.
Grzesinski, WeiB und Heimannsberg wurden ihrer Amter im
Polizeiprasidium enthoben. Bisher wurden entlassen: 3 Staats-
sekretare, 4 Oberprasidenten, 6 Regierungsprasidenten, 10 Poli-
zeiprasidenten und -direktoren, 'samtlich zur Weimarer Ko-
alition gehorig.
— Polizeikommandeur Heimannsberg wurde zweimal ver-
haftet — das zweite Mai friih urn 4 — und wieder enfhaftet.
Polizeimajor Encke beHndet sich noch in Haft. Major a. D.
Anker und Robert Breuer wurden auf Denunziation der , Ber-
liner Borsenzeitung' verhaftet.
— Wegen angeblicher Verachtlichmachung des Reichs-
kanzlers durch eine Karikatur ist das ,8 Uhr-Abendblatt4 auf
vier Tage verboten worden. Die ,Rote Fahne* wurde ftir fiinf
Tage verboten.
— Der Militarbefehlshaber von Rundstedt hat durch eine
Verordnung jede Aufforderung zum Generalstreik verboten,
— Reichskanzler von Papen im Rundfunk: „Weil man sich
in mafigebenden politischen Kreisen nicht entschlieBen kann,
die politische und moralische Gleichsetzung von Kommunisten
und Nationalsozialisten aufzugeben, ist jene unnatiirliche Fron-
tenbildung entstanden, die die staatsfeindlichen Krafte des
Kommunismus in eine Einheitsfront gegen die aufstrebende
Bewegung der NSDAP einreiht.'*
— Ministerialrat Scholz, der Rundfunkreferent im Innen-
ministerium, ist der NSDAP beigetreten,
— Im dessauer Gemeinderat hat nunmehr die Nazifraktion
einen Antrag auf Schliefiung des Bauhauses zum L Oktober
eingebracht. Der Antrag wird vermutlich mit den Stimmen
der burgerlichen Stadtverordneten angenommen werden,
— Die Aafa dreht einen Film MTheodor Korner". Die
Kristall-Film dreht ,,Drei von der Kavallerie". Die Engels-
Film dreht ,,Der Todesritt von Mars la Tour*. Die Monument-
Film dreht einen Film MAve Maria", der den Krieg 1813 be-
handelt. Das neue Ufa-Programm enthalt zwei Militariilme
„Morgenrot" und MDer schwarze Husar".
— Auf der genfer Abriistungskonferenz wurden die An-
trage des Russen Litwinow und des schweizer Bundesprasiden-
ten Motta, die durchgreifende Abrustung verlangten, abgelehnt.
— Die irische Regierung hat Sonderzolle auf englische
Waren beschlossen, eine GegenmaBnahme gegen die englische
Zollpolitik.
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen.
141
Bemerkungen
Braune Wotle
P\ie Beziehungen zwischen der
*"* Norddeutschen Wollkamme-
rei und der nationalsozialistischen
Partci sind merkwiirdig genug.
Erst protegierten die Lahusens
die Nazis, dann — als die Ban-
ken wegen dieser Zuwendungen
aufmuckten — erklarte die Ver-
waltung im November 1930, daB
weder sie selbst noch eines der
Vorstandsmitglieder die NSDAP
jemals unterstiitzt habe. Als dann
die Nordwolle zusammenbrach,
distanzierten sich die Nazis wie-
der von den Lahusens, bis jetzt
schlieBlich die Rechtsanwalte
Frank II und Luetgebrune, Hit-
lers Kronjuristen, die Verteidi-
gung der Briider iibernommen
haben,
Diese Entwicklung erklart sich
wohl daraus, daB bei der Nord-
deutschen Wollkamraerei ebenso
wie bei der nationalsozialistischen
Partei eine Verwirnmg der Be-
griffe herrscht, die eine klare
Politik vollig unmoglich macht
Die Lahusens zahlen durchaus
nicht — wie dies von ihren Ver-
ehrern gern dargestellt wird —
zu den bremensischen Patrizier-
geschlechtern. Die angeklagten
Briider gehoren erst zur zweiten
Generation einer Familie von
Wollhandlern, die im Jahre 1884
in Delmenhorst ihre erste Kamm-
garnspinnerei errichtete und dann
einen beispiellosen Aufschwung
bis zum jahen Absturz im Jahre
1931 nahm. Die Wahl Gustav
Carl Lahusens zum Handelskam-
merprasidenten ist erst nach lan-
gerem Widerstreben der konser-
vativen bremer Geschlechter er-
folgt. Die Annaherung Gustav
Carl Lahusens an die national-
sozialistische Partei geschah ur-
spriinglich aus politischer tJber-
zeugung und wurde erst spater
ein Geschaft auf Gegenseitigkeit.
Hitler imponierte Lahusen, und
Lahusen Hitler, weil der „Fuhrer"
nicht die wirtschaftlichen Ver-
haltnisse und der „Wirtschafts-
fuhrer" nicht die politischeni Zu-
sammenhange iiberblickte, beide
aber sich am kuhnen Flug groB-
142
angelegter Projekte begeistert
haben. Die Behauptung, daB die
Nordwolle den Nationalsozia-
listen kein Geld gegeben habe,
erwies sich als ebenso falsch wie
die in demselben Verwaltungs-
communique vom November 1930
enthaltene Erklarung, daB die
Verpflichtungen der Gesellschaft
in den folgenden Monaten abneh-
men und die Oberschiisse wieder
zu Riicksteliungen und Abschrei-
bungen Verwendung finden wiir-
den. Der zweite Teil des Commu-
niques wurde durch die wenige
Monate spater erfolgende Pleite
Liifien gestraft, und iiber den
ersten Teil schiittelte ganz Bre-
men den Kopf. Die Beziehungen
zu den Nazis waren so eng, dafi
sich sogar im Hause des Kon-
zerns, das mit groBem Prunk un-
gefahr zur selben Zeit wie das
Braune , Haus errichtet worden
ist, ein nationalsozialistisches
Parteibureau befunden hat.
Als dann die Nordwolle in
Konkurs ging und die Verfehlun-
gen der Lahusens ans Tageslicht
kamen, waren es die Nazis, die
nichts mehr von der alten
Freundschaft wissen wollten. Am
Tage der SchalterschlieBung der
Darmstadter und Nationalbank
glaubten die Lahusens, daB die
Stunde zum Gegenangriff gekom-
men sei, und lanzierten einen
gegen die Banken gerichteten Ar-
tikel in die ,Weser-Zeitung', der
am 15. Juli 1931 erschien. All-
mahlich begannen die National-
sozialisten sich wieder fur die
Norddeutsche Wollkammerei, die
eine ihrer besten Einnahmequel-
,len gewesen ist, zu interessieren.
Ein friiherer leitender Angestell-
ter der Gesellschaft, Doktor
Horst, versuchte als Verbindungs-
mann der NSDAP Einflufi auf
Glaubiger und Aktionare der
Nordwolle zu gewinnen. Vor
allem wurde von dieser Seite
alles aufgeboten, urn die Auftei-
lung des Konzerns in eine An-
zahl selbstandiger Gesellschaften
zu hintertreiben. Doktor Horst
traumte davon, selbst an der
Spitze des groBen Konzerns, dem
im Dritten Reich das Woll-
monopol zufallen wiirde, zu
stehen. Auslandische Konkurrenz
gabe es dann nicht, und die Ban-
ken hatten schon gar nichts mehr
zu sagen. Diese Plane scheiter-
ten, obwohl man auch bei den
Behorden alle Minen im Sinne
der nationalsozialistischen Ziele
springen lieB. Aus Verbitterung
iiber diese vollige Ignorierung der
Nazi-Pro jekte wird jetzt die Ver-
teidigung politisch aufgezogen,
indem Jacob Goldschmidt als
Siindenbock fur den Zusammen-
bruch hingestellt werden soil. Ein
einziger Vorwurf gegen die Ban-
ken ist berechtigt, der namlich,
daB sie sich jahrelang von den
Lahusens, die ihre Gewinne in
der hollandischen Ultramare ver-
steckten und die Verluste dieser
Gesellschaft auf den Konzern ab-
walzten, beliigen und betriigen
HeBen. Diesen Vorwurf kann
aber schwerlich die Verteidigung
der Lahusens erheben,
Bernhard Citron
Wie mans nicht machen soil
r\ie letzte .Weltbiihne' mit dem
*** Artikel „Einheitsfront in der
Praxis" von Fritz Sternberg war
noch druckfeucht, als sich eine
grofle Anzahl geistig Schaffender
in die berliner Spichernsale be-
gab, wohin das „Linkskartell
der Geistesarbeiter und freien Be-
rufe" eingeladen hatte. Die
Spichernsale, als berliner Boxer-
paradies wohlbekannt, schienen
die erhof f te Diskussion , , Wie
stehen die Geistesarbeiter zur anti-
fascistischen Aktion?" auf den ro-
busten Weg faustrechtlicher Er-
ledigung zu weisen.
Anders kann man es nicht
nennen, wenn hier in den Spichern-
salen die Unterzeichner eines Pla-
kates, das zur Einigung der Ar-
beiterparteien ermahnen sollte,
regelrecht „zur Verantwortung"
gezogen wurden. Der jiingste aus
dem Zentral-Komitee der KPD,
Karl Olbrich, schien diesem ge-
eignet, mit Mannern wie Einstein,
Heinrich Mann, Theodor Plivier,
Walter Hammer, Willi Eichler ge-
horig Schlitten zu fahren, und so-
gar Kathe Kollwitz, die jenen von
der KPD beanstandeten Eini-
gungsappell auf dem Plakat eben-
falls in guter Gesellschaft unter-
schrieben hatte, war vorgeladen
worden, um sich in den Spichern-
salen von ihrer SPD-Freundlich-
keit unter alien* Umstanden rein-
zuwaschen,
Wahrlich eine groteske Si-
tuation, nur gemildert durch den
erfreulichen Umstand, daB die
vorgeladenen Frevler bis auf Pli-
vier und Lehmann-Rufibuldt nicht
erschienen waren. Was von der
Versammlung mit „Aha"-Gemur-
mel aufgenommen wurde,
Ehe wir schildern, wie es diesen
beiden Angeklagten erging, noch
ein Wort iiber die ..Organisation"
— man kann es auch anders
nennen. Es ist unmoglich, daB
man sieben von den angekiindigten
Rednern nicht auftreten laBt! Wo
blieben die laut angekiindigten
Maria Hodann, Hammer, Johannes
Karl Konig, Eichler, Klaber, Fritz
Schiff, wo war Johannes R.
Becher? Dafiir den Chefredakteur
einer kommunistischen Abendzei-
tung auf die Biihne zu stellen,
war eine wenig gliickliche Idee,
zumal Olbrich gleich darauf den-
selben amtlichen Standpunkt der
Partei vortragen mufite. Nicht
eben neuartig wurden der SPD
die Fehler ihrer Fiihrer seit 1914
vorgehalten, Inhalt aller Kund-
gebungen der antifascistischen
Aktion im Juli 1932.
Die Fehler, die ihrerseits die
Leitung der KPD gemacht hat,
konnte an diesem Abend in den
P\as Ertragen seiner selbst, das Geduld haben mit sich, wird
^.in der Klarheit dieses Buches, die alles Nebelhafte zerreifit,
zur selbstverstSndlichen Voraussetzung fttr Jeden wahren inneren
Fortschritt". (Allgemeine Logen-Zeitung). Die befreiende, alle
Krafte steigernde Wirkung der Biicher von B6 Yin Ra ist am
leichtesten zu erfassen aus seinem kiirzlich erschienenen Werk
„Der Weg meiner Schtiler". In jeder guten Buchhandlung er-
haltlich. Ladenpreis RM. 6.—. Kober'sche Verlagsbuchhandlung
(gegr. 1816), Basel-Leipzig.
143
Spichernsalen niemand den Red-
nern dieser nicht auf freie Dis-
kussion zielenden Kundgebung
entgegenhalten. Im allgemeinen
denkt man sich . ein Treffen der
geistigen Berufe doch etwas
anders,
Plivicr und Lehmann-RuBbuldt,
mal vortrcten! Das war ein wenig
schoner Augenblick in den
Spichernsalen. Der Letztere
muBte sich wieder setzen, nach-
dem auch seine „VerteidigungM,
daB er nie Sozialdemokrat ge-
wesen sei, keinerlei Briicke zu den
Anwesenden geschlagen hatte.
Anders Plivier, der recht bestimmt
Wesentliches zu jenem Aufruf zu
sagen hatte, in dem er eine erste
und dringend notwendige Protest-
aktion gegen die Zersplitterung
im linken Lager sah.
Dem Vertreter der KPD geniigte
das in keiner Weise, sondern mit
scharfen Worten zerrte er Theo-
dor Plivier nochmals vor die
Rampe, Die Form dieses An-
griffes gegen eine einwandfreie
Haltung verriet wenig Achtung
vor der schriftstellerischen Lei-
stung des so abrupt Behandelten.
,,Von der Stellungnahme jetzt fiir
oder gegen jenen Aufruf zur Ein-
heitsfront wird es auch abhangen,
wie die Partei sich in Zukunft zu
Plivier einstellen wird.'* Diese
AuBerung, die wortlich einem
kommunistischen Ftihrer ent-
rutschte, kommt nicht nur dem
Tatbestand der Notigung sehr
nahe sondern lafit auch den
Wunsch auftauchen, man moge
fiirderhin reifere Manner den ber-
liner freien Berufen gegeniiber-
stellen,
Plivier hatte das Herz, noch-
mals zu seiner Unterschrift zu
stehen. FHfz FHedrichs
Den Kameraden
Kameraden, die Ihr die Halle
fullt
mit dem Glanz und der Kraft
Eurer Jahre:
Ihr habt - viele Worte heut ge-
h6rt,
viele schlechte und laue, viele
heifie und gute,
Ihr habt ihnen alien zugejubelt,
weil Eure Glut auch das Kalte
erwarmte.
144
Aber, Kameraden, wie lange
werdet Ihr brennen?
Wie viele von Euch werden sich
selber treulos?
Kameraden, ich will das lau-
terste Feuer nehmen
und in mich die edelste Kraft
aus Euch alien flieuen lassen
und > Euch ein Lied singenf das
wie eine Feuersaule
immer vor Euch und vor alien
Jungen fliegen soil.
Kameraden, die Jugend ist ein
gewaltiger Sturm,
der immer an den Toren des
Neuen ruttelt.
Die Jugend ist das ewige Meer,
das ewig
seine machtigen Wellen vorwarts
schickt;
und wenn auch jede Woge riick-
wartsflutet,
so hat doch jede einen kleinen
Sieg errungen
und hat den Tag herangenahert,
wo eine grone Flut die letzten
Damme sprengt.
Kameraden, wir wissen nicht,
wohin es geht
und kein Mensch hat es jemals
erfahren;
wir sind gejagt von unsren Jah-
ren,
wir wissen nur, daB wir vorwarts
xmissen,
und daB verreckt, wer stille steht,
und daB die Ruhsamen fiir ihre
Ruhe buBen.
Kameraden, uns kann der langste
Tag nicht schrecken,
Kameraden, wir werden nicht le-
bendig verdrecken,
' Kameraden, wir miissen alle
fallen,
wir sturzen kopfiiber hinauf
gleich flammenden Signalen
und spuren selig uber unsre
Asche schreiten
voll Frieden und Erlosung die
befreiten Zeiten
Fritz Pick
„M . . . pour la guerre!"
J? s ist ein nationalokonomisches
*-* Faktum, daB die Dramen von
Toller, die Gedichte von Brecht,
die Zeichnungen von Grosz die
Arbeitslosigkeit verschuldet haben.
Nun verstehe ich nichts von Na-
tionalokonomie, und selbst ein so
guter Gedankenmittler wie Morus
hat sich vergeblich bemiiht, mich
in die Anfangsgriinde einzuwei-
hen und mir plausibel zu machen,
warum neue Kunstformen die Ar-
beitslosenziffern ungiinstig beein-
flussen. Aber die Literatur: ich
will nicht sagen, daB ich sie ver^
stehe, doch ich kenne sie. Und da
ich ein wenig teilhabe an den
schweren Untaten, deren der
..Kulturbolschewismus" bezichtigt
wird, so bemuhe ich mich auch,
jetzt, nach seiner Entlarvung, aile
Klagen wider ihn mit gespitzten
Ohrloffeln geduldig anzuhoren.
Dean die groBen Lenker deutscher
Geschichte lassen keine Gelegen-
heit voriibergehen, ohne das
Grundiibel aller Not: die Kunst zu
denunzieren. Von der Etsch bis
an die Memel, von der Donau bis
zum Belt hallt der Sang gegen
das Kiinstlervolkchen, das „wir
siegreich schlagen werden". Und
selbst Herr Seldte, von einem
Franzmann des .Intransigeant' in-
terviewt, kann, nach einer Achtung
des Krieges, die an hochgradigen
Pazifismus grenzt, es sich nicht
verkneifen, dem Volk der Wel-
schen folgehdes mitzuteilen:
..Monsieur Seldte spricht dann
vom Erwachen des nationalen Ge-
dankens in Deutschland, der nicht
von einem Angriffsgeist gegen das
Ausland sondern von der Not-
wendigkeit, ein starkes, einiges
Deutschland zu schaffen, be-
seelt ist.
Dieser Geist hat sein Zeugnis
in der Literatur durch das Ab-
flauen der erotischen Woge, die
diese letzten Jahre liberschwemmt
hatte, und durch die. Aufgabe des
Abenteurerromans (avec l'abandon
de la vague erotique qui a deferle
ces dernieres annees et du roman
d'aventures.)"
Ist es schon nicht ganz klar, von
welchen Abenteurerromanen Herr
Seldte eigentlich spricht — da er
doch sein eignes Frontbuch nicht
damit meinen kann — so scheint
die ..erotische Woge", die dem
deutschen Einigkeitsgedanken
wich, vollig unergriindbar. Denn
weder das Sexual-Kochbuch des
Herrn van der Velde noch die da-
monischen Unappetitlichkeiten des
Herrn Ewers haben je zur Lite-
ratur gezahlt. Auf welche Leih-
bibliothek war bloB Herr Seldte
abonniert, dafi er vom Stahlbad
in die Wogen erotischer Literatur
geriet? Die schlupfrigen Fran-
zosen werden einen gelinden
Schrecken kriegen1 ob solch un-
lauterem Wettbewerb jenseits des
Rheins. Aber sind: „Des Kaisers
Kulis", „Hiob" oder „Im Westen
nichts Neues" wirklich Erotika?
Im iibrigen hat Herr Seldte dem
.Intransigeant* handschriftlich
diese Bilanz aufgestellt:
„Wir wollen Arbeit, aber keinen
neuen Krieg, denn es kommt
nichts dabei heraus ..."
Ahnliche Ansichten haben die
Kulturbolschewisten schon fruher,
einige1 sogar fast ebenso gut for-
muliert. Merkwiirdig scheint nur
die Begrundungsform. Es wird
doch viel in Deutschland getan,
wobei nichts herauskommt. An
anderer Stelle des Interviews hat
er seinem zersetzenden Friedens-
willen noch starkern Ausdruck
verliehen:
„ — et moi, ancien combattant
allemand, je dis a Tancien com-
battant francais que vous etes:
Schwefel-Schlammthermen, unterstiitzt
durch eine Jahrhunderte alte Methode,
heilen Rheuma, Gicht, Ischias. Volks-
tumliche Preise t Jahrl. 2500 Besucher
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Devisenfreigr. p. Pers. u. Mon. KM. 700.
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145
„M . , . pour la guerre! (Der
Krieg scheiBen!)"
■ Die deutsche Version stammt
vom Jntran'.
So etwas laut in einer Ver-
sammlung des Herrn Seldte zu sa-
gen, dazu gehorte Mut. Aber
wenn nicht das, was ist dann ei-
gentlich der so oft zitierte „Kul-
turbolschewismus" ?
Walter Mehring
„Dienstmadchen"
Qie heiBen schon mehr als zehn
^ Jahre lang Hausangestellte
oder Hausgehilfin und. leben, seit
die Gesindeordnung abgeschafft
wurde, formal unter dem gleichen
Recht wie jeder arbeitende
Mensch. Bis vor kurzer Zeit ha-
ben sie mebr verdient als j ede
Arbeiterin und als die Mehrzahl
der kaufmannischen Angestell-
ten. Auf dem Arbeitsmarkt der
groBen Stadte waren sie vierzig
Jahre lang die Umworbenen und
Begehrten; Hausfrauen haben vor
dem Verlust einer bewahrten
Kraft gezittert und sind zu aller-
lei Konzessionen bereit gewesen,
wenn unliebsame Auseinander-
setzungen den hauslichen Frieden
bedroht hatten. Der recht hohe
Preis fur diese relativ gesicherte,
mehr kleinbiirgerliche als prole-
tarische Situation war- die unan-
genehme Kehrseite: Ewige Ar-
beitsbereitschaft, Verzicht auf
personliche Freiheit, engstes Zu-
sammenleben mit der besser-
gestellten sozialen Schicht, Ab-
hangigkeit von den personlichen
und unsachlichen Affekten sol-
cher Hausfrauen, die nicht ge-
lernt hatten, fremde Leistungen
gerecht ' zu bewerten.
Die letzten zwei Jahre haben
die wirtschaftliche und die so-
ziale Lage der Hausangestellten
von Grund auf verandert. Wah-
rend der Barlohn um dreiBig bis
vierzig Prozent gesunken ist, sind
die Anspruche an die Leistungen
im gleichen AusmaB gestiegen.
Haushaltungen mit vier bis fiinf
Personen und sieben bis acht
Zimmern, in denen frviher zwei
Hausangestellte voll beschaftigt
waren, sollen jetzt von einer Ar-
beitskraft versorgt werden. Zu-
146
erst wurde das Alleinmadchen
durch eine Aufwartefrau ein paar
Stunden taglich unterstutzt, dann
wurde die Aufwartung ab-
geschafft und es kam alle paar
Wochen eine Wasch- oder Rein-
machefrau, dann fiel auch diese
Hilfe den SparmaBnahmen zum
Opfer. Dazu kommt der standige
Kampf um die Hohe der Aus-
gaben: Noch weniger Butter ver-
brauchen als bisher, noch spar-
samer heizen, ■ noch weniger Gas
und Licht verbrennen, Hausgerat
und Wasche werden nicht mehr
so haufig wie friiher erganztf das
bedeutet Mehrarbeit durch un-
zweckmaBiges Handwerkszeug
und durch erhohtes Stopfen und
Flicken der schadhaften Dinge,
Auf dieser Basis entstehen dann
die heftigsten Konflikte, die zu
Krach, fristloser Entlassung und
zu Prozessen fuhren.
In den Verhandlungen vor den
Hausangestelltenkammern des
Arbeitsgerichts kommt dar wahre
Grund der gegenseitigen Verarge-
rung oft gar nicht zur Sprache.
Hausfrauen und Hausangestellte
streiten sich um die unsinnigsten
Kleinigkeiten: Eine Stunde Ver-
spatung beim Ausgang trotz an-
geblicher mehrfacher Wanning,
Mitwaschen der Brautigams-
wasche, verschwundene Vorrate
und freche Antworten sind die
aufiern Vorwande. In Wirklich-
keit hat sich durch ganz andre
Dinge soviel Ztindstoff angesam-
melt, dafi der kleinste AnlaB ge-
niigt, um die Explosion auszu-
losen.
Da gibt es . Hausfrauen, die bei
der Umstellung auf veranderte
Verhaltnisse zuerst bei der Haus-
angestellten anfangen. ' Sie soil
die Mehrarbeit ubemehmen,
zehn Mark weniger Lohn bekom-
men und auBerdem ihren Anteil
an den Soziallasten tragen, der
bisher vom Hausherrn bezahlt
wurde. Wenn sie darauf nicht
eingeht, wird gar nicht erst bis
zum Kundigungstermin gewartet
sondern ein Grund zur fristlosen
Entlassung vom Zaun gebrochen.
Zeuge fiir die verworrenen Vor-
gange ist dann in der Regel der
eigentliche Gegner der Klagerin,
die Hausfrau, weil sie sclbst
nicht haftet und der Ehemaan
als Haushaltungsvorstand ver-
klagt werdcn muB, Selbst wenn
man sich ohne Gericht tiber Lohn
und Kostgeld geeinigt hat, schafft
die gegenseitige Erbitterung auch
nach der Trennung noch neuen
ProzeBstoff. Die Entlassene hat
keine neue Stellung gefunden;
dreimal bat sie sich vorgestellt,
zweimal wurde das Engagement
von der „Auskunft" abhangig
gemacht, Manchmal kommt es
heraus, dafi die Auskunft
schlecht war, obwohl im Zeugnis
nichts Boses stand. Dann wird
auf Schadenersatz geklagt, Sehr
oft ist der wirkliche Schaden
nicht nachzuweisen, weil die Ab-
sage aus andern Grtinden erteilt
wurde. Das Madchen hat eine
„Stichprobe" gemacht und durch
andre Leute anrufen lassea; diese
Auskunft war schlecht, aber sie
begreift nicht, daft es darauf
nicht ankommt und dafi nur die
fremde Hausfrau selbst aussagen
kann, ob sie sie wegen der
schlechten Auskunft nicht enga-
giert hat.
Hausarbeit gegen freie Woh-
nung und Fr unstuck; eine Errun-
genschaft der letzten Zeit mit
unbegrenzten Konf liktsmoglich-
keiten. Altere stellungslose
Madchen entschliefien sich dazu,
weil ihnen versprochen wurde,
dafi die) Arbeit nur drei bis vier
Stunden taglich in Anspruch
nehmen soil. In Wirklichkeit
mussen sie den ganzen Tag lang
zur Verfiigung sein, bekommen
. kein regulares Essen und sind
nicht in der Krankenkasse ge-
meldet.
Die Arbeitslosigkeit unter den
echten Hausangestellten ist kei-
neswegs so grofi, wie die Haus-
frauen den Madchen und denAr-
beitsamtern unter Berufung auf
sechs Millionen Erwerbslose gern
einreden mochten, Jiingere, viel-
seitig ausgebildete Krafte werden
immer noch gesucht; nur die al-
tern, ganz einseitig ausgebildeten
und solche, die aus andern Be-
rufen stammen, sind schwer un-
terzubringen. Trotzdem geht der
Ausleseprozefi weiter und wird
voraussichtlich noch scharfere
Formen annehmen,
Htlde Walter
Die neuen Ideale
Auf einer sogenannten Drama-
** tikertagung, die jiingst im
frankischen Bayern, wo Hitler
dominiert, stattfand, waren in der
Tat einige Dramatiker anwesend,
von denen sechs niemals, zwei
ab und zu einmal Auffuhrungen
ihrer Werke erlebt haben. In den
Auseinandersetzungen spielten der
nordische Mensch, . der gotische
Mensch, die Erneuerung des deut-
schen Menschen, die Befreiung des
Theaters aus der Macht der Tech-
nik und andere Wortfolgen aus
dem neudeutschen Alt-Teutschtum
eine grofie Rolle, Dariiber ware
als Belanglosigkeit hinwegzugehen,
Einer von ihnen aber, Hanns
Johst, setzte sich mit dem Thema
Naturtheater auseinander, und
dies nicht nur mundlich im Ver-
Soeben neu:
Gerhort Hauptmann und das Junge Deutschland
Herausgegeben von Ludwig Kunz
Mitarbeiter ; Johannes R. Becker / Edwin Erich Dwinger j Hans Fallada
Max Herrmann-Neifie / Gerhard Menzel / Werner Mildi / Gerhart Pohl
Erik Reger / Lutz Weltmann / Fred von Zollikofer.
Preis 1.~
PRIEBATSCH'S VERLAQSBUCHHANDLUNG BRESLAU
147
einszimmer sondern auch mit der
Feder. Er erklarte im .Volkischen
Beobachter', daB man „die Arbeit
der Visionen und der Schau wil-
der auf den unmittelbaren Grund
und Boden ihrer Herkunft und
einer natiir lichen und organischen
Um-Welt" stellen mtisse. Und
dann: „Das Wort Um-Welt ist
aber nicht mehr ein Begriff
intellektueller Pragung, keine Mi-
lieutheorie marxistischer Gesell-
schaftsordnung, keine flache Ku-
lisse internationaler Weltweiner-
lichkeiten, sondern Um-Welt ist
hier das , gliickhaft begrenzte Er-
lebnis jenes zauberischen Stand-
punktes, der uniiberwindlich ist,
weil er natiirlich und also natur-
notwendig erdverhaftet bleibt."
Der mystische Zug dieser Dik^
tion weist den Verfasser allerdings
gebieterisch in jene Richtung, die
sich spater deutlicber dokumen-
tiert, wo er mit Bezug auf Pallen-
berg, Kortner, Deutsch, Moissi
vom „anfechtbaren, aber inter-
essant gesprochenen Deutsch eines
Fremdstammigen" redet. Und da
er nun schon im Zuge ist, spricht
er des weiteren „von einem
.groBen* Regisseur des letzten
Jahrzehnts, beriihmt als letzter
Bluff des zivilisatorischen Fassa-
denbarock eines geschaftsttichtigen
Regieunternehmertums", der, als
man ihm vorschlug, Shakespeares
Konigsdramen endlich einmal her-
auszubringen, geantwortet haben
soil: ,,Er habe keine Beziebung zu
Konigen und Helden, sie seien
tiber ho It von neuen I deal en." Und
Hanns Johst ftigt lapidar hinzu:
„Wir wis sen um diese mauscheln-
den Ideale Bescheidl"
Wir unsrerseits wissen um
Hans Johst Bescheid, und wir
werden ihm diese „mauschelnden
Ideale", die er sicher ganz anders
bezeichnete, wenn der Bluff-Re-
gisseur einmal den Ungeschmack
gehabt hatte, eines seiner Stiicke
zu inszenieren, nicht vergessen.
Auch der Verargertste, der Unauf-
gefuhrteste unter den Dramatikern
muBte sich hiiten, wenn die Kon-
junktur auch noch so sehr dazu
verlockt, in einen so niedrigen
StraBen jargon zu verf alien. Auch
der Schriftsteller hat seine Ehre-
Felix Tischbein
148
Erotik erwfinscht
Oekanntmachung der Gemeinde
^ Kaiserswaldau in Schlesien:
„Nach Anhorung des Ausschusses
der weiblicben Zuchttiere ist das
Sprunggeld ftir den Gemeinde-
bullen hier auf 6 Mark ermaBigt
worden. Kaiserswaldau, den
13. Juli 1932. Der Gemeinde-
vorstand/'
Der Kaiser braucht Soldaten
Jedes Ehepaar hat die Pflicht,
eine Mindestzahl von drei Kin-
dern uber das fiinfte Jahr hinaus
hochzubringen. Diese Mindest-
zahl ist auch dann zu erstreben,
wenn die Beschaffenheit der
Eltern eine Minderwertigkeit der
Nachkommen erwarten lassen
diirfte, doch ist in diesem Fall
die Mindestzahl auf keinen Fall
zu uberschreiten, Jedes Ehepaar,
das sich durch besondere Riistig-
keit auszeichnet, hat das Recht,
die Mindestzahl um das Doppelte
zu uberschreiten.
,Die Schar
Ostermond 1932
Der Heuwagen
Vficht imGrundsatz sondern nur
^ ' im Tempo und AusmaB
unterscheidet sich der kirchliche
Fortschritt vom weltlichen. Er
ist nicht wie dieser ein beweg-
liches, hurtiges Gespann sondern
ein hochbeladener Heuwagen, der
behutsam fahren muB, um alle
Schlaglocher zu vermeiden. Die
Last ist die jahrtausendalte
Tradition, der ruhende Pol im
Kulturwandel, der die Kultur
sicherstellt . . , die entwicklungs-
fahigste Macht der Geschichte.
Dr. Wrede tiber „Kirche und
Fortschriit" auf der „Deut-
schen Welle" am 16. Juli.
Zum 31. Juli
T)er Fanatismus ist die einzige
*■*' Willensstarke, zu der auch
die Schwachen und Unsicheren
gebracht werden konnen,
Nietzsche
Es gibt keine Zukunft ftir Men-
schen — mag ihre rohe Lebens-
kraft auch noch so groB sein — ,
.die weder intellektuell noch poli-
tisch gebildet genug sind, Sozia-
listen zu sein. Shaw
Antworten
Dr. Magnus Hirschfeld. In einer freundschaftlichen Zuschrift
werfen Sie der ,Weltbuhnel Mangel an Sexualtoleranz vor, weil sie
sich in zwci Aufsatzen der letzten Hefte gegen Perversionen ausge-
sprochen habe. Sie weisen Bernhard Stapel, der geschrieben hat, die
Wissenschaft habe sich seinerzeit zu sehr um Perversionen und zu
wenig um das normale Geschlechtsleben gekiimmert, auf Ihr Werk
„Geschlechtskunde", auf Ellis, Forel, Bloch, Marcuse und auf das
Buch von Doktor Spinner iiber die „ Jungfernschaft" hin. Andrer-
seits hat ihnen Rudolf Arnheims Satz mififallen, dafi man heute „Per-
versionen wieder fur hafilich und unschon, aber nicht mehr fur straf-
bar" halte, Sie sagen, dafi sexuelle Geschmacksdinge jenseits yon
schon und hafilich und von gut und bose lagen und dafi die Homo-
sexualitat doch in der Mehrzahl der Falle konstitutionell sei, Nun,
mit gut und bose hat solche Veranlagung gewiB nichts zu tun, sicher-
lich doch aber mit schon und hafilich. Auch eine Mifigeburt ist doch
hafilich, wennschon ,,naturlich" und keineswegs bestrafenswert! Und
dafi auch die Sexualvarianten grade vom Standpunkt der modernen
biologisch orient ierten Schonheits- und Sittlichkeitsvorstellungen aus
hafilich, weil Entartungen, sind, das sollte doch auch der nicht iiber-
sehen, der wie Sie seit Jahrzehnten so mutig und verdienstvoll gegen
Muckertum und gesetzgeberische Grausamkeit kampft.
Exkronprinz Rupprecht. In Bad Briickenau haben Sie in Ihrer
Ansprache gesagt, dafi Ihnen die grofie Not des Volkes ans Herz
greife. Sie bedauerten nur, dafi Sie f1zur Zeit noch nicht die Mittel
hatten, dieser Not zu steuern." Wann und von wem erwarten Sie
diese Mittel?
Breslauer. Wir begluckwiinschen euch, dafi bei euch die Ein-
heitsfront in einem Umfange durchgefiihrt ist, wie wir uns nie hatten
traumen lassen: auf demselben Plakat eintrachtig beieinander das
Hakenkreuz, die drei Pfeile und Sichel mit Hammer! Allerdings
eine Einheitsfront fiir eine Schnapsreklame, den ,,Schirdewer-Korn'\
Breslau kennt keine Parteien mehr, Breslau kefint nur noch Saufer
desselben Korns.
Wilhelm Stefan. Bruno Heilig, der berliner Korrespondent des
.Wiener Tag1, schreibt Ihnen: „Ihr Artikel tiber die antifascistische
Agitation in Oesterreich enthalt gute Gedanken, aber mufiten Sie, um
Ihre Ansichten iiber die richtigen Methoden der Bekampfung des
Fascismus auseinanderzusetzen, die gesamte wiener antifascistische
Publizistik verletzen? Wer die wiener Verhaltnisse nicht kennt — und
in Deutschland kennen sie nur wenige — , muB wirklich glauben, dafi
die wiener antifascistische Presse nichts andres tut als „enthullen",
denn Sie beziehen Ihre Ausfiihrungen ausdriicklich auf die anti-
fascistische Publizistik schlechthin. Das ist falsch und schief, Die
wiener antifascistische Presse ..enthiillt" nicht nur, sie kampft auch
ehrlich, Sie tut in sehr wirkungsvoller Weise auch das, was Sie fiir
so wichtig halten. Ich wenigstens habe in wiener Zeitungen schon
manchen ausgezeichneten Aufsatz iiber den Weg zur sozialistischen
Neugestaltung der Welt gelesen, Es liefie sich noch sehr dariiber
streiten, ob in den von Ihnen zitierten Fallen wirklich Fehler begangen
wurden, Wenn es Fehler waren, nun: im taglichen Kampf kann man
einmal auch daneben hauen. Aber typisch sind diese Falle ganz und
gar nicht. Man hat es nicht leicht als antifascistischer Journalist, man
tragt doch ein bifichen seine Haut zu Markte. Mu0 uns der Kame-
rad noch in den Arm fallen, indem er uns vor Kameraden so un-
gerecht angreift?"
Gefliigelzuchter* Das Braune Haus gibt einen von Gregor Strafier
gezeichneten parteiamtlichen Befehl iiber die Organisation; der natio-
149
nalsozialistischen Jungmadchenschaft heraus. Die fiinfte und letzte
Ziffer des Befehls lautet: „Kinder von Parteigenossen und Nicht-
parteigenossen unter 10 Jahren konnen zu sogenannten Kiickengrup-
pen zusammengefafit werden. Das Aufziehen und die Fiihrung sol-
cher Kiickengruppen untersteht der ortlichen Frauenschaftsleiterin."
Fehlt nur noch die nationalsozialistische Eiergruppe,
Generaldirektor Klitzsch, Mit Interesse haben wir dem tonenden
Ufa-Prospekt gelauscht, den Sie uns unter dem Namen „Der Tonfilm
als nationaler Kulturfaktor" im berliner Rundfunk geboten haben. Nur
eins ist uns dabei nicht klar geworden: was ist eigentlich ein Dohn-
ftilm?
Antisemif. In Carl von Ossietzkys Aufsatz, der sich mit dir be-
fafite, sollte von dem )fwackeren und ehrlichen Hans" (nicht „Mann")
die Rede sein, der „die gottgesegnete Kraft seiner Arme gebraucht".
Durch diesen Satzfehler wurden die spateren Hinweise auf die wacke-
ren Hansen unverstandlich,
Doktor Arno Schirokauer. Sie sp^echen am Donnerstag im Mit-
teldeutschen Rundfunk von 6.50 bis 7 Uhr iiber ,,Die 50 schonsten
Bticher des Jahres". Macht pro Buch 12 Sekunden. Nurmi und Sea-
grave werden erblassen.
Westdeutscher Rundfunk. Euer Ansager hat am 20. abends um
7 gesagt: „Wegen der Rede des Herrn Reichskommissars fiir PreuBen,
des Herrn Reichskanzlers von Papen, fallt der fiir heute angesagte
Vortrag iiber Gesundheitspflege und Lebensfreude aus." Force ma-
jeure sozusagen.
Internationales Friedensbureau. Natiirlich wird es viele unserer
Leser interessieren, daB der Internationale Friedenskongrefi vom
4. bis 9. September in Wien stattfindeUund sich mit der Abriistungs-
frage, materiell und moralisch, mit der Weltwirtschaftskrise und der
Revision der Vertrage beschaftigen wird. Nahere Auskunft in Genf,
Rue Charles Bonnet 8.
Doktor Wilhelm StapeL Sie machen in Ihrer Broschure „Was
wir vom Nationalsozialismus erwarten" den Vorschlag, daB nur Zei-
tungen, die sich ausdrucklich als jiidische bezeichnen, pazifistische
Ideen vertreten diirfen: „Pazifisten konnen sich also ihre Wirksamkext
durch Ubertritt zum Judentum ermoglichen." Herr Doktor, soweit
wie Sie gehen wir nicht im Philosemitismus ! Wir mochten keineswegs
den Juden das Monopol pazifistischer Vernunft iiberlassen.
Autographensammler. Im Verlag Anton Schroll & Co., Wien, soil
eine Sammlung der Brief e Peter Altenbergs erscheinen, Der Heraus-
geber laBt alle Besitzer von Altenberg-Briefen bitten, sich mit ihm in
Verbindung zu setzen. Zuschriften an Herrn Dr, Franz Gliick, Wien,
3. Bezirk, Landstrafier Hauptgasse 140;
Leser in Essen. Wenn Sie sich an den wochentlichen Zusammen-
kiinften der Weltbuhnenleser Ihrer Stadt beteiligen wollen, dann wen-
den Sie sich bitte an Herrn Rudi Josephs, KaupenstraBe 6, der Ihnen
Ort und Zeit der Veranstaltungen mitteilen wird.
Manuakripte sind nor an die Redaktion der Weltbuhne, Charlottenburg, Kantstr, 152, zu
ricfaten ; ea wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da aonst keine Rudcsendung erf otgen kann.
Das Auf f tthrung srecht, die Verwertun g von Titeln u. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechanisehe Wiedergabe alter Art und die Verwertung im Rahmen von Radiovortragen
bleiben fur alle in der Weltbuhne eracheinenden Beitrage ausdrucklich vorbehalten.
Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
unter Mitwirkung von Kurt TucholsW geleitet. — Verantwortlich : Walther Karsch, Berlin,
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Telephon: C 1, Stemplatz 7757. — Postscheckkonto : BerUn 11958.
Bankkonto: Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
XXV1H. Janrgang 2. August 1932 Nummer 31
WahlbilanZ von Hellmut v. Gerlach
T Tm die richtige Vorstellung von der Bedeutung dcs Wahl-
^ ergebnisscs vom 31 „ Juli zu haben, muB man sich vergegen-
wartigen, daB der Reichstag am Tage seiner Auflosung also
aussah:
Sozialdemokraten , 136
Nationalsozialisten 110
Kom munis ten 78
Zentrum 69
Deutschnationale 41
Deutsche Volkspartei 30
Wirtschaf tspartei 21
Christlich-sozialer Volksdienst und Konservative . 21
Bayerische Volkspartei 19
Landvolk 18
Staatspartei ,16
Sozialistische Arbeiterpartei 6
Volksnationale (Jungdeutscher Orden) ... 6
Deutsche Bauernpartei 5
Bei keiner Fraktion 1
Zusammen 577
Im Gegensatz zu dem am 24. April gewahlten preuBischen
Landtag, der, wenn nicht an Paranoia, so doch bestimmt an
Paralyse leidet, war der letzte Reichstag noch beschrankt ar-
beitsfahig, Er konnte zwar nicht gehen, aber wenigstens hum-
peln. Unmittelbar vor der nicht von ihm, also nicht vom Volke
sondern vom Reichsprasidenten erzwungenen Auflosung hatte
er sogar Briining noch ein Vertrauensvotum dargebracht.
Der neue Reichstag gleicht dem neuen Landtag in allem
Schlechten. Er hat eine sichere Mehrheit fiir jede Negation
und fiir jeden Radau. Er hat keine positive Mehrheit, die auf
irgend einer Gesinnungsgememschait fuBt.
Oberraschungen hat die Wahl in keiner Weise gebracht.
Hochstens darin, daB die Kommunisten 10 Sitze gewonnen, die
Sozialdemokraten drei verloren haben, obwohl die Wahlstim-
muntf der SPD g (ins tiger schien als der KPD. Man iibersah die
ungeheure Wahlhilfe, die Herr von Papen, natiirlich wider sei-
nen Willen, der KPD hat angedeihen lassen. Immer wieder,
zuletzt noch an dem Tage vor der Wahl, hat er einseitigst alle
Schuld auf die KPD gehauft und dadurch in breiten Links-
schichten moralischen Protest herausgefordert. Die zehn Man-
date mehr sind kein Vertrauensvotum fiir die KPD sondern ein
besonders intensiv gemeintes MiBtrauensvotum gegen Papen.
Dafl die Mittelparteien, vom Zentrum abgesehen, zerrieben
werden wiirden, wuBte; jeder vorher. Aber daB man den alt-
romischen Begriff des Dezimierens in dem Sinne verstehen
lernen wurde, dafl gewisse Parteien von 1930 bis 1932 auf ein
Zehntel oder noch weniger zusammengehauen werden wiirden,
erwarteten selbst die nicht, die im deutschen Parteiwesen das
1 :" ' 151
Land unbegrenzter Moglichkeiten erblicken. Von den mehr als
1 Million Stimmen, die das Landvolk 1930 erhielt, sind ganze
90 000 iibriggeblieben, von den 1 400 000 der Wirtschaf tspartei
1 46 000. Diese Parteien existieren iiberhaupt nicht mehr.
Moloch Hitler hat sie verschlungen, Und er lauert nur darauf,
auch die Reste der ubrigen Mittelparteien zu verschlingen;
Volkspartei, Staatspartei, Christlichsoziale — lauter Kaninchen,
die bereits vom Blick der braunen Boa Constriktor hypnoti-
siert ihres Schicksals harren. Nur die Deutschnationalen haben
sich einigermaBen halten konnen. So mancher Rechtsmann,
der imi Marz und April noch Hitler wahlte, ist zu Hugenberg
zuriickgewandert. Er hat Angst bekommen, daB das Rot in der
Hitlerfahne nicht bloB aufgetragene Schminke sondern Natur-
farbe sein konne.
Der einzige Sieger in diesem Wahlkampf ist das Zentrum
mitsamt der ihm engverbundenen Bayerischen Volkspartei.
Nicht nur, daB es mehr als eine halbe Million Stimmen — die
meisteni wohl aus der ehemaligen Staatspartei — hinzuge-
winnen konnte, Das Wesentliche seines Sieges ruht in der Tat-
sache, daB ohne seine Mitwirkung iiberhaupt keime legale Re-
gierung zustande kommen kann. Es hat alle Triimpfe in der
Hand (abgesehen natiirlich von. den 100 000 Treffbuben Schlei-
chers). Seine moralische Position ist ebenso stark wie seine
politische. In den nachsten Wochen wird es die von alien um-
worbene reiche Erbin sein. Sein Sieg iiber Papen ist voll-
kommen. Er ist nur noch ein Schattenkanzler.
Nichtsieger ist Hitler, obwohl er die Zahl seiner Stimmen
seit 1930 verdoppelt hat, Auf die absoluten Zahlen kommt es
ja nie an, immer nur auf ihren relativen Wert. Trotz der
Quantitat der deutschen Siege im Weltkrieg war ihr quali-
tativer Nutzeffekt nur eine Niederlage sans phrase.
Hitler hat weder fur sich allein noch mit Hinzurechnung
aller nur denkbaren Verbiindeten eine Mehrheit. Er kann die
Regierung nicht bestimmen. Er muB froh sein, wenn er zur Re-
gierung zugelassen wird.
fas Maximum seiner Machtmoglichkeit ist erreicht, falls
er legal bleiben will. Und daB er das will, hat er ja beschwo-
ren. Seine Stimmziffern konnen in Zukunft nur noch ganz un-
bedeutend in die Hohe gehen. Das Reservoir der Mittelparteien
ist fast restlos ausgeschopft. In das Zentrum wie in den
Marxismus kann er nicht einbrechen. Das haben die vier
Wahlgange seit dem 13. Marz bewiesen.
Hitler kann jetzt an der Macht im Reiche wie in PreuBen
teilnehmen, wenn das Zentrum es ihm gestattet.
Wird es? Ja, es wird, wenn er so beseheideii ist, wie er
seine Anhanger unbescheiden zu sein gelehrt hat. Er hat
sicher den besten Willen, vor dem Zentrum; Mannchen zu ,
machen, Werden es seine Mannchen ihm gestatten?
Die Frage qualt ihn jetzt: Wie sage ich es meinen braunen
Kindern?
Der Kampf ist vorbei. Der Kuhhandel beginnt,
152
Linke Leute von rechts von Kurt inner
1 inks", „ rechts" — diese Unterscheidung wird taglich
jfM-i diimmer. Wer kommt noch mit ihr aus? Eine Periode
dcs Gemeinplatzbebens in der Politik hat begonnen; unid mir
die verrostetsten Seismographen melden nichts, Verkaufen wir
sie als Altblech nach dem Mond! Also sprach Borne; ,,Wie
es unter einer Million Menschen nur tausend Denker gibt, so
gibt es unter tausend1 Denkern nur einen Selbstdenker." Der
Satz ist hundertundneun Jahre alt und dennoch so frisch, als
ware er eben vom Baum gepfliickt. Er findet sich in demsel-
ben Kapitel der fVermischteni Aufsatze, Erzahlungen, Reisen',
das die ergreifende Stelle enthalt: „Aber das Vaterland der
Gedanken ist das Herz" und den unheimlich aktuellen Passus:
,,Eine schimpfliche Feigheit zu denken halt uns Alle zunick.
Driickender als die Zensur der Regierungen ist die Zensur,
welche die offentliche Meinung iiber unsere Geisteswerke aus-
iibt, Nicht an Geist — an Charakter mangelt es den meisten
Schriftstellern . . ." Seitenlang mochte man zitieren. Unter
den Denkern der deutschen Vergangenheit die tiichtigstenf
namlich die tiefsten, redlichsten, scharfsten und hellsten, sind
heute so gut wie auBer Mode : die Kant, Lessing, Lich-
tenberg, Friedrich Schlegel1, Fries, Schopenhauer, Born-e
— wahrend hoch im Kurs alle denkerische Impotenz und Schar-
latanerie stent: Magiertum und Hegelei (ihr Negativ einge-
schlossen). Zwischen Mystizismus und Materialismus fiihrt,
fast auf verlornem t Posten, der Kritizismus seinen heroischen
Zweifrontenkrieg; keine Kraft unter den Kraften des Menschen
wird vom Pobel aller Lager heute in .gleichem Grade geschmaht
und,1 gelastert wie die Vernunft. Sie wird obsiegen; aber ge-
genwartig wandelt sie den Kreuzesweg.
Borne also, iiber dias Denken ... ich unterbrach mich,
wol'lte iragen: Wer taugt mehr, ein ,kommunistischer Nicht-
denker oder ein nationalistischer Selbstdenker? Moge Jeder
diese Frage nach seinem Privatgeschmack beantworten (oder
besser: nach andern Kriterien als denen des Geschmacks); all-
gemeingiiltig scheint mir zu sein, daB Selbstdenker, m6gen
sie auftauchen in welcher politischen Gegend auch iinmer,
ernster Beachtung wert sind — zumindest in einer Epoche, de-
ren herrschende Politik-Gruppen ein so erbarmliches intellek-
tuelles Niveau zeigen (und daher so schaurige Resultate her-
vorbringen) wie die grofien Parteien in diesemL DeutschLand:
jene alten Vereine, die sich in das Gesetzgebungsmonopol tei-
len, und jene jiingeren, ebenso fragwiirdigen, die es ihnen ent-
reiBen wollen.
Vor fiinf Jahren schrieb ich hier iiber die „Neuen Natio-
nalisten", die Leute um Schauwecker. Sie waren wirklich
neuartig, auf ihre Weise durchgeistet, keine Stammtischpatrio-
ten, keine schwarzweiBroten Rauschebarte; der fur unsereinen
iriteressanteste Abseiterkreis des Nationalisms sind sie indes
heut langst nicht mehr — schon weil das Hauflein zersprengt,
der Block zerstaubt scheint, die Atome verweht, neugebunden.
153
Und Otto der StraBcr? Ein aus bemerkenswert saubcrn
Griinden von Hitler Gewichener, die Sensation dreier Wochen
— von ernsterer Bedeutung und Zukunft schwerlich, weder er
noch seine Kohorte. DaB sie klein ist, bleibt belangarm; Quan-
titaten haben in der Kulturgeschichte noch niemals die Ent-
scheidung gebracht. Aber da wogt alles zu gallertig; diese
Mannen haben Mythos und Mystik mit Suppenkellen gegessen;
statt Hosen haben sie Irrationalismus an; gehn sie im Felde
des Geistes spazieren, dann blubberts und triefts; wer Kant
gelernt hat, wer trocknes Denken mag (Trocknes kann kni-
stern; siehe Seide, siehe Katzenfelle), wer Randscharfe der Be-
griffe liebt, dem ist dieser Stil zu feucht, zu weich, zu schlaff.
„Tiefe"? Tiife! — da es die Talmi-Tiefe Derer ist, die weder
den gesammelten Geist der Vorwelt im Blute haben noch mit
der Kraft igesegnet sind, selbstandig einen Gedanken zuende
zu denken; die zwischen SpieBertrivialheit und letzter, feinster,
klarster Erkenntnis auf halbem Wege im Schlamm stecken
bleiben. 0, ihr den Begriffsglib'ber Ernstnehmenden, den an-
spruchsvoll-ideo'logischen Glitschkitsch, o Horige milchig-truber,
wolkiger,] scheintieier Fiihldenkerei — : daB man vom Spie-
gel eines Gewassers nicht bis auf den Grund hinabsehen kanh,
diese Eigenschaft teilt der Ozean mit der Pfiitze; also schlieBe
nian von Undurchsichtigkeit nicht gleich auf Ozean! Um-
gekehrt wieder wird der SchluB, was klar ist, musse flach sein,
durch manchen Bergsee widerlegt; nur Kinder verkennen, daB
die bunten Kiesel, die man durch den Azur seines Wassers wie
zum Greifen nahe schaut, oft in gefahrlicher Tiefe ruhn.
Soviel iiber StraBer (Otto). Es trifft aber, zu einem Bruch-
teil wenigstens, auch auf jene Nationalistengruppe zu, die heute
vor den andern Aufmerksamkeit fin* sich beanspruchen darf;
die Gruppe um Karl O. Paetel. Selbstgefallig-unzulangliche
Mystagogie (erkiarlich durch die Herkunft aus rechtsgerich-
teter Jugiendbewegung, aus Metawandervogelphysik, ,,bundi-
scher*') mischt sich da mit ruhmlich energischem Willen, i zur
Klarheit vorzustoBen — zu einer Klarheit, die nicht simpel
sondern komplex ist; die, ohne vom Goldkern des Nation-
Erlebnisses einen Deut preiszugeben (welches ja nur Seelen-
kriippeln rremd bleibt), sozialistisch-revolutionare Erkenntnis
wird. Flachkopfe pflegen in der Vollziehung einer Synthese
die Vernachlassigung eines Widerspruchs zu erblicken; solcher
MiBdeutung setzt gerade die Paeteldoktrin sich furchtlos aus.
Da ihr Nationalismus von der Rassentheorie, vom zoologischen
Stumpfsinn genesen und zu seelisch-geistigen Kriterien ent-
schl'ossen scheint, da andrerseits ihr Sozialismus — nicht als
^Religion", aber als Prinzip okonomischer Organisation — ehr-
lich und echt ist (was sich in unzweideutiger Option fiir Sow-
jetruBland zeigt, als bedmigungslos zu schiitzende Vormacht der
Zukunftskultur: ein Faktor, an dem alle AuBenpolitik zu orien-
tieren sei), so wiirde nicht nur Boswilligkeit dazu gehoren, den
Paetelkreis mit den Nationalsozialisten zusammenzuwerfen,
sondern auch Blindheit, zu iibersehen, daB er inl scharfstem
Gegensatz zu ihnen steht. Denn der Nationalismus der Na-
tionalsozialisten ist dezidiert zoologisch und ihr „SozialismusM
offen antibolschewistisch.
154
Nun hat die Kommunistischc Partei Deutschlands, wie man
weiB, seit etwa zwei Jahren eine starke Wendung zum Natio-
nalismus vollzogen (Mnationale und soziale Befreiung", ,,Volks-
revolution", Scheringer), und die Frage liegt nahe, was denn
die „sozialrevolutionaren Nationalisten" um Paetel von unsern
nationalrevolutionar gestimmten Kommunisten unterscheidet,
Etwas sehr Wichtiges! Namlichf dafi bei den Paetel-Leuten ein
(durchaus willensechter) sozialistischer Revolutionarismus frei
von allem materialistischen Abrakadabra, sogar in bewuBter
Opposition zur materialistischen Geisteskrankheit, auftritt —
ein Punkt, in dem sich die Sozialrevolutionaren Nationalisten
mit den Revolutionaren Pazifisten beriihren und mit dem ISK.
Die ideologische Grundlage des kommenden, verwirklichenden
Sozialismus Europas ist antimaterialistisch (Mut! neo-ideali-
stisch); auch in RuBland wird der Sozialismus auf Generatio-
nen lebensfahig nur dann sein, wenn er sich von der materiali-
stischen Basis lost. Man braucht bloB eine Rede Stalins zu
lesen, um festzustellen, daB er in Wahrheit langst dabei ist.
Aber er weiB es nicht. Alle Realisierungsschwierigkeit und
-langsamkeit der sozialistischen Bewegung, alle ihre Irrungen
und Entzweiungen, aller MiBerfolg ihrer Propaganda, all ihre
deprimierenden Vergeblichkeiten. (bei phantastisch chancen-
reicher objektiver Situation: jeder dritte Deutsche erwerbslos!)
beruhen auf der im Fundament falschen, im Keim vergifteten
sozialistischen Theorie. Das wuBte als Erster Gustav Lan-
dauer; in seinem Aufruf zum Sozialismus gab ers vor ein-
undzwanzig Jahren kund; heute ist dies Wissen (welches sich
in einem Nebensatze nicht begriinden laBt) schon Gemeingut
Vieler; sie sind die Vorbereiter des sozialistischen Auf schwungs
von morgen,
Demnach stehn die Paetel-Sozialisten, so sehr sie vom
Nationalismus, von etwas zu Oberwindendem, kommen, mit der
Zukunft enger im Bunde als das marxistische Gros — eine
Tatsache, die uns verpflichtet, der Entwicklung dieser Gruppe
mit erheblicher Aufmerksamkeit zu folgen. Mit einer Auf-
merksamkeit, versteht sich, die nur kritisch seini kann.
Die Gruppe publiziert gegenwartig in der ,Sozialistischen
Nation', einem unregelmafiig erscheinenden Blattchen, das
Schwierigkeiten hat, weil . es Linie hat. Diinkel arrivierter
Schongeister, die auf gesicherten Tribiinen geistreich Halbver-
bindliches auBern, ware dieser Erscheinung gegeniiber recht
unangebracht. Ich empfehle Respekt vor einer von den no-
tierten Doktrinen scharf abweichenden, antivulgaren Ge-
sinnung, die ohne Konzession und Aufweichung ihres Profils
sich publizistisch durchzusetzen sucht.
Obrigens nicht die bisher erschienenen Nummern der So-
zialistischen Nation' sollen der Kritik zugrundegelegt werden
sondern zwei Duodezbandchen, die Paetel herausgab: ,Das gei-
stige Gesicht der nationalen . Jugend' und .Sozialrevolutio-
narer Nationalismus' (beide erschienen im Verlag Die Kom-
menden, Flarchheim in Thiiringen),
Die erste der beiden Schriften fiihrt die Scheidung von
konservativem und sozialistischem Nationalismus folgerichtig
durch. Wir sind mit Paetel in der Ablehnung des konserva-
2 155
tiven Nationalism us einig. Sein sozialistischer freilich, schcint
uns, tragt hoch Eierschalen des konservativen am Flaum.
Schaiurige Expektorationen des grotesk liberschatzten Herrn
Ernst Jiinger werden zitiert, aber nicht abgelehnt, Etwa: ,,Der
Krieg ist ein Erlcbnis des Blutes", ,,Was unsere Literaten und
Intellektuellen dariiber zu sagen bat) en, ist fur uns obne Be-
lang." ,,Er mag die Holle gewesen sein — nun gut, es liegt
im Wesen des faustischen Menschen, auch aus der Holle nicht
mit leeren Handen wiederzukehren." Ich werfe Paeteln vorr
der schandlichen Frivolitat, die hier feixt, nicht Einhalt ge-
boten zu haben. Es muBte, wenn man so dreiste und seichte
Satze iiberhaupt abdruckt, unbedingt gesagt werden; erstens,
daB den Krieg der Umstand nicht rechtfertigt, daB er „er-
lebt" werden kann, sintemalen auch Feuersbrunst, Lustmord
und Raubmord erlebbar sinds; zweitens, daB Herr Jiinger ja
selber Literat ist und selber Intellektueller, wenngleich kein
sonderlich intelligenter; so daB seine These ihn selber ohr-
feigt; drittens, daB es keineswegs im Wesen des faustischen
Menschen liegt, aus der Holle des Krieges iiberhaupt wieder-
zukehren. Wiederkehr ist ein Gliicksfall und beweist weder
Heroen- noch Faust turn, GewiB verdient Herrn Jungers Be-
kenntnis Beachtung; ffWir Nationalisten wiinschen nicht zum
zweiten Male mit dem Kapital in einer Front zu stehen";
aber wenn er fortfahrt: sein Kreis stiinde ,,auf der Seite des
widerstandswilligen Proletariats", „um der Nation, nicht urn
irgendwelcher humanitarer Begliickungsideen willen", so muB
dieser Antibegliicker, dieser ausgesprochene Unmensch, die-
ser sich selbst als Unmensch vorstellende Unmensch gefragt
werden, ob denn zu seinem Ideal von Nation gehort, daB ihre
Mitgliedler gliicklos siwL Ich pladiere dafiir, daB allgemein auf-
gehort werde, sadomasochistische Sublimationen als Politik
hinzunehmen.
Es erfreut, wenn Paetel ausspricht, daB die ,,'rein haltungs-
maBige Bejahung des Sozialisnius" „auch zu ganz bestimmten
politischen Folgerungen" fuhrt, ,,zu Beriihrungspunkten mit
linksrevolutionarer sozialistischer Jugend" und Mzu deutlichen.
Abgrenzungen gegeniiber den politischen Einstellungen des
Burgertums"; man applaudiert, wenn man liest: MEntscheidun-
gen miissen innerhalb d'er nationalen Jugend zweifellos fallen.
Sie werden fallen miissen an der Fragengruppe des Sozialis-
mus" — aber zu dieser „ Fragengruppe" gehort auch die Frage
des Kriegs. Sie ist, daran gibts keinRiitteln, mit einem prin-
zipiellen (wenn auch nicht quakerisch „absoluten") Nein zu
beantworten. Von diesem Nein fehlt in Paetels Schriften der
Hauch eines auch nur fernen Klangs, Mit der ,,entschiedenen
Ablehnung des liberalistischen Individualismus" wird ja alles
Freiheitsstreben des Menschen gedrosselt, das Ewige, Heilige,
Prometheische in uns, wird die seit Jahrtausenden unter furcht-
baren Opfern vorwartsschreitende Emanzipation des Indivi-
duums gehemmt, wird der Begriff des Kollektivismus iiber
die okonomisch-strukturelle Sphare hinaus reaktionar erwei-
tert. Die Freiheit der Ausbeutung aufheben und die Freiheit
der Lebensgestaltung herstellen — das ist kein Widerspruck
sondern erganzt sich. In wahrem Sozialismus ist wahrer Libe-
156
ralismus enthalten, wahrcr Individualismus erfiillt. Weil der
Manchester-Liberalismus die Freiheit Weniger durch die grau-
same Unfreiheit der Meisten erkauft — ein Zustand, den die
sozialistische Revolution beseitigen will und soil — ( darum ist
Freiheit (jenseits der Wirtschaft) langst nicht erledigt. Wenn
Lenin sie ein fctirgerliches Vorurteil gescholten hat, so beweist
das vielieicht etwas gegen Lenin und die Zulanglichkeit seines
Philosophierens, es beweist nichts gegen die Freiheit. Wir
werden uns von dem modernsten Schimpfwort nliberalistisch"
nicht ins Bockshornjagenlassen; wohlgemerkt: als Sozialist sag
ich das! Als Sozialist, der weiB, daB Liberalismus ein Doppel-
gesicht hat; das vordere (kulturelle) bleibt zu liebkosen, auch
wenn das hintere (okonomische) zu zuchtigen ist.
Man daff sogar sagen, daB erst die Negation des okono-
mischen Liberalismus den kulturellen zur Verwirklichung brin-
gen kann. Erst der Welt-Sozialismus, zum Beispiel, wird den
Welt-Frieden schaffen: die Belehnung aller Individuen mit dem
Recht auf Leben. Deswegen ists in der Ordnung, wenn — in
dem zweiten dieser Bandchen (einer Sammelschrift) — Heinz
Gollong seiner Gruppe rat, sich keineswegs zu riihmen, ,,den
Pazifismus u'berwunden zu haben"; womit er ihm freilich kaum
ein Lob erteilen will; Doch er bleibt unuberwindlich! DaB Men-
schen einander nicht mehr t6ten sollen: in Ewigkeit sittliches
Ziel. Es erkennen undi ihm entgegenschreiten — nichts andres
ist Pazifismus. Ihr konnt die Trager dieser Idee be-
rennen (ich helfe in manchem Falle); die Idee nicht. Die Idee
nicht, ohne euch einer Siinde wider den Geist schuldig zu
machen. Gerade ihr muBtet begreifen, daB an der Verewigung
des Tot ens zu arbeiten irreligios ist. Ihr miiCt also auch auf-
horen, euer NationalbewuBtsein mit einem „einschrankungs-
losen Bekenntnis zur Wehrhaftigkeit" zu identifizieren, wie
Gollong das leider tut — sonst der feinste Kopf dieses Kreises.
„ Wehrhaftigkeit" gegen wen? fur wen? fur was? ein „ein-
schrankungsloses Bekenntnis"? im Zeitalter des staatlich or-
ganisierten Massenmords durch Giftgas und Bakterien? Es
liegt wohl Leb ens voiles und Schones d'arin, mit dem Blut zu
denken, mit den Muskeln zu denken, mit den Hoden zu den-
ken; man soil aber, schlag ich vor, nicht ganz darauf verzich-
ten, auch mit dem Gehirn zu denken, (Jiingstes, das ich von
Gollong las, beweist, daB gerade er dies vorbildlich kann. Ra-
' pide Entwicklung! Ubrigens verlieB er die Paetelgruppe.)
Ein prachtvolles Wort steht in dem Biichlein: „Ja manch-
mal will uns scheinen, als hatte die Nation . . , weniger wirk-
liche Werte verloren und mehr wirklich Wertvolles gewonnen,
wenn Liebknechts schaumende Heftigkeit und sein EinfluB auf
die Massen und das Ausland an leitender Stelle sich hatte aus-
wirken konnen. Wenn sich der Kern der Intelligenz entschlos-
sen auf seine Seite warf, wenn d'as Offizierkorps im Antimili-
taristen die Kampfesnatur erkannte, hatte sich die chaotische
Zeit schneli uberwinden und zur Volkserhebung umbilden las-
sen/' Wer solehe Satze druckt, hat nichts mehr gemein mit
dem Mordpack, das Jenen fallte,
157
Ausgezeichnet klar Karl Baumann (linker Flugelmann) :
nAblosung dcr kapitalistischen Ordnung durch den sozialisti-
schen Aufbau. Die Verteidigung dieses Aufbaus mit alien
Mitteln nach innen una auBen." Das ist eine eingeschrankte
„Wehrhaftigkeit", und zwar eine richtig eingeschrankte, Vor-
ziiglich gedacht auch dies: MNSDAP und KPD heben durch
ihren Kampf untereinander ihre Kraft auf. Ihr Kampf gibt
dem Biirgerstaat und; der Bourgeoisie das Gleichgewicht."
(Dieser Baumann soil neuerdings zur KPD abgeschwenkt sein.
GewiB nicht er nur. Auch zu Hitler wird mancher sich in-
zwischen gerettet haben. Die Fluktuation der Personen be-
sagt nichta gegen den Wert der Gruppe, solange sie in einer
Fiihrerpersonlichkeit den ruhenden Pol hat.)
Georg Osten, Roll Becker, Fred Schmidt — auch sie ar-
beiten hier an der HerausmeiBelung der reinen Dualitat der
Klassenfronten; obschon Einigen von ihnen der Klassenkampf
ganz offenkundig nur Mittel zum Zweck der nationalen Be-
freiung ist und ihre Verbindung mit dem proletarischen Re-
volutionarismus mehr einer Verstandes- als einer Liebesheirat
gleicht, Scheringer — fur dessen Befreiung ich manif estiere, auch
wenn ich seine Meinung nicht teile — schrieb am 8, 4. 31 an den
Generalleutnant Dieterich: ,,Es gilt, die revolutionaren Krafte
des Volkes zu sammeln, die Armee der Arbeiter, Bauern und
Soldaten zu formieren und den Befreiungskrieg iiber die Tnim-
mer der Weimarer Republik nach Westen zu tragen," Dies
Bekenntnis eines Kommunisten geht, was seinen Gehalt an
offensivem Nationalbellizismus anlamgt, immerhin erheblich
hinaus iiber die saftigsten Satze des Paetelbreviers.
Dieses (abgerechnet die Schwafler und Glibberer: F. Wulf,
Alwiss Rosenberg) bleibt die Kundgebung redlichen Ringens
jugendhaft-feuriger, jugendhaft-eraster Naturen . . . um den
rechten Weg^ namiich den linkenu
All das ist noch unfertig, wird noch, wachst noch. Unser-
einer soil da, scheint mir, olme Hochmut helfen; soil an Men-
schen, die selber zu denken gewohnt und, im Gegensatz zu den
Marxklerikern, den Gedanken Andrer geoffnet sind, keine ge-
bosselten Dogmen herantragen: friB, Paetel, oder stirb! Nein;
so nicht; sondern: (ohne KompromiB) in Kameradschaft dis-
kutieren. Befiirworte ich eine irenische Aufweichung unsres
Kampf erknochengeriistes? Wers glaubt, wird selig. Aber von
Zeit zu Zeit empfiehlt sich, allerseits, eine Revision der Riten.
Und main vergesse nie, zu forschen: wo steckt im Gegner
der Freund? Ich fiihle mich Jedem briiderlich verbunden, der
sich als rein, wahrhaftig, unabhangig, unbestechHoh, als Diener
am Geiste erweist; der aufrecht, doch unstarr schreitet, weil
er an keine versteinerte Doktrin gejesselt ist; der den Klassen-
kampf auf der Seite der unterdriickten Klasse kampft, vielmehr
diese Klasse aus ihrer Zerkliiftung zur Einheit, zu wirklichem
Kampf e, zum Siege zu erlosen strebt; der aber weiB, daB der
Prolet noch andres ist als Prolet, daB es heilige Ziele gibt
noch jenseits des Klassenkampfs.
158
ErwachteS Ungam von Ernst Toller
p benso bedeutsam wie die Worte, die eine Sprache formt,
sind jene, die sie nicht bildet. Die ungarische Sprache
kennt kein eignes Wort flir Freiheit. Das Wort Szabadsag
ist fremder Sprache entlehnt. Die Herrscher Ungarns haben
dem Volk keine Moglichkeit gelassen, einen Begriff von Frei-
heit sich zu schaffen.
Seit 1919, seit der Niederschlagung der Revolution, wird
Ungarn von seinen Feudalen und Militars regiert, und daSol-
daten, wie wir wissen, stets auf besonders gutem FuB mit dem
lieben Gott stehen — jedes nationale Heer hat seinea Privat-
Gott — , haben sie das Land mit dem Attribut ,,christlich"
bedacht. Militars haben sonderbare Vorstellungen vom Christen-
tum. Nach ihren^ Anschauungen lassen sich Pogrome und
Galgen, Folterungen und Bastonaden mit der Bergpredigt auf
innige Weise verbinden.
Als der Reichsverweser Horthy die Delegierten des PEN*
Clubs begriiBte, von denen er meinte, daB sie zweitausend
weltberuhmte Schriftsteller vertreten, womit er sich in Gegen*-
satz zu Goethe stellte, der da glaubte, er konnte schwerlich
zwanzig weltberuhmte Schriftsteller in zweitausend Jahren auf-
zahlen, lobte er, als er sich zu den deutschen Delegierten
wandte, das Stahlbad, in dem Ungarn lebe. Bald danach ge-
stand er den osterreichischen Delegierten, er habe seit zwolf
Jahren kein Buch mehr gelesen, die leidige Politik raube ihm
die Mufle. Schade! Es muBte sich in Ungarn ein Gremium
von Politikern finden, das dem Reichsverweser fur einige Tage
die RegierungsgeschaHe abnimmt- und ihm einige Bucher iiber
das ,,christliche" Ungarn in die Hand druckt, die von den
wahren Zustanden dieses Landes berichten. Mogen die Auto-
ren auch keine giiten Christen sein, selbst aus den Werken der
Ketzer ist manches zu lernen.
Von den Schandtaten der Hejas- und Pronaybanden, die
sich die „erwachenden" Ungarn nannten, von ihren zahlloseri
Morden und Gewalttaten, weiB die Welt, wenig aber weiB: sie
von den Werken des ^Erwachten" Ungarn.
Im Rochusspital in Budapest traf ich den Schuhmacher
Virak Gyula, dreiundvierzig Jahre alt, Vater von drei Kirir
dern, seit fiinfundzwanzig Jahren Mitglied der Sbzialdemokra;
tischen Partei, der in dem kleinen Dorf Rakoscsaba schleclxt
und recht sein Leben, oder wie die ungarische Sprache mit
schoner Anschaulichkeit sagt, sein ;iGetreide" sich verdiente.
Eines Tages, am 3. Mai 1932, betraten Kriminalkommissare sein
Haus und forderten von ihm die Herausgabe sozialdemokrati-
scher Flugblatter, mit denen er, wie sie sagten, den friedlichen
Geist der Bevolkerung erregen wollte. Virak Gyula beteuerte,
er wisse nichts von diesen Flugblattern, man moge sein Haus
durchsuchen, man werde nichts finden. Man fand wirklict
nichts. Schon atmete der kleine Schuster wieder freier, da
forderten die Kommissare ihn hof lich auf, sie zum -Polizei-
bureau zu begleiten, Ahnungslos ging Virak Gyula mit, KomT
missare, dachte er, miissen immer Protokolle aufnehmen,
159
Aktenbogen beschreiben, was sollten sic sonst mit ihrcr Zeit,
fur die sie doch bczahlt werden, anfangen. Aber der arme
Schuster hatte sich geirrt, Im Polizeibureau wurden ihm erst
die Hande, dann die Fiifie gebunden, zwischen die gebundenen
Glieder wurde ein Stock gezogen, und das BundeL Mensch
zwischen zwei Stiihle gehangt, Geschichtsbiicher erzahlen von
den Schrecken der Bastonade, mit denen die unchristlichen
Tiirken Ungarn zu bestrafen pflegten. Virak Gyula sollte er-
leben, daB man nicht Tiirke sein muB, urn sich auf diese Folter
zu yerstehen. DreiBig Hiebe bekam er auf die nackten FuB-
sohlen, dann wurde er ohnmachtig. Schon vorher hatte man
ihm, als er die vorgeschriebene Stille des Polizeibureaus mit
seinen Jammerschreien storte, einen Knebel in den' Mund ge-
steckt Als der Schuhmacher aus seiner Ohnmacht erwachte,
befreiten ihn die Kommissare, unter denen sich besonders ein
Mann namens Pater Heim hervortat, von seinen Fesseln, aiif
den kalten Steinfliesen durfte er seine geschwollenen FiiBe
sich vertreten, und schon glaubte er, die Pein sei voriiber und
die Peiniger hatten sich eines Besseren besonnen und seien
menschenfreundlich geworden, da wurde er wieder gebunden
und muBte erkennen, daB die Promenade auf den Steinfliesen
nur dazu dienen sollte, die Spuren der Bastonade, dicke
Schwielen auf seinen Sohlen, abschwellen zu lassen- Wieder
wurde er geschlagen, wieder wurde er ohnmachtig. Wieder
wurde er von seinen Fesseln befreit, wieder muBte er auf den
Steinfliesen promenieren. Als er nach der dritten Bastonade
aus seiner Ohnmacht erwachte, benahm er sich wie einKriegs-
dienstverweigerer, schlimmer, wie ein Deserteur, der die
Pflicht gegeniiber dem Vaterland nicht kennt, er sprang aus
dem Fenster und brach sich beide Knochel. Seine Frau, die
herzkrank im Spital lag, starb, als sie vom Schicksal ihres
Mannes horte.
Nun liegt Virak Gyula im Rochusspital in Budapest, die
FiiBe sind geschient und vergipst, aber an den Sohlen konnte
ich deutlich die blutunterlaufenen Spuren der Bastonade mit
eignen Augen feststellen. Der arme Schuster war von seinem
Glauben an Gerechtigkeit nicht geheilt. Er wolle, erzahlte
er mir, die Kommissare anzeigen, und er hoffe, es werde sich
ein Gericht finden, das ihm, dem schuldlos Gefolterten, zu sei-
nem Recht verheJJEe. Denn das Verfahren, das gegen ihn er-
offnet wurde, ist eingestellt. Er hatte tatsachlich keine Flug-
blatter verborgen. Nun wartet er, und mit ihm die Welt dar-
auf, wann gegen die Kommissare das Verfahren eroffnet wird.
Beim Horen dieses Berichtes wird mancher den Vorgang
verstandlich finden, weil es sich ja schlieBlich um einen Men-
schen jener Gattung handelt, die Europa in Unruhe versetzen
und letzten Endes den Umsturz der Gesellschaft anstreben.
Aber nicht nur aus Griinden des Klassenkampfes erteilt man
in Ungarn die Bastonade, manchmal geniigt es, Deutscher zu
'n.
Im .Budapester Sonntagsblatt' lese ich folgenden Aufsatz:
Wie erinncrlich, war die schwabische Gfemeinde Etyck1 imFriih-
jahr, vor Ostcrn, durch einen Gendarmeriezug besetzt worden, weil
zwischen der Bevolkerung der Gemeinde einerseits, der kirchlichen
160
Behorde andrerseits wegen des Kontorlehrers Balassa Differenzen ent-
standen waren, und weil man von der Besetzung die Beruhigung dcr
Gemtiter erhofft hatte. Unter solchen Umstanden hatte damals eine
Lehrerwahl stattfinden sollen. Die Bevolkerung wiinschte Balassa
zuriick, der hauptsachlich darum beliebt war, weil er fur die sprach-
iich-kulturellen Rechte der etyeker Schwaben warmes Verstandnis
nnd aufrichtiges Wohlwollen bezeugte. Da der Wunsch der Wahler
nicht beachtet wurde, verweigerten diese die Abstimtnung. Im Zu-
sammenhange mit diesen Ereignissen glaubten Gendarmerie- Off iziers-
stellvertreter Paul Kovi und Gendarmeriewachtmeister Matthias Rei-
der richtig vorzugehen, indem sie einige von den Bauern korperlich
miBhandelten. Sie lieBen zwei ehrwiirdige alte Bauern, namens Georg
Teller und Anton Konig, ferner zwei angesehene alte Bauerinnen, na- »
mens Frau Georg Jung und Frau Witwe Franz Friesenhahn verhaften
und verpriigelten sie unter vier Augen so unmenschlich und brutal,
daB Georg Teller in ein budapester Spital gebracht werden muBte,
wo sein Leben kaum gerettet werden wird, auch die ubrigen drei Per-
semen wurden so miBhandelt, daB alle schwere Verletzungen davon-
trugen, die Frauen in Ohnmacht fielen, und nur mit Hilfe ihrer Be-
kannten in ihre Wohnungen gebracht werden konnten. Diese Mifi-
handlung hat im Dorfe naturlich allgemeine Emporung hervorgerufen,
um so mehr, als die alte Frau Friesenhahn mit ihren siebzig Jahren
auch schon deshalb allgemeine Achtung genoB, weil sie sich seit etwa
vierzig Jahren als Kirchenschmuckerin unvergeBliche Dienste erwor-
ben hatte.
Wie ware es, wenn unsre Nationalisten sich einmal um das
Schicksal dieser deutschen Bruder kumrherten? Wir werden
lange darauf zu warten haben. Das Gemeinschaftsgefiihl der
Nationalisten hort da auf, wo das Gemeinschaftsgefiihl der ver-
femten Internationalisten beginnt, in der Kameradschaft fur
alle Unterdnickten,
Auf dem Diner des PEN- Club in Budapest gab es als
Nachspeise Bam be Galsworthy. Sie war milde und gefahrlos,
sie zerschmolz auf der Zunge, wahrend die Vorsitzenden des
unganschen PEN-CIubs, unter ihnen Pekar, der alte literarische
Femerichter aus der Zeit des weifien Terror, von der Regie-
rung den ungarischen Schrif tstellern auf oktroyiert, den Geist
des Friedens priesen, der uns alle vereint, und die auslan-
dischen Delegierten in seliger Stimmung sanfte Hymnen auf
die Schonheit der ungarischen Frauen sangen.
Der kleine Schuhmacher im Rochusspital, Opfer des von
Pekar gepriesenen Friedensgeistes, las es am andern Morgen
in der Zeitung, naiv und glaubig. Ein boshafter Mensch
meinte, es stande besser um seinen Glauben, ware er Analpha-
bet geblieben.
Gift, Brand, Bakterien von waiter Fabian
M otverordnungen sind nachgerade nicht sehr beliebt. Aber
es gabe aueh sehr niitzliche. Etwa so:
Artikel 1: Die Sendestellen aller deutschen Rundfunk-
stationen sind verpf lichtet, mindestens einmal wochentlich iiber
die neuesten Fortschritte der modernen Kriegstechnik zu be-
richten, Insbesondere ist die Bedeutung der Luftwaffe, der
Giftgase, der Brand- und Explosivbomben klarzustellen. Es ist
zu zeigen, wie diese Vernichtungsmittel in einem kunftigen
161
Kriege kombiniert und dadurch in ihrer Wirkung vervielfaltigt
wiirden. Es ist an Hand der Berichte der Fachmanner allcr
Lander darzulegen, daB der Steigerung der Durchschlagskraft
dieser Zerstorungsmittel keine Grenzen gesetzt sind. Es ist
darauf hinzuweisen, daB wahrscheinlich auch die bakterio-
logische Waffe, etwa durch die Verseuchung der Trinkwasser-
reservoire der GroBstadte, zu den Kampfmitteln des nachsten
Krieges gehoren wiirde,
Artikel 2: Alle Tageszeitungen sind verpflichtet, min-
destens einmal wochentlich gegen die iBehauptung Stellung zu
nehmen, es gabe einen Schutz der Zivilbevolkerung gegen diese
VernichtungsmitteL Es ist darzulegen, daB bei gleichzeitiger
Anwendung von Brand-, Explosiv- und Giftgasbomben der Ver-
nichtung einer GroBstadtbevolkerung kein wirkungsvoller
Widerstand entgegengesetzt werden kann. . Es ist Aufklarung
dariiber zu schaffen, daB Gasmasken nichts niitzen, wenn der
Angriff so iiberraschend er,folgt, daB gar keine Zeit bleibt, sie
aufzusetzen — oder wenn zuerst erstickende Gase abgeblasen
werden, die durch ihre Reizwirkungen1 zum Abnehmen der
Masken- zwingen — oder wenn der Gasangriff so lange fort-
gesetzt wird, daB der in der Maske enthaltene Abwehrstoff
verbraucht ist — oder wenn neben den vergiftenden Gasen
andre eingesetzt werden, die den gesamten Korper gefahrden
und todlich wirken, sofern sie auch nur die winzigste Hautstelle
beriihren. Es ist zu zeigen, daB Unterstande oder Keller oder
besonders ausgebaute Tre'ppenhauser nichts niitzen, wenn mit
dem Gasangriff selbstverstandlich das Abwerfen von Brand-
und Explosivbomben verbunden ist und so alle Fensterscheiben
zerspringen, alle Kraftzentren vernichtet werden, an hundert
Stellen zugleich unloschbare Brande entstehen. Die Zeitungen
sinol auch verpflichtet, die Hintergriinde der Luftschutzpropa-
ganda aufzudecken: daB dieselben Firmen, die Giftgase fabri-
zieren, auch Gasmasken herstellen und so doppelt profitieren,
daB Tausende hoffen, in der neuen Luftschutzorganisation ein
Postchen zu bekommen, daB die Massen der Bevolkerung be-
ruhigt und iiber die ungeheuren Gefahren eines neuen Krieges
hinweggetauscht werden sollen. Die Zeitungen mussen ferner
darauf verweisen, daB man sich auf volkerrechtliche Ab-
machungen iiber das Verbot irgendeines Kriegsmittels nicht
verlassen konne; sie sollen daran erinnern, wie solche feierlich
beschworenen Abmachungen wahrend des Krieges von 1914
bis 1918 von alien Seiten umgangen und durchbrochen worden
sind. Die Zeitungen sind verpflichtet, immer wieder darzu-
legen, daB ein kunftiger Krieg die Menschheit in den Abgrund
der Barbarei stpBen wiirde und daB alle Krafte darauf gerichtet
werden mussen, die Ursachen der Kriege aus der Welt zu
schaffen.
Artikel 3: Die Geistlichen aller Konfessionen sind ver-
pflichtet, mindestens einmal monatlich in ihren Predigten die
Grausamkeiten eines modernen Krieges zu schildern. Sie haben
insbesondere der unwahren These entgegenzutreten, die Gift-
gaswaffe sei ein humanes KampfmitteL Sie haben zu zeigen,
dafi' die Gaswaff e totet in der denkbar schrecklichsten Weise.
Sie sollen berichten, wie beispielsweise dem Phosgentod eine
162
sich mchr und mehr steigernde Atemnot vorausgeht, wie un-
mittelbar vor dcm Tode die Atmung' schnappend und krampf-
artig wird, Schaum aus dcm Mund tritt, das Gesicht sich fclau
farbt, die PupilleiTsich erweitern, wie schlieBlich der1. Tod ira
Kollaps eintritt oder unter Krampfen mit alien Anzeichen
schwerster Erstickungsnot. Sie diirfen nicht verschweigen, daB
andere Gasvergiftungen zu wochen- und monatelangen furcht-
barsten Todesqualen oder zu lebenslanglichem grauenhaftestem
Siechtum fuhren. Sie miissen es aussprechen, daB andere Gase, .
die die menschliche Haut vernichten, zuerst die Lebewesen mit
der zartesten Haut, die Kinder, als Opfer dahinraffen werden.
Sie sind verpflichtet, zum Kampf gegen den Krieg aufzurufen,
Artikel 4: Alle Lichtspielhauser sind verpflichtet, in jeder
Wochenschau einige Bilder iiber die Wirkungen der modernen
Kriegswaffen zu zeigen. Die Heere von Toten in einem ver-
gasten Wald — die Vernichtung der groBten Schiffe durch eine
einzige Bombe — die Wirkung der Gase auf die menschliche
Lunge, die Haut und andere lebenswichtige Organe — Nah-
kampf mit Handgranaten, Minenwerfern und anderen Waffen
in vorher vergastem Gelande — das Vernichtungswerk der
modernen Tanks. Sie haben insbesondere auch Bilder zu zei-
gen aus den Giftgaslaboratorien und Versuchsanstalten der
groBen Militarstaaten; vor allem Aufnahmen der Versuche an
Tieren und Menschen: die Menschen (Soldaten des besonderen
Gasregiments in USA etwa) in vollkommenster Gesundheit
vor dem Experiment — krank, vergiftet, den furchtbarsten
Qualen, oft lebenslangem Siechtum ausgesetzt nach dem Ex-
periment. Die Produzenten der Wochenschauen sind ver-
pflichtet, in besonderen Texten darauf hinzuweisen, daB diese
Bilder nicht gestellt sind sondern Aufnahmen der Wirklichkeit,
aus den modernen Kulturstaaten mitten im Frieden. In weitern
Bildern soil die Gefahrdung der Arbeiter an den Statten der
Giftgasfabrikation gezeigt werden; etwa an Hand folgenden
Berichtes der fZeitschrift fur experimented Medizin' (Band 13
Seite 493):
Der zweite Fall von Vergiftung betraf eincn achtundzwanzigjahri-
gen Mann, welchcm im Fullbetrieb beim SchlieCen einer Gelbkreuz-
granate Fliissigkeit auf die Kleider geraten war; dabei waren aufier
den Handen vor allem die Innenflachen der Oberschenkel und die Ge-
schlechtsorgane gefahrdet, weil die Geschosse bei der Arbeit zwischen
den Oberschenkeln gehalten werden.
Krankheitsgeschichte: Am 20. 6. fruh Vergiftung; am Abend des-
selben Tages wegen Heiserkeit, Conjunctivitis (Augenentziindung) ins
Lazarett. Verbrennungserscheinungen an den Innenflachen der Ober-
schenkel, an den auBeren Geschlechtsteilen, am Kreuzbein, am Unter-
leib. Am 28. 6. (nach 8 Tagen) ,Lungenentzundung„ Am 4, 7. Tod
(nach 14 Tagen),
Artikel 5: Text- und Bildmaterial finden die Sende-
stationen des Rundfunks, die Redaktionen der Tageszeitungen,
die Geistlichen aller Konfessionen und die Produzenten der
Kino wochenschauen in dem soeben erschienenen Buch der
schweizer Chemikerin Doktor Gertrud Woken „Der kom-
mende Gift- und Brandkrieg". Das Buch ist im Verlage von
Ernst Oldenburg, Leipzig, erschienen.
3 163
Denn ihr seid dumm von Erich K.astner
Ihr und die Dummheit zieht in VIererreihen
in die Kasernen der Vergangenheit.
Glaubt nicht, dafi wir uns wundern, wenn ihr schreit.
Denn was ihr denkt und tut, das ist zum Schreten.
Ihr komrat daher und.lafit die Seele kochen.
Die Seele kocht, und die Vernunft erfriert.
t Ihr liebt die Dummheit erst, wenn sie marschiert,
weit dann gesungen wird, und nicht gesprochen,
Es ware leicht, die Dummheit zu verhiillen.
(So mancher gilt fiir klug, nur weil er schweigt.)
Ihr aber liebt die Dummheit, die man zeigt!
Man hort euch Tag und Nacht vor Dummheit brullen.
Ihr wollt, dafi man euch hort, Ihr wollt nicht horen.
Ihr haltet mit der Dummheit gleichen Schritt.
Wer nicht s mehr zu verlieren hat, lauft mit.
Und fragt man, was ihr wollt, ruft ihr: „Zerst6ren!"
Ihr mochtet auf den Trummern Ruben bauen,
und Kirchen und Kasernen wie noch nie.
Ihr sehnt euch heim zur alten Dynastie
und ' mochtet Fideikommifibrot kauen.
Ihr liebt den HaO und wollt die Welt dran messen.
Ihr werft dem Tier im Menschen Futter hin,
damit es wachst, das Tier tief in euch drinf
Das Tier im Menschen soil den Menschen fressen.
Ihr liebt die Leute, die beim Toten sterben.
Und Helden nennt ihr sie nach altem Brauch.
Denn ihr seid dumm, und bose seid ihr auch.
Wer dumm und bose ist, rennt ins Verderben.
Marschiert vor Prinzen, die erschiittert weinen,
Ihr findet doch nur als Parade statt!
Es heiBt ja: Was man nicht im Kopfe hat,
hat man gerechterweise in den Beinen.
Drum exerziert vor alten Generalen,
und schmeifit die Beine bis zum Himmelszelt!
Doch dafi davon die Welt zusammenfallt,
das konnt ihr eurem Grofipapa erzahlen.
Ihr wollt die Uhrenzeiger ruckwarts drehen
und glaubt, das andere der Zeiten Lauf,
Dreht an der Uhr! Die Zeit halt niemand auf I
Nur eure Uhr wird nicht mehr richtig gehen.
Wie ihr's euch traumt, wird Deutschland nicht erwachen,
Denn ihr seid dumm, und seid nicht auserwahlt.
Die Zeit wird kommen, da man sich erzahlt:
Mit diesen Leuten war kein Staat zu machen!
164
Oesterreich zieht in denKrieg von Hans Natonek
Aus dem Roman nKinder einer Stadt", der
im Herbst bei Paul Z sol nay, Wien-Berlin, er-
scheint,
Am Abend kam der ErlaB der Teilmobilisierung. Die Stadt
^^ war aufgestobert und uneins in der Erregung, wie ein zwie-
spaltiger Mensch, den es hin- und herwirft, wenn ihm etwas
AuBerordentliches widerfahrt. Eine unertragliche Hitze lagerte
uber der Stadt, iiber Oesterreich, iiber Deutschland, iiber Eu*
ropa; sie briitete aus den Maden der Geriichte die schwarz-
weiBen Falter der Extrablatter, die verheerend durch die
Stadte flatterten. Viele Leute liefen von Cafehaus zu Cafe-
haus, ziellos, als konnten sie da etwas Neues, Entscheidendes
erfahren. Sie wuBten mit ihrer Unruhe nichts anzufangen; sie
registrierten sie weder unter Freude noch unter Trauer, sie
spiirten sie nur als das qualende Bediirfnis, dabei zu sein, weil
das Alleinsein in dieser Stunde nicht zu ertragen war. Die
Bewegung, die so entstand, hielten die leicht Entflammbaren
liir den Vorabend groBer, erhebender Ereignisse. Zu ihnen ge-
horte auch Epp. Die andern hielten dieses aufgestorte Durch-
einanderwirbeln fiir den Beginn des groBen f,Pallawatsch",
worunter die allgemeine Auflosung zu verstehen war. Zu ihnen
gehorte Tomaschek. Waisl sprach von Priifung, GottesgeiBel
und Heimsuchung. Man lieB ihn stehen. Am folgenden Tag
; wurden die Kadetten seines Jahrganges, noch vor ihrer Zeit,
zu Leutnants ausgemustert, darunter auch Waisl. Es war, als
hatte die Erhitzung, die unter der Erde und in den Luften
schwelte, die kleinen Soldaten friihzeitig gereift, Primeurs fiir
die Tafel des Todes^ *
Man sprach mit Bekannten, mit kaum Bekannten, mit
Fremden; keiner horte zu, aber e$ tat wohl zu reden. „Man
muB sich an etwas halten, an eine Idee, an einen Willen auBer-
halb uns, an die Nation; der Individualismus hat uns /leer-
gebrannt." Epp sprach es auf jemanden ein, eine GruB-
Bekanntschaft, von der er nicht einmal wuBte, wie sie hieBL
Der Mann blickte mit bloden Augen drein, nickte mit demKopf,
verstand nichts und dachte nur: Werd' ich einriicken miissen?
,, Oesterreich'* — sagte Epp und fiihlte einen siiBen Schmerz
irgendwo in der Herzgegend, der ihm wohltat. Es wandelte ihn
an, die Lieder seiner Kindheit zu singen: „0 Heimatland, o
Oesterreich, du Land an Kraft und Ehren reich . . /' und; „Hoch
vom Dachstein her, wo der Aar noch haust". Die ersten Singe-
stunden seiner Kindheit waren in ihm, und mit den alten Liedern
war Oesterreich in seinem Herzen. Ihm wurde weich zu Mute,
als ginge es an ein Abschiednehmen. Manchmal schreckte
er wie aus einem wirren Traum empor und ihm war, als sei,
was da geschah, wider die Vernunft, Menschlichkeit und den
Fortschritt. Dann berauschte er sich um so tiefer an Vater-
land, Nation, Hingabe, Gemeinschaft. Er suchte Platze und
Lokale auf, wo die Militarmusik nicht aufhorte, Marsche zu
spielen, wie die Bordskapelle eines sink end en Schiffes, die die
Panik der Passagiere zu libertonen hat, Epp hatte sich an
seinem Ich iibergessen und war nun froh, unterzutauchen, ein
165
andrer zu werden, Teil der Masse zu werden, sich aufzufiillen
wie eine ausgebrannte Batterie,
Er ging zum Bahnhof. Gedraiige, Schrcic, gellend und
herzzerreiBend; Frauen schrien, Heilrufe mischten sich drein,
zu sparlich, um das andre zu iibertonen, Ein Regiment wurde
Verladen; eih andres Regiment, unterstiitzt von berittener Po-
lizei, eskortierte den Transport, damit er nicht auseinander-
laufe, damit die weinenden Frauen sich nicht zwischen die
Marschreihen df angten ...
. Die Menge, bleich, stumm und verstort, begleitete den
Abmarsch ihres bohmischen Haus- und Lieblingsregiments.
Einige Leute, die Verwiinschungen und Protestschreie auszu-
stoBen wagten, wurden verhaftet. Als die letzte Kompagnie
hinter dem Gebaude des Verlade-Bahnhofs verschwunden war,
wurden alle Zugange zur Bahnrampe von tiroler Kaiserjagern
abgesperrt. Man horte Kinder weinen und Frauen schreien.
Epp war erbleicht. Zog Oesterreich 'so in den Krieg? Die
Bajonette des tiroler Regiments — er kannte ihre gelben Auf-
schlage — mufiten den Abmarsch ins Feld sichern, wenn nicht
erzwingen. Der Krieg war im Innern, der Feind war im Lande,
man trieb ihn an die Front, in nachtlicher Heimlichkeit und
mit dem Aufgebot der Gewalt — und dieses Land zog in den
Krieg mit Jubel und f)Prinz Eugenius, der edle Ritter"!
Noch war kein SchuB gefallen, und schon blickte Epp hin-
ter diese patriotische Fassade, und da war nichts als Wiistheit,
Grauen und Zerfall. Wie schon und erhebend war die illumi-
nierte Kulisse: Oesterreich zieht in den Krieg. Aber der Blick
dahinter . . . Er wandte sich ab, fjoh, er wollte es nicht sehen.
EntthrOIlUng der ProduktlOn Walther von Hollander
W7 enn das Volk auf jeden Versuch, dem WirtschaHsverfall
von oben her beizukommen, mit dem gleichen MiBtrauen
antwortet, so muB das zu denken geben. Warum gibt zum
Beispiel dem Wirtschaftsbeirat auBer den Berufenden und den
Berufenen niemand einen Pfennig Kredit? Das Volk spurt sehr
genau, daB es sich in einer ganz neuen Lage befindet, und es
kann sich nicht denken, daB diese neue Lage von den alten
Kopfen sollte gemeistert werden konnen. Etwas anderes — so
scheint es dem Volke — ist es, sich von einer Situation iiber-
raschen lassen, etwas anderes, aus ihr herauszufuhren.
Was ist denn nun das wirklich Neue an der Wirtschafts-
lage, das, was diese Krise nicht in die Reihe der anderen
Krisen einordnen laBt? Das kann man mit wenigen Worten
sagen. Niemals vorher, solange die Geschichte/berichtet, ist
die Welt in -der Lage gewesen, jeden einzelnen Weltbiirger mit
allem Notwendigen zu versehen. Niemals, solange die Erde
stent, hat es von jedem Produkt genug und iibergenug fiir jeden
Bedari gegeben.
Eine herrliche, die herrlichste Lage, die man sich denken
kann. Das Paradies? Ja, das Paradies steht in der Tat mitten
166
unter uns, oder wir stehen mittgh in jenem sagcnhaften Para-
dies, in dem der Fluch der Arbeit dii^»ehobenist und der Rau-
ber fricdlich neben dem rWanderer grasen darL Wir sind im
Paradies, es ist von aliens genug und1 ubergenug da, um jeder-
mann menschenwiirdig zu kleiden, zu speisen und zu behausen.
Es ist soviel da, daB jedermann MuBe genug bekommen kann,
urn sein Leben nach seinem Geschmack zu fiihren und sich urn
jene Fragen zu kiimmern, die bisher untergriindig oder iiber-
griindig mit jedem Leben mitgelaufen sind wie Schatten und
Hund, die man nicht beachten durfte, well man keihe Zeit hatte,
sich recht ura sie zu kiimmern: die Fragen nach dem Woher,
dem Wohin, dem Warum des Lebens( die Fragen also (tind
deren Antworten), die erst dem Leben seinen Glanz, seinen
Sinn, seine Wurde verleihen und die unbeantwortet und un-
geiragt jedes Leben schlieBlich in Elend, Verdummung und Un-
gliick enden lassen.
Wir stehen im Paradies, und das Paradies ist mitten unter
uns- Warum treten wir nicht ein? Warum wird das Paradies
uns nicht offenbar?
Das Paradies wird uns nicht offenbar, weil wir es nicht
erkennen konnen, und wir konnen es nicht erkennen, weil wir
uns in einem Gedankenlauf, in einem Gedankenleerlauf befin-
den, dem keine Wirklichkeit mehr entspricht und dem doch
die ganze wirtschaitliche Welt ohne jede Ausnahme anhangt.
Dieser Gedankenleerlauf, dieses Phantasma, nach dem wir
rennen, nach dem wir uns richten, ist der Gedanke, der Glaube
an die Armut der Welf und an die Notwendigkeit, diese Armut
durch Produktion zu iiberwinden,
Wir haben im letzten Jahrhundert eine Entwicklung der
Technik durchgemacht, die es ermoglicht hat, auf dem gleichen
Raum Europas statt 180 Millionen 460 Millionen durchzubrin*-
gen und wir haben durch die weitere Entwicklung, der Teclyjik
die Moglichkeit, eine noch viel groBere Anzahl von Menschen
auf dem bisherigen Standard zu erhalten.
Seltsamerweise und aus Griinden und Untergriinden, die
sich der Erkenntnis entziehen, hat sich nun in der Bevqlke-
rungszunahme seit 1910 eine neue Tendenz durchgesetzt. pie
Bevolkerung ist nicht mehr wesentlich gewachsen, aftef die
Technisierung ist im Wachsen geblieben. An sich kann man
aus der Differenz zwischen dem gleichmafiigen Wachstum der
Technisierung und dem Stillstand der Bevolkerungszunahme
einen groBen Teil der Arbeitslosigkeit erklaren. Wir„ haben
noch immer etwa 460 Millionen zu ernahren, aber unsere^Tecn-
nik konnte etwa 600 ernahren. Rein logisch konnte man also
der Kris e beikommen durch eine gewaltige Bevolkerungsver-
mehrung oder eine ebenso gewaltige Verminderung der Techni-
sierung. Man weiB aber ebensogut, daB die Volker sich nicht
zur Vermehrung kpmmandieren lassen wie daB die Entdeckun-
gen und Erfindungeri nicht zuriickgenommen werden konnen.
Von dieser Seite her ist deshalb wenig zu machen.
Macht man sich das ganz klar, so erkennt man erschreckt,
daB alle MaBnahmen sinnlos sind, die auf eine Ankurbelung
der Produktion zielen.- Es gibt nichts, wohin die angekurbelte
167
Produktion ihrc Produkte leiten konnte, und jede Ankurbelung
muB den Warenraum der Welt weiter verengen, muB zu Er-
hohung der Zollmauern, zu Wirtschaftskriegen oder schliefilich
zum Wirtschafts-Erstickungstod fiihren. Wenn man das bis-
herige System fiir das bestmogliche halt, so muB man demnach
jenen Vernichtungen und Produktionseinschrankungen zustim-
men, die (iberall vor sich gehen und die mit Recht in den weite-
sten Kreisen der Hungernden und Darbenden Emporung aus-
losen. Es ist in der Tat unertraglich, wenn in einem Teile der
Welt Produkte wie Weizen vernichtet werden, an denen in
einem andern Teile der Welt der schlimmste Mangel herrscht,
und es ist ebenso schlimm, wenn jene Betriebseinschrankungen
vor sich gehen, die die Arbeitslosigkeit vermehren, wahrend
noch immer ein groBer Mangel an bestimmten Lebensnotwen-
digkeiten und ein Mangel an Arbeitsmoglichkeiten herrscht. Ein
System, das zu Betriebseinschrankungen und Vernichtungen
greifen muB, ehe der notwendigste Bedarf gedeckt ist, ein sol-
ches System hat seine Lebensfahigkeit verloren.
Das muB ohne Zorn und Eifer festgestellt werden, und das
muB mit heiligem Zorn und heiligem Eifer abgestellt werden.
Warum ist nun eigentlich das kapitalistische System, das
in abgeschwachter Form noch immer das Bild des grofiten
Teiles -der Welt bestimmt, nicht in der Lage, durch gewisse
Abanderungen Milderungen, Kompromisse, die Fehler aus-
merzen, die es begeht, und das zu lernen, was es noch nicht
kann?
Es ist nicht notig, ein Gremium von Sachverstandigen zu-
sammenzuberufen, um den Grund zu erkennen. Das System
des Kapitalismus ist keineswegs, wie die Marxisten behaupten,
geboren aus dem Bestreben nach moglichst groBem Gewinn
einer moglichst kleinen Anzahl von Kapitalisten (diese auch
von vielen Kapitalisten geglaubte unsinnige Erfindung macht
es so schwer, die Tatsachen klar zu sehen), sondern das System
ist geboren aus dem Mangel an Produkten und dem Bestreben,
diesen Mangel moglichst schnell zu beheben. Kapitalismus,
das muB diirre gesagt werden, ist ein Produkt des Mangels und
ein System, das sich fahig erwiesen hatt den Mangel an Pro-
dukten zu uberwinden,
Anders gesagt: wenn man sich ein System ausdenken
miiBte, um die Welt moglichst rasch vom Mangel an Produkten
zu befreien, so konnte man beim besten Willen nichts besseres
erfinden als den Kapitalismus, derf solange ein Mangel an Pro-
dukten bestand, eine ungeheure Leistung vollbracht hat. Er
hat namlich nicht nur diesen Mangel ausgeglichen sondern er
hat, im ganzen gesehen, den Lebensstandard der Welt auf
eine vor hundert Jahr.en undenkbare Hohe gehoben. Der
Durchschnittsmensch lebt, daran ist kein Zweifel, auf der
Hohe des Aristokraten von 1700, Es hat aber keinen Sinn,
bei diesen Verdiensten zu verweilen, weil namlich der Kapi-
talismus sich nicht rechtzeitig umgestellt hat. Aber das ist
schon zu viel gesagt. Der Kapitalismus kann sich namlich
nicht umstellen, ohne sein Wesen zu yerandern, ohne sich
vollkommen aufzulosen.
168
Er ist das System zur Forderung der Produktivitat und
ist uberfliissig in dem Moment,, wo eine weitere Ausdehnung
der Produktivitat uberfliissig ist. In diesem Sinne ist in
Amerika, dem klassischen Land' des Kapitalismus, auch immer
gedacht worden. Man hat kein Ende der Bedarfsweckung und
Bedarfsdeckung gesehen und darum rechtens auch kein Ende
des Kapitalismus. Sob aid aber die Bedarfserhohung nicht
mehr der . eigentliche Sinn des Lebens war, sobald man sich
auch nur im geringsten auf den Sinn des Lebens besann, war
dem Kapitalismus im amerikanischen Format die Grundlage
entzogen. Er war und ist geistig iiberwunden und mufl nun
auch in der sogenannten Ebene der Wirklichkeit iiberwunden
werden.'
In diesem Sinne und aus dieser Perspektive heraus ist
jedes Land bereits um soviel vom Kapitalismus abgeriickt, als
es genug Produkte hervorgebracht hat, und in diesem Sinne
ist deshalb RuBland, das einzige Land, welches noch Mangel
an Produkten hat, auch das einzige Land, welches nachj' kapi-
talistischen Formen und Normen produzieren kann und auf das
deshalb im Augenblick aller Augen gespannt blicken, die
Augen der Kapitalisten und die Augen der Marxisten. Fiir
beide „Klassen" ist RuBland das letzte Land, auf das die alten
Schlagworte passen.
1st damit schon gesagt, daB der Marxismus eine Erschei-
nungsform des Kapitalismus ist und nicht, wie er glaubt, sein
Gegenbild? Der Kapitalist ist genau so wie der Arbeiter und
umgekehrt: der Arbeiter ist genau so wie der Kapitalist mit
seine m ganzen Schicksal an das Schicksal{ des Produktes ge-
kniipft. Solange Mangel an Produkten herrscht, solange wird
es den Kampf zwischen Kapitalisten und Arbeitern um den
Anteil an diesen Produkten geben. Solange kann es also
Klassenkampf geben. In dem Augenblick aber, in dem Pro-.
duktenuberfluB da ist, biifit das Produkt seine Herrschaft ein,
muB die Production nicht mehr Sinn sondern Dienerin des
Lebens sein.
Im gleichen Augenblick aber kann sowohl der Herr iiber
die Produktionsmittel (der Kapitalist) wie der Herr iiber die
Arbeitskraft (der Arbeiter) nicht mehr das Gesicht derj Welt
bestimmen. Weder die Nachfrage nach Produktionsmitteln
noch die Nachfrage nach Arbeit ist so groB, daB der An-
bietende noch eine wirkliche Macht hat. Und das ist wiederum
das Seltsame und Neue an unserer Lage. Friiher war ent-
weder das Angebot an Produktionsmitteln zu klein und das
Angebot an Arbeit zu groB, — dann konnten die Kapitalisten
diktieren — oder es war umgekehrt das Angebot an Pro-
duktionsmitteln zu groB und das Angebot an Arbeit zu klein —
und dann konnten die Arbeiter etwas durchsetzen. In diesem
Augenblick aber, in dem an alien Produkten gleichzeitig genug
da ist und somit die Herrschaft der Produktion iiberhaupt und
ihrer beiden Faktoren, namlich Kapital und Arbeit, gleich-
zeitig erledigt ist, in diesem Augenblick hat der Klassenkampf
tatsachlich aufgehort und das, was noch als Klassenkampf sich
geriert, ist ein Nachhall, ein Echo, ein Schattenkampf. Es han-
169
delt si<?h T-nochnj^lsjg^^gt Vrrr nicht mehr urn den Kampf, urn
den Anteil am Produkt, sondern es .konnte sich lediglich noch
um eine Einheitsfront von KapitaVr und Arbeit zur Aufrecht-
etfhaltung der Herrschaft der Produktion handeln. Diese Ein-
heitsfront sehen wir auch in der Tat in RuBland hergestellt,
wenn wir hinter die Worte und aul die Tatsachen sehen.
In Eurqpa wird dieser Versuch yielleicht ebenfalls gemacht
werden. Er ist der einzige Versuch, der noch die Enithronung
der Produktion aufhalten konnte. Aufhalten, nicht abw^nden.
Denn es laBt sich eine Macht, die man hat, nicht auf die Dauer
ausschalten: die Macht, beliebig viel fur jeden Menschen her-
zustellen, ohne ihn damit zur Sklaverei zu verdammen, ein-
facher ausgedriickt; die Macht, jeden Menschen gegen geringe
Gegendienste mit allem Notwendigen zu versehen. Diese
Macht wird die Gesellschaft eines Tages ausuben wollen und
konnen, wenn sie sich nur von der Obermacht der Gewohnheit,
des Schlagwortes und einiger seltsamer Lebensuriarten befreit.
Wenn sie sich endlich klarmacht, daft es keineswegs darauf
ankommt, moglichst vviel zu moglichst hohem Preis zu fabri-
zieren und zu verkauf en, sondern jeden Menschen zu moglichst
geringem Preis mit allem Notwendigen zu versehen. Daft es
also nicht auf die Produktion ankommt, sondern auf den Kon-
sumenten, der nur f reilich auch nicht — wie im Gedanken-
system des amerikanischen Kapitalismus — zu einer Kon-
sumptionsmaschine herabgewurdigt werden darf, zu einenx Ver-
brauchsmotor, der in moglichst ho hen Touren lauft.
Die Anderung ist also nicht mit dem Worte Planwirt-
schaft umschrieben, in dem noch ein Stiickchen Produktions-
herrschaft steckt, sondern eher mit dem Worte Konsumenten-
herrschaft. Es ist noch besser umschrieben mit dem Worte
Konsumentendienst, und das wiirde voraussetzen, daft man
endlich einmal f eststellt, was der Mensch denn wirklich braucht
und was man ihm an Luxus zuteilen kann- Es wiirde sich das
iiberraschende Resultat ergeben, daft nach einer geringen
Obergangszeit alle Menschen mindestens Europas in einer ge-
wissen Behaglichkeit und Sicherheit zu leben vermochten,
Weshalb aber, um Himmelswillen, nimmt man dieses ein-
fache Rezept nicht an? Aus dem einfachen Grunde, weil
dieses einfache Rezept einen vollkommenen Umdenkungs-
prozeB voraussetzt und einen absoluten UmgestaltungsprozeB
des Lebens nach sich zieht,
Umgestaltet werden muft der Begriff des Besitzes, die
Spannung zwischen reich und arm, der Begriff von Beruf und
Arbeit* Begriffen werden muft, daft Arbeit zu Produktions-
zwecken eine notwendige, aber untergeordnete Sache im Le-
ben ist und das Leben etwas andres meint und erzielen will als
Arbeit . . . Das alles mufi umdacht und umgedacht werden, und
es muB in-einigen wenig-en -Gestalten Jbereits vorgelebt werden, _
ehe die Menge sich trauen wird, diese neuen Gedanken der
ganz neuen Weltlage anzunehmen.
Vorlaufig werden die Marxisten rufen, daft hier der Kapi-
talismus eine neue Stellung bezogen habe, in welcher er sich
mit der ihm eigenen Mimikry den neuen Forderungen des
170
Tages angepaBt habe, und die Kapitalistcn werden ebenso laut
rufen, es sei die neue Art des intellektuellen Marxisirius. Bei-
den sei bereits heute versichert, daB Marxismus und Kapi talis-
mus gleichzeitig dcr Vergangenheit angehoren und daB die neue
Lehre, eine uinfassende Lebenslehre, unauihaltsam vorwarts-
marschiert und sich bereits in den Besitz wichtiger Positionen
gesetzt hat.
Wenn man weiB, wie sehr es in den Herzen der Masse
dammert, wiewohl es in den Gehirnen noch nicht dammern
kann, wenn man die verzweifelten Aristrengungen ansieht,
etwas anzukurbeln, was schon viel zu schnell lauft, die Pro-
duktion namlich, und wenn man siehtt daB immer mehr Mil-
lionen aus einem ProzeB, dem ProduktionsprozeB, heraus-
geworfen werden, der doch angeblich das Wichtigste auf dieser
Welt ist, wenn man bedenkt, daB sie unter der Herrschaft des
heutigen Wirtschaftssystems, unter der Herrschaft des Pro-
duktionsgedankens auch niemals wieder hineinkommen konnen,
wenn man sich iiberlegt, daB diese Millionen ja nicht einfach
still und freiwillig sterben konnen sondern ihren Anteil an der
Welt haben imissen; wenn man sich endlich eingepragt hatt
daB der Marxismus den Millionen des nicht-russischen Europas
nichts andres bieten kann als der kapitalistische Weg^ weil
Marxismus wie Kapitalismus gleicherweise der Tyrannei der
Produktion unterworfen sind, dann freilich muB man einsehen,
daB nur ein neuer Weg ins Freie fxihreni kann.
Die Anfange dieses neuen Weges, der nur in der Erkennt-
nis des tatsachlichen Zustands gefunden werden kann, sind
hiermit gezeigt. Wir fiirchten uns nicht, auch iiber die nachste
Wegbiegung hinweg diesen Weg in die Zukunft zu beschreiben.
FilmSaiSOH 1932/33 von A. Kraszna-Krausz
A lljahrlich genau um diese Zeit bluht die Fachpresse des
" Films iippig auL Die Filmlosigkeit, die Kinoleere, die
Steuerkampfe und die iibrigen miiden Stoffe des Sommers
werden in den Redaktionen vertagt. Denn die neuen Verleih-
programme sind da und die ersten Inseratenauftrage. Sie
spiegeln das Gesicht der kommenden Saison, wie sie sich
sucht, formt, anbietet und verspricht.
Sie spiegeln; die Zeit, die diese Saison rahmen wird, und
den Geist, der das Bild zum Rahmen malt, Filmfabrikanten
sind keine Kunstmazene und mochten noch weniger Martyrer
irgendeiner Oberzeugung sein. Es sind Kaufleute mit starkem
Sinn fur die Gegenwart und einer verschnupften Nase fur die
Zukunft, die augenblicklich nervoser als sonst herumschnup-
pert; welches Stoffgebiet wahle ich, welchen Schauspieler und
welche Tonart?
80 Prozent der deutschen Filme fur die nachste Spielzeit
sind bereits angekundigt. 112 Stuck. Eine Fachzeitung hat sie
nach Stoffgebieten geordnet. Sie zahlt: „20 geschichtliche oder
patriotische Stoffe, 7 Militar-Lustspiele, 23 sonstige heitere
Stoffe, 30 Abenteuer-, Kriminal- und Sportfilme, 9 Stoffe mit
171
Natureinschlag, 11 iiberwiegend musikalische Filmc, 7 litera-
rische und Problemfilme." Die angekiindigten Filmtitel
charakterisieren die einzelnen Bezirke noch naher. Beispiele
fiir ifStoffe mit Natureinschlag": ,,Griin ist die Heide", f,Es
leuchtet die Puszta", „Abenteuer im Engadin". Beispiele fur
„uberwiegend musikalische Filme": „Die Blume von Havaii",
„Wenn die Geigen klingen", „ Johann StrauB, k. u. k. Hofmusik-
kapellmeister". Beispiele fiir t,literarische und Problem filme":
ltMoral und Liebe", „T6chter aus guter Familie", ,,Unheim-
liche Geschichten",
Fast 20 Prozent der deutschen Filmfabrikation besorgt die
Ufa. Diesmai kiindigt sie 23 Hauptnlme an. Nicht alle Filme,
die man verspricht, werden auch gedreht. In vielen Ateliers
bleibt der Hauptdarsteller aus, das Geld. Die Ufa aber hat ein
Barkapital von 8% Millionen. Ihre Eingange aus dem Export-
geschaft sind urn 45 Prozent gegeniiber dem Vorjahr ge-
wachsen. Die Besucherzahl ihrer Kinos um 1,5 Millionen. Die
Organisatoren des Herrn Hugenberg ha ben aus der iiber-
dimensionierten und phantastischen Hexenkiiche einen
niichternen Moniagebetrieb gemacht, der seine Waren ohne
Leerlauf und Zwischengeschafte vom FlieBband selbst und un-
mittelbar auf die Leinwand des Verbrauchers fordert. Und
der auch bei der Einschatzung der politischen Atmosphare
zuriickhaltender kalkuliert als die erschrockenen kleinen Leute,
Von den 23 Filmen der Ufa wird nur einer als „nationaler
GroBfUm" anrionciert, Unter den iibrigen sind 9 Abenteuer-,
Kriminal- und Sportfilme, 8 ,, musikalische Komodien" und 3
als „zeitgemaBe Problemfilme" gekennzeichnete Stoffe. Zum
Beispiel: „ Alarm auf Gleis B".
Oberschriften von heute haben allerdings mit dem Inhalt
dessen, was sie decken, me is tens wenig zu tun. Auch ernst-
hafte Biicher heiBen oft anders, als sie mochten. Zu ermuti-
genden Eindriicken verdichten sich aber auch die iibrigen
Anhaltspunkte der kiinftigen Filmproduktion nicht.
Da sind gleich die Besetzungslisten. Die Ufa sucht ihre
Mitarbeiter konsequent liber dem Durchschnitt aus: Leute, die
Kultur besitzen und vor Jahren auch Traume hatten, doch
seither zu viel Facherfahrung sammelten, um noch ehrgeizig
zu sein. Ihnen werden durch Instanzen und Oberinstanzen aus-
gewogene und geglattete Drehbiicher zur Verfiigung gestellt.
Ein erstkiassiger Produktionsapparat und sehr routinierte
Schauspieler mit fertiggepragtem Profil. Wenn mal ein Neuer
daruntergerat, der etwas Eignes vtfrhaben konnte, so wird er
so vorsichtig eingebettet in die geolte Berufsmechanik der
iibrigen, daB nichts mehr passieren kann. Die Ufa will keine
Oberraschungen erlefyen, und sie wird auch uns nicht iiber-
raschen. Ihr Produktionschef sagte zwar kiirzlich:
— Wir kommen—dazu, Filme ganz gleich ob ernsten odcr heiteren
Charakters zu schaf fen, in denen nicht einfach ein ablenkender Vor-
gang gezeigt wird sondern in dem Fragen gestellt werden, die wir
beantworten mtissen. Wir wolien in Zukunft im Film Menschen
sehen, die positive und klare Ziele verfolgen, die auf Grund charak-
terlicher Veranlagungen den Kampf mit ihrer Umwelt aufnehmen und
in nationaler oder rein menschlicher Form um ein erstrebenswertes
172
Ziel innerlich ringen und weder durch Zufalligkeiten noch durch
krumme Wege ihr Ziel erreichen.
Das sagte Herr E. H. Corell zum Fenster hinaus, Bei ge-
schlossenen Fcnstern hat er bestimmt andrc Sorgen,
Die Intercssen der Filmleute haben sich wescntlich ver-
lagert. Von der Materie aufs Materielle. Vor einigen Jahren
noch glichen ihre Gesprache den Diskussionen von Jtingern
andrer Kiinste, Man schrie sich besoffen und heiser tiber
Ideen, Methoden und Losungen. Autoren verbohrten sich in
Atmospharen. Regisseure fuhren wochenlang Motiven nach.
Architekten klammerten sich an Stilen fest. Kameraleute
traumten von neuen Objektiven. Heute gleichen die Regie-
sitzungen den Werbediskussionen eines Sparvereins. Autoren
ringen sich Szenen zu Dekorationen ab, die eine andereFirma
im Atelier zuriicklieB. Regisseure krempeln schwitzend Szenen-
komplexe um, damit man mit vier Gagentagen des Stars aus-
kommt. Architekten werden danach gewertet, wie wenig
Blenden, Stuckwerk und Stunden sie zu einer Bar brauchen.
Den Vertrag bekommt der Kameramann, der es taglich zu den
meisten Einstellungen bringt- Zu Tiifteleien und Versuchen
hat keiner mehr Zeit. Hochstens wenn es darum geht, wieder
Ersparnisse zu erzielen.
Das Ubergewicht der wirtschaftlichen Rucksichten ver-
biegt auch den Charakter der jungen Kiinstler-Kollektive. Ihr
Schaffenshunger wird von ihrer Kapitalnot iiberschattet. Sie
schenken ihre Arbeit her, pumpen sich bei Rohfilmherstellern,
Atelierbesitzern und Kopieranstalten durch und konnten in
ruhigeren Zeiten zu Wegbereitern der Filmkunst werden. In-
zwischen ist das j.Kollektiv" zu einer billigen Ausrede fiir
mittellose Unternehmer geworden. Trotzdem bleiben diese
Anstrengungen auBerhalb der Starspekulation, der Serien-
dramaturgie, * des Meterpensum-Zwanges wichtig. In ihnen
reift eine kiinftige Organisationsform der Filmarbeit, wahrend
die gegenwartige unter dem Druck der Finanzkonstruktionen
und des Biirokratismus zu ersticken droht. Die Kollektive
retten die letzte verzweifelte Begeisterung fiir den Film als
Kunst iiber diese Zeit hinweg.
Die andre Chance, namlich die Belebung der Kurzfilm-Her-
stellung, bleibt vorlaufig ungeniitzt, Allein die Ufa kiindigt
zwar 15 Zweiakter an, doch sie geht historisch vor und ver-
legt das Niveau dieser ersten deutschen Kurzfilme auf 1910.
Es wirkt komisch, mit welchen Mitteln der ,,Nachwuchs" in
dem ersten Probestiick dieser Serie, ,,Der falsche Tenor", ko-
misch wirken will: Worte „beiseiteM, die Glatze unter der
Periicke, ein echter, Tenor, der keiner ist, ein falscher Tenor,
der einer ist; wer nicht singt, muB hinter Blumenarrangements
lacheln. Mutet an wie das Priifungsstiick einer Filmschule
dritten Ranges.
Wenn der Generaldirektor der Ufa, Herr Ludwig Klitzsch,
dieses Filmchen noch schnell vor seinem grundlichen Rund-
funkvortrag angesehen hatte, ware er vielleicht weniger opti-
mistisch in der Einschatzung der Fortschritte gewesen, die der
deutsche Tonfilm seit 1929 erzielt hat. Auf seinem andren
Arbeitsgebiet konnte es ihm, dem Chef des Verlages Scherlt
173
auch nicht passieren, daB er die Entwicklung von Druckver-
fahren als wertsteigerung der gedruckten schwachen Bildcr
ansahe, wie er hier Verfeinerungen der Tonfilmtechnik und
des Szenenhandwerks mit der kiinstlerischen Reifung des Ton-
films verwechselt. Formales hat man veredelt, nicht die Form
selbst, geschweige den Inhalt.
Herr Klitzsch miBt die Fortschritte des Films an der An-
naherung des Niveaus von Lichtspielhaus und Theater, und er
ubersieht, daB zu dieser Annaherung das Biihnenspiel einen
unvergleichlich groBren Schritt riickwarts getan hat als der
Film vorwarts. Wir treten seit Jahren an der Stelle und
nennen das Bewegung. Ein wenig weiter kommen wir dabei
vielleicht doch. Denn die Zeit lauft ja, an uns vorbei, zuriick.
Ein Schlager des Goethejahrs von Pierre schmit
Sie (Ottilie) umschlang ihn , , . und driiqkte ihn auf das
zartlichste an ihre Brust. Die Hoffnung fuhr wie ein Stern, der
vom Himmel fallt, tiber ihre Haupter weg. (Wahlverwandtschaf-
ten, 2. Teil, 13. Kapitel, 1809.)
F\ies Zitat findet sich im Goethe-Heft der ,Naturwissenschaf-
ten1, dem Organ der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur For-
derung der Wissenschaften. In diesem Heft hat namlich ein
Herr Julius Schiff aus Breslau etwa zweihundert Goethe-
Zitate zusammengestellt, die Goethes enge Verbundenheit mit
den Naturwissenschaften beweisen sollen. Die obige Szene
aus Ottiliens Privatleben beispielsweise verweist Schiff we-
gen der bedeutsamen Parallele: Hoffnung — Stern in die Rubrik
,,Meteore" der Gruppc ,,C. Astronomie. Atmospharische Er-
scheinungen. Mathematik/'
Ober die Notwendigkeit und den Wert dieser Arbeit, die
ubrigens die einzige Originalveroffentlichung des Sonderheftes
ist, erf ahren wir Genaues vom Verfasser selbst. Goethes natur-
wissenschaftliche Gleichnisse seien bisher nicht beachtet worden.
Die Zusammenstellung sei die erste in ihrer Art und verdiene
Beachtung. Ja, sie entriete nicht einer gewissen Bedeutung
fur die Geschichte der Naturwissenschaften, bote sie doch
wertvolle Aufschliisse undsoweiter. Man fiihlt geradezu, wie
nur ein hohes MaB an Bescheidenheit den Autor hindert, sein
eigenes Werk zu loben.
Er ordnet also die zweihundert Zitate, die er zu diesem
Behufe mit der Pinzette der Gelehrsamkeit aus Goethes Schrif-
ten herausgepickt hat. Er zieht sie, zu Nutz und Frommen der
Naturwissenschaften, auf Draht. Und das sieht so aus:
Gluckliche Zeit des ersten Liebesbedurfnisses! Der Mensch
ist dann wie ein Kind, das sich am Echo stundenlang ergotzt,
die Unkosten des Gespraches allein tragt und mit der Unter-
~~ haltung wohi zufrieden— ist, wean der unsichtbare- Gegenpart
auch nur die letzten Silben der ausgerufenen Worte wiederholt.
(Wilhelm Meisters Lehrjahre, I. Buch, 15. Kap„ 1794.)
Herr Sch. reiht diese Stelle, die wohl keiner von uns recht ein-
zuordnen wuBte, in die Rubrik „Akustik" der Gruppe „A.
Physik" ein.
174
Meine eignen poetischen Unternehmungen waren mir schon
seit einiger Zeit fremd geworden, und ich wendete mich wieder
, , , den geliebten Alten zu, die noch immer wie feme Berge,
deutlich in ihren Umrissen und Massen, aber undeutlich in
ihren Teilen und inneren Beziehungen, den Horizont meiner
geistigen Wiinsche begrenzten. (Dichtung und Wahrheit, 8. Buch,
1812.)
Das gehort natiirlich iinter .jLuftperspektive" in ,,C. Astro-
nomie. Atmospharische Erscheinungen. Mathematik."
Denn wir wiinschen nichts mehr, als Ihnen unsere Verehrung
und Bruderliebe zu betatigen, mit welcher wir vom Osten bis
zum Westen des Lebens verharren als Ihre treuverbundenen
Briider, (An die hochw. Loge „GUnther zum stehenden Lowen"
in Rudolstadt. Beilage zum Briefe an F, J. Bertuch, den 11. 3,
1808.)
Julius Schiff hat dies gewichtige Zitat wissenschaftlich be-
stimmt, und zwar unter ,,Achsendrehung und Sonnenumlauf
der Erde" in dcr Gruppe C.
Herr Minister von Stein . . . er ist ein Stern, den ich bei
meinem Leben nicht mochte hinabgehen sehen. (An Antonie von
Brentano, den 16. Januar 1818.)
Goethe hat nicht ahnen konnen, daB seine harmlose AuBerung
ein Jahrhundert spater die fiihrende naturwissenschaftliche
Zeitschrift veranlassen wiirde, Herrn von Stein unter die ,,Zir-
kumpolarsterne" in der Gruppe C zu setzen. DaB bei dieser
ordnenden Betrachtungsweise ein Erlebnis Wilhelm Meisters,
der in seinen Lehrjahren einmal
mit Entsetzen in einen qualvollen Abgrund eines diirren Elendes,
wie in den ausgebrannten Becher eines Vulkanes hinab ge-
blickt hat,
unter „D. Geologie, Mineralogie" fallt, versteht sich von
selbst. Und wenn Goethe, der von sich schreibt, er werde.
sich auf den Winter einrichten, wie eine Schnecke eine Kruste
liber seine Ture ziehen und fleifiig sein
dadurch unter die MMollusken" der Gruppe ,,E. Biologie, Bo-
tanik, Medizin" gerat, so hat er es sich selbst zuzuschreiben.
Das ist Weibergunst! Erst briitet sie mit Mutterwarme
- unsere liebsten Hoffnungen an; dann gleich einer unbestandigen
Henne verlafit sie das Nest und tibergibt ihre schon keimende
Nachkommenschaft dem Tode und der Verwesung. (Gotz von
Berlichingen 2. Akt, 1771.)
Sie irren, wenn Siet nun schon gettbt, annehmen, daB dies Zitat
unter j.Nutzvogel11 gehore. Herr Schiff weist ihm seinen wis-
senschaftlichen Platz an unter „Ausbruten" in „E. Biologie"
Und schlieBlich dies:
Ware es dem Redakteur jeder Zeit moglich, dergestalt aus-
zuwahlen, daB die Tiefe niemals hohl und die Flache niemals
platt wiirde; so liefie sich nichts gegen ein Unternehmen
sagen —
Sollte mans glauben, daB unserm Forscher dabei nichts auffalltf
sondern daB er dies Zitat unbefangen unter 1(Mathematik" in
die Gruppe „C. Astronomie" einordnet, statt es als Motto aufs
Titelblatt zu drucken?
175
Zwei Gedkhte von Helmut Flieg
Hinter Karstadt
LJinter Karstadt sind die Wolken rot,
und der Morten radelt fiber den Asphalt.
November schaukelt in den kahlen Asten.
Wind raschelt durch trocknen Straflenkot.
Die Wolken haben es noch am besten:
Von oben sieht man vielleicht bis zum Wald . , .
Hinter Karstadt steigt die Sonne auf,
doch sie weifi nicht, welchen Turm sie wahle,
Endlich, wie ein goldner Knauf,
Hegt sie fest; triib — eine Stadterseele.
Morgen auf steingepanzerter Stadt,
Morten in dem Staub der Gossen,
Morgen, wenn die Laternen gasgelb verglimmen —
Einer traumt — nicht voll Kraft, nicht verdrossen,
die Stirne wachsern, totenhaft glatt —
nur die Augen im Blassen, sie schwimmen, sie schwimmen .
Vierzehnj&hrige Madchen
Wie Schwaren bricht es aus den Baumen:
Tolpatschige Blattlein Grtin.
Die vierzehn j ahrigen Madchen traumen,
und alte Manner auf dem Friedhof raumen
das tote Laub wie tote Seelen libera Zaun.
Es ist ein Bliihn,
es ist ein Blaun.
Ein junger, frischbehaarter Faun
sitzt voll Gedanken auf dem Stumpf,
den Faller im verflossnen Herbst gehaun.
Es steigen Blasen aus dem Sumpf
und platzen leise knallend,
Ein Flugzeug schaukelt seinen Rumpf.
Ein Narr, der lange schwieg, lacht schallend.
Und manche Menschen werden plotzlich laute
und sagen zu den Wolken: du.
Doch sinds nicht alle, die vertrauter
sich geben, Viele bleiben zuf
verschlieBen sich in Kirchen und Gebauden,
und haben vor sich selber Scheu,
Sie lassen Hilfe mit den Glocken lauten.
Sie schleppen sich mit der seit je bereuten
Vergangenheit und werden niemals neu.
Die vierzehn j ahrigen Madchen aber neigen
den Kopf im ersten frauenhaften Gang,
Die Sonne liegt auf alien Zweigen
und macht die Kinderfinger schlank und lang.
176
Trennung von Staat und Wirtschaft
von Bernhard Citron
f)as Kabinett Papen glaubte vom crsten Tage seiner Re-
gierung an, den Bruch mit dem „System" nicht anders
dokumentieren zu konnen als durch eine vollige Umkehrung
der politischen Linie, die; bisher im Deutschen Reich ein-
gehalten worden ist. Soweit sich dieser neue Weg auf die
Innenpolitik bezieht, ist es nicht schwer, an die Stelle des SA-
Verbots die Forderung dieser „aufstrebenden Bewegung" zu
setzen. In Fragen der Volkswirtschaft ist es aber weit schwie-
ri£er, neuen Boden zu gewinnen, da hier ein grundsatzlicher
Gegensatz zwischen Briining und Papen kaum zu konstruieren
ist. Beide Kanzler sind privatwirtschaftlich eingestellt und von
marxistischen Gedankengangen gleich weit entfernt Sollte
aber etwa die Regierung nur urn des Gegensatzes zu ihrer Vor-
gangerin willen einen bewuBten Staatskapitalismus treiben, der
Briining und seinen Ministerkollegen fernlag? General von
Schleicher hat kiirzlich in seiner Rundfunkrede das Wort von
den „iiberlebten Wirtschaftsformen" gepragt, das ihn beinahe
zum Sozialrevolutionar sternpelt. Naturlich kann eine Regie-
rung, die sich wie keine andre auf das KapitaL stiitzt, unmog-
lich eine antikapitalistische Politik treiben. Nach der Auf-
fassung der friiheren Kabinette und der hinter ihnen stehenden
Parteien hatte sich in den letzten Jahren eine Schicksals- und
Notgemeinschaft zwischen Staat und Wirtschaft herausgebildet,
die gegenseitige Hilfe und gegenseitige Beteiligung notwendig
machte, Der Staat hatte langst aufgehort, nur die rein fis-
kalischen Interessen zu vertreten, er war zum Huter der be-
stehenden Wirtschaftsor<lnung geworden. Auch solche Par-
teien, die durchaus nicht auf dem Boden dieser Wirtschafts-
ordnung stehen, sind in den Tagen der Bankenkrise zu der
Ansicht gekommen, daB man das Kreditsystem nicht zusammen-
brechen lassen kann, ohne schwere Folgen fur die Gesamtheit
des deutschen Volkes heraufzubeschworen. Diese Einstellung
war zwar nicht marxistisch, aber zweifellos eine praktisch
politische Notwendigkeit. Reichskanzler Briining charakteri-
sierte diese Anschauung in seiner Reichstagsrede vom 1L Mai
mit den Worten: ,,- . . Aber eine Konzerndammerung kommen
lassen, die ein massenhaftes volliges Zusammenbrechen von
GroBkonzernen auf einen Schlag zur Folge haben wurde, das
kann Deutschland unter keinen Umstanden aushalten . . . Wir
muss en mit alien Mitteln die Decke, die hier und da gewisse
Risse hat, so Iange stiitzen, bis von unten bereits ein neuer und
zukunftsreicher Typ des Unternehmens aufgewachsen ist."
Man sttitzte eben die groBen Konzerne nicht, weil man ihre
Existenz fur wiinschenswert hielt sondern weil ihr Zusammen-
bruch eine Gefahr fiir die ganze Volkswirtschaft bedeutet
hatte. Diese Grundsatze sollen jetzt aufgegeben werden.
Die Priifung der wirtschaftlichen Beteiligungen des Reichs
hat in erster Linie den Zweck, der friiheren Regierung diese
oder jene Handlung anhangen zu konnen, die nach einseitiger
Bevorzugung eines bestimmten Unternehmens aussieht. Die-
ser Versuch wird wahrscheinlich von Erfolg begleitet sein,
177
denn wie sollte auch bei der Gewahrung von Subventionen, fiir
die nicht eine ausgleichende Gerechtigkeit sondcrn das Vor-
liegen volkswirtschaftlicher Gefahren ausschlaggcbend gewesen
ist, nach strengem, gesetzmaBigem Schema verfahren worden
sein. Fiir niemanden in Deutschland, der die Garantie des
Reichs bei der SchalterschlieBung der Danatbank im Stillen
gutgeheiBen hatte, konnte es zweifelhaft sein, daB es viele
andre Institute gab, die moralisch einen viel groBern Anspruch
auf ReichshiUe gehabt hatten als die Bank Jacob Goldschmidts,
Sicherlich hatte Herr von Borsig, das gleiche Recht wie Herr
Flick gehabt, an das Reich Aktien zum Vierfachen des Tages-
kurses zu verkaufen. Die Hoesch-Koln-Neuessen A.-G. erhielt
in groBern MaBstabe Russenauftrage, deren Durchfuhrung nur
durch Biirgschaften des Reichs ermoglicht wurde. Kleinere,
vielleicht besser geleitete Werke hatten billigerweise eben-
solche Vergiinstigungen verdient. Der Hapag-Lloyd Union
wurde ein Reichskredit von siebenundsiebzig Millionen ge-
wahrt, wahrend sich die Kleinreedereien mit ungeniigenden
Hilfsmitteln von insgesamt sieben Millionen begniigen muBten.
Wird man der friihern Regierung deswegen den ProzeB machen
konnen, weil sie sich zu dem Grundsatz der Konzernstiitzung
hekannte?
Nun soil es anders werden. Die ,,uberlebten Wirtschafts-
formen" miissen verschwinden; aber niemand wird zugeben
wollen, daB grade sein Betrieb eine iiberlebte Wirtschaftsform
darstellt. Die Proskriptionsliste todeswiirdiger Unternehmun-
gen kann ebensowenig nach Grundsatzen auBerster Gerechtig-
keit aufgestellt werden wie die Liebesgabensammlung des bis-
herigen Systems. Was die Regierung Papen beabsichtigt, ist
nicht der organisierte Staatskapitalismus im Sinne einer halb-
oder ganzsozialistischen Gesellschaftsform sondern die Tren-
nung von Staat und Wirtschaft, wie sie in der Vorkriegszeit
bestanden hat. Die Notgemeinschaft soil gelost werden. Man
gebe dem Fiskus, was des Fiskus ist, und der Wirtschaft, was
der Wirtschaft ist. Praktisch bedeutet diese Trennung Ab-
rundung von Reichsbeteiligungen auf der einen und AbstoBung
auf der andern Seite. Beide Partner der Notgemeinschaft
haben den Wunsch, sich <lieser ihnen unnattirlich erscheinen-
den Ehe zu entziehen, Zu diesem Ziel kann man nur gelangen,
wenn der Staat sich von Eingriffen und Hilfsaktionen zu-
gunsten der Wirtschaft im allgemeinen fernhalt und die Wirt-
schaft von ihrem Beitrag zum gemeinsamen Notfonds befreit
wird. Das heiBt; der Staat subventioniert nicht mehr, und die
Wirtschaft zahlt keine sozialen Lasten. Dieser Pakt wird ab-
geschlossen werden, wenn iiber jenes Bindeglied zwischen
Staat und Wirtschaft, das der gewohnliche Staatsbiirger in
seiner Eigenschaft als Verbraucher.und Arbeitnehmer darstellt,
von beiden Seiten frei verfiigt werden kann. Auf dem Riickeri
der breiten" Masse soil dieses (Jbereinkommen abgeschlossen
werden. Damit setzt die Scheidung von Staat und Wirtschaft
und die Losung jener Notgemeinschaft voraus, d&B die sozialen
Errungenschaften der Nachkriegszeit endgijltig beseitigt wer-
den. Ein neuer Dualismus ist im Werden begriff en, demur zwei
unabhangige Machte kennt: die Staatsgewalt und das KapitaL
178 - ■
Wochenschau des Ruckschritts
— Bei der offiziellen Verfassungsfeier der Republik im Reichstag
am 11. August halt der Monarchist von Gayl die Festrede.
— Der kommissarische preufiische Minister des Innern hat dem
preufiischen Staatsministerium eine Vorlage gemacht, wonach die Teil-
nahme von Beamten an der NSDAP gestattet werden soil,
— Reichsinnenminister von Gayl erklarte dem franzosischen Jour-
nalisten Sauerwein, daB er die Nationalsozialisten nicht als eine re-
volutionare Partei betrachte; sie standen der Verfassung nicht feindlich
gegeniiber. Die einzig verfassungsfeindliche und revolutionise Partei
sei die KPD.
— Das preufiische Staatsministerium hat weiter einen Ministerial-
direktor, einen Regierungsprasidenten, einen Vizeprasidenten, einen
Polizeiprasidenten und neun Landrate ihrer Amter enthoben.
— In Miinster schlossen sich SA-Leute dem von einer t)bung
heimkehrenden 2, Bataillon des Infanterie-Regiments 18 an und mar-
schierten in Reih und Glied mit den Reichswehrsoldaten durch die
Stadt. Der Stab der Reichswehrtruppe erwiderte den HitlergruB der
SA-Leute auf militarische Art. Das oldenburgische Staatsministerium
hat 230 SA-Leute zur Verstarkung der Polizei herangezogen. Die SA-
Leute wohnen mit in der Kaserne.
— In der Berliner StraBe in Charlottenburg mafite sich ein Trupp
von SA-Leuten Polizeibefugnisse an, indem. er Passanten durchsuchte.
— In Braunschweig verbot Minister Klagges dem Reichstagsprasi-
denten Paul Lobe, in einer offentlichen Kundgebung der „Eisernen
Front" zu reden, weil durch Lobes Auftreten Ruhe und Ordnung ge-
fahrdet wurden. Eine nationalsozialistische Kundgebung am Tage vor-
her hatte er. gestattet,
— Eine Versammlung der SPD in Spandau wurde von der Polizei
aufgelost, weil der Redner Breitscheid von verstaubten Figuren der
Vergangenheit sprach, die man aus dem Museum vaterlandischer Alter-
tiimer geholt habe.
— Die .Berliner Volkszeitung' wurde fur funf Tage verboten,
— Die Nummer 17 des SPD-Witzblattes ,Der wahre Jakob', die
noch unter Grzesinski unbeanstandet erschienen war, wurde nachtrag-
lich vom neuen berliner Polizeiprasidenten wegen angeblicher Be-
schimpfung des MeBopfers verboten.
— Einundfiinfzig deutsche Hochschulprofessoren, darunter aller-
dings auBer dem Eulenburg-Verteidiger Haller keiner von bekanntem
Namen, haben eine werbende Erklarung fiir den Nationalsozialismus
verolfentlicht. Die berliner Universitat ist einzig durch den Theo-
logen Fabricius vertreten,
— Der ehemalige Hofprediger Doehring sprach im Rundfunk iiber
f,Christentum und nationale Kulturpolitik".
— In Budapest wurden die beiden Kommunisten Sallai und Fiirst
lediglich wegen ihrer Zugehorigkeit zu der verbotenen Partei vom
Standgericht zum Tode verurteilt und sofort exekutiert.
Wochenschau des Fortschritts
— Der Belagerungszustand in Berlin-Brandenburg wurde nach
sechstagiger Dauer wieder aufgehoben,
— Die Universitat Heidelberg hat gegen einige Fiihrer der Deut-
schen Studentenschaft ein Disziplinarverfahren erdffnet, weil sie durch
ihr Vorgehen gegen Gumbel hinreichend verdachtig seien, die Sitte
und Ordnung des akademischen Lebens gestort zu haben.
— Der hessische Minister des Innern hat acht national-
sozialistische Zeitungen und ihre Kopfblatter verboten.
179
Bemerkungen
Der Krieg
VVTenn Ihr zwei Hunde seht, die
w sich anklaffen und iiberein-
ander herfallen, die sich beiBen
und zerf leischen, so sagt Ihr :
„Was fiir dumme Tiere!" und
nehmt einen Stock, um sie ausein-
ander zu treiben. Wenn man Euch
erzahlen wtirde, daft samtliche
Katzen eines groBen Landes sich
zu Tausenden in einer Ebene ver-
sammelt, und, nachdem sie sich
die Kehlen heiser miaut hatten,
wiitend ubereinander hergef alien
seien und ihre Zahne und Krallen
gebraucht hatten, daB bei dieser
Balgerei auf beiden Seiten neun
von zehn Katzen tot liegen ge-
blieben seien, die die Luft auf
zehn Meilen mit ihrem Gestank
verpestet hatten — wiirdet Ihr
nicht sagen: MDas ist ja der ab-
scheulichste Sabbath, von dem
man jemals gehort hat!"? Und
wollten die Wolfe das Gleiche
tun — was fiir ein Geheul, was fiir
ein Blutbadl Und wenn die einen
oder die andern Euch sagten, daft
sie es dem Ruhm zuliebe tun —
wiirdet Ihr aus solcher Rede
schlieBen, daB es ihnen bei diesem
glorreiohen Rendezvous wirklich
darum geht, wenn sie doch ihre
eigene Art also zerstoren und ver-
nichten? Oder; wenn Ihr ihnen
Glauben schenkt,- wiirdet Ihr nicht
von Herzen iiber die Naivitat die-
ser armen Tiere lachen? Ihr habt
ja als vermmftbegabte Tiere, und
um Euch von jenen zu unterschei-
den, die sich nur ihrer Zahne und
ihrer Nagel bedienen, Lanzen,
Piken, Spiefie, Sabel und Krumra-
sabel erfunden, und meines Er-
achtens war das sehr klug von
Euch, denn was konntet Ihr mit
Euren bloBen Handen andres tun
als Euch die Haare ausreifien, das
Gesicht zerfleischen oder hoch-
stens die Augen auskratzen?
Wahrend Ihr doch jetzt mit be-
-quemen Werkzeugen versehen
seid, die Euch behilflich sind,
Euch gegenseitig tiefe Wunden zu-
zufiigen, aus denen Euer Blut bis
zum letzten Tropfen flieBen kann,
ohne daB Ihr einen MiBerfolg zu
fiirchten brauchtet. Da Ihr ja aber
180
von Jahr zu Jahr verniinftiger
werdet, habt Ihr diese alte Art,
Euch den Garaus zu machen,
iiberboten: Ihr habt jetzt kleine
Kugeln, die Euch im Augenblick
toten, wenn sie nur den Kopf oder
diei Brust treffen. Ihr habt noch
andere, schwerere, grofiere, die
Euch in zwei Teile spalten oder
Euch die Eingeweide heraus-
reiBen, ohne jene gewaltigen zu
rechnen, die, wenn sie auf Eure
Dacher niederfallen, die Dielen
durchlochern, vom Boden bis zum
Keller dringen, die Gewolbe
sprengen und, mit Euren Hausern,
zugleich Eure Frauen und das
Kind mit seiner Amme in die
Luft schleudern — und auch da
noch geht es um den Ruhm. '
Wahrlich, er liebt die Erschutte-
rung und umgibt sich mit krachen-
den Trummern!,..
La Bruyere
aus den „Jugement$"
Filinparadoxie
P ine amerikanische, auch in
*■"* Berlin produzierende, Gesell-
schaft lafit derzeit in Gronland,
von den besten deutschen Kino-
Spezialisten fur Eis und Schneer
einen grofien Film drehen. Wis-
senschaftliche Beirate, Ski-Starsr
ein beriihmter Flieger und Fach-
leute fiir Eskimotisches sind Mit-
helfer an der kiihnen kinemato-
graphischen Unternehmung. Es
wurde ein eignes Schiff gechartert,
das die Filmer in die arktische
Gegend brachte, wo sie nun fiir
mehrere Monate ihre Zelte aufge-
schlagen haben (was in diesem
Falle nicht bildlich sondern wort-
lich zu verstehen ist). Man kann
sich denken, wie umfassend die
Expedition ausgeriistet sein und
was sie alles fiir ihre Zwecke von
Deutschland nach Gronland mit-
nehmen muBte, Unter anderm
nahm sie, aus Hamburg, mehrere
Eisbaren mit,
Klar, daB ein Film, der in der
Arktis spielt, ohne ein gewisses
Quantum Eisbaren nicht auskom-
men Kann. Es war also fiir die
Grbnland-Filmer nur Gebot selbst-
verstandlicher Vorsicht, sich noch
in Deutschland mit Eisbaren ein-
zudecken. Denn wenn auch auf
Gronland genug dieser Tiere vor-
kommen, wer weifi, ob sie grade
den Kinoleuten in den Weg
laufen, und wenn sie laufen, ob
grade in dem Augenblick, wo
man sie vor der Kamera haben
will, und wenn selbst dieses, ob
dann auch in der *ichtigen Be-
leuchtung, Pose, Einstellung und
Distanz. Kenner der polaren Ver-
haltnisse werden da wohl groBte
Skepsis empfohlen, vielleicht auch
an die bekannte Anekdote vom
Hasenscherer erinneri haben, dem
abgeraten wird, in der So-und-
So-StraBe ein Geschaft aufzu-
machen, weil es ganz ungewiB, ob
grade durch diese Strafie die Ha-
sen kommen, und wenn, ob sie
grade in seinem Laden sich die
Haare scheren lassen werden. Eis-
baren sind unberechenbar. Es
ware Leichtsinn gewesen, sich auf
die Gutwilligkeit und Spielleiden-
schaft der in Gronland frei her-
umvagierenden zu verlassen, ins-
besondere fiir Zwecke des Ton-
films, wo jederTag schweres Geld
kostei und das groBte Interesse
besteht, nicht von der Laune der
Bestien, mit denen man in dieser
Branche zu tun hat, abhangig zu
sein.
Also hat der Produktionsleiter
gut daran getan, dafi er in Ham-
burg ein paar Eisbaren fix
engagierte und nach Gronland
mitnahm, es war schon deshalb
vernunftig gehandelt, weil, nach
den neuern Kontingentbestimmun-
gen, aus der Mitarbeit nichtdeut-
scher Eisbaren dem Film vielleicht
Schwierigkeiten erwachsen waren,
Auch die Tiere selbst konnen mit
dem getroffenen Arrangement zu-
frieden sein; in Zeiten wie den
heutigen ist die geringste feste
Anstellung jeder Zufallsbeschafti-
gung vorzuziehen.
Vom Erlebnis-Standpunkt der
Eisbaren aus gesehen, liegt die
Sache fiir sie freilich recht sonder-
bar, Aus der Fremde, in die man
sie gebracht hatte, bringt man sie
in die Heimat zuriick, damit sie
dort ihre Wirklichkeit spielen
und, ihre Natur fingierend, schei-
nent was sie sind. Es ist gewis-
sermaBen ein irrealer Realismus,
zu dem man sie notigt, und
hoffentlich bleibt ihnen die Pein-
lichkeit erspart, in so schiefer
Situation von den gradestehenden
Artgenossen daheim gesehen zu
werden. Was fiir ein bizarres
Bild: unterm echten Breitengrad
zwischen richtigen Eisbergen im-
portierte Eisbaren, die ihre an-
geborene Wildheit vorspiegelnt
und, was sie in der Gefangen-
schaft gelernt haben, zum Hervor*
rufen der Tauschung, sie seien
frei, gebrauchenf Ein wahrhaft pi-
randellesker Fall, kaum moglich,
ihn, ohne schwindlig zu werden,
bis ins letzte auszudenken.
Er ist, das kann man wohl sa-
gen, bezeichnend fur das tJber-
drehte unsrer Epoche. In Bra-
silien wird, im SchweiBe vieler
Angesichter, Kaffee gepflanzt und
geerntet, aber die Ernte ins Meer
geworfen, damit weniger Kaffee
auf Erden sei. In Kanada heizen
sie die Lokomotiven mit Getreide,
damit das Heer der Hungernden,
an deren Uberzahl die Welt
krankt, nicht kleiner werde. Und
die Filmindustrie fiihrt Eisbarea
nach Gronland ein, wie sie ver-
mutlich, wollte sie in Griechenland
drehen, Eulen nach Athen tragen
wiirde,
Alfred Polgar
I. K.
\/on dem alten Johannes Scherr
v gibt es eine noch heute ge-
lesene Essaysammlung „Mensch-
liche Tragikomodie1', eine Galerie
|_loch Uber der trostlosen Oede starrer ethischer Pflichtsetzungen
* * und doch vollkommen erdnah und praktisch so greifbar,
wie es der durch kraftlose Vertrostung enttauschte Mensch kaum
zu fassen vermag, leuchtet die Wirklichkeit, die in den Worten
des neuen Buches yon Bo Yin Ra, J. Schneiderfranken, sichtbar
wird, eine strahlende Wett sieghafter Freiheit. Das Buch hat
den Titel „Der Weg meiner Schuler" und ist in jeder gutgeleiteten
Buchhandlung erhattlich. Der Verlag; Kober'sche Verlags-
buchhandlung (gegrtindet 1816), Basel-Leipzig.
18T
von Helden und Schwindlern,
aus Jahrhunderten zusammen-
geholt und mit triiben Kommen-
taren iiber den Wert des Men-
schengeschlechts versehen. Scha-
de, daB der alte Polterer nicht
mehr Ivar Kreuger erlebt hat.
t)ber diesen Ivar Kreuger hat
Manfred Georg soeben einhochst
aufschlufireiches Buch veroffent-
licht (Briicken-Verlag, Berlin) .
Es ist eine sehr sorgfaltige Zu-
sammenstellung alles dessen, was
sich heute schon als authen-
tisches Material iiber den Ver-
ewigten betrachten lafit. Wenn
sich manche Abschnitte wie ein
Indianerroman lesen, so ist das
nicht die Schuld des Verfassers.
Der Kapitalismus, friiher eine
solide, strohtrockne Sache, ist
jetzt in eine Periode fataler Ro-
mantik geraten, iiber die in Poli-
zeiakten mehr zu finden ist als in
der Wirtschaftsstatistik.
Dennoch tut Georg recht, sich
nicht in die pittoresken Seiten
der Affare zu verlieren sondern
sie als symptomatisch zu nehmen
fiir die gegenwartige Situation
des Kapitalismus, Er weiB sehr
wohl, daB in jeder Form des
Kapitalismus ein Stiickchen
Fiktion enthalten ist, ein un-
fundierter Bezirk, fiir den nur der
Glaube zustandig ist. Georg er-
innert an den mysteriosen Geld-
schrank der Therese Humbert,
auf dem so viele Spekulationen
aufgebaut waren und in dem
schliefilich nur ein Hosenknopf
gefunden wurde. Deshalb ist es
auch allzu primitiv, alle Schuld
einfach auf Kreuger zu walzen.
Georg zitiert den beruhmten
schwedischen Nationalokonomen
Gustaf Cassel: „Wenn man uns
in Schweden im Ausland in wei-
tem MaBe fiir das Kreugerfiasko
verantwortlich macht, konnen
wir die Verantwortung in gewis-
sem Umfang an die auslandischen
Interessenten weitergeben. Jahre-
lang haben sie Kreuger & Toll
moralisch -gestutzt, ohne auch- —
nur Anstalten zu machen, die
Lage der Firma zu priifen."
So konnte Kreuger j ahrelang
bluffen. Der Geruch der Geld-
macht wirkt ebenso betaubend
wie der des gliiekhaften Speku-
182
lantentums. Wo sich moglicher-
weise Skepsis bilden konnte,
zeigte Kreuger sich von iiber-
groBer Kulanz, Es kam vor, daB
er einera, der sich ohne Grund
unterbezahlt fiihlte, einfach das
Doppelte gab. MIn dieser Ku-
lanz lag Kreugers groBe Schwei-
nerei", sagte ein bedeutender
Finanzmann. , Damit verhinderte
Kreuger eine Zone des MiB-
traueus um sich, damit stellte er
aber auch seine Konkurrenz un-
ter eineri Zwang,
Fiir die Welt blieb er immer
ein Geheimnis. Er brauchte den
Nimbus, er brauchte ihn auch im
eignen Hause.
Die engsteri Mitarbeiter selbst
wuBten wenig von ihm und fast
gar nichts von den Geschaften.
Alles glaubte an ihn, ohne zu
sehen. So wurden die direkto-
rialen Granden des Welthauses
Kreuger & Toll einfach eine
Statisterie, deren vornehmste
Aufgabe gewesen zu sein scheint,
vertrauenerweckend zu wirken.
So konnte einer seiner engsten
Mitarbeiter kurz nach der schreck-
lichen Enthullung in hoffnungs-
loser Bestiirzung schreiben: „Vor-
ausgesetzt, daB die Zahlen rich-
tig waren, war der Stand der Ge-
sellschaft korrekt . . ," Ja, vor-
ausgesetzt , , ,\ v
Am Ende seines Lebens hat
Ivar Kreuger 75 Prozent der ge-
samten Welt-Ziindholz-Produktion
und -Ausfuhr in die Hand be-
kommen, dazu das Ziindholzmono-
pol in vierzehn Staaten auf Grund
von Anleihen von insgesamt
1 249 010 000 Tschechenkronen. Ein
vollig unbestimmter Betrieb, in
dem niemand wirklich Bescheid
weiB und wissen darf, dariiber
ein Einzelner, eine durchaus ver-
flieBende Personlichkeit. Was
steht nun eigentlich fest von Ivar
Kreuger? Manfred Georg sagt
sehr witzig, nichts sei verbiirgt,
als daB er leidenschaftlich Mai-
glockchen liebte. ^Alles andre ist
Dunst und Legende. So liest man
heute nicht ohne Riihrung in dem
ersten Nachruf von Hugenbergs
Nachtausgabe: „Ivar Kreuger
sprach stolz von seiner deutschen
Abstammung, war in seinem We-
sen und seiner Arbeit ein typi-
scher Germane, lvar Kreuger ist
bis zu seinem Tode geblieben als
was er begann: kein Spekulant
und Abenteurer sondern ein ge-
wissenhafter Baumeister, der Stein
auf Stein legte."
Thomas Murner
nWie mans nicht machen soil"
pritz Friedrichs hat ganz recht,
* wenn er in der vorigen Num-
mer der .Weltbuhne* das Aus-
bleiben angekiindigter Redner aus
Anlafi der von mir geleiteten
Spichernsaal - Versammlung mit
aller Scharfe geiBelt. Auch wir
vom Linkskartell wiird en sof ort
einem „Schutzverband gegen
Rednerabsagen" beitreten, um uns
selbst gegen, schwere Riickschlage
zu schiitzen.
Aber damit stent etwas andres
im Zusammenhang, und da hat
Fritz Friedrichs nicht recht.
Manche von den Rednerinnen und
Rednern, die zu den 34 Unter-
zeichnern . jenes Aufrufs zur
Listenverbindung gehorten, hatten
unserer Einladung gegenuber die
merkwurdigsten Abhaltungs-
griinde: die einen hatten Angst
vor offentlichem Auftreten, die
andern sagten bedingt zu und
kamen nfcht, andre sagten un-
bedingt zu und schickten eine
Stunde vorher eine Absage wegen
„Mudigkeit", noch andre waren s
zur Stelle, meldeten sich aber
nicht zum Wort. Es blieben nur
zwei iibrig, die den anerkennens-
werten Mut hatten, offentlich sich
zu verantworten, aber ihre Erkla-
rungen blieben recht unbestimmt.
Die ganze Haltung der Geisti-
gen, wie sie an diesem Abend in
Erscheinung trat, *var aufierst
charakteristisch fur die Haltung
weiter und grade prominenter
Intellektuellenkreise. In einer
Zeit, die auf grofite Entscheiduti-
gen drangt, haben die fiihrenden
Intellektuellen nichts als Aus-
fliichte, im besten Falle lahmc
Erklarungen, und wexin, wie an
diesem Abend, einmal von dem
Vertreter einer klaren und ein-
deutigen Richtung auf eine klare
Entscheidung gedrungen wird; so
schreien dann die Intellektuellen
gleich von Vergewaltigung, ob-
gleich - es doch ganz selbstver-
standlich sein sollte, daii der, der
sich mit seiner Unterschrift in die
Offentlichkeit wagt, dann auch
vor der Offentlichkeit fur seine
Erklarung einstehen oder klar
und eindeutig von ihr abriicken
und sie widerrufen, aber nun und
rummer mit einem halben Fur
und Wider sich um die Entschei-
dung und damit auch um die Ver-
antwortung herumdriicken und
dadurch die Offentlichkeit lahmen
sollte. Wenn dann ein Verant-
wortlicher, namentlich wenn er
erf reulicherweise j ugendliches
Temperament hat, in die Luft
geht und die verfluchte Dificke-
bergerei, nicht etwa aus person-
licher Unduldsamkeit oder Recht-
haberei, sondern um der dort ver-
sammelten Offentlichkeit willen
zusammenhaut und an ihrer Steile
eine klare Rede und Antwort ver-
langt, wer will ihm das verden-
ken? Diejenigen aber, die es ihm
verdenken, warum melden sie sich
REIST MIT PETER PANTER
LEST: EIN PYRENAENBUCH
ll.Tausend • Geheftet MS— • Leinenband M 7.50
„Dieses Pyrenaenbudi ist wirklich das Reisebuch. Kaum eines hat mir eine
Landschaft, die ich noch nicht kannte, so nahe gebracht, so zum Freunde
gemacht wie dieses Pantersche. Das kommt daher, daB es nicht geschrieben,
sondern erlebt ist." 8-Uhr-Abendblatt, Berlin
ROWOHLT VERLAG
BERLIN W 50
183
nicht sofort zum Wort und setzen
dcr Kraft des Verantwortlichen
ihre eigne Kraft entgegen und
zwingen durch die Starke und die
Klarheit ihrer Argumente die
Auseinandersetzung auf die Hohe
und in die Ebenburtigkeit der
Lagef die sie fur die richtige hal-
ten?! Statt dessen schwachliche
Zuruokhaltung und hinterher ein
biBchen negative Kritik, aber nir-
gends eine klare Entscheidung,
nirgends eine zwingende Kraft,
nirgends der Mut zur Fiihrung
einer groB angelegten Diskussion,
uber die sich niemand mehr ge-
freut hatte als wir selbst, Hatten
wir doch dazu herausgefordert.
Nein, nein. Es ist schon so, wie
es nachtraglich einer von den
34 Unterzeichnern, und zwar einer
von den allerbertihmtesten, den
ich vor der dffentlichen Ausein-
andersetzung urn eine personliche
Aussprache gebeten hatte, .aus-
driickte, als en mir schrieb: „Ich
glaube, daB fiir Sie eine Unter-
redung mit mir wenig fruchtbar
gewesen ware, da ich nicht weifi,
wo in diesem Lande die besseren
Krafte zu suchen sein sollen, die
eine wurdigere Zukunft herbei-
fiihren konnten. Ein Patient, der
nicht gesund werden will, kann
nicht geheilt werden,"
Aus solchen pessimistischen
Miidigkeitsstimmungen heraus,
auf deren Ton auch die Erklarun-
gen Lehmann-RuBbiildts und
Theodor Pliviers gestimmt waren,
werden heute . . , heute! von gei-
stigen Fiihrern offentliche Aufrufe
unterzeichnet, die Auswege aus
einer Weltkatastrophe zu zeigen
beanspruchen. Einer derartigen
Haltung gegeniiber gibt es nich+s
andres als Unerbittlichkeit im
Drangen auf Klarheit und Mut
zur Entscheidung und zur Uber-
nahme von Verantwortungen. Und
wir konnen daher auch nicht dar-
auf verzichten, die Haltung der
SPD grade in diesen Tagen und
Wochen mit aller unverblumten
Deutiichkeitzukennzeichnen/^Man
braucht jetzt wahrhaftig nicht
mehr in der Vergangenheit zu
wuhlen. Die Gegenwart ist so un-
glaublich reich an Argumenten,
daB man auch bei leidenschafts-
.losester Objektivitat sehen muB,
184
daB uns die SPD-Fiihrung von
heute auch nicht mehr die gering-
sten Garantien fiir die Zukunft
einer antifascistischen Einheits-
front gibt, die wirklich imstande
ist, den Fascismus zu vernichten
und das mit Klarheit und Kraft
zu vollziehen, was durch die Nie-
derschlagung des Fascismus als
unausweichliche Konsequenz von
uns verlangt wird. Ohne
die durchsichtigste Klarheit in
diesem Punkte konnen wir weder
die offentliche Diskussion noch
den Weiterauf- und -ausbau des
Linkskartells voranbringen. Wir
appellieren daher an den Mut
und an die Kraft aller Geistigen
zu einer voll verantwortlichen
Entscheidung, die die unerlafiliche
Voraussetzung fiir den Einsatz ist,
den die heutige Zeit von jedem
fordert, der irgendwie, sei es auch
nur durch die Unterschrift unter
eine offentliche Erklarung, in das
politische Geschehen der Gegen-
wart eingreift,
Johannes Resch
Seelsorge vom Taxi aus
Der Film „Le Rosier de Mme
Husson", der nach einer No-
velle von Maupassant gemacht
ist und in dem mangels geeigneter
Bewerberinnen ein Dorftrottel
den J'ungfrauentugendpreis er-
halt und im Bordell durchbringt,
hat das Ungliick gehabt, die
Blitze der Moral und der Kirche
gegen sich zu entfesseln. Angeb-
lich verhohnt der Film (der dieser
Tage auch in Berlin, im Mozart-
saal, herauskommt) die Familie,
die Ehe, die Grundstiitzen der Ge-
sellschaft, Viel Larm um nichts:
der Film zeigt in ein paar Bil-
dern die kaufliche Liebe, aber
das ist noch keine einigermaflen
brauchbare Sozialkritik.
Dennoch wird die Sache, iiber
ihren AnlaB hinaus, dadurch
wichtig, dafl der Film unter dem
Druck klerikaler und reaktio-
narer Organisationen in mehre-
ren franzosischen Provinzstadten-
verboten worden ist. In den
Kinos gab es (,spontane" Kund-
gebungen, und die Behorderi, die
so geschwinde eingreifen, wenn
es sich um MiBfallensauBerungen
gegen den Krieg handelt, etwa
bei den Wochenschauen, sahen
diesmal keinen Anlafl zum Ein-
greifen.
Am schonsten aber ist folgen-
des. Eincs Dienstags fuhr in
Paris ein Taxi durch die Avenue
d'Orleans. Auf dem Sitz stand
sin Geistlicher, griinlich und
schmierig anzusehen, und warf
handevoll Traktatchen gegen die-
sen Film, der in einem Kino des
Viertels lief, unter die Leute,
Darin hieB es zum Beispiel: „Der
Film ist: erstens ein Angriff
gegen die personliche Wurde
aller, die auf gute Sitten halten;
zweitens ein Attentat gegen die
Fundamente der Familie, weil in
der Beziehung zwischen den Ge-
schlechtern nur die Sinneslust
des Einzelnen gezeigt wird; drit-
tens eine Auflehnung gegen den
Geist der franzosischen Gesetz-
gebung, die es sich, zumal in der
letzten Zeit, hat angelegen sein
lassen, die Fruchtbarkeit des
Heims und die sittlichen Werte
zu fordern." Unterzeichnet ist
das: „Vorbereitendes Komitee
der Liga zur Hocbhaltung der
guten Sitten". Prasidentin: ,tMme
Duchon, Mutter von elf Kin-
dern".
Es ist nicht einzusehen, wieso
die Kaninchentugenden der Ma-
dame Duchon ihr ein Recht
geben, mit ihrer Organisation
eine zweite Zensur iiber eine
Kunst zu verhangen, die scbon
eine zu viel hat, Und was soil
man zu der frommen Heuchelei
sagen, die niemals gegen die Auf-
reizung zum Mord, gegen Pa-
raden, SpieBbiirgertum und die
schmutzige Moral der Industrie-
filme protestiert. Es macht der
Mutter von elf Kindern word
nichts aus, daB fur den Krieg
geworben wird, wenn nur die
„gesehlechtliche Zucht" gewahrt
wird und alles im Himmelbett
endigt.
Aus ,Monde% 17. J-ani
Der Paragraph
In Augsburg ist ein Kassenarzt
angeklagt — § 218 des Stral-
gesetzbuchs; verunglikkte Abtrei-
bung, mit Todesfolge.
Er verteidigt sich: Die Abtrei-
bung sei notig gewesen — das
Rontgenbild der Patientin habe
Lunjgenspitzenkatarrh gezeigt.
Der sachverstandige Universi-
tatsprofessor widerspricht wild;
die Obduktion habe gesunde Lun-
gen ergeben,
„Schon", sagt der Kassenarzt.
„Dann mach ich nachstens statt
der Rontgenaufnahme eine Probe-
schlachtung.'1
Roda Roda
Unsere Marine
A n> dem in Pillau liegenden
**' Kreuzer „Koln", der zur Ije-
sichtigung freigegeben ist, befindet
sich folgendes S child:
„Kommunisten und Kindern
unter 12 Jahren ist der Zutritt
verboten.
Mitglieder der Deutschen Frie-
densgesellsehaft und Auslander
haben sich beim Betreten des
Schiffes sofort beim Kommandan-
ten zu melden."
,Das Andere Deutschland'
Liebe Weltbuhne!
P\er in besseren Zeiten dieser
*^ Republik aus dem Amt ge-
setzte Landrat a. D. von der Kne-
sebeck hat als munterer Propagan-
dist des Dritten Reichs in einer
kleinen Stadt des Ruhrgebiets
eine solenne Keilerei entfachen
helfen. Die Staatsanwaltschaft,
deren rechter Arm immer nach
links greift, servierte darauf dem
Schoffengericht einige Reichs-
bannerleute zur gefl. Verurteilung
wegen Korperverletzung. Die Nazis
werden vom Vorsitzenden belehrt,
daB sie ihre Auskunft verweigern
konnen, sollten sie sich durch eine
wahrbeitsgemaBe Aussage der Ge-
fahr strafrechtlicher Verfolgung
aussetzen. Das haben sie glucklich
kapiert, Und der erste von ihnen
beginnt seine Aussage so: ,,Als
der Redner das Podium verliefi,
sturzten sich die Marxisten auf
die Tribune . . .", Der Vorsitzende
unterbricht. f,Sagen Sie, Zeuge,
was ist das, ein Marxist.,.?"
Das tapfere Braunhemd wird
verlegen, verdreht die Augen,
sieht sich nach Hilfestellung urn,
knallt dann die Hacken zusam-
men: „Darauf verweigere ioh die
Aussage!'*
185
Antworten
WTB. -Als der Gemeindevorsteher des Ostseebades Zingst ermor-
det wurde, hast du den Tater als Kommunisten bezeichnet, obwohl er
ein Nationalsozialist war, der bei seiner Verhaftung das Hakenkreuz
trug. Warum hast du so leichtfertig einen objektiven Schwindel ver-
breitet? Als offizioses Telegraphenbureau hast du doch doppelt die
Pflicht, gewissenhaft und unparteiisch zu berichten.
Louis. Elkan, Diisseldorf. Wie Sie uns schreiben, haben Sie zwar
als Mitglied des Industrieklubs an der Veranstaltung dieses Klubs fur
Hitler teilgenommen. Es habe sich jedoch weder um ein Diner gehan-
delt noch1 sei Hitler von Ihnen oder iiberhaupt mit demi romischen
GruB empfangen worden. Sie hatten als Gegner Hitlers den Stand-
punkt eingenommen, dafi Sie ihn ebenso horen mttBten wie vorher
Cohen-ReuB, Cuno und Gordeler. Wir geben von diesem Ihrem Ge-
sichtspunkt unsern Lesern Kenntnis, finden es jedoch eigenartig, daB
Ihr Industrieklub grade einen Parteifuhrer einladet, der noch nie die
geringste Probe von Wirtschaftskenntnissen abgelegt hat,
Hugo Lederer. Uns war1 sie immer verdachtig, die eherne Ruhe
der Biskuitjunglinge, die Sie jahrzehntelang in stadtischem Auftrag
und zum Entzticken der Kunstkritiker iiber die offentlichen Platze ver-
streut haben, Jetzt, wo Sie, beleidigt und bose, Bannbullen gegen das
Reichsehrenmal, die Akademie, den alten Liebermann schleudern, wird
wohl auch den Kunstkritikern klar, was hinter so viel aufdringlicher
Monumentalitat steckt: ein kreischender1 Professor.
La Paix par le Droit* Du hast dir ein Verdienst erworben, indem
du an einem praktischen Beispiel die schamlose Lugenkampagne ge-
wisser Presseorgane, die im Interesse der Rustungsindustrie gefiihrt
wird, wieder einmal entlarvt hast. Da hat die , Illustration', die
grofite illustnerte Wochenschrift Frankreichs, am 13. Februar zur Er-
offnung der Abrustungskonferenz ein Bild aus einer englischen Ge-
schiitzfabrik gebracht, das eine Reihe von Riesenkanonen aufzeigte.
Das franzosische Publikum sollte den Eindruck bekommen, daB das
„perfide Albion" heuchle, wenn es in Genf die Abschaffung der
schweren Geschiitze beantrage. Wie du authentisch festgestellt hast,
stammt die von der illustration reproduzierte Photographie aus den
ersten Monaten des Jahres 1918! Es wird wirklich an der Zeit, inter-
national gegen die internationale Volkerverhetzung vorzugehen.
Leser in Steglitz. Unfein und ohne sittlichen Ernst, wie Sie sind,
schreiben Sie uns: „In der .Weltbuhne' streitet man sich mit Geist und
Eifer iiber die Frage der kiinstlichen Defloration, Ware es nicht
dringender, sich iiber die Moglichkeiten einer kiinstlichen Refloration
Gedanken zu machen?"
Weltfriedensbund der Mutter und Erzieherinnen. Da ihr einem
guten Zwecke dient, geben wir gern eure Adresse bekannt: Berlin
W 62, Landgrafenstr. 1 III.
Hamburger Weltbiihnenleser. Zusammenkunfte regelmaBig vier-
zehntagig. Nachster Abends Freitag, den 5. August 1932, 20 Uhr, bei
Timpe, Grindelallee 10. Referat: Die politische Lage.
Manutkripte sind nur an die^ Redaktion der Weltbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 152» zu
ricfaten; es wird gebeten, ihnen RuckportoTjeizulegeoTda sonst keine Rucksetidung erfolgen kann. — -
Das Auffuhrungsrechi, die Verwertung von Titelnu. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechanische Wiedergabe aller Art und die Verwertung im Rahmen von Radiovortragen
bleiben fttr alle in der Weltbuhne eracheinenden Beitrage aosdrucklich vorbehalten.
Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet. — Verantwortlich : Walther Karsch, Berlin.
Verlag der Weltbuhne, Siegfried Jacobeohn & Co., Charlottenburg.
Telephon: Cl, Steinplatz 7757. — Postscheckkonto : Berlin 11958.
Backkonto; Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
XXVIII. Jahrgang 9. August 1932 Nnmmer 32
Papens Sundenregister von Heiimnt v. Geriacn
Micht von Herrn von Papens amerikanischen Abcntcuern
' wahrend des Weltkrieges soil heute die Rede sein, obwohl
sie auBenpolitisch eine sehr erhebliche Rolle spielen. Waren
sie doch der Grund, daB seine Ernennung zum Kanzler in der
Weltpresse eine ganz seltene Harmonie der Disharmonie aus-
loste. Sind sie doch der Grund, daB schon heute das Geriicht,
Herr von Papen konnte demnachst den Posten des Botschafters
in Paris ambitionieren, in Frankreich die Erwiderung fand, dann
wiird'e man ihm wohl das Agrement versagen.
Die Tatigkeit Papens als Kanzler wiirde jedem Staats-
anwalt geniigen, um auf schuldig zu plaidieren, und jedem Ge-
richt, auf schuldig zu erkennen — auf schuldig des politischen
Bankrotts.
Herrn von Papens Kollege von Schleicher hat sich von
einem Mitarbeiter des ,12-Uhr-Blatts* interviewen lassen und
dabei gesagt;
Sehen Sie, Casar, was fiir ein auBerordentlicher Mann das war!
Ein Mann von fabelhaftcr Tiichtigkeit und dabei doch auch welch ein
leichtsinniger Bursche! Die „Braven" sind nicht die Fuhrer. Oder
Friedrich der GroBe! Was fur ein verteufelter Geselle!
Die strenge, juristische Form, die ist es nicht. In den ernsten
Dingen mufi auch ein gewisser Leichtsinn seih.
Von Herrn von Papen sagt man manchmal: „Der Mann ist leicht-
sinnig/' Das braucht man.
Sicher hat es Herrn von Papen sehr angenehm beriihrt,
von der zur Zeit groBten militarischen Autoritat Deutschlands
mit Casar und Fridericus verglichen zu werden. Vielleicht ist
seine Befriedigung ein wenig getriibt worden dadurch, daB als
einziges tertium comparationis der Leichtsinn genannt wurde.
.Selbst wenn man Casar und Friedrich II. als leichtsinnig qua-
lifizieren wollte, sie hatten immerhin noch einige andre sie
auszeichnende Eigenschaften. Und ob grade ihr Leichtsinn die
Grundlage ihrer Erfolge war?
Jedenialls sind wir gern bereit, auf das Zeugnis Schlei-
chers hin, der Papen ja genau kennen mufi, den Leichtsinn als
die erwahnenswerteste staatsmannische Eigenschaft Herrn yon
Papens anzuerkennen, Und wundern uns iiber die Ergebnisse
der preuBisch-d'eutschen Politik der letztea zwei Monate gar
nicht mehr.
Die innenpolitischen Ereignisse dieser zwei Monate haben
es mit sich gebracht, daB die AuBenpolitik fast vollig unter
den Tisch gefallen ist, Sie ist aber ein Faktum. Ein fiir
Deutschland recht betriibliches Faktum. Mit Herrn von Papen
als verantwortlichem Redakteur.
Wir von der Linken freuen uns, daB die Reparations-
konferenz in Lausanne nicht mit Krach, sondern niit Verstandi-
gung geendet hat. Wir bedauern jedoch, daB Deutschland noch
drei Milliarden , .Tribute" — um im Stil der Rechtspresse zu
1 187
reden — zahlen muB,. Und wir fragen uns: Hatten wir nicht
billiger fortkonimen konnen?
Eingeweihte Franzosen erzahlen, Hcrriot sei, durch die
Schilderung dcr jammervollen Lage Deutschlands beeinfluBt,
innerlich bercit gewesen, bis auf zwei Milliarden herunterzu-
gehen. Da habe Herr von Papen plotzlich seine politischen
Forderungen {Riistungsgleichheit und Streichung des SchulcV
artikels) vorgebracht, von deren Erfiiilung die deutsche Zah-
lungsbereitschaft abhange. Sofort habe Herriot erklart; Ihr
Deutschen konnt also zahlen? Bisher habt ihr immer das Ge-
genteil gesagt. Nun halte ich an den drei Milliarden fest. Auf
eure politischen Forderungen lasse ich mich natiirlich nicht ein.
So wurde der Saldo von Lausanne sehr ungiinstig fur
Deutschland. Finanziell haben wir (falls die franzosische Dar-
stellung stimmt) weniger erreicht, als wir bei geschickter Tak-
tik hatten erreichen konnen. Politisch haben wir nicht nur
kein Positivum, sondern ein Negativum heimgebracht
Die unkluge deutsche Haltung in Lausanne hatte ihre ver-
hangnisvolle Riickwirkung auf Geni.
Deutschland sah sich plotzlich isoliert. Und zwar stand die
Einhcitsfront gegen Deutschland nicht etwa unter franzosischer,
sondern unter englischer Fuhrung, Die Entente cordiale unseli-
gen Angedenkens erlebte ihre Urstand. Deutschland, das in
der Abriistungsfrage so manche sehr begriindete Forderung
vertreten hatte, sah sich nicht bloB von den groBen Gegen-
machten, sondern auch fast von der Gesamtheit der kleinen
neutralen Staaten verlassen. Nur RuBland blieb bei der End-
abstimmung an seiner Seite,
Also Neuauflage von Rapallo?
Nicht ganz. Unmittelbar danach schloB Rufiland den
Nicht-Angriffspakt mit Polen ab. Alle Blutentraume der Kor-
ridorrevisoren zerflatterten. Auf den Westtrumpf hatten wir
verzichtet. Der Osttrumpf entglitt uns*
Hatte ein Stresemann oder auch nur ein Bnining einen
Bruchteil dieser auBenpolitischen MiBerfolge einkassiert, die
Rechtspresse hatte ihn gesteinigt. Papen dagegen — ja, Bauer,
das war ganz was andres, Selbst der Trommler kannte nur
noch die Flote.
Mochte es auBenpolitisch gehen, wie es wollte, innenpoli-
tisch konnte man sich auf Papen verlassen,
Darauf kam es an, Preufien muBte den Marxisteh ent-
rissen werden. Was schiert uns Lausanne und Genf, was
Warschau und Moskau, wenn nur den braunen Soldaten die
StraBe und dem Reichskommissar das preuBische Ministerprasi-
dium frei gemacht wird!
Die Regierung Otto Braun hatte zweifellos keine Mehr-
heit mehr~im rieueh Landtag7 Aber" sie war^parlamentarisch
zustande gekommen, Und ihr Weiteramtieren war so lange
verfassungsrechtlich begriindet, als die neue Mehrheit sich un-
fahig erwi-es, ein neues Ministerium zu berufen.
Die Regierung Papen, die die Regierung Braun absetzte,
ist nicht parlamentarisch, sondern auBerparlamentarisch zu-
188
stande gekommen. Sie hatte wedcr das Vertrauen des alten
Reichstages noch kann sie von dem neuen ein Vertrauens-
votum erwarten. Sie schwebt vollig in der; Luft.
Sie ging, gestiitzt auf zweifelhafte Interpretation dunkler
Verfassungsbestimmungen und auf unzweifelhafte Militarmacht,
gegen die rechtmaBige preuBische Regierung vor. Sie wollte,
wie sie sagte, in PreuBen Ordnung schaffen. Darum wandte sie
ihren ganzen Zorn gegen die Kommunisten und ibre ganze Huld
den aufbauwilligen Element en von recbts zu.
Die ..aufbauwilligen" Elemente traten alsbald in Aktiom. Sie
lieferten zahllose Aufbauscblachten wahrend des Wahlkampfes.
Kaum war die Wahl vorbei und von der Regierung der Burg-
friede proklamiert, so ging der Aufbau in verstarktem Tempo
vonstatten: In Schleswig, im Ruhrrevier, in Schlesien etcetera.
Besonders intensiv wurde der Aufbau in OstpreuBen vorgenom-
men. Alle Attentate richteten sich gegen Linkselemente, wo-
bei dem in Konigsberg abgebauten volksparteilicben Regie-
rungsprasidenten von Bahrfeldt die Ehre zuteil wurde, der
Linken zugerechnet zu werden. Jedenfalls bewies der Partei-
stempel der Objekte der Attentate, daB ihre Subjekte unter
den aufbauwilligen Elementen von recbts gesucht werden
mufiten, was jetzt ja auch amtlich feststeht,
Allmahlich wurde der Regierung Papen ein wenig bange
vor der Methode der aufbauwilligen Rechtselemente. Erst er-
lieBen Papen und Bracht Warnungen. Sie hatten den voraus-
zusehenden Erfolg. Jetzt soil erne neue Notverordnung hel-
fen, mit scharfsten Strafen, bis zur Todesstrafe hinauf.
So kuriert man an den Symptomen herum, ohne dem Obel
an die Wurzel zu gehen.
Die Wurzel des Obels — das war die Freigabe der SA,
die Zulassung der braunen Uniform, Dadurch wurde in den
fanatisierten Privatsoldaten der Glaube wach, daB die Tage
ihrer Herrschatt gekommen seien, daB sie sich ihren anders-
gesinnten. Mitbiirgern gegeniiber alles erlauben diirften.
Die Wurzel des Obels — das war die gewaltsame Beseiti-
gung der alten preuBischen Minister, die in zaher Aufbauarbeit
einen wundervoll arbeitenden Polizeiapparat geschaffen hatten.
Er ist jetzt in Unordnung. Man stelle sich vor, welche Ver-
wirrung es in den Kopfen der berliner Schupo anrichten muBte,
als ein Mann wie der von ihnen hochverehrte Kommandeur
Heimansberg plotzlich aus dem Schlaf heraus vollig unbegruridet
verhaftet wurde. Verzweifelt horte ich alte bewahrte Polizei-
offiziere klagen: Unsre Leute wissen uberhaupt nicht mehr,
woran sie sind. Alles schwankt. Das aber ist das Schlimmste,
was grade einem Korper wie der Polizei passieren kann.
Die Aufbaustatte Papens ist eine Tnimmerstatte.
Keinc Partei ist mit seiner Tatigkeit zufrieden. Nur ein
paar reiche, rechtsstehende Juden sind es, die in ihm immer
noch einen Hort gegen Hitler und Thalmann erblicken. Undna-
tiirlich der Herrenklub, Eben erst hat Herrn von Papen, der
sich ,,als konservativer Mann durch das Symbol des Ringes
gebunden fiihle", Doktor Walter Schotte, der Biograph des
Herrenklubs, als eins ,,der altesten und aktivsten Mitglieder"
189
dieses Klubs gefeiert. Noch heute wiirde eine Abstimmung im
Herrenklub voraussichtlich ein Vertrauensvotum fur Papen er-
geben,
Sonst aber ist alles einmiitig in seiner Bewertung. Und
wenn man in unterrichteten Rechtskreisen herumhort, ist viel
weniger von Papen als von seinem Nachfolger die Rede.
Als dieser Nachfolger wird Bracht propagiert Und zwar
soil er gleichzeitig Reichskanzler und preuBischer Minister-
president werden.
Nichts sonst ist sicher in diesen Tagen; Aber sicher ist
die Kandidatur Bracht. Und sicher ist auch, daB sehr einfluB-
reiche Leute hinter ihr stehen.
Wahl-ItltervieWS von Johannes Stickler
/~\bwohl die Regierung Papen-Schleicher es fiir gut befunden
^^^ hat, Wahlen zu erzwingen, die von niemand anders ge-
wiinscht wurden, ist sie hinterher die einzige Partei, die nicht
bereit istf die aus dem Ergebnis dieser Wahlen entstandenen
Konsequenzen zu Ziehen. Sie will nicht abtreten, Ganz anders
denken daniber die gewahlten Parteien, wie ich aus Unterhal-
tungen mit wichtigen Vertretern des Zentrums, der KPD und
NSDAP entnehme.
.* * *
Fuhrende Zentrumsmanner wissen zwar, daB die psycholo-
gischen Voraussetzungen bei den eignen Wahlern einem Zu-
sammengehen mit den Nationaisozialisten nicht giinstig sind,
sie sind aber doch, der Meinung: wenn diese Wahlen iiber-
haupt einen Sinn haben sollen und nicht grober Unfug gewesen
sind, miissen die Konsequenzen gezogen werden. Wenn das
parlamentarisch-demokratische System nicht ganz vor die
Hunde gehen soil, so muB jetzt auf jeden Fall wieder eine par-
lamentarische Regierung gebildet werden. Das Zentrum ist nach
seiner eignen Oberzeugung die einzige Partei, die das Experi-
ment, mit den Nationaisozialisten in eine Regierung zu gehen,
riskieren kann. Es ist innerlich stark genugf diesen Versuch
zu machen, ohne Schaden an seiner Seele zu nehmen und vor
alien Dingen, ohne Anhanger zu verlieren. Aber man halt es fiir
falsch und gef ahrlich, etwa nur in Preufien und Bayern eine ge-
meinsame Regierung zu bilden. Grade im Reich will man die
Nationaisozialisten zur Verantwortung zwingen, Aus diesem
Grunde ware man auch bereit, ihnen die wichtigsten, Minister-
posten zu iiberlassen, DaB in einer solchen Regierung Briining
das AuBenministerium iibernahme, ist sehr zweifelhaft. Nichts
hat auf das Zentrum so einigend und starkend gewirkt wie
das Vorgelieii Papens geg^en Briining. Papens Rolle im Zentrum
ist seit langer Zeit ausgespielt. Und auch die Geriichte, daB
seine Beziehungen zu Rom unverandert gute seien und daB
der berliner Bischof Schreiber regelmaBiger Gast im Hause Pa-
pen sei, werden von Zentrumsseite heftig dementiert. Die
Stimmung gegen das Kabinett Papen ist so stark, daB man lie-
ber unter einer Kanzlerschaft Hitler als unter einer solchen
190
Papens mittun will. Der springende Punkt fiir das Zcntrum
ist und bleibt, eine parlamentarische Regierung zu bilden, bci
der die Nazis sichtbar die Verantwortung zu tragen haben.
Welche Ministerposten ihnen dabei zufallen, ist beinahe gleich-
giiltig, sie muss-en an diesem Experiment kaputt gehen.
Den Reichswehrminister halt man in Zentrumskreisen nicht
fur nazifreundlich, aber es kennzeichnet die Stellung des Zen-
trums ihm gegeniiber, wenn die .Kolnische Volkszeitung'
schrieb, daB der militarische Ausnahmezustand fiinfzig Kilo-
meter vor dem Rheinland halt mache.
Im Zentrum halt man es nicht Kir wahrscheinlich, dafi eine
Naziregierung ein Reichsschulgesetz schaften wtirde. Im iibrigen
ware ein solches Gesetz kein Koder fur die Parteif sie gabe
deshalb keine von ihren Forderungen, die sich auf soziale De-
mokratie und Gerechtigkeit griinden, preis.
Die Kommunistische Partei, die NutznieBerin von Papens ein-
seitiger Stellungnahme zu den Terrorakten, ist sich dariiber klar,
daB sie sowohl unter der jetzigen Regierung wie auch unter
einer Koalition Zentrum-Nationalsozialisten dauernden. Verf ol-
gungen ausgesetzt ist. Die erst in den letzten Tagen wieder er-
folgten Presseverbote treiben natiirlich zu einer immer starker
werdenden Radikalisierung der Massen. Man glaubt in 'KPD-
Kreisen an ein Weiterbestehen der Papenregierung unter Tole-
rierung der Nazis und der teilweisen Duldung des Zentrums.
Unter einer Koalition Zentrum-Nationalsozialisten erwartet man
sich widersprechende Tendenzen innerhalb der Regierung ge-
geniiber der KPD. Man glaubt, daB das Zentrum an einem Ver-
bot der KPD interessiert sei, nicht aber an einer Kasskrung
der Mandate im Reichstag. Wahrend die Nationalsozialisten
das umgekehrte Interesse hatten, namlich: die Kassierung der
Mandate, weil nur so eine,Rechtsmehrheit im Reichstag zu er-
zielen sei.
Die KPD ist entgegen ihrer fruhern Ansicht jetzt davon
iiberzeugt, daB ihr Zustronx einzig und allein aus dem SPD-
Lager und nicht von den Nazis gekommen ist. Sie halt deshalb
auch an ihrer Taktik unbedingt fest: scharfste Bekampfung der
sozialdemokratischen Fuhrer unter Werbung um die antifascisti-
schen Massen. In zweiter Linie gilt ihr Kampf der Aufklarung
der Landbevolkerung, die in manchen Gegenden fast vollstan-
dig der fascistischen Propaganda zum Opfer gefallen ist.
Wenn man fruher zeitweise befiirchtet hatte, daB kommu-
nistische Wahler zu den Nazis libergelaufen seien, so ist man
jetzt fest davon iiberzeugt — und man kann das an den Resul-
taten der einzelnen Wahlkreise nachkontrollieren — daB den
Nazis nirgendwo der Einbruch in die von ihnen so gehaBte
„marxistische Front" gegliickt ist.
Unbedingt am schwierigsten ist es, klare Absichten zu er-
kennen, bei der dritten Partei, der NSDAP, die sich nach
diesem Wahlkampf als Sieger fuhlt. Es ist schon in der gesamten
Presse zum Ausdnick gekommen, daB dort drei Richtungen um
191
die Macht ringen und daB es zur Zeit nicht zu iibersclien ist,
welcbc Richtung zunachst Sieger bleibt. Die Richtung Hitler
ist fur Weitertolerierung der Regierung Schleicher-Papen,
weil Hitter durch seine Beziehungen zur Industrie dieser den
absoluten Schutz des Privatkapitals zugesagt hat. Seine eigne
werte Person wiinscht er fur den einmal freiwerdenden Posten
des Reichsprasidenten aufzusparen. Die zweite Gruppe ist die
um Gregor StraBer, die an ihr konfuses, sich allein auf die
Landwirtschaft stutzendes Wirtschaftsprogramm ehrlich glaubt
und es jetzt in die Tat umsetzen mochte. Die dritte Gruppe
sind die von Goebbels und Rohm gefiihrten Desparados, die um
jeden Preis Revolution, oder was sie so nennen, machen wollen
und den Radau und die Opposition zum Dauerzustand erheben
mochten. In diesen beiden letztern Gruppen halt man den
Reichswehrminister nicht fur nazifreundlich. Man schreibt ihm
die Absicht zu, die Reichswehr auf 280 000 Mann zu verstarken
und; diese Verstarkung -nicht nur aus SA sondern auch aus
Stahlhelm und Reichsbanner zu rekrutieren. Er habe im Ka-
binett als Einziger gegen die Unterzeichnung des Lausanner
Vertrags gestimmt und verlangt, daQ das auch ins Protokoll
aufgenommen werde. In den Kreisen um StraBer halt man den
Sturz der Regierung Briining fur einen schweren Fehler, denn
er habe zu der fiir die NSDAP gefahrlichen Tolerierung der
Re,gierung Papen gefiihrt. Ober das privatwirtschaftliche und
sozialistische Doppelgesicht der Partei schreibt die ,Kolnische
Zeitung\ ein Blatt der Industrie, sehr aufschluBreich:
Es lafit sich noch nicht voraussagen, welche von beiden Stromun-
gen die Oberhand behalt; die individualistische Hitlers oder die
kollektivistische, die von Gregor StraBer vertreten worden ist; Die
Fuhrer, die das individualistische, das privatwirtschaftliche System
schutzen wollen, werden die Massen solange fiir sich haben, wie sie
noch Plane vortragen und dabei blinden freudigen Glauben finden.
Wenn dieser Glaube durch die Wirklichkeit enttauscht wird, dann wird
der nationalsoztalistischen Bewegung alles davonlaufen, was man
eigentlich Masse nennt und was sich Masseninstinkten beugt, (Weil
diese Massen eben keine Arbeitermassen. sind. D, Red.) Wir konnen
nur die Hoffnung haben, daB ein fester Kern, der eigentlich wertvolle
Teil der nationalsozialistischen Bewegung, den Idealen treu bleibt, die
von den besten Fuhrern aufgestellt worden sind Auf diese Kern-
truppe kann die Privatwirtschaft rechnen. Dagegen muB die Privat-
wirtschaf t sich mit unerschiitterlicher Ruhe dem Teil der neuen Be-
wegung entgegenstellen, der die Massenherrschaft und die Staats-
allmacht aufrichten will,
Diese ,,Kerntruppe", auf die die westliche Industrie hofft,
wird formiert von dem friihern Wirtschaftsredakteur der ,B6r-
senzeitung' Funck. Er ist es auch, der bei dem ,, Fuhrer" gegen
die Richtung StraBer arbeitet, Vorlaufig soil der deutsche
Duce erklart haben, er stehe und falle mit StraBer.,
Interessant ist diejeststellung aus dem Mund eines —
allerdings geistig besonders hochstehenden — nationalsozialisti-
schen Fuhrers iiber die Haltung Polens. In einem Gesprach
iiber den polnisch-russischen Nichtangriffspakt gab er seiner
Oberzeugung Ausdruck, daB das offizielle Polen stark verstan-
digungsfreundlich sei, und daB nur in den ehemals deutschen
Gebieten ein starker Chauvinismus herrsche/
192
Frankreich sieht nach Deutschland ♦ . .
Ein offener-nichtoffener Brief von S. Grumbach
Paris, Anfang August 1932.
I ieber Freund!
Wie die deutschen . Wahlen auf Frankreich, auf unsre
offentliche Meinung, auf die Beziehungen zwischen unsern bei-
den Landern gewirkt haben, fragen Sie mich. Konnte ich
Ihnen die Antwort ins Ohr fliistern, so wiirde ich Ihnen vieler-
lei interessante Dinge sagen konnen. Aber, da Sie mich zura
Lautsprecher machen wollen, gestehe ich meine Verlegenheit
Wesentliches verschweigen, mochte ich nicht. Ihnen durch
MiBbrauch des Gastrechts, das Sie mir gewahren, Zwangs-
ferien verschaffen, mochte ich auch nicht. Wird es geniigen,
daB ich ein fliisternder Lautsprecher sein werde — daB ich
Ihnen den kurzen Film verkehrt vorfiihre . . .?
Oder wiirden Sie mir etwa glauben, wenn ich Ihnen
schriebe: ,,Lieber Freund, hierzuland in Frankreich sind grade
diejenigen, die seit Jahren fiir die Verstandigung mit Deutsch-
land, fur die Raumung des Rheinlands, fur die endgiiltige L6-
sung des Reparationsproblems, fiir die offne, ehrliche Zusam-
menarbeit unsrer beiden Volker, fiir das Vertrauen zur deut-
schen Republik und zu den deutschen Republikanern gekampft
haben, mit dem Verlauf der Ereignisse bei Euch .sehr zu-
frieden. In dem standigen Wachstum der auBersten Rech-
ten, in dem • Vorhandensein von dreizehneinhalb Mil-
lionen Hitlerwahlern, in der Wiederkehr zur Macht der zur
kaiserlichen Zeit aljmachtig gewesenen Freiherrn und Barone,
in dem steigenden EinfluB der Reichswehr auf die politische
Entwicklung, sehen wir die beste Gewahr fiir die innere Festi-
gung der deutschen Republik, fiir die Erhaltung jener Ver-
trauensatmosphare, ohne die auf die Dauer keinerlei Zusam-
menarbeit moglich ist. Die diskrete Art, wie das Kabinett
Briining weggeschickt — und das Kabinett von Papen zur Re-
gierungsausubung befohlen worden ist, — die wirklich aristo-
kratisch-kavalierhafte, in strengem Respekt vor den be-
schworenen weimarer Texten durchgefiihrte Entfernung des
preuBischen Kabinetts Braun-Severing-Hirtsiefer, — die mann-
liche Rundfunksprache des Reichswehrministers von Schlei-
cher, haben auf die franzosischen Republikaner, Demokraten,
Sozialisten, die bei unsern letzten Wahlen am 1. und 8. Mai
1932 eine starke Mehrheit in. der Kammer eroberten, einen
ausgezeichneten Eindruck gemacht. Der Ausgang der deut*
schen Wahlen vom 31. Juli hat trotz einigen nebensachlichen
Schonheitsf ehlern (allzu starke Verlangsamung von Hitlers Zu-
wachs, unangenehmer Stillstand des sozialdemokratischen
Riickgangs, uberraschende Gewinne der Kommunisten) diesen
Eindruck naturlich verstarkt.
Verschnupft, enttauscht sind nur unsre Nationalisten, die
alle Argumente wegschwimmen sehen, die ihnen ein andrer
Ausgang Eurer Wahl gebracht hatte.
193
Und so wird denn tinscr Ministerprasident und AuBen-
minister, Edouard Herriot, das Werk dcr franzosisch-deutschen
Aussohnung' und Zusammenarbeit, das er begonnen hat, als er
im Sommer 1924 mit der Sanktionspolitik des Bloc National
Poincares SchluB machte und sich sofort nach seinem ersten
Amtsantritt mit den Vertretern der deutschcn Republik, in
London, an den Verhandlungstisch setzte, und das er jiingst
in Lausanne, sofort nach seinem zweiten Amtsantritt, durch
den praktischen Verzicht auf weitere deutsche Reparations-
zahlungen fortsetzte, in Ruhe, ohne inner e oder auBere Hem-
mungen zur Vollendung fiihren konnen. Wird er doch zweifel-
los, auf Grand der innerpolitischen Entwicklung in Deutsch-
land und des groBen Vertrauens, das Hitlers Bewegung und die
Regierungskunst der Papen und Schleicher bei den franzosi-
schen republikanischen Bauern-, Arbeiter- und Biirgermassen
genieBen, die ganze offentliche Meinung Frankreichs hinter
sich haben.
Leuten, wie dem ewig von Angsten vor dem reaktionar-
militaristischen Deutschland gepeitschten Abgeordneten Frank-
lin-Bouillon, dem von MiBtrauen gegeniiber allem Germani-
schen iibersprudelnden Fiihrer der Rechten, Louis Marin, ist
nun das Handwerk gelegt.
Ohne sich prophetischer Gaben ruhmen zu brauchen, wer-
den Politiker wie mein Freund Leon Blum und ich selber von
jetzt ab nur auf die Verhaltnisse in Deutschland hinzuweisen
brauchen, um dem franzosischen Volk den Nachweis zu liefern,
wie leicht es ist, jene groBziigige Aussohnungs- und Ausgleichs-
politik, die wir von jeher forderten, ihrem Ziel; vertrauens-
volle, freundschaftliche Zusammenarbeit mit der deutschen
Republik entgegenzufuhren.
EHe paar Hemmungen, an denen; Edouard Herriot, ehe er
wieder Ministerprasident geworden ist, gelitten haben mag,
sind sicherlich. geschwunden, seitdem er im personlichen Kon-
takt mit Herrn von Papen, in Lausanne, den Eindruck voller
Offenheit, unbedingter Zuverlassigkeit, ehrlicher demokratisch-
republikanischer Gesinnung Eures gegenwartigen Kanzlers ge-
wonnen hat.
Ohne, daB ich in den letzten Tagen Gelegenheit gehabt
hatte, unsern Ministerprasident en zu sehen, bin ich doch iiber-
zeugt davon, daB ers nur einen Wunsch hat: eines Tages sich
mit den Herren von Schleicher und Hitler selber an den Ver-
handlungstisch setzen zu diirfen und darait die StraBe der
franzosiscb-deutschen Beziehungen endgiiltig in der Richtung
zum ewigen Frieden freigelegt zu sehen.,."
Es gibt natiirlich auch Melancholiker bei uns in Frank-
reich, die jetzt iiberall mit besorgten Mienen herumrennen und
behaupten: nun sei wieder alles zerstort, was in den letzten
Jahren auf dem Gebiet des Iranzoslsch-deutschen, des deutsch-
franzosischen Ausgleichs gebaut worden ware. Es sei ein
wahres Ungliick fiir die beiden Volker, die dafiir geschaffen
seien, sich zu erganzen und in der Zusammenarbeit Europas
Wiedergesundung zu ermoglichen, — daB jetzt unmitteloar
nach dem Sieg der Linken in Frankreich, in Deutschland die
194
auBerste Rechte bei den Wahlen vom 31, Juli die in den
letzten zwei Jahren von ihr im Sturmschritt eroberten Macht-
positionen nicht nur zu halten sondern sogar zu befestigen
vermochte.
DaB Hitler seit Ende April „nur" dreihunderttausend Stim-
men neu zu gewinnen vermochte und es auf nicht mehr als
dreizehneinhalb Millionen gebracht hat, daB die Sozialdemo-
kratie nicht so viel verlor, im Vergleich zu 1930, als man in
gewissen Augenblicken befiirchten konnte, daB inlolge des
Nichtzustandekommens irgend einer Mehrheit im neuen
Reichstag der Verbleib des monarchistisch gesinnten Kabinetts
von Papen-von Schleicher-von Gayl-von Undsoweiter gesichert
erscheint und die Regierung sich auf die Reichswehr unbe-
dingt verlassen kann, erscheint diesen unfrohen Kauzen in
keiner Weise zufriedenstellend.
Sie wagen sogar zu sag en; inner halb der franzosischen
Volksmassen vollziehe sich gegenwartig unter dem Eindruck
der Ereignisse in Deutschland ein tiefer, seelischer Um-
schwung. Hunderttausende hatten aufgehort, an die Moglich-
keit einer wirklich ehrlichen franzosisch-deutschen Aussoh-
nung zu glauben. Die Nationalisten und Gegner jedweder Ab-
riistungspolitik wtirden hierzulande infolgedessen wieder leich-
tes Spiel haben. Herriot werde dies schon im Herbst, beim
Wiederzusammentritt des Parlaments, zu spiiren bekommen.
Das Schicksal sei Briand gnadig ,gewesen, da es ihn davor be-
wahrt habe, den Zusammenbruch einer groflen Hoffnung zu
erleben, deren Erfiillung fiir die ganze Menschheit mehr Gliick
und mehr Sicherheit bedeutet hatte, und an deren Starkung
er jahrelang zuversichtlicher als sonst irgemdein Staatsmann
gearbeitet hatte,
DaB die republikanisph gesinnten deutschen Massen, nach
der unter militarischem Druck erfolgten Verjagung der sozial-
demokratischen Preuflenregierung, aus Riicksicht auf die be-
vorstehenden Wahlen, sich von jeder action directe abhalten
lieflen, stellen sie als „unbegreiflich" hin, da die Erinnerungen
an revolutionare Volksaufstande zur Rettung der politischen
Freiheit in alien Bevolkerungsschichten Frankreichs gar zu
lebendig geschrieben seien . . .
Und so sehen diese Melancholiker denn eine triibe Zu-
kunf t vor sich. Wenn sie auch nicht gjauben, daB sich an den
offiziellen, diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich
und Deutschland einstweilen irgend etwas andern wird, so
meinen sie doch, daB bei geschwundenem Vertrauen der
psychologische Bruch unvermeidlich sei und es langer An-
strengungen werde bediirfen, um wieder Hzueinander11 zu
kommen ...
Was mich betrifft, lieber Freund, so kennen Sie mich, gc-
niigend, um zu wissen, daB ich mich durch Ereignisse, die sich
quer iiber den Weg legen, den ich fiir den einzig gangbaren
halte, nie davon werde abschrecken lassen, ubcr sie hinweg,
wenn auch au£ Umwegen, zum Ziel zu gelangen. Ohne Ver-
trauen unsrer beiden Volker zueinander, ohne franzosisch-
deutsche, deutsch-franzosische Zusammenarbeit kann es kei-
2 195
nen Frieden in Europa geben: welches gegenwartig unsre
Zweifel und Angste sein mogen, am Ziel andert sich nichts!
Aber welch unselige Verlangsamung des Rhythmus! Welch
bose Gespenster am Horizont! Welche Zeit- und Energie-
verluste! Welch Kriechen anstatt Gehen - , . Sie sehen, lieber
Freund, ich scheme selber nicht ganz heiter gestimmt zu
sein
Lehrmeister Reaktion von Hanns-Ericn Kaminski
f^ie Mehrheit des deutschen Volkes hat sich gegen die Dikta-
*^ tur augesprochen, sei sie militarisch oder nationalsoziali-
stisch. Das ist das Ergebnis des Wahlsonntags, an dem durch
keine Interpretationsktinste zu riitteln ist, Ein ausgezeichne-
tes Ergebnis, denn es verweist die Rechte in die Schranken
des parlamentarischen Systems. Schlimm ware es nur gewesen,
wenn die Reaktion fur a lie ihre Experimente und Exzesse durch
die Stimmzettel auch noch eine Rechtsgrundlage erhalten hatte.
So aber muB sie, urn regieren zu konnen, mit dem Zentrum
paktieren, was bedeutet, daB sie einen erheblichen Teil ihres
Programms auf dem Altar der Koalition opfern muB . . .
Ja, so ware es, wenn wir in normalen Zeiten lebten oder
wenn die Sozialdemokratie 230 Mandate erobert hatte, Jedoch
wir leben nicht in normalen Zeiten, und die Herren, die sich
als Nachfahren Bisinarcks liihlen, stolpern iiber juristische
Zwirnsiaden so wenig wie ihr Vorbild,
Wenn es nach dem parlamentarischen System ginge, hatte
,,die Regierung der nationalen Konzentration" am Tag nach
der Wahl zuriicktreten miissen, da ja die nationale Konzentra-
tion k^ine Mehrheit erhalten hat. Statt dessen lieB die Regie-
rung erklaren, sie habe niemals ein andres Ergebnis erwartet.
Sie hat also die Herrschaft ubernommen und die einschnei-
dendsten MaBnahmen durchgefiihrt in dem vollen BewuBtsein,
auch nachtraglich durch keine Mehrheit gedeckt zu werden,
Wie weni,g sich im iibrigen die Regierung aus dem parlamen-
tarischen System und dem ganzen Parlament macht, geht schon
daraus hervor, daB sich weder der Reichskanzler noch einer
der Minister dem Volk gestellt hat. Keiner von ihnen hat
kandidiert, so daB Deutschland heute das einzige Land in der
Welt ist, in dem kein Kabinettsmitglied ein Abgeordnetenman-
dat besitzt.
Wir konnen mit dem Wahlergebnis zufrieden sein, weil es
der Linken die Rechtsgrundlage gibt, die der Rechten fehlt.
Fur die Zukunft wird das seine Bedeutung haben, fur den
Augenblick ist es faktisch unerheblich. Nichtsjware jetzt un-
heilvoller als konstitutionelle Illusionen. Die Wahrheit ist,
daB Deutschland sich in einer Situation befindet, die vollig der
des Jahres 1918 entspricht, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Der Terror, der in OstpreuBen und zahlreichen andern Teilen
des Reichs wiitet, kennzeichnet diese Situation mit grausiger
Deutlichkeit, und sicher hat die Gegenrevolution ihren Hohe-
196
punkt noch nicht erreicht. Die Linke wtirde lediglich das
Spiel der Rechten mitmachen, wenn sie trotz alledem so tate,
als hielte sie die verfassungsmaBige Rechtskontinuitat fur ge-
wahrt.
Damit ist nicht gemeint, die Linke solle nun von sich aus
die Verfassung zum alten Eisen werfen. Im Gegenteil, ihre
Aufgabe ist es, die Ereignisse an Hand der Verfassung zu
kontrollieren und zu kritisieren. Sie muB sich nur dariiber
klar sein, daB die Verfassung heute weniger ein Gesetzbuch als
cine Agitationsbroschiire ist, Ausgenutzt werden kann sie
darum freilich erst recht, Besonders die Artikelt 34 und 59 eig-
nen sich dazu,
Dicse Artikel lauten:
Artikel 34, Der Reichstag hat das Recht und auf Antrag von
einem Fiinftel seiner Mitglieder die Pflicht, tJntersuchungsausschiisse
einzusetzen, Diese Ausschiisse erheben in offentlicher Verhandlung
die Beweise, die sie oder die Antragsteller fiir erforderlich erach-
ten , , . Die Gerichte und Verwaltungsbehorden sind verpflichtet, dem
Ersuchen dieser Ausschiisse um Beweiserhebungen Folge zu leisten;
die Akten der Behorden sind ihnen auf Verlangen vorzulegen,
Artikel 59. Der Reichstag ist berechtigt, |den Reichsprasidenten,
den Reichskanzler und die Reichsmiiuster vor dem Staatsgerichtshof
fiir das Deutsche Reich anzuklagen, daB sie schuldhafter Weise die
Reichsverfassung oder ein Reichsgesetz verletzt haben.
Auf den unmittelbaren Erfolg kommt es heute nicht an.
Was in anderthalb Jahrzehnten versaumt ist, laBt sich nicht in
anderthalb Monaten wieder gut machen. Die Linke wiirde
jedoch nur dem Beispiel der Nazis folgen, wenn sie nun alle
rechtlichen und politischen Moglichkeiten ausnutzte, die der
Opposition zu Gebote stehen.
Manche Leute warten allerdings erst auf dramatische Er-
eignisse, ehe sie die Lage begreifen. Selbst die gewaltsame
Entfernung der preuBischen Minister erscheint diesen ewig
gutglaubigen Optimisten nur als ein MiBton, der durch den
Staatsgerichtshof schon ausgeglichen werden wird. Aber es
gibt Revolutionen, bei denen keine Bastille erstiirmt wird, und
auch die Riickbildung unsres Verfassungslebens vollzieht sich
verhaltnismaBig lautlos. Am 11, August wird sogar noch der
Verfassungstag gefeiert werden, und der Innenminister von Gayl
wird die Festrede halten. Und der ganze Unterschied gegen
fruher wird sein, daB er sich darin erneutj zuri Monarchie be-
kennen und daB zum SchluB der Reichskanzler nicht das tradi-
tionelle Hoch „auf das in der Republik geeinte deutsche Volk'*
ausbringen wird.
AuBerlich wird, mindestens eine Zeitlang, noch mehr beim
Alten bleiben. Man wird Noske und ein paar andre sozial-
demokratische Beamte ahnlichen Kalibers auf ihren Posten las-
sen, und die Juden werden keinen gelben Fleck zu tragen
brauchen, Selbst die Frage der Regierungsbildung, die vielen
als die Quadratur des Zirkels erscheint, diirfte schlieBlich ohne
allzu sichtbarc Verletzung der Verfassung gelost werden. Die
Nazis wollen die Moglichkeit behalten, einerseits das Kabinett
erpressen und andrerseits Opposition mimen zu konnen. Das
Zentrum aber legt auf den Schein der Legalitat den groBten
197
Wert. Man kann sich folglich darauf vcrlasscn, daB bcide Par-
teicn eine Formel fiir die Duldung dieser oder einer andern
MPrasidialregierung" finden werden.
Wenn die Sozialdemokratie das Zentrum zu einer solchen
Politik ermuntert, begeht sie jedoch erneut einen schweren
Fehler, der auf einer volligen Verkennung der Situation beruht.
Das ist eben der Unterschied zwischen der Sozialdemokratie
und denen, die heute herrschen: die Sozialdemokratie hat ein ,
paar AuBerlichkeiten geandert und alles Wesentliche bestehen
lassen. Diese Leute lassen ein paar AuBerlichkeiten bestehen
und andern alles Wesentliche, Die erste Pflicht der Oppo-
sition abef ist es, sich durc'h AuBerlichkeiten nicht tauschen
zu lassen. l
In Wirklichkeit haben sich in diesen Wochen die verfas-
sungsmaBigen Grundlagen der deutschen Politik vollstandig
geandert, Niemand kann im Ernst glauben, die Weimarer oder
die GroBe Koalition brauchte bei den nachsten Wahlen nur
die Mehrheit zu erobern, damit Deutschland wieder so aussahe
wie vor einigen Jahren. In diesen Tagen entsteht ein neues
Regime- Undenkbar, daB an seine Stelle einf ach wieder das
alte treten konhte, Dazu sind zu viele Illusionen geplatzt, zu
viele Fehler enthullt, zu viele Irrtumer offenbar geworden.
Die Politik der Koalitionen, die Theorie des kleinern
Obels, der Glaube an Machtpositionen in der .Verwaltung, das
Vertfauen auf andre Parteien und| Personen — was ist davon
iibrig geblieben? Nichts! Jetzt wird sich zeigen, daB auch
die Opposition eine Machtposition ist. Um sie aufzubaueh
und auszubauen, wird sich die Sozialdemokratie freilich erst
ein neues geistiges Geriist zimmern miissen. Diese Selbst-
erneuerung, die nur erfolgen kann durch Selbstkritik, ist die
zweite Pflicht der Opposition*
Sie gilt nicht nur fiir die Sozialdemokraten, sie gilt auch
fiir die Kommunisten. Der KPD ist nach ihrem iiberraschen-
den Wahlerfolg machtig der Kamm geschwollen, ihre Hoff nun-
gen, die SPD zu zertrummern, sind wieder starker als je. Aber
auch die Kommunisten werden einsehen miissen, daB ihre bis-
herige Politik nicht ausreicht. Was niitzt es ihnen, sinnlose
Antrage in den Parlamenten zu stellen, immer neue Organisa-
tionen aufzuziehen und alle moglichen Aufrufc von denselben
Leuten unterzeichnen zu lassen, um schlieBlich der Sozialdemo-
kratie ein paar tausend oder auch ein paar hunderttausend
Stimmen abzujagen? Die KPD ist gewachsen, gewiB, aber auch
die SPD hat sich gut gehalten, und trotzdem hat die Arbeiter-
klasse als Ganzes eine Niederlage erlitten.
Diese Niederlage hat die Arbeiterklasse nicht im Parla-
ment und nicht bei den Wahlen erlitten, Daraus die Konse-
quenzen zu ziehen, ist die dritte Pflicht der Opposition. Sie
muB begreifen, dafi es nicht nur auf die ZahTvon Anhangerri
ankommt, sondern auch auf eine Atmosphare, in der diese Zahl
erst zur Geltung gelangt. Sie darf sich darum in Zukunft nicht
nur an den Verstand des politisch geschulten Industrieprole-
tariats wenden, sondern sie muB auch an das Gefxihl weiter
kleinbiirgerlicher Schichten appellieren.
198
Vielleicht wird die Linke lange Zeit haben, urn Einkchr zu
halten und sich fur die Riickeroberung Deutschlands voi\zu-
bereiten, Aber eines Tages werden wir wieder die Starkeren
sein, und bis dahin werden wir hoffentlich von der Reaktion
gelernt haben.
Die Zahlen vom 31. Juli von k. l. oerstorff
VHir hatten seinerzeit die Zahlen der PreuBenwahlen analy-
siert und geschrieben:
. , . bei den PreuBenwahlen ist den Nationalsozialisten zura ersten-
mal ein grofler Einbruch in, die Arbeiterf ront gegliickt . . . wenn man
die Stimmen der Sozialistischen Arbeiterpartei zurechnet, so haben
Sozialdemokraten und Kommunisten circa 550v000 Stimmen verloren . . .
Dieser Einbruch der Fascisten in die Arbeiterfront ist eines der wich-
tigsten Ergebnisse der PreuBenwahlen, Er signalisiert mit aller Deut-
lichkeit die Gefahren, die sich einerseits aus der Tolerierungspolitik,
andrerseits aus der ultralinken Taktik der KPD ergeben.
Es ist das auBerordentlich wichtige Ergebnis dieser Reichs-
tagswahien, daB sich der riicklaufige ProzeB in der sogenann-
ten marxistischen Front nicht weiter fortgesetzt hat, Im Ge-
genteil, die marxistische Front hat gegenuber den PreuBen-
wahlen stark aufgeholt. Sie hat nicht nur die Verluste bei
den PreuBenwahlen vollig ausgeglichen, sondern ihre Stimmen-
zahl steht absolut, wenn man die Stimmen der Sozialistischen
Arbeiterpartei hinzurechnett urn 130 000 iiber den Zahlen vom
September 1930, Relativ ist der Anteil der marxistischen
Front um knapp zwei Prozent zuriickgegangen, da dieses Mai
etwa zwei Millionen Wahler mehr wahlten als 1930. Gegen-
iiber 1930 aber haben die Nazis innerhalb der Arbeiterschaft
nur bei den Erwerbslosen und bei den jugendlichen Wahlern
Fortschritte gemacht. Die eigentlichen Betriebskaders der Ar-
beiterschaft sind gegen die nationalsozialistische Demagogie
absolut immun geblieben, im Gegenteil, die marxistische
Front hat circa eine Million Arbeiterwahler nach den PreuBen-
wahlen wieder zuriickgeholt.
Die Nazis haben ihre Stimmen gegenuber der zweiten
Prasidentschaftswahl nur wenig erhoht. Und es muB mit allem
Nachdruck betont werden, daB sie in zahlreichen Industrie-
gebieten sogar vielfach gegenuber den PreuBenwahlen verloren
haben, In den Stadten Aachen, Augsburg, Bochum, Essen,
Koln, Halle, Kiel, Konigsberg haben sie gegenuber den
PreuBenwahlen verloren, und das Gleiche gilt fiir den Wahl-
kreis Berlin und fiir den Wahlkreis Potsdam II. Die Griinde
fiir die Verluste der Nazis in den Industriegebieten sind klar.
Trotz aller Demagogie konnten sie auf die Dauer nicht ver-
hindern, daB man sie mit der Politik der Papenregierung iden-
tifizierte. Die Arbeiter an der Peripherie der marxistischen
Front,- die zeitweilig schwankend geworden waren, haben grade
durch die Tolerierungspolitik der Nazis gegenuber der Papen-
regierung eingesehen, daB die Nazis am Ruder die brutalsten
Reaktionare sein wiirden, und sind daher zu den Linksparteien
zuriickgekehrt. Der Vormarsch der Nazis bei diesen Wahlen
199
erfolgte daher im wesentlichen in den industriell zuriickgeblie-
benen, in den agrarischen Gebieten, wo sie die Reste der biir-
gerlichen Parteien nock waiter aufrieben.
Die Immunitat der Arbeiterfront gegen den Nationalsozia-
lismus, das ist das eine wichtige Resultat dieses Wahlkampfes;
das zweite ist — - neben der glatten Dezimierung der burger-
lichen Parteien — die organisatorische Stabilitat des Zentrums,
Es geht als organisatorische Kraft sogar gestarkt aus diesem
Wahlkampf hervor.
Das dritte ist die Verschiebung innerhalb der Arbeiter-
schaft. Bei den PreuBenwahlen hatten Sozialdemokraten und
Kommunisten ungefahr gleichmaBig verloren. Diesmal ist es
anders gekommen. Die Sozialdemokraten haben zwar von dem
Tiefpunkt gegeniiber den PreuBenwahlen etwas aufgeholt, aber
sie bleiben um mehr als 600 000 Stimmen hinter den Reichs-
tagswahlen vom September 1930 zuriick. Die Kommunisten
♦dagegen haben nicht nur die Verluste der PreuBenwahlen wie-
der aufgeholt, sonderri sie haben .gegeniiber den Reichstags-
wahlen von 1930 eineri Stimmengewinn von ungefahr 700 000.
Das Verhaltnis der Sozialdemokratie zu den kommunistischen
Stimmen ist diesmal ungefahr wie 3 ; 2. Das ist das ungiin-
stigste Verhaltnis fiir die Sozialdemokratie gegeniiber den Kom-
munisten, das es in den letzten Jahren gab. Die Immunitat
der marxistischen Front gegeniiber dem Nationalsozialismus
hatte man bereits vor dem 31. Juli erwartet. Die starke Ver-
schiebung aber innerhalb der Arbeiterschaft zugunsten der
KPD kam dieser selbst ziemlich iiberraschend. In vielen kom-
munistischen Zeitungen stand noch unmittelbar vor der Wahl,
daB man hoffet die Ziffern der PreuBenwahlen zu halten und
keine weitern Verluste zu , erleiden. Und es ist sicher, daB
der Stimmenzuwachs der KPD auf alle andern Faktoren eher
zuriickzufuhren ist ab auf eine richtige kommunistische Politik
und Taktik.
Der entscheidende Faktor, der die Veranderung geschaf-
f en hat, war das Verhalten der SPD am 20. JulL Um des Boll-
werks PreuBen willen hatte die sozialdemokratische Arbeiter-
schaft oft zahneknirschend die Tolerierung der Bruningpolitik
mitgemacht, hatte sie den Lohnabbau und den Abbau der So-
zialpolitik ertragen, ohne die Fiihrerschaft zu groBern Aktionen
zu zwingen. Als die Tolerierungspolitik gegeniiber Briining
weggefallen war, atmete die sozialdemokratische Arbeiterschaft
auf, Immer wieder konnte man von sozialdemokrati-
schen Funktionaren horen, der ,Vorwarts' fiihre jetzt endlich
wieder eine Sprache, dafi man ihn lesen konne.
Nun kam der 20. Juli, Und in den Kreisen der Gewerk-
schaften, des Reichsbanners, der Eisernen Front hatte man
vielfach angenommen, daB irgend etwas geschehen wiirde. Da
riichts geschah, sliid die Kaders ^der Gewerkschaft^, des
Reichsbanners, der Eisernen Front zwar bei der SPD geblie-
ben, an der Peripherie aber haben sich viele Hunderttausende
gelost und der KPD ihre Stimmen gegeben, nicht — um dies
noch einmal zu betonen — , weil sie mit der Taktik und der
Politik der KPD einverstanden waren sondern aus Protest ge-
200
gen die Passivitat der SPD in diesen entscheidenden Tagen.
Die Amtsenthebung Severings auf auBerparlamentarischem
Wege hat die parlamentarischen Illusionen vieler mit der So-
zialdemokratie sympathisierender Arbeiter unsanft zerstort, hat
ihnen sehr unsanft gezeigt, daB auf den auBerparlamentarischen
Kampf des Fascismus auch auBerparlamentarisch geantwortet
werden muB.
Infolge der absoluten Dezimierung der mittelbiirgerlichen
Parteien bei der gleichzeitigen Unerschiittertheit des Zentrums
und des Arbeiterblocks ist die parlamentarische Situation eine
denkbar verfahrene. Will man parlamentarisch regieren, so
ist die Koalition mit dem Zentrum die unerlaBliche Vorausset-
zung, wobei zwei Tatbestande geiegentlich eine nicht un-
wesentliche Bedeutuhg bekommen konnen. Das ist einmal,
daB die Nazis mit dem Zentrum allein eine Majoritat bilden,
Herrn Hugenberg also nicht brauchen. Das ist f iir den StraBer-
block innerhalbder Nazis, der seine Gewerkschaftsfreundlich-
keit betont, angesichts der Bedeutung der christlichen Gewerk-
schaften fur das Zentrum nicht unwichtig. Das zweite istf daB
die Nazis auch mit den Kommunisten die absolute Majoritat
haben und sie zur Lahmlegung des Parlaments, wenn ihnen die
Kommunisten weiter auf den Leim gehen, ausnutzen konnen
Will man das Zentrum ausschalten, so ware eine Mehr-
heit von rechts da bei einem Verbot der KPD, das gleich-
zeitig ihre Abgeordnetenmandate kassierte. Das ist aber
wenigstens in nachster Zeit nicht zu erwarten. Selbst bei dem
Verbot der KPD 1923/24 sind ihre Abgeordnetenmandate
nicht kassiert worden. Und Herr von Papen hat noch dieser
Tage — sicher unter dem Eindruck der Verstarkung der Kom-
munisten bei den Wahlen — erklart, daB nicht einmal ein
direktes Verbot der KPD fiir die nachste Zeit in Frage kame.
Bleiben die kommunistischen Mandate bestehen und will man
parlamentarisch regieren, dann ist die einzige Moglichkeit der
schwarz-braune Block. Das Zentrum ist durchaus nicht ganz
und gar abgeneigt. Schon vor dem 31. Juli hat ja Briming
erklart, daB auch er nach den Pre uBen wahlen fiir eine Regie*
• rungsbeteiligung der Nationalsozialisten gewesen seit nur wollte
er ihre Einbeziehung in die Regierung erst nach der Lausanner
Konferenz haben. und wollte selbst nicht der Kanzler dieses
schwarz-braunen Blocks sein., Jetzt erklart bereits die Presse
der bayrischen Volkspartei, die vorher am scharfsten gegen
Hitler Front gemacht hat, daB Koalitionen moglich seien, nur
diirfe man das unklare Spiel der Nationalsozialisten gegemiber
der Regierung nicht mehr zulassen. Sie miiBten eindeutig mit
der Verantwortung belastet werden,
Je schwieriger die Bildung parlamentarischer Mehrheits-
verhaltnisse wird, um so starker wachst natiirlich. die Stim-
mung, mit auBerparlamentarischen Machtmitteln zu regieren.
Die ,DAZ.' schreibt in ihrem Artikel iiber die Wahlen, daB
diese Wahl fiir absehbare Zeit wohl die letzte sein werde, Das
ist richtig. Aber der Kampfi der Klassen geht weiter, und je
weniger er parlamentarisch Ausdruck findet, um so starker
wachst der auBerparlamentarische Kampf,
201
DergrofieBrockhaus als Literaturbetrachter
von Gerhart Pohl
p s gibt eine Leidenschaft des Intellckts, die zur Krankheit
" entarteni kann; das Nachschlagen ohne Ziel und Auftrag.
Ich bin „hochgradig nachschlagsiichtig". Besondcrs beimtuk-
kisch crweist sich diese Krankheit bei groBen Nachschlage-
werken. Einmal wollte ich in, der Staatsbibliothek den Titel
eines alteren Romans feststellen, und ich erfuhr dabei, daB
Erstausgaben weder von S chillers noch von Zolas Werken vor-
handen sind, daB Justinus Kerner auch okkultistische Schrif-
ten herausgab, daB die Frau von Felix Dahn eine Enkelin der
Droste war, daB
Als mich jiingst aber der GroBe Brockhaus uberfiel und
die ersten zehn Bande seiner Neuausgabe, die rund achttau-
send Seiten umschlieBen, mein Gemiit wieder mit allerhand
Wissenschaft vergifteten, da beschloB ich, meine Leidenschaft
einmal zu ^effektuieren", Hier ist das Resultat!
Max Hoelz tragt die Schuid daran. Sein Geburtsort
inter essierte mich. Im achten dieser solide und geschmack-
voll hergestellten Bande fanid ich „Moritz bei Riesa" prazise
vermerkt, Und daneben: l(Kommunistischer Agitator.,; lei-
tete kommunistische Gewalttaten im Vogtland . . ." Soso, dachte
ich und schlug Goebbels nach. ,fNationalsozialistischer Agita-
tor . . . leitete nationalsozialistische Gewalttaten in Berlin".
Das ware wohl das Entsprechende (wenn auch der Stil mir
grundsatzlich mififallt). Vater Brockhaus aber nennt Goeb-
bels, Paul Joseph . . . Politiker . . . studierte Geschichte und
Literatur (mit betrachtlichem Erfolg, scheint mir), grundete
1925 die ,,Nationalsozialistischen Brief e" und wurde 1926 Gau-
fiihrer der NSDAP. in Berlin, 1928 Reichstagsabgeordneter
uad Herausgeber der Halbwochenschrift ,Der Angriff \ ,,G. ist
der eifrigste und scharfstei Agitator der norddeutschen Natio-
nalsozialisten". Ja, und damit wars urn mich geschehn! Die
beid'en Stichproben war en die bewuBten ersten Schnapse, die
der Saufer braucht; einen ganzen Tag walzte ich die zehn
Folianten, schlug Politiker, Wissenschaftler, Schrif tsteller,
Dichter nach und beschrankte mich schlieBlich auf die Dich-
ter und Schriftsteller, auf die moderne Literatur.
Vorweg das Eine: Die Bilanz ist giinstiger als die ersten
beiden Posten vermuten lieBen. Redlich das Streben, keinen
zu beiBen, und des Lobes wert, auch wenn es miBlingt Immer-
hin sind zum Beispiel Engels, Kautsky, Bakunin kurz und klar
dargestellt Die Marginalien sind — hier wie fast uberall —
eb wenig ( ,,labrig" gesc'hrieben, federfuchserisch-durftig und
ohne* stilistische Eigenart, aber auch ohne Verdrehungen und
die beliebten ,,Interpretationen'\ In den Bibliographien feh-
len auch sozialistische Darstellungen nicht; so sind bei Ba-
kunin die Schrif ten von Brupbacher undHSFettlau vermerkTt.
Die moderne Literatur, der schlieBlich mein Hauptinter-
esse gait, weist vorziigliche, brauchbare, unzureichende, lacher-
lichc Referate auf — die Skala der Qualitat von plus bis minus
Hundert. Ein modernes Konversationslexikon zu redigieren, ist
bestimmt kein Kinderspiel; im Zeitalter der Fachleute braucht
202
man deren so viele, daB auch minderwertige dem Naturgesetz
der Auswahl ..entspringen" miissen, Aber einige sind schon
allzu pragnante Nullen!
Der beste Literaturbetrachter scheint mir der MFranzose'*
zu sein, weil seine Darstellungen eine geistige Zielklarheit aus-
weisen, die den meisten andern Mitarbeitem fehlt. Er be-
herrscht sein Terrain, weiB Gebirge von Hiigeln und Bache
von Stromen zu unterscheiden. Er stuft und wagt: ein Kriti-
ker im harenen Gewande des Handbuch-Referenten, Selbst
das dankbare Kapitel; Maurice Barres — Verfasser von ,, Genie
du Rhin" und ein fataler Annexionist — rollt ohne patriotische
Deklamationen ab; auch hier ist die Gewichtsverteilung rich-
tig: Erst der junge individualistische Romancier des fin de
siecle, dann der alte Mvom Traditionalismus bestimmte" Na-
tionalist. Henri Barbusse wird allerdings nur mit einer Armen-
suppe abgespeist, obwohl seine Bedeutung nicht verkannt ist;
seine wichtige Zeitschrift , Monde' und seines politische Wirk-
samkeit fehlen; die Bibliographie ist unvollstandig.
Ein schneidiger Zeitgenosse ist der englische Berichterstat-
ter. Der liebt die Kiirze ohne Gehalt, Cber Harris schreibt
er: „ Harris, Frank, englischer Schriitsteller, geboren Galway,
Irland, 14. Februar 1856, lebt als Herausgeber des .Candid
Friend' in London. Neben Durchschnittsromanen (wozu der
Anarchistenroman Die Bombe gerechnet wird!) schrieb H,,-
(folgt Aufzahlung einiger Werke)." SchluBt
Und nun ins deutsche Vaterland! Da ist erst einraal eine
umfangreiche Darstellung der modernen Literatur vom Natura-
lismus bis zur Gegenwart enthalten: Herzlichen Dank fur diese
seltene Gabe! Denn fur das durchschnittliche Handbuch be-
ginnt das wissenschaftliche Leben meistens bei den Toten der
Wirklichkeit; bei Brockhaus sind die Manner vollzahlig und
die MJunglinge" in eigemwilliger Auswahl erwahnt. Billinger,
Glaeser, Horvath fehlen zum Beispiel, wahrend jugendliche Bel-
letristen von betrachtlicher Wirkungslosigkeit dargestellt oder
erwahnt werden. Sehr fein ist die Schilderung der Hauptmann-
und der George-Zeit, wie uberhaupt fast der ganzen Vorkriegs-
Literatur; hier spiirt man Distanz und Obersicht. Das Spatere
wird wackliger, was verstandlich, und willkiirlicher, was zu
bedauern ist. Wer Barlach ausreichend zu charakterisieren
vermag: , .Seine Dramen vereinigen ekstatisches Gefiihl, visio-
nare Anschauung mit sqharfer Charakteristik und dramatischer
Bewegung", sollte iiber Becher oder Benn nicht Unsinn berich-
ten. Benn „eifert in Vers und Prosa gegeni alles Oberlieferte
und Bestehende in Leben und Kultur, ein beiBend spottischer
Verneiner mit Blick und Willen zur Uberwindung und Ver-
edlung". Lassen wir mal das Verquaste dieser Schreibe bei-
seite — sie ist auch falsch; sie trafe allenfalls auf den Benn
von 1920 zu, nicht auf den heutigen, der „mitten im Arena-
geheul einer Boxerzivilisation" eine Lebensquelle des Men-
schen, seine geschichtslose Zeit entdeckt und mit erstaun-
licher Kraft den Bogen von unserm Ende bis zu diesem Ur-
anfang geschlagen hat,
Wenn iiber Johannes R. Becher berichtet wird: „Seine
politische Dichtung zog ihm mehrmals Strafverfolgung wegen
203
Hochverrats zu. Seine unpolitische Lyrik gehort zu den be-
zeichnendstem AuBerungen der jungeni Generation", so darf, nein
muB gepfiffen werden. Das ist peinlich, weil ressentimental —
und dabei falsch. Denn naturlich gehort Bechers revolutionare
Dichtung ,,zu den bezeichnendsten AuBerungen der jungeni Ge-
neration"; seine unpolitischen Gedichte sind nicht mehr we-
sentlich, fur sein Charakterbild in der Geschichte,
Borchardt, Daubler, Dehmel, Dietzenschmied, Engelke,
Leonhard Frank werden im Ganzen richtig beurteilt; jedenfalls
ist -der Grundzug ihres Wesens erf aBt. Hermann Kesser und
Arthur Holitscher scheinen mir zu oberflachlich behandelt; je-
ner muB sich mit einem Personal- und Sachregister begniigen,
diesem wird nachgesagt, er habe unter anderm Novellen Mim
Stil der franzosischen Symbolist en" geschrieben (was ich fiir
halb wahr, also fiir besonders falsch halte) ,,sowie eine An-
zahl Schriften, in denen er fiir SowjetruBland eintritt (so ,Es
geschah in Moskau' 29)". Das Buch kennt der Herr Berichter
aber nur vom Horensatgen; denn es ist ein Roman, der in Mos-
kau spielt, der darstellt und nicht ,,eintritt".
Auchj ein paar ,,richti:ggehende" Stilbliiten, wie sie Witz-
blatter gerne bringen, sind dem leipziger ,,Je sais tout" unter-
laufen. MDie Revolution rifl Max Barthel in eifrige politische
Tatigkeitf infolge deren er ins Gefangnis kam," , .Albert Ehren-
stein trat als Vertreter einer Auffassung des wiener Lebens
hervor, die im Gegensatz zu der herkommlichen steht." So-
was erfreut Herrn Oberstudienrat Hannemann und meine
Tante Cielchen!
Und endlich S. J,, ,, Jacob so hn, Siegfried . . , Theaterkritiker
und Schriftleiter"! Zu seinen kernhaft-tiefen und dabei tan-
zerisch^beschwingten Theaterkritiken, dieser schopferischen
Chronik der deutschen Schaubiihne, meint Brockhaus mit be-
merkenswertem Lakonismus, sie seien ,,eigenartig gefaBt";
seine ,Weltbiihne' registriert er als ,,eine unabhangige Zeit-
schrift voll scharfen Widerspruchsgeistes". Den sie nunmehr
spielen lassen mtiBte, bis die Neuauflage eine weniger armliche
Glosse iiber das Lebenswerk eines groBen Publizisten bringt.
Noch etwas iiber die Schauspieler; hier wendet Brock-
haus Diktatur an oder sein Referent — die Schlampigkeit.
KrauB steht drin; George fehlt Ernst Deutsch ist behandelt,
Klopfer mitnichten. Ober Erich Engel fand ich einen guten
Satz (imj Brockhaus-Stil): ,,Er fiihrte den Theaterstil aus dem
starren Schematismus zu einer neuen sinnerfiillten Wirklich-
keit . . -"
Zum Schlufi die Fiiage: Wer ist. Dichter und wer Schrift-
steller? Wo beginnt od'er endet dieses oder jenes Bereich?
Der Brockhaus wendet kindliche Willkiir an: Warum ist Ger-
hart Hauptmann Dichter; Leonhard Frank Schriftsteller und
Ernst Jiinger gar politischer Schriftsteller? Das ist wenig
ischon und fiir die nocfr ausstenendeii Bande zu beachten.
Viel schoner, nein, wirklich groBartig ist das Handwerk-
liche: BildwaM, Reproduktion, Material und Gliederung. Das
konnte mich verlocken, noch einmal die zehn Bande durch-
zuackern, Ein andres Mai, wenn ich das nachste Datum eilig
brauche,
204
SchnipSel von Peter Panter
ps ist die Aufgabe des historischeni Materialismus, zu zeigen, wie
^ alles kommen mufi — und wenn es nicht so kommt, zu zeigen,
warum es nicht so kommenl konnte.
*
Was die Leute pervers nennen, das laBt sich von einem getibteh
Sexualpsychologen leicht auflosen. Aber wirklich pervers, gegen
den Strich, gegen die Natur ... da gibts wenig. Von dem wenigen
ist die altere Amerikanerin, die iiber Sittlichkeit spricht und urteilt,
wohl das allerekelhafteste, was zur Zeit auf der Erde herumsitzt,
*
In der Ehe pflegt gewohnlich immer einer der Dumme zu sein.
Nur wenn zwei Dumme heiraten — : das kann mitunter gut gehn.
An einem Rausch ist das schonste der Augenblick, in dem er
anfangt, und die Erinnerung an ihn.
*
Wie rasch altern doch die Leute in der SPD — ! Wenn sie
dreiBig sind, sind sie vierzig; wenn sie vierzig sind, sind sie funfzig,
und im Handumdrehn ist der Realpolitiker fertig.
Das schlimmste Verbrechen, das Hitler begangen hat: er hat die
echte Jugend in seiner Partei verraten.
Spengler, dieser Karl May, der Philosophic. Er hat keine Helden-
taten verrichtet, er hat sie nur prahlend aufgeschrieben. May war
iibrigens bescheidener und schrieb um eine Spur besser.
*
Reden konnen; gut sprechen; einen Saal zu Mhaben" — das ist
eine der niedrigsten Fahigkeiten, die es gibt. Sie ist in Deutschland
so selten, dafi der gute Redner stets angestaunt wird. Fur einen
Menschen und nun gar fiir eine Sache besagt die Tatsache, dafi einer
gut reden kann, noch gar nichts,
*
Als Kind sah ich einst vom Fenster eine Messerstecherei, Der
Gestochene, ein Mann mit groBem, gelben Bart, lief briillend iiber den
Damm. Mir schlug das Herz, Ich weifl es ganz genau: eine Lust-
empfindung war das nicht. Aber der kleine Gott der Lust, der in
der Nebenkammer schlief, drehte sich unruhig um. Schreck iiber ver-
gossenes Blut, das ich nie vergiefien mochte — das reicht so tief
hinunter wie die Lust. Wohl bei alien Menschen. Man beobachte
Frauen wahrend eines Krieges,
Einer schonen Frau zuzusehn, die sich anzieht, das ist so schon
wie der Anblick junger, spielender Raubtiere. Alles geschieht im
hochsten Ernst und ist doch Spiel. (Oho!) Ja, ich weiB schon.
A
Jede Frau darf beten. Ein Mann, der betet, muB sehr dumm
oder sehr weise sein.
*
Wenn man vom Papst als vom Doktor Ratti sprechen wollte und
von den Offizieren stets ohne Titelf die sie ja auch dann noch mit
sich herumschleppen, wenn sie Filmdirektoren geworden sind; wenn
Richter ohne Talare Recht sprechen miiBten, kurz: wenn man die
kunstlich zur Feierlichkeit aufgeblasene Tatigkeit gewisser Leute
auf den Alltag reduzierte — : das ware bitter fiir die Beteiligten.
Aber keine Sorge: wer keine Uniform hat, bewundert sie wenigstens.
205
Die Menschen sind so geartet: Wenn ihnen einer sagt, dafi Herr X.
befordert wurde, so imponiert ihnen das ungeheuer. Wer ihn befordert
hat, danach fragen sie gar nicht.
*
Eine Geschichte? Dies ist eine schone Geschichte:.
Ein amerikanischer Milliardar hatte einen Auto-Unfall und verlor
dabei ein Auge. £r liefi sich ein Glasauge machen, Und als er
damit am ersten Tage wieder ins Bureau kam, fragte er seinen Se-
kretar; „Nun mochte ich doch mal horen . . . Welches ist das Glas-
auge?" Der Sekretar sah ihn einen Augenblick an und sprache
„Das linke." — „Alle Wetter!" sagte der Milliardar. „Woher wissen
Sie das?"
„Das linke hat eine Spur von Herz", sagte der Sekretar.
Der Mann, der verzeiht ... von AiiceEkert-Rothnoiz
Alfa Rechte vorbehalten
Cs gibt Manner, die fliegen auf ein oberbayrisches Abendkleid.
*-* Es gibt Waschlappen mit ohne Personlichkeit.
Aber vor einem Mann fliebe meilenweitl
Das ist der Mann, der dir alles verzeiht.
Betruge ihn mal! Und du hast den Salat.
Der Mann, der verzeiht, ist ein erotischer Studienrat:
„Hmf: hm. Deine Fiihrung, mein Kind, ist zwar Nummer vier.
Aber# mein Kind, ich verzeihe dir!"
— Was heiBt hier verzeihn?
Und nun fangt seine Verzeihung an.
Im Bett, Im Ernst, In der Untergrundbahn.
Du stehst machtlos. Wie ein Dieb vor unmenschlich edlen Klagern,
Er ist eine Madonna mit Hosentragern!
Mach was — !
Du betest: „Er soil mich verhauen! Einsalzen! Noch vorher er-
morden!"
Jener trieft vor Milde . . . Alles allright.
Er verzeiht dir auch weiter die ganze Zeit —
Aber er ist ein Auslander im Gefuhl geworden . . .
Vorbei.
Schon wie er dich ansieht! Wie eine fremde Stadt , . .
Er denkt dauernd: „Ob sie es auch noch mit anderen hat . , .?"
Er sagt sich gewaltsam: „Wichtigkeit!"
Und er verzeiht aus mannlicher Eitelkeit.
Merkst du was?
Er verzeiht auch, dafi du gequalt und zuruck bist.
Er verzeiht dir, dafi er das bessere Stiick ist . . .
Er bespitzelt dich . . . du tust ihm fast leid.
Aber viel mehr tut ihm leid, dafi er verzeiht.
— Ach, wie. leid!
Es gibt Manner, die passen dir nicht. Wie ein Kleid.
Sie sind zu lang, zu eng, zu garniert, zu breit ...
Aber vor einem Modell fliehe meilenweit:
Das ist der Mann, der dir alles verzeiht.
Bei dem gibs auf! Diese Rechnung wird niemals glatt!
Denn er verzeiht nicht, dafi er verziehen hat.
206
Weltretter oder -verderber Henry Ford
von Werner Hegemann
T}er Ehrgeiz jcdes bessern Amerikaners ist ein Pierce-Arrow-
oder ein Packard*- AutomobiL Aber Amerikas Ehrgciz cr-
schlafft. Der Jahresverlust der Packard Motor Car Company
ist von 0,71 Millionen Dollar im Jahre 1930 auf 9,65 Millionen
im Jahre 1931 emporgeschnellt, Die Automobilindustrie der
Vereinigten Staaten kann heute neun Millionen Wagen im
Jahre erzeugen, aber nur zwei Millionen absetzen. Mit dieser
Begriindung wurden die Aktionare der groBen Studebacker
Automobilfabrik zu Abschreibungen und Kapitalzusammen-
legung eingeladen, Mit derselben Begriindung konnten drei-
viertel des Kapitals der gesamten Automobilindustrie als Fehl-
anlage bezeichnet werden, Selbst entschlossene Anhanger der
freien Wirtschaft diirfen fragen, ob sich derartige Riesenopfer
bei etwas planmaBigerer Wirtschaft nicht vermeiden lieBen.
Angesehene Verkehrs- und Wirtschaftspolitiker halten
diese groBe Fehlanlage und das mit ihr verbundene groBe Ge-
schaft auf Abzahlungen, die sich heute als nicht eintreibbar
erweisen, fur eine der Hauptursachen der Weltkrise. In den
Vereinigten Staaten gab es im Jahre 1930 23 042 840 Person en-
autos. Die meisten dienten Luxuszwecken. Das amerikanische
Volkseinkommen wurde 1930 noch auf dreihundert Milliarden
Mark geschatzt Davon wurde etwa ein Fiinftel fiir den jahr-
lichen Unterhalt der Luxusautomobile benotigt, wozu noch die
Zinsen und wachsenden Risikopramien fiir die auf VorschuB
gekauften und in der Krise nicht mehr abzahlbaren Wagen ge-
rechnet werden miissen. Um Amerikas wirtschaftliche Zu-
kunft vor dieser ruinosen Belastung zu schutzen, wurde vor-
geschlagen, kiinftig von jedem Autobesitzer den Nachweis zu
fordern, daB ihm sein Wagen fiir berufliche Zwecke unentbehr-
lich ist, und die verbleibenden zwanzig Millionen Wagen {im ehe-
maligen Marktwerte von rund fiinfzig Milliarden Mark) zu ver-
schrotten. Bis sich Amerika zu diesem Milliardenopfer ent-
schliefit, werden in Europa die amerikanischen Irrtiimer glau-
big nachgeahmt werden- Die Amerikaner helfen sich einst-
weilen dureh allmahlichen Abbau. Statt neue Wagen zu kau-
fen, werden die alt en ibis aufs letzte abgenutzt. 1931 waren
schon eine halbe Million Wagen weniger in Benutzung als 1930.
Der ungekronte Kaiser von Amerika, Henry Ford, hat zwei
gigantische Versuche zur Steigerung des Absatzes seiner Auto-
mobile gemacht: Belebung des amerikanischen Innenmarktes
und Schaffung eines aufnahmefahigen europaischen Marktes.
Er hat unter dem Beifall aller Kleinwagenliebhaber nachge-
wiesen, daB der gesteigerte Verkauf von Ford wag en eine Not-
wendigkeit der interna tionalen Moral ist. Im Friihjahr 1932
versandte Henry Fords deutscher Verleger, Paul List, gedruckte
Einladungen zum Kauf der funfzehnten Auflage des Ford-
schen Buchs: „Und trotzdem vorwarts!" mit der Ankiin-
digung; nDies Lehrbuch aus jiingster Zeit — eines gigantischen
Kampfes gegen Konkurrenz und Weltdepression, Rank- und
Borsenubermacht — tragt alle Voraussetzungen in sich, daB
es eine Mission erfiillen wird. Es verkiind'et klar und ehern
207
die Gesetze einer kommenden Wirtschaftsordnung, die sich
nicht aufhalten laBt." Fords Erfolge und MiBerfolge in Amerika
tind Deutschland machen die Frage dringcnd, ob die von ihm
gebrachte neue Wirtschaftsordnung menschenwurdiger oder
wenigstens planvoller ist als die widerliche alte.
Bernard Shaw hat die erzieherische Wirkung geriihmt, die
das Automobil auf viele moderne Menschen ausiibt, Lange hat
man auch in Amerika wenige Dinge mit mehr Stolz hervorgeho-
ben, ialsf daB es dort dreiundzwanzig Millionen Automobile gibt;
Lange gait dort auch im Kampf gegen den Alkohol das Benzin als
das beste Gegemgift. Erst seit dem Ausbruch der groBen
amerikanischen Krisis wurde die Frage laut, ob nicht Benzin
vielleicht mehr Unheil und Verblodung und weniger Freude
gebracht hat als Alkohol. Das Benzin,i so heiBt es plotzlich,
hat mehr Menschen umgebracht oder verkriippelt, hat mehr
Familien bankrott gemacht, mehr Leute vors Gericht gebracht
als das verbotene Bier. Wenn Erwachsene nicht mehr in die
Kirche gehen und kein Buch mehr lesen,, und wenn die Jttn-
gens immer noch die Schule schwanzen und die Madels auf
denj Strich gehen, so soil heute weniger der Alkohol als das
Benzin1 daftir verantwortlich sein.
Obgleich die Zahl der amerikanischen Kraftwagen im
Jahre 1931 um etwa zwei Prozent zuriickging, nahmen in der-
selben Zeit die Verkehrsunfalle um etwa 3,3 Prozent zu.
Seit 1917 sind in den Vereinigten Staaten durch Verkehrs-
unfalle auf den StraBen iiber 300 000 Menschen ums Leben ge-
kommen. Nach den Mitteilungen der groBten Versicherungs-
gesellschaft in USA., „The Travellers Insurance Co.", wurden
im Jahr 1931 34 400 Menschen durch Automobilverkehrs-
unfalle getotet und 997 000 verletzt. In den achtzehn Monaten
von Juli 1930 bis Dezember 1931 totete das Automobil mehr
Amerikaner, als wahrend achtzehn Monaten des Weltkrieges
in den Schutzengraben umgekommen sind;
Die Untersuchung eines typischen amerikanischen Dorfes
ergab, daB in den dreiundfunfzig Haushaltungen des Dorfes
zweiundfiinfzig Kraftwagen benutzt wurden, ungerechnet die
Lieferwagen und Traktoren. Mehr als ein Viertel des gesam-
ten Dorfeinkommens wurde fur Automobilkosten -verausgabt.
Nur sieben von den zweiundfiinfzig Wagen waren fur Berufs-
zwecke notwendig. Mindestens vierzig der Besitzer konnten
sichf ihren Wagen nur unter groBen Entbehrungen auf andern
Gebieten leisten, Neunundzwanzig von den dreiundfunfzig
Familien hatten weder Bad'ewanne noch Wasserklosett. Ihr
kultureller Stand war tiefer als vor zwanzig Jahren, Der ein-
zige Fortschritt war Automobil und Radio. Der Besuch der
nahen Stadt im Auto diente fast ausschlieBlich Einkauf en, Kino-
besuchen und Dauerwellen. Infolge der Unkosten, die das Autp
verursachte, soil der Besuch hoherer Schulen abgenommen
haben. Ein Knabe, der in seinem einundzwanzigsten Jahr nocfi"
kein Automobil besitzt, gilt als hoffnungslos. Von den drei
Haushaltungen, in denen die Schlagzeilen der Zeitungen und
eine gelegentliche Kitschnovelle nicht die einzige Lektiire dar-
stellten, besaBen zwei kein Automobil.
In fruhern Jahren war der offene Wagen auf noch mangel-
208
haft entwickelten StraBen cine unerschopfliche Quelle von
Abenteuern in frischer Luft, Und die Motorstorungen auf der
Strafie machten aus dten jugendlichen Fahrern angehende In-
genieure. Heute haben die geschlossenen Glaskasten (Limou-
sinen) die offenen Wagen groBenteils verdrangt, das Fahren
auf den.teuer gepflasterten StraBen ist zur Routine geworden*
und die Motoren sind so zuverlassig, daB die wenigsten Fah-
rer die Einzelheiten ihrer Maschine je kennen lernen. Das
alte Picknick im Freien wurde durch zahllose Wirtshauser
langs der StraBen verdrangt. Die Abenteuer, die einst unver-
meidlich zum Oberlandfahren gehorten, werden seit langem
schon sorgfaltig und bequem vermieden, Der Autobesitzer
folgt der glatten und grellen Z,ementstraBe zwischen grofien
Reklameschildern und verbotenen Alkoholkneipen, erledigt
seine siebzig Kilometer die Stunde und denkt an die nachste
Panne der Gummireifen, Das Auto braucht er, urn seine freie
Zeit totzuschlagen und tim den gutbiirgerlichen Eindruck zu
machen, der zum Leben des amerikanischen Babbitt gehort.
Teurer hatte die amerikanische FLucht aus der Langeweile in
das SpieBertum nicht bezahlt werden konnen als mit dreiund-
zwanzig Millionen Kraftwagen, die mehr als fiinfzig Milliarden
Mark Anschaffungskosten und beinahe ebenso viel jahrliche
Unterhaltungskosten erfordern.
Ford predigte seinen Glaubigen den demokratischen „Kraft-
wagen fiir jedermann". Ford verkiindete das Evangelium der
hohen Lohne, die es auch jedem Arbeiter ermoglichen sollen,
sein Auto zu kaufen. Als die groBe Krisis einsetzte, versicherte
Ford, daB er die Lohne seiner Arbeiter nicht verringern werdet
daB sieben Dollar am Tag der Mindestlohn sein solle und daB er
seine neuen Modelle so gut wie ohne Profit verkaufen werde,
um damit seinen Beitrag zur Niederringung der Wirtschafts-
krisis zu leisten. Die amerikanische Zeitschrift ,The New Re-
public'f die man die amerikanische .Weltbuhne* nennen konnte,
hat im Marz einen Aufsatz veroffentlicht, der die Schatten-
seiten von Fords System aufdeckt. Noch 1928 versicherte
Ford, die Fiinftagewoche habe sich bewahrt und er werde
kiinftig den Fiinftagearbeitern einen gesteigerten, einen
Sechstagelohn zahlen. Die Aufseher stachelten die Arbeiter
zu gesteigerten Leistungen an, damit diese Lohnsteigerung
verdient wiirde. Mit der Fiinftagewoche wurde die Leistung
von sechs Tagen. erreicht und dann der Ertrag sogar noch dar-
iiber hinaus gesteigert. Aber das Versprechen der hohern
Lohne wurde nicht erfiillt, Statt dessen wurden in der groBen
River Rouge Fabrik dreiBigtausend Arbeiter entlassen. Sie
waren durch die gesteigerten Leistungen ihrer Kollegen iiber-
flxissig geworden.
Fords River Rouge Fabrik kann bei voller Leistung
120 000 Arbeiter beschaftigen. Heute ist ihre Zahl auf 25 000
zuriickgegangen. Nach einer Veroffentlichung des stadtischen
Arbeitslosenamtes von Detroit sind ein Drittel der dort zu
unterstiitzenden Arbeitslosen friihere Fordarbeiter. Nach
Schatzung des Amtes hatte die Stadt im Januar 1931 720 000
Dollar fiir die Unterstiitzung Henry Fords, das heiBt der von
ihm nach Detroit gelockten und dann wieder entlassenen Ar*
209
better, zu zahlen, Anfang 1929 gab Ford bekannt, er wolle
dreiBigtausend Mann neu einstellen. Von iiberall her stromten
die Arbeiter nach Detroit, viele mit ihren Familien; viele opfer-
ten ihr Letztes fur die Fahrkarte zu Ford. Tag und Nacht
standen die Arbeitsuchenden im Frostwetter vor der Ford-
fabrik. Einige , Hundert wurden eingestellt, die ubrigen wur-
den mit der Feuerspritze weggejagt. Am 16, Marz 1932 las
man in der amerikanischen Presse:
Dreitausend Arbeitslose unternahmen einen .Hungermarsch' in der
Nahe der Ford-Fabrik in Dearborn, Michigan, Die Police! wurde durch
Fords Privatarmee unterstiitzt, Sie begann den Kampf mit Tranen-
bomben und Feuerspritzen, bei Frostwetter, Dann schoB die Polizei,
zuerst iiber die Kopfe der Marschierenden und schlieBlich in ihre
Massen. Vier Arbeitslose wurden getotet und viele verletzt,
Auch die Art, wie die Arbeiter in Fords Fabriken gehetzt
werden, erzeugt boses Blut und viele Unglticksfalle. Ford hat
seiri eignes Krankenhaus, ,,das ebenfalls am laufenden Band
arbeitet". Die Zeitungen von Detroit veroffentlichen keine
Unfallisten. Die Arbeiter der River Rouge Fabrik glauben an
ein Todesopfer am Tag. Der schnellen Arbeit zuliebe werden
auch Schutzvorrichtungen wieder abgeschafft, wenn sich nach ,
ihrer Einfuhrung eine Verringerung der Maschinenleistung er-
gibt. Die amerikanische Gesetzgebung schtitzt den Arbeiter
nur ungeniigend gegen Unfalle. Oft bekommt ein bei Ford ver-
kriippelter Arbeiter statt der Entschadigung nur eine Wieder-
einstellung, aber auch die nur fiir kurze Zeit. Im Fruhling 1931
wurden Arbeiter, die keine Fordwagen erwarben, entlassen,
Trotz den Protesten der Ford Company veroffentlichte eine
detroiter Zeitung immer neue Klagebriefe derart entlassener
Arbeiter, Andre Arbeiter lieften sich bewegen, einen Ford-
wagen auf Abzahlung zu erwerben. Aber sie wurden einige
Monate spater entlassen und verloren mit dem Wagen die er-
sten Anzahlungen, die sie darauf geleistet hatten,
Der Ruckgang des amerikanischen Absatzes lieB die ameri-
kanischen Automobilfabriken hoffnungsvoll nach Europa blik-
ken. SeiiJ 1930 hat Ford dreifiig Millionen Marki neue Aktien
seiner englischen Motor Company Ltd, verausgabt und hat da-
fur neunzig Millionen Mark eingenommen, Damit erbaute
Ford in England (Dagenham)i eine Fabrik, die jahrlich
200 000 Wagem erzeugen kann. Von alien Fabriken zu-
sammen hat aber der britische Markt heute erst 45 000
ahnliche Wagen in tBetrieb, wpzu noch 40 000 sogenannter
„Baby' '-Wagen (mit weniger als zehn Pferdekraften) kommen.
Dieser gesamte britische Bestand kann also durch Fords neue
Leistungen in einem Jahre auf das Dreifache gebracht werden.
Fast ein Viertel der neunzig Millionen Mark, die Ford
in seine englische Fabrik steckte, dienten zum Abschreiben
von Verlusten, die er vorher mit einer Traktorenfabrik in Ir-
land erzielt hatte. Wahrend Ford seine englische Fabrik mif"
riesigen Mitteln erweiterte, gingen die Preise ihrer Aktien von
dreiundneunzig auf einundzwanzig Shilling herab; Ford
hatte sein englisches Riesenunternehmen zwar friihT ge-
nung in Angriff genommen, um es noch vor dem
wirtschaftlichen Zusammenbruch der Welt zu vollenden,
210
aber nicht friih genug, urn ihm auch noch Absatzmarkte zu
sichern, Auch soil Fords englisches Unternehmen nicht etwa
ganz Europa versorgen, sondern er hat seine Vertriebsgesell-
schaften in Frankreich, Deutschland, Holland; Belgien, Dane-
mark, Schweden, Finnland, Spanien, Italien und der Tiirkei
zum Teii auch mit Fabriken ausgestattet. Die groBe festlan-
dische Fordiamilie wird von einer Muttergesellschaft in
Luxemburg zusammengehalten.
Die Fahigkeit Europas, Automobile zu kaufen, war schon
1931 sehr gering. Auf der General versammlung der englischen
Ford Company, im April 1932, verkiindete ihr Sir Percival
Perry, daB sogar der Verkauf der Fordschen Traktoren 1931 urn
sechzig Prozent im Weltdurchschnitt zuriickgegangen sei.
Vielleicht hatten durch Pianwirtschaft die ruinosen Ober-
steigerungen der amerikanischen Automobilerzeugung in ihrer
Heimat und in Europa vermieden und damit viele Milliarden
fiir wichtigere Zwecke gerettet werden konnen? Vielleicht ist
grade im GegenteiJ diese amerikanische Entwicklung ein Be-
weis fiir die Schwache des Planwirtschaftsgedankens, Eine gut
geleitete Pianwirtschaft hatte wahrscheinlich einen Mann wie
Henry Ford an die Spitze der Automobilerzeugung gerufen.
Die fiinfundzwanzigjahrigen Erfolge seiner Geschaftspolitik und
der griindlichen, langsamen, aber sichern Weiterentwicklung
seiner , Erzeugnisse hatten Ford wie niemand anders zu einer
solchen Fiihrerstellung legitimiert. Vielleicht ware es kaum
ohne das System der Treien Wirtschaft moglich gewesen, nach-
zuweisen, daB eine andre als die Politik Fords bessere Er-
gebnisse erzielen kann. Dieser Nachweis ist Fords Kon-
kurrenten, • General Motors (Chevrolet) und Chrysler, im freien
Wettbewerb gelungen. Ohne diesen Wettbewerb hatte Ford
sein sechzehnmillioneniach verbreitetes, uniformhaft schwarzes
Modell T bis an sein 'Lebensende weiter gebaut. Als seine
machtigen Rivalen ihn endlich zu einem bessern Modell zwan-
gen, brauchte Ford anderthalb Jahre, um den neuen Wagen
verkaufsfertig zu machen. Wahrend dieser kostspieligen Um-
stellung blieben seine Werke fiir ein halbes Jahr ganz geschlos-
sen. Als Ford endlich mit seinem neuen Modell A herauskam,
dessen Lebenszeit er auf ein Jahrzehnt veranschlagte, waren
ihm seine beiden Rivalen mit viel schneller geschaffenen und
bessern Modellen (mit sechs Zylindern statt vier, gerauschlosem
Motor und Freilauf) zuvorgekommen. Selbst entschlossene
Anhanger Fords wurden ihm damals untreu. Und wer ihm treu
blieb, konnte von ihm nicht schnell genug belief ert werden, so
daB die bereits eingelaufenen Bestellungen wieder riickgangig
gemacht wurden: Ford konnte von seinem neuen Modell nicht
wie von seinem alten achttausend am Tag, sondern nur tausend
erzeugen. Auch in Europa sind ihm seine Konkurrenten mit
brauchbaren Kleinwagen zuvorgekommen. In beiden Fallen
hat Ford riesige Verluste erlitten, die kaum wieder gut zu
machen sind.
Die ungeheuren Kapitalaufwendungen, die mit der Ent-
wicklung des Automobilwesens verbunden sind, zeigen sich
nicht nur im Bau der Wagen und in der Olindustrie, sondern
auch im StraBenbau. 1930 wurden in den Vereinigten Staaten
211
6,7 Milliarden Mark fur 1,12 Millionen Kilometer Automobil-
straBen verausgabt.
Henry Ford f)verkiindet klar und ehern die Gesetze einer
kommenden Wirtschaftsordnung, die sich nicht aufhalten laBt'\
Diese Unaufhaltsamkeit bedroht Deutschland im Augenblick
auf eine besondre Weise. Verschiedene Programme fiir Ar-
beitsbeschaffung wollen tins unvermeidlich nicht nur mit neuen
sinnlosen Kanalbauten, sonderri mit groBen AutomobilstraBen-
bauten beglucken. Professor Helm hat berechnet, daB schon
jetzt mindestens jahrlich eine Milliarde fiir planiose Verdoppe-
lung bereits vorhandener Verkehrsmoglichkeiten ausgegeben
wird. Auch beim Bau neuer AutomobilstraBen, der uns be-
vorsteht, mufi sorgfaltig gepriift werden, ob sie uns nur in das
neue Reich von Fords Wirtschaftsordnung hineinfuhren sollen,
oder ob sie wirklich notwendige Erganzungen unsres heute
schon groBenteils leerlaufenden Verkehrssystems darstellen.
Wochenschau des Ruckschritts
— Trotz der Vorladung des Ministerprasidenten Rover vor Frei-
herrn von Gayl bleibt die nationalsozialistische Hilfspolizei in Olden-
burg vorlaufig bestehen.
— Wie aus den Waffenfunden bei Kassel hervorgeht, benutzen
die Nationalsozialisten jetzt auch Panzerwagen zu ihren Oberf alien.
— Die schwedischen Nationalsozialisten haben zum ersten Mai
Kandidaten fiir den Reichstag nominiert.
— Im Zusammenhang mit den konigsberger Vorf alien wurden zwei
Nazis verhaftet, von denen der eine einen Revolver und einen Gummi-
kmippel, der andre einen Totschlager bei sich fuhrte, Der erste wurde
zu zwei Wochen und drei Tagen, der zweite zu fiinf Tagen Gefangnis
verurteilt. Beiden wurde gegen Zahlung einer GeldbuBe von dreifiig
bzw. zwanzig Mark Strafaufschub auf drei Jahre gewahrt.
— Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Buchwitz, der
in einer Versammlung, bedrangt von einem Trupp Nationalsozialisten,
zwei Schtisse in die Luft abgegeben hatte, wurde zu drei Monaten
Gefangnis wegen unbefugten Waffenbesitzes verurteilt.
— Nachdem der bisherige Schlichter Wissell aus seinem Amt ent-
fernt worden ist, plant man nunmehr, Werkstarife mit einer „unteren
Lohngrenze" einzuftihren,
— Die Firma Robert Bosch in Stuttgart bevorzugt bei der Ein-
stellung junger lediger Arbeiter und Angestellter solche Bewerber,
die wahrend ihrer Arbeitslosigkeit am freiwilligen Arbeitsdienst teil-
genommen haben.
— In Oldenburg ist die Vorfiihrung des Russenfilms „Der Weg
ins Leben" wegen zu befurchtender „Storung der offentlichen Ord-
nung und Sicherheit" verboten worden.
— Angeblich auf Grund des Burgfriedens wurde ein Vortrag von
Hans Gottfurcht aus dem Zentralverband der Angestellten tiber „Ge-
werkschaftsarbeit in der Krise" abgesetzt.
Wochenschau des Fortschritts
— Die kommunistische ,AIZ" war von dem berliner Polizeiprasi-
denten Melcher wegen eines Passus uber den zivilen Luftschutz auf
vier Wochen verboten worden. Auf Grund eines auf Veranlassung
von Doktor Apfel erstatteten Gutachten Professor Aisbergs hat der
Polizeiprasident das Verbot zuruckgenommen und sich mit der Ver-
offentlichung einer Erklarung begnugt, die MiBverstandnisse uber den
beanstandeten Satz ausschlieBt.
212
Bemerkungen
Die Grundsatze des Doktor Schacht
Cine Beriihmtheit a. D. lauft
*~* immcr Gcfahr, in Vergessen-
heit zu geraten. Auch Doktor
Schacht, dem Wahrungskommissar,
Reichsbankprasidenten und „Tri-
butsachverstandigen" drohte die-
ses Schicksal, als er beim Ab-
schluB des Youngvertrages, an
dessen Zustandekommen er an-
fangs regen Anteil genommen
hatte, mit lautem Knall die Tiir
des Reichsbankprasidiums hinter
sich zuwarf. Durch Vortragsreisen
in den USA, durch sein Auftreten
auf der Tagung der Harzburger
Front, durch das Erscheinen bei
vertraulichen Sitzungen von Han-
delskammern und bei Ministerbe-
sprechungen ist es ihm gelungen,
sich immer wieder in den Vor-
dergrund zu schieben, Heute
spricht man von Schacht als
kunftigem Reichsbankprasidenten
und morgen als Finanzdiktator;
einmal geriert . er sich als natio-
nalsozialistischer Propagandist,
das andre Mai begegnen wir ihm
als internationalem Wahrungs-
theoretiker. Herr Schacht kann
von sich sagen, daB er unsre
widerspruchsvolle Zeit aufs treff-
lichste verkorpert. Es* gibt im
politischen Leben wohl kaum eine
Personlichkeit, die so reich an
Widerspriichen ist wie dieser ehe-
malige Demokrat, der jahrelang
in vollster Obereinstimmung mit
dem Reparationsagenten das ei-
gentliche Organ der deutschen Er-
fullungspolitik gewesen ist und
nun mit den scharfsten Worten
gegen die Erfiillungspolitiker
polemisiert.
In Schachts neuer Streitschrift
„Grundsatze ^ deutscher Wirt-
schaftspolitik" werden einzelne
seiner Bekenntnissiitze wenige
Zeilen spater von ihm selbst
widerlegt. ,tDie Bezahlung der
Kriegstribute aus gepumptem
Gelde war ein politischer Unfug'*.
Weiter unten heifit es dann: „Ich
spreche selbstverstandlich liber
die Tributzahlungen hier nur vom
Standpunkt der wirtschaftlichen
Vernunft und lasse die Tatsachen
des auflenpolitischen Zwanges
beiseite, dem die wirtschaftliche
Vernunft hat nachgeben mussen/'
Herr Schacht mufi den „poli-
tischen Unfug" natiirlich verteidi-
gen, weil er ihn selbst mitgemacht
hat; aber was in aller Welt hat
er dann bei den Harzburgern zu
suchen?
An einer andern Stelle seines
Buches wird der nationalen Be-
wegung nachgeriihmt, sie bringe
dem Deutschen wieder bei, daB
sie „Kameraden sind und darum
menschliche Pflichten gegenein-
ander haben". Worin sollen denn
diese gegenseitigen Pflichten be-
stehen, wenn jeder, wie Herr
Schacht dies von sich selbst sagt,
„nur arbeitet, soweit der Ertrag
ihm und seiner Familie zugute
kommt".
Dem ehemaligen Reichsbank-
prasidenten, der seine Amtswoh-
nung mit einem Aufwand von
achthunderttausend Mark aus-
bauen lieB, steht es schlecht an,
sich immer wieder iiber den
f,Luxus" gemeinnutziger Einrich-
tungen zu entriisten. Gradezu
aufreizend wirkt es aber, wenn
Schacht als BuBprediger verklei-
det der „tragen Masse" verkiin-
det: „Und wenn das Recht auf
Arbeit auch in der Weimarer Ver-
fassung verankert ist, so wollen
wir nicht vergessen, daB die
Pflicht zur Arbeit im Alten Testa-
ment verankert ist, wo es heiBt,
daB wir im SchweiBe unsres An-
gesichts unser Brot essen sollen".
Wem sagen Sie das, Herr
Schacht?
Bernhard Citron
Der Terror in Peru
\/or einigerZeit habe ich in der
" .Weltbuhne' auf die furcht-
baten Verfolgungen hingewiesen,
denen die Apristen Penis nach
der Prasidentenwahl ausgesetzt
/sind* Auf die Verhaftung der
apristischen Abgeordneten, die
Jagd auf den Fiihrer der Apra,
Haya de la Torre, auf die Ver-
bannungen aus Peru in die
miasmentrachtigen Tropenwalder.
Verlassen, Hunger und Fieber
preisgegeben, stohnen Hunderte
von Mannern, Frauen und Kin-
213
dern in der feuchtheiBen Tro-
penkolonie Madre de Dios.
Seither sind die Verhaltnisse
noch viel schrecklicher gewor-
den, Ich erhielt vor einiger
Zeit den Brief eines Freundes
aus Buenos Aires, und kaum
hatte ich die neuen Schreckens-
nachrichten gelesen, da melde-
ten die Blatter, daB der Presi-
dent von Peru, Sanchez Cerro,
seinen Gegenkandidaten Haya de
la Torre niedergeschossen habe
bei einem Besuch im Gefangnis.
Das heiBt also, daB der Presi-
dent seinen unbewaffneten Geg-
ner niedergeknallt hat. Man
hatte den Apristenfiihrer von
Ort zu Ort gehetzt, seine
Freunde hatte man gefoltert, um
den Aufenthalt des Geachteten
zu erfahren, und ihn schliefilich
in dem peruanischen Badeort
Miraflores gefaBt, Selbstver-
standlich hat man in dem Bu-
reau der Apra „kommunistische
Schriften" gefunden, wahrend
diese Organisation so viel mit
der kommunistischen Bewegung
zu tun hat wie ich mit Adolf
Hitler. Aber die Apra wird ein-
ifach mit dem Kommuoismus
identifiziert, damit die Diktatur
Sanchez Cerro Grund hat, gegen
die Organisationen des peruani-
schen Proletariats vorzugehe'n..
Das geschieht denn auch mit so
grauenhafter Brutalitat, daB ich
nicht aufhoren werde, alle guten
Geister gegen diese Torturen
aufzurufen.
Es ist klar, daB Herr Sanchez
Cerro so viel von der Idee des
Kommunismus versteht wie Herr
Doktor Feder von der deutschen
Wirtschaft, Aber die Kommu-
nistophobie ist heute sozusagen
der weiBe Kase der gesamten
Weltreaktion- So hat denn auch
die peruanische Reaktion ihren
Rotkoller und laBt gnadenlos
Menschen martern und erschie-
Ben. Die Regierung hat nicht
nur unterm Standrgcht die Kom-
munistlsche Partei Perus illegali-
siert, auch die Gewerkschaften
(Confederacion General de Tra-
baf adores del Peru), die revolu-
tionaren Syndikate, die Rote
Hilfe, alle Organisationen der
Arbeiter und Bauern sind zer-
214
schlagen. Die Folterungen der
verdachtigen Arbeiter, die sa-
distischen Qualereien, die Hun-
gerpeinigungen, die Methoden
der Ausweisungen von „feind-
lichen" Deputierten und Studen-
ten sind iiber alle MaBen graB-
lich. Es ist, als ob die Regie-
rung bei Juan Vizente Gomez,
dem „Patriarchen von Venezue-
la" in die Lehre gegangen ware,
Schon haben, wie in andern
Landern auch, gewisse Polizei-
gefangnisse traurige Beriihmtheit
erlangt. Eine bevorzugte Art der
Qualerei scheint das Aufbinden
der Hoden zu sein, so daB der
Gefangene in Gefahr kommt, sich
unter furchterlichen Schmerzen
selbst zu entmannen. „Die letzte
Erfindung", schreibt mir der
argentinische Freund, „besteht in
der Vergiftung des Essens mit
Bakterien." Auf diese Weise will
man besonders verhaBte Abge-
ordnete schon auf dem Wege
zur peruanischen Grenze ver-
nichten.
Freunde, ihr imifit mir helfen,
diese Untaten anzuprangern! Seit
Jahren rufe ich um Beistand
gegen den Terror in einer Reihe
von Landern Latein-Amerikas,
Es ist nicht damit abgetan, daB
ihr sagt: f,Wir haben jetzt eigne
Sorgen". Ich kenne gewiB unsre
Sorgen und glaube Einiges getan
zu haben, um sie aufzuzeigen.
Aber wir werden dadurch nicht
von unsern internationalen Ver-
pflichtungen befreit. Wenn sie
uns von j«nseits des Ozeans um
Hilfe bitten, morgen vielleicht
brauchen wir ihren Schutz. Was
heute driiben geschieht, kann
morgen .hier geschehen. Euch ge-
hort die ganze Welt, wenn ihr
eure Briider, wo sie auch leiden,
verteidigt. In Versammlungen,
durch Artikel, durch Auf rufe, wo
und wie ihr nur konnt, bitte ich
euch, gegen die Marterungen zu
protestieren!
Alhns Goldschmidt
Gottesdienst im Naziparadies
A us dem vollig von den Natio-
** nalsozialisten beherrschten
Bad Sachsa schreibt uns ein
frtiherer Offizier am Wahl-
sonntag:
In der Kirche sitzen zwei
Bauern neben mir. Wahrend die
Orgel ertont, unterhalten sie sich
ziemlich laut und ungeniert tiber
den gestrigen Naziuberfall auf
SPD-Leute, . von denen zwei
schwerverletzt ins Krankenhaus
' eingeliefert wurden. Die beiden
Dickschadel lachen sich ob dieses
groBen Sieges freudig erregt zu.
Ihre weiteren Ausfiihrungen, zum
Beispiel uber Severing, den
Mann, der ihnen bald die „letzte
Kuh aus dem Stall wegsozialisiert
hatte", wurden von dem beginnen-
den Gottesdienst unterbrochen.
Und was nun aus dem Munde des
Ortsgeistlichen Lindenberg folgte,
war ganz aus demselben Geiste
geboren. Da stent ein alter Mann
auf der, Kanzel und verherrlicht
den „glorreichen Weltkriegsgeist",
unsre „endIosen Kriegssiege" als
eine Epoche, die wieder herzu-
stellen unser einziges Ziel sein
miisse. „Unter dem Zeichen des
Kreuzes (warum nicht gleich deut-
licher Hakenkreuzl) mussen die
elenden Kerle, die den Helden-
geist von 1914 auf meucblerischste
Art gebrochen, aus Deutschland
vertrieben werden — wie Jesus
den Tempel reinigte, so laBt uns
heute Deutschland von denen be-
freien, die es von Jahr zu Jahr
tiefer in den Sumpf getrieben
haben."
Angewidert von diesem „Chri-
stentum" verlieB ich die Kirche.
Sonntag nachmittag
Ich hasse den Sonntag nachmittag.
* Am Sonntag nachmittag rollen
dicke Biirgerbauche uber gedul-
dige Frauenleiber und zeugen die
Sonntagskinder. So ein Sonntags-
kind bin ich.
Als ich noch klein war, kam
Sonntags meine Tante, die muBte
mich spazieren fiihren, Es war
eine schiefgewachsene, vom Leben
kleingetretene Frauensperson, der
niemals ein Mann nahegekommen
war. Sie hatte bcse Fatten urn
den Mund und roch nach rohen
Kartoffeln. Seither hasse ich den
Geruch der rohen Kartoffel, So-
wie wir vors Haus kamen, nahm
sie meine rechte Hand und
klemmte sie fest in ihre linke.
Das muBte sie, derm, sie war arm.
Darum luden sie meine Eltern am
Sonntag zum Mittagessen. Darum
muBte sie mich spazierenfiihren
und meine Hand halten, Hatte sie
losgelassen, dann ware ich durch-
gegangen, und sie hatte doch die
Verantwortung. Ich ging also
nicht durch sondern neben ihr
her, wie der Hund am Stachel-
halsband neben dem geliebten
Herrn, wie ein Tanzbar neben dem
Barenfuhrer — nein, eben wie ein
Kind neben seinem Peiniger, Sie
sprach nichts — ich auch nicht.
Wir gingen immer den gleichen
Weg. Am Sonntag nachmittag
wollen alle Menschen leben,
Darum gehen sie auf die StraBe.
Die Fenster stehn offen, alles will
ans Licht. Die Wohnungen schut-
ten ihren Gestank auf die StraBe.
Da liegt er trag und stinkt vor
sich hin. Wir kamen in den Park.
Dort lieB sie meine Hand los. Ich
lief die schmaleri, staubigen Wege,
die rund um die grime Rasen-
flache krochen. Ubers Gras lief
ich nie, denn das war verboten.
Da stand der Parkwachter und
dort die Tante. Die Rasenflachen
der Stadtgarten sind nichts andres
als Kinderfallen. Ich aber ging
schon nicht mehr in die Falle.
Ich trieb in einer dicken Staub-
wolke und spielte Eisenbahn.
Eisenbahn ist das Gliick. Sie ist
der Engel, der uns forttragt in die
Lander, die den Sonntag nach-
mittag noch nicht kennen. Sie
Cchon in wenigen Jahrzehnten wird es unmoglich sein, den
*-> Menschen begreiflich zu machen, dafi es eine Zeit gab, in
der es noch notig war, durch Anzeigen auf die BQcher von
Bo Yin Ra hinzuweisen. Wenn Sie das Gefiihl fur Zukunfts-
werte besitzen, wird Ihnen das ktirzlich erschienene Buch „Der
Weg meiner Schtiler" Unbeschreibliches erschliefien. In jeder
guten Buchhandlung vorratig. Preis gebunden RM. 6.—
Kober'sche Verlagsbuchhandlung (gegr. 1816), Basel-Leipzig
215
brullt und walzt dicken Rauch.
Das tat ich auch, so gut ich
konnte. Die Leute fluchten, schon
war die Tante da, die Zange
schloB sich, wir wanderten weiter,
Dann brannte das Pflaster unter
den Fiifien, weit weg spielte eine
Drehorgel: „Denkst du der
Stunde . . ." Ich sagte: t,Tante,
ich mochte den Mann sehn, der
die Drehorgel spielt" und t,Tante,
ich will" und „Tante, ich werde
. , /', Ich sprach zu ihr, obwohl
ich wuBte, daB sie sich den Teufel
scherte, was ich wollte und wiirde.
Sie gab nie eine Antwort,
Dann wurden die Schatten lang.
E|ie Lichter wurden angeziindet.
Wir kehrten um und kamen noch
einmal durch den Park. Jetzt
schien er leer, aber in' Wirklich-
keit war er voll. Voll von Par-
chen, voll von Geheimnissen. In
diesem Park lernte ich auch die
Liebe kennen. Sie lag mitten in
der dunklen Rasenflache und war
ein Drache, Ich lief naher und
sah plotzlich, daB der Drache sich
haBlich und kriechend bewegte,
Aber er kam nicht vom Fleck. Da
bekam ichs mit der Angst und
schrie. Von der einen Seite kam
die Tante gelaufen, von der
andern der Parkwachter. Da zer-
fiel der 'Drache in zWei, und die
Stiicke liefen nach entgegen-
gesetzten Richtungen auseinander.
Jetzt sah ich, daB es Menschen
waren. Der Parkwachter brullte,
die Tante zerrte mich fort.
Heute bin ich ein Bureaumensch,
Ich mache meine Werktagsarbeit
gern und gut, wie sie sagen, aber
meine Sonntage — das ist die
Holle. Andre Menschen wiirgen
sechs Tage lang den Kuchen hin-
unter und freuen sich auf den
Taler, den der liebe Gott, unser
allgutiger Zuckerbacker zur Be-
lohnung in die Mitte hineinge-
backen hat. Fur mich gibt es
keinen Taler und keine Freude.
Wenn ich also behaupte, daB ich
-Tnn darttm — ein — tregl#eklichcr
Mensch geworden bin, weil es da-
mals, als ich noch ein lebens-
froher Rotzjunge war, die Freude-
hackmaschine, den Gluckverzeh-
rer; „Sonntag nachmittag" gab,
dann ist es nicht einmal so ge-
216
logen, wie meine Frau behauptet.
Wenn eine Drehorgel spielt, heul
ich vor Wut. Wenn ich in den
Park komme und da steht noch
immer der dicke Parkwachter,
dann iiberfallt mich. nackte Mord-
lust. Bleib ich aber daheim und
lese die Zeitung, und die Schatten'
werden lang, und ich schaue liber
den Rand meiner Zeitung weg auf
meine Frau, die trag in den
Abend starrt, dann ist es nicht
mehr meine Frau sondern die alte
Tante mit den boseri Falten um
den Mund und den Raubtier-
klauen.
Vielleicht hatte ich nicht hei-
raten sollenrt vielleicht ist es nur
die sitzende Lebensweise, viel-
leicht ist meine Kindheit schuld,
vielleicht sind es meine schlech-
ten Nerven. Aber auch wenn ich
das Leben in eine unendlich groBe
Zahl von Vielleichtatomen zer-
schlage, das macht mir die Sache
nicht leichter, Hilft mir das tiber
den Sonntag nachmittag?
Hans Heller
Eben doch aus Budapest
|"}ie deutschnationale Zeitschrift
*~* .Deutsche Zukunft* schreibt;
„Unter dem Titel .Stimme, eine
Sammlung von Aufsatzen' hat der
als rassenreiner, nationaler Dich-
ter bisher geltende Erwin Guido
Kolbenheyer (geb. Budapest 1878)
bei Georg Muller-Miinchen ein
Buch erscheinen lassen, auf dessen
Seite 13 zu lesen ist:
,Aber indem wir Deutsche fur
den Glanz " eines Kaiserreichs
kampften, dessen Sieg auch fur
uns innerlich unertraglich gewor-
den ware, haben wir, was noch vor
wenigen Monaten unglaublich er-
schienen ware, da wir bis zur Er-
schopfung kampften, eine freiere
Staatsform errungen, die der deut-
schen Entwicklung so naturnot-
wendig geworden war, wie ehe-
mals die Reformation dem deut-
schen Glaubenszeitalter, . /
Damit ist Kolbenheyer fiir uns
erledigt. Wir streichen seinen
Namen aus unserem Gedachtnis.
Die Judenschaft mag ihn ent-
schadigen."
Was wird aus Rottach?
pin Fall, dessen Folgen noch
1-1 gar nicht abzusehen sind:
In Rottach am Tegernsee lebtc
cin Romandichter, feincr Mensch,
der sammelte seit Jahren neben-
her Erotica.
Nun bringt — soil ich „be-
kanntlich" sagen? — das Dich-
ten nichts mehr ein — noch we-
niger leben kann man vom Sam-
meln erotischer Literatur; in die-
sem Friihling verliefi der Dichter
sein geliebtes Haus in Rottach
und entfloh. Was er hinterlieB:
eine Schar klciner Glaubiger —
Kaufmann, Schneider, Wascherin,
Friseur — so ziemlich den gan-
zen Ort; was der Dichter ferner
hinterlieB; die kostliche erotische
Biicherei.
Maul end kamen Schneider,
Kaufmann, Wascherin gelaufen,
fanden die leergebrannte Statte
und . . ■. was tun angesichts der
Pleite? Die Glaubiger teilten sich
in die Biicherei.
Auf den Fruhling folgt der
Sommer — im Sommer stromen
die Gaste zu aus Norddeutsch-
land; die Eingesessenen sind um
und um beschaftigt mit Laben
und Bedienen der Fremden; man
koramt nicht zum Lesen,
Aber dann? Im Herbst? An
den langlangen stillen Abenden
im Winter? Wenn' der Frost
drauBen klirrt, das Plumeau des
Schnees die Gegend erstickt?
Die Einwohner werden zu den
Buchern greifen des entflohenen
Sammlers - . .
Unabsehbar — die Perspektive:
der Marktflecken so eng, die Sit-
ten altvaterlich, Tugend behutet
von tausend geschlechtsneidischen
Augen.
Dazu ein durch unpassende
Lektiire erregter Bootvermieter
— die Wascherin geil — der
Forstgehilfe brennend brunstig.
— Verbuhlte Gastwirtin — ein
unziichtiger Brieftrager — die
Kaufmannsgattin laufig — aus-
gelassener Flurwachter — —
sprich, o sprich: was soil aus
Rottach werden?
Roda Roda
Titel
^"eben einer Reihe prominenter
* ' Burgschauspieler wirkte ich
einmal " in einem Horspiel am
wiener Sender mit.
Die Regie war lieb und nett
und dabei durchaus osterreichisch
zeremoniell. „Diirfte ich Sie
bitten, Herr Hofrat Herterich,
vielleicht einen halben Schritt
naher ans Mikrophon zu treten,"
sagte der Regisseur auf der
Probe,
MGrafin Land, den letzten Satz
vielleicht ein bisserl mehr zer-
dehnen." Oder: „Herr Professor
Arndt, wenns ginge, das ganze
vielleicht ein bisserl damonischer
. . . Sehr gut, jetzt wars ja schon
fast ausgezeichnet." Zu dem ihn
mit den Augen eines altera alba-
nischen Kindes anschauenden
Raoul Asian: „Na bravo, Herr
Kammerschauspieier, das Singen
kann so bleiben, aber vielleicht
lassens die Melodie fort."
Als ich meinen Part zu sagen
hatte, setzte er ein paar Mai an,
um Ausstellungen zu machen,
unterlieB es aber, weil er an-
scheinend doch keine richtige An-
rede wuBte.
Aber plotzlich unterbrach er
mich: f, Ausgezeichnet, nur viel-
leicht ein bisserl weicher, Herr
Norbert Schiller-Berlin."
Der Anhangewagen
Ich suche Manuskriptel!
* Leichte Liebesromane ahnlich
wie Courths-Mahler, Gert Roth-
ber, Lehne u. a.
Spannende Kriminalromane in
der Art wie E, Wallace, Walsh,
Le Queux u. a.
Kriegs- und Spionageromane in
der Art Remarque, Renn, Roland,
Dorgeles u. a.
Die Manuskripte sind zum
Buchverlag bestimmt. Umf. ca.
8 — 9000 Zeilen.
Verlagsbuchhandlung
J. G, Blaschke, Breslau 6,
Friedrich-Wilhelm-Str, 76.
,Schrittsteller\ Heft 6
217
Antworten
Schnellrichter, Der nationalsozialistische Landtagsabgeordnete
Gorlitzer war am 30, Juli in Neukolln verhaftet worden, weil er in
seinem Auto einen geladenen Revolver versteckt hatte. Herr Gorlitzer
hat vor Ihnen behauptet, er habe den Revolver einem Pg. abgenommen,
um ihn der Polizei zu iibergeben, Sie haben Gorlitzer freigesprochen,
weil seine Behauptung nicht zu widerlegen sei, Wir wunschen jedem
angeklagten Linksmann Richter von Ihrer Glaubensstarke.
,Angrifi'. Du schreibst in deiner Nummer vom 4. August: „Schon
mehrere Male wurde Kamerad Lennertz von dem roten Gesindel uber-
fallen und durch Messerstiche verletzt. Nacht fur Nacht liegen
Terrortrupps in der Umgebung der Wohnung unsres Parteigenossen
bereit, um ihn bei giinstiger Gelegenheit ,fertig zu machen', wie es in
der Gaunersprache dieses Volkes heiBt." Du befindest dich in einem
historischen Irrtum. Den Ausdruck „fertig machen" haben -die bei
euch sitzenden Fememorder in die politische Auseinandersetzung hin-
eingetragen. Da du das' Wort in die ,, Gaunersprache" verlegst, gibst
du zu, daB die Fememorder Gauner. sind.
Doktor Walter Schotte. Sie schreiben in Ihrem Buch uber das
1fKabinett Papen-Schleicher-Gayl", dafi der Herrenklub von seinen
Mitgliedern nichts andres erwarte als die f,christlich-konservative
Grundhaltung". An andrer Stelle lasen wir, daB zu den prominenten
Mitgliedern des Herrenklubs auch die Herren Herbert Guttmann und
Solmssen gehoren. Wegen ihrer „christlich-konservativen Grund-
haltung"?
Mitteldeutscher Rundiunk. Eine Leserin teilt uns mitf sie habe
am Wahltag in der Pause des Mittagskonzerts ganz deutlich das
Hakenkreuzlied in ihrem Apparat gehort. Auf eine entsprechende
Anfrage habt ihr gesagt, euch sei nichts davon bekannt, ihr wiifitet
nicht, woher das Lied gekommen ist. Wahrschemlich doch aus
einem Sender, der mit eurem Verbindung hatte. Der Rundfunk hat
so viele Uberwachungsstellen, aber anscheinend hat der betreffende
Herr grade geschlafen, als sich die Instrumente des Konzertorchesters
selbstandig machten oder nach beriihmtem Muster von einer Zwischen-
stelle aus das reizende Lied erklang. Die Storung der Wahlrede Hin-
denburgs ist peinlichst untersucht worden, es ware angebracht, ihr
legtet dieser Zwischenaktsmusik etwas mehr Bedeutung bei als aus
der magern Antwort an unsre Leserin spricht.
K. (X Paetel. Sie teilen mit, daB auf den Aufsatz von Kurt Hil-
ler „Linke Leute von rechts" (Heft 31) eine ausfuhrliche Erwiderung
aus; dem nationalrevolutionaren Lager erscheinen wird. Interessenten
mogen sich an Ihre Adresse wenden; Charlottenburg 1, Olbersstr. 12.
Lehrer. In Hamburg findet vom 10. bis zum 14. August ein Inter-
national LehrerkongreB statt, dessen Besuch wir Ihnen nur emp-
fehlen konnen. Alles Nahere erfahren Sie durch Herrn F, Riekhof,
Hamburg 19, Schwenckestr. 97,
Dieser Nummer liegf ein Prospekt des Malikverlages bei, der uber
den neuen Roman von Ernst Ottwalt t,Denn sie wissen, was sie
tun'* unterrichtet. Wir empfehlen die Lektiire des Prospekis der
besonderen Aufmerksamkeit unsrer Leser.
Manuakriptc sind nur an die Redaktion der Weltbfihnc, Charlottenburg, Kantatr. 162, zu
richten ; ea wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonst keirie Ruokscinlung'errulgen kann: —
Das AuffUhrungsrecht, die Verwertung von Titeln u. Text im Rahmen dea Films, die muaik-
mechanische Wiedergabe aller Art and die Verwertung im Rahmen von Radiovortrlgen
bleiben fur all© In der Weltbtthne erschelnenden Beitrage ausdrOcklich vorbehalten.
Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Osaietzky
unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet. — Verantwortlich : Walther Karsch, Berlin.
Verlag der Weltbfihne, Siegfried Jacobsoha & Co., Charlottenburg.
Telephon: CI, Steinplatz 7757. — Postscheckkonto: Berlin 11958.
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XXVHLJahrgang 16. Aagust 1932 Nnmmer 33
Verfassungsfeier — Leichenfeier
von Hellmut v. Gerlach
/"\ffizielle Festfeiern sind eigentlich ausnahmslos ein Greuel
^-^ an ertotender Langeweile. Sie gewinnen nur dann einen
pikanten Rciz, wenn das Objekt des zu Feiernden und das Sub-
jekt des "Feiernden Gegenpole sind, zum Beispiel wenn in der
franzosischen Akademie die Leichenrede auf ein verstorbenes
Mitglied seinem literarischen Todfeinde zufallt.
In diesem Sinne war die Verfassungsfeier der Reichsregie-
rung im Reichstag ein Schauspiel von ungewohnlichem Reiz,
das sich genieBerisch auszukosten verlohnte.
Vor dem Kriege fuhr ich einmal mit einem jungen eng-
lischen Kolonialoffizier von Afrika zuriick. Wir hatten uns an-
gefreundet. Zufallig und harmlos sprach ich das Wort Re-
publik aus. Da bekam der sonst so wohlerzoigene junge Mann
beinahe einen Tobsuchtsanfall. Er beschwor mich, das Wort
in seiner Gegenwart nie wieder zu gebrauchen, da er es nicht
horen konne, ohne in Erregungszustande zu fallen.
Die monarchischen Festredner des 11. August haben ihren
eignen Nerven und denen ihrer rechtsstehenden Zuhorer jede
Belastungsprobe erspart. Sie haben das Wort Republik mit
derselben Sorgfalt vermieden, wie der fromme Jude das Wort
Jahwe vermeidet, wenn auch nicht grade aus demselben Be-
weggrund. Sie sprachen nur von der Verfassung, und zwar
um ihre dringende Reformbediirftigkeit darzulegen.'
Reiohsinnenminister Freiherr von Gayl und Reichskanzler
von Papen waren die beiden Festredner. Im Reichstag haben
sie sich nicht ausdriickiich zur Monarchie bekannt. Das hatten
sie taktvollerweise lieber vorher in offentlichen Kundgebungen
getan.
Herrn von Papen habe ich zum erstenmal gehort. Ais der
Dreiminutenbrenner seiner Rede erloschen war, revidierte ich
mein Urteil iiber den Reichskanzler Michaelis. Wieder einmal
erkannte ich, daB man keine Superlative gebrauchen soil. Das
Leben korrigiert sie immer.
Viele Attaches sind mir in m einem Leben begeghet, ele-
gante junge Herren von guter Familie, von guten Manieren und
manchmal auch guten Sprachkenntnissen, Waren sie beson-
ders fahig, wurden sie als Barenfiihrer fiir distinghuished foreig-
ners bestellt, waren sie besonders elegant, als Tanzer fiir Mi-
nistergattinnen.
Ich bin xiberzeugt, daB Herr von Papen in Friedenszeiten
als Attache sehr an seinem Platze war. Warum er zum Reichs-
kanzler gemacht worden ist? Aber vielleicht ist es .besser, dies
Thema nicht zu vertiefen. Wir haben ja glucklicherweise Not-
verordnungen: Achtung, wer weiter geht, wird erschossen!
Bei Freiherrn von Gayl darf man schon eher vertiefen. Da
gibt es wenigstens Tiefen, nicht grade erfreuliche, aber immer-
hin. Der Mann hat Format, vielleicht grade* deshalb, weil er
nicht Rasse im Sinne des Herrn Giinther in Jena hat. Ich weiB
1 219
nicht, ob die iiber ihn veroffentlichten genealogischen Studien
zutreifen. Ihnen zufolge soil er teils franzosisches, tcils letti-
sches Blut haben, gemischt natiirlich mit eincr ganzen Mengc
deutschen Blutes. Stammt seine Familie wirklich aus einer
Kreuzung des Erbfeindes mit jenen „Undeutschen'\ wie die
baltischen Barone die Letten und Esten zu nennen pf legten, so
wtirde das zum Teil erklaren, warum sie ein so tiichtiges Pro-
dukt hervorzubf ingen imstande war. Auch Bismarck war kein
homo nordicus, sondern ein homo mixtus, der fiir seine Nach-
kommen die Kreuzung des germanischen Hengstes mit der jii-
dischen Stute als wiinsohenswert bezeichnete.
Freiherr von Gayl, in sein em Auftreten an Briining er-
innernd, macht eher den Eindruck eines hohen katholischen
Klerikers als den eines ostelbischen Junkers. Unter Wilhelm IL
hatte er die Zierde jedes Ministeriums gebildet, freilich wohl
nicht lange seinen Posten behauptet, da er zum Hofling kaum
getaugt hatte. Er denkt namlich, und er hat Charakter.
Er denkt stockkonservativ, in den Kategorien verflossener
Zeiten, Mit ihm zu diskutieren, muD GenuB sein/ Sein Pro-
gramm der Verfassungsre vision ist aus einem GuB, aus ein em
reaktionaren natiirlich, Aber es verdient Respekt wie jede
geschlossene Ideenkonstruktion.
Nur merkwiirdig unwirklich ist dieser Mann. Er weiB, was
er will. Aber macht er sich gar keine Gedanken daruber, wie
das, was er will, in die Wirklichkeit umgesetzt werden konnte?
Zu einer legalen Verfassungsrevision gehort eine Zweidrittel-
mehrheit des Reichstags. Wo will er sie hernehmen? Und
danri iiberhaupt — haben wir wirklich keine vordringlicheren
Sorgen als die eines Umbaues der Verfassung?
Umstiirzen kann man natiirlich jederzeit eine Verfassung,
wenn man die notige Macht und die notige Skrupellosigkeit
besitzt. Aber Freiherr von Gayl will Umbau, nicht Umsturz.
Auf seine Legalitat kann man sich verlassen, selbst ohne eides-
stattliche Versicherung.
Der ganze Abgrund, der zwischen ihm und einem Mann
wie Hitler klaift, muBte jedem vor die Augen treten, der Gayl
reden horte. Eine Welt trennt ihn nicht hloB von der Linken,
sondern auch von den Propheten des Dritten Reiches. Wie
,soll da eine Syn these zustande kommen?
Solche Gedanken bewegend stand ich im Reichstagssaal,
als meine Augen nachden Logen schweiften. In der einen saB
Herr von Schleicher, in der andern der Nuntius. Gayl und Pa-
pen und Hitler versanken. Die Militarmacht und die katho-
lische Kirche — sind das nicht die beiden jetzt ausschlaggeben-
den Faktoren?
Herrn von Schleicher hatte man seit Wochen immer nur
in Zivil abgebildet gesehen. Zum Verfassungstag hatte er die
Uniform angelegt, tiahm in ihr die Seite Hindenburgs ein, die"
sonst am Hi August von Lobe besetzt zu sein pflegte. Symbol?
Keine Miene verzag er, wahrend Gayl und Papen redeten. Was
mochte er denken?
In der Diplomatenloge nebenan saB der Nuntius, miti sei-
nem Lilaprunk alle biirgerlich gekleideten Kollegen tiberstrah-
220
lend, ewig lachelnd wie die undurchdringlichen Japaner. Die
Kirche, die hinter ihm stent, ist in Wahrheit das starkste poli-
tische Element im heutigen Deutschland. Vom Zentrum hangt
es ab, wie die kiinftige Regierung aussehen wird. Das Zen-
trum hat die Nazis in schwere Verlegenheit gebracht, als es
ihnen of fen und ehrlich Verhandlungen iiber ein Koalitions-
ministerium anbot. Die Absage Hitlers auf dies Angebot hat
nur fur ihn einen unangenehmeni Beigeschmack, nicht liir
das Zentrum. Es kann warten, er, nicht.
Verfassung! Was ist von ihr noch da? Was wird von ihr
bleiben?
GewiB, Herr von Hindenburg hat sie beschworen. Er ist
den Interpretationskiinsten seiner Sachberater ausgesetzt.
Aber offen brechen wiirde er sie nie. Eher wiirde er sein Amt
niederlegen. Und was dann?
Der Reichstagssaal entleert sich. Herr von Hindenburg
verlaJJt nicht, wie in fruhern Jahren, den Reichstag durch den
Westausgang, die hohe gelanderlose Freitreppe hinab, vor der
die Reichswehr aufgestellt ist. Er geht den langen Gang zum
Sudausgang hinab, den sonst die Abgeordneten zu benutzen
pflegen. Das Publikum muB sich gedulden, darf nicht hinaus,
bis der alte Herr den Reichstag verlassen hat.
Ein Hoch auf den Reichsprasidenten wird ausgebracht.
Einige Republikaner, die sich iiber die Nichterwahnung des
Wortes Republik wahrend der ganzen Feier geargert hatten,
rufen: Freiheit! Ein verkniffener Reaktionar vor mir zischt:
MSchmeifit doch die Judenliimmel heraus!" Nur Juden konnen
nach seiner Meinung im heutigen Deutschland noch fur Frei-
heit sich erwarmen.
Ein erfahrener Zentrumsmann lliastcrt mir ins Ohr, wah-
rend Hindenburg langsam vorbeigeht: MWas sagen Sie zu Pa-
pens Rede? Die Schwierigkeit ist nur die, wie man ihn wieder
los wird. Der alte Herr fuhlt sich ihm gegeniiber gebunden.
Er hat ihn am Portepee gepackt, um ihn zur Cbernahme des
Kanzleramtes zu bewegen. Jetzt glaubt er sich zur Solidaritat
verpflichtet. Nichts fiirchtet die Regierung mehr als Hinden-
burgs Demission. Alle in der Offentlichkeit diskutierten
Schwierigkeiten verschwinden hinter dieser."
Die Feier ist aus. Und der starkste Eindruck des Ganzen
der: Eine solche Verfassungsfeier kann nur einmalig sein. Der
11. August 1933 bringt eine ganz andre oder iiberhaupt keine
mehr. Der 11. August 1932 ist auBerlich sehr viel unauffalli-
ger verlaufen als der 20. Juli. Aber seine innere Bedeutung
reicht noch tiber den 20. Juli hinaus.
Als Jesus an den Jiingling zu Nain herantreten wollte,
wurde er gewarnt: Herr, er stinket schon. Der Jiingling wurde
doch wieder zum Leben erweckt. Es war ein Wunder.
Als ich den Reichstag verlieB, stand ich unter dem Ein-
druck einer Leichenieier.
Viele Millionen von Deutschen glauben — leider — an
Wundertater.
Ich halte es mit dem groBen Englander: Arbeiten und nicht
verzweifeln!
221
Sondergerichte von Rudoit oiden
r\ afl die Einrichtung von Sander gericht en eine Verschlechte-
rung der Rechtspflege bedeutet, daran zweifelt natiirlich
niemand. Audi die Regierung, die sie anordnet, der Reichs-
justizminister, der fur sie verantwortlich ist, der Referent, der
den Entwurf der Verordnung verfaBt hat, niemand, kein Jurist,
kein Laie wird das Gegenteil behaupten. Jeder wird nur
achselzuckend sagen: solche Schnelljustiz ist notwendig, um
den betriiblichen Angewohnheiten zu begegnen, die in Teilen
Deutschlands eingerissen sind. Weil aber diese Gewohnheiten
bekampft werden miissen und weil die bisher bestehenden Ge-
setze dazu nioht geniigen, und weil das neue Gesetz eine Aus-
sicht dazu bietet, darum ist das, was man gemeinhin als eine
Verschlechterung der Justiz ansieht, doch eine Verbesserung.
So etwa mag man sich die Vertretung des Standpunktes
denken, den der Gesetzgeber einnimmt;
Ein neuer Delikttatbestand wird nicht geschaffen. Dagegen
sind' die Strafen fiir Gewalttaten aller Art, die im politischen
Kampf begangen werden, verscharft und erhoht. Aus Gefang-
nis ist Zuchthaus geworden, aus der Zuchthausmindeststrafe
von einem Jahr die von zehn Jahren, und die Todesstrafe gilt
fiir jeglichen Angreifer, wenn ein politischer Gegner, ein Poli-
zist, ein Soldat oder auch ein Hilfspolizist zu Tode kommt, iiir
den Brandstifter, Sprengstoffleger, Bombenwerfer etcetera,
auch dann, wenn eiri Unbeteiligter sein Leben einbiiBt.
Noch radikaler sinid die Vorschriften, die das Verfahren
betreffen, Es gibt keine Voruntersuchung, keinen BeschluB
fiber Eroffnung des Hauptverfahrens, die Ladungsfrist ist auf
vierundzwanzig Stunden herabgesetzt, und den Umfang der Be-
weisaufnahme bestimmt das Gericht vollkommen souveran.
Selbst die Ablehnung eines Richters scheint wenig aussichts-
voll, wenn manj im § 9 liest;
Uber die Ablehnung eines Richters entscheidet das Sonder-
gericht, dem der Abgelehnte angehort; fiir die Entscheidung tritt an
die Stelle des abgelehnten Richters sein Vertreter. Eine Ablehnung
des Vertreters ist unzulassig.
Laienrichter, notabene, gibt es natiirlich bei den Sonder-
gerichten nicht.
Von den Einschrankungen -der Verteidigung ist die bemer-
kenswerteste die ungeheure ; Machtvollkommenheit, die dem
Gericht dadurch gegeben wird, daB es an keinen Beweisantrag
gebunden ist. Jeder Verteidiger weiB aus seiner Praxis zu er-
zahlen, wie er einen scheinbar uberfuhrten Angeklagten da-
durch gerettet hat, daB er die Sachlage durch neue Zeugen in
ein andres Licht setzte, wie er dem Richter, der sich vielleicht
schon seine Oberzeugung gebildet hatte, eine neue Oberzeugung
aufzwang; mit andern Worten: wie die Unschuld eines Very
folgten sich herausstellte, der vorher als schuidig angesehen"
wurde. Nach der jetzt geltenden ProzeBordnung wird das kaum
ein Verteidiger noch erzahlen konnen. Aber grade diese ein-
schneidende Anderung ist nicht erst mit den Sondergerichten
gekommen. Bereits durch eine der kiirzlich ergangenen Not-
verordnungen ist praktisch dasselbe Resultat erzielt worden.
222
Das Hauptrecht der Verteidigung wurde, wie friiher einmal das
Schwurgericht, kurzerhand abgeschafft. Diesc Notverordnung
hat der Rechtsanwalt Doktor Frey witzig ,,das Grabmal des
unbekannten Angeklagten" genannt. Es gehort zu den
schlimmsten Erscheinungen des politischcn Lcbcns, seitdcm wir
Republikaner sind, daB solche „Reformen" ohne offentliche
Diskussion und ohne Parlament durchgef iihrt, von der Ministe-
rialbureaukratie dekretiert werden. Und das allerschlimmste
daran ist, daB so etwas hingenommen wird, als gehore cs sich
so, mit mattcn Protesten oder sogar ohne Protest. Soil es
wieder so gehen wie naoh dem Emminger-ErlaB? Man hat es
ein paar Literaten iiberlassen, das Schwurgericht zuriickzuver-
langen, und es ist davon nicht zurtickgekommen, Die poli-
tischen Parteien hatten immer Wichtigeres zu tun. Ein groBes
Volk, das iiber seine Rechtsentwicklung in der Geheimkammer
beschlieBen und sie sich durch Ukase auferlegen lafit — wahr-
haftig ein Anblick, bei dem man' an der Zukunft verzweifeln
konnte.
DaB der Bereich der Todesstrafe stark ausjgedehnt wurde,
ist fast eine Selbstverstandlichkeit. Selbst ihre schrofisten
Gegner haben nie bestritten, daB sie fiir den Fall1 des Biirger-
kriegs nicht abges chaff t werden kann. Es ist natiirlich arg,
daB durch die Vollstreckung ein Urteil unwiderruflich wird,
das auf Grund' eines aller Rechtsgarantien entkleideten Ver-
fahrens gesprochen worden ist. Die Verordnung iiber die
Sondergerichte gibt weitgefaBte Moglichkeiten fiir die Wieder-
aufnahme im ordentlichen Verfahren, was fast besser ist, als
eine Berufungsinstanz. Aber ist der zu Unrecht Verurteilte
tot, so hat er nichts davon. Noch bedenklicher stimmt die
Oberlegung, ob denn hier eigentlich ein Biirgerkrieg im ge-
wohnlichen Sinn vorliegt. Dessen r^rmaler Fall liegt vor,
wenn eine revolutionare Partei den Staat berennt und seine
Gerichte ihn verteidigen. Max Holz wuBte, als er vor ein Son-
dergericht gestellt wurde, daB er keine Gerechtigkeit in seinem
Sinn zu erwarten hattef daB er Mannern, die er als Feinde be-
kampft hatte, in die Hand gegeben war. Heute aber liegt der
Fall so, daB zwei Parteigruppen gegeneinander kampfen und
die Richter iiber ihnen schweben, scheinbar unberiihrt von den
politischen Gegensatzen, wie Engel iiber dem verworrenen
menschlichen . Getriebe. Und Richter sind nun einmal keine
Engel sondern Menschen.
Damit kommen wir zu dem Schlufi jeder Erorterung iiber
ein Justizthema: nicht am Gesetz liegt es sondern an der
Rechtsprechung. Man nimmt ihr alle Kautelen, die sie vor
Einseitigkeit schiitzen sollen, und verlangt dann von ihr, sie solle
nicht einseitig sein. Werden die Gerichte einem solchen iiber-
menschlichen Verlangen gewachsen sein? Das Reichsgericht
zum Beispiel hat den Rebellen der agrarischen Schwarzen
Fahne, die gegen Justizwachtmeister und Gendarmen die
Schiacht von Pillkallen geschlagen haben, den iibergesetzlichen
Notstand zugebilligt und hat sie freigesprochen. Von einem
Nationalsozialisten, der unerlaubterweise eine Waffe trug, hat
es angenommen, er befinde sich in einer Art von Dauernot-
wehr. Davon, daB der hochste Gerichtshof eine ebenso weite
2 223
Gesetzesauslegung zugunsten eines Kampfers von links ange-
wandt habe, ist bisher noch nichts bckannt geworden. Nun
wird es bci den kommenden Verhandlungen vor den Sonder-
gerichten sehr wesentlich auf die Frage der Notwehr ankom-
men. Wenn zwei sichj priigeln, schlagen und beschieBen, wer
hat in Notwehr gehandelt und wer nicht? Wer war der An-
greifer und wer der Angegriffene? Dariiber streitet man sich
zum Beispiel im Fall Weltkrieg schon lange und ohne Erfolg,
und in Genf verzweifelt man daran, es fiir die Zukunft leich-
ter entscheiden zu konnen, Vor den Sondergerichten wird
keine Zeit zu langem Streiten sein, und die Richter sind nicht
zu beneiden, die nach kurzer Debatte dariiber entscheiden,
Todes- und Zuchthausstrafen verhangen mtissen. Hat nun ein
Richter eine bestimmte Auffassung von den politischen Dingen,
besitzt er nicht jene vielberufene gottahnliche ,,Objektivitat"t
so wird seine Aufgabe doppelt schwer, manche werden glau-
ben unerfiillbar.
Aber fast ebenso bedeutsam ist es, wie die streitenden
Parteien dem Gericht iiberliefert werden. Welche muB auf
der Anklagebank Platz nehmen und welche darf die Hand zum
Zeugenschwur erheben? Oft ist der ProzeB entschieden, ehe
die Anklage dem Gericht bekannt geworden ist, und nicht
immer ist die Entscheidung gerecht, Wenn dann das Ver-
fahren — schnell, schnell, schnell — mit einer Hinrichtung en-
det, wahrhaftig, ein kaum ertraglicher Gedanke.
Nazis koalitionsbereit? von Thomas Tarn
Q er Wahlausgang hat den Nazis, auch verstarkt urn die
1^ Deutschnationalen und die iibrigen rechten Splitter, keine
Majoritat gebracht. Eine Majoritat ohne Zentrum ware nur
dann gegeben, wenn man nicht bloB die KPD verbietet sondern
auch ihre Mandate kassiert. Das ist ohne Staatsstreich nicht
moglich. Bleibt die Koalition Nazis — Zentrum. Sowohl die
,Germania' wie die ,Bayrische Volkszeitung1 erklaren ihre Be-
reitwilligkeit zu einer Koalitionsregierung ; mehr als das: sie
sehen darin die einzige Moglichkeit, die Nationalsozialisten fiir
die Regierung wirklich verantwortlich zu machen. Das Papen-
Schleicher-Kabinett lehnt eine ^Koalitions^-Regierung ab. Sie
riecht ihm zu sehr nach dem alten System. Es will eine Prasi-
dialregierung, in der die Nazis' durch ,,Fachleute" vertreten
sind. Aber bei alien Differenzen zwischen der Regierung und
dem Zentrum ist man sich dariiber einig, daB man den Nazis
nicht allein die Macht iibergeben will, daB die Arbeiterorgani-
sationen, vor allem die Gewerkschaften, zunachst erhalten
bleiben sollen.
Was werden die Nazis tun?
Es ist sicher — und alle Ableugnungsversuche des tAn-
"^rHIs* andern nichts daran—, daB zurZeit bei den Nazis die
Ansichten iiber ihre weitere Politik scharf auseinandergehen.
Die radikale Richtung hat deutlich gespiirt, daB die Tolerie-
rung der Papenregierung der nationalsozialistischen Welle in
den Stadten Einhalt geboten hat. Sie befiirchtet, daB eine
Teilnahme der Nazis an irgendeiner Koalitionsregierung in der
224
heutigen Epoche, in der sich die Krise weiter verscharft, dcr Par-
tei bald die Massenbasis nehmen wiirde. Sie befiirchtet, daB die
enttauschten Massen nach links abstromen wiirden und daB, wenn
dann links noch legale politische Organisationen vorhanden
sind, diese zum Auf fangbecken ) alleri von der nationalsozialisti-
schen Politik Enttauschten werden konnten, Der gemaBigtere
Kreis innerhalb der Nazis verschlieBt sich dieser Auifassung nicht.
Aber er glaubt nicht, daB die Abwanderung breiter Kreise von
der nationalsozialistischen Bewegung ein solch schnelles Tempo
annehmen wiirde, wie die radikale Richtung befiirchtet. Die-
ser geniaBigte Kreis weist darauf hin, daB trotz der Tolerierung
der Papenregierung die nationalsozialistische Welle nicht zum
Stillstand gekommen ist, daB die Wahlziffern hoher lagen als
beim zweiten Prasidjentschaftsgang, wo zu den national-
sozialistischen Stimmen ja noch ein Teil der Duesterbergstimmen
gekommen ist. Er weist besonders auf den weitern Vormarsch
in den gesamten agrarischen und industriell zurtickgebliebenen
Gebieten hin, Es wird, wie diese Kreise meinen, langere Zeit
brauchen, bis die proletarisierten Mittelschichten selbst bei
einer weitern Verschlechterung ihrer Lage mit ihren national-
sozialistischen Sympathien brechen werden. Denn bei ihnen
iindet folgende Argumentation immer noch starken Wider-
hall: Man weist sie darauf hin, daB Zentrum und Sozialdemo-
kratie, die sogenannten ,,Systemparteien"r vierzehn Jahre in
Deutschland regiert haben und daB man die „Sunden" dieses
Systems natiirlich nicht in wenigen Wochen und Monaten
ausgleichen konne, daB dazu ein langerer Zeitraum notwendig
sei. Man glaubt, damit zumindest fiir die nachste Zeit dieser
Kreise sicher zu sein, besonders wenn man einem groBen Teil
der eignen Funktionare Stellungen irgendwelcher Art ver-
schaffen kann und sich so um diese ein weiterer Kreis sam-
melt, der wenigstens hoift, eine wirtschaftliche Verbesserung
zu erreichen. Aber auch bei diesem gemaBigteren Kreis ist
die Befurchtung da, daB jede Koalitionsregierung, an der die
Nazis beteiligt sind, letzthin die Massenbasis der national-
sozialistischen Partei verringern muB. Um das auszugleichen,
wollen diese Kreise wahrend der Koalitionszeit die Machtposi-
tionen auBerordentlich erweitern. Die Vorgange in Braun-
schweig und in Oldenburg zeigeu ja sehr deutlich, wie man
sich den weitern Weg denkt.
Von den Nazis konnte die Sozialdemokratie nachtraglich
lernen, wie man toleriert. Die Sozialdemokratie tolerierte
immer, um Schlimmeres abzuwenden, um sich eine Atempause
zu schaffen, DerErlolg war, daB sie in der Krise von den Mas-
sen fiir die Verschlechterung der Daseinsbedingungen verant-
wortlich gemacht wurde, daB ihre Positionen schwacher, die
ihres erbittertsten Gegners, des Nationalsozialismus, starker
wurden. Die Nazis tolerieren anders, Sie tolerieren mit dem
Revolver in der Hand. Sie tolerieren die Papenregierung,
indem sie Wechsel auf Wechsel prasentieren. Sie werden,
grade weil sie befiirchten, durch eine eventuelle Koalitions-
regierung bei den Massen diskreditiert zu werden, im staat-
lichen Machtapparat Positionen auf Positionen verlangen. Auf
die Dauer wird die „Zahmungs,,-Theorie nicht verfangen. Die
225
Nationalsozialisten in einer Regierung konnten nur dann legal
bleiben, nur dann die gegnerischen Organisationen bestehen
lassen, wenn sie in der Koalition einen Teil ihrer Versprechun-
gen wahrmachen konnten, wenn es den Massen besser ginge.
Davon kann natiirlich grade in Deutschland nicht -die Rede
sein. Wie man auch immer die spatere wirtschaftliche Ent-
wicklung beurteilen mag, sicher isi das Eine, daB zur Zeit die
Krise noch weiter anwachst, daB es den Massen des Mittel-
stands vom Sommer bis ziim Winter noch schlechter gehen
wird, daB die Arbeitslosenzahlen zunehmen unid' die Lohne
weiter abgebaut werden. Die ,DAZ\ erklarte dieser Tage in
einem lohnpolitischen Aufsatz mit allem Nachdruck, -daB die
Arbeitslosenzahlen in Deutschland darum so besonders hoch
seien, weil die Lohne bei uns f;iiberh6ht" seien, und sie ktin-
digte einen Lohnabbau grofien Stils an.
Es ist klar, daB jede weitere Verschlechterung der wirt-
schaftlichen Lage, jeder weitere Abbau des Lebensniveaus der
Massen die Nazis in einer Koalition auBerordentlich stark
belasten wiirde, weil eben diese Massen, denen sie alles ver-
sprochen haben, sie immer mehr fur ihr wachsendes Elend
verantwortlich machen werden. Auf die Dauer werden sich
daher die Nazis auch nicht vom Zentrum ,,zahmen" lassen. Ja
es ist nicht einmal sicher, ob in der Bewegung der sage-
nannte staatsmannische Fliigel heute noch die Oberhand hat.
Es ist sicher, daB die Kreise, die hinter der Regierung stehen,
dieseiri staatsmannischen Fliigel auf alle Weise das Riickgrat
zu starken suchen. Am L August ist es ihnen auch gegluckt.
Am L August sind die Massen der Nazis im GroBen undGan-
zen noch so fest in der Hand ihrer Fiihrer gewesen, daB sie
nicht vorgingen. Das Monopolkapital will zur Zeit sicher kein
Vorgehen, Dazu sind die Klassenkrafte auf der Hnken Seite
und im Zentrum noch zu, stark. Hat die Linke, SPD und KPDt
gegeniiber den Reichstagswahlen von 1930 knappe zwei Pro-
zent der Stimmen verloren, so hat das Zentrum sogar etwas
gewonnen, so daB vom Zentrum bis zur KPD seit September
1930 nur eine minimale Verschlechterung eingetreten ist. Das
Monopolkapital ist angesichts dieser Lage fraglos fiir die Zah-
mung der Nazis. Denn jeder illegale OffensivstoB wiirde heute
rioch, bei der Widerstandskraft der Massen, bei den Position
des Zentrums, zu leicht die schwersten Biirgerkriegsgefahren
heraufbesohworen, wiirde zu leicht ein Vabanquespiel be-
deuten, wiirde die kapitalistischen Investitionen in Deutsch-
land zu schwer gefahrden. Die Nazis stehen so vor einer
nicht ganz einfachen Alternative.
Putschen sie heute und miBlingt der Putsch, dann ist
es selbstverstandlich, daB dies einen starken Riickschlag fiir
sie bedeutet. Putschen sie aber nicht sondern beteiligen, sie
sich in irgendeiner Form an der Regierungsgewalt, dann ge-
fahrden sie auf die Dauer die Bewegung; Es gibt bei dieser Be-
teiligung natiirlich Unterschiede. Die Bedingungen sind andre
bei einer direkten Koalition mit dem Zentrum, bei einem Pra-
sidialkabirtett mit nationalsozialistischen Ressortministern oder
bei einer Kanzlerschaft Hitlers. Trotz diesen taktischen Ver-
schiedenheiten muB auf die Dauer das Resultat das gleiche
226
scin. Undl daher werden die Nazis, in der Befiirchtung, daB
ihr MasseneinfluB geringer werden konnte, den direkten wie
den indirekten Terror verstarken.
Als die Nazis von amerikanischer Seite iiber die Wahl-
resultate interviewt wurden, da erklarten sie, daB sie dort
gute Resultate gehabt hatten, wo der Terror gut funktioniert
hatte, wo sie die StraBe beherrscht hatten, wo von einer Ge-
genwehr wenig die Rede war, das heiBt in den agrarischen
und den industrieli zuruckgebliebenen Gebieten. Dort aber,
wo die Eiserne Front und die Antifa das StraBenbild mit-
beherrscht hatten, wo sie ihren Terror nicht hatten ungestort
anwenden konnen, wo im Gegenteil die Arbeit erschaft oder
das Zentrum die StraBe beherrscht hatte, dort hatten sie
nicht die Erfolge gehabt, waren sogar etwas zuriickgegangen.
Und die Nazis erklarten weiter, daB es fur sie selbstverstand-
lich sei, aus diesen Tatbestanden die Konsequenzen zu ziehen.
Was ergibt sich daraus? Selbst wenn die Nazis die Ab-
wanderung der Mittelschichten nicht fur so bedrohlich halten,
dafl sie sofort aufs Ganze gehen miissen. selbst wenn also der
staatsmannische Fliigei bei ihnen siegt, selbst und grade dann
wird der direkte und indirekte Terror ganz auBerordentlich
zunehmen. Die Justiz wird immer weniger gegen sie vor-
gehen, Es ist in Deutschland zwar noch nicht so weit wie
in Italien, wo es seit dem Jahre 1922 in den oifiziellen Be-
richten nicht mehr vorkommt, daB Fascisten die Angreifer
sind, wo sie immer die Angegriffenen sind; aber es ist bald
so weit. Die deutsche Arbeiterschaft, das heiBt die Arbeiter-
schaft, die iiber die groBten Organisationen der Weltarbeiter-
schaft verfiigt, ist ohnmachtig, ist ohnmachtig wegen ihrer
eignen innern Uneinigkeit* Spontan bilden sich immer wieder
die Ansatze zur Einheitsfront, An dem Grabe des gemordeten
kommunistischen Fiihrers in Konigsberg hielten Reichsbanner
und Antifa die* Ehrenwache. Aber diese spontane Einheits-
front wird immer wieder von den Bureaukratien der grofien
Arbeiterparteien zerstort. Und doch bleibt die Einheitsfront
die einzige Parole fiir beide Moglichkeiten; mogen die Nazis
putschen, mogen sie sich an irgendeiner Koalition beteiligen
und von da aus den Terror verstarken.
Zu diesen Terroristen von Carl v. Ossietzky
C s ist etwas kernfaul an diesem Volk, das ein Individuum
zum Deputierten wahlt, weil es ihm als Morder empfohlen
wird. Hier laBt sich mit Literatur nicht mehr kampf en. Ist
es nicht ein Jahrhundert her, daB uns der Triumph des Kriegs-
buches von Remarque als eine spontane Wandlung. zumFrie-
densgeist gedeutet wurde? Wir haben dem damals bei aller
Anerkennung der Qualitaten des gutmeinenden Autors wider-
sprochen. Die Friedensgesinnung ist dahin wie der Schnee
vom Ivorigen Jahre. Denn so bunt gemischt die Wahjer-
schait des Nationalsozialismus auchi sein mag, — sie hat sich
doch dazu bekannt, daB Gewalt nach ihnen und auBen das
einzige noch mogliche Prinzip darstellt, Gegen eine Million
Remarques recken sich . . . Millionen Kriegsbeile.
,Wettbuhne, 1930 Nr. 43
227
Juden beitn Zentrum von mide waiter
P ine groBe Anzahl ehemais liberaler jtidischer Wahler hat sich
in den Schutz des Zentrums begeben, wcil sic dort die
wirksamste Abwehr der antisemitischen Welle erwarteten. Ihre
Entscheidung hatte sehr wenig mit Weltanschauung zu tun;
jedenfalls nichts mit ausgesprochener Sympathie fur die Ideen1-
welt der katholischen Kirche. Weltanschauung spielte nur in-
sofern eine Rolle, als diese jiidischen Zentrutnswahler sich auf
keinen Fall mit der Sozialdemokratie identifizieren wollten. Ihr
Herz schlug weiter fur die selige- Staatspartei, die viele Juden
schon bei der vorigen Reichstagswahl wegen der Mesalliance
mit dem Jungdo rechtens verlassen hatten. Schon damals
witterte das Zentrum die Chance, dafi hier ein- bis zweihun-
derttausend Enttauschte gewonnen werden konnten, und warf
den politisch heimatlosen jiidischen Biirgern ein Almosen hin.
Kareski, Vorstandsmitglied der berliner Jiidischen Gemeinde,
bekam auf der berliner Zentrumskandidatenliste zur Reichs-
tagswahl 1930 die in jedem Fall aussichtslose zehnte Stelle.
Das konnte sich die Zentrumspartei in Berlin ruhig erlauben,
denn sie hatte hier nur mit einer kleinen eng an die Partei ge-
bundenen Wahlerschaft zu rechnen. Dieses sogenannte Ent-
gegenkommen wurde als Zeichen religioser Toleranz auffrisiert;
man kann es auch als Briiskierung bezeichnen. Jedenfalls hat
sich Kareskis aussichtslose Kandidatur fiir das Zentrum glan-
zend rentiert, denn diesmal ging es sogar ohne dieses be-
scheidene Zeichen Mreligioser Vorurteilslosigkeit". Nament-
liches Herausstellen auf der Kandidatenliste fiel aus; dafiir
durfte Kareski gemeinsam mit zwei fiihrenden Zentrumsleuten
und ein paar jiidischen Rednern eine Wahlversammlung der
f,Freunde des Zentrums" abhalten, um seine Glaubensgenossen
auBerhalb der offiziellen Parteiveranstaltungen von dem Wohl-
wollen der Kirche zu iiberzeugen. Aber nicht nur die religios
gebundenen Juden haben hier mitgemacht, Auch der Central-
verein deutscher Staatsbiirger jiidischen Glaubens hat kraftige
Wahlhilfe fiir das Zentrum geleistet. In der CV-Zeitung wurde
hin und her debattiert, ob fiir die Staatspartei abgegebene
Stimmen verloren gehen wiirden oder nicht Es hieB, daB den
,,alten Wahlern des Zentrums und der Sozialdemokratie" dieser
Konflikt erspart bleiben wurde; zur Staatspartei wurde im
ganzen zugeredet, abwohl man loyalerweise auch den warnen-
den Stimmen Geltung verschaffte. Die positiven Empfehlun-
gen waren nicht so wichtig; bedeutungsvoll war, was der CV
und die Staatspartei den jiidischen Zentrumswahlern vorenthal-
ten haben; die wirkliche Stellung des Zentrums zum Anti-
semitismus.
Hatten die liberalen jiidischen Zentrumswahler gewufit,
~was~sich in den geheimen Beratun^en~uber die Listenvefb1si=~
dung von Staatspartei und Zentrum abgespielt hat, so ware
ihre Wahlentscheidung vielleicht doch anders ausgefallen.
Wochenlang hatte die Staatspartei mit dem Zustandekommen
des Projektes gerechnet. Die Unterhandler wurden von einer
Zentrumsprominenz an die andre weitergegeben, bis schlieB-
228
lich die Ablehnung durch das Zentrum ausgesprochen wurde.
Dabei kamen recht interessante Griinde heraus. Die Zentrums-
leute gaben der Beiiirchtung Ausdruck, daB man ihren eignen
Wahlern eine offene Verbindung mit der Staatspartei nicht zu-
muten konne; sie gelte doch nun mal als die ,,Judenpartei".
Womoglich konnte doch auf der Reichsliste ein judischer
Staatsparteiler kandidieren, und das set nicht opportun. Mit
Dietrich allein ware man schon einverstanden. Oberhaupt sei
die eingewurzelte suddeutsche biirgerliche Demokratie anzu-
erkennen und doch ganz etwas andres als die norddeutsche
Asphaltdemokratie mit den entsprechenden Vertretern.
Die enttauschten Staatsparteiler sind diskret gewesen und
haben ihren ohnehin skeptischen Wahlern nicht verraten,
warum die ersehnte Ehe mit der Kirche nicht zustande ge-
komxnen ist. Obwohl der CV mit seinen ausgezeichneten Ver-
bindungen die Vorgange gekannt haben mu6, hat er es nicht
gewagt, sich von dem Zentrum zu distanzieren. Man hatte
nicht einmal das Herz, zu dieser Wahl die harmlose alte Parole
f.Macht den linken Fliigel stark" wieder auszugeben. Die jii-
dischen Wahler haben nicht erfahren, daB das Zentrum auf
ihre offizielle Vertretung gar keinen Wert legte.
Nun hatten allerdings die liberzeugtesten Demokraten all-
mahlich erkanntt daB der Liberalismus keine wirksame poli-
tische Vertretung mehr besafi, Bei einigem Nachdenken hatte
ihnen auch klar sein miissen, daB das Zentrum schon lange vor
Briinings Sturz bemiiht war, eine Basis iiir die gemeinsame
Aktion mit der Antisemitenpartei zu finden. Sicher nicht, um
den Juden etwas Boses zu tun. Aber das Zentrum hat ganz
andre Sorgen als die Abwehr des Antisemitismus. Wenn die
judischen Demokraten ihre Stimmen nur einer groBen Partei
geben und dabei die „ Abwehr" in den Vordergrund stellen
wollten, so hatten sie sich ihre neuen Beschiitzer etwas ge-
nauer betrachten miissen. Ihre Hemmungen gegeniiber der Ar-
beiterbewegung haben sie offenbar nicht iiberwinden konnen;
aber ihre kulturpolitische Oberzeugung haben sie einer Illusion
geopiert. Das Zentrum wiirde ihrer Meitiung nach die t)ber-
griff e der Nazis dampfen und „das Schlimmste'1 verhiiten, Diese
Kalkulation schien ihnen sicherer als eine einfache Starkung
der Linksparteien, der geschworenen Feinde des National-
sozialismus.
Fiir die politische Krafteverteilung in Deutschland ist es
ziemlich gleichgiiltig, was die Juden mit ihrem Stimmzettel
aniangen. Es macht nicht viel aus, welche Partei die vier bis
fiinf Mandate der politisch unentschiedenen liberalen Juden
bekommen hat* Nur der ,Angriff' tut so, als habe sich das
Zentrum an diesem Zuwachs gesund gemacht. Wichtig ist nur,
was diese judischen Zentrumswahler erneut bewiesen haben:
daB es keine einheitliche Wahrnehmung gemeinsamer judischer
Interessen geben kann; daB die Klassenfronten starker sind
als die gemeinsame Gefahr, die den Juden droht; denn sie
haben ihre geistige Tradition geopfert, um nicht antikapi-
talistische MaBnahmen der Arbeiterparteien mit dem Stimm-
zettel zu unterstiitzen.
229
Otto Strafiers „deutscher Sozialismus"
von Thomas Murner
Im Gegensatz zu scincm Bruder Gregor, dcssen fiillige volks-
tiimliche Rhetorik durchaus zu seincm AuBern paBt, ist
Otto StraBer ein sanfter Intellcktueller, desscn hauptsachliches
Kampfmittel die Uberredung bleibt und der .einem schroffen
Gegner, einer larmenden Versammlung eine beinahe china-
sische Hoflichkeit entgegensetzt. Wahrend Gregor ministra-
bel und ein hohes Tier am Hofstaate des braunen Casar gewor-
den ist, genieBt Otto das geistigere Vergniigen, schulebildend
zu wirken und Apostel um sich zu sammeln, die fur ihn mit
der Feder fechten, es aber lieber mit einer guten Damascener-
klinge tun wiirden. Denn Otto StraBer ist ganz gewiB nicht,
wie er wohl selbst glaubt, der Gegenkonig Adolf Hitlers, viel .
eher einer jener tatigen Ideendolmetscher, deren Wirkung nicht
im Geschriebenen liegt, nicht einmal in der Sache, sondern
vornehmlich in der Intensitat der Mitteilung.
Otto StraBer ist aus der nationalsozialistischen Partei nicht
als ideologischer Widersacher geschieden, Neben dem Bruder
Gregor halt er sich als der Radikale, der Linientreue; die
Partei scheint, an ihm gemessen, lasch, liberalistisch, entartet.
Es soil uns in diesem Zusammenhang nicht beschaftigen, ob
die Trennung der Bruder faktisch ist oder nur taktisch, Wenn
man Otto StraBers neue Programmschrift ,,Aiifbau des deutschen
Sozialismus" (W. R. Lindner, Leipzig) etwa mit der im ,Volki-
schen Beobachter' erschienenen Rundfunkrede seines Bruders
vergleicht, so erkennt man bei beiden die gleiche nationali-
stische Grundsuppe und fragt zunachst nach den Unterschie-
den. Der Antagonismus beginnt, wo vom Sozialismus ge-
sprochen wird. Was Sozialismus ist, definiert Gregor so:
Wir verstehen unter Sozialismus die staatlich durchgefiihrten
MaBnahmen zum Schutze des Einzelnen oder einer grofiern Gemein-
schaft vor jeglicher Ausbeutung.
So etwas nennt man Sozialpolitik oder Sozialreform. So-
zialismus bedeutet nicht Schutz vor Ausbeutung sondern
Brechung aller ausbeutenden Machte,' In diesem Punkt ist der
Bruder Otto reinster Revolteur:
Darum ... ist die Aufhebung des Privateigentums an Grund und
Boden, Bodenschatzen und Produktionsmitteln die Hauptforderung des
deutschen Sozialismus und die Voraussetzung einer planmafiigen Na~
tionalwirtschaft.
Infolgedessen verwirft er auch das kapitalistische Wirt-
schaftsrecht von der Heiligkeit des Privateigentums:
Sinnfallig erlebte es jeder Einzelne, dafi dieses unbeschrankte Ver-
fugungsrecht des Besitztitels verstiefit' gegen die Lebensinteressen des
Volkes, daB es aber auch keinc inner e Berechtigiing habe zu einem
Zeitpunkt, da die ganze Nation mit ihrem Blut dieses ..Eigentum"
verteidigen muBte.
.Bravo, das ist ein deutliches Bekenntnis, wenn auch nur
gute alte SPD von 1910, als bei jeder Maifeier deklamiert
wur.de:
230
Hinter Mauern und Schloten
Iiegt euer Vaterland!
Ihr sollt euch dafiir schlagen und toten
— ihr habt es niemals gekannt.
Wenn jemand so selbstbewuBt wie Otto StraBer sich cine
„totale Gestaltung des deutschen Lebens" zumutet und von
■der flkonservativen Revolution" die Durchfiihrung des f, deut-
schen Sozialismus" erwartet, so muB er sich nicht nur die Frage
gefallen lassen, wie dieser Sozialismus aussieht, sondern auch,
auf welche geschichtlichen Krafte er ihn zu stutzen gedenkt.
Denn der Klasse erkennt der Nationalist StraBer keine ge-
schichtliche Formkraft zu, nur der Nation, und selbst Marx
behandelt er nur als besonderen Auslaufer des Liberalismus,
Der StraBersche Sozialismus stiitzt sich »nicht auf okono-
mische Gegebenheiten, er bedeutet, so radikal die Formulie-
rung manchmal klingen mag, nur die Flucht in vergangene Jahr-
hunderte. In der Gesellschaft des „deutschen Sozialismus"
soil zwar das Privateigentum ebenso aufgehoben sein wie das
Monopol an Boden und Produktionsmitteln, aber die Nation
soil die Bewirtschaftung den einzelnen Volksgenossen ,,nach
Fahigkeit und Wiirdigkeit in Erblehen geben". Was StraBer
. vorschwebt, ist ein romantisches Feudalsystem, standisch ge-
gliedert, in dem, wie bei alien konservativen Ideologien, die
Landwirtschaft die wichtigste Rolle spielen soil. Ja StraBer
bezeichnet als vornehmstes Ziel die „Reagrarisierung Deutsch-
lands",
Es ist schwer zu verstehen, warum es nicht nur volks-
wirtschaftlich sondern auch ethisch wertvoller istt Kartoffeln
zu buddeln, statt sich iiber eirier schwierigen technischen Kon-
struktionszeichnung* anzustrengen. GewiB erlebt die GroBstadt
gegenwartig unter dem ungeheuren Krisendruck einen Ruck-
schlag, uberall entstehen kleine periphere Siedlungen. Aber
darf man auf einem voriibergehenden Notstand, aul einem
Akt von Selbsthilfe, der morgen schon von bessernMittelnab-
gelost sein kann, ein sozialistisches System aufbauen? Und ist
es wirklich so leicht, Menschen, denen die GroBstadt in Blut
und Nerven steckt, in Landleute zuriickzuverwandeln? Ganz
Deutschland soil also von kleinen Bauerntumern iiberzogen
werden, von denen keins groBer sein darf als sein Besitzer in
eigner Arbeit verwalten kann^ Auf die Industrie ist StraBer
nicht gut zu sprechen, wie er denn tiberhaupt die 1ttechnische
Gotzendammerung" erwartet. Man sollte mit solchen Prophe-
zeiungen etwas vorsichtig sein. Ich wiinsche Herrn Doktor
StraBer nicht, dafi die technische Gotzendammerung auf der
Lokomotive ausbricht, wenn er grade Eisenbahn fahrt In der
Industrie fallt die Verwaltung des Betriebs einer Dreiheit von
Staat, Belegschaft und Fiihrer zu, wovon der letztere eihen
hohern Anteil an Besitz und Gewinn erhalt. Oberall also strenge
Bindung, jeder, Einzelne lebt in fest gesteckten Grenzen, der
Schiitzengraben wird aus der Kriegswissenschaft in die Sozib-
logie eingefiihrt Es ist eine neue Art Kasteristaat, in dem auch
die Parias nicht f ehlen diirf en, namlich die Jti'den, die kein
Biirgerrecht genieBen uiid deshalb auch nicht Lehn'strager ;we'rt
3 * 231
den sollen. Nur eiac Kategorie gibt es in dicsem tfisten Einer-
lei, der erhohte Selbstandigkeit eingeraumt wird, und das sind
die Handwerksmeister, Denn das Gedeihen von Kleinbetrieben
beruht „auf der Personlichkeit des Handwerksmeisters". Hier
beginnt man sich doch ernsthaft die Nase zu reiben. Auch wenn
man nicht geneigt ist, mit dem Begriff der Unternehmer-
personlichkeit heroisierenden Unfug zuzulassen, so muB doch
gefragt werden, ob der Budiker oder der Griinkramhandler
mehr Personlichkeit ist als, sagen wir, der Professor Junkers
in Dessau!
Damit entlarvt sich der ganze StraBer-Sozialismus als ein
Angstprodukt des versinkenden Mittelstandes, als die rettende
Theorie einer in Panik geratenen Schicht, die ihr Sonderdasein
auf Kosten der Gesamtheit zu fristen wiinscht, Ein reges,
intelligentes Volk, seit Jahrhunderten in manueller Fertigkeit,
Wissen, Technik und Kunst aufS beste erfahren und immer vor-
wartstreibend, soil in ein mtirrisches Agrar- ud Industriehelo-
tentum verwandelt werden, wahrend Herr Klamuffke, Fleisch-
und Wurstwaren, Aufschnitt taglich frisch, selbstherrlich bleibtr
nur einer Zunft Gleichartiger verbunden, auf sein em Boden ein
Herzog, ein Than, begnadet mit dem Vorrecht, ein Individuum
zu sein. Man fragt sich, wie in einem geistigen Menschen,
der Otto StraBer doch ist, , das Bild eines sozialen Systems ent-
stehen kann, das die Ruckstandigsten, die schon heute von der
Z«it fast Ausradierteri zu Herren macht, wahrend es die Be-
weglichen, die Leichtschreitenden, die Unternehmenden auf die
Galeere bannen mochte. Was fur ein Albdruck von einer
Ujopie!
Nicht nur Otto StraBer, der ganze Neokonservativismus
nahrt sich von staridischen Vorstellungen. Bei Heinrich von
Gleichen und dem „Herrenclub" sieht es damit auch nicht an-
gers aus als bei Ferdinand Fried in der ,Tat\ Es ist keine
Entschuldigung fiir die Herren, daB sie sich ihre Theorie nicht
Selbst ausgedacht sondern von Othmar Sparin iibernommen
haben, der seinerseits das Entscheidende von Adam Miiller be-
iieht, dem Okonomisten der Romantik, Bei alien Anhangern
der standisch aufgebauten Gesellsebaft, auch bei Otto StraBer,
kehren die Worte „organisch'Y „gewachsenM, ngeworden" be-
ahgstigend oft wieder, ,,Organisch" kann aber heute nur sein,
das Zeitalter des Industrialismus weiterzufiihren, wie es die
FUissen tun, auf neuer sozialer Grundlage weiterzuentwickeln.
Was aber ware an der Wiedereinf tihrung des Zunftwesens heute
organisch? Adam Mtiller war ein Metternichreptil und
publizistischer Verfechter der heiligen AHianz; seine sozialen
Visionen entsprachen durchaus den Vorstellungen des damali-
gen Absolutismus, alle Reaktionare haben seitdem auf den
Standestaat geschworen. Kein Wunder, denn er halt die aktiven
Elemente nieder, Auch Bismarck sehnte sich vom freien Wahl-
r^echt immer wieder zur standischen Verfassung zuriick. Otto
StraBer mag sich als eingroBer iRevohitioaar vorkommen, wenn
er seine Heilswahrheiten von dem vergilbten Pergament Adam
fullers abliest* Ab>er #ip. reaktion^*s ^kriptum^ das huiidert
*]fahre in der Rumpelkammer der Weltgeschichte gemodert hats
ist in der Zeit nicht revolutionargeworden,
332
In der Bliite der Romantik hat Novalis, dessen hektischer
Uberschwang alles mit Kunst penetriercn muBte, die Forde-
rung erhoben, auch ,,die Finan^-vissenschaft musse poetisiert
werden". Das ist mindestens einigen der heutigen Nachfahren
der Ideen Adam Miillers, den Anbetern der Autarkie und der
standischen Gliederung, aufs bes'ic 'Jelungen. Nur Otto
StraBers „deutscher Sozialismus" kann wirklich nicht zu den
schonen Kiinsten gerechnet werden. Diese Utopie ist eng und
sparlich, die Phantasie haftet an den winzigsten Dimensionen
und an den primitivsten Bedtirfnissen. MFremde Spracheh
haben in der Volksschule keinen Platz." Oder: ,,Eine weitere
notwendige Folge ist die, daB das Eingehen einer Ehe eines
deutschen Staatsbtirgers mit Angehorigen eines andern Volkes
den Verlust der Staatsburgerschaft nach sich zieht." Diese
Satze charakterisieren den Barbarismus dieser Vision eines
volkischen Idealstaates. Alles soil in Anlage und Funktion
sehr klein, sehr simpel werden, alles ist von der Theke eines
verargerten Ladenbesitzers her gesehen, Darin unterscheidet
sich Otto StraBer, der Haretiker, in keiner Weise von Gottfried
Feder und den andern volkswirtschaftlichen Dreierlichtern des
offiziellen Nazitums.
Wahrscheinlich kann man das Dumpfe, Triibe und Un-
freudige dieser Utopie nicht einmal StraBer personlich zur
Last legen. Man findet das in alien von rechts kommenden
Konzeptionen eines deutschen Staates auf standischer Grund-
lage. Ein offentliches Leben soil es nicht mehr geben, die
Frauen werden wieder in die Kuche gesteckt; es gibt iiber-
haupt keine Politik mehr sondern nur noch Berufsangelegen-
heiten. StraBer hofft auf kulturelle Wundertaten eines volki-
schen Idealismus. Aber in Wahrheit wiirde eine also auf-
gebaute Gesellschaft in Wort und Schrift nicht iiber das plat-
teste fachmannische KannegieBern hinauskommen. Phantasie,
Initiative, Weltoffenheit, und- nun gar in Verein mit kiinstle-
rischer Begabung, muBten als Ketzerei verpont und verfolgt
werden. Der , proletarische Sozialismus hat ganz gewiB Para-
diese weder versprochen noch geschaffen, aber fur ihn handelte
es sich urn die Menschheit, er strebt zum Universalismus. Der
volkische Pseudo-Sozialismus in alien seinen radikalen oder
gemaBigten Spielarten dagegen kennt als sein Ideal nur die
Abkapselung; sein Staat ist eine Feudalburg, von Mauern und
Festungsgraben umgeben, wahrend jeder echte Sozialismus
sich bemiihen muB( die Grenze zu sprengen. Der Sozialismus
braucht gewiB nicht nur auf marxistischen Doktrinen auf-
gebaut zu werden, es gibt noch and re Moglichkeiten, aber aus
dem Nationalismus kann zu allerletzt ein Sozialismus entwickelt
werden. Denn der Nationalismus ist selbst ein Kind der kapi*
talistischen Aerat er muB mit dieser vefgehen. Diese Zusam-
menkoppelung von Nationalismus und Sozialismus ist der
Grundirrtum deutscher Nationalisten, fur die eine sozialistisch
organisierte Gesellschaft nicht mehr bedeutet als eine bessere
Grundlage fiir den Revanctekrieg.
Der Nationalismus wird kaum jetnals die Oberzeugung
eines ganzeri Volkes werden konnen. Die Geschichte hat ihn
uns nur gezeigt als die in Krampfen und Kris en explodierende
233
Selbstsucht einer herrschenden Klassc. Nationalisten wie StraBer
nab en immer den 4. August 1914 im Kopfe, wo ganz Deutsch-
land, das sich unfahig gezeigt hatte, sein inneres Schicksal zu
gestalten, aus unfreien, als unlcidlich empfundenen politischen
Zustanden in den Kriegsfuror fHichtete. Was fur ein verbreche-
rischer Esel ist Wilhelm II. gewesen, solch Kapital zu verwirt-
schaften! Diese Stimmung ist fiir immer dahin, kein rebellie-
rendes Kleinbiirgertum kann sie jemals wiedererwecken.
Dennoch wird man grade Otto StraBer, auch wenn man
seine Lehren aufs heftigste ablehnt, eine Reihe von sympathi-
schen Ziigen nicht absprechen mogen. Denn dieser unbestreit-
bare Reaktionar und Obskurant tritt in offentlichen Kampfen
mit der. Haltung und den Anspriichen eines neuen Hutten auf.
Es hat etwas Riihrendes zu sehen, wie dieser Klopffechter
einer fiir ewig versunkenen sozialen Ordnung mit der Gebarde
eines Lichtbringers, eines Sankt Georg fiir seine Gedanken
einsteht. Seltsames Paradox: dieser Kampfer ^egen alle Frei-
ziigigkeit, fiir den Liberalismus dasselbe bedeutet wie
Zuchtlosigkeit, ist ausgesprochener Individualist und ware er-
ledigt ohne eine Gesellschaft, die liberal genug ist, das Recht
des Individuums anzuerkennen, Durch seine besondere Art
ist dieser Kiinder des ,Tdeutsclien Sozialismus" der pragnan-
teste Liberale, der sich denken laBt Das ist eine Zwiespal-
tigkeit, die ihn reizvoller macht, als es seine Thesen sind.
Eine Ahnung sa<gt( daB bier ein Ringender am Werke ist, der
sein letztes Wort noch nicht gesprochen hat.
Riickkehr zur Lebensfreude von waiter Mehring
TLAehr und mehr bin ich davon uberzeugt, daB die Aufgaben,
die einst der augenblicklich jiingsten, spatestens aber der
tolgenden Generation zuf alien werden, nicht so sehr in der
t)bertrumpfung unsrer Wirtschafts- und Schnelligkeitsrekorde
als in der Wiedereroberung der personlichen Freiheit bestehen
werden. Selbst so schwerwiegende Argumente wie: Verrater,
Kleinbiirger, Literat konnen mich von dieser Ansicht nicht ab-
bringen. Zumal solche Ketzergedanken bereits im Allerheilig-
sten des Marxismus auftauchen.
In einem Vortrag, den .Krasnaja Gazeta' wiedergibt, hat
Liadow die Frage aufgeworfen, wie wohl der Mensch des
kla&senlosen Staates aussehen moge. Und hat in seiner Ant-
wort: Monogamie, Lebensfreude, ja sogar Eleganz der Frauen-
mode in Aussicht gestellt:
Der Kommunismus will keineswegs die Zukunftsgesellschaft in
eine Vereinigung von Asketen verwandeln, die Musik, Liebe, Blumen
und die andern Extstenzfreuden ablehnen.
DaB uberhaupt solche Interessen schon diskutiert werden,
sbllte besser fiir die Konsolidierung des Sowjetsyst.ems zeugen
als alle Wirtschaftsziffern. Die Gesellschaft der Menschen,
pendelnd immer zwischen Asketik und OberfluS — den beiden
Polen der Sinnesiiberreizung — findet am SchluB zut selben
Losung helm: Amusement, Freude an der Schonheit, Freiheit
der GedankenauBerUng.
234
Das ist so einfach, und ist wieder so schwer geworden, dafl
die Neuentdecker des Genusses auf Weitruhm rechnen diirfen,
Abcr erst die Rehabilitierung der Vernunft, die Erkenntnis, daB
die Kraft eines Gedankens nicht durch die Verstarkung des
Lautsprechers erhoht werden kann, wird wunderbarer wirken
als die Wunder der Technik.
DaB der Satz: Stalin oder Moskau denkt fiir mich — der
allerdings dem Dogma derer, die die Gedankenlosen fiir sich
denken lassen, vorzuziehen ist — daB dieser Satz fallen muB
und wird vor der Anschauung: ich denke, cogito — ergo sum,
zeigt sich bereits in einigen Forderungen Liadows:
Unsre Ltteratur hat noch nicht einmal das wesentliche Problem
von der Stellung des Menschen im klassenlosen Zukunftsstaat an-
geschnitten, Ebenso bleiben Theater und Film stumm vor diesem
Problem,
Ja, warum? Ich kenne RuBland nicht und' will nicht ur-
teilen. Vom deutschen Standpunkt, aus ware zu antworten:
weil solche Betrachtungen von der Zensur verhindert werden.
Nur die Moglichkeit zu erortern, daB Menschen der Zu-
kunft andre Sorgen kennen werden als rassische Blutreinheit,
Kasernendrill, Judenausrottung, liegt nicht mehr im Bereich
nationalistischer Hirntatigkeit. Und nie hatte ein National-
sozialist zu kiinden gewagt, daB im Dritten Reich: ,,die Men-
schen mehr als einst lieben, tanzen, sich amiisieren und elegant
kleiden werden", wie es Liadow voraussagt. So grade stellt
sich ja der Antibolschewist den Marxismus vor, wahrend
dieses Stadium bereits die Cberwindung des marxistischen
Dogmas bedeutet. Nicht des Marxismus uberhaupt, Denn
nur die Buchstabenglaubigen, die Parteiasketen, die Marx-
monche wollten uns einreden, daB Proletarierstaat und Jazz-
band unvereinbar seien, daB harmlose, keinem Zweck ver-
sklavte Vergniigung konterrevolutionar sei. Kein Zweifel,
diese Obereiferer haben dazu beigetragen, daB heute in Deutsch-
land statt sozialer Erkenntnisse der Geist des franzosischen
Comte Joseph-Arthur de Gobineau herrscht. Das Werk des
Erbfeindes, im eignen Land verlacht und in Bibliotheken ein-
gesargt, erweckt im Nachbarland die mystische Blut-Heilslehre.
Wie kleinlich erscheinen dock Liadows Bedenken, die er
gegen die geheimen Schliche der pariser Haute couture aufiert.
GewiB werden auch unsre Traohten erst der Heiterkeit und
dann der historischen Forsohung ver fallen. Aber es ist Un-
sinn, heute andre als okonomische Einwande gegen Abendkleid,
Seidenstriimpfe und gute Parfums zu machen. Eine prole^
tarische Mode laBt sich auf Befehl ebensowenig schaffen wie
eine proletarische Kunst. Auch nicht nationalistische; der
Bubikopf war starker als volkische Belange. Weder die
Bourgeoisie noch Marx hat die Sinnenlust erfunden. Es sind
nicht grade die Kulturbolschewisten, die den Charellsadistnus
und das Uniformgirl beklatschen,
Aber nicht um Einehe, Mode und Lustbarkeiten wird man
zu kampfen haben in einem System, das einmal die Lebens-
bedingungen geregelt hat, sondern um den einzig wertvbllen
Eigenbesitz: die Freiheit, selbst zu denken und das Gedachte
zu auBern, Zensur zu fordern fiir einen klassenlosen Staai,
235
das hieBe die blodsinnige These aufstellen, die Menschheit
hatte mit Marx ihre Denkarbeit auigegeben. Mit dieser These
laBt es sich einige Jahre herrlich fegieren, aber die Kultur;
Volksgeist, Kunst und Wissenschaft, geht zum Teufel. Waffen-
gewalt und Dumping werden nicht allein den Kampf urn die Be-
freiung der Arbeiterklasse entscheiden. Zensur gegen gedan-
kenlose Hetzer: ja! und mit alien Mitteln! Zensur gegen Kiinst-
ler und Wissenschaftler ist Entwaffnung des Selbstschutzes,
der noch durch die scharfste Kritik der Idee Bestand verleiht.
Wie gefahrlich die Unterschatzung der kritischen Ver-
nunft, ja auch der Asthetik war, lehrt jetzt der „Aufbauwille"
der Gegenseite: NiederreiBung des Dessauer Bauhauses, Aus-
schluB aller des Kulturbolschewismus, das heiBt: des Denkens
Verdachtigen, also — durch Verfolgung — negative Anerken-
nung vieler Linkskrafte, die bureaukratischer Parteihader dem
eignen Lager entfremdet hatte.
Das lehrt auch ein Aufsatz des Herrn Generals von Seeckt,
der — im .Hamburger Fremdenblatt' — fur die AuBenpolitik
Bundnis mit RuBland, fur die Innenpolitik aber Kampf gegen
die bolschewistischen Ideen fordert, „Kampf auf geistigem Ge-
biet" nennt es der Herr General. DaB man auf geistigem Ge-
biet mit Handgranaten, Hollenmaschinen und Bomben vorgeht,
ist ein militartechnischer Irrtum, der zwar zu kolossalen Teil-
erfolgen, nicht aber zum Endsieg fiihrt.
Und kein System wird etwas an der Tatsache andern:
schlimmer als der Verlust einer Heeresmacht ist der Verlust
des Denkens; wichtiger als Rassezugehorigkeit ist die Sprach-
beherrschung; mit der Sprache lebt und endet die Nation.
Gobineau oder Marx: das sind (ibernationale Fragen.
Man kann die Kulturbolschewisten verbieten, einkerkern,
erschieBen; man wird den Marxismus nicht ausrotten. Er wird
uberwunden werden durch neue, zum groBen Teil von ihm an-
geregte Gedanken, gedacht von Zukunftsmenschen, den Nach-
kommen der heute Verfolgten.
Dynamik contra Vernunft von waither Karsch
P s gibt eine Gesinnung, die dem Anschein nach alle Stromun-
gen ihrer Zeit aufzunehmen bereit ist. Man wird bei ihren
Tragern von alien Tendenzen ein Teilchen finden; sei das nun
Fascismus, Demokratismus, Bolschewismus, Pazifismus oder
sonst noch ein Ism us: eine Fulle sich iiberkreuzender, diver-
gierender und korrespondierender Gedankengange, die da zu
einem scheinbar einheitlichen Ganzen verschmolzen sind. In
Wahrheit ist hier nichts andres vor sich gegangen als die Ver-
wasserung all der Ideen, die sich bereits soweit durchgesetzt
haben, dafi sie sich nicht mehr iibersehen lassen. Genau nach
diesem Rezept verfahrt in einem dickleibigen Buche ^Politik"
(Industrie- Verlag Spaeth & Linde, Berlin/Wien) Adolf Gra-
bowsky mit dem Pazifismus — und nicht nur mit diesem.
Da Grabowsky von der Macht der handelnden Personlich-
keit gar nichts und von der ,,auBerpers6nlicher'*, ,,uber-
236
individueller" Gewalten alles halt, spielen Formeln wie
..Energien", f,Dynamik"f „Dcr Raum als geschichisbildende
Kraft" und ahnliche in seine Deduktionen eine uberwiegende
Rolle. Diese ganze Terminologie verfiihrt zur Vernebelung der
wirklichen Tatbestande. Eine Maschinenmystik zum Beispiel*
die der Maschine Eigengesetzlichkeit zuschreibt, sie ihrer Be-
stimmung, Werkzeug1 des Menschen zu sein, entkleidet, konnte
doch nur wirksam werden, weil der Mensch die Herrschaft
iiber die Technik verloren hat; und nicht anders verhalt es sich
mit den sonstigen angeblich „iiberpers6nlichen" Gewalten.
Man sieht nur nock die aufeinander losgehenden Tendenzen,
die den Menschen mit sich f ortreiBen, und erkennt gar nicht
mehr, daB der gleiche Mensch es war, der sie in Bewegung
setzte.
Da eine solche Denkhaltung, die in allem selbsttatige Be-
wegung sieht,, jeder Statuierung abhold sein muB, verwirft
Grabowsky alle Versuche, durch Fixierung von Rechtsvor-
schriften das Verhaltnis der Staaten zueinander zu ordnen. Ihm
ist demnach der heutige Volkerbund schon viel zu weit ge-
gangen. Denn darauf laufen seine Vorschlage hinaus, die zu
nichts anderm dienen, als daB die Staaten ihre Machtpolitik
weiterhin ausiiben konnen — nur ohne das Risiko eines Krieges.
So sieht Grabowsky die erste Moglichkeit eines dyna-
mischen PaziHsmus darin, daB eine GroBmacht, in deren „Inter-
essenkreis" kleinere Machte fallen, den Schiedsrichter zwi-
schen diesen zu spielen hat. Und wenn sich nun der kleine
Staat diese durchsichtige Schiedsrichterrolle nicht gefallen
lassen will? Dann stehen wir wohl wieder vor der ,, ultima
ratio", dem Kriege? ■ Schiedsrichterrolle, das heiBt innerhalb
dieses Gesellschaftssystems: Unterdriickung des Kleinen durch
den GroBen. Was schlieBlich daraus entspringt, wissen wir
ganz genau — und weiB auch Grabowsky, der ja selber sagt,
daB jede Demiitigung den Keim zu neuem Aufstand in sich
trage, Darum wiirde die Ausfiihrung dieses Vorschlags nur den
gegenwartigen Zustand imperialistischer Politik verewigen.
Wenn man die lebendig Wirkendes vortauschenden Formeln
Grabowskys abzieht, dann sieht man, daB er am liebsten den
augenblicklichen Zustanden, den MTatsachlichkeiten" Ewig-
keitsgeltung attestieren mochte.
Noch deutlicher wird dies, wenn man die zweite Moglich-
keit seines dynamischen Pazifismus untersucht. Danach sollen
namlich die GroBmachte, „je gewaltiger sie einander gegen-
iiberstehen, um so mehr Krieg und Konflikt" durch „Kom*
pensationen" ablosen. „Indem jede dieser Machte sich in
rationellem Reichsbau auf einen bestimmten Raum konzen-
triert, gibt sie Territorien auf, um andre daftir zu gewinnen".
Auf den ersten Blick ein bestechender Gedanke, denn gewiB
kann durch eine solche {Compensation unter Umstanden ein
kriegerischer Konflikt vermieden werden. Aber diese Politik
findet in dem Augenblick ihre Grenzen, wo ein Staat in Aus-
weitung seiner Machtpolitik den „bestimmten Raum" aus-
gefiillt hat und notgedrungen nach neuem Ausschau halten
muB. Wo bleibt dann die „Kompensation"? Dann werden wir
237
schweren Her z ens zwar, abet doch, in einen neuen Krieg hin-
einschliddern, weil die MSpannungen" keine andre Losung mehr
moglich machen. Das Ganze nennt man dann die ,,Tragik des
Weltgeschehens".
GewiB, von einem bestimmten Fatalismus aus laBt sich sagen:
was geht uns die feme Zukunft an, Hauptsache, im Augen-
blick ist so ein Krieg durch Schiedsrichteramt der GroBen iiber
die Kleinen oder durch Kompensationen vermeidbar. Das ware
auch gar nicht so unrichtig, wenn solche Einrichtungen wirk-
lich die Gewahr boten, daB sie erfolgreich sind, Aber wo ist
eine solche Gewahr innerhalb dieses System? Grabowskys
„sehr viel soliderer Pazifismus" entpuppt sich so als ein Ge-
bietsschacher, der sich nur darum ziemlich lange friedlich ab-
spielen kann, weii der Krieg Formen angenommen hat, die
wahrscheinlich zu einer vollstandigen Vernichtung der beteilig-
ten Machte fiihren wurden, Pazifismus aus Angst. Zur Not
werden sich die Machte unter einem solchen Druck vielleicht
einigen — genau so einigen, wie sie es getan haben, wenn es
darum ging, heute wertlose Waffen abzuschaffen. Das nannte
sich dann ^Seeabrustungskonferenz", und grade auf eine solche
Farce stiitzt sich Grabowskys These von der kriegeverhindern-
den Kompensationspolitik.
Es ist nicht weiter verwunderlich, daB Grabowsky, fur den
es nur „uberindividuelle Absichten der Epoche" gibtt an dem
„GesinnungspazifismusM noch weniger gute Haare laBt als an
dem organisatorischen. Er wirft seinen Vertretern fIVernunft-
aberglauben" vor, sie seien ,,in ihrem Glauben an die Macht
der Friedensidee als einen Gedanken der moralischen Ver-
nunft" ^echte Nachfahren der Aufklarungsepoche" und stunden
„damit verwirrt in einem veranderten Zeitalter1'. Aber der
heutige Rationalismus giaubt doch gar nicht an einen von
selbst eintretenden Sieg der Vernunft, sondern weiS, daB die
als vernunftig erkannten Forderungen auch der Kraft bediirfen,
sie durchzusetzen. AuBerdem hat der heutige Rationalismus
das Irrationale nie geleugnet, er erkennt ihm nur keinen Primat
zu. Grabowskys guter Rat: nJe weniger der ethische Pazifis-
mus der Vernunft und der Ethik vertraut, desto groBere
ethische Erfolge wird er erringen, denn er schaltet sich dann
mit seinen Forderungen ein in das uberindividuelle Ge-
schehen", verlangt von den Gesinnungspazifisten, sie sollen sich
ihren konsequenten Pazifismus denaturieren lassen: durch Ver-
zicht auf Forderungen, von denen sie wissen, daB dem g«gen-
wartigen Zustand alle Voraussetzungen abgehen, sie zu ver-
wirklichen. Eine solche Forderung ist die nach allgemeiner
und totaler Abriistung, An ihrem Schicksal wird klar, wie
wenig das derzeitige System fahig ist, den Krieg aus der Welt
zu schaffen. Auch wir „Gesinnungspazifisten" wissen, daB die
„dissoziierenden" Elemente des Imperialisms mindest ebenso
stark sind wie die Massoziierenden", und grade darum, weil jene
immer wieder zu kriegerischen Entscheidungen drangen, sind
wir fest davon uberzeugt, daB nur die Abschaffung des Systems
die endgiiltige Gewahr fiir die Stabilisierung des Friedens sein
kann. Das liege in zu weiter Ferae? Was besagt das schon.
Dieses System ist ja nicht ewig, die ersten Keime einer Ande-
238
rung sind doch schon da, namlich in RuBland, Wer crkannt
hat, dafi nur dcr Sozialismus die Moglichkeit zur Verwirk-
Iichung dcs Friedensgedankens bietet, wird zwar nicht darauf
verzichten, seine Ideen bereits jetzt zu propagieren und damit
auch Vorschlage zu machen, die nach seiner Oberzeugung
schon heute der Entstehung eines Kriegs vorbeugen konnten;
aber er wird darunter solche PraventivmaBnahmen, wie Gra-
bowsky sie vorschlagt, wirklich nicht rechnen diirfen. Sein
Vorwurf, daB ,,die Friedensbewegung diese Problematik (nam-
lich die von ihm aufgerollte) nicht im entferntesten erkannt
hat, wobei keine Richtung ausgenommen ist", trifft also zu-
mindest den Pazifismus nicht, den er mit ironischen Anfiih-
rungszeichen versieht, namlich den revolutionaren: weil dieser,
von der Aussichtslosigkeit einer endgiiltigen Regelung der
Streitigkeiten innerhalb des Kapitalismus uberzeugt, sich nicht
fiir verpflichtet halt, da eine Problematik zu sehen, wo nur
mittels mystischer Formeln der Versuch gemacht wird, den
Augenblicksgewalten Ewigkeitswert zuzuerkennen,
StellungSlOSenpOeSie von Ossip Kalenter
L
l^eine Annonce bleibt unbeantwortet, kein Weg unbegangen:
1 *■ Wir verschreiben das letzte Porto, verfahren das letzte StraBen-
bahngeld.
Aber die Angebote sind faul, und die meisten Arbeitgeber verlangen
600 Mark Einlage, Sprachkenntnisse, gutes AuBere und gelernte Leute
von Welt.
Uns aber knurrt der Magen, wir sind blaB, hoffnungslos, abgehetzt
zum Erbarmen;
Unsere Welt ist das Arbeitsamt, die Wartezeit, endlos und bang,
Unser AuBeres verkommen, unsere Sorache verstummt, und wir Armen
Haben nichts einzulegen mehr als die Ehre * , . und auch die nicht
mehr lang,
II
Jungst las ich von den tibetanischen Hirten und sah auch diesbezug-
liche Bilder
Eines Lebens in Einfachheit, Einsamkeit, ohne Arbeitsbeschaffungs-
problem.
Freilich die Gegend ist kahl dort, reizloser, wilder,
Doch in ihrer Trostlosigkeit ehrlich und darum fast angenehm.
Man miiBte den Mut haben, hier den Dreck hinzuschmeiBen,
Fiinf, sechs Mann — Madels mit — , die gesamte Zivilisation
Liquidieren und mit den letzten beschaffbaren Mitteln abreisen,
In den Himalaya, in eine Welt ohne Stundenlohn.
Lotte im Lamm fell, Max in Lappen, wie au! den Bildern:
Vielleicht war man froher — freier bestimmt — armer kaum.
Die sogenannte Kultur zu vergessen: das Gluck laBt sich nicht
schildern . , ,
Leider bleibt dergleichen immer nur Wunschbild und Traum.
239
Theater in der Sowjet-Union von Erwia Kaiser
^Tf er heute aus Moskau kommt, wird mit der gleichen leiden-
schaftlichen Neugier ausgeffagt, mit der wahrscheinlich
friiher ein Mensch ausgefragt wurde, der aus Amerika zuriick-
kam. Die neue Welt, damals im Westen, liegt heut im Osten.
Und die Grenze der Sowjet-Union schneidet nicht nur durch
den Raum, sie schneidet durch das Menschliche selbst und alle
seine Formeri, Jeder ist Interessent. Auch der Theatermensch
hat Grund zu fragen. Er erlebt die offene Verwiistung seines
Produktionsmittels. Und wie steht es mit dem Theater „dru-
ben"? Existiert es? Wer geht hinein? Was spielt man? Wie
setzt es sich mit dem neuen Leben auseinander? Und was noch
mehr Fragen sind.
Zuerst; Ja( es existiert. Was mehr als alles verbliifft, ist
der Sturm auf das Theater. Abend fur Abend sind sie buch-
stablich bis auf den letzten Platz vol!. Dabei hat Moskau allein
wenigstens zwanzig ernstzunehmende Theater, das sind eben-
soviel wie Berlin hat; und doch leben in Berlin doppelt so viel
Menschen als in Moskau. Allerdings: es leben doppelt so viel
Menschen in Berlin, aber ins Theater kommt auf Grund des
Portemonnaies noch kein Zehritel von ihnen. Driiben ist der
Eintrittspreis fur niemanden, der arbeitet, ein Hindernis. Die
Theater sind durchwegs Eigentum des Staates, und er sieht in
ihnen nicht Einnahmequellen sondern Kulturzentren, an denen
alle teilhaben sollen. Wie im antiken Athen hat das Volk An-
spruch auf das Theater. So wendet sich der Verkauf der Platze
nicht ah den isolierten Einzelnen. Die Gewerkschaften, die
Kollektive, aller Art Arbeitsgemeinschaften — also das or-
ganisierte Volk — mieten Abend fur Abend die Theater fur
ihre Mitglieder, wobei das Kulturkomite, das jede einzelne
Werkgruppe besitzt, die differenzierteren Wiinsche und Be-
diirfnisse seiner Gruppe wahrnimmt. Ins Theater zu kommen,
ist nur schwierig fur den, der auBerhalb der Organisations
steht, so fur den Fremden. Aber, wie ich an mir erfahren
habe, kommt man ihm entgegen, wo es nur geht.
Das Volk nimmt nicht nur im auBern Sinn Besitz vom
Theater, Sondern auch von innen her. Entscheidend daftir
ist, daB das Schaffen des einzemen Theaters von vornherein,
vom ersten Beginn ab, zur Masse, fiir die es schafft, in Bezug
tritt. Es gibt ein Komite, das den Volkskommissariaten zu-
geordnet ist, das Repertkom, in dem die Vertreter der Organi-
sationen, Gewerkschaften, also Werktatige sitzen, dem die
Theater die Stiicke, die sie zu spielen beabsichtigen, vorlegen
und das priift, zulaBt, ablehnt, berat und sein letztes Wort
noch auf der Generalprobe sagt. Also eine Zensur? fahrt je-
mand nervos auf. Wean man will, ja. Aber dann nicht eine
Polizeizensur sondern ein Organ des Gemeinschaftswillens. Das
ist keine spitzfindige Nuancierung. Sondern dem Wesen nach
besteht ein Unterschied zwischen einer traditionellen Bevor-
mundung von oben her,, die vom Paragraphen, vom'schemati-
schen Begriff aus ihr Verbotsrecht ausiibt, und einer von unten
her aufgebauten Instanz, die durchaus nicht simpel erlaubt
240
und verbietet sondern ia produktiver Beratung sich mit ihrem
Objekt auseinandersetzt. Demokratische Instanz eines aller-
dings von cinem bestimmten Gedanken beseelten Demos. Wer
sich bekreuzigt und nach wie vor von dcr unbegrenzten Frei-
heit des Ktins tiers traumt, will er behaupten, daB unser Thea-
ter souverain sei? Auch unser Theater hat seinen Diktator,
bloB ist es nicht der Gedanke sondern der Kassenrapport Im
tibrigen: wer mit offenen Augen sieht, wie dort driiben ein
ganzes Volk in riesiger Front unterwegs ist auf eine neue Welt
zu, der begreift beinahe korperlich, idaB eine Kunst, die auBer-
halb des Gemeinschaftswollens tritt, in die Luft tritt; und daB
der Ernst der gewaltigea Bewegung, die Atmosphare des peni-
blen Gewissens, das sie geschaffen hat, jedem, dem es ernst
ist, zum Bediirfnis macht, iiber seine personliche Meinung
hinaus einen objektiven Halt zu haben,
Mit dieser ersten grundlegenden Kritik ist nun aber Stiick
und Auffiihrung nicht etwa ein fur allemal legitimiert. Sie un-
terliegen weiter dem lebendigen Urteil, Auch driiben gibt es
eine wertvolle Fachpresse. Aber zugleich setzt sich der Ge-
brauch durch, daB man nicht einfach nach der Premiere nach
Hause geht und es dem einsamen Manne am Redaktionstisch
iiberlafit, eine Meinung zu haben, sondern daB der Zuschauer
selbst zu Worte kommt, das heiBt: der Zuschauer ist nicht
bloB in den Parkettsessel geschmettertes, leidendes Objekt dei
Kunst sondern ihr wollender, aktiver Verbraucher. Es entwik-
kelt sich iiberdies eine literarische oder wenigstens schrift-
liche MeinungsauBerung aus der Masse heraus, deren Doku-
mente, falls sie irgend Wert haben, in der Wandzeitung, die
in -den Theatern aushangt, zur Veroffentlichung kommen. Ur-
teile von daher konnen unter Umstanden sehr reale Folgen
haben und zum Beispiel bis zur Absetzung eines Schauspielers
und Umbesetzung seiner Rolle gehen. Auf der andern Seite
ist das Theater nicht wehrlos. Bei uns tut es gut, einen Presse-
angriff einzustecken; es riskiert andernfalls, sich mit jemand
Wichtigem anzulegen und auf diese Weise das Geschaft voll-
ends zu ruinieren, Driiben, wo die Sache des Theaters aus
der Sphare des Geschaftlichen heraus und in die Sphare des
reinen Gedankenstreites geriickt ist (es mag noch so viel Per-
sonliches mitschwingen), ist es nichts Ungewohntes, daB ein
Theater zur offentlichen Auseinandersetzung aufruft und sich
verteidigt und erklart. Quintessenz: das Theater driiben ge-
langt iiber das bloBe Verkaufs- und Konsumverhaltnis zwi-
schen Biihne und Zuschauer hinaus zu einem neuen, produk-
tiven. Einen schonen Beweis fiir das Geftihl, daB Diesseits
und Jenseits der Rampe zusammengehort, konnte man im letz-
ten Winter haben, als das Theater des friih verstorbenen Re-
gisseurs Wachtangoff sein zehnjahriges Bestehen feierte. Man
spielte die „Prinzessin Turandot", eine seiner fundamentalen
Inszenierungen, hatte aber die Komodie zu einer Montage der
gesamten zehnjahrigen Arbeit der Biihne erweitert; und ver-
flochten mit dem Spiel, eingefiihrt von den lustigen Figuren,
traten Deputationen von iiberallher auf, aus der Stadt und
vom Land, aus den Fabriken, den Betrieben, aus einem sibi-
rischen Bauernkollektiv, aus der RotenArmee, aus den Thea-
241
tern auf, urn ein Wort des Gedachtnisses und des Dankes an
das Theater zu richten,
Eine solche Feier macht einen nachdenklich. Wo ware
eine Huldigung fur zehn Jahre Theater bei uns moglich? Das
heiBt, welches Theater konnte zehn Jahre hindurch kontinu-
ierliche Arbeit tun, so daB etwas wie ein Hausgenius entstand,
dem man huldigen konnte? Alle Theater bei uns sind nicht
mehr als Durchgangsstationen. Driiben ist jedes Theater ein
Individuum mit spezifischem Formwillen, mit unverwechsel-
barem Gesicht. Auch bei uns gibt es Regiepersonlichkeiten;
aber keine, auch ein Mann wic Reinhardt nicht, konnte eine
besondere Form von einigem Bestand entwickeln und sie in
einem Ensemble objektivieren, Schon heut ist, was er ge-
macht hat, in alle Winde zerstoben. Aber das Theater Sta-
nislawskis, schon vor fiinfundzwanzig Jahren eine Hohe euro-
paischer Kunst iiberhaupt, arbeitet heute noch in unantast-
barer Meisterschaft. Ja hat, iiber die eigne Grenze hinaus,
Schule gemacht. Organisch, stetig sind aus seiner Form neue
Formen gewachsen: Wachtangoff, Tairoff, Meyerhold,} Gra-
nowski, urn nur ein paar Namen zu nennen; hinter jedem Na-
men steht eine eigne Ausdruckswelt, ,,Die Kunst" konnte sich
entwickeln. Bei uns, wo sie in immer neuen Ansatzen im-
provisiert werden mufite, lauft sie Gefahr zu verdorren, und
die Personlichkeiten verpulvern sich, weil sie sich nicht mate-
riell fixieren konnen, Driiben steht die materielle Existenz
eines Theaters nicht in Frage. Wenn es sie auch im wesent-
lichen aus sich selbst herauswirtschaften muB: es ist durch den
Staat gesichert. Sein oder Nichtsein hangt nicht vom Erfolg
eines Stiickes ab, Jedes Theater ruht auf einem festen Re-
pertoire. Aber dafur ist Voraussetzung ein festes Ensemble.
Und dies feste Ensemble ist die Grundursache des russischen
Theaterniveaus und seiner charaktervollen Vielfalt. Wenn bei
uns der Schauspieler schon seit langem fluktuiert, heute dem,
morgen dem gehort und im Grunde keinem; driiben wachsen
die Schauspieler zu unaufloslichen Gemeinschaften zusammen,
Instrumente eines zentralen Willens, mit dem Vorteil jedes
Ensembles; Qualitat bis in die kleinste Rolle und erganzen
sich aus eignen Schulen. Der Schauspieler wird hier so gut
oder so schlecht bezahlt wie jeder Mensch, der arbeitet. Drei
Schauspieler in Moskau; Moskwin, Katschalow, die Knipper-
Tschechowa haben die Ehre „Volksschauspieler" zu heiBen
und bekommen eine Vorzugsgage. Aui alle Falle weiB jeder,
wovon er leben soil. Er fiigt sich in den allgemeinen Stan-
dard ein. Der lyrische Tenor der groBen Oper in Moskau
schlendert am Ufer des Schwarzen Meeres in einem Liister-
jackchen, wie es kein kleiner Bureauangestellter bei uns zum
Spazierengehen anziehen wiirde. Trotzdenii ist er, wer er
ist; und wenn er auf einem braunen Felseh sitzend eine Arie
vorsingt, singt er sie wunderschon. Hier mochte ich gern ein
paar Worte loswerden, die ein Schauspieler in Moskau einmal
zu mir sagte, weil sie — so unscheinbar sie sind — ein wenig
aussprechen, wie die Schauspieler iiberhaupt driiben denken.
Es war in einem Filmatelier, wo wir beide zu tun hatten.
f,Sehen Sie", sagte er behutsam in einem ein biBchen gebroche-
242
nen Deutsch, „wir wissen, daB wir alle hicr zusantmeiigehoren.
Zu einer Sache. Heut Morgen zum Beispiel babe ich schon urn
9 Uhr Invaliden etwas vortragen miissen. Unser Theater ist
spat nachts zu Ende; das Aufstehen war nicht leicht Ich
will Ihnen aber sagen, ich bin sehr zufrieden, daB ich schon
um 9 Uhr notig bin..." Gebraucht werden, keine Luxus-
pflanze sein; unerfiillter Traum der Schauspieler bei uns, so-
weit sie iiberhaupt noch Traume haben.
SchluB Mgt
KurZWaren von Rudolf Arnheim
Cs kann im politischen Tageskampf nutzlich sein, Freiheit zu for-
1-1 dernf wenn man nur Befreiung will. Bei sich selbst aber sollte
man inuner ganz klar wissen, was gemeint ist und was nicht. ■■
*
Bei den Kritikern wiederholt sich die Tr a go die der reichen
Erbinnen: sie wissen nie, ob sie um ihrer selbst oder nur um der zwei-
ten Freikarte willen geliebt werden.
Man kann nicht den Bayern ihre Eigenbrotelei vorwerfen und zu-
gleich auBenpolitisch ftir eine Autarkie Deutschlands eintreten. Wer
sich als Europaer partikularistisch gebardet, kann nicht im eignen
Lande das Weltbiirgertum predigen.
Kitsch lafit sich nicht mit der kalten Hand entwerfen, Echter
Kitsch entsteht nur, wo einer mit dem heiligen Gelobnis, groBe Kunst
zu schaffen, ans Werk geht.
*
Lustig, daB die Merischen sich, notgedrungen, ausziehen, wenn sie
lieben wo 11 en. Wirkt wie das Eingestandnis eines Atavismus, eines
Riickfalls in nackte Urzeiten.
*
Moglichst wenig Fremdworter verwenden, aber von dieser Ent-
haltsamkeit soil der Leser nichts merken. Das ganze Geheimnis eines
bildkraftigen, sauberen Stils kann darauf beruhen, daB einer auch ftir
stark begriffliche Darlegungen die deutschen Worter verwendet, bei
denen ja — viel unmittelbarer als bei den Fremdwortern, deren Wur-
zeln wir uns erst durcb Ubersetzung bloBlegen miissen — die sinn-
liche Urbedeutung sichtbar durch die Metapher hindurchscheint.
Schauderhaft aber ist die einherstelzende, frischgestarkte Kunst-
sprache vereidigter Deutschtumler.
*
Man muB es sich leisten konnen, bescheiden zu sein,
*
Manche Marxisten sagen, daB der Himmel deshalb blau sei, weil
«r sich fiirchte, rot zu sein.
*
Was gut geschrieben ist, enthalt mehr Wahrheit, als der Verfasser
hineinzuschreiben glaubte. Schonste Bestatigung ftir den Schrift-
steller: wenn der eigne Text ihn iiberraschend unterrichtet.
*
Sich telepathenhait gut verstehen, jeden Augenblick genau wissen,
was der andre denkt, das paBt ausgezeichnet fur mittelgroBe Zartlich-
243
keit und fur schwarmerische Freundschaften zwischen Frauen. Fur
die echte Liebe aber ist ziemlich viel Fremdbeit notig.
*
Icb versank in Tiefsinn tiber einen Satz aus dem Horspiel
„ Anabasis":
„Ware das Meer nicbt, konnten die Menschen nicht von einem
Land zu dem andern Land gel an gen."
*
Was in seinem Hirn alles herumfliegt! Man sollte ihm eine In-
jektion mit der Flit-Spritze macben.
*
Er wird immer Gluck haben, daB weiO man. Nur fragt sich, wie
groO das Ungluck sein wird, in dem sein Gluck sich bewahren muB,
Spaziergang nach einer Enttauschung
von Erich Kastner
r^a hatte mich also wieder einmal
*"^ eine der hausschlachtenen Ohrfeigen ereilt,
die das zu diesem Zweck gegriindete Scbicksal
in beliebiger Windstarke und.Zahl
an die Umstehenden gratis verteilt.
Na schon. Der Weg des Lebens ist wellig,
Man soil die Steigungen nicbt nocb steigern,
Es war wieder mal eine Ohrfeige fallig.
Ich konnte die Annahme schlecht verweigern.
So ein Schlag ins vergnugte Gesicht
klingt fur den, der ihn kriegt, naturlich sebr laut,
weil das Schicksal mit Liebe zur Sacbe zuhaut,
Todlicb sind diese Obrfeigen wiederum nicht.
Den Mensch ist entsprechend, stabil gebaut.
Jedoch, wenn ich den See betrachte
und die schneeweifi gedeckten Berge daneben,
^ muB icb denkenf was ich schon haufig dachte:
Diese Art Ohrfeigen brauchte es nicht zu geben.
Da rennt man nun die Natur entlang
und ist froh, daB man Keinem begegnet.
Die Vogel veriiben Chorgesang.
Die Sonne scheint im Uberschwang.
Aber innen hats ziemlich geregnet.
Die Glockenblumen nicken verstandig.
Eine Biene kratzt sich ernst hinterm Ohr,
Und der Wind und die Wellen spielen vierhandig
die Sonnenscheinsonate vor
Das Schicksal wird mich noch ofter affen,
und schlagen, wie es mich heute schlug.
Vielleicbt wird man wirklich durch Scbaden klug?
Mich mtissen noch viele Schlage treffen,
bevor mich der Schlag trifftl Und damit genug.
244
DflS Gold von Joseph Caillanx
J a, die Zeit hat sich verandert: das Gold, das vor weniger
als zwanzig Jahrcn noch freudig in den Taschen klimperte,
das mit hellem Klang auf den Kassentischen der Geschafte
oder auf dera griinen Tuch der Spielklubs herumhiipfte, ist
ganz und gar verschwunden. Es verbirgt sich in den Tresors
der Banken. Stiinde Shakespeare auf, so muBte er die scho-
nen Verse streichen, die sein Romeo spricht, als er beim Apo-
theker von Mantua Gift fiir Gold kauft: flEin schiimmeres Gift
fiir Menschenseelen ..."
Das Gold gehort jetzt den Volkswirten, die'lange Betrach-
tungen anstellen iiber die Vor- und Nachteile des Metalls, das
durch ihre Sorgen mit der absoluten Konigswiirde im Geld-
reich ausgestattet wurde.
Ein allzu gebieterischer Herr, sagen einige von denen, die
nicht bereit sind, ihre Knie vor dem Gott zu beugen, der den*
Bticken der Sterblichen entriickt ist Er trieb seinen Despo-
tismus so weit, daB er schlieBlich sich selbst schadete. Um
ohne Partner zu herrschen, brachte er das Silber zum Sturz,
das von einem Drittel der Erdbewohner verehrt wird, Er tat
dies im Glauben, seine Herrschaft zu starken; in Wirklichkeit
schwachte er sie,
Ist das Gold iiberhaupt noch fahig, die Funktion zu er-
fiillen, die ihm zukommt? — r diese Frage wird von vielen er-
hoben. Bezeugt nicht die Tatsache, daB es aus dem Umlauf
praktisch ausgeschaltet ist,' seine Ohnmacht? Besitzt es noch
in den Kellern, wohin es gefliichtet, eine geniigende Tragfahig-
keit, um die Papierpyramiden zu stiitzen, die es im Umlauf
ersetzen?
Mit andern W or ten: Ist Gold in geniigender Menge vor-
handen, um den monetaren Bedurfnissen der Welt zu ent-
sprechen? Ein hervorragender Volkswirt, Alfred Lansburgh,
hat seine Gedanken hieriiber im folgenden Satz zusammen-
gefafit: „Es ist unmoglich, von einem Goldmangel zu sprechen;
es handelt sich vielmehr um eine Bankpolitik, die auf die Zu-
nahme der Goldresefven keine Riicksicht genommen hat'*
Finanzsachverstandige und Geschaftsleute hohen Rufes griffen
diese Formel auf und entwickelten sie weiter, Ihrer Ansicht
nach ist die offenkundige Schwache gewisser Wahrungen dar-
auf zuriickzufiihren, daB das Gold nicht gleichmaBig verteilt
ist. Von diesem Satze ausgehend, schieben sie die Schuld je-
nen groBen Notenbanken, namentlich der Bank von Frankreich,
in die Schuhe, die einen groBen Teil des wertvollen Metalls.
fiir sich be ha It en hat. Sie beschuldigen die Bank, sie beschuldi-
gen uns damit, dsS wir einen „Goldkrieg" f iihren. Sie stellen
die These auf, dafi Frankreich der Welt imponieren, Europa
durch die groBen Metallmengen, die es zusammenscharrt, be-
herrschen will.
Diese Beschuldigung ist kindisch; es gehort wenig Muhe
dazu, sie zu entkraf ten, Ich wiirde selbst ungem bei diesem
Punkte verbleiben, wenn ich die Worte nicht beherzigte, die
ein .englischer Staatsmann^ vor einiger Zeit an mich gerichtet
245
hat: (1Ihr bcachtet zu wenig" — sagte er zu mir -~ Mdie Le-
genden, die man gegen euch auszuhecken sucht. Ihr gebt euch
zu wenig Miihe, die Gegenwart dieser Goldbarrea in eurem
Bankkeller zu rechtfertigen, auf die eure Rivalen vor den not-
leidenden Volkern stets hinweisen. Bedenkt doch die ver-
heerende Wirkung, die in einfachen Geistern ein Bild Frank-
reichs anrichten kann, das riicksichtslos das gelbe Metall zu-
sammenscharrt, urn dem alt en Kontinent, der ihm auf Gnade
und Ungnade ausgeliefert ist, politische und wirtschaftliche
Gesetze zu diktieren.11
Ich befolge dies en Rat, der mir gut erscheint, Ich ant-
worte unsern Gegnern, von denen ich annehme, daB sie gu-
ten Glaubens sind.
Warum stromt das Gold — eine unbestreitbare Tat-
sache — nach Frankreich?
Nun, bei Gott, es ist bereits oft genug gesagt worden, daB
*zur Stunde unser Land der einzige GroBstaat ist, dessen Geld
voiles Vertraueh einfloBt, Die Goldproduzenten und Gold-
besitzer bringen also das Metall, das sie verkaufen wollen,
nach dem Platze, wo man ihnen dafiir Papierbilletts gibt, die
ihnen ein Maximum an Sicherheit zu bieten scheinen. AuBer-
dem gibt es viele auslandische Kapitalisten, die, aus Furcht
vor politischen Wirren in ihrem eignen Lande, ihre Guthaben
gern nach einem Lande hinuberretten, das ihnen als eine Insel
der Sicherheit erscheint.
Was konnen wir gegen diese Bewegung tun? Unser No-
teninstitut ist durch Gesetz verpflichtet, Gold, das ihm an-
geboten wird, gegen Noten auszutauschen. Eine natiirliche,
einfache Bestimmung. Wenn ein Goldbesitzer, dem es daran
liegt, sein Metall gegen kein andres Papier als die Noten der
Bank von Frankreich herzugeben, eine ablehnende Antwort
erhielte, konnte er sehr leicht sich veranlaBt sehen, sein Gold
zu sterilisieren — woraus dann der Weltwirtschaft ernster
Schaden erwachsen wiirde.
Anstatt uns der Goldflut zu freuen, die sich auf diese
Weise iiber Frankreich ergieBt, beklagen wir uns vielmehr
dartiber. Ich bringe hier, wohlgemerkt, nur die Ansicht der
gutunterrichteten Leute zum Ausdruck, aber ich bin sicher,
daB keiner von diesen mir widersprechen wird. Die Gold-
ankaufe bewirken namlich eine Zunahme- des Notenumlaufs.
Das Anschwellen der Zahlungsmittelmenge miiBte eigentlich
eine allgemeine Preiserhohung nach sich Ziehen. Das Thesau-
rieren der Francnoten - — eine zugleich gliickliche und ungliick-
liche Erscheinung — verhindert eine Erhohung der Lebenshal-
tungskosten, die im hpchsten MaBe zu beklagen ware. Aber
der Ruckgang der Kleinhandelspreise, der in dieser Krisenzeit,
wo man auf der ganzen Linie eine Deflation anstreben muB,
mit alien Mitteln herbeigefuhrt werden solltef kann grade
wegen des Oberflusses an Zahlungsmitteln nicht verwirklicht
werden.
Wer einiges iiber Volkswirtschaft weiB, kann den Scha-
den ennessen, der ynserm Lande durch die Beibehaltung hoher
246
Marktpreise erwachst zu einer Zeit, wo dicse Prcise in unsern
Nachbar lander n in standigem Sinkcn begriffen sind.
Wie wcrden wir morgcn ihrer Konkurrenz standhalten?
So entledigt euch doch des Goldes, das euch driickt! ant-
wortet man uns, Es stchen euch zwei Mittcl zur Verfiigung:
erstens die Herabsetzung der Diskontrate, wodurch die kurz-
fristigen flottanten Kapitalien sich eintraglicheren Anlagen zu-
wenden wiirden, zweitens aber die Zeichnung von Ausland-
anleihen, deren Begebung Goldabztige aus Frankreich nach
sich ziehen wiirde.
Dies sind die Vorschlage, die man macht. Oft nehmen sie
die Form heftiger Beschworungen an, Man will im Auslande
nicht begreifen, warum wir zogern, diese ganz einiachen Me-
thoden anzuwenden. Tun wir * es nicht, so geschieht dies
zweifellos aus dem Gruride, weil wir — um den Ausdruck eines
osterreichischen Volkswirtes zu gebrauchen — einen ,,Gold-
krieg" ftihren,
Nicht im geringsten! Der wahre Grund besteht darin, daB
die Methoden, die Sie uns vorschlagen, undurchfuhrbar sind,
und zwar zum Teil durch Ihre Schuld. Horen Sie nur zu.
Wir sollen die Diskontrate senken, meinen Sie, Ausge-
zeichnet! WeiB man denn nicht zur Geniige, daB man in einer
Krise keine groBern Fehler begehen kann, als die Nutzmiete
des 'Geldes zu senken, da man durch dieses Vorgehen bloB die
Existenz schlecht ausgeriisteter Unternehmungen verlangert,
die im Interesse der Weltwirtschaft besser verschwinden soil-
ten? Das ware schon ein zureichender Grund, glaube ich, Es
gibt auch einen andern, der besonders fiir unser Land giltf
und den man meines Wissens bis ijetzt nicht geltend gemacht
hat. Die Fonds unsrer Sparkassen sind namlich durch die Zen-
tralkasse, der sie anvertraut sind (die Caisse des Depots et
Consignations), so glucklich angelegt worden, daB denEin-
legern dieser Institute ein Zins von 3,5 Prozent vergiitet wer-
den kann, Dieser ZinsfuB ist iibertrieben hoch, das gebe ich zu,
Doch was kann man dagegen tun? Er ist eine Folge gluck-
Iichen Gebarens. Keine Subvention irgendeiner Art tragt zu
seiner Hohe bei, Obwohl der maximale Sparbetrag mit 20 000
Francs (also mit 4000 Goldlrancs) festgesetzt ist, betragt der
Gesamtfonds der Sparkassen infolge der gleichmaBigen Ver-
mogensverteilung in unserm Lande mehr als 50 Milliarden —
und da dieser Betrag einzig in Immobilien, in Staatspapieren
oder staatlich garantierten Obligationen angelegt werden kanr-
ist er der Produktion ganzlich entzogen.
Sobald die Bank von Frankreich ihre Diskontrate senkt,
werden die Kreditinstitute gezwungen, das gleiche zu tun, und
ein Teil der bei ihnen deponierten Betrage wird sich sofort in
Spareinlagen verwandeln und sich somit dem Handel und der
Industrie ehtziehen, wodurch die Krise nur verscharft wird,
Sind Sie nun im Bilde, mein geschatzter Kritiker?
Aber ich hore Ihre Antwort: „Nun denn, wendet also die
zweite Methode an, die euch vorgeschlagen wird, und die auch
247
ohnehin mchr taugt als die erste. Handelt wicder so .wie vor
dem Kricge. VeranlaBt euer Publikum, Auslandsanleihen zu
zeichnen."
, Wir selbst wiinschen uns nichts Besseres. Aber . . . es gibt
ein Aber. Gegenwartig konnen wir keine Auslandstitres an-
bringen, weil unsre Klein- und Mittelsparer, die, wie man
weiB, neunzig Prozent des franzosischen Barvermogens be-
sitzen, die schmerzliche Erinnerung an die schweren Enttau-
schungen, die sie erleben muBten, noch immer nicht los sind.
1st es erlaubt, daran zu erinnern, daB die Portefeuilles der
franzosischen Kapitalisten im Jahre 1914 von russischen, oster-
reichischen ungarischen, tiirkischen, bulgarischen und andern
Staatspapieren strotzten? Was sind jetzt diese Papiere wert?
Ich will diese Frage nur schwach andeuten.
,,Sogar eine verbrannte Katze fiirchtet das kalte Wasser" —
sagt der Volksmund bei uns. Der franzosische Sparer ist eine
Katze, die sich die Schnauze arg verbriiht hat.
Ich sehe nur eine Moglichkeit, urn ihm wieder den Ge-
schmack der Auslandstitres beizubringen: man muB ihm euro-
paische Titres anbieten, Ich stelle mir das etwa auf folgende
Art vor:
Ich habe bereits bei verschiedenen Anlassen ausgefiihrt,
daB die Volker des alten Kontinents sich einmal zusammen-
tun sollten, um gemeinsarh groBangelegte Wirtschaftsaktionen
durchzufiihren; zur Finanzierung dieser Aktionen miiBte dann
das groBe Buch der europaischen Schuld aufgeschlagen werden.
Ein Heilmittel fur die Zukunft, wenn sich bereits die politische
Entspannung, die wir herb ei wiinschen, in Europa ausgewirkt
haben wird.
Heute kann man nichts andres tun als sich den irrationellen
Spriingen des Goldes anpassen, das ein Land verlaBt, ein
andres aufsucht, um in kurzer Zeit sich wieder anderswohin
zu begeben. Ich bin ganz sicher, daB wir binnen kurzem neue
Wanderungen des gelben Metalls erleben werden.
Ubrigens ist die Frage der Goldverteilung von ganz
untergeordneter Bedeutung. Sie stellt einen nebensachlichen
Aspekt des groBen monetaren Problems dar, das ich eihgangs
beriihrt habe, und auf das ich in diesem Zusammenhange nicht
naher eingehen kann; heute muB der Hinweis geniigen, daB
diese Frage auBerst komplexer Natur ist.
Zll diesen NaziS von Friedrich Holderlin
17 il, o zaudernde Zeit, sie ans Ungereimte zu fiihren,
DaB sie sehen, wie so ganz unverstandig sie sind!
Eile, verderbe sie ganz, und fiihr ans furchtbare Nichts sie!
Anders glauben sie dir nief wie verdorben sie sind.
Diese Thoren bekehren sich nie, wenn ihnen nicht schwindelt.
Diese wandeln sich nie1 wenn sie Vcrwesung nicht sehn.
Aus den Epigrammen
248
Wochenschau des Ruckschritts
— Da die bayerische Regierung sich geweigert hat, Waffen-
scheine fur Adolf Hitlers Leibgarde auszustellen, sollen diese Scheme
den betreffenden Leuten bei einem Besuch in Oldenburg ausgehandigt
werden.
— Der oldenburgische Ministerprasident hat seiie SA-Hilfs-
polizei wieder entlassen mit der Weisung, in ihren Heimatorteri den
Schutz des Eigentums zu ubernehmen. Der .Angriff teilt dazu mit,
dalJ die betreffenden SA-Manner aus der Partei ausgeschieden seien,
f,sodaB sie keinerlei Bindungen mehr zu ihr besitzen".
— Nach einem BeschluB des mecklenburgischen Landtags wird
wahrend der Sitzungen das Landtagsgebaude neben der Reichsflagge
mit der Hakenkreuzfahne geschmfickt,
— Oberstaatsanwalt Frhr, v. Steinacker bekennt sich als Nazi
und leitartikelt im ,Angriff — offenbar um einen Tatbeweis gegen
den preuBischen Nazifiihrer Kube zu erbringen, der im Landtag ge-
wisse Staatsanwalte als „Lumpen" und „Giftkroten" bezeichnet hatte.
— Die im Zusammenhang mit der Aktion der ehemaligen preuBi-
schen Regierung gegen die SA eingeleiteten Hoch- und Landesverrats-
verfahren sind vom Oberreichsanwalt eingestellt worden,
— Die Feuerwehr von Alzenau (Mittelschlesien) weigerte sich,
den an das Haus eines Republikaners angel eg ten Brand zu loschen.
— Bei einer Veranstaltung der Vereinigung preufiischer Polizei-
offiziere sprach nach dem preuBIschen Regierungskommissar Bracht
der nationalsozialistische Landtagsprasident KerrL
— Ftinfzig Polizeibeamte in Uniform wa'reD an einem Kamerad-
schaftsabend der SA-Unterfuhrer Berlin-West anwesend und be-
teiligten sich zum SchluB der Versammlung in geschlossener For-
mation am Vorbeimarsch vor dem Grafen Helldorf.
— In Braunschweig wurde der sozialdemokratische Redakteur
Salge zu vierzehn Monaten Gefangnis verurteilt. Er hatte in einer
Versammlung mit scharfen Worten gegen den Mord an einem Reichs-
bannermann protestiert, worauf ihm vorgeworfen wurde, intellek-
tueller Urheber eines politisch«n ZusammenstoBes zu sein.
— Die Bestimmungen fiber den Vollzug der Festungshaft wur-
den wesentlich verscharft; die Gefangenen haben keinen unbeauf-
sichtigten Stadtausgang mehr und mtissen sich mindestens sechs
Stunden am Tage in verschlossenen Haftraumen beschaftigen.
— Zwischen -der kommissarischen PreuBenregierung und den
evangelischen Kirchen Preufiens ist eine Vereinbarung getroffen
worden, wonach diesen an alien Schulen PreuBens die Moglichkeit
gegeben wird, ,rdurch Beauftragte, in der Regel staatliche Aufsichts-
beamte, ausnahmsweise Leiter oder Lehrer offentlicher Schulen, die
das Vertrauen der Lehrerschaft genieBen, den Religionsunterricht
besuchen zu lassen".
— Reichskommissar Bracht reinigt das StraBenbild und das Bade-
bild durch Bekleidungsvorschriften.
— < Der vor einiger Zeit zur NSDAP iibergetretene Ministerial rat
Scholz hat seine Ernennung als politischer Kommissar des Rundfunks
erhalten, Seine erste Amtshandlung bestand in der Abschiebung des
berliner Funkintendanten Hans Flesch.
— Staatssekretar Grieser sprach im Rundfunk fiber „Die Durch-
fuhrung des freiwilligen Arbeitsdienstes". Der Vortrag wurde von
alien deutschen Sendern iibernommen. Die nationalsozialistische Ka-
pelle Fuhsel gab im berliner Rundfunk ein Blasorchesterkonzert.
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen.
249
Bemerkungen
Heldenplelte
Yjf/ir leben jetzt in einer Epocho
" der Helden und der Heiden-
verehrung. Wann dicse groBe Zeit
anfing, ist schwer zu sagen. Viel-
leicht als aus Eberts Vornamen
Fritz plotzlich Friedrich wurde,
vielleicht als Schmeling Weltmei-
stcr und damit Munser Maxe"
wurde, vielleicht auch erst, als
demokratische Zeitungen sich fiir
Hindenburgs Wiederwahl begei-
sterten, weil er der Sieger von
Tannenberg sei, Sicher ist nur,
daB die heroische" Geistesrichtung
kein Uberbleibsel des Weltkrie-
ges ist; als an der Front der Tod
und in der Heimat der Hunger
umging, hatten alle sehr bald vom
Heldentum genug, die Helden
selbst, die sich nur als Opfefr
fiihlten, am allermeisten.
Der Bedarf an Heldenvereh-
rung zeigte sich erst, als eine
neue Generation herangewachsen
war, die den Krieg nicht mehr
gesehen hatte. Da in der all-
gemeinen Pleite alles zusammen-
brach, wo ran man frtiher glauben
durfte, die alten Ideale, die alten
Vermogen und selbst die Mog-
lichkeit, Karriere zu machen, ent-
stand als Ersatz die Sehnsucht
nach den starken Mannern, den
Rettern und Befreiern. Ach, es
ist immer der Ersatz, der bei uns
triumphiert ; man konnte Bande
iiber seine Bedeutung in Deutsch-
land schreiben.
Die Nachfrage bestimmte das
Angebot. Die Nation brach auf,
um Helden zu suchen, und gleich
waren Helden in Massen da. Uni-
formtrager und Politiker, Film-
stars und Athleten, Fliegerinnen
und Tenore, Erfinder und Schon-.
heitskoniginnen wurden als Hel-
den hingestellt und hingenommen.
Die meisten waren nur Helden-
ersatz, gewifl, aber der? Bedarf
mufite eben gedeckt werden,
Vor allem im Sport gab es eine
Heldenhausse, die das deutsche
Volk iiber die Verminderung aller
iibrigen Leistungen und Geniisse
trosten konnte. Nun j a, die Ge-
schafte gingen schlecht, die Lohne
250
wurden abgebaut, die Unterstiit-
zungssatze gekiirzt, aber „wir"
hielten den Weltrekord im Kugel-
stoBen und Damenfechten, „wir"
waren Meister im Boxen tiber
alle Klassen, „wir" kamen bei-
nahe in die SchluBrunde um
den Davis-Cup, Und zur-Olym-
piade nach Los Angeles verfrach-
teten wir die prasumptiven Sie-
ger gleich dutzendweise, das Stuck
zu dreitausend Mark.
Die Autarkisten befurchteten
schon, wir wurden Lorbeer im-
portieren miissen, jedoch die von
den Weisen von Zion geleitete
Krise macht nicht einmal vor der
deutschen Heldenproduktion halt,
Oder ist es die Uberproduktion,
die das in unsre Helden gesteckte
Kapital nun als Fehlinvestierung
enthiillt? Jedenfalls ist es uns
mit unsern Helden nicht besser
ergangen als mit andern Dingen,
auf die wir so stolz waren,
Heldenpleitel Und nun Helden -
dammerung? Durchaus nicht.
Wir Deutschen lassen uns unsre
Helden nicht rauben, weder im
Sport noch in andern Sparten.
Unser Ersatz ist immer noch bes-
ser als fremde Originale, und
wenn eine Sache schief geht, ha-
ben stets andre daran schuld.
Wir haben hochstens Pech.
Wir haben den Krieg yerloren,
freilich, aber im Felde sind wir
unbesiegt geblieben. Schmeling
hat die Weltmeisterschaft ab-
geben miissen, aber eigentlich hat
er gesiegt, nur die Schiedsrichter
waren deutschfeindlich. Carac-
ciola fahrt nicht mehr auf deut-
schen Wagen, aber er bleibt unser
Caratsch. Im Kampf um den
Davis- Cup sind wir nicht in die
letzte Runde gekommen, aber
„der Sieg war greifbar nahe", wie
eine Zeitung schrieb, die iiber
diesen Satz sonst zu spotten
pflegt. Zwei farbige Amerikaner
liefen besser als Jonath, aber der
Deutsche ist der schnellste WeiBe,
und Neger und Juden zahlen be-
kanntlich nicht. Im iibrigen
taugte die Organisation in Los
Angeles nichts, das Essen bekam
unsern Leuten schlecht, und die
Aufregung machte sic nervbs.
Wetten, dafi auch die Dolch-
stofilegende bald auftauchen
wird?
Wozu iiberhaupt freier Wett-
kampf ? Helden miissen Erf olg
haben, damit man ihnen die Treue
halten kann. Undl die Treue ist
das Mark der Ehre. Da wir aber
Helden brauchen, ist es sinnlos,
ihren Ruhm zu gefahrden.
Deutsch sein heifit autark sein!
Treiben wir Wehrsport! Dann
ist nur der Vorgesetzte der bes-
sere Mann. Und wenri das
deutsche Volk erst eingesehen
haben wird, dafi seine Vorgesetz-
ten seine Helden sind, wird die
Nation, frei von alien fremden
Einflussen, die ihr von ihren auf-
bauwilligen Kraften gewiesene ge-
schichtliche Aufgabe erfullen.
Hanns-Erich Kaminski
Wer betrugt . . .
wenn Hitler regiert?
pjie ,DAZ* schrieb wahrend der
*-^ Verhandlungen liber den Ein-
tritt der Nationalsozialisten in
die Regierung ebenso' respektvoll
wie frostig: „Sicher hat Herr Hit-
ler die politische Aufgabe, die
ihm bisher gestellt war, glanzend
gelost; und es ist subjektiv be-
greiflich, dafi er, von seinen Par-
teifreunden angetrieben und von
dem Beifall seiner Anhanger be-
rauscht, sich auch die Kraft zu-
traut, die Widerstande zu iiber-
winden, die ihn als Kanzler er-
warten wurden/' Die Befurch-
tungen, die von den Leuten um
Papen, Hugenberg und Dingeldey
fur den Fall der Kanzlerschaft
Hitlers gehegt wurden, sind klar
genug: entweder bleibt Hitler sei-
nen Grundsatzen treu, dann
nimmt die Wirtschaft Schaden,
oder er verleugnet das Programm
seiner Partei, dann ist die ganze
Rechte blamiert und aus der „auf-
strebenden" wird sehr bald eine
riicklaufige Bewegung.
„Das Staats- und Wirtschafts-
programm der Nationalsozialisti-
schen Deutschen Arbeiter-Partei"
soil unabanderlich sein. Feders
Schrift „Der deutsche Staat", in
der das Programm enthalten ist,
ist von Hitler selber als „natio-
nalsozialistischer Katechismus"
bezeichnet worden. Die Erfiillung
des Programms ware noch weit
schwieriger als sie tatsachlich ist,
wenn nicht einzelne Grundsatze
so unklar gehalten waren, dafi sie
durch die bisherige Kommentie-
rung bereits ihres eigentlichen
Sinnes entkleidet werden konn-
ten.
So lautet Punkt 10 des Pro-
gramms f,Alle Deutschen bilden
eine Werksgemeinschaft zur For-
derung der allgemeinen Wohlfahrt
und Kultur", Die Werksgemein-
schaft wird in Punkt 11 als „A11-
gemeine Arbeitspflicht" erlautert.
Um etwaige Angstgefiihle hoher
Gonner zu zerstoren^ erklart Fe-
der hierbei ausdrucklich, dafi die
Arbeitspflicht weder den bolsche-
wistischen Arbeitszwang noch den
Arbeitsdienst der Jugendlichen
darstellt, was Arbeitspflicht wirk-
lich ist, erklart er allerdings
nicht.
Schwieriger ist es schon fur
die nationalsozialistische Wirt-
schaftspolitik, den Punkt 13 des
Programms zu erfullen. „Riesen-
betriebe (Konzerne, Syndikats,
Trusts) werden bekampft." Ab-
gesehen davon, dafi ein Staat
wirtschaftliche Institutionen nur
bilden oder aufldsen, aber niemals
bekampfen kann, weifi man nicht,
was Feder iiberhaupt unter dem
Konzern versteht. In Privathand
will er namlich nur Werke Ias-
\yer sich mit irgend einem Verzicht auf saftige Erdenfreude
vv abspeisen lafit und vor Eigengestaltung seines Lebens
fflrchtet, ist nicht im Stande, die Ratschlage der Bflcher von
B6 Yin Ra* zu benutzen. Sie wenden sich nicht an Kopfhfinger,
sondern an aufrechte Menschen. Das zuletzt erschienerie Werk
hat den Titel , ,Der Wee meiner Schuler" und ist in jeder Buch-
handlung erhmtlich. Preis RM. 6.—. Kobef sche Verlags-
buchhandlung (gegr. 1816), Basel-Leipzig.
251
sen, die sich noch im Bcsitz ihrer
Schopfer befinden, (Als Bei-
spiele werden Krupp, Mannes-
mann und Thyssen angeftihrt.)
Damit den Nationalsozialisten bei
ihrer Konzernbekampfung nicht
, etwa Fehler unterlaufen, seien
sie darauf aufmerksam gemacht,
daB sich weder im Vorstand noch
im Aufsichtsrat der Mannesmann-
Werke eine einzige Personlichkeit
dieses Namens befindet und daB
Fritz Thyssen, der Forderer der
nationalsozialistischen Bewegung,
seine Betriebe bereits 1926 in die
Vereinigten * Stahlwerke ein-
gebracht und sich damit auch
vom „schaffenden" zum „ raff en-
den*' Kapitalisten entwickelt hat.
Eine besondre Freude werden
die ostelbischen GroBgrundbesit-
zer in Punkt 38 des nationalsozia-
listischen Programms erleben,
tlHeimfall von Grund und Boden
an den Staat im Falle liederlicher
Bewirtschaftung" — ist das nicht
ein radikalerer Agrarbolschewis-
mus als Brunings Siedlungs-Pro-
gramm?
Als dringendste Aufgabe gilt
der nationalsozialistischen Bewe-
gung die Brechung der . Zins-
knechtschaft. Soweit es sich um
die Enteignung der Bank- und
Borsenftirsten handelt, die in
einem Antrage der Fraktion vom
Herbst 1930 gefordert wurde, ist
die Entwicklung den National-
sozialisten bereits zuvorgekom-
men. Die Bank- und Borsenftir-
sten haben sich zum groBen Teil
bereits selbst enteignet. Weil nun
mit der Zinsknechtschaft endgiil-
tig gebrochen werden muB, sollen
fur die Finanzierung des natio-
nalsozialistischen Arbeitsbeschaf-
fungs-Programms (Punkt 18}
Sjtaatskassenscheine ausgegeben
werden* Feder begreift durchaus
nicht, warum offentliche Aufgaben
durch zinspflichtige Anleihen
finanziert werden mtissen, wo
doch fiir diese Z we eke Bank-
noten ausgegeben werden konnen,
Der Unterschied zwischen An-
leihen und Noten besteht aller-
dings nicht nur in der Verzin-
sung sondern auch in der Ein-
losung, die bei der Banknote je-
derzeit, bei der Anleihe nur zum
Kundigungstermin erfolgen kann.
252
Eine Wahrungspolitik auf der
von Feder gezeichneten Grundlage
ist auch dann inflationistisch,
wenn ausdriicklich das Festhal-
ten an einer „stabilen Wahrung
auf gedeckter Grundlage" ver-
lan^t wird. Die neue Hitler-
Mark mag durch den gesamten
Grundbesitz des Deutschen
Reiches noch so vollstandig ge-
deckt sein: wenn diese Deckung
nicht mobilisiert werden kann und
fiir neue Investitionen stets neue
Noten gegeben werden, danni ha-
ben wir doch die schonste Infla-
tion. Wann werden die Sparer,
die unter der Adresse „Gebt Hit-
ler die Macht" einen Blankoscheck
auf das Dritte Reich ausgestellt
haben,. erkennen, wie sie sich
selbst enteignen? Um auch den
Konsumenten entgegenzukommen,
muB Hitler allerdings nach
Punkt 2.1 des Programms die in-
direkten Steuern aufheben. Da
naturlich im nationalsozialisti-
schen Staat eine gerechte Vertei-
lung der direkten Steuern statt-
finden soil, haben die reichen
Leute, denen dann die schwerste
Steuerlast zufallt, nichts zu
lachen. Die Produktion soil aber
gleichzeitig von einengenden
Steuern befreit werden, demgemaB
zahlt weder der Produzent noch
der Konsument. Wer zahlt also
die Steuern? Dank der Noten-
presse zahlt sie der verfluchte
Sparer, tfberhaupt haben die
Nationalsozialisten mit den Spa-
rern nicht viel im Sinn. Man soil
das Geld kunftig nicht sparen,
sondern lieber anlegen. Feder
empfiehlt „den Kauf oder die Er-
bauung eines Hauschens, den Er-
werb wertvoller Gegenstande, von
Sammlungen, von Biichern, Gemal-
den, von Hausrat, die Erweite-
rung und Verbesserung des Ge-
schaftsbetriebes, die Ausdehnung
der Warenvorrate etcetera." Also
der ganze Unfug der Inflations-
zeit; Klavier in der Bauern-
stube, Gemalde bei GroBschlach-
tern, sinnlose Investitionen und
Anhaufung von Warenvorraten
auf der einen, die Enteignung der
Sparer auf der andern Seite, all
das kehrt wieder in dem heiB er-
sehnten Hitler-Deutschland.
Bernhard Citron
Alte Kameraden
In dieten Tagen ist Slang, der nach
verbfiBter Haft *u einem kurzen Er-
hohragsauf enthalt an die Ostsee gefahren
war, einem Herzachlag erlegen. Diesen
Arttkel schickte una Slang vor einiger
2eit von der Festung.
P\er Wachtmeister brachte mir
*-' eine Einladung nach Aue zur
neunten Wiedersehensfeier des
ehemaligen Reserve-Feld-Artille-
rie-Regiments Nr. 24. Icb habe
es unterlassen, mir vom Ober-
reichsanwalt Urlaub aus der
Festungshaft zur Teilnahme an
dieser Feier zu erbitten, zweifle
aber nicbt daran, daB ich ihn be-
kommen hatte — wenn auch nur
zu dem Zwecke, urn nach meiner
Ruckkehr vom heitern Regiments-
feste in die dtistere Zelle wegen
Zersetzungsarbeit unter den An-
gehorigen des alten Heeres vor
ein neues Hochveriratsel gestellt
zu werden.
Es ist schade, dafi ich nicht da-
bei sein kann, beim Festkommers
im Hotel Stadtpark, wenn die
auer Stadtkapelle detoniert:
HDeutschlands Waffenehre", den
„Parademarsch des ehemaligen
Regiments" von Schubert, die
Phantasie iiber das Lied ,»Gute
Nachtf du mein herziges Kind",
den ^.Kaieerwalzer" von StirauB
und das vaterlandische Tonge-
malde „0 Deutschland hoch in
Ehren",
Wie gerne hatte icb auch die
Festansprache des Kameraden
Oberlehrer Lange gehortf Ein
Trost : Was er ungef ahr sagen
wird, entnehme ich dem der Ein-
ladung beigelegten, gedruckten
Bericht iiber „Die Weihe einer
Ehren- und Gedenktafei fiir das
ehemalige Kgl. Sachs. Reserve-
Feld-Artillerie-Regiment Nr. 24
bei der 6. Batterie Reichswehr-
Artillerie-Regiment Nr. 4 in
Bautzen".
Dort hat in der Reichswehr-
kaserne vor der gesamten Batterie
kein geringerer als der General-
major a. D. Blochmann die
Weiherede gehaltenf lfso daB die
Reichswehr und Teilnehmer treff-
liche Worte zu horen bekamen",
Blochmann schildert in treff-
lichen Worten die Heldenlaufbahn
des Jahrgangs 1900. „Junglinge,
fast noch Knaben, kamen als
Freiwillige zu tins, sie reiften zu
Mannern, zu deutschen Mannern,
die alle Leiden mit ihren altera
Kameraden teilten und — " last,
not least! — „an ihrer Seite den
Heldentod f and en".
Zum August 1914: „Ein beson-
deres Gottesgeschenk war es fiir
jeden, der diese Tage der
deutschen Einigkeit miterleben
durfte".
Nach dem „Einmarsch in Feiu-
desland mit dreimaligem Hurra i*
und den Tagen des Vormarsches
kam der lange Stellungskrieg.
Hier wird Blochmann poetisch.
,,Wie ein Sturm die Baume
knickt, so fegten Geschosse ganze
Batterien weg( kein Unterstand
bot Deckung und Schutz,"
Gar keiner ? Sind sich Her r
Generalmajor dessen wirklich so
bombensicher? Die Gefallenen,
denen die Ehrentafel gewidmet
ist, schweigen.
Und die Reichswehr? Die
6. Batterie des 4. Regiments?
„Ein Schauer der Ehrfurcht, der
Wehmut und des Stolzes" durch-
bebte sie, der sich in einer
strammen Ehrenbezeugung mani-
festierte.
Der GeschoBkorb des tapferen
Blochmann ist noch lange nicht
leer, Der Herr Generalmajor
sagt den jungen Vierern, wofur
die jungen Vierundzwanziger den
Heldentod fanden, namlich ,tfur
ein christliches, deutsches Volk",
Welches Erbe haben sie den
christlichen Generalen (unter-
lassen? „Wir wollen daftir lebenl
Dieser Ehrentag heute soil keine
Aufforderung zum Klagen sein,
sondern ein Ruf zur Sammlung
des Will ens fiir ein neues
Deutschland".
Dieses war das zweite Reich —
doch das dritte folgt sogleich.
Nachdem der General noch
einiges tiber Deutschland gesagt
hat, das von Gott begnadet und
durch den Gottesglauben seiner
Herrscher und durch den christ-
lichen Sinn seiner Bewohner groB
geworden set, jetzt schwer ge-
priift, aber nicht am Boden lie*
gend, schlieBt er, mit einem Blick
253
auf das neue Reich: ,,Das walte
Gott!"
„Dfe Beine der Reichswehr flie-
gen wie ein Blitz zusammen,"
Jetzt wendet sich Kamerad Hone-
mann zu der Traditionsbatterie
und erzahlt ihr von der roten
Schmach, worin er und Herr
Generalma j or Blochmann die
Heimat vorfanden, als sie vor
nunmehr zwolf Jahren aus Frank-
reich zuriickkehrten. „Unwurdige
Volksgenossen hatten die Flam-
men der Revolution entbrannt."
Was sagen die ehemaligen un-
wiirdigen Volksgenossen zu diesen
Weihereden vor den jungen Sol-
daten der „jungen" Republik?
Was werden sie sagen ! Die
einen entr listen sich: Es ist ge-
schichtsnotorisch, daB wir die Re-
volution weder gewollt noch ge-
macht haben.
Die andern traumen: Wenn wir
1918...
Slang
Vom westfalischen Adel
Driining war aus guter miin-
*~* sterischer Famili.e, aber nicht
ohne Respekt gegeniiber den
Feldherrn, die Industriearraeen
kommandieren. Von Papen ist aus
den sechsunddreifiig Familien, die
besonderes Erbrecht bis 1919
hatten oder behaupteten als so-
genannte westfalische Ritterschaft.
Von Papen imponieren nur Erb-
marschalle. Ein Mann wie Vogler
oder Thyssen ist in seinen Augen
ein Emporkommling. Als der alte
Thyssen von Papens Verwandten,
dem Baron Fiirstenberg, fur viele
Millionen die Burg Landsberg
kaufte, muBte der Kaufer ohne
Mittagessen trotz dem weiten
Weg wieder abfahren. Der Baron
setzte sich mit dem alten Thyssen
nicht an einen Tisch. Von dem
SelbstbewuBtsein westfalischer
Ritterschaft kann man sich eine
Vorstellung machen, wenn man
hort, dafi die alte Grafin G. in
Miinster sich bei dem dortigen
Bischof anno 14 beklagte, sie
werde von soviet Btirgerlichen auf
der StraBe gegruBt.
Jetzt Hegt dieser sechshundert
Jahre so stolze Adel am Boden,
wie nicht mal nach dem Dreifiig-
254
j ahrigen Krieg, Das Holz der
Waldungen ist so gut wie unver-
kauflicL Die Fideikommisse sind
in der Zwangsauflosung begriffen.
Die Walder geben keinen Ertrag
mehr. Die Gemeinden erdrucken
den groBen ertraglosen Besitz mit
Steuern. Ein groBer Teil der Be-
sitzungen ist verkauflich, Kaum
hat noch ein Baron ein Auto in
Westfalen. Viele treiben wieder
Landwirtschaft und sind erbittert
viber den geringen Ertrag,
Das alles steht Papen vor
Augen, wie sich seine sogenann-
ten Standesgenossen um die
Milchpreise, Steuern und Zinsen
sorgen.
Dabei erfahrt er taglich von den
Gehaltern in der Industrie. Vor
kurzem gab der Elektrizitatswerks-
direktor Buttke in Dortmund vor
Gericht zu, daB er jetzt immer
noch 27 000 Mark Jahresgehalt
vom Elektrizitatswerk bezieht. Die
Direktoren Fischer und Krone
bauten Hauser auf Kosten der Ge-
samtheit, deren Preis in die Hun-
derttausende ging. Ahnlich lebte
Herr Pforte in Hagen. Uberall ist
dasselbe Bildt daB Industrie-
barone denselben Aufwand trei-
ben wie fruher,
Ein Briining wagte sich nicht
an die Kartelle heran. Ihm hatte
man klargemacht, die Banken
wiirden zusammenbrechen, wenn
man die Kartellpreise revidierte.
Die Banken sind auch so zusam-
mengebrochen. Fiir Papen sind
diese Industriebarone nicht solche
Gotter wie fur Briining.
Auch Hitler ist fiir einen Mann
wie Papen in ersiier Linie ehe-
maliger Tapeziergehilfe. So wird
uns der Hocbmut westfalischer
Ritterschaft noch zum Segen.
Schon zittert der Langnamverein.
Schon wird Hugenberg unwillig.
In der ehemals herrschenden
Klasse geht man endlich daran,
sich selber zu enteignen zum
Nutzen der Gesamtheit. Alle Welt
weiB, daB die GroBe des Formats
unsrer Industriebarone in der
GroBe ihrer Fehlinvestierungen
besteht. Proletariat und Mittel-
stand liegen so zerschmettert am
Boden, daB es bei ihnen nichts
mehr zu enteignen gibt. *
Das Wunderbare ist nun bei
unsern Reaktionaren, dafi sie bci
ncuen Maflregeln oft gar nicht er-
kennen, um was es sich handelt,
Als man unserm dortmunder
Oberburgermeister auseinander-
setzte, daB die stadtischen Be-
strebungen auf Einrichtung eines
Milchhofcs eine Kommunalisierung
des Milchhandels bedeuteten, war
er aufrichtig erstaunt.
Ebenso erstaunt wird Papen
sein, wenn seine Staatskomtnissare
in Industrie und Banken als An-
fang der Planwirtschaft gedeutet
werden,
Moge sein ritterschaftliches
Selbstbewufitsein ihn vor Man-
nern wie Vogler und Thyssen,
Hugenberg und Flick nicht Halt
machen lassen.
Lothar Engelbert Schiicking
Die Berner
Cchotten sind geizig, das weifl
^ jedes Kind. Aber die Berner,
die Berner sind langsam.
Da traf der Professor Piccard
auf seinem Stratospharen-Flug
zwei Engel. Er redete sie deutsch
an, nichts; franzosisch, nichts;
englisch, wieder nichts. t Da
sprachen sie, und sie sprachen
bernerdeutsch. „Wer seid ihr
denn?" fragte der Professor.
„Wir sind zwei berner Lands-
knechte", antworteten die Engel.
„Wir fliegen in den Himmel —
wir sind namlich in der Schlacht
bei Murten gefallen."
In Bern haben sie einmal eine
Turmuhr frisch gestrichen, da be-
schwerte sich der eine Maler-
geselle: der kleine Zeiger laufe
ihm immer aus der Hand.
Ein Zuricher und ein Berner
fingen einst um die Wette
Schnecken. Nach einer Stunde
hatte der Zuricher siebzig, der
Berner aber sechs.
„Ich hatte schon sieben", sagte
der Berner. „Aber beim Zahlen
ist mir eine wieder weggelaufen."
Das eidgenossische Schutzen-
fest fiir das Jahr 1933 soil in
Freiburg stattfinden. Man hatte
es erst wieder absagen wollen,
aber das geht nun nicht mehr:
die Berner sind schon unterwegs.
Und kennen Sie schon den
letzten berner Witz — ?
Nein? Der ist noch in Olten.
Kleine Geschichten aus dem
Weltkrieg
A Is Clemenceau sich an der
** Front aufhielt, verweigerte
ihm der General Z. den Zutritt
zu den Schiitzengraben. In Ge-
genwart des Generals liefi Cle-
menceau sich mit dem Hauptquar-
tier verbinden und sagte durchs
Telephon: „Hier Clemenceau. Dafi
General Z. niemals in die Graben
geht, ist doch wohl kein Grund,
dafi ich nicht hingehen darf."
*
Ein Major will einen Gemeinen
wegen seiner Tapferkeit vor dem
Feind zum Kreuz der Ehrenlegion
vorschlagen. „Herr Major, das
geht nicht," sagt der Soldat. „In
Zivil bin ich Zuhalter."
*
Was ist der Unterschied zwi-
schen einer Chinavase und einem
Stabsoffizier? Es gibt ^einen.
Beide werden dekoriert, bevor sie
ins Feuer kommen.
Aus ,Uenvers de la guerre*
von Michel Corday
Der 1. Sammelband von
K"™* T„,4^IoL,r (Peter Panter • Theobald Tiger
KUTt ludlOlsky ^az Wrobel . Kaspar Hauser):
MIT 5 PS
25. Tausend - Verbilligte Preise • Kartonlert 4.80 • Lelnenband 6.50
„ . . . enthalt eine Auswahl der ungezahlten Aufsatze, Krltiken, Angriffe, Satiren, Paro-
dlen, Betrachtungen und kleinen lyrisdi-polemisdien Gedichte, die Wodhe um Wodie
unerschdpfllch aus diesem hell st en Him und frisdiesten Herzcn des fun gen, des wirklidi
Jungen DeutsdJand hervorspringen/' (Berliner Bdrsen-Courier)
ROWOHLT VERLAGBERLIN W 50
255
Deutsche Lyrik
A ufmachtigen wird Deutechland
*^ Wie eine Felsin erbeben
Wird die Treue dcs Reiches:
• Auflodern
Wird ihr aus alien Feuern der
Tiefe
Die letzte Starke,
Auferschallen wird das Flugel-
gebet des geretteten
Aars:
Entronnen bin ich ins freie Ge-
witter des Himmels,
Adlernd stoB ich ins Weite,
Auf warts dank' ich!
Nicht hock* ich am Tisch mehr der
Schwatzer,
Nicht mehr erharr* ich
Vom allmacht'gen Papier ohn-
machtiges Schicksal,
Der falschen Gnade des Menschen
entriB mich die Ewige
Gnade:
Vom Schopfer allein, vom'Gebie-
ter alles Lebens
Empfang* ich mein Erbe und Heil.
Nicht verwes' ich am Feind: groB
aufgeflugelt
Mit geretteter Kraft schweb' ich
im Abgrund
Meiner Vernichter,
Und uberstorben von ihrer ster-
benden Welt
Leb* ich ...
Gertrud Le Fort
fMunchner
Neaeste Nachrichten,
3. August
Dada aktuell
¥n der 1920 erschienenen Ge-
* schichte des Dadaismus „En
avant dada" von Richard Huel-
senbeck stellt der „dadaistische
revolutionare Zentralrat, Gruppe
Deutschland" unter anderm fol-
gende These auf: „Der Dadais-
mus fordert zweitens die Einftih-
rung der progressiyen Arbeits-
losigkeit durch umiassende Mecha-
nisierung jeder Tatigkeit. Nur
durch die Arbeitslosigkeit gewinnt
der Einzelne die Moglichkeit,
iiber die Wahrheit des Lebens sich
zu vergewissern und endlich an
das Erleben sich zu gewohnen/'
256
Der Druckfehler
britigt es an den Tag
fm ,Angriff vom 10. August ver-
* offentlichte Graf Helldorf eine
Erklarung, in der er der Behaup-
tung entgegentrat, dafi die SA zu
illegalen Zwecken in der Nahe
von Berlin zusammengezogen wor-
den sei. Er fahrt dann fort:
„Die Behauptungen sind zum
Teil darauf gegrundet, dafi ein-
zelne Formationen Wehrsport-
iibungen und zum Schutz von
Uberfallen Alarmtibungen vorge-
nommen haben,"
Seufzer von unten
Der verlorene Kranz", Roman
von Toni Rothmund: „Als
er aber immer noch so in Gedan-
ken versunken dasafi und nichts
von ihrem Tun beachtete, holte sie
aus den untersten Grunden ihres
Leibes eineri Seufzer hervor."
Anzeige in den westdeutschen
Blattern: nBlahgase verbittern
das Dasein. Lies Drebbers Ent-
gasungskur ! 1,30 Mark franko.
Drebbers Diatschule, Oberkassel-
Bonn N 50."
J. v, Biitow
Ein Fachmann
r\ie Besorgnis, jene Annaherung
*** an den Geschmack der Ver-
brauchermassen konne zur kiinst-
lerischen Gefahr werden, zer-
streute Professor Carl Clewing
mit interessanten Ausfuhrungen
iiber die kunstlerische Gestaltung
auch der an sich minderwertigen
Musiknummern, Clewing hat ja
grade auf diesem Gebiet eine be-
sonders wertvolle Erfahrung.
,Der Film4
Liebe Weltbuhne!
7nr Zeit, als noch die deutsche
" Delegation in Genf weilte,
saB eine Anzahl deutscher Jour-
nalisten dort beim Bier zusam-
men. Man diskutierte deutsche
AuBenpolitik. Was will sie eigent-
lich? Was hat sie in Lausanne,
was jetzt in Genf bezweckt? Man
riet hin und her, bis einer das er-
losende Wort fand: Sie stent eben
im Zeichen der Neurathlosigkeitf
Antworten
Deutsche Liga fur Menschenrechte, Nach AbschluB.der von Ihnen
und dem PEN-Club (Deutsche Gruppe) eingeleiteten Petitionskund-
gebung fur Carl v, Ossietzky teilen Sie uns mit, daB im ganzen 42 036
Unterschriften eingelaufen sind.
Kurt Tucholsky bittet die Briefschreiber urn Geduld. Infolge
Krankheit ist ein Teil seiner Korrespondenz liegen geblieben. Er
wird sein Moglichstes tun, das Versaumte nachzuholen.
Reichskommissar Doktor Bracht. Sie haben dem ,12-Uhr-Blatt'
eine Auflage zugehen lassen, weil es in einem Bericht uber die Auf-
deckungj von Waffenschiebungen die politische Zugehorigkeit der
Verhafteten anziigeben unterlassen hatte. Da nach Ihren Worten diese
nbewuBt unklare Berichterstattung" geeignet sei, f,den wirklichen Sach-
verhalt zu verdunkeln und die bestehende politische Spannung zu
verscharfen", hat jedermann erwartet, daB sie dem fAngrifP eben-
falls mit einer solchen Zwangsauflage bedenken wurden, weil er ge-
meldet hatte, der SS-Mann Jenkq aus Reichenbach sei durch einen
von Marxisten auf ihn geschleuderten Sprengkorper „in Fetzen ge-
rissen" word en. Wahrend der Polizeibericht und eidesstattliche Zeu-
genaussagen feststellen, daB Jenke von einer zu friih explodierten
Handgranate getotet wurde, die er gegen den Redakteur des ,Prole-
tarier', Plaschke, werfen wollte und obwohl Jenkes Tatgeselle Wag-
ner den Mordversuch bereits eingestanden hat, darf der ,Angriff bis
zu dieser Stunde noch immer schreiben, dafi der Polizeibericht falsch
sei. Angeblich soil der Tatbestand noch einmal gepriift werden, ehe
Sie eingreifen, Uns scheint diese sensationell aufgemachte Falschung
des ,Angriffs' weitaus eher die politische Spannung zu verscharfen
und eine Zwangsauflage zu rechtfertigen als die Unterlassungssiinde
des ,12-Uhr-Blattes\
Deutsche Zeitung, Die Tatsache, da6 die bayerische Regierung
sich sehr verniinftigerweise geweigert hatf fur die uLeibgarde" Hitlers
Waffenscheine auszustellen, veranlafit dich, zu schreiben: lfIn diesem
Zusammenhang verdient besondere Beachtung ein Vorgang, der auf
die bayerische Regierung ein merkwurdiges Licht wirft. Wie uns
von zustandiger Stelle bestatigt worden ist, trifft es zu, dafi am
20. Juli von Angehorigen der ,Eisernen Front' unter Fuhrung von
Sozialdemokraten in amtlichen Stellungen bei Stralsund ein Anschlag
auf das Leben Adolf Hitlers geplant war, der nur durch einen Zu-
fall vereitelt werden konnte." Wer ist die f,zustandige Stelle", die
dir diese Raubergeschichte aufgebunden hat? Wenn du sie nicht
nennst, entgehst du nicht dem Verdacht, mit einem plumpen Schwin-
del gegen die Eiserne Front und Sozialdemokraten in amtlichen
Stellungen eine gemeingefahrliche Hetze entfesselt zu haben, Oder
glaubt etwa irgend ein halbwegs denkfahiger Mensch selbst im Lager
der Reaktion, daB ein „marxistischer" Attentatsplan gegen den brau-
nen Duce entdeckt werden konnte, ohne daB die braune Presse damit
einen Reklamefeldzug ohnegleichen bestritten hatte? So aber bist
du mit deinem orientalischen Phantasieprodukt einsam auf weiter
brauner Flur geblieben.
Nazi- Die kommunistische Abgeordnete Klara Zetkin wird vor-
aussichtlich als Altersprasidentin den Reichstag eroffnen. Die Nach-
richt veranlafit deine Presse, mit den widerlichsten Beschimpfungen
gegen diese Arbeiterfuhrerin vorzu^ehen und alles Mogliche fiir den
Fall anzudrohen, daB sie die „Frechheit" besitzen sollte, von ihrem
Recht Gebrauch zu machen. Solange der .Volkische Beobachter* und
andre Blatter deiner Partei sie nur „Kommunistenweib" und „Jtidin"
titulierten (was sie nebenbei gar nicht ist), hielt sich das Gezeter
noch im Rahmen des bei euch ublichen. Im ,Angriff vom 11, August
aber findet sich eine Karikatur, auf der eine angeblich Klara Zetkin
darstellende knochrige Greisin mit wirren Haaren, die von zwei wil-
257
den, judisch aussehenden Herren gestiitzt wird, in den Reichstags-
saat „Heil; Moskau" keift, wahrend Bismarck mit einem leider nicht
erkennbaren Gesichtsausdruck zuschaut. Das Gauze ist mit der Urn-
schrift versehen: „Soll es wirklich so weit kommen, dafi eine alte
kommunistische Vettel den deutschen Reichstag mit tHeil Moskau'
eroffnet?" Eine Vettel ist ein vollig verludertes, widerwartiges altes
Weib, im Volksmund gar eine alte Hure; das kannst du im Lexikon
nachlesen. Wir wissen zwart dafi euer Geisteszustand sich nicht grade
grofier Rtistigkeit erfreut, aber glaubst du nicht auch, daB selbst fur
eure Verhaltnisse hier die Grenze iiberschritten ist, wo die poli-
tische Auseinandersetzung aufhort und der Sauherdenton in Aktion
tritt? Um nicht in den gleichen Ton zu verf alien, wollen wir uns
mit dem Satz des von dir sicherlich sehr geschatzten Alten Fritzen be-
gniigen: HMit' solchem Pack mufi man sich herumschlagenl"
Pester Lloyd. Du hast dir, dank der Intelligenz deiner ju-
dischen Redakteure, den Ruf eines Weltblattes erworben. Darum
drucken viele Zeitungen auBerhalb Ungarns deine Verteidigung des
Barbarenurteils gegen Szallay und Fiurt nach. Du verteidigst diese
Henkerei der beiden Manner, deren einzige Schuld in ihrer kommu-
nistischen Gesinnung bestand, indem du auf die Gewalttaten der kom-
munistischen Diktatur im Fnihjahr 1919 Bezug nimmst. Mit derselben
Logik pflegen gewisse Antisemiten die Pogrome dutch den Hinweis
auf die Kreuzigung Christi zu rechtfertigen,
Mediziner. Im Rahmen des nunmehr endgiiltig am 27, und
28. August in Amsterdam stattfindenden Kampfkongresses gegen den
imperial is tischen Krieg wird eine Internationale Arzte-Koriferenz ver-
anstaltet mit dem Thema: „Die Folgen des lejzten Weltkrieges fiir
die Gesundheit der Bevolkerung und die drohenden Gefahren eines
neuen Weltkrieges, insbesondere des Gaskrieges," Anmelduhgen an
Doktor Felix Boenheim, Berlin-Charlottenburg, SchliiterstraBe 33.
Urwaldbote in Brasilien. Als nationalsozialistisches Blatt pro-
testierst du gegen die Ernennung des ,,Genossen" Zechlin zum Ge- -
sandten in Brasilien. Gleichzeitig machst du Reklame fiir den „her-
vorragend gescheiten und national denkenden" Doktor von Kaufmann.
Was sagt dein Meister in Munchen und sein Rasseforscher Gunther zu
der Entgleisung? Ehe du deutsche Diplomaten als „nationaldenkend"
charakterisierst, kiimmere dich gefalligst um ihre Blutmischungl
Weltjugendliga. Im AnschluB an die zur Zeit stattfindende Wan-
derung deutscher Jugend durch Belgien wird eine Gruppe junger
Belgier in Begleitung deutscher Jugend durch das Rheinland wan-
dern. Wer sich dafiir und fur die innerhalb dieser Wanderung auf der
Freusburg vorgesehene deutsch-belgische Lagerwoche interessiert,
wende sich an Karl Obermann, Koln-Bickendorf, Akazienweg 33.
fAngriff(. Du schreibst: „Ferner treibt im Polizeiprasidium
Fraulein Polizeirat Dr. Mosse (!) weiterhin ihr Unwesen. Diese hatte
z. B. als Leiterin der Filmzulassungsstelle die Kuhnheit besessen, am
Totensonntag 1931 den jiidischen Hetzfilm ,1m Westen nicht s Neues'
und auch zum Bufitag 1931 zur Auffiihrung in Berlin freizugeben."
Uns scheint, daB grade fur den Totensonntag kein Film passender ist
als der Remarques, selbst wenn — Gott behute! — Remarque Jude
ware. Aber ist er es denn? Bisher weiB die Welt davon nichts. Willst
du nicht so freundlich sein, uns die genealogischen Studien deiner
Rasseschnuffler in Sachen Remarque zu unterbreiten? ;
Manuskripte sind nur an die Redakta'on der Weltbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 152, zu
richten j es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonst kerne Rucksendung erfolgen kann.
Das Auf f uhrung srecht, die Verwertung vonTiteln a. Text im Rahmen des Films, die muslk-
mechanische Wiedergabe aller Art und die Verwertung im Rahmen von Radio vortragen
bleiben fur alle in der Weltbtthna erscheinendeh Beitrage ausdrttcklich vorbehalten.
Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
u nter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet. — Verantwortlich: Walther Karsch, Berlin.
Verlag der Weltbuhne, Siegfried Jacobsohn & Co., Charlottenburg.
Telephon: Cl, Steinplatz 7757. — Poatschedckonto: Berlin 11958.
Bankkonto; Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
XXVIIL Jahrgaog 23. August 1932 Nammei 34
Wenn Hindenburg sturbe . . . HeiimutT. oeriach
I^eine Sorge, er wird nicht. Er ist zwar nicht unsterblich,
aber in Zeitraumen, mit denen der Politiker von heute zu
rechnen hat, ist sein Ableben gliicklicherweise nicht zu er-
wartcn.
Einmal ging es ihm korperlich weniger gut, unmittelbar
nachdem er Bruning entlassen hatte. Er war seelisch stark
bedruckt, daB ihm aus dem Kreise seiner Wahler der Vor-
wurf gemacht wurde, et habe seinen opf erwilligsten Wahl-
helfern nicht die Treue gehalten. Die Zweifel, ob er richtig
gehandelt habe, nagten nicht bloB an seiner Psyche, sondern
auch an seiner Physis.
Inzwischen aber hat er das seelische Gieichgewicht wie-
dergewonnen. Ihm, dem leidenschaftlichen Jager und Natur-
freund, ist der Aufenthalt in Neudeck mit seiner in jedem
Betracht ihm sympathischen Umgebung glanzend bekommen.
Wer ihn am 11. August im Reichstag sah, erkannte sofort,
daB die eiserne {Constitution dieses Mannes jedem Sturm ge-
wachsen ist. Man darf iiberzeugt sein, daB er das Alter sei-
nes Vorbildes Wilhelm I. mindestens erreichen wird.
Nicht so iiberzeugt bin ich, daB er seine zweile Prasi-
dentenschaft zu Ende fiihren wird. Der Politiker brauchl
nicht mit seinem Tode, aber er muB mit seiner Demission
rechnen. So robust namlich sein Korper, so wenig robust
ist sein Gewissen. Er ahnelt Wilhelm I., aber ganz und gar
nicht jenem Fridericus, der seinen Antimachiavell nur des-
halb schrieb, um sich fur seine rein machiavellistische Poli-
tik ein moralisches Alibi zu schaffen. Seine Ehr- und Rechts-
begriffe sind sehr empfindlich (in Parenthese: mit dem ge-
schriebenen Recht sich zu befassen, hat ihm seine Laufbahn
wenig Zeit geiassen; er ist in der Hinsicht auf seine amt-
lichen Berater angewiesen).
DaB er die Verfassung von Weimar nicht liebt, darf man
von dem alten Monarchisten ohne weiteres annehmen. Aber
er hat den Eid auf sie abgelegt. Das ist ihm eine so ernste
Sache wie dem Orthodoxen das Gelobnis der Treue, das er
seiner Frau vor dem Altar abgelegt hat, selbst wenn er sie
nicht lieben sollte.
Wie konnte aber da Hindenburg am 20. Juli das Vor-
gehen gegen die rechtmaBige preuBische Regierung gutheiBen?
Das war doch verfassungswidrig.
Mit Verlaub, nach unsrer Auffassung war es verfassungs-
widrig, bestimmt nicht nach der der amtlichen Berater Hin-
denrjurgs. Es handelt sich hier um einen staatsrechtlichen
Streitfall. Man darf niemand, der sich in einem solchen Fall
auf einen dem unsren entgegengesetzten Standpunkt stellt,
einen sittlichen Vorwurf machen. Erwiinscht ware uns na-
turlich, wir hatten einen Reichsprasidenten, der die Verfas-
sung unter dem demokratischen Gesichtspunkt auffaBt. Aber
i 259
den haben wir nun einmal nicht, und da miissen wir wenigstens
relativ zufrieden sein, daB dcr gegenwartige Reichsprasident
die Verfassung zwar konservativ-autoritar, aber nicht fasci-
tisoh-macchiavellistisch interpretiert.
Eincn offenen Verfassungsbruch wird Herr v. Hindcnburg
niemals mitmachcn. Vielleicht wird er ihn nicht hindern kon-
nen. Aber mit sein em Namen decken wird cr ihn nicht.
Lieber geht er.
Stchcn wir vor der Wahrscheinlichkeit oder auch nur
Moglichkeit eines offenen Verfassungsbruchs?
Ich beneide jeden um seinen Mut, der diese Frage mit
einem glatten Nein beantwortet. Herr Major a. D. v, Stephani,
ein GroBer im Reiche des Stahlhelms, hat ja eben erst hoch-
verraterische Bestrebungen innerhalb der SA zum Zweck be-
waffneten Umsturzes enthiillt, Aus der Art, wie die amt-
lichen Stellen auf diese Enthiillungen reagieren werden, wird
man seine Riickschlusse auf das Ma6 der Energie ziehen kon-
nen, mit denen die gegenwartig Regierenden offenem Ver-
fassungsbruch entgegenzutreten gewillt sind.
Bisher hat die Regierung Papen immer nur mit muster-
haftem Eifer gegen die angeblichen Umsturzplane von auBerst
links gearbeitet, aber ein HochstmaB von Milde und Geduld
gegeniiber den naufbauwilligen" Elementen von auBerst rechts
bewiesen, Sie tolerierte und sie wurde toleriert. Soil das
so weiter gehen, auch nachdem der in seinem GroBenwahn
verletzte Hitler Herrn v. Papen offen Fehde angesagt, auch
nachdem Herr v, Stephani mit seinem Zeugnis iiber die gemein-
gefahrlichen Unternehmungen der SA ausgepackt hat?
Noch immer scheint Herr v. Papen einem Optimismus zu
huldigen, um den man ihn beneiden miifite, wenn er einfacher
Privatmann und nicht zufallig deutscher Reichskanzler ware-
In seinem Interview beim Reuter-Bureau hat er seinen
Willen, bekundet, dem Reichstag nicht aus} dem Wege zu
gehen, Er erfullt damit nur eine selbstverstandliche verfas-
sungsmaBige Pflicht. Aber vielleicht war es gut, daB er die
Selbstverstandlichkeit aussprach, nachdem er nach seiner Er-
nennung zum Reichskanzler dem Reichstag aus dem Wege ge-
gangen war und ihn lieber gleich aufgelost hatte.
Herr v. Papen scheint sich von seinem Erscheinen vor
dem Reichstag sogar ein Vertrauensvotum oder wenigstens
das Unterbleiben eines MiBtrauensvotums zu versprechen, Er
rechnet damit, daB ein Appellan den gesunden Menschenver-
stand der Parteien nicht ohne Erfolg bleiben konne.
Der Gott, an den er glaubt, moge ihm seinen glaubigen
Optimismus erhalten!
Wir andern, die wir zu unserm Bedauern iiber keinen
Berge und Parteien versetzenden Glauben verf iigen, fragen
uns: Wird das, was Herrn v, Papen als gesunder Menschen-
verstand erscheint, der Mehrheit der Abgeordneten ebenso
gesund vorkommen? Und wenn nicht, was ware die Folge?
Die Wahrscheinlichkeit spricht doch dafiir, daB, wenn
Herr v, Papen, Anfang September vom Reichstag ein Ver-
trauensvotum heischen sollte, noch nicht ein Zehntel des
260
Reichstages dafiir stimmen wird, Oder kann Herr v. Papen
mit freundlicher Unterstiitzung von Adam Riese eine unsre
Annahme widerlegende Gegenrechnung aufmachen?
Was aber geschieht, wcnn das MiBtrauensvotum ausge-
sprochen ist? Herr v. Papen will einerseits lange und andrer-
seits verfassungsmaBig: regieren. Wie gedenkt er nach
einem MiBtrauensvotum die Synthese zwischen beiden Ab-
sichten herzustellen?
Naturlich kann er nach Ablehnung des Vertrauensvotums
vom Reichsprasidenten die Auflosung des Reichstages erwir-
ken. Aber damit ware doch nur eine Galgenfrist gewonnen.
Denn daB der Novemberreichstag papenfreundlicher sein
sollte als der Julireichstag ~ Herr v. Papen, Ihren Optimismus
in alien Ehren, aber wollen Sie das wirklich behaupten?
Auch der Weiseste sieht heute keinen verfassungsmaBi-
gen Ausweg, falls nicht Hitler den Weg nach Damaskus fin-
det, den ihm Hindenburg am 13. August vergeblich gewie-
sen hat.
Ehe Hindenburg einen verfassungswidrigen Weg ein-
schlagt, demissioniert er. Was aber dann?
Dann sind wir, wenn nicht im Chaos, so dooh unmittelbar
daran. Wer sollte Hindenburgs Nachfolger werden?
Naturlich Hitler! So hat mir bisher noch jeder Auslander
geantwortet, mit dem das Thema erortert wurde.
Die Ziffern der Prasidentschaftswahl scheinen dafiir zu
sprechen, Aber es kommt auch ein wenig auf die Gegenkan-
didaten an. Die Mehrzahl der Deutschen ist nicht partei-
maBig organisiert und will keinen Parteifiihrer in dem ober-
sten Amt, das man sich als uberparteilich vorstellt.
Von zahllosen Leuten habe ich in den letzten Monaten,
wenn von der Reichsprasidentenschaft die Rede war, den Na-
men Eckener gehort,
Niemand kennt genau die politische Einstellung Eckeners.
Nur das eine weifi man, daB er parteimaBig nicht gebunden,
daB er Extremen abgeneigt ist. Er ist klug. Darum wich er
der verungluckten Veranstaltung zur Griindung einer neuen
Mittelpartei aus. Sein Name ist jedem Deutschen bekannt.
Er ist popular.
Ob er Neigung hatte, eine Kandidatur anzunehmen, ob
sich die wesentlichen Teile der Gegnerschaft gegen Hitler
auf seinen Namen zu vereinigen bereit waren — das sind Fra-
gen, deren Beantwortung imSchoBe derZukunft schlummert.
Auf aile Falle halte ich es fiir zweckmaBig, seinen Namen off ent-
lich zu nennen, weil er heimlich uberall genannt wird, und
ich mit Nietzsche meine: Verschwiegene Wahrheiten werden
gifti^
Die Demission Hindenburgs kann uns liberraschen wie
die SA-Bombe in der Nacht. Das Staatsstreichgespenst gei-
stert durch Deutschland. Niemand freilich bekennt sich* zu
Staatsstreichplanen. Aber hat je ein Usurpator vorher seine
bosen Absichten kundgegeben? Vorher angesagte Revolutio-
nen finden nie statt. Staatsstreiche sind Revolutionen von
oben. Die einzige Moglichkeit ihres Gelingens beruht darin,
261.
daB die Stellen, gegen die sie sich richten, nichts davonwis-
sen, durch die Ereignisse uberrascht werden. Louis Bona-
parte ware 1848 bestimmt nicht zum Prasidenten der II. fran-
zosischen Republik [gewahlt worden, wenn er angakiindigt
hatte, dafi er sich demnachst durch Staatsstreich zum Kaiser
Napoleon III. erheben wolle.
Die Verfassungstreue Hindenburgs sichert uns gegen seine
Beteiligung an einem Staatsstreich, aber nicht gegen den
Staatsstreich selbst.
Nichts sichert uns gegen ihn — als vielleicht die Furcht
der Staatsstreichliisternen vor einem zu allem entschlosse-
nen Widerstand der Massen, Mancher mochte die Macht, die
Alleinmacht, einerlei ob> legal oder illegal. Aber keiner zahlt
gern die Risikopramie des eignen Lebens.
Nochmals kleineres Obel? Hanns-Erich Kaminski
F^aB der Reichsprasident und seine Regierung sich gewei-
gert haben, Hitler die gesamte Staatsmacht auszuliefern,
hat in manchen Kreisen der Linken ein gewisses Aufatmen
bewirkt. Dieses Gefiihl; der Erleichterung mag begreiflich
sein; begriindet ist es nicht Und so gewiB wir heute einen
Optimismus brauchen, der, wenn nicht* auf den nachsten, auf
den iibernachsten Tag vertraut, so gewiB ware es fur die
deutschen Republikaner — Republikaner ohne Republik — ,
der Untergang, wenn sie sich jetzt auch nur die geringsten
Illusionen machten.
Es ist bereits mehrfach darauf hingewiesen worden, daB
die Weigerung Hitlers, in ein MPrasidialkabinett" einzutre-
ten, einen eklatanten MiBerfolg des neuen Kurses bedeutet.
Die Forderungen der Nationalsozialisten kamen dabei nicht
einmal iiberraschend, mindestens seit der verungliickten Harz-
burger Tagung waren sie leicht vorauszusehen. Im Ernst
wollten sich die „aufbauwilligen Krafte" niemals ,,zur Mit-
arbeit" heranziehen lassen, sie wollten immer die ganze Macht,
und es gehorte schon ein iibergroBes MaB von Vertrauens-
seligkeit und iKurzsichtigkeit dazu, ihren anders lautenden
Versprechungen Glauben zu schenken. Aber die Reichsregie-
rung, die ja nur dem Namen nach keine deutschnationale
Parteiregierung ist, beging den gleichen Fehler wie ihr Inspi-
rator Hugenberg. Auch sie ebnete den Nationalsozialisten
alle Wege, in der Hoffnung, spater schon auf irgendeine Weise
mit ihnen fertig zu werden.
Sehen die derzeitigen Machthaber nun wenigstens ihren
grundlegenden Irrtum ein? Dann miiBten sie begreifen, dafi
auch sie mit dem Nationalsozialismus keine Politik machen
konnen. Dann miiBten sie endlich erkennen, daB es gegen-
iiber dieser Partei, die alles will, nur Unterwerfung oder
Kampf gibt. Dann miiBten sie aber auch zugeben, daB ihre
gesamte Politik falsch und daB — nicht von unserm aber
grade von ihrem Standpunkt aus — die Politik Briinings rich-
262
tig war. Dann miiBten sie also alles riickgangig machen, was
sie seit drei Monaten getan haben.
Soviel Selbstkritik ware viclleicht tibermenschlich. Be-
stimmt kann man sie nicht von Mannern erwarten, die zwar
keine Gefolgschaft haben, aber sich trotzdem fiir Fiihrer hal-
ten. Ihre Unbelehrbarkeit entspringt, genau wie bei Hugen-
berg, der naiven Oberzeugung, sie allein seien dazu berufen,
mit oder ohne Mehrheit zu regieren, und zuguterletzt wiirden
das auch alle einsehen und sich ihnen unterwerfen; bis dahin
miisse man eben lavieren. Aristokraten neigen ja leicht zur
Uberheblichkeit, und die Uberschatzung der eignen Fahigkei-
ten ist typisch fiir den aus dem Herrenklub hervorgegangenen
Kreis, der heute regiert. Aber selbst wenn die Herren von
Papen und von Gayl und sogar Herr von Schleicher im Stillen
jetzt manchmal an ihren Fuhrerqualitaten zweifeln sollten,
Konsequenzen werden sie unter keinen Umstanden daraus
ziehen.
Einfach katastrophal ware es darum, wenn nun etwa der
Glaube entstiinde, die Regierung habe, indem sie vor Hitler
nicht kapitulierte, fiir die Verfassung und folglich fiir die ver-
fassungstreuen Parteien optiert. Was die Regierung von der
Verfassung halt, hat der Innenminister bei der beschamenden
Verfassungsfeier im Reichstag deutlich genug gesagt, und daB
der deutsche Mussolini sich nicht an das weimarer Grund-
gesetz halten will, diirfte seine Verhandlungspartner wenig
bekummert haben. Oder gibt es auf der Linken immer noch
Leute, die das Vertrauen haben, die Verfassung sei alien ent-
scheidenden Instanzen heilig und sie werde auch in Zukunft
weder verletzt noch ausgehohlt werden? Solchen Optimisten,
die weniger miBtrauisch sind als zum Beispiel die bayerische
Regierung, ist allerdings ■ nicht zu helfen. Es ware sinnlos,
mit ihnen auch nur zu diskutieren. Man konnte hochstens
die Frage aufwerfen, ob sie noch im guten Glauben handeln.
Die Regierung wird, da sie an Rucktritt nicht denkt, auch
weiterhin nicht anders regieren als bisher, Sie wird; fortfah-
ren, Hitler zu umwerben und ihm immer neue Zugestandnisse
zu machen- Denn dariiber, daB man auf die Dauer nicht nur
mit dem Vertrauen des Reichsprasidenten und den hundert-
tausend Reichswehrsoldaten regieren kann, sind sich vermut-
lich auch die Mitglieder und Berater des amtierenden Prasi-
dialkabinetts klar. Schon Machiavelli hat gesagt, daB keine
Gewalt ohne Zustimmung auskommen kann. Zustimmung kann
die Regierung aber ihrer Entstehung und ihrem Charakter
nach nur auf der Rechten suchen, und zwar, indem sie dem
Konkurrenten den Wind aus den Segeln nimmt. Sie muB also
nationalsozialistische Politik ohne und vielleioht sogar gegen
die Nationalsozialisten treiben. Man kann diese Situation
auf die staatsrechtliche Formel der konstitutionellen Monar-
chic bringen: der Konig herrscht, aber er regiert nicht- Der
Herrscher ist heute Hitler, und die Regierung ist nur sein Exe-
kutivorgan, mag sie es gern oder ungern sein-
Die Linke hat somit nichts von der Regierung zu erwar-
ten, gleichgiiltig ob sie sich doch rioch iiber die personelle
2 263
Verteilung der Macht mit Hitler verstandigt oder tinen Kampf
gegen ihn aufnimmt, der nur ein Scheinkampf scin kann. Denn
wiirde es zu ciner ernsthaften Auseinandersetzung zv/ischen
den feindlichen Verwandten kommeh, so miiiUe die Regie-
rung die notwendige Zustimmung, die ihr die Rechte versagt,
auf der Linken suchen. Mit andern Worten: sie miifite ihre
ganze Basis preisgeben und sich selbst verleugnen. Ehe diese
Regierung jedoch der Linken auch nur einen Teil ihrer Macht
wieder auslieferte, wiirde sie zweifellos die ganze Macht den
Nationalsozialisten uberlassen.
Die Krafte, die hinter der Regierung stehen, haben Brti-
ning und Severing namlich nicht bloB gestiirzt, um das Rund-
lunkprogramm zu andern und ein paar Amter anders zu be-
setzen. Ihr unverriickbares Ziel ist vielmehr die schranken-
lose Durchsetzung der sozialen Reaktion und die Wiederher-
stellung des Obrigkeitsstaates. Es ist denn auch, gelinde ge-
sagt, wirklichkeitsfremd, wenn der ,Vorwarts* die Regierung
jetzt darauf hinweist, daB sie keine Basis habe und infolge-
dessen verpflichtet sei, Zurixckhaltung zu iibenr die Links-
parteien nicht weiter zu reizen und „lediglich solche Amts-
handlungen vorzunehmen, die im Interesse der Allgemeinheit
notwendig sind1*. Wir wollen hoffen, daB darin noch kein
Stellungswechsel der SPD zum Ausdruck kommt. Die ,Ber"
liner Borsen-Zeitung' sieht freilich schon in diesen Worten
f,iiir samtliche Faktoren der nationalen Bewegung wenn nicht
ein Warnungssignal, so doch zum mindesten einen AnlaB, alles
zu versuchen und nichts zu unterlassen, um die am letzten
Sonnabend zur Freude der Linken eingetretene Entfremdung
innerhaib des nationalen Lagers wieder auszugleichen und die
leider bestehenden Gegensatze baldmoglichst zu uberbriicken".
Wie iibertrieben sowohl die Hoffnungen des tVorwarts' wie
die Befiirchtungen der .Berliner Borsen-Zeitung' sind, geht im
iibrigen aus der Meldung iiber neue Verhandlungen zwischen
Schleicher und Rohm deutlich hervor. Die ,Hamburger Nach-
richten1, die zuerst dartiber berichtet haben, bemerken mit
Recht, die Nachricht entbehre jeglicher Sensation, um dem
hinzuzufiigen:
Es ist selbstverstandlich das Bestreben der Reichsregierung sowie
der Nationalsozialisten, den negativen Ausgang der Verhandlungen
mit dem Reichsprasidenten iiber die Regierungsumbiidung nicht zu
einer erbitterten gegenseitigen Kampfstellung werden zu lass en, Ent-
sprechend der Mahnung des Reichsprasidenten, die Opposition ritter-
lich zu fiihren, werden auch weiterhin zwischen Regierung und Natio-
nalsozialisten laufende Besprechungen iiber die politische Lage statt-
findenf.da nach wie vor das groBe Ziel bestehen bleibt, in geeigneter
Form die breiten aufbauwilligen Krafte der Rechtsbewegung zu tatiger
Mitarbeit an der Politik der Reichsregierung heranzuziehen.
Natiirlich darf man die Deutschnationalen samt der von
ihnen geistig abhangigen Reichsregierung nicht einfach mit den
Nazis identifizieren, Jedoch noch falscher ware es, sich nun
durch die massiven Ausdriicke des ,Angriffs* und ahnlicher
Revplverblatter tauschen zu lassen und die Gegensatze zwi-
schen den beiden Gruppen zu iiberschatzen. Ober alles We-
264
scntliche sind sic sich langst einig. Die Verstandigung ist
auch nicht wegen programmatischer Differenzen mifigliickt, sic
scheitcrte lediglich an dcr Frage, unter wessen Nanien die,
neue Politik laufen soil Nicht das Was und nicht einmal das
Wie, sondern ausschlieBlich das Wer trcnnt somit die Reaktion.
Nichts ware jetzt verkehrter als die Idee, die Linke miisse
die Regicrung Papen als das kleinere Ubel tolerieren. Diese
Theorie vom kleinern Obel, die die Sozialdemokratie dazu
verfiihrte, Briining durch dick und diinn zu folgen, hat die
Partei alle ihrc Machtpositioncn gekpstct, wcnn sie auch or-
ganisatorisch intakt geblieben ist. Dem Prasidialkabinett der
Barone gcgeniiber ware eine solche Tolerierungspolitik noch
viel ruinoser. Die Linke konnte dadurch hochstens die Er-
haltung einer fadenscheinigcn Legalitat gcwinnen und wahr-
scheinlich) nioht einmal das. Den Nationalsozialisten aber
wiirde damit die Moglichkeit gegeben werden, auch noch die
Taten und Unterlassungen Papens den alten ,,Systemparteien"
zur Last zu legen,
Im Parlament kommt eine derartige Tolerierung freilich
nicht in Frage. Diese Regierung, die die Stimmen wagt und
nicht zahit, legt keinen besondern Wert auf eine parlamen-
tarische Mehrheit. Sie braucht sie auch nicht, Wird sie im
Reichstag gestiirzt, so bleibt sie, solange sich keine regie-
rungsfahige Mehrheit gebildet hat, als geschaitsfuhrende Re-
gierung im Amt, StoBt sie auch dabei auf Schwierigkeiten, so
kann sie wieder einmal wahlen lassen. Der Artikel 25 der
Reichsverfassung bestimmt zwar, dafi der Reichsprasident den
Reichstag nur einmal aus dem gleichen Anlafi auflosen darf,
jedoch an derlei Kleinigkeiten stoBt sich wohl niemand mehr.
Im iibrigen sind das nur die legalen Moglichkeiten, die das
Prasidialkabinett hat. ' Die andern sind noch zahlreicher.
Der Wille zur parlamentarischen Tolerierung ware also
bedeutungslos, selbst wenn er an einig:en Stellen auf der
Linken und im Zentrum vorhanden ware, was gliicklicherweise
nicht der Fall zu sein scheint. Nicht minder bedenklich, ja
todlich fiir die Linke ware es jedoch, wenn sie sich auch nur
zu einef geistigen und seelischen Tolerierung bereit fande.
Principiis obsta! Denn eins ist sicher: je langer die Reaktion
dauert, desto mehr Postenjager werden zu ihr tiberlaufen,
desto mehr Feiglinge werden aber auch sagen, man miisse
sich mit den nun einmal vorhandenen Verhaltnissen aufs beste
abzufinden versuchen. Und die Postenjager sind dabei noch
ungefahrlicher als die Feiglinge, die ihre ganze Umgebung
demoralisieren, Diese Gesinnungslosen moglichst friinzeitig
zu entlarven und abzuhalftern, erfordert der nackte Selbst-
erhaltungstrieb.
Die Opposition darf jetzt nicht lau werden, sie darf nicht
zulassen, daB die Situation verdunkelt wird und daB sich das
Gefuhl ausbreitet, die Regierung Papen-Schleicher sei noch
nicht die schlechteste. Sie muB diesem Prasidialkabinett
nicht nur ihre <Z|ustimmung versagen sondern ihm Widerstand
leisten bis zum auBersten, selbst wenn manchen Leuten eine
andre Diktatur noch schlimmer erscheint.
265
Tertniti: 6. November von Jan Bargenhusen
VV7ill man den Lauf der Dinge in den reichlich bewegt ver-
w laufenen letzten drei Wochen, seit dem 31. Juli, richtig
verstehen, und will man sich ein Bild von der nachsten Zukunft
machen, so wird es sicherlich zweckmafiig sein, den leitenden
Gedanken der Politik des Papen-Kabinetts einmal klar her-
auszustellen, Der Feldzugsplan, den die sogenannten klugen
Leute im Kabinett von Papen (und im Hintergrund des Kabi-
netts) fiir die Zeit nach den Wahlen entworfen hatten, ging von
einer ganz richtigen Einschatzung des Wahlergebnisses aus.
Man rechnete damit, daB die Wahlen Hitler nicht die Mehr-
heit bringen wiirden. Nach der Wahl wollte das Prasidial-
kabinett dann an die Rechtsparteien und, falls es fur eine
Majoritat eriorderlich ware, auch an das Zentrum heran-
treten, mit der Erklarung: wenn Ihr uns die parlamentarische
Unterstiitzung verweigert, dann wird der Reichstag wieder
auigelost. Und daran habt Ihr doch auch kein Interesse, Folg-
lich
Worauf griindete sich nun die Zuversicht des Kabinetts,
dafl eine Tolerierungspolitik zustande kommen werde? Man
rechnete erstens damit, dafij nach dem erbittert gefiihrten
Wahlkampf ein regelrechtes f,Koalitionsgesprach" zwischen
Kaas und Hitler nicht so bald zustande kommen werde, (In
diesem Punkte haben sich ja auch viele andre Leute getauscht.)
Zweitens baute man auf die Schwache der parlamentarischen
Situation des Zentrums, und darauf, daB die Hitler-Leute, ohne
eine andre parlamentarische Chance, ohne den Mut auch, ge-
gen Schleicher zu putschen, sich weiterhin mit einer ,,stillen
Partnerschaft" zufrieden geben wiirden.
Diese Rechnung hat sich zunachst einmal als falsch er-
wiesen. Das Koalitionsgesprach Kaas-Hitler hat begonnen,
— es hatte begonnen, als Hitler nach Berlin gerufen wurde,
um mit Schleicher, mit Papen und mit Hindenburg zu reden.
Und bei dem negativen Verlauf der Verhandlungen vom
13. August hat es sich ferner gezeigt, daB Hitler nicht zur Tole-
rierung des Kabinetts Papen bereit sein durfte. Nun verdoppelt
das Zentrum seine Bemuhungen, um noch rechtzeitig vor Zu-
sammentritt des Reichstags eine ffrichtige" Koalition zustande
zu bringen, — das Zentrum hat den Ehrgeiz, die Bandigung
Hitlers in eigner Regie zu bewerkstelligen; es will diese Auf-
gabe (aus guten Griinden!) nicht den Herren Schleicher und
Papen iiberlassen. Was geschieht aber, wenn Kaas nicht recht-
zeitig mit Hitler zur Einigung kommt? Und was geschieht,
wenn Herr von Hindenburg endgultig erklart, daB ihm die L6-
sung ,,KoaIitionskabinettM miBfallt?
Ehe die Antwort auf diese Fragen zu geben ist, muB man
sich einmal die Lage des Zentrums klarmachen, um den ver-
zweifelten Mut verstehen zu konnen, den es mit seiner Koali-
tionsbereitschaft bewiesen hat. Die innere Schwache der Zen-
trums-Position hat man gleich nach dem 31. Juli vielfach nicht
richtig erkannt, Man sprach davon, daB die Wahlen das Zen-
trum in seiner ,tSchliisselstellung" erhalten hatten. Das ist frei-
266
lich nicht mchr als eine fromme Legende. Einc „Schlusselstel-
lung" ist ja nur dann wirklich gegeben, wcnn die Moglich-
keit besteht, zwischen , .links" und ,,rechts" nach Bclicbcn zu
wahlen. Diese Moglichkeit besteht aber nicht mehr, weil ja
die Parteien-Gruppe, auf die sich Bnining gestiitzt hat, im
neuen Reichstag zu einer hoffnungslosen Minoritat zusammen-
geschmolzen ist (was man freilich in der Presse der Mitte,
die von einem „Sieg Briinings" sprechen zu solicn meinte, sei-
nen Lesern leider verschwiegen hat). Ein Abschwenken des
Zentrums in die Opposition, an die Seite der Sozialdemokra-
ten und der Kommunisten, ist aber — ganz abgesehen von der
Gefahr, damit eine Reichstagsauflosung zu provozieren — vol-
lig unmoglich. Zentrum und Kommunisten in gemeinsamer
Front: das ware absurd. Dies hat man aueh beim Zentrum so-
fort erkannt; die Presse der Partei hat den Gedanken an solche
Oppositions-Experimente gleich nach der Wahl weit von sich
gewiesen. So irreal schien diese Moglichkeit, daB man sie
noch nicht einmal als Druckmittel gegen das Papen-Kabinett
verwandt hat : das Bluff -Manover ware zu durchsichtig ge-
wesen.
Noch aus einem andern Grunde war das Zentrum zu
schnellem Handeln gezwungen. Die Moglichkeit, eine Tole-
rierungs-Majoritat fur Papen aus NSDAP, Deutschnationalen
und Bayerischer • Volkspartei, unter AusschluB des Zentrums
also, zu foilden, war namlich, solange man noch an eine
Tolerierungsbereitschaft der NSDAP glauben konnte, durch-
aus nicht bloB eine Ausgeburt muBiger theoretisierender Kopfe,
nicht bloB eine Angelegenheit des Rechenstifts. Warumi soil-
ten sich die Bayern unter alien Umstanden einer Kombination
versagen, die ihre Zentrums-Freunde draufien lieB? Es fehlte
ja, im Guten wie im Bosen, nicht an Mitteln, sie zu einer Koa-
lition ohne Zentrum, gefiigig zu machen. Im Guten: dadurch,
daB die Reichsregierung auf die „spezifisch bayerischen Be-
lange" eihging. Und im Bosen: durch einen Druck auf die
empfindlichste Stelle, auf den Finanzminister (der in diesem
Falle Schaffer heiBt und mit dem Parteifiihrer der Bayerischen
Volkspartei identisch ist). Vielleicht konnte man einmal dar-
auf hinweisen, dafi Bayern infolge gewisser Sondervorteile beim
Finanzausgleich, die ihm die parlamentarische Schliisselstellung
der Bayerischen Volkspartei in fruhern Reichstagen eingebracht
hat, Jahr fiir Jahr rundj 200 Miilionen mehr aus dem Reichs-
Topf erhalt als die andern Lander, und daB es, dank dieser
Vorteiie, die Gewerbesteuern nicht annahernd in der gleichen
Hohe einzuheben braucht wie etwa PreuBen. Das Wort „ge-
rechte Reform des Finanzausgleichs" konnte unter diesen Um-
standen, von einer energischen Reichsregierung ausgesprochen,
wie eine Zauberformel in Miinchen wirken, und nur boswillige
Elemente wiirden es wag en, dann von einer Erpressung zu re-
den
Auch der andre Partner, den man, neben all den kleinen
Splittergruppen der Rechten, in einer derartigen Majoritats-
Konstellation brauchte, ware zu gewinnen: Hugenberg namlich.
Wobei gleich angemerkt werden darf, daB die Behauptung, die
Deutschnationalen seien nach dem Wahlergebnis vollig hors de
267
concours, eine ebcnsolclic Legende ist, wie die Theorie von
der angeblichen HSchliisselstellung" des Zentrums, Hitler
konnte namlich kaum etwas Peinlicheres passieren, als ein
„Draufienbleiben" Hugenbergs aus einer (stillen oder offenen)
Koalition zwischen seiner Partei und der ,,Systempartei'\ dem
Zentrum. In einer solchen Opposition hat Hugenberg nichts
zu verlieren, wohl aber sehr viel zu gewinnen: namlich die
Sympathien (und spater auch die Stimmen) von NSDAP-Leu-
ten, die von der Feindschaft ihrer Partei gegen die „Pfaffen"
ehrlich tiberzeugt gewesen sind, und die ein solches Paktieren
nun grenzenlos enttauschen miifite. Es ware also, zunachst fiir
Hitler, aber auch fiir das Zentrum, sicherlich eine groBe Er-
leichterung, wenn es gelange, diese Opposition stillzulegen, in-
dem man Hugenberg in irgendeiner Form in die Kombina-
tion einbezieht. Wobei vorerst (von Papens Freunden) daran
gedacht war, ihn kommissarisch mit der Ordnung -der Osthilfe-
Angelegenheiten zu betrauen. Knackt er die NuBf so ist es
gut — Versagt er dabei, so ist es zwar wirtschaftlich ein Mal-
heur, politisch' aber ein Gliicksfall. AuBerdem wiirde die
Heranziehung der Hugenberg-Dingeldey-Gruppe die gewerk-
schaftlich-sozialistischen Tendenzen innerhalb der Gruppierung
Zentrum-NSDAP weitgehend paralysieren, und das ware ja fiir
die Papen-Leute besonders erwiinscht*
DaB die christlichen Gewerkschaften gradezu mit Emphase
fiir einen Briickenschlag vom Zentrum zur Hitler-Partei ein-
treten, das war gewiBfiir viele Leute eine rechte Oberraschung.
Gewerkschaften und NSDAP — paBt denn das iiberhaupt zu-
sammen? Nun, der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Ver-
band ist jedenfalls der Meinung, dafi er bei einem Biindnis
mit dem antikapitalistischen Fliigel der Hitler-Partei besser
fahren wird als in der Opposition gegen Hitler und StraBer,
bei der er gewartigen muBf daB ihm seine Leute zu den radi-
kalern Parolen des Braunen Hauses fortlaufen. Und die eigent-
lichen Zentrums-Gewerkschaftler sind viel zu gute Parteileute,
als daB sie nicht einschwenken wiirden, wenn es so befohlen
wird. Das Zentrum hat viel zu verlieren: namlich seinen gro-
Ben (zahlenmaBigen) EinfluB in der Verwaltung des Reichs und
PreuBens, das Ergebnis einer lange Jahre hindurch skrupellos
genug betriebenen Personalpolitik. Und es hat Einiges zu ge-
winnen — wenn auch vorerst die Hoffnung, das Reichsschul-
gesetz als Preis fiir die Unterstiitzung des neuen Kabinetts zu
erhalten, nicht allzu groB ist. Diese Trauben sind noch reich-
lich sauer, denn tolerieren muB man so oder so, ob der Tole-
rierte nun Hitler oder Schleicher oder gar Papen heiBt; die
lockende griine Weide der Opposition darf nicht betreten wer-
den. Das versteht man auch, trotz dem starken Totback, der
im Wahlkampf gegen Papen-Schleicher und gegen Hitler ab-
gebrannt worden ist, bei den Zentrums-Gewerkschaften recht
gut, und grade bei den Gewerkschaften. Denn dort ist die
Parole, die einst Trimborn gegeben hat, noch unvergessen, und
sie wird gpradezu al$ ein heiliges Vermachtnis des groBen
Fiihrers bewahrt. Diese Parole lautet: „Nur als drinbleiwe!
Nur net rausgehe!'*
268
Das Zentrum, vor sich die Auflosungsdrohun£ des Prasi-
dial-Kabinetts, hinter sich das unwegsame Oppositionsgelande,
auf dem man, horribile dictu, mit den Kommunistcn zusammen
auf gleichem Lagerbctt kampieren miiBte, hat versucht, sich
aus dieser strategisch hochst unbequemen Situation, die schein-
bar nur eine Unterwerfung unter Schleichers Diktat offenliefi,
durch den taktischen Zug des Koalitions-Angebots an Hitler
zunachst einmal herauszuwinden. Aber Schleicher, der Hitler
erst geschickt aus seiner Reserve herausgelockt hat, um ihm
dann von Andern sagen zu lassen, daB ein ehemaliger C*e-
freiter doch nicht Reichskanzler werden konne, besonders dann
nicht, wenn er seinen eignen miinchner Laden nicht in Ord-
nung zu halten verstehe — Schleicher sitzt eben doch am lan-
geren Hebel. Er hat es, dank der Ruckendeckung durch Hin-
denburg, vollig in der Hand, ob er die eventuell zustande
kommende Koalition Kaas-Hitler als Losung mindern Ranges
dulden will, oder ob er auf die ursprungliche Linie zuriick-
gehen will, mit der Erklarung: entweder Tolerierung des Pra-
sidialkabinetts („wobei wir durchaus zu kleinern personellen
Kompensationen bereit sind") — oder ReichstagsauHosung.
Was nun, wenn sich Hitler und Kaas — wenn auch aus
verschieden gearteten Motiven — diesem Diktat nicht beu-
gen? Dann, in diesem vorerst wahrscheinlichsten Falle, ist das
„Konflikts-Regime" unvermeidlich. Auch dafiir liegen die
Plane schon fix und fertig vor.
Man will nicht etwa ohne Reichstag, das heiBt ohne Neu-
wahlen, weiter regieren — man will auch nicht die von dem
(tibrigens dem Ze^ntrum nahestehenden) Verfassungsrechtler
Professor Carl Schmitt gewiesene Eselsbriicke beschreiten und
ein von links und rechts ohne ,,einheitliches positives Wollen"
gegebenes MiBtrauensvotum einfach negligieren. Die „posi-
tive Losung" heiBt: Neuwahlen iiberall — mit einem aufoktroy-
ierten neuen Wahlrecht: Wahlalter 24 Jahre, kleine Wahl-
kreise („Ein-Mann-Wahlkreis*') und Verrechnung der Rest-
Stimmen nur im Wahlkreisverband, nicht mehr im ganzen
Reich, (Also: ,,gemildertes" Verhaltniswahlrecht.) Der Wahler
soil wieder Personen wahlen, nicht Listen, Als Wahltermin
gilt der 6. November.
Das ist der Plan. Es ist, nicht nur vom verfassungsrecht-
lichen Standpunkt aus, sehr viel zu ihm, das heiBt gegen ihn,
zu sagen. Aber man rechnet bei Schleicher-Gayl-Papen damit,
daB „das Volk" sehr viel Verstandnis ftir eine' Losung auf-
bringt, die einen Ausweg aus einer mit den bisherigen parla-
mentarischen Mitteln unlosbaren Situation eroffnen konnte —
eine Losung, die mit ,,Pers6nlichkeiten" rechnet, statt mit
Partei-Listen, und die somit das Ende der innerlich ebenso
iibermaBig wie auBerlich ohnmachtig gewordenen Partei-
Bureaukratie bedeuten wiirde. Auch die aktiven Krafte der
Sozialdemokratie, auBerhalb der LindenstraBe, auch die aktiven
Gewerkschaftskreise, so rechnet man, wiirden eine solche Lo-
sung zum mindesten ,,tolerierenM.
Ob man sioh dabei wirklich verrechnet?
269
Ueber die Ursachen
des nationalsozialistischen Erfolges
von Kurt Hiller
I
Co sehr einstweilen dafiir gesorgt worden ist, daB sie nicht
in den Himmcl wachsen:\ ihr Erfolg ist Tatsache, jenseits
aller Affekte und Theorien; ist unabstreitbar. Ein in der deut-
schen Parteiengeschichte beispielloser, ein hanebiichener Er-
folg. Im Reichstag von 1928 hatten sie 13 Mandate, im Reichs-
tag von 1930 schon 107, Heute haben sie dort 230 Sitze. 230
unter rund 600; das sind fast Z-weifiinftelf Ihre Stimmenziffer
stieg binnen zwei Jahren von 800 000 auf 6,4 Millionen; binnen
vier Jahren von 800 000 auf 13,7 Millionen. Und dies, wahrend
die Kommunistische Partei zwischen den beiden vorigen Reichs-
tagswahlen von 3,2 Millionen nur auf 4,5 Millionen Stimmen
anstieg und selbst jetzt, nach dem schwachlichen Abtritt der
preuBischen Sozialdemokratie und trotz der Arbeitsdienst-
pflicht-Drohung, lediglich 5,2 Millionen aufbrachte. In vier
Jahren schwerster, sich kontinuierlich verscharfender Wirt-
schaftskrise und standig gesteigerter Brutalisierung der Armut
hat sich die Anhangerschaft der KPD um knapp Zweidrittel
vermehrt, wahrend die der NSDAP sich, sage und schreibe,
versiebzehnfacht hat. Weniger als siebzig Prozent Zuwachs
gegen siebzehnhundert Prozent Zuwachs! Die Gefolgschaft der
Sozialdemokratie ist im gleichen Zeitraum auf etwa 85 Prozent
ihres Bestandes zusammengesacki
Ware das Verhaltnis umgekehrt, das heiBt: ware die Stim-
menzahl der marxistischen Parteien in diesen Jahreri sich ra-
pide verbreitender und steigernder, durch die Machthaberschicht
wissentlich verstarkter Not auch nur halbwegs so phantastisch
angestiegen, wie tatsachlich die Zahl der Hakenkreuzlef an-
stieg, dann wiirde dies gewifi als herrliche Bestatigung der
marxistischen Sozialpsychologie verbucht worden sein. Das
Gegenteil geschah; wer auf der Linken wagt nun auszusprechen,
daB die marxistische Psychologie durch die Ereignisse aufs
klaglichste ad absurd um gefiihrt ist? Von Klassenkampf keine
Spur! Die Klasse der Nichtbesitzenden, der nur von ihrer Ar-
beit Lebenden oder sogar von der Arbeit Ausgeschlosseneh,
auf vier groBe Parteien verteilt (: KPD, SPD, Zentrum, NSDAP),
sich selber zerfleischend, zum Teil in lockerm, zum Teil in
engstem Bunde mit dem Klassenfeind! Wer wagt zu bekennen,
dafi der proletarische Klassenkampf nichts schon Existentes,
sondern ein Seinsollendes, ein zu Forderndes ist, daB er keines-
wegs naturnotwendig aus den Verhaltnissen entspringt, viel-
mehr vernunftnotwendig aus einer Idee; daB er nicht zu ,,inter-
pretieren" und „analysieren", sondern zu propagieren und or-
ganisieren ist?
In einer Zeit, die, ihren objektiven Merkmalen nach, im
Sinne des Sozialismus revolutionierender auf die Massen wir-
kcn xniiBte als jede andre vor ihr, optieren Millionen Prole-
tarier gegen ihre Klasse, fur die Reaktion. Es kann also doch
wohl nicht die okonomische Lage der Menschen der Faktor
270
sein, der ihre geistige Haltung ausschlieBlich bedingt. Es kann
also doch wohl nicht der ProduktionsprozcB die Geschichte
machen. Wachsende Ausbeutung, Not, Verelendung scheinen
doch wohl nicht mit Nptwendigkeit Klassenkampf er, Sozialisten,
Kommunisten zu erzeugen. Neben dem Materiellen miissen
doch wohl noch andre Momente willensbestimmende Kraft be-
sitzcn; und offenbar ist im angeblichen „OberbauM manches
Unterbau! So wenig es einem verrannten Freud-Epigonen ge-
lingen konnte, den nationalsozialistischen Erf olg aus der Libido
zu erklaren, so wenig ist er mit Krise, Erwerbslosigkeit, Prole-
tarisierung des Mittelstandes, Massenverelendung erklart. (Ob-
wohl ganz gewiO weder Libido noch okonomische Krise unbe-
teiligt an ihm sind,)
Mit der Krise erklart sich der Einbruch des Nationals ozia-
lismus in die Front der biirgerlichen Parteien; mit der Krise
erklart sich nicht, daB dieser Einbruch den marxistischen Par-
teien miBlang. Ein Negativum von hochster Erheblichkeit! Die
Parteien des klassenbewuBten Proletariats, die Parteien ge-
gen Ausbeutung und Verelendung, die sozialistischen Par-
teien haben von der Krise nicht nur nicht profitiert, sondern
durch sie verloren; nachdem SPD und KPD im Reichstag von
1928 zusammen iiber 42 Prozent der Mandate verfiigt hatten
und im Reichstag von 1930 noch iiber 38 Prozent, verfugen sie
im neuen Reichstag nur mehr iiber 36,5 Prozent (Hitler iiber 38).
Die okonomisch-soziale Umlageriing in Deutschland hat keines- .
wegs zur politischen Erstarkung der gewaltig angewachsenen
Klasse, der proletarischen, gefiihrt, vielmehr zum GegenteiL Je
breiter der proletarische Gesellschaftssektor wurde, desto
schmaler wurde die politische Basis des Proletariats. DaB nam-
lich in der Firma MNationalsozialistische Deutsche Arbeiter-
partei" das Wort Msozialistische" schlichter Schwindel ist und
das Wort „Arbeiter" auch nicht vielBesseres (wenngleich zwei-
fellos eine Anzahl Arbeiter, besonders arbeitsloser Arbeiter,
zur Mitgliedschaft und Mitlauferschaft der Partei gehoren),
steht nachgerade fest. Ebenfalls: daB diese Partei, bei all ihrem
antikapitalistischen MaulaufreiBen, ob>ektiv weiter nichts als
eine Schutzgarde der Besitzenden und Besitzendsten ist, der
Prellbock gegen die' VorstoBe eines etwa zur Verwirklichung
drangenden Sozialismus,
Die Krise also, anstatt eine im Sinne der proletarischen
Befreiung, im Sinne des Sozialismus revolutionare Situation
geschaffen zu haben, hat eine konterrevolutionare Situation ge-
schaffen; sie hat die Gefahr heraufbeschworen, daB in Deutsch-
land die Stunde eines Regimes anbricht, an dessen Barbarei
gemessen das fascistische Italien das Paradies auf Erden ware.
Gefahr^ Die Zertretung der elementarsten Freiheiten, der
selbstverstandlichsten Sozialanspriiche, die Vernichtung des
Rechtsstaats nahm ja langst ihren Anfang.
Der Nationalsozialismus hat den altdeutsch-alldeutschen
Konservativismus aufgesaugt, den Liberalismus und biirger-
lichen Demokratismus zertriimmert, Nur das im Zentrum und
in der Bayerischen Volkspartei organisierte katholische Biirger-
tum, gestiitzt bekanntlich durch starke Teile des katholischen
Proletariats, hielt stand, ja wurde starker. Warum? Weil es
3 271
von einer Idee, einem zwar unsrer Auffassung nach veralteten,
dennoch grandiosen iiberwirtschaftlichen Gedanken, einem
geistigen Prinzip beherrscht war und bleibt Die nichtkatho-
lischen biirgerlichen Parteien hatten sich langst zu Interessen-
tenhauf en erniedrigt Die Idee war in ihnen zu Phrasen er-
starrt, die bei festlicnen Anlassen deklamiert wurden; in Wahr-
heit verfochten sie, kollektiv wie privat, nur nock privatoko-
nomische Ziele. Nicht die der Verarmten, der durch Krieg, In-
flation, Deflation Ausgeraubten, der Entklassten, Prole tarisier-
tenf sondern grade die Interessen Derer, die trotz allem noch
im Besitze saBen, Da muBten mit Notwendigkeit die Enteig-
neten abtrtinnig werden. Viele flohen zuerst in die politische
Indifferenz. Spater folgten sie Denen, die das Stadium der
Gleichgiiltigkeit nicht erst durchlaufen hatten, sondern sogleich
dem! Rattenf anger zugestromt waren, der ihre Rachegeftihle
gegen die Reichen mit angenehmem Wortbrei pappelte und zu-
gleich ihre iiberlieferten Empfindungen, die konf essionellen, die
patriotischen, die geschlechtsmoralischen, den gesamten Be-
griffskitsch des Wilhekninismus schonte, ja pflegte, unter strich
und libertrieb. Der Marxismus verlangte ja nicht nur Klassen-
bewuBtsein, sondern auch eine Leistung jenseits des Okonomi-
schen: Oberwindung der Tradition, Preisgabei der Vorurteile,
der anerzogenen, liebgewordenen Vorstellungen und Wertun-
gen, Hinaustreten aus dem konservativen Kulturqualm. Diese
Atmosphare aber verlaBt der SpieBer, der in ihr aufwuchs,
nicht gern — am wenigsten dann, wenn er physisch in ihr ge-
dieh; wenn er rosig, stramm und fett in ihr wurde. Da er*
scheint ihm die andre gefahrlich, mit Krankheitskeimen ge-
schwangert, das Geistige selber als Krankheit Eine die Dumm-
heit zersetzende Kraft wird abgelehnt, weil angeblich alles Zer-
setzende Schwache ist So kam der Nationalsozialismus als
vorgespiegelter „Sozialismus" dem HaB der Verarmten und
gleichzeitig als echter, ja radikaler Konservativismus der Angst
der Geistscheuen entgegen. Die Zahl Derer, die beides zu-
gleich sind: verarmt und geistscheu, ist ja bei uns letzthin ge-
waltig angewachsen.
Wunder wirkte, aus ahnlicher Ursache, zweifellos der g-e-
schickt gewahlte Name der Partei. Als Friedrich Naumann zu-
erst das t,Nationale" mit dem f,Sozialen'§ firmamaBig koppelte,
eilte er seiner Zeit voraus, HNationalsozial" — das konnte
unter Wilhelm noch nicht ziehen. DaB im Nachkriegsdeutsch-
land das Nationale als Stimmung und als ein in die politische
Rationalitat intensiv hineinstrahlendes Gefuhl sich stark ver-
breitete und auch unter den Armen bewuBter und lebendiger
wurde denn je, ist fraglos dem racbehaften Inhalt des Versailler
Friedens zuzuschreiben, der poincaristischen Shylockpolitik,
der Zahigkeit, mit der selbst die biirgerliche Linke FrankreicHs
sich, bis in die letzte Zeit hinein, gegen die Revision derVer-
trage, gegen die Herstellung internationaler Gerechtigkeit und
gegen die Abrtistung gestraubt hat Der deutsche Nationalis-
mus ist, in seinem AusmaB, eine Folge des franzosischen und
eben deshalb nicht ohne berechttgten Kern. Die deutsche De-
mokratie, vor allem die Sozialdemokratie, fing mit ihrer (zwar
Panzerkreuzer bauenden) Erfullungspolitik die antifranzosischen
272
Sentiments, auch grade sowcit sie verstandlich und in Ordnung
waren, nicht auf; die Kommunistische Partei reihte das natio-
nale Saxophon zu spat und zu absichtsvoll in das Orchester
ihrer Tendenzen ein, Der Marxismus kennt nur Verpflicbturi-
gen gegen die Klasse, keine gegen die Nation; in Zeiten natio-
naler Unterdriickung werden diese aber stark empfunden, und
nicht nur von Besitzenden, Man will national sein; man will
jedoch auch sozialistisch sein . . , ohne Zweif el, das Faszinie-
rende des Namens dieser Partei schuf den Erfolg mit. Dieser
Nairfe bedeutete eine synthetische Parole, die in der Luft lag.
Hinzukam die durch jahrtausendealten Militarismus im Volk
geziichtete Liebe zur Uniform, zur Straffheit, zum ,,Ruck-Zuck'\
zum Beiehlen und Gehorchen, zum Toten und Sichopfern. Man
muO in gewissen Erscheinungen nicht einfach Rempelsucht von
Rowdies, nicht blofl Knoten- und Mordbubentum sehen. Tiefe
erotische Strome, auch auto-erotische, wirken hier mit, Ober-
schuB junger Kraft sucht sich einen Gegenstarid, sucht Be-
tatigungsformen fiir sich;1 Herrschtrieb und Dientrieb sind Ur-
phanomene. Man hat sie benutzt, Man hat auch den HaB
gegen das Fremdartige, gegen „den Andern" benutzt, jene Anti-
pathie, die noch verbreiteter ist als ihr Gegenteil: die leideii-
schaftliche Hinneigung zum Fremdartigen, zum Andern. Anti-
semitismus, soweit er sich nicht als nach auBen projizierter
SelbsthaB des unrassigen Ariers herausstellt (ich habe zur Cha-
rakterologie des Mochtegern-Volkischen Einiges in meiner
,Verwirklichung* gesagt), ist eine AuBerung des endogamen
Liebesgeschmacks. Grade in der Affektbeziehung zur Rasse
pragt sich geheime Erotik und Anti-Erotik (Fetischismus und
Antiietischismus) unverkennbar aus.
All dies Dumpfe im Menschen, zumal im jungen, hat der
Nationalsozialismus benutzt. Ich glaube, nicht einmal mit
voliem Bewufitsein; sondern mehr instinktiv appellierte er an
die Instinkte.
Gegen die am Ende bei seinen eignen Leuten sich bisweilen
meldende Kontrolle der Vernunft hat er sich durch grund-
satzliche Ablehnung und Herabsetzung der Vernunft gesichert,
durch Verunglimpfung der Vernunft als einer Verfallserschei-
nung, als einer durchaus unvolkischen Sache, als einer iiblen
westlerischen und judischen Eigenschaft.
Man muB iibrigens nicht Nationalsozialist sein, um die Ver-
nunft zu schmahen. DaB der Nazi darin, zum Beispiel, mit
dem orthodoxen Materialisten ein Herz und eine Seele ist, weifi
erf scheints, selber nicht. Die Extreme beriihren sich auch hier.
Hab ich die Wahl zwischen den beiden Vernunftfeindlichkeiten:
zwischen dem Empirismus der marxistischen Methodik und dem
Mystizismus der nationalsozialistischen, dann ziehe ich ohne
Besinnen — den Kritizismus Kants vor. Allerdings ist dieser
an den philosophischen Borsen heute gestrichen.
So geschickt also oder so instinktsicher die Machtliistlinge
um Hitler aul der Klaviatur der Massenseele zu spielen ver-
stehen — aus dieser Virtuositat allein erklart ihr marchenhafter
Erfolg sich ebensowenig wie aus den Wirtschaftszustanden. Ich
glaube vielmehr seine Hauptursache in der mangelreichen
Politik unsrer marxistischen Parteien zu sehen,
273
Es fehlt dcr alt en und in vielcra vcraltcten sozialistischen
Bewegung an Oberzeugungskraft, Werbekraft, Anziehungskraft;
die Spaltung, die anscheinend unheilbare Spaltung, verringert
noch die Attraktion. Der primitivere Typ des Nationalsozialisten
rechnet: MDreizehn Jahre sind sie oben und nichts ist erreicht,
alles ist noch schlimmer geworden." Wir wissen, in welchen
Punkten diese Rechnung falsch ist. Aber in einigen stimmt sie;
und man muB begreifen, daB nach soviei Nieten Millionen „es
mal andersherum versuchen" wollen, Der kolossale national-
sozialistische Erfolg ist, unter anderm, ein Produkt kolossaler
und berechtigter Enttauschung.
Dem feineren, geistigeren Typ unter den Anhangern des
Hakenkreuzes (und ohne den Rohlings- und Blutsaufertyp unter
ihnen etwa zu iibersehen, wollen wir doch nicht ieugnen, daB
es auch jenen gibt) fallt das seelische Vakuum auf, das der
Marxismus hinterlaBt, sobald seine Zielsetzung: klassenlose Ge-
sellschaft, erreicht ist; ja, sobald sie als erreicht gedacht wird.
Eine okonomische Doktrin kann richtig sein, und die des
Marxischen Sozialismus ist, jedenfalls in ihrer Zielsetzung,
richtig; aber sie ist ausschlieBlich okonomisch und kann des-
halb tiefere Menschen niemals befriedigen. Da im Menschen
etwas lebt, was iiber den Verstand hinausreicht und an das er
in seinen erhabenen Augenblicken sich magisch gebunden fuhlt,
so kann groBen und dauernden Erfolg eine politische Bewegung
nur daim haben, wenn sie dies Etwfcs in ihren Hintergriinden
aufleuchten lafit; wenn sie eine Perspektive ins Unendliche
hersteilt. Der Blickpunkt solcher Perspektive kann Gott sein;
kann die Idee der Nation oder die Idee der Humanitat sein;
kann der aktivistische Begriff Geist sein; der Materialismus
lehnt ja das alles aber als ,,burgerliche Ideologic" und Ausge-
burten ,,unwissenschaftlichen" Denkens ab. Er stoBt damit
eine Jugend zuriick, deren BewuBtsein das Goldne Zeitalter
der hellenischen und der deutschen Kultur durchschritten hal.
SchluB Mgt
Mein AuSSChlufi aUS der KPD von Josef Dunner
P* s sind etwas iiber drei Jahre her, daB ich auf dem weddinger
Reichsparteitag der KPD das Wachstum der Nationalsozia-
listen, den heranreifenden Fascismus in Deutschland signali-
sierte. Damals erinnerte ich die Delegierten des Parteitages
an den grauenvollen Mordterror des Fascismus in Italien und
beschwor sie, alles vorzubereiten, alles zu tun, um der, deut-
schen Arbeiterklasse ein italienisches Schicksal zu ersparen,
Heute — der Fascismus streckt bereits seine Klauen aus,
die Macht in Deutschland an sich zu reifien, Terror wiitet auf
den StraBen der GroBstadte, heimtiickisch explodieren die
ersten Handgranaten in Gewerkschaftshausern und Re-
daktionen sozialistischer Zeitungen: da — es ist grotesk —
vollzieht die KPD-Fiihrung „auf Grund offnen Kampfes gegen
die Grundsatze der Kommunistischen Partei" meinen Aus-
schluB aus der KPD.
Ich habe mich grundsatzlich fiir die Einheitsfront der bei-
den groBen proletarischen Parteien erklart und mit meinen
274
Grundsatzen ernst gemacht. Als vor wenigen Wochen die
Eiserne Front von Hes sen-Frankfurt zu einer Demonstration
gegen den Fascismus in Frankfurt aufrief, fiihrte ich iiber acht-
hundert kommunistische Arbeiter zu dieser Demonstration.
Unter unsern kommunistischen Losungen, unter einem Sowjet-
banner marschierten wir mit den Arbeitern der Eisernen Front,
bereit zum gemeinsamen Kampf gegen die Hitlerbanden, be-
reit, iiber alles Trennende hinweg, die Einheit der Arbeiter-
klasse zu verwirklichen. Die Bezirksleitung der KPD hatte
mir die Teilnahme an der Demonstration ausdriicklich ver-
boten, und so hatte ich das erste Mai ,,gegen die Grundsatze
der KPD" vers to Ben- Die Bezirksleitung enthob mich meiner
Funktionen und diktierte mir ein Redeverbot zu — ich sollte
nicht mehr zu den Massen sprechen diirfen. Und da verstieB
ich ein zweites Mai gegen die kommunistischen Grundsatze,
v.ie die KPD-Ftihrung sie auffaBt; denn jetzt zu schweigen
schien mir unkommunistisch, Und in einer groBen Kundgebung
in Frankfurt vor Tausenden von Arbeitern zeigte ich die Not-
wendigkeit auf, die Einheitsfront ,,von unten und von oben",
die Einheitsfront der KPD mit der SPD und den Gewerkschaf-
ten, mit den Massen wie mit den Fuhrern zu schlieBen.
„Mochte Diinner trunken sein vom Beifall dieser Versamm-
lung," schreibt die .Arbeiter-Zeitung', das Zentralorgan der
KPD fur Hessen-Frankfurt — o hatte die Redaktion doch die-
sen Beifall richtig verstanden — ,,wir Kommunisten haben die
muhevolle, aber die edle Aufgabe, die Massen vor neuen
Illusionen zu bewahren und stemmen uns mit bolschewistischer
Kraft gegen die verheerenden Wirkungen falscher Reden iiber
die Einheit." Und dann heiBt es klipp und klar weiter: „Die
rote Einheitsfront kann unmoglich durch den ZusammenschluB
der unvereinbaren Gegensatze: revolutionare und re-
formistische Organisationen zustande kommen. Feuer und
Wasser lassen sich nicht vereinigen."
Auch ich bin der Ansicht, daB Feuer und Wasser* unver-
einbar sind, aber ich glaube, daB die Gegensatze zwischen
KPD und SPD nicht eine solche Intensitat haben. Sie hatten
sie in der „demokratischeren" Periode Deutschlands, die fas-
cistische hebt sie mehr und mehr auf. Den ersten entschei-
denden Schritt zu einer Verminderung der Gegensatze im
proletarischen Lager getan zu haben, ist das unbestreitbare
Verdienst der Regierung Papen-Schleicher: die Aufhebung der
ohnehin sehr zweifelhaften parlamentarischen Machtpositionen
der SPD. Manches Weitere besorgt der StraBenterror der
Nationalsozialisten. Marschierten die kommunistischen Arbei-
ter auf GeheiB ihrer Fiihrer noch vor einem Jahr mit den Nazis
gemeinsam in den „roten" Volksentscheid gegen Braun und
Severing, so marschieren sie heute angesichts des gemeinsamen
Feindes wenigstens zuweilen, wenigstens in den ersten An-
fangen, in einer proletarischen Einheitsfront mit den sozial-
demokratischen Klassengenossen. Als ich Thalmann damals
in einem langern Schreiben meine Bedenken gegen die Volks-
entscheid-Politik mitteilte, da nahra mir die frankfurter Be-
zirksleitung diese Kritik sehr iibel Kritik angesichts einer
Parteiaktion sei nicht am Platze. Ich bin aber noch heute der
275
Meinung, daB Kritik sclten schadcn kann. " Schaden konnen
nur die Fehler, die zur Kritik Anlafl geben. Und diesc Kritik
ist heute notiger denn je. Wenn die KPD-Fiihrung noch vor
einem h alb en Jahr Menschea zu Opportunistcn gestempelt
hat, die von der Partei verlangten, sie solle sich an die ort-
lichen Leitungen der SPD wenden, unx mit diesen gemeinsam
antifascistische Kampfkundgebungen durchzufiihren, und heute
— allerdings ein halbes Jahr spater — das wenigstens ab und
zu tut, so ist dies doch nur ein Beweis daftir, daB Kritik zu-
weilen niitzlich sein kann. Es geniigt nicht, daB an der Bahre
ermordeter Proletarier die Vertreter beider Arbeiterparteien
gemeinsame Kampfgelobnisse ablegen, es muB verhindert wer-
den, daB Proletarier iiberhaupt erst von Fascist en ermordet
werden. Es ist falsch und ein Riickfall in die so sehr be-
kampfte Spontaneitats-Theorie, abwarten zu wollen, bis sich
die Einheitsfront in der Aktion, wahrend eines Naziiiberfalls
auf Arbeiter oder ihre Institutionen bildet. Dann ist es in der
Regel zu spat. Es ist auch nur ein allzu bescheidener Anfang,
wenn, wie in Halle, die Erwerbslosenausschtisse der SPD, und
KPD gemeinsame Kundgebungen veranstalten oder wenn im
Leunawerk die freigewerkschaftlichen, kommunistischen und
sogar die christlichen Betriebsrate ein Betriebsprogramm be-
schlossen haben, das die Leuna-Arbeiter zum gemeinsamen
Kampfc gegen jede weitere Lohnsenkung, gegen Entlassungen
und gegen die Besetzung des Betriebs mit Fascisten auffordert.
Die Perspektive ist kurz. Hitler und Schleicher mussen
den fascistischen ,,Ausweg" gehen, wenn der Kapitalismus die
Wirtschaftskrise in Deutschland (iberleben will. In den nach-
sten Wochen, vielleicht schon in den nachsten Tagen entschei-
det sich darum das Schicksal der deutschen Arbeiterklasse. Es
handelt sich nicht mehr um die politische Freiheit, es handelt
sich um die physische Existenz der Besten aus dem deutschen
Proletariat. Da sollte kein verantwortlicher kommunistischer
Funktionar abwarten wollen, t bis die sozialdemokfatischen
Massen sich von ihren Fiihrern gelost haben und ins Lager des
Kommunismus ubergegangen sind. Die Rote Front allein ge-
niigt nicht, schrieb Gerstorff hier vor kurzem, die Eiserne
Front allein auch nicht, eiserne rote Front muB die Parole
sein. Das deutsche Proletariat, durch jahrelange Tradition mit
seinen Organisationen verbunden, verlaBt diese nicht ohne
weiteres; erst recht nicht — und das ist ein Gluck — in der
Stunde der Gefahr. Darum mussen die Organisationen zusam-
men gehen, wenn sie in den nachsten Monaten noch als Or-
ganisationen weiter bestehen wollen.
Manche Depression, manche angstliche Spannung, manche
defaitistische Stimmung der letzten Wochen ist durch die
Reichstagswahl vom 31. Juli beseitigt worden. Hitler konnte
den Einbruch ins marxistische Lager nicht vollziehen. Die
Arbeiterschaft hat ihren Willen zum Kampf gegen den Fascis-
ms, gegen die Beseitigung ihrer letzten Grundrechte deutlich
demonstriert. In der Arbeiterschaft lebt der Wille zur Frei-
heit, zum Sozialismus. Die Zunahme der KPD muB als Aus-
druck dieses Willens gewertet werden, nicht als Vertrauens-
votum; fiir eine nur zu oft kopflose Fiihrung.
276
Jctzt mussen alle 222 sozialistischen Mandate, jetzt muB
die geeinte Kraft der ganzen Arbeiterklasse in die Wagschale
geworfen werden. Das ist das Gebot der Stunde. Nicht nur
die Arbeiterschaft wird aufstehen, wenn die Fuhrer der sozia-
listischen Parteien aufrufen, so mancher, der heute schon an
der Echtheit der nationalsozialistischen Versprechungen
zweifelt, wird sich anschlieBen.
Die ersten Ansatze proletarischer Einheitsfront geniigten,
um in Diisseldorf-West, Aachen, K6ln manchen Arbeiter aus
den Klauen des Fascismus in das Lager seiner Klasse zuriick-
zuholen. Schafft die ganze Einheitsfront und dann folgen auch
die, die nur mit den starkern Bataitlonen marschieren. SPD
und KPD — trotz alien Differenzen — in einer Front: und; die
roten Bataillone werden die starkern sein.
Berlin liegt nicht in „Preufien" von Hans v. zwew
Ceitdem Deutschland unter den Herren von Neudeck und Nimmer-
^ satt recht unsanft preuflisch erwacht ist, geht wieder mancherlei
Geschelte von der Mainlinie, Seltsamerweise wissen aber die wenigsten
Hakenkreuzlcr, dafi Ader richtige Flufi eigentlich viel wciter ostlich
stromt und Briicken hat. Die uralte Kulturgrenze in Deutschland geht
namlich nicht mehr durch Frank en, nicht einmal durch den Rhein, son-
dern wenn uberhaupt, dann ist die Rassenscheide die Elbe, die ein
tausendjahriges Reich deutscher Nation von seinem spater eroberten
Kolonialboden trennt,
PreuBen, namlich das alte Ordensland, ist eine brave Roggen-
provinz, die manchen ehrlichen Bewohner, manche Schonheiten der
Nehrung und Bernsteinkuste ihr eigen nennt und sogar einen Republi-
kaner Kant mit einer Handschrift iiber den ewigen Frieden hervor-
gebracht hat — nur eben durch und durch germanische Heimat ist
sie nicht. Die nordische, Rasse sucht man in den waldreichen Orten
Judithen und Metgethen oder in Liskaschaken und im fischreichen
Palmnicken-Kraxtepellen vergebens. Die Slawen safien auf ost-
elbischem Boden, namlich mindestens 1200 Jahre in PreuBen, und
ihre auBerste Westgrenze ging bis zur Kieler Bucht, Luneburg,
Oschersleben, Koburg, weit uber Leipzig und den Spreewald hinaus.
Alle sachsischen Hakenkreuze lagern also tief auf slawischem Ur-
grund, auch alle Familienbader an der Ostsee, an der jetzt nordische
Wimpel flattern, sind nicht rasserein, und der pommersch Bur hat
seinen Namen „po morze" („vor dem Meere") nicht von der Edda
sondern von Putkamerun. Nicht einmal Schleswig-Holstein ist rein
geziichtet, „die sechs wendischen Stadte" hieBen im Mittelalter Ham-
burg, Ltibeck, Wismar, Rostock, Greifswald und Stralsund,
Die PreuBen, ehemals Pruzzen und baltische Slawen, haben trotz
heutiger Osthilfe wenig mit Wotan und seinem einen Raben Hugin
zu tun. Nehmen wir nur den einen als kaiserliche Heide der Ver-
gangenheit doch gewiB zuverlassigen Namen Rominteli. Das Kirch-
spiel Rominten gehorte, was sicherlich auch unsre Rasseforscher an-
gehen sollte, urspriinglich zu einem Knotenpunkt mit dem ungermani-
schen S child Tominkehmen, das nachweislich erst einige Jahrzehnte
vor Wilhelms Hunnenfeldzug endgiiltig germanisiert wurde. Es um-
faBt: Balluponen, Didszullen, Islaudzen, Kiaunen, Kubillen, Laukisch-
ken, Pickeln, Powgallen, Schackeln, Theweln, Warnen und eine
ganze Reihe ahnlich echtpreufiischer Dorfer im ABC bis Waldaukadel
— lauter germanische Urlaute, bei deren richtiger Aussprache das
Herz in jeder braunen Ausrustung sicher holier schlagt. Bis vor drei-
hundert Jahren erklang hier fast nirgendwo ein deutsches Wort.
Selbstverstandlich sind die Slawen ostlich der Elbe, die durch die
277
Askanier und den Dcutschen Ordcn besiegt wurden, nicht etwa alle
ausgerottet, sondern sie haben sich mit der deutschen Einwanderung
vermischt. Alle wissenschaftlichen Wcrke dcr Slawenforschung, be-
sonders Tetzner, stimmcn darin iiberein, dafi ostlich der Elbe Blut-
mischungen und Heiraten der Deutschen mit den Wenden, Sorben,
Polen, Pruzzeh und Kaschuben in enormem MaBe stattgefunden haben.
Es ist sehr viel slawisches Blut vorhanden, die wendisch-kaschu-
bischen Herzoge des treudeutschen Pommerns haben zuni Beispiel die
Germanisierung einfach dadurch vollzogen, daB sie eines Tages die
deutsche Sprache annahmen und es darin trotz bisheriger Verehrung
von Swantewitt und Triglav bis zum Minnesang brachten. Die
PreuBen dagegen sprachen noch Jahrhunderte lang slawisch-pruzzisch
und haben erst gegen 1700 restlos das Deutsche gelernt, und zwar
mehr durch eine notverordnete Germanisierung. Kurz vor Luther war
namlich noch im Ordenslande ein preuBischer Katechismus in deut-
scher und preuBischer Sprache erschienen, und erst im Jahre 1677 ist,
nach einer Notiz im petersburger Exemplar dieser zweisprachigen
Schullehre, der letzte PreuBe auf der Nehrung gestorben. Miinchen
und Koln, die man heute von Rominten aus mores lehren will, waren
damals bereits ein Jahrtausend lang deutsch. Und der Anfang des
preufiischen Vaterunsers lautet nach Abel Will 1561 naturgetreu:
„Tawa Nouson kas tu essei Endangon", was man bei den heutigen
Auseinandersetzungen auch nicht ganz vergessen sollte.
Die Mark Brandenburg wurde bekanntlich durch Albrecht den
Baren, PreuBen unabhangig davon durch den Hochmeister Hermann
von Salza erobert, nachdem dieser sich vorher schriftlich zu Venedig
den Besitz des Landes gesichert hatte. Die Besetzung erfolgte in
einem formlichen Kreuzzug mit Grausamkeiten aller Art, unter
anderm wurde der preuBische Nationalheld Herkus Monte nach einem
Aufstande von den Rittern aufgehangt. Auch das „echt preuBische"
System wurde gleich von Anfang eingefuhrt: nach der Landordnung
des Hochmeisters Siegfried von Feuchtwangen durften im Ordensland
keine Juden weilen, die Herrschaft durfte mit dem Gesinde nicht
si a wis ch reden, die eingeborenen PreuBen wurden in wtist liegende
Acker abgeschoben, das Gesinde durfte in den Erntemonaten, wo es
am meisten zu schuften hatte, nicht heiraten, und wenn «in Dienstbote
fortlief, konnte man ihn wieder fangen und an einem Ohre fest-
nageln! Offenbar ein Vorlaufer der preufiischen Gesindeordnung, die
erst 1918 vom , .System" aufgehoben wurde.
„PreuBisch" im heutigen Sinne ist OstpreuBen erst dadurch ge-
worden, daB der Hochmeister Albrecht, der aus einer Nebenlinie des
Hauses Hohenzollern stammte, das Land nach der Reformation als
Herzogtum sakularisierte, und zwar unter polnischem Schutz, wobei der
in alien Farben schillernde Joachim in Berlin sich erblich von Polen
mitbelehnen liefi. Als die Linie in OstpreuBen ausstarb, erbten die
Kurfiirsten in Berlin die Ostseecke, aber freilich noch unter der
warschauer Hoheit. Erst durch besonderen Gliicksfall im Ringen der
schwedischen und polnischen GroBmacht um die Ostsee wurde der
GroBe Kurfiirst, der perfekt polnisch gelernt hatte und es sehr gut
gegenuber seinem Souveran sprach, von Polen frei. Bei Errichtung
der unbeschrankten Herrschaft Friedrich Wilhelms leistete das Hebe
Land OstpreuBen den Hohenzollern aber erbitterten Widerstand,
worauf der neugebackene Herrscher den ostpreuBischen Obersten von
Kalkreuth hinrichten, den konigsberger Schoppenmeister Rothe sechs-
zehn Jahre lang auf die Festung schleppen liefi. Das preuBische
Herzogtum ist dann 1701, aber wohlbemerkt nicht etwa als ein Teil
des alten deutschen Reiches, Konigsthron geworden — erst 1848 sind
OstpreuBen sowie das bei den Teilungen Pol ens erworbene West-
preuBen nebst Posen in den deutschen Bund eingetreten, politisch
also unter die Fittiche des spatern bismarckschen Kaiserreichs ge-
kommen.
278
Es gibt eiii politisches Scherzwort; ,, Berlin liegt nicht in
PreuGen", Wenn man es historisch nimmt und die politische Miin-
digkeit der berliner Weltstadt mit der Riickstandigkeit der heute
wieder regierenden preufiischen Ordensritter vergleicht, so stimmts, '
Brief aus der Feme von Rudolf Amheim
F^er Mcnsch denkt durch die Augen. Sicht er einen tiefblauen
See, von dessen Grund weiBe Porzellanscherben geheim-
nisvoll und gefahrbringend emporleuchten, sieht er Zypressen,
zitronen- und apfelsinenfarbene Segel und zwischen Opern-
dekorationen, Torbogen, Winkeln, Fruchtladen ein wimmeln-
des Volk, so faBt ihn der Gedanke an Deutschland selbst dann
nicht so rauh an, wenn er, das Riesensegel der italienischen
Zeitung mtihsam entfaltend, sich beim Cafe espresso heraus-
buchstabiert, wie nunmehr die seelischen Aufbaukrafte des
deutschen Volkes drauf und dran seien, die unwurdige mate-
rielle Not zu besiegen — was sich, wie man mir glauben wird,
auf italienisch besonders gut liest und was einen ja denn auch
freuen muB,
Heftiger jedoch, am eignen Leibe, der in der Sonne brat,
gewissermaBen spurt man sich ergrirfen, wenn man von der
neuen Verordnung des Reichskommissars gegen Nacktbaden
und sonstige Unmoral erfahrt, Auch aus dem Ausland sollen
Klagen gekommen sein, liest man im polizeilichen Text und
schaut betroffen auf seine Badehose herunter. Ein ganzes
Regiment von Feigenblattern, ira Winde an den Zweigen wip-
pend, wirft seinen Schatten auf das Zeitungsblatt.
Man hat aus diesen Sommermonaten Beispiele dafiir, daB
Leute schon braun werden, auch obwohl sie gegen das Nackt-
baden sind und mit Wurdigerem gesalbt als mit Nivea-Gl. Wo
sind die Zeiten hin, da der President der deutschen Republik
in kurzer Badehose seinem Volke auf dem Titelblatt der .Ber-
liner Illustrirten" mit schonem Beispiel voranging! Heute geht
ein Volk in Badehosen der Regierung voran, eine Volksbewe-
gung, keine Partei, wie man zeitgemaBerweise betonen darf,
ein Heerbann, an Flussen und Seen angesiedelt, machtiger und
brauner als jeder andre in Deutschland.
Fiir die christlichen Grundsatze, auf die sich der ErlaB
des Reichskommissars dankenswerterweise beruft, war von je-
her Nacktheit schlechthin verwerflich; ein Attribut der Hexen,
ein Blocksbergkostiim. Niemals wohi aber hat der Geist die-
ser Anschauungen groteskeren Ausdruck gefunden als in die-
sem ErlaB, der die unmoralischste und die moralischste Nackt-
heit zugleich aburteilt, die Augenprostitution in den schmie-
rigen Animierkneipen der Friedrichstadt, den alten Schmutz,
und zugleich die neue Sauberkeit der Turner und Schwimmer,
die ihren Korper unbedeckt lassen, weil sie diese Bedeckung
als hinderlich und unschon empfinden.
Einmal, als Cicerone eines Verwandten, der, wenn der
Hinweis erlaubt ist, aus OstpreuBen zugereist war, habejch
eins der berliner Nacktkabaretts besucht. Auf der Buhne gab
es, da laut Polizeivorschrift Nacktheit nur in unbewegtem Zu-
stande gezeigt werden ^ darf, lebende Bilder. Aber ach, sie
279
lebten nicht. Einc kalte Luft von UnsinnlichKeit wehtc ins
Parkett. Ein arztliches Sprechzimmcr ist ein histeschwangeres
Boudoir gegen die sen zu Salz erstarrten Venusberg. Ich\ er-
inncre mich ciner Haremsszene: Damen ohne Wasche tiirmten
sich, einem Konditorprunkstuck ahnlich, zu Kaskadcn um cinen
vollfetten jungen Mann mit Turban und asiatischer Lenden-
scharpe, dessen schweinerne Hautfarbe davon zeugte, daB er
niemals Anhanger der Nacktkultur gcwesen war, unci den
auBerdem der allabendlichc Anblick der entkleideten Kollegin-
nen auf Abwege gebracht zu haben schien, denn wahrend sich
seine Hande vorschriftsmaBig in den nachstgelegenen Busen
krallten, kokettierte er deutlich mit dem Saxophonisten des
Orchesters zu seinen FiiBen. Woher mag es kommen, daB
diese fur den durchschnittlichen alteren Herren so attraktive
Darbietung so ganzlich ihre Wirkung auf einen jungen Men-
schen von heute verfehlte? Weil . er nicht mehr unter dem
Druck einer Moral stand, die um den nackten Korper Schleier-
tanze auffiihrt und die man nun wieder einzufuhren wiinscht,
imi Kampf gegen den Fortschritt, der die Jungen so zuverlas-
sig gegen alien Schmutz immunisiert.
Die Friedrichstadt braucht man nicht zu bekampfen. Sie
stirbt sowieso, zusammen mit einer Generation, die heute ihren
letzten Geltungskampf kampft — gegen zu kurze Badehosen
und allerlei andres. Kampft sie gegen die schone Nacktheit
der Badenden und' der Turner, so zeigt sie ihre eignen mora-
lischen MangeL Ich sah dieser Tage an einer italienischen
Kirche ein altes Steinrelief: Adam und Eva unterm Baum; vom
Baum aus langten zwei Aste, so ungeschickt gradlinig, wie das
die Tugendwachter heute selten tun, nach dem SchoB der bei-
den nackten \Menschen und hangten ihnen je ein Blattlein vor
die BloBe. Das ist die Sittlichkeit, die mit dem gereckten Fin-
ger zeigt. Das ist Ferkelei,
Wenn ich mich etwas sprunghaft ausdriicke, halte man es
der italienischen Sonne zugute, die fur zweihundert deutsche
Reichsmark auf meinen streckenweise entbloBten Leib nieder-
brennt. Die Steine flimmern. Durch eine Lache, in der die
Berge sich spiegeln, lauft eine graue Wasserschlange. Blitz-
schnell windet sie sich um alle Hindernisse, stoBt nirgends an,
laUt alle Steine liegen, verschwindet in kleinen Hohlen und
steckt dann, an unvermuteter Stelle auftauchend, geschwind
den Kopf heraus, um zu wittern, wie der Wind gent — so ge-
schickt tut sie das, dafi die feme Tatigkeit jedes deutschen
Kabinetts daneben verblassen muB.
Reinhardt, Hand weg! von Feiix stsssinger
s Max Reinhardt dieses Jahr sein Deutsches Theater
preisgab, beweinte ein Teil der berliner Presse das
Theater Deutschlands um den Verlust seines Fiihrers. In den
letzten zwanzig Jahren vollzog sich der Verfall des deutschen
Theaters. Wer in dieser Zeit ein Fuhrer des Theaters sein
wollte oder sollte, ist daher in erster Linie fur diesen Zusam-
menbruch verantwortlich. Niemals werden wir umhin konnen,
auch dann Personen fur Ereignisse zur Rechenschaft zu ziehn,
280
A
wenn wir den Kraften des Ganzen den entscheidenden Anteil
am Lauf der Dinge geben. War also Max Reinhardt wirk-
Iich ein Fiihrer des deutschen Theaters, dann hat weder Berlin
noch Deutschland etwas mit seinem Verzicht auf eine leitende
Tatigkeit verloren. Dann war Reinhardt ein schlechter Fiihrer,
dann ist er verantwortlich fur die Pleite des Theatergeistes
und Theatergeschafts, und es besteht kein Grund, seinen Ab-
gang zu betrauern.
In Max Reinhardt steckten stets zwei Personlichkeiten,
eine schaffende und eine auflosende. Im Laufe von funfund-
zwanzig Jahren hat seine auflosende Kraft seine gestaltende
allmahlich iiberwachsen, und wenn uns auch der letzte Winter
noch seine bannende Fahigkeit im „Sonnenaufgang" darbot, so
hat doch seine hemmungslose und verantwortungsbare Lust
an leerer Schau vor dem nicht Halt gemacht, was einst seine
Starke war, vor der Kunst selbst. Seine Offenbachrevuen
waren eine Schandung musikalischer und geistiger Formen.
Man kann dieses Vergehen an der Kunst nur verstehn, wenn
man annimmt, daB Reinhardt diese Kunst nicht verstanden
hat. Denn wo Reinhardt Kunst spurt, hat er gewifi die Scheu
des echten Kiinstlers vor gepragten, unverganglichen Formen.
Aber in Reinhardt wuchert eine Luge fort, die Luge der
biirgerlichen Gesellschaft, aus der er stammt, deren Bestes er
lange bestrickend verkorpert hat. Das ist die Kunst als Vor-
wand. Es ist die Maskerade einer Gesellschaft, die sich zu
ihren Trieben nicht bekennt, die fur ihre Liiste und ihre Le-
bensformen lugnerische * Ideologien sucht, die verklaren und
verzeihlich machen sollen, was keines Pardons bedarL Weil
Reinhardt eine unausrottbare und auch schone Neigung zur
reinen Schau, zum Spektakelstiick, zum katholisch-barocken
Farbenrausch hat, glaubte er noch immer, diesen echten und in
sich selbst wahren Trieb hinter kiinstlerischen Vorwanden ver-
bergen zu miissen, Um Reinhardt, um das Symbol Reinhardt
bleiben zu konnen, zog er es vor, seine Lust an Rausch und
Schall als Dienst an der Kunst zu verkleiden. Damit seine Chore
sich entf esselri konnten, muBte Sophokles Texte hergeben. Da-
mit jetzt ein diisteres Schmugglergebirge alle Reize des Dunkels,
ein Stierfest alien Farbenrausch unter spanischer Sonne ent-
wickelt, soil ein Werk von der Vollkommenheit und Endgiil-
tigkeit der „ Carmen" in die Arena des GroBen Schauspiel-
hauses geschleift werden,
Es ist Zeit, Reinhardt zu sagen, wie zuriickgeblieben, bar-
bar isch-biirgerlich vdie Vorstellung ist, daB er, um solche Biihn-
nenschaufeste entfesseln zu konnen, des Vorwands eines
kiinstlerischen Anlasses bedarf. Wir wollen ganz davon, ab-
sehn, daB in diesen Zeitlauften die Verkuppelung von Kunst
und Zirkus das denkbar schlechteste Geschaft gewahrleistet.
Unsre Zeit ist aber vor allem dariiber hinaus, die Kunst als
des ehrenhaften Pratextes zu gebrauchen, in dem ein Theater-
mann seine libidinosen Biihnenaffekte abreagiert. Der heuch-
lerische Vorwand, nicht die Zirkusspiele sind heute veracht-'
lich, Wir haben Tanz, Jazz, Revue, Variete, kurz alles, was
aus dem Korperlichen kommend sich rhythmisch und male-
risch sublimiert, langst anerkannt und bejaht. Reinhardt ist
281
offenbar noch nicht so weit. Er weiB nicht, daB wir den Auf-
zug von funfzig nackten Frauen in einer pariser Revue dem
verlogenen Schauspiel vorziehn, das sich fur den Vorwand
eines echten, sich drehenden Gebirges der tragischen Musik
Bizets bedient. Reinhardt soil doch endlich zugeben, daB ihra
an dieser Kunst nichts mehr liegt, daB es uberalterte Tra-
ditionen sind, wenn er glaubt, er konne noch die Welt- und
Opernliteratur aus dem Aspekt eines Salzburger Hoftheaters
erneuern, statt, und das war einmal sein Wert, aus der Sub-
stanz des Werkes selbst. Fur diese Lust- und Schauspiele aul
die Kunst verzichten, das bedeutet ja nicht nur diese Art
Theater geschaftlich sichern, sondern auch die Preisgabe
jenes biirgerlichen Vorurteils, das fur eine gute Unterhaltung
auf die Illusion eines geistigen K on sums nicht verzichten will.
DaB freilich Reinhardt ernsthaft plant, grade einem Werk
von der Vollendung der „ Carmen'* die Glieder zu brechen, muB
diesen Fall zum AnlaB machen, Reinhardt zu sagen: Hande
weg und SchluB mit dieser verlogenen Komodie. Mag er sein
Theater mac hen, so gut, so schlecht! er kann, aber sich dann
noch aufspielen als der Mann, der jetzt nach Offenbach Bizet
entdeckt und richtig auf die Biihne bringen wird — das soil
diesmal nicht mehr durchgehn. Keinem Kiinstler soil das
Recht genommen sein, jedes Werk aus seinem eigensten Ge-
setz neu zu schaffen und es, wenn notig, auch neuen Bedin-
gungen gemaB, etwa denen des Radio, zu bearbeiten, Sollte
jemand 1fCarmen" neu schaffen, dann gewiB nur, um das Tra-
gische, nicht aber um das SchaumaBige zu betonen. Eine
, ,Carmen"( die bereits aus dem Vorspiel heraus den SchluB
entwickelt, der durch das Ziiat aus Isoldens Liebestod den
tiefsten Sinn des Dramas enthullt — eine solche Carmen-
erheuerung erwarten wir. Aber nicht von Reinhardt und Hans
SaBmann, wie angekiindigt, sondern von Stiedry und Ebert
oder Klemperer. Ein Heifer hat freilich Reinhardt bereits in
Stich gelassen. Korngold, der seit seinem sechsten Lebensjahr
keinen Namen zu verlieren hatte, hat ihn sich durch die Ab-
lehnung des Auftrages erworben, Bizets Meisterwerk zu ver-
unstalten.
Aber damit ist die Gefahr, die dem Werk droht, noch
lange nicht beseitigt. Der gutmiitige Spott der Presse wird
Reinhardt nicht abhalten, ein Ziel zu verwirklichen, von dem
er sich die Erhaltung des unter Umstanden eintraglichsten
berliner Theaters verspricht, Eine Festauffuhrung zugunsten
des Vereins Berliner Presse, und die Rebellion, die nicht aus-
bricht, ist niedergeschlagen. Deswegen muB es Reinhardt an
den Stellen, die seinen Ruhm zuerst erkampft, geschaffen, ver-
breitet haben (und die ihn auch wieder tilgen konnen), mit
aller Deutlichkeit gesagt werden: dieser Unfug wird nicht mehr
geduldet. Die Erneuerung des Zirkus aus dem Geist der
klassischsten Musik ist eine Barbarei, zu deren Bekampfung uns
der Kampf gegen die andern, blutigen Barbareien dieser Zeit
noch immer MuBe lassen wird. Reinhardt hat eine Vergan^
genheit zu verlieren. « Aber wenn er sich nicht scheut, sie auf
diese Weise preiszugeben, werden wir dafiir sorgen, daB er
auch eine Zukunft verlieren wird.
282
Madchen, warum fahrst du nach Berlin?
von Anton Schnack
jUladchen, warum fahrst du nach Berlin?
Weil in weiBer Seidc die Porten geht
Und Harry Liedtke sitzt in der Bar,
Weil um Marlene Dietrich die Unzucht wehl
Und die Bergner auch einmal nichts war.
Deswegen fahrst du von Bonn und Kustrin
ttber Nacht nach Berlin.
Madchen, warum fahrst. du nach Berlin?
Weil in Hof der Winter zum Weinen ist
Und in Bamberg kein Kavalier,
In Zwickau ist alles tranig und trist,
In Munchen riecht jeder nach Bier,
Dafiir hast du weder Geschmack noch Sinn
Und so gibt es nur eines: Berlin!
Madchen, warum fahrst du nach Berlin?
Weil manchmal die Trauer dich qualend bedrangt,
Wenn die Kleinstadt im Lindenduft kocht,
Weil dein Blut im Bett zu rumoren anfangt.
Wer hort es, wenn es pocht?
Vielleicht hort es ein Graf im Taumel Berlin
Und so fahrst du halt hin.
Und wenn du nun dort bist in Berlin?
Und alles ist fern und.weit?
Und hinter dir ist eine Mutter, die weint,
Und die Nester Bonn oder Marktbreit,
Und Berlin steht da wie ein Feind?
Und die Porten ist kalt und unnahbar
Und der Liedtke sitzt gar nicht in der Bar?
Und wenn du nun dort bist in Berlin?'
Da kommt dann der fette Mann,
Der Verbindungen hat, der die Filmleute kennt,
Am Schlusse ist gar nichts dran.
Ihm ists nur um deinen Leib, der brennt
Nach Liebe, Ruhm, Film, Magazin.
Dann verschluckt dich der Dschungel Berlin.
Und wenn du nun dort bist in Berlin,
Erniichtert und ruchlos allein?
Da geschieht dann manchmal, was atzend trifft:
(Es steht in den Zeitungen klein)
Die Tanzerin H. K, nahm heute nacht Gift
Man nimmt es gelassen und gleichgtiltig hinj
Alltaglich ist dies in Berlin*
263
Theater in der Sowjet-Union von Erwin Kaiser
SchluB
Won der wunderbaren Lebenskraft des moskauer Kiinstler-
theaters (Stanislawski) war schon die Rede, Noch heute
gehen dort Auffuhrungen, die vor zwanzig Jahren sein Stolz
waren, in der ihnen eignen Stille iiber die Szene. Jat wer aus
der geladenen Luft des Heiit kommt, fragt sogar am Ende: wie
ist es moglich, daB so „burgerliche" Werke sich noch im
Spielplan behaupten? Die Ant wort ist einfach: weil es schone
Werke sind. Es gehort zur Legende iiber die Welt driiben,
daB die ,„KunstM dort zerstort werde. Im Gegenteil. Die voll-
kommene Leistung wird auch da respektiert, wo sie dem Inhalt
nach iiberholt ist, Und die Dinge bei Stanislawski le-
ben durch den reinen Impuls, aus dem si^ einst entstanden,
dem Impuls jenes Naturalismus, der durch die verbrauchte
Kulisse des Salons zur Wirklichkeit seiner Zeit, zur Armut tmd
zum Menschen durchbrach, und der offenbar nirgends, ernster
und tiefer war als hier in Moskaui Was da oben aui der Biihne
erzahlt worden ist, ist mindestens so wahr und phrasenlos er-
zahlt worden, daB es den Wert eines Dotkumentes besitzt. Eine
Auffiihrung wie die von Tschechows „Kirschgarten" ist ein
melancholischer Anschauungsunterricht iiber den Untergang
der besitzenden Klasse. Das Erstaunlichste aber an diesem
Theater istf daB es auch heut wie vor der Revolution in der
vordersten Front stent. Es hat die Wendung zum neuen Stoff,
zum neuen Leben ohne weiteres machen konnen, ohne um
Haaresbreite seinen Stii verlassen zu miissen, den Stil der
groBen Erzahlung. Und wenn seine Auffuhrungen' machtigen
auigeschlagenen Biiohern glichen, die auf eine im Theater noch
nicht erhorte Weise mit Menschen und mit der Geschichte von
Menschen bekanrit machte, so tun sie das auch heute noch, nur
machen sie heute mit neuen Menschen und mit neuer Ge-
schichte bekannt. Dies Theater hat einen Begriff von Quali-
tat gegeben, um den kein andres driiben mehr herumkommt.
Ohne seine Existenz waren die andern nicht; aber es spricht
fiir seinen Reichtum, daB diese andern durchaus anders aus-
sehen. Es sind jene Theater die den realen Raum der natura-
listischen Biihne durch das Spielgerust ersetzten und alle
Machte des Rhythmischen, Musikalischen und Tanzerischen
entfesselten. Das Musterbeispiel, Tairoffs Operette Girofle-
Girofla, sieht man heute noch in Moskau. Es ist nur noch eine
Arabeske. Aber war der iVorstofi in; dieser Richtung, den ja
auch wir (als Expressionismus) kennen, wenn er auch bei uns
nur sparliche Eriichte getragen hat, zunachst ein artistischerr
kam er vom Kunstprinzip her, so ist er tatsachlich einer inner-
lich revolutionaren Kunst zugute gekommen. So daB neben
die Stillebenkunst Stanislawskis, die auch das kampferischste
Geschehen objektiviert, ein Theater des bewuBten Willens
trat, das im pragnanten Sprechstil, in der verscharften Geste,
in den Ausdruckschancen des Buhnenbildes Wirkungsmittel
von primitiverer Dynamik und heftigeren Akzenten besitzt.
Ein dritier Typ Theater ist der, der von vornherein im
Proletarisch-Revolutionaren wurzelt, dessen Schauspieler aucb
284
zum Teil urspriinglich Arbeiter war en und erst im Laufe der
Zeit ausgesprochene Berufsschauspieler wurden. Auf diese
Theater ist man natiirlich am neugierigsten. Am meisten iiber-
rascht, daB sie an Konnen keinem der besten Theater von Tra-
dition nachstehen. Sie ha ben sich alles zunutze gemacht, was
das russische Theater bisher geleistet hat, und das Willens-
hafte, Erzieherische, VorstoBende ist in ihren besten Sachen
(es gibt wie iiberall auch schlechte) wunderbar locker im
Gleichgewicht gehalten von der psychologischen Intuition aus
dem Erbe Stanislawskis und der virtuosen Artistik der Jiinge-
ren. Etwasungeheuer Optimistisches, Ja-Sagerisches in ihrer
Kunst ist wie ein Element, in dem alles gewagt werden kann
und sich rechtfertigt.
In alien diesen Theatern wechselt der Spielplan taglich.
Wochentlich herausgegebene Programmhefte informieren bis
in die Details der Besetzung. Was von fruher her wertvoll
ist, wird weiter gezeigt. Alles, was neu entsteht aber, hat un-
mittelbar Bezug auf das neue Leben, Das politische Stiick ist
bei uns ein Problem, von dem man am liebsten die Hande laBt.
Denn da es mindestens ein Dutzend politischer Standpunkte
bei uns gibt, kann man es immer nur einer Minoritat recht-
machen. Geht es nicht auch ohne Politik? Aber driiben, wo
die Weltgeschichte und die groBen Probleme sichtbar in den
StraBen stehen, wiirde man fragen: wie soil ein Stiick, das
uns angeht, nicht politisch sein? Unpolitisch sein hieBe driiben:
sich blind stellen. Bei uns heiBt es blofi: blind sein. Jeden-
falls der grundlegende Unterschied zwischen den Theatern
bei uns und dort: die kaleidoskopisch-willkurliche, aus den
Fingern gesogene Thematik bei uns, die organische, mit dem
Leben korrespondierende driiben. Man darf ruhig zugestehen,
es gibt driiben MiBgliicktes genug, es sind oft nichts weniger
als Kunstwerke, die man spielt, aber immer sind es Griffe in
Staff, der einen angeht. St off ist die revolutionare Geschichte,
alte und neue, Stoff sind alle Probleme von heut, groBe und
kleine. Aber wenn man einmal vom Stoff und der Problemr
stellung der Stiicke absieht und bloB an die Menschen denkt,
die in ihnen die Biihne bevolkern, was fiir eine Anschauungs-
fiille! Wie klar jeder, wie saftig, wie differenziert und voll un-
bewuBter Aussage iiber seine Position im Gesellschaftsganzen.
Der arme Bauer, der Kulak, der Mann im Eisenwerk, der
Werkfiihrer, die Studenten, jede Art Jugend, die Gesell-
schaft von einst, die grotesken und phantastischen Fi-
guren des Ubergangs, die Halben und die Ganzen —
die gesamte Welt, mit der man es zu tun hat, liohfet sich,
stellt sich dar, wird durchsichtig und kenntlich. Ich gestehe:
der Klassenfeind. von gestern, der Schadling, wird noch ziem-
lich schematisch erledigt; das Rezept: alle Schadlinge tragen
Hiite — langt nicht ganz. Aber was fiir eine noble Schauspiel-
kunst hat ganz untheatralisch den Typ des bolschewistischen
Fiihrers geschaffen, eine glanzlose, ergreifend einfache Art
Mensch. Wunschbild oder wirklich? Ganz gleich. Welcher
Anstand, solche Art Mensch auch nur zu wiinschen!
Das Theater driiben „geht", weil die Masse in der Lage ist
hineinzukommen. Aber das ist nur ein Grund. Der andre ist:
285
es „geht", weil es einen Sinn hat, weii es eine bestimmte
Funktion erfiillt, die sich ohne weiteres aus der ihm eignen
Form zu w irk en ergibt; nam 1 ich: durch Ansqhaulichkeit. Hinter
alien Tab ell en und Ziffern, von denen driiben buchstablich die
Luit voll ist, hinter alien Grundsatzen, Diskussionen, Zeitungs-
berichten steht auch driiben das einfache, vom Menschen ge-
lebte Leben. Es ist aber grade das Wesen der marxistischen
Lehre, auf dies einfache Leben und seinen Trager, den kon-
kreten Menschen, zuriickzukommen; er, der konkrete Mensch,
ist ja das Ziel und der ganze Sinn der neu zu ordnenden Ge-
sellschaft, und er ist es, der alle Verhaltnisse durchlebt, durch-
kampft und gestalten muB. Ihn zeigen heiBt mit dem Innersten,
urn das es driiben geht, bekanntmachen; heiBt begreifen lehren,
urn was man kampft und wie man kampft, kurz, heiBt die Men-
schen sich selbst verstehen lehren. Und das in einer Sprache,
die zu jedermann redet. In. der Sprache der Anschauung, Und
weiter, es heiBt nicht bloB lehren, sondern auch — spezifische
Kraft des Theater — zur Anteilnahme fortreiBen. Von hier
aus ahnt man, welchen Wert das Theater fur eine Gemein-
schaft besitzt, fur die es darauf ankommt, daB jeder einzelne
in ihr von ihren Impulsen, Grundsatzen, Erfahrungen durch-
drungen und mobilisiert wird, und welche Verantwortung auf
ihm liegt. Von hier aus begreift man, daB das Theater Lebens-
mittel ist.
Die erste Fabrik, die ich in der Sowjetunion besuchte, war
eine kleine Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen unten am
Schwarzen Meer. Die erste Fabrik fur mich, in der der Ar-
beiter Herr im Hause war. Als ich sie verlieB, war mein Ein-
druck; es gibt also auch in der Fabrik ein Verhaltnis des Men-
schen zu seiner Arbeit, das nicht Frohn ist sondern Freudig-
keit. Auf diesem Begriff von Fabrik beruht das Stuck, von
dem ich zum SchluB reden will. Die Arbeit ist darin wie ein
Rausch, der in alien tobt, ein Fieber, an dem alle leiden. Pas
Stuck heiBt: MGedicht vom Hammer", und in der Tat, kein
Marchen kann die Auffindung der blauen Blume zarter und
tiberschwenglicher erzahlen, als hier erzahlt wird, wie nach
immer wieder mifigliickten Versuchen, eine bestimmte Metall-
legierung zu finden, von der die Fortsetzung der Fabrik ab-
hangt, endlich ihre Entdeckung gelingt. Der Mann, der mit dem
Metall rang, ist drei Tage lang in kein Bett gekommen. Nun
liegt er mitten in der Fabrik wie ein Toter auf der Bank und
schlait. Er weiB noch nicht, daB es ihm endgultig gegliickt ist;
er hat nicht mehr daran geglaubt. Nun kommt seine Frau, sitzt
bei dem schlafenden Menschen, schimpft, daB man fur ihn wie
fur einen jungen Hund sorgen mufl. Und dann kommt die Nach-
richt. Und es kommen die Arbeiter und Arbeiterinnen der
Fabrik, treten um den Schlafenden und der ubernachtige,
dreckige Mensch wacht auf; und was nun ist, das kann nur
Musik schildern, und Musik schildert es; und der Mann steht
auf und versteht langsam, was geschehen ist und geht nach
vorn, das Stuck Metall in seiner Hand und dort bricht er in
einen Schrei aus . . . Man weiB, was in dieser Etappe des sozia-
listischen Kampfes der Begriff Fabrik bedeutet. In diesem
Schrei des Menschen da oben erkennen sich die Menschen, die
286
ihm zuschauen. Das hier fiihlt man, das Theater der Menschen,
die im Aufbau der neuen Gesellschaft stehen. Auf ihrem Bau-
platz. In ihrer Baugrube. Sie heben die Augen und erblicken
ihre Sache vor sich.
Das; ist das Theater in der Sowjetunion. Es ist denk-
wurdig heute als einziges in Europa, das nicht Luxus sondern
Lebensmittel ist. Es hilft sehen, denken, handeln, Es ist „mo-
raiische Anstalt". Als einziges heut braucht es sich nicht un-
verbindlich an der Peripherie der Interessen zu bewegen, zur
bloBen Unterhaltung, muB es die Kerninteressen nicht angstlich
vermeiden; vielmehr wurzelt es grade in diesen Kerninteressen.
Das setzt freilich voraus, daB iiber diese Interessen eine ge-
wisse Einmiitigkeit herrscht, wie es driiben ist. Es ist denk-
wiirdig als Typ ehxer Kunst, die auf einer durch eine Idee ge-
bundenen Gemeinschaft beruht. Damit ist es der einzige Typ
Theater, von dem nicht bloB GenuB sondern Wirkung ausgehen
kann. Wie der eine Zuschauer reagiert, geht dem Nebenmann
nicht notwendig gegen den Strich, ein Impuls paralysiert nicht
den andern. DaB einem etwas bewuBt wird, kann praktisches
Tun bedeuten, und daB jemand fortgerissen wirdj braucht nicht
im Parkettsessel zu enden.
Konsumgenossenschaf ten in Not
von Bernhard Citron
r\ er Kampf gegen Warenhauser und Konsumvereine bildet
.•"^ eines der wirksamsten Werbemittel der Nationalsozia-
listen zur Gewinnung des Kleinburgertums. Handwerker und
Kleinhandler fiihlen sich durch die Konkurrenz der billigen
Kaufhauser und der genossenschaftlichen Verteilungsstelleri be-
droht, sie freuen sich iiber jeden Angriff , der gegen die verhaB-
ten Kapitalisten und Sozialisten unternommen wird. AuBer
den ■Bomben, mit denen diese angeblichen Feinde des Mittel-
standes gleichermaBen bedacht werden, sind die Kampfmittel
von verschiedener Durchschlagkraft. Es ist weit schwerer,
Konsumenten von dem Besuch eines Warenhauses, bei dem sie
in der Anonymitat bleiben, als von der offenen Zugehorigkeit
zum Konsumverein abzubringen. So sind die Genossenschaf-
ten zu einem recht dankbaren Objekt des nationalsozialisti-
schen Terrors geworden. Gleichzeitig werden die Konsum-
vereine auch von kommunistischer Seite angefeindet. Beson-
ders nach dem Scheitern des Versuchs, in Halle eine rein kom-
munistische Konsumgenossenschaft zu bilden, hat eine heftige
Austrittspropaganda von ' dieser Seite eingesetzt. Dennoch
wiirden alle jene Angriff e, sofern allerdings nicht die politische
Propaganda fiskalische KampfmaBnahmen gegen die Genossen-
schaften zeitigt, den Bestand der Konsumvereine kaum ge-
f ahrden. Die akute Gef ahr kommt von der wirtschaftlichen
und sozialen Seite.
Um sich eine Vorstellung von der Bedeutung der Konsum-
genossenschaften zu machen, mufi daran erinnert werden, daB
der Umsatz selbst im Krisenjahre 1931 insgesamt noch mehr
als eine Milliarde Mark betrug. Durchschhittlich war gegeniiber
287
dem Vorjahre cin Riickgang urn 13,5 Prozent zu verzeichnen,
der damals die Rentabilitat der Betriebe noch nicht ausge-
schaltet hat. Der groBe Vorteil dcr Konsumgenossenschaften
bestand bisher in dem Uberwiegen dcs Nahrungsmittel-
umsatzes, dcr noch immer iiber neunzig Prozent des Gesamt-
umsatzes betragt. Erst im Jahre 1932 zeigte sich, daB auch
das Lebensmittelgeschaft nicht mehr als krisenfest zu bezeich-
nen ist. Im ersten Halbjahr 1932 wurde kaum drei Viertel des
Umsatzes in der entspfechenden Vorjahrszeit erreicht. Die
riicksichtslose Kiirzung der Lohne und der Unterstutzungssatze
hat es mit sich gebracht, daB grade die wenig oder gar- nicht
bemittelten Verbraucherschichten, die den Konsumvereinen
angeschlossen sind, auch am Lebensnotwendigen sparen miis-
sen. Trotzdem ist das finanzielle Problem dcr Konsumgenos-
senschaften keine Rentabilitats- sondern einc Liquiditatsfrage.
Auch die Konsumvereine sind von der Konzernpsychose, die
wahrend der Nachkriegszeit in der ganzen Wirtschaft ge-
herrscht hat, nicht yerschont geblieben< Man spiirte das Be-
diirfnis, eigne Produktionstatten zu schaffen, eigne Waren-
hauser einzurichten und die Sparabteilung zu eincr eigenen
GroBbank zu entwickeln. So hat allmahlich im Rahmen dcs
genossenschaftlichen Betriebs die Eigcnproduktion den Han-
delsumsatz zuruckgedrangt, und die groBen Ncuinvcstitionen
wurden in steigendem MaBe aus Spareinlagen dcr Mitglieder
ermoglicht. Auf dicse Weisc gelang es den Konsumgenossen-
schaften, einen gewaltigen Vertikal-Trust zu crrichten, Zum
Beweise dienc cine Statistik der G.E,G. (GroB-Einkaufsgescll-
schaft deutscher Konsumvereine), in der ein erheblicher Tcil
der Produktionsstatten konzentriert ist und die gewissermaBen
die Zentraibank der Konsumvereine reprasentiert. Von den
Umsatzen der G.E.G. entfallen auf die
1931 1930 1929
in Reichsmark
Handelsabteilungen 283 093 211 357 637 734 377 498 652
= 66,08 Proz. 72,21 Proz. 75,29 Proz<
Produktionsbetriebe 145 326 693 137 619 670 123 879 470
= 33,92 Proz. 27,79 Proz. 24,71 Proz.
Wahrend die Gesamtumsatze zuriickgingen, konnten sich
im letzten Jahre die Umsatze der Produktionsbetriebe noch um
5,6 Prozent erhohen. Im Jahre 1929 stellte die Produktion ein
Viertel, im Jahre 1931 dagegen ein Drittcl des Gesamtumsatzes
dar. Grade unter den GroBbetrieben der G.E.G, gibt es Muster-
anstalten wie die Flcischfabrik in Oldenburg, die ganz nach
amerikanischem Muster aufgezogen ist und das groBte deutsche
Unternehmen dieser Art darstellt. Eine wehiger gliickliche
Hand haben einzelne lokale Konsumvereine gezeigt. Erst in
diesen Tagen muBte der Konsumvcrein fiir Breslau und Um-
gcbung seine Zahlungen einstellen, was nicht zuletzt auf die
Inyestitionspolitik dcr letzten Jahre zunickzufuhren sein diirftc.
Auch um die Liquiditat des Konsumvereins fiir Berlin und Um-
gebung ware es zweifellos besser bestellt, wenn die groBziigi-
gen Grundstiickskaufe und die erst zu Beginn dieses Jahres
erfolgte Inbetriebnahme des groBen Kaufhauses am Oranicn-
288
platz unterblieben waren. In wie hohem Mafic die Spareinlagen
dazu dienen muBten, den Erwerb von Grundstticken, Gebauden
etcetera zu finanzieren, zeigt die Bilanz der Konsumgeriossen-
schaft Berlin vom 31. Dezember 1931:
Eigne Mittel . . . . . . . 8,3
Spareinlagen 49,5
Liquide Mittel 13,5
Grundstiicke, Gebaude und Betriebs-
gegenstande 40,2
Warenlager 6,0
Das Verbaltnis der liquiden Mittel zu den Spareinlagen
ware trotz den koken Investitionen nicht gefakrvoll, wenn nickt
ungewoknlicke Anforderungen durch fortgesetzte Abhebungen
an die Konsumvereine gestellt wiirden. In den achtzehn Mo-
naten der deutschen Kreditkrise von Oktober 1930 bis Juni
1932 haben sich die gesamten Spareinlagen bei den Konsum-
genossensckaften, die dem Zentralverband angescklossen sind,
von 413 auf 276 Millionen, also um 33 Prozent vermindert. Bei
dem berliner Konsumverein sind noch nach dem Bilanzsticktag
weit iiber 20 Millionen Mark abgezogen worden, das heifit, daB
sick die Spareinlagen wakrend des Jakres 1932 nock fast kal-
biert kaben. Die Griinde des Runs auf die Konsumvereine
sind abnlick, aber dock nickt ganz identisck mit denen, die zur
Liquiditatskrise der Banken und Sparkassen gefiikrt kaben. Da
die Mitglieder der Konsumvereine nickt wie die Bankkunden
Gelegenkeit katten, Geld ins Ausland zu bringen, mackte sick
die Krise bis zur erstsn Halfte des Jakres 1931 nock nickt so
stark wie bei den eigentlicken Kreditinstituten bemerkbar.
Dann allerdings muBten auck die Konsumgenossensckaften die
ganze Sckwere der Kreditkrise tragen. Im Gegensatz zu Ban-
ken und Sparkassen kat sick aber grade im Jabre 1932 die
Lage auBerordentlick verscklimmert. Ein groBer Teil der Mit-
glieder ist arbeitslos geworden und kebt seine Einlagen we-
niger aus MiBtrauen als aus wirtscbaftlicker Not ab. Wenn
auck damit die Konsumgenossensckaften eine kobe volkswirt-
sckaftlicke Aufgabe als Sparinstitute der Arbeitermassen er-
fiillen, so bedeutet diese boke Beanspruckung fiir sie selbst
dock eine auBerordentlick kritiscke Situation. Allerdings ist
bereits im Jakre 1928 der Grundstein zu einer Notgemein-
sckaft der Konsumvereine gelegt worden, die durck Beitrage
der angescklossenen Genossensckaften nack einem bestimmten,
in der -jiingsten Zeit wesentlick erkokten Sckliissel, alimentiert
wird. Aus diesen Mitteln sind einzelne kleinere Konsum-
vereine auch wakrend der jetzigen sckweren Krise iiber Was-
ser gebalten worden. Einen weitern, sekr wesentlicken Riick-
kalt bietet die G.E.G., die iiber erbeblicke liquide Mittel ver-
fiigt und infolge ikres Ckarakters als Zentralorganisation von
dem Run der Sparer versckont bleibt.
Dennock kaben die Konsumgenossensckaften, deren volks-
wirtsckaftlicke Bedeutung nickt erst kinter Banken und Spar-
kassen rangiert, einen berecbtigten Ansprucb, auck von der
offentlicken Hand Stiitzungskredite zu erkalten. Dies ist um
so eker moglick, als die Konsumgenossensckaften einen unter
ikrer Kollektivgarantie iibernommenen Kredit zu einem spate-
289
ren Tcrmin sicherlich zuriickzahlen konnten. Hier brauchte
das Reich nicht wie bei den Banken groBe Summen a fonds
perdu zu geben. Vielleicht ware es auch moglich, den erheb-
lichen Grundbesitz der Konsumgenossenschaiten in eine Ge-
sellschaft einzubringen, der aus 8ffentlichen Mitteln Hypp-
thekarkredit gewahrt wird. Die Versuche des berliner Kon-
sumvereins, einen Teil seiner Grundstucke abzustoBen, sind —
wie kaum anders zu erwarten — fehlgeschlagen.
Die Konsumvereine haben in ihrer Gesamtheit der minder-
bemittelten Bevolkerung gute und billige Ware verkauft, haben
die Ersparnisse nicht scnlechter als Banken und Sparkassen
verwaltet und stellen einen so wesentlichen Faktor innerhalfo
der deutschen Volkswirtschaft dar, daB die Katastrophen-Hilfe,
die den privatwirtschaftlichen Unternehmungen gewahrt wor-
den ist, ihnen nicht versagt bleiben darf. Gewisse politische
Kreise, die angesichts der vorhandenen Schwierigkeiten, mit
denen die Konsumgenossenschaften zu karapfen haben,
triumphieren, zeigen wieder einmal, daB sie bar jedes natio-
naien Zusammengehorigkeitsgeiuhls und jeder sozialen Ge-
sinnung sind. Wichtiger allerdings als staatliche Hilfe und
politische Toleranz wird fiir die Konsumgenossenschaft der er-
probte Gemeinschaftsgeist ihrer Genossen sein. Denn auch im
Wirtschaftsleben ist jener Geist ein Aktivum, das grade in Zei-
ten der Vertrauenskrise eine unschatzbare Reserve bildet.
Wochenschau des Riickschritts
— Zum Pressechef der Reichsregierung ist als Nachfolger Gcheim-
rats v, Kaufmann-Asser der Major des Generalstabs Marcks ernannt
worden.
— Die Zahl der berliner Wohlfahrtserwerbslosen ist im Juli von
292 591 auf 304 014, also um 3,9 Prozent, gestiegen.
— . Die Sondergerichte haben zunachst ihre Tatigkeit mxr gegen
linksgerichtete Personen aufgenommen, die sie oft wegen geringftigig-
ster Vergehen zu schwersten Strafen, zum Teil zu Zuchthaus, ver-
urteilten.
— Der wegen dringenden Verdachts der Beteiligung an den Bom-
benattentaten verhaftete nationalsozialistische Arzt Doktor Forst ist
aus der Haft entlassen worden,
— Dem Verteidiger der im Felseneck-ProzeB angeklagten Lauben-
kolonisten, Rechtsanwalt Litten, wurde vom Gericht die Verteidigung
entzogen; zur Begrtindung wurde sein Bestreben, den Tatbestand klar-
zustellen, so dargestellt, als habe er „hemmungslose parteipolitische
Propaganda" entfaltet und die Zeit des Gerichts „mit Fragen aufge-
halten", die der Aufklarung des Sachverhalts t,nicht dienlich"' seien.
— Das von Severing ausgttsprochene Verbot der Betatigung von
Schutzpolizisten in dem nationaLstischen „Verband preufiischer Schutz-
polizeibeamten" ist von Reichskommissar Doktor Bracht aufgehoben
worden.
— Aus der Leitung der PreuQenkasse wurden die linksorientier-
ten Direktoren Possel und Doktor Lauffer abberufen.
— Die Emelka dreht einen Film IfDes Konigs Grenadiere", in dem
Emil Jannings die Rolle des PreuBenkonigs ubernehmen soil.
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen.
290
Betnerkungen
Die Arbeiterklasse
Objekt der Regierung
P%cr gutunterrichtete ,Bayerische
*** Kurier' brachte iiber die Un-
terredung zwischen Hitler, Schlei-
cher und Papen, die zum Abbruch
der Koalitionsverhandlungen mit
den Nazis fiihrte, unter anderm
folgende Meldung: ttMan hat, wie
aus alien Einzelheiten hervorgeht,
Herrn Hitler goldne Brticken ge-
baut. Hitler hat aber abgelehnt,
nicht nur weil er sich nach dem
Beschlufi, der in den bayrischen
Bergen zustandegekommen war,
im entscheidenden Augenblick in
der Rolle eines deutschen Musso-
lini zu geben hatte. Es ging nicht
nur urn die Frage, ob man den
Nationalsozialisten samtliche
Staatsamter ausliefern solle. Wir
konnen heute zunachst nicht deut-
licher werden. Es ist anzuneh-
men, daB die weiteren Ausein-
andersetzungen zwischen der Re-
gierung und den Nationalsozia-
listen noch manches zutage for-
dern werden, was in den Be-
sprechungen zum Vorschein; ge-
kommen ist. Nur soviel sei ge-
sagt, dafi Hitler seine Forderungen
mit einem ganz konkreten Plan zu
begriinden versuchte, k und wenn
wir richtig unterrichtet sind, dann
hat er auch das alte Lied gesun-
gen, daB die restlose Erledigung
des Marxismus die Aufgabe sei-
ner Partei und die der national-
sozialistischen Politik sei. Was
das bedeutet, braucht man nicht
naher zu erlautern/*
Was besagt diese Meldung des
.Bayerischen Kuriers'? Es hat
sich danach bei den Besprechun-
gen zwischen Hitler, Schleicher
und Papen nicht nur um die Be-
setzung der Ministerien gehandelt
sondern t,um einen konkreten
Plan", der sich die Erledigung
des „Marxismus" zur Aufgabe
setzte, Es ist bedauerlich, dafi der
,Bayerische Kurier* nicht naher
ausfiihrte, worum es sich handelte,
Aber es geht schon aus seiner
Darstellung hervor, daB Hitler bei
den Verhandlungen nicht mehr
und nicht weniger verlangte, als
daB ihm die legale Moglichkeit
geschaffen werde, gegen den
Marxismus, das heiBt gegen samt-
liche Arbeiterorganisationen vor-
zugehen. Den Nationalsozialisten
ist es in der Opposition nicht ge-
lungen, den Marxismus entschei-
dend zu schlagen; im Gegenteil,
die entscheidenden Arbeiter-
kaders in den Betrieben haben
sich ihre vollige Immunitat gegen-
iiber der nationalsozialistischen
Demagogie erhalten. So soil von
den Nationalsozialisten diese Auf-
gabe in der Regierung ausgefiihrt
werden, Denn Hitler und seine
Unterfuhrer beftirchten mit Recht,
daB einige Monate ihrer Regie-
rungskunst geniigen wiir den ,
breite Massen in das Arbeiter-
lager zu treiben, wenn dann die
legalen Arbeiterorganisationen
noch bestehen.
Die Verhandlungen zwischen
Hitler und Schleicher-Papen sind
ergebnislos verlaufen; nicht nur
weil man sich iiber die Verteilung
der Ministerien nicht einigen
konnte, sondern sicher auch des-
halb, weil die Papen-Schleicher
angesichts der Starke von SPD
und KPD, angesichts der Starke
des Zent rums , nicht zu einem
hundertprozentigen fascistischen
Terror gegen die Arbeiterorgani-
sationen entschlossen sind,
Aber: das Charakteristische fur
die Beurteilung der augenblick-
lichen Krafteverhaltnisse in
Deutschland ist, daB bei diesem
Duell Hitler — Papen-Schleicher
die Arbeiterschaft selber nicht
eine aktive Rolle spielte sondern
die Rolle des Objekts in der Ge-
schichte. Hitler wollte und will
die Arbeiterorganisationen restlos
zertrummern. Papen und Schlei-
cher wol len es im Augenblick
noch nicht, wollen es, so merk-
wiirdig dies zunachst klingen mag,
unter anderm darum noch nicht,
weil die Arbeiterschaft, durch
ihren Bruderkampf geschwacht,
keine starke reale Macht darstellt,
und weil daher die Kreise des
Herrenklubs, des Monopolkapitals,
die hinter Papen und Schleicher
stehen, es noch nicht fur notwen-
dig halten, die Arbeiterorgani-
291
sationen zu zerschlagen, urn ihre
stockreaktionaren Plane durchzu-
fuhren.
Der Kampf Hitler — Papen-
Schleicher ist natiirlich noch nicht
beendet. Er geht weiter, Aber er
sollte der Arbeiterschaft zu den-
ken geben, Schon bei dem Sturz
der Briiningregierung war festzu-
stellen, daB sie nicht einer ver-
starkten Aktivitat von links zum
Opfer fiel, sonderri daB sie von
den reaktionaren Kraften von
rechts gesturzt wurde. Seit dem
Sturz der Briiningregierung ist die
Kraft der Arbeiterklasse nicht
kleiner geworden; im Gegenteil:
befreit von der Last der Tolerie-
rung hat sich die sozialdemokra-
tische Aktivitat gestarkt, hat sich,
trotz a Her Sabotage der fiihrenden
Bureaukratie in den Arbeiterpar-
teien, der Einheitsfrontgedanke
etwas Bahn gebrochen, Trotz alle-
dem aber ist in diesen entschei-
denden politischen Tagen die Ar-
beiterklasse — obwohl ihre Par-
teien fast so viel Stimmen erhalten
haben wie die Nazis — bei den
wichtigsten Entscheidungen Ob-
jekt der Geschichte geblieben. Die
Nazis haben verstanden, alle
rechtsbiirgerlichen Parteien zu
zerschlagen, sie in ihrer Partei zu
sammeln und so eine konzen-
trierte Aktivitat zu entfalten, Nur
wenn die Arbeiterschaft auch
ihrerseits zur Einheitsfront kommt
und so ihre Krafte konzentriert,
wird die Moglichkeit gegeben sein,
daB sie bei den weitern politischen
Geschehnissen nicht nur Objekt
der Geschichte sondern wieder
Subjekt wird.
Thomas Tarn
Gebflhr rex
/^\tto Gebiihr sieht ahnlich, Er
^^ ist (abgesehen von all dem
vielen Talent, das er sonst noch
hat) mit einer lukrativen Ahn-
lichkeit gesegnet, wie !■ andre
Schauspieler etwa mit einer iiber-
maBigen Leibesftille, einer groBen
Nase, einem Sprachfehler, oder
sonst einer korperlichen Privat-
eigenschaft, als deren Speziali-
sten sie vom Theater- und Film-
Betrieb verwertet werden.
Kruckstock, Schnupftabakdose
und etwas Windspiel gehoren
attributar schon so zu Otto Ge-
biihr, wie zu Chaplin das Stock-
chen, der Hut, die ausgetretenen
Schuhe, ^
Jetzt aber hatte ich die Chance,
Gebiihr als Fridericus rex auch
auf der Biihne zu sehen, leibhaf-
tig, dreidimensional, in Naturfar-
ben. Ich erlebte diesen Glucks-
fall schauspielerischer Mimikry
zu Mtinchen, in dem alten Lust-
spiel ()Die Ballerina des Konigs*',
das die Beziehungen Friedrichs
des Zweiten zu jener Barberina
erortert, welche eindreiviertel
Jahrhunderte spater ein Tanz-
lokal in Berlin wurde. So aben-
teuerliche Karrieren nach dem
Tode, von denen der, der sie
machen wird, sich bei Lebzeiten
nichts traumen laBt, gibt esl Hatte
Uhland gedacht, daB er einmal
eine Untergrundbahn station sein
wiirde, oder gar ein Telephon-
amt?
In den drei ersten Akten der
„Ballerina des Konigs" erscheint
Gebiihr als Friedrich der GroBe,
wie dieser noch klein war., Aber
da die Zuschauer des happy ends
sicher sind und im Voraus wis-
sen, daB sie einander kriegen wer-
den, namlich der Held des Spiels
und die Unsterblichkeit, fiihlen
sie auch schon Tun und Lassen
des jugendlichen Herrschers von
dessen AltersgroBe umwittert.
Otto, taktvoll, unterstreicht das
Maj estatische nicht ; es versteht
sich von selbst. Er ist als jun-
ger Konig auf charmante ■ Art
bedeutend, auf bedeutende Art
charmant, immer bei Laune und
von einer Giite erster Gute. Urn
so wirkungsvoller, wenn plotzlich
das Strenge aus ihm niederfahrt
wie ein Blitz aus blauen Augen.
Das geschieht aber selten. Meist
zeigt sich das Antlitz Friedrichs
im mimischen Zustand des
Schmunzelns, und besonders Iau-
nig schmunzelt der Konig, wenn
einer zu ihm, nicht ahnend, daB
er zum Konig spreche, uber den
Konig spricht. Das sind auch
wahrhaft gliickliche Momente fur
die Zuhorer, mit denen Friedrich
der Zweite Blicke des Einver-
standnisses tauscht, und die das
292
lustvoll warmende Empfinden
haben, der Konig spiele mit ihnen
unter einer Decke, Sehr beachtens-
wert; im zweitcn Akt, der klcine
Zwischenfall mit den zwei Edel-
leuten, die der Monarch iiber-
rascht, wie sie, gegen sein Ver-
bott iiber die Logen-Briistung ge-
beugt, auf die Biihne gucken, Der
Konig klatscht dem einen Edel-
mann, leutselig, aber mit Schwung,
einQ auf den Hintern, hernach
zwickt er beide kraftig ins Ohr-
lappchen, so daft sie schreien
(was Friedrich als einef preufii-
schen Junkern schlecht an-
stehende, Wehleidigkeit riigt) .
Ahnliche scherzbaft-schmerzhafte
Marotten im Umgang mit Edel-
leuten werden fa auch von einem
spatern Nachfahren des Konigs
berichtet, welcher Nachfahre aber
sonst mit dem hoben Ahn nicbt
so viel Ahnlichkeit hat wie Otto
Gebiihr.
Im dritten Akt des Lust spiels,
dreifiig Jahre spater, sehen wir
Friedrich in der popularen Fas-
sung, den grofien alten Konig, wie
er im Drehbuch steht, auf einsam-
kalter Hohe des Lebens und
Ruhms, gebeugt von Podagra und
Historie, Die humorige Giite, mit
der er in Akt eins bis drei be-
zauberte, ist noch da, aber durch-
setzt von j enem Bitteren, das
letzte Fruchte der Weisheit und
Erkenntnis in sicb haben. Be-
wunderswert, wie Otto Gebiihr,
jeder Zoll eiri Hohenzoller, in das
Konigliche sich eingelebt hat, wie
er das Herrscherische beherrscht,
und wie unwiderstehlich er seine
Zuschauer fur zwei Theaterstun-
den in die Oberzeugung hinein-
listet, hochstes Gliick des deut-
schen Erdenkindes sei doch, sich
Untertan zu fiihlen,
E. Lunz
Offener Brief
an den Oberreichsanwalt
Herr Oberreichsanwalt I
I^a Sie sicherlich sehr stark mit
*^ der Einstellung der Hoch-
und Landesverratsverfahren gegen
die SA und mit der Durchsicht
der boxheimer Dokumente be-
schaftigt sind, wird Ihnen viel-
leicht entgangen sein, dafi der
.Fridericus', an dessen vornehmer
Gesinnung kein Zweifel erlaubt
ist, am 13. August einen Artikel
veroffentlicht hat, der Ihr be-
rechtigtes Interesse erregen muB.
Gestatten Sie mir daher, Ihnen
kurz klarzulegen, wie sehr Sie
der nbtwendigen, von Herrn
Bracht auf anderm Gebiet bereits
so erfolgreich durchgefiihrten Rei-
nigung des offentlichen Lebens
dienen wurden, wenn Sie den An-
gaben des Artikels nachgingen.
Der weithin bekannte Schrift-
steller Karl Felsen schreibt dort,
wie er im Kriege als deutscher
Spion Einblick in franzosische
Akten nehmen konnte, aus denen
ganz klar hervorging, dafi eine
grofie Anzahl linker Untermen-
schen wahrend des Krieges die
schmahlichsten Beziehungen zu
Frankreich unterhalten hat, Mehr
als vierzehn Jahre hat der Ver-
fasser diese Kenntnisse in seiner
Heldenbrust verschlossen, bis ihm
die Schmach des Vaterlandes die-
selbe sprengte und er seine An-
klagen herausschreien mufite. Nur
durch diese Verzogerung war es
moglich, dafi sich die Landesver-
rater David und Grelling durch
ein hinterlistiges Ableben ihrem
irdischen Richter entziehen konn-
ten, wahrend Erzberger und
Haase glucklicherweise die ver-
diente Strafe ereilt hat (diesen
durch ein ahnungsloses Werkzeug
Gottes). Sorgen Sie dafiir, daS
P\as einzigartige alien Mufiern Wechselfallen standhaltende
*-' Glticksempfinden, das durch praktische Verwertung der
Bucher von Bo Yin Ra, und allein durch sie erreichbar ist, kann
nur durch Selbsterfahrung erlebt, nicht beschrieben werden.
Wir verweisen nachdriicklich auf sein neuestes Werk „Der Weg
meiner Schuler". Es ist in jeder guten Buchhandlung erhaltlich.
Ladenpreis RM. 6.—. Kober'sche Verlagsbuchhandlung (ee-
grQndet 1816), Basel-Leipzig.
293
die andern Herrschaften sich
nicht auch des Todes bedienen,
urn der Stihne zu entgehen. Noch
heute laufen die von Felsen auf-
gefuhrten Barth, Scheidemann,
Landsberg, Dittmann, Wissell,
Bauer und Schmidt fret herum.
Natiirlich haben nicht nur diese
vaterlandsfeindlichen Elemente
aus SPD und USPD Deutschland
fur schmutziges Geld an Frank-
reich verraten, auch so suspekte
Pazifisten wie Hellmut von Ger-
lach, Otto Lehmann-Ruflbiildt und
Helene Stocker fehlen selbstver-
standlich nicht in der Reihe
Derer, die der franzosische Gene-
ralstab (!) als ,fzuverlassigM be-
zeichnet. Auch werden wir nun
nicht mehr den liignerischen An-
gaben des Herrn von Schoenaich
glauben konnen, der in seinem
„Damaskus" behauptet, erst nach
dem Kriege Pazifist geworden zu
sein; Karl Felsens Aufstellung
belehrt uns, daB die Franzosen
Herrn von Schoenaich schon wah-
rend des Krieges das Geld zu
seiner Damaskusreise gegeben
haben. Nicht einmal die Herzen
der Jugend zu vergiften, scheute
sich das franzosische Gold; denn
schon im zarten Alter von zwolf
Jahren geriet Carl Mertens auf
die Liste der Franzosenfreunde,
womit also eindeutig die scham-
lose Behauptung widerlegt ist,
daB ein solches Subjekt einmal zu
den Helden der Schwarzen
Reichswehr gehort hat und sich
erst dann ins linke Lager verlor.
Ihre Aufgabe wird es sein, zu
untersuchen, wie es Dittmann und
Crispien gelingen konnte, wah-
rend des Krieges nach Frankreich
zu kommen und sich dort Magen
und Brieftaschen zu fullen. Auch
sollten Sie der sensationellen Mit-
teilung Felsens nachgehen, dafi
in Paris wahrend des Krieges eine
„Deutsche Sozialrevolutionare
Partei" existiert habe, deren Mit-
glieder standig zwischen Berlin
und Paris hin- und herspeisten.
Die Historiker werden Ilmen
fur nahere Angaben iiber diese
Partei unermefilich dankbar sein.
Herr Oberreichsanwalt! Einer
der von Felsen genannten Herren
wollte mir, als ich ihn stellte, ein-
reden, er hatte das aus Frank-
294
reich akzeptierte Geld in Kriegs-
anleihe angelegt, somit die Fran-
zosen diipiert und eine vaterlan-
dische Tat verrichtet. Glauben Sie
diesen feigen Liigen nicht, es
spricht aus ihnen nur die schlot-
ternde Angst vor dem Messer,
das das „Hochgericht" des Drit-
ten Reiches hoffentlich schon fur
diese kauflichen Gesellen gewetzt
hat.
In der Erwartung, mit dem Hin-
weis auf den Artikel meinen Teil
zur Beseitigung dieser Schadlinge
beigetragen zu haben, verbleibe
ich
mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr sehr ergebener
Walther Karsch
Erinnerung an Slang
P r gehorte zu meiner Gene-
^* ration der kurz vor der Jahr-
hundertwende Geborenen — und
er ist der erste aus dem schrift-
stellernden Freundeskreis, der
hinwegmuBte, er, der physisch
Kraftvollste, pausbackigste, sport-
lich Interessierteste ...
Meine Erinnerung an Slang,
an Frit^ Hampel also, ist viel-
fach humorvoller Art, Wir stan-
den uns besonders nahe, als, vor
etwa zehn Jahren, 4er Verleger
meines leipziger Drachen ihn in
Chemnitz ansiedelte, damit er
dort eine Lokalbeilage der Zeit-
schrift aufziehe. Hampel war Re-
dakteur( Expediteur, Annoncen-
sammler und verschiedenes andre
in einem, und fest steht, daB
eine rauschende Pleite bei diesem
mit schwachsten Finanzmitteln
unternommenen Geschaft heraus-
kam, eine Pleite, deren Details
unerschopfliche Quellen ftir Ham-
pelsche SpaBe bildeten. Fritz
Hampel bekannte sich schon da-
mals zum Kommunismus; immer-
hin fand er nichts daran, mit uns
Schwarz-rot-goldenen eintrachtig
zusammenzuarbeiten. Spater ward
er strenger in seiner Auffassung,
aber niemals harmonierte mit
seinem innersten Menschen die
Dogmenglaubigkeit, die er bei der
,Roten Fahne* sich zuzulegen ge-
zwungen war. Niemals ist er,
wie es die Nekrolog-Legende
wahr haben will, ein ritusfrommer
Klassenkampfer im ZK-Sinne ge-
wesen, wie uneingeschrankt seine
Liebe auch dem Proletariat ge-
horte und wie geistig radikal er
auch war.
Ich traf ihn einmal in einem
Gerichtssaal Moabits, als er kurz
vorher eine von mir als etwas
gesinnungstuchtig empfundene
Glosse veroffentlicht hatte, in
der Max Pallenberg so ungefahr
als ein kleiner bourgeoiser SpaB-
macher abgetan war. Ich sagte
ihm meine Ansicht, und er gestand
zu( dafi ihm bei der Abfassung
der Glosse keineswegs ganz wohl
gewesen sei. Dieser Fritz Ham-
pel war eine Eulenspiegelnatur.
Sein Witz war weniger elegant
als bizarr und immer von voll-
endeter Pathoslosigkeit, In sei-
ner unpolitischeren Zeit hat er er-
regend genau beobachtete Szenen
geschrieben, die mit einem herr-
lich pampigen Humor angefiillt
waren. Es stammt ein sachsischer
Dialog von ihm, der in seiner un-
heimlichen Echtheit das Beste
sein durfte, das uberhaupt jemals
in dieser Sprache geschrieben
worden ist. Er spielt in dem
Wartezimmer eines Arztes und es
handelt sich urn zwei Patienten,
die sich mit bfisartiger Verbissen-
heit in der Schilderung ihrer Lei-
den zu iiberbieten trachten, bis
der eine schliefilich, den hochsten
Trumpf ausspielend, stolzgeblaht
auf die gigantische Wassermenge
verweist, derer er sich nachts
entledigt. Da kann der andre
nicht mehr driiber und gibt sich
knirschend geschlagen.
Sie haben einen kommunisti-
schen Satiriker begraben. Und er
war mehr als das,
Hans Bauer
Tage der Kindheit
VV7ir haben da bei uns in
** Deutschland eine merkwur-
dige Einteilung der species
humana „poeta", Einmal die
Autoren, die der Menge teils un-
bekannt und teils unverstandlich
und deswegen bei der Kritik be-
liebt sind. Dann die paar hoch-
arrivierten Manner (Wasser-,
Haupt-, Thomas, Heinrich), die
schon bei Lebzeiten im Bezirk
der Klassik angesiedelt wurden,
Jenseits der Schranken drangt
sich die zahlreiche Schar der
Kitschschriftsteller, freundliche
Geschopfe, die unbeaufsichtigt
von der Zunft ihre Arbeit ver-
richten und damit manchmal Gu-
tes, manchmal Boses und meist
gar nichts stiften,
Aber das sind nicht alle. Es
gibt da noch einige Autoren, die
weder zu den Kitschiers noch zu
den Klassikern zahlen und trotz-
dem Auflagen aufweisen, die ein
Teil der Kollegenclique ihnen hef-
tig veriibelt. Wenn man im Cafe
ihren Namen nennt, so sagt der
Cliqueur: Gott, der . . . na, wis-
sen Sie . . . Das Buch hat ja wohl
eine Millipnenauflage. Aber kon-
nen Sie das lesen?
Alsbald stellt sich heraus, dafi
er selbst es nie versucht hat. Und
unbeachtet von denen, die ich
trotz Peter Panters Protest Cafe-
hausliteraten nennen mufi, er-
reichen diese Schriftsteller neben
der Millionenauflage einen Ein-
flufi auf Volksschichten, die vom
Proletariat bis ins GroObiirger-
tum reichen, einen Einflufi, von
dem das Cafe nichts weiB.
Einer dieser Autoren ist Wal-
demar Bonsels,
Da ich, auf daB Peter Panter
seine Ruhe habe, mit einem Teil
meiner Existenz gleichfalls Caf6-
hausliterat bin, habe auch ich nur
wenige Bucher des Vorvorbenann-
ten gelesen, Zu diesen wenigen
aber gehort das letzterschienene:
„Tage der Kindheit" (Verlag Ull-
stein, Berlin), Es ist ein zauber-
haftes kleines Buch,
Ein Fiinfzig j ahriger von unbe-
kiimmerter und unausrottbarer
Knabenhaftigkeit halt erste fried-
liche Riickschau auf jene himm-
lisch unbefangenen Jahre vor der
Pubertat, deren Lichtheit , und
Leichtigkeit zu bekennen heute
zu einem gefahrlichen Unterneh-
men geworden ist; denn die herr-
schende psychologische Mode will
sie ausschliefilich finster, verwor-
ren und tragisch, SchlieBHch ist
sie auch das ■ — in welchem Jahre
eines Menschendaseins lieBe sich
nicht etwas Tragisches entdecken?
Auch hier gibt es einen bosarti-
gen Lehr«r und einen Vater, der
einmal im entscheidenden Augen-
blick verstandnislos und unge-
295
recht ist. Es gibt die Kindheits-
tragodie eines zu gewaltsamem
Tode pradestinierten und schlieB-
lich wirklich verungluckten Ka-
meraden; es gibt ein paar sehr
widerwartige Verwandte, warum
soil man das leugnen? Was be-
deuten sie angesichts der; unend-
lichen Erlebnisfahigkeit eines Kin-
des, das mit gesundem Korper
und aufgeschlossener Seele Klein-
sftadt und Hafen, Meeresstrand
und Hinterland durcbstreift, zur
Seite das frechste Gohr von klei-
ner Schwester, das je die Dum-
menj ungenstreiche des Bruders
mitgemacht hat, und im Hinter-
grund die unversiegliche Gtite der
Mutter und der Tante Eukarestie,
liebens werteste Alt j ungf erngestalt
der neuern Literatur! Dieses Buch
ist nicht fur Kinder geschrieben
sondern fur Erwachsene, und
ihnen zeigt es etwas, das zu oft
vergessen wird: daB neben der
Zartheit und Empfindsamkeit des
normalen Kindes ausgleichend die
Grausamkeit steht, die Lust am
Unaesthetischen und Unethischen,
am Qualen, die erschreckenden
negativen, man konnte sagen teuf-
lischen Krafte. Das wird nicht
etwa behauptet sondern an erleb-
ten und entziickend erzahlten
Beispielen immer wieder aufge-
zeigt, und so ist ein Erinnerungs-
buch von einer ganz seltenen Un-
befangenheit und Unsentimentali-
tat entstanden.
Eines seiner zarten und weichen
Kapitel heiBt „Mia Stern" ; es
schildert die Freundschaft mit
dem judischen Mitschiiler Benno
und die unbewuBte Knabenliebe
zu dejr fremdartigen, anziehenden,
schon reifern kleinen Schwester
des Benno Stern. („. . * ich denke
zuweilen noch an einen kleinen
Streit zwischen uns, in dem er
mich damals emport und traurig
einen Barbaren nannte. Ich nahm
es ihm nicht tibel, es klang so
sonderbar und priifend, als ware
es, bei aller Abwehr, Bennos Ver-v
langen gewesen, ein Barbar zu
sein,") Eine kaum angedeutete
kleine Ghettotragodie mitten in
dem norddeutschen Kindheits-
buch. Als Waldemar Bonsels in
der sachsischen Stadt Leipzig
eines Abends dieses Kapitel vor-
las, siehe, da erschienen im Ktinst-
lerzimmer zwei teutsche Studen-
ten und sprachen also: Sahrense-
mal, Herr Bonsels, wir mochten
mal ne Auskunft von Ihnen —
sind Sie von Ihrem Verlag Ull-
stein verpflichtet worden, grade
dieses Kapitel vorzulesen?! Der
groBe, blonde und blauaugige
Bonsels sah die zwei Mannen an
und sagte: Raus! Und da gingen
sie denn.
Da hatten sie nun einen Dich-
ter, deutsch in einem schonen
Sinn der tieferi Naturnahe, der
Gefuhlsstarke, der Einfachheit,
einen Mann, der national emp-
findet, nicht international. Und
konnen nichts mit ihm anfangen.
Aber was Sie mit der deutschen
Kultur anfangen, das wissen wir
ta allmahlich, Armes Deutsch-
land. Hans Gtenk
Hinweise der Redaktion
Berlin
Liga ffir Menschenrechte. Sonnabend 19.00. Karl Marx-Schule, Ncuk5lln, Kaisef-Fried-
rich-Str. 208—210: AbschluBveranstaltung aus AnlaB des Aufenthalts belgischer und
franzSaischerAustauschschtiler in Berlin.
Individualpsychologische Gruppe. Montag (29.) 20.00. Klubhaus am Knie, Berliner Str. 27:
Schelers philosophische Anthropologic, Erich tlnger.
Rundfunk
Diensta? Berlin 21.10: Die Arche Noah des Herrn Brehm, Oda Weitbrecbt und Edlef
Kdppen. — Muhlacker 21.10: Rachmaninoff s Aleko. — Mfinchen 21.25 : Claude De-
bussy zum 70. Geburtstag. — Miftwoch. Berlin 19.10: Eurbpaische Jugend und Ab-
rustung, Hans Hartmann. — Kdnigsberg 20.05; Traumspiel vom Dicbter Klabund. —
Mfinchen 20.30: Wedekinds Konig Nikolo. — Konigsberg 21.20: Kompositionen von
Claude Debussy. — Langenberg 22.20: Das neue Gedicht in der Musik. — Donrers-
tay. Berlin 16.05: Literatur als Beruf, Rudolf Kayser. — Konigswusterhausen 18.00:
Aus Paul HindemUbs Marienleben. — Muhlacker 19.30: O.L.Brandt liest B. Traven.
— Fteitay. Berlin 14.00: Mozart (Schallplatten). — Hamburg 19.35: Otto Rombach
lie8t. — Sonnabend. Berlin 18.00: Die Erzahlung der Woche, Gottfried Benn. —
Munchen 19.00: Die Geheimnisse der Gartenarie in Mozarts Figaro. S. Anheisser. —
Konigswusterhausen: 19.30: Der politische Mensch, Hans Hartmann.
296
Antworten
Reichskommissar Doktor Bracht. Endlich ist am vergangenen
Montag im tAngriff jene Auflage erschienen, die den Fall Jenke
klaren sollte. Aber wie sah diese amtliche Veroffentlichung aus! Wah-
rend dem ,12-Uhr-Blatt* „offenkundig unklare Berichterstattung" vor-
geworfen wurde, wo es sich doch nur um die Verschweigung der Par-
teizugehorigkeit einiger Verhafteter gehandelt hat, wird im .Angriff
mit keinem Wort erwahnt, dafi die Meldung vom Mord an Jenke er-
logen war. Obwohl bereits am Freitagt feststand, dafi der SS-Mann
Wagner den Mordversuch Jenkes zugestanden hatte, findet sich keine
Andeutung davon in der Auflage; es heifit da, es sei „wahrscheinlich'\
dafi Jenke durch die eigne Handgranate umgekommen ist. Daher darf
der jAngriff* am nachsten Tag auch behaupten, es konne ja auch so
sein, dafi Jenke einen gegen ihn geschleuderten, aber noch nicht ex-
plodierten Sprengkorper aus seiner Nahe befordern wollte; womit die
Fiktion aufrechterhalten wird, dafi ein Mordanschlag auf Jenke ge-
plant war. Wir wissen genau, welch zweischneidigem Schwert die
Presse in der Gestalt der Auflagenverordnung ausgesetzt ist, aber wir
durfen doch wohl verlangen, dafi derartige Zwangsveroffentlichungen
auch so abgefafit werden, dafi ihr Inhalt genau dem inzwischen er-
mittelten Tatbestand entspricht. Durch Ihre Formulierung ist es
dem ,Angriff moglich geworden, iiber den Fall Jenke weiter das
Blaue vom Himmel herunterzulugen.
Stahlhelm-Frauenbund. Ihr verbreitet einen Aufruf an die Frauen
Deutschlands, in dem zur' Durchfiihrung einer Sammlung zura Bau
eines neuen Segelschulschiffes „Niobe" aufgefordert wird. Da heiBt
es: „£in Volk, das keinen Anteil an der See hat, ist dem Untergang
geweiht." Sieh mal einer an: wenn die Polen Zugang zum Meer, ganz
gleich in welcher Form, verlangen, weil sie das fur ihre wirtschaft-
liche Existenz brauchen, dann lafit ihr derartige Satze nicht gelten
sondern konnt nicht laut * genug schreien ob solcher nUnverschamt-
h€it,>. Wo es aber Deutschland angeht, ist das natiirlich ganz was1
andres. Ihr solltet doch etwas vorsichtiger sein und Formulierun-
gen wahlen, die nicht von so allgemeiner Giiltigkeit zu sein bean-
spruchen wie diese hier. Der bose Feind konnte sie sich zunutze
machen, und dann wurdet ihr sich«r um eine passende Antwort ver-
legen sein,
Bruno Heilig. Wilhelm Stefan antwortet Ihnen auf Ihre Zuschrift
in Heft 30: t,Sie beschweren sich iiber dreierlei. Erstens: Mein Ar-
tikel hatte die gesamte wiener antifascistische Publizistik verletzt,
Ich habe drei Einzelfalle analysiert; zwei davon (der pornographische
Gausaf und die Streikbruchbereitschaft der Nazis) sind in der Sauber-
keit der Intention und in der Berechtigung des Angriffs von mir so
eindeutig anerkannt worden, dafi mir die Grundlage Ihrer ersten Be-
schwerde unerfindlich bleibt. Ich habe es nur fur notig gehalten,
auch diese sauberen und triftigen Argumente gegen die Nazis auf ihre
Wirkungsmoglichkeit zu prufen. Zweitens: In den wiener Zeitungen
hatten Sie schon manchen ausgezeichneten Aufsatz iiber den Weg zur
sozialistischen Neugestaltung gelesen. Ich auch. Erlaubt habe ich mir
nur, die Wirkung solcher Aufsatze zu bezweifeln, wenn sie (so grad
einmal am Sonntag) in Zeitungen erscheinen, die ansonsten (Sie sind
bestimmt zum Beispiel iiber den Fall der Creditanstalt informiert?)
den bankrotten Kapitalismus aus impotenter Staatsmannerei stiitzen.
Das, meinte ich, hilft Nazis schaffen, die man dann auch mit den schlag-
kraftigsten Argumenten nicht mehr verniinftig machen kann. Drittens:
Man konne im taglichen Karhpfe auch daneben hauen und der Kame-
rad diirfe den Kameraden, der doch seine Haut zu Markte trage, vor
Kameraden nicht so ungerecht angreifen. Ungerecht bestimmt nicht.
Aber grade weil wir unsre Haut zu Markte tragen, sollten wir un-
297
ausgesetzt unsre Rustung kontrollieren und, wo sich gefahrliche
Liicken zeigen, verbessern. Und wo sollten wir das denn sonst tun als
vor Kameraden, also, wie ich es tat, in der .Weltbuhne'? Wir haben
wirklich keinen Grund, selbstzufrieden zu sein; ich wiifite wenig, was
wichtiger ware, als — solange wir dazu noch Zeit haben — die Feh-
lerquellen unsrer offenbar so wirkungslosen Gegenagitation aufzu-
sptiren. Das allein habe ich versucht"
A, St. in Koln. Im danziger HafenausschuB hat der national-
sozialistische Volkstagsabgeordnete Greiser im Gesprach mit einem
polnischen Beamten einen geladenen Revolver geztickt und gedroht,
im Falle eines Angriffs davon Gebrauch zu machen. Die danziger
nationalistische Regierung erklart, die AuBerung Greisers sei „scherz-
haft" gewesen. Sie fragen, was man in Danzig wohl getan hatte, wenn
ein Kommunist oder ein Pole sich einem „nationalen" Beamten gegen-
iiber einen solchen „Scherz" geleistet hatte. Wir nehmen an, dafi der
danziger Senat antworten wiirde: Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht
dasselbel Nicht auf die Geste kommt es an, sondern auf den Mann,
der sie macht! Und ein Nazi ist immer „aufbauwillig", wenn es auch
bisweilen anders aussieht.
Gauleiter Hildebrandt in Mecklenburg. Sie haben den strelitzer
nationalsozialistischen Abgeordneten Kohler wegen Ehrenwortbruchs
aus der NSDAP ausgeschlossen. Und Gregor Strafier? Der hat sich
doch am 18. Oktober 1930 im Reichstag offentlich seines Ehrenwort-
bruchs geruhmt.
Deutsche Tageszeitung. Du hast von dem auf die Versohnung
zwischen Deutschen und Polen bedachten „Deutschen Kultur- und
Wirtschaftsbund" in Lodz geschrieben: „Diese Organisation wird von
polnischen Regierungsmitteln gespeist," Das ,Andere Deutschland*
hat dich um die Beweise fur deine Behauptung gebeten. Du hast
geschwiegen. Du erhebst also gegen eine ehrenwerte deutsche Or-
ganisation im Ausland eine ehrenriihrige Beschuldigung und weigerst
dich, deine Behauptung zu beweisen. Du willst ein par excellence
„christliches" Blatt sein. Ist dir das achte Gebot bekannt?
H. A. L in Koln. Es ist wirklich gut, dafi die Leser oft besser
unterrichtet sind als die Redaktionen. An Bibelfestigkeit sind Sie uns
weit iiberlegen. Mit Dank profitieren wir von Ihren Kenntnissen
und vermerken, dafi zwar auch der Jiingling zu Nain von den Toten
auferweckt worden ist, aber sofort nach seinem T9de, wahrend es
Lazarus war, der bereits vier Tage mit entsprechender Wirkung in der
Erde gelegen hatte und trotzdem wieder lebendig gemacht wurde.
Intourist. In den nachsten Tagen begmnen Ihre letzten billigen
Studienreisen fur Arbeiter, Arzte und Studenten nach RuBland. Alles
Nahere auch iiber Fahrten zu den Staatsfeierlichkeiten am 7. Novem-
ber in Ihrem Bureau: Berlin NW 7, Unter den Linden 62/63.
AJZ. Eure nachste Nummer ist dem AntikriegskongreB gewidmet,
der vom 27. bis 29. August in Amsterdam stattfindet, Eindrucksvolle
Bildreportagen demonstrieren mit wiinschenswerter: Deutlichkeit den
Schaden, den der Weltkrieg angerichtet hat, und den ein neues Mor-
.den anrichten wurde.
MamuVripte sind nur an die Redaktion der Weltbuhne, Chariottenburg, Kantstr. 152, xu
richten; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonst keine Rtickseridung erfolgen kann.
Dab Auff uhrungsrccht, die Verwertung von Titeln u. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechaniacbe wiedergabe all«r Art und die Verwertung im Rahmen von Radiovortrttgen
bleibea fttr all* in der Weltbtthne eracheinenden BeitrSge ausdrDckllch vorbebalten.
Die Weltbuhne wurde begrundet voa Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet — Verantwortlich : Walther Karsch, Berlin.
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XXVIIL Jahrgang 30. Angnst 1932 Nummer 35
Rechtsf ragen — Machtfragen
von Hanns-Erich Kaminski
W^ahrend die Verfolgung der Kommunisten auf alien Ge-
bieten des offentlichen Lebens weitergeht, sind in Brieg ,
zum ersten Mai auch Reichsbannerleute zu fiirchterlichen
Zuchthausstrafen verurteilt worden. Was zu der Verhandlungs-
fuhrung und dem Spruch des brieger Sondergerichts zu sagcn
ware, soil hier lieber ungesagt bleiben. Es ist an dieser Stelle
zudem iiberfliissig.
Unsre Auffassung kann durch die Todesurteile von Beuthen
nicht korrigiert werden. Jeder anstandige Mensch mu6 es ab-
lehnen, zwischen den beiden Prozessen eine Parallele zu
Ziehen; sie fielen lediglich zeitlich zusammen. Im iibrigen stan-
den in Brieg Teilnehmer an einer Schlagerei vor dem Richter, in
Beuthen hingegen Meuchelmorder, fiir deren losgelassene In-
stinkte die Politik nur em Vorwand war. Und ob das Urteil
gegen sie zur Vollstreckung gelangt, wird man jal sehen.
Abgesehen von dem vollig vereinzelt dastehenden
beuthener Urteil, hat; die deutsche Justiz auch in den letzten
Wochen die Rechten gestreichelt und die Linken gestriegelt.
Die ,Weltbuhne* hat diese Rechtsprechung durch die Verurtei-
lung Carl v. Ossietzkys am eignen Leibe gespurt. Stets jedoch
haben wir es von uns gewiesent in ein lyrisches Geflenne uber
„die beleidigte Gerechtigkeit" auszubrechen. Daran wollen
wir jetzt mehr als je festhalten,
Auch Richter sind Menschen, auch Richter unterliegen den
Einfliissen einer politisierten Zeit, denen sich augenscheinlich
nicht einmal Generale entziehen konnen. Grade von den
Richtern und nur von den Richtern eine Objektivitat zu er-
warten, die sonst niemand besitzt und gegenwartig niemand
besitzen kann, ware sinnlos. Es gibt heute in Deutschiand nur
Rechte und Linke, und was wir unter Gerechtigkeit verstehen,
kann in dieser Auseinandersetzung zweier Welten allein durch
unsern Sieg verwirklicht werden. Unser Kampf urns Recht
kann fojglich nicht im Appell an eine imaginare Neutralitat
sondern nur im Kampf gegen alle reaktionaren Gewalten, ein-
schlieBlich der Justiz, bestehen,
Leider ist diese Auffassung immer noch nicht zum All-
gemeingut der deutschen Linken geworden. Solange haupt-
sachlich Kommunisten verurteilt wurden, horte man allenfalls
gelegentliche Proteste. Da8 ein Feind kein hoheres Wesen
wird sondern ein Feind foleibt, auch wenn er eine Robe an-
zieht, wurde nur zu gern vergessen oder geleugnet. Selbst
jetzt noch begriiBten weite Kreise der Linken die Einsetzung
von Sondergerichten, in denen sie, unbelehrt durch Erfahrun-
gen, ein Mittel zur Abwehr der nationalsozialistischen
Terroristen sahen. Nun urteilen die Sondergerichte. Sie ur-
teilen, wie es Angehorigen der Rechten ihr Gewissen eingibt.
Jetzt lernt die Sozialdemokratie, was es bedeutet, Objekt
der Gesetzgebung, der Verwaltung und der Justiz zu sein.
1 299
Bald wcrden vielleicht auch Mitglieder des Zentrums als
Staatsfeinde behandelt werden. Die Zone, in der man verfolgt
wird, riickt so immer weiter nach rechts. Aber in Deutschland
spiiren die Parteien ihr Schicksal immer erst, wenn es sie
schon am Kragen hat, Besonders die SPD hat nie begriffen,
dafl die Behandlung, die die Kommunisten erf uhren, eines Tages
auch ihr drohen konnte. Ja, einige Sozialdemokraten meinen
sogar, die Schlage der Reaktion wiirden nur an der Peripherie
der Partei stehende Reichsbannerleute, aber keineswegs die
Gewerkschaften treffen.
DaB es in Deutschland Gewerkschaftsfiihrer gibt, deren
Opportunismus so weit geht, daB sie bereit waren, die Partei
preiszugeben, um die Gewerkschaften zu erhalten, mochte ich
allerdings vorlaufig bezweifeln. Solange fur derartige Behaup-
tungen nicht eindeutige Beweise vorliegen, erscheinen sie mir
zu ungeheuerlich, Aben daB solche Geriichte tiberhaupt ent-
stehen und selbst in die Presse gelangen konnten, beweist, daB
viele Leute sie fiir moglich halten,
Ahnliche Gedanken entstanden auch in Italien, als Musso-
lini nach Rom marschierte, und damals wurde in der Tat zwi-
schen Fascisten und sozialistischen Gewerkschaftlern verhan-
delt, Es wurde dann nichts daraus, aber grade die namhafte-
sten Fiihrer der freien Gewerkschaften gaben die Idee einer
Zusammenarbeit mit dem Fascismus noch lange nicht auf , Ihre
Illusionen waren so stark, daB sie sich schlieBlich der Diktatur
in aller Form unterwarfen, in 4cr Hoffnung, wenigstens ihre
Organisationen erhalten zu konnen. Die Manner, die so ihre
ganze Vergangenheit abgeschworen haben, diirfen dafiir in
Italien leben. Sich betatigen diirfen sie nicht,
Bisweilen hat man freilich den Eindruck, als sei die Illu-
sionsfahigkeit mancher Linkspolitiker auch bei uns unbegrenzt.
DaB die preuBische Regierung nach ihrer gewaltsamen Entfer-
nung den Staatsgerichtshof anrief, laBt sich vielleicht noch
rechtfertigen. Wenfger begreiflich ist es schon, daB sie ihre
Klage nicht zu einem volkstumlichen Propagandawerk ver-
arbeitete sondern zu einem juristischen Schriftsatz. Der Streit
um PreuBen ist namlich kein ZivilprozeB, in dem Klager und
Beklagte wenigstens zu einem anstandigen Vergleich kommen
konnen. Was sich am 20, Juli abspielte, war ein historischer
Vorgang, und der Staatsgerichtshof wird ihn nicht riickgangig
machen. Er ist ein politisches Gericht; sein Urteil kann nur
eine politische Sentenz sein, wenn auch in juristischer Form,
Ganz unverstandlich aber ist es, daB die Fiihrer der Sozial-
demokratie die Herren von Papen und Bracht aufgesucht
haben, um sich bei ihnen iiber die Absetzung der sozialdemo-
kratischen Beamten zu beschweren. Der grobe Wels und der
sanfte Stampfer sollen dabei erklart haben, diese Amtsenthebun-
gen kamen einer Diffamierung der Sozialdemokratie gleich
und seien mit dem Geist der Verfassung nicht zu vereinbaren.
Nun, und wenn schon?
In der Politik sind alle Fragen, auch die sogenannten
Rechtsfragen, nichts andres als Machtfragen. Macht aber er-
bittet man nicht, um Macht prozessiert man auch nicht, man
erkampft sie. Traurig, daB man das einer Partei ins Gedacht-
300
nis rufen muB, dercn Schopfer schon vor bald einem Jahr-
hundert lehrte, daB der Appcll an ein objektives Rccht nur
eine Ideologic sei und obendrein die Ideologie einerverflossenen
Epoche, Aber der grundlegende Irrtum der Sozialdemokratie
ist der Glaube, der 1918 begonnene Abschnitt der deutschen
Geschichte sei nur unterbrochen und nicht beendet. Daraus
entspringen alle tibrigen Irrtiimer.
Die (Weltbiihne' hat seinerzeit die Ansicht vertretenf die
Parole „Wer Hindenburg wahlt, schlagt Hitler" sei falsch.
Vielleicht laBt sich darauf erwidern, man hatte nicht voraus-
sehen konnen, daB der Reichsprasident das Ultimatum Schlei-
chers hinnehmen, Briining absetzen, einen Mann wie Papen er-
nennen, die preuBische Regierung mit Waffengewalt entfernen
und Hitler den Posten des Vizekanzlers anbieten lassen wiirde.
Aber nachdem das nun alles geschehen ist, hat sich das Bild
doch wohl etwas geandert. Kann man jetzt immer noch glau-
ben, es sei richtig gewesen, fur einen politischen Gegner zu
stimmen, ohne die geringste Garantie fur sein kiinftiges Ver-
halten zu haben? Kann man womoglich noch behaupten, Hin-
denburg sei gar kein Gegner, und er habe nur einen Personen-
wechsel und keinen Systemwechsel herbeigefiihrt?
Die Gegenfrage pflegt zu lauten; ,,Ware es Ihnen lieber,
wenn Hitler Reichsprasident geworden ware?" Nein, es ware
mir nicht lieber, Ich sehe nur nicht, daB Hindenburg Hitler
hindert, Machtpositionen einzunehmen, die kaum geringer sind
als die des Reichsprasidenten. Oder war es nicht Hindenburg,
der Hitler zunachst einmal die Halfte der Staatsgewalt anbot?
In Wahrheit ist die Situation, in der wir uns befinden, lei-
der sehr klar: Wir sind mitten in der Gegenrevolution, und die
Reaktion schickt sich an, ihren Siegeszug zu vollenden. Es
ware gut, wenn sich alle, die es angeht, nun endlich fragen,
wollten, wie das moglich ist, obgleich Hindenburg Reichsprasi-
dent ist und die Rechte keine Mehrheit hat- Geschah etwa
alles nur durch den Willen des Reichsprasidenten? Oder gibt
es noch andre, starkere Krafte? Sollte es am Ende gar nicht
so sehr darauf ankommen, wer Reichsprasident ist und was die
Mehrheit will?
Es ist das nicht mehr und nicht weniger als die Existenz-
frage fur die gesamte Linke, von deren Beantwortung vielleicht
die Gestaltung ganzer Jahrzehnte abhangt- Denn die Frage,
wie die Reaktion zu ihrem Erf olg gekommen ist, enthalt zu-
gleich die andre, wie sie iiberwunden werden kann.
Ganz gewiB kann sie nicht iiberwunden werden durch Be-
schwerden, Appelle und Proteste. Weltgeschichte wird nicht
von Staatsgerichtshofen gemacht, und die Untersuchungen, ob
die Verfassung gebrochen oder nur interpretiert ist und.ob das
in gutem oder in schlechtem Glauben geschah, konnen die
Klarung, die die Linke braucht, nur verhindern. Darum kann.
ich auch nicht ohne Widerspruch lassen, was Hellmut v, Ger-
lach hier vor einer Woche unter dem Titei „Wenn Hindenburg
sturbe . . ." gesagt hat
Gerlach schreibt, Hindenburg habe den Eid auf die Ver-
fassung abgelegt und das sei ihm Meine so ernste Sache wie dem
Orthodoxen das Gelobnis der Treue, das er seiner Frau vor
301
dem Altar abgelegt hat, selbst wenn er sic nicht lieben sollte."
Diescn Vergleich1 hatte ich nicht gemacht, derm die Fallstricke
des Teufels sind gefahrlich, selbst Heilige sind schon seinen
Versuchungen erlegen, und doppelt gefahrlich ist die Macht
des Bosen, wenn sie sich des Blendwerks der Liebe bedient,
es braucht nicht einmal immer die geschlechtliche Liebe zu
sein. Im ubrigen darf man an der Verfassurigstreue des Reichs-
prasidenten selbstverstandlich nicht zweifeln, Aber Gerlach
meint auch, ,,wir miissen wenigstens relativ zufrieden sein, daB
er die Verfassung zwar konservativ-autoritar aber nicht fasci-
stisch-machiavellistisch interpretiert". Und das ist allerdings
ein Unterschied, der nicht alien Augen sichtbar sein diirfte.
Vollends unverstandlich aber ist mir, daB Gerlach das
Vorgehen gegen die preuBische Regierung fiir einen staats-
rechtlichen Streitfall halt. ,,Man darl niemand, der sich in
einem solchen Fall auf einen dem unsern entgegengesetzten
Standpunkt stellt, einen sittlichen Vorwurf machen/' Nattir-
lich nicht. Aber doch wohl einen politischen? Und darauf, nur
darauf, kommt es an. Alles andre fiihrt zu Unklarheit und Ver-
wirrung,
Weiter: ,, Einen offenen Verfassungsbruch wird Herr von
Hindenburg niemals mitmachen." Moglich. ,,Vielleicht wird
er ihn nicht hindern konnen." Warum nicht? „Aber mit sei-
nem Namen decken wird er ihn nicht. Lieber geht er." Was
hat es denn also fiir einen Sinn gehabt, ihn zum Hiiter der Ver-
fassung zu wahlen?
So fiihrt auch diese Debatte wiederum zu dem entscheiden-
den Gegensatz: Sind die Fragen, die uns gegenwartig bcwegen,
Rechtsfragen oder Machtfragen? Die ,Weltbiihne' hat bisher
die Ansicht vertreten, es seien Machtfragen. Die Fiihrer der
Sozialdemokratie hingegen meinen, es seien Rechtsfragen.
DaB ich einen Mann wie Hellmut v. Gerlach diese Meinung
teilen sehe, schmerzt mich. Kann man denn wirklich den
Schein so mit dem Sein verwechseln, daB man glaubt, die
Rechtskontinnitat der demokratischen Republik sei immer noch
gewahrt, bloB weil die Verfassung noch nicht offiziell abge-
schafft ist?
Gerlach gibt zu, daB Hindenburg nicht einmal den offenen
Verfassungsbruch verhindern konnte. Er halt seine Wahl
trotzdem fiir gerechtfertigt. Aber dassetbe, mindestens 2weifel-
hafte Experiment, nur noch unter viel ungunstigeren: Umstan-
den, will doch wohl auch er nicht noch einmal machen. Darum
bedaure ich, daB er hier auf die Moglichkeit einer Kandidatur
Doktor Eckeners hingewiesen hat, ohne ein Wort der Kritik
dazu zu sagen.
Wie die Dinge in Deutschland nun einmal liegen, sind allein
die Fiihrer der groBen Parteien imstande, einem Prasid ent^
schaftskandidaten Wahlermassen zuzufiihren. Sich vorzeitig die
Kopfe dieser Parteifiihrer zu zerbrechen, erscheint mir weder
notig noch niitzlich. Jedoch wenn man es schon tut, dann
muB man von vornherein mit aller Deutlichkeit erklaren, daB
der nachste Prasidentschaftskandidat der Linken ein Mann
sein muB, der unsre Stimmen verdient. Das braucht kein ab-
gestempelter Parteipolitiker zu sein, aber er muB die Gewahr
302
bieten, daB er bcreit ist, gegen die Rcaktion zu kampfen.
Eckener bietet diesc Gewahr nicht. Seine Popularity ahnelt
der von Willy Fritsch, so unverbindlich ist sie. Im besten
Fall ist Eckener ein politisch unbeschriebenes Blatt. Oder gibt
es von dem so oft Interviewten auch nur einen politischen
Ausspruch und gar einen gcgen die Reaktion?
Die ,Weltbuhne' ist kein Parteiorgan. Deshalb kann ich
hier gegen Hellmut v, Gerlach polemisieren, ohne mifiverstan-
den zu werden. Wir sind ein Kreis sehr verschieden gesinnter
Mitarbeiter, die untereinander und mit den Lesern nur durch
einige grundlegende Ideen verbunden sind. Wir alle stehen
links, und vermutlich sind wir alle einig in der Oberzeugung,
daB die Linke gereinigt und erneuert werden muB, um wieder
aktionsfahig zu werden. Dies groBe Werk, das nur vollendet
werden kann durch die Einigung der Arbeiterklasse, konnen
wir hier freilich' nicht schaffen. Wir konnen hochstens zu sei-
nen Voraussetzungen beitragen, indem wir uns bemiihen, Si-
tuationen zu klaren und Fehler aufzuzeigen.
Die Kritik, die von der Schaubuhne ausging und sich all-
mahlich auf die Welt ausdehnte, hat dieses Blatt zu dem ge-
macht, was es ist. Und.es bleibt, scheint mir, seine vornehmste
Aufgabe, den Dingen auf den Grund zu gehen und durch alle
Htillen das Wesentliche zu erkennen.
Papen auf dem Rustungspfad HeiimutT Geriach
Cs gibt Staatsmanner und Inhaber von Staatsamtern. Was
den einen vom andern unterscheidet, ist; der eine betreibt
das Wesentliche, der andre vermag Wesentliches und Un-
wesentliches von einander nicht zu unterscheiden.
Wesentlich fur Deutschland ist im Augenblick Dreierlei:
Wie bekommen wir eine verfassungsmaBige Regierung? Wie
mindern wir die Arbeitslosigkeit? Wie bringen wir eine Mehr-
heit fur die Ratifikation von Lausanne zusammen?
Herr von Papen aber stellt in den Vordergrund seiner red-
nerischen und sozusagen diplomatischen Tatigkeit ein paar
Prestigefragen: Wiedererlangung von Kolonien und Wehr-
hoheit fiir Deutschland.
Ob es moralisch gerechtfertigt, ob es politisch klug war,
Deutschland im Friedensvertrag alle Kolonien abzunehmen, ist
eine Frage fur sich. Sie hat ausschlieBlich historisches Inter-
esse. Denn heute fiir uns wieder Kolonialbesitz anstreben,
sei es in Form von Mandaten oder von direkter Beherrschung,
ist so ziemlich der ausgefallenste Gedanke, auf den ein Deut-
scher kommen kann. Bote man uns auf dem Prasentierteller
Kolonien an, mtiBten wir sie dankend ablehnen. Wir hatten
keinen materiellen Vorteil, dafiir aber schweren ideellen Scha-
den davon.
Keinen materiellen Vorteil! Weil namlich unsre alten Kolo-
nien mit einziger Ausnahme des kleinen Togo samtlich ZuschuB
erforderten, also fressendes Kapital waren. Weil unser Han-
del keinen Aufschwung dadurch erfiihre, da schon heute die
Mandatsgebiete handelspolitisch alien Staaten gleichmaBig
offen stehen. Weil wir unsern Bevolkerungsuberschufi nicht
2 303
dorthin ablenkcn konnten, da das Klima nur ganz wenigen
WeiBcn Ansiedlung gestattet. In alien deutschen Kolonicn be-
fanden sich vor dem Kriege insgesamt zweiundzwanzigtausend
Deutsche,
Schweren id e ell en Schadenf Durch den Weltkrieg sind die
Farbigen iiberall zum Selbstbewufitsein erwacht, Sie emanzi-
pieren sich. Sie wollen sich von fremder Herrschaft losen. Ob
die Losung sich friedlich oder unlriedlich vollzieht, wird von
der Klugheit der Herren wie der Beherrschten abhangen.
Kommen wird sie , sicher. Bis sie erf olgt ist, tritt ein Zustand
dauernder Spannung zwischen den Noch-Herren und den Noch-
nicht-Freien ein,
Deutschland bleibt ausgeschaltet aus diesen Kampfen der
WeiBen und der Farbigen, dank seinen Besiegern. Sich ein-
schalten wollen, ware so ziemlich die groBte politische Tor-
heit. Die politischen, die wirtschaftlichen, die ethischen Vor-
teile, die wir aus der uns auferlegten Kolonialabstinenz ziehen
konnen, waren in dem Augenblick verscherzt, wo wir in einen
ernsthaiten Kampf um ein Stuck Ost- oder Westafrika eintraten.
Niemand wird Herrn von Papen zutrauen, daB er die Ab-
sicht habe, als ein neuer Wiking zur Eroberung fernen Kolo-
niallandes aufzubrechen. Aber die Welt horchte erstaunt und
befremdet auf, als der deutsche Reichskanzler grade jetzt ge-
wissermaBen als einen vordringlichen Punkt seines Regierungs-
programms die Kolonialfrage ankiindigte. Hat Deutschland
wirklich keine dringenderen Sorgen? <
Schon eher begreift man, daB im Zusammenhang mit der
Abriistungskonferenz die Wehrfrage eine Rolle in der deut-
schen Regierungspolitik spiele. Man wundert sich nur iiber
den krampfhaften Eifer, mit dem grade diese Sache betrieben
wird, und iiber die Methode des deutschen Vorgehens. Erst
Herr Nadolny in Genf, dann Herr von Schleicher mit seiner
Botschalt an Amerika, jetzt Herr von Papen und Freiherr
von Neurath mit ihren offiziellen Schritten in Paris und Lon-
don — was steckt dahinter? Will das noch immer republi-
kanisch firmierende Deutschland vielleicht gar im Ultimatum-
stil des kaiserlichen Deutschland prozedieren: Entweder ihr
konzediert uns Riistungsgleichheit, oder? Ja — was oder?
Will man sonst die Abriistungskonferenz nicht mehr be-
schicken, oder aus dem Volkerbund austreten, oder einfach
sich an den Friedensvertrag nicht mehr gebunden erklaren und
selbstherrlich zur Aufriistung schreiten?
Die Welt ist tief beunruhigt. Das deutsche Volk f reilich
erfahrt davon last nichts. Die offiziosen Telegraphenagen-
turen behandeln es nach dem Rezept, nach dem die Umgebung
Wilhelms II. verfuhr; Majestat darf nicht mit unangenehmen
Nachrichten die Stimmung verdorben werden.
Ein schwerer Irrtum ist es, wenn sich sehr viele, viel-
leicht die meisten Deutschen einbilden, die fremden Machte,
Frankreich voraii, hatten sich in puncto Abriistung bereits
einer Vertragsverletzung schuldig gemacht, die Deutschland
freie Hand in der Riistungsfrage gebe.
An zwei Stellen des Friedensvertrages ist von der all-
gemeinen Abriistung die Rede.
304
Artikel 8 bemcrkt dazu:
Die Bundesmitglieder bekennen sich zu dem Grundsatz, dafi die
Aufrechterhaltung des Friedens eine Herabsetzung der nationalcn
Rustungen auf das MindestmaB erfordert, das mit dcr nationalen
Sicherheit und mit der Erzwingung internationaler Verpflichtungen
durch gemeinschaftliches Vorgehen vereinbar ist.
Dcr Rat entwirft unter Beriicksichtigung dcr gebgraphischen Lage
und der besonderen Verhaltnisse eines jeden Staates die Abriistungs-
plane und unterbreitet sie den verschiedenen Regierungen zur Priifung
und Entscheidung,
Und die Einleitungsformel zum Abschnitt V des Versailler
Vertrags lautet:
Um die v Einleitung einer allgemeinen Riistungsbeschrankung aller
Nationen zu ermoglichen, verpflichtet sich Deutschland, die im folgen-
den niedergelegten Bestimmungen iiber das Landheer, die Seemacht
und die Luftfahrt genau innezuhalten,
Ob Deutschland die ihm auferlegten Bestimmungen genau
innegehalten hat, ist eine zwischen Deutschland und den andern
strittige Frage. Alle unterrichteten Franzosen behaupten, daB
Frankreich sehr viel Material gegen Deutschland besitze, (Auch
der WeltbiihnenprozeB gehort dazu.) Es habe davon noch
keinen Gebrauch gemacht, um die deutsch-franzosischen Be-
ziehungen nicht unnotig zu verscharfenf behalte sich aber die
oHentliche Verwertung fiir den Fall vor, daB Deutschland die
Riistungsfrage akut zuspitze. Jedenfalls sind die Bestimmun-
gen des Friedensvertrages iiber die allgemeine Abriistung so
unbestimmt formuliert, daB auf keinen Fall schon jetzt ihre
klare Verletzung behauptet werden kann. Tun es deutsche
Re,gierungsmanner trotzdem, so wird ihnen jenseits der Gren-
zen vorgehalten werden, daB man Internationale Vertrage nicht
so eigenmachtig interpretieren konne wie innerrechtliche Ver-
f assungsb estimmungen.
Auf jeden Fall muB die deutsche Regierung aufs ernst-
lichste gewarnt werden, den „Umbau" der Reichswehr auf
eigne Faust vorzunehmen, als ob wir in einem Lande volker-
rechtlicher Autarkie lebten. Pacta sunt servanda. Sind die
Herren, die augenblicklich bei uns oben sind, der Meinung, daB
die Abrustungsbestimmungen des Friedensvertrages von der
andern Seite verletzt seien, so ist der Internationale Rechts-
weg der einzige, den sie beschreiten diirfen. Dann sollen sie
sich mit einer Feststellungsklage an den Weltgerichtshof im
Haag wenden. Er, und nur er kann unparteixsch entscheiden.
Jeder nationale Staatsmann, der deutsche wie der franzosische,
ist Partei und darum auszuschalten aus der Befugnis objektiver
Rechtsfindung.
Die von Herrn von Papen inszenierte, wenn auch viel-
leicht nicht von ihm inspirierte deutsche Rustlings- oder Ab-
riistungskampagne hat bisher nur einen sichtbaren Erfolg ge-
habt: WeltmiBtrauen gegen Deutschland ist wieder erwacht.
Niemand bedroht Deutschland, Selbst wenn es auf seine
hunderttausend Mann Reichswehr verzichtete, dachte niemand
an Krieg gegen uns. Nicht, weil die Franzosen und die Polen
so viel bessre Menschen als die Deutschen sind, sondern ein-
fach deshalb, weil die Sieg;er, weil die territorial gesattigten
305
Staaten nicht so dumm sind, den ihnen willkommncn status
quo in Gefahr zu bringen,
Aber Frankreich und Polcn fiihlcn sich bedroht, weniger
durch die deutschen Machtmittel als durch die deutsche Men-
talitat. Alle Deutschen, die in den letzten Wochen in Frank-
reich waren, alle Franzosen bestatigen, daB man in Frank-
reich mit der Moglichkeit eines Defensivkrieges rechne.
Da war die Parade der Vierzigtausend in Pirmasens mit
den Frankreich bedrohenden Reden des Generals von Claus
und andrer — in Deutschland kaum beachtet, in Frankreich
Gegenstand breitester Bild- und Wortberichterstattung. Da
kommt zum Sedantage die Riesenparade des Stahlhelms in
Berlin, Da sind die Hunderttausende von braunen Soldaten,
die die StraBen der deutschen Stadte fiillen. Da bildet sich
unter Mitwirkung der Millionen des Kyffhauserbundes und
andrer Riesenverbande ein ,,AusschuB fiir nationale Sicher-
heit", der eine verzweifelte Ahnlichkeit mit dem Wehrverein
des seligen Generals Keim besitzt.
Wir brauchen Ruhe fur den Wiederaufbau der deutschen
Wirtschaft, und unsre Herren ohne Volk bringen nichts wie
Unruhe in die Welt. Sie sehen eben alles nur unter der Mili-
taxperspektive.
Was will Deutschland eigentlich? So fragen in tiefster
Besorgnis die leidenschaftlichsten Freunde der Verstandigung
mit Deutschland in Frankreich.
Ich kann ihnen immer nur erwidern: das deutsche Volk
will nach wie vor den Frieden. Was Herr von Papen will,
miissen Sie ihn selber fragen. Ich glaube, daB auch er den
Frieden will. Seine Methode freilich ... Auch Wilhelm II.
wollte den Frieden.
Sozialist Schleicher von Bemhard citron
I Jber die wechselnde politische Stimmung des Generals von
Schleicher werden geheime Bulletins ausgegeben wie sonst
iiber den Gesundheitszustand gekronter Haupter. Die Frage,
ob Hitler oder Hindenburg dem Reichswehrminister naher-
.stehe, schien zeitweise das wichtigste politische Problem
Deutschlands zu sein. Heute lautet die Fragestellung anders:
Pg. oder Genosse Schleicher? Der Wehrminister und tat-
sachliche Machthaber in dem stockreaktionaren Kabinett Pa-
pen macht — anscheinend wenigstens — eine innere Wandlung
zum Sozialisten durch. GewiB hegt der General keine gro-
Bere Achtung vor dem Parlament als der Kanzler, so daB es
nicht die Furcht vor einem MiBtrauensvotum sein kann, die
ihn allmahlich dem Prasidialkabinett entfremdet hat. Aber
Schleicher will der Scharnhorst der Deutschen Republik wer-
den. Wie der groBe Militarreformer der Befreiungskriege die
Grundlage des Volksheeres in der Vermehrung der Volksrechte
erblickte, so diirfte auch Schleicher zu der Oberzeugung gelangt
sein, daB man nicht gegen ein Volk, dem man die Waffe in
die Hand drucken will, regieren kann. Die jungern militari-
schen Ratgeber des Ministers sind es anscheinend gewesen,
306
die ihn fiir diescn neuen Kurs gewonnen haben, der cine Tren-
nung von der reaktionaren Politik der Kabinettsmehrheit be-
deutet.
Vorlaufig allerdings steht die Wehrhaftmachung des deut-
schen Volkes noch nicht so nahe bevor, daB in der Bendler-
straBe bereits ,,das Kommando Scharnhorst" eingezogen ware.
Man beschaitigt sich jetzt intensiver mit andem Ideen, die
auch bei den Unterhandlungen mit dem franzosischen Kammer-
deputierten Fribourg eine Rolle gespielt haben. Die Motori-
sierung der Reichswehr, die angeblich keine Erhohung des
Wehretats mit sich bringen wird, ist das nachste Ziel von
Schleichers Politik. Man nimmt an, daB die auBenpoli-
tischen Hemmungen durch diplomatischei Verhandlungen zu
iiberwinden sind. Bezeichnend fiir die Konzessionen, die der
,,sozialistischen" Stromung gemacht werden, ist es auch, daB
man die Motorisierung gern mit dem Hinweis auf die ,,sozia-
len" Vorziige einer gut beschaftigten Riistungsindustrie emp-
fiehlt. Aber der „SozialistM Schleicher geht noch einen Schritt
weiter. Die Schwerindustrie, die sich jeden Tag dem Meist-
bietenden verkaufen wurde, muB ganz unter staatliche Kon-
trolle gebracht werden. Also ist nicht nur die Abwehr irgend
einer tatsachlichen oder angeblichen Oberfremdungsgefahr
sondern starkster EinfluB des Fiskus auf Produktion und Ab-
satz erwtinscht. Die Verstaatlichung von Kohle und Eisen hat
wehrpolitische Hintergninde, Aber auch diese Gedanken wurde
der General von Schleicher nicht so energisch fordern, wenn
ihm nicht ein wirtschaftlicher Ratgeber von besondrer Autori-
tat zur Seite stunde. Jener aus dera Dunkel in die deutsche
Politik eingreifende W^irtschaftsfuhrer, der in Schleicher be-
reits den kommenden Mann erkannt hatte, als dieser noch
Chef des Truppenamtes war, ist kein andrer als der in alien
Satteln gerechte Otto Wolff, Es gehort zu den vieleni Para-
doxen der jiingsten politischen Entwicklung, daB der GroBindu-
strielle den General fiir die Sozialisierung der Montanindustrie
zu gewinnen sucht. Der Schliissel fiir die Haltung Otto Wolffs
findet sich vielleicht in seinem kiirzlich veroffentlichten, hier noch
zu wiirdigenden Werk ,,Die Geschafte des Herrn Ouvrard".
Ober den groBen Spekulanten, der dank seinen Beziehun-
gen die bedeutendsten Finanztransaktionen wahrend der franzo-
sischen Revolution, des Kaiserreichs und der Bourbonenherr-
schaft durchfiihrte, sagt ein von Otto Wolff zitierter Zeitgencsse:
,,Das Genie der Minister des Kaiserreiches und der RestaU-
ration ist in den kritischen Momenten nichts andres als die
Inspiration Ouvrards/' Otto Wolff scheint die Flick-Trans-
aktion der Regierung Briining ebenso inspiriert zu haben, wie
er jetzt im Begriff ist, den sozialistischen Schleicher-Kurs zu
beeinflussen. Otto Wolffs geschaitliches Interesse besteht
wahrscheinlich darin, einmal der groBe deutsche Heeresliefe-
rant (siehe Ouvrard!) zu werden. Die VerauBerung seiner In-
dustriebeteiligungen an den Staat wiirde ihm in diesem Falle
wohl auch nicht unwillkommen sein.
Wenn es gelingen sollte, den Reichswehrminister aus mili-
tarischen Griinden. von der Notwendigkeit einer sozialen oder
gar sozialistischen Politik zu uberzeugen, so sind es politische
307
Griinde, die gleichfalis cine Annahcrung an die breiten Volks-
massen als zweckmaBig crschcincn lassen. Nur notdiirftig ver-
kleidet das Kabinett Papen die Schwache seiner Regierungs-
basis mit auBern Kraftbeweisen. Schleicher, zweifellos der
beste Kopf im Kabinett, ist sicherlich davon uberzeugt, daB
auch eine autoritative Regierung eine wirkliche Basis haben
muB. Fiinfundsiebzig Prozent des deutschen Volkes sind — nach
einem Ausspruch Gregor StraBers — sozialistisch; warum
sollte dann nicht mit diesen fiinfundsiebzig Prozent regiert
werden konnen? So groBartig der Gedanke sein mag, unter
der Parole des Sozialismus StraBer, Stegerwald und Leipart
zu vereinigen, so unmoglich ist die Verwirklichung eines solchen
Planes. Die gewerkschaftlichen ,,Querverbindungen" sind poli-
tische Spielereien eines Feldherrn, vergleichbar den phantasti-
schen Staatengriindungen der deutschen Armee wahrend des
Krieges, Mit nicht miBzuverstehender Deutlichkeit sind wah-
rend der letzten Woche diese Hirngespinste in die Offentlich-
keit lanciert worden. Die Herren im Reichswehrministerium
machen aber folgenden Fehler: Bei den Nationalsozialisten gibt
es keine eigentlichen Gewerkschaftler, da dort die Arbeiter-
schaft fast vollig fehlt. Die Mitgliedschaft des Abgeordneten
Stohr beim Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband, der
seinerseits dem deutschen Gewerkschaftsbund angeschlossen
istf diirfte eine sehr schmale Briicke ins gewerkschaftliche La-
ger sein, Ganz unmoglich aber ist es, die (ibrigen Gewerk-
schaftler von ihren Parteien zu trennen, Weder kann man den
christlichen Gewerkschaftler vom Zentrum noch den freien
Gewerkschaftler von der Sozialdemokratie losreiBen, Selbst
wenn sich der eine oder der andre Fiihrer durch glanzende
Versprechungen verlocken lieBe, seine Verbandsstellung mit
einem Posten in einer kiinftigen fascistischen Gewerkschafts-
bureaukratie zu vertauschen, wiirde ihm die breite Masse der
Mitglieder und der Funktionare auf diesem Wege niemals Ge-
folgschaft leisten. Die freien Gewerkschaften sind sich dieser
Konsequenzen auch durchaus bewuBt und haben einer kurzlich
an sie ergangenen Einladung des Reichswehrministers keine
Folge geleistet.
Die Vater der „QuerverbindungenM( die Forderer des Neo-
Sozialismus Wolff-Schleicherscher Observanz und die Proteges
dieser beiden Machtigen in Staat und Wirtschaft sind die Leute
des ,Tat*-Kreises. Niemand hat in der heutigen Zeit mehr Zu-
lauf als die Hellseher. Seit Ferdinand Frieds ,fEnde des Kapi-
talismus*' glaubt man, daB in der ,Tat' die Zukunft enthullt
wird. Manchmal geschieht dies in dem schwulstigen, wenn
auch wissenschaftlichen Tone, der seit den Tagen des Delphi-
schen Orakels die charakteristische Eigenart aller Prophe-
ten ist. Aber genau wie die Priester des Apollo, die aus den
hysterischen Schreien der Pythia eine Wahrsagung konstruie-
ren muBten, auch iiber gute Informationen verfiigten, werden
die ,Tat'-Propheten durch ihre internen Kenntnisse gewisser
politischer Vorgange unterstiitzt. Die Probe aufs Exempel lie-
ferte erst kurzlich die von diesem Kreise mit Unterstiitzung
Otto1 Wolffs neu ins Leben gerufene ,Tagliche Rundschau', als
sie sich iiber die Arbeitsbeschaffungsplane der Regierung so
308
3*ut informiert zeigte, wie dies nur ein Kabinettsmitglied sein
Iconnte. Uberzeugender als die Zukunftsphantasien Frieds und
Zehrers hat aber zweifellos die scharfe Analyse des sterbenden
Kapitalismus auf Wirtschaftsftihrer und Politiker gewirkt —
.auch auf den General von Schleicher. Fur diesen unbedingten
Verteidiger staatlicher Autoritat ist es unvorstellbar, da8 man
Industrie und Banken, die innerlich langst morsch geworden
.-sind, die von Staatssubventionen, Krediten und Garantien ihr
Dasein fristen, die fruhere Machtfulle belafit. Herr von
Schleicher wird auch die voile Zustimmung der wirklichen So-
^ialisten besitzen, wenn er eine Staatskontrolle dort verlangt,
wo der Staat Kapital investiert hat, Allerdings sind die Mo-
tive des Wehrministers grundsatzlich von denen der Linken
verschieden. Nicht an einer neuen Gesellschaftsordnung, die
Rohstoffe und Produktionsmittel vergesellschaftet, ist Herrn
von Schleicher gelegen; fur ihn steht lediglich die Aufrecht-
erhaltung der Staatsautoritat im Vordergrund. Der Fiskus
verwaltet den Kriegsschatz und nicht den Universalbesitz der
lGesellschaft.
Wenden wir uns aber von der okonomischen Theorie und
der staatspolitischen Doktrin zu den menschlichen Trieben,
die auch einem Wehrminister und seinem Stabe innewohnen,
so. spurt man die Erhebung eines dreizehn Jahre lang von so-
genannten Wirtschaftsfuhrern gesellschaftlich in den Hinter-
igrund gedriickten Off iziersstandes, Als die Generale 1918
bankrott gemacht hatten, begann die Aera der Generaldirek-
ioren. Nachdem diese jetzt dort angelangt sind, wo die Mili-
tars nach der Niederlage standen, drangen wiederum die Ge-
nerale zur Macht Wenn die feudalen preuBischen Kavallerie-
pferde auf dem Wege, 'der iiber das Trummerfeld des Kapitalis-
mus zur Staatsgewalt fuhrt, den Dienst versagen, dann schwingt
sich) der General bedenkenlos auf das Kosakenpferdchen, das
soeben erst aus dem verflixten Bolschewistenstall hervor-
geholt wurde,
Ueber die Ursachen
des nationalsozialistischen Erfolges
von Kurt Hitler
II
F^och selbst wem alle Eschatologie fernliegt und wer vomSo-
*^ zialismus nichts als Sozialismus will, namlich die Einrichtung
einer gerechten und zweckmaBigen Wirtschaft, gerat leicht zu
skeptischen Ergebnissen, und grade er, wenn er die Wirldich-
keit der sozialistischen Parteien in den beiden letzten jahr-
zehhten der deutschen Geschichte uberdenkt Diese Wirklich-
keit brachte dem Proletariat keinen bescheidensten Anfang von
Sozialismus — trotz wiederholter Gelegenheiten (1918/19! 1923!);
diese Wirklichkeit baute immer nur wieder die Armen, nie die
Armut ab; sie vervielfachte die Armut; der Marxismus, durch
seine Gespaltenheit unfruchtbar, und nicht nur durch sie, liefi
das Schlimmste zu; er verbrauchte seine Energien im innern
Hader. Von keinen politischen Organisationen, von seinen
309
Agitationen prof itierten die Organisatoren und Agitatoren ;
sonst niemand. Zumindest empfanden Millionen das so.
Uber das Philistertum dcr Sozialdcmokratie, (iber ihren
Mangel an Haltung, iiber ihren seit 1914 fast permanenten
Verrat an den eignen Prinzipien ist auf diesen Blattern zur
Gentige geschrieben worden, Ihre wiederholten und groben
Konzessionen an den trivialsten Nationalismus konnten diesen
nicht schwachen; ihre dauernde Stiitzerei des demo-kapitalisti-
schen Systems starkte ihn nur. Aus zu moderierter Politik
einer Linkspartei zieht, nach seltsamen aber realen massen-
psychologischen Gesetzen, nicht so sehr die ultralinke wie eine
ultrarechte Partei den Nutzen!
Von der Kommunistischen Partei stieB vor allem die Grund-
doktrin ab. Ich will nicht wiederholen, was ich hieriiber an
dieser Stelle oft ausgefuhrt habe, zuletzt in der Betrachtung
MSind wir Marxisten?" (Heft 26). Aber ich mochte dem etwas
hinzufugen, etwas, was mir angesichts eines sehr dominanten
Typs in der NSDAP wichtig erscheint: der proletarisierten
oder halbproletarisierten Jugend aus den Mgebildeten Stan-
den*', • Urn dieses Typs willen hatte ein psychagogisch kluger
Marxismus immer wieder betonen imissen, daB es nicht auf
Galvanisierung des proletarischen Zustands, nicht auf „prole-
tarische Kultur*', sondern auf Beseitigung dieses Zustands und
Oberwindung dieser ,,Kultur" ankommt. Zu unterstreichen war:
die Kulturwerte, die das Biirgertum hervorgebracht hat (in
Kiinsten, Philosophie, Wissenschaften, Technik), sollen nicht
zerstort, sondern in ihrer zeugungsstarken Lebendigkeit dem
BewuBtsein eines schopferischen Proletariats einverleibt wer-
den, das aufzuhoren berechtigt ist, Proletariat zu sein, Denn
nicht darauf — hatte man betonen sollen — werde abgezielt,
die Besitzenden zu Proletariern, sondern darauf, die Proleta-
rier zu Menschen zu machen, die Anteil haben an alien sinn-
lichen und geistigen Giitern dieser Erde.
Hiervon horte man wenig oder nichts. Oder das Gegen-
teil. Man horte iiber das AuBerokonomische platte Phrasen.
Geist wurde bagatellisiert zur Ausschwitzung der Produktions-
verhaltnisse. Man horte Antiphilosophie. Man horte: „Prolet-
kult*\ Welch Unsinn! Enteignet werden soil freilich die diinne
Schicht von Eigentumern der Produktionsmittel; enteignet ganz
gewiB auch des Bildungsmonopols. Die Gesamtheit der Nation
aber der bisher gewonnenen Friichte dieses Monopols zu ent-
eignen, statt sie ihr zu (ibereignen, ware doch Wahnsinn! DaB
die Produkte einer kapitalistisch unterbauten Kultur selber Do-
kumente des Kapitalismus und von seinem Wesen durchsogen
seien, ist ja nur in einem auBerst beschrankten Sinne richtig.
Die Hochsterzeugnisse jeder Kultur tragen iiberzeitlichen, iiber-
rassischen, iiberklassehhaften Charakter und haben auch ihren
Wert und ihre Bedeutung jenseits von Zeit, Rasse, Klasse. Man
denke an die gotischeri Kathedralen, an die Bildwerke der Re-
naissance, an Bach, an Goethe. Die Amenophisbiiste ist in
ihrem Wesen, Sinn und Rang nicht erschopft durch Einreihung
unter die Symptome der altagyptischen Sklavenwirtschaft. Kant
ist nicht ,,fruhkapitalistische" Philosophie und Nietzsche nicht
nhochkapitalistische". Ein Pfirsich wird gewiB unter anderm be-
310
dingt sein durch den Mist, mit dem die Erde gediingt wurde,
in. der der Baum wurzelt, an dem er reiftej aber es besteht
keinerlei Wesensgleichheit oder auch nur Wesensverwandt-
schaft zwischen Pfirsich und Mist Schuf die Bourgeoisie
Kulturwerte, so waren sie wertig jenseits ihrer biirgerlichen
HerkunfL Schafft das Proletariat Kulturwerte, so werden sie
wertig sein jenseits ihrer proletarischen Herkunft Worauf es
ankommt, ist: das Proletarische nicht zu konservieren,. son-
dern die Diskrepanz zwischen Biirgertum und Proletariat zu
beseitigen, namlich die Klassen abzuschaffen. Fur diese Ten-
denz haben viele Proletarisierte Sinn, die sich grade deshalb
nicht gem als „Proletarier" angesprochen horen, gar mit je-
nem Tonfall der „Proletkult"-Trottel, als sei die proletarische
Lebensform die zu erstrebende und irgendwie heilig. In Wahr-
heit ist die bourgeoise Lebensform nur deshalb wert, daB sie
zugrundegeht, weil die proletarische Lebensform wert ist, daB
sie zugrundegeht, Es soil keine Besitzbiirger, keine Kapitali-
sten, aber es soil auch keine Deklassierten, keine Proletarier
mehr geben! Dem Proletariat ist nicht zu schmeicheln, son-
dern es ist als Kategorie auizuheben. Wir wollen eine Ge-
sellschaft grundsatzlich gleichgeordneter schaf fender Menschen,
unter denen es wechselseitige Ausbeutung nicht mehr gibt, ge-
schweige denn wechselseitiges Abschlachten; unter denen es
aber allerdings Auslese gibt, endlich freie, das heiBt von der
Besitzlage unabhangige Auslese, so daB die wahren Werte zu
ihrer Geltung kommen, statt der Geldwerte, und jeder den
Platz in der Gesellschaft einnehmen darf, der seinem Range,
das heiBt; seinen natiir lichen, angeborenen oder durch Trai-
ning erworbenen, durch Willenskraft gesteigerten Eigenschaf-
ten, entspricht. Erst der Sozialismus schafft die Moglichkeit
einer echten Aristokratie, eines wirklichen, aus der Gesamt-
substanz einer Nation sich standig erneuernden Adels und
einer Beherrschung der Gesellschaft, zuletzt der Erdgesell-
schaft, durch solchen Adel.
Was hat dieser Gedanke mit den Ursachen des national-
sozialistischen Erfolges zu schaffen? Allerlei! Die Vernach-
lassigung dieses Gedankens auf Seiten der Materialisten oder
die kuhblode Ahnungslosigkeit ihm gegenuber trieb sicherlich
tausende wertvoller junger Leute — nicht auf dem Wege iiber
das be^riffliche Denken, aber auf dem Wege iiber den In-
stinkt — zum Hakenkreuz. Die Theorie von den „Untermen-
schen" wurzelt in diesem Instinkt. Ganz g«wiB liegt im Pro-
letarismus, in der Verherrlichung eines Sozialtyps, dem es.
grade aufgegeben ist, durch solidarischen Kampf sich selbst zu
uberwinden, eine Art Kultus des Inferioren; und es sind zwei-
fellos durchweg inferiore Typen, die ihn iiben. Trotzki hat
diesen Kult scharf bekampft. Bernard Shaw sagt (im Nach-
wort zu ,Androklus und der Lowe'): ,,daB' revolutionare Bewe-
gungen ebensosehr Leute an sich ziehen, die fiir die bestehen-
den Institutionen nicht gut genug sind, wi« solche, die dafiir
zu gut sind." Unter unsern kommunistischen Agitatoren und
Journalisten ist die Sorte Derer, „die fiir die bestehenden In-
stitutionen nicht gut genug sind*', zurzeit etwas reichlich ver-
treten, Wer das feststellt, verkennt wahrhaftig nicht, daB es
3 311
erst recht bei den Nazis von „Untermenschen" wimmelt und
daB tiberhaupt „Unter-" und t,Ober-" nicht nach Parteien ver-
leilt ist, so wenig wie etwa nach Rassen.
Wenn ich dergleichen ausspreche, so weiB ich, wie unge-
heuer fern ich den Wegen bin, auf denen die Pralaten des
. Marxismtis schreiten; ich weiB aber auch, wie ungeheuer fern
die Pralaten des Marxismus den Seelen grade der besten Ju-
gend unsres enteigneten Mittelstandes sind. Eben, weil sie
das sind, wird der Marxismus so wenig attraktiv, so wenig
suggestiv. Wirtschaft allein tuts nicht — zumal wenn man,
theoretisch auf Umsturz ihrer Form aus, durch feige oder durch
sture Taktik sie praktisch la St, wie sie ist
Wir wollen, da8 die Vernunft herrsche. Sozialismus ist
nichts als angewandte Vernunft, Aber wir wollen nicht das
Irrationale im Menschen leugnen, weder das Sein des Irratio-
nalen noch die Macht des Irrationalen noch auch den Wert
des Irrationalen. Der Marxismus erf aflt es nicht; und er packt
daher von Denen, die er, ihrer wirtschaftlichen Situation nach,
packen konnte und packen rniiBte, einen sehr erheblichen Teil
nicht. Er stoOt ab, statt zu gewinnen; statt aus den kosmischen
Nebeln ihrer Gefuhle und Ideen jene Werte herauszusondern,
die gesunde Substanz sind, verspottet er Gefuljl und Idee,
Adel und Gefolgschaft und den Wert jeder Bindung aufier der
an die Klasse; pocht er auf seine erbarmliche Enge. „Alle Ver-
sessenheit und Verbohrtheit, alle Unduldsamkeit und einsichts-
lose Ungerechtigkeit und all das hamische Wesen, das fort-
wahrend aus den Wissenschafts- und Parteiherzen der Marxi-
sten zutage tritt" (die Worte stammen von Gustav Landauer!),
sind schuld daran, daB Millionen zum Sozialismus Reife lei-
der vom Aftersozialismus, vom Nationalsozialismus, abgefangen
werden konnten.
Diese Verbohrtheit, diese pfaffische Engherzigkeit schlug
ja sogar die eignen Leute. Es gab und es gibt keine Diskus-
sionsmoglichkeit bei den Marxisten — weder in der Kommuni-
stischen Partei noch in der Sozialdemokratischen noch in
ihren Sezessionen. Wer in einem Punkt oder gar in einigen
von der vorgeschriebenen Linie abweicht, der fliegt — mag er
noch so zielklar, noch so zieltreu sein.
In alien Adern dieses Parteilebens beengt und beschrankt
der Kalk den schopferischen Blutstrom. Die Bonzen vertrei-
ben die Buddhas, Am verhaBtesten bei den Vatern der per-
manent en Spaltung sind Die, die wirklich und !sidenschaftlich
die Wiederherstellung der sozialistischen Einheit wollen. Eine
Einheit der Aktion kann sehr wohl. in Richtungen, selbst in
Fraktionen gegliedert sein. Hatten wir die Rote Einheit, statt
dieser grauenhaften Zersplitterung, so wiirde auf die proletari-
sierten und zunachst atomisierten Teile des ehemaligcn Klein-
biirgertums zweifellos ein ganz gewaltiger Magnetismus aus-
geiibt worden sein — trotz allem. Die Einheit fehlt; so wurde
Hitler zum Magnetblock (— nicht, ohne daB die Schwerindu-
strie viel Eisen dazu gestiftet hattel).
Wenn mein Versuch, die Ursachen des nationalsozialisti-
schen Erfolges zu ergrunden, ein Appell an die Linke zur
Selbstkritik wird, so kann ich von diesem Appell den Pazifis-
312
mus nicht ausnehmen. Er ist kcineswegs frei von Schuld.
Nicht seine Idee zwar; aber die Form, in der sie sett 1 anger m
am sichtbarsten auftrat. Der landlaufige Pazifismus, der sich
in Deutschland am meisten aufdrangende Stil Pazifismus hatte
das Gediegene, Wertvolle in der antipodischen Lehre und Hal-
tung erkennen sollen, anerkennen sollen, in die eigne Lehre
und Haltung hineinarbeiten sollen; aber er neigte dazu, es zu
verketzern und zu verhohnen, Heroische Selbstaufopferung,
Zucht um einer Sache, einer (wenn auch halluzinierten) iiber-
individuellen Sache, einer (wenn auch falschen) Idee willen,
Kameradschaftlichkeit und Abstandsgefiihl, Freude am Fiihrer,
Hingabe des Fiihrers ari*die Gefiihrten, unter welchen die Fiih-
rer von morgen sind, wechselseitige Treue, Einswerden von
Korper und Gedanke, physische, charakterliche und intellek-
tuelle Straffheit, Sauberkeit in alien Hinsichten, Zuverlassig-
keit, Exaktheit, Prazision — lauter Tugenden, wenn auch mili-
tarische, Der , Brauch, sie verachtlich zu machen, ist un-
brauchbar fiir gesunde Jugend. Der landlaufige Pazifismus,
statt dem Bellizismus kraftig zu Leibe zu gehen (den er, zum
Beispiel, im volkerbiindischen Sanktionskrieg munter leben
lieO), stiirzte sich auf den Militarismus.
Nun bedeutet „ Militarismus" zweierlei. Meint er die un-
befugte Einmischung von Generalen in die Politik — eine Er-
scheinung, wie sie weder der Sowjetismus noch die westlichen
Demokratien kennen, sondern wie sie nur in amerikanischen
Urwaldstaaten, in Ostasien, auf dem Balkan und in der deut-
schen Republik vorkommt, so bleibt er eine Schande und ein
SkandaL Aber ^Militarismus" kann auch etwas vollig Andres,
eine Lebensform, einen StiJ, die Funktionsweise einer Gemein-
schaft bezeichnen. Es iaflt sich ein Militarismus ohne Mord-
werkzeuge, ein Militarismus der spirituellen Aktion denken,
ein Militarismus, wie er beispielsweise — im Dienste eines, wie
wir glauben, abgelebten und abzulehnenden Ideals — die katho-
lische Kirche lebendig erhielt, eine disziplinierte und militante
Art geistigen VorstoBes, zu der nur die Decadence, die Ziel-
losigkeit, der Nihilismus Nein sagt, Beste Jugend sehnt sich da-
nach. Der landlaufige Pazifismus lacht dariiber. Er lacht auch
iiber die Glut nationalen Empfindens. Statt darzutun, warum
es verhangnisvoll, sinnlos, verbrecherisch ist, den Krieg sich
an ihr entzunden zu lassen, wiinscht er sie auszuloschen. Sie
ist aber triebhaft, menschentiimlich-originar, entspricht, wie
die Liebe, einem Ur-Instinkt; das vulgarpazifistische Attentat
aui sie, hanfig veriibt von korperlich Unzulanglichen, kenn-
zeichnet sich mithin als eine besondere Art von Muckertum.
Der landlaufige Pazifismus ist dumpf-irrendem, aber ehrlichem
Nationalgefuhl meist mit Frivolitat begegnet; statt den Krieg
zu entehren, hat er zu oft Die verhohnt und beschimpft, die,
in der Illusion des Dienstes an einer erhabenen Idee, sich
opferten oder die geopfert wurdenj er hat in seiner Mitte so-
gar einen Kliingel geduldet und duldet ihn noch, der nicht,
wozu wir alle bereit sein wollen, den Krieg an den Frieden,
sondern der die deutschen Imperialisten an die Imperialisten
der Nachbarstaaten verrat, Man arbeitet nicht gegen die Re-
vanche, wenn man die Revision ablehnt. Die nationale Leiden-
313
schaf t sollte aus ihrcr modernen Verrohung erlost, sollte von
Volkserziehern zum Gegenstand einef plaiivollen Veredlungs-
kampagne gemacht werden; aber man sollte nicht versuchen,
sie aus den Seelen zu roden. Das Nationalgefiihl will in den
Internationalismus eingebaut, nicht 'verdrangt sein. Der tiber-
nationale Gedanke kann Wer.bekraft nur dann entfalten, wenn
er den nationalen als Bestandteil enthalt Ratio vermag sich
nur zu verwirklichen, wenn sie irratioriale Tatbestande umfaBt.
Der legendare Erfolg einer Partei, dereri Ansprung zur
Macht zwar fraglos cine Aera der Herrschaf t brutaler Subalter-
nitat, geistfreien Sadistentums, vollkommetier Barbarei ein-
leiten wiirde, vielmehr eingeleitet hatt kann gleichwohl nicht
simpel als blotter Triumph der Dummheit oder der Ro-
heit oder gerissenen Demagogentums oder hohenzollernschen
Geldes gebucht werden oder als zwanglaufiges Ergebnis der
Wirtschaftskrise. Wie eiii Staat nach einem verlorenen Kriege,
so muB die Linke jetzt endlich begihnen, die Schuld hier bei
sich selber zu suchen und Folgerungen zu Ziehen; der Erken-
nende hegt keinen Zweifel, daB nur ein gereinigter Pazilismus,
daB nur ein auf erneuerte ideologische Grundlage gestellter
und( geeinigter Sozialismus den ^Nationalsozialismus" zur
Strecke bringen wird.
Pladoyer fiir Litten von Erich Cohn-Bendit
Sturmbannfiihrer Schulze: f(Wir habcn heute noch cine
kleine Sache vor, wenn wir Kommune treffen, umlegen, und
dann weg. Die Polizei soil sich wundern, wenn sie etwas
Schwarzes auf der Erde liegen sieht'."
Nach dieser Erklarung wurde ein Kampflied gesungen . . .
Die iibrigen SA-Leute — etwa 150 Personen — traten unter
Fiihrung des Schulze den Weg in Richtufig Reinickendorf (Fel-
senecke, Laubenkolonie) an.
Anklageschrift im Felsenecke-Prozefi, Seite 25
A/feine Herren Richter, meine Damen und Herren Geschwo-
AVA renen, Sie haben eine „so hohe Meinung von der Ihnen
anvertrauten Auf gabe der Rechtsfindung" — wie Sie so schon
sagen — , daB Sie sich dazu verleiten lieBen, sich nicht nur
mit der Ihnen anvertrauten Rechtsfindung zu beschaftigen
sondern sich zugleich auch rechtsschopferisch zu betatigen.
Als Ergebnis dieser Tatigkeit haben Sie vorerst beschlossen,
daB der Kollege Litten als' Verteidiger von Angeklagten nicht
mehf zugelassen wird. Sie geben selbst zu, daB Ihr BeschluB
sich auf eine ausdriickliche, diesen Fall treffende Bestimmung
des Gesetzes nicht stiitzen laBt; aber Sie halten die Zulassig-
keit dieser MaBnahme aus verschiedenen, ganzlich unzutref-
fenden Griinden fiir selbstverstandlich. Wenn Sie diese Frage
zu Ende gedacht hattent was Sie, wie bei andern von Ihnen
verkiindeten Beschliissen nicht getan haben, so hatten Sie zu
dem Ergebnis kommen miissen, dafi nach der geltenden und
fiir diesen ProzeB durch keine Notverordnung aufgehobenen
StrafprOzeJBordnung die von Ihnen getroffene MaBnahme
nicht zulassig ist. Natiirlich kann man mit schlechten
und Scheinargumenten auch die Frage diskutieren, ob derVor-
314
sitzende den Verteidiger hinauswerfen konne. Da ich annehme,
daB Sie die juristische Literatur zu dieser Frage vor Beschlufi-
fassung gepriift haben, diirfte Ihnen bekannt sein, daB der
Rechtsanwalt Graf von Pestalozza im Jahre 1925 in einem
Aufsatz der .Juristischen Wochenschrift' die Frage mit
einer Gegenfrage beantwortet hat: ,,Darf das Gericht wahrend
des Pladoyers sich mit Kartenspielen vergniigen, oder darf
der Staatsanwalt die Wirkung seines Pladoyers durch Einlage
eines selbstgesungenen , Liedes erhohen?" Halten Sie sich fur
befugt, meine Herren Richter, zu beschliefien: Herr Staats-
anwaltschaftsrat Dr. Dr< Stenig wird als Vertreter der
Staatsanwaltschaft nicht mehr zugelassen? Die blofie Frage,
ob Sie das Recht haben, einen unbequemen Verteidiger hinaus-
zuwerfen, verletzt das Ansehen des Anwaltsstandes. Es hat
keinen Zweck, iiber eine Frage zu diskutieren, wenn die Frage
grundsatzlich falsch gestellt ist> Bitte, berufen Sie sich nun
nicht auf einen nach Ihrem BeschluB erschienenen Artikel von
dem Kollegen Professor D'oktor Alsberg. Ich bedaure es,
daB Herr Kollege Alsberg, den ich als Verteidiger, wie Sie,
und als maBgebenden Strafprozessualisten auBerordentlich
schatze, in diesem Augenblick einen zu MiBverstandnissen
AnlaB gebenden Artikel veroffentlicht hat. Ich benenne Herrn
Kollegen Alsberg als sachverstandigen Zeugen dafiir, daB der
Artikel miBverstandlich ist. . Alsbergs Argumente sind auch
nicht zutreffend; Er pruft die Zulassigkeit eines Gerichts-
beschlusses und kommt zu dem Ergebnis, daB die
MaBnahme „als AusfluB der Sitzungspolizei des Vorsitzen-
den*' zulassig sei. Die Untersagung der Verteidigung hatte
danach von dem Herrn Vorsitzenden angeordnet werden miis-
sen. Nun ist aber un Jahre 1921 durch Anderung der Strai-
prozeBordnung dem Vorsitzenden das bis dahin bestehende
Recht genommen worden, einen Verteidiger wegen Ungebiihr
in eine Ordnungsstrafe zu nehmen. Wenn er nicht einmal eine
Ordnungsstrafe von zehn Mark gegen den Verteidiger verhan-
gen kann, dann sollte er das Recht haben, ihn wegen Un-
gebiihr einfach hinauswerfen zu durferi? Im iibrigen ist in dem
Artikel ,,vom politischen Tageskampf" die Rede, An-
scheinend ist Alsberg nach den Pressemeldungen der
Ansicht, Herr Kollege Litten hatte im Schwurgerichts-
saal eine Rede wie Danton im Convent gehalten, oder Sie,
meine Herren Richter, aufgefordert, anlaBlich der verschie-
denen Wahlen, die wahrend dieses Prozesses stattfanden,
Ihre Stimme Hir die Kommunistische Partei abzugeben? Dies
ist, wie Sie bestatigen miissen, nicht geschehen. Was iiegt
vor? „MiBbrauch des Frage- und Antragsrechtes, unerhorte
Vorwiirfe gegen Polizei- und Gerichtsbeamte aus Absicht
der ProzeSverschleppung und der politischen Propaganda.'*
Herr Kollege Litten hat Ihnen, meine Herren Richter, ,,in un*
angemessen langen, bis zu einer Stunde dauernden Begriindun-
gen ' — wie Sie sagen — , welche Sie zu „zeitraubenden Be-
schliissen" zwangen, immer wieder klarzumachen versucht,
daB nur durch ein sehr intensives Verhor, das heiBt durch sehr
viele Fragen, die SA-Zeugen in die Enge getrieben, Wider-
spriiche aufgedeckt werden und damit die Moglichkeit ge-
315
schaffen werde, an die Wahrhcit liber die Schuld in dem hier
zur Verhandlung stehenden Vorfall heranzukommen. Mit der
Zahl der Fragen wachst die Wahrscheinlichkeit, die
Wahrheit zu ermitteln. Meihe Herren Richter, wenn Sie die
Richtigkeit dieses Gedankenganges bestreiten sollten, so wird
der Vorwurf mangelnder Objektivitat von Herrn Kollegen Lit-
ten gegen Sie mit Recht erhobeh, Ob seine Fragen ungeeignet
oder nicht zur Sache gehorig waren, daruber wird endgiiltig
das Reichsgericht entscheiden. , Vor dem Schwurgericht be-
stimmt der Verteidiger nach pflichtgemaBem Ermessen, was
er fragen will, und Sie konnen daruber. entscheiden, ob die
Beantwortung der Frage zugelassen wird oder nicht. Wir las-
sen uns, meine Herren Richter, die Fragen, welche wir nach
unsrer Ansicht zu stellen haben, von Ihnen nicht vorschreiben,.
,,Unberechtigte Vorwurf e gegen die Polizeibeamten"?
Wenn Sie dem Kollegen Lit ten vorwerfen, er habe die Be-
amten grundlos verdachtigt, so frage ich: 1st es nicht richtig,
daB der Herr Vorsitzende Litten gegeniiber geauBert hat, wenn
er gewuBt hatte, daB der Polizeiwachtmeister Oldenstedt seine
Pistole einem SA-Mann zum ,,Halten" gegeben hat, so hatte er
die Vereidigung dieses Zeugen ausgesetzt?
,,Unberechtigte Vorwurf e gegen die Staatsanwaltschaft"?
Herr Staatsanwaltschaftsrat Dr. Dr. Stenig hat zwar noch
nicht, wie sein Kollege Freiherr v. Steinacker, den .Angriff ,
das Fachblatt fiir Mordanstiftung und Pogromhetze, zu dem Be-
kenntnis benutzt, daB auch er in seinem Innern schon lange zur
NSDAP gehore; dies kann man aber auch, durch konkludente
Handlungen bekunden, indem man,namlich eine Anklage wegen
Anstiftung zum Morde gegen den Sturmbannfuhrer Schulzet
dessen AuBerung ich oben zitiert habe, nicht erhebt.
(lUnerhorte Angriffe gegen das Gerieht1'? 1st es verboten,
dem Gerieht mangelnde Objektivitat vorzuwerfen, obwohl die
StrafprozeBordnung dem Verteidiger das Recht gibt, Richter
wegen Besorgnis der Befangenheit abzulehnen? Obgleich der
Herr Vorsitzende sich bescheinigt, daB er die Zeugen „grund-
lich und umfassend" vernommen habe, muB ich Ihnen sagen:
Die Verteidigung ist trotzdem beziiglich der Objektivitat
des Gerichts andrer Ansicht, Die Griinde Ihres Be-
schlusses geben uns erst recht Veranlassungt an Ihrer Objek-
tivitat zu zweifeln. Wenn Sie Herrn Kollegen Litten vorwer-
fen, er wolle nicht ..verteidigen" sondern Magitieren", so zei-
gen Sie nur, daB Sie zwar eine sehr hohe Meinung von der
Ihnen anvertrauten Aufgabe, aber iiberhaupt kein Verstand-
nis fiir das Wesen der Verteidigung und die Aufgabe des
Verteidigers in diesem ProzeB haben. ,t Agitation"?' Sie
wissen, daB der Kollege Litten nicht zur Kommunistischen
Partei gehort, weil er links von ihr stent; seit Wochen ist im
Gerichtssaal die Presse nicht vertreten. Aus welchem Grunde
sollte der Kollege Litten eigentlich politische Propaganda zu
treiben versuchen? Fiir die zwanzig Zuhorer, Verwandte und
Bekannte der Angeklagten, die der Herr Vorsitzende in ge-
setzwidriger Beschrankung der Offentlichkeit noch zulaBt?
Oder sind Sie der Ansicht, daB Herr Kollege Litten versucht
316
habef die Herren Staatsanwalte und Richter zum revolutio-
naren Marxismus zu bekehren? Dann mochte ich Sic bitten,
mir zu sagen, durch welche Fragen und durch welchen Antrag
dies geschehen sein soil. Nein, dieser Verteidiger ist nicht
t.zuriickhaltend", wic Herr Assessor Rosenthal-Peldram, ^der
dafiir von Ihnen ein Lobstrich erhielt — denn er weiB, daB
er seine Fragen und Antrage vor dem Urteil stelleri muB.
Er redet nicht tim die Sache herum, wenn er der Ansicht ist,
ein Bearater habe seine Pflicht verletzt, er sagt es direkt.
Es ist die Aufgabe des Verteidigers, anzugreifen, urn die
Anklage zu erschuttern, um im Falle Felsenecke aufzuzeigen,
wer Angreifer ist und wer in Notwehr gehandelt hat.
Diesen ProzeB mit mehr als zweihundert Zeugen zu lei-
ten, ist gewiB nicht leicht; dieses Orchester von vierundzwan-
zig Angeklagten und zehn Verteidigern zu dirigieren, ist nicht
leicht. Aber den Kollegen Litten trifft an der Dauer dieses
Prozesses keine Schuld. Er ist nicht dafiir verantwortlich,
daB hundertfiinfzig SA-Leute, die nun alle vernommen wer-
den mtissen, sechs Kameraden ,,begleitet" haben. Er kann
bei der Verteidigung nicht auf die Kosten Rticksicht nehmen,
die durch die ,,Gebiihren fur acht Offizialverteidiger", zu
denen er nicht gehort, entstehen. Wenn Sie auf die Dauer
der Untersuchungshaft der Angeklagten hinweisen, so erwidere
ich Ihnen, daB die Mandanten des Herrn Litten lieber noch
vier Monate in Untersuchungshaft als vier Jahre im Zucht-
haus bleiben wollen.
Meine Herren Richter, wenn dieser BeschluB zulassig
ware, so konnte jedes Gericht einem ihm unbequemen Ver-
teidiger schon nach dreistiindiger Verhandlung mit den von
Ihnen angegebenen Scheingriinden die Verteidigung unter-
sagen. Herr Kollege Litten hat sich durch die Art, wie er die
Interessen seiner Mandanten wahrnimmt, in den Wochen die-
ser Verhandlung auch die Achtung der Mitverteidiger ein-
schlieBlich des Kollegen erworben, der bekanntermafien im
nationalsozialistischen Lager steht. „Verletzte Wiirde des Ge-
richts"? Solange Sie Herrn Kollegen Litten unsachliche
Verteidigung vorwerfen, muB ich es ablehnen, mit
Ihnen iiber die ,, Wiirde*1 des Gerichts zu diskutieren,
Wir sind nicht gewillt, die Interessen unsrer Mandan-
ten auf dem Altare Ihrer ,,hohen Aufgabe" — wie Sie sie
auffassen — und Ihrer Autoritat zu opfern. Eins werden Sie
mit Ihrem BeschluB bestimmt nicht erreichen: DaB wir in je-
dem Gerichtssaal das zu sagen unterlassen werden, was
wir als Verteidiger im Interesse unsrer Mandanten den Zeu-
gen, den Polizeibeamten, Staatsanwalten und Richtern zu sa-
gen fur notwendig halten. Herr Kollege Alsberg, desseri Ar-
tikel Sie zu Ihrer Verteidigung vielleicht doch heranziehen
werden, hat einmal amSchluB eines bekannten Pladoyers zu
der Staatsanwaltschaft gesagt: „Ich werfe Ihnen Ihre Anklage
zerrissen vor die FuBe/1 Das war respektlos und deutlich. Ich
mochte im Interesse der von dem Kollegen Litten vertretenen
Angeklagten, im Interesse des Kollegen Litten und der Insti-
tution der Verteidigung gegeniiber Ihrem Beschlusse nicht
weniger deutlich sein,
317
Thomas Manns Blutschande, Rassen-
Und LandeSVerrat von Werner Hegemann
Cine neue, gradczu teuflische Verschworung gegen das Heil
der germanischen und romanischen Volker ist soeben durch
nationalsozialistischen Scharfblick aufgedeckt worden. Es han-
delt sich um cin Verbrcchcn gegen die gottlichen Naturgesetzc
und gcgen den heiligen Geist.
Um das riesige AusmaB dieses neuen Verbrechens zu er-
fassen, ist ein kurzer Riickblick erforderlich.
Jedes Tier paart sich nur mit einem Genossen der gleichen Art,
Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, dcr Storch zur Storchin, Feld-
maus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, dcr Wolf zur Wolfin
usw. * . . Der Fuchs ist immer ein Fuchs, die Gans eine Gans.
Dies erkannte und verkiindigte Adolf Hitler (MMein
Kampf ", 1930, S. 310 ff.) als „ehernes Grundgesetz des Lebens-
willens der Natur". Aber im Jahre 1910 wurde in Berlin das
Ungeheuerliche bekannt, woran sich noch mancher Vorkriegs-
Berliner erinnern wird:
In der Brunrienstrafie ist ein Ungliick passiert;
Da hat die Ziege mit der Gans poussiert.
Treffend folgerte Adolf Hitler:
Der tiefste und letzte Grund des Unterganges des alten Reiches
lag im Nichterkennen des Rasseproblems und seiner Bedeutung fur
die geschichtliche Entwicklung der Volker , , . Der Germane wird der
Herr nur so lange bleiben, so lange nicht auch er der Blutschande
zum Opfer fallt,
Atis diesen und ahnlichen tiefschiirfenden Feststellungen
Hitlers geht hervor, daB ,,der Untergang des alten Reiches"
nicht durch dolchstoBlerischen Marxismus sondern durch vor-
kriegliche „Sunde wider den Willen des ewigen Schopfers" ver-
ursacht wurde. Aber Hitler sagt nicht, wann man dieser
,,Sunde" zu fronen begann. Dieses Datum muB. man in den
Schriften des „ersten Nationalsozialisten" suchen (zu dem be-
kanntlich Friedrich der GroBe neulich im Lustgarten vom SA-
Fiihrer Graf Helldorf ernannt worden ist). Wenn Friedrich II.
auch die ganze furchtbare Gefahr des Verbrechens gegen die
germanische Rasse noch nicht erkannte, so hat er doch wenig-
stens die Existenz des Verbrechens schon festgestellt. In sei-
nem geheimen Testamente von 1768 (S. 178) schilderte der
GroBe Konig die Moral seiner ostpreuBischen Untertanen fol-
gendermaBen:
Das Volk ist nicht schlecht. Es wird nicht s Schlimmeres ver-
brochen, als daB sich j unge Madchen die Leibesf rucht abtreiben und
daB junge Leute die Kiihe liebkosen,
Der ahnungslose GroBe Konig scheint diese Dinge noch
nicht mit der sittlichen Strenge Hitlers sondern noch gemutlich
und mit wahrhaft koniglichem Humor behandelt zu haben.
Einer seiner zuverlassigsten Berichterstatter, de Catt, notierte
folgende AuBerung Friedrichs II. vom 21. Juli 1759:
Er wollte einen Menschen mit einem Affen kreuzen . . . das gabe
eine Art ganz vergeistigter Wesen, gute Kanzler, Staatsminister, Se-
kretare.
Vielleicht sogar Nationalsozialisten?
318
Schon als Kronprinz steuerte der groBe Fricdrich demsel-
ben Zielc zu. Sein Vater hatte ihm das Gesttit Trakehnen ge-
schenkt, wo er durch Kreuzung der kalten Stutcn des Landes
mit feurigcn Araberhengsten rccht brauchbare preuBische
Pferde erzcugte und jahrlich zwolftausend Thaler damit ver-
diente. Auf dem Wege zu dieser eintraglichen Blutmischungs-
anstalt schrieb Kronprinz Friedrich am 8. August 1739 an
seinen Freund Jordan:
Ich bin, an der Spitze fast aller Eheangelegenheiten des Landes.
Sie wissen, daB ich bisher schon die Vaterschaftsbescheinigungen unter-
zeichnet habe; jetzt bin ich auf dem Wege ins Gestiit, wo alles gratis
Nachkommen zeugen wird; so werde ich fur die Vermehrung der Ge-
schopfe unserer Staaten, Menschen wie Tiere sorgen. Wenn Sie hier
waren, gabe ich Ihnen die Wahl zwischen dem hubschesten litauischen
Madchen und der schonsten Stute des Gestiits.
DaB diese heitere friderizianische Auffassung wichtiger
Rassefragen von den Fiihrern der nationalsozialistischen Partei
schon gekannt und insgeheim sogar schon gebilligt wird, geht
vielleicht aus dem Bericht hervor, den ,Der Angriff* (immer
vom 22. August) liber den neuen amerikanischen Gestutsfilm
f1Vollblut" veroffentlichte und der — etwa nur zum Scherz? —
gradezu nach einem neuen mannlicheren ,,Fritzen" rief, Der
,Angriff' schloB seine bewundernde1 Kritik mit den Worten:
Unsere Filmleute wollen anscheinend nichts lernen, sonst hatten
sie den Amerikanern doch langst absehen miissen, wie man neue und
wirkungsvolle Filme macht. Wir sehen unsre deutschen Gestute
bestenfalls in langweiligen Wochenschauen oder in noch langweilige-
ren, weil ungeschickt aufgezogenen „Kultur"filmen. 1st noch kein
deutscher MFilmfritze" auf die Idee gekommen, unsre schonen Gestute
zu einem Spielfilm zu benutzen, statt aller Mias und Pias mal ein
Pferd in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen und so fur die
deutsche Pferdezucht und den Reitsport zu werben? Oder ist dieser
Sport etwa zu mannlich?
Aber nicht nur das friderizianische PreuBen und ,,das alte
Reich" sind am ,,Nichterkennen des Rasseproblems und seiner
Bedeutung" zugrunde gegangen. Ahnliches Nichterkennen hat
Spanien ruiniert. Nach Ansicht immer desselben ,Angriff' vom
22. August war in Spanien der Hauptsiinder ,,die kastilianische
Volksgruppe, die Nachkommen der alten Hidalgos, bhitgemischt
mit den jahrhundert (sic) dort lebenden Arabern/' Araber sind
bekanntlich Semiten, und Hidalgos waren urspriinglich germa-
nischer Adel. Das Widerliche an dieser fur jeden Germanen
tief beschamenden Blutmischung ist, daB sie die von Hitler auf-
gestellten Rassengesetze auf den Kopf zu stellen schien. Statt
durch ,/Blutschande" schwach und widerstandslos zu werden,
erfrechten sich diese bastardierten Kastilier plotzlich, das
Herrenvolk der ganzen Halbinsel zu werden. Der .Angriff1
schreibt weiter:
Die Kastilier hatten sich als Ziel gesetzt, die umliegenden selb-
standigen Volker der Halbinsel an den fruchtbaren Ufern^ der Meere
wegen ihres Reichtums mit alien Mitteln zu erobern, was ihnen auch
mit Waffengewalt gelungen ist.
Die „umliegenden Volker" mit Barmitteln, die Galicier,
die Basken und die Katalonier muBten sich also den Kastiliern
genau so unterwerfen, wie in Deutschland etwa die Wurttem-
berger, Sachsen und Bayern sich den keineswegs germanisch
319
blutreinen, aber urn so waffengewaltigeren Preuflen unterwer-
fen muBten. Der ,Angriff bcrichtet schr ernst:
Die Geburt der jungen spanischcn Republik habea daher diese
unterdrtickten Volker als ihre Befreiung begrufit. . . . die ersten sonni-
gen Freiheitstage beim Ausruf der Republik wurden bald durch fremde
Element e getrtibt, die die Gelegenheit benutzen, fur die „Weltfreiheit"
— wie sie sagen — d. h, fiir den Kommunismus zu agitieren,
Ahnlich wie den nordischen Pferden und den spanischen
Kastiliern die Mischung mit Araber- oder Maurenblut scheint
sie auch dem „unverschamten" Thomas Mann gediehen zu sein.
Derselbe ,AngrifP vom 22. August schrieb iiber Thomas Mann:
Wir mussen mit aller Scharfe verlangen, dafi diese schreibende
Mischung zwischen Indianern, Negern, Mauren und weiB der Teufel
was sonst noch sich nicht mehr „deutscher Dichter und Schriftsteller"
nennen darf. Was dieser Mann jetzt treibt, das ist nicht nur Ver-
messenheit und Unverschamtheit, das ist nach unsrer Ansicht schon
glattweg Landeaverrat.
Thomas Manns „Landesverrat" ist zweifach. Der ,Angriff
enthulit:
Mit einer Instinktlosigkeit ohnegleichen gab Thomas Mann dem
Vertreter einer auslandischen Judengazette ein Interview, in dem er
Adolf Hitler und die nationalsozialistische Bewegung auf das unver-
schamteste beschimpfte . . . Das ist Thomas Mann in voller Nacktheit.
Hier la fit er wieder einmal die Maske des kultivierten, guten deut-
schen Burgers fallen und beweist in aller Klarheit, daB kreolisches
Blut in semen Adern rollt,
Der (Angriff scheint nicht zu wissen, daB Wesen und Stolz
der Kreolen grade darin beruhen, daB sie ihre weiBe Rasse
vollig frei von fremdem Blute bewahrten. Aber der scheuB-
liche Landesverrat Thomas Manns besteht dann auch darin, daB
der Dichter dem internationalen ,,Anti-Kriegs-KongreB" (in
Amsterdam, 27, bis 30. August) „seinen Namen lieh*', obgleich
nin Deutschland jedes Kind weiB", daB dieser KongreB ,,irn
Dienst der Sowjets arbeitet". Der ,Angriff erklart:
Thomas Mann scheut sich nicht, seinen allerdings nicht mehr zug-
kraftigen Namen unter einen Aufruf folgenden Wortlauts zu setzen:
MWir rufen alle Frauen und Manner bhne Rticksicht auf ihre Zu-
gehorigkeit zu politischen Parteien oder Gewerkschaften und alle
proletarischen, kulturpolitischen und sozialpolitischen Organisationen
auf, sich zum grofien internationalen KampfkongreB gegen den Krieg
zu vereinigen. Setzen wir uns nicht der Schmach aus, nicht zu ver-
stehen oder zu spat zu verstehen! LaBt uns das Gewissen wach riitteln,
um den Willen zu stahlenl LaBt uns den geschlossenen Widerstand
organisieren! LaBt uns in einer machtigen Woge alle Menschen zu-
sammenfassen, die ein zweites Mai — und in welch furchtbaren Heka-
tomben — geopfert werden sollen!"
Der ,Angriff schlieBt seinen Protest gegen diesen ver-
brecherischen Aufruf mit einem Hinweis auf ahnliche Ver-
brechen des ,,schreibenden Gesindels" vom Schlage der Arnold
Zweig und Emil Ludwig Cohn und mit den Worten:
Es ist dringendes Erfordernis der Zeit, dem verraterischen Treiben
literarischer Subjekte ein Ende zu bereiten. Auch wenn sie Nobel -
preise besitzen. Und dann erst irecht!
Dann erst recht! Also herbei ihr ,,nationalen Kampfer",
ihr t(Kameraden'* Hitlers! Holt den Iandesverraterischen No-
belpreistrager aus dem Bett, zertretet ihm den Kehlkopf, bringt
ihm neunundzwanzig Wunden bei und erschieBt ihn von hinten!
320
Untermieter von Peter Ren*
TJntermieter sind auch Menschen. Wie jedoch die Vorsilbe
schon andeutet, solche einer niedern Schicht, bcsser gesagt,
einer minderwertigen Rasse, Etwa wie Neger, Juden oder
Eskimos, Aus diesem Grunde werden sie symbolisch auch
Aftermieter genannt. Ganz fruher (also vor dem Krieg) — urn
historisch vorzugehen — spielten die Untermieter aus Griin-
den ihrer Minderwertigkeit eine vorstadtbegrenzte Rolle in
den Kreisen des aufstrebenden Mittelstandes, Man sagt, daB
in jener guten alten und vor allem geordneten Zeit die „mob-
lierten He'rren" grade in der Ahzahl vorhanden waren, die
man zur Fiillung von iiberfliissigem Raum, konkaven Staats-
pensionen und konvexen Gerichtsakten (Alimentation, Ehe-
bruch, Verfuhrung Jugendlicher . . .) sowie als Stof f der daraus
sich ergebenden Romane und Dramen benotigte, Ferner stell-
ten die moblierten Herrn das Hauptkontingcnt an Ehemannern
fiir ledige Tochter (Philinchen). Diese harmonische und aus-
balancierte Situation erhielt, wie alles andre, nach dem Krieg
einen DolchstoB in den Riicken und der damals scharenweis
auftretende und ausschlieBlich f,AJtermieter" genannte agyp-
tische Schreckenj wurde von Staatswegen den Einzelhaus-
haltungen zwangsgestellt, Mit Kind'ergeschrei, Kuchenschlach-
ten, Grammophonmusik und verstopftem WC erkampften sich
die Aftermieter schnell das Terrain, wurden zu augenblick-
Hchen Herrschern und chronischem Familiengesprach der ehe-
maligen. Kaum jedoch hatten sich die Obermieter nach Be-
endigung der Wohnungszwangswirtschaft wieder aus dem
Hangeboden hervorgewagt, kaum war die Flut von Prozessen,
Herzschlagen, Notziichten und andern .zwangslaufigen Auswir-
kungen menschlicher Verbundenheit auf engem Raum abgeebbt,
da trat wieder ein volliger Umschwung in der wohnungspoli-
tischen Lage ein. Der eben noch pestarfig gemiedene „After-
mieter" wurde zura sennsiichtig erstrebten 1tpaying guest", Um
ihn bewarben sich jetzt im Gegensatz zur Vonkriegszeit
weiteste Kreise. Steuersekretarswitwe, Generalin und Regie-
rungsrats — Oberlehrers blieben beim Schiiler in voller Pen-
sion, mit FamiiieneinschluB und Auisicht bei Schularbeiten —
einten sich jetzt zum gemeinsamen Beruf. Um diesen zu heben,
ward als BegriiBung fiir Zimmersuchende die Formel defunden:
„, ,,Friiher habe ich das auch nicht notig gehabt!'* (Preisaus-
schreiben: Wer hat schon vor der Inflation kein Geld und
„etwas notig'* gehabt?)
*
Wenn sich der Obermieter entschlossen hat, einen an der
Mietszahlung Beteiligten heranzuschaffen, muB er, nachdem
der ehrliche Wille, Geld einzustecken, vorhanden ist, auch zur
argerlichen Zimmerabgabe schreiten. Zu diesem Zweck tut er
folgendes: Er sucht und findet den Raum in der Wohnung, der
am weitesten von der Flurtiir entfernt liegt und durch demo-
lierte Tapete, geschwarzte Decke und rauchenden Ofen den
Satz rechtfertigt: „Da ist doch nichts mehr zu verderben", Ist
die weitere Vorbedingung erKillt, daB das Zimmer zwischen
321
zwei Fltigelttiren liegt, auf dcrcn cincr Seite das Ehepaar
nachtlich haust, auf der andern ein Schwiegervater hustet,
schreitet man zur Einrichtung, Allc Gegenstande, welche An-
spruch auf die Adjektiva praktisch, schon odcr zweckmaBig
erheben konnten, werden entfernt und statt dessen wird alles
unter den Schlagworten Pliisch, Nippes. Jugendstil und Brok-.
kensammlung Gangige hineingeraumt. Es folgt das Aufhangen
iiberzahiiger Familienphotographien und derjenigen Biider, de-
ren Glas man sich erhalten mochte. Hat so die „K6nigin Luise"
iiber dem Bett und der „Bliok auf Monte Carlo" iiber dem
Schreibtisch Platz genoimmen, ist nicht nur die Wohnung auf-
geraumt, sondern das moblierte Zimmer ist eingeraumt und
bezugsfertig. Die Vermietung kann beginnen,
*
Die Wirtin — ihr EinfluB auf -die deutsche Lyriik ist be-
kanni tmd vorratig in jeder gut en Privatdruckhandlung — ist
nach parteiischer Ansicht der Untermicter das Hauptiibel, mit
Bestimmtheit aber zu sagen, eiii Hauptproblem des moblierten
Zimmers. Zu scheiden sind die Wirtinnen in zwei Grundtypen.
Klar zu erkennen in jenen Hausern, deren spezifischer Geruch
sich aus verschiedensten Mittagessen und den Unterhosen der
Hausherrn zusammensetzt. Verschwommener beziehungsweise
abgeschliffener, aber trotzdem findet man die Grundtypen in
den herrschaftlichen Hausern, wo Dienstmadchen eine teils
mildernde, teils verscharfende Zwischenschaltung im Verkehr
von Wirtin und Mieter darstellen.
Der Wirtinnentyp I ist lang, schmal und hager. Die straf-
fen Haare sind in der Mitte gescheitelt und auf der spitzigen
Nase sitzt ein meist eingerahmter Klemmer, Durch diesen
wird der Eventualmicter — wenn die Nase aus dem Guckloch
zuruckgezogen und der Tiirspalt geoffnet ist — miBbilligend
betrachtet. Hat er sodann die Fragen nach Alter, Einnahme,
Rasse, Weltanschauung, Abkunft, Konfession und Stellung zum
Alkohol beantwortet, darf er in die Wohnung eintreten. Dort
schlagt ihm ein penetranter Geruch nach guter Stube und
Sauberkeit entgegen. Auf beides ist die Wirtin stolz, Sie be-
richtet dem Ankommling von der letzten Krankheit ihres
Seeligeri und* der Ordnungsliebe des vergangenen Mieters, der
jetzt noch Ansichtskarten schreibt und leider nach Schneide-
miihl versetzt wurde. Ist das kurze Gesprach iiber den Zim-
merpreis, das Wetter und die welthistorische Sendung Hitlers
beendet, verschrankt die Wirtin die Arme auf ihrer Vorder-
flache und sagt: „Vor a Hem halte ich in meinem Hause auf
Reinheit!" Die Antworten: ,Jch trete die Fiifle immer ab"
oder ,,Ich stelle den Schirm stets in den Stander und trage
Gummischuhe" sind in diesem Fall verfehlt, da die diesmal
geforderte Sauberkeit sittlicher Natur ist. Unsittlich — urn
im Wirtinnenjargon zu reden — ist vor allem Besuch von An-
gehorigen eines dem Mieter entgegengesetzten beziehungs-
weise ihn erganzenden Geschlechts. Diese Unsittlichkeit
wachst mit einbrechender Dunkelheit in den Formen einer
geometrischen Reihe.
Trotz Mitteilung der zu jeglicher Askese verpflichtenden
Legislative der Hausordnung, der verbiirgten Exekutive der
322
Wirtin sowie der angekiindigten Nebenrechnung, die jeden
finanzamtlichcn Erfindungsgeist ins Miniaturenhafte verwan-
delt, finden manche Zimmersucher nicht den Mut zur Aus-
gangstiir und iiberreichen die mit Strenge geforderte Anzah-
lung. Da ihrem fehlenden Frontgeist auch das Kundigungs-
recht iilusorisch wird, sind sie ihr ganzes Leben von Bohner-
wachsgeruch und andern Ausdiinstungen primitiver Reinlich-
keit begleitet. Wie von einer Notverordnung getroffen, tra-
gen sie ein stilles und gedriicktes Wesen zur Schau und wer-
den von Witzblattzeichnem als Modell fur Ehemanner ver-
wandt.
Wie anders Frau Wirtin II!
Nach dreiinaligem Lauten — Typ I war schon vor dem
Klingeln erschienen, sie hatte die Schritte im Treppenhaus ge-
hort — erfolgt Lachen, Gekreisch und Turenschlajgen, dann
steht SIE of fnend in der Tiir. Oberlagerte Fettschichten auf
schwellendem Morgenrock spenden einen milden Glanz. Er
un<i ein mehrf aches Doppelkinn laden zu ireundlichem Besuch.
In der Wohnung selbst herrscht nicht der monoton-ordent-
liche Geruch von Typ I. Eine interessante Mischung von
Houbigant, Coty, Merde, deutschem Hering und undeutschem
Knoblauch bietet sich der analysierenden Nase. Mit hoflichen
Bewegungen wird man ins fragliche Zukunltszimmer gefiihrt,
wo Bettzeugteilef eine mit Puppen, Orangenschalen und Ma-
gazinen belegte Chaiselongue ein symphonisches Stilleben ver-
ursachen, Stockelschuhe, Vandeveldes ,,Kochbuch fur Manner"
und ein fliederfarbenes Spitzenhemd vcrdunkeln das Ge-
schlecht des derzeitigen Mieters und erhellen die gastfreie Ge-
sinnung der Wirtin. Diese entf errit mit praktischer Hand
Fruhstucks-, Fliegen- und andre Reste von Tapete und Nacht-
tisch, einen Waschnapf vom Polsterstuhl und ladet den Gast
zum Sitzen ein. Mit wachsendem Erstaunen hort dieser — so-
eben erst Typ I entronnen — dafi sich die Betrage fur Licht,
Gas, Heizung, Dienstmadchen nicht nach dem jeweiligen ffVer-
brauch" richten sondern grofiziigig in eine Pauschalsumme ein-
kalkuliert sind; daB Telephon, WG und personliche Freiheit
garantiert werden und das Zimmer fruher von einem argen-
tinischen Grafen bewohnt wurde. „Um das Privatleben meiner
Mieter kummere ich mich iiberhaupt nicht'\ sagt Frau Wirtin II
und fiihrt als Beispiel die Frau eines Arztes an, die den
argentinischen Grafen immer besucht habe und bei deren nun-
mehr angegebener Adresse man sich also nach der Wirtin
weitern menschlichen Werten, vor allem aber nach ihrcr Dis-
kretion erkundigen kann. Schnell ist man noch iiber die pe-
kuniaren, erotischen und sanitaren Verhaltnissc der ubrigen
Hausbewohner sowie die Tiicken des Hausbesitzers orientiert.
Und dennoch ...
Dennoch erzeugt der menschliche Anspruchsgeist Existen-
zen, die nicht im grotien, wenn auch etwas schmierigen Herzen
von Typ II verweilen sondern auch hier wieder die Treppe
hinuntersteigen und weitersuchen. Meist sind es Anfanger, ge-
laden mit Anspriichen und Illusionen. Sie phantasieren von
einem Zimmer, das erfiillt ist von brauchbaren, praktischen
323
Gegenstanden und von dessen Atmosphare man nach person-
lichen Zutaten sagen kann: behaglich, gemiitlich, mein Zu-
hause. Sie traumen von einer Wirtin, mit der sie in freund-
schaftlicher Distanz leben. Wo Sauberkeit nicht stinkt. Weder
nach Muff noch nach Moschus. Sie denken daran, Freunde
zum abendlichen Tee zu bitten, sogar solche vom and em Ge-
schlccht. Sie bilden sich ein, durch ihre Mietszahlungen eine
Art Wohnungsteilbaber zu sein, Sie stellen sich mit den
Herrschern auf eine Basis und behaupten, sie konnten keine
eigne Wohnung bezahlen und nahmen sich deshalb ein mob-
liertes Zimmer, und die Obermieter konnten die Wohnung
e ben falls nicht allein bezahlen und gaben deshalb Zimmer ab,
Sie sind Phantasten und unverschami dazu. Man sieht eben
wieder, es sind Unter-Menschen. Unter-Mieter: etwa so wie
Neger, Juden oder Eskimos,
Brief an ein Brachtexemplar von Erich Kastner
C chr verehrter Herr Doktor Bracht,
*** das haben Sie wieder mal brachtvoll gemacht!
Leider ist Ihr ErlaO noch nicht scharf genug,
Mein Weib und ich erfanden in schlaflosen Nachten
einen wasserdichten Jackettanzug. v
Ja, wean Sie diesen in alien Badeanstalten
obligatorisch zur Anwendung brachten,
ware die Unzucht in Schranken zu halten!
Lassen Sie uns die Atmosphare reinigen!
Uber den Preis werden wir nns schon einigen.
Denken Sie ferner an unsre Parks und Museen,
in denen nackte Leute aus Marmor stehn!
Gratis bieten sie Vorder- und Hinterteil,
noch dazu meist tiberlebensgrofi, feil.
Auch hier muB der Staat einen Ausweg finden!
Mein Weib und ich haben dran gedacht,
nachstens eine Firma zu griinden,
die fur Deutschlands Plastiken Kleider und Anziige macht.
Der Staat gewahrt, wie Sie wissen, so oft Subventionen.
In unserm Fall wtirde sichs endlich mal lohnen.
Ich habe mir ubrigens vorgenommen,
am Donnerstag zu Ihnen zu kommen.
Mein Weib und ich sind in stillen Stunden
sehr fleiBig und haben so mancherlei
zum Teil entdeckt, zum Teil erfunden.
Und deshalb komm ich bei Ihnen vorbei.
Denn ich und Sie, die Kleinen und Groflen,
wurden vom Himmel auserwahlt,
die Nacktheit aus dem Anzug. zu stoCen,
Und jeder Mann und jeder Groschen zahlt.
Mit Ihrer Hilfe konnte da viel geschehn.
Am Donnerstag also auf Wiedersehn!
P. S.
Ich hatte den Brief fast nicht abgesandt,
Wissen Sie, was mir dann Mut gemacht hat?
Eine Tante von mir hat den Storch personlich gekannt,
der Sie zur Welt gebracht hat.
324
Krisenwende aus Amerika? von k. l. Gerstortf
C s sind jetzt bald drei Jahre vergangen seit dem new yorker
Borsenkrach vom Herbst 1929. Und wenn auch die wirt-
schaftliche Not in Deutschland nicht erst vom Beginn der
amerikanischen Krise datiert, so ist doch sicher, daB die
amerikanischc Krise, die gleichzeitig die Weltwirtschaftskrise
immer weiter vertiefte, auch die deutsche Not auBerordent-
lich gesteigert hat. Der new yorker Borsenkrach kam nicht
aus heiterm Himmel. Schon Monate vorher war die Pro-
duction in den entscheidenden Grundindustrien der Vereinig-
ten Staaten rticklaufig gewesen, und der Borsenkrach be-
statigte nur im ,,Aktienoberbau'* die vorausgegangene Ver-
anderung im okonomischen Unterbau. Nicht nur die Ge-
schichte der bisherigen Krise sondern auch das wirtschaft-
liche Schwergewicht des Kapitalismus in USA erklaren es,
warum alle Welt einen Umschwung zur Konjunktur erst er-
wartet, wenn er zunachst die Vereinigten Staaten ergreift.
Das ist der Grund, warum grade in letzter Zeit die wirtschaft-
lichen Ereignisse in USA mit groBter Spannung von Deutsch-
land verfolgt werden. Durch den Borsenkrach dokumentierte
sich die schleichende Krise driiben und gleichzeitig wurde sie
durch ihn weiter vertieft, Wird die Belebung der amerika-
nischen Wirtschaft von der Borsenseite aus einsetzen? Und ist
es schon Wirtschaftsbelebung, wenn driiben eine Borsen-
hausse einsetzt — das ist die Frage, die nicht nur die hundert-
zwanzig Millionen der USA sondern die vielen hundert Mil-
lionen, die von der Krise des Kapitalismus aufs schwerste be-
troffen werden, heute stellen — und mit den vielen hundert
Millionen auch gleichzeitig die Kreise, die fur die nachsten
politischen MaBnahmen in Deutschland verantwortlich sind.
Was hat sich in den Vereinigten Staaten in letzter Zeit
ereignet? Wir bekommen Nachrichten, die von einem sprung-
haften Steigen der Aktienkurse berichten. Eine kraftige
Borsenhausse hat eingesetzt. Diese Aufwartsbewegung an der
Borse ist nicht jiingsten Datums, Am 8. Juli dieses Jahres
waren die bisher tiefsten Kurse in den Vereinigten Staaten
erreicht, seitdem trat eine Besserung ein, die in den ersten
Augustwochen ein ziemlich starkes Tempo annahm.
Fur die Hausse an der Borse ist zunachst einmal eine
Faktorenreihe wichtigt die an sich durchaus nicht fur eine
starke Besserung der wirtschaftlichen Lage in Amerika
spricht, Der Staat treibt driiben zur Zeit eine Politik in der
Richtung einer Krediterweiterung. Hunderte von Millionen
Dollars, die auf diese Weise in die Wirtschaft hineingepumpt
- wurden, sind aber von den Unternehmern nicht dazu verwandt
worden, ihre Produktion zu steigern, ihre Anlagen wieder in
Gang zu bringen oder neue Anlagen zu errichten, sondern zum
Aktienankauf, zur Spekulation an der Borse. Die Kurse vieler
Aktien hatten einen Tiefstand erreicht, der nicht ihrem wah-
ren Werte entsprach. Selbst wenn sich die Produktion auf
ihrem augenblicklichen Tiefstand stabilisierte, waren die
Aktien unterwertet, so daB natiirlich/ eine gewisse Neigung zu
325
einer sprunghaften Erhohung bestand. Es ist aber nicht nur
amerikanisches Geld gewesen, das die Borsenhausse hervor-
gerufen hat, die fiihrenden amerikanischem Bankhauser be-
richtcn vielmehr, daB auch eine Menge auslandischen Geldes
kurzfristig nach Amerika gestromt ist und vielfach, zum
Aktienankauf verwandt wurde. Grade hierin sehen die ameri-
kanischen Banken ein Moment, das leicht wieder krisenver-
scharfend wirken kann, Denn wenn das fremde Geld plotzlich
wieder abflieBt, so kann es zu einem neuen katastrophalen
Sturz an der Borse kommcn,
Die amerikanische Borsenhausse wiirde an sich wohl
kaum eine baldige Besserung der wirtschaftlichen Lage er-
warten lassen; denn wir haben im Laufe der Krise schon
mehrfach fur kurze Zeitraume Haussebewegungen in New York
gehabt, die bald von weit starkern Baissebewegungen abgelost
wurden. Aber diesmal ist die Hausse begleitet von einer
Aufwartsbewegung der Preise auf zahlreichen Rohstoffmark-
ten. Bei Getreide, bei Kautschuk, bei Baumwolle, bei ge-
wissen Metallen ist eine Erhohung der Preise nicht zu ver-
kennen. Es ist hier, wie schon oft, so gewesen, daB der Pen-
delausschlag in der Krise zu tief nach unten gegangen ist und
daB nunmehr eine Reaktion eintritt.
Aber geniigt die Borsenhausse in den Vereinigten Staaten?
Geniigt die Erhohung der Preise auf gewissen Markten wirk-
lich, um wieder zu einem Konjunkturanstieg zu kommen? Nach
alien bisherigen Erfahrungen ist diese Frage vorlaufig noch
durchaus zu verneinen. Denn die Daten der Produktion und
des AuBenhandels, die Zahl der Beschaftigten sprechen zu
beredt dagegen. Die Weltproduktion ist im letzten Viertel-
jahr weiter zuriickgegangen. War noch vor einem Vierteljahr
festzustellen, daB der SchrumpfungsprozeB in der Wirtschaft
solche Dimensionen angenommen hatte, daB in der Welt nur
noch so viel Guter produziert wurden wi^ im Jahre 1913, so
konnte nicht einmal bei diesem Tiefstand eine Stabilitat er-
zielt werden. Die Produktion ging immer weiter zuriick und
nach den letzten statistischen Meidungen liegt die Welt-
produktion bereits um zehn Prozent unter der Produktion
von 1913,
DaB grade die entscheidenden kapitalistischen Kreise fur
die nachste Zeit durchaus nicht mit einem Wiederanstieg der
wirtschaftlichen Produktkm rechnen, dafiir legen die letzten
Vorgange in England ein beredtes Zeugnis ab. Die ganze
okonomische Presse der Welt ist voll von Bulletins iiber die
gluckliche Konversion der englischen Kriegsanleihe, Was hat
sich in England ereignet? Die Regierung hat die Kriegsanleihe-
zeichner, denen sie mehr als zwei Milliarden Pfund schuldet,
davon verstandigt, daB sie von nun an nicht mehr fiinf Prozent
Zinsen zahlen will sondern nur noch dreieinhalb. Wer damit
nicht einverstanden ist, muB bis zu einem bestimmten Termin
seine Kriegsanleihe kiindigen, er erhalt dann das Geld aus-
bezahlt. Die englische Presse meldet, daB bisher nur die Be-
sitzer von ungefahr fiinfzig Millionen Pfund die Anleihe ge-
kiindigt hatten, daB etwa achtundachtzig Prozent der Anleihe-
besitzer sich einverstanden erklart haben mit Her Reduzierung
326
der Verzinsung auf dreieinhalb Prozent, und daB man hofft*
bis zum SchluBtermin wiirdcn neunzig bis fiinfundneunzig Pro-
zent der Anlcihcbesitzer ihr Einverstandnis erklaren. Es ist
klar, daB dies ein Erfolg fur die englische Regierung ist, und'
daS dadurch die Balanzierung des englischen Budgets erleich-
tert wird, das durch die Konversion etwa dreiBig Millionen
Pfund spart. Aber wenn wir die Frage behandeln, ob wir in
nachster Zeit einen Anstieg der Konjunktur haben werden, so
ist unter diesem Gesichtspunkt die Haltung der englischen.
Kapitalisten sehr wesentlich. Wenn sie der Ansicht gewesen
waxen, daB im englischen Kapitalismus wie im Weltkapitalis-
mus der Tiefpunkt der Krise bereits erreicht sei, ein Kon-
junkturanstieg also bald kommen miisse, dann hatte fraglos ein>
weit groBerer Prozentsatz als fiinf Prozent von seinem Kiin-
digungsrecht gegeniiber der englischen Regierung Gebrauch.
gemacht. Denn bei einem konjunkturellen Anstieg kann man
fur sein Geld natiirlich weit mehr bekommen als dreieinhalb
Prozent Zinsen. DaB die englischen Kapitalisten von ihrem
Kxindigungsrecht nur in so minimalem Umfange Gebrauch ge-
macht haben, zeigt deutlicher als alles, daB sie mit einem bal-
digen Anstieg der Konjunktur nicht rechnen, daB ihnen daher
die dreieinhalb Prozent der englischen Regierung noch sicherer
sind als die Satze, die man heute in der londoner City fiir tag-
lich kiindbares Geld erhalt<
Die Haltung der englischen Kapitalisten entspricht ganz
der wirtschaftlichen Situation in England. War kurz nach
Aufgabe des Pfund-Goldstandards und nach Englands Ober-
gang zu Schutzzollen ein kleiner wirtschaftlicher Anstieg zu
konstatieren, nahm damals die Produktion zu, so hat diese Be-
lebung nur kurze Zeit angehalten, und wir haben diesmal in.
England sogar in den Sommermonaten festzustellen, daB die
Arbeitslosenzahlen weiter zunehmen und bald die Dreimil-
lionengrenze iiberschritten haben werden,
Riickgang der Produktion, Riickgang des AuBenhandels-
volumens, Vermehrung der Arbeitslosenzahlen, das sind die
schwerwiegenden okonomischen Argumente gewesen, die die
englischen Kapitalisten zur Konversion der Anleihe veranlaBt
haben, Und was von England gilt, gilt genau so von den Ver-
einigten Staaten, Auch in USA ist die Produktion weiter
zuriickgegangen. Es ist ja grade im Gegensatz zum Umschwung
bei friihern Krisen das durchaus Gharakteristische an der
wirtschaftlichen Lage in USA, daB die Unternehmer die
ihnen zustromenden Gelder nicht zur Ankurbelung der Pro-
duktion benutzt haben. Und wenn die Produktion auch drxi-
ben weiter zunickgeht, dann ist es ganz klar, daB die Arbeits-
losenzahlen weiter steigen miissen. Daher wundert es uns
nicht, wenn Green, der President des amerikanischen Gewerk-
schaftsbundes, jiingst feststellte, daB die Arbeitslosenzahlen
driiben-seit dem Juli noch um dreihunderttausend zugenommen
haben, so daB die Vereinigten Staaten zur Zeit zwolf Millionen
Arbeitslose aufweisen. Was die Industrie der USA auf den.
Binnenmarkten verlor, hat sie auf den AuBenmarkten nicht
wieder gewinnen konnen, und es spricht auch nichts dafiir,
daB sich dies in der nachsten Zeit andern wird. Wie mager
327
auch die Konferenzergebnisse in Ottawa scin mogen, auf ge-
ivissen Gcbicten ist eine Verstarkung der Beziehungen zwi-
schen England und den Dominions festzustellen. Und jedc
Verstarkung dieser Beziehungen bedeutet natiirlich ein Hemm-
nis ftir die Ausbreitung der amerikanischen Exportindustrie.
Riickgang der amerikanischen Produktion, Riickgang des
amerikanischen AuBenhandels, steigende Arbeitslosenzahlen —
das sind natiirlich sehr schwere Gewichte, die einer Ankurbe-
lung der Wirtschaft entgegenstehen. Solange nicht die Pro-
duktion wachst und die Arbeitslosenzahlen zuriickgehen, so-
lange ist ein echter Umschwung nicht vorhanden.
Man soil die Bedeutung der weitern weltwirtschaftlichen
Entwicklung fur die nachsten Etappen der deutschen Politik
nicht unterschatzen. Was hat nach dem Marsch auf Rom die
Stabilitat des fascistischen Regimes in Italien gestarkt? Frag-
los der Umstand, das grade damals in der ganzen Weltwirt-
schaft ein Aufstieg festzustellen war und daher auch in Italien,
und daB Mussolini den Millionenmassen politisch unaufgeklar-
ter Mittelschichten natiirlich nicht sagte: Seit der Fascismus
am Ruder ist, geht es euch besser, sondern: Da der Facismus
am Ruder ist, geht es euch besser. Die Koalitionsverhand-
lungen mit den Nazis wiirden vermutlich weit leichter vor sich
gehen, wenn bereits fiir die nachste Zeit ein betrachtlicher An-
stieg der Konjunktur in Deutschland zu erwarten ware und so
die Nazis die Millionenmassen ihrer Mitlaufer darauf ver-
weisen konnten, was sie wirtschaftlich fiir sie taten. Ist da-
gegen — und alle Anzeichen sprechen dafiir — in nachster
Zeit weder im Weltkapitalismus noch im deutschen eiri be-
trachtlicher okonomischer Umschwung zu erwarten, dann wird
natiirlich auch die Losung der politischen Krise schwerer,
dann werden die Nazis schwerlich in eine Koalitionsregierung
gehen, weii sie dann zu leicht vor ihren Anhangern entlarvt
werden. In dem Krafteparallelogramm, das fiir die nachsten
MaBnahmen der deutschen Regierung entscheidend ist, spielt
^laher die weitere Entwicklung der amerikanischen Krise eine
A durchaus betrachtliche Rolle-
Wochenschau des Riickschritts
— Sechsundsiebzig republikanische preuBische Landrate sind von
Heichskommissar Bracht ihres Amtes cnthoben worden.
— Die Regierungen von Anhalt und Mecklenburg habcn die
Beflaggung der Amtsgebaude in den Reichsfarben untersagt. Die
Reichsregierung weigert sich einzugreifen, da es ein besonderes Flag-
•genrecht nicht) gebe, Auf dem schweriner Landtag weht die Haken-
kreuzflagge.
— Die hollandische Regierung verweigerte den Spwjetdelegierten,
tuiter denen sich Maxim Gorki, Lunatscharski und Karl Radek be-
f inden, die Einreiseerlaubnis zum AntikriegskongreB.
— Das badische Kultusministerium hat Professor Gumbel auf
Grund eines Antrages des engern Senats und der philosophischen
Fakultat die Lehrerlaubnis entzogen. Denunziationen von drei na-
328
tionalsozialistischen Studenten hatten den Antragstellern das Mate-
rial gegen' Gumbel geliefert.
— Gegen den abgesetzten Polizeivizeprasidenten Weifi und ge-
gen den ehemaligen Kommandeur der Schutzpolizei Heimannsberg ist
Anklage erhoben worden wegen angeblichen Vergehens gegen die
Notverordnung, durch die der Ausnahmezustand iiber Berlin verhangt
wurde,
— Auf Grund von Aussagen dreier nationalsozialistischer Zeu-
gen wurde ein als Kommunist bezeichneter Arbeiter vom berliner
Sondergericht wegen angeblichen schweren Landfriedensbruch zu zehn
Jahren Zuchthaus verurteilt, wahrend sein nationalsozialistischer Mit-
angeklagter freigesprochen wurde.
— Der .Vorwarts' hat eine Verwarnung erhalten, weil er die
Regierung Papen eine deutschnationale Parteiregierung genannt und-
ihr Einseitigkeit vorgeworfen hat. Die sozialdemokratische .Schleswig-
Holsteinische Volkszeitung* ist auf acht Tage verboten worden, weil
sie behauptet hatte, die Justiz messe mit zweierlei MaB, Ebenso wurde
die ,Rote Fahne' auf acht Tage verboten, weil sie in scharfen Wor-
sen das schwere Zuchthausurteil gegen den berliner Arbeiter kriti-
siert hatte; aus dem gleichen Grunde erhielt ,Berlin am Morgen* ein
achttagiges Verbot. Dem Funktionarorgan der Internationalen Arbei-
terhilfe wurde fur drei Monate ein Verbot zudiktiert. Am Schlusse der
Begriindung heifit es: „Eine Veroffentlichung der Verbotsgriinde
wiirde zu einem erneuten Verbot der Zeitschrift fiihren."
— Der Gemeinderat von Dessau hat den na tionalsozialistischen
Antrag auf Schliefiung des Bauhauses; zum 1. Oktober angenommen.
— Der AusschluB der MNationalsozialistischen Jugend" aus der
preuBischen Jugendpflegeorganisation ist zuruckgenommen worden,
wahrend die kommunistische Jugend, weiterhin ausgeschlossen bleibt.
— Die Ortspolizeibehorde von Linde bei Lowenberg hat die
Schliefiung des Freikorperkulturgelandes der „Brandenburger Ferien-
heim-Genossenschaft Natu(rfreunde" am Grofien Plotzsee bei Te-
schendorf angeordnet.
— In Hiddensee wurden dreiBig Badegaste vom Landjager fest-'
gestellt, weil sie im Badeanzug zum Strand gegangen waren.
— Der berliner Rundfunk sendet am 2. September ein Horwerk
1(Potsdam, PreuBenwerk und PreuBenstil", Walter Gronostay ist
die Verwaltung des musikalischen Ressorts bei der Funkstunde Berlin
abgenommen worden. Der Vortrag des Doktor Hans Hartmann iiber
die Abrustung und die europaische Jugend wurde abgesetzt, weil
der Rundfunk schon soviel iiber Abrustung gebracht habe,
— Es wird gemeldet, daB Arnolt Bronnen von seinem untetf-
geordneten Posten beim berliner Rundfunk zum Intendanten des Rund-
iunks in Konigsberg avancieren soil.
— Die Filmpriifstelle Berlin hat einen Beisitzer, der sich stan-
dig gegen die Filmverbote gewandt hat, aus ihrer Komtnission ent-
fernt.
Wochenschau des Fortschritts
— Die kommunistische Reichstagsfraktion hat an die verurteilten
Reichsbannerleute von Ohlau ein Sympathietelegramm gesandt.
329
Bemerkungen
Pazifistnus — ein schlechtes
Geschaft
A Is der ' Schriftsteller Henri
**' Guilbeaux sich jetzt der fran-
zosischen Justiz stellte, um den
Wahrheitsbeweis gegen die An-
schuldigungen anzutreten, auf de-
nen das schwere Urteil in contu-
maciam beruht, sprachen die pa-
riser Rechtszeitungen von den
phantastischen Summen, die ihm
seine Anti-Kriegspropaganda ein-
gebracht hatte. Nun bin ich in
Berlin wiederholt Henri Guilbeaux
bei Premieren, Vortragen, Kon-
zerten begegnet. Denn in der mo-
dernen deutschen Kunst war er
so heimisch wie in der seines Lan-
des. Und ich mochte aus eigner
Erfahrung alien Eltern, besorgt
um die Berufswahl ihrer Kinder,
dies eine sagen: Macht euch keine
Illusionen: Der Pazifismus ist ein
schlechtes Geschaft.
„Was soil der Junge werden?
Borse ist kein Brotstudium mehrl
Jurisprudenz, Medizin, Astrono-
mic aussichtslos! Aber man hort
doch soviel von dem Goldregenf
der den Defaitisten in den SchoB
fallt?"
NeinI Glaubt es nicht!
Es gibt keine Geheimzentralen,
^enahrt von jiidischem und wel-
schem Gelde, an die man Eingaben
richten kann: MIch bitte meinen
Sohn Siegfried, der seit fruhester
Jugend starke Neigung gegen
Schufiwaffen besitzt, als Pazi-
fisten aufnehmen zu wollen."
Fiir die Erkenntnis, daB der
Massenmord keinem andern
Zweck diene als dem, die Lan-
desgrenzen um einige Kilometer
zu verriicken, wird nichts ge-
zahlt. Auch nicht vom Feind.
Denn die Zahlungskraftigen aller
Lander haben ein Interesse an
der Erhaltung des Kriegsgeistes
im Gegnervolk.
1st ein Welscher kriegsbe-
geistert, so heifit es: Hort Ihr es?
Wir miissen aufriisten! Aber ein
welscher Pazifist ist ein Pazifist
schlechthin und somit eine ver-
achtliche Kreatur,
In alien Uniformmeetings
schreit man es in die Welt: „das
330
deutsche Volk sei einig in der
Abwehr !
Die Uneinigkeit kommt von den
f ft Bekampfern des Giftgasmor-
des, die man verfolgt, wie .die
Kirche die Gottesleugner verfolgt
hat.
Also existiert eine Kriegslaste-
rung.
Aber der Krieg ist keine We-
senheit wie die Dreifaltigkeit, ist
weder o/uoovoiog noch bpotoyatos.
Man kann ihn verdammen, man
kann ihn nicht lastern.
Seine Apparaturen sind keine
„heiligen Einrichtungen" — aber
wer Kritik an ihnen iibt, wird be-
straft, als habe er gelastert.
Das Verbrechen sei; Willens-
kraft und Mut ernes Volkes zu
untergraben? An Veilchengas zu
verfaulen, ist keine Mutprobe,
Warum regelt Ihr den Autover-
kehr? Warum schiitzt Ihr durch
Hygiene das Menschenleben? Und
durch Vorschriften iiber Bade-
hosen das Schamgeiuhl? Ist das
keine Verweichlichung ?
Die Hohe der Unfallziffern
schreckt vom Automobilkauf ab.
Aber die Statistik der Kriegs-
toten schreckt nicht vom Waffen-
geschaft ab.
Deswegen darf man die Mord-
technik nicht kritisieren. Denn
Kritik an Verdienstmoglichkeiten,
welcher Art sie auch seien, ist
Lasterung.
Der Pazifismus ist kein Ge-
schaft mit Postscheckkonto,
festem Sitz im Feindesland und
Niederlage im eignen. Er ver-
treibt keine Traktatchen iiber
Feigheit, sichert keinen hundert-
prozentigen Gewinn, vergibt keine
Abzeichen und schiittet keine Di-
videnden aus. Nicht einmal Ruhm
kann man damit ernten,
Seht Euch Henri Guilbeaux an:
er lebte in furchterlicher Armut
und jetzt sitzt er im Gefangnisf
LaBt Eure Kinder, wenn Ihr sie
liebt, nicht auf Pazifismus stu-
dieren!
Krieg ist noch immer das ein-
zige Geschaft — im Krieg wie im
Frieden!
Walter Mehring
Schiicking an Gumbel
Hochgeehrter Herr Professor!
*7vl der unglaublichen Entschei-
" dung des badischen Ministe-
riums spreche ich Ihnen namens
der Ortsgtfuppe Dortmund der
Deutschen Friedensgesellschaft,
deren Vorsitzender seit der Griin-
dung zu sein ich die Ehre habe, die
Entriistung der Friedensgesell-
schaft aus, Wir kommen nicht
weiter, wenn wir nicht den Krieg
achten. Ihre geistreiche Bemer-
kung iiber die Kohlriibe als Krie-
gerdenkmal war in diesem Sinne
aufzufassen. Wie verniinftige
Leute den Krieg achten, beweist
der Kelloggpakt, wohin wir sonst
kommen, beweist die Hitlerbewe-
gung mit ihrer stiirmischen For-
derung der Freiheit fur* jede Art
von Mordtaten. Ein verriicktes
Verbrechertum ist folgerichtig
das Ergebnis der Kriegsverherr-
lichung seit achtzehn Jahren, Sie
sind das edle Opfer einer Idee,
die sicher siegreich sein wird, da
die Menschheit nicht ewig unver-
niinftig bleiben kann, und ich
hoffe, daB man Mannern wie
Ihnen in langstens dreiBig Jah-
ren ein Denkmal setzen wird,
«benso wie dem wackern
Ossietzky.
In ausgezeichneter Hochachtung
und Verehrung Ihr ergebener
Lothar Engelbert Schiicking
General und die Frauen
^V7 alther Victor erzahlt in einem
" Aufsatz der Biichergilde, daB
<er ein Heine-Buch schreiben
wollte und am Ende das schone
Buch iiber Heines Freundin, das
„siiBe, dicke Kind" Mathilde
schrieb. Er plante ein Lebens-
bild der Mary Burns, der Freun-
din von Friedrich Engels, und es
ward ein Buch, dessen Titel „Ge-
neral und die Frauen" verrat, dafl
die Gestalt von Friedrich Engels,
den seine Freunde wegen seiner
Neigung zu kriegswissenschaft-
lichen Studien „General" nann-
ten, ins Zentrum geriickt ist.
Victors Buch ist ein liebevoll ge-
schriebener bedeutsamer Beitrag
zur psychologischen Deutung die-
ser groBartigen Gestalt.
Engels hatte in einer Zeit, die
beherrscht war von spieBigen
Konventionen, den Mut, in „freier
Ehe" mit einer Weberin aus
Manchester, Mary Burns, und spa-
ter mit ihrer Schwester Lizzie,
zu leben. Zwanzig Jahre war Mary
ihm Kameradin, und wahrschein-
lich hat sie ihm das Schicksal
der arbeitenden Klasse Englands
lebenswahrer geschildert, als es
Statistiken und die Berichte der
Fabrikinspektoren tun konnten.
Nach Marys Tod lebte Engels mit
Lizzie weitere fiinfzehn Jahre bei-
sammen. Von religiosen Skrupeln
bedrangt, wiinscht sie die ' kirch-
liche Trauung. Der Staat ist ihr
gleichgiiltig, der Himmel nicht.
Engels, des Hin und Her nnide,
legt ihr einen Zettel hin „Zu le-
sen, wenn du beruhigt bist":
„Die bestehenden positiven Re-
ligionen haben sich darauf be-
schrankt, der staatlichen Rege-
lung der Geschlechtsliebe, das
heiBt der Ehegesetzgebung, die
hohere Weihe zu geben, und
konnen morgen samtlich ver-
schwinden, ohne daB an der
Praxis von Liebe und, Freund-
schaft das geringste geandert
wird. Die Moglichkeit rein
menschlicher Empfindung im Ver-
kehr mit anderen Menschen wird
uns heutzutage schon genug ver-
kiimmert durch die auf Klassen-
gegensatz und Klassenherrschaft
gegrundete Gesellschaft, in der
wir uns bewegen miissen: wir ha-
ben keinen Grund, sie uns selbst
V\7er aus seiner nervosen Unsicherheit und Lebensangst Be-
vv freiung sucht, kann nichts besseres tun, als mit unbefangenem
Vertrauen zu seinem eigenen Wahrheitsempfinden die Ratschlage
befolgen, die in den Buchern von Bo Yin Ra gegeben sind.
Das umfassendsteWerk ist sein letztes ..DerWegmeiner Schuler".
Es kann durch jede gute Buchhandlung bezogen werden. Laden-
preis RM. 6.—. Kober'sche Verlagsbuchhandlung (gegr. 1816),
Basel-Leipzig.
331
. noch mehr zu verkummern, indem
wir diese Empfindungen in eine
Religion verhimmeln . , /*
Erst als Lizzie auf dem Sterbe-
bett liegt, erfiillt er den Wunsch
der Friedlosen, Lizzie wird Frau
Engels. Wie eng Jenny von
Westfalen, die Frau von Karl
Marx, damals dachte, wie wenig
Marx es wagte, sich ihr zu wi-
dersetzen, zeigt ein Bericht des
alten Born, In Bnissel wird vor
Arbeitern sein „sozial-politisches"
Festspiel aufgefiihrt, „Unter den
Anwesenden befand sich Marx
mit seiner Frau und Engels mit
seiner — ( Dame. Die beiden
Paare waren durch einen groBen
Raum voneinander getrennt, Als
ich zu Marx herankam, urn ihn
und seine Frau zu begriiBen, gab
er mir durch einen Blick und
ein vielsagendes Lacheln zu ver-
stehen, dafi seine Frau Bekannt-
schaft mit jener — Dame auf das
strengste ablehne. In Fragen der
Ehre und Reinheit der Sitten war
die edle Frau intransigent. Die
Zumutung, auf diesem Gebiet ein
Zugestandnis zu machen, wenn
eine solche an sie gestellt worden
ware, hatte sie mit Entriistung
zuriickgewiesen."
..General und die Frauen", er-
schienen in der Buchergilde Gu-
tenberg, Berlin, ist ein lesens-
wertes Buch.
Ernst Toller
Tod 1932
TUfarcellus Schiffer war niemals
■"* laut. Aber seine Renitenz
gegen den innern und auBern
Plusch seiner Umgebung, der sich
uns schon als Zehnjahrigen be-
klemmend auf Kehle und Magen
legte, war auf Meilen hin spurbar,
Es gab fur meinen Vetter keine
befreienden Aussprachen, kein in
tyrannos. Seine Qual war schlei-
chend. Das war uns Kindern son-
derbar und etwas unheimlich,
Als er die Schule, das in die
Potenz erhobene Grauen seiner
hauslichen Umgebung, verlassen
hatte, begann er zu malen und
wahrscheinlich im gleichen
Augenblick zu spuren, dafi sein
Talent nicht ausreichte. Die
Flucht in das sich damals selbst-
332
bewufit spreizende Kunstgewerbe
konnte ihn nicht befriedigen, Er
begann zu schreiben. S, J.s schal-
lendes Gelachter ermutigte ihn.
Seine ersten Beitrage erschienen
in der ,Weltbuhne'# Er wagte sich
weiter- vor und schrieb sich in
Kammerzeitspielen seine Beklem-
mungen vom Herzen und rechnete
mit alten und neuen Gespenstern
ab. Er konnte in Menschen und
Worten bilden, was ihm als Maler
versagt geblieben war, Ich glaubte
ihn gliicklicher, er hatte Boden
unter den Fiiflen, wenn auch nur
den aalglatten und schwankenden
des Theaters. Auch hier blieb die
Qual nicht aus. Dieser stille,
feine, hochst empfindliche Mensch
muBte unter den Dompteuren der
Autoren und Schauspieler leiden,
die ihn von einem Erfolg zum
andern peitschten, und wenn die-
ser einmal aus- und die Abend-
kasse leerblieb, an ihm, dem kurz
vorher Umschmeichelten gruBlos
vorbeigingen, wie es ihm, um ein
Beispiel zu nennen, nach seinem
geistreichen und anmutigen Spiel
„Was ihr wollt" geschah. Er
wufite: man liebte ihn nicht um
seiner selbst willen. Er zog sich
immer mehr zuriick, sein Leben
als „Prominenter" ekelte ihn an;
die Einfachsten seiner Umgebung
standen ihm wohl am nachsten.
Die Grofistadteinsamkeit fraB ihn
auf. Die Riickkehr seiner plii-
schernen Kindheit mit lebendigen
Bleisoldaten verziert — wie hatte
er die in Schachteln verpackten
schon immer verachtet — miissen
diese empfindliche Seele noch
tiefer als andre erschreckt haben.
Er hatte wohl oft gequalt und
durchaus nicht immer aus dem
Handgelenk, aber doch mit
Lachen — der wahrhaftig nicht
immer tragische Humorist verstand
sehr gut zu lachen — seine zarten
Pfeile nach ihnen abgeschossen.
Jetzt wufite er, daB sie die fun-
kelnagelneuen Kulturerneuerer
nicht einmal mehr wtirden kitzeln
konnen. Er ging davon. „Der
Tod schlo0 ihm die Augen leise.
Mehr Ganse, ach, als Schwane
leben heut, mehr Narren, ach, als
Weise."
E. L. Schiffer
Die Drohung von Pirmasens
Die Kriegsparade der pfalzi-
schen Kriegervereine und
Stahlhelmverbande vom 14. August
in Pirmasens, dicht vor der fran-
zosischen Grenze, die dabei gehal-
tenen drohenden und provokato-
rischen Reden („Der Tag der
Rache fur Deutschland wird
kommen!"), die Entfaltung der
Fahnen aus den „verlorenen Ge-
bieten", an erster Stelle der von
ElsaB und Lothringen, der von
vierzigtausend Mannern feierlich
wiederholte Schwur, die verlore-
nen Provinzen an das grofie
Deutschland von einstmals und
der Zukunft wieder angliedern zu
helfen, haben die franz6sische
Presse und besonders die elsas-
sische Presse aufhorchen lassen*
Nicht, als ob das ElsaB bisher
geschlummert hatte, Die Demon-
strationen des Kriegsgeistes in
Deutschland waren in der letzten
Zeit nicht mehr zu iibersehen.
Ungeachtet der von der Auto-
nomistenpartei widergespiegelten
Versuche der deutschen Propa-
gandazentralen, des VdA und
andrer Organisationen, die immer
eher als lacherliche und ohnmach-
tige Stankereien denn als ernste
Bedrohungen betrachtet wurden,
war man bisher hier doch der An-
sicht, daB fur die Sicherheit der
drei Departements von der andern
Seite des Rheins her keinerlei
Gefahr drohe.
Diese allg'emeine Meinung hat
die Parade von Pirmasens griind-
lich gestort. Die Zeitungen druck-
ten fast alle nebeneinander die
kontrastierendeh AuBerungen des
bayerischen Generals von Claufi
und die Worte, die am gleichen
Tage in Metz bei der Einweihung
des neuen Moselkanals von Her-
riot gesprochen worden waren:
die Kriegsdrohung und die Mah-
nung, friedlich und wachsam zu-
gleich zu sein.
Ein strafiburger Blatt, das
wichtigste und groBte des ElsaB,
die ,Neuesten Nachrichten', ver-
glich die Reden der Generale
zu Pirmasens mit der Rede, die
kiirzlich der Prasident der fran-
zosischen Republik am Beinhaus
, von Douaumont gehalten hat, und
schrieben; „Wenn man in Frank-
reich vom Kriege spricht, so-
spricht man von den Toten. Wena
man in Deutschland zu den Le-
benden spricht, so spricht man
vom Kriege,.." Die elsassischen
Zeitungen hetzen nicht gegen
Deutschland. Aber sie betonen,
wie Herriot es jetzt tat, dafi die
Elsasser bei aller Friedensliebe
doch auf der Hut vor den bosea
Absichten mancher deutschen^
heute leider nicht ganz unmaB-
geblichen Kreise, sein miiBten,
Es ist fiir die elsassische Psyche
auBerordentlich wichtig, daB die-
Forderungen auf Wiederaneignung:
des ElsaB von sabelrasselnden
Generalen, von Hitler-Agitatoren:
und ahnlichen Gesellen erhoben
werden, von denen neulich einer
gar aussprach, daB die Bevolke-
rung des Elsafi, wenn sie den An-
schluB ans Reich nicht freiwillig
vollziehen wolle, eben „germani-
siert" werden musse. Die „Ger-
manisierung" aber kennen die El-
sasser. Es gibt nichts in der
Welt, was sie mehr furchten.
Hier ist das Projekt des damali-
gen kaiserlichen Statthalters,' des
urpreufiischen Junkers Johann
von Dallwitz, noch unvergessen,
das nach erkampftem Siegfrieden
den groBten Teil der elsassischen
Bauernbevolkerung aussiedeln und
nach Kurland oder in andre ost-
liche Erwerbungen der preufii-
schen Krone verpflanzen wollte,
um das reiche Bauernland, da?
seit mehr als vierhundert Jahren
keine Gutsbesitzer mehr kenni
und dessen schmale feudale Her-
renschicht vollends von der gro-
Ben Revolution hinweggefegt
wurde, preufiischen Junkern als
Schwertlehen zu geben,
Man weifl im ElsaB zu genau,.
wessen man sich zu versehea
hatte, wenn dieses Land jemals
wieder dem Deutschen Reich ein-
verleibt werden sollte. Die Ge-
fahr ist freilich nicht groB, unJ
sie wird auch nicht groBer, wenn
Manner wie der fruhere deutsche
Reichswehrminister GeBler, der
kiirzlich vor jungen Studenten in:
Miinchen entsprechende Worte
fand, sich zu ihren Dolmetschen
machen.
Emmerich Leu
333
Dfirfen Dissidenten Lehrer
werden?
Jedcr Kenner der Verfassung
wird die Frage, ob Dissidenten
Lehrer werden diirfen, mit dem
lachelnden Hinweis auf Artikel
128 Absatz 1 beantworten, hach
dem alle Staatsbiirger ohne Un-
terschied nur nach MaBgabe von
Leistung und Fahigkeit zu offent-
iichen Amtern zuzulassen sind,
oder auf den noch deutlicheren
Artikel 136 Absatz 2, wonach die ^
Zulassung zu offentlichen Amtern
unabhangig vom religiosen Be-
kenntnis ist. Wenn aber auch
nach dem klaren Wortlaut der
Verfassung Dissidenten Lehrer
werden diirfen, so konnen sie es
im Augenblick doch nicht werden,
Denn seit dem Jahrc 1930 be-
steht auf Grund einer „Empfeh-
lung" des preufiischen Ministers
fur Wissenschaft, Kunst und
Volksbildung an das Provinzial-
schulkollegium in Berlin und den
Regierungsprasidenten in Arns-
berg eine Anstellungssperre fiir
dissidentische Volksschullehrer.
Wie kam es zu dieser Sperre in
PreuBen, einem Lande, das bis ,
vor kurzem „marxistisch" ge-
scholten wurde, zum mindesten
also doch wohl „weimarisch"
regiert worden war? Die
deutschnationale Landtagsfraktion
hatte vor dem Staatsgerichtshof
den Antrag auf Nichtanstellung
dissidentischer Bewerber be-
ziehungsweise Entlassung dissi-
dentischer Lehrer gestellt. Dieser
Antrag schon veranlaBte den
preufiischen Minister fiir Wissen-
schaft, Kunst und Volksbildung,
dem Provinzialschulkollegium in
Berlin und dem Regierungprasi-
denten in Arnsberg zu Mempfeh-
len'\ bis zur Entscheidung der
Verfassungsstreitsache keinem
Dissidenten die Bestatigung zur
Anstellung als Volksschullehrer
zu erteilen, Obwohl die preufiische
Regierung selbst von der Verfas-
sungswidrigkeit des Antrags tiber-
zeugt war, hob sie nun, nachdem
die Verfassungsstreitsache erledigt
war, — in der es zu keiner Ent-
scheidung der Frage in sachlicher
Hinsicht kam — die Sperre nicht
etwa auf. Vielmehr beschloB das
preufiische Staatsministerium bald
334
danach, die Anstellungssperre fiir
dissidentische Schulamtsbewerber
auf das gesamte preufiische
Staatsgebiet auszudehnenl
Die Organisation der deutschen
Freidenker und die entsprechende
Lehrerorganisation hatten das ge-
naue Gegenteil erwartet, namlich
die Aufhebung der Zulassungs-
sperre, auf Grund einer Zusage
des preufiischen Unterrichts-
ministers. Und so sollte die Klage
eines durch Rechtsanwalt Doktor
Kurt Labischin vertretenen ber-
liner Schulamtsbewerbers, namens
Hans Kunstmann, gegen das preu-
fiische Land die Frage nach der
Berechtigung der Anstellungs-
sperre vor einem preufiischen Ge-
richt aufrollen. Kunstmann, der
zur Anstellung als beamteter Leh-
rer mit Wirkung vom 1. Oktober
1930 empfohlen war, wurde als
Dissident von jener Anstellungs-
sperre fiir Lehrer ohne religioses
Bekenntnis betroffen, Er klagte
nun auf Ersatz des Schadens, der
ihm durch die Nichtbestatigung
dadurch erwuchs, dafi seine Fa-
milie nach seinem Tode das Ge-
halt wahrend des sogenannten
Gnadenvierteljahrs verlor.
Die 42. Zivilkammer des Land-
gerichts I in Berlin hat unter Vor-
sitz von Landgerichtsdirektor
Wachler der Klage des Schul-
amtsbewerbers stattgegeben, die
Verpflichtung des Landes PreuBen
zur Zahlung des Schadenersatzes,
namlich insofern es sich um das
Gnadengehalt nach dem Tode des
Klagers handelt, anerkannt. Dies
Gericht hielt also die Anstel-
lungssperre fiir Dissidenten fur
verfassungswidrig,
Auch biirgerliche Rechtslehrer
wie Anschiitz und Giese, gaben
ihr Gutachten dahin ab, dafi den
dissidentischen Junglehrern die
Anstellung nicht verweigert wer-
den darf . Dennoch wies die von
der preufiischen Regierung an-
gerufene Berufungsinstanz, nam-
lich das Kammergericht, im Fe-
bruar 1932 die Klage des Dissi-
denten ab. Nun ist freilich gegen
diese Entscheidung des Kammer-
gerichts Tjeim Reichsgericht Re-
vision eingelegt worden, aber so-
lange das Reichsgericht sich nicht
zugunsten der Dissidenten ent-
schieden hat, bedeutet dies, dafi
die Dissidenten nicht durch das
Mittel des einfachen Rechtsweges
die preufiische Regierung zur Ein-
haltung der Verfassung gegeniiber
ihren Anspriichen veranlassen
konnen. Aber wird das Reichs-
gericht sich fiir den Dissidenten,
der hier klagte, und damit fiir
alle Dissidenten entscheiden? Ent-
scheidet es fiir die Dissidenten,
dann schutzt es die weimarer Ver-
fassung gegeniiber einer Regie-
rung, die noch vor kurzem sich
vom Reich ,,unweimarisch" behan-
delt fuhlte! Entscheidet es gegen
die Dissidenten, dann handelt es
zwar nicht weimarisch, aber es
gibt dann einer Regierung recht,
die vom Reich entfernt wurde,
weil sie zu weimarisch, zu
marxistisch und — trotz ihrer
Dissidentensperre — zu freundlich
gegen die Gottlosen war!
Hellmuih Falkenfeld
Glaube macht sellg —
auch wetin es viel Geld kostet
T^aB die Inflation von ausge-
*^ sprochenen Feinden der alleiri-
seligmachenden Kirche aus reiner
Teufelssucht veranlafit worden
ist, haben wir bisher noch nicht
gewufit. Die Reklameschriften
eines Stiftungsvorstehers aus der
tiefsten Provinz belehren uns
dariiber, wie die Glaubigen die-
sen teuflischen Schaden zum
Wohle der Kirche, zu ihrem eig-
nen Seelenheil und zum Schaden
ihres Portemonnaies wieder gut-
machen konnen,
„Feuerproben; Weil Gottes-
Gegner viele irrefuhren und grofie
Schaden verursacht haben, und
weil viele Millionen Mark nach
Rom gesandte Stiftungsgelder ent-
wertet wurden, auch gestiftete
deutsche Hypothekenbriefe zu je
2000, 3000, 12 000, 30 000, 50 000
Mark zum Teil entwertet sind,
werden fortgesetzt Kunstreliefs
mitverkauft und der ganze Rein-
gewinn dient jahraus, jahrein als
weitere Stiftung. — Jede Person,
welche ein Gnadenbild kauft,
oder geschenkt bekommt, hat mit
ihren lebenden und verstorbenen
Angehorigen vollen Anteil an al-
ien Segensfruchten der dreifachen
Stiftung und am gestifteten Mefi-
bundnis.
Das ewige Bild!
Ein unschatzbar, sehr beliebter
Wandschmuck. Segensreich fur
Zeit und Ewigkeit.
In jedem katholischen Haus, in
jeder Kiiche, in jedem Wohnzim-
mer, Efizimmer, Schlafzimmer ver-
dient dieser segensreiche Jesus-
Ma ria-Josephwandschmuck einen
Ehrenplatz. Dem Himmel zur
Freude, den armen Seelen zum
Troste, den Familien zum Heil
und Segen.
Durch die so zahlreich gewon-
nenen Ablasse kann dieser Wand-
schmuck fiir ganze Familien in-
klusive Nachkommen und verstor-
benen Angehorigen eine sichere
Himmelsleiter sein.
GroBe 55 mal 46 cm.
gesetzlich geschutzt,
Nachahmung verboten.
Dieses Kunstrelief ist ganz aus
Messing. Bruniert, Wie antik.
Preis per Stuck RM. 15t— oder
echt versilbert RM. 25, — . Das-
selbe in Grofle 35 mal 25 cm in
Neusilber oder Altsilber 12,50
RM."
Schliefilich ist es nicht zu viel
verlangt, dafi eine Familie fur
den Ablafi ihrer Siinden inklusive
aller Vor- und Nachfahren eine
der neueste sammelband von
Kurt Tutholsky • Peter Panter • Theobald Tiger
Ignaz Wrobel ♦ Kaspar Hauser
Lerne lacfaen ohne zu weinen
15. TAUSEND • KARTON1ERT 4-80 • LEIN EN BAND 6.50
ROWOHLT VERLAG BERLIN W 50
335
echt versilberte Himmelsleiter
zum Preise von RM. 25, — erwer-
ben soil,
Hilde Walter
Befahigungsnachweis
V ur ehrenamtlichen Mitarbeit
^ werden fur unsre Bezirksge-
schaftsstelle zwei blonde Steno-
typistinnen gesucht, die min-
deste'ns ein halbes Jahr Mitglied
sein mtissen und in der Sektion
bereits mitgearbeitet haben.
Schriftliche Angebote an Bezirk
Westen der NSDAP.
,AngrifF
Eine brachtvolle Reklame
A He Venus-Maratti-Badeanziig<?
■** sind schon — kein einziger i
ist im Sinne der Brachtschen Ver-
ordnung „indezent'\
Inserat der ,BZ. am Mittag'
18. 8. 1932.
Sehr peinlich
lUIit dem Auftrage, die poli-
*" tischen Vorfalle und Terror-
akte in Ostpreufien zu unter-
stiitzen, ist der Oberregierungsrat
im preufiischen Innenministerium,
Doktor Diels, nach Konigsberg
entsandt worden.
Jolzer Kurier, 7.18. August
Noch einmal: Die Berner
Schotten sind geizig, das weiB jedes
Kind. Aber die Berner, die Berner
sind langsam.
.Weltbuhne, 1932, Nr. 33.
C chon lange haben sich die Ber-
^ ner ein Wappen zugelegt; wie
es aussieht, ist bisher noch nicht
iiber die Stadtgrenzen hinaus be-
kanntgeworden: Eine Fahne zie-
ren zwei grofie Bremsklotze, auf
denen sich je eine Schnecke
ausruht.
*
Die Berner werden sehr benei-
det von den andern Kantonen.
Gerat namlich ein Ziiricher in
Schulden, dann hat der Gerichts-
vollzieher schon langst alles bei
ihm weggeholt, wahrend ein Ber-
ner noch paarmal Silvester feiern
kann, ehe die erste Zahlungs-
erinnerung bei ihm einlauft.
Ein Berner zertritt auf einem
Spaziergang eine Schnecke und
mufi sich dafiir die schwersten
Vorwiirfe seines Begleiters an-
336
horen, worauf er sich emport ver-
teidigt: „I kcha doch nut der fur,
wenn mer da. Hagu vo hinde in
d'Scheiche cheibet"! (Ich kann
doch nichts dafiir, wenn mir das
Luder von hinten in die Beine
rast,)
*
Vater und Sohn reisen von Bern
nach Basel. Gleich hinter Bern
macht der Vater den Jungen auf
einen Obstgarten aufmerksam:
„Lue da, die viele Chriesi,"
(Schau doch, die vielen Kirchen,)
Kurz vor Basel erwidert der
Sohn: „Und denn na so schooni
grossi". (Und dann noch so
schone grofie,)
*
Zwei Berner nahern sich mit
einem grofien Kranz der oster-
reichischen Grenze. Der Grenz-
wachter erkundigt sich, wohin sie
mit dem Kranz wollten. Die Ber-
ner: „Mer hei g'hort, der Andreas
Hofer sei g'storbe".
Goethe zur Kapitalflucht
Es ist gegenwartig nichts weni-
ger als ratlich, nur an einem
Ort zu besitzen, nur einem Platz
sein Geld anzuvertrauen,
,Wilhelm Meisters Lehrjahre4
8. Buck, 7. Kapitel
ErlOst
. , , Diese gradezu gemeingefahr-
liche Person ist gliicklicherweise
nun fiir einige Zeit unschadlich
gemacht, indem sie in einer Trin-
kerheilanstalt untergebracht ist
und auch nicht mehr mein Miin-
del ist.
Pastor Richard Kindter
,Die Stadtmissiori t Berlin,
August 1932
Llebe Weltbuhne!
Won dem Dramatiker Rehfisch
" erzahlt man sich, er gebe
gerne zweideutige Witze zum Be-
sten. Ein wahrscheinlich sehr ge-
schmackvoller junger Mann, dem
das nicht pafite, entfernte sich
darob kurzlich aus einer Gesell-
schaft, als Rehfisch wieder ein-
mal damit anfing. Worauf sich
Rehfisch entriistete: „Zu meiner
Zeit wagten es wir jungen Leute
nicht, vom Tisch aufzustehen,
wenn Rilke oder Hofmannsthal
grade sprachen,"
Antworten
Polizeiprasidium Berlin. Der Bund entschiedener Schulreformer
wollte am 22, August erne offentliche Monatsversammlung ab-
halten, in der Ernst Bulowa iiber „Die Durchftihrung der Montes-
sori-Methode in der Schule" sprechen .sollte. Das zustandige Poli-
zeirevier rief kurz vorher bet der Verwaltung der Augustaschule an,
wo der Vortrag stattfinden sollte, und, teilte mit, daB auf Ihre An-
weisung hin die Abhaltung der Veranstaltung untersagt sei. Eine
schriftliche Begriindung war nicht zu erlangen. Die in der Presse
angestellte Vermutung, das Montessori-System werde hohern Orts
wohl als Kulturbolschewismus angesehen, scheint uns daneben zu
treffen. Nicht die Erziehungsgrundsatze der Frau Montessori wer-
den als staatsgefahrlich betrachtet, sondern der Bund entschiedener
Schulreformer ist es, dem hier ein Kniippel zwischen die Beine ge-
worfen werden sollte. Da es also unrichtig ist, zu glauben, man
habe das Thema des Abends als ein politisches aufgefaBt und darum
die Burgfriedensnotverordnung zur Anwendung gebracht, muB fest-
gestellt werden, daft Sie grundsatzlich alle Veranstaltungen des Bun-
des entschiedener Schulreformer als politisch bezeichnen. Konnen
Sie uns vielleicht verraten, was Sie dazu berechtigt?
Adoli Hitler. Sie haben einmal erklart, in Ihrer Partei geschahe
nichts ohne Ihr Wissen und Wollen. Vor ein paar Wochen ist Carlis
Hansen, der Fuhrer der danischen Nationalsozialisten, in Ihrer Partei-
versammlung in Stralsund als Redner aufgetreten. Herr Hansen ver-
langt, daB die Nichtdanen in Danemark, also auch die Angehorigen
der deutschen Minderheit, unter Fremdengesetzgebung gestellt wer-
den. Wissen und wollen Sie, daB Ihre deutschen Volksgenossen in
Danemark durch Ausnahmegesetze entrechtet werden?
Schutzverband Deutscher Schriftsteller. Ihr habt Sorgen. In einem
Augenblick, wo alles darauf ankommt, den Kampf gegen die drohende
Vernichtung jeglicher Geistesfreiheit zu fuhren, habt ihr nichts andres
zu tun, als den Vorstand der berliner Ortsgruppe hinauszuwerfen,
weil er sich erlaubt hat, gegen die Verhaftung Robert Breuers, sei-
nes scharfsten Gegners im SDS, zu protestieren und in einem Tele-
gramm an Horthy diesen auf zuf ordern, mit der Henker j ustiz der
Standgerichte ein Ende zu machen, Solche Proteste loszulassen,
ware eure Pflicht gewesen. Statt dessen befiirchtet ihr wahrschein-
lich, gewisse amtliche Stellen konnten euch das iibel nehmen und
die Zuwendungen an euch einstellen. Es ist gelungen, den Raus-
schmiB-BeschluB etwas hinauszuschieben, Es ware angebracht, ihr
setztet euch nicht der Blamage aus, Schriftsteller aus euern Reihen
zu entfernen, die, es fur ihre Pflicht halten, gegen die Reaktion, wo
sie sie antreffen, mit alien Mitteln vorzugehen.
W. H. in Zurich. Wir danken Ihnen fur die nette Presseschau
iiber den Nationalsozialismus in der Schweiz. Danach braucht die schwei-
zer Demokratie vorlaufig nicht zu zittern, sondern nur die Witzblatter
haben Stoff bekommen. Der „Flieger" Dippelmann, der von der
braunen Presse Deutschlands als der Manager des Dritten Reiches fur
die Schweiz gepriesen wurde, ist bei seiner Riickkehr nach der
Schweiz zwar nicht vom Volk, dafiir aber von der Polizei mit ebenso
offenen wie festen Armen in Empfang genommen worden. Sie emp-
fand den dringenden Wunsch, diesen ausgebrochenen Fiirsorgezogling
endlich der wohlverdienten Gefangnisstrafe fur Diebstahl zuzufiihren.
Die deutschen Braunhemden miissen sich also auf die Suche nach einem
neuen schweizer Vorkampfer des Nationalsozialismus. begeben.
R. in Nurnberg, Sie interessieren sich angesichts des bevor-
stehenden Massenaufmarsches des Stahlhelmj in Berlin besonders fiir
337
das Verhaltnis des Reichsprasidenten zu der Organisation der Her-
ren Scldte und Duesterberg, Die Antwort wie iiberhaupt alles
authentische Material finden Sie in dem kiirzlich veroffentlichten
Heft III des Deutschvolkischen Katechismus, den ein deutscher Hoch-
schullehrer im Verlag von Wilh, Silkenat herausgegeben hat.
K. in Leipzig. Sie1 schreiben uns: „Kurz vor dem Verfassungs-
feiertag schrieb die frankfurter Zeitung\ in Kassel wunderten sich
die Burger, dafl die dortige Reichswehr die Feier nicht mitmache. In
Leipzig hatte die Reichswehr erst ihre Beteiligung an der in der Uni-
versitatsaula stattfindenden Feier und hinterher Reichswehrmusik auf
dem Augustusplatz zugesagt, aber als es zum Treffen kam, blieb sie
da wie dort aus," Wir wundern uns weder noch beschweren wir uns.
Uns geniigt es vollkommen, wenn die Reichswehr entschlossen ist,
jeden gewaltsamen Versuch zum Umsturz der Verfassung mit Gewalt
entgegenzutreten. Wenn
It Z. Sie haben an das berliner Verkehrsamt einen Brief ge-
schrieben, der also beginnt: „Seit der ersten berliner Funkausstellung
bin ich Jahr fiir Jahr standiger Besucher gewesen, < Daher kann ich
nicht umhin, Ihnen meine und meiner auslandischen Geschaftsfreunde
Verwunderung und Emporung auszusprechen iiber die beiden Nazi-
stande, die unter dem Deckmantel des Schallplattenvertriebs haupt-
sachlich dazu da sind, ihre Aufbaupolitik damit zu beweisen, jiidisch
oder ihnen jiidisch oder sonstwie andersdenkend erscheinende Aus-
stellungsbesucher anzupobeln. Die Auslandsbesucher sind dieses
Jahr ohnedies wegen der Devisenbeschrankungen zum grofien Teil aus-
geblieben, manche aber, die aus alter Gewohnheit und um die alten
Verbindungen aufrechtzuerhalten, wiedergekommen sind, haben mir
gegeniiber bereits ausgesprochen, daB dieser Besuch wohl der letzte
sein diirfte." Wir nehmen an, daB das berliner Verkehrsamt seine
Pforten schlieBen kann, wenigstens fiir Auslander, sobald das Dritte
Reich in voller Pracht entstanden ist, Hochstens ein paar italienische
Fascisten werden sich dann noch bei uns sehen lassen,
Karl von Wiegand. Als Herr von Papen seine Rundfunkrede
nach Amerika gehalten hatte, haben Sie in englischer Sprache als
Korrespondent der Hearstpresse einen Kommentar daran geknupft,
der alsbald ins Deutsche iibertragen wurde, Bei der Ubertragung sind,
wie uns eine Horerin mitteilt, zwei Stellen weggelassen worden. In
Englisch hatten Sie gesagt, von zwolf Kanzlern, die Sie gekannt hatten,
sei Papen der befahigste, und Hitler habe nur eine antisemitische
Aufierung getan. Schatzen Sie das amerikanische Publikum wirklich
so niedrig ein, daB Sie es wagen, ihm mit solchen faustdick aufge-
tragenen Behauptungen zu kommen?
Dieser Nummer liegt eine Zahlkarte fur die Abonnenten bei, auf
der wir bitten,
den Abonnementsbetrag fiir das IV. Vierteljahr 1932
einzuzahlen, da am 10. Oktober 1932 die Einziehung durch Nachnahme
beginnt und unnotige Kosten verursacht.
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richten; es wird g^ebeten, ihnen Rudcporto beizulegeo, da sonst keine Rucksendung erf ol gen kann.
Das Auf t Uhrung srecht, die Verwertung von Titeln u. Text im Rahmen des Films, die musik*
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unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet. — Verantwortlich : Walther Karsch, Berlin.
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XXVIII. Jahrgang 6. September t932 Nummer 36
Re Oder DllCe von Hanns-Erich Kaminski
F\ic amtlichc Verlautbarung, die die vollige Ubereinstimmung
zwischen dcm Reichsprasidenten und der Reichsregierung
feststellte, enthielt auch die Aufforderung des Reichsprasiden-
ten an den Reichskanzler, darauf zu achten, daB die Lebens-
haltung der deutschen Arbeiterschaft gesichert und der so-
ziale Gedanke gewahrt bleibe,
Angesichts des Programms, das der Reichskanzler unter
dem Beifall der westfalischen Bauern dem deutschen Volk zur
Kenntnis gebracht hat, diirfte es nicht ganz leicht sein, diesem
Ersuchen nachzukommen. Aber Herr von Papen traut sich
alles zu. Er kann gleichzeitig zur Privatwirtschaft zuriickkehr
ren und die subventionierten Betriebe unter Staatsaufsicht stel-
len. Er kann. zwei Milliarden Mark beschaffen und gleichzei-
tig alle Wahrungsexperimente vermeiden, Er kann die Ein-
fuhr aufs AuBerste beschranken und gleichzeitig die Autarkic
ablehnen. Er kann Hitler Ziigellosigkeit vorwerfen und Tags
darauf mit ihm freundschaftlich zusammenkommen, Er kann
die Verlassung reformieren und gleichzeitig in ihrem Rahmen
bleiben. Er kann sicherlich auch das Tarifrecht durchlochern
und die Lohne senken und gleichzeitig darauf achten, daB die
Lebenshaltung der deutschen Arbeiterschaft gesichert und der
soziale Gedanke gewahrt bleibk
Herr von Papen ist eben ein schneidiger Herr, den nicht
das scheinbar Unmogliche und nicht einmal das scheinbar Ab-
surde schreckt. Er fiihlt sich stark, denn er besitzt das Ver-
trauen des Reichsprasidenten, Da er aus dem Zentrum aus-
getreten ist, gehort er zu keiner Partei und ist folglich unpartei-
isch, Kein Wunder, daB er von so hoher Warte aus jede Re-
gierungsbildung und sogar jede Beeinflussung durch das Parlar
ment ablehnt. Friiher war er zwar selber Abgeordneter, doch
es wachst der Mensch mit seinen Zwecke/i. Hoher als jeden
Willen der Wahler schatzt er jetzt seine eigne Autoritat und
noch hoher nur die des Reichsprasidenten. Das Gegenspiel der
verfassungsmaBigen Gewalten, mernt er in einem kiirzlich er-
schienenen Artikel, habe die Freiheit des Volkes nur gefahr-
det. „Freiheit kann nur da sein, wo jemand in voller Unab-
hangigkeit diese Freiheit schiitzt."
Auch der Reichsprasiderit ist zwar gewahlt und obendrein
von Wahlern, die der Oberzeugung waren, die Staatsgewalt
gehe vom Volke aus. Jedoch so viel Autoritat und Unabhan-
gigkeit wie der Reichskanzler kraft seiner Betrauung durch
den Reichsprasidenten fur sich in Anspruch nimmt, kann nicht
von Menschen stammen. Ihre Herkunft ist unrationaler, mysti-
scher: sie muU von Gottes Gnaden sein.
Ich darf fur mich beanspruchen, schon vor vielen Monaten
in der ,Weitbuhne' auf die Monarchisierung Deutschlands hin-
gewieseh zu haben. In Nummer 8 dieses Jahrganges schrieb
ich:
i ' 339
Das Deutsche Reich ist eine Republik? Mag sein. Aber sein
Klima ist das der Monarchie.
Heute erklart auch die ,Germania':
Niemand von denen, die jetzt fiir die Staatsfiihrung eine hin-
reichende Fundierung im Volke und im Parlamente zu schaffen
suchen, denkt an eine Parteiherrschaft. Ein solches Regime ist seit
der Kanzlerschaft Brtinings beseitigt und wird nicht wieder aufleben.
Die Filmpriifs telle Berlin trug der Entwicklung nur Rech-
nung, wenn sie in dem Film „Tannenberg" alle Szenen be-
anstandete, in denen Hindenburg auf der Leinwand erschien.
Die Hersteller dieses patriotischen Werks sind vermutlich keine
Kulturbolschewisten, aber sie wissen eben noch nicht genau
Bescheid in der neuen Zeit. Auch im Kaiserreich hatte ja eine
Kabinettsordre aus dem 18. Jahrhundert Geltung, die die Dar-
stellung von Mitgliedern des preuBischen Konigshauses verbot;
Wie weit Papen sich von der Logik seiner „konservativen
Staatsfiihrung" treiben lassen will, hat er allerdings noch nicht
bekannt. Den Mitgliedern der Deutschnationalen Volkspartei,
der einzigen Partei, die fiir die derzeitige Prasidialregierung
eintritt, geniigt der herrschende Zustand jedenfalls nicht. t(Res
venit ad triarios!" schreibt Doktor Quaatz im ,Tag'. Und der
Triarier von Oldenburg auf Januschau hat mit seiner gewohn-
ten Offenherzigkeit auch schon ausgesprochen, wie er sich die
Sache denkt. „Die preufiische Konigskrone liegt in der Weich-
sel, aus ihr muB sie herausgeholt werden", sagt er in einer
Rede vor Stahlhelm-Studenten in Deutsch-Eylau, Die Weich-
sel flieBt bekanntlich nicht nur durch Polen sondern auch in
der Nahe von Neudeck, und der Gutsnachbar des Reichsprasi-
denten erklarte den jungen Leuten: ,,Ohne deutschen Kaiser
kein Reich und ohne Konig kein PreuBen!" Und er wiinsche,
daB Hindenburg die Kraft erhalten bleibe, vorwarts zu gehen,
mit oder ohne Parlament, wahrscheinlich aber ohne.
Noch deutlicher wird der Generalmajor a. D. Graf von der
Goltz, der Vorsitzende der Vaterlandischen Verbande, die es
auch noch immer gibt. In der fDeutschen Zeitung' untersucht
der Graf, wie Papen die Quadratur des Zirkels finden konnte,
und er la-Bt sich dariiber. folgendermaBen vernehmen:
Es gibt nur eine Losung, die Deutschland retten kann: die Wieder-
herstellung des Rechtszustandes, der es einem Bismarck moglich ge-
macht hat, den Willen seines Konigs siegreich gegen fast das ganze
widerstrebende Volk durchzusetzen. Und diese Losung heiBt: Wieder-
herstellung der Hohenzollern-Monarchie! Ein Mann im Deutschen
Reiche . scheint berufen, den entscheidenden Schritt hierzu zu tun —
derselbe Mann, der Kaiser Wilhelm II. veranlaBt hat, am Morgen des
10, November 1918 die hollandische Grenze zu iiberschreiten. Heute
ist Generalfeldmarschall v. Hindenburg Reichsprasident, also oberster
Trager der Reichsgewalt, getragen von einer Volkstumlichkeit, die ihm
politisches Handeln moglich macht, das einem etwa ihm folgenden Pra-
sidenten versagt sein wird, Generalfeldmarschall v. Hindenburg mufl
gesehen haben, dafi Deutschland^ unter der heutigen Verfassung nicht
leben kann. Er muB erkannt haben, daB es nur durch die Wieder-
herstellung der iiberlieferten Monarchie gerettet werden kann. Er, der
vor der Geschichte gut zu machen hat, was er im November 1918 tat,
muB heute unter Ausnutzung aller ihm zustehenden Befugnisse die
staatsrechtlichen Grundlagen fur die Wiederkehr der Hohenzollern-
340
Monarchic schaffen. Dana erst beginnt die Zeit, wo die Quadratur
des Zirkels sich ldsen laBt*
Die Triarier, die die Restauration vollenden wollen, machen
nur einen Fehler. Sie reden immer von der Wiederherstel-
iung des bismarckschen Reichs, Sie vergessen anscheinend, daB
es in diesem Reich ein allgemeines, gleiches, geheimes Wahl-
recht und ein Steuerbewilligungsrecht des Reichstags gab. Die
Verfassung von 1871 ware fur die Gegenwart also vollig un-
brauchbar. Was uns fehlt, ist eine Monarchic im Sinne Fried-
rich Wilhelms IV., in der kein Blatt Papier zwischen dem
Konig und seinem Volke steht. Den preuflischen Beamten
brauchte dann das Betreten eines so pestverseuchten Gebau-
des, wie es der preuBische Landtag ist, nicht erst verboten
zu werden. Und das Staatsoberhaupt hatte dann nicht notig,,
mit dem Reichstagsprasidenten iiber Politik zu sprechen, was
der Reichsprasident diesmal noch nicht abgelehnt hat, obgleich
es allgemein erwartet wurde.
Wie sollte auch eine Verfassung aussehen, die sich allein
auf Triarier wie den Januschauer und unparteiische Staats-
manner wie Papen stiitzen wurde? Und nach welchen Prin-
zipien sollte ein Parlament gewahlt werden, das dieser Regie-
rung Steuern bewilligen wurde? Und wenn Herr von Gayl
ein Wahlrecht erfande, demzufolge nur die ostelbischen Rit-
tergutsbesitzer und die Mitglieder des Langnamvereins das
Stimmrecht hatten, und wenn er eine erste Kammer einsetzte,
in der nur die preuBischen Prinzen, der hohe Adel und die
Reichswehrgenerale vertreten waren — selbst dann wiirde das
jetzt amtierende Kabinett hochstwahrscheinlich kerne Mehr-
heit finden.
Herr von Papen, der wahrend des Krieges seinen Wagemtit
bewiesen hat und Ritter des eisernen Kreuzes erster Klasse
ist, kennt jedoch keine Schwierigkeiten. Er ist entschlossen,
seine Politik durchzufuhren, ohne Scheu vor ihren Konse-
quenzen. Diese Politik beruht nach seinen eignen Worten ,,auf
der bewuBten Sorge um die planmafiige Erhaltung des mensch-
lichen Lebens in seinen natiirlichen Ordnungen". Und die Re-
publik entspricht doch wohl nicht der , .natiirlichen Ordnung".
Jedoch die Weimarer Verfassung hat ihre Verteidiger..
Wenn die Sozialdemokraten schweigen und das Zentrum schon
halb bereit erscheint, sie preiszugeben, dann sind die National-
sozialisten da, die an ihr festhalten. Wie Hitler im Grunde
seines Herzens zur Restauration steht, weiB man allerdings
nicht. Bismarck hatte vielleicht von ihm dasselbe wie von
Lassalle gesagt: er ware fur die Monarchie, wenn die Dynastie
Hitler hieBe. Einen Re, der mehr zu sagen hatte als er, will
der deutsche Duce jedenfalls nicht.
Die Glorious Revolution der Nazis richtet sich plotzlich
gegen den Absolutismus, und im Reichstag und im Landtag
kampfen sie fur die Rechte des Parlaments wie einst die Eng-
lander fiir die Bill of Rights. Wir dachten schon, das „System"
sei tot und begraben; Herr Goering hat uns daruber belehrt,
daB es noch lebt. Er hat an die schwarz-rot-goldne Fahne,
die die Deutschnationalen aus dem Reichstag entfernen woll-
2 341
ten, nicht ruhren lassen. Er hat Hindenbur.g feierlich auf die
Heiligkeit seines Eides hingewiesen, und zwar des Verfassungs-
eides, nicht des Fahneneides. Ja, die nationalsozialistische
,Nationalpost* droht dem Reichsprasidenten sogar mit dem
Staatsgerichtshof fiir den Fall, daB er das parlamentarische
, System verletzen wiirde. Schade, daB in der Reichstagssitzung
kein Kommunist ein Hoch auf die Verfassung ausbrachte; sicher
hatten die Nazis begeistert eingestimmt.
Entsetzt konstatiert die ,DAZ\ die Nationalsozialisten
seien dem Parlamentarismus verfallen, so sehr das Blatt sich
im iibrigen dariiber freut, daB die rechte Seite des Reichstags
„wie ein Feldlager" aussah. Da haben wir also ein parlamen-
tarisches Feldlager!' Coupletdichter an die Front!
Es ist eine gute Zeit fiir Satiriker. Sie konnen jetzt den
Kampf um die deniokratische Verfassung schildern, in dem auf
der einen Seite der von der Sozialdemokratie gewahlte Reichs-
prasident stent und auf der andern das Parlament, vertreten
durch die Anhanger der nationalsozialistischen Diktatur.
Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, lehrt das
Sprichwort, Aber wer ist hier der Dritte? Die Linke, die von
beiden Gegnern bekampft wirdt sicher nicht. Die Arbeiter-
massen bilden nur die Basis, auf der die Kampfe um die Ge-
staltung Deutschlands ausgetragen werden.
Neutral ist in diesen Kampfen allein Herr von Schleicher,
denn die Reichswehr dient der ganzen Nation, und wer in der
Regierung sitzt, ist fiir sie ohne Bedeutung, solange die Inter-
essen der Landesverteidigung gewahrt werden.
Schleicher und sein Stahlhelm HeiimutT Geriacb
A^an spricht so oft von der Regierung der Barone. Maa
sollte lieber von der Regierung des Generals sprechen. Ge-
wiB, Freiherr von Gayl denkt, Aber General von Schleicher
lenkt. Und darauf kommt es doch wohl an.
Die Gelehrten streiten sich iiberi das Mafi der Intelligent
des Generals, Sie wurde sehr hoch eingeschatzt, ehe er aus
dem Dunkel des Militarbureaus in das Licht der politischea
Offentlichkeit trat, Auch seinem Kollegen von Seeckt ging
es so, von Ludendorff ganz zu schweigen, Generale vertragen
fast nie die Moglichkeit kritischer Belichtung.
Mich erinnert Schleicher immer an den alten Bliicher. Er
ist ein ins Politische transponierter Marschall Vorwarts. Ein
Draufganger, der fiir die Politik von heute die militarischen.
Methoden von 1813 anwendet,
Er hat keine Mchrheit im Reichstag, vielleicht nicht ein-
mal eine Minderheit, Er ist er, auBerdem allerdings noch der
Regimentskamerad des Herrn von Hindenburg vom 3. Garde-
regiment zu FuB. Einen Zivilisten mag das belanglos schei-
nen. Aber Zivilisten sind manchmal blod.
Niemand ist es gestattet, bei Gefahr des Verbots und son-
stiger iibler Fplgen, der Regierung Schleicher den Willen zum
342
Verfassungsbruch zu imputieren, Aber jedcr Mann hat das
Recht, der Regierung mit Kommentaren zu dcr Verfassung
unter die Arme zu greifen.
Der berliner Staatsrechtler Carl Schmitt ist kiirzlich in
weiteren Kreisen dadurch bekannt geworden, daB er die ver-
fassungsrechtliche Giiltigkeit der Einsetzung des Reichskommis-
sars fur PfeuBen nachwies. Man erzahlt sich, Schmitt sei zur
Zeit bei der Ausarbeitung eines Memorandums, wonach es kei-
nen Verfassungsbruch bedeute, wenn die Regierung ohne
Reichstag regiere, falls der Reichstag sich als unfahi^ zur Bil-
dung einer Regierung herausstelle. Der Reichsprasident be-
komme dann namlich freie Hand, da er als Erwahlter der Mehr-
heit des Volkes berechtigt sei, im Namen der Mehrheit zu-
handeln.
Juristen bestimmter Art haben in der Geschichte Preu-
Bens eine groBe Rolle gespielt. Als Friedericus 1740 seinen
Raub an Schlesien beging, wiesen Kronjuristen nach, es sei
kein Raub, sondern Verwirklichung eines Erbanspruches. Als
1756 Friedericus in Sachsen einbrach, fanden sich Gelehrte, die
darlegten, daB Sachsen eine Verschworung gegen PreuBen an-
gezettelt habe. Und als Bismarck 1865 Schleswig-Holstein sei-
nem legitimen Fiirsten, eiriem Herzog von Augustenburg, zu-
gunsten PreuBens entzog, wurde auch dieser Schritt juristisch
gerechtfertigt, Selbst der offne Verfassungsbruch Bismarck s
im Jahre 1863 wurde mit der Behauptung verteidigt, es sei
eine Liicke in der Verfassung.
Natiirlich sind das rein historische Betrachtungen, Niemand
denkt heute an einen RechtsbrucL
Herr von Schleicher denkt nur an eins: Wie bilde ich
meine Reichswehr um? Seine Umbauplane versetzen die ganze
Welt in Aufregung. In Frankr^ich ist besonders die Linke be-
unruhigt. Sie ist es um so mehr, als Herr von Schleicher
seine aggressivsten AuBerungen ausgerechnet im ,Rcsto di
Carlino', also in einem Organ Mussolinis, plazierte. Besorgt
fragt sich die nach einer Verstandigung mit Deutschland lech-
zende franzosische Linke: Bahnt Deutschland ein Znsammen-
gehen mit Italien an? Gegen wen?
In diese Zeit der Hochspannung fallt die nachtragliche
Sedanfeier des Stahlhelms in Berlin. Das Ausland sieht in
ihr kein zufalliges Ereignis, sondern eine bewuBt von der Re-
gierung inszenierte oder wenigstens zugelassene politische Ak-
tion. Spielend leicht ware sie zu verhindern gewesen, wenn
man den Burgfrieden nicht am 31. August, sondern am 15. Sep-
tember hatte ablaufen lassen. Oder noch einfacher; Herr von
Hindenburg als Ehrenmitglied desj Stahlhelms hatte Herrn
Seldte wissen lassen, daB die berliner Parade in diesem Augen-
blick aus hochpolitischen Griinden unerwiinscht sei. Dann ware
sie natiirlich unterblieben.
Nichts derartiges ist geschehen. Die Welt folgert daraus:
Der Stahlhelmtag ist als Trumpf im Spiele Schleichers ge-
dacht. Er weiB, daB er auf nichts im Reichstag und auf fast
nichts im Volke zu zahlen hat. Er hat seine. Reichswehr, und
damit basta. Darum will er der Welt zeigen: Oho! Ich habe
343
auch noch den Stahlhelm, Parlamentarisch mag er nicht zah-
len. Aber ein Machtfaktor bleibt er doch.
In gewissem Sinn hat Herr von Schleicher sogar recht.
Kame es — hypothetisch gesprochen — zu einer gewaitsamen
Auseinandersetzung zwischen Hitler und Schleicher, so ware
die braune Armee nur ein ohnmachtiger wilder Haufen gegen-
iiber der von den Frontsoldaten des Stahlhelms flankierten
Reichswehr.
Wie stark der Stahlhelm eigentlich ist, daniber gehen die
Angaben weit auseinander. Kapitan Ehrhardt bezifferte ihn
nur auf 240 000 Mann, wahrend Seldte 800 000 nannte. Aber
die buchmaBige Ziffer ist nicht ausschlaggebend, da bekannt
ist, daB sie eine Unmenge von Papiermitgliedern enthalt, das
heiBt vonPersonen, fur die ihre Arbeitgeber (GroBgrundbesit-
zer, Fabrikanten etcetera) die Beitrage bezahlen* Seine reale
Starke wird mit 300 000 ziemlich richtig eingeschatzt sein. Das
ist eine recht imposante Zahl, zumal die Organisation straff ist.
In der Innenpolitik ist der Stahlhelm zuverlassig anti-
republikanisch, Sein aufrichtigstes Bekenntnis war die HaB-
botschaft, die der Fiihrer des Landesverbandes Brandenburg,
Hauptmann a. D, von Morosowicz, am 2. September 1928 in
Fiirstenwalde erlieB:
Wir hassen xnit ganzer Seele den augenblicklichea Staatsaufbau,
seine Form und seinen Inhalt, sein Werden und sein Wesen.
AuBenpolitisch ist er eine Organisation fur Revanche. Sein
Vorsitzender Seldte verkiindete am 24. Januar 1926:
Wenn uns das, was uns mit Gewalt genommen ist, nicht zuriick-
gegeben werden kann oder will, dann werden wir die Kraft haben, es
uns mit Gewalt zuriickzunehmen, urn das Dritte Reich zu schaffen,
Sein ostpreufiischer Fiihrer Graf zu Eulenburg-Wicken
schrieb in demselben Jahre:
Daher darf die Forderung nach Wiederherstellung von Deutsch-
lands alten Grenzen nie und nimmermehr zum Schweigen kommen,
und mufi der Wille zur Wehr in jedem Deutschen geweckt werden.
Sein deutsches Schwertlied klingt also aus:
Dann jagst du die welsche Kanaille
ubern Rhein, tibern Rhein bis ins M«er.
Dann diktierst du einen neuen Frieden,
dann knechtet dich keiner mehr!
Seine beiden letzten groBen Paraden waren Kampfansagen.
an die „Feinde" im West en und Osten.
Im Herbst 1930 beantwortete er die vorzeitige Raumung
des Rheinlandes mit dem Aufmarsch seiner Hunderttausend in
Koblenz und reckte die gepanzerte Faust drohend gegen Paris.
Im Herbst 1931 zog er 150 000 Mann in Breslau zusammen und
lieB in Gegenwart der Generale von Seeckt und Heye wie des
Exkronprinzen samt seiner Familie ein Pronunziamento gegen
Polen los. Seldte richtete einen Appell an die alten Maschi-
nengewehrschiitzen, die Ortsgrenzen zu revidieren;
Gradeaus eine lange Briicke. Dahinter ein hoher, gruner Baum,
Erkannt?
344
Wie ein einziger Schrei erklingt die Antwort auf diese Frage:
„Erkanntr
Hinter diesem Punkt liegt der deutsche Osten. Erkannt?
Und wieder drohnt die Antwort: „Erkannt!"
Wenn 150 000 Manner dieses Ziel erkannt haben, so ist das ein
Schritt vorwarts. Es liegt nun bei den andren, ob man unsre Mit-
arbeit bei, der friedlichen Reglung der Dinge zulassen will, oder ob
man uns zwingt, den Osten iiber Kimme und Korn ansehen zu mussen.
Der Tagung in Breslau wohntc ein Pole namens Sternal
bei, urn iiber sie fiir Polen zu berichten. Er wurde wegen ver-
suchten Landesverrats zu sechs Monaten Gefangnis verurteilt.
Das Ausland sah in dieser Verurteilung fast noch mehr
als in der Tagung selbst. Es fol,gerte aus ihr, daB Stahlhelm-
angelegenheiten von den Behorden als Staatsangelegenheiten
angesehen wiirden, Wie konnte sonst ein Bericht iiber die
Stahlhelmparade als Landesverrat bewertet werden?
Die berlin-potsdamer Stahlhelmparade vom 3, und
4. September 1932 hat die Reichshauptstadt und ihre Um-
gebung voriibergehend in ein Feldlager verwandelt. Die Ein-
geweihten zwinkern einander zu: Avis an Duce! Das Ausland
sieht nur die militarische oder wenigstens scheinmilitarische
Machtentfaltung und denkt Avis a l'etranger!
Herr von Schleicher will freie Verfiigung fiir die Reichs-
wehr bekommen. Darum hat er den offiziellen Schritt in Paris
unternehmen lassen. Gleichzeitig laBt er zu, daB der Stahl-
helm in Berlin in einer Starke paradiert, die in der ganzen
Welt nur den einen Eindruck erzeugen kann: Wie darf man
von uns Abrustung verlangen, wenn in Deutsrchland die von
der Regierung offenbar protegierten Wehrorganisationen so
macht- und anspruchsvoll auftreten?
Herr von Schleicher mag ein Militar von auBergewohn-
lichen Qualitaten sein. Seine Politik erinnert in fataler Weise
an das Zaberntelegramm des Exkronprinzen: Immer feste
druff!
WTB redigiert die Wahrheit von Michael Kurd
f\ ie Nachricht ist der Rohstoff einer jeden Zeitung. Von
ihr lebt und aus ihr entsteht die offentliche Meinung. In
tausend Redaktionen ticken tagaus, tagein von morgens bis
Mitternacht tausend Ferndrucker. Hier schlagt unermudlich
das Herz der Zeitung. Telegraphisch wird eine Art Schreib-
maschine bedient, werden Typenhebel ausgelost, und auf lan-
gen, schmalen Papierstreifen, die aus dem Apparate quillen,
bilden sich Worte und Satze, entstehen schlieBlich Meldungen.
So iibermittelt das Wolffsche Telegraphenbureau, dessen Ak-
tienmehrheit sich seit einigen Monaten im Reichsbesitz befin-
det, der deutschen Presse sein Material, Technisch vollkom-
men arbeitet der offiziose Nachrichtenapparat . . .
Seit der Emser Depesche, dem Mobilmachungsextrabiatt
des .Berliner Lokal-Anzeigers* und der Tatigkeit Lord Norths
cliff es weiB man, daB Nachrichten als Stimulans und Narkoti-
345
kum fur die Volker wichtiger sind als die schonsten Leit-
artikel. Als am Tage nach den letzten Reichstagswahlen die
nationalsozialistische Attentatsserie mit der Prazision des
Uhrwerks einer Hollenmaschine einsetzte, war wieder einmal
Gelegenheit gegeben, eindeutig festzustellen, dafi Nachrichten,
geschickt frisiert und denaturiert, die gleichen Liigenwaffen
darstellen wie auf anderm Kampfboden etwa die Statistik, Da
hatte sich oder war von hoherer Seite WTB das edle Ziel ge-
setzt worden, klare Tatbestande zu verschleiern und aus
schwarz weifi zu machen,
Wer, einen Blick in die Nachrichtenwerkstatt getan und
nachtraglich das gesamte in den kritischen Tagen ausgegebene
Material nochmals durchgearbeitet hat, muB zunachst die
offenbare Angst feststellen, mit der in den Telegrammen von
Wolff und ebenso; in denen des ihm verwaridten Conti-Nach-
richten-Dienstes jede Andeuturig nationalsozialistischer Tater-
schaft unterdriickt oder verschleiert worden ist. Gleichzeitig
war das Bemiihen fuhlbar, kommunistische Ausschreitungen zu
vergroBern und zu vergrobern. Einerseits wurde die Plan-
maBigkeit der rechtsradikalen Terrorakte hinter einer dichten
Nebelwand von Abschwachtmgen verborgen, andrerseits aber
gewohnliche Ausschreitungen, ZusammenstoBe, Pnigeleien auf
eine Stufe gestellt mit jenem balkanischen Feldzug der SAf
deren Werkzeuge Bomben und Handgranaten waren. Die Fiille
des Materials, das wider diese Berichterstattung zeugt, zwingt
zur Auswahl und Konzentration auf eine Reihe besonders ein-
deutiger und kompromittierender Falle.
Als in den Morgenstunden des L August in Konigsberg
blutige Anschlage unternommen wurden, denen unter anderm
der kommunistische Stadtverordnete Sauff zum Opfer fiel, be-
richtete WTB hieriiber in so farb- und harmloser Form wie
iiber ein gleichgiiltiges Lokalereignis. Nirgends ein Hinweis
darauf, in welchem Lager die Tater zu suchen seien. Selbst
eine Auskunft der Polizeipressestelle, wonach . ,,in einzelnen
Fallen Nationalsozialisten einwandfrei als Tater festgestellt"
seien, wird an dem fur die Zeitungen entscheidenden Vormit-
tag gewaltsam unterdriickt. Und so geht es munter und.un-
verdrossen auch die nachsten Tage weiter.
In der gesamten sogenannten neutralen Generalanzeiger-
presse fiillen diese Meldungen, in trauriger Einformigkeit an-
einander gereiht, die Spalten, Angesichts einer solchen In-
formation ist kein naiver Leser in der Lage, sich ein wahres
Bild von den Vorgangen zu machen, deren Neuheit immerhin
darin bestand, daB sie den politischen Blutterror in Gestalt
individueller Vergeltungsakte als letzte Sensation in den deut-
schen Parteikampf einfiihrten. Bei WTB versteht man es
dagegen vortrefflich, durch kleine Nebensatze bitterernste Ge-
schehnisse abzuschwachen und grauenhafte Ereignisse, die
schlieBlich selbst das Kabinett von Papen zum Handeln zwan-
gen, zu bagatellisieren.
Da wird am 2. August aus Goldberg gemeldet:
In der vergangenen Nacht, gegen 2 Uhr, wurden gegen das Larid-
ratsamt auf der Westpromenade, in dem sich auch die Wohnung
346
des kiirzlich seines Amtes enthobenen sozialdemokratischen Land-
rates Gauglitz befindet, drei Revolverschiisse, anscheinend von meh-
reren jungen Leuten, abgegeben. Von den Schiissen drangen zwei in
ein Privatzimmer des Landrates, ohne aber jemanden zu treffen. Ob
dem Anschlag politische Motive zugrunde Jiegen, konnte, wie die
Polizei mitteilt, noch nicht ermittelt werden.
Zweifel an den politischen Motivcn? Nein, gewollte Harm-
losigkeit: Es stand von vornherein fest, daB es sich um ein po-
litisches Attentat handelte, und Hugenbergs Telegraphen-
Union, die Konkurrenz des WTB, war in diesem und in andern
Fallen auch. so ehrlich, es sogleich einzugestehen.
Musterbeispiel fur eine offene Falschung ist die Bericht-
erstattung iiber die ErschieBung zweier kommunistischer Ar-
beiter in dem Dorf Tammowischken bei Insterburg. Da meldet
der offiziose Draht am 15. August unter der Oberschrift: ,,Zwei
kommunistische Arbeiter erschossen":
Der Besitzer Hinz und einige kommunistische Drainagearbeiter
.gerieten in einem Gasthause in Tammowischken bei Insterburg beim
Zechen in Streit. Hinz fuhr nach Hause, um sich eine Pistole zu be-
sorgen, wahrend die Arbeiter auf der Chaussee nach Insterburg gin-
gen. Hinz holte sie ein und gab etwa 10 bis 12 Schusse ab. Hierbei
erhielt der Arbeiter Kari GroB aus Insterburg einen BrustschuB, der
ihn auf der Stelle totete, auch der Arbeiter Werner aus Bergenthal
wurde von etwa fiinf Schiissen am Kopf, am Hals und an der Htifte
iodlich getroffen..
Der Bericht verschweigt, daB der Tater ein Nationalsozia-
list gewesen ist. Er hiitct sich ferner, das furchtbare Ver-
brechen in der Oberschrift einen Mord zu nennen, so wie es
etwa in einem WTB-Telegramm aus Chemnitz vom 5. August
bei einer Kaffeehaus-SchieBerei, deren Urheber Kommunisten
waren, bedenkenlos ^etan wurde. Das ist einer von den vie-
len Beweisen, aus denen- hervorgeht, wie dieser Nachrichten-
dienst mit zweierlei MaB miBt und sehr feine, aber bedenk-
liche Nuancen zu machen versteht.
Am 9. August, 12.18 Uhr, wurde die Ermordung des Reichs-
bannermannes Hoffmann, mit dem Zusatz „Die Beweggriinde
zur Tat sind noch unbekannt" zu einer Zeit gemeldet, da die-
ses Verbrechen, das auf das Schuldkonto der Nationalsozia-
listen ging, bereits vollkommen aufgeklart war. Am gleichen
Tage gibt WTB aus Ortelsburg Kenntnis von der BeschieBung
der Wohnung des sozialdemokratischen Stadtverordneten Tu-
rowski, und zwar mit der Bemerkung;
Am vergangenen Donnerstag hatte Turowski auf einer Postkarte
die Mitteilung erhalten, daB ihn innerhalb von 14 Tagen der Tod
ereilen wiirde.
Entgegen der Schwurformel, die Verschweigen als Mein-
eid ansieht und die eigentlich auch das vornehmste Grund-
gesetz jedes wahrheitsliebenden Nachrichtenbureaus darstel-
len sollte, MvergiBt" man hinzuzufiigen, daB die anpnyme Post*
karte „Nazi" unterzeichnet war.
Wenn am 8. August ein Reichsbannermann als Opfer einer .
NazischieBerei seinen SchuBverletzungen erliegt, uberschreibt
man die Meldung mit seelenvollem Augenaufschlag , .Politische
Schlagerei'*, und die Ermordung eines Reichsbannersekretars
347
im Kreise Leobschiitz, die, wie sofort feststand, im AnschluE
an einen Oberf all durch Nationalsozialisten erf olgte, wird hur-
tig mit einem Fragezeichen versehen.
Ein Wunderwerk der Berichterstattung durch die Haken-
kreuzbrille bildet schlieBlich folgende Nachricht, die unter
dem 6. August aus Anklam verbreitet wurde:
Auf die Wohnung eines nitionalsozialistischen Fuhrers wurde in:
der vergangenen Nacht ein Ffeueriiberfall versucht. Unbekannt ge-
bliebene later gaben 5 bis 6 Schtisse ab, die jedoch nicht die Woh-
nung des Nationalsozialisten trafen sondern in die Wohnung eines
Mitgliedes der SPD gingen. Der elfjahrige Sohn des Sozialdemokraten
erhielt einen SchenkelschuB, seine Tochter wurde durch Glassplitter
verletzt
Die Tater sind zwar unbekannt entkommen, aber Wolff
serviert dank seiner prophetischen Gabe die Nachricht, es sei
ein angebliches Attentat auf den SA-Fiihrer geplant gewesen*
obgleich ja den Schaden die Kinder des Sozialdemokraten
davongetragen haben. Woher dieser Mut zur Sehergabe, woher
das Kombinationstalent, das eher wie ein recht plumpes Um-
deutungsmanover anmutet?
So wird in Dutzenden von Meldungen*je nach Bedarf die
Parteizugehorigkeit der Tater oder auch die der Angegriffenen
verschwiegen. Da werden in der Nacht vom 1. zum 2. August
etwa in Marienburg drei Anschlage auf Fuhrer der Linken
veriibt. WTB erwahnt lediglich von einem einzigen, daB er
Funktionar des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes
sei, — ebenfalls ein kleiner, jedoch nicht ungefahrlicher Trick,
um die PlanmaBigkeit des Vorgehens zu kaschieren und die
Nationalsozialisten zu entlasten. Wenn es in Berlin Krach bei
einer Exmission gibt und der Unruhestifter Kommunist ist, so
wird das Faktum prompt gemeldet und angeprangert. Ver-
barrikadiert sich aber in der Genihiner StraBe ein National*
sozialist und hiBt, wahrend er das Oberfallkommando mit dem
Revolver bedroht, die Hakenkreuzfahne, so verschweigt dies
das Ferndruckertelegramm und teilt lediglich mit, der „wilde
Mann" sei im Besitz des § 51. Man sieht auch hier: Es geht
eben nichts iiber eine hochst diskrete Behandlung der „auf-
bauwilligen Krafte der Nation".
Wer die Organisation des Wplffschen Telegraphenbureaus
kennt, in dessen berliner ^itrale ein enger Kreis von Redak-
teuren die Verantwortunj^ :„r die Nachrichtenstilisierung tragt,
weiB ntir zu genau, daB im ganzen kein Zufall sondern Absicht
im Spiel gewesen ist. Zerschlissen hangt der Mantel der Ob-
jektivitat, in den sich WTB stets zu hiillen pflegt, im Winde.
Uber die nationalsozialistischen Attentate ist nach den bosen
Methoden des weiland Kriegspressequartiers berichtet und so
Millionen von Deutschen die erforderliche Klarheit iiber Er-
eignisse vorenthalten worden, die (iberall aufruttelnd hatten
wirken miissen. Das Korrespondenten-Netz' des Nachrichten-
bureaus, dessen Monopolcharakter nicht zu leugnen ist, wurde
zum Machtinstrument, das ohne Ehrlichkeit und ohne Riick-
sicht auf die Tatsachen allein zum hohern Ruhm einer etwas
unklaren Sorte von Staatspolitik eingesetzt worden ist. Wir
wissen Bescheid: WTB redigierti die Wahrheit!
348
Amsterdam von Bruno Frei
T cnin hat in seiner Instruktion an die Sowjetdelegierten zu
" dem Haager FriedenskongreB 1922 als die Hauptaufgabe
einer konkreten Kriegsbekampfung die Entlarvung des groBen
„Geheimnisses der Kriegsmacherei" erklart. Gibt es etwas
Unbegreiflicheres als die Tatsache, daB es den NutznieBern des
Krieges immer wieder gelingt, diejenigen fur den Krieg wenn
schon nicht zu begeistern, so doch zu gewinnen, die schlieBlich
seine Schlachtopfer zu werden bestimmt sind? Die Umwand-
lung- von lebenden Menschen in Material fur Massengraber ist
fur gewisse Industrie- und Finanzgruppen profitbringend —
aber mit dieser Begriindung kann man keinen Krieg vorberei-
ten. Die ideologische Vorbereitung des Krieges, seine Ein-
kleidung in vaterlandische Ideale, der nationalpolitische, staats-
politische, wirtschaftspolitische Mystizismus, die tausendfachen
Formen der Bindung der proletarischen Klassenkrafte an die
Interessen der Bourgeoisie, die latente Lahmung des Abwehr-
willens und der Widerstandskraft durch Reformismus und Fas-
cismus — das sind in Wirklichkeit die konkreten Vorberei-
tungsmaBnahmen fur den Krieg.
Das mufi man wissen, urn das Ereignis von Amsterdam zu
begreifen. Nichts ist leichter als den praktischen Nutzen des
amsterdamer Weltkongresses gegen den imperialistischen Krieg
zu bestreiten. Was ist geschehen? Worte, nichts als Worte,
Aber sind es nicht ebenfalls nur Worte, die den Krieg auslosen
und ermoglichen? Der Schwerpunkt des amsterdamer Kon-
gresses liegt grade in seinen scheinbaren Mangeln begriindet,
Dieser KongreB litt sichtlich unter der Heterogenitat seiner
Teilnehmer. An dem KongreB nahmen nach dem Bericht der
Mandatsprufungskommission 2195 Delegierte aus 29 Landern
teiL Ihrer sozialen Zusammensetzung nach waren unter ihnen
1865 Arbeiter, 249 Intellektuelle, 72 Bauern. Weltbekannte
Schriftsteller wie Henri Barbusse, Romain Rolland, Martin
Andersen-Nexo, Sherwood Anderson, politische Fiihrer, hinter
denen Millionen stehen, wie der Vorsitzende des Allindischen
Y Nationalkongresses Patel, der japanische Kommunist Sen Kata-
yama, der Franzose Marcel Cachin, der Deutsche Willi Miin-
zenberg, Manner und Frauen der pazifistischen Bewegung; wie
General Schoenaich, Otto Lehmann-RuBbuldt, Madame Du-
chesne, die greise Irin O'Donnel, Karin Michaelis — und da-
neben das babylonische Gewirr von chinesischen Matrosen,
westukrainischen Batiern; tschechoslowakischen Munitions-
arbeitern, franzosischen Lehrern, englischen Seeleuten, bel-
gischen Bergleuten, deutschen Kriegsopfern. Italiener, Hollan-
der, Norweger, Polen, Spanier, Schwarze, Gelbe, WeiBe, alle
durcheinander in dem sonnendurchgliihten, langgestreckten
Raum einer schrecklichen Autohalie. Ist das noch ein KongreB?
Wird da noch verhandelt? Sind das noch Beratungen? Nein,
nein! Langst hat dieser Massenaufmarsch den Rahmen eines
„ordentlichen" Kongresses gesprengt, langst hat sich in dem
immer wieder aufbrausenden Gesang der Internationale, die in
so vielen Sprachen gesungen, sich als besseres Verstandigungs-
3 349
mittcl erweist als die miihsame Arbeit der Ubersetzer, die Mani-
festation des weltumspannenden Widerstandswillens geformt.
Also doch nur eine Parade? Willi Miinzenberg hat in sei-
ner hinreiBenden Rede auf diese Gefahr hingewiesen. Aber er
hat zugleich erklart, welchen Sinn der Schrei nach ,,Taten"
haben kann, der auf diesem KongreB nahezu von jedem der
mehr als hundert Redner ausgestoBen wurde. Von Amsterdam
muB eine groBe Welle der Massenbewegung ausgehen, sagte
er, die uber alle Parteigrenzen hinweg, iiber alle sektiererischen
Sondergesichtspunkte hinaus die Einheitsbewegung gegen den
Krieg wird, die dem Ungeheuer die Zahne ausstoBt. Von
Amsterdam muB eine Flut der Masseninitiative ausgehen gegen
den Krieg, seine Vorbereitungen und seine Einkleidungen, in
welcher Maske immer sie auftreten, mit alien Mitteln zu be-
kampfen. Es war einer der Hohepunkte des Kongresses, als
der genfer Sozialdemokrat Nicole im Namen einiger Hundert
anwesender Sozialdemokraten seine Bereitschaft erklarte, in
dieser Einheitsfront mitzukamplen trotz der Sabotage der
,5Bureauvorsteher", wie Romain Rolland in seiner feurigen Bot-
schaft an den KongreB diejenigen Fiihrer der II. Internationale
nannte, die eine elementare Massenbewegung als einen An-
griff auf ihre Verwaltungsroutine ansehen.
Es gab auf dem KongreB auch eine winzige Opposition, Sie
ging von einer riihrigen Gruppe franzosischer Trotzkisten aus.
Der KongreB horte den fRedner dieser Gruppe mit Unruhe an.
Darin auBerte sich der Instinkt, oder wenn man will, die Fin-
sicht, daB wer in diesem Augenblick des imperialistischen Vor-
stoBes gegen die Sbwjetunion die Sowjetunion angreift, die
Sache des Feindes, die Sache des Krieges objektiv unterstiitzt,,
mag er subjektiv noch so sehr vom Gegenteil iiberzeugt sein,
Wir haben es bei der Einheitsfront gegen den Fascismus
erlebt: je groBer, je handgreiflicherdie Gefahr, desto elemen-
tarer der Durchbruch der Bewegung von unten. So wird es:
nach Amsterdam mit der Einheitsfront gegen den Krieg sein.
Je groBer die Gefahr, desto breiter die Front des Widerstandes
gegen alle Sabotage. In Amsterdam ist die Bewegung zum
ersten Durchbruch gekommen, und zugleich hat sie sich eine
feste organisatorische Form geschaffen, die in Zukunft als He-
bel der Bewegung dienen wird. Die Massen erkennen — : Amster-
dam ist dafiir ein Signal — , daB jeder Widerstand gegen diese
Einheitsfront ebensosehr eine Unterstiitzung des Krieges be-
deutet wie der Widerstand gegen die antifascistische Einheits-
front eine Unterstiitzung des Fascismus bedeutet. Friedrich
Adler hat vor dem KongreB das Wort gepragt von den
,, Idealist en in der Hand der Manovristen", womit er die pazi-
fistischen Idealisten als Opfer kommunistischer Man6verk hin-
stellte. Amsterdam zeigt, daB die Zeiten, da solche bureau-
kratischen Fragestellungen gewirkt haben, vorbei sind. Heute
fragen die Massen schlicht und einfach: Wofiir bist du? Fur
den Krieg oder gegen den Krieg? Fur den Fascismus oder
gegen den Fascismus? Und wenn man von ,Manovern" spricht,
so sind sie bereit zu fragen: Manover fur den Krieg oder gegen
den Krieg? Bei dieser Fragestellung zeigt sich, daB es in der
Tat so etwas wie ^Idealisten in der Hand der Manovristen"
350
gibt. Namlich die Masse der sozialdemokratischen Arbeiter,
die voll Idealismus gegen Krieg und Fascismus zu kampfen be-
reit sind, aber in der Hand reformistischer Fiihrer tatsachlich
Opfer eines Manovers jener Bourgeoisie werden, die den Krieg
braucht, um ihre durch Krise ausgetrockneten Weinberge mit
Mcnschenblut zu diingen.
Wenn die Einheitsfront gegen den Krieg, die in Amsterdam
feierlich beschworen wurde, wirklich ieste Formen annimmt
— dann gibt es keinen Krieg mehr. Dann ist das „Geheimnis
der Kriegsmacherei" endgultig geplatzt. Ohne EinfluB auf die
Massen kann der Kapitalismus den kriegerischen Ausweg aus
der Krise nicht beheben. Die Massen dem EinfluB der Kapi-
talisten, in jeder Form, entziehen, die eigne Massenkraft der
Arbeiterschaft wecken — ' das heiBt die Kriegsgefahr an ihren
Quellen verstopfen. Das war die Aufgabe von Amsterdam; ob
sie gelost wurde, wird schon die nachste Zukunft Gelegenheit
geben zu zeigen.
Doktor Scholz funkt dazwischen vonH.o.Kahic
pjie schlesische Funkstunde verschickte in den letzten Tagen
ein kleines, aber vielsagendes Schreiben folgenden Inhalts;
Herr Dr. Franz Josef Engel, der bisherige Letter der litera-
rischen Abteilung der schlesischen Funkstunde A,-G,( scheidet im
September von seinem Posten. Der Grund hierfur ist innerdienst-
licher Natur und mit seiner kiinstlerischen Tatigkeit nicht in Ver-
bindung zu bringen.
Die immer mehr anwachsende schlesische Reaktion, deren Fiih-
rer der nationalsozialistische Gauleiter Bruckner und sein SA-
Kommandant, der beruchtigte Fememorder Heines sind, hat ein
neues Opfer verschlungen. Mit Doktor Engel verlaBt vielleicht
der begabteste Funkregisseur Deutschlands einen Posten, den
er jahrelang bekleidet hat. Engel hat stets nach neuen fun-
kischen Moglichkeiten gesucht und fur das Horspiel die bisher
vollendetste kunstlerische Form geschaffen. Ge^en die welt-
anschaulichen und bureaukfatischen EinfHisse des Uber-
wachungsausschusses der schlesischen Funkstunde, in dem das
Zentrum die erste Geige spielte, hat er sich tapfer durchzu-
setzen versucht. Das beweist sein erfolgreiches Eintreten fiir
den Horspielautor Doktor Friedrich Wolf. Fiir den jungen
proletarischen Schriftsteller Georg W, Pijet und sein im besten
Sinne funkgemaBes Horspiel MMietskaserne", das Arnolt Bron-
nen in Berlin mit der schnoddrigen Randbemerkung „unge-
eignet" ablehnte, ist Doktor Engel mit warmen Worten einge-
treten und hat erreicht, daB wenigstens die besten Szenen
dieses Horspiels aufgefuhrt wurden. Er gehorte zu den weni-
gen erfreulichen Erscheinungen im deutschen Funkbetrieb,
Dieser Pionier fiir die kiinstlerischen und technischen Moglich-
keiten des Rundfunks, den die politische Reaktion und die
Engstirnigkeit bornierter Postrate zugrundegerichtet haben,
muBte aus „Grunden innerdienstlicher Natur" seinen Platz
raumen,
Intendant Bischoff, der Leiter der schlesischen Funkstunde,
der einmal der SPD nahestand und iiber das Zentrum, nach
351
rechts hintibergewechselt ist und zulieB, daB Nazi-Bruckner den
Ruf ,,Heil Hitler" zum liblichen GruB im Rundfunkhaus machte,
laBt durch die Entlassung seines engsten tmd wertvollsten Mit-
arbeiters seine Chamaleon-Natur erkennen, Er weicht der Ge-
walt der Salzsteuersoldaten und opfert seinen besten Mann der
Reaktion, Hoffentlich bringt Doktor Engel den Mut auf, vor
der Offentlichkeit der Rundfunkhorer und der Rundfunkautoren
gegen seine Entlassung zu protestieren. Hunderttausende von
werktatigen Horern und alle fortschrittlichen Intellektuellen
werden ihn in diesem Kampf unterstiitzen,
Auch Doktor Hans Flesch, der bisherige Intendant der
berliner Funkstunde, hatte die Moglichkeit, nach seiner Ent-
lassung durch den nationalsozialistischen Rundfunkkommissar
des Reichsinnenministeriums, Ministerialrat Scholz, gegen die
Neuordnung des Rundfunks im Sinne der fascistischen Re-
aktion offentlich Anklage zu erheben. Er hat es vorgezogen
zu schweigen.
Um sich ein Bild von der Auswirkung der fascistischen
Rundfunkdiktatur zu machen, braucht man sich nur ein ein-
ziges Woehenprogramm der deutschen Sender anzusehen. Grei-
fen wir uns die Woche vom 4. bis 10; September heraus. Die
schwarzbraune Koalition wirft ihre Schatten voraus. Ober alle
deutschen Sender geht am Sonntag vormittag der Festgottes-
dienst des deutschen Katholikentages in Essen, mit einer erz-
bischoflichen Festpredigt und der Obertragung) der Pontifikal-
messe, die der papstliche Nuntius Orsenigo zelebriert. Die
darauf folgende Bach-Kantate richtet an die Horer die nur zu
berechtigte Frage t1Warum betriibst du dich mein HerzM. Denn
anschlieBend werdeii die Lautsprecher vor Schmerz aufklirren
unter den HVereinigteri Posaunenchoren des Jun^gmannerbun-
des Mittelsachsens", die auf der Posaunenkundgebung des
evangelisch-sozialen Presseverbandes die sachsischen Be-
lange wahren. In den Abendstunden des Sonntags, der
giinstigsten Abhorzeit, iibernehmen Koln und eine Reihe andrer
Sender noch einmal eine Ubertragung vom deutschen Katho-
likentag. Nach diesen Konzessionen an die kirchlichen
Koalitionsgenossen stehen die wichtigsten Sendezeiten den
fascistischen Organisationen zur Verfiigung.
Dienstag abend iibertragen die berliner Funkstunde und
der Deutschlandsendei- das erste Werbekonzert der Besucher-
organisatioa des Kampfbundes fur deutsche Kultur, auf dem
der Botschafter Hitlers, Alfred Rosenberg, die Festrede halt.
In den ersten Ankundigungen war die Rede nicht vorgesehen.
Pg. Scholz hat helfend eingegriffen. Auch vom Frontsoldaten-
appcll des Stahlhelms auf dem Tempelhof er Feld wird ein Hor-
bericht gesendet, unter Hervorhebung aller reaktionaren Ge-
rauschkulissen wie Fahneneinmarsch, groBer Zapfenstreich,
Fahnenweihe und Vorbeimarsch. Im vergangenen Jahre wurde
die geplante Obertragung des Stahlhelmaufmarsches in Breslau
im letzten Augenblick abgesagt Bedarf es eines weiteren
Beweises, daB sich heute der Fascismus und die dunkelste kul-
turelle Reaktion die entscheidenden Positionen im Rundfuhk
erobert haben?
352
Der rieue Kommissar und seine engsten Mitarbeiter ver-
stehen es vortrefflich, auf dem wichtigsten Instrument der Mas-
senbeeinflussung, dem Rundfunk, zu spielen. Die Herren, die
sich Doktor Scholz zur Leitung des Funkbetriebs ausgesucht
hat, verfiigen iiber propagandistische Erfahrung, die sie sich
bei ihrer Arbeit in Rechtsverbanden und bei der Schwer-
industrie erworben haben. So begann der personliche Referent
des Rundfunkkommissars, Doktor Gustav Krukenberg, seine
Laufbahn bei der 3. Gardedivision, die ihn iiber das Reichs-
wehrministerium in das Inlandsreferat der Presseabteilung der
Reichsregierung fiihrte, Fur kurze Zeit leitete er das Minister-
bureau des Auswartigen Amtes und ging dann in den Reichs-
verband der deutschen Industrie iiber. Direktor Walther Beu-
melburg, der Bruder des fascistischen Schriftstellers, ist eben-
falls aus dem Offizierkorps der alten Armee hervorgegangen
und fand in der Nachrichtenabteilung des Generalstabs Ver-
wendung, Nach kurzer Tatigkeit im Pressedienst eines Ministe-
riums, das der oHizielle Chronist schamvoll verschweigt, iiber-
nahm er den Posten des berliner Vertrauensmanns der Orgesch,
der ersten fascistischen Zelle in Deutschland, aus der zahlreiche
nationalsozialistische Fiihrer hervorgegangen sind. Seine Funk-
tion im Haus des Rundfunks scheint noch nicht festzuliegen,
Zuerst gait er als der zukiinftige Sachbearbeiter fiir staatspoli-
tische Programmfragen, wahrend er heute als Pressechef der
Reichsrundfunkgesellschaft genannt wird. Ein hochst iiber-
fliissiger Posten, denn mit Ausnahme einjger weniger uhabhan-
giger Zeitungen und Zeitschriften ist der Rundfunk fiir die
deutsche Presse das MBHimlein riihr mich nicht an"!
Aus Hamburg holte sich Ministerialrat Scholz als kom-
missarischen Referenten fiir die kultureljen Programmarbeiten
den Direktor der Norag, Doktor Kurt Stapelf eldt, einen friihern
Redakteur der , Hamburger Nachrichten*, eines ublen deutsch-
nationalen Hetzblattes, dessen Urteil iiber den beuthener Ge-
richtsspruch folgendermaBen lautet: „Was in Beuthen abge-
urteilt wurde, war ja kein Gewaltakt gegen einen deutschen
Volksgenossen sondern die Beseitigung eines polnischen (!)
Halunken, der zudem (!) noch Kommunist war. Also ein zwie-
facher Minusmensch, der das Recht, auf deutschem Boden zu
leben, langst verwirkt hatte . . /' Kurz nach seinem Eintritt in
die Norag lieB sich Stapelf eldt ein Mitgliedsbuch der.SPD aus-
stellen, um, beim hamburger Sender, in dessen Programmaus-
schuO der sozialdemokratische Landrat Adler eine groBe Rolle
spielte, rascher avancieren zu konnen. Die politische Rechts-
konjunktur fiihrte ihn wieder in die Nahe seines Ausgangs-
punktes, des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes,
zuriick.
Diesem Gremium von politisch und personlich belasteten
Mannern um Ministerialrat Scholz, einen friihern Amtsrichter
aus Oberschlesien, der durch Severing ins Reichsinnenmmiste-
rium kam, ist der deutsche Rundfunk durch Freiherrn v. Gayl,
dessen Kultur die Ullstein-Presse bei jeder nur moglichen Ge-
legenheit riihmend hervorhebt, ausgeliefert worden. Ihnen
„paBt die janze Richtung nicht". Fortschrittliche und begabte
353
Menschen wie Doktor Engel mtissen gehen, damit Mucker
und Kulturbanauscn das deutsche Rundfunkprogramm bestim-
men konnen. Geld spielt bei dieser Umstellung keine Rolle.
Die Rundfunkzeitschrift .Arbeiter-Sender' errechnet in einer
ihrer letzten Nummern einen Betrag von 2,75 Millionen Mark,
die fiir Abf indungen an abgebaute Angestellte und fur Liqui-
dationsunkosten bei der Umwandlung der Gesellschaftenf ge-
zahlt werden miissen, Im Funkhaus hort man bereits, daB die
Umbauarbeiten im grofien Sendesaal, die zur Erreichung einer
bessern Akustik notwendig waren, eingestellt werden sollen.
Der Horer zahlt es ja.
Was ist jetzt zu tun? Fiinfzigtausend Horer haben im letz-
ten Vierteljahr abbestellt, und zwar nicht allein, weil ihnen die
Gebiihren zu hoch sind. Das wird weitergehen, aber allein
nicht zum Erfolg Hihren, Millionen horen weiter. Zahlstreik,
also nicht abbestellen, aber weiterhoren, das ware ein Druck-
mittel, wenn einige Hunderttausend es taten. Nicht umsonst
hat in diesem Sommer die Reichspost die Bestimmungen fur
den gebuhrenfreien Empfang erleichtert, Es gibt heute bereits
fast eine halbe Million von gebuhrenfreien Horern, unter denen
sich grade die kampfbereitesten Schichten befinden,
Man mufi klar sehen, daB die kulturelle Reaktion, die grade
beim Rundfunk einen so sichtbaren Ausdruck gefunden hat,
untrennbar ist von der politischen Reaktion, von der rapiden
fascistischen Entwicklung, die Deutschland durchmacht, Zur
rechten Stunde wurde von einer Reihe f ortschrittlicher Schrift-
steller der 1fBund freier Rundfunkautoren" gegriindet, dem tag-
lich, zahlreiche Beitrittserklarungen zugehen. Diese Organi-
sation muB gemeinsam mit den organisierten Horern und alien
antifascistischen Kraften eine Kampagne unter den Rundfunk-
horern durchfiihren,
Harakiri des Theaters? von Herbert ihering
W^as' noch vor wenigen Wochen als drohendes Zukunftsbild
des deutschen Theaters aufgestellt wurde: die Demorali-
sierung der Betriebe durch Denunziation, die Zerstorung kiinst-
lerischer Gemeinschaften -durch Terrorisierung, die Feigheit des
Biihnenvereins, das ist langst Gegenwart geworden, Intendan-
ten versperren jiidischen Darstellern das Engagement aus Angst
vor den Nazis. Stucke verdachtiger Autoren — und jede Be-
gabung ist verdachtig — werden nicht mehr gespielt. Schau-
. spieler schrecken vor keinem Mittel zuriick, gegen ihre In-
tendanten Material zu bekommen, wenn sie ihnen nicht ge-
fiigig sind. Das geht bis zu dem krassen und hemmungslosen
Versuch des Schauspielers Gerhart Ritter in Frankfurt am Main,
sich aus der Intendantur Briefe verschaffen zu lasseri, die ge-
gen Doktor Kronacher verwertet werden kohnten. Warum?
Weil seine Rolle, den ,,Urg6tz", Heinrich George spielen sollte.
Es gibt ein ruhmenswertes Gegenbeispiel (die bekannte Aus-
nahme, die die Regel bestatigt): das technische und kiinstle-
rische Personal des Stadttheaters Stettin hat sich, als die
Hetze losging, mit einer besonderen Vertrauenskundgebung fur
354
den Intendanten MeiBner initiativ an die Einwohnerschaft ge-
wandt.
Es ist klar, dafi diese Zustande nicht durch Proteste oder
Polemiken aus der Welt geschafft werden konnen. Mit Lite-
ratur ist wenig zu erreichen, weil die Gegensatze so fest-
gefahren, die Geister so stur geworden sind. Die politische
Machtfrage ist auch im Theater aufgerollt. Illusionen sind ge-
fahrlich. Beleidigttun ist lacherlich. Martyrergesten sind al-
bern. Es gibt immer noch Mittel, die Linie der Kunst zu
sichern: die Leistung. Das klingt wie ein Widerspruch. Die
Angeberei vernichtet die Arbeitsatmosphare, zerriittet die En-
sembles — und doch soil die Leistung noch ein Kampfmittel
sein? Die Begabung, grade sie, wird geachtet — und doch soil
das Werk noch als Waffe dienen? Auch demoralisierte
Epochen, wie unsre, konnen die Moral der Arbeit nicht ganzlich
vernichten. Immer noch schafft Leistung ZusammenschluB. Heute
sind es wenige, morgen sind es mehr. Arbeit schafft1 wieder
Macht,
Um so grauenhafter ist, was in Berlin geschieht. Wenn
fruher die berliner Biihnen vom Konkurrenzstandpunkte gelei-
tet wurden, und jeder Durchfall des einen Direktors den an-
dern freute, so ist dieser Kleinkrieg heute langst eine vorsint-
flutliche Angelegenheit. Oder sollte es wenigstens sein, Heute
steht mit jeder Premiere das Theater iiberhaupt auf dem Spiel-
Die Niederlage einer einzelnen Biihne ist die Niederlage aller.
Aus der Ferae des Gegners gesehen, stehen sie alle in gleicher
Front* Alle, die in ihren Programmen nichts miteinander zu
tun haben, Martin und Eugen Robert, Ebert und Barnowsky.
Aus der Ferne des Gegners gesehen, ist Eberts groBartige In-
szenierung des Verdischen ,, Macbeth" dasselbe wie ein Cock-
tail-Lustspiel des shobistischen Renaissance-Theaters, Nie-
mand kann heute mehr sagen: nehmt doch die Kurfiirsten-
dammschmarren nicht soj wichtig, stoBt, euch nicht an
Operetten, das Theater hat zwei Seiten, laBt dem Snob die
eine, gebt dem Arbeiter die andre. Heute wird mit den
Rotters die Volksbiihne und mit der ,,Komodie" die Stadtische
Oper totgeschlagen.
Es ist also von einer Frivolitat ohnegleichen, wenn Max
Reinhardts zweiter Sohn Gottfried, zwanzigjahrig, ohne eine
Lern- und Lehrzeit durchgemacht zu haben, als Regie- und
Schauspielerstar auf die Komodie losgelassen wird, wenn ein
Stuck, dessen Albernheit keine Grenzen kennt, wie diese
„Europa A.-G,'\ als groBe Premiere sich auftut. Es mag ein
Zeichen fur die Hysterie des geistigen Lebens sein, daB es
keine Bagatellen mehr gibt. Aber es ist eine Tatsache. Es
gibt keine Bagatellen mehr. Die Familienangelegenheit Rein-
hardt wird zu einer offentlichen Sache. Der MiBbrauch. eines
Theaters zum MiBbrauch des Theaters iiberhaupt. Die Zer-
setzung, ein beliebtes Schlagwort der Reaktionare, hier ist sie
schreckhafte Wirklichkeit Wenn das nicht deutlich aus-
gesprochen wird, macht sich die Kritik mitschuldig.
Schlimm genug, daB niemand aufstehen und sagen kann,
daB in Berlin eine wertvolle Buhnenkultur zerstort wurde. Sie
355
hat sich sclbst zerstort. Sie ist zugrunde gegangen, wcil man
solangc an eincm abgenutzten Direktorcntyp fcstgehalten und
der Reaktion die Einbruchsstellen selbst gezeigt hat, Diese
Einbruchsstellen waren die mondanen Plauschstucke, der Ope-
rettenschund, das Revuegewitzel. Die ganze vorige Spielzeit
— was war sie anders als ein Hinweis auf die Minderwertig-
keit des berliner Theaters, als eine Aufforderung zur Reaktion.
Es kann sich also niemals darum handeln, diesen sogenannten
Bestand zu retten, sondern nur darum, den Auf bau zu ermog-
Hchen. Nun ist es der Fiuch dieser verwirrten Jahre, daB die
jungen Autoren und Schauspieler, die sich heute zu Gemein-
schaften und zu Kollektiven zusammenschlieBen, mit denen
verwechselt werden, die zu bekampfen grade der Sinn ihres Zu-
sammenschlusses ist; daB die Schriftsteller und Regisseure, die
gegen das Cocktail-Theater immer gewesen sind, mit diesem
Cocktail-Theater heute zusammengeworfen werden.
Es handelt sich nicht um die Rettung der alten Biihnen.
Diese sind faul. Es handelt sich um die junge Generation,
die geopfert wird. Vielleicht konnte man aus einigen prinzi-
piell gedachten Aufsatzen des ,Volkischen Beobachters* schlie-
Ben, daB selbst ihm dieser Widerspruch dammert. Mit merk-
barem Vorwurf wendet er sich gegen den SittlichkeitserlaB Dok-
tor Brachts, .gegen die Erstarrung in der Negation und im Ver-
hot. gegen den Beharrungswillen in der Kultur. Auch erstellt den
Leistungsgedanken auf. Auch er schreibt von der Bequem-
lichkeit und setzt das Wort „anst6Big" hohnisch in Anfiihrungs-
striche, „als ob ein Neues, das die Entwicklung weitertreibt,
nicht immer anstieBe!". Kaum aber hat er sich gegen die
,,Unwahrheit solcher offiziell gehegter und gepflegter Kultur
fur den Hausbedarf" mit erstaunlicher Deutlichkeit gewandt,
als sofort wieder vom ,,volksvergiftenden Kulturbblschewismus"
und von rein volkischeh Idealen die Rede ist unddamit wieder
der Kreis zur Reaktion1, zur Beharrung hin geschlossen wird.
Das Wort hat wieder der reaktionare Terror. Wenn das Thea-
ter aber fortfahrt, sich selbst zu prostituieren, bedarf es dieses
Terrors nicht mehr. Dann wird dem Betriebe auch die junge
Generation geopfert — und der Kampf gegen die Reaktion
ist sinnlos geworden.
BenitO LlldOViCO von Thomas Murner
P mil Ludwig hat ein Buch verof f entlicht^ das achtzehn mit
Mussolini gefuhrte Gesprache umfaBt. Gesprache iiber
Aktuelles und Vergangenes, iiber Politik und Geschichte, iiber
Wesen und Moral des handelnden Menschen. Ludwig sieht in
Mussolini die heroische Erscheinung im Sinne Nietzsches, den
Condottiere von heute, ,,Ich habe Mussolini als historische
Figur empfunden, und da mir vollkommene Freiheit zugesichert
war, ihn x tcht anders befragt, als ichs mit solchen gewohnt
bin, Hier kann ich einen Unterschied zwischen Lebenden und
Toten gar nicht empfinden." Nicht so sehr Mussolinis Politik
bewegt den Biographen Bismarcks und Napoleons als vielmehr
356
sein Charakter, ,,Seit fiiniundzwanzig Jahrcn hatte ich, den
homo activus umkreist und dramatisch, historisch, psycho-
logisch vorzustellen unternommen, Jetzt saB er mir gegen-
uber." Einc unerhort giinstige Gelegenheit, in etwa vierhun-
dert Fra^gen dem Diktator unter die Haut zu dringen. Trotz-
dem ist das Ergebnis enttauschend. Durch keine Seite dieses
Buches weht geschichtliche Lu£t, nirgends wird ein neues Kri-
terium zur Beurteilung Mussolinis bemerkbar, Bewiesen wird
nur, daB der Duce ein auBerst belesener Mann ist, wohl-
beheimatet in schwierigen, literarischen und philosophischen
Diskussionen, Das aber brauchte nicht bewiesen zu werden,
das weiB man aus seinen Reden und Schriften.
Vielleicht ware der Eindruck starker, wenn Ludwig sich
auf die trockenen Stenogramme beschrankt hatte. Aber der
Mann wirkte zu stark auf seine Phantasie, und so lieB er sich
verleiten, ihm einen damonischen Hintergrund zu schaffen, der
nicht ganz irisch anmutet. Dieser neue ,,man of destiny" hatte
im Sinne Bernhard Shaws ganz nuchtern, ganz in seinem All-
tag festgehalten werden miissen; hier sprechen aus ihm allzu
viel tote Helden und Diktatoren mit. Bald gleicht er dem
Colleoni, bald sieht er napoleonisch aus, bald klingt sein
Lachen leise und unheimlich. Wahrend Shaw von seinem
Casar oder den Richtern der heiligen Johanna den Staub der
Geschichte abklopft und sie in unsre Gegenwart holt, um zu
zeigen, daB sie Menschen waren wie wir, wird bei Emil Lud-
wig der zeitgenossische Tatbestand Mussolini eine Theater-
Hgur mit Requisiten des konventionellen Renaissancedramas.
Ludwig hat seine Begeisterungsfahigkeit, sein kiinstlerisches
Vermogen, in einer fremden Gestalt aufzugehen, auch seinem
Helden mitgeteilt. Das ergibt aber keinen Mussolini sondern
ein neues Doppelwesen, das man Benito Ludovico nennen
mochte, einen humanisierten Diktator, der seine Flegeljahre
als Tyrann hinter sich hat und zum Heile seines Volkes und
der Menschheit konstruktiv zu werden beginnt. Das acht-
zehnte Jahrhundert trug immer das Idealbild des ,,guten
Fiirsten" in sich. Der nicht grade verwohnte geistige Mensch
dieser Krisenzeit formt sich nach seinen Wiinschen den
frguten" Diktator.
Mussolini war in diesen Reden und Gegenreden selbst-
verstandlich wachsamer als Ludwig annimmt, Er hat in hohe-
rem MaBe Ludwig gefiihrt als dieser ihn. Er hat in den
weichpn Stoff des ihn bewundernden Interviewers das Bild
gepragt, das er von sich wiinschte. Mussolini wuBte, daB
diese zu Ludwig gesprochenen Worte nicht verhallen sondern
in Europa*und Amerika aufmerksam und kritisch gelesen wer-
den wiirden. Ludwig scheint wirklich der Meinung zu sein, der
Gebieter von zweiundvierzig Millionen bringe ein groBes Opfer,
sich mit ihm hinzusetzen und platonische Dialoge zu fiihren.
Ludwig unterschatzt sich. Der Duce verkannte die Tatsache
nicht, sich hier einem Autor von internationalem Ansehen
gegeniiber zu befinden, auf den namentlich die angelsachsische
Welt viel gibt. Der Meister der Propaganda zauderte nicht.
Im Gegensatz zu — sagen wir Herrn von Neurath — weifif er,
was ein Schriftsteller bedeutet.
357
Dabci bleibt Mussolini toujours en vedette. Er verweilt
lieber bei MacchiavelH, Nietzsche und Plato als bei der hart-
kantigen Gegenwart. Wo er sich herbeilaBt, Politik zu be-
riihren und Meinungen abzugeben, ist es bei weitem nicht so
ertragreich wie bei Briand, Churchill oder Lloyd George. Der
Duce bandigt seine sudlandische Eloquenz, Wo es ernst wird
— also interessant werden konnte — antwortet er knapp und
ablenkend. Es ist kein Wunder, daB er iiber den Fascismus
zu sprechen vermeidet. Der Chef der, Firma wird nicht leicht
das Fabrikationsgeheimnis preisgeben. So bleibt das Thema
unberiihrt, und das ist das wirkliche Manko dieser Dialoge.
Was hilft es da, daB beide Gesprachspartner manches Geist-
reiche iiber das Mirakel der Personlichkeit sagen? Das ist ein
jweites und nirgendwo verpflichtendes Gebiet, Ware aber von
den geschichtlichen Kraiten die Rede, die den italienischen
Diktator tragen und deren Vollstrecker er ist, dann wiirde
auch die Bildsaule des isolierteri Willensmenschen verschwin-
den, dafiir aber ein Politiker vor uns erstehen, der sich aus
gesellschaftlichen Bedingungen ergibt und danach beurteilt
werden muB. ,tDeshalb sind diese Gesprache, mogen sie poli-
tischer, historischer, moralischer Natur sein, doch immer nur
psyehologische Gesprache", sagt Ludwig und trifft damit glatt
vorbei. Man kann die Psychologie eines Staatsmanns nur mit
seinem Werk hinter ihm ergriinden. Zu Mussolini gehort
Italien — nicht einc Comparserie, die ihm zujauchzt, wohl aber
das wirkliche Italien, das gekettete, in dessen groBen Stadten
das Volk aus Furcht vor Angebern nicht laut zu sprechen
wagt. Ludwig brauchte gewiB nicht so zu fragen wie ein
Zwangsbewohner der Liparischen Inseln es tun wiirde, denn
er war Gast, aber die Gemeinplatze seines Gesprachspartners
iiber die Vortreiilichkeit der carta del lavoro und; des vom
Fascismus eingefiihrten sozialen Systems hatte er nicht ohne
Widerrede hinnehmen diirfen. Ihn blendete die schimmernde
Aura der Macht, die statuarische Rdmergeste, Er hatte den
Collepni im Kopfe und leider gar keinc politische Okonomie.
So kam nur ein Renaissancebild heraus, aber auch das nur
aus dritter Hand, nicht Verrocchio sondern Makart.
SchnipSel von Peter Panter
l^aufen, was einem die Kartelle vorwerfen; lesen, was einem die
*^ Zensoren erlauben; glauben, was einem Kirche und Partei ge-
bieten. Beinkleider werden zur Zeit mittelweit getragen. Freiheit
gar nicht.
Manchmal sieht man Freunde wieder, die es zu etwas gebracht
haben. Neid? NeitL Aber wenn man lange naqhgedacht hat, warum
sie einem so fremd und so unsympathisch geworden sind, «o durfte es
wohl dieses sein: ihre siifiliche Erfolgschnauze.
Zitate:
GenieBt der Junglmg ein Vergniigen.
so sei er dankbar und verschwiegen —
ist nicht von Wilhelm Busch.
358
Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen
steht nicht in, Lessings Nathan.
Die Staatsgewait geht vom Volke aus . . .
das steht allerdings in der Reichsverfassung.
*
Der elektrische Stuhl geht auf eine Anregung Edisons zuriick.
Wie alles, was in Amerika geschieht, war auch dieses eine etwas
schmierige Konkurrenzgeschichte zwischen zwei Gesellschaften. Aber
vorgeahnt hat diese Strafe, wie so oft, das deutsche Gemiit. In
Webers Demokritos, der in der ersten Halfte des neunzehnten Jahr-
hunderts erschienen ist, heifit es im Kapitel „Die Juristen und Ad-
vokaten":
„Die so schrecklich mifibrauchte Guillotine war -eigentlich eine
Erfindung der Humanitat, da aber die galvanischen Versuche be-
weisen, dafi der Kopf, den die Maschine abschlagt, noch so lange
empfindet * , ., wie ware es, wenn man sich an die beliebte Elektri-
zitat hielte? Eine Statue der Gerechtigkeit, die ihr Schwert als
Konduktor einer geladenen Batterie von dreifiig Leydner Flaschen
herabsenkte auf den Missetater, der Icaum beriihrt tot hinsturzte, wie
vom rachenden Blitze des Himmels, ware die humanste Todesart,
und! fiir die Zuschauer dennoch vielleicht das grofite Abschreckungs-
mittel"
Befehl ausgefiihrt.
*
Es mufi immerhJn darauf hingewiesen werden, dafi II j a Ehren-
burg der einzige Schriftsteller gewesen ist, der in den „Heiligsten
Giitern" (erschienen im Malik-Verlag in Berlin) auf Herrn Ivar
Kreuger vor dem Krach mit Fingern gezeigt hat. Die Finanzkenner
waren entsetzt und zuckten die Achseln, soweit sie lesen konnten.
„Was weifi denn dieser Literat davon!" Man soil immer wieder auf
die Torheit, die Kurzsichtigkeit, die Instinktlosigkeit und die boden-
lose Ignoranz dieser Qroflen hinweisen. Die Dummheit der Men-
schen manifestierte sich friiher im Militar, heute in den Wirtschafts-
fuhrern.
Ein Kiinstler braucht keinen Erfolg zu haben. Aber ein Zahnarzt,
der nicht von Schmerzen befreit; ein General, der daueriul Priigel be-
kommt, und ein Wirtschaftskapitan, der nicht weifi, wo Gott
wohnt — i diese drei diirften nicht ganz das Richtige sein,
*
Der Arbeiter hafit den Unternehmer lange nicht so wie der
Unternehmer den Arbeiter hafit, fiirchtet, verabscheut und in die
tiefste Holle wiinscht. Man vergelte ihm das.
*
Wenn Ivar Kreuger Jude gewesen ware , . , oder wenn Ivar
Kreuger ein kleiner Buchhalter gewesen ware
Er war aber nur ein konsequenter Vertreter des kapitalistischen
Systems,
*
Eine Geschichte? Dies ist eine schone Geschichte.
Ein amerikanischer Milliardar — meine Geschichten spielen alle
in vornehmer Gesellschaft — ein amerikanischer Milliardar wurde
einst von einem Freunde gefragt: „Wie machen Sie das, Herr Money-
maker: auf jedem Ihrer, Empfange werden Ihnen Hunderte von Leu-
ten vorgestellt, Menschen, die Sie nie vorher gesehn haben. Alle
aber unterhalten sich mit Ihnen auf das trefflichste, Wie machen
Sie das nur?" — „Ich habei mir da eine Methode ausgedacht",
sagte der Milliardar. „Ich frage jeden Menschen, der mir vorgestellt
wird: Was macht Ihr Leiden — ?"
359
Das ohnmachtige Zwiegesprach Erich Tastner
Der Chronist sprichf;
Vur Macht gelangt nur, wer die Macht begehrt.
" Ihm winkt sie zu. Ihm gibt sie dunklc Zeichen,
Und ihm befiehlt sie, eh sie ihm gehdrt;
„Stell unser Bett auf einen Berg von Leichen!"
Die Macht liebt den, der sie entehrt.
Denn sie ist eine Hure ohnegleichen.
Sie liebt die Morder, Und sie schlaft mit Dieben.
Schaut in die Bucher! Dort stents aufgeschrieben.
Und dann blickt hoch und von den Biichern fort!
Die alte Hure ist sich treu geblieben.
Noch immer liebt sie Gaunerei und Mord
und schlaft wie einst mit Raubern und mit Dieben. .
Sie beugt das Recht. Sie bricht ihr Wort-
Und immer gibt es Manner, die das lieben.
Das heilige Gesetz, nach dem sie leben,
ist alt und heifit: Wer hat, dem wird gegeben,
Seht* ihr die Wolke, die am Himmel schwimmt?
Dahinter, sagt man, wurden Engel schweben,
Und alles, was man euch auf Erden nimmt,
das wurde man euch droben wiedergeben.
Die Machtigen beschworen, dafi es stimmt.
Drum nehmt euch, eh man es euch nimmt, das Leben!
Vielleicht konnt ihr zu guter letzt als Leichen,
was euch als Lebenden mifilang, erreichen.
Der Fragesteller meint;
Willst du diesen Spott nicht lassen?
Wickle dich nicht in Geduld.
Seine Gegner soil man hassen!
Ihr seid alt und habt die Schuld.
Weshalb lieBt ihr denn den Tropfen
und den Raubern die Gewalt?
Ihr mit euren Denkerkopfen,
Ihr seid schuld. Nun seid ihr alt.
Wer nur redet und nicht handelt*
redet dumm und handelt schlecht.
Erst wenn ihr die Welt verwandelt,
seid ihr. klug und habt ihr recht.
Wir sind jung und wollen wissen:
Weshalb habt ihr denn die Macht
nicht und nie an euch gerissen
und die Lauterung vollbracht?
Standet ihr denn stets daneben?
Habt ihr weiter nichts erreicht
als ein ziemlich langes Leben
und den Bart, den ihr euch streicht?
Der Chronist entgegnet:
Du willst die Dummheit sturzen und dem Geist
die Macht, obwohl er sie nicht mag, verleihen?
Du willst, dafi man der Macht die Macht entreiBt?
Die Welt von der Gewalt befreien, heifit,
die Welt von den Gewaltigen befreien!
360
Drum jage dein Gewissen fort.
Es kann das SchieBen nicht vertragen,
Du liebst die Menschen bis zum Mord?
Wirf dein Gewissen iiber Bord.
Ich weifi Bescheid und darf das sagen,
Du willst versuchen, was wir langst versuchten.
Es war uns nicht genug, daB wir die Macht
und ihre Kerle kunstgerecht verfluchten
und im Register unsrer Zeit verbuchten.
Wir wollten mehr. Wir haben mehr vollbracht.
Im Jahre 1940 waren
die Herren der Erde wieder mal soweit:
Sie litten an zu vielen Friedensjahren,
zogen die Volker heftig an den Haaren
und brauchten wieder eine groBe Zeit,
Man lieB verschiedne Gegensatze klaffen,
weil so ein Schlachtfest Grtinde haben muB.
Man gab den Volkern die modernsten Waffen,
lieB beides an die Landesgrenzen schaffen,
und etwas spater fiel der erste SchuB.
Er traf, in Rom, den englischen Gesandten,
Der zweite SchuB traf Frankreichs Feldmarschall.
Der dritte traf den spanischen Infanten,
Es, .starben auch sechs Waffenlieferanten.
Man horte die neun Schilsse tiberalL
Die Herrn der Erde stotterten Befehle.
Die Volker sahn sich unentschlossen an
und wollten sich noch immer an die Kehle.
Da fielen zweiundzwanzig Generate.
Der Krieg war aus, bevor der Krieg begann.
Die Volker lieBen ihre Waffen liegen.
Sie fuhren heim und waren wieder frei.
Das war der kiirzeste von alien Kriegen.
Zweihundert Manner, mutig und verschwiegen,
gewannen ihn. Und ich war auch dabei.
Zweihundert Mann hatten den Krieg verboten.
Und sie bezahlten, wie sich das gehort.
Sie zahlten bar, mit dreiundachtzig Toten.
Die Andern sind gesund zuruckgekehrt . . .
Der Fragesteller fragt:
Das war der Krieg, den ihr gewannt.
Mehr war euch leider nicht beschieden.
Das war ein Krieg, den ihr gewannt.
Warum gewannt ihr nicht den' Frieden?
Der Chronist behanptet;
Weil die Vernunft nicht allzu oft gewinnt!
Denn auch die Menschheit folgt Naturgesetzen.
Und ich befurchte, dafi sie ewig sind.
Wer sie verbessern will, muB sie verletzen.
Man darf die Volker ins Verderben hetzen,
weil das den Regeln ihrer Welt entspricht.
Doch sich der Bosheit hilfreich widersetzen,
das darf man nicht!
361
Der Krieg war aus. Wir waren nichts mehr wert.
Wir hatten viel getan und nichts verwandelt.
Die Macht liebt den, der sie entehrt.
Und auch der Mensch liebt den, der ihn miBhandelt.
Der Fragesteller behauptet:
Was euch mifilang, wird uns gelingen.
Das Ziel, das wir erreichen werden, heiBt:
Die Welt zu ihrem Gliick zu zwingen!
Was sollen denn die Giite und der Geist,
wenn sich ihr Wesen nur an denenf
die selber gut und weisesind, erweist?
Das Gliick der Welt, das wir so sehr ersehnen,
wird durch die Sehnsucht nicht erreicht.
Das Gltick der Menschheit kostet Blut und Tranen!
Der Chronist resiimiert:
Du liebst die Menschen nicht, Du hast es leicht.
Biirgerkriegsgericht von Gabrieie Tergit
In Moabit, niemand, der gerecht, nicht durch eine Parteibrille sieht,
* kann es leugnen, herrschte bisher eine humanisierte Atmosphare,
Jetzt, seit acht Tagen, ist dort Hochgericht.
Seit Jahren kennen wir diese Prozesse. Mit einer Schlagerei be-
gann es, mit dem Krieg hat es geendet. Immer war es so, daB iiber
die aufgeregte Tat, nach wochenlanger Untersuchung und Unter-
suchungshaft geurteilt wurde, wenn die Welt sich schon, wieder ge-
andert hatte, wenn die AuBenwelt sich schon nicht mehr fur diesen
Fall interessierte. In Stille und Ruhe, mit immer neuen Zeugen
milderte sich, aber verwischte sich auch das Urteil iiber das Ge-
schehnis, und schlieBlich, wie es bei Kollektivhandlungen nicht an-
ders sein kann, war die Schuld des. einzelnen schwer meflbar, schien
immer gering, stand nie im Verhaltnis zur Erschiitterung des Ge-
samtwohls.
Jetzt tagt in Moabit das Sondergericht, Wie Sondergericht?
Es ist ein Kriegsgericht, Es ist ein Biirgerkriegsgericht,
Die Aufregung der erhitzten Strafien, der aufgehetzten Menge,
der verangstigten Menschen, die Furcht haben vor dem politischen
Gegner, ist nun im Gerichtssaal. Der Schrecken geht um und das
Grauen. Todesstraf e, zehn Jahre Zuchthaus ! Es gibt keine Laien-
richter mehr. Drei gelehrte Richter, drei Juristen fallen den Spruch.
Die Urteile sind unanfechtbar. Die Verhandlungen sind rasch. Es
ist Kriegsgericht,
Wer ein Leben lang die Gedanken der Humanitat gepflegt hat,
wessen Weltanschauung fern stent der Gewalt, fur den enthalten
diese Gerichtsverhandlungen, an deren SchluB der Schrei der ver-
zweifelten Mutter steht und das Briillen vernichteter Tiere, das
Ende einer mildern Welt.
Aber nicht nur dies ist der Schrecken. Diese Gerichtsverhand-
lungen sind so: der Tatbestand ist geklart, eine Schlagerei oder eine
SchieBerei auf die Polizei oder auch nur eine Zusammenrottung.
Das Urteil mit seinen hohen Strafen steht fest. Was nicht fest
steht, ist etwas ganz Primitives, namlich: ist der Angeklagte iiber-
haupt der later?
Alle Verfeinerungen der Urteilsfindung werden iiber Bord ge-
worfen. Nicht der later wird mehr beurteilt, sondern nur noch die
Tat. Fur "die Staatsrason war immer die asoziale Tat das zu be-
strafende. Eine spatere, weniger primitive Zeit hat sich ent-
schlossen, das Individuum iiber das Kollektiv zu stellen, und es war
der Tater, der bestraft wurde. Aber jetzt handelt es sich nicht
362
mehr darum, das MaB von Schuld abzuwagen, das dieses und grade
dieses Individuum trifft nach seinem Verstande, seinem Herkommen,
dem AusmaB seiner Lebensschwierigkeit. Die Psychologie hat aus-
gespielt, die Staatsrason ist wichtiger. Es ist nur noch die Tat,
urn die es sich handelt,
Der Staat lieB dem Terror freien Lauft Jahr um Jahr, nichts
wurde gehindert, Drohreden konnten geschwungen werden, Biirger-
kriegstruppen sich vorbereiten, der Terror den Friedlichen wie den
Unfriedlichen bedrohen, das Morden verherrlicht, zweierlei Recht
proklamiert werden, ehe der Staat eingriff. Nun werden die Letzten
mit der ganzen Scharfe des Gesetzes vernichtet,
Und wenn nur die Richtigen gefafit wiirden! Aus jeder Ver-
handlung bleibt der Zweifel iibrig, der furchtbare Zweifel jedes
Indizienbeweises. Und wenn grade Schmidtke nicht geschossen hat,
oder Puschel nicht geschossen hat, oder Kopper nicht geschossen
hat? Schmidtke, der Junge, Piischel, der fast Blinde, Kopper, der
Vater dreier kleiner Kinder! Was dann? Und jeder ist zu zehn
Jahren Zuchthaus verurteilt worden!
Wer ist Zeuge in diesen Prozessen? Der politische Gegner. Oft
hat man das Gefuhl, fur ihn sind diese Prozesse die Fortsetzung des
Straflenkampfes mit andern Mitteln, Da treten die Zeugen vor und
kennen die Angeklagten ganz genau, sie sahen sie schieBen, sie sahen
sie demonstrieren. Der Reichsbannermann Rothe wurde verurteilt,
weil einige junge Nationalsozialisten bestimmt behaupteten, ihn
nachts um 1 Uhr in der Alten JacobstraBe auf der gegeniiberliegen-
den Seite erkannt zu haben, trotzdem einige altere Nationalsozialisten
vorsichtiger erklarten, so bestimmt konnten sie das nicht sagen,
Ganz harmlos und nebenbei . sagt ein Angeklagter: „Nach den An-
weisungen des X, (Nationalsozialist) wurde nach Verdachtigen ge-
sucht." Was schiitzt davor, dafi Mifiliebige als SchieBende bezeich-
net werden, Abtriinnige, oder sonstwie VerhaBte? Nichts.
Vorsichtige Richter wie Landgerichtsdirektor Tolk, dessen
Kammer friiher Kammer der barmherzigen Bruder genannt wurde,
versuchen, die Aussagen der politischen Gegner so viel wie moglich
wegzulassen. Das geht manchmal. Schmidtke aber wurde nur auf
Aussagen der Gegner hin verurteilt. Andrerseits kann der Grund-
satz, den ein andrer Richter in Moabit aussprach, daB Aussagen
der politischen Gegner nicht maBgebend sein konnten, zu furcht-
baren Konsequenzen fiihren. Angenommen, ein linker Mann, von
einem Gesinnungsfreund begleitet, wird von Leuten der Rechten
uberfallen oder umgekehrt, so ist er nach diesem Grundsatz vogel-
f rei. Denn die Zeugen, der Uberfallene und sein Begleiter, sind poli-
tische Gegner, deren Zeugnis nichts gilt.
In diesen Prozessen, die bisher gegen linke Leute stattfanden,
zeigt sich auch, wie sehr sich die Nationalsozialisten als Hilfe der
Polizei fiihlen. „Ich mochte das Gericht darauf aufmerksam machen,"
sagte zum Beispiel ein vollig unbeteiligter Zeuge, „daB dieser Zeuge
einer der schlimmsten KPD-Funktionare ist, und dann soil er doch
mal sagen, was er denn an dem Tag in der Weifienburger Strafie ge-
macht hat." Das Gericht verbat sich die Einmischung, aber es zeigt
die Haltung der Zeugen.
Die Sondergerichte sind vielleicht nutzlich. Die Terrorakte haben
seit ihrer Einrichtung sehr abgenommen. Aber um welchen Preis! Und
dieser Preis, das ist das Furchtbare, ware nicht notig gewesen,
wenn man friiher den Predigern der Rache und des Hasses ent-
gegengetreten ware, die auch heute noch von beamteten Stuhlen
zweierlei Recht fordern diirfen, „eine marxistische Forderung, auch
wenn sie aus nationalsozialistischem Munde kommt", sagte Papen.
Einmal wurden scheuBliche Taten in Moabit abgeurteilt, scheuB-
liche Morde. Damals lieB man Gnade fur Recht ergehen, und die
Morder wurden Reichstagsabgeordnete, Fiihrer des Volks. Jetzt
gibt es ein Recht ohne Gnade.
36a
Antisoziales Wirtschaftsprogratnm
von Bernhard Citron
pragc mich, wer dich lobt, und ich sage dir, wer du bist! Der
Hansa-Bund, der in seiner Kritik an der of fentlichen Wirt-
schaft und in seiner Bekampfung sozialer Einrichtungen die
reaktionarsten Industrieverbande stets (ibertroffen hat, stimmt
jetzt einen Hymnus auf das Wirtschaftsprogramm der Reichs-
regierung an. Jeder Satz in der AuBerung des Geschaftsfiihrers
Mosich beginnt mit den Worten: „Wir begriiBen", um dann
einen Satz aus der Papen-Rede wortlich zu ubernehmen, in dem
jeglicher Eingriff in die Sphare der Privatwirtschaft abgelehnt
wird, Mit welchen Opfern aber diese Begeisterung des Unter-
nehmertums erkauft werden muB, erhellt aus den Worten:
Wir f reuen uns der Risiko-Bereitschaf t, mit der die Reichs-
regierung an das schwierige Werk der Entlastung und Entspannung
der Wirtschaft herangeht
Dieses Risiko, von dem selbst die unbedingten Anhanger
der Papen-Politik sprechen, liegt auf dem Gebiet1 der Wah-
rungs-f Handels- und Sozial-Politik.
Vier Pramien hat Papen der Wirtschaft ausgesetzt. Die
«rste Pramie erhalt jeder Unternehmer, der Umsatz-, Ge-
werbe-t Verkehrs- und Grundsteuern bezahlt. Fiir alle diese
in der Zeit vom 1. Oktober 1932 bis zum 1. Oktober 1933
«ingehenden Steuern werden Steueranrechnungsscheine ge-
wahrt, die von 1934 an jahrlich mit einem Fiinftel bei der Be-
gleichung der Steuerschulden in Zahlung gegeben werden
konnen, und zwar werden auf die Umsatzsteuer fiinfzig Pre-
sent, auf die Gewerbesteuer vierzig Prozent, auf die Grund-
steuer fiinfundzwanzig Prozent und auf die Beforderungssteuer
liundert Prozent in Steueranrechnungsscheinen zuruckvergiitet.
Die zweite Pramie erhalt derjenige Arbeitgeber, der iiber den
Stand von 1931 hinaus Arbeiter einstellt, und zwar werden
ohne Unterschied der Lohnhohe jahrlich vierhundert Mark
Steueranrechnungsscheine fiir jeden neu eingestellten Arbeiter
gewahrt. Die dritte Pramie erhalt gleichfalls der Arbeitgeber,
der die Kopfzahl seines Personals erhoht. Nur wird diese
dritte Pramie nicht vom Staat sondern von der Arbeiterschaf t
bezahlt, Sie muB sich bei Neueinstellungen eine Tarifsenkung
gefallen lassen, die bis zwolfeinhalb Prozent des Einkommens
betragen kann. SchlieBlich erhalten auch die schlecht rentie-
renden Betriebe eine weitere Pramie, die wiederum der Ar-
beiter zu zahlen hat. Der Schlichter soil namlich, wenn es die
Erhaltung des Betriebes erfordert, auf Antrag des Arbeit-
gebers und nach Anhorung der Arbeitnehmer Unterschreitun-
gen der Tariflohne ohne Neueinstellungen bewilligen.
Betrachten wir die verschiedenen Punkte des neuen Pra-
mien-Sys terns im einzelnen, so spricht aus den beiden erst en
Punkten ein groBes MaB von Optimismus. Schon heute werden
die Ertragnisse aus kiinftigen Steuern zuriickgegeben, weil
man einerseits jetzt noch nicht auf diese Steuereinnahmen ver-
zichten kannf andrerseits aber die Wirtschaft sofort in den Ge-
nuB der Vergiinstigungen setzen will. So erdachte man das
364
komplizicrte System der Steueranrechnungsscheine, durch das
die kiinftigen Steuerrabatte als eine Art von Schatzanweisun-
gen mobiiisiert werden. Der Vater dieses Gedankens ist Pro*
fessor Wagemann, der Prasident des Instituts fur Konjunktur-
forschung. Herr Wagemann, von dessen Kreditausweitungs-
planen die fruhere Regierung abgeriickt war, hat nun endlich
seine wirtschaftlichen Ideen durchsetzen konnen. Aus
diesem Grunde scheint er auch den Vierteljahresbericht des
Instituts fur Konjunkturforschung so optimistisch gefaBt ztr
haben, daB dieser plotzliche Tendenzwechsel im Konjunktur-
forschungsinstitut — nicht in der Konjunktur — Aufsehen er-
regen mufi. Das Institut feiert die Wiederauferstehung der
totgeglaubten Unternehmerwirtschaft und hofft, daB die Regeln
friiherer Konjunkturerfahrungen fetzt wicder in Kraft treter*
werden. Allertdings ware auch dies nur durch groBztigige
Staatseingriffe ermfiglicht worden. Niemand weiB, woher das
Institut jene Wissenschaft von dem naturlichen Erwachen des
Unternehmergedankens nimmt, Hier diirfte wohl der Wunsch
der Vater des Gedankens sein. Denn erst durch den Papen-
Plan will man versuchen, zu streng privatkapitalistischen For-
men zuriickzukehren. Am 2. August 1932 schrieben wir:
Man gebe dem Fiskus, was des Fiskus ist, und der Wirtschaft,
was der Wirtschaft ist . . . Das heiftt: der Staat subventioniert nicht
mehr, und die Wirtschaft zahlt keine sozialen Lasten, Dieser Pakt
wird abgeschlossen werden, wenn iiber jenes Bindeglied zwischen
Staat und Wirtschaft, das der gewohnliche Staatsburger in seiner
Eigenschaft als Verbraucher und Arbeitnehmer darstelltf von beidea
Seiten frei verfugt werden kann,
Jetzt sind wir so weit. Papen hat in seiner Rede erklart,
daB dort, wo der Staat in den letzten Jahren Anteile an bis-
her privaten Betrieben ubernommen hat, der Allgemeinheit
nicht nur die Lasten sondern auch die Friichte der Arbeit zu-
fallen solien. Ferner sprach er von einer besondern staat-
lichen Beaufsichtigung dieser Unternehmungen. Auf der an-
dern Seite aber wird die Wirtschaft da, wo sie noch nicht mit .
dem Staat verbunden ist, von alien Hemmungen befreit. Das
Reich erteilt nicht die Auftrage zur Arbeitsbeschaffung, son-
dern die * Wirtschaft erhalt ohne Gegenleistung 1,5 Milliarden
Mark Lombard- und handelsfahige Steuerscheine, die sie nach
freiem Ermessen in den Tresor schlieBen, zum Zweck von
Aktienkaufen beleihen oder als Grundlage neuer Expansionen
verwenden kann.
Nur auf einen kleinen Sektor der Wirtschaft, nam-
lich den verstaatlichten, besitzt die Regierung EinfluB,
urn " die volkswirtschaftlich beste Verwertungsart dieser
Steuerscheine bewirken zu konnen. Die Reichsbahn, die
190 Millionen Mark an Verkehrssteuern zuriickerhalt, benutzt
diese Mittel selbstverstandlich zur Auftragerteilung an die In-
dustrie. Dafiir wird schon Herr von Siemens in der ihm ge-
eignet erscheinenden Weise Sorge tragen. Auch andre Betriebe
der offentlichen Hand werden mit Hilfe der Steuerscheine die
Ankurblung der .Wirtschaft zu betreiben suchen. Aber wer
kann ermessen, was die Masse der Gewerbetreibenden, was
Agrarier und Industrielle mit diesen Subventionen anfangen
365
^yerden? Sind denn die Erfahrungen, die das deutsche Volk mit
der privaten Unternehmer-Initiative gemacht hat, so iiberaus
glanzend, daB der Staat sein Arbeitsbeschaffungsprogramm
ohne Garantien der Privatwirtschaft ziir Durchfiihrung iiber-
laBt? Wir haben es doch in den Jahren 1926 bis 1929 erlebt,
wie sinnwidrig das aus dem Auslande einstromende Kapital
verwandt worden ist. Wir wagen zu bezweifeln, daB man aus
jenen Erfahrungen genug gelernt hat, um nunmehr folgsam auf
den Wegen zu wandeln, die nach Ansicht der Regierung die
gangbarsten sind. Man hofft, daB die Wirtschaft sich darauf
beschranken wird, den VerschleiB zu ersetzen und Reparaturen
vorzunehmen, Wenn dies aber nicht geschieht, wenn eine Bor-
senhausse inszeniert wird, die spater zusammenbricht, wenn
Neuanlagen geschaffen werden, die infolge der geschwachten
Konsumkraft des Volkes auf die Dauer brach liegen miissen,
dann sind jene 1,5 Milliarden Mark umsonst geopfert, Unter
diesen Umstanden darf man auch nicht geringschatzig von den
lumpigen 312 Millionen, um die sich der Etat jahrlich ver-
schlechtert, sprechen. Haupttrager der deutschen Steuerkraft
sind die Arbeitnehmer, ihre EinkiinHe werden weiter be-
schnitten. Wenn dann die Wirtschaft nicht das Loch zustopfen
kann, dann sind auch dreihundert Millionen Mark eine un-
erschwihgliche Summe, die unter weit schlimmeren Verhalt-
mssen als heute iibersturzte WahrungsmaBnahmen notwendig
machen wiirde.
Die Unternehmerschaft zur Schaffung neuer Arbeitsplatze
anzuspornen, ware an sich ein groBes Verdienst der Regierung,
wenn nicht die Form der Pramien dem Sinn der Arbeits-
beschaflung zuwiderliefe. Die Zahlung von vierhundert
Mark fiir jeden neueingestellten Arbeiter kommt besonders den
Betrieben zugute, die ihre Arbeitnehmer' niedrig entlohnen.
Also ist diese Bestimmung an sich schon dazu angetan, dem
Arbeitgeber fiir schlechte Entlohnung noch obendrein den
groBeren Vorteil zu gewahren. AuBerdem muB die Regierung
besorgt sein, daB diese Vierhundert-Mark-Pramie in miBbrauch-
licher Weise ausgenutzt wird. Man hat in den Organen der
Schwerindustrie und der Hochfinanz frtiher immer wieder die
bewegte Klage gelesen, daB die Arbeitslosenversicherung von
vielen Leuten miBbr^ucht wird. Man verlangte Umbau des
XJnterstiitzungswesens, um einigen falschen ,,Stempelbrudern"
die Moglichkeit zu nehmen, sich zu ,,bereichern". Was dort
yielleicht an Pfennigen verloren gegangen ist, wird bei Mangel
einer ganz scharfen Kontrolle in dem neuen Pramiensystem an
Millionen eingebuBt werden. Man rechnet, daB 150 Millionen
Mark Steuerbescheinigungen, die im Hochstfalle durch diese
Pramien in Anspruch zu nehmen sind, nicht nur an Unter-
stiitzungen eingespart werden, sond^rn daB daruber hinaus so-
gar noch ein OberschuB bei der Reichsanstalt fiir Arbeitslosen-
versicherung entsteht. Der , Berliner Borsen-Courier' brachte
am Tage nach der Papen-Rede die Mitteilung aus angeblich
authentischer Quelle, daB ein etwaiger OberschuB zur Auf-
besserung der stark reduzierten Unterstiitzungssatze dienen
soil. Leider ist in dem offiziellen Kommentar zu den sozialen
Punkten des Programms hiervon nicht mehr die Rede. Als be-
366
sonders ungerechtfertigt muB es crscheinen, daB grade den
Unternehmern, die ihre Arbeiter fruher ;skrupellos auf die
StraBe gesetzt haben, durch die Vierhundert-Mark-Pramie eine
ausgezeichnete Gewinnmoglichkeit geboten wird,
Wahrend an diesen Pramien fin* die Unternehmerschaft die
Gesamtheit des Volkes zu tragen hat, zwingt man die Arbeit-
nehmerschaft noch zu einem Sondertribut an die Privatwirt-
schaft. Die Lockerung des Tarifwesens als Lohn fiir zusatz-
liche Arbeiterbeschaftigung bedeutet, daB die Arbeiterschaft
desto weniger Lohn erhalt, je mehr in den Betriebem yerdient
wird. Wenn Arbeiter eingestellt werden, sind auch Auftrage
vorhanden, dann aber konnen die Lohne bis zu 12,5 Prozent
gesenkt werden. In krasserer Weise konnte man das Arbeits-
einkommen nicht herabsetzen. Auf diese Weise wird die Kon-
sumkraft des Volkes planmaBig zerstort. Bei steigender Kon-
junktur und bei sinkenden Lohnen wird das Realeinkommen
des Arbeiters zweimal reduziert. Die Regierung hat lediglich
versprochen, daB die Lohnsumme fiir die Gesamtheit der Ar-
beiter erhoht werden soil. Tatsachlich aber hatte man das
Realeinkommen der Lohn- und Unterstiitzungsempfanger zu-
sammenziehen miissen, um ein Bild von der kiinftigen Konsum-
kraft der Bevolkerung zu erhalten. Selbst dem Reichsprasi-
denten scheinen groBe Bedenken gekommen zu sein, daB hier
ein freventliches Spiel mit der Arbeiterschaft getrieben wird.
Sonst ware jener Satz in dem amtlichen Kommunique iiber den
Empfang der Reichsregierung bei Hindenburg nicht zu ver-
stehen, der falgendermaBen lautet:
Der Reichsprasident ersuchte den Reichskanzler, bei der Aus-
arbeitung der einzelnen Bestimmungen insbesondere darauf zu ach-
ten, daB die Lebenshaltung der deutschen Arbeiterschaft gesichert
und der soziale Gedanke gewahrt bleibe.
Hindenburg hatte diese kraftige Formulierung, die zweifel-
los seinem personlichen Wunsche entsprochen hat, nicht ge-
wahlt, wenn ihm bei der Abf assung des Wirtschaftsprogramms
der antisoziale Kurs nicht allzxi gefahrlich erschienen ware.
Reichskanzler von Papen hat in seiner Rede einen Satz
gebraucht, der auf den ersten Blick gradezu liberal anmutete.
Er hat namlich den westfalischen Bauern erklart, daB die Land-
wirtschaft sich nicht allein von der Zollseite her beleben lasse.
Die Handlungen der Regierung scheinen aber zu jenen AuBe-
rungen in eindeutigem Widerspruch zu stehen. Das Reichs-
ernahrungsministerium hat sich zum Sprachrohr der agrarischen
Wunsche nach einem ausgepragten Kontingentierungssystem
gemacht, das die Einfuhr gegeniiber dem Vorjahrsstande ein-
schranken soil, in einzelnen Fallen bis zu neunzig Prozent. Die
deutschnationale Fraktion als einzige Regierungspartei hat
iibrigens in ganz konkreter Form bereits die Kontingentierung
der Vieh-, Speck- und Fetteinfuhr verlangt. Also wird auch
durch Verteuerung der aus dem Auslande bezogenen Lebens-
mittel der Konsum des arbeitenden Volkes beschrankt. Letzten
Endes kann diese Politik auch der Wirtschaft keine Rettung
bringen. Grade wenn der Binnenmarkt besonders gepflegt
werden soil und man trotz der Ablehnung einer grundsatzlichen
Autarkie die Handelsbeziehungen verkiimmern laBt, gibt es
367
kcine Absatzmoglichkeiten bei gleichzeitiger Schwachung des--
Konsums. Jahrelang hat die Wirtschaft geklagt, daB sie an den
fixen Kosten — Lohnen und Steucrn — zugrunde gehe, und daB
eine zerstorte Wirtschaft auch fur die, breiten Masscn des Vol-
kcs Hunger und Arbeitslosigkeit bedeute. Jetzt ist man auf
dem Wege, die fixen Kosten der Unternehmer auf die Arbeiter
und Verbraucher abzuwalzen, Glaubt die Wirtschaft tatsach-
lich, daB sie im luftleeren Raum produzieren kann?
Wochenschau des Ruckschritts
— Der .Vorwarts* wurde auf drci Tage verboten, well er das Pro-
gramm des Reichskanzlers als Programm des Verfassungsbruchs be-
zeichnet hatte. Das Organ der Eisernen Front, der ,Alarm\ wurde bis
zum 30. September verboten, fur den gleichen Zeitraum die kommu-
nistische Zeitschrift ,Kampfruf\ ,Der Volkswille' und die ,Fahne
des Kommunismus', die beiden Organe des Leninbundes (Linke Kom-
munisten) wurden bis einschlieBlich 30. November verboten, weil sie
in einem Artikel vom 15, Juli zur Bildung einer iiberparteilichen
Arbeitermiliz zum Schutz gegen SA und SS aufgefordert hatten,
— Die Sondergerichte fallten in den letzten Tagen wiederum
schwere Zuchthausstrafen gegen Angehorige linker Organisationen; ein
Reichsbannermann erhielt in Berlin fiinf Jahre Zuchthaus wegen
schweren Landfriedensbruchs, obwohl das Gericht zugab, es sei ihm
nicht nachgewiesen worden, daB er geschossen habe. Das breslauer
Sondergericht verurteilte einen SA-Fuhrer nur wegen WaffenmiB-
brauchs und unterlassener Anmeldung der Schufiwaffe zu sieben
Monaten Gefangnis, obwohl er von einem „Uberfallwagen" der SA mit
den Worten „StraBe frei! Es wird geschossen'* heruntergesprungen
war und mehrere Schiisse abgegeben hatte, und obwohl ein Unbe-
teiligter dabei schwer verletzt worden war- Das berliner Sonder-
gericht hat bisher in sieben Prozessen zweiundvierzig Jahre Zucht-
hausstrafe und uber zehn Jahre Gefangnisstrafe verhangt. Der einzige
bisher angeklagte Nationalsozialist wurde freigesprochen.
— In der Strafanstalt Plotzensee wurde den politischen Ge-
fangenen die gemeinschaftliche Sprechstunde mit den Vertretern der
Roten Hilfe entzogen; ebenso werden keine proletarischen Zeitungen
und Bucher mehr zu ihnen gelassen,
— In den Bureaus der Internationalen Arbeiterhilfe und des
Neuen Deutschen Verlages wurden wegen „Verdachts des Hochverrats"
Haussuchungen veranstaltet, bei denen das Material uber den Anti-
kriegskongreB beschlagnahmt und einige Verhaftungen vorgenommen
wurden.
— Die fur den 2. September angesetzte Kundgebung des berliner
Kampfbundes gegen den Fascismus und der KPD wurde verboten.
— Der Zechenverband im Ruhrgebiet und der Arbeitgeberverband
fiir den Mitteldeutschen Bergbau haben zum 30. September die Tarife
gekundigt, urn sie t)auflockern" zu konnen.
— Bei den in den letzten Tagen vorgenommenen Zollerhohungen
ist auch der Zoll fur die Einfuhrung auslandischer Filme um das
Vierfache erhoht worden.
Wochenschau des Fortschritts
— Der 3. Strafsenat des Kammergerichts Berlin hat der Be-
schwerde, die Rechtsanwalt Doktor Litten gegen seinen AusschluB aus
den Verhandlungen im Felseneck-ProzeB eingelegt hatte, stattgegeben.
368
Bemerkungen
Nazi-Reue fiber Dessau
Die Nazi-Stadtverordneten von
Dessau haben das dortige
Bauhaus zu Fall gebracht. Und
schon folgte die Reue. Schon
wendete sich die ,DAZ' {die als
.Milchschwester mit der NSDAP
an den Zitzen derselben schwer-
industriellen Geldschweinchen
saugt) gegen ihre eignen dessauer
Leute: „Nicht eine politsche Par:
tei hat gesiegt sondern Kurz-
sichtigkeit, eine Eigenschaft jener
Geister, die in politisch noch
nicht geformten Zeiten sich gern
als Regierende aufspielen" (Herrn
Hitler und der ,DAZ* ins Stamm-
buchl). Die plotzlich so aufge-
kratzte ,DAZ' wendet sich (in
ihrer selben Nummer 396) sogar
gegen Schultze-Naumburg, der als
Sachverstandiger der dessauer
Stadtverordneten und als Ge-
wahrsmann Fricks auch als haupt-
verantwortlich fur den Sturz des
Bauhauses gilt. Schlankweg macht
die ,DAZ* den beruhmten Naum-
burger dafiir verantwortlich, dafi
bei der NSDAP „die kulturellen
Dinge zu kurz kommen". „So-
lange Herr Schultze-Naumburg,
ein Mann, dessen Verdienste fast
30 Jahre zuriickliegen, den Kurs
in Kunstdingen bestimmt, solange
die Partei Zufluchtsort aller ent-
tauschten altern Kiinstler ist, so-
lange nicht der jugendliche Atem
auch in solchen Fragen zu spiiren
ist, nicht der Aufbauwille aller
jungen Baumeister, Kunsthand-
werker, Maler, Musiker, Schrift-
steller, — solange mufi man hier
von einer geistigen und politischen
Unterlassungssiinde sprechen",
Worin sucht also die fDAZ' die
t,geistige und politische Unter-
lassungssiinde" (Geist und Politik
sind dort Gegensatze!)? Sie liegt
darin, dafi die NSDAP sich nicht
schon langst von ihrer scheufi-
lichen Kulturmufferei freigemacht
und sich mit Nachdruck fur die
moderne Kunst eingesetzt hat.
Die (DAZ' erklart: „Der Glaube
an ein neues Deutschland kann
nur mit einer schopferischen Hal-
iung alien Kulturfragen gegen-
iiber verwirklicht werden. Der
Futurismus und die revolutionare
italienische Kunst haben den
Marsch aiif Rom vorbereitet".
Um sich Hitler als Bahn-
brecher der „futuristischen" Kunst
vorzustellen, mufi man an den
internationalen Kongrefi des
PEN-Clubs in Budapest (Mai
1932) zuriickdenken, auf dem der
Vertreter Italiens, die bramabar-
sierende Fascisten-Exzellenz des
Futuristen Marinetti, dem Kom-
munisten Toller (der Bessres ver-
dient hatte) begeistert die Hand
schuttelte: Wir Avant-Gardisten
fordern das Jahrhundert in die
Schranken!
Um den Humor dieser Kulissen-
verschiebung zu wtirdigen, mufi
man an die Memoiren des armen
Teufels Hitler denken, in deren
Kloake er alle Lesefriichte zusam-
menpanschte, die er halbverdaut
wieder von sich geben mufite, Dort
schwarmt er froh ftir Bocklin und
wendet sich gegen die moderne
Kunst, klagt, ausgerechnet das
berliner Reichstagsgebaude sei
nicht aufwendig genug ausge-
stattet, und wiederholt dann auch
wieder Gedanken, die aus dem
Arsenal der modernsten Kunst-
bewegung genommen sind. Seine
Partei braucht . also nicht aus-
schliefilich „Zufluchtsort aller
enttauschten altern Kunstler" zu
sein, wie die schnode ,DAZ' be-
hauptet, sondern Hitler ist auch
der Vorkampfer der modernsten
Sachlichkeit und erklart, „wie
man sich iiberhaupt dariiber klar
werden mufi, dafi die hochsten
Ideale immer einer tiefsten Le-
bensnotwendigkeit entsprechen,
genau so wie der Adel der er-
habensten Schonheit im letzten
Grunde auch nur im logisch
Zweckmafiigsten liegt". Also wohl
verstanden: Hitler ist Vorkampfer
der hochsten, tiefsten, erhaben-
sten, zweckmafiigsten und modern-
sten neuen Sachlichkeit! Wer die
tiefsten Arbeiterbedurfnisse und
die hochste Sch wer indus trie be-
friedigen kann, verdient es, vom
.Volkischen Beobachter' neuer-
dings auch als „der ersehnte grofi-
geartete Kulturpolitiker" geriihmt
zu werden.
369
Wer sich ctwa dariiber freuen
wollte, dafi die ,DAZ* so viel
viyer ist als ihr noch in oster-
reichischer Gemtitlichkeit dahin-
simpclnder Zwillingsbruder Hitler,
muB an ein trcffendes Wort er-
innert werden, mit dem Schultze-
Naumburg schon vor einem Jahre
die ,DAZ* kritisiert hat. Er zeigt
trotz seinen hauf iger werdenden
Anfallen von Vergreisung (f(Kunst
und Rasse'M) auch heute noch
manchmal Zeichen des tiberlege-
nen Witzes, mit dem er vor
dreifiig Jahren die wilhelminische
Baukunst angeprangert hat. Kurz-
lich sagte er einmal: „Die konser-
vative Presse Deutschlands neigt
taglich mehr zu einer neuen
Tracht, In politischen Dingen tut
sie konservativ, in kulturelleri
Fragen radikal. Uber dem Nabel
tragt sie Frack, unter dem Nabel
geht sie nackt'\
Aber es ware ein Irrtum zu
glauben, daB man nicht auch im
Frack ohne Hose Erfolg haben
konne. Die katholische Kirche,
die in politischen und kulturpoli-
tischen Dingen durchaus nicht
radikal sein mochte, lafit schon
seit Jahren Kirchen in modernisti-
schem Stil bauen. Wenn Hitler
sich sein Prasidenten-Palais in
Berlin errichten lafit, wird es
sicher von Mies van der Rbhe im
dessauer Bauhausstil gebaut wer-
den, Vorausgesetzt, daB man ihm
ungestort die gesamte politische
Macht einraumt, wird Adolf wie
Mussolini und Friedrich der
GroBe Geistesfreiheit gewahren,
Werner Hegemann
Kunst und Geldsack
P\ie hollandische Kunsthandler-
**** vereinigung fur alte Kunst
versendet ein kostbar aufgemach-
tes Werbeheft; „Grijpt als trijpt"
(Ergreift, was reiftf), Es sind
schlechte Zeiten, vielen, sogar
besseren Leuten gehts dreckig.
Alter Kunstbesitz, Familiengut, an
dem durch Generationen hindurch
festgehalten worden ist, wird
locker. Also, heiBt es da, greift
zu, nie wiederkehrende Gelegen-
heit, Sachen zu schnappen, die
vielleicht demnachst schon viel,
viel mehr wert sein werden, Ge-
schaft ist Geschaft, Es soil nichts
370
dagegen gesagt werden. In, den^
Upanishads gibts einen Satz: Der
Dieb ist vorbestimmt zu stehlen,
der Morder ist vorbestimmt zu
morden. Und der Althandel in
Kunst ist eben vorbestimmt, mit
alten Sachen zu handeln. Die Rus-
sen brauchen zur Durchfiihrung
des Funfjahresplans Devisen; Ge-
legenheit fur den amerikanischen
Schatzsekretar Mellon, etliche
„Perlen" der Eremitage an sich zu
bringen. Familien zerfallen und
verfallen, Gelegenheit fiir den
Kunsthandel, aus solcher Notlage
Gewinn zu ziehen und seiner
Kundschaft eine Spekulations-
chance auszumalen, Ktinstler hun-
gern und verhungern, der Staat
baut Akademien und Zeichen-
unterricht ab, der Kunsthandel
rechnet den Leuten vor, welch
vorteilhafte Kapitalsanlage Kunst
ist, Kunst von Menschen, die in
friiherer Zeit sich durch fretten
und durchhungern muBten.
Was uns beileibe nicht Veran-
lassung geben soil zu moralischer
Entriistung. So lange es diese
kapitalistische Wirtschaft gibt, so
lange kann es gar nicht anders
sein, als daB man diejenigen, die
dem Markt die Spekulations-
chancen verschaffen, — man
denke an Hercules Seghers, an
Ruisdael, an den im Armenhaus
gestorbenen Hals, an den altern-
den, mit Schulden uberladenen
Rembrandt, — elend verkommen
lafit, ausgenommen die, die sich
auf den Betrieb verstehen, bei-
spielsweise liefern, was immer
gern und gut bezahlt wird: hoch-
wertige Falschungen.
Grade neulich sind, ebenfalls in
Holland, in der Wereldbibliothek
Amsterdam, die Briefe Theos an
Vincent van Gogh erschienen.
Auch so ein Beitrag zum Thema:
Kunst und kapitalistische Gesell-
schaft, Heute sind die Bilder des
armen Vincent das, was man so
stolz f,Kulturbesitz der Mensch-
hert" nennt.
Hunderttausend, zweihunderttau-
send Mark werden unbesehen da-
fur gezahlt, so unbesehen, daB es
ja unserm Wacker ein Leichtes
war, mit seinen falschen van
Goghs in wenigen Monaten eine
Million Umsatz zu machen, Und
was war dieser Vincent, damals,
bevor er sich die Kugel in die
Schlafe jagte, als er diesen „Kul-
turbesitz der Menschheit'vin fie-
berheifier Ekstase schuf? Nichts.
Er hatte verrecken miissen, er
hatte den ganzen „Kulturbesitz"
memals schaffen konnen, wenn
er nicht diesen Bruder Theo ge-
habt hatte, der, mafiig bezahlter
Kunsthandelsangestellter, das biB-
chen, was er verdiente, mit dem
armen Maler teilte, diesera Vin-
cent, der in seinen Briefen immer
wieder dem Bruder vorzurechnen
versucht, dafi man vielleicht doch
einmal hundert Francs fur so ein
Bild bekommen werde und dafi
sich damit die Kosten fiir die
Farben doch einmal bezahlt
machen miifiten, Theo, der als
Kunsthandlejr weniger Illusioaen
hat und die zahlungsfahige Ge-
sellschaft besser kennt, will von
all diesen Milchmadchenrechnun-
* gen nichts wissen. „Wenn man
will", schreibt er einmal, „dafi
die Bilder hundert Francs wert
sein sollen, so sind sie gar nichts
wert, weil diese erbarmliche Ge-
sellschaft nur fiir die ist, die
nichts von ihr brauchen . . ."
Wollte sagen, diese Gesell-
schaft hat eine sehr lukrative Me-
thode, zu ihren Kultiirwerten zu
kommen. Sie nassauert ganz ein-
fach. Um so einen Kiinstler, der
das. schafft, was spater einmal
„Kulturbesitz" sein wird, kiim-
mert sie sich zunachst gar nicht.
Soil er schaffen, soil er sehen,
wie er durchkommt. Dafi er hun-
ger!, dafi er am Abend nicht
weifi, wovon er am nachsten Tag
leben soil, ist gewifi unerwiinscht;
aber die Kunst ist doch frei! Die
Kiinstler selbst legen ja gerade
darauf so grofien Wert Stellt
sich dann eines Tages heraus, dafi
der arme Hungerleider „genial"
ist, das heifit, dafi seine Arbeiten
ein Wert, marktfahige Ware und
Spekulationschance sind, so greift
man schnell zu, Pech, wenn er
selbst nichts mehr davon hat, weil
er vorher verhungert ist, oder wie
dieser van Gogh — „den Sieg
zum Greifen nahe" — sich eine
Kugel in den Schadel jagen
mufite. DaB! Kunst eine grofie
Sache ist, wenn sie ein Geschaft
ist, mufi doch auch so ein Kiinst-
ler verstehen. Und im iibrigent
wir taten nichts fiir die Kunst? f
Unterhalten wir nicht mit unserm
Geld die Museen? Da hangt doch
alles, was gut und teuer ist. So-
gar die Kiinstler konnen sich das
kostenlos ansehen. Woruber be-
klagen sie sich?
Paul Wesiheim
Tristan Bernard im Krieg
[m Februar 1915 aufiert er: „Der
* Friede droht auszubrechen, aber
wir sind nicht geriistet,"
Er traumt von einem Bild des
Diogenes mit der Beschrif tung :
„Ich suche einen Menschen und.
finde nur ridden."
Als man ihm erzahlt, ein Gene-
ral ware erschossen worden, ruft
er aus: „Nur kein unbegriindeter
Optimismus!"
Bei einer Debatte liber die
Frage, warum die Deutschen ihren
Vormarsch auf Paris nicht fort-
gesetzt hatten, erklart er: „Ich
weifi den wirklichen Grund. In
Paris gibts dreihunderttausend
DriickeSerger. Das sind die statt-
lichsten Burschen in ganz Frank-
reich."
Als ein Minister sich iiber die
Steigerung der Kriminalitat wah-
rend des Krieges verbreitet, meint
Tristan Bernard: „Was bedeutet
Kriminalitat wahrend des Krie-
ges ? Etwa die Weigerung, zu
toten?"
Aus ,Uenvers de la guerre*
von Michael Corday
Werzicht auf Lebenserfolg ist keineswegs ein Kennzeichen
v geistiger Reife. Die Bacher von B6 Yin Ra geben An-
weisung zu harmonischer Lebensgestaltung durch Ordnung der
Willenskrafte, und fuhren gerade durch Lebensbejahung zu
geistiger Erkenntnis. Eine Einhlhrung bietet das Werk „Der
Weg meiner SchMer", das zum Preise von RM. 6.— in jeder
guten Buchhandlung erhaltlich ist. Kober'sche Verlagsbuch-
handtung (gegr. 1816), Basel-Leipzig.
371
Die Bettler von Paris
JUf cist liegen sie in den Win-
*"* keln und schlafen am Mit-
tage noch,
denn sie sind die Nacht durch
die StraBen gewandert.
Immer wieder triebs mich an dem
in der ahseitigen Ecke des
Louvre voruber —
was fur einen Schlaf schlief er
im Schmutze,
Die Irrenden sehen niemanden an,
niemand wagt sie anzusehen,
j eder Blick hin und her gleitet
ab —
•sie wissen, daB niemand hilft,
Sie durfen leben auf der Insel
ihrer Not,
das ist jammervoll alles.
Ganzlich zerstortes Wesen halt
dich im Fluge diese furchtbare
Einaugige auf;
xot trieft die ausgelaufene Hoh-
lung,
wie runder Glasknopf starrt un-
bewegt das einzige Auge.
Ceronnenes Grau ist das Antlitz,
von Strahnen schimmligen
Haares umzettelt.
Unsagbar der Gang dieser weg-
rutschenden, faltig umstrumpf-
ten hdlzernen FiiBe.
Auf der Steinschwelle im Tor-
bogen bricht sich mit nackten
Armen
einer sein Kummerbrot.
Er hat keinen Rock und kein
Hemd unter der dreckigen
Weste,
Ich sehe nur den Urwaldschopf
seiner langen weiBen Haare.
Auf der Briicke lehnt schlafend
am Gelander diese ausgestopfte
Puppe,
drei schmutzigbunte Ordenreihen
nutzen ihm nichts.
In den leeren Kirchen schlaft das
den ganzen Tag zusammen-
gekauert auf den Stuhlen*
Nachts stolperst du uber dieiihel-
riechenden Leichen auf den
Treppen der Metro.
Auf Zeitungspapier liegen sie eng
aneinander, sich gegenseitig
warmend,
und suchen den stinkenden
Warmehauch dieser Hohlen.
Unter die Brtickenbogen wag ich
mich nicht, Furcht und Mit-
leid im Herzen,
Fritz OBwatd
Brief nach druben
Cs war nur eine kurze Zei-
Ll tungsnotiz, Heber "Alexander
Gergely; aber sie war um so er-
schutternder.
Da stand, Sie hatten sich —
nun — ausgeloscht. Ich mochte
es erst kaum glauben. Zu der
Zeit, in der ich Sie noch des
oftern auf Ihrer Wohnung unter
dem Dach, die gleichzeitig Re-
daktionsstube der fNeuen Revue'
war, besuchte, waren eigentlich
immer Sie derjenige, der dem
Leben mutig und herausfordernd
entgegensah. Wenn auch Ihr
Skeptizismus dem Bestehenden
gegemiber, glaube ich, schon (Ja-
mais das beherrschende Moment
in Ihnen wan
Ich kenne die Hoffnungen
nicht, mit denen Sie das her-
untergekommene Blatt des Gert
von Gontard ubernahmen, aber
ich kenne die anstandige Ge-
sinnung, in der Sie die ,Neue
Revue* fiihrten und umbauten.
Und loshieben gegen Kirche und
Kapital, gegen Verkatkung und
Dekadenz. Es war nicht ver-
wunderlich, dafi die Angegriffe-
Sie reisen sehr vorteilhaft nach
Frankreich, England, Spanien- Portugal
u. Nordaf rika mit den 20-75% ermailigten
SpeZlalffahrSCheinenCRUck^Seeb^der^Famitien-
fahr8Cheineu8W.)desAmtl.Franz63ischenVerkehrsbUro8
ReliobUro der franidsischen Elsenbahnen
Inh. Maximilian H. Fuchs, Dip!. Kaufmann, HUflChCn2NWy Maximltlansplatz12a
ftelsearrangements aller Art / Schriftliche Auskllnfte nur gegen RUckporto / T©1. 93881
372
nen zuriickschlugen, so brutal, so
aufierlich, dafi Sie zusammen-
brachen.
Genug. Ich weiB, Sie liebten
keine feierlichen Reden.
Ich erinnere mich, wie Sie mir
das Bildmaterial zu Ihrer Num-
mer „Der Hebe Gott in Deutsch-
land und anderswo" zeigten.
Auf dem Titelblatt sollten zwei
Photos iibereinander montiert
werden: ein liistern feixender
Pfaff und das schmerzerfiillte
Gesicht einer Madonna. Welch
bittere, gef ahrliche Symbolik !
Alles tibrige waren mittelalter-
liche Zeichnungen und Holz-
schnitte: trunkene Monche,
Nonnchen und Monchlein auf
einer Lustpartie, Beichtstuhl-
szenen — das ganze Arsenal
christkatholischen Muckertums.
Und ich erinnere mich, wie Sie
sich freuten und meinten, das
konnte man doch nicht verbieten
— mittelalterliche Kunst , . ,
Sie irrten sich. Man hat Ihnen
ein Heft nach dem andern ver-
boten. Das Mittelalter war
augenscheinlich toleranter als
das Deutschland des gottgeseg-
neten Jahres 1932, Uns will
man sogar das Lacheln von den
Gesichtern streichen, weil es die
spitzeste, giftigste Waffe ist
gegen eine kulissenhaft errichtete
Autoritat.
Sie haben gelachelt, ein sehr
gewinnendes und liebenswiirdiges
Lacheln. Ich weiB nicht; ob Sie
noch gelachelt haben, als man
mit Verboten und Schikanen
Ihre Existenz untergrub. Ihre
und die Ihrer Zeitschrift, Wenn
Sie noch lachelten, dann wohl
sehr ironisch, da Sie wufiten,
daB das, was Sie sagen wollten
und gesagt haben, iramer wieder
gesagt werden wird, bis eben die
Kulissenwand, gegen die Sie
Sturm liefen, zu dem Haufchen
Plunder zusammengesturzt ist,
aus dem sie von Natur besteht.
Bestimmt aber haben Sie ge-
lachelt, als Sie sich das Leben
nahmen. Die baurischen Heili-
genbilder, die die Wande Ihres
Zimmers schmuckten, trugen ein
ebenso schmerzliches Lacheln.
Man kann daruber streiten, ob
das Ende, das Sie Ihrem Weg
machten, richtig ist, oder ob es
Flucht oder Resignieren genannt
werden muB, Das ist aber
schlieBlich und ehdlich gleich-
giiltig und vorbei. Jedoch Ihr
Leben und Wirkent als Publizist
und Kampfer, war — soweit ich
Sie und es kannte — gut und
richtig und ehrlich. Und das ist
wohl die Hauptsache.
Ihr
Gregor Halm
Der Nachruf der Nazis
Mit gutem Beispiel voran*
gegangen
F^er ungarische Jude Alexander
. Gergely, der sich Bildhauer
nannte und Herausgeber der
schmierigen Sudelzeitschrift ,Die
neue Revue* war — dieser Typ
von einem geiferndenSchmarotzer
— hat gestern, offenbar aus
Ekel vor seinen eigenen Schwei-
nereien — seinen Lebensfaden
abgerissen, indem er sich mit
Gas vergiftete.
,Nationalpost\ 30. 8. 32.
622 Seiten
Ungekiirzte Sonderausgabe in Leinen
75
»SINCLAIR LEWIS schonstes Buch!«
(Vossische Zeitung)
Sam Dodsworth
Roman • Deutsch von Franz Fein
Umschlagzeichnung von Fritz Heinsheimer
In jeder guten Buchhandlung vorratig
ROWOHLT VERLAG BERLIN W50
Antworten
Oesterreichische Leser. Da Ihr immer wiedcr den Wunsch ge-
auBert habt, die besondern politischen, wirtschaftlichen und kulturellen
Verhaltnisse Oesterreichs bei uns eingehender gewiirdigt zu linden, als
das bisher moglich war, soil ab Ende September allwochentlich fiir
Euch eine in engem Zusammenhang mit unserm Blatt stehende wiener
.Weltbuhne' erscheinen, die die wesentlichen Beitrage unsres Blattes
ubernimmt, daruber hinaus aber jedesmal auch Aufsatze bringt, die
sich besonders an den osterreichischen Leser wenden und von einer
eignen wiener Schriftleitung redigiert werden. Die wiener Schrift-
leitung wird bei der Bearbeitung ihres Sondergebiets ganz die Linie
einhalten, die unsre Leser seit siebenundzwanzig Jahren als die be-
sondre der .Weltbuhne' kennen. Wir hoffen, daB die wiener .Welt-
buhne' in Oesterreich die Verbreitung finden wird, die sie zur Er-
fullung ibrer Aufgabe braucht, und wir bitten alle osterreichischen
Leser, fur die wiener Weltbuhne Leser zu werben. An unserm Blatt,
das nach wie vor in Berlin herausgegeben wird, andert sich selbstver-
standlich nichts,
Gerichtsassessor, Was geschieht mit Ihnen, wenn Sie in einer Ur-
teilsbegriindung gegen Nationalsozialisten die Biirgerkriegsmethoden
der SA und SS kritisieren und auf der andern Seite zur Entschuldi-
gung der Angeklagten anfiihren, daB durch die Aufhebung des Uni-
formverbotes die politischen Gegensatze verscharft worden seien?
Ihnen wird mit einer Frist von drei Tagen Ihr Beschaftigungsauftrag
entzogen, so daB Sie arbeitslos auf der' StraBe sitzen. Also nehmen
Sie sich zusammen: SA und SS gehoren zu den aufbauwilligen Ele-
menten, und die Aufhebung des Uniformverbots ist eine MaBnahme,
durch diedie Ordnung in Deutschland gefordert worden ist,
Nazi in RadolfzelL Gibt es eigentlich auch eine besonders „auf-
genordete" Arithmetik fiir das Dritte Reich? Bei einer Hitlerver-
sammlung sollen nach euerm eignen Zeitungsbericht ftinfzigtausend
Besucher zugegen gewesen sein, Der billigste Platz kostete eine Mark,
der teuerste zehn. Die Stadt Radolfzell hatte fiir Uberlassung des
Stadions Anspruch auf drei Prozent der Roheinnahme, Die Aufstel-
lung der Versammlungsleitung fiber die Roheinnahme schlieBt mit
16 500 Mark ab! Ihr scheint, wenn es sich um das Steuerzahlen han-
delt, die doppelte Buchfiihrung grade so gut zu verstehen wie die
Agrarier Ostelbiens.
Die Monarchic Seit dem 27, August erscheinst du als offiziel-
les Organ de*r deutschen Monarchisten. Wir haben deine erste
Nuramer1! natiirlich mit Iebhaftem Interesse durchgelesen — seine
Feinde muB man kennen! — und haben nun etwas Hoffnung fur die
Republik bekommen, Noch todlicher als die Lacherlichkeit wirkt
die Langeweile,
Dieser Nummer liegt eine Zahikarte fiir die Abonnenten bei, auf
der wir bitten,
den Abonnementsbetrag fiir das IV. Vierteljahr 1932
einzuzahlen, da am 10, Oktober 1932 die Einziehung durch Nachnahme
beginnt und unnotige Kosten verursacht.
Manuskripte rind nur an die Redaktion der Weltbuhne, Charlottenburg-, Kantstr. 152, 2u
richten; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonst keine Rucksendung erfolgen kann.
Im Falle hoherer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Anspruch auf Nachlieferung
oder Erstattung des entsprechenden Entgelts.
Das Auf f uJurungsrecht, die Verwertungr von Titeln u. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechanische Wiedergabe aller Art und die Verwertunjr im Rahmen von Radiovortr&gen
bleiben fur alle in der Weltbuhne erscheinenden Beitrage ausdrucklich vorbehalten.
Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
u liter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet — Verantwortlich : Walther Karsch, Berlin.
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Telephone CI, Steinplatz 7757. — Postscheckkonto : Berlin 11958.
Ban kk on to: Dresdner Bank. Depositeokasse Charlottenburg,* Kantstr. 112,
XXVU1. Jahrgang 13. September 1932 Numiner 37
Schleichers Ultimatum von Heiimnt v. Geriach
P s war in diesem Friihjahr in einem siidfranzosischen Wahl-
" krcis. Der Kauclidat der radikal-sozialistischen Partei wurde
in einer Wahlversammlung von cinem sozialistischen Hand-
werker wiederholt mit Zwischenrufen unterbrochen, die von
dem extremen Pazifismus des Interpellanten Kunde gaben, Der
Kandidat wandte sich zu dem Vorsitzenden und- sagte: ,,Ich
bitte, den Citoyen Durand als ersten Redner nach mir auf die
Liste zu setzen, damit er mich jetzt ruhig zu Ende sprecheti
laBt/V
Nun blieb es zunachst ruhig. Der Kandidat — er stent auf
dem linken, ausgepragt pazifistischen Fliigel seiner Partei —
setzte seine Stellung . zur Abriistungsfrage auseinander. Dabei
muBte er natiirlich immerfort militarische Ausdriicke ge-
brauchen, von Divisionen und Dienstzeit und Tanks und Bom-
ben und Giftgasen sprechen. Die Versammlung wurde unruhig.
Plotzlich sprang der ultrapazifistische Citoyen Durand wie in
einem Tobsuchtsanfall auf und sturzte gegen den pazifistischen
Kandidaten mit geballten Fausten los, ihn als Militaristen und
Kriegsfreund beschimpfend. f)Wir wollen nichts mehr von
diesem militarischen Dreck horen. Wir wollen Frieden und
Abrustung." Und die groBe Mehrheit der Versammlung
applaudierte,
Ob Franzose, ob Deutscher,, wer durch die franzosische
Provinz kommt, ist gradezu fasziniert von dem bedingungslosen
Friedenswillen der Massen der franzosischen Bauern und Ar-
beiter. Nur eins tritt jedem Fremden fast ebenso stark vor
die Augen: die gradezu todliche Angst, dafi das deutsche Volk
dent franzosischen Friedenswillen mit einem Kriegswillen be-
gegne, der einen neuen Krieg unvermeidlich erscheinen lasse.
Deutschen Friedensversicherungen glaubt man nicht: Und
Stahlhelm? Und SA? und Ossietzky-ProzeB? Und Schleicher?
-Der Franzose ist von Natur skeptisch.
Seit Bethmann Hollwegs ruchlosem Wort vom Fetzen
Papier traut man den Deutschen oder wenigstens den deut-
schen Fuhrern jede Doppelziingigkeit zu. Mit unglaubigem
und doch" ein bifichen hoffnungsvollem Staunen las das fran-
zosische Publikum das Interview des Stahlhelm-Vorsitzenden
Seldte im .Matin', das so pazifistisch ausklang: Merde a la
guerre! Ein paar Wochen spater las es von der Riesenparade,
die Seldte iiber 150 000 Uniformierte in Gegenwart der alten
Generale und der! jungen Prinzen auf dem Tempelhofer Felde
abgenommen hatte. Und es sagte sich: So sprach der Deutsche
in Paris, so handelt er in Berlin!
In Genf trat die deutsche Delegation als Vorkampferin der
radikalen Abrustung auf. Franzosische Beobachter meinten:
„Die Deutschen fordern so viel, damit gar nichts heraus-
komme. Sie sagen Abrustung der andern, sie wollen die eigne
Aufrustung."
Diese franzosische Meinung ist sicherlich nicht erweislich
wahr. Aber die Taktik der deutschen Delegation wie die der
1 375
deutschen Regierung war leider nicht dazu angetan, die Fran-
zosen in den Augen der Welt Liigen zu strafen. Man wollte
natiirlich ebensowenig ein Scheitern der Konferenz, wie man
1914 den Weltkrieg wollte* Aber man verfuhr so ungeschickt,
daB das negative Ergebnis fast automatisch eintreten muBte.
Man kronte sein Ungeschick damit, daB man schlieBlicb sogar
gegen die fast von der Gesamtheit der Machte einschlieBlich
Englands vorgeschlagene Resolution die Stimme abgab. Und
man droht jetztf die Abriistungskonferenz in ihrem zweiten
Abschnitt boykottieren zu wollen.
Inzwischen hat sich herausgestellt, daB Deutschland (das
heiBt seine derzeitige Generalsregierung) tatsachlich eine ge-
wisse Aufriistung offen will Das denkwiirdige Memorandum
des Freiherrn v. Neurath enthalt ausdriicklich die Forderung
der „kurzfristigen Ausbildung einer besonderen wehrpflichtigen
Miliz fur Zwecke der Aufrechterhaltung der innern Ordnung
sowie des Grenz- und Kustenschutzes.11
Also neben der Aufrechterhaltung des Berufsheeres der
Reichswehr will sich die Regierung ein Volksheer zulegen. Die
Wehrpflicht soil wieder eingefuhrt werden. Die Miliz ist Re-
gierungsprogramm und auBenpolitische Forderung zugleich.
MDas alles ist ja nur fiir den innern Bedarf gedacht. Die
Regierung plant eine neue Reichstagsauflosung und mochte
sich dafiir eine starke Regierungspartei sichern, Sie hofft auf
Zuzug nicht bloB aus den Reihen des Zentrums, sondern vor
allem der Nazis. Zu diesem Zweck muB sie den Nazis den
Wind aus den Segeln nehmen. Darum ihr Aufrustungs-
programm." *
So reden allerlei kluge oder sich klug diinkende Leute
bei uns.
Hatten sie recht, ware es ein gefahrliches Spiel mit dem
Feuer. Aber daB sie nicht recht haben, bestatigt der Mann,
der, am ersten zur Interpretation des Regierungsmemorandums
berufen ist, weil es seinem eignen Kopf entsprang. General
v. Schleicher hat unmittelbar nach Bekanntgabe des Memo-
randums in Elbing ein Interview gegeben, des sen SchLuB nach
der .Konigsberger Allgemeinen Zeitung' lautet:
„Ich kann Ihnen nur erklaren, daB Deutschland in jedem Falle"
— er unierstrich die Worte 1(in jedem Falle" mit einer besonders
entschlossenen Geste seiner Hand — „da& durchfiihren wirdf was fiir
seine nationale Verteidigung notwendig ist."
„Auf jeden Fall, Herr General?"
„Jawohl, auf jeden Fall! Wir lassen es uns nicht mehr weiter
gefallen, als eine Nationalitat zweiter Klasse behandelt zu werden."
So riickte der General die deutschen Forderungen aus der
Sphare der Verhandlungen in die Stratosphare des Ultimatums.
Der Diplomat weiB, daB der Erlolg seiner Schritte von der
Transigenz abhangt. Der General, auf unbedingten Gehorsam
seinen Kommandos gegeniiber eingestellt, kennt nur In-
transigenz. Auf jeden Fall!
Die , Deutsche Zeitung', gewissermaBen die Synthese zwi-
schen Hitler und Schleicher, unterstreicht (am 7, September)
die Erklarung Schleichers:
376
„Die Regierung Papen hat die Franzosen keincn Augenblick im
Unklaren gelassen, dafi sie ihre Entscheidungen zu treffen wissen
werde, wie auch immer diejenige der Franzosen ausf alien wurde."
Mogt ihr Franzosen euch entscheiden, wie ihr wolit, unsre
Entschliisse stehen fest! Wobei die , Deutsche Zeitung* iibrigens
noch die Kleinigkeit iibersieht, daB es sich keineswegs bloB urn
EntschlieBungen von uns und den Franzosen handelt, sondern
daB wir durch Unterzeichnung des Versailler Vertrags, der jetzt
zum Teil auBer Kraft gesetzt werden soil, uns auch Dutzenden
von andern Vertragspartnern gegeniiber gebunden haben, dar-
unter auch dem nicht ganz unwesentlichen England- Und daB
die deutschen Ford erun gen zumindest in der Art ihres Vor-
bringens iiberall ein wenig freundliches Echo gefunden haben.
Der ultimative Ton in der Erklarung Schleichers erweckt
iiberall peinliche Erinnerungen an die Ausdrucksweise der
Mittelmachte im Sommer 1914. Er mag antihitlerisch gemeint
sein. Er wirkt, als ware er von Hitler inspiriert.
Ich wiinsche nicht, mich einer Verachtlichmachung Schlei-
chers schuldig zu machen, und will ihn deshalb nicht mit Wil-
helm II. vergleichen, Aber seine Sprache und seine Hand-
lungsweise erinnert manchmal an den Verflossenen,
Als Wilhelm II. Ende 1916 sein Friedensangebot heraus-
gehen lieB, annullierte er dessen Wirkung dadurch, dafi er am
gleichen Tage eine von Siegervibermut strotzende und die
Gegner schmahlich herabsetzende Ansprache an seine Truppen
hielt.
Die deutsche Regierung halt grundsatzlich, wie sie selbst
betont, an ihrem Abriistungswillen fest, Gleichzeitig verkiindet
sie jedoch ein gewisses Mafi von Aufriistungswillen, Oder be-
deutet die Schaffung einer Miliz neben der Reichswehr etwa
nicht Aufrustung?
Damit hat sie fur immer auf die Rolle des Vorkampfers
der Weltabriistung verzichtet. Man kann nicht gleichzeitig Ab-
riistung der andern und eigne Aufrustung predigen, mit dem
Weinglas in der Hand Abstinenz propagieren.
Die Regierung des Generals hat Deutschland urn die
schonste Rolle gebracht, die ein GroBstaat unsrer Zeit liber-
haupt spielen konnte, um die des Protagonisten der allgemeinen
Abriistung.
GewiB, noch sind fast alle Regierungen von einer pein-
lichen Zaghaftigkeit in Sachen der Rustungsminderung. Aber
alle Volker lechzen danach, wenn nicht aus Griinden des
ethischen Pazifismus, so doch um der Steuererleichterung
willen. Sie vergehen unter dem Steuerdruck. Und sie sagen
sich; Zwanzig Milliarden Mark geben die Regierungen der
Welt jahrlich fur Riistungen aus. Wie waren wir von der
misera contribuens plebs entlastet, wenn zunachst einmal zehn
Milliarden davon durch Halbierung der Heeresbudgets ein-
gespart wiirden!
Hoover liefi nach Genf eine Anregung gelangen, wonach
die Heereskosten um ein Drittel herabgesetzt werden sollen.
Diese Anregung hatte Deutschland adoptieren und mit der
Liebe einer echten Mutter verteidigen sollen. Eine uniil?er-
windliche moralische und zugleich politische Position hatte es
2 377
sich erworben, Manche Regierung hatte vielleicht scheel ge-
sehen. Aber dafiir hatte es das Vertrauen und die Zuueigung
der Masscn in dcr Welt gewonnen. SchluB mit dem verrufenen
militaristischen PreuBengeist! Deutschland hat sich wieder bc-
sonnen auf seine humanitare Mission als Erbe Goethes und
Kants.
Aber einem General darf man wohl nicht gut mit Goethe
und Kant kommen. Er ziehtf das eiserne Feldbett dem west-
ostlichen Divan, er zieht das Exerzierreglement dem Traktat
zum ewigen Frieden vor. Und wenn er dichtet, so hochstens
eine Elegie an das eritschwundene Kaiserheer, das nun wenig-
stens in einer wehrhaften Miliz kiimmerliche Urstand er-
fahren soil,
Wenn Generale regiferen , . .
Der Weg Zlir Einheit von Hanns-Erich Kaminski
1st die deutsche Linke nur ein imaginares Gebilde, ein lite-
rarischer Begriff, eine politische Konstruktion? Nein und
dreimal nein! Sie ist organisatorisch gespalten, durch Partei-
kampfe verfeindet, und wer sie nur von weitem betrachtet und
folglich nur ihre Spitzen sieht, dem mag es scheinen, als sei
die Entfernung zwischen ihren einzelnen Teilen unendlich
groB. Dennoch ist die Spannung zwischen den Massen sehr
viel kleiner als zwischen den Fuhrern. Vor allem in der Ar-
beiterschaft wachst die Sehnsucht nach Aktivitat und die
Oberzeugung, daB sie nicht erfolgreich sein kann ohne Einheit.
Was sollen wir tun, urn dieses Ziel zu erreichen? Sollen
wir aus unsern Parteien, die die Spaltung konservieren, aus-
treten und uns andern, einheitsfreudigeren Gruppen an-
schlieBen? Oder sollen wir auf den Wunsch zur Einheit ver-
zichten, der unsern Wunsch zur Aktivitat lediglich verdachtig
macht? Und ist Aktivitat ohne Einheit uberhaupt moglich?
Diese Frag en tret en heute an jeden heran, der sich durch das,
was er sagt oder schreibt, ein wenig Vertrauen erworben hat,
Ihnen auszuweichen, ware Feigheit,
Zunachst freilich muB man den Begriff der Einheit klaren.
Ja, es gibt eine deutsche Linke, aber gemeinsam ist ihr nur
das Gefiihl, ein Ganzes zu bilden, als ein Ganzes angegriffen zu
sein und sich als ein Ganzes verteidigen zu miissen. Zu wel-
chem Ziel und mit welchen Methoden ihr Kampf gefiihrt wer-
den soil, ist jedoch unklar, es gibt dariiber mindestens zwei
ganzlich verschiedene Auffassungen, namlich die kommu-
nistische und die sozialdemokratische. Die Anschauung, die
beiden Parteien brauchten sich nur zu verschmelzen, damit
alles gut werde, ist darum rein sentimentaler Natur.
Der Gegensatz zwischen der Idee der demokratischen Re-
form, die die SPD, und der bolschewistischen Revolution, die
die KPD vertritt, ist nicht von ungefahr entstanden, Er ist
keine Folge von Miflverstandnissen oder bosem Willen, er be-
ruht vielmehr auf einer grundsatzlich verschiedenen Ein-
schatzung unsrer Epoche, Dieser Gegensatz kann nicht ver-
wischt, er muB ausgetragen werden. Ware eine Verschmelzung
378
der beiden Parteien iiberhaupt moglich, so wiirden die Aus-
einandersetzungen, die jetzt von Partei zu Partei gefuhrt wer-
den, dadurch nur in die Gesamt partei verlegt werden. Das un-
vermeidliche Ergebnis aber ware, daB diese Gesamtpartei erst
recht aktionsunfahig ware. Die Forderung der Einheit durch
Verschmelzung ist also sinnlos.
Womoglich noch unfruchtbarer ist die offiziell von den
Parteien verfochtene Meinung, die Einheit miisse durch Unter-
werfung der Konkurrenz zustande kommen. Dafi keine der
beiden Arbeiterparteien imstande ist, die andre zu vernichten,
darf nachgerade als erwiesen gelten. Selbst wenn aber, ga-
trieben von dem Wunsch nach Einheit um jeden Preis, alle
Sozialdemokraten in die KPD oder alle Kommunisten in die
SPD eintraten, ware damit nichts gewonnen, Denn diese
Proselyten wiirden in die andre Partei nur mit innern Vor-
behalten eintreten, sie wiirden ihre alte Mentalitat mitbringen,
und ehe sie zu richtigen Sozialdemokraten oder zu richtigen
Kommunisten werden wiirden, miiBte eine lange Erziehungs-
arbeit an ihnen geleistet werden. Der Hinweis auf die Ver-
schiebung der Wahler besagt dagegen gar nichts; Wahler sind
noch keine Parteimitglieder.
Ebenso wiirde es sehr lange dauern, wenn grofiere Massen
die Einheit durch ihren Beitritt zu einer dritten Partei verwirk-
lichen wollten. Parteien entstehen nicht aus dem Nichts. Und
wenn schon groBe Parteien viel Zeit brauchen, um ihr Men-
schenmaterial zu amalgamieren, so wiirde eine neue Arbeiter-
partei Jahre brauchen, bis sie wirklich schlagkraftig ware,
Jahre, die erfiillt sein wiirden von theoretischen Diskussionen.
Zeit aber hat die Linke gegenwartig wahrhaftig nicht zu ver-
lieren, am wenigsten fiir die Wiederaufwarmung so alter
Streitfragen wie es die Probleme der Demokratie und der
Diktatur sind.
Die Arbeiterparteien konnen folglich nicht verschmolzen
werden, man kann auch nicht darauf warten, daB die eine die
andre auffriBt, und es ware schlieBHch auch ein allzu riskantes
Experiment, eine dritte Partei aufzubauen. Jede dieser Me-
thoden wiirde die Aktionsmoglichkeit der Linken statt zu
starken nur schwachen. Und es versteht sich von selbst, daB
die Einheit nicht an sich wunschenswert ist sondern lediglich
als Mittel zu grofierer Aktivitat.
Dennoch ist klar, daB die Linke an StoBkraft und An-
ziehungskraft unendlich gewinnen wiirde, wenn sie als Ganzes
auftreten konnte und sich nicht mehr im Bruderkampf zu zer-
splittern brauchte. Unmoglich ist es nur, die Frage der Ein-
heit organisatorisch zu losen, von welcher Seite man sie auch
anpackt Wohl aber ist moglich, daB die beiden Parteien sich
zu gemeinsamen Aktionen zusammenfinden. 7
Die Einheit der Linken, die Einheit der Arbeiterklasse,
kann demnach nur bedeuten,; daB die Arbeiterparteien in be-
stimmten Situationen vereint handeln, wenn auch getrennt
denken. Und daB eine solche Situation jetzt vorhanden ist,
bedarf keines Beweises. Denn jetzt handelt es sich nicht
darum, wie die Macht im Staat auszuwerten ist, sondern
darum, sie erst einmal wieder zu erobern.
379
Damit die Parteien aber gemeinsam handeln konnen,
mussen sie zunachst einmal iiberhaupt handeln- Nicht die Ein- *
heit ftihrt also zur Aktivitat, sondern die Aktivitat fiihrt zur
Einheit und dadurch freilich zu noch groBern Aktionsmoglich-
keiten,
Ein taktisches Biindnis nun kann selbstverstandlich nur
von Partei zu Partei geschlossen werden, Und der Einzelne
kann am meisten dafiir tun, indent er in seiner Partei bleibt
und dazu beitragt, sie biindnisfahig und biindniswillig zu
machen; Oder mit andern Worten: indem er sich bemiiht, sie
zu groBerer Aktivitat gegeniiber der Reaktion zu veranlassen.
Niemand kann sich dariiber tauschen, daB das in der
Praxis Opposition gegen die herrschenden Parteifiihrungen be-
deutet. Auch die Parteifiihrer diirften namlich begreifen, daB
ihre Parteien sich um so naher kommen miissen, je nachhaltiger
jede fur sich gegen die Gegenrevolution auftritt. Wiirden So-
zialdemokraten und Kommunisten heute zum Beispiel alle
Krafte auf den Kampf gegen die neueste Notverordnung kon-
zentrieren, so ware die Herstellung einer taktischen Einheits-
front unvermeidlich, sie wiirde sich ganz von selbst ergebenf
auch und grade wenn beide Parteien sich zunachst um die
Nachbarpartei iiberhaupt nicht kummerten. Wer die Einheit
verhindern will, muB daher auch vor einer Aktivitat zuriick-
schrecken, die iiber die ,,normale" politischeTatigkeit hinausgeht.
Es ist denn auch kein Zufall, daB in beiden Arbeiter-
parteien eine MiBstimmung herrscht, die sich in, erster Linie
nicht gegen den mangelnden Einheitswillen sondern gegen die
mangelnde Aktivitat der Zentralen richtet. Die Unzufriedenen
fiihlen recht gut, daB die Unfahigkeit, die Einheit zu schaffen,
nur ein Teil jener Impotenz ist,, die iiberhaupt nicht mit der
gegenwartigen • Situation fertig wird. Bezeichnend ist es da-
bei, daB die Opposition in beiden Parteien nicht von altbekann-
ten Oppositionellen gefiihrt wird — die sind langst ausge-
schlossen oder ausgetreten — , sondern daB sie Leute erfaBt hat,
die sonst brav jeder Parole folgten, jaf daB sie sogar partei-
vorstandstreue Funktionare anzustecken beginnt. i
Hoffentlich werden sich diese Oppositionen ofganisieren,
obgleich das, in den Zentralbureaus beider Lager a Is das groBte
Verbrechen gilt, Denn wenn es den Oppositionen nicht ge-
lingt, die Parteien zu aktivieren, besteht die Gefahr, daB der
Erdfutsch, dem alle burgerlichen Parteien zum Opfer gefallen
sind, bald auch den Marxismus ergreift. Grade wer jede
Schwachung der Arbeiterparteien als das groBte Ungliick an-
sehen wiirde, muB darum wiinschen, daB die Opposition in
ihnen alle Unzufriedenen zusammenfaBt und zum Erfolg fiihrt.
Fiir die Sozialdemokratie ist das vollig "klar. Ihre gesamte
Politik beruhte bisher auf der Theorie, wir lebten in einer
Epoche, in der Kapitalisten und Proletarier ungefahr gleich
fetark seien und einander nicht viel tun konnten< Es kame da-
her darauf an, ihre Paritat auf alien Gebieten des gesellschaft-
lichen Lebens festzulegen; dann hatte das Proletariat die beste
Basis fiir seinen allmahlichen Aufstieg, Jetztist.die ,ffunktio-
nelle Demokratie" zerbrochen, und ihre Charte, die Weimarer
Verfassung, ist nur noch ein Schemen. Entw.eder war also die
380
Theorie falsch, oder die Partei hat sie falsch angewandt. Irgend-
wo muB dcr Fehler1 doch stecken. Jedoch vergeblich sucht
man, in den Organen dcr Sozialdemokratie nach einem Wort
der Rechtfertigung ihrer bisherigen Politik. Die Opposition in
der Partei hat es verhaltnismaBig leicht, hier anzusetzen und
die Frage aufzuwerfen, ob die Sozialdemokratie an ihrer Theorie
und selbst an ihrer Praxis auch in Zukunft festhalten darf oder
woran sie sich nun eigentiich orientieren soil.
Aber auch bei den Kommunisten herrscht eine Selbst-
gefalligkeit, die erschreckend ist. Die fuhrenden Schichten der
Partei berauschen sich an ihrem Wahlerfolg, den sie ohne
weiteres mit der fortschreitenden „Bolschewisierung" des deut-
schen Proletariats gleichsetzen, ohne sich zu iiberlegen, ob er
nicht einfach auf der Verargerung dieser neuen Wahler durch
die Passivitat der SPD beruhte. Oder sind diese ,,bolsche-
wisierten" Wahler auch nur zu einem kleinen Teil Parteimit-
glieder geworden? In jedem Fall muB selbst Thalmann zugebent
daB die deutsche Arbeiterklasse am 20. Juli eine Niederlage
erlitten hat und daB die Generalstreikparole der Kommunisten
wirkungslos blieb- Wenn aber das Proletariat eine Niederlage
erleiden und die Kommunistische Partei gleichzeitig einen Sieg
erfechten konnte, dann sind sie also nicht identisch, dann
konnen die Kommunisten auch nicht allein die Interessen des
Proletariats wahrnehmen. | Thalmann meint — oder sagt wenig-
stens — , die wichtigste Aufgabe der KPD sei es trotzdem
auch fernerhin, die Mehrheit des Proletariats zu erobern, und
zwar im Kampf gegen die Sozialdemokratie,! Inzwischen darf
das Proletariat wohl weitere Niederlagen erleiden? Die Gegen-
frage fur die kommunistische Opposition ergibt sich hieraus
formlich zwangslaufig. Wiirde die KPD ihrem Wesen und
ihrer Geschichte nicht besser gerecht werden, wenn sie mit
der Sozialdemokratie im Kampf gegen die Reaktion kon-
kurrierte, statt ihre Hauptkrafte gegen sie anzusetzen? Und
selbst wenn die beiden Parteien so voriibergehend auf die
gleiche taktische Linie kamen — wiirde die KPD nicht dadurch
die Moglichkeit erhalten, die SPD desto besser zu kritisiereh
und schlieBlich auch die Mehrheit des Proletariats an sich zu
ketten?
Nach alledem ist selbstverstandlich, daB die Opposition in
beiden Parteien von ganz verschiedenen Gesichtspunkten aus-
gehen muB. Jede Partei kann nur aus sich selbst heraus er-
neuert werden. Beiden Oppositionen bietet sich allerdings das
gleiche Kampfmittel: die Fofderung nach einem Parteitag.
Denn fur beide gilt die gleiche Logik: durch Diskussion zur
Aktion, durch Aktion zur Einheit, durch Einheit zum Sieg.
Spaltungstendenzen bei den Nazis
von K. L. Gerstorff
\/on krisenhaften Erscheinungen bei den Nazis ist seit ihrem
V Wahlsieg vom September 1930 standig die Rede gewesen-
Aher sie nahmen bisher niemals ein groBeres AusmaB an. Im
Gegenteil: bis zu den PreuBenwahlen in diesem Jahr nahm die
nationalsozialistische Bewegung auf dem Lande wie in den
381
Klein- und GroBstadten ziemlich gleichmaBig zu, und es war
fur Hitler riicht schwierig, mit der Oppositionsbewegung urn
Otto StraBer und spater um Stennes fertig zu werden. Die
Presse dieses oppositionellen nationalbolschewistischen Flu-
gels wufde zwar in manchen Kreisen der Nationalsozialisten
noch gelesen; aber auf die politische Aktion der Partei blieb
sie bisher ohnc nachhaltigen EinfluB. Es ist selbstverstand-
lich, daB die offizielle Nazipresse auch heute alien Abspal-
tungsgeriichten nachdriicklich entgegentritt, die Einheit der Par-
tei als selbstverstandlich hinstellt und alle gegenteiligen Be-
hauptungen als Wunschphantasien der ,,Juden" oder der
,,Marxisten" bezeichnet.
Und doch ist eine schw«re Krise innerhalb der NSDAP
vorhanden, eine Krise, die sich mit Notwendigkeit aus der
Zusammensetzung der Partei und den letzten politischen
Aktionen ergibt. Die Zusammensetzung der NSDAP
als Partei entspricht in ihrer soziologischen Struktur
nicht ganz der Zusammensetzung ihrer Wahlermassen.
Das (iberwiegende Gros der 13,5 Millionen vom 31. Juli
setzt sich. aus dem alten und dem neuen Mittelstand
zusammen. Das heiBt: es sind' in- den Stadten die An-
gestellten, Beamten, Kleinhandler, Handwerker, auf dem
Lande die Bauern. Bei den Wahlermassen spielt neben diesen
proletarisierten Mittelschichten die eigentliche Arbeiterschaft
keine sehr bedeutende Rolle. Anders liegt es bei der Partei
v selbst. Anders liegt es vor allem bei den Kaders der Partei,
die sich vor den Septemberwahlen 1930 gebildet hatten.
Schatzungen, die die SA und SS heute auf etwa dreihundert-
tausend Mann beziffern, diirften der Wirklichkeit entsprechen.
Den Grundstock dieser dreihunderttausend Mann bilden etwa
sechzig- bis siebzigtausend SA- und SS-Leute, die bereits vor
den Reichstags wahlen von 1930 zusammengefaBt waren. Unter
diesen ist das proletarische Element weit starker vertreten
als bei den Wahlermassen. Es ist allerdings ein proletarisches
Element mit besonderem Einschlag. Es sind nicht die Be-
triebsarbeiter aus den GroBbetrieben. Im Gegenteil: hier hat
die nationalsozialistische Bewegung aus leicht erklarlichen
Griinden bisher die geringsten Erfolge gehabt* Sondern in-
nerhalb der SA und SS ist jene proletarische Jugend auBer-
ordentlich stark vertreten, die, wenn uberhaupt, nur kurze
Zeit im ProduktionsprozeB gestanden hat. Es finden sich dort
Massen von Erwerbslosen, viei Lumpenproletariat und in ge-
wissem Umfange auch Arbeiter aus Kleinbetrieben und aus
Industrierevieren, die industriell zuriickgeblieben sind, so aus
dem Bezirke der Heimindustrie im sachsischen Vogtland- Es
ist kcin Zufallt daB, wie auch samtliche Betriebsratswahlen
beweisen, die Nazis in den industriellen GroBbetrieben kaum
weiter kommen. Dort kann man die Arbeiter am wenigsten
uber den wahren, also, kapitalistenfreundlichen Gharakter der
NSDAP tauschen, dort sagt der Arbeiter: „Entweder Du bist
mit mir, dann muBt Du gegen den Unternehmer kampf en; oder
Du nimmst die Partei des Unternehmers, — dann gibt es un-
versohnliche Feindschaft." Der Betriebsarbeiter hat mit an-
dern Worten durch seine Stellung im ProduktionsprozeB sich
382
eine bisher fast unerschiitterte Immunitat gegeniiber der na-
tionalsozialistischen Demagogie bewahrt. Er spiirt grade im
Betrieb am deutlichsten, daB die Nationalsozialisten trotz
ihren sozialistischen Phrasen die Schildknappen der schwar-
zesten Sozialreaktion sind.
Anders steht es mit jenen oben schon erwahnten Ar-
beiterkategorien. Die Jugend und die Erwerbslosen, sie haben
nicht oder nicht mehr durch die Stellung im Produktions-
prozeB die Erfahrung, die ihnen die Entlarvung der Nazis, er-
leichtern wurde. Sie glaubten und glauben noch immer vielfach
an die sozialen und sozialistischen Versprechungen im natio-
nalsozialistischen Programm. Sie glaubten urn so mehr daran,
als sie sich von den beiden groBen Arbeiterparteien grade in
der Krise vielfach enttauscht sahen* Wahrend schon alle
Welt wuBte, daB diese Krise an das Mark des kapitalistischen
Systems riihrte, tolerierte die Sozialdemokratie noch die Brii-
ningregierung mit der Motivierung, daB diese Krise eine Krise
wie jede andre sei. Das emporte die jugendlichen Arbeiter
genau so wie die Erwerbslosen; und wahrend sie durch diese
Emporung radikalisiert wurden, spurten sie die Aktions-
unfahigkeit der Kommunistischen Partei, sahen daher auch in
ihr keine Kraft, die sie aus der Krise zu bessern Zeiten fiih-
ren konnte,
Diese proletarischen Elemente, die noch heute innerhalb
der SA und SS einen auBerordentlich wichtigen Bestandteil bil-
den, sind also zum groBten Teii aus Enttauschung uber die
groBen Arbeiterparteien zu Hitler gekommen, sie verlangen
von ihm die Schaffung eines neuen wirtschaftlichen Funda-
ments, das sie verschwommen als nationalen Sozialismus be-
zeichnen. Sie konnten nicht durch Betriebserfahrungen iiber
den wahren Character der NSDAP aufgeklart werden; sie
konnten und konnen nur durch ihre eigiien Lebenserfahrun-
gen dariiber aufgeklart werden; und das heiBt heute: durch
die politische Aktion der NSDAP selbst. Hier zeigt sich einer
der vielen entscheidenden Gegensatze der deutschen Entwick-
lung zur italienischen. Auch in Italien waren neben den Mit-
telschichten manche Arbeiterkreise die getreusten Anhanger
Mussolinis in der Zeit der Machtergreifung. Aber da Musso-
lini in verhaltnismaBig kurzer Zeit die vollstandige fascistische
Diktatur errichtete, da keine Koalitionspolitik auf langeDauer
von ihm getrieben wurde, so geschah seine Entlarvung als
Degen des italienischen Kapitals erst nachdem die gesamte
Staatsmacht in seinen Handen war. Erst als ihm Heer und
Polizei gehorten, als er die italienischen Gewerkschaften, die
sozialistischen und die biirgerlichen Parteien vernichtete, gin-
gen vielen italienischen Arbeitern, die ihm bis dahin Gefolg-
schaft geleistet hatten, die Augen iiber den wahren soziolo-
gischen Charakter des italienischen Fascismus auf. Im deut-
schen Kapitalismus verlauft auch an diesem Punkt die Ent-
wicklung anders. Schon vor der Machtergreifung erlebten wir
die wenn auch versteckte Tolerierung der Papenregierung
durch die Nazis bis zum 31, Juli. Und die Folge war, wie an
dieser Stelle schon vielfach bemerkt wurde, daB die eigent-
liche marxistische Linke gegeniiber dem nationalsozialisti-
383
schen Einbruch immun blieb, ja daB sie sogar gegentiber den
PreuBenwahlen bei den Reichstagswahlen stark aufholte, und
daB die Nazis in den Industrierevieren wie in den Grofistadten
absolut abnahmen.
Die Tolerierungspolitik gegenuber der Papenregierung
hat sic h jedoch nicht nur in einem Riickgang der Nazistimmen
in der eigent lichen Arbeiterschaft ausgewirkt sondern sie
verstarkte die krisenhaften Tendenzen innerhalb der SA. Man
hatte den proletarischen Elementen immer erklart, man ware
fur die sozial-reaktionaren MaBnahmen der Papenregierung
nicht verantwortlich, denn man ubernahme die Verantwortung
nur dann, wenn man die vollstandige Macht besaBe, Was will
aber Hitler jetzt tun? Lehnt er jede Koalition, sei es mit dem
Zentrum, sei es, unter irgend einem Deckmantel, mit der Papen-
regierung ab, dann meutern die SA, weil man ihnen immer
versprochen hat, man wiirde jetzt bald an die Macht kommen,
Beteiligt er sich an irgendwelchen Koalitionen, dann meutern
sie auch, weil sie von ihm, wenn auch stark verschwommen,
irgend etwas Sozialismus-Ahnliches erwartet haben. DaB die
zahlreichen Koalitionsgesprache Hitlers zu Meutereien und
Niedergeschlagenheit der SA Veranlassung gegeben haben, zei-
gen nicht nur die Nachridhten, die grade in letzter Zeit von
vielfachen Auflosungen einzelner SA-Abteilungen sprechen —
die Krise gent bereits viel tiefer. So heiBt es zum Beispiel
in der Zeitschrift ,Der Ring* (Heft 34):
Die anfanglich von der nationalsozialistischen Fiihrung abgestrit-
tene Mobilisierung ihrer SA, die insbesonderc vor Berlin zusammen-
gezogen wurde, wird heute auch offen zugegeben, Der Tatbestand
der Konzentrierung der SA auBerhalb Berlins ist also feststehend.
Wichtiger aber ist heute zu wissen, daB innerhalb der SA aus-
gesprochene Niedergeschlagenheit herrscht. Es ware verfruht, von
einer Krise zu sprechen. Aber der Keim zu der Krise ist gelegt.
Man bedenke, daB die SA nun zum dritten Mai angetreten ist, um
die Revolution durchzufiihren. Jede Vertagung, jede Verschleppung
der Machtergreifung loste schon bei diesen am starksten zur Aktivi-
tat aufgeputschten Nationalsozialisten Unruhe aus. Sie- ist jetzt be-
sonders groB, nachdem sich das gleiche wiederholt hat — von 1923
einmal abgesehen — wie im September 1930 und Marz 1932. Nach
unsern Informationen war aber auch schon am Sonnabend, 13. August,
die SA insofern nicht mehr intakt, als ein Teil resignierte. Der
Tatbestand, daB die staatliche Abwehr gleichfalls vorbereitet war und
daB es als sicher gelten muBte, daB sie jetzt im Unterschied zu etwa
der Zeit vor einem halben Jahr einheitlich funktionieren wurde, hatte
ihre Wirkung nicht verfehlt.
Wichtig an diesen krisenhaften Zustanden ist, daB sie in
absehbarer Zeit nicht beseitigt werden konnen, Lehnen die
Nazis die Reteiligung an der Regierung ab, weil man ihren
Anspriichen auf Pradominanz nicht nachgabe, dann miissen die
Meutereien zunehmen; denn das wissen heute auch die SA in
den kleinsten Orten, daB die Nazis nicht auf legalem Wege zur
absoluten Majoritat, zu einundfiinfzig Prozent der Wahler kom-
men werden. Grade dieser Druck der SA ist es also, der
Hitler immer wieder zu Verhandlungen zwingt. Gehen aber
die Verhandlungen aus, ohne daB die Nazis die entscheidenden
politischen Machtpositionen bekommen, dann muB die Krise
innerhalb der NSDAP sich weiter verstarken, weil der Wider-
384
spruch zwischen den politischen Versprechungen und dcr wirt-
schaftlichen Realitat dann immer schwerer zu uberbrucken sein
wird. Es ist dabei wichtig, daB die Emporung der proletari-
schen Stromungen nicht nur Ausdruck in den spontanen Be-
wegungen der SA finden, nicht nur ihren literarischen Aus-
druck auBerhalb der NSDAP, in den Veroffentlichungen derer
urn Otto StraBer und Stennes, sondern daB sich bereits in-
nerhalb der NSDAP ein sozialistischer Fliigel um Reventlow
immer starker zu regen beginnt. Hitler wagt angesichts der
gesamten Krise der Partei zur Zeit nicht, gegen diesen Fliigel
aufzutreten. Und so kann Reventlow - immer off eher schreiben
In einem Artikel im ,Reichswart* heiBt es:
„Sozialismus durch die NSDAP." — Der so iiberschriebene Auf-
satz des ,Reichswart* vom 13. August 1932 hat auf der Linken
komischerweise erhebliches Aufschen erregt, weil er Verstaatlichung
der Groftbetriebe fordert, eine Forderung, die das nationalsoziali-
stische Parteiprogramm, seitdem es besteht, also seit dem Winter
1919/20 enthalt. Da an diesem Programm wahrend der verflosse-
nen zwolf bis dreizehn Jahre nicht s geandert, auch keine Erganzung
dazu gemacht worden ist, so sollte eigentlich nicht ausdriicklich ge-
sagt rzu werden brauchen, daB die Partei selbstverstandlich entschlos-
sen ist, alle Programmpunkte, also auch diesen, zur Verwirklichung
zu bringen.
Es ist selbstverstandlich, daB in der Praxis die Dinge etwas
anders aussehen, daB sich die NSDAP nicht an Aktionenin
der Richtung der Verstaatlichung der Grofibetriebej beteiligen
kann, weil sie sonst als Partei zerfiele. Es ist daher weiter
selbstverstandlich, daB die Gegensatze zwischen dem Revent-
low- und dem Rosenbergfliigel innerhalb der NSDAP, wenn
sie einmal politische Verantwortung zu tragen haben wird,
zur scharfsteni Krise fiihren miissen,
Jede Krise innerhalb der NSDAP ist selbstverstandlich
eine Verstarkung der politischen Krafte der Linken in Deutsch-
land; aber sie wird nur dann ausgewertet werden konnen,
sie wird nur dann das Pendel wieder nach links schwingen
lassen, wenn in der heutigen Defensive die Aktionsfahigkeit,
die Aktionskraft der Arbeiterschaft wieder ausgebildet wird.
Christus in der Grofistadt von Hans v. zwehi
F^ie BehrenstraBe in der Friedrichstadt, zwischen Bleichroder,
*^ Banken, Metropoltheater und Passage-Kokotten, wird
heutzutage flankiert vom Neu-Katholizismus Berlins; auf dem
einen Ende liegt der von der Republik errichtete Bischofspalast,
auf dem andern mit ihrer griinen Peterskuppel die Hedwigs-
kirche. Der Bischof mit dem Bureau wohnt in den dreihundert
Zimmern des vormaligen Militarkabinetts, Tiara und blaue
Handschuhe haben die Uniformen abgelost. Auch die Hedwigs-
kirche ist sehr verandert: in den antikisierenden Tempel aus
der Zeit des alten Fritzen ist der moderne Flachenstil des
neuern Kurfiirstendamms eingebrochen — der Bischofsthron,
weiB mit Goldbaldachin, prunkt unter den offenen Orgel-
pfeifen, mitten durch die Kirche vor den Chor geht ein Mar-
morgelander, in dem links das Viereck der Kanzel wie ein
Schaffnerplatz steht, rechts ein Versenkloch fur den unter-
3 385
irdischen Orgelspieler, die Wand ist theatralisch durch-
brochen zum Anblick ernes Sakramentshauschens, und oben
an der Decke schimmern ernste moderne Sinnierer und Ge-
schaftsleute von Peter Hecker.
Die Schlagseite, die das Schifflein Petri bei dem groflen
Fischzuge in den Norden erlitten hat, wird hier doppelt ver-
sinnbildlicht — im Hirtenstabe an der Statte der Litzen des
Holgenerals der Einbruch des PreuBentums, in der restaurier-
ten Hedwigskirche das Eindringen der GroBstadt und der Tech-
nik in das reine lateinische Christentum. Und wie der Hirt
so die Herde: Der diesjahrige Katholikentag in Essen, auf
roter Erde unter den Kumpels und Halden, hatte als Haupt-
themata unsichtbar: die Abwehr der Nationalkatholiken (deut-
licher; der Nationalkirche), sichtbar: den Kreuzzug „Christus
in der GroBstadt". Der Kreis ist geschlossen.
Gegen die Gefahr der preuBisch-deutschen Nationalkirche,
die latent unter der Asche Luthers gliihtt hat der Nuntius
Orsenigo, der nnhorbar vor einer feinen und stillen Villa des
alten Tiergartenviertels vorfahrt und die Faden lenkt, noch
kein Krautlein in den vatikanischen Garten wachsen sehen.
Die Kirche, die in Jahrtausenden denkt, meditiert noch. Aber
daB die Halfte der deutschen Katholiken, trotz dem
Frauenstimmrecht, nicht mehr Zentrum wahlt, steht sicher in
den Safes der Weisheit hinter den Toren der ewigen Stadt
groB verzeichnet, und hinter der klugenBrille der Monsignori
wiegt sie schwerer als die vage Aussicht, daB Seine Bischof-
lichen Gnaden von Berlin dermaleinst Vorpommern oder die
Altmark und das Oderbruch bekehrt oder der hessische Bayer
Held als zweiter Tilly aufersteht, Seine Eminenz sinnt — die
Volker sind wie die Kinder . . . Hat nicht der Nachfolger des
kleinen Windhorst, der noch die Partei des langen Bismarck an
die Wand driicken wollte, ,tdaB sie quietschte", seinen Frieden
mit dem Feinde der Gesellschaft Jesu, mit dem Feinde des alten
romischen Reiches gemacht? Ja, als Wilhelm den alten Spahn,
zum Dank fur Heer- und Flottenleistung, in Frankfurt zum
Oberlandesgerichtsprasidenten machte, war der erste Schritt
getan — der Sohn war bereits Professor bei Tirpitz, und heute
ist die Halfte vom goldenen Mainz und vom heiligen Koln ver-
loren. Heute gesteht die Kirche bereits ihre eigne Schwache
ein: sie protestiert eine Generation zu spat gegen die Ver-
gottung des Staates, die nicht die katholische Staatslehre sel
— aber die wahren Machtmittel ihres Glaubens, Verweigerung
der Sakramente und des katholischen Begrabnisses, wagt sie
nicht mehr gegen die Trager von Hakenkreuz und Stahlhelm-
brosche anzuwenden, nicht einmal gegen Frauen in der Beichte.
Inzwischen setzt sich die VerauBerlichung des 20. Jahrhundert-
Katholizismus rasend fort: es gibt einen katholischen Rundfunk
wie es katholische Justiz, Oberprasidien und Polizei gibt,
katholische Hochschulen, katholische Zensur, katholische
Grammophone, auch katholisches Theater (von Calderon bis
Weismantel) und katholische Beschaftigung mit dem Film (und
der Filmpleite), nur noch keinen katholischen Sport. Solch
eine auBere Machtpolitik hat die Kirche auch seit dem In-
vestiturstreit immer getrieben, aber heute ist die innere.
386
Mystik; die Nachiolge Christi nicht mehr vorhanden. Die Masse
hat iiber sich katholische Symbole in Form von Behorden, aber
das Volk denkt in Wahrheit nicht mehr so katholisch-religios
wie friiher, das ist das Entscheidende. Viel berliner Tamtam —
selbst eine Reklameausgabe wie die des Kaplans Fahsel, vor-
mals Islam, jetzt allerdings nach seiner Box-Photographie auf
die Weltreise geschickt und in Ungnade gef alien, wurde
denkbar.
,,Christus in der GroBstadt", was bedeutet das heute?
der reine Katholizismus ging urspriinglich vom mittelalterlichen
Leben aus. Das katholische Jahr greift tief in den Tageskalen-
der des einzelnen ein, jede Jahreszeit hat ihre Feste, und die
Grundprinzipien der Menschheit, Geburt, Ehe, Krankheit,
Sterben haben ihre festen Regcln und Gebrauche — es gibt
eine unvergeBHche Romantik von Fasching, Aschenkreuz,
Palmwedeln, geweihten Feldern, Prozessionen, Weihnachts-
schnee mit leuchtenden Kirchen in der Nacht, In katholischen
Dorfern ist Betglockenlauten etwas Selbstverstandliches, Weih-
wasserkessel hangen selbst iiber der Schwelle der Bierwirt-
schaften, Heiligenbilder iiber dem Sofa und dem Bett, Sonn-
tagskirchgang und osterliche Zeit einigen die Gemeinde —
wer das nicht versteht, versteht das ganze katholische Leben
nicht. Dies© Religion beruht zutiefst auf dem Glauben an die
Demokratie des Todes, dem beruhigenden Dogma und dem
weltlichen, ach so weltlichen Bequemlichkeitsideal — ,funterm
Krummstab ist gut wohnen" (wenig Steuern, viel Feiertage),
diese Oberlieferung hat sich nicht nur am Rhein gehalten. In
der Diaspora auf dem Wedding, in den Planschbecken am
Wannsee, in den Zuhalter-Bezirken am Alex, im Elend der
Stempelstelle und der GormannstraBe sieht der Katholizismus
natiirlich, ganz anders aus. Die Tragodie der von ihrer Herr-
schaft nicht zur Friihmesse gelassenen schlesischen Dienst-
madchen, die Dramen der Mischehe, der Fruchtverhinderung,
der Scheidung in der katholischen Familie entstehen, Ihre Dra-
ma turgen sind' Leute wie der mimchen-gladbacher Kaplan, der
tote Doktor Sonnenschein, und diese, nicht die Jesui-
ten, nicht der Pater Muckermann sind heute die wahren Sttit-
zen des Katholizismus. Der romische Papst, der als eine der
wenigen noch gebliebenen internationalen Krafte einen Teil
Europas regiert, hat diese Entwicklung gefiihlt. Daher tele-
graphierte; er seinen deutschen Millionen auf die traditionelle
lateinische Huldigung ein Bekeimtnis zur Katholischen Aktion
und zur sozialen Ordnung (oder dem, was er dafur halt), und
zu dem Riesen-Christust der in der einen Halle des Katholi-
kentages hing, scholl es immer wieder herauf: MSozialpolitik'\
Ich glaube, dafi dies, wenn auch vielleicht mit Zickzack,
die erste, klarere Klassenscheidung im katholischen Lager ist,
die erste deutliche Niederlage des adlig-borussischen Fliigels,
der vordem zusammen mit den schlesischen Magnaten die
Gardeoffiziere stellte, die erste Abkehr vom neuerwachten
hegelschen Staate. Dem katholischen Hunger schmeckt offen-
bar das neupreuBische Schleichersche KommiBbrot nicht
— „qui mange du Papen en meurt" ... — das ist das Ergeb-
nis des essener Katholikentags.
387
Akademiker zum Fall Gumbel von Knrt Grosmann
fSer Angelpunkt des Fallcs Gumbel ist in der Presse uber-
_ haupt noch nicht . hervorgehoben wordcn. Der Kampf
gegen Professor Gumbel war nicht em, Kampf aus sachlichen
Motiven sondern wurde, wic dcr cand. med. Karl Georg Dorr,
Heidelberg, im ,V6lkischen Beobachter' vora 6. Juli darlegt, ge-
fiihrt gegen den Juden Gumbel, gegen den Pazifisten, gegen
den Mann, der das unvergangliche Verdienst hat, Deutschlands
schwarzeste Zeitf die der Morde und Fememorde, unerbittlich
entlarvt zu haben. Dorr, der Hauptzeuge in dem Verfahren
gegen Gumbel, sagt selbst:
Trotzdem schien es, dafi die jiidische Mentalitat und der wehr-
zersetzende Pazifismus des Juden Gumbel siegen sollten,
Gumbels AuBerung, die den badischen Kultusminister un-
begreiflicherweise bewogen hat, ihn der nationalsozialistischen
Meute zu opfern, nennt Herr Dorr in jenem Artikel eine „neue,
niedertrachtige Beschimpfung", Er sagt wohlweislich nicht,
wie das der UntersuchungsausschuB versucht hat, ' eine Be-
schimpfung -der Gefallenen. Denn der Akademiker Dorr weiB
sehr genau, daB Gumbel alles gegen den Krieg und nichts
gegen die Krieger gesagt hat,
Als am 11. August 1930 Gumbel zum Professor ernannt
wurde, war das fur die nationalistische Studentenschaft ein
Fanal, gegen diesen Juden, Pazifisten und Mordbekampfer zu
Felde zu Ziehen. Und damals schon waren seine Kollegen
nicht gesonnent um der Meinungsfreiheit willen den an-
maBenden Forderungen der Studentenschaft — ihr voran
der Hauptzeuge Dorr — entgegenzutreten. In einem Schreiben
vom Vorstand des Verbandes der deutschen Hochschulen
wurde den protestierenden Studenten mitgeteilt:
Der Vorstand begriiBt selbstverstandlich jede AuBerung auf das
warmste, in der die deutsche Studentenschaft ihre vaterlandische
Gesinnung bekundet; er versteht aus dieser Gesinnung heraus auch,
dafi die Ernennung des Privatdozenten Dr, Gumbel zum nichtetats-
mafiigen auBerordentlichen Professor bei zahlreichen Studenten eine
starke Erregung veranlaBt hat,
Zur Sache selbst stellte der Vorstand des Verbandes, ge-
zeichnet .jTillmann*', fest, dafi die philosophische Fakultat der
Universitat Heidelberg Gumbels Zugehorigkeit zu ihr als durch-
aus unerfreulich bezeichnet habe und daB man die Er-
nennung Gumbels zum auBerordentlichen Professor durch den
badischen Kultusminister durchaus miBbillige.
Gegen diese AuBerungen haben seinerzeit jedoch eine
Reihe von Kollegen Gumbels in wiirdiger Weise protestiert.
Eine Erklarung von sechsundachtzig Professoren kam neben
vielen EinzelauBerungen zustande, in der gesagt wurde, daB
in der Antwort des Hochschulverbandes die gebiihrende Zu-
rijckweisung des. studentischen Versuchs vermiBt werde, mit
der aus politischen Griinden geforderten Entfernung Gumbels
aus seiner Lehrtatigkeit in Heidelberg die akademische Lehr-
und Gesinnungsfreiheit zu vernichten,
Insbesondere fuhlen sich die Unterzeichner des Protestes ver-
pflichtet, darauf hinzuweisen, daB das Schreiben des Hochschulver-
bandes nicht die gesamten geistigen Interessen der gesamten aka-
388
demischen Lehrerschaft vertritt sondern sich zum Sprachrohr fur
politisch intolerante, vom kulturellen Standpunkt sehr unzeitgemaBe
Anschauungen einer einzelnen Gruppe macht.
Diese Erklarung wurde in den Blattern des Hochschul-
verbandcs veroffentlicht, und der Protest bcwirktc, da8 audi
in Heidelberg Ruhe eintrat.
Aber Herr Dorr lag auf der Lauer, und so kam es denn
zu dem Ende des Falles Gumbel, das von den Nationalsozia-
listen mit Recht als ein Sieg gefeiert wird. Hatte die Ent-
fernung Gumbels nicht fiir die gesamte Kollegenschaft ohne
Unterschied der Partei ein Signal sein miissen, sioh fiir die
durch diese MaBnahme bedrohte akademische Freiheit einzu-
setzen? Denn Gumbel wird nicht allein bleiben. Schon suchen
sich die Nationalsozialisten weitere Opfer. Jener Doktor Mo-
nius, der in Miinchen die ,Allgemeine Rundschau', eine katho-
lische, pazifistische Zeitschrift herausgibt, Abderhalden und
andre mehr stehen auf der Liste derer, die sich die National-
sozialisten als nachste Opfer erkoren haben,
Radbruch hat sich Gumbel als Verteidiger zur Verfiigung
gestellt, weil er empfand, daB Gumbel mit seiner inkriminier-
ten AuBerung nur den Krieg hatte treffen wollen, nie und nim-
mer die gefallenen Soldaten, Aber die Eingabe, die einige
Universitatslehrer an das badische Staatsministerium gerichtet
haben, tragt bisher nur wenig Unterschriften. Viele glauben
off enbar, sich nachgerade genug fiir die akademische Freiheit
eingesetzt zu haben oder sehen ihre eigne Position bereits so
gefahrdet, daB sie meinen, im Interesse- ihrer eignen Existenz
diesen Weg nicht weiter verfolgen zu diirfen,
Darum ein doppeltes Lob denen, die wie der bekannte
marburger Professor Goetze aus eigner EntschlieBung Vor-
stellungen schon vor der Entscheidung bei dem badischen Kul-
tusminister erhoben, ohne zu fragen, welche Kollegen mitgehen
wiirden, einfach weil ihm Gumbel bedroht schien,
Ein frankfurter Dozent sagte uber die neue Hetze gegen
Gumbel,
daB sie jedem deutschen Hochschullehrer klar zeigen miisse, dafl
von nationalistischer Seite eine standige Hetze gegen politisch Mifi-
liebige, beSGnders gegen pazifistische Professoren im Szene gesetzt
wird, die die personliche und geistige Freiheit jedes Einzelnen von
uns auf das schwerste bedroht und zu einer unertraglichen Gesin-
nungsschniiffelei ftihren muB. Jeder Kollege raufi sich sagen, daB
diese Hetze sich auch jeden Tag gegen ihn selber richten1 kann; das
sollten sich besonders diejenigen gesagt sein lassen, die mit den
Hetzern offen oder geheim sympathisieren.
Professor Anna Siemsen sieht in dem Fall Gumbel die
Terrorisierung Andersdenkender, die von den Hochschuleh
vertrieben werden sollen:
Alle diese Aktionen sind deswegen auch nicht zu werten als
Ausdruck einer verletzten Uberzeugung oder eines gekrankten Ge-
fuhls, moge diese Uberzeugung noch so toricht, das Gefuhl noch
so tiberreizt sein; sondern als der Kampf einer terroristisch gerich-
teten Machtgruppe, urn eine Gesinnungsdiktatur auf den deutschen
Hochschulen aufzurichten, welche durch Gewalt und Einschiichterung
wirkend das Ende der wissenschaftlichen Freiheit, damit wenigstens
fiir eine Zeitspanne auch das Ende der deutschen Wissenschaftlich-
keit bedeuten wurde.
389
Der Professor der Psychologic und Padagogik zu GieBen,
Doktor August Messer, erinnert in seinem Gutachten an den
Ausspruch von Lagarde:
Alles Parteiwesen ist giftig, weil es die Freiheit, wahr und . ge-
wissenhaft zu sein, ertotet,
Professor Walter Berendsohn, Hamburg, sieht in dem Vor-
gehen gegen Gumbel
die wachsende Bedrohung der akademischen Freiheit in Deutsch-
land , , . Es geht — das ist meine Auffassung im Falle Gumbel —
wie in zahlreichen Fallen um viel mehr als urn Personen. Es geht,
urn die geistige Freiheit schlechthin, die preiszugeben in der Zeit der
Gedenkfeiern fiir Lessing und Goethe ein Verrat am kostlichsten
deutschen Erbe und damit an der nationalen Idee im tieferen Sinne
bedeutet.
Und Professor J. Herrmann, der friihere wiirttembergische
Kriegsminister, weist dem Senat in Heidelberg und dem ba-
dischen Kultusministerium die Aufgabe zu, die akademischen
Lehrer gegen derartige Angriffe zu schiitzen und eine solche
grandiose Hetze von den Hochschulen fernzuhalten,
denn der klare Sinn seiner (Gumbels) Aufierungen war nicht, wie
jene falschen Zeugen glauben machen wollen, eine Verachtlichmachung
des Andenkens an unsere Feldgrauen sondern die Abscheu vor
einem Kriege.
Professor Ferdinand Tonnies, Kiel, halt es fiir eine Tat-
sache, daB im Laufe der letzten Jahre mehr und mehr von der
sogenannten nationalsozialistischen Arbeiterpartei aus eine
Denkungsart auch in der studierenden Jugend Wurzel ge-
schlagen hat, die er fiir moralisch verwerflich und politisch ge-
fahrlich halt ,fwegen einer Unduldsamkeit und Verfolgungs-
sucht, die nur als jugendlicher Fanatismus sich verstehen lafit".
Professor Franz Oppenheimer schrieb:
Die Entwicklung der deutschen Hochschulen muB einen alten
akademischen Lehrer wie mich mit schwerer Sorge erfullen. Ihr
wertvollstes Gut, die Lehrfreiheit, ist in ernster Gefahr, Wo sie
nicht von innen her, von den Fakultaten ^elbst, geniigend verteidigt
wird, weil diese bereits dem Zeitgeist allzu sehr yerfallen sind, da
erscheint es mir als die heilige Pflicht der vorgesetzten Staatsbehorde,
diesen Schutz zu vollziehen.
In diesem Sinne auBern sich noch viele Gelehrte. .Immer
wieder die Auffassung, wie sie auch Professor Doktor Karl
Brandt klarlegt, es bedurfe keines Hinweises, daB der Kampf
gar nicht gegen die einzelnen Professoren sondern gegen das
System ginge. Eine Reihe der besten Namen haben beim ba-
dischen Kultusministerium ihre Stimme erhoben. Aber trotz
dem vollig ungekladten Tatbestand und obwohl in der
Anklageschrift stand: ,,Zweifellos hat Professor Gumbel
wissenschaftliche Qualitaten und wissenschaftliche Interesseji.
Der Wert seiner wissenschaftlichen Leistungen ist weithin an-
erkannt und wird auch seitens des Ausschusses in keiner Weise
bezweifelt", — dennoch Entziehung der venia legendi, dennoch
Brotlosmachung eines Mannes, der mutig wie keiner gekampft
hat, Dieser Mut ist am besten beweisbar aus Gumbels Ver-
teidigungsschrift gegen das Gutachten des Untersuchungs-
ausschusses. Da schreibt er:
390
Die Wirkung des von den Nationalsozialisten verbreiteten Satzes
(„Das Kriegerdenkmal des deutschen Soldaten ist £iir mich nicht
-eine leicht bekleidete Jungfrau mit der Siegespalme in der Hand
sondern eine einzige, grofie Kohlriibe") kann also nicht mir zur Last
gelegt werden. Ich habe keine heilig zu haltenden Gefuhle ver-
letzt, Ich habe zu ehren die gemeinsame Scholle, die Wurde der
Arbeit, die Not der Mutter, das Leiden der* Armen und das An-
denken der Toten. Gegen keine dieser Pflichten habe ich verstofien.
Der Krieg ist kein wesentliches Gut der Nation sondern ein Uhgluck,
Es gibt daher keine Pflicht, ihn heilig zu halten. Wohl aber hielt
und halte ich mich fur verpflichtet, die Leiden, die er iiber die
Menschheit und damit auch iiber unser Volk bringt, zu betrauern,
die Lebenden vor ihm zu warnen und den Frieden als Kulturgut zu
verteidigen.
Mit dieser Autfassung weiB ich mich mit der Mehrzahl derjeni-
gen einig, die ins Feld gezogen und deren Namen auf den Kriegs-
denkmalern stehen. Ich weifi mich zudem einig mit alien denen,
die noch heute die Republik verteidigen. In einem Lande, das ent-
sprechend dem Kellogg-Pakt den Krieg geachtet hat, besteht fur nie-
mand und gewifi nicht fur einen Lehrer, dessen Unterricht nach der
Reichsverfassung im Geiste der Volkerversohnung zu geschehen hat,
eine Verpflichtung, dem Krieg anders als mit Grauen gegenuber-
zustehen,
Zu diesen Worten steht Gumbel heute wie damals. Keirie
Macht wird ihn zu einer andern Auffassung bringen. Das ba-
dische Staatsministerium aber sollte, wenn es nicht von alien
,;guten Geistern verlassen ist, die einzig mogliche Konsequenz
ziehen und den unverstandlichen BeschluB des Kultusministe-
riums revidieren.
Boalanger und Hitler
T^\as ist die Geistesverfassung
*^ der Unzufriedenen aus alien Lagern — aller Ermudeten — der
um ihre Hoffnung Getauschten — der Dummkopfe, die die Republik
fur eine schlechte Ernte verantwortlich machen — der Einfaltspinsel,
die Phrasen und theatralischem Auftreten nachlaufen — der Kran-
ken, die, weil sie auf der linken Seite schlecht liegen, sich ohne Grund
auf die rechte legen —
das ist die Geistesverfassung
der schwankenden Masse, die ' sich wenig darum schert, ob die
Regierung auf einem Prinzip beruht oder nicht, aber von der Regie-
rung verlangt, dafi sie regiert; wenn die Zivilgewalt dieser Forderung
nicht nachkommt, laBt man den ersten besten Sporentrager hoch-
leben.
Das ist die Geistesverfassung
der Trottel, die das parlamentarische System fur die Fehler der
Parlamentarier verantwortlich machen.
Das ist die Geistesverfassung
der enttauschten Wahler, die es uberdriissig geworden sind, keine
ernsthafte und praktische Arbeit im Parlament zu sehen, sondern
nur von byzantinischen Streitereien horen und sich dann einbilden,
ein Feldwebel konne in funf Minuten die Versprechen einlosen, mit
denen alle Abgeordneten in ebenso vlelen Jahren nicht fertig gewor-
den sind.
Das ist die Geistesverfassung
der Unruhigen und Mifivergnugten, die an irgend etwas leiden
und wiinschen, dafi irgend etwas geschieht, wenn es nur energisch
aussieht.
Joseph Reinach, ,La hire Boqlangiste', lts89
391
Der Sprung ins Helle von wmi woiiradt
A He Streitschriften, Anspracfien, Rundfunk-Diskussionen, Ab-
"^ rechnungen und Offenen Briefe, die Kurt Hiller jetzt zu
einem bei W, R. Lindner in Leipzig crschienenen Bande ver-
einigt hat, miinden aus in die Forderung: ZusammenschluB der
roten Krafte, Die leidenschaftliche Klarheit ihrer Erkennt-
nisse und Formulierungen ergliiht immer wieder im Aufruf, sich
revolutionar zu sammeln und einzusetzen fur die Befreiung des
Proletariats und fur das unbedingte Menschenrecht auf Leben.
„Rote Einheit" postuliert Hiller zugleich als Notwendigkeit so-
zialistischer Frontgemeinschaft und als Ausdruck dessen, daB
der Kampf gegen den Krieg und der Kampf gegen das Unrecht
in der Gesellschaft nur unter ein und derselben Fahne gefuhrt
werden konnen,
Trotzdem darf jeder Lakai der Massen diesen fanatisch
unzweideutigen Manifestanten straflos bertilpsen. Die ganze
grauenhafte Verblendung unsres politischen Zustandes wird
offenbar, wenn die rote Gesinnungstiichtigkeit auf den frei-
miitigen Verweigerer marxistischen Kadavergehorsams los-
zetert, ohne den nachdriicklichen Betreiber roter Solidaritat
auch nur eines Blickes zu wiirdigen, Wer es wagt, die philo-
sophischen Grundlagen Lenins anzutasten, wird von der Partei-
borniertheit nicht etwa als Gegner betrachtet sondern ziigellos
verleumdet, — mag er sich noch so entschlossen zu den Zielen
der von Lenin geweckten Bewegung bekannt, noch so eindeutig
sogar die pazifistisohe Aktion dem proletarischen Befreiungs-
kampf verkniipft haben. Die unter dem Terror der Schlagworte
verhangnisvoll erstarrte Partei-Ideologie heischt, hier wie
anderwarts, bedenkenlose Unterwerfung, Davon kann gar
keine Rede sein bei Einem, dem Preisgabe der errungenen
Oberzeugung schandlichster Verrat bedeuten wiirde an aller Be-
fugnis, zu wirken und zu kampfen, — wie stark er auch das un-
entbehrliche Mittel der Partei hejaht,
DaB Hiller nicht nur (iberlegungsmaBig die Notwendigkeit
des Parteiinstrumentes anerkennt sondern aus einem tiefen
Kameradschaftsverlangen heraus die Partei will, den Kampf-
bund begehrt als Ort des eignen eingefiigten Aufmarsches: das
ergibt den ausgepragt tragischen Zug dieser publizistischen Er-
scheinung, Er mag den Widerspruch zwischen Parteiraison und
personlicher Unbedingtheit des Denkens, zwischen der gefessel-
ten Vernunft organisierter Zweckhandlung und der zu Jeder
Korrektur und Unterscheidung freien Autonomie des einzelnen
Kopfes nachgrade erfahren, nie aber verwunden haben. Aus
jedem seiner Satze ist der Schmerz uber ein AuBenseitertum
zu spiiren, in dem sich Hiller durchaus nicht gefallt, liber eine
Isolierung, die zu vermeiden Hiller seit jeher die ganze Inbrunst
seines Intellektes aufgeboten hat. Es hat fiir mein Empfinden
etwas Efgreifendes, wie dieser vorbehaltlos Gemeinschafts-
wiliige, alle Regung der Exklusivitat in sich bezwingend, immer
wieder den ganzen Eifer seines Wesens daran setzt, kamerad-
schaftlichem Zusammengehen die Wege zu ebnen und noch in
der offenen Gegnerschaft das Verbindende zu betonen, — und
doch unter dem unnachgiebigen Zwange geistiger Prazision und
392
Sauberkeit stets die sachlichen Klarungen und Auseinander-
setzungen vornehmen muB, die ihn aus fast alien Gruppierungen
und Biindnissen eliminieren. Dieser VereinsamungsprozeB eines
politischen Theoretikers von redlichstem Kollektivsinn scheint
unaufhaltsam. Grade der absolut unzynische Charakter Hillers
verwehrt seiner kritischen Einsicht jedes Zugestandnis an die
geheiligten oder opportunitaishalber unantastbaren Irrtumer
einer Partei. Sache der betroffenen Gruppen ware es, trotz-
dem und ohne Vertuschung der Gegensatze seine Zugehorigkeit
anzuerkennen, mindestens durch Respekt vor einer prtifenden
Gewissenhaftigkeit, die Scharfe mit Freundschaft zu verbinden
weiB und ihrerseits niemals in Bausch und Bogen verwirft, wo
sie Denkf ehler und Entgleisungen exakt tadelt. Das aber
scheint heute, zu unserm Unheil, iiber alien biindischen und so-
gar privaten Horizont zu gehen.
Die Buch-Verdichtung formt die Gestalt des Polemikers
Hiller noch bestimmter und uberzeugender heraus, als sie
selbst den Bewunderern einer seltenen Klarheit der Argu-
mentation, einer wahrhaft blanken Schliissigkeit des Ein-
spruches und der Verfechtung, einer erfrischenden Stringenz
der Phrasenzersetzung bekannt sein wird. Vor allem sollte hier
auch dem Abgeneigten die lebendige Verbundenheit nur schein-
bar divergenter Angriffe deutlich werden, die menschliche
Logik einer die Ungleichwertigkeit der Erdbewohner kennen-
den Gerechtigkeitsglut, welche AnlaB hat, sich so ziemlich in
jeder Richtung der politisch-weltanschaulichen Windrose mit
eingefrorenen Thesen, Verworrenheiten und Infamien herumr-
zuschlagen. Inkonsequenzen, die man bemerkt haben will,
konnen keinesfalls die vernunftvoll biindige Einheit beherzter
Denkhandlungen in Frage stellen, die ja weniger an einem
System basteln als unmittelbar drohendem Untefgang ent-
gegenzuwirken trachten. DaB der Vorwurf der Inkonsequenz,
also der rationalen Bruchigkeit, besonders hartnackig von
ebendenselben Leuten wiederholt wird, die dann Hiller sofort
als oden Routinier des Verstandes und als blutleeren Berechner
abtertigen, ist freilich etwas ungereimt. Es sind diejenigenf
deren so gern von ihrem glaubigen Seelentum faselnde An-
maBung unfahig ist, Materialismus von Rationalismus zu unter-
scheiden, also zwei durchaus unvereinbare Haltungen, Es sind
diejenigen, die den ,,aussichtslosen Kampf gegen die emotio-
nalen Machte der Erde" verlachen, zu denen Hiller durch seinen
Glauben an die Vernunft angetrieben wird, — welcher schlieB-
lich kein ganz undamonisches Movensi sein dxirfte, Neben der
kahlen Intellektualitat neunationalistischer Schicksalstheorie
und Mord-Sanktionierung gewinnt Hillers humanitare Begei-
sterung, sein heiBer Gerechtigkeitswille besondere Leucht-
kraft.
Es ist nicht notig, dem Leser dieser Blatter das Profil eines
Schriftstellers bis in jederi Zug hinein auszufiihren, den sie ja
seiner Themenskala nach wie in den glanzenden Eigenschaften
seines Stils kennen, Auch manche Aufsatze aus der ,Welt-
biihne* sind in das Buch ubernommen, aberj sie fiillen es nur
zum Teil. Zu den vor allem wichtigen Stiicken mochte ich zwei
Rundfunk-Dialoge rechnen: das Gesprach mit Schauwecker
3931
iiber HKrieg und Fricden" und das mit dcm pazifistischen
Pater Stratmann iiber Kriegsverhinderung. Ferner die Ausein-
andersetzungen mit dem judischen Nationalisms, mit dem de-
mokratischen Prinzip einer Diktatur der Mehrheit, mit der
kommunistischen Un-Taktik, mit einem gewissen frankophilen
Pazifismus, der den linksrheinischen Militarismus bedient.
Miinzenberg, Theodor Wolff, Coudenhove, Willy Haas sind
Adressaten entscheidender Vorhaltungen, aber auch mancher
lastige kleinc Quasselpeter bekommt etwas ab. Ein Kernsatz
in Hillers Katechismus erklart den absoluten Pazifismus, der
auch der Gerechtigkeit die Bewaffnung verweigert, fur ein
konterrevolutionares Prinzip, — was in seiner Geltung doch
wohl nioht abhangt von der oft wiederkehrenden dubiosen
Formel: ,,Vertreibbar ist der Teufel einzig durch Beelzebub!"
Ein and-erer Satz fundamentiert: „Humanitat — der einzige Sinn
von Politik", — dem auch beipf lichten kann, wer die eudamo-
nistische Maxime „Wir sind auf der Erde, um gliicklich zu sein"
nicht fur graniten halt, Ein ktihn eiferndes, nach hundert Sei-
ten. Aktivitat ausstrahlendes Buch wie dieses kann nicht durch-
wcgs besiegelt Endgiiltiges sagen, nicht alle Fragen schlieBen.
Aber es ist bezwingend in der klugen und klaren Entschieden-
heit seines Geistes. Es ist eine einzige herrliche Ermutigung.
Rede an den brotlos werdenden
Mitmenschen von Frithjot RQde
An sauber gedeckten Tischen aufgewachsen, hortest du im
** Jahre 1919, als der Beruf des Mordens ein Ende zu neh-
men schien, zum ersten Male das Wort ,,Arbeitslosigkeit'\ In
den folgenden Jahren erfiillte dich die Beobachtung dieses Er-
eignisses mit wachsender Besorgnis. Es war ein Ereignis,. mit
dem du nichts anzufangen wuBtest. Ich erzahle dir etwas
davon.
Vom Himmel
Wenn du in Zeiten anhaltender Existenzgefahrdung im
Haus deiner Arbeit sitzst und die Sorge vor der vielleicht auch
iiber dich hereinbrechenden Arbeitslosigkeit dein Dasein be-
schwert, lebst du im Himmel. Drum sei zufrieden, aber er-
kenne:
Auch ein Himmel auf Erden pflegt des oftern ein Ende
zu nehmen. Dann muBt du wissen, was zu tun ist J
Von der neuen Rasse
Wenn du eines Morgens vor dem Tore des Hauses stehst,
das dir Arbeit und Brot gab, nun aber fur dich verschlossen
bleibt, beifi die Zahne zusammen und erkenne:
Du bist plotzlich, ob bisher Arier, Jude oder Neger, zu
einer neuen Rasse gestempelt, iiber deren Eigenschaften du
erst deine Erfahrungen sammeln muflt, um ein Wort mitzu-
reden und deiner weiteren Existenz Richtung zu geben. Es ist
nichts getant wenn du auf Besserung deiner Lage hoffst, weil
du begabt bist fur deinen Beruf, weil die Gesellschaft Mitleid
mit dir haben diirfte, weil du Freunde hast oder die Nummer
deines Loses einen Treff er machen konnte. Du bist einer
neuen Rasse gehorig, zu der man wenig Zutrauen hat!
394
Von der vielen Zeit und von deinem Wert
Wcnn du plotzlich findest, daB du entsetzlich viel Zeit
hast, die dich zu erdriicken versucht, beiB die Zahne zusamr
men und erkenne:
Nun kommt es darauf an, wie du mit deiner vielen Zeit
umgehst! Wie du sie verwendest, zeig, was du bist, was du
warst: ein Arbeiter oder ein NutznieBer deines Daseins, Die
Tage des Broterwerbs konnten dich iiber dich tauschen, denn
unter der Knute des Broterwerbs arbeiten, beweist nicht dei-
nen Eifer zur Arbeit, Nun aber wirst du bald wissen, wieviel
von dir zu erwarten ist,
(Wenn es deine Zeit ausfiillt, sturapfsinnig dahinzubriiten
und mit dem unabandeflichen Schicksal zu hadern, oder) wenn
du dich wohlfiihlst, den Tag totzuschlagen mit Schlafen, Essen,
Trinken, Kartenspiel oder Weibern, soweit die Groschen der
Unterstiitzung solches ermoglichen, beiB die Zahne zusammen
und erkenne:
Da die be quern e Tragheit in der Zeit mangelnder Arbeit
dir angenehm war, wirst du sie fortan fiir unentbehrlich halten
und nicht bereit sein, wenn die Arbeit dich sieht. Drum
schlieBe dich Mannern an, die fiir dich denken. Schliefie dich
einer Bewegung an, die dir vielldicht unverdient Besserung
schaffen konnte, der du dienst als Stimmvieh und larmendes
Instrument. Mehr bist du nicht!
Benutzt du die freie Zeit, deinem Beruf weiter nachzu-
gehen, ohne Entlohnung, aus Liebe zu ihm, indem deine Hande
sich regen oder dein Hirn Wissen iiber ihn sammelt, oder be-
nutzt du die Zeit, nachzudenken iiber Zusammenhange von
Wirtschaft und Politik, dann wirst du stiindlich empfinden,
wie unrecht die Gesellschaft dir tat, deine Krafte beiseite zu
schieben. Es hilft nichts. BeiB die Zahne zusammen und er-
kenne:
Schlimmer als Krankheit ist, wenn es bergab mit dir geht,
das BewuBtsein eignen Verschuldens. Die Schuld von auBen-
stehenden Gewalten herzuleiten, starkt den Trotz und die fiir
die Zeit des Wartens erforderliche Widerstandskraft. Dooh
du wirst enthoben sein der Sorge des Vorwurfs gegen dich
selbst, ob du auch alle erreichbaren Chancen beachtet hast.
Dich wird weder die viele Zeit erdriicken, noch werden deine
Fahigkeiten einrosten, wodurch du kostbare Jahre vergeudest.
Dein Tag wird ausgefiillt sein in Bereitschaft zur Arbeit. Nur
du bist berechtigt, neue Wege durchzudenken, deine Stimme
zu erheben und dich an die Spitze einer Bewegung zu stellent
die gegen das System gerichtet ist, das wahllos verzichtet auf
die Arbeit Unbrauchbarer und Brauchbarer, also auf dich!
Vom Wert des Geldes
Wenn du am Zahltag dein erstempeites Geld empfangst,
wirst du erschrecken, denn es ist weniger, als bisher dieMiete
deines Bettes betrug. BeiB die Zahne zusammen und erkenne:
Du bist einer Rasse gehorig, die^ mit der asiatischeri ge-
mein haben muB die Bediirfnislosigkeit von Kulis und ihr Un-
terscheidungsvermogen zwischen Notdurft und Luxus, das der
abendlandischen Rasse abhanden gekommen ist. Du muBt ler-
nen, daB auch der Pfennig Kaufkraft besitzt und nicht erst
395
Wert erlangt durch Aneinanderreihung von zehn seiner Pra^
gung. Was sattigt, konnen Pfennige dir schaffen; was dariiber
ist, steht dir nicht zu und ist entbehrlich!
Von der Moral
Wenn du dem andern Gesohlechte begegnest, wirst du
riicksichtsloser und leichtfertiger von ihm Besitz ergreifen,
Halte dich nicht fur tief gesunken. BeiB die Zahne zusammen
und erkenne:
Von dem Frohn der tagausfiillenden Arbeit nicht mehr ge-
hemmt, wird die Rasse der Arbeitslosen bald mit wilden Ras-
sen gemein haben; den gescharften Instinkt, besser entwickelte
Sinne und wildere Triebe als die Gesellschaft der Arbeiten-
den, die dich ausstieB. Bald werden dich die entnisteten Blicke
der Moral nicht mehr storen, da du nichts mehr zu verlieren
hast als die wenigen dir von der Natur selbst verliehenen
Eigenschaften. Zu diesen gehort auch die Liebe!
Von den Versuchangen
Wenn du einer Einladung Folge leistest zu einem iippigen
Mahl, wirst du Schmerz empfinden und Sehnsucht nach dem,
was dir nicht mehr zusteht, BeiB die Zahne zusammen und
erkenne:
Von dem Tische der Arbeitenden gestoBen, hast du miih-
selig gelernt, dich an die Erfordernisse deines neuen Zustan-
des zu gewohnen. Deshalb hiite dich, der Versuchung einer
reicheii Tafel nicht zu widerstehen, die geeignet ist, dich zu
erniedrigen und mit Sehnsucht und Schmerz zu schwachen,
Habe den Stolz einer Rasse!
Wenn du, folgend einer unbedachten Eingebung. dich in
Liebe hiiigeben willst einem Mann, einer Frau aus der Zahl
derer, die in Arbeit und Geld sind, sei auf der Hut! BeiB die
Zahne zusammen und erkenne:
Es ist die stets gefahrliche Liebe zu einer andern Rasse,
diesmal zu einer Rasse, die mit Geld blufft, oft auch mit gu-
ten Manieren, Untersuche den Andern, wie er sich halt, wenn
er nackt ware, ohne Arbeit und Geld. Frage dich, wo er dann
hingehort. Wenn du ihn dann noch achten konntest und lie-
ben, weiBt du, ob er jetzt dich achtet und liebt Sonst stehst
du erniedrigt vor dir, ein Kuli fremder Liiste.
Ober Ursprung und Entwicklung der neuen Rasse
Wenn du den seit Erschaffung der Welt noch nie beob-
achteten Ursprung einer Rasse nicht begreifst, so wisse:
Wie ein Ungeheuer der Vorwelt brach die Technik iiber
die bescheidenen Hiitten der Menschen herein, fraB diese mit
der Versprechung, daB es in ihrem Bauche warmer sei und
bequemer als in den schaukelnden Hiitten des Windes. Da
dieses Tier nun dick und gesattigt von der Mahlzeit, speit es
die Hilflosen aus, die nicht mehr wissen den Weg in die be-
scheidnere Heimat und, wie man lebt unterm Himmel. Allen
Stiirmen und Entbehrungen preisgegeben, rotten sie sich zu-
sammen zu einer neuen, sehr primitiven Rasse, der bald zahe
Muskeln wachsen und die Wildheit der Manner, die fern von
Stadten und Eisenbahn hausen. Du hast mit dieser Rasse zu
rechnen. Sie steht an deiner Tiire und wartet, ob du mit ihr
marschierst oder den Kampf wagst!
396
Wunder um Verdun von Alfred Poigar
T-Jans Chlumberg, Dichter dem Drange seines Herzens nach,
laBt die Gefallenen des Weltkriegs auferstehen und mit
der Realitat des lebendigen Heute zusammenstoBen, Schwer
enttauscht iiber diese — die Politiker politisieren noch wie
dazumal, der Krieg ist nicht aus der Welt, und die Menschen
sind im Blutbad nicht sauberer geworden als sie waren —
marschieren die Gefallenen wieder in ihre Graber ein,
Es drarigt sich die Frage auf, was sie getan haben wiir-
den, wenn die Priifung der irdischen Verhaltnisse sie zufrie-
dengestellt hatte, Waren sie oben geblieben? Qder doch nach
unten zuruckgekehrt? Dreizehn Millionen Tote, die mit An-
spruch wieder ins Leben, in ihr eigenes und in das der andern
treten; das ist eine Vision, um die trotz allem Schauer und
Dunkel, die sie umwittern, komodische Irrlichter spielen.
Chlumbergs Tote, obschon sie das erst seit1 zwanzig Jah-
ren sind, koinmen doch aus der Ewigkeit. Sie waren driiben.
Da ist es erstaunlich, daB sie nun, durch ein Wunder wieder
heriiben, nur durchaus zeitliche Aspekte aus der Unendlich-
keit mitgebracht und ihr Endlich-Individuelles behalten haben.
Sie sind immer nock, wenn auch mit makabrem Vorzeichen,
was sie waren, da sie waren. So wirken sie weniger als vom
Tode Auferstandene, denn als nur Verschiittete, die wieder
ans Tageslicht und zu Atem gelangten.
Die auBerordentlich bildkrafti^ge Inszenierung Karlheinz
Martins, der in der Biihnengestaltung des Dramas seine sze-
nische Phantasie groB bewahrt, verstarkt solchen Eindruck.
Wie da die Gefallenen aus der Tiefe kriechen, in der lang-
entwohnten Erdenluft taumeln und durcheinander stiirzen, das
scheint mehr ein qualvolles Aufstehen (von langem Liegen),
als ein Auferstehen, welches man sich, wenn iiberhaupt, doch
nur als Vorgang denken mag, in dem alles Schwere sublimiert
ist, und das Materielle, weil eben durch ein Wunder iiberwun-
den, nicht mehr uberwunden zu werden braucht.
Hernach. sehen wir die Toten gelagert auf griiner Wiese,
Ein merkwiirdiges Bild, diese rastenden Gespenster, diese
Truppe leibhaftiger, in jedem Sinne des Wortes: todmiider, re-
venants im Sommersonnenschein. Einzelne von ihnen (Schu-
ster, Zimmermann, Fabrikarbeiter, Schauspieler) erinnern sich
laut der Zeichen und Inhalte ihrer Vorkriegsexistenz. Diese,
im traumerischen Selbstgesprach vorgebrachten, Erinnerungen,
haben den undramatischen Charakter von Stichproben, von
Beispielen, Das heiBt: sie konnten nach Belieben durch andre
ersetzt und ins Endlose vermehrt werden.
Drei der Auferstandenen laBt der Dichter in Heim und
Arbeitsstatte, die sie vor zwanzig Jahren verlassen muBten,
zuruckkommen. Sie erkennen dort, daB ihr Opfertod vergeb-
lich gewesen ist, daB Torheit und Brutalitat der Welt im
Fegefeuer des Krieges nicht weggebrannt, sondern nur gehartet
worden sind. Aber nicht ganz leuchtet ein, warum es dem
auferstandenen Schuster so weh tut, daB seine Witwe wie-
der geheiratet hat und auf seinem Schustersessel ein neuer
Meister Schuhe macht, mit andern Worten also ;, daB das
397
Leben nach seinem Tode weitergegangen und der Platz, den
er eingenommen hatte, besetzt ist, Es gehort schon die ganze
Welt-Entwohnung eines lange nicht mehr in der Welt Ge-
wesenen dazuf urn liber derlei natiirlichen Ablauf der (Dinge
so bitter erstaunt zu sein, wie der arme Schuster es ist.
Hier zerrinnt und verschwindet, gleich dem FluB im Meer,
die besondere Frage des Stucks: wie, wenn die Kriegsgefalle-
nen wiederkamen? in der allgemeinen: wie, wenn die Toten;
wiederkamen?
Die Hauptszene des Dramas spielt in einer genfer Diplo-
maten-Versammlung, vor der die Toten erscheinen und pein-
liche Fragen stellen. Sie werden durch die Dialektik der
Staatsmanner (obgleich oder weil diese so unstichhaltig und
hintenherum ist) in ihre Graber zuruckmanovriert. Die Sitzun£
dauert fort, „Und so fragen wir und fragen . . , bis man uns
mit einer Handvoll . . . Erde endlich stopft die Mauler", dich-
tete vor- langem ein Kultur-Bolschewist,
Seine dramatische Besonderheit erhalt das Chlumbergsche
Stiick dadurch, daB es das Wunder, welches es imaginiert, und
die Wirklichkeit, die es abschildert, als Gegenspieler auf die
gleiche Ebene setzt. GewissermaBen: die. Verbindung von Ir-
dischem und Oberirdischem schafft der Dichter bloB durch ein
schlichtes Pluszeichen; zwischen beiden,
Um die vielen, von Martin scharf differenzierten, Figuren
sind so gute Schauspieler wie Hoermann, Kaiser, Winterstein,
Vallentin und andre bemiiht. In der Charge eines ver-
bindlichen Wissenschaftlers f allt Herr Gronau durch die feine
Strichfuhrung seiner Komik auf.
„ Wunder um Verdun" iibt nicht ganz die Wirkung, die
der Kiihnheit und dem eingeborenen Pathos seines Vorwurfs
entsprache. Vielfach scheint im Stiick dramatische Kraft er-
setzt durch den betonten EntschluB zu dieser, Ton und Ton-
fall der Beweisfuhrung sind starker als die geistigen Mittel, .
deren" sie sich bedient, die Gesinnung des Dichters eindrucks-
voller als das Wort, das er ihr leiht, Und weiter, als der Flug
dann fiihrt, spannt seine Phantasie die FliigeL Man konnte
sagen: ein groBer Auf wand ward hochst wtirdig hier vertan,
FlUCht in die KllliSSe von Rudolf Arnheim
M'eben den hundertprozentigen Filmfabrikanten, die ins
*^ Atelier wie ins Geschaft gehen und jeden Drehtag, den
Gott werden lafit, einzig zur Starkung ihrer wirtschaftlichen
Hausmacht verwenden, gibt es unreine falle, Leute, die mit.
ein wenig guter Gesinnung, ein wenig geistigem Ehrgeiz aus-
gestattet sind, aber dennoch unfahig, eine runde kiinstle-
rische Arbeit zu leisten, sei es aus eigner Unzulanglichkeit, sei
es unter der giftigen Einwirkung der Bakterien des Un-
geschmacks, die in den Filmbetrieben umherschwirren. Diese
Zwittertypen, Launen der Natur wie zweikopfige Kalber oder
Runkelriiben in Menschengestalt, sehen sich doppelt bestraft
durch leere Kassen und durch den Tadel der Anspruchsvollen,
deren Urteil natiirlicherweise besonders empfindlich wird, so-
bald ein Film die Bezirke des Geistigen streift. GewiB, man
398
mochte jcdcn Versuch, den Film aus den Operettenwusten der
tanenden Nutten und der autofahrenden Tenore zu befreien,
lebhaft unterstiitzen, aber andrerseits bietet ein jenseits von
Gut und Bose daherkutschierender, reiner Schmarren einen
angenehmeren, sauberlicheren Anblick als ein fur den Ge-
schmack des Publikums bunt geschminktes Stuck Kulturgut,
Iramerhin ist der erschreckende Verfall alles geistigen
Schaffens selbst noch hier, im verdachtigen Zwielicht, deutlich
spiirbar. Es ist recht fraglich, ob Richard Oswald den „Haupt-
mann von Kopenick" oder den ^Dreyfus", zwei Filme vom er-
folgreichen Kampf des Zivils gegen die Soldaten, heute noch
wagen diirfte, und G. W. Pabsts Bergwerkfilm „KameradschaftM,
der eine wenn auch nicht revolutionare, so doch fortschritt-
lich-volkerversohnende Gesinnung vertritt, soil nur einen
Bruchteil der Herstellungskosten eingebracht haben. Die
immer zunehmende Geschmacks- und Gesinnungsverseuchung
des Publikums — Otto Gebiihr kann Kriickstock und Flote
Tag und Nacht nicht mehr aus der Hand legen — , die Ver-
scharfung der Zensur, die nationalsozialistische Zellenbildung
in den Kreisen der Kinobesitzer, die Angst vor Protestkund-
gebungen im Kino,, dieser ganze entsetzliche Riickf all eines
Volkes um Jahrzehnte, erlaubt den Filmleuten selbst die be-
scheidene Fortschrittlichkeit der letzten Jahre nicht mehr,
Sie fluchten in die Kulisse; der eine aus dem Grauen der Wirk-
lichkeit in das Grauen der Unwirklichkeit, in eine finstere
Gegend, deren Bewohner weniger unter den Erleichterungen
auf dem Gebiete des Tarifwesens als unter den harmlosen
Schrecknissen eingemauerter Ehefrauen, entfesselter Wahn-
sinniger und kartenspielender Selbstmorder leiden: Richard
Oswald zeigt, mit Hilfe von Robert Louis Stevenson und Edgar
Allan Poe, einen Film ,,Unheimliche Geschichten", in dem be-
schrieben wird, welche Entsetzlichkeiten ein Pressemitarbeiter
zwischen Filmkulissen erleben kann — eine Schilderung, die
allerdings jeder Filmkritiker als bei weitem zu milde wird ab-
lehnen miissen. Der andre Regisseur, G. W. Pabst, verbirgt
sich in den Katakomben der Sahara, in denen Brigitte Helm
als MHerrin von Atlantis" eine eigentiimliche Sondergerichts-
barkeit fiber junge Europaer (ibt,
Man darf Oswald und Pabst ihrer kiinstlerischen Fahig-
keit nach nicht auf dieselbe Stufe stellen, Oswald ist auf sei-
nem Gebiet ziemlich genau das, was auf anderem der Hof-
maler Fischer. Er pinselt seine Figuren mit viel Bart und
Kostiim hin, er fabriziert, unter Nichtachtung alles dessen, was
dfe Filmarchitekten in den letzten zehn Jahren gelernt haben,
schief beleuchtete StraBenwinkel, unterm Vollmond daher-
huschende Silhouetten, Falltiiren, mit Stanniolstreifen beklebte
Pappsalons und verschmaht selbst die beliebte Erfinderwerk-
statt nicht, in der allerhand blinkender Christbaumschmuck im
Kreise herum wedelt, Reifien ihn nicht die guten Schauspieler,
die er zu engagieren pflegt, ein biBchen aus der Patsche,, sa
sind in seinen Filmen Tragik und Grauen von der gleichen
harmlosen Komik. Schwer, einem Regisseur unter diesen Um-
standen zu danken, dafi er sich um anspruchsvolle Stoffe be-
imiht
399
Fur G. W. Pabst mochte man nach dem, MiBerfolg der
nKameradschaft" gern ein gutes Wort finden, aber wenn, wie
es in seinem Atlantisfilm heiBt, der Prophet gestattet, einmal
im Leben das Mitleid vor die Pflicht zu stellen, so diirfte die
Gelegenheit dazu hier nicht vorliegen, Pabst hat den Ge-
schmack und die Routine des Auges, er weifl in einem Schat-
ten auf der Erde eine ganze Szene einzufangen, er erhascht das
Wustenlicht und ordnet durch geschickte Kameraeinstellungen
uniibersichtliche Figurengruppen zu guten Bildern. Andrerseits
hat er niemals den Mut, zur Schere zu greifen — die In-
telligenz eines Filmregisseurs wie die eines Denkers zeigt sich
darin, wieviele Etappen er im KurzschluB zu uberspringen ver-
mag! — , und es passiert ihm und seinen Autorenj Vajda und
Oberlander der handgreifliche dramaturgische Fehler, die
Handlung noch urn Hunderte von Metern auszuspinnen, wenn
sie langst zu Ende ist, Dursttod und Sandsturm lassen den
Zuschauer selbst in der Sahara kalt, wenn sich der Regisseur
nicht auf das versteht, was in der Wochenschau der Sprecher
der deutschen Olympiaruderer einen nrasanten Endspurt"
nannte. Die Scheibe, die sich Pabst von Herrn von Sternberg
abschnitt, indem er die SchluBszene aus ,,Marokko" iibernahm,
hatte ruhig dicker ausfallen diirfen.
Schlimmer aber als diese mehr handwerklichen Fehler ist,
daB Pabst zwar den Geschmack des Auges, aber nicht den des
Herzens und des Verstandes besitzt. Er schatzt es, wenn seine
Schauspieler die Kopfe langsam wie auf einem Stativ alter
Bauart drehen, er schreckt vor Augenauf- und abschlagen nicht
zuruck, und er halt es fur feierlich, wenn die Leute einander
mit grofien Augen anschweigen wie die Fische im Aquarium
statt schon die Hand zu geben und sich nach dem werten Be-
finden zu erkundigen, DaB er den Provinzdilettantismus des
Schauspielers Sokoloff nicht zu veredeln versteht, mag hin-
gehen, aber den begabten Matthias Wieman kann ein brauch-
barer Regisseur durchaus dazu bringen, die Mundwinkel und
die Schultern nicht mehr als notig hangen zu lassen. Pabst
spurt auch * nicht, daB Brigitte Helm zwar die hochst seltene
Fahigkeit hat, eine stilisierte Figur, eine Statue, in Fleisch und
Blut nachzubilden, daB sich dieser seltsame Reiz aber sofort
verfliichtigt, sobald sie den Mund zu einer Kleinmadchen-
deklamation auftut . . . wie einfach und wie. wirksam ware es
gewesen, aus dieser Konigin eine stumme Rolle zu machen,
Wie denn iiberhaupt das Schweigen nach wie vor der
beste, bestverwendete und am leichtesten zu erzielende Effekt
* des Tonfilms ist. Bei Pabst wie bei Oswald gibt es lange
Szenen, deren Wirkung unfehlbar ist durch die Beklemmung,
mit der sich einem das Schweigen auf die Lungen legt. Pabst
versteht es, eine solche stumme Szene durch ein monotones,
in Abstanden auftretendes Tonmotiv gut zu akzentuieren, etwa
wenn bei der Jagd durch die Katakombenstadt immer derselbe
Name gerufen wird, eine Art akustischer Orgelpunkt unter
dem Ablaut der Bilder. Sonst aber findet sich, wie iiberhaupt
in der heutigen Filmproduktion, wenig, was man zur Entwick-
lung der Tonfilmform notieren konnte. Der Film1 hat sprechen
gelernt, aber er tont noch nicht; er macht Konversation.
400
Wenn irgendeiner plotzlich stirbt . . .
von Alice Ekert-Rothholz
VV/ie uns das immer die Stimmung verdirbfc
wenn irgendeiner plotzlich stirbt!
Unsere Alltagsmusik kommt jahlings ins Stock en.
In den Jazz bimmeln peinliche Totenglocken . . , '
Sie sollen plotzlich und unerwartet Ihrera Bureauchef
ein dankbares Andenken bewahren?
Stellen Sie sich von
Gestern ist er noch Autobus gefahren!
Wenn einer direkt vpm Bureau aus sein Grab bezieht
gilt er insgeheim als Storenfried*. . .
So sind auch die werten Angehorigen fast niemals auf Tod
eingerichtet
sondern wollten fast immer ins Kino und sitzen
nun wie schnellgefarbte Raben mit roten Nasenspitzen.
Aber wenn die sich erst iibern Grabbrunnen biegen —
Stellen Sie sich vor:
Wenn Sie erstmal selber da unten liegen!
Und das ist es auch, was uns die Stimmung verdirbt
wenn irgendeiner ganz plotzlich stirbt.
Dann sehn wir im Blitzlicht — sonst sind wir schon blind —
daB wir alle bestellt und bloB noch nicht abgeholt sind . . ,
Bringt der Tod einen unverhofft um die Ecke
kriegt unsere Seele jedesmal blaue Flecke . . .
Und wir werden stoflempfindlicher mit den Jahren!
Stellen Sie sich vor:
Wie lange wird man noch Autobus fahren?
Wenn der Tod sich so plotzlich um einen bewirbt
ists so, als ob in uns selber was stirbt.
Wir sehen uns stumm in der Gegend um
und denken plotzlich: „Der Plumpsack geht um . . ."
Mensch, dreh Dich nicht um! Dreh Dich bloB nicht um!
Auf dem Potsdamer Platz geht der Tod herum!
Und das Biest schnappt und schnappt und sieht nicht nach
den Jahren:
Heute Dich! Morgen mich! Obermorgen den Generaldirektor!
Sehen Sie sich vor!
Gestern sind Sie noch Autobus gefahren!
\
Wenn einer mit Tod abgeht ... so auBer der Zeit
tun wir uns viel mehr als der Tote leid , . .
401
Wochenschau des Rfickschritts
— Bei der Stahlhelmkundgebung auf dem Tempelhofer Feld
lieBen sich die Reichsminister Gayl und Braun mit Luttwitz, Pabst
Mnd, S*.arhemberg photographieren. Herr von Papen empfing in An-
wesenheit des Reichswehrministers die Bundesfiihrer und andre fiih-
rende Mitglieder des Stahlhelms,
— Zum Pressechef des preufiischen Staatskommissars ist der
aus dem ReichswehrministQrium hervorgegangene Hauptmann von
Carlowitz, Inspirator des geplanten Gesetzes gegen die Pazifisten, er-
nannt worden. Regierungsdirektor; Goerke ist seines Amtes als Lei-
ter der politischen Abteilung beim Polizeiprasidium Berlin enthoben
worden.
— Reichskommissar Doktor Bracbt hat einer Anzabl von Links-
blattern eine Auflagennachricht zugeben lassen, in der em Teil der
scbriftlicben Begriindung des Ohlauer Urteils gegen die Reichsbanner-
leute enthalten war. Der berliner Polizeiprasident hat das kommuni-
stische Organ fur Brandenburg — Lausitz — Grenzmark, das ,Volks-
echo\ und die kommunistische Zeitung fiir Pommern, ,Die Volks-
wacht', bis zum 15. September einschliefilich verboten. Die in Frank-
furt am Main erscheinende sozialdemokratische Tageszeitung ,Die
Volksstimme' wurde fiir drei Tage verboten, wahrend die ,Rote Fahne'
von einem Verbot von vier Wochen betroffen wurde. Das Blatt der
antifascistischen Einheitsfront, .Antifascistische Aktion, wurde bis ein-
schliefilich'Februar 1933 verboten, weil es.in einem Artikel vom Juli
zur Verhinderung eines kommenden Kriegs mit alien Mitteln auf-
gefordert und in der August- Nummer das Vorgehen gegen die Preu-
Benregierung einen Staatsstreich genannt hatte.
— Vom berliner Sondergericht wurde ein Nationalsozialist, der
an einem Zusammenstofi beteiligt war, bei dem zwei Kommunisten
getotet worden waren, freigesprochen. In Waldenburg hatte sich ein
Nationalsozialist vor dem Sondergericht zu verantworten, weil er
einen Reichsbannermann niedergeschossen hatte; er wurde nur wegen
Waffenmifibrauchs zu sechs Monaten Gefangnis verurteilt, das Ge-
richt billigte ihm Notwehr zu. Das Amtsgericht in Blankenburg hat
den Rechtsanwalt Frank aus Braunschweig zu einem Monat Gefang-
nis verurteilt, weil er in seiner Verteidigungsrede behauptet hatt dafi
die Polizeibeamten auf die von ihm verteidigten Arbeiter eingeschla-
gen hatten und also die Richtigkeit ihrer gegenteiligen Aussagen zu
bezweifeln sei,
— 43 000 berliner Wohlfahrtserwerbslosen wurde infolge der ver-
scharften Bedurftigkeitsprufungen die Unterstiitzung entzogen.
— Im Anschlufi an das Vorgehen der Preufiischen Bau- und
Finanzdirektion gegen Werke revolutionarer Kiinstler auf der Grofien
Berliner Kunstausstellung hat der Vorsitzende des Hauptausschusses
im preufiischen Landtag, der nationalsozialistische Abgeordnete Hink-
ler ein Schreiben an Doktor Bracht gerichtet, in dem er sich daruber
beschwert, dafi in einem staatlichen Gebaude Meine von deutschem
Kunstverfall und bolschewistischer Gestaltungsart zeugende minder-
wertige Ausstellung veranstaltet wird und dadurch gewissermafien
nach aufien hin eine amtliche Duldung und Forderung derartiger Mifi-
bildungen abgeleitet werden kann".
— Alfred Kerrs vierzehntagige „Tagesglossen" sind aus dem Pro-
gramm der berliner Funkstunde gestrichen worden.
Wochenschau des Fortschritts
— > Die tschechoslovakische Regierung hat Leo Trotzki die Erlaub-
nis erteilt, sich im Moorbad Pistyan einer Kiir zu unterziehen.
402
Bemerkungen
Ein Nazi entdeckt Frankreich
p rankreich, das einer seiner
*• Dichter zu den unbekannte-
sten Landern Europas zahlt, ist
in den letzten acht Jahren von
Deutschland immer dann ent-
deckt worden, wenn die Politik
eine Geste der Annaherung fur
notig hielt, Zum Han,dwerkszeug
der deutschen Politik gehort die
moralische und ideologische Her-
absetzung des Gegners, Verstan-
digungspolitik auBert sich daher
auch ideologisch in einer hohern
Wertung des Gegners. Die angel -
sachsische Orientierung der
Aufienpolitik fiihrte zu einer gei-
stigen Horigkeit Amerika gegen-
iiber, die Rapallopolitik zu
salonbolschewistischen Kund-
gebungen der kapitalistischsten
Presse, und so hat auch die Ten-
denz einer Annaherung an Frank-
reich eine wahre Verstandigungs-
wissenschaft gezeitigt, Ich lehne
sie politisch ab, weil sie unwahr
ist, auch dannf wenn sie sachlich
gut und mitzlich erscheint. Wir
wollen uns nicht einreden lassen,
daB der deutsch-franzosische
Krieg 1918 bis 1932 die Folge
schlechter Volkerkunde ist. Das
ist er auBerdem. In der Haupt-
sache 'ist er ein Willensakt, der
jederzeit, auch ohne ethnogra-
phische Vorstudien, aufgehoben
werden kann.
Nun hat ein Nazi Frankreich
entdeckt, namlich Eitel WoIfDo-
bert, der in einem Bericht glei-
chen Namens (Gotthelf Verlag
Bern) zu der schonen Erkenntnis
kommt: f,Du warst es wert ein
Feind zu seinf du bist auch wert,
ein Freund zu werden." Wie gern
mochte man einem ehemaligen
S A -Mann bestatigen, dafl das,
was er entdeckt hat,, wirklich in
Zukunft das Wesen der deutsch-
franzosischen Verstandigung aus-
machen wird- Aber Dobert ent-
deckt nichts andres, als daB er
mit dem Schreckbild der sadisti-
schen Franzosen, die uns ver-
nichten wollen, belogen worden
ist. Er entdeckt den Franzosen
als Menschen, Frankreich als
Humanitat, das Volk als Trager
einer grofien und echten Frie-
densgesinnung. Das alles ist wun-
derschdn und macht Dobert auch
als Nationalsozialisten alle Ehre.
Man muB auch, grade in einem
solchen Buch, jedes Wort wiirdi-
gen, das die frtihere Hingabe die-
ses Menschen und aller seiner
Kameraden an den nationalsozia-
listischen Glauben mit iiberzeu-
gender Wahrhaftigkeit schildert.
Ja, diese Jugend glaubt, sie ist
glticklich durch die Totalitat, in
die sie sich begeben hat, und sie
ist wahrhaft das Opfer, das be-
klagenswerteste Opfer der deut-
schen Politik seit 1918, die nicht
imstande war, die prachtvolle
Jugend, die grade im Kriege
und nach dem Kriege aufgewach-
sen ist, mit neuen und bessern
Idealen zu erfiillen. So muBte
sie in einer Notzeit das Opfer
irgend eines falschen Demetrius
werden. Wenn aber grade Leute
dieser Jugend wie Dobert zum
erstenmal die Wirklichkeit sehn,
dann sind sie auch schnell zu
gewinnen, dann konnen grade sie
Vorkampfer einer bessern Poli-
tik werden.
Leider ist Dobert noch nicht so
weit Er ist in Frankreich nur
vom menschlichen, nicht vom
geistigen Teil der Aufgabe er-
faBt worden. Mit dem ganzen
Speisezettel seiner politischen
Forderungen und Vorwurfe kehrt
er unversehrt nach Deutschland
zuriick. Was hat er erlebt ?
Frankreich als Frieden, als gei-
stigen Willen, als Wahrheits-
sucher. Das ist gewiB viel. Aber
nicht das Entscheidende. Denn
wenn Frankreich alles dies nicht
ware sondern das voile Gegenteil,
miiBten wir trotz alle dem zur
deutsch-franzosischen Arbeits-
gemeinschaft als1 Voraussetzung
des Vereinigten Europaischen
Kontinents gelangen. Was Dobert
nicht gefunden, nicht erarbeitet
hat, sind/ die entscheidenden Fra-
gen der Politik, der Aufgabe
selbst. Naturlich ist ihm der
Weg dazu nun eroffnet, weil er
glaubt, Weil er sich durch, eig-
nes Erleben von dem scheuB-
403
lichen Zerrbild befreit hat, das in
der Deutsche^ Republik von
Frankreich geschaffen wurde und
Millionen in Fleisch und Blut
iibergegangen ist, Kann man da-
durch dem Wesentlichen naher
kommen? Vielleicht. Aber erst
dann beginnt, nach der schonen
ethnographischen, die wichtigere
Entdeckung, die politische des
deutsch-franzosischen Problems,
das Jkeine Sache , mehr des Glau-
bens, der Liebe oder gar der
„Frankophilie" ist sondern nur
der Erkenntnis,
Felix Stossinger
Der pazifistische Stahlhelm
FVe heroisch schaumenden Bar-
,L^ den auf der Rechten werden
sehr erstaunt sein, zu horen, daB
sich in ihre ehern schimmernden
Reihen ein schlimmer Defaitist
einzuschleichen verstanden hat,
noch dazu einer von blauem Ge-
bliit, was in den Zeiten der Her-
renklub-Baronie besonders be-
denklich ist. Der Mann heiBt
Freiherr von Wechmar und hat
ein Stuck geschrieben, das den
leicht kulturbolschewistisch an-
mutenden Titel t,X = 5.30" fiihrt
und fiir wiirdig befunden wurde,
auf dem Festabend des Stahl-
helms in der Krolloper als vater-
landisches Weihespiel aufgefiihrt
zu werden.
Es hat sich herausgestellt, dafi
der vornehme Autor bei der Pro-
duktion seines patriotischen Er-
bauungsdramas Einfliissen unter-
legen ist, die die Stahlhelmlei-
tung bei dem Trager eines adli-
gen Namens nicht glaubte ver-
muten zu diirfen. Herr von Wech-
mar soil das in Rechtskreisen
marktgangige Heldenschema er-
heblich verbogen und darum
dem garantiert echten Frontgeist
schweren moralischen Schaden
zugefiigt haben, Insbesondere
wird bemangelt, daB in seinem
Stuck ein Leutnant auftritt, der
sich vor dem Sturmangriff driickt
und sich damit zu der schand-
lichen von Lernet-Holenia geprag-
ten Parole bekennt: „Lieber zwei
Minuten feig, als das ganze Le-
ben tot," Nun wissen wir aber
aus ,Lokal-Anzeiger* und ,An-
404
griff, daB die deutschen Leut-
nants wahrend des Krieges
ohne jede Ausnahme lachelnd
in den Tod stiirmten, irgend-
ein vaterlandisch Lied auf
der jah bleichenden Lippe. Dar-
um ist es selbstverstandlich, daB
jetzt die in den Belangen der
Heldenbranche sehr sachverstan-
dige ,Deutsche Allgemeine Zei-
tung* Herrn von Wechmar, die-
sem Remarque des Herrenklubs,
gehorig die Leviten liest. Das
sieht folgendermaBen aus:
„Die Figur des Leutnants d. R.
SchluBlick weist Verzerrungen
auf . . . Ein Mann, der sich als
Offizier vqr einem Sturmangriff
driickt und eine Verwundung
vortauscht, der einen sich eben-
falls driickenden Infanteristen
uber den Haufen schieBt, der uns
im iibrigen vollig iiberflussig als
ewig dozierender Oberlehrer dar-
gestellt wird (wozu mufite uber-
haupt auf den Privatberuf des
Offiziers zunickgegriffen wer-
den?), gehort nicht auf eine Ta-
gung, die das Fronterlebnis und
die Frontkameradschaft auf ihr
Banner geschrieben hat."
Am SchluB bemerkte der pein-
lich beriihrte Kritiker noch, daB
man an jenem Abend die Kroll-
oper mit einem bittern Nach-
geschmack verlassen habe. Ist
ja auch toll: zwei Driickeberger
in einem Stuck. Wo bleibt da
das Fronterlebnis! Und sowas
fiihrt der Stahlhelm, die Privat-
armee des Kabinetts der Barone,
vor gestrigen und morgigen
Frontsoldaten auf. Nur gut, daB
das pazifistisch verseuchte Na-
tionalistenstiick an nur einem
Abend gegeben wurde, Sonst
hatte Goebbels bestimmt seinen
WeiBe-Mause-Trupp zur Aktion
angesetzt.
Paul Mouch
Aerzte auf der Buhne
l"*\er Arzt Crede hat nach sei-
*~* nem Stiick gegen den Ab-
treibungsparagraphen ein zweites
medizinisches Drama, „Arzte im
Kampf", geschrieben, das im
Rose-Theater uraufgefiihrt wurde.
Es behandelt die Friedmann-
Affaire. Ausdriicklich wird zwar
betont, dafi die Fabcl des Stuk-
kes frei erfunden und es dem
Autor mehr um Schilderung der
allgemeinen Zustande als um
Hervorhebung eines besondern
krassen Einzelfalles zu tun sei.
Tatsachlich stimmt die Fabel
aber in vielen Einzelheiten nach
Art eines Schliisseldramas ■ mit
den wirklichen Geschehnissen um
Friedmann iiberein.
Warum ist das Friedmann^
Mittel zur Bekampfung der Tu-
berkulose noch immer nicht me-
dizinisches Allgemeingut? Lie-
gen die Gninde hierfiir wirklich
in der Angst der Arzte und der
Heilmittelindustrie, eine fur sie
so „wertvolle" Krankheit wie
die Tuberkulose, Ernahrerin zahl-
reicher Spezialisten, Erhalterin
von Sanatorien, Brotgeberin von
Pflegepersonal, indirekte Ursache
mancher Aktien-Dividenden in
der chemischen Industrie, konne
durch konsequente Anwendung
des Friedmann-Mittels zum Aus-
sterben gebracht werden? Die
Friedmann-Schule behauptet es,
und Crede auBert in seinem Stuck
die gleiche Ansicht.
Jeder, der etwas in der Ge-
schichte der Medizin Bescheid
weiB, erkennt die Sinnfosigkeit
dieser Behauptung, Durch arzt-
liche Bemiihungen und oft unter
Oberwindung schwersfter Wider-
stande ist es gelungen, mit der
zwangsweisen Einftthrung der all-
gemeinen Schutzimpfung nach
Jenner die schwarzen Pocken in
Deutschland praktisch auszurot-
ten. Die Syphilis, in der Ver-
laufsform als Infektionskrank-
heit eine nahe Verwandte der
Tuberkulose, ist stark zuriick-
gegangen infolge sachgemafier
arztlicher Behandlung des Ein-
zelfalles und durch die ebenfalls
von Arzten propagierte sexuelle
Aufklarung, nicht zuletzt durch
das Lebenswerk des berliner
Arztes Blaschko, das in dem Ge-
setz zur Bekampfung der Ge-
schlechtskrankheiten seine Kro-
nung fand. Neuerkrankungen an
Lues sind in Deutschland bereits
ziemlich selten geworden. Durch
die von dem wiener Nobelpreistra-
ger Wagner- Jauregg erdachte Me-
thode der Malaria-Behandlung
der Paralyse ist es gelungen, eine
groBe Zahl bis dahin unheilbarer
Geisteskranker aus den Irren-
hausern zu befreien und zu ar-
beitsfahigen Mitgliedern der Ge-
sellschaft zu machen.
Mit dem Merkantilismus des
Arztestandes kann es demnach
nicht so schlimm sein, wie die
Friedmannsche Schule und wort-
lich iibereinstimmend mit ihr
Crede in seinem Tuberkulosie-
drama behauptet. Nur in Aus-
nahmefallen mag es vorkommen,
daB die beiden Fakultaten, Me-
dizin und Nationalokonomie, zu-
sammenwirken, wie Crede ganz
witzig aber wenig zutreffend
sagt. Die Arzteschaft, beson-
ders die Schulmedizin, hat ihre
groBen Schwachen, aber der ehr-
Verschenken Sie immer wieder:
JCurt Cfuchotsku
^cfdofs Qripsfwim
tine ojammiwfchicfitt
50. TAUSEND • KAKTON. 2.50 • LEINENBD. 320
ROWOHLT VERLAG • BERLIN W 50
liche Kritiker muB anerkennen,
dafi die Geschaftemacherei nicht
zu ihren Fehlern zahlt,
Medizinische AuBenseiter wie
Friedmann haben es allerdings in
Deutschland schwer, Eine Publi-
kation, die nicht aus den heili-
gen Hallen einer Universitats-
klinik kommt, wird ira allgemei-
nen scharf kritisiert , besonders
dann, wenn die in einer solchen
Arbeit geaufierten Ideen von dem
im Augenblick „modernen" An-
sichten der Schule abweichen.
Ausnahmen bestatigen die Reg el,
Eine solche Ausnahme ist das
Eintreten Sauerbruchs und seiner
Schule fur Gersons Tuberkulose-
diat. Aber. Homoopathie und Na-
turheilkunde haben viele Jahr-
zehnte um ihre Anerkennung zu
kampfen gehabt. Das hypnotische
Verfahren, die Psychoanalyse und
die ' Individualpsychologie wur-
den als halbe Kurpfuscherei be-
trachtet. Ober diese Dinge eine
Satire zu schreiben, ware nicht
schwer. Aber das hat Herr Kol-
lege Cred6 leider nicht getan.
Hans Lehteldt
Hausrecht contra Gastrecht
^euerdings ist ,fHausrecht" sehr
A ' beliebt. Was friiher der ge-
sunde Menschenverstand und ein
gewisses natiirliches Taktgefiihl
verboten, erlaubt heute das weit-
herzig geweitete Hausrecht. Raus-
schmeiBen war friiher Haus-
knechtsarbeit, heute ist es ein
sozial sehr gehobenes, beinahe
nobles Geschaft. „Ich mache von
meinem Hausrecht Gebrauch" , , .
da braucht es gar keine Griinde
weiten Nur sollte man lieber
von „Hausmacht" als von „Haus-
recht" sprechen.
Hausrecht , , . darunter verstand
man einmal das Recht, das der
Gast nach einem uralten Brauch
in aller Welt in einem fremden
Hause genoB. Was ist schon
heute ein Gast? Einer, den man
laut § X jederzeit an die Luft
setzen kann. Kunstler wurden
in gewissen fernen Zeiten als
Gaste besonders gern gesehen
und auch besonders geehrt, Na,
das ist lange her, Schiller legte
406
seinem Ibykus noch Worte des
Vertrauens auf das heilige Gast-
recht in den liedersuBen Mund.
Die berliner Kunstlerschaft hat
kein eignes Ausstellungshaus
mehr, seit der Glaspalast am
Lehrter Bahnhof durchrostet, Sie
ist auf das Gastrecht , . , beinahe
kann man auch sagen: auf Ar-
menrecht . . . angewiesen, und das
heiBt: tiber ihr schwebt das Haus-
recht.,
Seit einigen Jahren ist sie un-
gern gesehener Gast im SchloB
Bellevue. Dort htitet das Gast-
recht die PreuBische Bau- und
Finanz-Direktion. Das ist keine
Kunst-Instanz. Ihr obliegt Ver-
waltung und Instandhaltung der
offentlichen Bauten, Als sie die
rCiinsitler lerstmals zur Ausstel-
lung hereinlieB, forderte sie Un-
terwerfung unter eine besjondre
Hauszensur. Leider verstand sich
die Kunstlerschaft in ihrer Not-
lage dazu, diese anzuerkennen.
Die hohe Direktion des Hauses
ist eine Finanz- und Technik-
Instanz. Sie braucht von Kunst
keine Ahnung zu haben. Aber
wer wird denn auf die Moglich-
. keit verzichten, ein biBchen Zen-
sor zu spielen, wenn es sich
machen lafit ! „Kunstwerke einer
Richtung, die nicht der Einstel-
lung der 'Bau- und Finanz-Direk-
tion entsprechen", darf besagte
Direktion laut Hausrecht vor die
Ture setzen. Na also!
Als ich zur Presse-Vorbesich-
tigung durch SchloB Bellevue
ging, war en in' einigen Raumen
die Wande groBtenteils leer. Ge-
gen vierzig Bilder und Zeichnun-
gen . waren von dem Bau- und
Finanz-Zensor bereits entfernt,
Und das ist nun eine neue Nu-
ance. Der Zensor greift heute
schon vor dem Erscheinen der
Presse ein ; das bedeutet, dafl
keinerlei Kontrolle seines Wal-
tens mehr moglich ist. Nachher
ging dann auch noch ein schmuk-
ker Polizei-Offizier elastisch
durch die Ausstellungsraume. Ich
weiB nicht, welche Sendung er
zu erfiillen hatte, Aber sympa-
thisch , . . nein, sympathisch ist
das alles nicht. Er wirkte wie
das personifizierte Damokles-
schwert iiber dem heimatlos ge-
wordenen Kartell dcr Kunstler.
„Sei uns der Himmlische gewo.-
gen . . ."
Ich weiB natiirlich: wer recht
und braV malt und meiBelt, dem
passiert nichts, Schade nur, daB
die andern meist die Interessan-
teren sind. Diesmal hat es be-
stimmt die, mit den Saarlandern,
interessanteste Gruppe getroffen.
Ich sah am Morgen wenigstens
noch die Bilder von Malpricht
und Nagel und die Plastik von
Peri, Uber den kiinstlerischen
Wert der schon abgehangten Ar-
beiten kann ich natiirlich nicht
urteilen. Aber die Bilder Mal-
prichts wiirden geniigen, mein Ur-
teil zu rechtfertigen, Selbstver-
standlich haben die andern Kiinst-
ler der Gruppe sofort alle Ar-
beiten zuriickgezogen.
Und nun? Protestieren? Ja,
aber ohne Pathos. Pathos ist in
dieses Zeit nur Zeitverlust.
Ich vergaB wohl zu sagen, wel-
cher Gruppe das Malheur pas-
sierte, der t)Einstellung" der Bau-
und Finanz-Direktion nicht zu
entsprecheti. Selbstverstandlich
dem Bunde revolutionarer bil-
dender Kiinstler.
Mit Reaktion hat das Ganze
natiirlich gar nichts zu tun.
Adolf Behne
Die Frommen
In der .Kolberger Zeitung fiir
* Pommern', Nummer 152, fand
ich folgende Anzeige: „Ihre Ver-
lobung geben bekannt Anna Renn-
hak — Johannes Kramer. Psalm
38,8." Ich schlug den Psalm nach.
Es ist zum Erschrecken! Die be-
zeichnete Stelle lautet: „Denn
meine Lenden verdorren ganz und
ist nichts Gesundes an meinem
Leibe/'
Joachim v. Biilow
Referenaen
. . . Wir pollen nicht verges-
sen zu erwahnen, daB der Prasi-
dent von Castellane, Bruder der
Grafen Boni von Castellane,
ehem. Deputierter der Basses-
Alpes, und Jean von Castellane,
ehem. President des pariser Stadt-
rates, Schwager der Grafin, spa-
teren Prinzessin von Fiirstenberg,
auch der direkte Neffe der Prin-
zessin Antoine von Radziwill, der
Gattin des Prinzen von Radzi-
will, des einstmaligen Adjutan-
ten Kaiser Wilhelms II., ist,
,Pariser Illustrierte Zeitung'
Nr. 9, Januar 1932
Die feindlichen Bruder
Schriftleitung des ,Angriff
z. H. des Dr. Goebbels,
M. d. R.
Oie erlauben sich, uns — alte
*-* Frontsoldaten — „Nacht-
wachter" zu nennen. Sie, der
feige Druckeberger, der nie Pul-
ver gerochen!
Besehen Sie doch zuerst die
scheiBfarbig bedreflten SA- und
SS-Operettenfiguren, diese bunte
Gesellschaf t groBtenteils j ugend-
licher Idioten, Narren, Abenteu-
rer, Desparados, Kommunisten
und sonstiger Verbrecher! - Die
sind — mit wenig Ausnahme —
nichtmal fiir Nachtwachter ge-
eignetl
Dampfen Sie Ihre Stinkdru-
sen, maBigen Sie Ihre Klappe,
Sie hysterischer ScheiBhaufen,
sonst gibts Maulschellen, — Ein
ScheiBhaufen und nicht ScheiB-
kerl nennen wir Sie, denn nicht-
mal in Verbindung mit ScheiBe
sind Sie vor uns ein „KerlM, — ,
Mit gebiihrender MiBachtung
Drei alte Haudegen
des Stahlhelms
D
ie dauernde Beglflckung, die demjenigen zu teil wird, der
die Bucher von Bo Yin Ra auf sein praktisches Verhalten
wirken lsfit, ist keine verschwommene Stimmung, sondern ein
den ganzen Menschen erfassendes sicheres Bewufitsein eigener
Kraft. Sein neuestes Werk heiBt „Der Weg meiner Schuler"
und ist in jeder guten Buchhandlung erhaltlich. Ladenpreis
RM. 6.—. Kober'sche Verlagsbuchhandlung (gegrtindet 1816),
Basel-Leipzig.
407
Antworten
Essener. Der Hugel gegemiber der Villa von Krupp, horte bis-
her auf den sinnigen Namen nHeimliche Liebe". Nun sollte dort an-
lafilich des Katholikentages ein Weihegottesdienst stattfinden, und
siehe da, aus der f,Heimlichen Liebe" wurdc der „Baldeneyer Berg".
Man erzahlt sich in Ihrer Stadt, es sei auch erwogen worden, den
Platz hinter dem Hugel nicht mehr „Schwarze Lene" sondern
,fFromme Helene"; zu nennen, DaB sich Herrn Brachts Sittlichkeits-
erlafi auch auf die Reinigung von Ortsbezeichnungen bezog, war uns
bisher nicht bekannt. Den Sittlichkeitsschniifflern ist ein neues Feld
eroffnet, depn solche anstofiigen Namen gibt es ja nicht nur in Essen.
A. E. Ihre Nachricht stimmt: Es besteht begriindete Aussicht,
daB im Oktober ein Gymnasium mit polnischer Unterrichtssprache in
Beuthen eroffnet wird. Es war hochste Zeit, dafi endlich einmal die
polnische Minderheit in Deutschland wenigstens eine hohere Schule
erhalt. In Polnisch-Oberschlesien gibt es schon sieben deutsche Privat-
gymnasien, neben einer erheblichen Anzahl hoherer deutscher Schulen.
im Korridor und in andern Teilen Polens. Die polnische Minder-
heit bei uns dagegen war lediglich auf eine kleine Zahl von Elemen-
tarschulen angewiesen. Es liegt natiirlich im hochsten Interesse nicht
nur der Gerechtagkeit sondern vor allem auch der deutschen Minder-
heit in Polen, daB auf deutscher Seite die Paritat gewahrt werde.
Arbeitsloser, Sie wundern sich, daB Hitler fiir seine Versamm-
lung im Sportpalast von den Erwerbrlosen noch vierzig Pfennige Ein-
trittsgeld zu fordern riskierte. Wir wundern uns nicht, National-
sozialistische Erwerbslose sind eben Idealisten, die ihre materiellen
Bedixrfnisse hinter dem Wunsche zuriickstellen, ihren Adolf genieflen
zu konnen, Der Mensch lebt nicht von Brot alleinl
Deutsche Liga fiir Menschenrechte. Sie haben es libernommen,
durch einen Ausschufi von Juristen die Nachpriifung der Sonder-
gerichtsurteile vornehmen zu lassen. j Sie bitten darum, alle Urteils-
ausfertigungen, etwa vorhandene Anklageschriften, den Tag des Straf-
antritts und die Adresse des Verurteilten Ihrem Bureau, Berlin N 24,
Monbijouplatz, 10, mitzuteilen.
Nationalsozialistische Monatshefte. In deinem „Erziehungs-
programm" (Heft 22) heiBt es unter anderm: „Im Dritten Reich wer-
den Kinderheime geschaffen, in denen die Kinder sittlich und rassisch
verdachtiger Eltern untergebracht werden". Was „rassisch verdachtig"
ist, das wissen wrr ja nun schon, aber was ist eine „sittlich ver-
dachtige" Mutter oder ein „sittlich verdachtiger" Vater? Willst du
uns das mal erklaren? Ist damit vielleicht, gemeint, daB die Kinder
derjenigen, die nicht ans Dritte Reich glauben, den Zwangserziehung
(iberantwortet werden sollen?
Leipziger. Jeden zweiten Montag sollen wie im , vorigen Winter
wieder Zusammenkiinfte der Leser Ihrer Stadt veranstaltet werden.
Interessenten mogen sich an Herrn Kurt Lowenthal, Leipzig CI, Wind-
miihlenstraBe 19 IV bei MaaB, wenden.
Oesterreichischer Leser. Wenden Sie sich bitte in alien Fragen,
die mit der wiener ,Weltbuhne' zusammenhangen, an die Adresse:
Wien I, Kohlmarkt 10, II. Stiege,
Manuskripte sind nur an die Rcdaktion der Weltbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 152, zu
rich ten; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonst keine ROcksendung erfolgen kann.
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XXVIII. Jahrgang 20. September;i932 Nnmmer 38
Blutstreif am HoriZOIlt von Hellmnt v. Gerlach
Ceit wir die siebeneinhalbprozentige Regierung haben, hat
kein Minister ein so dunkles und bedenkliches Wort ge-
sprochcn wie Frcihcrr v, Gayl, als er vor der Presse erklarte:
Die Reichsregierung hat durchaus die Absicht, die verfassungs-
mafiigen Vorschriften innezuhalten. Wenn eine Wahl erfolgt, dann
wird sie unter den geltenden verfassungsmaBigen Umstanden durch-
. gefiihrt we r den. Ich muB alierdings die Einschrankung machen, dafi
Wahlen nur dann moglich sind, wenn in Deutschland Ruhe und Ord-
nung herrschen.
Warum malt Freiherr v. Gayl, der wahrhaftig kein leicht-
fertiger Schwatzer ist, Gespenster an die Wand? Was be-
zweckt er damit?
Wenn es eine kiare Bestimmung in der Verfassung gibt,
so die, daB die Neuwahlen binnen sechzig Tagen nach der
Auflosung zu erfolgen haben. An dieser Bestimmung kann
man wirklich nicht drehen und deuteln, ohne sich des offenen
Verfassungsbruchs schuldig zu machen. Es gibt keine Vor-
aussetzungen fur die Anberaumung des Wahltermins, es gibt
nur einen kategorischen Imperativ: spatestens am 6. Novem-
ber wird gewahlt!
Fiir Ruhe und Ordnung im Wahlkampf und am Wahltag
zu sorgen, ist Sache der Regierung. Die staatlichen Macht-
mittel sind ihr nicht umsonst in die Hand gegeben. Erklart
sie sich unfahig, fiir Ruhe und Ordnung zu sorgen, so erklart
sie damit ihren eignen Bankrott.
Wer die unbedingte Verfassungstreue der Regierung an-
zweifelt, wird verboten, wenigstens wenn er das Ungliick hat,
in PreuBen zu domizilieren, Ich zweifle sie natuflich nicht an.
Und ich zweifle auch nicht daran, daB die Wahlen am 6.1 No-
vember stattfinden werden.
Was aber aufs starkste bezweifelt werden muBt das ist,
daB diese Wahlen irgend einen verniinftigen Sinn haben.
Eine Parlamentsauflosung hat dann einen Zweck, wenn
mani damit rechnen darf, daB das neue Haus ein wesentlich
andres Gesicht tragen wird, als das alte.
Das ist diesmal ausgeschlossen. GewiB, die Kommunisten
werden den Sozialdemokraten ein paar Sitze abnehmen, die
Deutschnationalen werden sich ein wenig auf Kosten den Na-
tionalsozialisten und des Zentrums verstarken, Einen burger-
lichen Linkspolitiker konnte man dieser Tage auf Grund seiner
genauen Sachkenntnis sagen horen: „Die fruher staatspartei-
lichen Juden, die am 31. Juli Zentrum gewahlt haben, wahlen
am 6. November zumeist deutschnational."
1 409
Die Griindung einer Partei Papen eriibrigt sich, seitdem
die Partei Hugenberg sich als einzige regierungstreue Partei
erwiesen hat. Ihr gliedert sich nicht nur die volksparteiliche
Brockensammlung, sondern iiberhaupt alles an, was in Papen
den letzten rettenden Ritter des Kapitalismus erblickt. Durch-
aus moglich ist, daB auf die Weise Hugenberg undj durch ihn
Papen es auf fiinfzig Mandate bringt. Das nachste MiB-
trauensvotum wiirde vielleicht nicht mit 92,5 Prozent, sondern
nur noch mit 90 Prozent abgelehnt werden. Und dann?
Dann miifite natiirlich eine neue Reichstagsauflosung kom-
men. Denn selbst der verwegenste Kronjurist wird nicht nach-
zuweisen wagen, daB die Umwandlung eines MiBtrauensvotums
von 92,5 Prozent in ein solches von nur 90 Prozent ein Ver-
trauensvotum darstelle.
Die neue Reichstagsauflosung im Dezember ware daher
ganz legal, Nach dem Wortlaut der Verfassung darf nur nicht
aus demselben Grunde zweimal hintereinander aufgelost wer-
den. Aber wenn die Auflosung vom 12, September wegen der
Gefahr erfolgte, daB die Notverordnung vom 4. September auf-
gehoben werden konnte, so kann die Auflosung vom 12. De-
zember durchaus verfassungsmaBig deshalb angeordnet werden,
weil die Gefahr bestehe, daB die Notverordnung vom 4. De-
zember aufgehoben werden konne. Neue Notverordnungen zu
schaffen, die voraussichtlich der neuen Reichstagsmehrheit miB-
fallen werden, dazu bedarf es keiner besonderen Staatsmajins-
kunst.
Es widerspricht nicht dem Wortlaut der Verfassung, Reichs-
tagsauflosungen am laufenden Band zu fabrizieren, Es wider-
spricht lediglich dem gesunden Menschenverstand und dem
Lebensinteresse der deutschen Politik, Es widersprache vor
allem dem tatsachlich iiberhaupt Moglichen. Wieder einmal
trate der Karl Marx so wesentliche Umschlag der Quantitat
in die Qualitat ein. Der Sinn der Verfassung wiirde durch
ihren formalistischen MiBbrauch zum Unsinn. Das Volk imiBte
das bittre Geiuhl bekommen, daB1 mit ihm und seinem Wahl-
recht Schindluder getrieben werde. Explosionen waren un-
vermeidlich.
Die Regierung hat sich in eine- Sackgasse hineinmanove-
riert. Wer weiB einen legalen Ausweg daraus?
Oft habe ich den Eindruck, daB die Deutschen selbst, weil
sie den Dingen zu nahe stehen, gar nicht die Gr6Be des Un-
heils erfassen, in dem wir uns befinden. Das Ausland sieht
da viel klarer*
Am 14. September schrieb William Martin, der muster-
haft unparteiische Leitartikler des , Journal de Geneve4:
Unser berlincr Korrespondent hat kiirzlich die Lage seines Landes
als grotesk bezeichnet. Das Wort ist hart, aber nicht iibertrieben.
Schon in vielen Landern hat man Krisen, Staatsstreiche, Revolten,
410
R^volutionen gesehen. Nirgendwo hat man je ein solches Tohuwabohu
gesehen, so viel Konfusion und Ungewifiheit. Jedermann in Deutsch-
land macht das Gegenteil von dem, was er vorher angekiindigt hatte.
Hcrr v, Papen ist Kanzler geworden, urn den Nationalsozialisten
die Teilnahme an der Macht auf gesetzlichem Wege zu ^rmoglichen.
Heute versperrt er ihnen den Weg. Er wurde Kanzler, urn den
(wir lassen das von Herrn Bracht verponte Wort aus) unmoglich oder
unnotig zu machen, Heute ist er es, der ihn macht . . .
President v, Hindenburg hat einen prinzipiellen Prazedenzfall
geschaffen, daC die Regierung des Vertrauens des Parlamentes nicht
bedarf. Das Vertrauen des Prasidenten genugt, um sie an der Macht
zu erhalten. Das bedeutet Ruckkehr zu dem alten Stand der Dinge.
Das ist die kaiserliche Verfassung — minus den Kaiser.
Wenn solche Ansichten schon in der neutralcn Schweiz
geauBert werden, so kann man .sich die Tonart der Presse in
Frankreich und andcrn Landern denken,
Es ist schauerlich, zumal wir doch nicht vcrgessen diirfen,
daB auch auswartige Politik gemacht werden muB. Der Macht-
bereich der Notverordnungen hort an! den Grenzen auf.
Fast jeder Auslander, mit dem man jetzt spricht, ist der.
Meinung, Deutschland steuere auf einen auswartigen Krieg los,
um der innern Schwierigkeiten Herr zu werden. So entschie-
den man auch dieser Deutung unsrer militarpolitischen MaB-
nahmen widersprechen mag, man findet keinen rechten Glau-
ben. Warum, fragt der andre, sonst die Aufrollung des Auf-
rustungsprogramms? Warum der Boykott der Abriistungs-
konferenz? Warum die Militarisierung der Jugend? Warum
die Kiellegung des Panzerkreuzers C? Warum die Besetzung
der amtlichen Pressestellen im Reich und in PreuBen mit Offi-
zieren, also gewissermaBen ihre Umwandlung in Militarpresse-
amter? . -
Auf alle diese Fragen laBt sich allenfalls noch eine Ant-
wort geben. Keine Antwort aber ist moglich auf die Frage,
wie man die Ruckkehr — nicht zur Legalitat, in der leben wir
ja, — aber zii einer von keiner Seite mehr bestrittenen Legali-
tat sich denke
Ruhe und Ordnung, scheinbare Ruhe und formelle Ord-
nung herrschen bei uns. Die Regierung hat nicht den gering-
sten AnlaB, mit der Anberaumung des Wahltermins auch nur
einen Tag zu zogern. Das schwere Dunkel liegt nur xiber den
Wochen nach der Wahl. Will die Regierung auch danrt auf
jeden Fall, „auf Grund hochstumstrittener staatsrechtlicher
Konstruktionen", wie der Zentrumsfuhrer Joos sich. ausdriickt,
am Ruder bleiben, dann allerdings steht es verzweifelt um die
Zukunft Deutschlands, Das deutsche Volk ist lammsgeduldig.
Aber — sunt denique fines.
Herr v. Papen fiihlt sich fest im Sattel. Er reitet nur
leider auf einem Regenbogen.
411
ChaOS von Hanns-Erich Kaminski
Mun sind wir so weit! Die deutsche Politik hat kcine Basis
mehr, nichts stcht noch fest, alle kampfen gegen alle, jcder
geht seinen Weg, und keiner weiB, wohin er fiihrt, wobci sogar
zweifelhaft ist, ob jcder seinen eignen und nicht einen frem-
den Weg geht. Selbst der Rundfunkkommissar Doktor Scholz
ist sich im Unklaren, wie der Wind weht, und gehort augen-
blicklich keiner Partei an. Chaos!
Das ungeeigmetste Mittel, diese Situation zu klaren, ist die
Jurisprudenz. Samtliche deutschen Stammtische haben sich
jetzt als Staatsgerichtshofe konstituiert, und die deutschen
SpieBbiirger studieren nun die Reichsverfassung, interpretie-
ren die Geschaftsordnung des Reichstags, graben Prazedenz-
falle aus und zerbrechen sich den Kopf, ob der dies und jener
das tun durfte. Ganz Begabte haben auch schon KompromiB-
iosungen gefunden, Alle diese Jurist en aus Beruf und Neigung
vergessen nur wieder einmal, daB die Politik ein Kampf um
die Macht und keine Seminaraufgabe ist, so wertvoll ein kri-
tisches Studium der Verfassung sein kann,
Wahrscheinlich sind die Fragen, iiber die Hindenburg und
Goering mit und ohne Hoflichkeitsfloskeln korrespondiert haben,
wirklich strittig. In solchen Fallen pflegen sich Realpolitiker
— die sich dafiir halten, sind es meist hicht — i fiir die Auf-
fassung zu entscheiden, die ihnen den groBten Vorteil bringt.
Hier ist demnach allein zu untersuchen: Hat die Linke richtig
gehandelt, und was erheischt ihr Interesse jetzt?
Was die Lage so verworren macht, ist die Tatsache, daB
es sich um zwei Konflikte handelt: einen zwischen zwei Dik-
taturen, den aridern zwischen Regierung und Parlament, Und
noch komplizierter wird das Ganze dadurch, daB diese beiden
Konflikte nicht zu trennen sind sondern ineinander libergehen.
Den Konflikt zwischen den beiden Diktaturen, der abso-
lutistischen Papens und der demagogischen Hitlers, schildert
die ^Deutsche Zeitung* mit epischer Eindringlichkeit:
Man sah als Gegenspicler den Reichskanzler von Papen und den
Reichstagsprasidenten Goering, Beide tapfere Offiziere und aufs
hochste bewahrte Frontsoldaten. Zwei harte Manner, beide mit
nationalen Kampfzielen. Papen zeigte die schnelle EntschluBkraft,
den Schneid des Auftretens, nach dem — Hand aufs Herz — alle
nationalistischen und aktivistischen Deutschen sich dreizehn Jahre
lang vergeblich gesehnt hatten, jene souverane Uberlegenheit iiber
den langst erstorbenen Parlamentarismus. Und gegen ihn stand — aus-
gerechnet in der Rolle des Hiiters des Parlamentarismus — der
nationalsozialistische President Goering mit den 230 Vertretern der
aktivistischen Jugend der Nation . . , und mit ein«r Koalition, die im
Augenblick des Zusammenstofles tiber das Zentrum und die SPD bis .
zu den Kommunisten reichte. Wir machen uns nicht zu Tragern
irgendwelcher Parteiauffassungen, wenn wir feststellen, daB hier
— zur Freude der schwarzen und roten Marxisten — die Fronten
schief ^ewesen sind.
DaB die Fronten schief waren und noch sind, kann in der
Tat nicht bezweifelt werden, Papen hat nicht nur so geschickt
manovriert, daB seine natiirlichen Bundesgenossen jetzt seine
Todfeinde sind, es ist ihm auch gelungen, den Reichsprasiden-
412
ten zwischen zwei Stiihle zu bringen, Er setzt ihn einem
neuen Plebiszit aus, dessen Ausgang vorauszusehen ist. Und
wenn1 dann eine Zweidrittelmehrheit des Reichstags alle Ver-
antwortlichen in Anklagezustand versetzt? Wird sich der
Reichskanzler dann nur auf Gott zuriickziehen, von dem, wie
er imf Rundfunk sagte, letzten Endes jede Obrigkeit ist?
Auf der andern Seite liegt Hitler nicht weniger schief.
Nicht mit Unrecht konnen ihn seine Anhanger fragen, warum
er lieber den schwarzen Zentrums-Marxisten als dem Prasi-
dialkabinett Zugestandnisse macht. Auch seine Wandlung zum
Verfassungsfreund und Hiiter der pariamentarischen Tradition
wird er seinen Leuten nicht leicht erklaren konnen. Seine
Sache, wie er damit fertig wird, ebenso wie es Papens Sache
istt aus seiner selbstverschuldeten Isolierung herauszukommen.
Die ,Deutsche Zeitung' hat selbstverstandlich recht, wenn
sie meint, daB dieser Kampf der Reaktionare uns zur Freude
gereicht. BloB wie wir uns am besten in ihm verhalten, ist lei-
der umstritten. Am einfachsten scheint es freilich, der Aus-
einandersetzung zwischen dem Absolutismus und der Demago-
gie mit verschrankten Armen zuzusehen und abzuwarten, bis
die Stunde des Handelns fiir die Linke gekommen ist, Aber
die Passiven haben immer unrecht, und auBerdem ware eine
solche Neutralitat gar nicht durchfiihrbar. Die Halfte des
deutschen Volkes kann es der anderns Halfte auch nicht vor-
iibergehend iiberlassen, das Schicksal des Landes zu bestira-
men. Wir miissen also positiv Stellung nehmen, auch wenn
wir, so wie die Dinge nun einmal liegen, dadurch taktisch ent-
weder in die Nahe Hitlers oder Papens geraten.
Theodor Wolff hat neulich, geistreich wie immer, dasZen-
trum wegen seiner Verhandlungen mit den Nazis getadelt. Die
,Vossische Zeitung* riihmt die „guten Nerven und die rasche
EntschluBkraft" der Reichsregierung und meint eb.enso lyrisch
wie optimistisch: „Im Hintergrund steht ,aus" *£rz gegossen
die Gestalt Hindenburgs, der Fels des Vertrauens." Und der
,Vorwarts* erklart: ,,Wer das Hakenkreuz schlagt, schlagt die
Regierung Papen."
Die Nuancen dieser AuBerungen braucht man nicht zu
unterstreichen, Gemeinsam ist ihrien jedoch die Auffassung,
Hitler sei ein gefahrlicherer Feind als Papen, man miisse darum
alle Krafte auf den Kampf gegen die Nazis konzentrieren; den
Kampf gegen die Regierung konne man vertagen unid vorlau-
fig sogar ignorieren!
Diese Taktik ware unstreitig richtig, wenn es sich nur um
einen Kampf zwischen der herrschenden und der herrsch-
gierigen Diktatur handelte. Aber es handelt sich ja auch um
einen Kampf zwischen der Regierung und dem Parlament. Wer
die Regierung als das kieinere Obel ansieht und sie toleriert,
wer ihr auch nur den kleinen Finger reicht, der unterstiitzt
also ihren Feldzug gegen das Parlament,
Das Parlament aber ist ein entscheidendes Bollwerk im
Kampf gegen die Diktatur, Die Deutschnationalen begreifen
das sehr gut und tun darum alles, um es zu entwerten und
aktionsunfahig zu machen. Ebenso konsequent sind die Kom-
2 413
munisien, indem sic versuchen, die Nazis in der Verteidigung
des Reichstags immer weiter zu treiben, Nur die reinbliitigen
Anhanger des parlamentarischen Systems sehen nicht ein, daB
sie zu ihrem eignen Untergang beitragen, wenn sie ihre Kraft-
quelle verschiitten.
Ich mochte nicht annehmen, daB diese uberzeugten De-
mokraten Papen vorziehen, weil ihnen ein Teil seines Wirt-
schaf tsprogramms! in den Kram paBt. Selbst wenn seine An-
kurbelungsversuche besser waren als sie sind, ist ja nicht ein-
zusehen, warum nicht auch unter den MaBnahmen einer Re-
gierung Hitler — Briining neben vielen schlechten einige passabel
sein kbnnten. Das Mifivergmigen dieser Kreise iiber die Ver-
handlungen zwischen Nazis und Zentrum ist iiberhaupt nicht
recht verstandlich. Grade ihnen gait doch das Zentrum stets
als eine verfassungstreue Partei und Briining als ein groBer
Mann, Warum erscheint ihnen jetzt Papen, der ohne und so-
gar gegen1 den Reichstag regieren will, unbedenklicher, als Hit-
ler es unter der Aufsicht eines so bedeutenden und konstitu-
tionellen Politikers wie Briining ware?
Aber der gemaBigte Fliigel der Linkenj hofft eben, Papen
werde ihn sehr bald notig haben und durch diese Bundesgenos-
senschaft wieder auf den Weg des parlamentarischen Systems
gedrangt werden. Nun ist sicher richtig, daB auch eine Pra-
sidialregierung, mag sie innerhalb oder auBerhalb der Verfas-
sung stehen, auf die Dauer nicht isoliert bleiben kann. Nur
scheint mir die Voraussetzung falsch, daB der Bruch zwischen
Papen und Hitler endgultig ist und Papen f olglich gezwungen
sein wird, Unterstiitzung auf der Linken zu suchen. Wenn er
schoru paktieren muB, wird er sich immer noch lieber an die
Nazis wenden, und wenn er personlich dazu auBerstande ist,
kann es sein Nachfolger tun, ob er Schleicher oder sonstwie
heiBen wird.
Erhalt die Prasidialregierung jedoch zunachst die Moglich-
keit, ihr ,,Reformwerk" durchzufiihren, dann wird es nachher
keine Parlamentstribiine mehr geben, von der aus die Feinde
der Diktatur zum Volke sprechen konnen, und erst recht wird
der Reichstag dann nicht mehr fahig sein, irgendwelchen MaB-
nahmen der Diktatur Einhalt zu gebieten. Ich habe hier schon
ofter an das Wort Cavours erinnert, daB das schlechteste Par-
lament immer noch besser ist als das beste Vorzimmer. Heute
kann man diese Mahnung dahin abwandeln, daB ein Reichstag
mit Hitler immer noch besser als gar kein Reichstag.
DaB die Nazis ihren neuen Parlamentarismus selber nicht
ernst nehmen, braucht nicht besonders betont zu werden. Sie
wollen sich des Parlaments nur bedienen — aber vielleicht be-
dient sich das Parlament ihrer? Je mehr sie; ihre Anhanger
auf seine Bedeutung hinweisen, je mehr sie ihnen einpragen,
daB seine Erhaltung ein Rechtsgut ist, das unter alien Umstan-
den verteidigt werden muB, desto mehr arbeiten sie ja tat-
sachlich gegen sich selbst. Wenn die Linke sich heute also
die weitestgehende Interpretation in dem Verfassungsstreit um
den Reichstag zu eigen macht, ist es nicht sie, die die Politik
der Nazis macht, es sind die Nazis, die ihre Politik machen,
414
Frcilich darf in diesem Kampf zwischen Regierung und
Parlament nicht der Eindruck entstehen, als seien die Nazis
mit dem Parlament identisch. Das Land muB vielmehr daruber
aufgeklart werden, daB der Kampf fur die Rechte des Reichs-
tags nicht nur gegen die Diktatur Papens gefiihrt werden kann
sondern daB er sich automatisch auch gegen jede andre Dikta-
tur richten muB, Je weiter man die Nazis in diesem Kampf
treibt, desto besser kann man dabei ihre Verlagenheit auf-
decken. Hatte die Linke auch noch die Moglichkeit, der Zwie-
tracht der Rechten ihre Eintracht gegeniiberzustellen, der Sieg
ware ihr gewiB: sowohl iiber die absolutistische wie iiber die
demagogische Diktatur.
Die Reichsverfassung bricht sich selbst
von Kurt Hiller
A uch bei meinen Gegnern hoffe ich nicht im Verdacht der
^^ Neigung zu stehn, mit meiner politischen Oberzeugung
hinter dem Berge zu halten. Also setze ich mich vielleicht
keinem MiBverstandnis aus, wenn ich der folgenden Betrach-
tung die Verkundung des eisernen Vorsatzes vorausschicke,
ihr jede, auch die kleinste Beimischung politischer Tendenz
fernzuhalten. Es soil namlich eine rein staatsrechtliche Be-
trachtung werden; und zwar eine im Bereich der Deutung
geltenden Staatsrechts, keine legislative. Ober die politischen
Ideen, die in der Reichsverfassung von 1919 ihren Nieder-
schlag gefunden haben, miissen Monarchisten und Republi-
kaner, Sowjetrepublikaner und Demokraten verschiedener
Meinung sein; es gibt daruber keine irgend aussichtsreiche
Diskussion zwischen ihnen; aber iiber die Frage der Aus-
legung und, d'amit zusammenhangend, der gesetzestechnischen
Zulanglichkeit der Reichsverfassung konnen sich Konserva-
tive, Liberale, Sozialisten, konnen sich Reaktionare und Re-
volutionare bei gutem logischen Willen prinzipiell sehr wohl
verstandigen. Rechtsinterpretation ist etwas Andres als
Rechtsphilosophie, und die juridische Kritik eines Staats-
grundgesetzes hat nicht das Mindeste zu tun mit dem, was
der kleine Moritz ,Weltanschauung' nennt,
Ja, wer eine Verf assung verf assen wiU^ -der muB seine
Ansicht vom Sinn des Staats, seine Vorstellung vom Zael des
Gemeinschaftslebens, sein soziales Ideal, seine .Weltanschau-
ung' (tmter uns: Weltwollung) freilich einschalten; doch wer
eine gegebene Verfassung verstehen, priifen, auf gesetzestech-
nische Mangel ableuchten will, hat diese voluntariellen Kri-
terien hiibsch auszuschalten; er hat nicht Ideolog, sondern
durchaus nur Logiker zu sein, Leider pflegt schaurigste
Kategorienvermanschung hier (und nicht hier nur) veriibt zu
werden; Politik und Staatsrecht bleiben nicht gegeneinanider
isoliert. Aber der Staatsrechtler hat, als soldier, sich aller
Politik zu enthalten. („AIs solcher" heiBt: der Staatsrechtler
ist ja noch etwas Andres als Staatsrechtler; so wie der
Tischler ja noch etwas Andres als Tischler ist, namlich bei-
spielsweise Staatsbiirger; als Staatsbiirger, also jenseits seiner
abdifferenzierten Spezialfunktion, hat er natiirlich das Recht
415
und, aktivistisch gesehen, sogar die Pflicht zur Politik. Jedoch
Tischc haben unpolitisch zu sein, staatsrechtliche Betrachtun-
gen auch.) Was hier folgt, ist mithin weder von einer Ab-
neigung gegen Hindenburg, Papen, Schleicher, Hitler, Goering,
Briining, Lobe, Torgler oder sonstige Politiker getragen, noch
von einer Zuneigung zu einem von diesen; audi zu den von
ihnen reprasentierten Ismen scheiden Affektbeziehungen aus.
Einie einzige Affektbeziehung soil nicht geleugnet werden;
die zum Satz vom Widerspruch. Meirie Liebe zu ihm ist un-
sterblich. Die Weimarer Verfassurug ...
*
An drei Beispielen sei gezeigt, wie widerspruchsvoll sie ist,
Erstes Beispiel: die Exekution gegen ' ein Land. In Ar-
tikel 48 werden alle Artikel der Reichsverfassung aufgezahlt,
die ,,zur Wiederherstellung der offentlichen Sicherheit und
Ordntmg" vom Reichsprasidenten voriibergehend auBer Kraft
gesetzt werden diirfen. Klar, daB Artikel^ die in dieser Auf-
zahlung fehlen, nicht suspendierbar sind. Es fehlt in der
Reihe Artikel 5, wonach „die Staatsgewalt" ,,in Landes-
angelegenheiten dutch die Organe der Lander auf Grund der
Landesverfassungen ausgeiibt" wird. Dieser Artikel darf also
niemals auBer Kraft gesetzt werden, Gegen ihn ist indes nicht
nur durch die Reichsexekutionen gegen Sachsen-Thiiringen
1923 und gegen PreuBen 1932 tatsachlich verstoBen worden,
sondern jed'e Reichsexekution verstoBt a priori gegen ihn. Wie
und auf welche Art eigentlich soil ein Reichsprasident gegen
ein Land ,,mit Hilfe der bewaffneten Macht" „einschreiten"
und es zur Erfiillung seiner Pflichten ,,anhalten", wenn er die
verfassungsmaBige Regierung des Landes unangetastet laBt?
Aber dieses Einschreiten und Anhalten gestattet ihm die
Reichsverfassung, unter bestimmten Voraussetzungen; im
selben Artikel 48.
Zweites Beispiel: die Notverordnungen. Der Reichsprasi-
dent darf sie erlassen, aber er hat davon „unverzuglich dem
Reichstag Kenntnis zu geben", und sie ,tsind auf Verlangen
des Reichstags auBer Kraft zu setzen '. (Artikel 48 Absatz 3;)
Kiar, daB es dem Sinn dieser Bestimmung zuwiderlauft, den
Reichstag aufzulosen, bevor er zu der erlassenen Notverord-
nung Stellung genommen' hat; oder nachdem er sie abgelehnt
hat; oder ihn (wie Briining es 1930 tat) zunachst aufzulosen
und dann erst die Notverordnung zu erlassen, damit sie zu-
mindest ein Vierteljahr lang gelte und ihre Wirkung tue — jenes
Vierteljahr, das zwischen Auflosung des Reichstags und Zu-
sammentritt eines neuen verfassungsgemaB gelegt sein darf.
All dies sind zweifellbs Manover, das in Artikel 48 fest-
gesetzte Einrederecht der Volksvertretung gegen reichsprasi-
dentielle Dekrete, wenn nicht zu beseitigen, so doch zu
schmalern. Aber bricht eine Regierung, die in dieser Weise
verfahrt, die Verfassung? In Artikel 25 heiBt es: „Der Reichs-
prasident kann den Reichstag auflosen." DaB er ihn nach Er-
laB einer Notverordnung aus Artikel 48 oder vor dem beab-
sichtigten^Erlafi einer solchen Verordnung nicht auflosen diirfe,
steht an "keiner Stelle des weimarer Dokuments. Gewisse
Reichstagsauilosungen also, die nach Artikel 48, soil dessen Ab-
416
satz 3 irgend Sinn habcn, verfassungswidrig sind, sind nach Ar-
tikel 25 verfassungsgemaB.
Hiernach darf dcr Reichsprasident nicht nur Einen Reichs-
tag, sondern jeden Nachfolger dieses Reichstags unmittelbar
nach dem Zusammentritt auflosen; er mufi nur jedesmai einen
neuen Grund nennen; im iibrigen darf das Spiel bis in die
Puppen gehn. „Der Reichsprasident kann den Reichstag auf-
losen, jedoch raur einmal aus dem gleichen AnlaB." Man be-
achte die sprachliche Monstrositat dieser Bestimmung! Zwei
logische Schnitzer in einem kurzen Satz I Das Parlament kann
namlich in Wahrheit auch aus ungleichem AnlaB „nur ein-
mal" aufgelost werden — so wie die Kreatur nur einen Tod
sterben unid nicht tnehrmals an verschiedenen Krankheiten
verrecken kann. Die .zweite" Auflosung des Reichstags trafe
ja einen andern, den neuen Reichstag. DaB er aber ,,nur ein-
mal aus dem gleichen AnlaB" aufgelost werden konne, diese
von der Verfassung aufgestellte Behauptung laBt die' Einsicht
vermissen, daB die Begriffe ,, einmal" und ,,gleich" inkompatibel
sind, Sie beiBen sich. Eines kann einander nicht gleich sein!
„GIeich" laBt sich immer bloB von einer Vielheit, mindestens
Zweiheit, aussagen, Zweimal, dreimal, xmal aus dem Mglei&
chen" Anlasse — das geht; „ einmal": Unsinn. Ein Statut, das
statuiert; eine Korperschaft konne „nur einmal aus dem glei-
chen AnlaB" aufgelost werden, involviert die Moglichkeit, daB
sie auch einmal aus verschiedenem AnlaB aufgelost werden
konnie — eine Hypothese, die immerhin gegen den Satz von
der Identitat verstoBt,
Das mag eine zu formalistische Kritik sein. Wesentlich
bleibt, daB Artikel 25 dem Reichsprasidenten mitnichten die
Anlasse vorschreibt oder auch nur einschrankt, aus denen er
auflosen darf. Begriindet dermaleinst ein Reichsprasident die
Auflosung des Reichstags, die er verordnet, mit dem Un-
behagen, das ihm die Nase des Abgeordneten A, einfloBt, so
wird er gewifi nicht vorbildlich, aber — sofern Artikel 25
dann noch gilt — ebenso gewiB nicht verfassungswidrig handeln.
Er darf die Auflosung also auch mit der Gefahr motivie-
ren, eine seiner Notverordnungen konnte vom Reichstag ver-
worfen werden. Nirgends steht, daB er das nicht darf. Es
widerspricht Artikel 48 Absatz 3? wonach der Reichsprasident
seine Notverordnungen dem Reichstag unverziiglich zur Ent-
scheidung vorzulegen hat? Eit freilich widerspricht es Ar-
tikel 48 Absatz 3; aber dafur kann doch der Reichsprasident
nichts! Dafiir kann die Verfassung! Man sollte ihm nicht zu-
muten, auf Rechfe zu verzichten, die sie ihm gibt; und dem
Reichstag nicht, zu protestieren, daB ihm Rechte, die sie ihm
ebenfalls gibt, mit dem gleichen Akte genommen werden, mit
dem der Reichsprasident die ihm zustehenden ausiibt.
Das dritte Beispiel: parlamentarisches System und „Pra-'
sidialregierung'*. Zu den Verfassungsartikeln, die unsuspen-
dierbar sind, gehort jener Artikel 54, der feststellt: ,,Der
Reichskanzler und die Reichsminister bediirfen zu ihrer Amts-
fuhrung des Vertrauens des Reichstags." Eine loyale Deutung
dieser Bestimmung fiihrt zu der Erkenntnis, daB von Amts-
fiihrung eines Reichskanzlers nicht die Rede sein kann ohne
417
zuvor ermitteltes Vertrauen des Reichstags. Darf ein Kabinctt
amtiercn, ehe es ergriindet hat, o:b es das Vertrauen . des
Reichstags besitzt? Ei<ne der ersten Autoritaten auf dem Ge-
biete des Staatsrechts, Professor Gerhard Anschiitz, geht so-
gar so weit, zu behaupten, daB ,,der Reichsprasident niemand
zum Reichskanzler oder Minister ernennen darf", ,,von dem
anzunehmen ist, daB er das Vertrauen des Reichstags nicht
besitzt" (,Die Verfassung des Deutschen Reichs', 11. Auflage,
1929, Seite 276); und der fast ebenso beriihmte Professor
Friedrich Giese erklart ahnlich, Reichsprasident und Reichs-
kanzler „dtirfen nicht solche Kandidaten auswahlen, von denen
ihnen bekannt ist, oder bei gewissenhafter Prufung bekannt
sein muB, daB sie das Vertrauen des Reichstags nicht besitzen
und auch nicht gewinnen werden" (,Die Verfassung des Deut-
schen Reiehes\ 8. Auflage, 1931, Seite 149). So rechtsunwirk-
sam das MiBtrauensvotum vom 12. September sein mochte
— es bewies, was bis dahin nur vermutbar gewesen war:
daB 7Ytf Prozent des Reichstags und der Nation hinter dieser
Regierung und 91 % Prozent gegen sie stehen (1 Prozent un-
entschieden). Da, nach Artikel 54, jede Regierung (nicht zu
ihrem Seelenfrieden, sondern zu ihrer Amtsfiihrung) des Ver-
trauens des Reichstags bedarf und die Regierung Papen es
keine Sekunde lang besaB, so spricht vieles fiir die Vermutung,
daB Amtshandlungen seitens dieser Regierung rechtens nicht
vorliegen, vielmehr alles, was sie getatigt hat und tatigen wird,
die von ihr gegengezeichneten Notverordnungen vorneweg,
rechtsunverbindliche Privatbetatigungen waren und sein wer-
den. Jedes ihrer Mitglieder „muB zuriicktreten, wenn ihm
der Reichstag durch ausdriicklichen BeschluB sein Vertrauen
entzieht" (Artikel 54) — eine Bestimmung, die selbstverstand-
lich illusorisch wird, wenn die Regierung solchem BeschluB
immer wieder durch Auflosung des Reichstags zuvorkommt.
Auflosungen dieserart sind also verfassungswidrig? Aber Ar-
tikel 25 erlaubt sie dbch! Und Artikel 53 konstatiert klar:
,,Der Reichskanzler und auf seinen Vorsohlag die Reichs-
minister werden vom Reichsprasidenten ernannt und ent-
lassen." Ist in 54 das parlamentarische, so ist in 53 das
reichsprasidentialische Regime verankert. Beide Anker zerren
das Staatsschiff nach entgegengesetzten Richtungen; wie einst
die Rosse den zu Vierteilenden. Ein Staatslenker, der ent-
gegen dieser Verfassung handelt, handelt zugleich auch immer
gemaB ihr.
Ihm Verfassungsbruch vorzuwerfen ware ungerecht. Von
Staatsstreich kann dort nicht die Rede sein, wo das Staats-
grundgesetz ihn rechtfertigt. Ich bekenne als republikanischer
Jurist, die Weimarer Verfassung aus den erwahnten und andern
Grunden, unbeschadet ihrer guten Absichten, fiir eines der
groBten Pfuschwerke der Rechtsgeschichte zu halten. Und ich
weiB als Antidemokrat, warum sie das werden mufite.
Aber der letzte Satz ist bereits „Weltanschauung". Ich
nehme ihn, um meinen Schwur nicht zu brechen, mit tiefem
Bedauern zurtick. Und fiige hinzu, daB auch Verfassungen, die
wenig v taugen, befolgt sein wollen — soweit das logisch
moglich ist.
418
Auf detn Boden der Tatsachen von Ernst Reisch
Januar 1919, Wahl zur Nationalversammlung, Die deutsche
Zentrumspartei hat den Wahlkampf gegen die Sozialdemo-
kratic gefiihrt, hat ihn mit groBer Scharfe gefiihrt. Der poli-
tische Katholizismus ist mobilisiert zur Abwehr der Kultur-
politik, die von einer linken Mehrheit befiirchtet wird. Auf
keinen Fall darf eine rein sozialistische Mehrheit zustande-
kommen, ist die Parole, der unter anderm ein Listenbiindnis
mit den Deutschnationalen und der Deutschen Volkspartei die-
nen muB. Kaum ist die ,,GefahrM abgewendet, erscheint das
Zentrum als Koalitionspartner der Parteien, mit denen es seit
1917 unter Erzbergers Fiihrung enge Fiihlung gehaiten hat, die
Reichstagsmehrheit der Friedensresolution wird die Regierungs-
mehrheit der deutschen Republik
Sommer 1920, Wahl zum ersten Reichstag dieser Republik.
Die Weimarer Koalition hat die Mehrheit verloren, USP und:
Deutsche Volkspartei sind die Gewinner. Kurz darauf ist
unter dem Zentrumskanzler Fehrenbach eine Minderheitsregie-
rung der biirgerlichen Mitte gebildet, an der -die Deutsche
Volkspartei, damals, vor Stresemanns Wandlung so schwarz-
weiB-rot wie je unter Dingeldey, maBgebend beteiligt ist;'
Ein Jahr spater, das Londoner Ultimatum hat zur Ver-
schiebung der Fronten gefiihrt. Joseph Wirth bildet das Kabi-
nett der Erfiillungspolitik, dem die Spaltung der Unabhangigen
und die bevorstehende Wiedervereinigung der sozialdemokra-
tischen Parteien die breitere Basis verspricht.
1922, die Bedrohung der Republik durch den Rechtsradi-
kalismus ist sichtb'ar geworden, die Ermordung Erzbergers und
Rathenaus zeigt, wie angriffslustig die Gegner wurden. Wirth
ruft zum Kampf auf, gegen den Feind, der rechts steht.
1923, das Jahr des Ruhrkampfes, der Hohepunkt; des In-
flationsexperimentes. Reichskanzler Cuno, von dem man da-
mals sagt, daB er dem Zentrum ,,nahe steht", fiihrt die „na-
tionale", „uberparteiliche" Regierung- Helfferich und Stinnes,
die Gegenspieler Erzbergers und Rathenaus, sind die beherr-
schenden Figuren der politischen Kombination, von der sich
das Zentrum nicht ausgeschlossen hat,
1924. Deutschnationale, Volkische und Nationalsozialisten
drangen vor. In beiden Reichstagswahlkampfen dieses Jahres
verteidigt das Zentrum seine Position gegen die Rechte, Die
Dezemberwahl zeigt die Sozialdemokratie im Wiederaufstietg,
aber auch die Deutschnationalen haben keine EinbuBe erlitten,
das Zentrum entschlieBt sich zum Experiment mit der Rechten.
Luther bildet das Kabinett, in dem zum erstenmal eingeschrie-
bene Mitglieder der starksten antirepublikanischen Partei, der
Deutschnationalen sitzen.
1925. Eberts Nachfolger muB gewahlt werden. Im ent-
scheidenden Wahlgang stellt das Zentrum, das mit den Deutsch-
nationalen im Reich, mit den Sozialdemokraten in PreuB'en in
der Regierung sitzt, dem „Volksblock" der weimarer Parteien
den Kandidaten> Der Kampf um die Reichsprasidentschaft
geht verloren, in Preufien behauptet sich die Regierung der
Weimarer Koalition.
419
1927. Der Volksblock-Kandidat Marx ist der Kanzler
eines Rechtskabinetts.
1928. Wahlsieg der Sozialdemokraten. Das Zentrum ge-
hort zur Regierungsmehrheit dcr GroBen Koalition.
1930, Zerfall der GroBen Koalition. Dcr Fraktionsvorsit-
zende dcs Zentrums, Heinrich Briming, der iiberraschendj her-
vorgetretene neue Mann, bildet eine Regferung, die sich vom
Parlament distanziert, gegen die Sozialdemokraten wird der
Reichstag aufgelost, Briining hofft durch das „volkskonserva-
tive Experiment", die Spaltung der Deutschnationalen, eine
Mehrheit zu gewinnen. Das Experiment ist miBlungen, 107 Na-
tionalsozialisten Ziehen in den neuen Reichstag ein, die fasci-
stische Gefahr ist in ihrer ganzen GroBe sichtbar geworden.
Briining schlieBt das Biindnis des politischen Katholizismus
mit der Reichsexekutive, es beginnt die Epoche der ,,autori-
tarcn Demokratie" und der offenen und ge tarn ten Versuche
zur „Erziehung" dcr Nationalsozialistcn. Die Zentrumsminister
Wirth und Guerard werden im Herbst 1931 den Rechtsneigun-
gen in der Umgebung des Reichsprasidenten zum Opfer ge-
bracht, Briining sucht durch eine AuBenpolitik unter den Paro-
len der „nationalen" Opposition dem Rechtsradikalismus den
Wind aus den Segeln zu nehmen,
Durch all die Jahre hindurch regiert in PreuBen unvcr-
andert die Weimarer Koalition, die Erhaltung der preuBisohen
Position ist dcr Hauptgrund fiir die sozialdemokratische Tole-
rierungspolitik. Zentrum und Sozialdemokraten fiihren den
Kampf fiir die zweite Prasidentschaft Hindenburgs.
. 1932. Brunings zweites Experiment und die Tolerierungs-
politik enden mit einem MiBerfolg. Das Kabinett Briining
wird durch Schleicher gestiirzt und durch die Regierung der
Baronc ersetzt, PreuBen durch einen Gewaltstreich erobert,
der Pakt Hitler-Schleicher tritt an die Stelle der Kombination
Hindenburg-Briining-Braun. Das Zentrum fiihrt einen Wahl-
kampf in der antifascistischen Front, es gilt eine Rechtsmehr-
heitf die Gefahr der nationalsozialistischen Parteidiktatur, zu
verhindern. Das Zentrum erscheint neben der Sozialdemo-
kratie als der einzige Garant der Verfassung, Die von Expo-
nenten des politischen Katholizismus regierten siiddeutschen
Lander riicken in die preuBische Position ein.
Die gouvernementale und die fascistische Variante der
deutschen Reaktion beginnen ihren Kampf auszutragen. Am
13. August ist die Hitlerbewegung auf dem totcn Punkt an-
gelangt. Sie darf es nicht wagen, sich durch Beteiligung an
der Macht abnutzen zu lasseri, deren Alleinbesitz die einzige
Garantiej gegen eine Wandlung der. Volksgunst ware. Sie ist
ratios, was sie den Anhangern bieten soil, die sich nicht lan-
ger auf das so oft als die Realitat des kommenden Tagcs ver-
sprochene Dritte Reich vertrosten lassen wollen. Da wird die
Offentlichkeit durch die Nachricht von Verhandlungen iiber
eine schwarz-braune Koalition iiberrascht. Zentrum' und
NSDAP f echten einen hitzigen Kampf gegen Papcn, es er-
scheinen gemeinsame Erklarungeh der beiden Parteien, die
sich gegenseitig ihre Loyalitat bescheinigen. Goering spricht
von der groBen und rcgierungsfahigen ..nationalen" Mehrheit
420
des Reichstags, der Pakt Schleicher-Hitlcr ist zerrissen, die
Spannung entladt sich in drama tischen Szenen. Am Tage nach
der Reichstagsauflosung erscheint ein Kampfruf des Zentrums
gegen das Kabinett Papen, der von uniiberbietbarer Scharfe
ist. Der Kampf fur die Volksrechte gegen das Kabinett der
Barone scheint den schwarz-braunen Block mit den „Marxi-
•sten" in eine Einheitsfront zu stellen.
Am dritten Tag nach der Reichstagsauflosung machen es
die Veroffentlichungen der Zentrumspresse offenkundig, daB
die Partei in die Periode der Vermittlung zwischen der Pra-
.sidialregierung und der NSDAP eingetreten ist, Schon vor
Beginn des wahlkampfs beginnt sich die kiinftige Koalition
Schleicher-Hitler-Briining abzuzeichnen. Das Zentrum hat sich
mit dem Ende von Weimar abgefunden, das Erziehungsexperi-
jnent am Fascismus tritt in ein neues Stadium.
• *
Der Grand, warum hier die Geschichte von dreizehn
Nachkriegsjahren unter Hervorhebung der Rolle rekapituliert
Tvurde, die das Zentrum gespielt hat: es muB deutlich gemacht
-werden, daB die Mafistabe, die fast neun Zehnteln des deut-
.schen Volkes die politische Orientierung erleichtern, fur diese
Partei nicht gelten. Die Entscheidung fiir die Reaktion oder
den gesellschaitlichen Fortschritt, fiir die Demokratie oder die
Diktatur, fiir den Fascismus oder den Antifascismus hat fiir den
politischen Katholizismus nur relative Bedeutung. Er faBt seine
politische Mission — die nach auBen hin als die der aus-
,gleichenden Mitte erscheint und auf die banale Formel ge-
bracht werden konnte, !(es muB auch unter veranderten Ver-
haltnissen weiter gehen'* — als eine in der christlichen Staats-
und Gesellschaftslehre metaphysisch begriindete Funktion der
Vermittlung zwischen der innerweltlichen Position und der
auBerweltlichen Bestimmung des Menschen auf und hat es des-
halb leicht, sich jeweils auf den Boden der gegebenen Verhalt-
nisse zu stellen. Wer dem Zentrum sein Biindnis mit der
^atheistischen'1, von der Kirche verurteilten Sozialdemokratie
nicht verzeihen wollte, hat vom Wesen des politischen Katho-
lizismus ebensowenig be griff en (auch wenn er glaubiger Katho-
liki ist) wie der aufrechte Demokrat und Antifascist, der sich
entriistet iiber die Verhaiidlungen des Zentrums mit der Partei
der Morder von Potempa, mit den von den kirchlichen Autori-
tateru wiedcrholt gebrandmarkten Nationalsozialisten,
Wer die Zentrumspolitik verstehen und beurteilen will, hat
.sich also eines unter alien Umstanden vor Augen zu halten:
dieser Partei sind Bereiche relativiert, die alien andern Schich-
ten des Volkes als absolute GroBen gelten. Das macht es dem
Aufienstehenden so schwer, ja fast unmoglich, das Zentrum zu
begreifen und sich vor der Verschiebung des politischen Urteils
auf die moralische Basis zu hiiten (,,die charakterlose Partei,
die es mit alien kann, und nur eines im Auge hat, die Erhal-
tung ihrer eignen Machtposition"), Mit diesem Urteil ist poli-
tisch gar nichts anzufangen, das Zentrum muB so genommen
werden, wie es ist, nicht wie man es haben oder nicht haben
jnochte. GewiB ist die Erhaltung der Machtposition, die sich
3 421
der politische Katholizismus nicht crobcrt hat sondern die ihm
zugefallen ist, fiir den jeweiligen Kurs der Partei bestimmend.
Abcr das kann ihr nur zum Vorwurf machen, wer nicht be-
griffen hat, dafl allc Politik cin Kampf um die Macht ist. Auf
den Charakter dieser Machtposition, auf die Substanz des poli-
tischen Katholizismus kommt es an.
Da gilt es zunachst zu erkennen, daB diese Machtstellung
nicht ungefahrdet ist. Ist das Zentrum seit der Bildung des
Kabinetts Bruning nicht von MiBerfolg zu MiBerfolg. gefiihrt
worden? Alle Versuche, die es gemacht hat, angesichts der
fortschreitenden Fascisierung Deutschlands zu behaupten, was
ihm in der Demokratie zugefallen war, sind fehlgeschlagen, Es
wird deutlich: eine Rolle, wie sie das Zentrum gespielt hat und
seinem ganzen Wesen nach spielen muB, ist nur in der burger-
lichen Demokratie, nur bei labilen Verhaltnissen und stagnieren-
den Klassenfronten moglich. Sowie sich der Klassenkampf zu
einer Entscheidung zuspitzt, ist fiir die Partei des relativieren-
den Ausgleichs auch eine parlamentarische Sehliisselstellung
wertlos, Wohlgemerkt, fiir die politische Partei vom Charak-
ter des Zentrums, die Frage nach der Stellung des Katholizis-
mus in einem fascistisch oder reaktionar diktatorisch regierten
Deutschland (oder auch in einer sozialistischen Republik) fiihrt
auf ein ganz andres Gebiet. Das Zentrum scheint uns in einem
Grundirrtum befangen, wenn es fiir moglich halt, mit den Na-
tionalsozialisten zu wiederholen, was ihm mit der Sozialdemo-
kratie und den Deutschnationalen gelungen ist Es hatte sich
unweigerlich das Popolari-Schicksal bereitet, wenn es die
schwarz-braune Koalition in reiner Form verwirklicht und den
Nationalsozialisten in die entscheidenden Machtpositionen ver-
holfen hatte. Eine antidemokratische Partei kann man nicht
mit parlamentarischen Mitteln zahmen, auch wenn sie sich
vorubergehend noch so demokratisch gebardet. Solange die
Linke aus dem unmittelbaren Spiel um die Macht ausgeschaltet
ist, hat das Zentrum nur eine Chance, die es jetzt. und nach
manchen taktischen Fehlern der letzten Wochen auszunutzen
sucht: den Versuch, von. dem Gegensatz der reaktionaren und
fascistischen Gruppen zu profitieren»
Dieser Versuch kann auch fiir die Sache des Antifascismus
zur positiven GroBe werden, indem er die Etablierung eines
emdeutig militant-fascistischen Regimes verhindert. Aber das
Zentrum darf deshalb nicht als antifascistische Partei im Sinne
der Klassenfronten bewertet werden. Dem widerspricht seine
innere Struktur, die neben den Arbeiterfliigel die Mittelstands-
schichten stellt. Schichten, in denen der NSDAP parallel laufende
Tendenzen zur Macht innerhalb der Partei drangen. GewiB,
es gibt im Zentrum bewufite Demokraten, aber auch die Re-
aktionare haben die Partei nie ganz verlassen.
Antifascistische Strategie und Taktik hat deshalb ebenso wie
mit dem Interesse des Zentrums an der Demokratie und der
Verhinderung einer rein fascistischen Diktatur- mit der Fasci-
sierung des deutschen Katholizismus zu rechnen. Sie wird be-
stimmt kommen, wenn es dem Fascismus gelingt, in den un-
eingeschrankten Besitz der Macht zu gelangen und sich fiir
langere Zeit darin zu behaupten.
422
Eltl Satinker von Walter Mehring
VV7enn man von den Noten der verschiedenen Litcratur-
w gattungen spricht; Niedergang dcs Theaters, Verfall der
Lyrik, so unterlaBt man es meistens, den Verlust der Satire
zu nennen. Sie geht, mehr noch als durch den Mangel an
Nachfrage, im UberfluB der Rohstoffe zugrunde. Aus reiner
Liebhaberei fur Raritaten sollte man deswegen jedes neue
Beispiel von Satire und der noch seltneren Ironie feiern und
verbreiten.
Diese pathetische Einleitung gilt — wie der Leser voraus-
geahnt hat — der Entdeckung eines Satirikers, Er heiBt Ernst
Batsch, ist deutscher Konteradmiral und hat iiber die ,,Wieder-
aufriistung Deutschland" im ,Matin* (2, September 1932) geleit-
artikelt.
„Meise geht zur Meise", sagt Hitler. „Fink zu Fink, der
Storch zur Storchin, der Wolf zur Wolfin" — tJDer Briining zum
Hitler und der Germane zum Welschen'* vergaB er hinzu-
zufiigen.
„Wenn man", meint der neue Satiriker, ,,die Zeichen der
Zeit zu deuten weiB, muB man erkennen, daB die deutsch-
franzosische Annaherung notwendiger ist als je . , '."
Ich werde mich aber schon hiiten, die Zeichen der Zeit zu
deuten. Es soil vorgekommen sein, daB solche Zeichendeutung
als Landesverrat gedeutet wurde.
Jahrhunderte alte Traditionen, schwere Vorurteile, versfchaxft
durch sentimentale Erwagungen, verzogern die unerlaBliche politische
Entspannung.
Den HaB gegen den Erbfeind als schweres Vorurteil zu be-
zeichnen, das mochte ich doch noch nicht wagen. Ich mochte es
nicht, weil sonst die Steuerbehorde monieren konnte, daB unter
MEinkunften aus freier Tatigkeit" Bestechungsgelder fehleri.
Geahnt habe ich das alles ja schon langst; atich: MdaB es be-
drohlichere Dinge gibt als die polnische Gefahr, die Riistungs-
frage und die Reparationen," Neu ist mir vielmehr:
Die Konflikte zwischen Frankreich und Deutschland, von der
Moskowiter-Politik sy sterna tisch geschiirt, haben die Geimiter derart
erhitzt, dafi sie ganz dabei vergafien, daB sie das Spiel der Welt-
bolschewisierung trieben.
Was aber nun? Der HaB-Sang: MSiegreich wollen wfr
Frankreich schlagen!", Hugenbergs Hetze gegen den Erbfeind
in Schrift und Tonfilm — die Reden von Pirmasens: das ware
nur ein Werk des moskauer ZK, vielleicht der ganze Welt-
krieg nichts als marxistische Erfindung?
Ein deutscher Konteradmiral forcht sich vor nichts, am
wenigsten vor den Gefahren der Logik:
Dieser Refrain (es geht um eine Neuordnung der Weltwirt-
schaft) wird von alien burgerlichen Parteien bis zur Unersattlich-
keit wiederholt. Und was sehen wir statt Neuordnung und Eintracht?
Uberall nichts als Elend, Arbeitslosigkeit, Chaos. Und die Welt-
revolution im Anmarsch.
Diesmal vergaB aber der Herr Konteradmiral, die Zeichen
der Zeit zu deuten. Denn wenn Arbeitslosigkeit und Chaos
423
" die Folgen des Bolschewismus sirid, wariim sehen wir sic dann
iiberall auBcr im Lande des Bolschewismus selbst?
Trotzdem fordert der ironische Konteradmiral — bei jeder
Zeile hat man den Verdacht, es verberge sich hinter dem hohen
Titel em moskauer Soldling — es miisse anders, noch ganz
anders werden, als Herr von Papen es schon angedeutet habe.
Jeder billigt den EntschluB der Regierung, die freie Benutzung
des Rundfunks zu Propagandazwecken alien Parteien, aufier den
Kommunisten, zu gewahten.
Und die Absetzung des Vortrages von Doktor Hans Hart-
mann fiber ,,Die Abriistung und die europaische Jugend" ist
eine Gewahr dafiir.
Mit solchen Verboten allein ist indessen nichts getan, son-
dern urn den Wiederaufbau Deutschlands, Europas, der ganzen
Welt zu effektuieren, muB man — meint der Schalk — jeden
Pakt mit den Bolschewiken brechen! Burnm!.
Deutschland, nur um seine Exportziffern besorgt, hat dieser
Paktpolitik viel von seiner nationalen valeur (Wurde? Belang?
Wert?) geopfert.
Aber sowas darf man doch nicht offentlich sagen! Ich
dachte immer( es gehe um Kulturgiiter und nicht um Export-
ziffern! Der Konteradmiral der Satire beschlagnahmt einem
die letzten Illusionenil
Ich weiB, daB Deutschland diese Politik mit der Behauptung
rechtfertigt, daB es sie gegen den Vertrag von Versailles ausspiele . . ,
Aber wer sieht nicht, dafi Deutschland, um momentaner Vorteile wil-
len, die Rolle des Werkzeugs und Opfers der bolschewistischen Welt-
diktatur spielt!
Also das habe ich bisher nicht gesehenl Ei! Ei!
Der Kampf gegen Schandvertrag, Schmachfrieden, Tribute
ward nur um momentaner Vorteile willen gehihrt? Zu w ess en
momentanem Vorteil, bitte?
Denn es lafit sich leider nicht behauptent daB' die Erb-
feindschaft der Gesamtheit des deutschen Volkes iiberhaupt
einen Vorteil gebracht hatte.
Nun verrat der Herr Konteradmiral leider nicht, in wes-
sen Mamen er seine kolossal aufgemachten Erklarungen im
tMatin' abgibt, doch scheint er den Besitzern vaterlandischer
Gesinnung nicht fern zu stehen.
Neulich wurde in einem berliner Rechtsklub wieder einmal die
Moglichkeit einer deutsch-franzosischen Annaherung diskutiert, und
man konnte feststellen, daB die einhellige Meinung der Wunsch war:
griindliche Revision des unheilvollen Nachkriegsgeistes.
Leider machen diese Herren ihre Friedensliebeserklarun-
gen immer nur im feindlichen Ausland.
Die Heimat erfahrt nichts davon — trotz der Internatio-
nale der Berichterstattung — wie die 180 000 Stahlhelmer kein
Wortchen erfahren haben von dem im Jntransigeant* faksimi-
lierten Antikriegsbekenntnis ihres Fuhrers Seldte.
Das sollte ein Linker riskier en!
Welche Satiriker: diese Herren der Rechten!
424
Kamerad Latnpel von f homas Murner
F\er vielgewanderte Peter Martin Lampel, den wir im Laufe
^ weniger Jahre als Rebellen und als Loyalisten, als Feme-
morder und als Philantropen staunend kennen gelernt haben,
zieht jetzt mit dem Johanniterkreuz des Jungdeutschefl Ordens
durch die Lande und begeistert sich am freiwilligen Arbeits-
dienst, Er hat im vergangenen Friihjahr in Hannover, Sachsen
und Schlesien die Arbeitslager des Jungdo und andrer Orga-
nisationen besucht und gibt jetzt eine umfangreiche Reportage
heraus (,,Pakt an, Kameraden! Erkundungsfahrten in die
Arbeitslager", Rowohlt). Die Arbeit mufite wohl schnell fertig
werden, und sie ist in der Tat unglaublich geschludert. Die
Diktion halt gliicklich die Mitte zwischen Arnolt Bronnen und
Max Jungnickel. Das Deutsch ist vielfach nicht nur schlecht
sondern auch falsch. Haben Rowohlts Lektoren das nicht ge-
merkt? „Zu mindestens" gibt es nicht. MDas Handmitanle-
gen" ist eine abscheuliche Wortbildung und, sei hier nur als
symptomatisch fiir den Stil des Ganzen vermerkt. Hat man
das seufzend festgestellt, hat man sich verargert durch dichtes
Satzgestriipp gearbeitet, hat mant umfangreiche Partien als un-
lesbar aufgegeben, so gesteht man doch gern zu, daB vieles in
unmittelbarer Frische gesehen ist, daB Lampel auch hier seine
angeborene Begabung beweist, mit ein paa* Strichen Menschen
in ihrer sozialen Bedingtheit zu zeichnen. Aber das Talent
verwildert, ohne dabei reicher zu werden. Zunachst einmal;
Zwanzig Wochen freiwilligeh Hilfsdienst iiber einem Lehrbuch
der deutschen Sprache* Pack an, Kamerad Lampel!
Nun mag man sich zu Lampels Stil stellen, wie man will,
wenn man sich durch sein Buch geschaufelt hat, weiB man
uber den freiwilligen Arbeitsdienst mehr als bisher. Der Ver-
fasser mochte um alles in der Welt uberzeugen, deshalb setzt
er Detail auf Detail ein. Aber je mehr er gibt, desto weniger
gelingt es ihm, alle Straubenden zu sich heruberzuziehen. Wer
den freiwilligen Arbeitsdienst ohnehin ablehnt, wird bei Lam-
pel nur neue und recht konkrete Argumente finden. Zunachst
erfaBt man sehr deutlich die Unterschiede zwischen den Be-
weggriinden der Propagandisten und denen der Jugend, die
sich um sie drangt. Die jungen Leute mochten nur der ver-
rottenden Misere der Untatigkeit entrinnen. Da ihnen sonst
niemand hilft, greifen sie zu, ohne zu fragen. Das ist ganz
einfach. Aber es ist ein Unfug, ein Handeln aus zwingendem
Notstande glorifizieren und1 zu einer spontanen Vclksbewegung
machen zu wollen. Lampels eilfertiger Oberschwang sieht in
dem Arbeitsdienst ein neues Instrument der Nationalerziehung
und zur Selektion einer fiihrenden Schicht. Dafiir eifert er,
mit dem flotteh Temperament des Schnellgewonnenen, dariiber
vergiBt er die auch noch vorhandene Frage, ob der freiwillige
Arbeitsdienst iiberhaupt als volkswirtschaftlich niitzlich zu
vertreten ist.
Wie steht es aber mit dem padagogischen Wert? Bedeu-
tet dieser freiwillige Arbeitsdienst wirklich eine Vorbereitung
furs Leben? Ich halte die Spekulation Lampels fiir grund-
falsch, Denn dieses Lagerleben mit Baracken und Zelten und
bunten Fahnchen ist in seiner reizvollen Naturnahe und Pri-
425
mitivitat keime wirkliche Vorbcreitung auf die Arbeit, wie sie
nun einmal ist und ^sein wird. Die wirkliche Arbeit ist ja ganz
anders, trocken, eintonig, unromantisch. Da gibt es kein
unterhaltsames Camping mehrt wo sich so nett iiber „Fiihrer-
tum" diskutieren laBt. Niemals habe ich so gut wie bei Lam-
pel begriffen, warum sich die Reaktion schon so lange fiir den
freiwilligen Arbeitsdienst interessiert. Es fing schon gleich.
nach der Abschaffung der Wehrpflicht an. Lampel s child ert
einige Lager und das Leben darin mit minutioser Treue, und
es ergibt sich immer der gleiche Eindruck: Wallensteinerei
der Arbeit; hinter nicht ganz klarer Phraseologie fascistischer
Drill; d'as ganze: die erste Orchesterprobe fur eine spatere
Militarisierung der Arbeit. Den jungen Leuten wird eine
Ideologic eingeimpft, die antidemokratisch ist und antisoli-
daristisch, die das alte Klassengefiihl d'er Arbeit erschaft durch
Subordination unter den Willen von 1tFuhrern" ersetzt. So
werden Betriebsbullen fiir die fascistische Fabrik geziichtet.
Zugleich aber laBt man den Glauben bestehen, es handle sich
bei aUedem um ein f,antikapitalistisches" Werk, weil in Einzel-
f alien Zwischerigewinne einesUnternehmers ausgeschaltet wer-
den. Oberall wimmeln friihere Offiziere herurii, Angehorige
eines Standes also, der noch niemals und nirgends ein sym-
pathisch betontes Interesse an schwerer korperlicher Arbeit
genommen hat, und wenn man erfahrt, daB der ganze frei-
willige Arbeitsdienst in Sachsen, zum Beispiel, einem alten
Freikorpsmann und Verschworer wie Heinz Hauenstein unter-
stehtf so miifite Lampel schon mit einer die deutsche Gramma-
tik virtuos beherrschenden Engelszunge reden, um zu iiber-
zeugen, daB es hier mit rechten Dingen zugeht.
Natiiriich bedeutet der freiwillige Arbeitsdienst ftir seine
Organisatoren nicht eine praktische Frage, iiber die man ver-
schiedner Meinung sein kann, sondern eine neue Heilslehre.
wie Mazdaznan oder Gesundbeten, In Deutschland wird alles
augenblicklich Weltanschauung, und wahrend junge Leute in
Heide und Moor schippen und schwer . scharwerken, um end-
lich wieder abend's einen Topf Essen zu haben, hat der Ver-
einsvorstand in seinem Bureau bereits das Ritual einer nicht
sehr klaren, aber trotzdem oder ebendeshalb sehr zugkraftigen
Ideologic entwickelt. Die kleinburgerliche Betatigungsmanie
hat hier ein neues unbegrenztes Feld gefunden; es gibt sogar
schon eine Volkshochschule £xir freiwilligen Arbeitsdienst, wie
lange noch, und die Universitaten verleihen den Doktor frw.
Arb, Es gibt ohne Zweifel einen Wandervogel-, einen Ruck-
sacktyp, Menschen, deUen es SpaB macht, unter freiem Him-
mel am Lagerleuer ein paar Suppenwiirfel in Wasser aufzu-
losen, dann nach eingenommener Mahlzeit befriedigt unter die
Zeltbahn zu kriechen und sich dem Ursinne des Lebens naher
zu fiililen.
Wir wollen ihnen nicht das Vergniigen storen, sie mogen
in Gottes Namen ihre Weltanschauung pflegen, so viel und
oft sie wollen, aber sie sollen uns in Ruhe lassen. So erzahlt
Lampel manche Episoden, von deren Komik er keine Ahnung
hat. Da ist dieser Dialog mit einer Helferin in einem hanno-
verschen Lager:
426
Sie ist schlank, dunk el blond, etwa an vierzig. Mit einem klaren
Gesicht und entschiedenem, mannlichem Einschlag.
,.Wie kommen Sic sich derart mutterseelenallein vor in dicser
moorigen Ode und unter den vierzig handfesten Gesellen, gnadige
Frau?"
Sie antwortet zuriickhaltend und kuhl: „Ein Privatleben wollte
ich auch nicht, mich interessiert der Durchschnitt durch den deutschen
Menschen."
Kamerad Lampel gibt das wieder, ahne mit der Wimper
zu zucken. Warum sollte er auch lacheln? Das ist ja doch
sein eigner Stil.
Packt an, Kameraden! Eine wunderschone Parole, die
leider nicht hilft, weil es fur sechs Millionen eben nichts an-
zupacken gibt- So ein Freiwilligensystem ware wohl denkbar
in Pionierzeiten, wo ohne augenblicklichen Nutzwert fiir eine
kommehde Prosperity gedarbt, gespart, geschuftet wird- Einst-
weilen raumt die Wirtschaft noch eine Position nach der an-
dern. Infolgedessen kann also der heutige Arbeit sdienst auch
nur Plane realisieren, die volkswirtschaftlich noch recht dubios
sind!, (In diesem Zusammenhang sei an Werner Hegemanns
scharfe Fehde gegen Kanalbauten erinnert) So bleibt bis auf
weiteres alles ein Experiment, bei dem ein' Auf wand, dessen
ZweckmaBigkeit noch unbewiesen ist, aus Mitteln bezahlt wird,
<lie wir nicht haben. Alles an diesen Fragen ist herzlich viel-
deutig, und eindeutig ist nur die grimmige Not der Jugend,
die siclr selbst gegen Hunger und Verkommenheit schiitzen
will Deshalb ist es notwendig, dafi iiberall die Gewerks chart en
mitbestimmend hinzugezogen werden, nicht nur una der heute
schon arg grassierenden Ausbeutung Grenzen zu ziehen, son-
dern auch urn zu verhindern, daB diese Arbeitslager zu Zucht-
anstalten von gelben Fabrikfeldwebeln werden, .Rekanntlich
ist das System der Betriebsrate in unsrer Verfassung „ver-
ankert". Das System des freiwilligen Arbeitsdienstes bedeutet
die beste Moglichkeit, den Anker in aller Ruhe wieder hoch-
zuziehen. Kamerad Lampel — gestern noch Genosse Lampel — ?,
den Kopf vollgestopft mit biindischen Faxen, sieht das nicht
und weiB wahrscheinlich auch gar nicht, was er tut, fiir
welche Interessen er sich begeistert und andern den Sinn
verwirrt.
Bfacht alS Dramaturg von Herbert Ihering
VJ^er noch vor wenigen Wochen gesagt hatte, daB Ludwig
Thomas Komodie ..Moral" in der neuen Saison einen
Aktualitatserfolg haben konnte, ware ausgelacht worden. Was
verulkte diese Satire? Eine Pluschmobelmoral, die langst ver-
schollen war. Mit welchen Waff en kampfte das Stuck? Mit
einem etwas spieBigen Liberalismus, der langst verrostet schien.
Aber es bedurfte nur des Sittlichkeitserlasses von Doktor
Bracht, um dieser Komodie eine Angriffsscharfe zu geben, die
sie in der Vorkriegszeit nicht hatte. Damals war sogar die
allgemeine Meinung gegen das Sittlichkeitsgetue, Damals gait
diese Komodie als eine spaBige, leicht anrempelnde Unterhal-
427
tung, etwa als die deutscbe Ausgabe der franzosischea
Schwanke, die Richard Alexander im Residenztheater spielte,
Es fallt nicht schwer, den Rentier und Sittlichkeitsvereins-
vorsitzenden Fritz Beermann auf den Schwerenoter in t a us end
Verlegenheiten zuriickzuf iihren, der die Standardf igur der Boule-
vardposse war,
Heute ist das anders. Heute erhalt, "was damals nur
deftiger Ulk und saftiger SpaB war, eine polemische, ja eine
kampferische Richtung. Eine hiibsche Belanglosigkeit, wie
diese liberale Posse, und die Tatsache ihrer Auffuhrung
im Herbst 1932 erhellen blitzhaft eine kulturpolitische Situa-
tion. Heute befiadet sich im VorstoB, was damals in gesicher-
ter Behaglichkeit,, in bequemer Tragheit beinahe gleichgiiltig
Positionen verteidigte: das SpieBertum einer selbstgerechten
MoraL Heute hat eine WiUensrichtung, was damals Behar-
rung war.
Vor dem Kriege glaubten die Satiriker, Restbestande einer
durchlocherten Moral aufzuarbeiten. Heute sind die Bestande
neu aufgefiillt, und Packerarbeit gehort dazu, sie abzutragen*
Das Lachen bleibt einem im Halse stecken, wenn man auf
der Biihne des iKomodienhauses die hochgeschlossenen Frauen-
kleider der Jahrhundertwende, die Haartiirme und Stirnban-
der und Klemmer sieht. Thomas „Moral" wurde zuriick ge-
spielt? Der Schwank wurde nach vorn gespielt, in die Zukunft
ubertragen. Die freundliche Randsatire Thomas, diese liebens-
wiirdige Peripheriekomodie trifft heute den Punkt, auf dem sich
von alien Seiten her die einzelnen Reaktionstruppen vereini-
gen: die falsche Moral und die falsche Heimatkunst, die1 Zen-
sur, der RassenhaB und die patriot ische Priiderie. Wir1 haben
es so weit gebracht, dafi von Weltanschauungen und politi-
schen Willensbildungen nicht die bewegenden sondern die
niederdriickenden Elemente Macht, EinfluB und offizielle Gel-
tung erhalten: also vom Zentrum nicht der iiberschauende Geist
und die imponierende elastische Organisation sondern der
finstere Moralfanatismus, vom Nationalsozialismus nicht die
flackernde Unruhe sondern die starre Unduldsamkeit. Die
weltanschaulichen Auseinandersetzungen werden erstickt. Eine
Linksfront zersplittert sich. Eine Rechtsfront manoveriert sich
fest, und in diesem grauenhaften Stellungskrieg gewinnen die
Moralschnuffler und SittlichkeitsspieBer. Die pplitischen Drama-
turgen geben die Themen an, die in der Wirklichkeit und auf
der Biihne nur mit altesten Mitteln bewaltigt werden konnen.
Eini Federstrich der Bureaukratie verandert die geistige Si-
tuation, vertauscht die Vorzeichen und macht in einer Nacht
zur berliner Wirklichkeit von 1932, was vor 1914 Kleinstadt-
idyll war. So wird Thomas „Morar, eine biirgerliche Komodie
gegen den Vorkriegsbiirger, fast zur polemischen Prophetie und
zum geistigen Kampfsignal, Der MinisterialerlaB als Dramaturge
428
Theater von Alfred Polgar
„Schicksal nach Wunsch"
r\icsc Komodie von Christa Winsloe greift hinein ins voile
burger liche Leben, das es kaum nochi gibt, und wo sies
packt, da ist es wenig interessant.
In gewissem Sinn: ein Zeitstiick. Von Vieren namlich, die
Sylvia, das warmebediirftige Frauchen, lieben, haben drei keine
Zeit; der vierte hat Zeitf aber nur Zeit, Da er jedoch auBer-
dem jung, frech, immer bei Humor ist, und keine Gelegenheit,
eine solche beim Schopf zu packen, versaumt, fliichtet die
Frau in seine kraitigen Arme. Es bleiben zuriick: Sylvias
Mann, der zuviel Betrieb in sich hat, als daB mit ihm trautes
Heim moglich ware; und der reiohe alt ere Verehrer, von dem
Sylvia grade in dem ungiinstigen Augenblick aufgefangen wer-
deri will, da eine Bank, an der er interessiert ist, kracht. Ob-
schon das Finanzgewitter — dariiber werden wir gleich be-
ruhigt — . an ihm, ohne Schaden anzurichten, voriibergeht, ob-
schon es nur kracht, ohne einzuschlagen, ist der Bankier doch,
eben da Sylvia ihn braucht wie eincn Bissen Warme, so tief
mittendrin in geschaftlicher Aktion, so dicht umtelegraphiert
und eingeklemmt zwischen Telephonen, daB die Frau sich
rcsigniert sagen muB: Besetzt! Auffallend, mit welcher
Fassung Mann und Verehrer es tragen, daB ihr superblondes
Gliick davon ist. Noch haben sie das Geschehene kaum er-
fahren und erfaBt . . . und schon horen wir dcutlich das be-
ruhigende Rauschen der Tagesordnung, zu der sie ubergehen
werden<
Ferner lief, im Rennen urn Sylvia, eine junge Arztin. Ent-
tauscht vom Manne, der ihr statt Liebe nur KameradschaH
geben wollte, wendet sich ihr zartliches Verlangen, ihre Nei-
gung starker der Freundin zu, in einem Neigungswinkel von
fiinfundvierzig Grad, der die Gefahr volligen Umkippens auf
die Seite, die andre Seite, nah erscheinen laBt. Und Sylvia,
unverstand'en wie sie ist, ware vermutlich der Freundin ge-
folgt, wenn d'iese nicht im entscheidenden Augenblick auf die
Uhr gesehen und gesagt hatte, sie habe keine Zeit, Im Stuck der
Christa Winsloe (das die geistige Kultur der Verfasserin und
deren Theaterbegabung nicht verleugnet) wirdl oft auf die Uhr
gesehen, auch von den Zuschauern.
In der Erscheinung der jungen Arztin nimmt das Problem
der einsamen, durch Arbeit im Mannsbezirk leicht vermann^
lichten und also in ihrem Anspruch auf Liebe behinderten Frau
Gestalt an. Leider bleibt die inter ess ante Figur im Entwurf
^tecken, Eine noch interessantere Figur allerdings ist der
Bankier, der dem heiteren Nichtsnutz von Nichtstuer auf die
erste Anspielung hin sofort tausend Mark leihweise schenkt.
Hier hebt sich das Spiel ins Gefild'e holder Romantik, in das
sonst nur der musikalisch beflugelte Tonfilm entfiihrt.
Erstaunlich, wie ein so mattes Stuck durch angenehme
Schauspieler lebendig wird, wie da dem trocknen Dialog Saft
einschieBt, Gleichgiiltiges zu Witz und Wirkung kommt.
Luise Ullrich als Frau, die an Zeit mangel der Andern lei-
det, spart nicht mit kindhaftem Getue, aber sie macht das
429
reizend und am reizendsten dort, wo sie durch ein paar ge-
fahrliche Lichter im Blick und Ton ihre Unsolidaritat mit der
Fig'ur verrat, und daB ihr weit bcsscr als die Rolle deren
Parodie lage. Margarete Melzer hat das Dramatische in sich.
Es strahlt aus, ohne daB sic groBes Spiel spielen miiBte, durch
cin Geringes schon an sprachlichem und mimischem Ausdruck
iibertragt sich die Spannung, die in ihr ist, der Luft um sie.
Mit vollendeter Delikatesse spielt Fraulein Melzer die Arztin
am Scheidewege, die Frau, die, das Land der Liebe suchend,
heimatlos zwischen den Gefiihlen irrt. Heiterkeit bringen
auf die Szene: Johannes Riemann durch das laute leer-
laufende Temperament, das er dem Ehemann gibt, Arthur
Mainzer als Bankdiener, der eine Pleite zu geniefien versteht,
Hans Brausewetter als ungenierter Naturbursch, noch dazu
mit Grubchen. Der immer liebenswerte Alfred Abel macht
glaiibwurdig einen Bankmenschen, dessen Vornehmheit schon
an Noblesse grenzt.
Einen Prolog, in dem die Personen des Stiicks, sich grade-
wegs an die Zuhorer wendend, diesen ihr erotisches Wunsch-
bild bekennen sollten, hat der Regisseur in eine Reihe sehr
netter Szenchen vor dem Mikrophon aufgelost. Fur diesen
guten Einfall des Doktor Beer empfing die Autorin viel Lob.
„Was Ihr wollt",
(also gewissermaBen Shakespeares: Schicksal nach Wunsch)
im StaatsLheater.
Die leichte Welt des Spiels, in der auch der Schmerz nicht
wiegt, wird, von Lothar Miithel, auf einer ziemlich modern ge-
lockerten, zum Teil im Rohzustande befindlichen Biihne ent-
ialtet, die, um es mit keinem Stil zu verderben, was xsie an
Illusion gibt, gleichzeitig wieder nimmt. Damit es an nichts
althergebrachtem Neuen fehle, ist auch ein Treppenvorbau ins
Parkett da. Die Szenen im Hause des Herzogs und der Olivia
werden auf einer engen Sonderbiihne abgewickelt. Rings-
herum sind Anspielungen auf freie Natur; wenn die Handlung
sich ganz in diese begibt, werden die' Anspielungen durch ein
paar giftgriine Baume von auffallender HaBlichkeit deutlicher.
Das Ganze hat die Stimmung und trockene Atmosphare eines
Speichers, in dem verschiedenster Theaterhausrat nebenein-
ander gelagert ist, Rumpelkammerspiel.
Kalt wie der Schauplatz, ist, was sich auf ihm begibt.
Der Duft des bluhenden, von Weisheit und Torheit gesegneten,
von Lebens- und Liebeslust durchglanzten Spiels ist weg,
sein lyrischer Zauber wirkt sich nicht aus. Ungebrochen bleibt
auch in der neuen Inszenierung die Schlagkraft der heitefen
Szenen, soweit nicht die Figuren durch tJbersteigerung ihrer
Komik sich einen Knacks in dieser zuziehen. Ist es zu
denken, daB ein so zartes, empfindlich-empfindsames Fraulein
wie Olivia (ebenso dargestellt von Eleonora Mendelssohn),
eine iiberderbe Stallmagd, wie Frau Koppenhofer sie hin-
larmen muB, als Zofe um sich duldet? Der SpaB, den diese
mit Malvolio sich leistet, ist doch ein geistiger SpaB; aus so
grober Natur und Humorigkeit aber, wie die Regie sie in das
Madchen pflanzte, konnte hochstens der Einfall reifen, Mal-
volio einen Kiibel schmutzigen Wassers tiber den Kopf zu
430
gieBen. Junker Toby, Hans Leibelt, ist auf grundlichste, ihn
und die Zuschauer iiberwaltigende, Art besoffen. Abcr warum
muB er, auch wenn er niichtern ist, auf verhatschten Krumm-
fiiBen schwanken? Maria Bard hat fur die Viola die geistige
Behendigkeit (von der korperlichen ganz zu schweigen), den
Witz, das rechte Brio der Schelmerei. Aber die Gefuhls-Saite
klingt nicht. Liebesleid und -lust dieser Viola sind und lass en
kalt. Dem possierlichen Bleichenwang, den Franz Weber
schmettert, ist das Soldatische in die Glieder gefahren. Wenn
er so mit geblahter Brust und gestraubtem Schopf herumstelzjtt
erwartet man immer, daB er Kikeriki schreien werde. Als noch
nicht gefoppter Malvolio ist Aribert Wascher von wohltuend
verhaltener, verdeckter Komik. Und wenn er, am SchluB, seine
Beschamung und Trauer bekennend durch die Art, wie er sie
verbirgt, Abschied nimmt, hat er, ohne daB das Komische
vollig von ihm fiele, fast tragische Wiirde. Schade, daB er in
seiner groBen Szene den Schritt vom Lacherlichen zum Kre-
tinischen macht. Es ist nicht einzusehen, warum Malvolio,
wenn er auch vor Liebe und Eitelkeit aus dem Hauschen ge-
rat, schnurstracks ins Irrenhauschen geraten miiBte. Das
Komische hort auf, wo das Pathologische beginnt, Als Narr,
gespro'chen, gesungen und auch ein biBchen gehiipft von dem
trefflichen Paul Bildt, sehen wir einen Hauslehrer in Trauer,
der gewiB in Olivias Familie schon die dritte Generation
in Latein und Schlagfertigkeit unterrichtet. Es tut weh, einen
so eleganten Privatgelehrten im Silberhaar vom Herzog Trink-
geld schnorren zu sehn.
Ernst im Spiel und Spiel im Ernst
von Rudolf Arnheim
Gliicklich Liebende sehen sehr aufmerksam aus, das heifit
fur einen Franzosen: tieftraurig. Siendhal: Vber die Liebe.
Ps ist trostreich zu denken, daB die Filme, (iber die heute
ernsthafte Menschen sich den Kopf zerbrechen, in zwanzig
Jahren genau so komisch sein werden wie fur uns jetzt die
Tragodien von 1910, in denen vollbartige Herren und vollbusige
Damen einander eilends lieben und toten. Man wird in rohes Ge-
lachter ausbrechen liber das Drama der blonden Spionin, das zu
spielen um 1930 keinem Vamp, weder der Maurus noch der .
Susa, weder der Dietrich noch der Garbo erspart blieb. Der
blinde Fliegeroffizier wird keine Gnade finden und auch der
indische Shivatanz mit Raucherkesseln und nacktem Bauch
nicht; nicht der Spielklub und' nicht die Hinrichtung bei Trom-
melklang. Und man wird sich nicht genug wundern konnen
iiber die Verdorbenheit einer Zeit, die es fertig brachte, die
j^roBe Schauspielerin Greta Garbo zu Filmen wie dieser ,,Mata
Hari" zu zwingen, einen Edelstein in solches Blech zu fassen.
Ergreifend, wie diese Frau, der als privates Schicksal be-
stimmt ist, einen welterschutternden Larm dadurch zu erregen,
daB sie in der Stille lebt, die Hollywood-Rumpelkammer in eine
Kirche verwandelt Eine Pygmalionleistung, wie^ sie damo-
nischen Pritzelpuppen Leben gibt, wie sie Tiefen grabt, wo der
Bauplan nur Seichtheiten vorsah. Wo sie hintritt, wachst
431
Gras, der ausgedorrte Atelierboden wird fruchtbar, und der
Ernst, mit dem sic urn sich blickt, macht schwer, was zu lcicht
befunden werden miiBte, Es ist die Aufmerksamkeit der Lie-
benden, von der Stendhal spricht, Diese Augen, in denen die
Giite der Nacht schlaft, leben ungestort zusammen mit einer
Klugheit, die auch das Traurige mit einem Lacheln zu iiber-
kleiden weiB und die den geriimpften Augenbrauen gebietet,
wachsam zu sein, damit die Hiirde nicht falle. Dieser Wohl-
klang im Zusammensein der groBen Seelenkrafte, die bei min-
der vollkommenen Menschen einander zu storen oder auszu-
schlieBen pflegen, diese gelunjjene Verteilung von Geist und
Gefiihl diirfte das sein, was den Zauber und die Schonheit von
Greta Garbo ausmacht.
Wie lebhaft wiinscht man sie aus dem Plunder der Kostiim-
pantomimen fort, wenn man daneben Paul Czinners MTraumen-
den Mund" sieht, einen Film, der, ohne ein groBes Kunstwerk
zu sein, doch auf den guten Ge$chmack der Kulturmenschheit
halt und zugunsten des Mienenspiels aufs Puppenspiel ver-
zichtet. Grade wer Czinners fnihere Filme heftig abgelehnt
hat, darf sich freuen, mit welchem Anstahd, mit welcher
GleichmaBigkeit des Formniveaus diesmal — vielleicht unter
dem EinfluB des Mitarbeiters Carl Mayer — gearbeitet worden
ist. Wahrend sich in George Fitzmaurices ,,Mata Hari" die
wenigen formal bemerkenswerten Szenen als aufgesetzte
Point en herausheben (der unheimlich rumpelnde KlumpfuB des
Verwundeten auf der Lazarett-Treppe, der Dialog der glimmen-
den Zigaretten im Dunkel), gliedert sich bei Czinner ein Hohe-
punkt wie der gut gelungene Traum durchaus in seine Urn-
gebung ein. Dieser Traum bringt nicht/malerische Phantastik
sonderri ein kleines Kaleidoskop irdischer Geschehensbrockeni:
Ahnliches verschwimmt ineinander, der unterbewuBte Mord-
wunsch verkorpert sich zu der symbolischen und doch aus dem
Bestande des Wirklichen hergeleiteten Vergiftungsszene, der
Tote spricht mit der behaglichen Stimme des Lebenden, und
um das Telephon schwirren die Rufe der Widersacher als ton-
gewordner Konflikt. Czinner laBt die Kamera keine kurzen
Satze machen; sie folgt geduldig, wennschon vom Operateur
Krueger merkwiirdig unruhig geleitet, dem kurvenreichen Gang
der Darsteller durch die Handlung, und wenn sie den Schau-
platz verlaBt, streift sie haufig noch einmal, wie um nachzu-
sehen, ob sie nichts vergessen habe, durch das ganze Zimmer.
Dieser Mangel an Bildwechsel laBt das auBere Geschehen recht
glxicklich zuriicktreten — man schaut auf die Leinwand wie
auf die unveranderliche Stirnseite eines Konzertsaals,
Und doch fiihlt der Zuschauer Ungeduld, Arger und Un-
fahigkeit zu ruhigem GenuB, Denn im Spiel der Schauspiele-
rin Elisabeth Bergner ist, jenseits von ihrer handwerklichen
Technik, etwas seltsam Emporendes. Sie erregt bei natiirlichen
Menschen einen Widerspruch, der leicht zu fiihien aber schwer
zu erklaren ist. Es gibt Menschen, die der Verstand strahlend
macht, und andre, auf denen er wie eine Staubschicht liegt, Zu
diesen gehort die Bergner, Die Kiihle dieser ermudeten,
statt entflammten Augen ist zu offenkundig, als daB man fiir
eine keusch erkaltete Lavaschicht um einen feuerflussigen
432
Kern halten konnte, was pures Gestein ist, Hier treibt ein Mensch
xnit gekappten Wurzeln auf der Oberflache, von jcder Stro-
mung ergriffen, geschmeidig, fiigsam, und fahig, sich in jede
Windung einzupassen. Sie kann alles, und dagegen straubt
sich die beleidigte Natur. Falsch der ernste Augenaufschlag
vor der Musik, unehrlich — bei einem Menschen, der nach
psychoanalytischen Abendkursen aussieht — die Vortauschung
harmlos toilender Kindlichkeit. Dies ist ein Miflbrauch der
Unschuld, und wenn uns Gottlosen etwas heilig ist, so ja doch
wohl das Kind. Wer hier, unter dem VergroBerungsglas der
Filmlinse, nicht die tragischen Verkleidungskiinste des modernen
Intellektmenschen erkennt, wer die schrillende Nervenklingel
dieses Lachens nicht hort, dem kann man, was hier vorliegt, form-
lich beweisen an den Szenen in denen Frau Bergner spielen soil,
dafi sie nur spielt. Wenn sie mit dem Mann, den sie betriigt, zart-
lich herumwirbelt, so ist in dieser Lustigkeit nichts vom Unter-
ton des Grauens, den sie etwa bei der Garbo mit Notwendig-
keit enthielte, sondern sie zeigt dieselbe unechte Echtheit wie
diejenigen Szenen, die nicht Verstellung sein sollen sondern Natur.
Diese Frau ist niemals auf Abwegen, weil sie nirgendwo zu
Hause ist; sie kann tauschen, weil sie nur tauschen kann, Ge-
wi8 sind dies Dinge, die sich nicht auf das Konnen sondern
auf -das Sein beziehen — aber ist es nicht der moralische Haken
jeder Kunstkritik, dafi sie grade das zu tadeln oder zu loben
hat, woftir der Beurteilte nichts kann?
Bettler von Gabriele Tergit
\Tor dem Schnellgericht standen 163 Bettler, die von der StraBe weg
v verhaftet worden waren,
Der Italienreisende sagt entziickt: „Und Bettler sieht man kaum
mehr in Italien." Dafi das keine Frage der Fursorge oder der ver-
besserten wirtschaftlichen Lage ist sondern eine Frage der Polizei,
sollte ' dem Tieferdenkenden klar sein, Man kann leicht das Elend
unsichtbar machen, ohne das Elend zu verandern, „Weg mit den Bett-
lern von der StraBe", ist der neue Kurs im Polizeiprasidium,
Sie waren um elf Uhr vormittags verhaftet worden, am nachsten
Tag um zwolf Uhr war die Verhandlung und ging bis in den Nach-
mittag. Alle gaben iibereinstimmend das fast Unglaubliche an, dafi
sie wahrend vierundzwanzig Stunden nichts zu essen und zu trinken
bekommen hatten, „Sie kommen ja jetzt raus", sagte der Richter
trostend. Was ist draufien? Wachst ihnen die Stulle auf der flachen
Hand?
Die Bettler wurden in Trupps von Vieren und Funfen vorgefuhrt.
Dann entspann sich folgender Dialog: „Franz Griebel?" — • „Ja4' —
,,1897 geboren?" — „Ja" — „Sie haben an der Potsdamer Brticke ge-
bettelt?" — ,tJa".
Der Nachste: „Otto Moschke?" — „Ja" — ,,1902 geboren?" —
„Ja" — „Sie haben an der Bendlerstrafie gebettelt?" — „Ja".
Der Amtsanwalt: ,,Ich beantrage gegen jeden der Angeklagten
einen Tag Haft unter Anrechnung der Untersuchungshaft."
Der Richter: „Sie werden also zu einem Tage Haft verurteilt, ver-
buBt durch die Untersuchungshaft."
Die Aussagen variierten nach zwei Richtungen. Es gab Angeklagte,
die sagten: „Nein, ich habe musiziert", und andre, die sagten: ,fIch
babe gehandelt." Je nachdem wurden sie nach den §§ 65, 69, 77, 85
der berliner Strafienordnung bestraft. Die Paragraphen wechselten,
433
aber die Strafe blieb gleich, soweit die Bettler zum ersten Mai vbr Ge-
richj standen. Beim zweiten Mai gab es schon zwei oder drei Tage
Haft, beim fiinften Mai gar drei Wochen. Ob man durch langere Be-
strafung des Hungers den Hunger grundlicher vertreibt, kam nicht zur
Erorterung.
Die 163 Verhafteten rekrutierten sich aus drei vollig verschiede-
nen Kreisen. Jeder dieser Kreise umfaBte ein Drittel der An-
geklagten. Da waren die Handler, die hauptsachlich wegen Uber-
schreitung der Zweihundert-Meter-Grenze, innerhalb deren sie nicht
verkaufen diirfen, angeklagt waren. Den Handlern ging es zeitweise
sehr gut. Leute, die auf den Jahrmarkten mit sogenannten Schlagern
herumzogen, verdienten noch 1929 sechs-, sieben-, achthundert Mark
im Monat, Mir erzahlte ein Handler, der Schals und Krawatten aus
dem Koffer auf der Strafie verkauft, daB er 1927 fiinfundzwanzigtau-
send Mark verdient habe. „Ich habe", sagte er, „manchmal in funf
Stunden dreihundert Schals verkauft. Der Schal kostete zwei Mark,
eine Mark davon verdient, sind dreihundert Mark in ftinf Stunden. Das
ist wie bei Hitler, wer am besten redet und so ne Suggestion hat, daB
sich die Leute alle wie die Mauern rumstellen, der wird seine Ware
bald los." Noch 1929 verdiente er funftausend Mark im Jahr, Der
ganze Reichtum ist zerronnen bis auf die gut eingerichtete Wohnung.
Er bezieht Unterstiitzung. Jetzt haben sich die Handler auf Lack-
taschen und Ketten geworfen, Immer drohen ihnen Polizeistrafen, da
sie in den HauptverkehrsstraBen nicht handeln dtirfen, aber Bettler
sind sie keineswegs.
Den zweiten Kreis von Angeklagten bilden die Musikanten, Junge*
Burschen im bunten Polohemd, mit Klampfe, mehr Wandervogel als
Stempler, tun sie sich in Trupps zusammen, finden den Mut und die
Lebenskraft, von Mai und Sonne und Seligkeit zu singen, und be-
kommen gern ein paar Pf ennige, die eher Lohn sind als Almosen, Es
finden sich unter ihnen viele arbeitslose Musiker und Klavierbauer,
aber auch Halbintellektuelle wie Drogisten, Mechaniker etcetera.
Einer von ihnen erzahlte mir, daB er neben der Unterstiitzung von
8,50 Mark in der Woche 1,50 bis 2,00 Mark am Tag verdient. Das sind.
80 bis 95 Mark im Monat, was nicht iippig aber ausreichend ist, wah-
rend die Unterstiitzung allein zu absoluter Verelendung, zum korper-
lichen und noch sicherer zum seelischen Zusammenbruch fiihrt.
Der dritte Kreis erst setzt sich aus den eigentlichen Bettlern zu-
sammen. Das sind nun wirklich Breughelsche Gestalten, das ist nun
wirklich die letzte, die bitterste Not. Da sind die Kriippel, die Lah-
men, die Tauben, die Halbblinden, die harmlos Geisteskranken, die
Stotterer, die Schiittler und die Greise. Es sind die, denen man
wiinschte, daB es ihnen besonders gut ginge, da es ihnen; von Natur
schon so schlecht geht.
In Liibeck gibt es das Spital zum heiligen Geist, Das ist keines-
wegs so, wie es die Baupolizei verlangt, denn es ist 1200 als Pestspital
gebaut worden. Ein Hospitalist, der es mir zeigte, erklarte: „Das ist
fur alle armen und kranken Burger unsrer Stadt." Siech und sechs-
undachtzigjahrig, ein alter Arbeiter, fiihlte er sich dennoch als Burger
seiner Stadt. Und voll von groBem Biirgergeist ist heute noch dieses
Spital, keine graue Wandwiiste wie in andern Stadten.
Mit Strafeni und mit der Polizei ist der Not nicht beizukommen, Das
ist ja wohl das Banalste, was man dagegen sagen kann, aber trotzdem geht
der neue Kurs so vor. Diese Verhandlung mit ihrer Vermengung
heterogener Elemente war nur eine Farce auf die Gerechtigkeit. Die
arbeitslose Jugend, die in den Strafien musiziert, ist etwas ganz andres
als die hilflos kranken und verkriippelten Bettler, Daniber sind sich
alle Leute aus der Fursorge einig. Aber wen hatte unsre Mutter, die
Stadt, zur Beobachtung dessen, was heute die Fachleute den Wohl-
fahrtsschwindel nennen, zu diesem ProzeB der Not entsandt? Ober-
magistratsrat Knauth, prominent geworden in den grauenhaften Aktem
434
der Skandale in den Fiirsorgeanstalten Scheuen und der Innern
Mission, in denen schutzlose Zoglinge zu Tode gepriigelt wurden. Die
Stadtratin Weyl, die Sozialdemokratin, die gewifi nicht zu verteidigen
ist, muBte, nach den Aufdeckungen der kommunistischen Blatter,
gehen, Der eigentlich Verantwortliche, der rechtsstehende Obermagi-
stratsrat, viel weniger angegriffen, blieb, hat weiter einen Posten
inne, fur den eine leidenschaftliche Liebe zur Gerechtigkeit und ein
grofies Herz notig ist. Was andert sich eigentlich im berliner Magistrat?
Gabe es das, was der Hospitalist unter Burger verstand, konnte
ein neuer Kurs nicht gegen den Hunger mit der Polizei vorgehen.
Die Gerechtigkeit wird miBbraucht als Organ einer hilflosen Ver-
waltung.
Die Krise der Gewerkschaften von m. Bergmann
Dl;
^ie deutschcn Gewerkschaften befindeii sich seit zwei Jahren
in einer akuten Krisis. Der Mitgliederbestand ist im fort-
gesetzten Riickgang, die Finanzen sind stark im Schwinden. Ihre
Existenz ist nach vierzig Jahren mehr als je bedroht. Es fehlt
ihnen schon lange die friihere Starke, die wahrend der zwei
entscheidenden Jahrzehnte ihrer Entwicklung, 1895 bis 1914,
in der Kraft der sozialistischen Ideenwelt begriindet war, aber
jetzt ist es auch zu Ende mit der Illusion der Wirtschaftsdemo-
kratie, deren reale Basis man in dem hoffnungsvoilen Jahrfunft
1925/29 neugeschaffen glaubte. Die Gewerkschaften sind auBer-
stande, von sich aus eine Auseinandersetzung mit ihren Geg-
nern, sei es auch nur in tariflichem Rahmen," zu eroffnen, und
fiihlen sich wie ungestort, wenn der ,,Kontrahent" scheinbar
eine giinstige Gelegenheit verpaBt.
Der Mitgliederriickgang der freien Arbeiterverbande, des
ADGB, betrug 1930 4,7 Prozent, 1931 12,3 Prozent und allein
im ersten Halbjahr 1932 schatzungsweise weitere 10 Prozent.
Gegen Ende 1929 zahlten die freien Gewerkschaften annahernd
funl Millionen Mitglieder, heute nur etwa 3,7 Millionen.
Dieser Riickgang in den letzten zwei Jahren mag im
Vergleich zu den viel starkeren Verlusten 1923 bis 1925 von
etwa acht auf rund vier Millionen gering erscheinen. Aber
der gegenwartig vom ADGB verzeichnete Mitgliederbestand
ist der niedrigste seit 1918. Entscheidend ist ferncr, daB von
den Mitgliedern rund fiinfundvierzig Prozent arbeitslos sind
und weitere dreiundzwanzig Prozent in Kurzarbeit stehen. Im
ganzen sind also vielleicht 1,2 Millionen Mitglieder vollbeschaf-
tigt, so daB sie sich fur den Bestand und das Wirken der freien
Gewerkschaften wirklich einsetzen konnen. Mit nur etwas iiber
einer Million Mitgliedern kann die Finanzgebarung, muB die
Gewerkschaftspraxis heute rechnen gegen 2,5 Millionen — dop-
pelt soviel — im Jahre 1913. Die christlichen Arbeiterverbande
weisen fiir Ende 1931 eine Mitgliederzahl von 578 000 aus, ihr
Mitgliederverlust betrug im letzten Jahr ebenfalls genau
12,3 Prozent.
Die Ursachen des anhaltenden Mitgliederruckgangs, der
sich in fast alien Gewerkschaften zeigt und immerhin
ein beachtliches Symptom der Gewerkschaftskrise darstellt,
werden von den Gewerkschaftsfuhrern zuerst in der gewaltigen
Arbeitslosigkeit gesehen. Tatsachlich aber verlassen nicht viel
435
mehr arbeitslose Mitglieder die Verbande als beschaftigte,
sonst wiirdc sich nicht etwa die Half tc der Mitglieder aus Ar-
beitslosen zusammensetzen. Die arbeitslosen sind vorlaufig
noch mehr. materiell an den Gewerkschaften interessiert als
die beschaftigten Mitglieder. Den starksten Anteil der Aus-
tretenden werden die bilden, die sich erst in den letzten fiinf
Jahren organisiert haben, Es ist wenig bekannt, daB ein frap-
panter Parallelismus zwischen der allgemeinen Lohnentwicklung
und der Mitgliederbewegung in den Gewerkschaften besteht.
Die Lohnentwicklung ist es, dievor allem das Auf und Ab im
gewerkschaftlichen fiestand bestimmt. Die Erhohung der Lohne
1927 bis Mitte 1930 (es ist hier nicht von Bedeutung, dafl die
Lohne vorwiegend nur nominell als Folge der Intensitatssteige-
rung in die1 Hohe gingen) fiihrte zu einer fast gleichmafiigen
Mitgliederzunahme in den Verbanden. Nach den Berechnungen
des Instituts fur Konjunkturforschung stiegen die Tariflohne im
Gesamtdurchschnitt von Januar 1927 bis zum Hohepunkt 1930
um etwa dreiundzwanzig Prozent* Die Mitgliederziffern der
ADGB-Verbande wiesen von Ende 1926 bis Ende 1929 eine Zu-
nahme um mehr als fiinf undzwanzig Prozent auf, Der Mit-
gliederriickgang trat etwa gleichzeitig mit dem Beginn des
Lohnabbaus ein, den der Oeynhausener Schiedsspruch fiir
Arbeit-Nordwest einleitete. Von Ende 1930 bis zur groBen
Notverordnung im Dezember 1931 gingen die Tariflohne um
mehr als 12 Prozent zuriick, die ADGB-Mitgliederzahl um
genau 12,3 Prozent, Auch heute zeigt sich dieselbe Parallelitat:
Wenn wir den Mitgliederbestand des ADGB am Ende des
ersten Halbjahres 1932 auf mindestens zehn Prozent niedriger
schatzen als Ende 1931, so nicht etwa einfach aus dem Grunde,
weil in der Tat die Lohnsehkung in dieser Periode amtlich auf
rund zehn Prozent berechnet wird; unsre Schatzung ist ziem-
lich exakt, nur wiirde es zu weit fiihren, hier das Berechnungs-
material zu erlautern,
Der Zusammenhang zwischen Lohnentwicklung und
Mitgliederbewegung ist eigentlich selbstverstandlich, Man
mag seit November 1918 die Aufgaberi der Gewerkschaf-
ten anders umschreiben, sie zu Unterstiitzungsorganisationen
stempeln, wie es die einen tun, oder sie mit den off i-
ziellen Gewerkscha.ftstheoretikern als ,,verantwortliche Trager
des Staates und der Wirtschaft" ansehen; der Zweck, den das
einfache Mitglied mit seiner Zugehorigkeit zur Gewerkschaft
verkniipft, ist derselbe geblieben: das materielle Interesse, die
Tagessorge um mehr Lohiu und weniger Arbeitszeit. Did Ge-
werkschaften haben in den letzten Jahren mit viel Geld und
Geschick versucht, diese Tendenz auszuschalten und die, von
der Lohnseite her bedingten Kriseireinfliisse auf die Mitglieder-
bewegung dadurch abzuschwachen, daB die Mitglieder durch
den Ausbau des gewerkschaftlichen Unterstiitzungswesens am
Verbleiben in den Verbanden besonders in Krisenzeiten inter-
essiert werden. So haben die meisten der freien Verbande erst
seit 1927 die Invalidenunterstutzung eingefuhrt, Aber dieser
Gedanke erweist sich jetzt als ein Irrtum; die Lohntendenz
setzt sich durch, Im Gegenteil, auf die Dauer muBte sich in den
wechselreichen Konjunkturen nach dem Kriege der Ausbau
436
der Unterstutzungseinrichtungen als sehr gefahrlich erweisen.
Die Gewerkschaften ubemahmen: Verpflichtungen gcgenubcr
ihren Mitgliedern, die sie nun in der Krise nicht mehr erfiillen
korinen.
Uberhaupt ist das Finanzproblem die groBte Sorge der Ge-
werkschaftsspitzen. Noch niemals in ihrer Geschichte haben
die deutschen Gewerkschaften mit so horrenden Summen zu
rechnen gehabt wie in dem Jahrfiinft 1925/29. Die Einnahmen
der freien Verbande beliefen sich 1929 auf mehr als eine Viertel
Milliarde Mark. Diese Finanzentwicklung gab auch die Basis
ab fur den sogenannten Gewerkschaftskapitalismus. Es ist ganz
gut zu verstehen, wenn die gefullten Kassen ihre groBen und
kleinen Wirkungen auf die Sorgen und Ideen der verantwort-
lichen Beamten und Funktionare hinterliefien; man sah vor
allem die Moglichkeiten, die diese Gelder schufen: Unterstiit-
zung statt Streik, Sorge fiir das Alter statt Sozialismus.
Die Weadung ist jetzt da. Die Kassen haben sich als sehr
empfindlich erwiesen (weniger die Kopfe ihrer Verwahrer),
Die Einnahmen sinken mit zunehmender Arbeitslosigkeit, Kurz-
arbeit und Mitgliederabnahme. Die groBen Unterstiitzungs-
anforderungen wachsen noch starker. Alle Verbande weisen
Defizite auf, die das Vermogen aufzehren. 1931 waren die Ge-
samteinnahmen schon urn ein Drittel niedriger als 1929, dagegen
die Ausgaben betrachtlich hoher, Wenn es gut geht, werden
die Einnahmen in diesem Jahre die Halfte von 1929 erreichen,
wahrend die Ausgaben nur durch radikale Abstriche am wei-
tern Steigen zu hindern sind. Es vergeht kein Verbandstag
mehr, auf dem nicht die Unterstutzungsleistungen herabgesetzt
werden. Man wartet sogar nicht mehr den Verbandstag ab,
der allein berechtigt ist, die in den Statuten festgesetzten Lei-
stungen zu andern; die Verwaltung nimmt sich das Recht, emp-
findliche SparmaBnahmen zur Rettung der Finanzen vorzu-
nehmen. Es braucht nicht gesagt zu werden, welche Wirkun-
gen die Einschrankung der Aufwendungen, besonders fur die
Versorgung der arbeitslosen, kranken und invaliden Mitglie-
der hinterlassen kann und wird.
Dazu kommt, daB die Gewerkschaften sehr schnell ihre
wichtigsten tarifrechtlichen und sozialpolitischen Stellungen
verloren haben und sie selbst nach Jahren auch bei einer Kon-
junkturwende nicht zuruckgewinnen werden. Die beiden Grund-
pfeiler der modernen Gewerkschaftsbewegung, das kollektive
Arbeitsrecht und die selbstverwaltende Sozialversicherung,
sind geknickt; die Sozialversicherung wird weiter „gereinigt'\
und die Unabdingbarkeit des Tarifs, der wichtigste Grundsatz
des Arbeitsrechts seit 1918, ist praktisch beseitigt. Was das
bedeutet, wird dann klar, wenn man weiB, daB die Gewerk-
schaften sich nicht mehr die Aufgaben stellen und die Mittel
anwenden, die vor der Unabdingbarkeit des Tarifvertrags
selbstverstandlich waren. Selbst der tariflose Zustand erlaubt
den Gewerkschaften nicht, einen Streik zu fuhren, denn im
Grunde waren es niemals rechtliche Momente, die den Gewerk-
schaften soziale Friedenspflicht auferlegten. Die Gewerk-
schaften selbst haben sich diese Friedenspflicht gelobt und
wollen sie auch heute nicht aufgeben.
437
Die Bedeutung der Gewcrkschaf ten ist crschuttcrt. In der
Tat bleibt ihnen nichts andres iibrig, als sich auf ihre ctwas
vergessenen Aufgaben und Koalitionskampfmittel zu besinnen.
Denn schon Briining hat den Gewerkschaftsfiihrern immer sel-
tener Empfange bereitet, und unter Papen haben sie ganz auf-
gehort; selbst in der ScharnhorststraBe werden nur noch ihre
feierlichen Proteste entgegengenommen. Indes ist nicht zu
iibersehen, daB trotzdem noch heute etwa sieben Millionen
Arbeiter von den Tarifvertragen erfafit werden, die die ADGB-
Verbande abgeschlossen haben, und daB ferner noch heute
der grofite Teil der Arbeiterschaft „ideologisch" zu den freien
Gewerkschaften steht und ihnen folgt
Wochenschau des Riickschritts
— Das kommunistische .ThUringer Volksblatt* ist auf vierzehn Tage
verboten worden. Die kommunistischen Zcitschriften ,Der Rote Block',
,Die Jugendinternationale', ,Der jung« Bolschewik' und ,Der Agitator*
wurden bis Mitte Marz 1933 verboten. Von langeren Verboten wurden
betroffen ,Der Syndikalist', ,Der freie Arbeiter', ,Die Arbeit erpolitik'
und ,Spartakus\ Die sozialdemokratische ,Mecklenburgische Volks-
zeitung' und ,Das freie Wort* wurden wegen Beschimpfung von
Goebbels und Goering verboten. Das wegen Nachdrucks eines im
,Bayerischen Kurier' veroffentlichten Gutachtens liber die Verfassungs-
streitigkeiten gegen die .Berliner Volkszeitung* ausgesprochene Ver-
bot wurde wegen volliger Unhaltbarkeit nach zwei Tagen zuriick-
genommen.
— Der berliner Polizeiprasident hat eine Belohnung ausgesetzt
fur Personen, die Hersteller und Verbreiter illegaler kommunistischer
Schriften anzeigen.
— Vor dem berliner Sondergericht wurde ein Kommunist zu ein-
einhalb Jahren Zuchthaus verurteilt wegen eines Oberfalls auf einen
gar nicht ermittelten Stahlhelmer. Dasselbe Sondergericht verurteilte
Nationalsozialisten wegen eines Uberfalls auf einen Nachtwachter nur
zu zwei Wochen Gefangnis, weil es den Angaben der Angeklagten
glaubte. Das Schoffengericht in Hameln verurteilte einen Gemuse-
handler, der bei Eintritt in eine SPD-Versammlung seine Schreck-
schuBpistole abgegeben hatte, zu drei Monaten Gefangnis, wahrend
das gleiche Gericht einem SA-Mann( dem in einer Versammiung eine
groBe Hundepeitsche abgenommen worden war und der seiner Ent-
waffnung Widerstand geleistet hatte, nur fiinfzig Mark Geldstrafe zu-
diktierte.
— Der sozialdemokratische Regierungsdirektor Buchwald wurde
seines Amtes als Leiter der Abteilung fiir Kirchen- und Schulwesen
bei der Regierung in Potsdam enthoben.
— Der Arbeitgeber-Verband der Rheinisch-Westfalischen Zement-
werke hat den Tarifvertrag zum.l. Oktober gekundigt und sich auf-
gelost, damit die Neureglung der Tarife durch Abmachungen der ein-
zelnen Werke vollzogen werden kann.
— Zum Prasidenten des Nationalen Clubs ist der den National-
sozialisten nahestehende Herzog Carl Eduard von Sachsen-Koburg-
Gotha gewahlt worden; politischer Beauftragter des Clubs wurde
Major Pabst.
— Die tschechoslowakische Regierung hat die Einreisebewilligung
fiir Leo Trotzki ruckgangig gemacht.
Wochenschau des Fortschritts
— • Gestrichen.
438
Bemerknngen
SDS
r\er Hauptvorstand des „Schutz-
*^ verbandes deutscher Schrift-
steller" hat die berliner Orts-
gruppe „aufg«l6st". Eine Ver-
einsangelegenheit ? Em kultur-
politischer Staatsstreich, ein Stiick
Fascismus, nicht nur durch die
Form des Gewaltaktes sondern
auch durch seinen Inhalt. Denn
jetzt wird es ganz klar, urn was
der jahrelange Streit ging. Uber
alle Zwischenfalle diesesi nidht
imraer sehr erhebenden Kampfes
hinweg zeigt sich jetzt, dafi
zwischen dem, was die berliner
Ortsgruppe, die groBte und al-
teste des SDS, und dem, was der
Hauptvorstand als Aufgabe des
Verbandes ansah, keine Mei-
nungsverschiedenheitbestand. Man
sprach zwar davon, daB der SDS
nicht politisiert werden diirfe
— das soli ja eben das Ver-
brechen der berliner Ortsgruppe
gewesen sein — und daB die
schriftstellerische Arbeit jenseits
der Politik geschutzt werden
mftsse. Aber nun stellt sich her-
aus, daB der Hauptvorstand
eben so unpolitisch ist wie die
Papenregierung, als sie PreuBen
vom Geist des Parteibuchbeam-
tentums reinigte, Der Hauptvor-
stand ist gegen jede Politik mit
Ausnahme seiner eignen.
Dieses unpolitische Lied kennen
wir. Es ist das Hohelied des
Fascismus. Wenn die berliner
Ortsgruppe fur die in den Ge-
f angnissen sitzenden Schriftsteller,
wie etwa fur Ossietzky, eintritt,
wenn sie gegen Galgenj ustiz,
Zensurverbot, Militardiktatur (so-
fern sie sich auf die schrift-
stellerische Produktion cfrSitrek-
ken) protestiert, so ist sie poli-
tisch und wird aufgelost. Wenn
der Hauptvorstand diese Proteste
unterdriickt und damit sich ob-
jektiv zur Schutzgarde der herr-
schenden Gewalten des Kultur-
fascismus macht, so ist er un-
politisch.
Die Aufgabe des Schutzver-
bandes ist es, die Schriftsteller
zu schtitzen, Vor unberechtigtem
Nachdruck — ja, aber vor un-
berechtigtem Nichtdruck — nein? ,
Ist der Schutz des Schriftstellers
gegen die seine moralische, ma-
terielle und physische Existenz
bedrohende Staatsgewalt nicht
auch Schutz ? Der Hauptvor-
stand sagt: nein, das ist Politifc.
Wir sagen umgekehrt: die Unter -
lassung dieses Schutzes ist Poli-
tik, die Bekampfung und Ver-
folgung der berliner Ortsgruppe,
die diesen Schutz durch ihre
Aktionen in Gang zu setzen
suchte, ist Politik. Fascistische
Politik.
Von Bronnen bis Breuer — es
ist die auf andern Gebieten sich
vorbereitende, aber noch nicht so
rundlich geschlossene vaterlan-
dische Einheitsfront, Diese Pa-
penheimer haben von ihrem
Herrn und Meister gelernt, wie
man mit Macht das Recht inter-
pretiert und gegen wen und fur
wen es Nutzen bringt. Sie ver-
gessen nur eines, daB des Schrift-
stellers Ware zugleich seine
Waffe ist. So breit ihre Sitz-
gelegenheiten sind, sie werden
auf ihren Federkielen noch weni-
ger lange ausruhen konnen, als
Papen auf seinen Bajonetten.
Bruno Fret
Deutschland zwischen Gestern
und Morgen
AAan hat es nicht leicht als An-
■"* hanger der materialistischen
Geschichtsbetrachtung ! Die phi-
lologischen Kollegen verstehen
zumeist unter Marxismus und
Materialismus — nun, was man
halt unter Marxismus und Ma-
terialismus so versteht! Und fur
viele der'Genossen ist die mate-
rialistische Betrachtungsweise ein
Religionsersatz, Wie die Teleo-
logie es uns ermoglichte, von
alien Dingen und Zusammenhan-
gen anzugeben, warum der liebe
Gott das so gemacht und was er
sich dabei gedacht hat, so weiB
auch der Glaubige der mate-
rialistischen Betrachtungsweise
stets, warum etwas so sein und
kommen mufite, langst ehe er ge-
nau erforscht hat, was eigentlich
439
war und kam. Konnte das grie-
chische Chordrama sowie das
Drama Shakespeares auf der
Grundlage der damaligen Pro-
duktionsverhaltnisse anders sein,
als es war ? Und da Schuler-
selbstmorde und erotische Note
und Probleme typische Faulnis-
erscheinungen der biirgerlichen
Gesellschaftsordnung sind, so
werden sie mit der Beseitigung
des kapitalistischen Systems nicht
blofl gelost sein sondern iiber-
haupt als Probleme vollkommen
wegfallen. Sp ahnlich hat Haeckel
die Weltratsel gelost. Es ist ge-
wiB etwas Schones, wenn man
den einen Schlussel zu samtlichen
Tiiren der Welt und der Welt-
geschichte hat. Und wie uber-
legen und wissenschaftlich kann
man die Leute mit den Resten
sentimentaler biirgerlicher Ideo-
logien belacheln, die nicht wis-
sen, daB Zielsetzungen, Moral-
normen, Personlichkeiten, Cha-
raktere weiter nichts sind als
Ausdrucksformen okonomischer
Differenzierungen.
Nur ganz wenige wissen, wie
beunruhigend komplex die histo-
rischen und gesellschaftlichen
Zusammenhange sind; unter den
marxistischen Schriftstellern weifi
ich nur einen, der sie, fern allem
Feuilletonistischen, gestalteri
kann: Anna Siemsen. Fern allem
Feuilletonistischen, das heiBt
kiihl und prazis in allem Wis-
senschaftlichen, aber ganz Kiinst-
lerin auch wieder, wo sie Leben-
diges, seinen Raum, seine tra-
gisch© Hintergriindigkeit, seine
Fiille und Atmosphare darzu^
stellen hat. Sie hat jetzt in einem
neuen Buch („Deutschland zwi-
schen Gestern undf Morgen",
Urania-Preidenker-Verlag, Jena)
eine Wanderung uber deutsche
StraBen, durch deutsche Stadte,
Landschaften, Kirchen und Mu-
seen, in deutsche Industrie-
zentren und Bauerndorfer ge-
macht. Wieder wie in ihrem
„Daheirii in Europa" und in den
ttLiterarischen Streifzugen" be-
zaubert hier ihre Fahigkeit, die
Wechselwirkung und das Inein-
ander von Wirtschaft, Mensch
und Landschaft darzustellen.
Kaum ein direkt anklagerisches
440
Wort; aber die Gedampftheit und
Verhaltenheit der Sprache und
des Erzahlens stromt grofiere
Aktivitat aus als programma-
tische Anklage und revolutionare
Deklamation. Wir haben Partei-
schulen, die ihre Schiiler mit
ahnlichem Hochmut und oft noch
grofierer innerer Diirre und heil-
loserer Welt- und Menschen-
fremdheit in die Politik entlassen
als Priesterseminare die jungen
Theologen. Diese mittlern. und
hohern Beamten der Revolution
sollten bei Anna Siemsen lernen,
dafi marxistische Realistik, poli-
tisch radikale Zielsetzung, frohe
Hingabe an (die Dinge der Kultur
und Ehrfurcht vor dem Unnenn-
baren durchaus keine Gegensatze
zu sein brauchen; und daB man
nicht nur aus Hafi und gegen
etwas sondern auch aus tiefer
und erlebter Liebe fur etwas seine
klassenkampferische Pflicht und
Schuldigkeit tun kann.
Hein Herbers
Unsichtbare Arbeitslosigkeit
P\ie Reichsanstalt fiir Arbeits-
*~" losenversicherung meldet in
ihrem letzten Bericht, daB die bei
ihr registrierten Arbeitslosen um
mehr als 100 000 abgenommen
haben. Aber diese Abnahme war
nur eine in der Statistik, nur
eine formale. In Wirklichkeit hat
die Arbeitslosigkeit auch in den
letzten Wochen und Monaten zu-
genommen. Das geben auch Hie
amtlichen Stellen zu, Und sie
sprechen heute von einer „un-
sichtbaren Arbeitslosigkeit". Was
bedeutet das? Wir haben im
Verlauf der Krise neben den
staatlich registrierten Arbeits-
losen eine standig wachsende
Zahl von Arbeitslosen, die sich
nicht mehr registrieren lassen,
weil sie bei den immer mehr
verscharften BestimmungenJ iiber
die Unterstiitzung sowieso keinen
Unterstiitzungsanspruch durch
ihre Anmeldung begriinden
konnen.
Es handelt sich dabei um
ganz auBerordentlich betrachtliche
Zahlen, In dem vor kurzer Zeit
erschienenen ,VierteIjahrsheft zur
Konjunkturforschung' wird eine
Untersuchung tiber die Starke
dieser unsichtbaren Arbeitslosig-
keit angestellt. Und zwar nach
folgender Methode. Wenn man
die beschaftigten Arbeiter, die
Arbeitslosen und die Kranken zu-
sammenrechnet, so war die Ge-
samtzahl Ende 1929 20t3 Mil-
lionen. Dieser so errechnete Be-
stand an Arbeitskraften sinkt seit
Beginn des Jahres 1930 zunachst
nur sehr wenig; seit 1931 aber
immer starker. Nach dem Stand
von Mitte 1932 werden auf diese
Weise im ganzen nur noch 18,4
Millionen Arbeitskrafte registriert.
Nun sind seit 1929 aus Griinden
des Altersaufbaus. der Bevolke-
rung tatsachlich wohl 200- bis
250 000 Arbeitnehmer aus dem
Erwerbsleben ausgeschieden, Der
ubrige Teil der Differenz — reich-
lich 1,5 Millionen Menschen —
stellt offenbar zum grofien Teil
jene stille Reserve des Arbeits-
marktes dar,
Man mufl daher zu der of fiziell
von der Statistik angegebenen
Arbeitslosenzahl, die heute knapp
5,5 Millionen betragt, noch diese
1 ,5 Millionen hinzuzahlen, das
heifit wir haben bereits im Som-
mer 1932 7 Millionen Arbeits-
lose. Durch diese ..unsichtbare
Arbeitslosigkeit" klart sich auch
folgender scheinbare Widerspruch
auf. Vom Hohepunkt der Arbeits-
losigkeit im Februar dieses Jah-
res hat sie nach der Statistik bis
zum Juli um mehr als 700 000 ab-
genommen. Neben den offiziellen
Arbeitslosenzahlen berichten aber
auch die Gewerkschaften uber
die Anzahl der Vollarbeitslosen
und der Kurzarbeiter unter ihren
Mitgliedern. Und bei ihnen ist die
Abnahme gegeniiber den Hbchst-
zahlen vom Februar nur eine
ganz minimale. Die Gewerkschaf-
ten berichten fur den Sommer.
dafi mehr als sechsundvierzig Pro-
zent ihrer Mitglieder Vollarbeits-
lose und fast vierundzwanzig
Prozent Kurzarbeitei; sind, Nur
dreiBig Prozent der Gewerk-
schaftsmitglieder waren somit voll
beschaftigt. Die geringe Abnahme
unter den arbeitslosen Gewerk-
schaftsmitgliedern erklart sich
also daraus, dafi ein Teil der un-
sichtbaren Arbeitslosen, die bei
der offiziellen Statistik unter den
Tisch gefallen sind, von den Ge-
werkschaften weitergeftihrt wer-
den.
Aber es gibt diese unsichtbare
Arbeitslosigkeit nicht nur unter
der Arbeiterschaft. Sie ist viel-
leicht noch starker bei den ge-
samten Mittelschichten. Hatten
wir in der Vorkriegszeit in
Deutschland 70 000 Studierende,
so haben wir heute bei ungleich
verschlechterten Berufsaussichten
uber 130 000. Die industrielle Re-
servearmee wachst daher bei den
Jungakademikern ganz katastro-
phaL Und auch in den sogenann-
ten selbstandigen Mittelschichten
der Stadt, beim Kleinhandel wie
beim Handwerk, haben wir eine
auBerordentlich groBe unsichtbare
Arbeitslosigkeit, die sich sta-
tistisch darum nicht auswirkt.
weil innerhalb dieser selbstandi-
gen Berufe kein Anspruch auf
Arbeitslosenunterstutzung besteht.
War so allein bei der Arbeiter-
schaft im Sommer die Arbeits-
losigkeit knapp sieben Millionen,
so war sie insgesamt in Deutsch-
land kaum unter acht Millionen,
Und wir werden daher uns1 auf
eine Arbeitslosigkeit im Winter
1932/33 gefaBt machen mussen, die
an die Zehn-Millionen-Grenze
heranreicht.
Thomas Tarn
r\ie Beschaftigung mit okkulten Erscheinungen und Experi-
*-' menten endet immer mit Enttauschungen und Leere. Das
Erwecken der geheimnisvollen seelischen Krafte nach den An-
weisungen der Bucher von Bo Yin Ra hat dam it nichts zu
tun, und fflhrt mit Sicherheit zu dauernder voller Lebensfreude.
Das zuletzt erschienene Werk „Der Weg meiner SchQIer" ist in
jeder Buchhandlung erhaltlich. Preis RM. 6.—. Kober'sche
Verlagsbuchhandlung (gegr. 1816), Basel-Leipzig.
441
Patriotismus
Deutsche Madchen schnitten
sich in den napoleonischen
Kriegen die Haare ab, weil sie das
Bediirfnis empfanden, ihren Pa-
triotismus in handgreifliche Tat
umzusetzen. Eine Handlung, die
damals ungefahr soviel bedeutete,
wie der Opfermut der Hausfrauen,
die hundert Jahre spater mes-
singene Tiirklinken und blitzende
Morser aus der Wohnung und
dem blutenden Herzen rissen und
dem Vaterland gaben, Wir tausch-
ten im Kriege, da der Friseur
Haare nur noch gegen Barzahlung
behielt, an ihrer Stelle gesammelte
Goldstticke fur Eisen. Dies ist
uns bis heute geblieben, das Gold
sahen wir niemals wieder, da es
nicht nachwachst wie die Haare.
Immerhin reprasentiert das, was
der Europaer dem Vaterland in
den SchoB zu werfen sich ver-
pflichtet fiib.lt, einen realen Wert,
sei es Gold, sei es Kupfer, Mes-
sing oder Charpie.
Die Japaner, deren Patriotismus
von Hysterie schwer zu trennen
ist, geben neben Real em gern
Symbolisches.
Der Maler Ito Hikozo malte
wahrend des letzten Feldzugs
gegen das unbotmaBige China das
Bild seines Mikado mit Blut, das
er seinem eignen Korper entnahm.
Da der blutige Kaiser in Lebens-
groBe auf der Leinwand erstehen
sollte, zwang der Blutverlust den
Maler zu langern Pausen. Aber
mit japanischer Beharrlichkeit
uberwand er die Hindernisse,
welche die Natur der Gestaltung
seiner Gefiihle entgegensetzte,
und der religiose Fanatismus
eines Patrioten schuf schlieBlich
siegreich dies eigenartige Bild sei-
nes. Kaisers,
Schulmadchen aus Tokio, von
dem groflen Beispiel angeregt,
stachen sich in die Finger und
opferten auf dem Altar des mit
nichten bedrohten Vaterlandes
einen Teil ihres jungen Blutes, das
zur Herstellung der aufgehenden
Sonne auf einer Regimentsfahne
dienen muBte. Vielleicht bekom-
men die wackeren Madchen dafur
eine Belohnung, oder ein Auto-
gramm des tapferen Regiments-
442
kommandeurs, mit echtem Chi-
nesenblut auf ein zartes, japani-
sches Seidentaschentuch geschrie-
ben, oder auch vom Lehrer, wenn
er streng war und sie wegen der
zerstochenen Fingerspitzen keine
Schularbeiten machen konnten,
den Dank des Vaterlandes in Ge-
stalt einer Tracht Priigel mit echt
japanischem Rohr.
Dieses Japan von heute schlug,
was bisher keine Kunst war,
China, dessen Opferwille weniger
grofi und dessen Kanonen weni-
, ger gut waren, und ist bereit, mit-
tels des Blutes seiner willigen
Landeskinder, die vornehmlich zu
diesem Zweck da sind, jeden zu
zertreten, der sich in seinen Weg
stellt.
Der Patriotismus ist ein Baum,
dessen Zweige oft seltsame Bltiten
treiben. Von Begeisterung zu
Narrheit ist nur ein kleiner
Schritt Das seltsame an den Ja-
panern ist, dafi sie diesen Schritt
mit demselben undurchdringlichen
Gesicht gehen, mit dem sie ihren
Reis essen, Europa'bereisend Wis-
senschaft treiben, Harakiri ver-
iiben, Krieg fiihren, ohne ihn zu
erklasrenf und, wenn sie am Ziele
ihrer Politik stehen, dem ge-
schlagenen Feind, dessen Provin-
zen sie mit einem glucklichen Jiu
Jitsu-Griff erobert haben, herz-
lich die Hand drucken und mit
gewohnter Liebenswur digkeit da -
zu sprechen: „Sagen Sie Ihrem
Volk, dafi wir Freunde sein
miissen."
Ihr Gesicht ist wie eine Maske
und ihr Handeln, so verriickt es
sich mitunter gebarden mag, im
Grunde unheimlich zweckmafiig.
Ihr Patriotismus ist anders als
unser verbrauchter europaischer,
Er ist noch immer Religion, und
das ist, solange er es ist, niuht
gui Rhedo
Die eineiigenZwillinge derErb
von SchOnaich-Carolath
Co lautet der Titel einer wis-
*^ senschaftlichen Arbeit, die
jiingst in der Frauenklinik der
berliner Charit6 an eine Medizin-
studentin vergeben wurde. Diese
Medizinstudentin behauptete, ein
SproB der „Erb von Schonaich-
Carolath" zu sein und eine
Schwester zu haben, mit der zu-
sammea sie ein eineiiges Zwil-
lingspaar darstelle. ..Eineiige"
Zwillinge sind — im Gegensatz
zu den ,(zweieiigen" — aus einem
Ei entstanden, es sind gewisser-
maBen Doppelbildungen, einander
zum Verwechseln ahnlich, „sia-
mesische Zwillinge", nur durch
ein giitiges Geschick nicht auch
korperlich miteinander verwach-
sen, aber einer seelisch ein Stuck
des andern und in diesem Sinn
unzertrennlich.
So erschienen die Zwillinge
eines Tages bei einem Dozenten
der Frauenklinik. Sie hatten,
sonst in der Einzahl umherlau-
fend, schon lange in den Kli-
niken von sich reden gemacht.
Man hatte eifrig in der Chirur-
gie f1praktiziert" und im Kreifi-
saal Gebarenden in der Stunde
der Not Hilfe geleistet. Am
Wohlwollen und am Interesse
der Professoren fehlte es nicht,
denn eineiigen Zwillingen be-
gegnet man nicht alle Tage, und
wenn dieses eine Ei und seine
Zwillinge zudem noch aus dem
bochfeudalen Geschlecht der Erb
von Schonaich-Carolath t stam-
men . . . kurzum, ein von der
Republik besoldeter Hochschul-
lehrer weiB, was er dem alten
Adel der Monarchic schuldig
ist. Den Gefahren des Staats-
examens konnte man also ge-
trost ins Auge sehen! Man tat
es auch und lachte iiber angst-
liche Gemiiter,
Doch kurz vorm happy end
kam das Ktinstlerpech. Die eine
von den beiden Eineiigen war
grade damit beschaftigt, die vor-
geschriebene „Examensgeburt" zu
absolvieren, als sie unter den
Gebarenden plotzlich eine alte
Bekannte bemerkte, eine Frau
aus der WichertstraBe in Ber-
lin N, wo auch das angebliche
Fraulein cand. med. Erb von
Schonaich-Carolath eine froh-
liche, aber keineswegs aristo-
kratische Jugend verlebt hatte.
Die werdende Arztin hatte grade
noch Zeit, die Nabelschnur zu
durchschneiden und das Kind
der Mutter in den SchoB zu le-
gen — . dann muBte sie die ge-
burtshilfliche Tatigkeit jah un-
terbrechen. Nun war es nam-
lich nicht mehr zu verheim-
lichen, daB die Eineiigkeit, das
aristokratische Gebliit und ver-
schiedenes andre nur Phantasie
gewesen waren. Kein Wunder,
dafi die Professoren — bisher
keine Spielverderber — jetzt
nicht mehr gewillt waren, mit-
zumachen. Die verlangten Aus-
weise vorzulegen war dem ein-
eiigen Zwilling nicht moglich, ins
Ei zuruckzuschliipfen war noch
unmoglicher. Man ging also zum
Chef und belehrte ihn, daB > auch
deutsche Professoren nicht ge-
feit seien gegen Betrug; daB
auch namhafte Facharzte der
Frauenheilkunde eineiige Zwil-
linge aus vornehmer Familie
(Tochter eines hohen Staats-
beamten, wie man sich bis da-
hin zugefliistert hatte , . .) nicht
von Madchen aus Berlin N dif-
ferential diagnostisch zu unter-
scheiden vermogen, Sogar auBer-
ordentliche Professoren, bekannt
als strenge Prufer im Staats-
examen, die — warum soil man
es verschweigen ? — Einpauk-
kurse zu dreiBig Mark („min-
destens zwanzig Teilnehmer")
veranstalten, haben sich bei die-
sem Casus in der Diagnose ge-
irrt!
Der deutsche Medizinerstand
darf bekanntlich nur die. Tiich-
tigsten des Volkes beherbergen,
Ein auBerordentlicher Professor,
der keine Bedenken tragt, seine
Studenten, die das Examen bei
ihm ablegen wollen, fiir dreiBig
Mark in einem „Einpaukkurs"
vorzubereiten, ist nun zweifellos
recht tuchtig, fast schon tiichti-
ger, als es mit den guten Sitten
in Einklang . zu bringen ist, Und
ein so tiichtiger Medizinmann
konnte von einem Madchen aus
der WichertstraBe, das ihm das
Blaue vom Himmel vorschwin-
delte, ohne weiteres hereingelegt
werden? Gab ihm gleich eine
Doktor- Arbeit iiber „Die ein-
eiigen Zwillinge der Erb von
Schonaich-Carolath"? In seiner
Klinik konnte es geschehen, daB
das Madchen ohne Kontrolle der
Ausweise „Examensgeburten"
machen durfte? Nun, man wird
443
das Madchen mit dcr eineiig-
aristokratisch-proletarischen Her-
kunft bestrafen, man wird in
Zukunft Ausweise verlangen, man
wird „siebenM und die Priifungen
erschweren, so dafi es nur den
Tiichtigsten und nur mit Hilfe
dec- Einpaukkurse der Priifer in
der Frauenklinik gelingen wird,
das Examen zu bestehen. Aber
der Hauptmann von Kopenick
kommt in immer neuer Gestalt.
Sfephan Heinroth
Oberschrift: Putatlv-Notwehr
Am 13, Juli sprach in Mulheim-
Ruhr der Doktor Goebbels.
Anschliefiend bewegte sich ein
Nazifackelzug am Haus der
Freien Gewerkschaften vorbei.
Die Nazis warfen mit Wasser-
flaschen und Steinen nach einer
Fahne der Eisernen Front und
spater brennende Fackeln in die
Wohnungen des Gewerkschafts-
hauses. Ein einziger Nazi wurde
als Tater von der Polizei er-
mittelt, der nun vor dem Richter
stand. Er war gestandig. Er ver-
teidigte sich da mit, es sei aus dem
Haus mit Gegenstanden nach ihm
geworf en worden. Das sei zwar
nicht der Fall gewesen, stellte
das Gericht fest, aber, argumen-
tierte es weiter; er habe die von
den Nazis gegen das Haus ge-
worfenen und von dort zuriickge-
fallcnen Gegenstande als ein
Bombardement auf sich ansehen
konnen, Es billigte ihm Putativ-
Notwehr zu und sprach ihn frei.
Franz Krey
Zeichen und Bilder
p\ie neue Malerei will den Raum
*-^ in alien -Dimensionen, in sei-
ner vom Leben erfullten Ge-
samtheit unabgeschwacht reali-
sieren, Sie bringt ihn also' auf
eine optische Ebene, auf der alle
Punkte mit der gleichen Ent-
schiedenheit gegenwartig, in den
Vordergrund geriickt, zur Fron-
talitat ausgerichtet sind. Diese
Konzentration ist nur in der
Flache, nur durch Farbformen
moglich, die, jeder einschranken-
den illusionistischen Verquickung
444
mit dem leibhaften personlichen
Sehen entzogen, nicht als verein-
zelnde Abbilder sondern als Sinn-
bildzeichen von universaler Be-
ziehungsweite ihrer baugesetz-
lichen, dynamischen und rhyth-
mischen Funktionen stehen. Die
neue Malerei verzichtet auf den
raumlichen Augenschein des Vie-
len in der Welt, um eine Vision
vom Lebensraum des Ganzen zu
gewinnen. Das ist der Sinn, die
geistige Grundspannung ihrer un-
gegenstandlichen „Ornamentik'\
Wie vollendet diese Raum-
vision in ihrer Geschlossenheit
sein kann, wie iiberwaltigend in
ihrer Bewegungsfiille und wie
pragnant in ihrer Rhythmik, das
erweist . sich vor allem an den
Bildern von Gleizes und Herbin,
die im ersten Heft der internatio-
nal en Zeitschrift (Abstraction-
Creation* abgebildet sind. Das
Heft ist das eindrucksvolle Do-
kument einer Kiinstlervereini-
gung, . die die Kunst der reinen
Form pflegen will* mit AusschluG
aller gegenstandlicheh und lite-
rarischen Elemente. Diese reine
Form ist fur das realistisch-im-
pressionistische, durch Photo und
Film zum gelaufigsten Massengut
gewordene Sehen bestenfails ge-
schmack voiles MFlachenmuster",
Ornamentik ohne j ede notwen-
dige Zuordnung zur Wirklichkeit.
Die Raum- und Bewegungsvisionen
von Herbin und Gleizes zeigen,
wie sehr die MOrnamentik" dieser
Maler von Urbildern und Univer-
salien der Wirklichkeit gezeich-
net ist. Der Zusammenhang ist
so unmittelbar und sinnvoll wie
der zwischen Gesicht und Cha-
rakter.
Nicht allies im Heft der .Ab-
straction-Creation' halt einer sol-
chen Betrachtung stand. Die
Auswahl hatte strenger sein
miissen, weniger ware mehr ge-
wesen. Aber im ganzen ist diese
Veroffentlichung trotzdem unge-
mein wertvolL Wer mit dem Zu-
stand der bildenden Kunst in
Deutschland, ihrer reaktionaren
oder charakterlos vennischten
Ausstellungen und Veroffent-
lichungen unzufrieden ist, der
wird in diesem Heft zumindest
eine Gelegenheit zur klarenden
grundsatzlichen Auseinander-
setzung findcn. (Es ist gegen
20 Francs zu beziehen von A.
Herbiri, 26 Boulevard Massena
Paris 13.) Obne auf die iiber-
raschende Vielfalt ihrer visio-
naren und konstruktiven Phanta-
sien einzugehen, seien einige
Ktinstler genannt: Doesburg,
Mondrian, Vantongerloo und
Vordemberge-Gildewart, Bau-
meister, Gleizes, Herbin, Kupka,
Schwitters, Valmier und Villon,
Gabo und Pevsner. Ihre Werke
bewegen sich in geometrischen
Planungen oder n eh men diese
zum Kern einer organisch be-
schwingten Entfaltung. Es sind
form ale Gleichnisse, Verklarun-
gen und Utopien, aus dem Geist
der Zivilisation und des Fort-
schritts geboren. Arp, Foltyn
und Seligmann dagegen schaffen
biologische Urzeichen, elementare,
zugleich trieb- und ideenbeseelte
Naturwesen. In diesen mitunter
agressiv-phantastiscben irratio-
nalen Gebilden ist gleichsam ein
Samenfadchen, ein Infusorium,
eine Eizelle fur die ganze Welt
gesetzt. Fortschritt und Zivili-
sation kommen schlecht weg
dabei.
Arp ist letzte Einschrumpfung
und Vereinsamung, ist nackte Da-
seinsangst des Personlichen, die
sich selbst grimmassiert. Zeit-
dienstbeflissene, sich an Massen-
und Volkskonstellationen betrieb-
sam anschlieBende Dichter,
Kiinster und Schriftsteller sollten
inmitten ihrer sozialen Betrieb-
samkeit nicht versaumen, das
eigene Herz einmal ganz erbar-
mungslos abzuhoren. Ich weiB
nicht, ob sie den Dadaismus
eines Hans Arp auch dann noch
nlu* als leichte Randbemerkung
zu Kunst und Leben betrachten
werden, Diese oft humorvollen,
immer „lacherlich primitiven"
Zeichenbilder weisen auf schreck-
liche Abgriinde der Existenz.
Wann wird es endlich in Berlin
eine Kollektivausstellung von
Hans Arp geben?
Weiter ist in Kladno {Tschecho-
slowakei) im Verlag der Zeit-
schrift ,Nase Cesta' ein kleines
Heft erschienen: „Soziale Grafik"
mit neunzehn Abbildungen von
Alma, Arntz, Hoerle, Krinski,
Seiwert, Tschinkel. (Zu beziehen
fiir 25 Pfennig in Briefmarken
durch die Administration a bis z
Koln-Muhlheim, Mesmerstrafie 1.)
Die einfuhrenden Worte von Bre-
tislav Mencak verdienen es, fast
ungekurzt zitiert zu werden: f,Die
Maler dieser internationalen
Auswahl wollen nicht neuen Wein
in alte Schlauche giefien. Sie
kniipfen an solche Formen an,
wie es der Inhalt verlangt, des-
sen Tendenz schon Elemente des
neuen Weltbildes en thai t. Diese
Formen sind vom Formmaterial
des biirgerlichen Realismus und
seiner Armeleutekunst ebenso
entfernt wie die heutige Typo-
graphic von verschnorkelten Per-
gamenthandschriften; ihr Inhalt
und thematischer Ausgangspunkt
ist die wichtigere Realitat der
Mechanisierung, der Kollektivi-
sierung, der Uberwindung des In-
dividualismus. Fiir solche Ab-
schnitte dieser sozialen Wirklich-
keit wird hier der graphische
Ausdruck gesucht, der die klas-
senmaBigen Zusammenhange und
Gegensatze unmittelbar aufzeigen
soil, in einer klaren, zeichen-
artigen und Allen verstandlichen
Sprache des Malers zur Masse."
Diese zum einpragsanv rhyth-
mischen Ornament vereinfachte
Zeichensprache weiB jede Figur,
Situation und Handlung so ty-
pisch zu gestalten, dafi sie fiir
tausend gleiche steht. Mit bild-
nerischen Qualitaten im Sinn des
farbig oder tonig modellierten
gegenstandlichen Augenscheins
hat sie freilich nichts gemein. Sie
muB j edem Realisten-Impressio-
nisten diirftig und sinnlich ver-
kiimmert erscheinen. Ihm sei ein
Satz aus dem kleinen aber be-
deutsamen Buch des Malers Otto
Nebel: Worte zur rhythmischen
Malerei (Dion-Verlagf Dresden-
A. 21) aufs Merkblatt geschrie-
ben: „Ein Maximum an realen
Daten bei einem Minimum an
rhythmischen Beziehungen — das
bleibt die Kennformel fur alles
Unvornehme, Minderwertige, Ab-
wegige in den Kiinsten/'
Ernst Kdllai
445
Gutnbel und Ossietzky
Aus dem BeschluB des ba-
dischen Kultusministers gegen
Gumbel:
Dieselbe Eigenart kommt auch
darin zum Ausdruck, dafi Pro-
fessor Dr, , Gumbel vor Beginn
seines Vortrags eine Einzeich-
nungsliste fur den wegen Landes-
verrats rechtskraftig verurteilten
C. v. Ossietzky in Umlauf setzen
lieB. In der von den Studierenden
zu unterzeichnenden Erklarung
war der Verurteilte als „ein Mann
von untadeliger Gesinnung" be-
zeichnet. Der AngeschuldigtC hat
die Belege zu diesem Schritt selbst
zu den Akten gegeben. Offensicht-
lich hat sich ihm nicht die Frage
aufgedrangt, ob nicht ein der-
artiges Eintreten fiir einen wegen
Landesverrats Verurteilten die
Studierenden zu der Auffassung
verleiten konnte, dafi ein aka-
demischer Lehrer das Delikt des
Landesverrats als solches nicht als
ehrenriihrige, die Grundlagen der
staatlichen Ordnung gefahrdende
Verfehlung betrachte.
Die Soziologie des klelnen Moritz
■pamilie, Habe und Heimat sind
* dem Staat untergeordnet, sie
dienen dem Staate, nicht ist der
Staat fiir Familie, Habe und Hei-
mat da.
Darum ist der Kriegerstand der
erste Stand im Staate, Das Kleid
des Kriegers heiBt des Konigs
Rock, Wer des Konigs Rock
tragt, ist koniglich und hat im Be-
nehmen und Handeln die Konig-
lichkeit darzustellen. Der zweite
Stand ist der Stand der Beamten;
sie sind Krieger in ZiviL Zivil
ist freilich immer ein biBchen ko-
misch, aber es mufi das auch
geben. Der Konig kann sogar das
Zivil ertraglich machen. Der
dritte Stand sind die Bauern. Die
waren vom Anfang der Welt an
da und miissen schwer arbeiten.
Darum gebiihrt ihnen die Ehre.
Der vierte Stand sind die Ge-
werbe- und Handeltreibenden. Die
sind fiir die Staatsfinanzen wich-
tig, deshalb mufi man sie gelten
lassen. AuBerdem gibt es seit
einiger Zeit noch Menschen im
Staat, die das tun, was fruher nur
die Juden taten: sie erwerben viel
446
Geld und machen mit ihrem vie-
len Geld vief her. Diese Menschen
durfte es eigentlich nicht geben.
und man halt sie sich am besten
vom Leibe.
Aus ,PreuBen muB seiri
von Wilhelm Stapel
Welsches Vorbild
P in Deutscher", der sein Hirn
»" in Heidelberg verloren hat,
schreibt den .Heidelberger Neue-
sten Nachrichten' : .
„In den Konfektionsgeschaften
sieht man jetzt vielfach Kleider
in den franzosischen National-
farben blau-weiB-rot ausgestellt.
Es ist bezeichnend fiir den Na-
tionalstolz unsrer Nachbarn, dafi
sie jetzt auch ihre Farben der
Damenmode aufzwingen wollen.
Andere Nationen haben dies er-
kannt ,und die Mode in ihre
Landesfarben umgeandert. Der
deutsche Michel scheint aber
wieder zu schlafen, und es ist
nur zu hoffen, daB die deutsche
Frau Nationalgefuhl genug be-
sitzt, die franzosische Farben-
zusammenstellung abzulehnen. Die
deutsche Konfektion hat noch
nicht einmal einen Herrenbinder
in den Farben Schwarz-weiB-rot
hea-ausgebracht, obgleich breite
Streifen jetzt doch so Mode sind
und mancher Herr diese Zu-
sammenstellung gern tragen
wiirde. In Heidelberg sind sie
jedenfalls nicht zu finden,"
Ja, der Schlips auf dem Dach
und die Fahne vorm Chemisett,
da kann der Weltfrieden nicht
ausbleiben. Prost Frankreich, wir
kommen mit einem betrachtlichen
breiten Streifen nach.
Tim Bowie
Llebe Weltbfihne!
\Tot ein paar Tagen entlieh ich
* der badischen Landesbiblio-
thek Karlsruhe die Novellen
C. F. Meyers. In der Novelle ,(Das
Amulett" charakterisiert Meyer
den franzosischen Admiral Co-
ligny mit den Worten: „Er
schaute wie ein Richter in Israel."
Mit Blei fand ich an dieser Stelle
ein Sternchen und daneben die
Anmerkung: „Du willst Protestant
sein und Deutscher und ver-
gleichst einen Deiner besten mit
Juden!"
Antworten
Ernst Friedrich, Ihr Buch „Festung Gollnow" ist vor ctwa sieben
Monaten beschlagnahmt worden. Die Begriindung war, wie in alien
andern Fallen, auBerst diirftig, und die Aufhebung des Verbotes ist
somit nur allzu gerechtfertigt. Jetzt ist es aber an der Zeit, uber
einen Punkt zu sprechen, den wir damals aus der Diskussion gelassen
haben, weil man nicht gern gegen ein Buch polemisiert, das dem
Zensor zum Opfer gefallen ist. Sie fiihren in Ihren Aufzeichmingen
heftig Klage liber die bdsen Kommunisten, die Sie so niedertracbtig
in Gollnow schikaniert hatten; Sie schreiben weiterbin etwas von
dem Schlemmerleben, das die Festungsgefangenen fiihren, und
meinen zum Schlufi etwa, Festung sei keine Strafe sondern eher erne
Belohnung. Inzwischen ist die Strafvollstreckung fur die Festungs-
haft erheblich verscharft worden, und iiberall hort man auch Klagen
iiber schlechtes Essen. Sehen Sie, das mussen wir Ihnen zum Vor-
wurf machen, daft Sie den Reaktionaren das Material an die Hand
geliefert haben, auf Grund dessen sie dann den Gefangenen ihr Los
erschweren konnten. Lieber Ernst Friedrich, Sie sind ein Wahrheits-
fanatiker, aber ware es nicht besser gewesen, Sie hatten sich vor
Niederschrift Ihres Buches iiberlegt, was Sie anstellen? Das Leben
in Gollnow mag noch so herrlich gewesen sein, Freiheit ist Freiheit,
das diirfen Sie nicht vergessen. Auch sollten Sie einmal in Ruhe
dariiber nachdenken, ob nicht das Ihnen eigentumliche Unvermogen,
sich einzufiigen, schuld an den Norgeleien Ihrer kommunistischen Mit-
gefangenen war. Die Nazis oder andre, parteilose, Gefangene von
Gollnow haben sich nie iiber Ahnliches beschwert. Die Kommunisten
sind gewifi keine Engel, aber sie haben es nicht verdient, daB ein
linker Mann dazu beitragt, ihnen den Aufenthalt auf der Festung
zu erschweren.
,Reichsbote(. Du bedauerst, daB General von Schonaich und
Hellmut von Gerlach nicht schon langst „mit der Hundepeitsche aus
Deutschland hinausgetrieben worden sind". Diese Art der Wider-
legung pazifistischer Arfschauungen scheint dir orthodoxem Pastoren-
blatt wohl als die einzig mogliche? Zu einer geistigen^ Auseinander-
setzung reicht das Kopfchen wohl nicht?
Ludwig Hohlwein. Sie sind nun gliicklich zum Plakatmaler der
Nazis avanciert. Ihren neuen Freunden kann man nur gratulieren,
Ihnen wenigeri
^Deutsche Zeitung'. In deinen Spalten wird mit Eifer dariiber
diskutiert, ob Herr v. Papen als Frontsoldat oder nur als Etappen-
hengst zu qualifizieren sei. Eure Sorgen! Bismarck ist bestimmt nie
Frontsoldat gewesen, und war doch nach eurer Auffassung der beste
aller Reichskanzler. Oder haltet ihr Papen, ob seiner viermonatigen
Tatigkeit an der Front fur Bismarck iiberlegen?
Prinz Eitel Friedrich. Auf einem der vielen Bilder vom Stahl-
helmtag sieht man Sie breit und behabig neben Ihrem kronprinzlichen
Bruder sitzen. Bei naherer Betrachtung drangt sich eine Frage auf,
um deren Beantwortung wir Sie hoflichst gebeten haben mochten. Wie
machen Sie sich nur bei Ihrem enormen Bauchumfang die Wickel-
gamaschen fest? Das; muB doch gar nicht so einfach sein.
,B, Z. am Mittag.' Der BegruBungsartikel, den du dem Stahlhelm
gewidmet hast, gibt dem ,Ring' des Herrenklubs AnlaB zu der Frage,
ob man einen solchen Artikel nicht eher in der .Kreuzzeitung' oder
in der .Deutschen Tageszeitung' oder in der ,B6rsenzeitung' erwartet
haben sollte. Fiihlst du dich sehr geschmeichelt durch den Ge-
danken an die Moglichkeit einer solchen Verwechslung?
Rundfunkkommissar Doktor Scholz. Sie sind nicht mehr Pg.
Recht so. Bei diesen unsicherri Zeiten kann man wirklich nicht
447
wisseu, ob die Nazis jemals Regierungspartei werden. Da ist es wohl
besser, man gehort, solange die Regierung „uberparteilichM ist, lieber
keiner Partei an, was einen ja nicht hindert, s pater, wen a ein andrer
Wind weht, wieder einzutreten. Hoffentlich verbiegen sie sich1 Ihren
Charakter bei dem standigen Wechsel nicbt allzusehr,
Fridericus. Du hast dir wirklich einen Gentleman zur serien-
weisen Anfertigung von Verleumdungsartikeln gegen die Pazifisten zu-
gelegtl Jetzt verdachtigt der feine Mann sogar die personliche In-
tegrity Professor Foersters, von dem du schreiben lafit, daU er Mim
teuersten pariser Viertel wohne'V Wer je Professor Foerster in
seiner uberaus bescheidenen Wohnung in der Rue de la Pompe besucht
hat, fragt sich, ob der Herausgeber des fridericus' sich wohl mit
solchen Zimmerchen begnugen wiirde.
Kaiser He h russischer Gesandter in Bukarest. Sie gibt es also noch.
Da die diplomatischen Beziehungen zwischen Rumanien und der Sowjet-
tmion noch nicht aufgenommen warden sind, hat die Union also auch kei-
nen Gesandten in Bukarest, Sie stehen aber auf dem Standpunkt, die Re-
gierung des Zaren habe Sie nicht abgerufen. Also bleiben Sie da und
spielen mit dem alten Personal und einem ebenso alten Auto den Ge-
sandten von Niemandsland. Man erzahlt sich, Sie seien eif rig bemiiht,
das Zustandekomraen normaler Beziehungen zwischen Rufiland und
Rumanien zu verhindern. Bitter ist es nur fur Sie, dafi Sie nicht mehr
wie f ruber drei Millionen Rubel jahrlich beziehen, Verkloppen Sie
vielleicht so ganz allmahlich das gesamte Inventar der Gesandtschaft?
Hoffentlich werden Sie dereinst, wenn endlich auch Rumanien die
diplomatischen Beziehungen zu RuBland aufgenommen haben wird,
sorgfaltig in Watte gepackt nach Moskau transportiert, um dort ins
Museum einzugehen als Symbol eines aufrechten Mannes, der mit
einer alten Benzinschaukel den Kampf gegen ein Faktum; aufgenom-
men hat, das nun schon seit funfzehn Jahren nicht mehr aus der
Welt hinwegzudiskutieren ist.
F. H. S, in Friedenau. Die Reichsverfassung bestimmt in Art. 43:
„Vor Ablauf der Frist kann der Reichsprasident auf Antrag des
Reichstags durch Volksabstimmung abgesetzt werden, Der Beschlufi
des Reichstags erfordert Zweidrittelmehrheit." Praktisjch wirksam
diirfte diese Bestimmung kaum werden, da der Reichsprasident ja
immer in der Lage ist, dem ReichstagsbeschluB durch Auflosung vor-
zubeugen.
Kurt Hiller. Ihr in den Nummern 34 und 35 erschienener Auf-
satz „Ober die Ursachen des nationalsozialistischeni Erfolges" ist als
Flugschrift unter dem Obertitel „Selbstkritik links!1' zum Preise von
30 Pfennigen im Verlag von Wolfgang Richard Lindner f Leipzig, er-
schienen,
Dieser Nummer liegt eine Zahlkarte fur die Abonnenten bei, auf
der wir bitten,
den Abonnementsbetrag fiir das IV* Vierteljahr 1932
einzuzahlen, da am 10, Oktober 1932 die Einziehung durch Nachnahme
beginnt und unnotige Kosten verursacht.
Manuskripte iind nur an die Redaktion der Weltbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 152, zu
richten; es wird gebeten, ihnen Rflckporto belzulegen, da sonst keine Rucksendung erf ol gen kann.
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' oder Erstattung des entsprechenden Entgelts.
Das Auff Qhrungsrecht, die Verwertung vonTitelnu. Text im Rahmen des Films, die musik-
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Die Weltbuhne wurde begrGndet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
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Telephon: C 1, Steinplatz 7757. — Postscheckkonto : Berlin 11 958.
Bankkonto: Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
XXVHUahrgang 27. September 1932 N«mcr3tt
Deutschland kreist sich ans HeinnutT GerUch
M och heute gibt es viele Millionen von Deutschen, die f est
' da von iiberzeugt sind, Deutschland sei vor denV Weltkrieg
von dem schlauen Eduard VII. systematisch eingekreist
worden.
In Wirklichkeit hatte der kluge, aber keineswegs deutsch-
feindliche England er nur die Konsequenz daraus gezogen, daB
sein Neff e ' sich den englischen Bundnisangeboten gegeniiber
schroff ablehnend verhalten hatte. Er sah die Sabotierwng der
beiden Haager Friedenskonferenzen durch den deutschen
Kaiser, er sah Deutschlands fieberhafte Aufrustung zu Wasser
und zu Lande, und 'er wuBte, daB Deutschland auf keinen Fall
mit England gehen wolle. Sehr naheliegende Folgerung fiir
ihn: Wilhelm hat bose Absichten, darum muB ich mir, fiir den
Fall des Falles, Bundesgenossen suchen. -
Eduard, trat seine erfolgreichen politischen Geschaftsreisen
zu den Hofen Europas an. Jeder Deutsche, der im Ausland
Bescheid wuBte, kannte die Stimmung der Welt gegeniiber
. Wilhelm II, Nur Wilhelm selbst und seine Regierung kannte
sie nicht, Bethmann Hollweg war wie aus den Wolken ge-
f alien, als ihm Ende Juli 1914 der englische Botschafter
Goschen die Augen offnete. Eben noch hatte man auf die
angelsachsischen Vettern gerechnet. Jetzt erging die Parole;
Gott strafe England!
Gott hat es nicht gestraft. Aber der Wunsch, daB er es
doch noch tun moge, beginnt wieder bei uns rege zu werden,
nachdem man zehn Jahre hindurch England als heimlichen
Bundesgenossen gegen Frankreich angesehen hatte.
Man fallt bei uns gewohnheitsmaBig aus den Wolken.
Herrn v. Papen ist es eben genau so gegangen wie 1914 seinem
Kollegen Bethmann. Von Frankreich hatte man Ablehnung
des deutschen Aufrustungs-Memorandums erwartet. Aber
von England erhoffte man Unterstutzung. Und bekam statt
dessen eine Antwort, neben der sich die franzosische beinahe
wie eine verhiillte Liebeserklarung ausnimmt.
Wie war es moglich, daB man sich in Berlin derart iiber
die Stimmung in England tauschen konnte? Einfach deshalb,
weil man heute wieder bei uns an amtlicher Stelle Wunsch-
traume fiir Realitaten nimmt, weil man keinen Schimmer von
Volkerpsychologie besitzt.
Ein Teil der Forderuhgen des deutschen Memorandums
ist begrundet. Qanz besonders begriindet ist die Forderung,
daB nun endlich eine wesentliche Abriistung der Andern er^
f olge. Mit einem, solchen Programm hat Deutschland fast alle
Volker der Erde auf seiner Seite.
Der todliche Fehler der deutschen Diplomatic — man ver-
zeihe mir den Gebrauch dieses Wortes in diesem Zusammen-
hang — liegt darin, daB sie hinter den Abrustungswiinschen
l 449
fur die Andern die eignen Aufriistungswiinsche allzu deutlich
durchschimmern laBt, daB neben oder vielmehr iiber Neurath
immer Schleicher auftaucht, daB der Verhandlungston von
Kommandorufen ubertoni scheint.
Deutschland ist heute so isoliert, wie es seit dem Welt-
krieg nicht mehr war,
Als am 23. Juli die Abriistungskonferenz iiber die Re-
solution ihrer Kommission abstimmte, gesellte sich zur Nein-
stimme Nadolnys wenigstens noch die Litwinows.
Jetzt ist das Abrustungsbureau in Genf vollzahlig zu-
sammengetreten. Auch Litwinow ist da, Nur Nadolny fehlt.
Es gibt keinen Staat der Erde, der Neigung bekundet, sich
mit Deutschland solidarisch zu erklaren,
Der altpreuBische Militarismus war wenigstens ein Macht-
faktor, ein hochst unerfreulicher, aber immerhin,
Der neupreuBische Militarismus ist nur ein Ohnmachts-
faktor, DaB er ein Machtfaktor werden konnte, das zu ver-
hiiten ist der Wunsch aller Volker. Darum schlieBen sie sich
instinktiv gegen ihn zusammen. Nicht vor der Quantitat der
Riistungen haben sie so sehr Angst wie vor, der Qualitat des
Geistes, der hinter den Riistungen steht. Tausend Tanks in
der franzosischen Armee scheinen ihnen minder bedrohlich als
zehn Tank-Attrappen im deutschen Odermanover. Denn sie
glauben an den franzosischen Friedenswillen, aber sie zweifeln
an dem deutschen,
Ob dieser Zweifel berechtigt oder unberechtigt ist, darauf
kommt es nicht an, Er ist da. Er beunruhigt die Welt. Er
entscheidet die Stimmung gegen uns.
Die Franzosen sagen; qui trop embrasse, mal etreint. Das
deutsche Rustungsmemorandum war ein diplomatischer Offen-
sivakt, der fur sich allein die internationalen Verhandlungs-
kosten auf lange hatte decken konnen. Aber die Regierung
Papen begleitete ihn mit andern Aktionen, die der Welt als
realistischer Kommentar zu dem wahren Geist des Memoran-
dums erscheinen.
Da ist der Bau des Panzerkreuzers C. Briining hatte ihn
aufzuschieben versprochen, um die Arbeiten der Abnistungs-
konferenz nicht zu storen. Papen halt ihn fiir unaufschiebbar,
obwohl die deutsche Finanzlage sich inzwischen nicht grade
gebessert hat, Als die sehr militarfromme /Vossische Zeitung'
ihn ankiindigte, sah ihre erste Seite so aus:
Oberschrift rcchts — Panzerschiff C wird gebaut,
Oberschrift links — Notschrei aus dem Saalkreis, Gemeinde Ammen-
dorf zusammengebrochen.
Da ist das Reichskuratorium; fiir Jugendertiichtigung. An
der Spitze steht der General a, D. von Stiilpnagel, seine rechte
Hand ist der Major a. D, von Olberg, der bisher Leiter des
Akademischen Wehrsportlichen Verbandes war. Es sollen
zwanzig Lager eingerichtet werden, in denen je hundert bis
zweihundert junge Leute immer drei Wochen lang ertiichtigt
werden. Die Schulleiter sollen zumeist ehemalige Offiziere
sein, die Lehrer desgleichenf unter Hinzunahme von ehemaligen
450
Polizeioffizieren und Unteroffizieren. Mit der Waffe sollcn die
jungen Lcute nicht ausgebildet werden, aber:
v Fur den eigentlichen Ausbildungszweck, die Gelandeiibungen, wer-
den an die Teilnehmer groBere Marschanforderungen mit 25 Pfund
schwerem Gepack gestellt. Auch der Gebrauch von Karte und Kom-
paB soil geiibt werden* Weitere Programmpunkte sind: Entfernungs-
schatzen, Gelande-Beurteilen, Abfassen von Meldungen und Skizzen
und dann alle Arten von Gelandespielen. Dazu gehort aucb die
Handhabung der gebrauchlichsten Nachrichtenmittel, Fernsprechen,
Winken, Blinken und Ahnliches, Der Gelandesport dient der Er-
ziehung der deutschen Jugend zu wehrbaften Mannern.
Da ist der groBe deutsche Diplomatenschub. Herr
v, Schubert, der mit Stresemann zusammen die deutsch-fran-
zosische Annaherung als Zentralproblem der europaischen
Politik behandelt hatte, war durch Curtius aus dem maBgebeni-
den Staatssekretariat entfernt und im fascistischen Rom zur
Halfte kaltgestellt worden. Jetzt wird er, unser verdientester
Diplomat, ganz aus dem Verkehr gezogen. Sein Nachfolger
wird der Schwiegersohn des Herrn. v. Tirpitz, Herr v. Hassel,
bisher Gesandter in Belgrad. Herr v. Hoesch muB aus Paris
verschwinden, nachdem er dort zehn Jahre lang mit besonde-
rem Nutzen der Politik Stresemann-Briand gedient hat. Im
auswartigen Dienst wird gesaubert, wie Herr Bracht in Preu-
Ben und Herr Scholz im Rundfunk gesaubert hat. So wird
allgemeine Homogenitat erreicht.
Auch Kleinigkeiten miissen erwahnt werden, weil sie dem
Inland zwar meist unbekannt bleiben, vom Ausland aber als
Symptome und darum nicht als Kleinigkeiten bewertet werden.
Da ging soeben in Mitteldeutschland in dem Orte RoBbach
ein groBer Festrum,mel zur Erinnerung daran vor sich, daB
vor 175 Jahren dort Fridericus die Franzosen geschlagen hat.
Die Schlacht fand am 5. November 1757 statt. Die Erinnerungs-
feier hat man vorverlegt, wahrscheinlich um der angenehme-
ren Temperatur willen. Neb en Stahlhelm und Kyffhauserbund
hat sich die Reichswehr offiziell beteiligt. Ein Feldgottes-
dienst kronte die Feier, und alles sang: Herr, mach uns frei!
Da wurde am 11. September in Bad Kreuznach vom
Semper-talis-Bund der Garde eine Tagung veranstaltet, in
Gegenwart des Landrats und andrer Amtspersonen. Kur-
direktor Major Prausnitzer schwarmte fiir die Parole: Mit
Gott fiir Konig und Vaterland. Die piece de resistance aber
war eine Rede des Prinzen Eitel Friedrich. Drohend lief er
unter sturmischem Beifall nach Westen hin: Wenn Ihr nicht
abrustet, dann riisten wir auf! Und seinem eignen Volk ver-
kiindete er:
Gehorsam muB das Volk wieder lernen, dann kann man auch
wieder seine Kompanie mit Zuversicht vor den Feind fuhren,
Kleinigkeiten, jawohl! Aber die Kleinigkeiten hauien, sich.
Und der Reichsfechtbund hatte recht mit seiner Parole: Viele
Wenig machen ein Viel.
Das Ausland summiert alle diese Kleinigkeiten und sub-
sumiert sie unter dem BegriH: Wiedererwachen des borussi-
schen Militargeistes.
451
Leon Blum, der Fuhrer der franzdsischen Sozialdemo-
.kratie, hat immer leidenschaftlich das Rccht dcr Deutschen
auf starkste franzosische Rtistungsminderung vertreten. Jetzt
aber wendet er sich entschieden gegen den deutschen Boykott
der Abriistungskonferenz.
Wladimir d'Ormesson, der seit Jahren fur deutsch-fran-
zosische Annaherung und fur Riistungsbeschrankung Frank-
reichs kampft, schreibt im f Temps':
Deutschland beschwert sich, da6 es von Enttauschung zu, Ent-
tauschung getrieben werde. In Wahrheit schreitet es selbst von Irrtum
zu Irrtum, Es beklagt sich iiber die ihm angelegten Ketten. Diese
Ketten schmiedet es sich selbst, Nur Stresemann hat sie zu lockern
gewuBt, Aber Stresemanns Politik wird heute in Deutschland verfemt.
Selbsterkenntnis soil der erste Schritt zur Besserung
sein. Die Inhaber der Macht in Deutschland sind entriistet
iiber die englische Antwort. Von Selbsterkenntnis scbeinen
sie noch fern zu sein,
Manchmal hat man den Eindruck, daB unsre AuBenpoIitik
nicht von Generalen inspiriert werde, sondern von Kadetten.
Der Volksentscheid der SPD HannsErichKaminski
W^er den Nullismus fur das groBte Ungliick der deutschen
- Linken halt und den beiden Arbeiterparteien unaufhor-
lich ihre Passivitat vorwirft, der darf nicht norgeln, wenni nun
eine von ihnen endlich etwas unternimmt, Seien wir froh
iiber jeden Anfang!
Der Volksentscheid, den die SPD gegen den sozialpoli-
tischen Teil der letzten Notverordnung eingeleitet hat, ist in
jedem Fall eine Aktion. Das allein ist nicht wenig. Aber es
ist auch eine niiitziiche und erfolgversprechende Aktion. Und
das ist noch mehr.
Wenn ich sage: erfolgversprechend, so meine ich damit
nicht, daB der Volksentscheid bestimmt zur Aufhebung der
MaRnahmen, gegen die er sich richtet, fiihren wird. Selbst
wenn er durchgeht, kann die Regierung, wie es Briining schon
einmal getari hat, die beanstandeten Stellen ihrer Notverord-
nung aufheben — und durch andre, ahnliche ersetzen. Das
wiirde zwar die Einrichtung des Volksentscheids genau so zu-
nichtemachen, wie Briining durch seine Umgehung eines
Reichstagsbeschlusses seinerzeit ein verfassungsmaBiges Recht
des Parlaments zerstort hat, aber wir leben eben im Jahre 1932.
Indessen kommt es bei einer Aktion nicht nur darauf an,
daB sie ans Ziel fiihrt Es geniigt schon, wenn sie Massen in
Bewegung setzt und ihnen das Gefiihl gibt, sich sammeln und
kampfen zu diirfen. Das Grundiibel der sozialdemokratischen
Politik war bisher grade das Bemiihen, blofi ^positive Erfolge"
zu erreichen, mochten sie auch nur in der Eroberung eines
Landratspostens bestehen. Zur Politik gehort jedoch auch die
Agitation, sie ist xiberhaupt erst die Voraussetzung jedes Wir-
kens. Wenn das die Sozialdemokratie zu begreifen beginnt,
ist es ein wahres Gliick — auch fiir sie selbst.
452
Selbstverstandlich laBt sich mancherlci gegen diescn
Voiksentscheid sagen. Vielleicht ware es richtiger gewesen,
cincn mchr umfassenden, mehr programmatischen Gegenstand
zu wahlen. Versucht man ihn zu finden, so zcigt sich freilich
sehr bald, daB es kaum eine allgemeine Frage gibt, in der auch
nur die Linke einig ist, geschweige, daB es ihr gelingen konnte,
mit ihrer Hilfe ins Lager der Reaktion einzubrechen.
Dcr Kampf gegen den Lohnabbau und fiir die Erhaltung
der sozialen Gesetzgebung wird allerdings die Mittelschichten
zunachst gleichgultig lassen, die zu gewinnen eine der Haupt-
aufgaben der Linken ist. Urn so mehr muB er die Arbeiter-
klasse packen. Und in einem Augenblick der Mutlosigkeit und
Desorientierung wie diesem ist es hochst notwendig, erst eiri-
nial den eigncn Leuten eine Parole zu geben.
Friiher ziticrten sozialdemokratische Redner gem den
Heinevers:
In hungrigen Magen Eingang finden
nur Suppenlogik mit Knodelgriinden.
Das deutsche Proletariat hat immer wieder bewiesen, daB
es fiir seine Ideale zu jedem Opfer bereit ist. Aber heute muB
ihm naher als jede politische Frage die Sorge um seine
Existenz stehen. Der Kampf gegen weitern Lohnabbau und
gegen die Zertrummerung der Versicherungen ist tatsachlich
ein Kampf urns' Brot. Er stellt der Phraseologie des Herren-
kiubs „Suppenlogik mit Knodelgrunden" entgegen. Darin Hegt
seine Unwiderstehlichkeit.
Auch die nationalsozialistischen Arbeiter werden sich
dem nicht entzieheta konnen. Es diirfte fiir Hitler gleich
schwer sein, seinen prole tarischen Anhangern die Teilnahme
an dem Voiksentscheid zu verbieten wie ihnen zu sagen, daB
der Marxismus sich damit fiir ihr wichtigstes Interesse ein-
setzt, So bietet sich hier eine ausgezeichnete Gelegenheit,
Hitler zu entlarven. Denn auch die Entlarvungstaktik, iiber
die die Sozialdemokraten sonst immer gespottet haben, gehort
zur Politik,
Am wenigsten stichhaltig von alien Einwanden gegen den
Voiksentscheid ist der kommunistische, es handle sich nur um
ein Betrugsmanover; und zwar darum, weil er sich nicht gegen
die ganze Notverordnung richte sondern nur gegen ihren so-
zialpolitischen Teil, also vom Kampf gegen das ganze System
der Prasidialdiktatur ablenke.
Sachlich geht diese -Behauptung fehl, weil ein Voiksent-
scheid iiber die ganze Notverordnung gar nicht moglich ist.
Der Artikel 73 der Reichsverfassung bestimmt namlich:
Uber den Haushaltsplan, iiber Abgabengesetze und Besoldungs-
ordnungen kann nur der Reichsprasident einen Voiksentscheid ver-
anlassen,
Richtete der , Voiksentscheid sich auch gegen die wirt-
schaftspolitischen Teile der Notverordnung, so brauchte die
Regierung ihn iiberhaupt nicht zuzulassen, Sie konnte sagar
sagen, sie diirfe es nicht.
2 453
Daniber hinaus aber enthiillt die Haltung der Kommu-
nisten einen entscheidenden Fehler ihrcr gesamten Politik.
Denn es ist klar: wenn man nur aufs Ganze gehen will und
jeden Teilangriif ablehnt, muB man entwcdcr Revolution
machen oder nichts tun. Die KPD sieht selbst ein, da8 sie
jetzt keine Revolution machen kann. Folglich tut sie nichts.
Das ist der Grund, weswegen die Partei immer mehr aus der
Offentlichkeit verschwindet, obgleich sie Wahler gewinnt.
Ob man seine Passivitat staatspolitisch oder revolutionar
nenntj macht jedoch nur in Leitartikeln einen Unterschied aus.
In der politischen Praxis ist das Resultat genau das- Gleiche.
Heute kann jede Aktion nur eine Teilaktion sein. Wenn sie
den Kommunisten nicht geniigt, konnen sie sie kritisieren und
sich bemuhen, sie zu erweitern, Wenn sie sie von vornherein
hemmen und bekampfen, beweisen sie damit nur, daB ihre
totalitare Strategic zwangslaufig zu einer inaktuellen Dekla-
mationspolitik fiihrt,
Hoffentlich werden die Kommunisten bei ihrer Ablehnung,
die ja vorlaufig nur theoretische Bedeutung hat, nicht be-
harren. Sie konnen nicht leugnen, daB der Volksentscheid ein
vitales Interesse der Arbeiterklasse beriihrt. Und lediglich
aus Konkurrenzgriinden konnen sie ihn erst recht nicht ver-
n einen, nachdem sie bei dem Volksentscheid fur die Auf-
losuag des preuBischen Landtags sogar mit den Nazis geniein^
same Sache gemacht haben. Im iibrigen ist nicht einzusehen,
warum die TeiLnahme an diesem Volksentscheid der KPD
nicht geniigend Spielraum lassen sollte, urn ihre eignen Ziele
in den Vordergrund zu riicken.
Der Zeitpunkt ist auBerordentlich giinstig fiir die Ein-
Jeitung einer Aktion. Die ganze Linke will heraus aus der
Untatigkeit, iiberall spiirt man die Sehnsucht nach einer
Initiative. Und so begrenzt auch das Thema des Volksent-
scheids ist, richtig gefiihrt, konnte er beleben und sogar be-
geistern. Allein durch die Tatsache, dafi das Proletariat als
Ganzes wieder kampft, konnte er schlieBlich auch andre
Schichten ergreifen, besonders wenn ihnen klar gemacht wild,
daB jede weitere Schrumpfung der Konsumkraft zum volligen
Ruin des Mittelstandes fiihren muB, der von seinen prole-
tarischen Kunden lebt.
Bisher hat man freilich den Eindruck, die Sozialdemo-
kratie wage nicht recht, sich zu ihrem eignen Kinde zu be-
kennen. Sie wartet erst ab, ob der Volksentscheid von der
Regierung fiir zulassig erklart wird, statt ihrerseits die Re-
gierung unter Druck zu setzen. Soil ihr.das ganze Unter-
nehmen etwa nur dazu dienen, die unzufriedenen Mitglieder
zu beschaftigen und abzulenken? Das ware ein gefahrliches
Spiel; eine neue Enttauschung konnte die Partei selbst am
wenigsten vertragen.
Will die * SPD den Volksentscheid zu, einer wirklichen
Volksbewegung machen, so muB sie aber vor allem ihren
allzu selbstzufriedenen Stil andern und ihren gesamten Apparat
griindlich iiberholen und erneuern. Denn dariiber kann kein
454 -
Zweifel sein: diese wie jede Aktion ware sinnlos, wenn ihre
Urheber, stolz, cinmal einen guten Einfall gehabt zu habcn,
sich darauf xwieder schlafen legen wollten,
Der Volkscntscheid kann viel, er kann alles werden, wenn
er nur das erste Glied in einer Kette fortgesetzter Handlungen
ist, Ihn dazu zu machen, ist eine Aufgabe, der sich am wenig-
sten die Kommunisteii entziehen diirften.
Hitler bailt Utll von Jan Bargenhusen
Ciner meiner Freunde hat einmal in vertrautem Kreise, als
das Gesprach auf die Zukunft der SPD kam, gesagl:
Ich bin doch nicht bei dieser Partei, weil sie so besonders gut ist,
sondern im Gegenteil, weil sie so schlecht — ich meine: so unvoll-
kommen — ist, weil man die in der Masse der Partei schlummernden
Krafte verhaltnismaflig schnell entwickeln, verhaltnismaBig leicht
formen kann.
Das mag vor zehn oder zwolf Jahren. gewesen sein, und
ich weiB nicht recht, wie mein Freund heute iiber seinen da-
maligen reformerischen Qptimismus urteilt, Aber ich muB
noch oft an jenen Ausspruch denken — denn: wieviele An-
hanger Hitlers und Mitglieder seiner Partei mogen heute, zur
Rechtfertigung ihrer Parteizugehorigkeit, dieselben Worte ge-
brauchen — ?
Es handelt sich bei diesen Leuten durchaus nicht um das
,,Treibholz'\ um die Massen, die bei den Wahlen von Partei
zu Partei, von der Mitte nach rechts und vielleicht bald wieder
nach ganz links wandern, sondern um entschiedene und eifrige
Parteimitglieder, die, vom Standpunkt des „Braunen Hauses"
aus, nur den einen entscheidenden Fehler haben: daB sie sich
nicht kommandieren lassen sondern selbstandig denken, daB
sie den Kurs der Partei nach ihrem Kopf beeinflussen oder gar
ummodeln wollen — daB sie die Partei nicht als Selbstzweck
gelten lassen sondern die Macht der Organisation als Mittel
zur Erreichung ihrer eignen Ideen ansehn. Die Zahl der Leute
dieses Schlages ist in der NSDAP gewiB nicht klein, Rechnet
man dazu alle iibrigen Elemente, die vom Standpunkt der
Parteileitung als unsichere Kantonisten gelten miissen — Op-
portunisten, Postenjager, Politiker aus verletzter Ehre, Leute,
die, von gewissen Ressentiments erfiillt, mit Hilfe der Partei-
macht nur irgendwelche personlichen Rachegeliiste austoben
wollen — , so kann man verstehen, daB der StoBseufzer ,,Gott
schiitze uns vor unserni Pg-Freunden" im „Braunen Hause"
recht oft zu horen ist, {Dabei ist, wohlgemerkt, nur von den
einfachen Pgs und den kleinen Funktionaren die Rede, nicht
von den Prominenten, deren Cliquen untereinander einen
schrecklichen Kleinkrieg fiihren — schrecklich deswegen, weil
Jeder vom Andern viel zu viel weiB. Was sich da so abspielt,
zumal in dem Kliingel um Rosenberg und seine baltisch-briti-
schen Freunde, spottet eigentlich jeder Beschreibung.)
Eine andre Gefahr ftir den innern Zusammenhalt der Par-
tei besteht in der Passivitat allzuvieler Parteimitglieder, eine
455
weitere in der Rivalitat zwischen den ,,zivilen" und den „mi-
litarischen" Instanzen, und schlieBlich ist auch der Meinungs-
streit zwischen dcm kapitalistischen und dcm sogenannten
proletarisch-gewerkschaftlichen Fliigel ein hochst bedenkliches
Faktum, Man kann es deshalb durchaus verstehen, daB Hitler,
unablassig bemiiht, die auseinanderstrebenden Elemente zu-
sammenzuhalten, immer wieder versucht, Sicherungen in den
Parteiapparat einzubauen, um unruhige Geister zu kontrqllie-
ren und laue Parteimitglieder zu aktivieren. Es ist ein Zei-
chen innerer Schwache der Hitler-Bewegung, daB dieses Ziel
lediglich dtirch Einsatz organisatorischer MaBnahmen ange-
strebt wird, wobei der dauernde Umbau naturgemaB eine
ewige Unruhe in das Ganze bringt — aber es ist vielleicht
auch umgekehrt ein Zeichen von Vitalitat, daB man, sobald ge-
wisse Mangel erkannt sind, sofort an Reformen im Aufbau
der Partei herangeht.
Ehe die neueste Organisationsanderung im Hitler-Lager
geschildert wird, sei noch ein Wort iiber den Begrilf der
1tPassivitat" gewisser Mitglieder der NSDAP gesagt — hier
darf eine kleine Geschichte erzahlt werden, die vielleicht doch
nicht nur anekdotische Bedeutung hat;
Ein GroBstadter, iiberzeugter Republikaner, besucht mit
seinem Wagen wahrend der Urlaubszeit die landliche Ver-
wandtschaft — in einer Provinz, deren bauerliche Bevolke-
rung fast geschlossen fur Hitler gestimmt hat — und nimmt
dort an einer groBen Dorfhochzeit teil. In seiaem Auto soil
das Brautpaar zum Standesamt und zur Kirche gefahren wer-
den, und dabei erklart er sich auch zu der Konzession bereit,
den scbwarzrotgoldenen Kluhwimpel einzuziehen, um den
vielen Nazis unter den Gasten kein Argernis zu bereiten. Aber
sofort verwehrt ihm einer seiner, nationalsozialistischen Vet-
tern dies Vorhaben, mit den Worten: „LaB man schon stek-
ken — dat Fahnchen flackert so hibsch im Winde!" Und so
fuhren Nazi-Braut und Nazi-Brautigam mit Schwarz-Rot-Gold
zur Kirche.
Moral: Allzii tief sitzt der Nationalsozialismus noch nicht
bei den Bauern — grade* dort, wo die Bewegung sehr in die
Breite gegangen ist, fehlt es ihr an Intensitat
Hitler baut also um — diesmal versucht er eine Neu-
Konstruktion der SS, der „SchutzstaffelnM, die schon von je-
her besonders vertrauenswiirdige Leute zusammenfassen soil-
ten: als eine Art Garde der Parteifuhrung, im Gegensatz zur
„Linientruppe" der SA-Leute, (Ursprimglich hiefi SA ,,Sport-
Abteilung" — so hat wenigstens einmal vor einem deutschen
Gericht ein SA-Fiihrer als Zeuge ausgesagt; heute weiB jeder-
mann, daB die voile Firma „Sturm-AbteilungM lautet.) Aber
jetzt werden die Kompetenzen der SS-Leute ganz genau fest-
gelegt. Der einfache SS-Mann hat ohne Weiteres Offiziers-
Rang — er ist demnach ,,im Dienst" der Vorgesetzte jedes
SA-Zugfuhrers (ich halte mich hier an die alten militarischen
456
Bezeichnungen, da die Hitler-Wehr ja genau nach preuBischem
Muster gegliedert ist; das Kauderwelsch der „neuen" Dienst-
rangstufen versteht ja doch niemand). Nur der SA-Kompagnie-
fiihrer also steht im Range noch iiber dem einfachen SS-Krie-
ger. Und wahrend der Gaufiihrer — der ja etwa in seiner
Stellung, Hitlers Intentionen nach, dem preuBischen Oberpra-
sidenten entsprechen wiirde — eine weitgehende Befehlsgewalt
iiber die SA seines Bezirks hat, folgen die SS ,tim Dienst"
lediglich den Weisungen ihrer eignen, direkt von Miinchen aus
instruierten Fiihrer,
Der Sinn dieser Bestimmungen, mil denen die SS zu einer
Art gehobener Gendarmerietruppe gemacht werden — derVer-
gleich mit der Heeresgendarmerie und mit italienischen Vor-
bildern (Carafcinieri) liegt nahe — , ist ziemlich klar zu erkennen:
die SS von Hitler direkt instruiert und nur ihm verantwort-
lich, sollen eine neue durchgehende Verstrebung fur den allzu
stark in Etagen, das heiBt regional geglied^erten Parteiapparat
abgeben. Hatte man nicht die Notwendigkeit empfunden, den
EinfluB der Zentrale auf die dezentralisierte und uniibersicht-
lich gewordene Parteiorganisation wieder zu verstarken, so
ware eine solche Reform gewiB iiberfliissig gewesen.
Von einer gewissen Bedeutung ist nun auch, daB die Aus-
wahl der SS-Leute nicht nur unter der Perspektive er-
folgt, besonnene und disziplinierte Leute in den neu aufgefiill-
ten Formationen zu sammeln, sondern daB auch auf die ,,so-
zialistische" Note groBer Wert gelegt wird. Aus den SS
stammt das Wort, daB der Nationalismus dazu berufen sei, die
steckengebliebene Revolution von 1918 zu vollenden und die
Interessenten- und Cliquenwirtschaft der burgerlichen Politi-
ker iiberall, von der Reichsregierung angefangen bis zur letz-
ten Dorfgemeinde, endgiiltig nhinwegzufegen'\ Ob dies Wort
ehrlich gemeint ist — ? ' Jedenfalls wird es geglaubt,
Natiiriich sickert mancherlei von dem „neuen Geist", der
in den SS kultiviert wird, bis zu den iibrigen t,gewohnlichen"
Pgs durch. Und dort, besonders bei Mittelstandlern, Unter-
nehmern und Landwirten, wird es nicht immer mit Beifall auf-
genommen. Sozialismus — Revolution — das hort man nicht
gen?, ebensowenig wie ein normaler Beamter von dem Tele-
gramm Hitlers an die Verurteilten von Beuthen erfreut sein
kann. Da und dort auBert sich die MiBstimmur.g in Norge-
leien an der Parteifiihrung, in erbitterten Debatten iiber die
t,Richtung", in der Abkehr Sympathisierender, ja sogar ver-
einzeit bereits. in Austrittserklarungen alter Pgs. ,,Und wenn
nun noch der Pap en mit s.einem Wirtschaftsprogramm tatsach-
lich Erfolg hat — dann weiB ich nicht, wie das enden soil,
dann laufen uns wahrhaftig eine Menge Leute da von." So hat
dieser Tage einer der einsichtsvolleren Parteifuhrer gesagt.
*
Seitdem Herr von Schleicher, auf direkte Weisung Hin-
denburgs, seinen Friihstiickstisch nicht mehr so oft fiir seine
Proteges unter den <Braunhemd-Tragern decken darf — seit-
dem sieht es iiberhaupt ein biBch^n mulmig um die NSDAP
aus*
457
Von Stein zu Papen-Bracht von * * *
F^ie Reichskommissare von Papen und Bracht, die seit deni
20, Juli 1932 an Stelle einer dem Parlament verantwort-
liche^i Regierung kraft Artikel 48 der Weimarer Verfassung
PreuBen beherrschen, haben am 1. September eine ,,Verord-
nung zur Vereinfachung und Verbiiligung der Verwaltung" ver-
offentlicht, deren Vorschriften in der Hauptsache am 1, April
1933 in Kraft treten sollen, Mit lobenden Artikeln in der
Rechtspresse, mit Rundfunkreden haben sich die Vater und
Unterzeichner dieser Verordnung feiern lassen oder selbst ge-
riihmt. Ja im alien Ernst haben Bracht und Papen diese Ver-
ordnung selbst als eine der groBten Verwaltungstaten seit der
Stein-Hardenbergschen Reform bezeichnet. Und wenn man
den Reden und Artikeln Glauben schenken wollte, so ware
grade auf dem Gebiete der Vereinheitlichung, der Reform der
preuBischen Verwaltung in den Jahren seit 1918 auch nicht
das geringste geschehen, alles sei beim alten geblieben unter
der Herrschaft des ,, Systems'* — bis endlich Bracht und Papen
als entschlossene Manner der Tat mit kiihnem Wurf und eni-
schlossenem Mut die heiB ersehnte Verwaltungsreform dem
harrenden PreuBen geschenkt haben, Kaum eim Wort davon,
daB nicht nur die Grundziige sondern auch die Einzelheiten
dieser Septemberverordnung bereits unter den ffroten" Mini-
stern Grzesinski und Severing ausgearbeitet sind und vorge-
legen haben. Kein Wort daruber, daB die durch diese „Reform"
angeblich erzielten Ersparnisse fur die nachsten zehn bis fiinf-
zehn Jahre iiberhaupt nicht vorhanden sind und auch nach
Ablauf dieser Zeit keinen nennenswerten Betrag ausmachen.
Hat denn nun wirklich die Republik PreuBen unter den
sozialdemokratischen Innenministern auf dem Gebiete der
Verwaltungsreform, die schon im koniglichen PreuBen eifrig
erortert wurde, nichts geleistet? Wir sind liber den Verdacht
erhaben, daB wir die Fehler und Unterlassungssiinden der Re-
publik PreuBen nicht scharf und deutlich sahen. Aber es
hieBe den Tatsachen ins Gesicht schlagen, wenn man die groBe
regionale reformerische Tatigkeit leugnen wollte, die in den
Jahren 1919 — 1932 zum Beispiel auf dem Gebiet der Ura-
und Eingemeindungen unter tatkraf tiger Forderung der sozial-
demokratischen Innenminister PreuBens vollbracht worden ist.
Diese Umgemeindungsgesetze von Konigsberg, Breslau, Frank-
furt a. M,, Altona, Harburg-Wilhelmsburg, Koln etcetera haben
den Stadten gegenuber nachgeholt, was das Konigreich Preu-
Ben geflissentlich vernachlassigte. Sie haben der wirtschaft-
lichen und bevolkerungspolitischen Entwicklung Rechnung ge-
tragen, indem sie kommunal zusammenlegten, was zusammen-
gehorte, der stadtischen Bevolkerung Raum fiir Wohnungen,
fur Park- und Kleinsiedlungen schufen, ihr Gebiet fiir kulturelle
und sozialhygienische Aufbauarbeit erschlosseri, Auch die im
Jahre 1920 vollbrachte Schaffung GroB-Berlins im heutigen
Umfange verdient durchaus hier als Reformtat erwahnt zu
werden. Und das groBe Umgemeindungswerk in Rheinland-
Westfalenj das im wirtschaftlichen Herzen Deutschlanda fiir
6,4 Millionen Einwohner, also 16,6 Prozent der Bevolkerung
458
PreuBens, die langst iiberholtcn kommunalen Grenzen den
modernen wirtschaftlichen und sozialen Verhaltnissen anpaBte,
ist durchaus als ein Reformwerk ersten Ranges zu bezeichnen.
Die Aufhebung der preuBischen Gutsbezirke im Jahre 1928 be-
seitigte endgiiltig die obrigkeitliche Vorherrschaft der junker-
lichen Gutsbesitzer vor allem im deutschen Osten, gab den
1,5 Millionen Einwohnern der Gutsbezirke die ihnen bisher
vorenthaltenen kommunalen Selbstbestimmungsrechte. War
das keine Reform, Herr Bracht? Und in die Aufzahlung refor-
merischer Taten republikanischer preuBischer Regierungen,
die hier keineswegs vollstandig ist, gehort die Erwahnung des
Polizeibeamtengesetzes, die Neuordnung des Beamtendiszipli-
narrechts, das Polizeiverwaltungsgesetz, das das Polizeirecht
PreuBens auf eine moderne Grundlage stellte, aufraumte mit
zum Teil jahrhundertalten Vorschriften, Verordnungen, Er-
lassen etcetera.
Diese und andre Reformgesetze haben die sozialdemokra-
tischen Innenminister PreuBens auf dem ordentlichen Wege
der Gesetzgebung geschaffen, Und was das bei dem Wider-
stand der Interessenten und Betroffenen aller Parteien be-
deutete, yermag nur der zu ahnen, der einmal mit lokalen und
Kirchturmsgesichtspunkten bei politischen MaBnahmen zu
kampfen hatte. Die Herren von Papen und Bracht brauchten
keine Rucksicht auf einen Landtag zu nehmen, hatten nicht
zu fragen nach den Wiinschen der Parteien, die in einzelnen
Fragen bestimmte Bedingungen und Sicherungen verlangten,
sie hatten wirklich ein von alien Belastungen durch Tradition
und von (iberkommenen Rechtcn freies modernes Reformwerk
vollbringen konnen.
Was aber ist herausgekommen? Vertragt die , .Reform"
von Papen und Bracht auch nur entfernt den Vergleich mit
dem Werke des Freiherrn vom Stein? Steins Verwaltungs-
ordnung, Steins Stadteordnung verfolgte bewuBt den Zweck,
aus Untertanen am Staats- und Gemeindeleiben interessierte,
mitverantwortliche Burger zu machen. Stein schuf im Zuge des
Aufstiegs, den dieKlasse des Biirgertums erlebte, seine Verwal-
tungsgesetzwerke, die in den Ideen des Liberalismus wurzelten.
Die Herren von Papen und Bracht aber wenden sich ab von der
Demokratie, nehmen damit Stellung gegen die Arbeiterschaft,
sie schniiren die Selbstverantwortung und Selbstverwaltung
ein, statt sie zu erweitern, und geben damit der voriibergehend
zuriickgedrangten Bureaukratie des Staates einen vermehrten
EinfluB. Das muB sich um so riickschrittlicher auswirken, als
auch durch die Personalpolitik der seit dem 20. Juli verstriche-
nen Monate die Vertreter der Arbeiterklasse bis auf geringe
Reste aus dem preuBischen Beamtenkorper entfernt wor-
den sind.
GewiB, die Papen-Bracht-Verordnung bringt unleugbar
auch einige Verb ess erungen gegeniiber dem biskerigen Zu-
stande in der preuBischen Verwaltungsordnung. Die Sonder-
verwaltungen, das ist vor allem die Landeskulturverwaltung,
werden aufgelost. Hire Aufgaben werden auf die Regierungs-
prasidenten, zum Teil auf den BezirksausschuB und das Ober-
verwaltungsgericht iiberfuhrt. Die Kollegialverfassung der Do-
459
manenabteilung und dcr Schulabteilung bei den Regierungen
wird beseitigt und auch hicr das sogenannte ,,bureaukratische"
System eingefuhrt, das heiBt die Entscheidung und dam it auch
die Verantwortung daftir hat jetzt der Regierungsprasident und
nicht meh£ das Kollegium, In der g arizen Verordnung werden
dem Reglerungsprasidenten mehr Aufgaben als bisher zuge-
teilt, der Oberprasident also entlastet, Aber die beiden Mit-
telinstanzen in der Verwaltung, Regierungsprasident wie Ober-
prasident, werden beibehalten und damit auch der Zustand,
daB zwischen Lokal- und Zentralinstanz in Preufien sich zwei
Behorden einschieben, wahrend man im ganzen iibrigen
Deutschland mit einer Mittelbehorde auskommt. Der Oberpra-
sident bekommt neu die Geschafte der. Provinzialschul verwal-
tung, die an Stelle der bisherigen Provinzialschulkollegien tritt,
Und da die „Reformverordnung" dem Oberprasidenten auch
noch andre wichtige erstinstanzliche Befugnisse zuteilt, so ist
es nur ein leeres Gerede, wenn von der Verordnung geruhmt
wird, daB der Oberprasident von Detailarbeit entlastet und
die Verwaltung beim Regierungspra&identen einheitlich zu-
sammengefaBt werde.
Genau die gleiche Halb-, nein Viertelarbeit ist bei der
Neuordnung in der Stellung der Kreisinstanz geleistet worden.
Von einer wirklichen Zusammenfassung der Kreisbehorden
kann gar keine Rede sein. Die Vorsteher der verschiedenen
Kreisbehorden haben sich mit dem Landrat ,,in standiger Fuh-
lung" zu halt en. In Streitf&llen entscheidet der Regierungs-
prasident oder bei den vorgesehenen Kreisamtern der Landrat
und der Letter der Kreisbehorde gemeinsam. Das heiBt also,
daB eigentlich alles beim alten bleibt, verstarkt wird ledig-
lich der EinfluB der Beamten von der Regierungsinstanz. Die
kommunale Aufsicht iiber die Kreisstadte unter zehntausend
Einiwohnern bekommt nun statt des Regierungsprasidenten der
Landrat, wobei nur erne Verschiebung der Teiluhg in der
Kommunalauf sicht herbeigef iihrt wird, aber nicht eine Verein-
heitlichung. Und schlieBlich hat man auch in der Vereinheit-
lichung der Rechtsmittel, handle es sich nun um Beschwerden
gegen Verfiigungen oder Beschwerden im BeschluBverfahren
oder Verwaltunigsstreitveriahren, eine empfindliche Lticke ge-
lassen, in dem man die Angelegenheiten der Steuerverwaltung
etcetera herausgelassen hat.
Nach welcher Richtung man sich also diese vielgenihmte
„Reform" von Papen und Bracht auch ansieht, immer wieder
wird man zu dem Ergebnis kommen, daB es sich hier um die
Arbeit fleiBiger Bureaukraten handelt, die vom schopferischen
Geiste aber auch nicht einen Hauch verspiiren laBt. Gleich-
setzung mit dem Werke Steins? Das hieBe brave durch-
schnittliche Handwerkerarbeit vergleichen wollen mit der
Schopfung eines genialen Kunstlers, die geschlossen aus der
Intuition entstanden ist. Die Selbstgefalligkeit, mit der die
Herren Papen und Bracht ihr Werk preisen und empfehlen,
steht im umgekehrten Verhaltnis zu seiner Bedeutung. Die
preuBische Verwaltung muB auch nach der Verordnung der
Herren Papen und Bracht weiter auf den modernen Freiherrn
vom Stein harren.
460
BlutbUnd DoppelkreUZ von Bruno Heilig
F)er ungarische Frankenfalscherskaiidal hat nach sechs Jah-
ren cine unvermutete und sensationcllc Auferstehung er-
lebt, , Furst Ludwig Windischgraetz, selber einer der vef-
urteilten und spater fcierlich begnadigten Falscher-Pa trio ten,
hat dem Reichsverweser Horthy eincn Brief geschrieben, worin
er die Wiederaufnahme des Prozesses verlangt, mit der Be-
^rundung, in deni 1926 durchgefiihrten Verfahren ' hatten cine
Reihe von Schuldigen im Gerichtssaal gefehlt, und zwar gra<le
die Hauptschuldigenj die wichtigsten und vornehmsten Ak-
teure, deren Namen den Fall erst ins richtige Licht gestellt
hatten. Er zahlt sie der Reihe nach auf: den Graf en Stefan
Bethlen, kon. ung, Ministerprasident von 1921 bis 1931, sei-
nen Vorganger, den Graf en Paul Teleki, den Innenminister
Keresztes-Fischer, den budapester Polizeiprasidenten Herrn
von Bezzegh-Huszagh, Nachfolger des neben Windischgraetz
:als Haupttater verurteilten Herrn von Nadosy, den Prasideiiten
des obersten ungarischen Gerichts, Herrn von Toreky, der den
FalscherprozeB geleitet hat (und deni wir zuletzt in dem Blut-
prozeB gegen Sallai und Fiirst begegnet sind), utid den Pra-
sidenten der ungarischen Postsparkasse Gabriel von Baross.
Der naive Europaer schiittelt den KopL 1st das maglich?
1st es moglich, daB man als Nachfolger des Falschers Nadosy
den Falscher Bezzegh-Huszagh zum Polizeiprasidenten gemacht
und die Falscher Wittdischgraetz und Genossen von dem
Falscher Toreky hat aburteilen lassen? 1st die Geschichte von
dem Brief nicht eine boshafte Ausgeburt der Phantasie vom
Genossen Bert Brecht?
Sie ist es nicht. Der Brief wurde bisher auch nicht de-
mentiert Fur den Wissenden hat er aber nicht einraal er-
tschutternd Neues gebracht. Man hat schon damals, 1926, in
Ungarn solches und ahnliches gemunkelt, ja zum Teil auch
of fen ausgesprochen. Ich kann einiges aus meinen eignen
Berichten zitiereri, die ich iiber den Fall der ,Vossischen 2ei-
tung' aus Budapest geschrieben habe, Zuerst am 10/ Marz:
Markgraf Georg Pallavicini beschuldigt den Grafen Bethlen, er
habe schon Monate vor der Verhaftung des Obersten Jankovich (der
in Holland den Vertrieb der Falsifikate versuchte und von den dor-
tigen Behorden geschnappt wurde) von den Falschungen gewuBt, er
habe auch davbn gewuBt, daB Nadosy daran beteiligt war, aber nichts
zur Vereitelung des Unternehmens getan, ja nach der Entdeckung
des Skandals die Falscher mit alien zur Verfugung stehenden Mit-
teln gedeckt. Bethlen mufi jetzt wohl klagen.
Bethlen hat, in diesem einen Punkt muB ich meinen dama-
ligen Bericht dementieren, nicht geklagt . . .
Auf Drangen der Opposition im ungarischen Parlament
wurde ein politischer Untersuchungsausschufi eingesetzt, um
die Schuld der Regierung Bethlen zu priifen. Die Mehrheit
hat vieruhdsechzig Antrage der Opposition auf Vernehxnung
wichtiger Zeugen abgfelehnt. Uhter anderm wollte die Oppo-
sition den Markgrafen Pallavicini und den Grafen Emmerich
rvarolyl anhofen, die Bethlen der direkten Mitwisserschaft
besGhuldigten, ferner die Angesteilten : des Kartographiscnferi
3 4&
Instituts fragen, ob es wahr sei, daB man sie untert Berufung
auf die Regierung zu den Frankenfalschungeu kommandiert
habe. Die Klarung dieser entscheidcnden Frage wurdc ver-
hinder t, und die Regierung bekam von ihrer Mehrheit ein
Vertrauensvotum.
In einem Artikel vom 28. April fatite ich die vom Mark-
grafen Pallavicini gegen die Regierung erhobenen Anschuldi-
gungen in folgenden vier Punkten zusammen:
Die Regierung habe sowohl von den Tschechenkronen- wie von
den Frankenfalschungen Kenntnis gehabt, ja nach der Angabe der
Hauptbeteiligten habe sie die Falschungen sogar gebilligt.
Nach dem Aufkommen des Skandals habe sie alles untef nom-
men, um die wirklichen later, zu retten,
Innenminister Rakovszky habe fur die Werbung von Strohman-
nern Geld in Aussicht gestellt.
Der Innenminister habe (zu einer Zeit, wo er noch nicht aktiver
Politiker war) den . Aultrag erhalten, mit f alschen 500-Tschecho-
kronen-Noten in die Slovakei zu reisen, habe aber erklart, solche
Noten seien schwer anzubringen, man moge doch 50-Kronen-Noten
machen.
Aus einem ProzeBbericht vora 8. Mai:
Prinz Ludwig Windischgraetz wundert sich sehr, daB man ihn
wegen der Frankenfalschungen zur Verantwortung zieht, denn, so
erklart er mit Nachdruck in seinem Getichtsverhor, was er getan
habe. habe er mit Wissen der Behorden getan.,*
Auch die andern Namen, die Windischgraetz in seinem
Brief an Horthy aufzahlt, kommen zum Teil in den damaligen
Berichten schon vor. Der Graf Teleki, Haupt der ungari-
schen Irredentaorganisationen, wurde wiederholt als der
eigentliche intellektuelle Urheber der Affare genannt. Unter
groBer Bewegung sagte einmal ein Abgeordneter im Parla-
merit, er yerstehe nicht, wie der Mann uberhaupt noch ruhig
schlafen konne. Herr von Baross, der President der Post-
sparkasse, leitete den Vertrieb der falschen Noten.
Nur fliisternd wagte man von der Rolle des Herrn von
Toreky zu sprechen, DaB auch er auf die Anklagebank und
nicht auf den Richterstubl gehorte, bezweifelte niemand, Aber
vor ihm hatte man mehr Respekt als vor alien Ministern
und Polizeigewaltigen zusammen. In der ungarischen Drei-
groschenoper, die noch geschrieben werden mufi, wird dieser
Mann eine uberragende Rolle spielen. Er ist die Seele jenes
„Blutbundes Doppelkreuz", der seit dem Sieg der Gegen-
revolution Ungarn beherrscht. Der Blutbund besetzt mit sei-
neh Vertrauensleuten die obersten Posten in der ungarischen
Regierung, in der Justiz, in der Polizei. Mutige Politiker
haben es einige Male versucht, dieses Thema vor die Off ent-
lichkeit zu bringen, Ohne Erfolg. Der Bund ist heute so-
stark wie damals.
Der demokratische Abgeordnete Fabian sagte einmal im
Parlament.
Ich selbst habe der Polizei Mitteilungen iiber die Geheimorgam-
sationen gemacht. Am nachsten Tage war der Bericbt im Besitze der
betreffenden Organisation, von wo er mir wieder zugesteckt wurde,
Zum Blutbund Doppelkreuz gehorten auch Mordorgani-
sationen der t,Erwachenden Magyaren", auf deren Schuld-
462
konto unter andern Verbrechen schwcre Bombcnattentate in
einem budapester dcmokratischen Klub und in einem Ballsaal
in Csoiigrad stehen. Es wurden wegen dieser Taten mehrere
Personcn vor Gericht gestellt, aber freigesprochen. Fabian
sagte iiber diescn Fall im Parlament:
Ich hatte im voraus erfahren, dafi die Bombenwerfer vom Ge-
richt werden freigesprochen werden. Dcr Herr Justizminister kann
est mir bezeugen, ich machte ihm Mitteilung von meinen Informatio-
nen
Graf Bethlen versprach cinmal unter dcm Ansturm dcr
Opposition, er werde gegen die Geheimorganisationen vor-
gehen; Ein Zwischenrufer antwortete ihm: „<Da miissen Sie
sich aber zuerst selbst mafiregeln!" und ein andrer ftigte hinzu:
(,Aber auch Ihren Innenminister, der selbst Mitglied des Blut-
bundes ist, fur den er mich und andre keilen wollte!"
Im gutlichen Einvernehmen Franz Joseph Engei
Cehr geehrter Herr Kahle! Ihr Aufsatz „Doktor Scholz funkt da-
*** zwischen" in Numme^ 36 der ,Weltbuhne' nimmt zu meiner Ent-
lassung aus dem Verband der Schlesischen Funkstunde! Stellung und
deutet sie als das Ergebnis politischen Drucks, Sie erwarten von mir,
dafi ich „den Mut auibringe, vor der Offentlichkeit der Rundfunkhorer
und Rundfunkautoren gegen meine Entlassung zu protestieren"
Ich kann es mir grade jetzt, da ich mich urn die Frucht, jahre-
langer leidenschaftlich-bemiihter, sachlicher Arbeit betrogen weifi' und,
vor all era, um die Moglichkeit, sie fruchtbar fortzusetzen, nicht
leisien, mein Schweigen am Ende als Mangel an personlichem Mut
verdachtigt zu sehen, und breche es um so leichter, als keinerlei Ver-
bindlichkeit mir den Mund verschliefit,
Mit Recht konnten Sie f ragen, warum ich nicht aus eignem das Wort
ergrif fen habe, warum erst Ihr Aufsatz mich dazu bestimmte, Aus zwei
Griinden, Der erste: ich hoffte, dafi die Offentlichkeit aus sachlichen
Griinden diesen Protest erhebeui wiirde (denn es hat etwas verstim-
mend Personliches* wenn ein vermeintlich in seinem Recht Gekrank-
ter in die offentliche Erorterung seines Falles fluchtet; ein Restchen
Lacherlichkeit haftet solchem meist ergebnislosen Bcginnen immer
an). Der zweite, Grund: sehe ich mich zum Kampf gezwungen, kann
ich ihn wohl von mir aus of fen, aber nur gegen einen maskierten
Gegner fiihren. Ob solcher t,Gaskrieg" nicht am Ende mehr ublen
Geruch als Wirkung hervorbringt, das zu entscheiden bin ich nicht
Fachmann genug, Und nun zur Sache: Ganz so klar, wie Sie, sehr
geehrter Herr Kahle, die Angelegenheit — grundsatzlich richtig —
sehen, ist sie nicht; sonst ware ihr bei weitem leichter beizukommen,
Vorausschicken mufi ich, dafi mich Jahre kameradschaftlicher Zu-
sammenarbeit mit dem Intendanten F, W. Bischoff der Schlesischen
Funkstunde verbanden; dieser Umstand mag Ihnen auch verstandlich
machen, dafi ich mich bei Behandlung aller Tatsachen, die ihn be-
treffen, mit knapper Andeutung begniigen mochte, und dafi ich alles,
was vor dem Zeitpunkt liegt, da er'mich preisgab (wem und wofur,
vermag ich beweisbar nicht zu behaupten), lediglich soweit streife, als
es zur Erhellung der Dinge unbedingt erforderlich ist. Diese Kame-
radschaft hat die Belastungsprobe im entscheidenden Augenblick
nicht bestanden; da sie sich, hatte bewahren miissen, verriet er sie.
Zwischen unser beider Wollen und Planen ergaben sich schon
sett langerer Zeit Gegensatze nicht persdnlicher sondern griindsatz-
licher Natur,, Ob dieser Wandel in den Anschatiungen bei Herrn
Bischoff durch Wandlung seiner personlichen Oberzeugung oder durch
Druck von aufien hervorgerufen war, lafit sich nur mutmafien; eine
463
Jdare, eindeutige Entscheidung hat er nie getroffen, Er hatte, ver-
mutlich, gehofft, auch ich wurde eines Tages den heute so zeitgemaBen
Gesinnungswechsel vollziehen ■ und zwischen mcinen Anschauungen
und herrschenden Zeitstromungen eina Vernunftehe stiften, Hatte er
das erwartet oder zumindest zur Ermoglichung weiterer reibungsloser
Zusammenarbeit gehofft (und ich bin davon ganz fest iiberzeugt),
dann muOte er sich getauscht sehen: nach wie vor bestand ich auf Un-
oder XJberparteilichkeit des Programms, verlangte Aufnahme alles
Wertvollen und Ablehnung alles Minderwertigen, beides ohne Ruck-
sicht darauf, von welcher Seite, es komme. Das Parteibuch geniigte
mir weder bei Autoren noch bei Darstellern als hinlanglicher Be-
weis ihres Konriens,
. H$tte. :die Intendanz aus dieser in heutiger Zeit unbegreiflichen
Starrnackigkeit die letzte, sei es in ehrlicher Uberzeugung oder Klug-
heit begriindete Folgerung gezogen, sie hatte immerhin mannhaf t und
of fen gehandelt. Sie tat es nicht, gab scheinbar nach und niitzte den
nachsten sich bietenden Anlafi einer ganz belanglosen dienst lichen
Meinungsverschiedenheit, die zu jeder andern Zeit nach kurzer Aus-
sprache beigelegt worden ware, zu meiner Entfernung. Und darum
wir4 man es verzeihlich finden, wenn ich der Ansicht bin, daB die
^Dienstverweigerung"; deren ich mich nschuldig gemacht" habe (ich
. hatte die Durchftihruhg eines mir vom Intendanten telephonisch in
scnroffstem Befehlston erteilten Auftrages als nicht in meinen Pflich-
tenkreis gehorig ruhig abgelehnt), sehr klug und wirkungssicher in-
szeniert war. Zwei Tage nach diesem Vorfall erhielt ich ein Schrei-
ben von1 drei Zeilen, das „unter dem Zwange meines Verhaltens" die
Kundigung aussprach und in dieser Form vier schone und schwere
Arbeit sjahre quittierte, die* so hoffe ich in aller heute gebotenen Be-
scheidenheit, wie fur mich so auch fur den deutschen Rundfunk
nicht unfruchtbar geblieben sind.
Um aber das Satyrspiel nach derTragodie nicht fehlen zu lassen,
will ich Ihnen nicht verschweigen, daB mir in der nach der Kundigung
ersten und zugleich letzten Unterredung, die abschlieBend stattf and,
von der Intendanz zugemutet wurde, in einer gemeinsam mit ihr zu
verfassenden Mitteilung die Presse zu unterrichten, dafi ich „im gut-
lichen Einvernehmen" von meinem Posten scheide. Als ich darauf
bemerkte, ich hatte mir gutliches Einvernehmen naiverweise bisher
wesentlich anders vorgestellt, der mir iibersandte Kundigungsbrief
rede eine andre Sprache, wurde mir bedeutet, die mir gebuhrende
Wertschatzung werde in meinem „Dienstzeugnis" zum Ausdruck
kommen. Auf dieses habe ich verzichtet, unbescheidenerweise der
Ansicht, datf uber meine Leistung nicht ausschlieBlich die Intendanz
als Dienstgeber zu befinden habe; jenes, das giitliche Einvernehmen,
muBte ich als — gelinde ausgedriickt — - nicht den Tatsachen ent-
sprechend zurtickweisen. Und damit bin ich, ohne Einigung, in offen
einbekannter Gegnerschaft, aus der Schlesischen Funkstunde geschieden.
Und soil ich Ihnen, sehr geehrter Herr Kahle; sagen, wie nun
dieser mir durch Sie aufgenotigte Kampf weitergehen wird? (Bitte,
miBverstehen Sie mich nicht! Wenn es sein muB, kampf e ich gem,)
Wahrscheinlich gar nicht! Denn heutzutage ist jeder ,,Machtige" nur
Gott und sich selbst Verantwortung schuldig; mit beiden wird der
Mensch am leichtesten fertig, mit dem einen, weil er zu groB, mit dem
andern, weil er so klein ist.
Wozu soil ich also einen von vornherein ergebnislosen Protest
erheben? Ich erhebe ihn nicht fur mich sondern fur alle, die nach
mir kommen werden. Dem deutschen Rundfunk aber, von dem ich
in dieser Stunde offentlich Abschied nehme, wiinsche ich, daB er nach
Entfernung aller Ungehorsamen, UnbotmaBigen seine Hpchziele, un-
gehindert durch mich und meinesgleichen, erreiche.
454
Flltnwinter von Rudolf Arnheim
rjer Film ist heute nicht mehr geachtet. Ihm ist, in bezug auf
die allgemeine Abriistung der Kiinste, Gleichberechtigung
zuerkannt worden. Zwar hat man ihn noch nicht so grundsatzlich,
wie seincn kleinen, friihreif eren Bruder, den Rundfunk, ziun Ge-
genstand der groBen Politik gemacht, und zwar sind die jahrelang
gehegten Plane der Regierung, eine eigne Filmproduktion zu
untemehmen, bisher — man darf wohl sagen: glucklicher-
weise ~ nicht verwirklicht worden, aber immerhin haben die
offiziellen StelLen aller Art inzwischen eingesehen, daB das,
was sief urn sich den Mund nicht zu beschmutzen, ein „Licht-
spiel" oder einen ,,BiIdstreifen" nennen, in die Reihe der hof-
fahigen Kiinste gehort. Auch die Kirche, die immer erst eine
gewisse Karenzzeit verstreichen laflt, ehe sie den sihrdigen
Neuentdeckungen der Techniker das „Cum licentia superiorum"
erteilt, bemtiht sich nunmehr auf Kongressen eifrig urn den
Film, griindet Besucherorganisationen und Produktionsfirmen,
und wenn auch auf der diesjahrigen ntirnberger Tagung des
evangelischen Bildspielverbandes Herr Pfarrer Heppe ernstlich
behauptet hat, das Gebundensein des Films an die Dimension
d«r Flache bringe die Gefahr der Verflachuiig mit sich, so ist
doch nicht jeder Geistliche so sehr wie dieser an die Flache
gebunden, beispielsweise der Papst nicht, der jiingst drei Mit-
glieder der romischenKurienachdem fleischeslustig-en Hollywood
geschickt hat, damit sie sich Anregungen iiir die Einrichtung
eines Filmstudios im Vatikan holen. Den EntschluB dazu sofl
der Papst amiisanterweise gefaBt haben, als er in einem Film,
der zur Sechshundertjahr-Feier des Heiligeni Antonius in Padua
lief, dargestellt sah,k wie sich die Fische aus dem Wasser er-
heben, um die Predigt des Antonius zu horen.
Grade dafl der Film Wunder, fromme Sinnestauschungen
atler Art so naturgetreu vorfiihrt, als seien sie Wirkiichkeit,
grade das macht ihn ja so gefiihrlich, macht ihn fur alle poli-
tischen Verfiihrungskiinste, nicht blofl die kirchlichen, so
brauchbar, Der naive Zuschauer halt das, was sich vor seinen
Augen auf der Projektionswand handgreiflich bewegt, be-
wuBt oder unbewuBt fur einen Bericht aus der Wirkiichkeit.
Er sieht auch den Spielfilm als Wochenschau, und seibst wenn
die Handlung deutlich in einer andern Welt spieli, hat das
Filmbild fiir ihn die Gewichtigkeit des Authentischen. Ein
Film ist ihm mehr als ein unverbindlicher Einfall von ein paar
phantasievollen Kiinstlern, mehr als Schein, fiir ihn hat er die
Evidenz des photographierten Seins. Und deshalb miBtraut er
den wohlfrisierten Kitschproletarierinnen nicht, die da auf
2500 Metern ihren geschwinden Umzug aus der Wohnktiche
in die herrschaftliche Villa bewerkstelligen, Er erkennt nicht,
daB das Irrlichter sind, die ihn vom Wege locken, Auf mehr
oder weniger plumpe Art floBt man ihm das Gift durch die
Augen ein. Da erheben sich, wie die frommen1 Fische aus dem
Wasser, die blauen Vorkriegsuniformen aus der Vergessenheit,
der Gefreite Kaczmarek wand el t wie der im Fleische und heilt
durch bloBes Hand-an-die-Miitze-Legen die galoppierende
Schwindsucht der Kinokassen. Da produziert eine Firma, aus-
465
gerechnet unter der Regie des bekannien Generals tablers Max
Ehrlich, eine Serie „Kasernenhofbluten", sechs „lustige Mili-
tareinakter" mit den Titeln: Die neue Uniform. Mutterns
Futterkiste. Das Spukquartier. Erste Instruktionsstunde. Rc-
vierkrank. Kaczmarek als JJosenkavalier. In den Produktions-
programmen erscheinen, zwischen KriminalreiBer und Schla-
gerkomodien sinnvotl eingebettet, Ankiindigungen wie „Das
Volk stent auf", unter welcher Spitzmarke dann der sonst so
launige Pressechef jah in die gehammerte Sprache Theodor
Korners verfallt. Seibst Richard Eichberg mufi in rauhes Erz
die zarten Glieder hiillen und an Stelle des ihm angestammten
Berlinisch den zackigen Kpmmandoton und das kurze mili-
tarische Lachen erlernen; er dreht einen U-Boot-Spionage-
film, der, wie zu erwarten, des erotischen Einschlags nicht
ganz entbehrt, indem er ,,das Schicksal eines jungen Madchens"
behandelt, ,,das ein Opfer gewissenloser Spione wird, dann
aber seibst zur Meisterspionin heranreift und so ihrem Vater-
land unvergangliche Dienste erweist". Aufriistung in der
Kostumkammer, Abriistung der Kunst. Bezeichnenderweise
sindi es nicht so sehr die ganz groBen Firmen, die ihrem Vater-
land auf diese Weise unvergangliche Dienste erweisen. Bei
der Terra durfte man dies voraussetzen, aber auch wer etwa
von der Ufa ein eindeutig reaktionares Programm erwartet,
tauscht sich, Unter den ungefahr dreiBig Filmenf die der Ge-
heimrat mit der Biirstenfrisur an k (in dig en lafit, sind1 allenfalls
zwei oder drei, von denen man sicher sein kaiinf da& sie
Tankstellen fiir nordisches Blut und deutsche Seele abgeben
werden; im iibrigen aber, diesmal wie jedesmal: mancher neu-
artige, geschickt ausgewahlte Stoff, anerkannte, aber zugleich
routinierte Kiinstler, siiBe Musik und lachelnde Jugend,
Kamerakiinste, Kokettieren mit zeitgemaBen Stoffen, und uber
allem schwebt der parfumzerstaubende Zeppelin, den viele
Besucher von Ufa-Theatern kennen. Die kleinen Firmen huldi-
gen viel hemmungsloser dem Wehrsport. Beileibe nicht, weil
in ihren Privatkontors mehr aufbauwillige Kraft e am Werk
waren sondern weil es im Wesen des Filmgeschafts liegt, daB
sich die kleinen Firmen lieber auf den todsicheren Durch-
schnittserfolg verlassen, den eben ziemlich jede Kasernenhof-
hiunoreske ihnen heute garantiert, wahrend die groBen es sich
leisten konnen, auf die Ausschlachtung der Setienfabrikation
zu verzichten, das Risiko neuer Experimente auf sich zu neh-
men und damit die Chance ein)es Riesenerfolgs mit Rekord-
kassen zu gewinnen. Riesenerfolge aber sind heute mit aus-
gesprochenen Militarfilmen wohl kaum noch moglich. Bei den
ersten zehn Parademarschen schlagt dem kleinbiirgerlichen
Kinobesucher der rechte Arm hoher. Aber balde ruhet er auch.
Die Serienfabrikation, der Mangel an n«uen Einf alien und
die Scheu, sich von den erprobten zu trennen, ist nach wie
vor der unangenehmste Fehler des mittlern Filmbetriebes.
Man riskiert zur Not einniai eine neue Blondine, weniger gern
schon einen neuen Manuskriptautor und so gut wie nie ein
neues Milieu. Man klammert sich an alles, was einmal
Geld gebracht hat, seibst an die TiteL Lustigstes Beispiel:
sichtlich angeregt durch den Erfolg der „Madchen in Uniform",
466
dreht eine klcincrc Firma sowohi cine Operette „Liebe in
Uniform" wic einen Madchenhandlerfilm „Madchen inGefahr".
Da kann <ler Erfolg nicht ausbleiben.
„Madchen in Uniform" war die Kollektivarbeit eiiies
Studios. Solche AuBenseiter wagen sich mit ihrem Geld an
neue Themen und neue Mitarbeiter. Geht der Versuch gut
aus, kann nichts mehr passieren, dann stellt sich die Industrie
ein, kopiert die neuen Ideen, engagiert die neuen Schauspieler,
Regisseure, Manuskriptautoren, Misiker weg, verdirbt sie und
saugt sie aus wie weiland Madame Chopin in Dreyers
MVampyr'\ Man beobachte etwa die Entwicklung von Hertha
Thiele und Dorothea Wieck. Die Thiele^ in ,,Madchen in
Uniform" efgreifend in ihrer blassen, verkrampften Leiden-
schaftlichkeit, ist jetzt in allerhand Konfektionsfilmen eine
Blonde unter Blond en; die Wieck, deren glatte Kuhle im
gleichen Film wundervoll ausgenutzt war, wird wieder zur
leeren Puppenschonheit. Noch schlimmer steht es mit Kate
v, Nagy und Anna Sten, mit Alters und Bressart, Man greift
nach dem Guten, aber man verdirbt es<
Das gilt vor allem auch fiir die Verfilmtmgen literarischer
Stoffe. Main ubernimmt den auBern Vorgang eines Romans,
eines Dramas, und glaubt, den Dichter mitgefangen zu haben.
Wer nur einmal Oswalds ,,Unheimliche Geschichten" mit der
fiir diesen Film benutzten Novelle ,,Die schwarze Katze"
von Poe vergleicht, wird bemerken, daB Poe die greuliche
Mordgeschichte nur als stilisierende Oberspitzung allgemeiner
und alltaglicher Seelenerlebnisse verwendet, in deren Dar-
stellung der Sinn der Erzahlung liegt. Der Film bringt nur die
Schauermar. Aus diesem Grunde darf man nicht zu vielHoff-
nung auf die Verfilmung von Bruckners „Verbrechern" und
Irmgard Keuns „Kunstseidenem Madchen" setzen, die Oswald
ankiindigt. Anders schon steht es mit Robert Siodmaks
„Breninendem Geheimnis", nach Stefan Zweig, und gradezu
wie fur den Film geschaff en ist Falladas „Kleiner Mann — = was
nun?"; denn die literarische Diirftigkeit des Originals braucht
das Zustandekommen eines guten Films nicht zu verhindern,
und alle kunstlerischen Aulgaben, deren eigentlicher Sinn in der
lichtechten Schilderung eines Milieus liegt, lassen sich ja von je-
her mit literarischen Mitteln, auch wenn ein wirklicher Dichter ,
sie handhabt, nicht ohne gewaltsame Anstrengungen des Autors
wie des Lesers bewaltigen, wahrend der Film alle natiirlichen
Vorbedingungen dafiir mitbringt. Ein neues, herrliches Beispiel
fiir den Wert soldier dokumentarischen Filmarbeit bietet der
franzosische Kriegsfilm MHolzerne Kreuze", der ebenfalls nach
einem Roman geschaffen worden ist. Hier wird — im Gegen-
satz zu den groBen amerikanischen Kriegsfilmen, die neben
aller raffiniert erzeugten Eindringlichkeit doch den Donner der
Geschutze gern mit etwas Dolores del Rio in der Etappe kom-
binieren — ohne alle Liebesgeschichten und Burschenherrlich-
keit eine entsetzlich zermiirbende Zeitaufnahme des Mordens
geboten, kein herzerfrischender Held tritt als Lederstrumpf im
Stahlhelm vor die Front, Tapferkeit und Furcht erscheinen
nebeneinander, und der Infant erist Demachy stirbt, in der
467
letzten Szene, nicht an einem Brust- sondern an einem Unter-
leibsschuB.
Hier ist einmal nicht versucht worden, den Kricg ins
Heroisch-Appetitliche oder gar, hochster Greueli ins Humo-
ristisch-Burschikose umzufalschen. An solchen Vorbildern
schuit sich das arg verdorbene Gefiihl dcs Publikums fiir Echt-
heit. Wie denn iiberhaupt, trotz aller schlechten Beispiele, der
Blick fiir das Echtc und Wahre sich mit Notwendigkeit immer
mehr scharft. Wer sich dem nicht fiigt, wird es bald unter
dem Zwang uherwiinschten Gelachters tun miissen. Indiesem
Zusammenhang sei auf die Amateurfilmbewegung hingewiesent
die immer mehr von sich reden macht. Wenn es auch nie-
mals igelingen kann, mit den kleinen Handapparaten der groB-
artig entwickelten Licht- und Kameratechnik der Spielfilm-
produzenten Konkurrenz zu machen, und wenn auch bisher
Tonfilmaufnahmen auf Schmalhlm nicht moglich sindt so wird
man doch durch das haufige Betrachten oder gar Selbstdrehen
lingeste liter Reportageaufnahmen ganz von selbst kritischer
gegen alles, was die Ateliers als Wirklichkeit prasentieren,
Seltsamerweise ist es ja den meisten Menschen nicht gegeben,
ihre Augenerfahrungen aus der Wirklichkeit unmittelbar auf
das Filmbild anzuwenden. Sie legen da andre MaBstabe an,
sie spur en die Unnatur nicht. Sie lernen nur aus dem Film-
bild fiir das Filmbild.
Aber auch das haben wir alle, nach wie vor, sehr notig.
Die Hauptmann-Feiern von Herbert ihenng
A He deutschen Theater begehen in diesen Monaten Gerhart
^^ Hauptmanns siebzigsten Geburtstag. In den Jahren der
Barbarei wirkt eg fast wie ein Bekenntnis, dafi ein Kiinstler,
ein Dichter von Gemeinschaften sichtbar gefeiert wird. Wir
wissen, daB es kein Risiko istf Gerhart Hauptmann heute zu
spielen. Wir wissen, daB es fiir viele Biihnen weiter nichts als
die Rettung aus einer Verlegenheit bedeutet, seine Werke dar-
zustellen, weil die Direktoren selbstandige Spielplanentschlusse
nicht mehr zu fassen wagen. Trotzdem bleibt es ein schoner
und fast riihrender Zug der Treue, wenn heute iiberall von
Konigsberg bis Koln, von Berlin bis Miinchen dem greisen
Dichter gehuldigt wird.
Aber die Hauptmann-Ehrungen konnten noch etwas ganz
andres bedeuten. In den ersten zehn Jahren nach dem Kriege
hatte sich in Deutschland eine of fizielle Feierei herausgebildet,
die oft etwas Unernstes und fast etwas Frivoles hatte. Der
Wille zu reprasentiereh, der Wille der Regierungen, sicht-
bare Zeichen und Personlichkeiten fiir die Republik zu find en,
vergewaltigte die Kiinstler der altern Generation (die sich
allerdings gern vergewaltigen lieBen). Die Prominenten wtir-
den eingeladen, herumgereicht und amtlich mit dem Stempel
„ Weimar" versehen. Es wurde kein Stil fiir Ehrungen und
Feste gefunden. Alles blieb im Gesellschaftlichen hangen,
alles war auf Glanz und Namen abgestimmt. Ein dauernder
468
Presseball. So wurden kcine neuen Symbole geschaffen,
sondern die bekannten Namen wurden nur auffallen-
der arrangiert. Das offizielle Deutschland iibernahm
— . bildlich gesprqchen — fiir seine geistigen Grofien die
Rolle der Boulevard-Zeitungen und tat fiir Gerhart Hauptmann
und Thomas Mann, was die Tagespresse fiir Schmeling und
Albers tat, Es war ein erfreulicher Forts chritt, daB iiberhaupi
geistige Reprasentanten sichtbar geehrt, sichtbar herausgestellt
wurden, Aber diese Ehrungen wurden falsch aufgezogen. Es
hatte sich ein leerer Festrednerstil herausgebildet, der es den
Theatern leicht machte, auch ihrerseits Verpflichtungen allein
mit schnell arrangierten Festvorstellunigen abzugelten. Wer
die ganze Politik der literarischen Vereine und Gesellschaften
im letzten Jahrzehnt verfolgt hat, die Art1 wie und an wen
Preise verteilt wurden, der wird sich nicht wundern, daB die
Theater es bei den Wiederholungen und Neueinstudierungen
immer wieder derselben, der popularen Werke beweaden
MeBen. Alles ' war offizieli geworden. AUes lief nach dem-
selben Schema ab. Jeder Theaterdirektor wuBte genau, was
geschah, wenn er eine Hauptmannvorstellung unter besondrer
Flagge startete. Der Dichter wurde eingeladen. Der Dichter
erschieni. Das Parkett erhob sich. Das Parke tt applaudierte.
Das wiederholte sich nach jedero Aktschlufi und besonders am
Ende der Vorstellung. So sahen die Hauptmannvorstellungen
in den letzten zehn Jahren aus. Von 1922 bis 1932, von Haupt-
manns sechzigstem bis zu Hauptmanns siebzigstem Geburtstage,
ein dauerndes Feiern, eine Kette von Ehrenauffiihrungen, ein
Wirbef von Jubilaen. Kein Wunder, daB die Theaterleute
nicht auf den Gedanken kamen, sich mit Hauptmann wirklich
auseinanderzusetzen, die junge Generation mit ihm zu kon-
frontieren. Es blieb meistens bei einer Darstellungsform, die
langst Klischee geworden war. Der naturalistische Schau-
* spiel erstil war mit der Gesinnung der neunziger Jahre ver-
lorengegangen. Was damals Wahrhaftigkeit, Schlichtheit,
Lebensnahe war, ist heute Verlegenheit und Charge. Der
schliirfende Schritt und die gebiickte Haltung, die der Schau-
spieler yon 1890 annahm, wenn er einen alten Weber darr
stellen wollte, ist fiir den Schauspieler von 1930 leere Nach-
ahmung und auBerliches Theater. Die Lebenshaltung hat sich
geandert. Die Gestik ist eine andre geworden. Wenn damals
die Schauspieler sich Barte klebten oder Periicken aufsetzten,
so entsprachen diese Masken dem Spiel. Heute wirken sie wie
Verkleidung. Man spielt heute bei Hauptmann Vollbart, auch
wenn man ihn nicht tragt. Man spielt auf Mitleid und glaubt,
menschlich zu sein. Nur ein Darsteller spielte die Greisenrollen
Hauptmanns aus einer neuen und selbstandigen Phantasie
heraus: Werner KrauB als alter Hike in den ^Webern", Wer-
ner KrauB in ^Dorothea Atigermann" und in ,,Vor Sbnnen-
untergang",
Aber man versaumte, eine neue Schauspielergeneration in
ihrer Gesamtheit Hauptmann gegeniiberzustellen. Man HeB
einmal hier, einmal da junge Schauspieler aus ihrem Blut und
aus ihren Neryen sich an Hauptmannrollen versuchen (grade
jetzt erleben wir das Wunder der Paula Wessely). Aber es
469
fehlte der planmafiige Versuch, einen neuen Hauptmannstil zu
fiaden. Martin versuchte es. Fehling versuchtc es einmal.
Jeftner dachte im „Florian Geyer" daran. Aber es fehlte die
organische Weiterwirkung auf die Andern. Es blieb beim Voll-
bart, bei der Trane, beim Bibber, es blieb beim offiziellen Schema.
Hauptmann wurde theatralisiert und vergrobert grade dadurch,
daB man: glaubte, den diskreten Wirklichkeitsstil wiederholenzu
konnen. Die Hauptmanntreue war die Hauptmannbequemlich-
keit. So stehen die Hauptmannfeiern seit zehn Jahren im Zeichen
des Riickschritts. Eine neue Schauspielergeneration wird
immer wieder von ihren Aufgaben abgedrangt Neue Drama-
tiker kommen nicht heran. Denn auch das versaumte man im
Zeichen der Hauptmannfeiern: das Drama Hauptmanns mit
dem Drama Wedekinds und Georg Kaisers und Brechts zu
kontrastieren, Auf den Gedanken ist niemand gekommen, mit
dem siebzigjahrigen Hauptmann das ganze deutsche Drama zu
ehren, an einem Wendepunkt auf den Reichtum junger schau-
spielerischer Begabungen hinzuweisen und die radikale Dich-
tung von 1930 der radikalen Dichtung von 1890 gegenuber-
zustellen, Statt dessen sieht man nur das Vorkrieg&drama und
die Vorkriegsschauspielkunst, Eine Zcit, die immer, in der
Politik und in der Kunst, von der Jugend spricht, entrechtet
auf dem Theater grade diese Jugend. Die Hauptmannfeiern,
die eine Huldigung des gesamten deutschen Theaters mit alien'
kiinstlerischen Kraften aus alien noch wirkenden Generationen
hatten sein mtissen, bringen den Muff und die Verlegenheit. So
werden die Hauptmannfeiern, die grade heute wieder einen
kampf erischen Sinn bekommen konnten, in die Front des all-
gemeinen Riickschritts eingereiht. Die Reaktion versteht es,
sich auch ernes Dichterjubilaums zu bedienen.
Primitive und sublitnierte
Hakenkreuz-Aesthetik von Fritz scbitf
Derlin besafi keinen van Gogh. Justi erwirbt vier Bilder und
eine Skizze. Das wurmt den Widersacher, den alten Lie-
bermann; in einer solchen Zeit uber zweihunderttausend Mark
fur einen „Auslander'\ dazu noch fur einen Maler, der. eigent-
lich keiner seL Das laflt sich die „Mtinchner Kunstlerschaft"
nicht zweimal sagen und protestiert, Der 1fReichsverband bil-
dender Kiinstler" folgt. Justis Antwortschreiben ist eine
angstliche Rechtfertigung vor dem Nationalismus; unter den
Auslandern, die er gekauft habe, seien nie Franzosen gewesen,
Denn van Gogh und Munch seien Germanen. Folglich, so
sollte man meinen, seien Picasso und Gris Romanen? Keines-
wegs! Spanier. Wie das? Eben noch gait fun van Gogh und
Munch die angeblich gemeinsame Rasse, hier aber gilt plotz-
lich das Geburtsland? Und die deutschen Impressionisten?
Sind „mehr oder minder gut nachgemachte Franzosen'1/ Also
sozusagen artfremde Verrater. Jawohl, meint Justi, van Gogh
und Munch stehen uns naher, sind also offenbar „deutscher"
als diese „Franz6slinge"
470
Was ist nun den untereinander so verschiedenen van Gogh
und Munch wirklich gemeinsam? Der Expressionismus. Aber
der ist ja grade laut Schultze-Naumburg unnordisches Unter-
menschentum. Jeder Kiinstler, sagt dieser oHizielle Kunst-
theoretiker des Nationalsozialismus, gestalte in seinem Werke
das Wunschbild seiner Rasse. Ein Vergleich der Bilder yon
Nolde, Heckel, Marc mit Photographien aus einer Kriippelklinik
beweise einwandfrei die rassische Entartung des Expressionis-
mus. Kunst, meint er, habe es eigentlich nur in der Renaissance
gegeben, und die sei das Ergebnis einer unter besonders giinsti-
gen Umstanden gelungenen Ziichtung nordischer Rasse auf
italienischem Boden. Beweis: nur der nordische Mensch konne
so GroBes geschaffen haben. Wer von diesen beiden nationa-
listischen Asthetikern ist nun im Recht? Justi oder Schultze-
Naumburg ?
Versuchen wir systematisch Ordnung zu schaffen! Die
grofie Bedeutung der Kindheitsfixierungen grade fur den Kiinst-
ler stent fest. Angeborene Dispositionen geben das Material
*Was aber daraus wird, bestimmen weder imaginare Rassen
noch mythologische Blutsgemeinschaften sondern die Gegend,
in der das Kind aufwachst, und die Klassenschichtung, in der
es seine Jugend verbringt. Obschon die Industrialisierung
heute die Landschaften der ganzen Erde stark einander an-
geglichen hat, bleibt es ein Unterschied, ob einer an <ler Nord-
seekiiste aufwachst, an der die schragen Sonnenstrahien und
die wassrige Atmosphare alle Gegenstande ineinander; flieBen
lassen, oder in Toscana, wo die senkrechteren Sonnenstrahien
und die trockenere Luft die Dinge den Augen kubisch dar-
stellen; bleibt es ein Unterschied, ob der erste Blick des Kin-
des (iber das Meer, uber eine sandige oder bebaute Ebene,
liber tannenbestandene Hohen oder graue Felswande wandert,
ob der erste Baum, den das Auge des spateren Kiinstlers er-
blickt, eine Kiefer oder eine Zypresse ist. In jedem seiner
Werke, sei es eine Landschaft, ein Portrat, ein Stilleben oder
eine Abstraktion, werden diese elementaren Eindriicke nach-
klingen.
Und weiter: der Kiinstler, der seine Kindheit in einer klei-
nen Stadt verbracht hat, wird anders malen als der, dessen
erste Eindriicke dustere Hofe oder autobelebte StraBen ge-
wesen sind. Doch starker noch als diese Unterschiede be-
stimmen die hauslichen Verhaltnisse das Erleben der friihen
Jugend, Das Kind des Gutsherrn hat auf dem gleichen Fleck-
chen Erde entscheidend andre Eindriicke als das Kind des
Bauern oder gar des Knechts, das des Beamten andre als das
des kaufmannischen Angestellten, das des Generaldirektors
wieder andre als das des Professors, ja selbst innerhalb der
proletarischen Quartiere sind in diesem aus Tradition leiden-
schaftlich individualistischen Europa auf einem einzigen Trep-
penflur noch keine drei gleichartigen Lebensbedingungen und
Atmospharen zu finden; ganz zu schweigen von den Unter-
schieden in den familiaren Schicksalen, und gar hicht zu reden
von den personlichen Erlebnissen.
Ob aber einer, der, sagen wir, auf dem berliner Wedding
groB geworden ist, spater immer nur wieder dustere Hofe
471
malt, oder aber, wcil er diese seine Kindheit innerlich iiber-
winden will, nur Stilleben mit leuchtenden Blumen, das hangt
alleia von der Gesinnung ab, in die er hineinwachst, hangt ab
von der Klasse, zu der er sich, weit hclufiger unbewuBt als be-
wuBt, bekenni,
Ein Beispiel aus der Geschichte; Durer malt Niirnberge-
rinnen, wenn ihm Venezianerinnen Modell sitzen. Holbein malt
englische Adlige, als sei er auf der Insel geboren. War Durer
nun ein besserer Deutscher als Holbein? Hier erweist sich die
Sinnlosigkeit solcher Fragestellungen. Holbein, in der Fugger-
stadt Augsburg geboren, im kosmopolitischeren Basel zum
Manne gereift, und folgerichtig der Atmosphare des jungen
englischen Kapitalismus assimiliert, besaB bereits die Freiheit
einer rucksichtslos objektiven Gestaltung, um die Durer, der
Sohn einesaus Ungarn eingewanderten Goldschmiedes, in sei-
ner trotz allem Reichtum weit kleinburgerlicheren Heimat
Niiraberg noch sein Leben lang gerungen hat.
Est sind die geistigen Bedtirfnisse okonomischer Gruppen,
die alien in ihr Kraftfeld gezogenen Kiinstlern eine Form geben,
den Stil, in dem die Kindheitserinnerungen allein die indivi-
duellen Unterschiede ausmachen.
Eine sehr mechanische Darstellung aber ware es nun,
wollte man generell sagen, die Stile aufsteigender Klassen hatten
stets einen materialistischen oder naturalistischen, jedenfalls
rationalen Charakter, wahrend umgekehrt die Stile muderr
verangstigter, um ihre Macht bangender Klassen immer meta-
physisch, expressionistisch, jedenfalls irrational waren. In der
deutschen Kunst der ersten Halfte des ttinfzehnten Jahrhun-
derts wird grade im ersten naturalistischen Tasten eine echte
und leidenschaftlich mystische Religiositat als revolutionares
Element im Kampfe gegen die in theologischem Rationalismus
erstarrte Welt des feudalen Mittelalters sichtbar. Die gleich-
zeitige Kunst der Niederlande wiederum war in dem groBen
Handelszentrum Gent weit rationaler als in den Stadten, in
denen das Kleinburgertum vorherrschte. Daher der Gegensatz
van Eyck — Roger van der Weyden.
. Das alles trafe daneben, denn nicht abzustreiten sei ein
den Nationen eigner Charakter, der in alien ihren, unterein-
ander noch so verschiedenen Stilen seinen Ausdruck finde.
Deutsch oder nordisch (beide Begriffe sauberlich trennende
Definitionen sind in einer Weltanschauung, der Gefuhl und
Wille oberste Kriterien sind, natiirlich uberflussig) sei das
Ringen, das inbriinstige Suchen, die mystische Ekstase, das
Irrationale. Romanisch aber, besonders in seiner franzosischen
Form, sei das Rationale, das Mathematische, sei, nur die Ober-
flache zu sehen und nie zu versiichen, hinter die Dinge zu
schauen, Als sei die Mystik ein deutsches Privileg! Aber es
ist schon richtig, Mystik und Metaphysik haben in Frankreich
in der Tat meist einen rationaleren Zug als inDeutschland. Hat
das seinen Grund in einer den Franzosen eingeborenen natio-
nalen Konstitution? Keineswegs, so wenig wie die Vorliebe
der Deutschen fiir die Mystik, Sondern: die Neigung des
mittlern deutschen Biirgertums, in wirtschaftlich schlechten
Zeiten sich in einen Mystizismus, in eine zu nichts verpflich-
472
tende subjektive Religiositat zu fliichten, ist in Deutschland
starker als in Frankreich. Denn das deutsche Biirgertum war
stets durch die Vorherrschaft des Land und' Volk okonomisch
und politisch zerreiBenden , Feudaladels und durch dessen
spateres Biindnis mit der kapitalistischen Bourgeoisie politisch
ohnmachtiger und daher seelisch gelahmter als die gleiche
seit dem nationalen ZusammenschluB im ftinfzehnten Jahr-
hundert weit selbstbewuBtere Schicht in Frankreich, Aus die-
ser Zerrissenheit, aus dieser Hilflosigkeit quillt triib und zah
der angeblich so deutsche Irrationalismus jedesmal dann, wenn
die herrschende Klasse ihn zur Ablenkung, zur Sicherung ihrer
Macht braucht. Der Irrationalismus, heiBt es dann, die Mystik
set eine deutsche Tugend, der Rationalismus eine artfremde
Verirrung. Welche Beleidigung fur ein Volk, das (ganz ab-
gesehen von den groBen Naturforschern) einen Menzel, einen
Leibl gehabt hat. Waren sie alle Renegaten des Nordischen?
Und wohin umgekehrt gehort dann der- Franzose Cezanne,
der doch ein besessener Metaphysiker der Malerei gewesen
ist, der das Bleibende, das Absolute, das also, was es gar
nicht gibt, gesucht hat, wie nur irgend ein Frommer? Gilt
dieser Schopfer des Expressionismus den Justinianern nun
eb entails als ein deutscher oder nordischer Mensch?
Helfen wir ihnen! Der Expressionismus ist die Kunst der
schmalen Schicht der letzten geistigen Burger Europas, die,
vor der Fiille der sich einander widersprechenden Gescheh-
nisse skeptisch und hoffnungslos geworden, in eine hochst per-
sonliche Wunschwelt gefliichtet waren. Da ihnen die Dinge,
die eben noch den Vatern gehort hatten, entglitten, philoso-
phierten sie, daB das, was ihre Vater im impressionistischen
Bilde zu besitzen vermeint hatten, der Schein gewesen sei,
daB sie aber zu den eigentlichen Wesenheiten gelangen wur-
den, Ganz im Banne eines psychologischen Idealismus hielten
sie die vitalen Erlebnisse, die sie von den Gegenstanden
hatten, fiir das letzte ErfaBbare und schufen neue kunstlerische
Formen, die sie dem in solcher Wesensschau Gewonnenen fiir
adaquat erachteten, weil ihnen nichts mehr von dem Illusionis-
mus der Vergangenheit anhaftete. Van Gogh war der erste,
der, den satten Illusionismus der Impressionisten zerstorend,
diese vitalen Urerlebnisse zu gestalten suchte, nicht weil er
^Germane" war sondern weil er, sozial empfindlicher als seine
Zeitgenossen, unter den Kohlenarbeitern des Borinage bei
Streik und Redeverbot die Verlogenheit der biirgerlichen Weit
erlebt hatte, die den Renoir und Monet unter ihr?m engen asthe-
tischen Sehwinkel nur schon und liebenswert, dem frommen
Katholiken Cezanne aber als unabanderliche Gegebenheit er-
schien. Van Gogh war Expressionist aus Emporung, Cezanne
aus dem strengen Konservativismus der in ihrer SelbstbewuBt-
heit unbeirrbar klaren franzosischen Bourgeoisie, Van Gogh
schuf eine neue Form, Cezanne und nach ihm Picasso und die
Kubisten suchten als gute franzosische Burger mit ihren mathe-
matischen Systemen der ins Wanken geratenen Welt aufs neue
Ordnung zu geben. In Deutschland mit seinem unmiindigen
Biirgertum aber fanden diese Spannungen ihre Formulierung
in der angstvoll-dunklen, subjektiv-religiosen LeidenschaftHch-
473
keit der Expressionist en urn die nBriicke'\ Eine herrliche
Kunst, aber keine Tiigend!
Der Expressionismus war eine Absage an die Zivilisation,
an die Technik, lange vor Spengler. Zurtick zum Baurischen,
sagen, nicht ganz originell einhundertsiebzig Jahre nach
Rousseau, die Nationalisten. Das Bauerische allerdings ist
ihnen nicht die Arbeit sondern in Wahcheit das patriarcha-
lische Verhaltnis von Herr und Knecht, die Festigung eines
engstirnigen EigentumsbewuBtseins. Technik und Zivilisation
aber scharfen den Intellekt, machen leicht subversiv.
Die lfAuinordung" des Expressionismus durch die Justi-
nianer ist der letzte Akt der Tragodie, ist Ausdruck der end-
giiltigen Flucht des gesamten Biirgertums in den Schutz des
militaristischen Feudalismus, ist genau das, was wir fascistisch
nennen. Die extremsten Vorkampfer dieses Fascismus, die
Nationalsozialisten mit ihrem Schultze-Naumburg allerdings leh-
nen den Expressionismus ab, weil sie ahnen, dafi seine Quellen
noch aus der Humanitat des kultivierien Biirgertums stromen.
Der Nationalsozialismus aber braucht, zunachst wenigstens
noch, das Trugbild eines heroischen Idealismus.
Wir sind uns klar: die Gespenster des Nordischen sind
nicht durch Beweise allein zu bannen; es kommt darauf an,
ihre Existenzbedingungen zu uberwinden.
Ein Kubikkilometer genfigt von Erich Ksstner
P in Mathematiker hat behauptet,
daB es allmahlich an der Zeit seif
eine stabile Kiste zu bauen,
die tausend Meter lang, hoch und breit sei.
In diesem einen Kubikkilometer
hatten, schrieb er im wichtigsten Satz,
samtliche heute lebenden Menschen
(das sind zirka zwei Milliarden!) Platz!
Man konnte also die ganze Menschheit
in eine1 Kiste steigen heifien,
und diese, vielleicht in den Kordilleren,
in einen der tiefsten Abgrunde schmeifien,
Da lagen wir dann, fast unbemerkbar,
als wurlelformiges Paket.
Und Gras konnte fiber die Menschheit wachsen,
Und . Sand wurde daraufgeweht,
Kreischend zogen die Geier Kreise,
Die riesigen Stadte stiinden leer.
Die Menschheit lag in den Kordilleren,
Das wufite dann aber keiner mehr.
474
Papen kann nicht zaubern von Thomas Tarn
r)ie Zuspitzung der politischen Gegensatze, die Auflosung
des Reichstags tmd die politische UngewiBheit iiber das,
was in den nachsten Wochen und Monaten kommen wird — sie
geben leicht die Moglichkeit, zu erklaren: der Wirtschaftsplan
der Papenregierung war gut, mit ibm hatte die deutsche Pro-
duktion sicher angekurbelt werden konnen, Wenn es doch
nicht so weit kommt, wenn die Krise sich weiter vertieft, dann
liegt das nicht an dem Wirtschaftsplan sondern eben an den
politischen Unsicherheitsfaktoren, die trotz dem Plan die
okonomischd Lage weiter verscharft habcn. Diese Legenden-
bildung kann nicht fruh genug bekampf t werden. Grade ,gegen-
iiber einer solchen Argumentation, die man b ere its heute in
der scbwerkapitalistischen Presse findet und in den' nachsten
Wochen in immer groBerm AusmaB findenwird, ist es not-
wendig, mit allem Nachdruck darauf zu verweisen, dafi weder
im Weltkapitalismus noch im deutschen Kapitalismus das Tief
der Krise erreicht ist. Wir befinden uns mit dieser Fest-
stellung im scharfsten Gegensatz zu der entscheidenden Vor-
aussetzung, von der Papens Wirtschaftsprogramm getragen
ist. Es beruht auf der Anschauung, daB die WeLt krise ihren
tiefsten Punkt erreicht hat und sich in absehbarer Zeit die
Tendenzen zur Besserung durchsetzen werden. Der feder-
fiihrendc Minister bei dem Wirtschaftsprogramm soil Warm-
bold gewesen sein. Warmbold ist der Schwager von Pro-
fessor Wagemanm, dem Direktor des deutschen Instituts fur
Konjunkturforschung. Die letzten Vierteljahrsberichte des
deutschen Instituts fur Konjunkturforschung sind am 27. August
abgeschlossen, am 28. August wurde das wirtschaftsprogramm
veroffentlicht. Grund genug, hier nicht nur einen zeitlichen
Zusammenhang zu sehen.
Die Vierteljahrsberichte sind denn auch in ihrer ge-
samten Analyse optimistisch. Sie sind optimistisch, obwohl
ihre Darkgungen im einzelnen ihren Optimismus selbst Liigen
strafen, obwohl grade aus den dort publizierten Zahlen alles
andre herauszulesen ist als ein Konjunkturumschwung in der
ganzen Welt. Bereits vor der Krise in den Vereinigten Staaten
hatte sich bekanntlich im Jahre 1929 die deutsche Wirtschafts-
lage verschlechtert. Aber es ist sicher, daB durch die Krise
in den USA die Krise im gesamten Weltkapitalismus und so
auch im deutschen eine groBe Vertiefung erfahren hat. Die
Vereinigten Staaten sind das Land der groBten industriellen
Produktion und des starksten Kapitalreich turns; wenn sich
dort eiri Umschwung bereits vorbereitete, so w&re es klar, daB
seine Folgen nicht nur auf dieses eine Land beschrankt sein
sondern den gesamten Weltkapitalismus ergreifen wiirden.
Und wie steht es in den Vereinigten Staaten? Dafl wir dort
eine Borsenhausse hatten, daB die Rohstoffpreise anzogen, ist
bekannt. Aber auch dem deutschen Monopolkapitalismus schei-
nen diese Faktoren durchaus noch nicht zu geniigen, urn einen
Tendenzumschwung in USA zu erwarten. Darum heiBt es in
einem Bericht der ,DAZ* iiber die Vereinigten Staaten:
475
Die, zuversichtliche .Siinunung' der new yorker Borse* die in dem
kraftigen Kursauftrieb der vergangenen, Wochen einen deutlich sicht-
baren Niederschlag gefunden hat, stiitzt sich hauptsachlich auf den
in der Wallstreet durch Berichte aus der Geschaftswelt erweckten
Eindruck, dafi sich in Amerika nun doch eine Wirtschaftsbelebung
anbahne. Eine zahlenmafiige Bestatigung dieser lediglich auf Stim-
mungsberichten basierefcden Auf fassung laBt sich zum mindesten aus
den Wirtschaftsstatistikeri fur den vergangenen Monat noch nicht
herauslesen. Die wichtigsten der fur den Moriat August bisher ver-
offentlichten amerikanischen Produktions- und Umsatzziffern sind in
der folgenden Tabelle deneri des Vormonats gegenubergestellt, Zwecks
Kenntlichmachung eventueller Saisoneinflusse ist in dieser Tabelle
auch die Entwicklung in den beiden entsprechenden Monaten des
Vorjahres zum Vergleich herangezogen worden. Die Rohstahl-
gewinnung und die Roheisenerzeugung sind in der Zusammenstellung
in 1000 Tonnen wiedergegeben, die Automobilproduktion Amerikas
und der Weltabsatz der Generalmotors-Corporation in 1000 Wagen,
der Umsatz der Wcolworth-Einheitspreisgeschafte und des , Waren-
versandhauses Montgomery-Ward & Go, in Millionen Dollar und der
Abrechnungsverkehr der amerikanischen Banken in Milliarden Dollar.
Stahlproduktion
Eisenproduktioh
Autoproduktion
Generalmbtors Absatz
Woolworth-Absatz
. Montgomery -Ward Absatz
Bankenabrechnungsverkehr 34.8 29,3 19,3 20,0
Bei der Betrachtung dieser Zahlen konnte man vor allem versucht
s.ein, aus der Entwicklung des Abrechnungsverkehrs der Banken auf
eine gewisse Wirtschaftsbelebung zu schliefien, denn dieser Verkehr
hat im laufenden Jahre eine leichte Steigerung aufzuweisen. Das
ware jedoch zweifellos eiri Trugschlufl, da diese Entwicklung of fen-
sichtlich nur mit der aus der starken Belebung des Borsengeschafts
resultierenden Zunahme des Scheckverkehrs zusammenhangt.
Bis auf die Stahlproduktion, die einen besoriders starken
Tief stand hat, ha hen wif also in? der gesamten tibrigen ameri-
kanischen Produktion selbst im August dieses Jahres noch
einen Riickgang gegenuber denv Juli zti verzeichnen. Und das
ist ja kein Wunder. Ein wirklicher Aufstieg der Produktion
ist erst dann gegeben, wenn auf Basis des verfinigerten Preis-
niveaus, auf Basis billiger Zinsen die Unternehmer in unsrer
heutigen privatkapitalistischen Wirtschaft groBere Betrage zu
neuen Investitionen verwenderi und von dieser Belebung der
Produktionsindustrien aus die gesamte Wirtschaft zur Kon-
junktur kotnmt.
Von irgend einer Belebung der Investitionen und Hand in
Hand damit von einer Belebung der Konsumiridustrien ist aber
in den Vereinigten Staaten nicht im geringsten die Rede. Das
geben auch die von Wagemahn herausgebrachten Konjunktur-
hef te ruckhaltlos zu. Es heifit dprt (wegeri der Wichtigkeit dieser
Dinge bringen wir den ganzen Abschnitt ohhe Kiirzungen);
476
1931
1932
Juli
August
Juli August
1876
1719
793 832
1463
1281
572 531
223
192
119 90
87
70
37 30
21,1
21,7
18,1 18,2
15,3
16,4
11,8 13,0
Die Investitionstatigkeit ist daher mit der allmahlichen Aufzeh-
rung friiher aufgenommener Kapitalien und der wachsenden Ein-
schrankung aller nicht unbedingt erforderlichen Ersatzinvestitionen
weiter zuriickgegangen und hat die ohnehin schon auBerordentlich ge-
ringe Kapazitatsausnutzung der Produktionsgiiterindustrien auf einen
neuen Tiefstand sinken lassen. Vor allem aber sind in den letzten
Monaten die Verbrauchsgiiterindustrien zu verstarkten Produktions-
einschrankungen gezwungen worden. Der Umstand, daB sich die
durch den Riickgang der Produktionsgtitererzeugung hervorgerufene
Arbeitslosigkeit nun mit voller Macht auf den Einzelhandelsabsatz
auswirkt, hat hierzu in gleicher Weise beigetragen wie der fort-
schreitende Lohn- und Gehaltsabbau, der durch den Einsatz von
Sparguthaben und die Senkung der Lebenshaltungskosten — Faktoren,
die ubrigens beide mehr und mehr an Gewicht verlieren, — nur noch
wenig gemildert wird. Insgesamt durfte die industrielle Produktion
von April bis Juli um kaum weniger als 7 v. H, gesunken sein, und
dies, obwohl bereits das im April erreichte Niveau um etwa 50 v. H.
hinter dem konjunkturellen Hochststand von 1929 zuriickblieb.
Es ist ja kcin Wunder, daB in deii Vereinigten Staaten die
Produktion noch lange nicht ihrcn Tiefstand erreicht hat.
Denn auch driiben sind grade in der letzten Zeit die Arbeits-
losenzahlen betrachtlich gewachsenf sind weiterhin die Lohne
der beschaftigten* Arbeiter erheblich herabgesetzt worden,
Auch driiben sind die Preise weniger gefallen als die Lohne,
Und daher miissen die Vierteljahrshefte feststellen:
Auch in bezug auf die Konsumgestaltung birgt die konjunkiurelle
Dynamik eher produktionshemmende als produktionssteigernde
Krafte. ' Zunehmende Arbeitslosigkeit und das Bestreben der Unter-
nehmer, sich durch Lohnsenkungen zu entlasten, lassen das Ein-
kommen breiter Konsumentenschichten weiter schrumpfen. Es scheint
sogar, als seien gegenwartig die Lohnsenkungen erheblich starker als
der Riickgang der Lebenshaltungskosten.
Wenn aber die Unternehmer nicht die mindeste Neigung
zeigen, neu zu investieren, wenn auf der andern Seite die
eigentlichen Konsumindustrien starker eingeschrankt werden
miissen — dann ist wahrlich nicht einzusehen, woher in nach-
ster Zeit der Konjunkturumschwung in den Vereinigten Staaten
kommen soil. Und es ist schon etwas grotesk, wenn dasselbe
Konjunkturinstitut, das grade von den Vereinigten Staaten
einen Tendenzumschwung erwartet, im igleichen Bericht
schreibt;
Als Ergebnis der rein konjunkturellen Komponenten der gegen-
wartigen Marktkonstellation kann also kaum mehr als ein allmah-
liches Auslaufen des Produktions- und Beschaftigungsriickgangs er-
wartet werden.
Daran werden auch die Maftnahmen der augenblicklichen
amerikanischen Regierung nichts andern. Und wenn die Pra-
sidentenwahlen driiben vorbei sind, werden die amerikanischen
Masseri sehr deutlich spiiren, was es mit der Hausse ist, die
man ihnen versprochen hat.
477
■Der Wirtschaftsplan der Regierung ging davon aus, daB
in den entscheidenden angelsachsisch^n Landern, in den Ver-
einigten Staaten und England, das Tier der Krise bereits er-
reicnt sei. Wir haben den Nachweis gebracht, daB davon keine
Rede sein kann, Die objektiven Faktoren zeigen fur Amerika,
daB die wirtschaf tliche Lage sich noch weiter verschlechtert,
und was fur die Vereinigten Staaten gilt, gilt ebenfalls fur
England. Auch dort sind grade in den Sommermonaten die Pro-
duction und der AuBenhandel weiter riicklaufig gewesen, auch
dort haben trotz der sonst eintretenden Sommerbelebiing
ebenso wie in den Vereinigten Staaten die Arbeitslosenzahlen
sogar noch zugenommen,
Wir wissen, daB die Lage des deutschen Kapitalismus
noch weit schlechter ist als die des angelsachsischen Kapitalis-
mus. Auch der Wirtschaftsplan der Papenregierung und die
Vierteljahrshefte bestreiten das nicht. Wenn sie trotzdem
schon heute eine Belebungsaktion zu organisieren suchten, so
taten sie das unter folgender Perspektive: der' Zwischenraum
zwischen einer Belebung der Wirtschaft in Amerika und Eng-
land und einer erst spater erfolgenden in Deutschland sollte
durch das Ankurbelungsprogramm iiberbriickt werden. Wir
halten diese Anschauung schon dadurch fiir widerlegt, daB
ihre entscheidende Voraussetzung, die Annahme, daB das
Krisentief in den Vereinigten Staaten und England bereits er-
reicht ist, falsch ist. Aber selbst wenn wir einmal annehmen
wollten, daB schon in nachster Zeit in den anigelsachsischeri
Landern ein Konjunkturumschwung stattfinden wiirde, so ware
auch dann noch gegen Papens Programm in alien entscheiden-
den Punkten Widerspruch anzumelden. Bei aller Differenziert-
heit des Wirtschaftslebens im Kapitalismus soil man den ein-
fachen Satz nicht vergessen, daB immer nur so viel pro-
duziert werden kann wie abgesetzt wird, das heifit daB die
Verstarkung einer zahlungsfahigen Nachfrage die unbedingte
Voraussetzung fiir jede dauerhafte Produktionssteigerung sein
muB. Woher aber soil grade in Deutschland die Steigerung
der zahlungsfahigen Nachfrage kommen? Etwa vom Unter-
nehmer? Das ware dann der Fall, wenn die Unternehmer be-
reits Neigung zeigten, neue Produktionsstatten zu eroffnen,
groBere Kapitalien neu zu investieren. Die Unternehmer aber
denken gar nicht daran, Und das ist kein Wunder. Wenn in
der Schwerindustrie, wie die amtlichen Statistiken zeigen,
haufig- nur ein Drittel der Produktionskapazitat ausgenutzt
wird, dann ist heute und auch in nachster Zeit kein Anreiz
fiir neue Investitionen da. Wie steht es mit dem Export? Da
weist der amtliche Bericht nach, daB grade im Jahre 1932
die deutsche Export-Entwicklung eine besonders schlechte ist.
DaB beim Riickgang des Gesamtwelthandels die Kurve des
deutschen Riickgangs noch schneller ist, so daB der Anteil des
deutschen Kapitalismus am Weltexport zuriickgeht. DieVier-
teljahrsberichte sagen weiter, dafi in nachster Zeit keine Wen-
dung eintreten wird. Und wie steht es mit der zahlungs-
fahigen Nachfrage der breiten Massen, vor allem nach Kon-
sumprodukten? In friihern Krisen wurde der Aufschwung
neben der Eroberung neuer Markte, neben zahlreichen In-
478
vestitionen der Unternehmcr auch dadurch eingeleitet, daB
die Preise starker fielen als die Lohne, so daB die Konsum-
kraft der breiten Schichten schon in der Depression zunahm-
Wir haben heute das genaue Gegenteil festzustellen. Die Lohne
der beschaitigten Arbeiter sind bereits starker gesunken als
die Preise. Bei den gigantischen Arbeitslosenzahlen ist dis
Konsumkraft der breiten Massen in der Krise auBer-
ordentlich gefallen. Die Vierteljahrsberichte miissen melden,
daB auch in den letzten Monaten die Kaufkraft der breiten
Massen weiter riicklaufig war. Das Wirtschaftsprogramm der
Papenregierung verstarkt diese Entwicklung noch weiter, Denn
es bringt einen verscharften neuen Lohnabbau, und wenn er
durchgefuhrt wird, dann wird seine Wirkung nur die sein, daB
auch die eigentlichen Konsumindustrien noch starker als bis-
her in den Riickgang der gesamten Produktion einbezogen
werden.
So ist die weltwirtschaftliche, so ist die deutsche wirt-
schaftliche Lage. Schon heute miissen, um das noch einmal zu
sagen, mit allem Nachdruck diese objektiven Daten betont
werden, damit die Legende, Papens Wirtschaftsprogramm
werde nur durch die bose Politik an der Entfaltung gehemmt,
zerstort wird, bevor sie Unheil stiften kann.
Wochenschau des Riickschritts
— In Mecklenburg fanden Manover der mit Nationalsozialisten
durchsetzten Ordnungspolizei statt.
— Der Frontkriegerbund e. V. hat beim Reichsminister des Innern
Zulassungsantrag zur Durchfiihrung eines Volksbegehrens gestellt, das
die Wiederherstellung der deutschen Wehrmacht auf der Grundlage
der allgemeinen Wehrpflicht zum Ziele hat.
— Reiehsanwalt Jorns, der in der letzten Zeit bereits im innern
Uienst beschaftigt war, tritt jetzt wieder offentlich als Vertreter der
Reichsanwaltschaft auf.
— Die Reichsbannerortsgruppen von Richtenberg (Vorpommern)
und von Ohlau sind aufgelost worden. J
— Die kommunistische, Tribune' von Magdeburg- Anhalt wurde ver-
boten. In PreuBen sind in der Zeit vom 29. Juli bis zum 14. Sep-
tember dreiundsechzig Zeitungs- und Zeitschnftenverbote ergangen.
— Die Landesschulbehord* von Hamburg hat den ihr unterstell-
ten Schulen eine Verfiigung zugehen lassen, die das fruhere Ziichti-
gungsrecht wiederherstellt.
— Zum Leiter der berliner Priifstelle fiir Schund und Schmutz
ist Regierungsrat Siehl ernannt worden, der friiher bei einer evan-
gelischen Kirchenstelle tatig war.
— Der Herausgeber der .Bayerischen Radiozeitung', Richard Kolb,
der der NSDAP angehort, ist zum Programmleiter der berliner Funk-
stunde eingesetzt worden.
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen.
479
Bemerkungen
Die Kronzeugin
Die kleine, dicke, blonde Polin
war eine der Kronzeuginnen
im SondergerichtsprozeB gegen
die neun Arbeiter wegen Tot-
schlags und verlangte vor ihrer
Aussage AusschluB der Offent-
lichkeit, weil sie sich bedroht
fiihle. Von wem? Eine Frau
habe gesagt: „Warte, du Sau, du
wirst auch noch kaltgemacht."
Welche Frau? Was fur eine
Frau? „Also nicht nur eine Frau
sondern aucb ein Mann!" „Also
ein Ehepaar?"
„Ja, beide haben gesagt, warte,
du Sau, du wirst auch noch kalt-
gemacht." Auch seien ihr Fen-
sterscheiben eingeworfen worden.
Wann ' sind ihr Fensterscheiben
eingeworfen worden? Sind iiber-
haupt Fensterscheiben eingewor-
fen worden? Also, so ganz ge-
nau weiB sie das nicht und geht
dariiber hinweg. „Wenn der
Herr Rechtsanwalt mich so viel
fragtt kann ich iiberhaupt nicht
antworten. ' ' Tr anen.
Die Offentlichkeit wird nicht
ausgeschlossen.
Die blonde Frau ist aus barer
Neugierde mit den Kommunisten
mitgegangen, war mitten drin, hat
alles beobachtet, prima Zeugin
also, Hauptbelastungszeugin der
Staatsanwaltschaft. „Ein Madchen
reichte eine Pistole einem Mann
aus ihrer Bluse. Ich ahnte schon,
daB da j emand totgeschossen
wird." So gehts weiter. Es waren
zwei Trupps, einer, in dem ge-
schossen wurde, und ein Nach-
trupp. Im Schtitzentrupp schos-
sen zwei Leute, die sie in der
Anklagebank bezeichnet, und
zwei weitre waren mit im Trupp.
Glatt und rund, unter Eid, sind
das zwei Todesurteile und zwan-
zig Jahre Zuchthaus, Der Ver-
teidiger Rosenfeld versucht ihr
den Ernst der Lage klar zu
machen, dabei sagt er: „Leider
kam ein Nationalsozialist urns
Leben/' , ,Warum leider ? " sagt
sie, „ich weiB doch, wie sehr eie
sich freuten!"
Ja, sie kann die Kommunisten
nicht leiden, Sie hat einen La-
480
den, und da nennen sie sie Nazi*
kaufmann und boykottieren sie,
und Flugblatter gibt es „Rote
Wacht, habt acht". Alles gegen
sie. Es ist kein angenehmes Le-
ben. Und sie bleibt dabei, zwei
haben geschossen, und zwei andre
waren dabei. Sie erkennt sie,
nach Gesicht, nach Gestalt, nach
Anzug, nach grauer Hose und
blauem Hemd und aufgekrempel-
ten Armeln. Zweifel ausgeschlos-
sen, Und als der Verteidiger Lit-
ten immer eindringlicher fragt,
sagt sie: „MuB ich mir dessen
siifien Schmus weiter anhoren?"
Sie sitzt auf dem hohen Rofi. Sie
weiB alles. „Ich hatt noch welche
festnehmen lassen konnen. Der
Herr Hauptmann hat bloB keine
Zeit gehabt, als ich ihm. Leute
melden wollte." Aber die Rechts-
anwalte fragen weiter, ohne
Gnade und Barmherzigkeit. „So",
sagt sie und springt auf, blond
und dick und voll Wut, „jetzt
werde ich Ihnen auch die Wahr-
heit sagen, jetzt grade. Da hin-
ten stehen noch zwei, die dabei
waren, und die hab ich sogar ver-
haften lassen," Und sie zeigt
auf zwei weitre in der Anklage-
bank : ,(Diese beiden haben am
andern Tag an der Litfafisaule
gestanden und geschimpft, auf die
verdammten Nazis, die ihre eig-
nen Leute totschieBen. Wie kon-
nen die so reden, . habe ich ge-
dacht und habe den Schupo ge-
holt und gesagt, die Beiden waren
auch dabei, und das sind die Bei-
den, die da hinten stehen." Glatt
und rund, unter Eid, sind das
zwanzig Jahre Zuchthaus fur
Tobehn und Kruger, die Manner,
die da hinten stehen. Niemand
bringt sie davon ab. Es sind die
Beiden, die da hinten stehen.
Aber die Beiden, die da hinten
stehen, wurden erst acht Tage
spater verhaftet, und die Beiden,
die siei acht Tage friiher an der
Litfafisaule verhaften lieB, das
waren ein Mitglied eines katholi-
schen Gesellenvereins und ein
Radrennfahrer, die keinesfalls an
diesem Abend bei der SchieBe-
rei dabei waren.
„Das sieht ja nun sehr duster
aus", sagt der Vorsitzende, „und
es wird zu erwagen sein, ob Sie
nicht der Teilnahme am Land*
friedensbruch verdachtig sind,
und nun konnen Sie nach Hause
gehen,"
Und wen wird sie nach der
nachsten Schiefierei an der
LitfaBsaule verhaften lassen?
Das ist Pfanderspiel und nicht
Justiz. Eine hysteriscbe Dame
sagt: „Die zwei schossen." Und
dann kommen die Zwei auf zehn
J ahre ins Zuchthaus. Das ist
Ratselraten, Sherlock Holmes,
Wallace, aber mit einer Justiz
nach den Regeln des Strafgesetz-
buchs hat das gar nichts zu tun.
Wenn schon lettre de cachet,
dann doch lieber von ehrlichen
Haschern des Herzogs als von
der hysterischen Dame im Kauf-
mannsladen, Wir konnen j etzt
alle das schone Spiel spielen,
wenn wir jemanden nicht mehr
leiden konnen: Ich werde dich an
der LitfaBsaule verhaften lassen.
Gabrieh Tergit
Wenn die Soldaten ; . .
T)3ls einzig Bemerkenswerte an
*^ den Herbstmanovern der deut-
schen Reichswehr ist die verbluf-
fende Schnelligkeit, mit der eine
gewisse gutlinksburgerliche ber-
Bner Presse sich auf Kriegs-
berichterstattung umgestellt hat.
Lauter Kreuzzeitungen sind plotz-
lich iiber uns gekommen. Doch
erst wer die rasenden Reporter
so mancher berliner Boulevard-
Zeitung, sich liberschlagend vor
hinreifiender Soldatenspiel-Froh-
lichkeit, leibhaftig vor sich sehen
wiirde, konnte genau ermessen,
wie hier der heiB ersehnte Augen-
blick gekommen 1st, aller Minder-
wertigkeiten ledig, von dem na-
tionalen Kurs wieder als anstan-
diger Mensch betrachtet zu wer-
den,
Je boser das Gewissen, um so
malerischer die Schilderung. Je
weiter bisher links, um so wort-
reicher der Kampfbericht. DaB
„sich die Fronten im nun ange-
brochenen Zeitalter des motori-
sierten Krieges blitzschnell ver-
schieben konnen", findet in der
berliner Presse eine treffliche Be*
statigung.
Die JCreuzzeitung' personlich,
den Griffel fur eine nochmalige
Anderung ihrer Leitdevise am
Kopf des Blattes gespitzt, verkun-
det letzte Wahrheiten; mit kur-
zen, knappen, deutschen Worten
wird aus dem kampfedurchtobten
Odergebiet gemeldet: Majestat,
das Volk steht bereit. „Solda-
tenvolk bleibt im Kern Soldaten-
volk." ,, Ja, wenn die Soldaten . . .,
dann stehen die Madel mit hoch-
roten Back en und die Jungea ju-
beln. Die Manner bekommen
merkwiirdig leuchtendei Auge:i,
ein Denken steht auf ihrer Stirn
geschrieben, als stunde da etwas
auf, was lange verschtittet und
verschwunden schien," „Die Her-
zen der Bevolkeruag schlagen
wieder fur das liebet Hebe Mili-
tar, das abgefeimte auslandische
Rechner und inlandische Nicht-
kenner der Volksseele in den
fluchwurdigen Militarismus um-
falschten." „In rasendem Tempo
brennt der Wille des Fiihrers.
Feldgraue Ledersoldaten — Ko-
bolde der Fhcigkeit — preschen
T "F ^T* Das Ladieln der
I A Jk3 A • Mona Lisa '• 26. Tausend
Ein weiterer Sammelband von Kurt Tucholsky
(Theobald Tiger - Peter Panter - lgnaz Wrobel - Kaspar Hauser)
Neuer verbilligter Preis: Kartoniert 4.80 • Leinenbd. 6.50
In jeder guten Bumhandlung vorratlg . ERNST ROWOHLT VERLAG BERLIN W 50
481
vor. Mehr Menschen jedoch als
Waffcn."
Linksstehehde berliner Journa-
listen, die vor kurzem noch das
entsetzliche Grauen des Krieges
besprachea, wie es einmal in
Kriegsbiichern zu lesen stand,
plaudern jetzt mit kiihn gesuch-
ten Worten von dem ,,hinreiBen-
den Schauspiel, von dem mitreifien-
den Erlebnis, das ihnen der Ober-
gang von kleinen BMW-Wagel-
chen mit motorisierten Pontons
iiber den , nachtlichen FluB ver-
mittelte."
„Schade, da 13 der Krieg nicht
eben so gemiitlich ist", schreiben
ganz Schlaue und glauben, damit
dem Weltgewissen Gemige getan
und den eignen kriegsstarken Be-
richt wieder aufgehoben zu haben.
Reiter sehen braungebrannt aus,
wofern man sie nicht direkt mit
frisch bezeichnen kann, Motorrad-
fahrer sind heranjagende Erkun-
der, der junge Deutsche ist krie-
gerisch, die Fronttruppen sind,
von. einigen Dropsverkaufern auf-
geheitert, bei gutem Humor, wie
alle Fronttruppen, „Die Auf-
gabe der Etappe ist nicht, sich
Sorgen hinzugeben", schreibt die
,BZ am Mittag'.
DaB) „die Infanteriekampfe von
aufierordentlichem Reiz" sind,
wird fiir keinen guten Deutschen,
vierzehn Jahre nach dem Welt-
krieg, etwas Beachtliches oder gar
Neues sein, DaB ..StraRenpan-
zerwagen (selbstverstandlich)
Eisenspitzen sind, die weit vor-
aus in den Feind getrieben wer-
den miissen", wird fiir alte^ Sol-
daten ziemlich neu sein, der
Dichter nennt sie „beschwingte
Kraft einer modernen Winds-
braut", was einem diese Dinger
sofort sympathisch macht,
Dafi Maschinengewehre nicht
nur ein haufiges sondern auch „ein
nervoses Tack-Tack hammern",
verdient Gemeingut der Bevolke-
rung zu werden, und freudig stel-
len die Herren Kriegsbericht-
erstatter fest, daB die Gastwirte
rund um Furstenberg es verstan-
den haben, die Preise ein wenig
aufzuschlagen, „wie das in einer
Etappenstadt so ublich ist",
schreibt die Ullsteinpresse,
482
Die beriiner Presse konnte sich
uberzeugen, daB zu „standigen
Erfolgen die technischen. Mittel
gehoren, und daB die gesamte
Entwicklung die ungeheure Ober-
legenheit zeigt, die Rot durch Mo-
torisierung gegeniiber dem kraft-
fahrzeugarmen Blau besitzt".
Diese besser ausgeriisteten „Streit-
krafte, wie sie alle unsere Nach-
barn besdtzen", ergeben folgen-
des Bild, wie alle Kriegsreporter
belehrt wurden:
„Nicht einmal die Oderlinie ist
zu halten, geschweige denn irgend
welcher langerer Widerstand an
der Reichsgrenze zu leisten, wenn
die bekanntlich zehnfach iiber-
legenen technischen Streitkrafte
gewisser Nachbarn gegen uns ein-
gesetzt wiirden,"
Eine Beunruhigung deswegen
scheint aber nicht notig, denn „da
rennt der Knirps vor die Schut-
zenlinie und kraht was er kann:
, Jetzt bloB keine Angst haben,
jetzt druffV (,Deutsche Zeitung.'J
Fritz Friedrichs
Materialistlsches Ragout
lWfan nehme eine beliebige An-
*** zahl Zitate von Marx,
Engels, Lenin und Stalin, kon-
frontiere diese mit ebensovielen
Zitaten von andern marxistischen
Theoretikern oder von Gegnern,
Halb- und Viertelgegnern des
Marxismus, mische dies schlecht
und recht durcheinander, setze
etwas eignen Senf dazu und
bringe das alles in Buchform —
dann wurde dies etwa ein popu-
lates Lehrbuch des Materialismus
ergeben, das sich beimiht, Lernen-
den die Anfangsgriinde dieser An-
schauungen beizubringei. Von
einem Buch aber, das mit dem
Anspruch auftjritt, nun einmal
„den" Materialismus darzustellen,
wie er wirklich ist, diirfte man
etwas mehr verlangen; besonders
wo wir doch bisher immer wie-
der feststellen muBten, daB es
nicht emen Materialismus gibt
sondern sehr viele — so viele
namlich wie Materalisten,
Wenn da nun plotzlich ein
Parteioffiziosus, Leiter des dem
Namen nach von Miinzenberg
herausgegebenen ,Roten Aufbaus*,
mit einem Buch an die Offent-
lichkeit tritt, das den Titel „Der
dialektische Materialismus" fiihrt,
dann sturzt sich der von
den widerstreitendsten Ansichten
und Darlegungen iiber dieses
Thema Hin- und Hergezerrte
selbstverstandlich mit besonderer
Neugierde auf dieses Werk. End-
lich einmal etwas AuthentischesJ
Was ist denn nun dieser geheim-
nisvolle ,,dialektische Materialis-
mus"? Mit Mtihe grabt man sich
durch die dreihundert Seiten,
muB aber am SchluB konsta-
tieren, daB man doch keine
Aufklarung des Ratsels be-
kommen hat, Gewifi, dieser
erste Band ist der Geschichte
des dialektischen Materialismus.
gewidmet. Trotzdem darf erwar-
tet werden, daB an irgendeiner
Stelle gesagt wird: dies ist er, so
ist er und nicht anders. Davon
kein Wort. Statt dessen eine
disziplinlose Anhaufung von „Wi-
derlegungen" kritischer Einwande,
mit denen ' man nur wenig anf an-
gen kann, weil das Ding selber
nicht dargestellt wird. Und da
der Verfasser unsre nur allzu-
berechtigte Frage nach demWe-
sen des dialektischen Materialis-
mus unbeantwortet laflt, konnen
wir uns hier auch nicht auf eine
Kritik dieser Anschauungen ein-
lassen. (Wen es interessiert, die
knappste Widerlegung des dia-
lektischen Materialismus kennen-
zulernen, der sei nachdriicklichst
auf Leonard Nelsons kleine
Schrift „Die bessere Sicherheit"
verwiesen; Kapitel III enthalt '
alles Notwendige.)
Warum ich aber dennoch das
Buch anzeige? Weil der Ver-
fasser einen wunderschonen Be-
weis fur die hier schon. oft
aufgestellte Behauptung * liefert,
daB die dogmatische Engstirnig-
keit der MateriaHsten einen, gro-
Ben Teil Schuld an der Sta-
gnation der Arbeiterbewegung
tragt. Man lese nur, wie unser
flPhilosoph" da (ubrigens mit
kaum einem eignen Gedanken,
fast nur mit aneinandergereihten
Zitaten der Meister und in einem
Deutsch, das allein schon zeigt,
wie schlecht sein Autor denken
kann — ,,* " das Ergebnis der
Geschichte der Erkenntnis der
Welt" ist nur eine kleine Kost-
probe) einen nach " dem andern
abbtirstet, der bisher geglaubt hat,
er sei- im Besitz des echten Ringes;
Nichts da: Rosa Luxemburg (die
immerhin ihr Leben lieB fur die
Arbeiterbewegung) , Karl Lieb*
knecht (der Gleiches anzufiihren
hat) , Mehring, von Bernstein,
Kautsky, Max Adler und andern
Sozialdemokraten ganz zu schwei-
gen — alle kommen sie unter das
erbarmungslose Messer dieses for-
schen jungen Mannesr der ihnen
die Levi ten liest, als seien sie
dumme Schulbuben.
Und da wundert ihr euch noch,
wenn sich eure Freunde iiber die
Verbohrtheit beklagen, mit der ihr
eure Doktrin handhabt? Marx in
alien Ehren, aber die Welt ist mit
ihm nicht stehen geblieben son-
dern um einige sehr wesentliche
Erkenntnisse reicher geworden.
Wenn man hier nun sehen muBf
wie einer mit den durftigsten Ai-
gumenten etwas zu konservieren
sucht, was im hochsten Grade re-
visionsbedurftig ist, dann wun-
dert man sich nicht mehr, daB
die sozialistische. Revolution in
Deutschland nicht weiterkommt,
trotz alien Wahlerfolgen der KPD.
Wenn das hier die Philosophic
der Partei sein soil — und sie
soil es sein, denn der Verfasser
spielt im Orchester der Partei-
theoretiker die erste Trompete — ,
dann sieht es armlich aus um
diese Philosophie. Wie schola-
stisch, wie dunn, Wie eng, wie
verbohrt ist das alles, welche
Kalte geht davon aus! Wo ist da
revolutionare Glut, die fortreiBen
konnte, fortreiBen konnte vot al-
lem die, auf die es ankommt, die
Jugend?
Auf dreihundert Seiten ntunen
eignen Gedanken bringen, wie ein
Grammophon Zitate hersagen,
dann aber beanspruchen, daB man
allein die richtige Methode
habe, mit meist sehr kttrn-
merlichen Argumenten gegen
jeden kritischen Einwand klaffen,
wie ein Amoklaufer jeden ab-
stechen, der einen solchen Ein-
wand erhebt, seine Motive ver-
dachtigen, ihn von vornherein als
zum f,Vortnipp der konterrevolu-
483
iionaren Bourgeoisie4' gehorig be-
schimpfen, den Bogen der
„Feinde" Mvon den Nationalfas-
cisten bis zum Weltbiihnekreis' '
spannen — wenn dies, ihr Herren
vom ZK, auch nach eurer Meinung
nicht die richtige Mcthode ist,
die revolutionare Front zusain-
menzuschweiBen, den revolutiona-
ren Elan zu wecken und den So-
ziali<smus zum Siege zu fiiliren,
dann nehmt euch bitte einmal
dieses Buch vor und weist den
Verfasser in die ihm gebuhren-
den Schranken.
(Er heiBt Kurt Sauerland, und
sein Buch erschien im Neuen
Deutscben Verlag zu Berlin.)
Walther Karsch
Paula Wessely aus Wlen
erleidet jetzt allabendlich, im
Deutschen Theater, das traurige
Schicksal der Rose Bernd aus
Schlesien. Rose Bernd ist nicht
nur, weil sie schuldlos in Ver-
strickungen gerat, die zu losen
ihre Krafte nicht reichen, eine tra-
gische Figur, sondern auch, weil
sie keine Worte hat, sich und ihre
Not auszusprechen. Sie schweigt
sich in ihr Verderben hinein. Al-
lerdings fehlt ihr der Mensch, zu
dem sie sprechen kdnnte („man
sollte doch eine Mutter h"aben!'\
sagt sie selbst einmal) . Von Streck-
manns erpresserischen Attacken
dem Leutnant Flamm etwas mit-
zuteilen, das bringt sie wohl aus
Zartgefuhl fur das Gefuhl, das sie
mit diesem verbindet, nicht uber
sich; und beim Pfarr^er scheint sie
nicht gewesen zu sein.
Hochst eindrucksvoll macht
Paula Wessely das nicht Ge-
wollte sondern Auferlegte solcher
Stummheit der Kreatur (der zum
Schreien ist) deutlich. Darum
wirkt dann auch ihr Abwerfen
der Stummheit nicht als Tempera-
mentsausbruch. Es ist vielmehr so,
als gerate da, unterm Druck der
Verzweiflung, ein Mensch aus
seiner ihm eingeborenen seeli-
schen Form, aus der „Fassung",
die ihm gegeben wurde, und die
ein Teil dessen ist, was wir seine
Natur nennen,
Diese j unge Schauspielerin
Paula Wessely, in deren Stimme
484
und Antlitz Weichheit und Ener-
gie ineinanderflieBen, hat dia
Gabe, was sie spielt, ihremWesen
so zu verschmelzen, dafi kein
Rest von Nur-gespieltem iibrig
bleibt. Auf ihrer Kunst, die das
durchaus ist, ruht der Segen der
Selbstverstandlichkeit. Sie trifft,
vermutlich, aus dem UnbewuBten
das Richtige, aber wie sies
macht, wie sie etwa ihre Rose
Bernd beginnt (und fast zwei
Akte durchhalt) , sparsam in
Spiel und Ton, frei nach alien
Moglichkeiten der Entwicklung
hin; das ware kaum moglich
ohne die; Mithilfe eines sehr
exakt fiihrenden und ordnenden
Verstandes, eines, sozusagen, in-
neren Regisseurs von unbeirr-
barer Weg- und Zielsicherheit.
Dabei ist Fraulein Wessely eine
redliche Verstellerin, die sich
selbst in den guten Glauben an
das, was sie vortauscht, hinein-
spielt; und so der Theater-
Gestalt eine Wahrheit gibt, die
sich auch dort durchsetzt, wo
ihr der Dichter nur Wahrschein-
lichkeit oder nicht einmal diese
gegeben hat.
Was fur eine urgesunde, ur-
spriingliche Begabung Paula Wes-
sely ist und wie rein die Farben
ihres Talents sind, das zeigt sich,
wenn sie in heller Lustspielson.ie
steht, Sie hat soviel echten Hu-
mor wie echtes Gefuhl und gleich
kraftige Ausdrucksmittel fiir je-
nen wie fiir dieses- Hoffen wir,
daB Berlin den Enthusiasmus,
mit dem es sie empfangen hat,
nicht allzu fruh an ihr rachen
wird' Alfred Polgar
Elisabeth Bergner
Hat nicht Rudolf Arnheim bei
seiner Besprechung des
Films „Der traumende Mund"
der Elisabeth Bergner Unrecht
getan? In diesem neuen Film ist
Elisabeth Bergners Spiel fern der
Unnattirlichkeit, der Unehrlich-
keit. Sie ist ein ewiges Kind, ein
Kind dem Herzen nach. Ihre Gaby
ein kostbares, bezauberndes , Ge-
schopf mit dem Segen und auch
mit dem Fluch des Kindes, fest
verankert bei ihrem vaterlichen
Peterle, diesem Gatten, dem auch
nicht ein Zug des narrisch ver-
liebten Papas fehlt Sie verankert
sich in diescr liebevollen Freund-
schaft, in ihren Launen, in den
kleinen Dummheiten des AUtags,
denn sie ftirchtet ihr eigenes voi-
les Erbltihen, sie ftirchtet das
dunkle Meer der Leidenschaft, sie
ftirchtet die Liebe, weil sie ahnt,
dafi sie eine def groBen Lieben-
den werden wird, die die Liebe
allzusehr lieben, Sie flieht vor
der Liebe wie das Reh vor dem
Jager, sie trotzt ihr wie ein Kind,
dem man das, was man ihm ver-
sprochen hat, auch halten muB.
Sie versucht mit ihr zu spielen,
wenn sie ihr schon verfallen ist,
sie erliegt ihr, sie wird von dem
Konflikt der Leidenschaft be-
schmutzt, sie! geht davon, „sich
den Dreck abzuspiilen".
Elisabeth Bergner gibt der Fa-
bel eine Verhaltenheit, eine bit-
tersiifie Tragik selbst im Tolpel-
spiel, die wehe Lieblichkeit einer
von Anbeginn Gezeichneten. Die
Bergner ist eine grofie stille Tra-
godin, eine Tragodin aus Ham-
suns Reich. Nur einmal versagt
sie: in der Tanzszene, schade, ein
schwarzer Fleck auf ejnem schim-
niernden Bilde, Dort ist sie ge-
kiinstelt, unfrei. Warum? Weil
ihr diese Szene wider die Natur
ist? Das darf kein Grund sein.
Ihr Versagen ist ein Ratsel, hof-
fentlich lost sie es im nachsten
Film. Ein Ratsel, das durch un-
gunstiges Schminken, schlechte
Tonaufnahme noch peinlich unter-
strichen wird.
Aber vergessen wir diese Szene,
erinnern wir uns an ihre Augen,
an denen die Seele, der Korper
hangt. Musik ist wohl noch nie
optisch so eindringlich und schon
dargestellt worden wie durch
diese Augen, dieses Profil, dieses
kluge, ernste Kindergesicht,. das
die Musik trinkt, aufsaugt, kurz:
das ewige Unsagbare, namlich das
Erlebnis der Kunst, sichtbar
macht. Elisabeth Bergner ver-
webt ihren Film mit Musik :
Beethovens Violinkonzert, Tschai-
kowskys WaJzer, Tristan IL Akt.
Ein kuhnes Unterfangen, sie wagt
es, und es entsteht keine Disso-
Erich Holmsen
Auch eine Tragik
Wtr sind nicht Gotter, Heroen.
Die flohen langst aus der Welt.
Wir sind nur HackerndeLohen,
die auszuloschen drohen,
umeinander aufgestellt.
Wir tehen uns scharf auf die Finger,
und sehen nicht in uns hinein.
Wir lind nicht Himmelsbezwinger,
nicht einmal Selbstdurchdringer.
Wir sind nur meist allein.
Wir essen Kompott und Suppe.
Wir tun, als wfichsen wir groB.
Im Meer auf einer Schaluppe
ist jeder angstwachserne Puppe —
die Hande zittern im Schofl.
Wir s tehen auf tummelnden Platzen.
Das Leben rauscht wie Verkehr.
Wir suchen in Wolken nach Scb&tzen.
Wir m&hn uns und mochten uns setzen
und konnen es nicht mehr.
Helmut Flieg
Kleines Lehrstuck der Zensur
^eulich horte ich in Paris einen
* * Satz, der mir ein Schulbei-
spiel fur Polemik scheint,
Ein alter. Volkssanger stimmte
vor einer Cafehausterrasse sein
Lied an und argerte gewaltig
einen hohern Offizier, der ihn an-
schnauzte, er solle sich fort-
scheren.
per alte Sanger hielt inne, ver-
beixgte sich, blickte dem Militar in
die Pupille und sprach: ,tHerr
General 1 Ich habe den groBten
Respekt vor der glorreichen Uni-
form unsrer prachtigen Armee.
Abgesehen davon, sage ich Ihnen:
merde!" Wflftff Mehring
p\ie unbeschreibliche Lebensfreude und Sicherheit, die aus der
L/ aktiven Erfassung der Bflcher von B6 Yin Ra sich gewinnen
lafit, ist kein Privileg eines abgeschlossenen Kreises. Sie ist
jedem nfichtern und unbefangenen Menschen zuganglich. Eine
vorzQgliche Einfuhrung ist das neueste Werk „Der Weg
meiner Schiiler". Jede gute Buchhandlung filhrt es. Laden-
preis RM. 6.—. Kober'sche Verlagsbuchhandlung (gegr. 1816),
Basel-Leipzig.
485
Der entzflckende Mord
1^ urzlich kramte ich in alten
*^ Papieren. Dabei fiel mir ein
vergilbtes Zeitungsblatt in die
Han.de, das das Datum 2. Juni
19i5 trug.
Damals hat also ein miinchner
Padagoge, Herr Hans Plecher,
eine Klasse von zwolf- bis fiinf-
zehnjahrigen Schulkindern auf
„Wehrfreudigkeit" geprtift.
Lebrer: Warum ftihren wir
Krieg? Ein Knabe: England bat
gehetzt, auch ist in Oesterreich
der Thronfolger ermo}rdet wor-
den.
Lehrcr: Was gefallt Dir am
besten am Krieg? Ein Madchen:
Mir gefallt am besten am Kriege,
wenn unsre Helden mit blumen-
geschmuckter Brust ihre Heimat
verlassen, urn im Feindeslahd ibr
Blut fur uns zu verspritzen.
Lehrer: Was wurdest Du tun,
wenn Du mit in den Krieg ziehen
mufttest? Ein Knabe: Ich wtirde
alle totschlagen, keinen erschie-
Ben.
Lehrer: Was ist in Deinen
Augen der Krieg? Ein Madchen;
Ich halte den Krieg fur einen
entzuckenden Mord.
Lehrer: Warum werden wir
Sieger bleiben? Ein Knabe:
Unsre Soldaten stiirmen so mu-
tig vort und die meisten haben
auch einen Rosenkranz mit oder
ein Gebetbuch.
Der Herr Oberlehrer ist sehr
zufrieden und schliefit seinenBe-
richt mit den Worten: „Ich bin
der Oberzeugung, dafi ein zukiinf-
tiger Krieg ein ebenso starkes
und; vor alien Dingen ein ebenso
wehrfahiges Geschlecht in
Deutschland finden wird wie der
gegenwartige Krieg/*
Das also war die „Mentalitat'*
deutscher ( Schulkinder in der
ngrofien'1 Zeit.
Und heute?
Wenn man die Enquete des
Padagogen Griinewald uber die
Stellung der Schulkinder zu Po-
len durchmustert, muB man er-
schiittert feststellen: alles ist ge-
blieben, wie es war! Von den
befragten Schulkindern der Ost-
486
mark haben 92 Prozent geantwor-
tet, dafi sie Polen hassen, Zwi-
schen diesem HaBgefuhl und dera
EntschluB zu einem neuen 1(ent-
ztickenden Kriege" liegt nur ein
einziger Schritt.
Rubra
Der Regierung ins Stammbuch
ps ist eine schlechte Ehre, uber
" Bettler zu herrschen, und
viel ruhmwurdiger, wenn man
reichen Untertanen befehlen
kann , , .
Vom Kriegfiihren halte ich
nichts, es bringt nichts Gutes . . .
Die Armen nehmt in Euren
Schutz, Ihr werdet Euren Ftir-
stenthron nicht besser befestigen
konnen, als wenn Ihr den Unter-
drtickten helfet, wenn Ihr den
Reichen nicht nachsehet, dafi sie
den Geringern tiberwaltigen, und
wenn Ihr Recht und Gesetz wi-
derf ahren laBt , . .
Vergesset nicht, den Adel im
Zaum zu halten, denn dessen
Ubermut verubt viel Boses. Straft
sie, wenn sie die Gesetz e und
Landesprdnungen tibertreten, und
lasset ihnen nicht zu, dafi sie J.e-
mand wider die Gebuhr beschwe-
ren konnen , . ..
Liebster Prinz, ich hinterlasse
Euch ein grofies Land, allein es
ist kein deutsches Fiirstentum, in
dem mehr Zank, Mord und Grau-
samkeit im Schwange gehen als
in unsrer Mark. Wehret doch
solchem Unwesen und schaffet,
daB Eure Untertanen liebreich
und sanftmutig bei einander woh-
nen.
Aus dem Testament des Kur-
fursten Johann Cicero
von Brandenburg an Joachim L
Humor der Woche
In Kiel wurde dieser Tage die
* Nationaldemokratische Parter
(NDP) gegrundet. Die neue
Partei will unter Betonung des
nationalen Gedankens alle re-
publikanisch-demokratischen, an.
der Privatinitiative festhaltenden
aufbauenden Krafte sammeln, die
die kollektivistische wie auch die
kapitalistische Idee ablehnen.
Antworten
Deutsche Prasidialpartei, Auf dich haben wir schon lange ge-
wartet, du gehorst zu Papen wie die Union pattriotica zu Primo de
Rivera gehorte, auch wenn der Reichskanzler dich nur als sein
illegitimes Kind gelten lassen will. Deine Griinder sind die be-
kannten Poiitiker Hans Georg Heye und Kurt von der Mehden aus
Hildesheim. Die boswilligen Behauptungen, die beiden Herren seien
dort Redaktionsvolontare, hat Herr von der Mehden dementiert; er
ist schon Redakteur. Herr Heye hat nicht dementiert, er scheint also
tatsachlich noch in dem Alter zu sein, in dem man seinen Beruf erst
erlernt. Das ist beileibe keine Schande fur dich, dean was braucht
man eigentlich zu lernen, um in Deutschland eine Partei zu grtin-
den und obendrein eine Prasidialpartei? Aber bist du dir auch be-
wuBt, nun in Idealkonkurrenz zu Hugenberg zu stehen, dessen Deutsch-
nationale ebenfalls zur Prasidialpartei geworden sind? Denk mal,
zu deren Organen gehort sogar das Ufa-Magazin, wahrend du nur
iiber ein Blatt in Hildesheim verfiigst. Jedoch unser patriarchalischer
Reichskanzler, der mit christlich-konservativer Liebe das ganze
deutsche Volk betreut, wird auch fur dich sorgen. Wahler kann er
dir allerdings nicht verschaffen, aber vielleicht wird er wenigstens
etwas fiir deine Griinder tun. Junge Leute konnen immer Protektion
brauchen. Als Motto empfehlen wir dir: „Aller Segen kommt von
oben."
Konigsberger Allgemeine Zeitung. Die historische Wahrheit
scheint dir sehr im Magen zu liegen. Sonst konntest du nicht einen
gegen die deutschen Rassefanatiker gerichteten Artikel der ,Welt-
biihne' aus der Feder Hans v. Zwehls in eine Presseoffensive des
Dreibundes Frankreich-Polen-Weltbuhne gegen OstpreuBen um-
falschen. Natiirlich widerlegst du die von Hans v. Zwehl angefuhrten
Tatsachen nicht. Sie sind unwiderleglich. Erregt bestreitest du nur, dafi
die Pruzzen ein slavischer Stamm gewesen seien. Du behauptest, es
handle sich bei ihnen um einen baltischen Stamm. Wichtigkeit! Dafi
sie keine Germanen gewesen sind, kannst du nicht leugnen. Daraui
aber kam es Hans v. Zwehl in seinem Anti-Rasseartikel lediglich an.
Jeder gute Deutsche mufi sich freuen, daB die Mischrasse ostlich
der Elbe unter dem EinfluB der deutschen Kultur so gut deutsch ge-
worden ist. Dir scheint es, wie Hitler, nur auf das „Blut" anzu-
kommen. Uns kommt es auf Gesinnung und Leistung an.
Professor Gumbel. Die Erklarung, die eine Anzahl von Pro-
fessoren gegen Ihre Mafiregelung erlassen haben, hat inzwischen neue
Unterschriften gefunden. Wir finden unter den Unterzeichnern: Ernst
v. Aster, Albert Einstein, -Max Goldschmidt. Carl Griinberg, J. Jastrow,
Franz Keller, Theodor Lessing, Franz Oppenheimer, Paul Oestreich,
Arthur Rosenberg, Levin L. Schiicking, Anna Siemsen, Oskar Stillich,
Ferdinand Tonnies, R, Wilbrandt und andre.
Deutsche Zeitung. Du versuchst, die franzosische Ankundigung,
notigenfalls mit Material iiber deutsche Illegalitaten herauszukom-
menf dadurch zu bagatellisieren, dafi du erklarst, kern Mensch werde
„dies mutmafilich aus ganz obskuren Spitzelberichten zusammen-
gedichtete Material ernst nehmen". Haltst du das Reichsgerichtsurteil
gegen Carl von Ossietzky fiir einen obskuren Spitzelbericht?
Fran F. B. in Warneiniinde. Ihre evangelische Gemeinde hat sich
von Pastor Beyer unter dem Titel „Christentum und Nationalsozia-
lismus" einen Reklamevortrag fur Hitler halten lassen. Dabei hat sich
die! Hakenkreuzpartei die Behauptung geleistet, das ..positive"
Christentum stehe im scharfsten Widerspruch zum Pazifismus, der
nicht aus dem Christentum stammec sondern aus der Aufklarung und
mit dem burgerlichen Humanitatsideal identisch sei. Das „ positive"
487
Christentum des • Herrn Pastor Beyer scheint demnach identisch zu
sein mit Hitlers Inhumanitatsideal,
Ulustrierter Beobachter, Aus deiner Partei teilst du mit; „Vor
wenigen Wochen erst haben Pg. Bitter und Rudolf Kahn, Holzminden,
sicb entschlossen, einen Hundetrupp auszubilden und in Dienst zu
stellen. Als vorziiglich geeignet wurde der deutscbe Schaferhund be-
fiinden , , . Wenn eine SS-Abteilung mit gut arbeitenden Hunden
marschiert, werden KPD und Rotmord bald die Freude an feigen
Uberfallen verlieren." Waren fur euren Parteizweck die Bluthunde*
die man einst in Amerika zur Jagd auf entflobene Sklaven zuchtete,
nicht noch geeigneter als die deutschen Schaf erhunde, die auf Katzen
scharfer zu sein pflegen als auf politische Gegner?
Apotheker in Ochtrup. Nacb Pressemeldungen gab es in Ihrem
Stadtchen auBer Ibnen nur nocb ftinf tatige SA-Leute, Jetzt sind
Ihre vier Mitkampf er wegen Bandendiebstahls verhaf tet worden, Der
Starke ist am machtigsten allein! Wir nebmen an, dafi Sie den Fein-
den des Dritten Reicbs noch mancbe bittre Pille zu schlucken geben
warden.
£. C. in Lien. Sie schicken uns das JCasseler Sonntagsblatt' mit
den ulkigen Angriffen gegen Hellmut v. Gerlach — der sich ubrigens
nie Hello v. G. genannt bat, Das Blattlein, das die Hauptlektiire der
Landbewohner Hessen-Nassaus darstellt, strotzt gleichermafien von
Frommigkeit und Ignoranz, Selig sind, die geistig arm sind, Es
ware unbillig, von Verlogenheit zu sprecken. Die Leute wissen es
nicht besser,
E. J- in Schwerin. Wir haben mit Vergnugen davon Kenntnis ge-
noramen, daB Ihr nationalsozialistischer ,Niederdeutscher Beobachter'
seinen Leitartikel vom 15. September also beginnt: MAuch eine Bullen-
schau kann Ausgangspunkt politischer Gedanken sein." Besonders
nattirlich in einem Lande, das mit Recbt den Ochsenkopf imWappen
tragt.
Rote Hilie. Da unter deh gegenwartigen Zustanden die Zahl der
von euch betreuten Gefangenen immer groBer wird, reichen die Be-
stande eurer Bibliothek nicht mehr aus, urn den Lesehunger der In-
haftierten zu befriedigen. Ihr sprecht daher die dringende Bitte aus,
jedes verfugbare Buch eurer Gefangenenbibliothek Berlin NW 7,
Dorotheenstr. 77/78, zu iibermitteln.
Ralph Beaver Strassburger-Stiftung in Deutschland. Bewerbun-
gen um den Preis des nachsten Jahres werden jetzt entgegengenommen,
Es kommen hauptsachlich Arbeiten politischer, wirtschaftlicher oder
soziologischer Art, aber auch literarische Werke in Frage, die der
Forderung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Ver-
einigten Staaten von Amerika und Deutschland dienen und im letzten
Jahr erschienen oder entstanden sind. Bewerbungen sind zu richten
an Doktor Rudolf Kayser, Berlin-Schoneberg, Nymphenburger Str. 2.
Dieser Nummer Hegt eine Zahlkarte fur die Abonnenten bei, auf
der wir bitten,
den Abonnementsbetrag fur das IV. Vierteljahr 1932
einzuzahlen, da am 10. Oktober 1932 die Einziehung durch Nachnabme
beginnt und unnotige Kosten verursacht,
Manuakripte und nur an die Redaktion der Weltbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 152, zu
richten ; es wird gebeten, ihaen Ruckporto beizulegen, da sonst keine Rucksendung erfolgeo kann.
Im Falle hoherer Gewalt oder Sireiks haben unsere Bezieher kelnen Anipruch auf Nachlieferung
oder Erstattunj des entspredienden EntgelU.
Das AuffQhrannrecht, die Verwertun; tod Titelnu. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechnnUche Wiedergabe slier Art and die Verweifang im Rshmen von Rsdlovortrageh
bleiben fUr mile In der Weltbtthne erscheinenden BeitrSg e ausdruckUch vorbehslten.
Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet. — Verant wort lich : Walther Karsch, Berlin.
Verlag der Weltbuhne, Siegfried Jacobsohn & Co., Charlottenburg.
Telephon: Cl, Steinplatz 7757. — Postschedckonto.* Berlin 11958.
Bsnkkonto; Dresdner Bank. Depositenkasse Charlotteaburg, Kantstr. 112.
XIVULJahrgang 4. Oktober 1932 Nnmmer 40
Oberall LinksrUCk von Hanns-Erich Kaminski
Oeltsame Nachrichten kommen aus Italien, Seit Monaten schon
IaBt Mussolini keine Gelegenheit voriibergehen, ohne zu er-
klaren, er wiinsche den Frieden und die Abriistung, die Voraus-
setzung einer neuen Prosperity sei die Niederlegung der Zoll-
schranken und jede Adtarkie bedeute wirtschaft lichen Selbst-
mord. Jetzt hat er einem Mitarbeiter der radikalen tRepu-
blique' em Interview gegeben und darin um Verstandnis bei der
franzosischen Link em geworben, die doch aufs engste mit den
italienischen Emigranten verbunden ist; der Fascismus,, sagte
er, stehe der Demokratie viel naher als der Reaktion. Aucb
von dem bisher verhatschelten Nationalsozialismus ist der Duct
in letzter Zeit abgeriickt. Ja, die; fascistischem Gewerkschaft*
ler fiihren neuerdings eine gradezu sozialrevolutionare Sprache,
Mussolini IaBt die Vierzigstundenwoche diskutieren, und die
Lohne der Landarbeiter hat er in mehreren Fallen herauf-
gesetzt, ohne sich um den Einspruch der Arbeitgeber zu kum-
mern.
Die Behauptung, das alles sei nur die Fortsetzung der seit
jeher vom Fascismus betriebenen Politik, ist einfach unwahr,
Tatsachlich fiihrt Mussolini einen Verzweiflungskampf, nicht
nur gegen die Krise sondern um seine Existenz, und mit der
letzten Umgestaltung seiner Regierung hat er einen ganz neuen
Weg eingeschlagen> Bis jetzt ist es ihm trotzdem nicht gelun-
gen, der Schwierigkeiten Herr zu werden. Es wird wieder ge-
streikt, obgleich die Zeitungen dariiber nichts berichten; be-
sonders die Landarbeiter im Potal — die einzigen Landarbei-
ter der Erde mit gewerkschaftlicher Traditiom — sind in Be-
wegung. Sechstausend politische Gefangene befinden sich in
den Gefangnissen und auf denVerbannungsinseln, sechstausend
Agitatoren hat man also gefaBt, und die unterirdische Oppo-
sition dehnt sich immer weiter aus. Daran iibertriebene Hoff-
nungen zu knupfen, ware falsch. Aber es riihrt sich in Italien,
und/ die Diktatur kann sich nicht mehr mit polizeilichen MaB-
nahmen begniigen sondern muB politische und soziale Anstren-
gungen machen, die im Grunde schon Zugestandnisse sind.
Nicht anders ergeht es der Diktatur des jugoslawischen
Konigs, Auch Alexander hat seine Regierung umbauen und
immer mehr Wasser in den Wein seines ursprunglichen Pro-
gramms tun mussen. Dennoch wird die Opposition immer star-
ker und sichtbarer, sie existiert nicht nur in Kroatien, sie hat
langst auch Altserbien ergriffen, selbst das Offizierskorps ist
durchsetzt mit Geheimorganisationen. Nur der furchtbarste
Terror vermag den Bestand des Regimes noch zu sichern, ohne
seine Bedrohung voliig verschleiern zu kqnnen.
Nun ist es freilich schwierig, die Verhaltnisse in diktato-
risch regierten Landern zu beurteilen und den Umfang der in
ihnen vorhandenen Opposition richtig einzuschatzen, Ganz ahn-
liche Tendenzen wie in Italien und Jugoslawien zeigen sich je-
doch auch liberatl dort, wo es ein offentliches Leben gibt und
wo man die Stimmung besser kontrollieren kann.
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In Rumanien hat der Konig auf scincn Versuch, ebenfalls
Diktator zu spielcn, bcreits vor einiger Zeit verzichtct. In
Gricchenland ist der Angriff dcr Royalisten auf den Staat ab-
gcschlagcn wordcn. In Bulgaricn befindet sich die Linke deut-
lich im Aufstieg, in Sofia haben die Kommunisten sogar die
absolute Mehrheit erobert. Selbst in Ungarn h6rt man zum
ersten Mai nach Jahren wieder etwas von einer Opposition;
zwar ist die Regierung Gombos noch reaktionarer als ihre
Vorgangerin, aber lange wird die unbeschrankte Herrschaft
der Magnaten jedoch nicht mehr dauern; die Mittelparteien
sind der Macht schon sehr nahe.
Auch in England ist der Rausch der nationalen Einigung
bereits verflogen. Die Liberalen sind aus der Regierung aus-
getreten, und die Nachwahlen ergeben wachsende Stimmziffern
fur die Oppositionsgruppen. Vielleicht wird das nachste Er-
gebnis dieser Entwicklung sein, daB die nationale Regierung
ihr konservatives Gesicht noch mehr als bisher enthullt Aber
dam it wiirde das Feld fiir eine Opposition, die zunachst normal
funktionieren und spater siegen kann, nur geebnet werden.
Ahnlich wie in Europa liegen die Dinge jenseits des Oze-
ans. In Slid- und Mittelamerika kampfen die Volker in alien
Staaten gegen die Diktatoren, und wenn an ihre Stelle auch
meist andre Diktatoren treten, ist das Auftauchen mitunter
sehr weit linksstehender Ideen in alien diesen Revolutionen
unverkennbar. , SchlieBlich ist auch die Reaktion in den Ver-
einigten Staaten in, die Defensive gedrangt. Die oppositionel-
len Demokraten sind zwar kaum weniger reaktionar als die
herrschenden Republikaner, jedoch um eine Nuance haben sie
immer ein wenig mehr links gestanden, und heute sammelt sich
um sie alles, was nach Erneuerung strebt.
Wohin man blickt, iiberall ist die Reaktion auf dem Riick-
zug. In Spanien, Frankreich und Schweden ist sie bereits ge-
schlagen,
Mit alledem soil nicht etwa gesagt sein, daB eine neue
Weltrevolution, anbricht. Selbst die Bezeichnung ,,Linksruck"
ist vielleicht fiir das, was vorgeht, schon iibertrieben. Sicherist
allein, daB die riickschrittlichen Machte, die wahrend der letz-
ten Jahre in nahezu alien Landern der Erde gesiegt hatten, an
Baden verlieren und daB ihre Gegner wachsende Chancen er-
halten. Die Wirtschaftskrise, mit der die Verteidiger des Alt-
hergebrachten nicht fertig werden, ist dabei selbstverstandlich
der Schrittmacher der Linken.
Und Deutschland? 1st es psychologisch ebenso isoliert
wie politisch? Inmitten einer Welt, die sich einheitlich, wenn
auch mehr oder minder langsam, von der Umklammerung durch
die Gestrigen lost, ist es gegenwartig das einzige Land, wo
die Reaktion machtiger ist als jemals seit dem groBen Krieg.
Aber am Ende beruht das auf einer Tauschung, und die Rechte
erscheint starker als sie tatsachlich ist?
Die Nazis haben ihren Hoh-epunkt zweifellos iiberschrit-
ten. Ihre revolutionare Unschuld haben sie durch die Ver-
handlungen mit dem Zentrum und ihren plotzlich erwachten
Parlamentarismus verloren. Abgesperrt vom Industrieprole-
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tariat, das sic jetzt bestimmt nicht mehr crobern werden, in
Feindschaft zu der regierenden alten Herrenkaste, haben sie
keine Aussicht mehr, ihren Traum von einer die ganze Nation
umfassenden Bewegung zu verwirklichen. Das Dritte Reich,
an dessert Schwelle wir doch angeblich schon standen, ist in
die Feme geriickt wie jeder andre messianische Glaube. Der
„Fuhrer" wird gliicklich sein, wenn er im November nicht zu
viele Wahler verliert.
Aber auch der augenblicklich herrschende Teil der Rech-
ten ist nicht so stark wie er sich gibt, und die gesunde Farbe
seiner Wangen ist nur Schminke. Die Treuhander der Indu-
strie und der Landwirtschaft liegen sich bereits in den Haaren,
sogar zwischen dem Landwirtschaftsminister von Braun und
dem Wirtschaftsminister Warmbold soil kein ganz briiderliches
Einvernehmen herrschen. Und wer sich in den nun wieder re-
gierenden Kreisen nur ein biBchen auskennt, kann sich leicht
vorstellen, daB die englische Note ahnlich gewirkt haben wird
wie 1914 die englische Kriegserklarung, bei deren Empfang
Bethmann erschiittert und Moltke ratios war und Wilhelm
einen Weinkrampf bekam. Die Herren treten gewiB alle sehr
schneidig auf, ihre Reden sind kraftvoll und ihre schriftlich ge-
gebenen Interviews noch kraftvoller, sie haben weittragende
Ideen, aind sie fassen energische Beschliisse. Jedoch wer genau
hinhort, der hort deutlich in den starken Worten einen leisen
Ton von Unsicherheit mitklingen, auch wenn er in den kli-
schierten Satzen kaum vernehmbar ist; und wer naher zusieht,
der sieht, daB die mutigen Beschliisse nicht ohne Zaghaftigkeit
durchgefiihrt werden, auch wenn man der laufenden Maschine
nicht gleich anmerkt, daB die Bremsen angezogen sind.
Unsre Diktatoren — die es schon sind wie die es erst wer-
den mochten — sind gar keine Diktatoren, sie tun bloB so. Sie
bevorzugen die harte Geste, denn sie haben beobachtet, daB
es gefallt, wenn man das Gesicht in strenge Falten legt und die
Peitsche schwingt, aber eigentlich fuhlen sie sich nicht wohl
dabei und sehnen sich nach der Idylle. Sie mochten alle Vater
des Vaterlandes sein, patriarchalisch den Untertanen bald Ge-
schenke bald Strafen austeilen und von artigen Kindern dafiir
dankbar geliebt werden. Jeder von ihnen ist ein Jupiter
tonans, aber wenn.es wirklich donnert, fahren sie zusammen,
und wenn sie die Verantwortung in einer htibschen Koalition
unter Hindenburgs Agide aufeinander abwalzen konnten, wa-
ren sie heilfroh.
Ein Vierteljahr hat ausgereicht, um Papen zu verbrauchen,
und die andern Diktatoren und Diktaturanwarter stehen auch
nicht mehr ganz fest auf den Beinen. Die Linke hat dagegen
den Augenblick der tiefsten Miitlosigkeit iiberwunden, nur
geschieht leider nichts, um ihre latente Opposition zu akti-
vieren und zu fiihren.
Fiinf Wochen vor den Wahlen wissen Hunderttausende
noch nicht, wem sie diesmal ihre Stimme geben sollen, weil
sich keine Partei ernsthaft um sie bewirbt. Freilich, derWahl-
kampf hat noch nicht begonnen. Jedoch der grundlegende
Irftum ist eben zu glauben, es geniige, im Laufe weniger
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Wochen PLakate ankleben, Flugblatter vertcilen und Redcn
halten zu lassen, Mit solchen Mittcln kann man allcnfalls der
Nachbarpartei ein paar Stimmen abtreibcn; den Gegner er-
schtittern und groBere , Massen aus seinera Lager heriiber-
Ziehen, kann 'man damit nicht.
Die Logik der Ereignisse, die die Welt nach links treibt,
kommt der Linken auch in Deutschland zugute. Doch da nie-
mand nachstoBt, fallt, was fallen muB, bei uns langsamer als
notig, und das Allerschlimmste ist, daB ihm niemand' die Rich-
tung weist.
Papens agrarischer Standestaat
von Hellmut v. Gerlach
Am 25. September brachte die .Deutsche Tageszeitung', das
^^ Organ des Reichslandbundes, einen begeisterten Artikel zu
Ehren des Junkers Ludwig v. d. Marwitz und seiner „weit~
blickenden Fronde". Der Artikel schloB:
Der preuBLsche Adel darf stolz sein auch auf diesen; Mann, der
ein Jahrhundert voraus dachte, wahrhaft adlig handelte und eisern
auf dem als richtig erkannten Posten stand. Auch von; den Standes-
genossen haben damals nur wenige seinen Wert erkannt und ihn ge-
stutzt. Mogen dafiir jetzt, im Jahre des Kampfes 1932. viele deutsche
Menschen, aus seinen Schriften und seinem Leben Beispiel und Kraft
schopfen, zum Aufbau des neuen Staates!
Der Reichslandbund ist der nachst dem Stahlhelm ge-
Ireueste Schildknappe der Regierung Papen. Wenn sein Organ
jctzt Herrn v, d. Marwitz als einen Mann feiert, der ein Jahr-
hundert voraus dachte, und seine Tatigkeit als beispielgebend
fiir den Aufbau des neuen Staates preist, so lohnt es sich, auf
diesen Marwitz wenigstens einen fliichtigen Biick zu werfen.
Am 9. November 1807 hatte Freiherr vom Stein seinen
Konig zu jenem ewig denkwiirdigen Edikt veranlaBt, das in
dem Satze gipfelte: t1Nach dem Martinitage 1810 gibt es nur
freie Leute". Damit war die Erbuntertanigkeit der Bauern atf-
gehoben, die Zwingherrschaft der Junker gebrochen.
Eine wilde Fronde der Junker erhob sich. Fiihlten sie sich
doch in ihren heiligsten Geldbeutelinteressen getroFien, wenn
sie zum Beispiel nicht mehr, wie es in dem Votum des preuBi-
schen Justizministeriums vom 9. Marz 1810 heiBt, auf Grund
des Brauzwanges ..schlechtes Bier brauen und die Bauern
notigen konnten, es fiir gutes zu trinken". Die Ritterguts-
besitzer OsfpreuBens schrieben dem Konig, daB sie von der Re-
organisation des Staates „das Verderben des Vaterlandes" be-
fiirchteten. Und die Rittergutsbesitzer des Kreises Stolp in
Kinterpommern schlossen ihren Protest an den Konig mit dem
Satz: „Unsre Giiter werden fiir uns eine Holle werden, wenn
unabhangige bauerliche Eigentiimer unsre Nachbarn werden".
Das sozusagen geistige Oberhaupt der Fronde war Herr
Ludwig v. d. Marwitz auf Friedersdorf in der Mark. Er liefi
am 9. Mai 1811 in Frankfurt a. d, 0. eine letzte Vorstellung des
lehusischen Kreises, dem sich der beeskowsche und
storkowsche anschloB, an den Konig beschlieBen, Darin er-
klarten die Herren Junker,
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fldaB wir unserer wohlerworbenen und festbegriindeten Gerecht-
same uns nicht begeben haben, sondern sie solange noch als be-
stehend betrachten, bis Ew. K. M. gef alien wird, iiber diejenigen unter
denselben, die dem allgemeinen Wohl zuwiderlaufend erscheinen
mochten, Vertrage mit uns abzuschlieBen und sie solchergestalt auf
gesetzlichem Wege zu losen."
Man sieht, in Hcrrn v. d. Marwitz und seinesgleichen war
der Geist jener Kockeritz und Liideritz, jcner Itzenplitz und
Kracht wieder aufgelebt, die einst ihre Raubritterrechte gegen-
iiber dem Monarchen in Berlin wie einen rocher de bronze zu
stabilieren versucht hatten. Die lebusischen Stande beschul-
digten ihren Konig des Gesetzesbruchs und sprachen ihm das
Recht ab, die Bauern durch Gesetzesakt freizumachen. Sie
sprachen ihm nur das Recht zu, mit ihnen, den Standen, Ver-
trage zu schlieBen. Ihre eignen Gutsuntertanen wollten sie. be-
halten, aber sie selbst wollten nicht als Untertanen des Konigs
behandelt werden, .sondern hochstens mit , ihm Vertrage
schlieBen, Gleiche mit einem Gleichen.
Dem Kanzler Hardenberg schien dieser Tabak denn doch
ein wenig zu stark, und er veranlaBte den Konig, Herrn
v. d. Marwitz einj paar Monate auf der Festung Spandau dar-
uber nachdenken zu lassen, ob wirklich Anfang des 19. Jahr-
hunderts der Epoche der Faulen Grete zu frohlicher Urstand
verholfen werden konne.
Im Jahre 1932 aber erhebt sich ein groBes, der Regierung
nahestehendes Blatt und feiert Herrn v. d. Marwitz als den
Mann, der ein Jahrhundert vorausgedacht habe und zum Bei-
spiel fur den Aufbau des neuen Staates werden solle,
Der Staat des Herrn v. d. Marwitz war der Junkerstaat in
Reinkultur. Hat die ,Deutsche Tageszeitung' nicht bloB den
Wunsch, sondern *auch die HoHnung, ihn wieder heraufziehen
zu sehen?
Die Regierung Papen ist offen antidemokratisch. Ihr bester
theoretischer Kopf, Freiherr v. Gayl, ist ein Freund des Stande-
siaates, wie aus seiner sogenannten Verfassungsrede vom
1L August deutlich genug hervorleuchtete. Die Regierung er-
strebt eine grundlegende Verfassungsanderung, mit einem
standisch aufgebauten Oberhaus, Wie sie, die so eifersiichtig
iiber dem Pradikat „verfassungstreu" wacht, sich die parlamen-
tarische Durchfuhrung ihres Verfassungsumbaues denkt, ist ihr
Geheimnis. Fest steht nur, daB ihr Ideal nicht der demokratl-
sche, sondern der Standestaat ist.
-DaB die Grundlage dieses, wie die ,Deutsche Tageszeitung1
sagt, neuen Staates die Landwirtschaft sein solt ist selbsiver-
standlich. Zwar lebt nur noch wenig iiber ein Viertel des deut-
schen Volkes von der Landwirtschaft, wahrend fast drei Viertel
aus Industrie und Handel ihren Lebensunterhalt beziehen,
Aber unsre amtliche WirtschaHspolitik sieht so aus, als lage
die Erhaltung des pleitesten GroBgrundbesitzers weit mehr
im Staatsinteresse als die Sicherung des deutschen Exportes.
Das ist nicht etwa erst seit Papen so. Das war sen on so
unter Bruning, das war leider selbst dann schon so, als die
Sozialdemokratie in der Regierung noch etwas zu sagen hatte.
Das scheint die Erbsxinde der deutschen Politik zu sein.
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Ihre Qualitat war iramer schlecht. Aber die Quantitat des
Schlechten hat unter Papen phantastische AusmaBc angenom-
men.
Das Lebensinteresse der gewaltigen Mehrhcit des deut-
schen Volkes von der Landwirtschaft, wahrend fast drei Viertcl
bleibt, cine Politik langfristiger Handelsvertrage mit der Meist-
beguhstigungsklausel. Die Regierung Papen aber denkt nur an
Abbau, wenn nicht gar an Abschaffung der Meistbegunstigung.
Grade jetzt reist eine deutsche Kommission in alle moglichen
Lander, um Anderung der Handelsvertrage herbeizufuhren,
widrigen falls sie gekiindigt werden sollen. Oberall soil an die
Stelle der Meistbegiinstigung das System der Kontingentierung
treten, das heiOt, es soil jedem Lande nur ein bestimmtes, mog-
lichst engbegrenztes Einluhrquantum bei uns zugestanden wer-
den. Der Internationale Wettbewerb wird ausgeschaltet. Das
Prokrustesbett wird zum Symbol1 dessen, was man fruher ein-
mal freien Warenaustausch nannte.
Es gibt eine Reihe von Staaten, mit denen die bestehenden
Handelsvertrage sehr zum Vorteil Deutschlands funktionieren.
Aus Holland fiihrten wir nur fur 141 Millionen Mark ein, aber
wir fiihrten fur 321 Millionen dorthin aus. Die entsprechenden
Zahlen Hir Frankreich lauten: 98 und 265, fur Danemark 62 und
90, fur Schweden 44 und 111, fur die Tschechoslowakei 71 und
137. Der deutsche Nettogewinn war gewaltig.
Das alles wird jetzt in Frage gestellt, weil Deutschland,
das sich naturgemaB zum iiberwiegenden Industriestaat ent-
wickelt hat, widernaturlich zum Agrarstaat zuriickgeschraubt
werden solL
Zu ein em Agrarstaat nota bene, bei dem nicht die Inter-
essen der Millionen Klein- und Mittelbauern, sondern die der
Viertelmillion von GroBgrundbesitzern und GroBbauern
ausschlaggebend sind. Wir haben namlich nur eine Viertel- ;
million Landwirte, bei denen der Verkauf von Getreide irgend
eine Rolle spielt. Ihnen zuliebe werden die Getreidepreise
auf das Doppelte bis Dreifache des Weltmarktpreises ge-
steigert, auf Kosten der Verbraucher, auf Kosten der Export-
industrie, auf Kosten sogar der groBen Menge der Bauern, die
auf Zukauf von Futtermitteln angewiesen sind. Die einzigen
Gewinner sind die Nachfahren des Herrn v. d, Marwitz und
seiner Standesgenossen. Sie konnen noch so schlecht wirt-
schaften, ihnen wird ihr Grundbesitz erhalten. Denn wie soil
man sich einen Standestaat denken, ohne den wertvollsten
aller Stande, den I'andsassigen Adel, als Grundlage?
Der wirtschaftliche Widersinn unsrer heutigen Agrar-
politik tritt vielleicht am sinnfalligsten zutage auf einem land-
wirtschaftlichem Spezialgebiet, der Schnapsbrennerei, Die
Kartoffelbrennereien sind fast ausschl'ieBlich auf den Ritter-
giitern zu finden. Sie sind immer, schon zur Kaiserzeit, im
Interesse des GroBgrundbesitzes durch Steuerprivilegien kiinst-
lich am Leben erhalten worden. In den parlamentarischen
Kampfen der achtziger und neunziger Jahre des vorigen Jahr-
hunderts spielt die . Kritik an der Branntweinlicbesgabe eine
liberragende Rolle. Nicht notig zu sagen, daB diese Kritik, so
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unwiderleglich sie war, nie zum Ziel gefiihrt hat Die Junker
waren eben immer die heimlichen Herrscher,
Jetzt haben wir eine Spiritusmonopolverwaltung. Sie ge-
bietet iiber unheimlich groBe Vorrate, -zwei Millionen Hekto-
liter. Die wird sie nicht los, weil das deutsche Volk leider zu
wenig Schnaps sauft. Darum wird ein vermehrter Zusatz von
Spiritus zu den Treibstoffen angeordnet. Das Benzin wird da-
durch verschlechtert. Macht nichts- Die Kartoffelbrenner
wiinschen es,
Aber selbst wenn man das Benzin noch so sehr ver-
schlechtert, nur ein kleiner Teil des Obersegens an Spiritus
kann damit untergebracht werden. Die Monopolverwaltung
bleibt weiter auf ihrem trotz seines fliissigen Zustandes nicht
mobilisierbaren Kapital sitzen.
Nur eine MaBregel gabe es, die sie allmahlich von ihrem
Ballast erleichtern konnte — die Verringerung des Brennrechts,
das jeder Brennerei zusteht, also die Verminderung der Pro-
duktion, zu deren Abnahme der Staat gesetzlich gezwungen ist.
Statt Verminderung des Brennrechts ist soeben seine
Steigerung von 70 auf 85 Prozent beschlossen worden! Wir
haben viel zu viel Spiritus, aber den paar Tausend groBgrund-
besitzlichern Brennern wird erlaubt, noch mehr zu produ-
zieren. Der Staat muB es ihnen ja abkaufen. Die Steuerzahler
haben es zu bezahlen.
Wir haben den Agrarstaat in seiner schlimmsten Form,
namlich den Agrarstaat nicht im Interesse der gesamten land-
wirtschaftlichen Bevolkerung, sondern den im uberwiegenden
Interesse einer kleinen Minderheit grofier Besitzer.
Den Standestaat sollen wir bekommen.
Die Synthese zwischen Agrar- und Standestaat verwirk-
licht dann das Ideal jenes Vormarz, bei dem der Mensch erst
beim Baron anfing.
Poeta Propheta
Konig Heinrich: Glaubt mir, schon wissens meine zarten Jahre,
ein gift'ger Wurm ist innerlicher Zwist,
der an des Staates Eingeweiden nagt.
(M an hort drauBen einen Larm: ffNieder mit den Braunrocken ")
Welch ein Tumult?
Warwick: Ein Aufruhr will ich wetten,
erregt ausi Tiicke von des Btschofs Leuten.
(Wiederum Larm: ,,Steine! Steine!'1 Der Mayor von London triit auf
mit Gefolge.)
Mayor: O liebe Lords und tugendhafter Heinrich!
Erbarmt euch der Stadt London und des Volks!
Des Bischofs Leut' und Herzog Glosters haben,
da Wehr zu tragen jungst verboten ward,
die Taschen angefullt mit Kieselsteinen,
und, in Partein gerottet, schmeafien sie
so heftig einer an des andern Kopf,
dafi manchem wird sein wirblicht Hirn zerschmettert;
, in alien Gassen schlagt man Fenster ein,
und unsre Laden zwingt uns Furcht zii schliefien.
(Die Anhdnger Glosters und Winchesters kommert unter bestandigem
Handgemenge mit blutigen Kopfen.)
Shakespeare: Konig Heinrich VI. 1. Teil, HI. 1.
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Streik gegen Lohnraub von waither Karscn
^T^as fast alien unmoglich schien, ist scit einigen Tagen Wahr-
heit geworden: die These der Revolutionary Gewerk-
schaftsoppasition, man konne auch in der Krise Streiks durch-
fechten, ist durch die Tatsachen gerechtfertigt worden; und
zwar in dem Augenblick, als die Freien Gewerkschaften. die
Streikbewegung mitmachten.
Das Aufbauprogramm der Papenregierung bedenkt jeden
Unternehmer mit einem Geschenk von vierhundert Mark, wenn
er einen Arbeiter neu einstellt. Auch darl der Brotherr dann
die Arbeitszeit, ohne Tarifausgleich, auf vierzig Stunden ver-
kiirzen und drittens fur di^ einunddreiBigste bis vierzigste
Stunde die Lohne senken — und zwar, je nach dem Umfang der
Neueinstellungen, bis zu funfzig Prozent Hat also ein Unter-
nehmer bisher huridert Arbeiter zu einem Stundenlohn von
achtzig Pfennigen fceschaftigt, dann betrug sein Lahnetat bei
einer Achtundvierzigstundenwoche 3840 Mark, Vermehrt
er nun seine Belegschaft um funfundzwanzig Prozent,
stellt er aLso fiinfundzwanzig Arbeiter neu ein, dann braucht
er{ ftir die einunddreiBigste bis vierzigste Stunde nur noch je
vierzig Pfennige zu zahlen. Fuhrt er dann noch die Vierzig-
stundenwoche ein, so stellt sich nunmehr sein Lohnetat auf
nur noch 3500 Mark — das heifit, er erhait zu seiner Pramie
noch 340 Mark pro Woche geschenkt; nicht zu vergessen, da6
ihm jetzt ja nicht mehr nur 4800 Arbeitsstundem (namlich 10Q
mal 48) sondern 5000 (namlich 125 mal 40) zur Verfiigung
stehen. Man sieht, Herr von Papen ist sehr spendabel gegen
die Unternehmer gewesen, wahrend die betroffenen Arbeiter
eine solche Aktion etwa sechsundzwanzig Prozent ihres ohne-
hin kargen Lohnes kostet* Wie unser Kanzler, der einen
solchen Zustand wahrscheinlich als der gottgewollten Ordnung
entsprechend ansieht, mit unserm Zahlenbeispiel den Satz aus
seiner Rede von Munster vereinbaren will: t1Der Lohn wird
aber nicht in dem gleichen Ma8e ermaBigt, wie die Belegschaft
ansteigt, damit die in den Betrieben gezahlte Lohnsumme nicht
nur erhalten bleibt sondern sich sogar noch erhoht" das
weiB wohl er nur allein, und ebenso diirHe qs sein Geheimnis
sein, wie die verringerte Lohnsumme die Kaufkraft heben soil.
Inzwischen herausgekommene Regierungserklarungen bezeifch-
nen diese Auslegungen zwar als unrichtig, aber sie losen kei-
neswegs den Widerspruch.
Abend fiir Abend mufi der geduldige Rundfunkhorer die
Zahlen der Neueinstellungen iiber sich ergehen lassen, wobei
er sich gewiB nicht ein skeptisches Lacheln verkneifen kann,
wenn die kleinen Ziff ern da mit soviel Tamtam aus dem Laut-
sprecher marschieren. Sein skeptisches Lacheln wird aber
sicher zu einem Hohnlachen werden, wenn er die Neueinstel-
lungen mit den Entlassungen der letzten Tage vergieicht. In
die Tone der Reklametrompete mischen sich erhebliche Dis-
harmonien, die auch der Unmusikalischste nicht iiberhoren kann.
Die -Versuche einiger Arbeitgeber, ihren Lohnempfangern
auf Grund der Notverordriung den Hungerriemen noch enger
zu schniiren, stieBen iiberall auf den Widerstand der Arbeit-
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nehmer. Auf einmal gab es Streiks, ein seit langem ungewohn-
tes Bild. Obwohl doch dcr Arbeiterschaft scit Jahren ununter-
brochen die Lobne gekiirzt worden sind, hat es bisher trotz-
dem nur vereinzelte wilde Tcilstreiks gegeben. Die Haltung
der Freien Gewerkschaften hinderte die Arbeiterschaft,
diese Waffe in Anwendung zu bringen. Die Gewerkschafts-
fiihrung sah zum Beispiel in Briinings Lohnabbau keinen Ein-
bruch in den Tarifvertrag, weil die damalige Notverordnung
nach ihrer Ansicht nur eine andre Vertragserfullung verlangte,
wahrend die neue die Vertragsgrundlage antaste, indem sie die
Unabdingbarkeit der Tariflohne teiiweise aufhebe. Dies sei
ein Rechtsbruch, der die Freien Gewerkschaften ihrer Frie-
denspflicht entbinde* und ihnen die Unterstutzung der Streiks
ermogliche. Anders die christlichen Gewerkschaften. Fur sie
ist die Notverordnung Gesetz, weil sie rechtmaBig nach, § 48
der Verfassung erlassen sei und sich der Unternehmer, der sie
befolge, somit nicht aus dem Rahmen des Tarifvertrages ent-
ferne. Jedem Streik sei daher die Unterstutzung zu versagen.
Die Belegschaften der einzelnen Betriebe, durch die Er-
eignisse der letzten Wochen immer starker aktiviert, haben
sich nicht urn diese Rechtsstreitigkeiten gekummert; sie sind
in den Streik getreten, sowie ihre Brotgeber das Papen-
geschenk einstreichen wollten. Die Zahlen iiber den Umfang
der Ausstandsbewegung schwanken erheblich; je weiter nach
links man hort, desto groBer wird das angegebene AusmaB.
Fur die Allgemeinheit bedeutete es eine Oberraschung, als
manche dieser Streiks einen vollen Erfolg fur die Ausstandigen
zeitigten. Wer allerdings weiB, daB ein solcher Sieg nur dort
errungen wurde, wot dem Unternehmer durch eine Arbeits-
unterbrechung Verluste entstanden waren, der wird den Er-
folg nicht mehr ganz so uberraschend finden. Und trotzdem
ist er noch merkwiirdig genug, angesichts der Unzahl von Er-
werbslosen, Doch sie bewahrten Solidaritat, sie lieBen sich
nicht zu Streikbreohern degradieren, obwohl ihnen Unter-
stiitzungsentzug drohte. An andern Stellen wieder fiihrte der
Streik schlieBlich zu Aussperrungen, und auch hier lieBen sich
die Arbeitslosen nicht einfangen,
Ein Teil der Unternehmer, voran der Gesamtverband der
Metallindustrie, ging die Regierung um ein generelles Streik-
verbot an, was aber bisher an der Befiirchtung des Kabinetts
scheiterte, daB dadurch eine Verscharfung der Situation ein-
treten wurde. Zu einem weit aussichtsreicheren Mittel grif-
fen die sieben bestreikten Schuhbetriebe von WeiBenfels, in-
dem sie den Gewerkschaften durch eine einstweilige Verfdgung,
die hohe Geldstrafen androhte, jede Tatigkeit fiir den Streik
und jede Unterstutzung der Ausstandigen verbieten lieBen.
Die Arbeiter haben sie damit aber nicht kirre bekommen, sie
streiken weiter, so daB die Unternehmer nach der durch das
Arbeitsgericht, allerdings nur aus formalen Griinden erfolgten
Aufhebung der einstweiligen Verfiigung erst einmal nachgaben,
da die Rechtslage1 noch ungeklart sei.
Damit, daB das Amtsgericht dem Antrag auf ErlaB einer
einstweiligen Verfiigung stattgab, hatte es entschieden, daB
keine Durchbrechung des Tarifvertrags vorliege, daB also die
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Gewerkschaften an ihre Friedenspflicht gebunden seien, Wcnn
nun die Arbeitsgerichte, hohere Instanzen oder gar das
Reichsarbeitsgericht zu der gleichen Auffassung kommen, was
werden die Gewerkschaften dann tun? Der ADGB hat vor
wenigen Tagen erklart, seine Rechtsauffassung stiinde gegen
die des Reichsarbeitsministers, die Arbeitsgerichte miiBten
entscheiden, wer Recht habe. 1st dies nicht schon der erste
Schritt zum Nachgeben? Sollte es tatsachlich so sein, dafi
die Freien Gewerkschaften, wie die Kommunisten behaupten,
die Streiks gar nicht gerne sehen? Hat man wirklich nur
unter dem Druck der Mitglieder die Ausstande sanktioniert,
weil die Gefahr drohte, daB diese Mitglieder sonst der Fiih-
rung entfremdet wiirden, also nur aus Selbsterhaltungstrieb?
Will man sich nun hinter dem juristischen Paravent verstek-
ken, wenn es h irt auf hart geht?
Dieser Lohnkampf ist nicht nur wirtschaftlich zu werten,
er ist ein bedeutsames poiitisches Faktum. Wenn man be-
denkt, daB sich die Nazis bei der Entscheidung, ob sie mit-
machen sollen, in "schwerer Bedrangnis befinden (die sich durch
Beteiligung an einem Ort und dutch Nichtbeteiligung an ein em
andern manifestiert); wenn man weiterhin bedenkt, daB sich
auch die christlichen Arbeiter den Streiks vielfach angeschlos-
sen haben (gezwungenermaBen, sagen die Herren vom Deut-
schen Gewerkschaftsbund — aus eignem Antrieb, die Freien
Gewerkschaften und die RGO); wenn map drittens bedenkt,
daB die Erwerbslosen sich nicht zum Streikbruch miBbrauchen
lieBenf obwohl sie doch alle lieber heute als morgen wieder
arbeiten wollen; und wenn man schlieBlich noch bedenkt, daB
SPD- und KPD-Arbeiter hier in einer Front stehen, dann
wird es klar, dafi diese Streiks von den verantwortlichen Fiih-
rern ausgewertet werden miissen, mit dem Zielf endlich die
Einheitsfront der Werktatigen zu schaffen, Diese Abwehr-
bewegung gegen den Lohnraub konnte der Arbeiterschaft den
AnstoB zum Kampf um die Macht geben. Fiirchtet man beim
ADGB etwa diese Konsequenzen?
Ewiger Friede in Gansef flfichen von Kurt Hmer
p\er Nationalbolschewist Karl O. Paetel (er nennt sich selbst
so), mit dessen Doktrin ich mich in Heft 31 der ,Weltbuhne'
kritisch befaBt hatte, ist nicht davor zuriickgeschreckt, mir
sachlich zu erwidern — eine Raritat ersten Ranges.. Offent-
licher Meinungsstreit liber Wesentliches, in Formen, die der
Geistesgeschichte dieses Erdteils, zumal der deutschen, leidlich
wiirdig sind — so etwas gibts ja kaum noch! DaB auf Argu-
mente mit Argumenten g«antwortet wird, statt mit iiberheb-
lichen Gemeinplatzen an der Sache vorbeif statt mit feigem
Schweigen, statt mit Schussen oder, Hauptfall, mit warmen
Produkten der Pferdephysis — ; verdammt selten erlebt mans.
Die Art, wie Paetel antwortet (in der Zeitschrift ,Der Umsturz'),
beweist den sittlichen Hochstand der Gemeinschaf t, die er f lihrt.
Aber nicht ihren geistigen. Der bleibt problematisch, Wir
konnen uns ganz gewiB nicht bis in die Puppen unterhalten.
Aber Einiges, was Paetel sagt, fordert zur Replik heraus.
498
„Die Frage nach Krieg und Frieden", auBert er, ,fkann
tiberhaupt, nicht absolut gestellt und nur im Zusammenhang
mit dem V^ofiir beantwortet werden." Falsch! Die Frage nnach
Krieg und Frieden"' kann in ihrer Grundsatzlichkeit durchaus
nur ,fabsolut" gestellt werden, und sie muB als grundsatzliche
gestellt werden, namlich so: Soil Krieg fiirder sein unter den
Menschen- oder soil Krieg nicht sein? 1st diese Frage gestellt
und ist sie — woran fur den Humanitar, fur den Religiosen, fiir
den Sozialisten kein Zweifel besteht — im Sinne des Friedens
beantwortet, dann erst wird die Paradoxic moglich, daB em-
pirisch und als Weg erlaubtf.ja geboten scheint, was prinzipiell
und als Ziel verworfen wird. Auch fur jene Kriegsgegner, die
gewisse Falle von Krieg bejahen (der biirgerliche Pazifisti den
volkerbtindischen Exekutionskrieg, der revolutionare den so-
zialistischen Verteidigungskrieg), bleibt die Frage nach dem
prinzipiellen ethischen Ob des Krieges „absolut gestellt" und
absolut verneint; erst auf der Grundlage der absoluten Ver-
neinung des Krieges wird seine relative Bejahung sinnvoll; sie
geschieht namlich urn des Friedens willen. UnterlaBt man, den
Frieden, das heiBt die Lebendigkeit der durchgeisteten Kreatur,
als absolutes politisches Ziel, als obersten Wert anzusetzen,
dann versiegt einem freilich die Quelle aller Idee und man hat
nichts, woraus man ein Handeln ableiten konnte, das' aus der
Barbarei dieses Zeitalters hinausfiihrt.
Paetels Denken entrat eines obersten Wertes keineswegs.
„Die Nation" ist ,es ihm. „Ihre Existenz und Souveranitat ist
das politische Kriterium. Nur von hier erhalt alles, was ge-
schieht, seine Bewertung, Auch die Frage nach Krieg und
FriedeW Woher weiB Paetel das? Von welchem Luftbaum
hat er dieses Dogma gepfliickt? Wie will er begriinden oder
auch nur plausibel machenf daB f, Existenz und Souveranitat
der Nation*1 das politische Kriterium sei? Wie will er wider-
legen, daB vielmehr Menschengliick das politische Kriterium
ist; die Nation mit Kriegen gar nicht gut fahrt; Staatssouve-
ranitat hochstens als Mittel zum Zwecke des Menschengliicks
tauglich sein kann (heute langst untauglich!)j daB jede Organi-
sation, vom Kegelklub bis zum Staatenverband, umj der Men-
schen willen da ist, die sie umfaBt, aber nicht die Menschen
um der Organisation willen?
Dieser sozialrevolutionare Nationalist beruft sich auf den
katholisch-konservativen Staatsrechtler Carl Schmitt, den
Kronjuristen der Papendiktatur. Solange ein Volk in den
Spharen des Politischen existiere, miisse es die Unterscheidung
von Freund und Feind selber bestimmen. Krieg sei nur „die
auBerste Realisierung der Feindschaft". Er brauche nicht als
etwas Ideales oder Wiinschenswertes empfunden zu werden,
miisse aber ,,als reale Moglichkeit vorhanden bleiben, solange
der Begriff des Feindes einen Sinn; hat".
Dies, im AbriB, der Schmittismus. Reizendes Doktrinchen,
nicht bloB up to date (anno Hitler), sondern auch interessant
Ein strengkatholischer Jurist stellt den Feindschaftsgedanken
in den Mittelpunkt seiner Theorie; allerlei! Das hatte Bene-
dikt XV. noch erleben sollen. Was sagen eigentlich die Ehlen,
Franz Keller, Stratmann, Thrasolt, Weismantel dazu?
499
Nun muckre ich keincswegs gegen Feindschaft. Ich mochte
Feindschaft im Leben nicht mis sen. Werfels Wort ,,Feind-
schaft ist unzulanglich" erscheint mir platt. Was ware dcr
sonnenstrahlende Tag ohne die diistre Nacht, der Mai ohne
den November, die Jugend ohne das Alter, Speise und Trank
ohne Hunger und Durst, die Erkenntnis ohne den Zweifel,
Schonheit ohne das Gemeine, der Ruhrn ohne die Erniedrigung,
die Erfullung ohne die Sehnsucht? Unerlebbar bliebe die SiiBe
der Freundschaft, wenn Feindschaft nicht ware.
Das gilt fur den Einzelnen. Fur das Collectivum, genauer:
fur den Einzelnen, insofern er als Glied des Collectivums und
fur das Collectivum empfindet und handelt, muB es gleichfalls
gelten, Auch soweit ich Nation bin, will ich auf Feindschaft
nicht verzichten. Warum Sympathien, warum Antipathien er-
toten? Warum soil einer Nation verwehrt sein, eine andre
Mnicht zu mogen", wieder andre zu lieben? Ich pladiere, gegen
alles Muckertum, fur eine unverkiimmerte Erotik und Anti-
Erotik, auch von Typen gegen Typen, auch von Volkern gegen
-"Votker7 ~ " " " "
Aber: so wenig ich als Einzelner aus meinem Feindschafts-
geftihl das Recht folgre, meinen Feind zu toten, ihm auch nur
ein Haar zu krummen (physisch! physisch!), so abgeschmackt ist
Professor Schmitts These, fiir Volker hore der Begriff des Fein-
des einen Sinn zu haben auf, wenn sie die Chance verlieren,
ihn zu vernichten!
Es sollten innerhalb des Christentums Instanzen da sein,
,,christliche" Gelehrte solchen Schlages zur Rason zu bringen,
oder besser: zur Strecke; (nicht physisch! nicht physisch!).
Gegeben ist den Menschen, die Realisierung der Feind-
schaft mitnichten bis zum Morde vorzutreiben; den Volkern, sie
mitnichten bis zum Kriege zu steigern. Gegeben und auf-
gegeben, Paetel hat, in der Oberschrift seiner Erwiderung,
,,Ewiger Friede" in Anfuhrungszeichen gesteckt, in die billigen
Hohn-GansefiiBe des Utopiefeinds. Er nennt mich „den Ka,n-
tianer Hiller". Danke; der Fall liegt ein wenig verwickelter.
Aber freilich vermag Hohn nicht auBer Kraft zu setzen, womit
Kant, 1795, seinen unsterblichen ,Entwurf schlieBt: ,,..*so ist
- der ewige Friede . . , keine leere Idee, sondern eine Aufgabe,
die, nach und nach aufgelost, ihrem Ziele ... bestandig naher
kommt."
Hitlers DeutSCh von Heinz Horn
„Eine Dreifiig-Zentimeter-Granate zischt immcr noch
mehr als tausend jiidische Zeitungsvipern — also lafit sie
nur zischen." Adolf Hitler: Mein Kampf, S. 169
A dolf Hitlers grundlegendes Buch MMein Kampf*' ist in der
"^ deutschen Literatur vollkommen einmalig. Durchaus an-
gebracht, daB uns andre Volker ob dieser reichhaltigsten
Kathederbliiten-Sammlung der Welt beneiden. Mogen andre
Leute derartige Dinge miihsam aus Hunderten von Biichern
und Schriften zusammenklauben, was hier vorliegt, ist von der
ersten bis zur letzten Zeile Originalarbeit, tierisch ernst ge-
raeint und mit wundervollem Pathos vorgetragen — in einer
500
Sprache, die in ihrer orientalischen. Oppigkeit und in. ihrcm
ostlichen Bilderreichtum noch die Tiraden des kleinen Hadschi
Halef Qmar in Karl Mays Reisebeschreibungen iibertrifft.
Wer nicht weiB, wo Braunau liegt, muB aus der Sprache, die
der groBte Sohn dieser kleinen Stadt spricht, schlieBen, es
- lage im verdachtigsten Morgenland.
Die Bilder und Vergleiche, mit denen Hitler seine tiei-
sinnigen Ausspriiche ziert, sind mit Vorliebe dem Gebiet der
Naturwissenschaften entnommen, wobei vor allem unappetit-
liches Kleinvieh wie Maden, Bazillen und Quallen eine pro-
minente Rolie spielt.
So wie man nur vorsichtig in eine solche Gcschwulst hineinschnitt,
fand man, wie die Made im faulenden Leibe, oft ganz geblendet vom
plotzlichen Lichte, ein Judlein (S. 61).
So schon, an sich diese reiche Bildersprache ist, laBt sie
einen doch nicht recht erkennen, wer da eigentlich vom plotz-
lichen Lichte geblendet ist: die Made, das Judlein oder der
kiihne Chirurg hochstpersonlich. AuBerdem ist dem Dichter
bei diesem Vergleich leider entgangen, daB die Made im
Leibe ist, weil er faulig ist, und nicht etwa der Leib deshalb
fault, weil die Made darin ist, Weiter:
Man bedenke, daB auf einen Goethe die Natur immer noch
leicht zehntausend solcher Schmierer der Mitwelt in den Pelz
setzt, die nun als Bazillentrager schlimmster Art die Seelen ver-
giften (S. 62).
Wo immer man so einen Apostel ergriff, umschlofi die Hand
qualligen Schleim; das quoll einem geteilt durch die Finger, um sich
im nachsten Moment schon wieder zusammenzuschlieBen.
So wie der Engerling nicht anders kann, als sich zum Maikafer
zu verwandeln, so verlassen die parlamentarischen Raupen das grofle
gemeinsame Puppenhaus und flattern flugelbegabt hinaus zum lieben
Volk (S. 411).
Mit besserem Wisseii oder Wollen aber hat dies nichts zu tun,
sondern nur mit jener hellseherischen Begabung, die solch eine
Pariamentswanze gerade noch zur rechten Zeit warnt und so immer
wieder auf ein anderes warmes Parteibett fallen laBt (S. 1,13).
Aber attch wo sie die Tierwelt in Ruhe laBt, zeichnet sich
Hitlers Prosa durch eine Farbenpracht der Diktion aus, fur
die hier noch einige Beispiele gegeben seien:
Dieses Pack aber fabriziert zu mehr als zwei Dritteln die so-
genannte „6ffentliche Me^ung", deren Schaum dann die parlameo
tarische Aphrodite entstefgt (S. 94).
Noch zur Zeit der Befreiungskriege waren die deutschen Stadt*
nicht nur der Zahl nach gering sondern auch der Grofie nach be-
scheiden (S. 289).
Der Fortschritt der Menschen gleicht dem Aufstiege auf einer
endlosen Leiter; man kommt eben nicht hoher, ohne erst die unteren
Stufen genommen zu haben (S. 323).
Wenn Menschenherzen brechen und Menschenseelen verzweifeln,
dann blicken aus dem Dammerlichte der Vergangenheit die groBen
Uberwinder von Not und Sorge, von Schmach und Elend, von geisti-
ger Unfreiheit und korperlichem Zwange auf sie hernieder und
reichen d«n verzagenden Sterblichen ihre ewigen Hande (S. 388)
Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang, satanische
Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Madchen,. das er mit
seinem Blute schandet und damit seinem, des Madchens Volke raubt,
Der Held von Sanssouci verhalt sich) zum ehemaligen bremenser
Kneipenwirt (Ebert) ungefahr wie die Sonne zum Mond; erst wenn
die Strahlen der Sonne verloschen, vermag der Mond zu glanzen.
3 501
Es ist desh&lb auch der HaB aller Neumonde der Menschheit gegen
die Fixsterne nur zu begreiflich (S. 286).
Was wirklich fiber das NormalmaB des breiten Durchschnitts
hinausragt, pf legt sich in der Weltgeschichte meistens personlich
anzumelden (S, 96),
Man hatte keine blasse Ahnung, dafi die Begeisterung, erst einmal
geknickt, nicht mehr nach Bedarf zu erwecken ist (S. 183),
Ebenbilder Gottes dtirfte man nur mehr wenige finden, ohne des
Allerhochsten freveln zu wollen (S. 281).
Ohne des Allerhochsten freveln zu wollen: wer solches
mit ungeknickter und nach Bedarf zu weekender Begeisterung
zu lesen vermag, dem ist wohl nicht zu helfen,
Der Primaner und die Politik waitherTraetzer
T^em reichenbacher Anschlag, der dem Attentates SA-Mann
Jenke, selbst das Leben kostete, verlieh die Verhaftung des
nationalsozialistischen Sturmstaffelmitglieds Wagner ein ge-
wisses Aufsehen iiber das starke Echo hinaus, das der Fall
durcti seme tragischen und politischen Beglei^umstarnde-gefun-
den hat. . Der jugendliche Mittater war Oberprimaner des
Reichenbacher Gymnasiums gewesen; einige Zeit vor dem
Attentat war er wegen politischer Umtriebe von der Schule
verwiesen worden. Sicherlich. hat der Junge das Wohlwollen
seiner ihm' kongenialen Erzieher sehr ausgibig in Anspruch ge-
nommen, sonst ware es wahrscheinlich nicht zur Relegation ge-
kommen. AuBer auf den sozialdemokratischen Redakteur
Paschke waren Anschlage noch auf andre miBliebige Gegner ge-
plant, unter andern auf einen sozialdemokratischen Stadtver-
ordneten. Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daB
der Primaner daran teilgenommen haben wtirde.
Man kennt sie, diese Pennaler, aus eigner Erfahrung; viele
Schuljahre hindurch hatte man unter ihnen zu leiden. Mit
einem angebornen Widerwillen gegen das stille Arbeiten, den
lautlosen FleiB, den unbekiimmert nur auf die Schulpflichten
gerichteten Eif er haben sie den Mitschiiler bald heraus, der sich
ihnen, wenn nicht ktirperlich, so doch geistig iiberlegen fiihlt.
Es beginnt mit Eifersiichteleien, 4ie bald in offene, bei hundert
Gelegenheiten erklarte Feindschaft iibergehen. Unertraglich
wird die Spannung, wenn jene beginnen, kraft ihrer weniger
auf Eigenschaften beruhenden Klassenfiihrerschaft die horigen
Mitschiiler in ihrem Sinne politisch zu beeinflussen. Man darf
sie auf dem Bummel in der Kluft einer nationalen Pfadfinder-
organisation oder eines Wehrbundes bewundern, in der sie sich
zur Schau stellen; man muB in den Schulstunden darauf bedacht
sein, den Herausforderungen und Gehassigkeiten der heim-
lich gebildeten Schiilerclique auszuweichen. Der Geschichts-
unterricht, den geschichtlichen Ablauf von Krieg zu Krieg rech-
nend( wird zum AnlaB genommen, dem deutschen Vaterland
mit unbedenklicher GroBziigigkeit den ersten Platz in der Welt
anzuweisen, deutsche Werke iiber Gebiihr lobzupreisen. Die
Tumstunden geben Gelegenheit, die Wehrfreudigkeit der deut-
schen Jugend unter Beweis zu stellen. Hier ist sie in ihrem
Element! Der Turnlehrer ist persona grata wie der Geschichts-
lehrer. Die Liebe beruht auf Gegenseitigkeit. Man mulj er-
502
fahren, wie die Turnprimi sich die Gunst einiger Lehrcr er-
werben, was man auf die offenbar beide Seiten befriedigenden
Pausengesprache und den sich daraus entwickelnden Privatver-
kehr zwischen Lehrern und Schulern zuriickzufiihren weiB. Auf
Fragen dieser Schuler an diese Lehrer muB man Frontgeschich-
ten iiber sich ergehen lassen, die trotz ihrem augenscheinlichen
Anekdotismus ihre Wirkung nicht verfehlen. Frontgeist be-
herrscht den Geschichtsunterricht.
Den neuen Lehrer, von uns andern mit innerm Jubel als
Vertreter einer unbefangenen, neuzeitlichen Anschauung be-
grufit, umgeben sie zunachst mit MiBtrauen, dann mit Feind-
seligkeit, Trotz und Starrsinn zerbrechen an der Gtite des
Lehrers — man versucht es mit dem Erfolg verheiBenden Mit-
tel des Kleinkrieges, der Erschwerung der Unterrichtsfuhrung.
Man erlebt die mutigen Anstrengungen des Bekampften, sich
der Hinterlist der Clique mit Verstandnisbereitschaft zu er-
wehren, und sieht die Niederlage kommen: Unvermittelte
Strenge gegen alle, angstliche ,Vermeidung des Personlichen
im Unterricht, GewShnung an den vorgeschriebenen Lehrgang,
.bewuBte Beschrankung auf den Unterrichtsstoff . . , Die Clique
hat den Gesinnungsfeind kleingekriegt.
Es kbmmt die Primanerzeit, mit ihr die Lockerung 4 des
padagogischen Verhaltnisses zwischen Lehrern und Schulern.
Die politische Auseinandersetzung, vom politisierten Eltern-
haus unterstiitzt und angeregt, nimmt bedenklichere Formen
an. War sie bisher die Austragung von Meinungsverschieden-
heiten zwischen Altersgenossen in kaum begriffenen An-
. schauungsfragen, so wird sie jetzt Substanz der geistigen Hal-
tung des Primaners. Im BewuBtsein baldiger Vollgiiltigkeit
verlegt dieser den Schauplatz seiner politischen Pubertat von
der Schule ins Leben, hier zunachst verborgen wirkerid, denn
noch halt die Schule die Hand iibef ihn. Selbstandig denkend,
wird er sich der Verantwortlichkeit bewuBt, welche die Er-
ziehung zum mitzlichen Staatsbiirger in ihn gelegt hat. Wer
wie der Verlasser im letzten Jahrzehnt in einer schlesischen
Kleinstadt die Schule besucht hat, weiB, was man unter dieser
staatsbiirgerlichen Niitzlichkeit zu verstehen hat; der kennt
die stickige Atmosphare, in der sich die politische Eman-
zipation des Primaners yollzieht. Das Staatsideal der angehen-
den Republikaner ist die von den Alten langst noch nicht ver-
schmerzte, oft gepriesene Vorkriegsherrlichkeit des Kaiser-
reichs. Erzieher und Lehrer wetteifern untereinander mit
mehr oder weniger Takt gegen die Republik, in der Wach-
rufung stolzer Erinnerungen an das verflossene Regime.
Nirgends wird mehr wider den Geist der Republik gesiindigt
als in der deutschen Provinz. Bei jeder passenden Gelegen-
heit laBt man mit der gleichen Inbrunst wie friiher das Deutsch-
land uber alles hochleben, jeder hat dabei die Vorstellung eines
langst nicht mehr bestehenden Glanzes; keiner im Nachkriegs-
deutschland denkt dabei an das zerbrochene, neu aufzurich-
tende Reich, niemand an die Republik. Am vorlautesten
schreien die Jungen; sie kriegen dabei eineri furchtbaren
Tatendrang, der nach Befriedigung ruft; im Geist onanieren sie
ihn durch das gloriose Bild kiinftiger Heldentaten.
503
Das Nationalgef(ml diesef Patrioten identifiziert sich alizu-
leicht mit dem natfonalistiscben, wechselt allzueilig in Aggres-
sivitat iiber, Ausdruck des MiBtrauens, die' Art sci im rieuen
Staat nicht ausreichend beriicksichtigt. Hitler hat instinktiv
erkannt, daO der schlechte Republikaner ein besserer Mon-
archist ware. Er suggerierte ihm die Angst vor dem Verfall
der Nation; diese st elite er als durch den „innern Feind" be-
droht hin. Er war sich seines Erfolges sicher.
In dieser Luft trager Umgewohnung empfangt der junge
Nachkriegsdeutsche, Kind unsrer Zeit, seine ersten politischen
Eindriicke und verarbeitet sie; mit ihnen verschreibt er sich
der Politik.
Fur die Mehrzahl ist es heute die nationalsozialistische
Tagespolitik. An ihr reizt den JPrimaner weniger die MRich-
tung", denn sie war von jeher die eigne; ihn nimmt die „Be-
tatignng" gefangen. Was die SA und SS treiben, entspricht
dem eignen Bediirfnisf sich auszutoben, Es ist die von der
vollwertigen Erwachsenenwelt sanktionierte unbedenkliche Ge-
waltamvendnng^ — die anarchische Unbandigkeit — des^ — jrmgen
Menschen sieht in der Ziigellosigkeit des nationalsozialistischen
Parteibetriebes das Feld, auf dem es letzte Bedrangnisse wer-
dender Mannbarkeit auszufechten gilt; Mannbarkeit nicht blofi
im erotischen Sinn ...
Gibt er einem (fGegner" auf der StraBe eine Ohrfeige, so
ist ihm das erlaubt, zwar nicht in seiner Eigenschaft als Prima-
ner, aber er darf es als Nationalsozialist. Demjenigen grollte
er, der sein Handeln verstandlich fande, jedoch mit einem letz-
ten Rest von Verantwortung es nicht gutzuheiBen vermochte.
WeiB dieser nicht, daB man im hohern Auftrag handelte? Den
biologisch zu erklarenden ProzeB der Abfiihrung liberschau-
mender Jugendkuaft, die nutzlich aufzufangen Aultgabe der Er-
zieher sein sollte, entschuldigt der Primaner mit der partei-
politischen Notwendigkeit, mit dem ,, hohern Motiv". Wenn
man dieses offiziell nicht gelten lassen kann • — im geheimen
freut man sich doch uber die dem Marxisten verabreichte
Ohrfeige. Die vaterliche Ermahnung durch den Lehrer kann
den Ruhm, Held des Tages zu seint nur noch unterstreichen.
Zwischen Schule und Partei stent die politische Wirksam-
keit des Primaners. Hier mit einem zugednickten Auge ge-
duldet, dort gefordert- Die Partei iiberschattet schlieBlich
alles. Mit restloser Hingabe widmet sich der politisierte Schil-
ler der interessantern Aufgabe. Verstandnisinnig lachelnd
vermittelt ihm der Nationalsozialismus die Geltung, nach der
der Klassenfuhrer und Turnprimus sich schon immer sehnte:
Sturmabteilungen, Sturmstaffeln, militarischer Ton, von der
Tumstunde her gewohnt, die Schaustellung strotzender Kor-
perstarke, das Messen der BizepsausmaBe untereinander, die
sie raffiniert andeutende Uniform, die interessierte Aufmerk-
samkeit der Cffentlichkeit, insbesondere die der weiblichen —
das ist sein Fall So laBt sich am angenehmsten die Art ver-
treten. Parteikonventikel, Verschworungen, geheime Instruk-
tionen, mit denen der $unge SA-Mann( seiner Wichtigkeit be-
wuBt, herumlauf tf schwarze Listen und die Kenntnis von nicht
jedermann bekannten Dingen schaffen jene Femeatmosphare,
504
in der sich der junge Nationalist wohlfuhlt. Diese Rollc liegt
ihm.
In dcr nationalsozialistischen Terminologie ist er bald zu
Hause, jener Sprache, die Barbarismus und Unbildung prag-
ten; sic ist Ausdruck eines Lebensgefiihls, das den Mangel an
Werten deutlich spurt und sich in haBvoIlen Ressentiments
wider SelbstbewuBtsein und Gesittung ergeht,
Man merkt den Unterschied, werin man die Bemiihung je-
ner sympathischen Streber aus den link en Lag era urn Klarheit
im Denken, ihren Ehrgeiz nach politischer Logik der Unaus-
gegorenheit und dem ideologischen Eiferertum der jungen Na-
tionalsozialisten entgegenhalt. Etwaige Ansatze zu intellek-
tuellen DenkauBerungen, wenn man solche iiberhaupt von un-
serm Primaner erwarten kann, werden im Keime erstickt.
Hitler verlangt von seinen Mannen denkfaule Bescheidung* in
das Herdenideal vom MFuhrer\ Naturtrieb und ArtbewuBtsein
sind dafiir willkommene, Ingredienzien, Die Physiognomie des
,,FiihrersM driickt dieser Bewegung den Stempel auf.
Letzte Hemmungen fallen. Der Mord wird zum erklar-
ten Mittel der Parteipolitik, Dem Psychoanalytiker miissen
wir die Erklarung all dieser Komplexe iiberlassen, die sich
hier zu erleichtern drangen, Mit dem Finger auf den Namen
der schwarzen Liste gibt der SA-Fiihrer den Befehl zum
Meuchelmord. Freiwillige vor! Unter ihnen find en wir den
Primaner; er will sich die ersten Sporen verdienen. Auf der
Lauer, in zittriger Erregung, liegt er, in der Feme seines Emp-
findens wird die Mordromantik urzeitlicher Vorfahren wach.
Als die Ladung den Menschen neben ihm zerriB, lief der
Mithelfer entsetzt davon.
KnegSkind von Marta Hitlers
Solange ich noch Embryo war, durfte mein Vater zuhause bleiben.
Doch schlieBlich wurde ich geboren, uad zehn Tag* nach mir kam
der GestellungsbefehL Dies nahm sich meine Mutter so zu Herzen,
dafl ihr die Milch wegblieb, und ich wurde mit den Nahrmitteln jener
autonomen Zeit kummerlich genug hochgebracht. Einmal kam mein
Vater auf Urlaub, da drehte ich ihm einen Knopf von der Uniform.
Aus Flandefn schickte er mir eine Puppe in Roter-Kreuz-Schwestern-
Tracht. Ich habe sie gefiihlt, nicht gesehn, denn meine Augen waren
vom Scharlachfieber vereitert, und als ich gesundete, kam die Puppe
in den Ofen. Das alles ist mir erzahlt worden, Meine alteste Er-
innerung an den Krieg sind nasse Kartoffeln im Kinderwagen. Und
dann ein Brief, mit Riibenkraut verklebt, uber den meine Mutter laut
schrie. Aber der Vater war nicht tot, nur vermiBt, Mutter trug
Markstucke zu Wahrsagerinnen, worauf diese sagten, er kame dereinst
wieder, Inzwischen betete ich und sammelte Pflaumenkerne, Eines
nebeligen Morgens war der Krieg aus, und stundenlang zogen Gulasch-
kanonen mit Soldaten darauf durch unsre StraBe. Ich lief nebenher
und bettelte urn Keks. Dann kamen die Belgier; sie zeigten uns
Schokolade und WeiBbrot, aber wir durften nicht in ihre Baracken,
weil sie Kinder anfaBten. Heimlich sammelten wir die Mundstucke
ihrer „Roi d'Alberf'-Zigaretten, trockneten den Tabak und verkauften
ihn an Burschen. 1921 kam ein Kriegskamerad unsres Vater s und
berichtete, er habe auf einer Anhohe gestanden, bei Verdun, der Jo-
hannes habe einen OberschenkelschuB gehabt, er sea von Franzosen
gefangen genommen und in einen feindlichen Unterstand geschleppt
505
worden, und dann hatten deutsche Geschiitze den Unterstand ver-
schiittet. , .Deutsche Kugeln!" schrie die Mutter. Ich kannte keinen
Johannes, Wochen spater spielte ich mit Sophie Nachlaufen, Plotz-
lich lief Sophie zu andern Kindern. Es war auf dem Schulhof. Ein
paar GroBe riefen mich an: „Bah, hast ja niemand!"; da brach ich in
Tranen aus und schrie: „Mein Vater ist tot!" Die GroBen nahmen
mich in ihre Armef und ich weinte hemmungslos und glticklich. Dann
war der Weltkrieg aus, und der Krieg urn die Rente begann, Mutter,
ging in die! Fabrik, mein Bruder und ich kamen in den Kinderhort.
Als Mutter krank wurde, verlor sie die Arbeit. SchlieBlich bewilligte
man ihr Invalidenrente. Nach der Billionenzeit bekam sie noch Aus-
gleichszulage, weil mein Vater eine gehobene Stellung innegehabt
hatte; dazu gab es Erziehungsbeihilfen, denn wir Kinder zeigten einen
guten KopL Man- hatte schon ein wenig leben konnen. Aber die
Mutter hatte Verehrer, doch keinen drangte es zum Altar, Das gab
Klatsch im Haus, Streit und Prugeiei, und Prozesse jahrelang. Wenn
ich als Zeuge vorJxeten muBte, zitterte ich am ganzen Leib, Inzwi-
schen errichtete unsre Pfarre, Sankt Elisabeth, eine Kriegerkapelle,
in der, golden und vier Zentimeter hoch, unsres Vaters Name stand.
Es kostete eigentlich nur drei Mark, aber Mutter gab fiinf^ den Rest
"iur^eine stilie heilige Messe. — Einmal faud ^Mutter- in einer -■*
ten die blasse Reproduktion nach einem Kopf mit Soldatenmiitze. Der
Text besagte, dies sei ein Verschiitteter, der durch Gedachtnisverlust
seinen Namen vergessen habe. Meine Mutter schnitt das blasse Photo
aus, brannte sich ihr Haar und fuhr zum Verlagsort. Doch das
Ganze erwies sich' als eine redaktionelle Erfindung. Sie kam zuriick;
es hatten iibrigens noch viele Frauen dagestanden, das Zeitungsbild
in der Hand, 1929 begann die Krise: zuerst fielen alle Zulagen,
dann die5 Erziehungsbeihilfen, und schliefllich ging es an die Grund-
rente, einmal Notverordnung, noch einmal, noch einmal. Wohnungs-
wechsel, Kuckucks, Geschrei und Hafl. Wir Kinder standen dumm
da, mit unsrer staatlich finanzierten Ausbildung. Wie unsre ganze
Generation, so traten auch wir in eine Partei. Mein Bruder ist
Hitler junge, er hat Renn und Remarque gelesen und nennt sie
schlechte Rasse. Sein Leitwort ist „Stahl auf Stahl, Dreck verbrennt".
Ich habe Marx studiert und bin Kommunist. Zwischen uns beiden
ist Krieg, ohne Anspielungen auf die gemeinsame Mutter (die Sonn-
tags zur Kirche gent) . Ich mache meinen Bruder in seinem Kreis
unmoglich; er bewirkt, dafi man mir mifitraut. Wir sind tins deshalb
zuwider. Wenn es Unruhen gibt, will mein Bruder im deutschen Be-
freiungskampf sterben, ich fur die proletarische Revolution. Aber das
ist gar nicht wahr: in Wirklichkeit wollen wir und alle Kriegskinder
nichts als das, was uns bisher versagt blieb. Wir wollen Arbeit
haben und leben,
Christoph Kolumbus
von Walter Hasenclever und Peter Paiiter
Im Goldenen Anker zu Sevilla, 5, Februar 1505, Eine
kleine verraucherte Matrosenkneipe. Im Hintergrund die Theke
mit Flaschen, hinter der eine unsichtbare Treppe in den Keller
und zur Kuche fuhrt. Links ein groBes Fafi, aus dem Wein
gezapft wird. Rechts der Eingang. Von der Decke hangen
Schiffsmodelle, an den Wanden Bilder aus dem Seemannsleben.
Amerigo fgekt zu Kolumbus): Gestatten Sie, dafi ich mich vor-
stelle. Mein Name ist Vespucci. (Pause.) Amerigo Vespucci. (Pause.)
Sie haben sicher schon von mir gehort.
Kolumbus: Bedaure. Wie war der Name?
Amerigo: Amerigo Vespucci. Nach mir ist der neue Erdteil be-
nannt. Ich habe ein Buch uber meine Expedition veroffentlicht.
506
Kolumbus: Gratuliere.
Amerigo (ieierlich): Herr Admiral, ich muB Ihnen die Hand
driicken, Sie waren der erste. Sie siud wirklich ein groBer Mann.
Sie haben Amerika entcleckt.
Kolumbus: Was habe ich entdeckt?,
Amerigo: Amerika existiert. Ich habe mich selbst davon iiber-
zeugt.
Kolumbus: Amerika? Ich habe den Seeweg nach Asien gefunden.
Amerigo: Sie haben etwas viel GroBeres gefunden. Einen neuen
Erdteil.
Kolumbus: Es gibt keinen neuen Erdjteil.
Amerigo: Die Berechnungen des vorigen Jahrhunderts sind falsch.
Asien liegt ganz woanders.
Kolumbus: Wollen Sie mich, einen alten Mann, belehren? Hier,
fragen Sie meine Kameraden. Wifit ihr noch, was ihr auf unsrer
letzten Reise geschworen habt?
Koch: Wir haben feierlich geschworen, dafi wir das Festland von
Asien erreicht haben.
Diego: Jawohl, das haben wir.
Rodrigo: Und das haben wir alle unterzeichnet. Auf so einem
groBen Stuck Pergament!
Kolumbus (zu Amerigo): Und da wollen Sie uns erzahlen, wir
seien gar nicht in Asien gewesen! Machen Sie sich nicht lacherlich.
Amerigo: Herr Admiral, was sind das fur Leute! Die haben im
Gefangnis gesessen!
Kolumbus: Und ich?
Amerigo: Das war ein bedauerliches MiBverstandnis,
Kolumbus: Davon habe ich im Gefangnis nichts bemerkt, Man
hat mich behandelt wie den letzten Verbrecher. In Ketten haben
sie mich nach Spanien gebracht. Man hat mich betrogen und bestoh-
len, Ich habe nichts mehr. Und dann soil ich am Ende noch glau-
ben, alles war ein Irrtum? Nein, junger Mann. Ich weiB Bescheid.
Marie: Herr Admiral, mochten Sie auch eine Erbserisuppe?
Kolumbus: Bring mir zwei Eier mit Brot und Butter.
Marie fruft Pepi zu): Zwei Eier fur Herrn Admiral!
Pepi (ruft in die Kiiche): Zwei Eier fur Herrn Admiral!
Amerigo: Weshalb schreiben Sie nicht Ihre Memoiren?
Kolumbus: Memoiren? Wozu? Ich habe nichts zu verbergen,
Amerigo: Damit die Nachwelt erfahrt, wie es wirklich gewesen ist.
Kolumbus: Es war ja doch ganz anders. Was« ich fur Possen er-
lebt habe I Das glaubt mir kein Mensch.
Amerigo: Verzeihung, Herr Admiral, die Weltgeschichte ist nicht
possenhaft. Sie ist bedeutend.
Kolumbus: Was wissen Sie denn davon?
Amerigo: Ich habe ein Buch dariiber geschrieben.
Kolumbus: Und ich bin dabei gewesen.
Amerigo: Darauf kommt es nicht an. Wir brauchen Helden, um
uns selbst zu bestatigen. (Marie hat zwei Eier, Brot und Butter hin~
gestellt.) Aufierdem gibt es historische Tatsachen, die wirklich ge-
schehn sind. Zum Beispiel Ihre Geschichte mit dem Ei.
Kolumbus: Welche Geschichte?
Amerigo (nimmt ein Ei und stoBt es auf den Tisch, daB es steht) :
Das Ei des Kolumbus!
Kolumbus: Was ist das?
Amerigo: Aber, Herr Admiral, erinnern Sie sich nicht? Als auf
aem Schiff die Meuterei ausbrach, sagte einer: So wenig wie man ein
Ei auf die Spitze stellen kann, werden wir jemals Land sehn. Da
nahmen Sie das Ei und stellten es so auf den Tisch,
Kolumbus: Das soil ich getan haben? Kein Wort wahr.
Diego: So einSchwindel! Haben wir etwa gemeutert? Da sieht
man, wie sie ltigen.
507
Schiffsjunge: Wir waren Feuer und Flamme,
Pepi: .Ich bin noch auf den Mastbaum geklettert und habe „Land!"
gerufen.
Diego: Kinder, das war unsere schonste Zeit!
Kolumbus (nimmt das Ei,blattert es auf und Wt): Herr Amerigo,
wenn Sie wieder einmal ein Buch schreiben, dann scien Sie etwas
vorsichtiger. Das Ei des Kolumbus ist eine reizende Geschichte, nur
leider von A bis Z erfunden. Ich furchte, genau so wird es mit Ihrem
Amerika sein,
Amerigo: Ich verdanke Ihnen eine tiefe Erkenntnis, Herr AdmiraL
Grofie Manner soil man bewundern, aber man soil sie niemals kennen
lernen. Leben Sie wohll (Er geht mit einer tiefen Verbeugung ab.
Geldchter hinter ihm her, Der Schiffsjunge nimmt die Gitarre.)
Pepi fsingt):
Erde ist trocken, und Wasser ist naB —
Alle: Sante Marie!
Pepi: Da kommen die Leut und erzahln uns was —
Alle: Sante Marie!
Pepi: Da hinten soil noch ein Erdteil stehn.
Wir waren doch da und haben keinen gesehn.
Vielleicfit liegt ~er "bldB vis-a-vis .*.
Alle: Sante Marie — Sante Marie —
Gluckliche Sante Marie!
Marie (kommt mit einem Buch hinter der Theke hervor und geht
zu Kolumbus): Herr Admiral, das muB ja furchtbar interessant ge-
wesen sein bei den Wilden. Waren die alle nackt?
Kolumbus: Ganz nackt waren sie nicht.
Marie: Was hatten sie denn an?
Kolumbus: Eine Badehose,
Marie (enttauscht): Ach ...I Herr Admiral, weil Sie doch so ein
beruhmter Mann sind . . . bitte, schenken Sie mir ein Autogramm.
Kolumbus: Was soil ich denn schreiben?
Marie: Das ist gleich — ich kanns ja doch nicht lesen.
Kolumbus (schrcibt und reicht ihr das Buch zuriick): Hier, mein
Kind.
Marie: Was heiBt das?
Kolumbus: Der Erste ist immer der Dumme.
Marie: Danke auch schon, (Zu den Matrosen:) Nat Kinder, was
wird nun mal aus dem Land werden, das ihr da entdeckt habt?
Diego: Was soil denn daraus werden? Da sind ja bloB Affen und
Papageien.
Pepi: Da wird nichts draus. In hundert Jahren ist da kein
Mensch mehr.
Marie: Was meinen Sie denn, Herr Admiral? (Kolumbus erhebt
sich, Wahrend er sprichtt setzt eine Jazzmusik einf erst leiset dann
immer starker. Die Wdnde des Zimmers verschwinden, der Horizont
erleuchlet sich. Wie hervor gezaubert erscheint plotzlich eine Vision
von New York: Times Square mit Wolkenkratzern und feurigenLicht-
rektamen. Es ist, als ob die Anwesenden nicht mehr in der Kneipe,
sondern auf dem Broadway s&Ben.)
Kolumbus: Dieses Land wird einmal still und friedlich sein. Ich
sehe schlichte und gentigsame Menschen. Gottes Volk lebt auf der
neuen Erde. Hier wird auch der Armste geachtet werden, und keiner
wird hungern, und keiner wird unterdruckt. Dieses Volk wird die
Pforten seiner Schatzkammern offnen und Gold an alle Lander ver-
teilen. Am Ufer des Meeres wird eine Statue stehn, und die Worte
der Schrilt tonen aus ihrem Munde: t,Kommet her zu mir alle, die
ihr muhselig und beladen seid!*' Hier ist das Paradies der Welt — f
Vorhahg
(Die Urauffuhrung fand im Leipziger Schauspielhaus am 24, September
unter der Regie von Otto Werther statt. Rechte: Felix Bloch Erben,)
508
Die „Aufl8SUIlg" deS Romans Hermann Kesten
LJeinrich von Kleist schrieb 1801 an Fraulein von Schlieben;
* ■ HDen Mann erkcnnt man an seinem Verstande."
Woran aber erkennt man den modernen Roman?
Woran erkannte man die alten Romane? Friedrich Schle-
gel schreibt in seiner beriihmten Rezension ^Charakteristik
der Meisterischen Lehrjahre von Goethe" aus dem Jahre 1798:
,,Denn dieses durchaus neue und in seiner Art einzige Buch,
welches man nur aus sich selbst verstehen lernen kann, nach
einem aus Gewohnheit und Glauben, aus zufalligen Erfahrun-
gen und willkurlichen Forderungen zusammengesetzten und
entstandenen Gattungsbegriff beurteilen: Das ist, als wenn
ein Kind Mond und Gestirne mit der Hand greifen und in
sein Schachtelchen packen will." Man erkennt also die groBen
Romane an ihrer Originalitat und Unvergleichlichkeit?
Kennt man denn die alten Romane noch? Man mochte
es bezweifeln. Oder wie ist es sonst moglich, daJ3 Literaten ,
und Literaturkritiker von „den neuen Formen des Romans",
von „der Auflosung des Romans" schreiben? Wo sind jene
klassischen und allgemein bekannten Muster, deren Form
,,aufgelost" werden sollte? Was hat gemein , .Madame Bovary"
mit dem „Tristram Shandy", der ,,Don Quichotte" mit den
„Buddenbrooks", die MKleine Stadt" mit „Candide", „Krieg
und Frieden" mit den MJiinglingen yon Sais" und die ,,Kartause
von Parma" mit dem ,,Wilhelm Meister", der MSimplizissimus"
mit dem ..Egoisten*' und ,rTitan", die MVerlobten" mit ,,Tom
Jones", was der ^Agathon" mit den ,,Toten Seelen" und der
,, Idiot" mit der „Lucmde"f was fur Formeji haben diese Biicher
miteinander gemein? Wo ist ein Gesetz in irgend einem
klassischen Roman, das nicht ein anderer klassischer Roman
aufloste? Richten sich nicht die Bemuhungen unsrer Avant-
gardisten nur gegen den Roman um die Jahrhundertwende und
seine Formen? Etwa gegen den sogenannten Mpsychologischen"
Roman? Nehmen Joyce und Dos Passos, Gide und Doblint
Musil, Roth und Virginia Woolf, nehmen Valery Larbaud,
Edouard Dujardin, Robert Neumann, Jules Romains, Thomas
Mann, Erich Kastner, Heinrich Mann und A, M. Frey und
Ernst WeiJS und Heinrich Hauser und viele andre, nehmen sie
nicht die alten und klassisch schonen Formen in aller Vielfalt
wieder herauf aus der reichen Vorratskammer der groBen Ro-
mane friiherer Jahrhunderte? Und erscheinen diese wieder-
gefundenen Formen unsern Literaturkritikern nur darum so
neu und revolutionar, weil sie die guten alten Romane nicht
kennen. oder sich ihrer nicht erinnern wollen oder sie fiir un-
vergleichlich halten und der Ansicht lebenf Genies habe es
nur in der Vergangenheit gegeben und die groBe Kunst sei fiir
ewig abgeschlossen und alle Zeitgenossen seien Angehorige
minorum gentium? Oder soil man diesem perpetuellen Kon-
vertiten der eignen Meinung, diesem blendend geistreichen
Friedrich Schlegel glauben, daB ein groBer Roman nur sich
selber gleiche, original sei und von originellen Formen, daB
also eine Asthetik des Romans widersinnig sei? Aber wuBte
509
Friedrich Schlcgel nicht, daB dcr „Wilhelm Meister" am
„Agathon" sich geschult hatte, am ,,Candide" und am ,,Tom
Jones*', an Scarrons ,,roman comique" und viellcicht sogar
am ,,ParzivalM? Viellcicht aber sind sogar auch unsere Lite-
ratcn und Literaturkritiker nicht gar so unbelesen, wie es uns
nach ihren Kritiken scheinen mag? Vielleicht sind sie nur die
schuldig unschuldigen Opfer der allzubekannten Tragheit der
Massen und Volker, dieser Massen und Volker, die so trag bis
zur Traditionslosigkeit sind, daB sie das Neueste dem Neuen
vorziehen und das Unerhorte dem guten Alten. Es ist nam-
lich, beilaufig gesagt, ein banales und unausrottbares Vor-
urteil, zu glauben, die Reaktion Hebe und bediirfe der Tra-
dition, Die Reaktion klammert sich stets nur an das Gestrige
und Vorgestrige. Der Revolutionar hingegen ist in neunund-
neunzig. von hundert Fallen ein Mann, der das Recht, die
Wahrheit und das'Gute, Humane, und seine Jahrtausende alten
kostlichen Traditionen wiederherstellen will, restituieren, nicht
restaurieren* Vielleicht also- sind diese angehlich neuen _und
unerhorten Stromungen und Moden der Literatur nichts andres
als der augurenhafte Yersuch unsrer Literaturpriester, die
Restitutipnsversuche unsrer groBen Dichter der Menge der
Leser und Buchkaufer schmackhaft zu machen, indem sie von
Neuerung, Revolution und Auflosung sprechen, wo nur Wie-
derkehr, Erinnerung und iromme Schule ist?
Was wird angeblich aufgelost in diesen neuen Romanen?
Was nicht, wird man fragen?
Die Sprache, sagt man, die fiktive Einheit der erzahlen-
den Person, die landlaufige Moral, die Einheit der Handlung,
der Charaktere, die Einheit des Weltbilds, die Konvention der
logischen und fortlaufenden Erzahlung, die. SchamhaHigkeit
unsres alltaglichen BewuBtseins, die erschreckend wenigen
Kunstregeln der Epik, das schone Vertrauen der ordinaren
Leser auf die Sinnhaftigkeit einer imaginierten Welt, schlieB-
lich die Logik von Denkfolgen.
Einige dieser AuHosungstendenzen lieBen vielleicht auf
eine Abkehr vom Individualismus schlieBen, der im euro-
paischen Roman der letzten Jahrhunderte herrschte. Schon
im Mittelalter gab es die Typenromane, wie Schafer-, Rauber-,
Reise-, Schelmen-, Liigen- und Ritterromane und bestimmte
Arten der historischen oder Kostiimrotnane.
Aber gegen die Annahme der Wiederheraufkunft von
Typenromanen, von Kollektivromanen sprechen eben diese
angeblich revolutionaren und neuen Romane, die nicht neue
Sozietaten sondern den neuen Menschen, also neue Individuen
schildern wollen. Vielleicht also konnte man sagen, wir haben
keine neuen Ronianformen zu erwarten sondern nur neue
Romandichter,
Zu den Voraussetzungen des groBen europaischen Romans
gehoren wohi nur ein Weltbiid und ein Bericht, der Glaube
an eine Entwicklung (der durchaus nicht jener optimistisch
holde Fortschrittsglaube, jene Persiflage aller menschlichen
Hoffnungen, sein muB) oder der Wille zur Fixierung, ferner
diese Verwandlung der alltaglichen in die magische Sprache
510
der Dichtkunst durch die suB banalen technischen Mittel dcr
Personlichkeit und des schriftstellerischen Charakters, die man
zusammenfassend Stil heiBt.
Man kann freilich auch die eine oder andre dieser Vor-
aussetzungen auflosen, etwa das Weltbild, aber man vergesse
nicht, daB die epische Darstellung dieser Auflosung eines
Weltbilds wiederum ein — Weltbild ergibt.
So daB wir zu der These kamen, es gibt keine neuen son-
dern nur verschiedene Formen des Romans. Es gibt keine
vorwartsschreitende imd immer hohersteigende Entwicklung
der Romankunst sondern nur einen Wechsel allgemeiner Lite-
raturstromungen, deren Reihe sehr klein ist und standig wieder-
kehrt Die neuste „Auflosung des Romans" bedeutet nichts
andres als die Versuche einer Abkehr vom schematisch er-
starrten ,,burgerlichenM oder .jpsychologischen'1 Roman, Der
Kampf gilt also nicht dem Roman sondern nur einer bestimm-
ten Form des Romans und ihrer Erstarrung.
Diese These gilt freilich nicht sub specie aeternitatis son-
dern nur fur ein Zeitalter, von dem ich nicht glaube, daB es
jetzt sein Ende erreicht hat, sondern von dem ich glaube, daB
es erst ktirzlich, vor einigen Jahrhunderten, begonhen hat.
Der Roman dieser Periode, die langer wahren wird, als ihre
Gegner glauben, ist der individualistische Roman. Er wird so
vielfaltig sejLn und so lange unaufgelost bleiben, als es In-
dividuen geben wird,
Es ware amiisant, im Einzelnen nachzuweisen, wie alle
diese einzelnen Auflosungstendenzen, die fiir den modernen
Nachkriegsroman charakteristisch sein sollen, in altern Ro-
maneh schon herrschten, die eine Tendenz in jenem Roman,
andre in andern#
Besuch bei Weifienberg von Lotte zavrei
F\er ,,Meister" Weifienberg feierte seinen siebenundsiebzig-
sten Geburtstag. 35 000 Anhanger sollen an dem Fest teil-
genommen haben, Bismarck, der Flieger Freiherr von Richt-
hofen und Martin Luther brachten ihre Gliickwunsche durch
den Mund des Mediums dan Die Heilkrafte des Doktors Zeil-
eis sind verwirkt, um die Wunder von Konnersreuth herrscht
Schweigen — aber die WeiBenberg-Gemeinde bliiht .wie je.
Wo liegt der Grund dafiir?
Wir schildern einen gewohnlichen Sonntagmorgen in der
Gemeinde.
Friih um neun< Lange Auffahrt von Automobilen. Die
groBe Bethalle, hart an der LandstraBe zwischen Trebbin und
Blankensee, fiillt sich, ganze Familien mit Kind und Kinder-
wagen ziehen hinein. Vom rechts ist der gemischte Chor auf-
gestellt. Er singt nicht schlecht, irgend einen Psalm, Vers
1 — 4; der Kapellmeister schwingt das Gesangbuch als Takt-
stock, In der Mitte vorn, wo Bilder und Schnitzereien eine
Art von Altar darstellen, steht der Meister — vollendeter Typ
511
des ollen ehrlichen Handwerkers mit groBem Schnauzbart —
und halt dem Medium die Hand, Es ist eihe Frau von tin-
gefahr funfzig Jahren, breit und knochig das Gesicht, Ihre
Augen sind geschlossen, Auf ihrer Brust hangt in ovalem
Rahmen das Bild des Meisters,
Mit dem letzten Ton des Psalms erhebt er, der Herr iiber
sie alle, seine Stimme, Sie ist gequetscht, Tonfall eines Unter-
offiziers: „Damit das Volk erkenne, daB noch Zeichen und
Wunder geschehen, wird jetzt der erste Kanzler des Deutschen
Reich.es, Fiirst Otto Bismarck, zu euch sprechen!" Atemlose
Spannung. Wie wird der Eiserne sich manifestieren? Das Me-
dium holt tief Luft Wie wird er sprechen?
Mit eintoniger Grabesstimme beginnt das Weib: ,,Gott
zum GruB! Jesus Christus hat euch wiedergebracht, was er
einst versprochen, Jesus Christus gestern und heut. Nicht
viele diirfen die Dornen schmecken — ihr seid die Aus-
erwahlten!" So geht es fort. Niveau: nicht einmal das der
primltlvsten Sonntagspredigt auf™~einem Dorfe. So spricht
Fiirst Bismarck: ,,Schamt euch nicht, WeiBenberger zu sein
— unter euch wandelt der Auserwahlte!"
Er wandelt inzwischen die Stuhlreihen auf und nieder, und
wo er bei einer Frau, die ihm zuspruchbediirftig scheint, stehen
bleibt, wird sie steif, wirft den Kopf hinteniiber, streckt die
Arme von sich, und sobald er seine Hand ihr auf die Stirn
legt, ihr ein Kreuz iiber die Brust und eins iiber den Riicken
schlagt, beginnt sie, wie ein Hund zu bellen. Es ist tatsach-
lich kein menschlicher Ton und nur dem Klaffen eines Hun-
des vergleichbar, Jetzt zahlt der Meister schnell bis sechs,
die Glieder losen sich, die Frau hat ausgebellt und sinkt be-
gliickt in sich zusammen.
Er ist schon bei der nachsten: dasselbe SchauspieL Hier
und dort im Saal erhebt eine die Hand, er eilt hin, und sie
bellt. Fast nur Frauen. Ein einziger junger Mann bittet ihn
zu sich, bekommt sein Kreuz geschlagen, aber er stbhnt nur,
bringt es nicht zum GebelL Manche Hartnackige ist nicht so
leicht zu befriedigen, Der Meister muB wieder und wieder zu
ihr hin, muB ihr energisch auf den Riicken klopfen, muB sie
schiitteln, bis sie zu sich kommt.
Unentwegt deklamiert die breite Frau vorn mit geschlos-
senen Augen in demselben Leierton. Nichts, nicht der leiseste
Anhaltspunkt, nicht die leiseste Assoziation an irgend etwas,
was mit Bismarck zu tun haben konnte. Aber er spricht eben
aus ihr, Basta,
Zwei junge blonde Madchen in braunen Sammetjacken,
die Helferinnen, beobachten aus den hinteren Ecken des Saa-
les die treue Gememde, Wo man zu seufzen beginnt oder steif
wird, wo der Geist iiber eine kommt, gehen sie hin. Hiibsch
langsam legen sie die am Meister geschulte Hand auf Stir-
nen, schlagen das Kreuz, mit beispielloser Uninteressiertheit,
den Blick irgendwo gelangweilt im Saal. Sie sind ein schlech-
ter Ersatz offenbar. Die Meisten lassen nicht ab, sie bellen
erst und losen sich, wenn er selber, herangewinkt, kommt und
sie wachnittelt,
512
So geht es cine Stunde. Immer saibadert die Dame vorn
ihren Text, phrasenhaft ungegliederte Litaneien, ohne daB ein
einziger Gedanke unterliefe.
Mit „Gott zum GruB, auf Wiedersehen!" ziehen sie hin-
aus auf die LandstraBe oder in das Wirtshaus nebenan.
Jetzt kann man in MuBe den ,, Altar" betrachten. Da sind
Holzplastiken und Gemalde, Darstellungen von Gott, Vater
und Sohn. Immer ist der biedere Handwerkerkopf des Zim-
mermeisters WeiBenberg verwendet. Um das auBer Zweifel
zu stellen, ist seine Photographie, nach der die Kunstwerke
entstanden, neben den Elaboraten angebracht,
Im groBen Restaurant neben dem Bethaus konnen Familien
Kaffee kochen und tun es auch. Sie kaufen auch HeiBig
schwarzweiBrote Schleifen mit der WeiBenberg-Brosche oder
Medaillons mit seinem Bild in alien GroBen und Preislagen
zum Umhangen. Auch Traktatchen gibt es mit photographi-
schen Aufnahmen von Mitwirkenden fruherer Sitzuhgen.
Da ist ein Mann im Frack mit einem nichtssagenden Bal-
lonkopf, untergefaBt mit einer Frau im Sonntagskleid und einem
StrauBchen in der Hand. Sie lacheln genau so, wie alle photo-
graphierten Brautpaare in alien Schaukasten der Kleinstadte
lacheln. Aber das ist nicht irgend ein Mann mit irgend einer
Frau: Das sind Kaiser Nero und Konig Salomo! Der Meister
hat ein Ehepaar aus ihnen gemacht und belehrt uns so, daB
Konig Salomo weiblichen Geschlechts war, Neben ihnen sitzt
ein Hund, und in der Ecke steht WeiBenberg als Jagersmann.
,,Was bedeutet eigentlich dies Bild?" fragej ich den Ver-
kaufer. ,,Nu, das ist also Kaiser Nero und Konig Salomo —
steht ja auch drauf — die sprachen aus sie, und damit der Mei-
ster sie besser beschiitzen kann, hat er sie zusammengegeben.
Und nu paBt er auf, zusammen mit dem Hund Tasso, den Sie
hier sehen." ,,Nun ist mir alles klar*\ sage ich. Nero, Salomo,
Tasso, WeiBenberg — ganz selbstverstandliche Reihe. Was ist
da weiter zu fragen. ,,Ach", sagt drauBen auf dem Vorplatz
eine junge Frau zu einem Ehepaar, ,,bestellt man zu Haus. in
Freiburg — na, ihr habts ja nun miterlebt — ich komm nicht
mehr zuriick,: bis zum Friedhof nicht — das findt man ja auf
der ganzen Welt nicht wieder, was wir hier haben . , /'
Sie hat recht. Das haben nur wir — eine Stunde Bahn-
fahrt von Berlin. Da fahrt der Meister in seinem Cabriolet
vor, am Steuer Fiirst Bismarck, im Fovnd die beiden Helfe-
rinnen — das Volk weicht ehrfurchtig zuriick und folgt ihm
durch den Staub in die Siedlung. Hier bietet sich dem kunst-
hungrigen Glaubigen ein WeiBenberg-Museum. Da wandelt
zwischen kostlichen Andenken der Heiland mit dem Meister
Hand in Hand, plastisch, in LebensgroBe,, von vielen Gliihbir-
nen angeleuchtet, auf Wolken von Gips. Staunend steht die
Menge.
Je holder der Gotze, desto groBer die Anbetung.
513
ChanSOn VOm Ruhm von Alice Ekert-Rothboiz
Alle Rechte vorbehalten
T^ie Schauspielerin Mariechen Schmidt
**^ zeigte nichtsahnend ihrc Beine,
Doch auf einmal ging das Publikum mit!
Es schwor: „Mariechen oder kerne!"
Die Schauspielerin Mariechen Schmidt
wuchs in drei Stunden in den Himmel.
Sie kam mit dem eigenen Ruhm gar nicht mit . , .
Und auf den Gewohnheitsgehies wuchs SchimmeL
Denn das Publikum, das Publikum
Das macht den Ruhm. Und das nimmt den Ruhm,
Warum, weiB' kein Mensch,
Heute badet es dich in Milchschokolade.
Und morgen erfolgt' Gefiihlsblockade , . .
„ Warum, weiB kein Mensch. — — -
Die Schauspielerin Mariechen Schmidt
siezte sich selber vor lauter Respekt.
Es gab einen Posten Bevolkerung nach Schmidtschem Schnitt
Man trug ihren Hund. Ihren Intellekt,
Die Schauspielerin Mariechen Schmidt
war kein Mensch mehr. Sie; war ein Begrif f ...
Und eines Tags ging das Publikum nicht mehr mit!
Es schwor: ^Mariechen? — Knifl"
Denn das Publikum, das Publikum
Das macht den Ruhm. Und das nimmt den Ruhm.
Warum, weiB kein Mensch,
Heut machts fur dich Ewigkeitsreklame
Morgen fruhstiickt es eben die nachste Dame . . ,
Warum, weifi kein Mensch.
Die Schauspielerin Mariechen Schmidt
stand im Eisschrank . . - Ohne Lorbeergemiise,
Sie ritt einen erstklassigen Verzweiflungsritt , . .
Doch selbst die Luft war wie in Paralyse,
Die Schauspielerin Mariechen Schmidt
ertrank schliefilich im eigenen Gelachter,
Zum zweiten Mai kam sie nicht mit sich mit , . .
Sie war doch nicht besser als sonst! Und nicht schlechter.
Doch das Publikum, das Publikum
Das macht den Ruhm. Und das nimmt den Ruhm,
Warum, weifi kein Mensch.
Heut kannst du echt goldene Radieschen ess en
Und morgen versinkst du ins tollste Vergessen.
Warum, weiB kein Mensch
Moral:
Du bist nie von Haus aus ein weifier Rabe!
Und dein Ruhm ist durchaus nicht dein Eigentum.
Dein Ruhm gehort namlich dem Publikum ...
Er ist ein Gottergeschenk mit Preisangabe.
514
Tribute an die Landwirtschaft Bemhar°d citron
r\as erste Wirtschaftsprogramm der Regierung Papen mit
dem ebcnso originellen wie gefahrlichen System der
Steuergutscheine hatte die Begeisterung grade jener Kreise
erweckt, die sich gemeinhin als liberal zu bezeichnen pflegen.
Die Kosten fiir jene Geschenke an die Wirtschaft sollen nur
Arbeitnehmer und Fiskus tragen. Die zweite Halfte des Papen-
Programms kommt der Landwirtschaft zugute, Industrie und
Banken, die nicht nur leer' ausgehen sondern teilweise auch
durch die neuen MaBnahmen geschadigt werden, sind plotz-
lich andern Sinnes geworden. Auf dem Rialto heifitj es nicht
mehr; „Ein weiser, ein gerechter Richter," denn die Hilfe fiir
die Landwirtschaft erschiittert das ganze Kreditgebaude, Man
kann nicht Fleisch aus einem Korper schneiden, bhne daB Blut
flieBt. Als nur die breite Masse der Arbeitnehmer und Kon-
sumenten bluten solltef sah man dartiber hinweg, jetzt aber
erklart der Vorsitzende vom Centralverband des Deutschen
Bank- und Bankiergewerbes:
Es fiihrti zur Vcrnichtung, des deutschen Kredits, wenn Vert rags -
verhaltnisse, die auf Treu und Glauben und rechtlichen Bindungea
fuBen, willkiirlichen, je nach den Um stand en wechselnden Eingriffen
der Staatsgewalt unterliegen.
Die tiberzeugten Anhanger einer Prasidialregierung wer-
den rasch oppositionell, wenn die Staatsgewalt ihre Inter-
essensphare verletzt. Diese ,,Wirtschaftsfuhrer" waren fiir
Briining, fiir Papen, fiir Hitler, solange man sich von diesen
Diktatoren Vorteile versprach — wenn sich aber der Staat
einmal gegen die Wirtschaft richtet, dann sind Banken und
Industrie Vorkampf er t des Liberalismus.
Die Mbolschewistischen" MaBnahmen der Regierung Brii-
ning werden weit in den Schatten^ gestellt von jenen beiden
Agrarverordnungen, mit denen das Kabinett Papen aus Liebe
zur Landwirtschaft die Grundsatze des Kapitalismus verleug-
net. Die Zinssenkung, die am 8. Dezember 1931 vorgenommen
wurde, bildete einen offenen, aber immerhin genau abgegrenz-
ten Eingriff in bestehende Rechtsverhaltnisser wahrend durch
die Agrarverordnungen der Eindruck entsteht, als gabe es
iiberhaupt keine unabanderlichen Rechtsvertrage, Dem land-
wirtschaftlichen Glaubiger steht das Recht, Schulden einzu-
treiben, nicht mehr unbedingt zu. Die Landwirte brauchen
sich nicht mehr die Miihe zu machen, Gerichtsvollzieher und
Auktionator mit Hunden vom Hof zu jagen, in nachster Zeit
werden Pfandungen und Versteigerungen iiberhaupt kaum noch
stattfinden. Jeder landwirtschaftliche Schuldner hat das Recht,
ein Vermittlungsverfahren zu beantragen. Solange ein solches
Verfahren lauft, muB die Zwangsvollstreckung ausgesetzt wer-
den. Dies Vermittlungsverfahren, bei dem eine vom Schuld-
ner ernannte Person die Verhandlungen fuhren soil, ist fiir den
Glaubiger in den meisten Fallen kaum zu umgehen. Kommt
es namlich zu keinem Vergleich, so kann der Schuldner
hinter dem Vollstreckungsschutz Zuflucht suchen, Der einst-
weiligen Einstellung der Zwangsversteigerung muB jetzt auch
stattgegeben werden, wenn groBe Verluste durch Unwetter,
515
Viehseuchen oder durch einen auflerordcntlichen Preisriick-
gang der Betriebserzeugnisse scit Ende 1930 entstanden sind.
Es kann wahrlich nicht schwer fallen, die letzte Voraussetzung
in zahlreichen Fallen zu konstrtiieren.
Als beste Kreditunterlage gait bisher die hypothekarische
Sicherung. Die Hypothek war die erste Darlehnsform, die
nach! der Inflation wieder Vertrauen fand, der hypothekarisch
gesicherte Goldpfandbrief bildete die solideste rtapitalsanlage
und rangierte noch vor den Reichs- und Staatsanleihen. Nach
Oberwindung der herrschenden Krise wird es lange dauern, um
das Vertrauen zur Hypothek wiederherzustellen. Nach der
Verordnung iiber Vermittlungsverfahren und Vollstreckungs-
schutz gelten jene Hypothekenglaubiger als uiigesichert, deren
Darlehen auBerhalh der Grenzen von hundertzwanzig* Prozent
des Einheitswerts beim Kleinbetrieb, von hundert Prozent
beim Mittelbetrieb und von achtzig Prozent beim GroBbetrieb
liegen, Der Glaubiger, der groBziigig in der Kreditgewahrung
gewesen ist, soil jetzt durch Hintansetzung seiner Forderungen
bestraft werden, Nicht der Schuldner, der Glaubiger ist
schuldig.
Wahrend diese Bestimmungen nur fiir tatsachlich oder an-
geblich notleidende Betriebe Geltung haben, findet die Verord-
nung iiber die Zinserleichterung fur den landwirtschaftlichen
Realkredit unbeschadet der Ertragfahigkeit des einzelnen Be-
triebes Anwendung. DaB nicht jedes Rittergut und jedes
Bauerngehoft hilfsbediirftig ist, hat Freiherr von Braun selbst
zugegeben. Nach den Berechnungen des Reichsernahrungs-
mtnisteriums haben sechzig Prozent des Kleinbesitzes, siebzig
Prozent des Mittelbesitzes und achtzig Prozent des GroB-
besitzes ihre Zinsen wahrend der letzten drei Jahre nicht aus
Betriebsuberschussen, sondern aus der Substanz bezahlt. Aber
auch jene zwanzig Prozent GroB-, dreiBig Prozent Mittel- und
vierzig Prozent Kleinbesitzer, die ihre Zinsen bisher verdient
haben, kommen in den GenuB der Zinserleichterung. Es ist
unter dies en Umstanden durchaus begreiflich, daB ein andrer
Wirtschaitszweig, der sich in seiner Existenz durch die Zins-
lasten ebenf alls, bedroht itihlt, Zinssenkung verlangt. Die Haus-
besitzer nehmen fur sich das gleiche Recht, das der Landwirt-
schaft so unterschiedslos gewahrt worden ist, in Anspruch.
Sollten die Hausbesitzer mit ihren Wiinschen durchdringen, so
waren die Hypothekenbanken ihrerseits gezwungen, die Pfand-
briefzinsen herabzusetzen. *Geschieht dies aber, so waren
samtliche deutschen Versicherungsgesellschaften aufs schwerste
bedroht. Den Versicherungsvertragen liegt namlich ein Nor-
malzins von etwa vier Prozent zugrunde. Solange die Pramien
der Versicherten zu hohern Zinssatzen angelegt werden
konnen, erhalten die Versicherten fiir neunzig Prozent der
oberschieBenden Zinsen eine Dividende. Wenn aber die An-
lagen nur noch mit vier Prozent zu verzinsen sind, miissen
die gesamten Unkosten aus der Substanz genommen werden;
dies wiirde sehr bald den Ruin des Versicherungsgewerbes be-
deuten. Also miiBte bei einer Bewilligung der Hausbesitzer-
wiinsche das Reich entweder die Zinsdifferenz bezahlen, was
zweif ellos das Ende einer geregelten Finanzgebarung und den
516
Zusammenbruch der Wahrung zur Folge hatte, odcr die Ver-
sicherungsvertrage durch Notverordnung abandern. Dann ware
allerdings nicht nur das Vertrauen zum Realkredit sondern
auch zur deutschen Assekuranz auf, Jahre hinaus zerstort,
Zu den Eigentiimlichkeiten der herrschendenj Wirtschafts-
politik gehort es, mit Erleichterungen fiir die Gegenwart die
Zukunft zu belasten. Die Zinsen, die fiir zwei Jahre gestundet
werden, soilen bei Tilgungshypotheken nach Beendigung der
Tilgungsperiode, bei Falligkeitshypotheken nach Riickzahlung
des Darlehens erstattet werden. Die Zahlung dieser Zinsen
soil vom Giaubiger eigentlich als ein besonderes Geschenk an-
gesehen werden: wenn namlich sein Darlehen vor dem 1. April
1937 zuriickgezahlt wird, sind die gestundeten Zinsen iiber-
haupt geloscht. Erst bei einer Riickzahlung nach dem 1. April
1940 soil die voile Erstattung der gestundeten Zinsen erfolgen.
Fiir das Geschenk einer verhaltnismaBig piinktlichen Riick-
zahlung muB also der Giaubiger noch eine Pramie zahlen.
Ganz sicher sind ihm aber weder die Zinsen jener beiden noch
der spatereri Jahre. Der Ernahrungsminister machte jedenfalls
eine etwas mysteriose Andeutung iiber die Zinsen, die vor-
laufig galvanisiert seien und von denen man nicht weiB, ob sie
jemals wieder zum Leben erweckt werden.
Sollte die Wiedererweckung der Zinsen nicht erfolgen, so
ist nicht nur der private Giaubiger sondern auch das Reich
geschadigt. Hypothekenbanken, deren Deckungsmasse zu
mehr als zehn Prozent aus landwirtschaftlichen Realkrediten
besteht, haben namlich das Recht, auf Grund der gestundeten,,
als zusatzliche Hypotheken eingetragenen Zinsen Schuldver-
schreibungen auszugeben, deren Gegenwert das Reich bei
jedem Zinstermin zur Verliigung stellt* Das Reich kommt da-
mit inl den Besitz von Schuldverschreibungen, deren Einlosung
der Regierung selbst sehr zweifelhaft zu sein scheint, Aber
das ist nicht Papens Sorge, denn er glaubt wohl selbst nicht,
daB er bis zum Jahre 1940 oder noch langer regieren wird.
In die Verordnung iiber die Zinserleichterung ist der Para-
graph elf eingefugt worden, der gar nichts mit Zinserleichte-
rung zu tun hat sondern die Falligkeit von Hypothekendar-
lehen betrifft. Bis zum L April 1935 kana eine Riickzahlung
von Hypothekendarlehen, deren Zinsen nach dieser Verordnung
gekurzt sind, nicht gef order t werden. Zweieinhalb Jahre lang
braucht die Landwirtschaft keine Realkredite zuriickzuzahlen.
Die schlechten Betriebe entgehen damit der Versteigerung, und
die guten verdienen bei diesem Geschaft die Zinsen fiir die
Zwischenzeit, Nun sind nicht alle Giaubiger der Landwirtschaft
habgierige Shylocks, die dem Bauern Geld zu Wucherzinsen ge-
liehen haben und ihm nun die letzte Kuh aus dem Stall holen. Man
kann es auch nicht als unbillig bezeichnen, wenn der ZinsfuB
fiir landwirtschaftliche Beleihungen — wie Freiherr von Braun
angegeben hat — um 0,6 Prozent iiber dem durchschnittlichen
Zinsniveau liegt. Man muB die Dif f erenz von 0,6 Prozent so-
gar als eine sehr bescheidene Risikopramie fiir die erheblichen
Schaden ansehen, die den Giaubiger der Landwirtschaft be-
trof fen haben,
ErmaBigung der Zinsen, Hinausschiebung der Darlehns-
517
falligkeit, Vermittlungsverfahren und Vollstreckungsschutz
konnen vielleicht den Zusammenbruch der bedrohten Betriebe
noch fur kurze Zeit hinauszogern, Einc Sanierung der Land-
wirtschaft bringen diese MaBnahmen nicht. Nach den „bolsche-
wistischen" Planen der Regierung Briining sollte der unrett-
bare GroBgrundbesitz fiir Siedlungszwecke trei werden. Die
jetzige Regelung erschwert zwar die Subhastation, ohne aber
eine rationelle Betriebsftihrung zu ermoglichen. Das Herren-
haus wird diirch aussichtslase MaBnahmen verteidigt, wahrend
Katner und geschulte Arbeiter die schlecht bewirtschafteten
Latifundien besiedeln und wahrscheinlich in kurzer Zeit zum
guten Bauernland umgestalten konnten.
Wochenschau des Ruckschritts
— Die Sondergerichtc verhangten in der Woche vom 13. bis
20, September gegen Angehorige linker Organisationen 41 Jahre 4 Mo-
nate Zuchthaus und 33 Jahre 4 Monate Gefangnis, gegen rechts
4 Jahre 6 Monate Zuchthaus und 12 Jahre 5 Monate Gefangnis; drei
Freispruche wurden nach links ausgesprochen, achtzehn nach rechts.
Das beuthene'r Sondergericht verurteilte sechs Arbeiter wegen eines' Ober-
falls auf einen Polizeibeamten zu 31 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren
Gefangnis. Ein SPD-Jungarbeiter in Magdeburg erhielt 13 Monate
Zuchthaus, obwohl er sich in Notwehr gegen einen Nazi be fun den
hatte. Eine von , der KPD in den berliner Sportpalast einberuf ene
Kundgebung gegen die Sondergerichte wurde verboten.
— Ein amtlicher Bericht spricht von 155 politischen Todesopfern
des Jahres 1932, die sich fast gleich auf rechts und links verteilten.
Nachprufungen haben ergeben, dafi sich unter den angeblichen Nazi-
opfern vielfach Kommunisten oder Parteilose befinden. Die amtliche
Statistik ergibt eine ungeheuerliche Zunahme der Todesopfer un-
mittelbar nach Aufhebung des SA-Verbots.
■ — Gombos, der Gastgeber der Erzbergmorder, ist von Horthy
mit der Kabinettsbildung beauftragt worden.
— Reichskommissar Doktor Bracht hat eine weitere Entrepubli-
kanisierung der preuBischen Verwaltung vorgenommen. Der mit Ver-
fassungsarbeiten beauftragte Ministerialrat Lammers vom Reichsinnen-
ministerium ist in einer Nazikundgebung als Redner aufgetreten. Der
mecklenburgische Naziminister Scharf hat sich zum Oberregierungsrat
ernannt und damit Pensionsberechtigung erlangt. Der breslauer
deutschnationale Professor Helfritz, der seines Amtes als Priifer ent-
hoben worden wart darf wieder Prufungen abhalten.
— Das thtiringische Volksbildungsministerium hat cue ieilnehmer
am potsdamer Hitler j ugendtref fen fiir den 1. Oktober vom Besuch des
Schulunterrichts entbunden,
— In Wurttemberg sind durch Notverordnung Fleischsteuern und
kommunale Filialsteuern eingefuhrt worden,
— Die vom altonaer kommunistischen Einheitsverband der Ar-
beiter und Seeleute einberuf ene Versammlung, die zu den Forderun-
gen der Reeder Stellung nehmen sollte, ist verboten worden,
— Das Organ der deutschen Trotzkigruppe, ,Die permanente Re-
volution', ist wegen einer Kritik am Verbot der ,Roten Fahne* auf vier
Wochen verboten worden,
Wochenschau des Fortschritts
— Der Woiwode von Pomerellen hat fur seinen Amtsbereich dem
1fGroBpolnischen Lager", von dem fast alle Kundgebungen gegen
Deutschland ausgingen, j-egliche Tatigkeit verboten,
518
Bemerkungen
Lieber Herr von Ossietzky
PW Wachtmeister darf uns
*"^ glauben, dafl wir. mit dem
BIumenstrauB, den wir Ihnen
heute zu Ihrem Geburtstag brin-
gen, keine Geheimbotschaften ins
Gefangnis einschmuggeln wollen.
Unser Gliickwunsch wird nicht
auf Kassiber sondern in aller
Offentlichkeit geschrieben. Wir
bringen einen StrauB roter Nel-
ken und darin eihe blaue Blume,
als kleines Zugestandnis an den
modischen Zug zur Romantik.
Und damit auch etwas Lustiges
. dabei sei, bringen wir Ihnen
auQerdem das neuste broschierte
Extemporale Ihres staatlich ge-
pruften Lieblingsgegners Wilhclm
Stapel aus Hamburg,
Wir gehen, nachdem man unsre
Erlaubniskarte gepriift und die
Tiir aufgeschlossen hatf iiber den
Hof in das rote Backsteingebaude,
anzusehen wie die alten Schulen,
die imiher nach dem kalten Staub
der Turnhalle riechen und vor
denen die Kinder Angst haben,
Wenig Fenster hat das Haus, nur
hinten an den groBen Querfliigeln
sieht man von weitem Gitter-
fenster eng an GitterSenster. Das
Hauptgebaude ist durchzogen von
halbdunklen, endlosen Gangen
mit Steinfuflboden, auf denen
jeder Schritt wie ein haBlicher
Gongschlag hallt. Diese hallende
Leere, die den Bafl der uni-
formierten Aufseher und das
Gerassel der Schlusselbunde
durch alle Stockwerke tragt, ist
das Erschreckendste an diesem
Haus. Und dann kommen Sie
hinter dem Wachtmeister her in
das Besuchszimmer gegangen. Wir
miissen uns eilen, denn zur vor-
geschriebenen Minute mufi unser
Gesprach zu Ende sein,
Es ist eine grausame Ironie, daB
man an einen solchen Ort des
Uhrenkults und der preuBischen
Hausordnung grade Sie ver-
schleppt hat, zu dessen Art es so
gehort, sich fiber die biirgerlichen
RegelmaBigkeiten hinwegzusetzen.
Sie lieben es doch, Ihren Tag
ohne Mittagessen und ohne Man-
tel hinzuleben, mit Kaffee zu den
seltsamsten Tageszeiten und Ta-
geszeitungen, mit halbeingesttirz-
ten Papierbergen auf Ihrem
Schreibtisch, Sie bevorzugen
Bleistiftstummel, ' wo andre nicht
ohne ein PrunktintenfaB mit
silbernem Rotstift auskommen.
So; ohne Aufwand und ohne
Feierlichkeit tun Sie ja Ihre
wichtige Arbeit, und deshalb
schien Ihnen auch unbehag-
licher fast als das Schick-
sal unverdi enter Einkerkerung,
daB der WeltbiihnenprozeB Sie
mitten in eine Offentlichkeit hin-
einschob, die Sie aus der Feme,
mit verschlossenem Gesicht und
mit einem Lacheln, das nicht jeder
gleich bemerkt, zu betrachten
wiinschen; daB man den Men-
schen hinter dem Schriftsteller
hervorzog, Ein Witz ist Ihnen
lieber als eine Ansprache, aber
dennoch haben Sie, als das leip-
ziger Unwetter niederging, ge-
zeigt, daB Sie die Fahigkeit be-
sitzen, die vielen unsrer Satiriker,
auch begabten, mangelt: sehr
ernst zu sein, wenn es Iohnt;
schwerkalibrig im Innern, auch
wenn der Bleistift so leicht1 iiber
das Papier geht wie der Ihre,
Wir haben, als Sie fur Ihre
Uberzeugung nicht nur eine ima-
ginare Verantwortung sondern die
eigne Freiheit und Gesundheit
einzusetzen hatten, gelernt, was
ein echter Polemiker ist, Nicht
ein Mensch, der sich vornimmt,
aggressiv und riicksichtslos zu
sein, sondern einer, der unter
einem selbstverstandlichen Zwang
zuschlagt, wenn er Dunkles und
Faules sieht, ganz ohne die Mog-
lichkeit, zu iiberlegen, ob es ge-
fahrlich sei. Was Zivilkurage ist,
diese Tugend, fur die Sie sicn1
als Schriftsteller so gern ein-
setzen, das haben Sie uns gezeigi
Ihr Schreibtisch ist, seit Sie fort
sind, nicht viel leerer geworden.
Immer noch laufen allmorgendlich
zahlreiche Gedichte ein, die von
hohlaugigen Huren handeln und
mit einem ungereimten Ausblick
auf die Weltrevolution schlieBen,
immer noch die tatsachenschwe-
ren, aber Ihres Korrekturstifts so
519
bedurftigen Mammutabhandlungen,
die Sie resignierten Gesichts unter
den Arm zu klemmen pflegen,
wenn Sie Kaffee trinken gehen.
Sie haben bisher nicht viel ver-
saurat, auBer vielleicht jenen
alten Mann, der uns fiinf Kurz-
opern mit Ballett nebst einer pa-
zifistischen Broschure von ftinfzig
Seiten zum Abdruck in der ,Welt-
buhne' anbot Vermissen Sie das
Packchen Zeitungsausschnitte, das
jeden Tag eintrifft? Sie machen
j a doch keinen Larm, wenn Ihnen
der Bierhauch der Hakenkreuz-
briider ins Gesicht schlagt, wenn
die Freunde von links mit Ham-
mer und Sichel gegen Sie zu
Feld-e ziehen und die Freunde
von rechts mit ihren drei Pfeilen
nach Ihnen schieBen. Ich habe
Sie uberhaupt nie wiitend ge-
sehen, auBer wenn einer unhoflich
oder unkameradschaftlich wurde.
Lieber Herr von Ossietzky, die
Wand, die wir mit ausgeschnitte-
nen Photos zu dekorieren pflegen
und auf der Sie zwischen Greta
Garbo und dem Genossen Zor-
giebel prangent soil neu tapeziert
werden. Der Stubenmaler will
Sie, vielleicht aus Sympathie fur
seinen beriihmtesten Berufs-
kollegeh, uberkleben. Es wird ihm
wenig nutzen. Denn wir vermis-
sen Sie alle, Wir sind gewohnt
an Ihre leise, freundliche Leitung,
Ihre Heiterkeit, Ihre schnellen
Einfalle. Wir sind gewohnt an
den weiten Blick, mit dem Sie
den durftigen Bezirk der Tages-
politik einordnen in die Ge-
schichte, in den groBen Kreis
der Kultur. Sie haben auch
den Unpolitischen den Ge-
schmack an der Politik beige-
bracht, weil Sie Ihre Gedanken
nicht im Fach jargon sondern in
einer Sprache vortragen, in der
man auch iiber Blumen, Musik
und Frauen schreiben kann, (Wie
Sie auch dies verstehen, das zei-
gen Sie leider zu seiten!) Wir
vermissen Ihre unbarmherzige und
erheiternde Art, den Volksbeauf-
tragten und Gottbegnadeten von
heute welthistorische Kostiime
anzuziehen und sie dadurch zu
entkleiden; wie unter Ihrem Zu-
griff die sonst so volltonenden
520
Stammtischrecken von 1932 plotz-
lich leicht beschamt im Mantel
Alexanders des GroBen oder
Wallensteins vor unsern Augen
stehen. Jetzt miissen Sie, mit
untatigen Handen, durch ein ver-
gittertes Fenster zusehen, wie
alles eintrifft, was Sie voraus-
gesagt haben*
Der Warter rasselt mit den
Schlusseln. Unsre Zeit ist um.
Hoffentlich auch recht bald die
Ihre.
Rudolf Arnheim
Fascistischer Strafvollzug
Die Bewunderer Mussolinis wa-
ren begeistert, als der Duce
den Schieber Gualino fiir drei
Jahre auf die Liparischen Inseln
verschickte. Er war nicht lange
dort, Bereits nach einem halben
Jahr konnte sein Gesundheitszu-
stand das in der Tat fiirchterliche
Leben der Deportierten nicht mehr
ertragen, Er wurde deshalb in
eine angenehmere Gegendl iiber-
fiihrt, um seine Strafe in einer
Privatvilla mit allem Komfort ab-
zusitzen. Jetzt ist er vollig be-
gnadigt worden und hat sofort
einen PaB erhalten, um nach
Paris fahren und mit seinem alten
Kompagnon Oustric die Wiedet-
aufnahme seiner Geschafte be-
sprechen zu konnen.
Den politischen Gefangenen
geht es weniger gut. Da die
oppositionelle Bewegung sich auch
in den Gefangnissen bemerkbar
machte, hat Mussolini zweihun-
dert besonders bekannte Gefan-
gene in das Zuchthaus von Ci-
vitavecchia bringen lassen. Das war
unter dem Namen, „Mastio" schon
zu der Zeit beriichtigt, in der die
„Tosca" spielt, Dort sind sie
jetzt, jeder allein, in einer unter-
irdischen, feuchten und dunkeln
Zelle, ohne Lektiire, ohne Licht,
bei Wasser und Brot. Um das
Zuchthaus ist ein Cordon aus Mi-
lizsoldaten und Carabinieri ge-
zogen, die aufzupassen haben, daB
die Hinrichtung der Zweihundert
ohne Zwischenfalle verlauft. Es
ist eine Hinrichtung oder vielmehr
ein Mord, denn wie lange konnen
Menschen, die ohnedies zu zehn,
zwanzig und . dreiBig Jahren
Zuchthaus verurteilt ' sind, eine
aeraf tige j->enancuung enragen f
Es handelt sich dabci urn Manner
aus alien Berufen und alien anti-
fascistischen Parteien: Rechts-
anwalte und Professoren, Arbei-
ter und Intellektuelle, Demokra-
ten und Kommunisten, Sozialisten
und Liberale. Der Kommunist
Terracini ist unter ihnen, die So-
zialisten Secchia und Parodi, der
Journalist Tulli, der ehemalige
Abgeordnete Damen und auch der
Student Amendola, ein Sohn des
im Exil an den Folgen eines* fas-
cistischen Oberfalls verstorbenen
Ministers* Der junge Mann wurde
verhaftet, weil man bei ihm einen
Brief Romain Rollands fand, in
dem die italienischen Intellektu-
ellen zur Teilnahme am Anti-
kriegskongreB aufgefordert wur-
den, Um den gefiirchteten Na-
men nicht in die Offentlichkeit zu
bringen, hat man Amendola nicht
einmal den Prozefi gemacht son-
dern ihn ohne Urteil eingesperrt.
Seit dem 22. September befin-
den sich die Zweihundert in Ci-
vitavecchia im Hungerstreik.
Emit linger
Deutsche Etat-„Sanierung"
^Vfenn Papens Wirtschaftspro-
w gramm Wirklichkeit werden
sollte, dann wird den Kapitalisten
in dem nachsten Steuerjahr mehr
als eine Milliarde geschenkt,
vierhundert Millionen durch die
Steueranrechnungsscheine und
siebenhundert Millionen als Pra-
mien fiir die Neueinstellung von
Arbeitern. Dieses Geschenk von
einer reichlichen Milliarde wird
bei einem Etat gewahrt, der
weitere starke Defizits aufzuwei-
sen hat; vor allem, weil die viel-
fachen Subventionen immer mehr
ins Gewicht fallen und weil wei-
terhin infolge des Produktions-
riicKganges die dteuereingange
hinter den Voranschlagen zuriick-
bleiben.
Nux in einem Punkt ist der
Etat saniert. „Nach den letzten
Ausweisen der Reichsanstalt
scheint das konjunkturelle An-
wachsen der Arbeitslosigkeit, so
weit sie Unter stiitzungsauf wand
erfordert, zu einem gewissen
Stillstand gekommen zu sein", so
melden die letzten Vierteljahrs-
hefte zur Konjunkturforschung.
Aber wie hat man die Sanierung
des Etats auf dies em Gebiet fertig
bekommen? Hier steht hinter den
nackten Zahlen ein solches Ausr
maO von Not und Elend, daJ3 man
es nicht laut genug in die Welt
schreien kann. Etwa sieben Mil-
lionen Arbeitslose haben wir
jetzt im Sommer; denn neben den
knapp 5,5 Millionen bei den Ar-
beitsamtern registrierten Arbeits-
losen gibt es noch 1,5 Millionen,
die sich gar nicht mehr registrie-
ren lassen, weil sie nach den ver-
scharften Bestimmungen ihren
Unterstiitzungsanspruch nicht zu
begriinden in der Lage sind. Sie
also fallen zunachst aus. Von den
ubrigbleibenden 5,5 Millionen Re-
gistrierten erhalt noch einmal
eine reichliche Million nach den
amtlichen Ausweisen keinen
Pfennig Unterstiitzung. Von den
verbleibenden knapp 4,5 Millionen
waren im Sommer allein 2,4 Mil-
lionen Wohlfahrtserwerbslose, be-
zogen also die niedrigsten Satze.
Und nur reichlich zwei Millionen
sind noch in der Arbeitslosenver-
sicheruntf und in der Krisenfiir-
sortfe. Die noch in der Arbeits-
losenversicheriing Unterstiitzten
aber hat man in der letzten Not-
verordnung noch einmal um ein
Viertel abgebaut, die Krisenunter-
stiitzten um zehn Prozent.
Wenn Sie die wirklichen Ursachen heu-
tiger Weltwirrnis erkennen wollen, lesen
Sie das „Gespenst der Freiheit" von
B6 Yin Ra. An diesem Buche konnte die
game Menschheit gesunden.
Sie erhatten es in den Buchhandlungen Oder von uns direkt (Preis RM. 6.—).
Kober'sche Verlaqsbuchhandlung (gegr. 1816;, Basel-Leipzig.
521
So sicht also heute die Arbeits-
losenversicherung aus. Von siebcn
Millionen 2,5 Millionen ohne
einen Pfennig Unterstiitzung,
kna^o 2,5 Millionen in der Wohl-
Jahrt und nur reichlich sieben-
hunderttausend, das heiBt reich-
lich zehn Prozent in der Arbeits-
losenversicherung.
Herr v. Papen will sich be-
kanntlich eine Blankovollmacht
zum weiteren Abbau der Sozial-
politik geben lassen. Man sieht
an diesen knappen Zahlen, wie
un*eheuerlich die Sozialpolitik
auf ihrem vornehmsten Gebiet,
der Arbeitslosenversicherung, be-
reits abgebaut ist. Wenn von
hundert Arbeitslosen nur noch
zehn die Unterstiitzungssatze- der
Arbeitslosenversicherung erhalten,
dann is,t sie in Wirklichkeit be-
reits beseitigt. Viel tiefer kann
auch schon darum der Abbau
kaum mehr gehen, weil infolge
der langen Krisendauer die Re-
serven, die den Arbeitslosen
wahrend der ersten Jahre noch in
gewissem Umfang zur Verfiigung
standen, immer mehr verbraucht
wurden und auch die Gewerk-
schaften nur noch >die wenigen
Erwerbslosen, die in der Arbeits-
losenversicherung stehen, ihrer-
seits unterstutzen konnen.
Die Etatsanierung entsnricht
den iibrigen nkonstruktiven" Ge-
dank-en in Papens Wirtschafts-
programm: der totalen Abwalzung
der Krisenlasten auf die breiten
Arbeit nehmermass en .
K. L. Gerstorff
Wenn Annette Kolb
sich beschwert, so ist das noch
immer anmutiger als der Durch-
schnitt der Liebeserklarungen
hierzulande. In einem kleinen
„BeschwerdebuchM (Rowohlt) hat
Annette Kolb Aufsatze, Glossen,
Marginalien aus den letzten bei-
den Jahren gesammelt, die von
Erlebnissen mit Menschen und
Hunden handeln, mit dem Radio,
mit Literatur und Musik. Das
alles scheint leicht hingeplaudert
zu sein, Improvisationen eines
Menschen von naturlicher grofier
Formbegabung. Aber, lieber Gott,
wie ist das gearbeitet! Wie ist
das sprachliche Material dieser
522
zarten, hauchdunnen Sachen von
einer einmaligen Personlichkeit
gehartet und biegsam gemacht!
Annette Kolb sagt von sich ,selbst:
„//. sie hat sich, obwohl ihre
Biicher nicht eben zahlreich sind,
schrecklich geplagi Und dies
mufi ich euch sagen, weil man
ihren Sachen die grofie Miihsal
nicht anmerkt. Sie hat es sich
nicht leicht gemacht, am wenig-
sten mit dem Schreiben. Zum
Schreiben drangte sie nicht das
Talent sondern ihre Meinungen,
und in der Gedanklichkeit, was
immer man euch heute iiber
sie erzahlen mag, liegt der
Schwerpunkt ihrer Arbeiten".
Annette Kolb hat recht, wenn sie
es ablehnt, einem virtuosen Ar-
tistentum beigerechnet zu werden..
Ihr Werk kommt aus einem
brennenden Herzen, die Kunst
eines klaren, verniinftigen Kopfes
verdiinnt es nicht sondern macht
es nur feiner und durchsichtiger.
„A. K. ist von deutscher und
franzosischer Abkunft, und wah-
rend des Weltkrieges hielt sie es
mit den Deutschen und Franzosen
zugleich/* So spricht nur ein
durch und durch tapfrer Mensch,,
dessen Bestes, bei aller Kunst,
doch darin liegt, die einfache
Wahrheit einfach zu sagen.
Thomas Mttrner
Wie verbringt die Jugend
ihre freie Zeit?
Fiinftausend berliner Jungen
und Madchen zwischen Vier-
zehn und Achtzehn haben Auf-
satze tiber das Thema „Wie ver-
bringe ich meine freie Zeit?" ge-
schrieben, und ein Stadtjugend-
pfleger hat in einem Buche einen
Uberblick dariiber gegeben. (Ro-
bert Dinse, Freizeitleben der
Grofistadtjugend.) Es handelt
sich bei den Aufsatzschreibern
vorwiegend um ungelemte Ar-
beiter in den Berufsschulen, doch
sind auch zehn Prozent Ober-
realschiiler und Gymnasiasten
beteiligt, die das im iibrigen ga-
rantiert kulturbazillenfreie Re-
sultat etwas mit „hoherer Bil-
dung" infizieren, Der Jugend-
pfleger Dinse selbst nennt sei-
nen Oberblick iiber die beruf-
lichen, privaten und geistigen
Interessen des normal en Grofi-
stadt j ugendlichen niederdriickend,
aber typisch fiir die groBe Mehr-
heit.
Berufliche Interessen, Berufs-
fortbildung? Wo soil das heute
herkommen? Von 2750 erwah-
nen 17 Berufsschularbeiten,
nach denen bei der Erlauterung
des gestellten Themas speziell
gefragt wurde. Private Interessen
fur Sport, Tanz, Freundschaften
— naturlich. Bleiben die geisti-
gen Interessen „unsrer deutschen
Jugend", die seit jeher es sich
gefallen lassen mufi, bei jeder
offiziellen Gelegenheit mit „deut-
scher ^ Kultur" und „deutschem
Geist" zusammengenannt zu
werden:
Museen und Ausstellungen be-
suchen nicht ganz acht unter je
tausend dieser jungen Einwohner
der groBen Museumsstadt Berlin.
Von dieser imponierenden Zahl
wird vermutlich fast alles auf
Messen, Ausstellungen, nahezu
nichts auf Museen sich verteilen.
Ins Theater kommen sehr we-
nige, aus Geldgriinden. Von den
wenigen Theaterbesuchern be-
richtet ein einziger, in der Volks-
btihne, einige Dutzend, in der
GroBen Schauspielhausrevue ge-
wesen zu sein. Viel wichtiger als
das Theater ist das Kino, Sie
gehen alle nicht nur begeistert
sondern stolz hin: sie halten es
fiir reine Kunst, die Titel pragen
sich ihnen so tief ein, daB sie sie
(ungefragt) nennen, und zwar
alle dieselben, etwa in der Art
„Der Greifer" oder „Dich hab
ich geliebt", Abenteuerlich und
sentimental ist Trumpf.
Genau dasselbe ist es mit der
Musik. Radio drehen si© ab,
auBer bei Schlagern. Am Kla-
vier spielen sie „Duftende B lu-
men", „Heinzelmannchens> Wacht-
parade", t,Gebet einer Jungfrau",
Ein siebzehnjahriges Dienstmad-
chen berichtet genau, wie sie in
Feierstunden im Drang nach
Hoherem nach der Zither greift
und „Schoner Gigolo, armer Gi-
golo" spielt. Welch ein Bild!
Und aus den Zutaten Aben-
teuer und Sentimentalitat setzt
sich auch der Hauptbestandteil
ihrer geistigen Nahrung, ihre
Lektiire, zusammen. Dreiviertel
aller Befragten lesen. Die Ge-
lernten unter ihnen lesen zwar
etwas Fachliteratur /und die
Abenteuerliteratur wird augen-
blicklich durch London und Tra-
ven etwas veredelt: im ubrigen
jedoch fuhrt bei den Jungen un-
verandert Karl May, bei den
Madchen Courths-Mahler, die
beide doppelt so viel gelesen
werden wie die meistgelesenen
andern Autoren. Goethe, be-
kanntlich Allgemeingut des deut-
schen Volkes, wird man vergeb-
lich suchen. Aber dafiir lesen
sie ihre Schauer- und Schund-
geschichten mit demselben riih-
renden Stolz und der Oberzeugt-
heit, mit der sie ins Kino gehen,
Eine Schreiberin reifit die Erinne-
rung zu folgender Inhaltsangabe
hin : „Da war eine Graf in sehr
energisch, ihr Sohn wollte eine
Kammerjungfer heiraten. Diese
aber hafite die Grafin sehr. Und
nachher haben sie sich doch be-
kommen." Das ist typisch, so
war es, so ist es gebiieben, ob
es sich auch bei diesen Vierzehn-
bis Achtzehnjahrigen bereits urn
Absolventen der Volksschulen
der Republik handelt.
Die einzige Gruppe, die sich
deutlich von dem allgemeinen Ni-
veau abhebt, hat sich ihre Bil-
dung selbstandig in einer ganz
andern Schiile geholt. Mitglieder
der Sozialistischen Arbeiter-
Jugend sind es, die, zu achtund-
achtzig Prozent von den Volks-
bibliotheken als „einwandfrei"
bezeichnete Biicher lesen. Junge
Sozialisten studieren in ihren
Freistunden Marx, Engels, Lenin,
Und wenn Dinse auf einen unter
Fiinftausend Worte wie „Begei-
sterung . . . Hingabe . . . kampfe-
rischer Mut . . , versucht, in di&
Tiefe einzudringen , . , wache Gei-
steskrafte , . ." anwendet, so han-
delt es sich um einen Angehori-
gen des Kommunistischen Ju-
gend-Verbandes. Um einen von
denen also, die in offiziellen Re-
* den, Denkschriften, Erlassen
ebenso automatisch als Trager
' von Schlagring und Revolver auf-
treten wie ,funsre Jugend'1 als
Trager von Geist und Kultur.
Charlotte Pol
523
Neues Volkslied
_m Norden Berlins auf die Melodie
»Drei Lilien, drei Lilien* gehort,
Mitgeteilt von Erich Kastner,
Es war einmal, es war einmal
ein Leutnant mit zwei Maon, ja mit zwei
Mann,
Der sprach zu ihnen beiden:
»Wir gehn mal ranl«
Er ging zu Weifl und Heimannsberg,
zu Braun und Severing, ja Severing,
Er rief: »Ihr seid entlassen,
sonst gibts ein Dingl«
Der Leutnant zeigte einen Brief,
in dem es schriftlich stand, ja schriftlich
stand,
und auf'ne Handgranate
in seiner Hand.
Da standen schnell die Herren auf
und wichen der Gewalt, ja der Gewalt
und haben nicht einmal mit
der Tur geknallt.
Die Polizei, die polizei,
so grofl als wie ein Heer, ja wie ein Heer,
die sah die Herrn verschwinden
und staunte sehr.
Es war einmal, es war einmal
ein Leutnant mit zwei Mann, ja mit zwei
Und doch ist es kein Marchen.
Denkt mal an I
Tagliche Praxis
In der Nummer 8 der wiener me-
dizinischen Zeitschrift ,Ars me-
dici* findet sich auf Seite 451
unter der Rubrik f,Meinungsaus-
tausch iiber Fragen der taglichen
Praxis" die folgende Anfrage:
„Wie ist die Geburt bei einer
Virgo mit vollkommen unverletz-
tem Genital und engem Hymenal-
ring zu leiten?"
Dafl ■ es soviel Falle unbefleck-
ter Empfangnis gibt, hat gewiO
bisher keiner gewuBt.
Christusjugend marschiert!
VV/ie bereits gemeldet, halt am
" Sonntag, dem 18. September,
der Verband der Katholischen
Jungmanner- und Jugendvereine
der Diozese Kattowitz seinen
diesjahrigen grofien Verbandstag
in Myslowitz. Der diesjahrige
Verbandstag soil die Geschlossen-
heit .zeigen, die eine Frucht der
planmafiigen Aufbauarbeit ist; er
soil ein Bekenntnis fur Christus
werden; er soil alien Menschen
sagen,
M A O K
vertllgt Ungeziefer.
,Oberschlesischer Kurier'
14. September
524
Hoppla!
Oder
Der kluge Setzer
I Tnter starkster Beteiligung fand
^ am Sonntag, dem 11. Sep-
tember, in Bad Kleinen der erste
Gautag der NS-Frauenschaft
Mecklenburg-Liibeck statt. Wer
diese Tagang mitgemacht hat,
diese von dem Ernst und Ver-
antwortungsgeftihl erfullten
Frauen bei ihrer rein sachlichen
Arbeit gesehen hat, der wird die
Lacherlichkeit derartiger Behaup-
tungen eingesehen haben.
,V6lkischer Beobachter' ,
15. 9. 32.
Die Penne ubertrumpft
Wiele, die aus Neugier zu Hitler-
v Versammlungen gingen, kehr-
ten als Vollbekehrte heim, ergrif-
fen von Elementarkraften, die
nachhaltiger auf sie einwirkten,
als ihnen die Schule hattei geben
konnen.
G. Kriek
Bremer Nai.Soz.-Ztg.
Schwfile Luft
In wenigen Stunden wird es
*tschon wieder ganz anders aus-
sehen. Zwei Depressionen, von
Island und von Spanien her, sind
im Anriicken begriffen, und unter
ihrem EinfluB wird die Bevolke-
rung wieder zunehmen.
,Vossische Zeitung'
Liebe Weltbuhtie!
C ine Bekannte von mir kommt
*■* soeben von einer Verwand-
tenreise im dunkelsten Ostelbien
zuruck. Bei einem Gesprach mit
einer alten Dame in einem Dorf
der Grenzmark kam man
auch auf die Reichsprasiden-
tenwahl. Die alte Dame er-
widerte auf die Frage, ob sie Hit-
ler gewahlt habe: „Nein! Man
hat gegen Ebert immer gesagt,
er sei nur Sattler. Ein An-
streicher ist doch nicht mehr.
Warum hat man nicht einen der
Sonne des Kaisers aufgestellt?
Die miissen doch das Regieren
eher verstehen. Sie haben ja
immer ihrem Vater beim Regie-
ren zugeguckt."
Antworten
Freiherr yon Neurath. Als Botschafter in London haben Sie an
Gehalt und Reprasentationsgeldern jahrlich annahernd dreihundert-
tausend Mark bekommen. Was haben Sic eigentlich fur dieses Geld
getan? Die englische Note haben Sie nicht nur nicht vorausgesehen,
Sie waren sogar uberrascht davon, und mit Henderson, der wahrend
Ihrer Amtszeit Aufienminister war, haben Sie so wenig personliche
Beziehungen anzuknupfen; verstanden, dafi Sie in Genf nicht ohne
Schwierigkeiten mit ihm in Kontakt kommen konnten, obgleich ,,Onkel
Arthur" wegen seiner Umganglichkeit bei alien englischen Parteien be-
Hebt ist. Dann sind Sie aus Genf unmittelbar vor den Reden Herriots,
Cecils und Aloisis abgereist, weil Sie, wie es hiefi, zur Kabinetts-
sitzung nach Berlin mufiten. Dabei ist durch einen Regiefehler be-
kannt geworden, dafi das Kabinett nur durch Ihre vorzeitige Ankunft
veranlafit wurde, sich mit aufienpolitischen Fragen zu befassen, fur
deren Beratung ursprunglich ein spaterer Termin angesetzt war. Fan-
den Sie seinerzeit nicht auch, dafi Curtius gehen mufite, nachdem er
bei seiner Zollunionsattacke seine Ungeschicklichkeit bewiesen und
eine Niederlage Deutschlands verschuldet hatte?
Schwede, Ihre zweieinhalb Nationalsozialisten haben zwar keinen
Sitz im Parlament, aber eines konnen sie doch wie ihre deutschen
Bruder: ltigen. Ivar Kreuger gait, bevor die Betrugereien dieses
Lumpen herausgekommen sind, in deutschen nationalen Kreisen als
„schaffenderM Kapitalist, Jetzt plakatieren die schwedischen Nazis:
„Und wem verdanken wir das Elend? Dem Juden Kreuger!'1 Sie
werden diese Unwahrheit nie richtigstellen, so wie sie noch nie eine
Luge zuriickgenommen haben. Feine Leute.
Reichskommissar Doktor Bracht. Erst neulich haben Sie von dem
Machtmittel der Auflagennotverordnung ausgiebigen Gebrauch ge-
macht, als Sie eine Anzahl linker Zeitungen zwangen, einen Teil der
ohlauer Urteilsbegrundung gegen die Reichsbannerleute abzudrucken.
Sie vertraten damals den Standpunkt, die bedachten Blatter hatten
den Fall Ohlau falsch dargestellt und die: Urteilsbegrundung sei ge-
eignet, den Lesern Kenntnis vom wahren Tatbestand zu vermitteln.
Ob jeder Urteilsbegrundung ein solcher Wert beizumessen! ist, durfte
hochslr zweifelhaft sein. Wenn Sie nun aber schon im Besitz einer
solchen Waffe sind, warum benutzen Sie sie dann nicht, wenn sie am
Platze ist? Vor einigen Tagen hat sich der stettiner Hitler junge Horst
Range das Leben genommen, weil er sich durch seine Absetzung als
Fiihrer der Marine jugend in seiner Ehre gekrankt fuhlte. Der Tat-
bestand durfte klar sein. Der ,Angriff aber schreibt, Range sei von
Kommunisten ermordet worden. Tragt eine solche bewufite Falsch-
m«ldung, die ja nicht vereinzelt dasteht, etwa keine Unruhe in die Be-
volkerung? Warum ^reifen Siei hier nicht ein, wo zum Zwecke der
Mordhetze eine faustdicke Luge aufgetragen wird?
Rundfunkhorer, Am Mittwoch sandte die berliner Funkstunde
einen Bericht uber die Trakehnenfeier. Unter den Klangen des
Deutschlandliedes fiel die Hiille eines Denkmals fur den Haupt-
beschaler Tugendreich, anscheinend im neuen Deutschland der
passende Name fur jemanden, der mdglichst viel Kinder, ob Pferde
oder Menschen, in die Welt setzt, Solange wir solche tugendreichen
Hengste haben, durfte die Angst unberechtigt sein, die aus den be-
schworenden Worten des Festredners sprach: „Moge nie eine Zeit
kommen, in der die deutsche Armee auf fremden Pferden reiten mufi!"
Oldenburgischer Generalpredigerverein. Euer Naziministerprasi-
dent hat eure evangelische Kirchenbehorde wegen Rasseverrats fiir
zuchthausreH erklart, weil bei euch der Negermissionar Kwami aus
Togo predigen durfte, Ihr habt einstimmig einen Protest gegen die
525
„6rtliche Leitung der NSDAP" und Herrn Rover angenommen,, weil
sie die Gastfreundschaft verletzt haben . und fur die Erneuerung
unsres Volkes nichts andres anerkennen als ,,die Kraft, die im Blute
liegt". Auch habt ihr gewarnt vor „einem RassehaB, der sich mit
positivem Christentum nicht vertragt und gegenuber dem deutschen
Gedanken im Ausland hochst unklug ist," Ja, wifit ihr denn nicht*
dafi die „6rtliche Parteileitung" nur das ausgefiihrt hatf was die
gauze Partei einschlieBlich ihres Duce fordert? Ubrigens — wieviele
von euch haben am 31. Juli nicht braun gewahlt?
Jiidischer Kaufmann. Kugenberg hat gegen Goebbels eine einst-
weilige Verfiigung erwirkt, derzufolge der Hauptling der berliner
Nazis seine Germanen nicht langer zum Boykott der Hugenbergpresse
auffordern darf. Warum veranlafit du deine Organisationen nicht
ebenfalls, gegen den .Angriff' vorzugehen, der in jeder Nummer den
Boykott deines Geschafts predigt?
Doktor Goebbels. Sie haben in Ihrem , Angriff vom 5. Septem-
ber das Bild der alten Frau Pietzuch aus Potempa mit folgendem
Kommentar gebracht: „Die Mutter des erschossenen Pietzuch. Sie
wurde von dem Lumpen oft geschlagen und miBhandelt. Als er tot
war, sagtei sie wortlich: ,Ich bin; zufrieden, daB der Hacher weg ist.
Er war* ein Taugenichts und ein Lump." Nunmehr veroffentlicht Hans
Bauer in der ,Welt am Montag' einen Brief der alten Frau Pietzuch, worin
sie unter anderm schreibt: „Ich habe mit meinem Sohne gut zusammen ge-
lebt, und sein Tod ist mir sehr nahe gegangen. Von dem im .Angriff wie-
dergegebenen Ausspruch kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Ich wurde
bereits am Sonnabend, dem 20. August, vor dem Sondergericht in
Beuthen i. Schl. tiber die angeblich gefallene AuBerung: ,daB ich froh
bin, daB der Hacher tot ist' ausgefragt, und ich habe daraufhin er-
widert, daB dies nicht wahr ware. Trotzdem wagen es die Nazi-
Zeitungen, mir diese nicht getane AuBerung immer noch in die Schuhe
zu schieben. Ich habe die Absicht, gegen den Redakteur dieser Zei-
tung Strafantrag wegen Verleumdung und Verbreitung falscher Nach-
richten zu stellen." Werden Sie, Herr Doktor Goebbels, wenigstens
jetzt der Wahrheit die Ehre geben? Oder macht Ihnen der Vorwurf
der Leichenschandung nichts aus?
SPD- Du hast im OberwachungsausschuB des Reichstags be-
antragt, die Auflosungsorder fur formal rechtsgiiltig, materiell aber
als im Widerspruch zum Geist der Verfassung stehend, zu erklaren.
Sollte dieser Antrag eine unmittelbare Wirkung ausiiben oder nur der
Agitation dienen? Deine staatsmanmischen Fahigkeiten sind freilich
ebenso grofll wie deine agitatorischen.
Liga fur Menschenrechte. Ihre in den Hinweisen unsrer vorigen
Nummer angekiindigte Konferenz uher die „Rechtsnot in Deutsch-
land" muBte auf Dienstag, den 4. Oktober, verlegt werden; sie findet
im berliner Herrenhaus 19.30 Uhr statt.
Dieser Nummer liegt eine Zahlkarte fur die Abonnenten bei, auf
der wir bitten,
den Abonnementsbetrag fiir das IV. Vierteljahr 1932
einzuzahlen, da am 10. Oktober 1932 die Einziehung durch Nachnahme
beginnt und unnotige Kbsten verursacht.
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Manuskripte sind nur an die Redaktion der Weltbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 162, zu
richten; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonst keine Rudcsendung erfolgen kann.
Im Fatle hoherer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Ampruch auf Nachlieferung
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Das AaffUhrunpsrecht, die Verwertung vonTiteln u. Text im Rahmen des Films, die muslk-
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XXVIII. Jahrgang 1 1 . Oktober 1 932 Nammer 41
Hitlers sehr lange Nacht von Heiimut v. oeriach
D eichlich acht Tage ist es her, daB der Stahlhelm bekannt
* gab:
Herr Hitler hat in den Verhandlungen, die Mitte August mit den
Beauftragten des Reichsprasidenten stattgefunden haben, nicht nur
den Reichskanzlerposten fur sich verlangt, sondern dariiber hinaus,
sozusagen als Vorleistung, gefordert, daB ihm vor der Amtsubernahme
drei Tage lang die StraBe (unter Zuriickziehung der staatlichen Macht-
raittel) fiir seine SA freigegeben wiirde.
Die basler ,Nationalzeitung* erganzte diese Meldung und
behauptete, Hitler habe zum Reichsprasidenten selbst gesagt:
Gut regieren heifie erbarmungslos regieren. Mussolini habe in der
Zeit der Obernahme der Macht 5000 politische Gegner um die Ecke
bringen lassen, kein Hahn hatte danach gekraht. Mit Deutschland
werde es nicht anders sein. Er ver lange eine Blankovollmacht dafiir,
um mit seinen Gegnern umzuspringen, wie es ihm beliebe. Politischen
Gegnern konne man mit Argumenten nicht beikommen. Man musse
sie physisch vernichten.
Nach diesen Worten soil Hindenburg Herrn Hitler die Tur
gewiesen haben,
Lage nur der Bericht der basler ,Nationalzeitung* vor, so
wiirde man, trotz des sehr ernsthaften Charakters des schwei-
zer Blattes, das Ganze fiir ein Marchen aus Tausend und, einer
Blutnacht halten miissen,
Woriiber jedoch auf keinen Fall hinwegzukommen ist, das
ist das Communique jener Organisation, die von alien in
Deutschland bestehenden der Regierung am nachsten stent,
Ober die Unterredung zwischen Hitler und Hindenburg oder
Hitler und <len Beauftragten Hindenburgs weiB man Authenti-
sches nur im Braunen Hause und in der WilhelmstraBe. Zwi-
schen Hitler und dem Stahlhelm herrscht zur Zeit Kriegs-
zustand. Folglich kann die Nachricht desStahlhelms nur aus
internsten Regiertingskreisen stammen.
Hitler hat die Nachricht bisher nicht dementiert. Die Re-
gierung hat sie nicht dementiert. Also
Aber mit bloBen SchluBfolgerungen darf man sich in die-
sem Fall nicht begniigen. Die Beteiligten miissen durch stark-
sten Druck der offentlichen Meinung gezwungen werden, ganz
offiziell Stellung zu nehmen.
Schweigen allein, so beredt es auch dem Eingeweihten
scheinen mag, genugt fiir die Massen des Volkes nicht. Die
wollen voile Klarheit. Sie haben Anspruch darauL Handelt
es sich doch um eine Sache, die von gradezu kapitaler Bedeu-
tung fiir die Wahlen und fiir die deutsche Politik weit dar-
iiber hinaus ist.
Laut Stahlhelm hat Hitler von Hindenburg verlangt, daB
ihm vor der Amtsiibergabe drei Tage die StraBe freigegeben
werde; Kein Schupo, keine Reichswehr, dafiir aber SA im Voll-
besitz der Macht.
Im Sommer 1896 war ich in Konstantinopel, Sultan Abdul
Hamid, genannt der Massenmorder, erblickte in den Armeniern
* 527
gefahrliche, artfremde Elemente, die aus dem tiirkischcn
Staatswesen ausgemerzt werden muBten. Darum gab er seiner
SA, den Hamals, die StraBe frei. Keine Polizei, kein -Soldat
HeB sich sehen. Jeder Armenier durfte von den Hamals tot-
geschlagen werden. Was mit dem beweglichen Eigentum der
Ermordeten geschah, unterlag keiner staatlichen Kontrolle,
Abdul Hamids lange Nacht dauerte nur 48 Stunden. Aber
sie geniigte, urn einigen Zehntausend Armeniern die Biirde des
Lebens abzunehmen.
Hitler forderte 72 Stunden, Er ist fur griindliche Arbeit.
Natiirlich hat Hitler unter ,, StraBe" auch ihr Zubehor ver-
standen, die Hauser. Sonst hatte die von ihm gewiinschte
Vollmacht gar keinen Sinn gehabt. Von der StraBe kann man
sich notfalls drei Tage fernhalten. Die Hauser zu verlassen ist
schon schwieriger. Solange der Zugang zur Stratosphare nur
Bevorzugten offensteht, ware den Hitler und seiner SA un-
erwunschten Elementen wohl nur die Flucht in den Himmel
ubrig geblieben,
Mancher konnte meinen, Hitlers Forderung an Hindenburg
widerspreche der von ihm vor Gericht beschworenen Legalitat
Keineswegs! Im Gegenteil! Hitler bat ja um Vollmacht fiir die
Mordserie. Er verfuhr korrekt. Er war durchaus gewillt,
die Verantwortung fiir die Schlachterei auf die breiten Schul-
tern Hindenburgs abzuladen.
Die Auifassung, die nach der basler ,Nationalzeitung* Hitler
an hochster Stelle vorgetragen hat, namlich daB man politischen
Gegnern nicht mit Argumenten beikommen konne, sondern sie
physisch vernichten musse, entspricht ganz der national-
sozialistischen Praxis. Immer arbeiten sie mit weiBen Mausen,
Stinkbomben, Stuhlbeinen, Stahlruten und SchuBwaffen, ganz
gleich, ob es sich um den Kampf gegen Marxisten oder, wie
neuerdings, gegen Hugenberger handelt. Schlagt sie! bedeutet
bei ihnen immer: Schlagt sie nieder!
Stets hat Hitler verkiindet, daB seinen Anhangern Be-
waffnung verboten sei. Taglich liest man von Waffenfunden
bei SA-Leuten. Hat man je in der Nazipresse gelesen, daB die
Inhaber der Waff en aus der Partei ausgeschlossen worden
waren?
In diesen Tagen ist ein riesiger Waffenschmuggel an der
hollandischen Grenze entdeckt worden. Ausfuhrliche Nach-
richten daruber konnte man im dortmunder fGeneral-Anzeiger'
und in dem hollandischen Blatte ,Het Volk* lesen. Viele
Wochen hindurch sind Massen von Handfeuerwaffen und Ma-
schinengewehren von Holland heimlich hach Deutschland
transportiert worden, Hauptmacher dabei waren ein Herr
Szymanski und ein Herr Schankweiler. Herr Schankweiler ist,
nach der hollandischen Presse, Mitglied der NSDAP und regel-
ma'Biger Besucher der nationalsozialistischen Versammlungen.
In Kassel sind .soeben zwei Mitglieder der SA, Haeger und
Petri, wegen Verbrechens gegen das Sprengstoifgesetz zu je
einem Jahr Gefangnis verurteilt worden, Petri als Angestell-
ter einer Sprengstoffabrik hatte auf Befehl seines Standarten-
fxihrers Verne fiir diesen hundert Kilo Amon-Gelatine ffbe-
sorgt", Herr Verne, der Hauptschuldige, ist am 24. April
528
Landtagsabgeordneter der NSDAP geworden, aber trotzdcm fur
das Gericht unauffindbar. Fur welchen Zweck er sich wohl
den Sprengstoff von seinem Untergebenen besorgcn lieB?
Die Geschichte der NSDAP ist eine ununterbrochene Reihe
von Gewalttaten.
Hitler selbst bekennt sich gleichzeitig zur Legalitat und
zur Gewalt. Alle seine Anhanger schworen auf ihn. Und er
schwort auf alles.
In Beuthen wurden fiinf bewaffnete (angeblich doch gegen
den Willen des Fiihrers bewaffnete) Nationalsozialisten zum
Tode verurteilt, weil sie in Potempa einen polifischen Gegner
im Bett iiberf alien und zu Tode gequalt batten. Hitler er-
klarte sich mit ihnen solidarisch, indem er ihnen telegraphierte;
Meine Kameraden! Angesichts dieses ungeheuerlichsten Blut-
urteils fiihle ich mich mit euch in unbegrenzter Treue verbunden.
Eure Freiheit ist von diesem Augenblick an eine Frage unsrer Ehre.
Bei Strafprozessen pflegt oft die Frage aufgeworfen zu
werden, ob dem Angeklagten. die oder die abscheuliche Tat
zuzutrauen sei.
Adolf Hitler ist zuzutrauen, daB er die vom Stahlhelm an-
gefiihrten Forderungen an Hindenburg gerichtet hat.
DaB er sie an den Reichsprasidenten zu richten wagte,
spricht fur seine Naivitat oder, um einen ihm kongenialeren
Ausdruck zu gebrauchen, fur seine Chuzpe.
DaB er sie grade an Hindenburg richtete, spricht aber vor
allem fur seine Dummheit. Fur klug hat ihn wohl noch nie
jemand gehalten, der sein Buch „Mein Kampf" gelesen hat.
Aber die Enthullung,' daB er so dumm sei, wirkte doch iiber-
raschend. ' .
Hindenburg ist ein Mann der gottgewollten Ordnung.
Unsereins kann sich darunter nichts Rechtes vorstellen. Hin-
denburg sieht aber bestimmt in seiner Prasidentschaft wie in
der Kanzlerschaft Papens einen Willensausdruck Gottes. Die
ausfiihrenden Organe dieser gottgewollten Ordnung sind
Reichswehr und Polizei, wahrend die SA nur ein Organ Hit-
lers, also eines Menschen ist. Das Verlangen Hitlers, auf drei
Tage Polizei und Soldaten die StraBe zugunsten der SA rau-
men zu lassen, muBte Hindenburg direkt wie die Zumutung er-
scheinen, an Stelle von Gotteswerk Menschenwerk zu setzen.
Auf diese Provokation konnte es grade fiir einen Hinden-
burg nur eine Antwort geben: Rausl
So weit, so gut. Jeder von uns1 ist fest davon iiberzeugt,
daB die Dinge Mitte August genau so gelaufen sind, wie sie der
Stahlhelm schildert.
Aber das geniigt nicht. Die Regierung hat die verdammte
Pflicht und Schuldigkeit, selbst zu der Kundgebung der Or-
ganisation Stellung zu nehmen, zu der sie sich bei der Parade
vom 4. September vor aller Gffentlichkeit bekannt hat. Noch
hat Herr v. Papen den Orden nicht zuriickgezogen, den er den
Nationalsozialisten verlieh, als er sie als „aufbauwillige Ele-
mente" bezeichnete. Nennt er es Wille zum Aufbau, wenn
Hitler verlangt, daB auf drei Tage die StraBe dem Terror seiner
Pratorianer ausgeliefert, daB diese, ungehemmt durch Staats-
529
organe, auf ihrc anders gesinnten Mitbiirger mit den Methodcn
von Potempa losgclassen wcrdcn?
Herr v. Papen, Sie bekennen sich sonst nicht zur Taktik
dcs alten Moltke. Sie reden oft, manchmal Silber, manchmal
noch mehr entwertetes Metall. Aber hier, wo Sie reden miiB-
ten, haben Sie geschwiegen.
Fahren Sie fort, zu schweigen, miissen Sie und Ihr ganzes
Kabinett in den Verdacht geraten, doppeltes Spiel zu spielen.
Sie halten sich fur einen guten Christen. Die Bibel gebietet:
Deine Rede sei ja, ja, nein, nein, Ihr Gewissen sollte Ihnen
gebieten, dem deutschen Volk reinen Wein einzuschenken.
Hat der Stahlhelm, dem Sie ja wohl selbst angehoren,
dessen Ehrenmitglied der Reichsprasident ist, bei seiner Dar-
stellung der Verbandlungen iiber die Machtiibergabe an Hitler
geschwindelt oder nicht?
Reden Sie! Oder trauen Sie sich nicht? Das wiirde ge-
wisse RiickschJusse auf die Starke des Prasidialkabinetts zu-
lassen.
Neuraths vierte Niederlage Hanns-ErichnKaniiiiski
In Franz Liszts berxihmter Darstellung des Volkerrechts
heiBt es:
Die friedliche Beilegung der zwischen den Staaten der Volker-
rechtsgemeinschaft ausgebrochenen Streitigkeiten, mag es sich um die
Behauptung eines (tatsachlich oder angeblich) volkerrechtlich begriin-
deten Rechtsanspruches, mag es sich um die Austragung eines Inter-
essenkonfliktes handeln, kann zunachst erfolgen durch Vereinbarung
der streitenden Machte.
Nachdem Liszt darauf die verschiedenen Moglichkeiten
der zwischenstaatlichen Vereinbarung, insbesondere die Ver-
mittlung und die Schiedsgerichtsbarkeit, erortert hat, fahrt
er fort:
Das auBerste Mittel zur Durchsetzung eines wirklichen oder ver-
meint lichen Anspruches, die ultima ratio zur Erledigung volkerrecht-
licher Streitigkeiten, bleibt auch im heutigen Volkerrecht der Krieg.
Staaten miissen demnach in Streitfallen entweder Verein-
barungen treffen, das heiBt: Kompromisse schlieBen, das heiBt:
verhandeln, oder sie miissen Krieg fiihren.
Die Regierung Papen-Schleicher-Neurath jedoch hat mit
der gesamten Staatsfuhrung auch die AuBenpolitik erneuert.
Sie kann und will nicht Krieg fiihren, aber sie mag auch nicht
verhandeln. Darum tritt sie diktatorisch auf.
Die diktatorische AuBenpolitik ist sehr einfach. Eines
Tages erklart man: ,,Wir zahlen nichts m«hr" oder „Wir war-
ten nicht langer auf die allgemeine Abriistung" oder ,,Wir kon-
tingentieren die Einfuhr". Die Gegner haben davon nur Kennt-
nis zu liehmen.
Und wenn sie nicht bloB Kenntnis nehmen? Wenn sie sich
zur Wehr setzen? Wenn sie womoglich GegenmaBregeln er-
greifen? Dann — wird schliefilich doch verhandelt!
Ehe unsre forsche Regierung so weit ist, vergeht jedoch
jedes Mai einige Zeit. Inzwischen ia'Bt sie verbreiten, sie
werde unter keinen Umstanden von ihrem Standpunkt ab-
530
gehen, Vermittlungsversuche seicn zwecklos, und bcvor man
xiber die Sache uberhaupt reden konne, miiBten die andern
zugestehen, daB Dcutschlands Wiinsche berechtigt seien, also
«igentlich nur noch iiber ihre Durchfuhrung zu verhandeln
sei. In dicsem Stadium der Intransigenz wird vor allem die
Stimmung im Inland hochgehalten. wer nicht mitmacht, ist
ein Verrater.
Ultimative Erklarungen, groBe Worte, feierliche Schwiire
— und am Ende dann doch ein KompromiB oder sogar volliges
Nachgeben: das nennt man eine Niederlage.1
Nun ist das deutsche Volk freilich an derartige Nieder-
lagen gewohnt. Lernten unsre Schulkinder AuBenpolitik, so
wurden sie sich beinahe so viele Nied'erlagen zu merken
haben wie in der Geschichtsstunde Siege, Vom Krti-
gertelegramm bis zum Panthersprung, von der Marokkokonfe-
renz bis zu den Haager! Friedenskonferenzen, von der Politik,
die in den Krieg, nach dem Wort des GiroBadmirals von Tirpitz,
Jiineinschlidderte, bis zu der Politik, die aus dem Krieg nicht
iierausfand — es war immer dasselbe. Und je weiter wir nach
rechts geriickt sind, je mehr wir wieder vom Kaiserreich iiber-
nommen haben, desto ahnlicher ist auch unsre AuBenpolitik
der wilhelminischen geworden. Die Fragen der Zollunion und
des Memeliandes waren Meilensteine auf diesem Weg, der zu-
riick zur politischen und psychologischen Isolierung fiihrt- In
der Zollunionsfrage war nicht einmal Oesterreich der „brillante
Sekundant", als den einst Wilhelm das Reich Franz Josefs be-
zeiohnete, und in der Memelfrage fallten Volkerrechtler aller
Lander einen fiir Deutschland ungiinstigen Spruch.
Seit Herr von Neurath die deutsche AuBenpolitik leitet,
marschieren wir jedoch mit Siebenmeilenstiefelh. Herr
von Neurath kann gar nicht schnell genug von Niederlage zu
Niederlage schreiten. Mindestens fur eine Niederlage im Monat
sorgt er mit einer Piinktlichkeit, die man zeitgemaB militarisch
mennen konnte.
Die erste Niederlage war Lausanne. Die Reichsregierung
^erklarte immer wieder, sie werde keinen Pfennig mehr zahlen.
Und dann verpflichtete sie sich trotzdem zur Zahlung von drei
Milliarden. DaB es erheblich weniger ist als bisherf war ge-
wiB ein Erfolg. Nur nicht fiir die deutschen Unterhandler, die
schon im voraus Wechsel auf die hundertprozentige Durch-
setzung ihrer Forderungen gezogen hatten.
Die zweite Niederlage war der AbschluB des franzosisch-
«nglischen Vertrauenspaktes. Als bekannt wurde, Herriot und
MacDonald hatten ein Gentlemen Agreement geschlossen, den
Yertrag von Lausanne nicht friiher zu ratifizieren, als bis
Amerika die interalliierten Schulden ermaBigt hatte, war die
Reichsregierung freilich uberrascht. Die Sache hatte zwar
schon vorher im ,Temps* gestanden, aber das Organ des Quai
d'Orsay wird wohl in der WilhelmstraBe nicht gelesen.
Was hilft es, daB Deutschland schiieBHch dem Vertrauens-
pakt beitrat? Das Entscheidende ist, daB er uberhaupt hinter
dem Rucken unsrer Unterhandler geschlossen werden konnte.
Und Herr von Neurath hat nicht nur nicht gemerkt, daB er zu-
stande kam,; er liat ihn direkt verursacht. Denn lediglich die
2 531
Oberzeugung, daB man mit Dcutschland nicht verhandeln
konne, trieb MacDonald in die Arme Herriots,
Die dritte Niederlage wird sich aus dcr Art ergeben, in
dcr die Riistungsfrage aufgeworfen wurde. Sic ist noch nicht
abgeschlossen. Aber daB Deutschland seinen Standpunkt nicht
durchsetzen wird, ist bcrcits klar.
Wir wollen hier nicht von der Sache selbst sprechen. In
allera Grundsatzlichen gibt cs zwischen den hcutc Herrschen-
den und uns keine Diskussionsbasis. Jedoch auch ein Reaktio-
nir kann ein guter Diplomat sein, Hcrr von Neurath vcrstcht
sein Geschaft schlecht. Das allein werfen wir ihm vor,
Welch eine Kette von taktischen Fehlern! Statt zunachst
Ftihler auszustrecken und bei den iibrigen Machten anzufragen,
wie sie iiber die strittige Angelegenheit dachten und ob sie zu
Verhandlungen dariiber bereit waren, wird dem franzosischen
Botschafter plotzlich ein Memorandum iiberreicht wie ein
Ultimatum; um die kavalleristische Form des Vorgehens zu
unterstreichen, noch dazu in Gegenwart des Reichswehr-
ministers. Verscharft wird die Lage weiter durch das Ver-
lassen der Abriistungskonferenz. Gleichzeitig erfolgt ein re-
aktionares Revirement in der deutschen Diplomatic, und in
einem Augenblick von hochster Bedeutung miissen die Chefs
der wichtigsten Missionen ihre Koffer packen.
Noch sind wir im Stadium der kriegerischen Reden und
Interviews, Hendersons Vermittlungsvorschlag ist abgelehnt*
Selbst an der iiblichen internationalen Courtoisie hat es Herr
von Neurath fehlen lassen, indem er aus Genf abreiste, bevor
die Vertreter der GroBmachte in der Volkerbundsversammlung
gesprochen hatten. Vielleicht war die Wiederwahl Pol ens in
den Volkerbundsrat die Quittung dafiir.
Langsam laBt der Starrsinn der Reichsregierung freilicb
schon nach. Ihre AuBerungen werden immer kleinlauter.
Wahrend ich schreibe, ist noch nicht sicher, ob sie auch den
englischen Konferenzvorschlag ablehnen wird, Ihre Meinung,
erst miiBten die andern den deutschen Standpunkt annehmen
und dann konne man verhandeln, hat sie jedenfails bereits auf-
gegeben, Und uber kurz oder lang wird es auch diesmal der
cholerischen Politik wiel den cholerischen Temperamenten er-
gehen, die regelmaBig zusammensacken, nachdem sie auf-
gebraust sind.
Vorlaufig hat die durch den Schritt in der Riistungsfrage
entstandene Spannung noch nicht nachgelassen, Doch schon
fiihlt sich die Prasidialregierung verpflichtet, Deutschland eine
neue Niederlage einzubrocken, Nach der Reparationspolitik
und nach der Militarpolitik ist nun die Handelspolitik dran,
Getreu der bewahrten Methode erklarte man auch dies-
mal diktatorisch: „Die Einfuhr wird kontingentiert." Dann
erst wurde eine Kommission auf die Reise geschickt, um dar-
iiber zu verhandeln. Wozu eigentlich? Da keine Zugestand-
nisse gemacht werden sollen, hatte es doch geniigt, den Ver-
tragsstaaten die neuen Bestimmungen zu notifizieren.
Die Kommission ist denn auch schon in Holland ge*
scheitert. Ein rotterdamer Blatt meinte, die deutschen Gaste
verdienten den Titel Unterhandler nicht, und die niederlan*
532
dische Regierung verlautbarte, die deutschen Vorschlage scicn
so indiskutabel, daB ihre Veroffentlichung nur zu einer Ver-
scharfung des Konflikts fiihren wiirdc.
Weniger nicksichtsvoil ist die schwedische Regierung. Der
schwedische Postminister Oere hat sogar einen Aufruf ver-
offentlicht, in dem er die skandinavischen Staaten einladt, ein
gegen Deutschland generates Wirtschaftsbiindnis zu schlieBen.
Mit Italien aber leben wir schon im Handelskrieg. DaB
der erste Staat, der auf das Vorgehen Deutschlands mit Re-
pressalien antwortet, ausgerechnet das Land unsrer fascisti-
schen Freunde ist, wirkt wie ein Witz; aber so geht es eben,
wenn Diktatoren auf einen Diktator stofien.
Zwischen Deutschland und Italien bestand bisher ein Ab-
kommen, auf Grund dessen die deutschen Import eure iiber das
ihnen zustehende Devisenkontingent hinaus1 italienische Waren
kaufen konnten; und zwar zahlten sie den Gegenwert dafiir
auf ein Konto der italienischen Staatsbank bei der Reichsbank
ein; die beiden Banken verrechneten dann diese Betrage.
Jetzt hat Deutschland dieses Abkommen gekiindigt und auch
eine Zwischenlosung abgelehnt, wiederum nach dem Prinzip,
zunachst Verhandlungen immer abzulehnen.
Die italienische Staatsbank gibt darauf keine Devisen zur
Bezahlung deutscher Waren, so daB unsre gesamte Ausfuhr
nach Italien stockt. Selbstverstandlich reagiert die Reichsbank,
indem sie fur italienische Waren ebenfalls keine Devisen mehr
zur Verfiigung stellt. Selbst die Reisenden, die den Herbst in
Italien verbringen wollen, bekommen keine Lira mehr.
Da es sich hier urn Geld handelt, wird sogar der deut-
schen Allgemeinen Zeitung' bange:
Die Kontingentpolitik ist in keiner Wcise geeignet, auch nur
der Landwirtschaft, geschweige denn der Gesamtwirtschaft aus ihrer
Notlage irgendwie herauszuhelfen. Dagegen ist es auch fur die Zu-
kunft der deutschen Wirtschaft sehr schlimm, wenn Lander, an denen
wir zur Zeit mehr verdienen als sie an uns, und von denen wir auf
politischem Boden Verstandnis erwarten, verargert werden.
Deutschland hat in der Tat noch im Jahr 1931 fiir 341 Mil-
lionen Mark nach Italien. ausgefuhrt, wahrend die Einfuhr nur
261 Millionen Mark betrug. Ahnlich liegen die Verhaltnisse
gegeniiber Holland. Die Einfuhr belief sich auf 400 Millionen
Mark, die Ausfuhr dagegen auf 950 Millionen.
Wenn Deutschland seine aktive Handeisbilanz gewaltsam
noch mehr zu seinen Gunsten andern will, greifen die betroffe-
nen Lander naturlich zu VergeltungsmaBnahmen. Schon
schicken sich denn auch die andern Industriestaaten an, die da-
durch frei werdenden Markte zu erobern. Danemark <larf
kaum noch Butter nach Deutschland einfiihren. Ergebnis: die
deutsche Ausfuhr nach Danemark ist auf ein Drittel zurtick-
gegangen und steht zum ersten Mai hinter der englischen zu-
riick. Und in Rom istf wie das .Berliner Tageblatt' berichtet,
bereits eine russische Kommission eingetroffen, die Italien an
Stelle der bisher bezogenen deutschen jetzt russische Kohle
verkaufen will.
Unser Auswartiges Amt ist offenbar zu phantasiearm, um
die Folgen seiner diktatorischen Politik vorauszusehen. Es be-
533
gibt sich lieber erst auf den Riickzug, wenn das Kind im
Brunnen liegt. Jetzt sind nach Rom gleich zwei Delegationen
entsandt, und es wird ihnen nichts librig bleiben, als dort wirk-
lich zu verhandeln. Ebenso wird man mit den andern Staaten,
die an der Kontingentpolitik interessiert sind, zuguterletzt Ver-
einbarungen treffen mussen, Das wird die vierte Niederlage
der deutschen AuBenpolitik sein.
Vier Niederlagen in vier Monaten, das sollte auch den An-
hangern der ,,konservativen Staatsf tinning" zu denken geben.
Herr von Papen, der bloB Militarattache war und, obendrein ein
frisch-frohlicher, tragt daran keine Schuld, Aber Herr
Neurath ist nicht .nur ressortmafiig fur die deutsche AuBen-
politik verantwortlich, er ist auch ein Diplomat aus der
Karriere. Er sollte wissen, daB man AuBenpolitik nicht mit
diktatorischen Methoden betreiben kann, und wenn der Reichs-
wehrminister und der Reichsernahrungsminister es nicht
wissen, hatte er es ihnen klar machen mussen, So hat er in
seiner kurzen Amtszeit erreicht, daB Deutschland eingekreist
ist und nun sogar blockiert wird. Was hatte wohl Bismarck
zu einem solchen Diplomaten gcsagt?
Wir gehoren nicht zu den Leuteii, die sich einen Frieden
nur als Siegfrieden vorstellen konnen. Aber einen AuBen-
minister, der bei jeder Gelegenheit auftritt, als wolle er Krieg
fiihren, urn hinterher immer klein beigeben zu mussen, sollte
man wirklich lieber in einem abgeschiedenen Winkel Kohl
bauea als auf dem Feld der internationalen Politik fortgesetzt
Kohl machen lassen.
Papens Chance von k. l. Gerstorff
^"ach der Auflosung des Reichstages hat man vielfach gefragt,
was die Regierung damit bezwecke, Sie ist im alten Reicjis-
tag in einer hoffnungslosen Minoritat geblieben; gegen das
MiBtrauensvotum stimmten rioch nicht einmal zehn Prozent
der Abgeordneten. Natiirlich kann in so kurzer Zeit nicht
eine derartige Verschiebung innerhalb der Wahlermassem ein-
treten, daB sich diese Minoritat erheblich vergroBert. Wenn
man nach einer Antwort suchte fur die Reichstagsauflosung,
so fand man sie unter anderm darin, dafi die Regierung dadurch
zumindest Zeit zu gewinnen und die Prasidialgewalt gegen-
iiber dem Reichstag zu starken suchte. Aber hier ist ein Fak-
tor ubersehen, der in nachster Zeit von Bedeutung werden
kann. Der Konflikt mit der Papenregierung spitzte sich ja
vor allem darum so zu, weil durch die eingeleiteten Koalitions-
verhandlungen zwischen den Nazis auf der einen Seite, dem
Zentrum und der Bayerischen Volkspartei auf der andern nicht
nur die Moglichkeit bestand, der Papenregierung ein MiB-
trauensvotum zu geben, sondern dartiber hinaus im Reichstag
ohne die Deutschnationalen, die vor allem hinter Papen stehen,
eine Regierung zu bilden, die iiber eine feste Majoritat ver^-
fiigt Es liegt nun durchaus im Bereich der Moglichkeit^daB
durch den Ausgang. der Reichstagswahlen diese feste Majbri-
tat aus Nazis, Zentrum und Bayerischer Volkspartei zerschla-
gen wird. Wie liegen die Stimmverhaltnisse? Bei einer Ab-
534
geordnetenzahl von reichlich sechshundert verftigten Nazis,
Zentrum und Bayerische Volkspartei iiber knapp 330 Mandate.
Wenn sie nun auch nur knapp dreiBig Mandate verlieren, dann
verfiigen sie im neuen Reichstag iiber keine Majoritat mehr.
Analysiert man also die voraussichtliche Verschiebung der
Stimmverhaltnisse bei den nachsten Reichstagswahlen, so darf
man dies nicht nur unter der Perspektive tun, daB die
eigentliche Papenpartei auch dann sicher nur iiber eine ver-
haltnismaBig geringfugige Wahlerschaft verfiigen wird, sondern
man muB es vor allem unter Beriicksichtigung der Frage tun, ob
ihre biirgerlichen Gegner, Nazis und Zentrum, dann noch eine Ma-
joritat haben werden. Neben alien andern Faktorenreihen, die
zur Auflosung des Reichstags gefiihrt haben, scheint mir die nicht
unwichtig gewesen zu sein, daB man dadurch die Majorita tsbil-
dung von Zentrum und Nazis zu brechen sucht. Eine Mog-
lichkeit, eine Chance dafiir ist sicher da,' es brauchen nur
1,5 bis 1,75 Millionen Wahler von den Nazis und dem Zentrum
abzuwandern, und die Majoritat ist gebrochen. Die Papen-
regierung stoBt bewufit in dieser Richtung vor. Sie tut dies
auf verschiedenen Wegen. Einmal dadurch, daB sie einen Teil
des nationalsozialistischen Programms verwirklicht und so den
Nazis den Wind aus den Segeln nimmt. Weiter hat sie den
Kapitalsmachten und der Junkerkaste so viel materielle Vor-
teile zugeschanzt, daB diese die Nazis nicht mehr so wie bis-
her als Avantgarde gegen die Arbeiterschalt brauchen. Wenn
die Nazis, wie* alle Anzeichen beweisen, bereits eine gewisse
finanzielle Klemme spiiren, wenn ihre Propaganda und Agi-
tation fur die Wahlen nicht mit so umfangreichen Mitteln
durchgefiihrt werden kann, so spielt dabei fraglos eine sehr
wesentliche Rolle, daB gewisse Teile der Schwerindustrie, die
bisher zu den Hauptgeldgebern der Nazis gehorten, die Unter-
stutzung eingestellt oder verringert haben, weil sie die Nazis
in der augenblicklichen Lage nicht mehr so notig zu haben
glauben.
Innerhalb der NSDAP wird das auch durchaus zugegeben.
Wahrend man vor jeder friihern Wahl ein Anwachsen der
Stimmen urn Millionen und Abermillionen prophezeite, er-
klaren jetzt fiihrende Nazi-Propagandisten, es sei durchaus
moglich, daB die Partei bei den Reichstagswahlen Hundert-
tausende verliere. Wenn aber eine Schwachung der Nazis und
eventuell auch des Zentrums in dem Umfang eintritt, daB sie
allein keine Majoritat mehr bilden konnen, so erfahrt dadurch
die Stellung der Papenregierung eine ganz entscheidende Star-
kung. Wenn die Regierung zum Beispiel bei einem geplanten
neueri MiBtrauensvotum dem Zentrum erklaren kann, daB sich
zwar fur ein solches MiBtrauensvotum bequem eine groBe Ma-
joritat im Reichstag finden lasse, daB aber eine arbeitsfahige
Majoritat nicht da sei, so wird das Zentrum, wenn es nicht
mehr allein mit den Nazis Koalition bilden kann, in seiner
oppositionellen Stellung zur Regierung sicherlich einen StoB
erfahren. Es ist ja durchaus bezeichnend, daBibei aller Gegner-
schaft zu Papen innerhalb des Zentrums wie auch innerhalb der
Bayerischen Volkspartei die Stimmen starker werden, die da-
fiir pladieren, daB man sich nicht in zu starke Opposition zur
535
Regierung hineinmanoverieren lassen diirfe, daB das Zcntrum
weiter Realpolitik treiben miisse und nicht zu stark auf Brii-
nings Ressentimenis Riicksicht nehmen diirfe.
Das ist dcr cine Trumpf, den. die Papenregierung nach den
Reichstagswahlen eventuell ausspielen konnte. Aber selbst
wenn der wohl sicher eintretende Verlust der Nazis noch nicht
so groB ist( daB die Majoritat von Zentrum und Nazis ge-
brochen ist, wenn zum Beispiel die Nazis nur eine halbe bis
eine Million Stimmen verlieren — selbst dann ist die
Position der Papenregierung gestarkt. Die StoBkraft der Nazis,
nicht mir gegeniiber der Arbeiterklasse sondern auch gegen-
iiber den Machten der alten Reaktion, beruhte nicht zum
wenigsten darauf, daB sie standig auf ihre Steigerung hinweisen
konnten, daB sie scheinbar standig neue Kraftereservoirs in
den Bereich ihrer* Bewegung einbeziehen konnten. Wenn diese
Bewegung jetzt zum Stillstand kommt, wenn die Nazis zum
ersten Mai sogar einen Riickschlag erleben, mag dieser Riick-
schlag auch zahlenmafiig noch nicht sehr betrachtlich sein, so
wird fraglos die StoBkraft der Bewegung zunachst einen Ab-
bruch erfahren, Und dies um so mehr, als ihre Wahlermassen
sich aus den heterogensten Elementen zusammensetzen, die
keine langjahrige politische Schulung besitzen. So sprechen
fiihrende Nazis heute nicht mehr nur von Novembersozialisten
sondern bereits von Septembernazis.
Die Erschiitterung in der Bewegung ist bereits heute da.
Zahlreiche Schichten, die an den unmittelbaren Eintritt des
Dritten Reiches geglaubt haben, die fest davon uberzeugt
waren, daB sie als tatkraftige Mitglieder der Nationalsozialisti-
schen Partei im Dritten Reich einen Posten bekommen wiirden,
miissen jetzt einsehen, daB die alte Reaktion noch sehr fest im
Sattel sitzt- und daB man zur Zeit, wenn man dem Stahlhelm
naher steht, eher eine Stelle erhalt, als wenn man zu den SA
oder SS gehort. Nochmals also: sowohl die Sprengung der
Majoritat aus Nazis und Zentrum wie auch bereits eine ge-
ringfiigige Schwachung der Nationalsozialisten bedeutet auto-
matisch fiir die Papen-Schleicher-Regierung eine Verstarkung
ihrer Position* Es ist daher kein Zufall, daB die Nazis den
Wahlkampf in besonders starkem Umfang gcgen die Machte
der alten Reaktion, gegen die Deutschnationalen fiihren und
daB man jeden Tag in der Presse von gesprengten deutsch-
nationalen Versammlungen horen kann, — aber bisher kaum
von starkeren Angriffen auf die Arbeiterbewegung.
Aber man soil grade in den Kreisen der Linken das Ge-
wicht der Streitigkeiten zwischen alter und neuer Reaktion
nicht uberschatzen. Es sind Streitigkeiten in einer groBen Fa-
milief es sind Streitigkeiten in einer politischen Situation, wo,
wie schon gesagtf die Papenregierung bereits einen Teil des
nationalsozialistischen Programms durchfiihrt. Es muB ganz
eindringlich betont werden, daB die Tatsache der vor aller
Offentlichkeit ausgetragenen Streitigkeiten innerhalb der na-
tionalen Front wohl am deutlichsten die Aktionsunfahigkeit
der deutschen Arbeiterklasse dokumentiert, Hatten wir eine
deutsche Arbeiterklasse, deren Aktionsfahigkeit auch nur so
groB ware wie in der Zeit der Cuno-Regierung, wie in der
536
Zeit des Kapp-Putsches, so wiirden die Familienstreitigkeiten
in den einzelnen- Gruppierungen der Reaktion sehr schnell
"vers ch wind en; sie wurde mit geeinten Kraften gegen die Ar-
beiterklasse vorgehen. Die Schwache der Arbeit erschaft, ihre
Uneinigkeit und Zerrissenheit ist esf die der feudalen Reak-
tion, dem Monopolkapitalismus und den Junkern gestattetf
scheinbar scharfer gegen die Nazis vorzugehen. Sie tut dies,
indem sie gleichzeitig die Arbeiterorganisationen zwar nicht
zerschlagt aber immer starker iunktionslos macht, immer mehr
von innen heraus aushohlt. Die neue Ausfuhrungsverordnung
des Reichsarbeitsministers gegen die Streiks bei dem augen-
blicklichen Lohnabbau ist nur ein Symptom fur viele.
Noch einmal also: die Arbeiterklasse soil die innern
Zwistigkeiten im Lager der Reaktion nicht uberschatzen, Sie
gewinnt dadurch nur das eine: sie gewinnt etwas Zeit, Papens
Chance, durch den Ausgang der Reichstagswahlen die eigne
Regierung zu * starken, wiirde fur die Arbeiterklasse einen
Zeitgewinn bei der immer groBern Verscharfung der politischen
Gegensatze bringen, Niitzt sie den Zeitgewinn, um vor allem
gegen den neuen Lohnraub zur einheitlichen Aktion der ge-
samten Klasse zu kommen, so kann Papens Chance auch
leicht in gewissem Umfang zu einer Chance der Arbeiter-
klasse werden.
Rekurs an das Staatsministerium E.j.oumbei
^JemaB der Verordnung vom 13, Januar 1921 lege ich hiermit
gegen die von mir am 24. August erhaltene Entscheidung
des Herrn Unterrichtsministers, wonach mir die Lehrberechti-
gung entzogen und ich die Kosten des Verfahrens zu tragen
habe, Rekurs ein. In dem beiliegenden Brief an den Herrn
Unterrichtsminister habe ich diesen gebeten, meine Verteidi-
gungsschrift vom 25. Juli an das Staatsministerium weiterzu-
geben.
Ich beantrage;
Gegeniiber dem Gutachten des Untersuchungsausschusses Beriick-
sichtigung meiner Verteidigungsschrift;
Eidliche Vernehmung samtlicher im Verfahren bisher vernomme-
nen Ohrenzeugen, sowie der Unterzeichner der in der ,Heidelberger
Volkszeitung' veroffentlichten Erklarung, soweit sie zur Zeit in Hei-
delberg erreichbar sind; besonderes Gewicht lege ich auf die eidliche
Vernehmung des Arbeiters;
Heranziehung der Akten des Disziplinarverfahrens gegen die Stu-
denten insbesondere der die Glaubwurdigkeit des Hauptzeugen beiref-
fenden Begriindung der Antrage des Staatsanwalts;
Wiederherstellung aller meiner Rechte, die ich auf Grund der
Habilitation genofi, bis zum Zeitpunkt der Entscheidung des Staats-
ministeriums,
Was die endgiiltige Entscheidung betrifft, so bitte ich um
Einstellung des Verfahrens, Belassung aller Rechte und um
einen einjahrigen Urlaub. Ich verbleibe mit vorzuglicher Hoch-
achtung
ergebenst
gez. Unterschrift
537
Begrihidung
Die Entscheidung des Herrn Unterrichtsministersi geht davon aus,
daB ich die inkriminierte AuBerung getan habe, Hierfiir gibt es nur
eineh Beweis, namlich die Aussage der drei nationalsozialistischen
Studenten, insbesondere Dorrs* Diese widerspricht der Aussage aller
andern Zeugen in alien entscheidenden Punkten, und zwar derartig,
dafi sogar Geheimrat Anschiitz in seiner Vorlesung offentlich hierauf
zu sprechen gekommen ist.
Wenn einem nationalsozialistischen Studenten in einer Zeit, in
der seine Parteifreunde beinahe taglich politische Morde begehen, ( in
der mir die Fensterscheiben' eingeschlagen werden, in der mein Zaun
umgerissen wird, in der ich auf der Strafie taglich angepobelt werdef
nach dem Eindruck in einer vbrwiegend nationalsozialistischen Ver-
sammlung geglaubt werden kannj dafi sein Satz „Wie das Verfahren
auch ausgehen mag, Gumbels Kopf wird rollen" nur bildlich gemeint
war, so darf auch den sehr viel weniger kuhnen Aussagen aller nicht
nationalsozialistischen Teilnehmer raeiner Versammlung Glauben ge-
schenkt werden. . \
In meiner Verteidigungsschrift habe ich an Hand dieser Zeugen-
aussagen die Unglaubwiirdigkeit der von den drei Nationalsozialisten
gegen mich vor&ebrachten Anschuldigung nachgewiesen. Ich lege da-
her meinem Rekurs die Tatsache zugrunde, daB der Herr Unterrichts-
minister auf diese Schrift (bis auf eine weniger wichtige Eventual-
bemerkung) uberhaupt nicht eingegangen ist, und bitte urn deren Be-
riicksichtigung.
Was den Zeugen D, betrifft, so ist die Glaubwtirdigkeit dieses
Zeugen durch die Art seiner Aussagen in dem Disziplinarverfahren
gegen die Studenten neuerdings in aller Offentlichkeit erschiittert.
Die vom Herrn Unterrichtsminister veranlaBte eidliche Verneh-
mung entsprach meinem Eventualantrag, ihn und L., als typische Ver-
treter der beiden sich in diesem Disziplinarverfahren unversohnlich
gegeniiberstehenden Aussagen wie Weltauffassungen, noch einmal nach
AbschluB der Universitatsuntersuchung eidlich zu vernehmen. Aber
nur der Halfte dieses in sich geschlossenen, nicht halbierbaren An-
trags. Der Herr Unterrichtsminister ist, indem er zwei national-
sozialistische Belastungszeugen und ausgerechnet nur sie vereidigt
hat, an der wichtigsten Erkenntnisquelle "vorbeigegangen: „Audiatur
et altera pars", namlich diejenigen, welche in der AuBerung uberhaupt
nichts Auffalliges gehort haben, eben weil sie weder die Form noch
den Inhalt hatte, welche die Nationalsozialisten behaupten, Daher
ist es notwendig, daB das Staatsministerium nunmehr auch alle andern
Ohrenzeugen, insbesondere den Arbeiter L. und diejenigen, welche
die in der ,Heidelberger Volkszeitung' veroffentlichte Erklarung un-
terschrieben haben, welche der Aussage der Nationalsozialisten in
aller Entschiedenheit widerspricht, eidlich vernimmt, soweit sie zur
Zeit in Heidelberg erreichbar sind.
Das Ergebnis der Vernehmung wird erneut die bisherigen Aus-
sagen aller andern Zeugen bekraftigen und feststellen, daB das, was ich
wirklich gesagt habe, nichts mit der Interpretation zu tun hat, welche
die Nationalsozialisten meiner AuBerung gegeben haben und welche
das Gutachten des Untersuchungsausschusses zugrundelegt.
Hier liegt der zentrale Unterschied zum Fall des Jahres 1924,
in dem ich wirklich eine Aufierung getan habe, welche AnstoB erregt
hat und die zu bedauern ich Grund hatte. Es besteht uberhaupt kein
Zusammenhang mit diesem nunmehr acht Jahre zuriickliegenden ersten
und einzigen Vorfall, tiber dessen Behandlung die Fakultat nach dem
von ihr damals veroffentlichten Gutachten bekanntlich keineswegs
einig war und der, soweit er mir zum Vorwurf gereicht, nach den
gesetzlichen Auffassungen als. verjahrt- gelten darf. Aus dem Fall
von 24 und der von den Nationalsozialisten entstellten AuBerung von
538
32 kann somit kein Gesamiverhalten konstruiert werden. Damit
fallen allc Konsequenzen, wclche hieraus gezogen werden. Von meiner
ganzen Verteidigungsschrift hat der Herr Unterrichtsminister nur die
Eventualbemerkung, dafi Kriegerdenkmaler auch als Denkmale des
Krieges aufgefafit werden konnen, beriicksichtigt und hieraus Schlusse
auf meine „Verstandnislosigkeit gegentiber andersgearteten Anschauun-
gen" gezogen, wahrend diese Bemerkung tatsachlich nur eine Selbst-
verstandlichkeit wiedergibt.
Den gleichen Schlufi glaubt der Hear Minister aus dem Umstand
Ziehen zu konnen, dafi ich Unterschriften zu einer an den Herrn
Reichsprasidenten gerichteten Bitte um Begnadigung fiir Carl von
Ossietzky gesammelt habe, in der dieser als Mann von untadeliger
Gesinnung bezeichnet wurde. Was zunachst diese Charakterisierung
betrifft, so 1st es1 die Eigentiimlichkeit eines politischen Verbrechens,
dafi es aus untadeliger, ehrenhafter Gesinnung heraus begangen wer-
den kann. Es geniigt, unter anderm auf die Tatsache hinzuweisen,
dafi die namhaftesten Fiihrer der Nationalsozialisten sogaa* wegen
schlimmerer „die Grundlagen der staatlichen Ordnung gefahrdenden
Verbrechen" wie Mord und Hochverrat vorbestraft sind und trotzdem
von mancher Seite als ehrenhaft bezeichnet werden. Ich habe das
bei der Sammlung verwendete Formular zu den Akten gegeben, weil
ich nichts zu verschweigen habe, Ich vermag es iiberhaupt nicht als
Belastung zu empfinden, dafi ich in einer politischen Versammlung
Unterschriften zu einer Erklarung gesammelt habe, die von iiber
42 000 Deutschen, darunter vielen hervorragenden Politikern und in
der Offentlichkeit angesehenen Personen, auch von Professor Rad-
bruch, unterschrieben worden ist.
Zum Schlufi dieses Briefes gestatte ich mir eine politische Be-
merkung: Der Ausgangspunkt dieses Verfahrens ist, wie der Herr
Unterrichtsminister schreibt, die Form einer politischen Aufierung.
Aber die Ursache dieses Verfahrens ist nicht diese Form sondern
entgegengesetzt der Behauptung des Untetrsuchungsausschusses der
Gesamtinhalt meiner politischen Oberzeugung. Wer bisher nicht die-
ser Meinung war, den mufi die Tatsache, dafi die Angriffe gegen mich
von den Nationalsozialisten ausgegangen sind, und das Jubelgeschrei
der nationalsozialistischen Presse iiber meine, Entlassung iiberzeugen.
Die Nationalsozialisten haben mich verfolgt und mufiten mich verfol-
gen, weil ich ihre politischen Morde aufgedeckt habe. Zu diesen mei-
nen Arbeiten stehe ich. Die Denkschrift des Reichsjustizministers und
die Morde der letzten Zeit haben meine Behauptungen bestatigt. Wah-
rend acht Jahren haben die Herren Staatsprasidenten und Unterrichts-
minister aus verschiedenen politischen Parteien mich gehalten. Ich
weifi jedem einzelnen fiir jeden solchen Schritt tiefen Dank und habe
auf ihre Intentionen immer Riicksicht genommen,
Der jetzige Herr Unterrichtsminister halt meine Entfernung fiir
eine politische Notwendigkeit: wohl, wenn ich seinen Schritt interpre-
tieren darf, um den Nationalsozialisten weniger Angriffsflachen zu
bieten und hierdurch die Republik zu schutzen. Wenn ich diesen Ge-
dankengang als richtig annehmen konnte, hatte ich langst die Konse-
quenz gezogen und ware freiwillig zuriickgetreten. Denn ich bin mir
bewufit, dafi die Anhanger der Republik verpflichtet sind, ihr auch
Opfer zu bringen. Aber dieses Argument ist falsch. Durch meine
Entfernung wird die Republik nicht gestutzt, wohl abe-r wird hier-
durch die Stellung aller Republikaner an den deutschen Hochschu-
len gefahrdet. Ich kann beweisen, dafi diese Uberzeugung weit ver-
breitet ist. Die von den Nationalsozialisten provozierten Skandale
an so vielen deutschen Hochschulen und ihre weitgehenden Drohun-
gen in der .Heidelberger Volksgemeinschaft' vom 2. August beweisen,
dafi durch meine Entfernung die Ruhe nicht gesichert ist.
Es handelt sich bei diesem Kampf nicht um Gumbel sondern um
die von den Nationalsozialisten als „Gumbels" Qualifizierten. Ich
3 539
werde nicht der einzige Nachfolger dcr langen Reihe politischer Mar-
tyrer aus deutschen Universitaten sein, die zum Teil ins Exil gehen
muBten, der Reihe, die von Fichte und den Freiheitskampfern von 1813,
den Gebriidern Grimm, von den Gottinger Sieben, den Kampfern von
1848 bis zu Diihring und Aron reicht. Es ist noch in der Macht des
Ministeriums, dies zu verhindern, daB das schreckliche Wort Fichtes
sich bewahrheite, „daB in einigen Jabren in Deutschland kein Mensch
mehr, der dafiir bekannt ist, in seinem Leben einen freien Gedanken
gedacht zu haben, eine Ruhestatte finden wird".
FreigCSprOChen von Gabriele Tergit
P%er ProzeB begann damit, daB der ,Angriff die Kopfe der An-
*** geklagten forderte, und er endete mit dem Freispruch aller An-
geklagten.
Dazwischen liegt zweiundeinehalbe Woche eines der aufregend-
sten' Prozesse, die je in Moabit stattfanden, Noch nie war die These
der Nationalsozialisten von zweierlei Recht, einem fur Nationalsozia-
listen als Staatsbejaher, einem andern fur. Kom munis ten als Staats-
verneiner, so tief bis in die Taten und Protokolle der Polizei und der
Staatsanwaltschaft zu spiiren gewesen, und dabei handelte es sich um
Todesurteile gegen fiinf junge Menschen. Es handelte sich in der
Verhandlung nicht um das Urteil, nicht um Differenzierungen iiber die
Beurteilung von Tat und Tater sondern . plump und grob wie in
einem schlechten Kriminalroman um die Frage: Wer schoB? Die
Justiz wurde degradiert zur Detektei. Alle Ermittlungen, sonst von
der Polizei begonnen, von der Staatsanwaltschaft fortgesetzt, von dem
Untersoichungsrichter gepriift, sind beim Sondergericht nur noch auf
Polizei und Staatsanwaltschaft konzentriert. Polizei und Staats-
anwaltschaft tippen auf die Falschen. Ein Untersuchungsrichter
zur Verhinderung von Irrtumern. fehlt. Anklage gegen neun Arbeiter
wird erhoben. Der ProzeB beginnt. Nun greift die Verteidigung ein,
und bei Rechtsanwalt Litten geht es zu, als ob er das beruhmte rote
Plakat der Mordkommissdon affichiert hatte — tausend Mark Be-
lohnung. Bei ihm melden sich Zeugen und aber Zeugen, alles, was
Aufgabe der Behorden in einem gesunden Rechtsverfahren ist, ge-
schieht nun durch die Verteidigung. Zugunsten nicht nur der Ange-
klagten sondern zugunsten des Rechtes, zur Verhinderung eines viel-
fachen Justizmordes, der ein rotbrennendes, ein entziindendes Fanal
geworden ware, auch in einem Deutschland, das in Dingen der Ge-
rechtigkeit stumpf und schwerhorig geworden ist.
Kurz der Tatbestand: Calm, Angestellter einef Treuhandgesell-
schaft und Funktionar der KPD hatte eine Sitzung von Kommunisten
zur Griindung einer Hausschutzstaffel fiir die RontgenstraBe in ein
neutrales Lokal berufen, zu der auch eine schon bestehende Haus-
schutzstaffel kam. Im ganzen etwa fiinfundzwanzig Leute. Beim
Heimweg gingen sie geschlossen auf der rechten Seite der Rontgen-
straBe, Drei Nationalsozialisten, die von einer Sturmversammlung
kamen, gingen auf der gleichen Seite der StraBe, kamen in einen
Wortwechsel mit den Kommunisten, losten sich von der rechten Seite,
um auf die linke Seite, wo das Verkehrslokal des Sturms 33 ist, hin-
iiberzugehen. In diesem Moment fallen zehn bis fiinfzehn Schiisse.
Der Nationalsozialist Gatschke ist tot, die zwei andern sind verwundet.
Die Kommunisten fliehen zuriick. Die Polizei kommt zufallig sofort,
fahrt bis an das Sturmlokal, untersucht die etwa vierzig Anwesen-
den vergeblich auf Waffen. Nur auf dem Hof liegen zwei Revolver.
Soweit das Geschehnis.
Sofort danach geht in der Gegend die Rede, die Nazis hatten
ihre eignen Leute erschossen. Aber unbeirrt, gebannt den Ver-
540
stand auf die Tatsache gerichtet, daft nur Nationalsozialisten
verwundet und getotet wurdcn, geht die Untersuchung davon aus, daB
nur Kommunisten geschossen haben konnen, und kommt zu folgender
Anklage: Am Abend der Tat traf ein Trupp Nationalsozialisten, der
von einem Sturmabend kam, „auf mehrere Leute, die ihn beobachte-
tent aber unbeheliigt ziehen lieBen". So mit den verdachtigen Pa-
trouillensitzern beginnt nach Ansicht der Staatsanwaltschaft die weit-
gesponnene Aktion. Sie wird fortgesetzt im Hauptquartier des Lokals
Willmann, wo von Calm die Mannschaften instruiert und in ge-
schlossenem Zuge zur „planmaBigen und vorbereiteten Aktion" gegen
das Lokal des Sturms 33 gefiihrt werden. Zu Beginn des Uberfalls
„werden Waffen von Frauen an die Kommunisten verteilt". „Fort-
geworfene Waffen werden von Radfahrern abgeholt." Auf das Kom-
mando „Jetzt los" wird das Feuer eroffnet. Durch Kommando „Los-
tiirmen" das Zeichen zur Flucht gegeben. Schiefispuren in den Hau-
sern auf der Seite der Kommunisten erklart die Anklageschrift da-
mit, dafl Kommunisten sich im Hause neben dem Nazilokal versteckt
hatten, die beim Kommando herausgeeilt waren, das Feuer eroffnet
und ihre Waffen in den Hof des Nazilokals geworfen hatten. Die
Schiitzen seien fiinf namentlich bezeichnete Kommunistent die wegen
Tptschlags angeklagt werden, vier weitere wegen schweren Landfrie-
densbruchs.
Als die Verhandlung beginnt, zittern fiinf Kopfe, sehen vier Manner
langen Zuchthausstrafen entgegen. Die Nazizeugen, etwas unklar, be-
statigen doch im ganzen die Anklage, Ungewohnlich gute Sinne unter-
stiitzen sie dabei, aber dem Gericht sind nach und nach die politi-
schen Zeugen verdachtig geworden. Es vereidigt sie nicht. Nun er-
weist sich Punkt fiir; Punkt der Anklage als falsch. Von) den „Be-
obachtern" bis zu den )tSchiitzen" bleibt nichts iibrig. Was die „Be-
obachter" anbetrifft, so sehen junge SA-Leute offenbar (iberall „ver-
dachtige Gestalten". Allet die herabgekommen aussehen und in hei-
Ben Sommernachten auf Parkbanken sitzen und keine befreundeten
Kameraden sind, sind Kpmmunisten. „Warum denn?" fragt der Vor-
sitzende. „Die Nationalsozialisten kenne ich und Zentrumsleute sitzen
nicht auf den StraBen." Der Mensch starb, es gibt nur noch Partei-
buchinhaber. Sie fiihlen sich immer bedroht. „Die Uniform", sagt
einer der SA-Leute, „ist immer aufreizend und auffallend", Er
weiB es, Papen hat es nicht gewuBt. Die Instruktionssitzung vor dem
Sturmangriff oder vielmehr vor dem Angriff auf den Sturm, ist wirk-
lich nur die Sitzung einer Hausschutzstaffel mit vollig ungeschulten
Leuten, die wegen der Unsicherheit in der RontgenstraBe, mit Recht,
wie sich erweist, in geschlossenem Zuge nach Hause gebracht wer-
den. Die Waffen, die „von Frauen zu Beginn des Kampfes verteilt"
wurden, konzentrieren sich auf einen Griff in eine Bluse, aus der eine
Frau etwas Glitzerndes holte, um es ihrem Begleiter zu geben, was
im iibrigen nur jene Kronzeugin sah, die zwei vollig Unschuldige ver-
haften lieB und dann noch dazu im Gerichtssaal zwei Angeklagte fiir
jene gar nicht anwesenden Leute hielt und deshalb unvereidigt blieb.
Ein Zeuge der Staatsanwaltschaft erkannte einen Schiitzen wieder,
nachdem er das Ganze vom vierten Stock aus beobachtet hatte, ein
weiterer hatte die Entsicherung einer Pistole gehort, ein Gerausch,
das er nur vom Horensagen kennt, und ein Pfarrer gar beeidete den
Rauch der Pistolen, der sich nachher als Tabaksrauch aus einer Lo^
kaltiir erwies, Wie diese Anklage zustande kam, zeigt folgendes.
Calm wurde zuerst von einem Zeugen falschlich als Schiitze erkannt,
„DaB diese Bekundung richtig ist, ergibt sich aus der Aussage der
Zeugin Maskos, die einen Mann mit einer Pistole beobachtet hat,
dessen Beschreibung genau auf den Angeschuldigten zutrifft." Eine
Beschreibung trifft zul Grundlage fiir ein Todesurteil! Eine Beschreir
bung, in der notabene ein untersetzter Mann „schmachtig" genannt
wird. Soweit die Belastungszeugen.
541
Hingegen hatten Zeugen alle Arten Nationalsozialisten aus dem
Lokal laufen, Schiitzenketten bilden und schieBen sehen, und zwar
nicht nur vom Hausflur 12 aus, wo nach der Anklage Kommunisten
gestanden haben sollen, sondern auch vom Haus 14 aus, wo ganz be-
stimmt keine standen, Zeugen hatten Nationalsozialisten aus dem
Fenster ihres Lokals in den Hof springen, Pistolen dort wegwerfen,
wobei sie warnend lfPolente" schrien, und in anstofiende Garten ver-
schwinden sehen. Es ergab der Augenschein, daB gegeniiber dem
Nazilokal alles voll Einschusse war, daB unter anderm in die fried-
liche Wohnung der Zeugin Engelhardt geschossen worden war und in
ein Seifengeschaft. Und die unpolitische Wissenschaft der Mikroskopie
ergab, daB die Kugel im Korper des Getoteten ubereinstimmte mit
der, die unter Skatspieler in ein ordentliches Lokal fiel, vor dem
sich der Haufen der Kommunisten gedrangt hatte, Abgeschossen von
einer Stelle aus, wo nur ein Nationalsozialist gestanden haben kann.
Somit war erwiesen, daB Gatschke von seinen eignenLeuten er-
schossen worden war. Somit war der Prozefi entschieden. Der Vor-
sitzende war soiort fur Aufhebung der Haftbefehle. Aber der Staats-
anwalt beantragte nach alledem die Vereidigung der Nationalsozia-
listen als Zeugen, er beantragte nach alledem Zuchthausstrafen fur die
Angeklagten,
Der ProzeB ist erledigt. Aber nicht erledigt ist das Verhalten
der Polizei und das Versagen der Staatsanwaltschaft gegeniiber den
eigent lichen Tatern, Da wurden von den Engelhardts, der Familie
des nationalen Steinsetzmeisters, ein Angehdriger des Sturms ganz be-
st immt als Schiitze bezeichnet, Man verhaftet aber die sen nicht etwa,
man sagt ihm; „Kommen Sie spater zur Polizei/' Er kommt spater
zur Polizei und kann ein „einwandfreies Alibi" mitbringen, wie es im
Protokoll heiBt. Das einwandfreie Alibi besteht aus der Behauptung,
er sei bei einem Freund gewesen und habe mit einem Polizistea ge-
sprochen, eine Behauptung, die ihm ohne Nachprufung geglaubt wurde.
In der Hauptverhandlung stellt sich herausi daB er den Namen des
Polizisten nicht weiB und sein Freund ist ebenfalls SA-Mann, Das
ist das von einem Polizeibeamten beschworene einwandfreie Alibi.
Und als die Engelhardts einen zweiten Nationalsozialisten verhaften
lassen wollten, wurde ihnen von der Polizei Vorwiirfe gemacht und
gesagti „Nanu, das sind Dummejungenstreiche, wenn die Leutchen
Arbeit hatten, dann ware das alles nicht". Die neun Arbeiter aber
wurden verhaftet nach hochst zweifelhaften Erkennungszeichen, die
zumeist von politischen Gegnern gegeben wurden, und die Kronzeugin
gar konnte Arbeiter so ohne weiteres an der LitfaBsaule verhaften
lassen. Die Einen schossen bestimmt, die Andern schossen vielleicht,
die Einen blieben unbehelligt, wurden Zeugen, die Andern wurden
verhaftet und Angeklagte, Noch nie ward so offenkundig mit zweier-
lei Mafi gemessen.
Aber iiber diesen Einzelfall hinaus stand in diesem ProzeB der
friedliebende Bewohner Berlins da und legte Zeugnis ab von dem, was
er von den SA-Leuten leidet. Da ist Herr Willmann, Gastwirt, und
so sieht er auch aus, nett und fullig und ein biBchen! vergramt, der
lieber einen Lotterieverein fur sein Lokal gehabt hatte, aber gesehen
hat, daB es ohne* Partei keine Existenz fur sein Lokal gibt, nDa war
ich dann ganz froh, als die kommunistischen jungen Leute kamen und
fiir ihre Besprechungen mein Lokal wollten. Ich bin unpolitisch."
Und dann sagte er ein europaisches Biirgerwort: „Ich bin grundsatz-
lich gegen je.den Terrohr!" Aber im Marz schon wurde ihm ein Pfahl
durch die Scheibe geworfen, und er hat keine Anzeige erstattet, weil
man ihm gesagt hatf dann wtirde der Terror nur schlimmer. Aber
das nutzte ihm gar nichts. Eines Nachts wurde ihm um halb vier
Uhr, sein Lokal beschossen, und jetzt vor vierzehnj Tagen, nach der
SchieBerei, sind sechs Nationalsozialisten hereingekommen, haben das
542
Lokal demoliert, alles kurz und klein geschlagen und einen Gast schwer
verletzt. „Als die Polizei kam, sind die Nazis davongelaufen, und sie
hat keinen mehr erwischt," So geht es zu. Em Uberfall auf ein
Lokal — ein Gast scnwer verwundet — ■ niemand wird verhaftet —
niemand wird bestraft — niemand wird verfolgt. Man weiB es, es ist
der Sturm 33, dort in der RontgenstraBe, es ist der Terror. Aber
keine> Zeitung meldet mehr so etwas, keine Polizei gibt es als Nach-
richt weiter — es ist der Biirgerkrieg als Gewohnheit, Herr Will-
mann will Skat spielen und unpolitisch sein, er'will eine ruhige Exi-
stenz haben und wahlte vielleicht vor zwei Jahren Hitler, urn eben
dieser kleinen ruhigen biirgerlichen Existenz willen, die nun der Ter-
ror eben dieser Partei ihm vernichtet. Da ist dann Engelhardt, kein
klassischer Augenzeuge, aber ein Zeugei fur die Gefiihle eines alten
und nicht klugen Mannes, der in der Umgebung eines Nazilokals
wohnt: „Ich bin immer Regierungsmensch gewesen und habe immer
for die Regierung gearbeitet. Ich, ein alter deutschnationaler Stein-
setzmeister. Aber", sagt Engelhardt mit Volkes Stimme und erhobe-
nem Finger, „das ist sehr traurig von der Polizei, das wird sich
auch noch auswirken. Die Leute schreiben das einfach nicht ein, was
man ihnen sagt". Er hat es erlebt, wie Nazis die Leute, harmlose
Leute, die an ihrem Lokal vorubergehen, anpobeln, er hat erlebt, wie
sie einen jungen Mann (iber Helen und zertrampelten, „immer mit die
Absatze bearbeitet", im Juni den Arbeiter Kiirschner, am 30. Juni den
Arbeiter Pachurka, am 17. August den Arbeiter Maschewski, der durch
Messerstiche schwer verletzt wurde, am 29, August den Arbeiter
Schroder, Engelhardts sahen, wie sie den einen an den Fiifien und
am Kopf packten und immer gegen die Wand schlugen, noch ist das
Blut zu sehen. Und wenn dann die Polizei kommt, dann liegt ein
Verwundeter da, und es ist eine Blutlache; es ist kein heimlicher
DegenstoB zu Verona, aber die Tater sind nicht zu finden.
So sprachen die Menschen, die Polizei schiitzt sie nicht, die
Staatsanwaltschaft blieb nicht die objektivste Behorde, die sie zu sein
hat, Tief frafien schon fascistische Gedankengange sich in die Kopfe.
Die letzte Instanz, das Gericht, hat nicht versagt. Das ist kaum mehr
als ein Zufall, Es traf zusammen eine groteske Anschuldigung,
ein wahrheitssuchender Mensch als Richter, dem der heilige Gedanke
des gleichen Rechts fur alle nicht eine Phrase ist, und leidenschaft-
liche Anwalte des Rechts. So ging es gut aus. Aber sagen wirs ganz
deutlich: die Justiz ging sauber aus diesem Prozefi hervor. weil ein
kommunistischer Anwalt sie stiitzte. Die Wahrung seiner Autoritat ver-
dankte der Staat den Ermittlungen einer kommunistischen Organi-
sation,
Wer schfitzt den Dramatiker? Arthur ErastRutra
Ceitdem Werner Ackermann in der ,Weltbuhne* vom 16. Fe-
bruaf seinen dankenswerten Aufsatz iiiber die ttRechte der
Buhnenautoren'1 und die Berufspolitik des Verbandes deut-
scher Buhnenschriftsteller und Buhnenkomponisten veroffent-
licht hat, hat dieser Verb and endlich etwas unternommen. Er
hat in seiner Generalversammlung vom 15, Februar eine Reso-
lution zua: Biihnenkrise angenommen, deren Kernpunkt lautet:
Die Leitungen der meisten deutschen Biihnen seien in Hand en
ehemaliger Schauspieler, die den Dramatiker vernachlassigen;
unter Hinweis auf die historische „BlutezeitM wird verlamgt,
dafl man die Leiter aus dem Stande der Dramatiker und Dra-
maturges entnehme. Diese Resolution hat, wo sie veroffent-
licht wurde, eine schlechte Presse bekommen. Mit Recht,
aber vielfach mit falschen Argumenten, die sich sogar bis zu
543
einem Loblied auf Reinhardt verstiegen, der als Kronzeuge fur
vergeistigtes Theater angefiihrt wurde, Justament er, dem der
lebenide deutsche Dramatiker nichts, aber gar nichts zu danken
hat, der seine ,,DichterenideckungenM immer nach dem Wag-
nis der andern vollbracht hat, dessen grandioses Theater sich
immcr mehr als ein* Danaergeschenk an das Theater erweist.
Diese -Resolution hat griindlich danebengehauen und das Wort
von den ,,groBen Kinderaugen" verdient, die Diebold, zu Un-
recht freilich, den Dramatikern vorwarf. Einige bekannte Dra-
matiker haben sie ersonnen, Stefan GroBmann hat sie besten
Willens vorgebracht, denn seine Ausfiihrungen zu ihr waren
richtiger und kampferischer als die Resolution selbst. Das Fazit
ist: ein dilettantischer VorstoB, der von wichtigeren1 Forderun-
gen ablenkt und die tatsachlichen Verhaltnisse (iberhaupt nicht
beriihrt,
Der Vorstand war nicht imstande, die Antragsteller
aufzuklaren und der Resolution in der Generalversammlung ein
Gesicht zu geben, das den Dramatikern die Blamage erspart
hatte, in der Presse eines Bessern belehrt zu werden und von
vielen Seiten wieder einmal zu vernehmen, wahrhaft
Schuld sei der ,,Niedergang der dramatischen Produk-
tion". Selbst Herr Herald wagte es, den Dramatikern die
Schuld am Zusammenbruch der Reinhardt-Btihnen zuzuschie-
ben, und kein Vorstand der Buhnenschriftsteller emporte sich
gegen diese Verleumdung. Der Vorstand hatte und hat frei-
lich andres zu tun: er mufite d'afiir sorgen, daB in dieser Gene-
ralversammlung eine andre Resolution iiberhaupt nicht disku-
tiert wurde, die schriftlich beantragt war (von Kurt Heynicke
und mir) und die in scharf er Form Forderungen gegen die Ver-
bannung des deutschen Dramatikers von den Biihnen erhob und
die Methoden aufzeigte, die allmahlich zu seiner Vernichtung
fiihren miissen; er muBte Statutenanderungen vornehmen, die
eine Erhohung der Tantiemenabziige der Biihnenautoren be-
stimmen, und er hat einen Teil dieser Erhohung der offenbar
notleidenden Vereinigung der Biihnenverleger zugebilligt, die
von den Dramatikern unterstiitzt werden muB; er muBte einen
schriftlich gegen diese Zuerkennung eingebrachten Antrag sa-
botieren und die Opposition niederkampfen, die ihn vertreten
wollte; und er mull Internationale iBeziehungen pflegen, wah-
rend der deutsche Autor zugrunde geht.
Der Verband' ist ein Zwangsverband: wer ein Stuck ge-
schrieben hat und es aufgefuhrt sehen will, muB ihm als Mit-
glied angehoren; aber nicht alle Mitglieder haben die gleichen
Rechte, wenn auch die gleichen Verpflichtungen, Nur die
ordentlichen Mitglieder haben Stimmrecht und konnen in den
Vorstand gewahlt werden. Man wird ordentlich, wenn man
mit einem .Stuck in mindestens fttnf Stadten gespielt worden
ist, von denen zwei iiber zweihunderttausend Einwohner haben
miissen; man wird es mitunter auch — nach miind-
licher Aufklarung durch den Vorstand — durch einen
Gnadenakt friiher, wenn man darum ansucht Aber von
dieser Glucksmoglichkeit wissen die wenigsten. Doblin war
auBerordentliches Mitglied, weil seine ,,Ehe" blofi in Mxinchen
und Leipzig uraufgefuhrt wurde. Jakob Wassermann (fiir seine
544
^Lukardis") ist es wohl noch, und selbstverstandlich siiid es
allc jungern und jungen Dramatiketf, die man sich atif diesc
Weise vom Leibe halt. Dicsc miscra plebs darf wohl zahlen
wie die andern, muB sich von ihren Tantiemen jetzt schon drei
Prozent fur den Verband und seine Zentralstelle und nunmehr
auch fur den Verleger abziehen lassen, der ohnehin zwanzig
bis fiinfundzwanzig Prozent der Tantiemen einzieht, und darf
nicht einmal Antrage stellen. Ja sie darf auch nicht an einer
Generalversammlung teilnehmen, doch drtickt der Vorstand
gnadig ein Auge zu, wenn sich mal ein paar jiingere Aufler-
ordentliche guten Glaubens dahin verirren, und wenn es nicht
zu viele sind. Man gibt vor, sich durch dieses ,,Qualitats-
prinzip" gegen das Eindringen der Dilettanten zu schiitzen; in
Wahrheit verschanzt man sich gegen die Jug end, gegen eine
ideell kampferische Verbandspolitik.
Ein OffensivvorstoB im vorigen Jahre fiihrte zur Demission
eines der drei Vorsitzenden, des Herrn Doktor Walter Harlan.
In einer auBerordentlichen Generalversammlung sollte ein
neuer Vorsitzender gewahlt werden, und Wenzel Goldbaum, der
stillef in Generalversammlungen freilich mitunter heftig don-
nernde Diktator des Verbandes, zugleich sein Syndikus und
Schriftfuhrer, hatte der Opposition die Wahl eines aktiven
Vertreters der jiingern Dramatiker-Generation zugestanden.
Der traurige Zwischenfall, daB Harlan beim Beginn dieser Ver-
sammlung jah einem Herzschlag erlag, hatte natiirlich deren
Abbruch zur Folge; ihre neuerliche Einberufung glaubte der
Vorstand sich nunmehr schenken zu konnen. Bis heute ist die
Vorsitzendenstelle unbesetzt geblieben, die von der Oppo-
sition gestellten Satziingsanderungsantrage sind ad acta gelegt.
Als die diesjahrige ordentliche Generalversammlung in
ihrer Tagesordnung von den Versaumnissen des Vorstandes
keine Notiz nahm, habe ich mit Kurt Heynicke die vom. Vor-
stand unterdriickten Antrage neuerlich gestellt und ordnungs-
gemaB schriftlich eingereicht. Sie wurden auch auf dieser Ge-
neralversammlung sabotiert, eine Reihe von Teilnehmern
haben mir diese Tatsache in Zuschriften bestatigt. Felix Lan-
ger, der sich in der Versammlung bereit erklart hatte, die An-
trage zu vertreten, richtete am nachsten Tage ein Schreiben
an den Vorstand, das ich im Auszug darum mitteilen will,"
weil es die Kampfmethoden dieses Vorstandes beleuchtet;
. . . Ich hatte kaum die ersten Worte gesprochen, als Herr
Dr. Wenzel Goldbaum mir mit erprobter Gepflogenheit in die Rede fiel
und mit irrefiihrenden Zwischenrufen auch etliche Mitglieder gegen
die Verlesung des Antrages Rutra mobilisierte, der bis nun der Ver-
sammlung nicht zur Kenntnis gebracht worden war. In dem von Herrn
Dr. Goldbaum dirigierten Stimmenwirrwarr wurde die Verlesung un-
moglich . . . Ich erhebe hiermit Einspruch gegen das wiederholte tumul-
tuarische Eingreifen des Herrn Dr. Goldbaum (auch in friihern Ver-
sammlungen), wenn Mitglieder einer Meinung Ausdruck gebenf die
einen Antrag von einer Seite beleuchtet, die sich mit der Auffassung
des Herrn Dr. Goldbaum bzw. des Vorstandes nicht deckt . . .
Die Antwort, die Doktor Langer am 5. Marz auf sein
Schreiben erhielt, lautete:
Sehr geehrter Herr Verbandsgenosse! Wir bestatigen den Ein-
gang Ihres Schreibens vom 16. Februar. Wir haben Ihnen keine be-
545
Sonderen Mitteilungen zu machen. Mit yorziiglicher Hochachtung
Dr. Hans Rehfisch m. p. E. Ktinnecke m. p.
Auf solche Weise unterdriickt der Vorstand jcde ihm
miBliebige Meinung. Diebolds Dramatikcr mit den groBen
Kinderaugen waren ihm grade recht. JaL er will keine
denkenden Mitglieder, sonst ware es unmoglich gewesen,
daB eine Generalversammlung von Autoren freiwillig
einen Teil ihrer Tantiemen der Vereinigung der Biihnen-
verleger darbringtt die ihrerseits dem Verbande der Biihnen-
schriftsteller wahrhaftig nichts schenkt, und noch weniger
ihren eignen Autoreni. In tdiesem Bundnis mit den Verlegern,
das zum AbschluB eines Kartells mit den Buhnenbesitzern ge-
schlossen wurde, liegt der Hauptgrund fiir die Handlungs-
unfahigkeit des Vorstands. Der Gedanke, der dahin gefiihrt
hat, war richtig, aber durch falsche Taktik ist man, dabei in
sklavenhafte Abhangigkeit geraten. Man hat eine gemeinsame
Zentralabrechnungsstelle geschaffen, die die Abrechnungen der
Biihnen kontrolliert Sie wird vornehmlich aus den Tantiemen
der Autoren erhaLten, Diese Zentralstelle ist das einzige Ak-
tivum des Verbandes; sie hat, unter der nicht genug anzuerken-
nenden Leitung von Richard Bars, Fehlabrechntingen auch
grofiter Biihnen festgestellt, die in die Hunderttausende gehen,
und es ist ein nicht minder groBes Verdienst des Syndikus
Goldbaum, daB er durch seine Rechtsarbeit diese Stelle ge-
schaffen hat. Leider ist dieser hervorragende Jurist, der
Grundlegendes fiir den Rechtsschutz des deutschen Schrift-
stellers geleistet hat, ein schlechter Verbandspolitiker, Er hat
den Dramatiker in eine unbedingte Abhangigkeit vom Verleger
hineinmanovriert und vermag ihn nicht mehr zu schiitzen. Er
hat die Schiedsgerichte geschaffen. Das sogenannte kleine
Schiedsgericht zwischen Autor und Verlegern hat wenig zu
tun, weil die Vertrage alle Vollmachten in die Hand der Biih-
ncnverleger geben. Sie haben Genera ivollmacht iiber die Ver-
fiigung der Stiicke, verzichten nach Gutdiinken auf Konven-
tionalstrafe, tauschen Stiicke gegen andre aus und treten von
Yertragen zuriick; dazu kommen die Belastungen der Autoren
mit unkontrollierbaren Spesen, die von den meisten Verlegern
erhoben werden. Nicht genug, daB man sich Vorschtisse ver-
zinsen laBt, man belastet den Autor mit alien erdenklichen
Propagandaunkosten, wie Rundschreiben, Werbefcriefe, Sonder-
prospekte, Ankiindigungen in Verlegerzeitschriften, die wie In-
serate berechnet werden; man laBt ihn die Vervielfaltigung; der
Buhnenmanuskripte bezahlen. Der vierte oder fiinfte Teil der
Tantiemen, den der Verleger auBerdem bekommt, erscheint be-
reits als eine besondere, Gratifikation fiir seine Leistung. Ich
kenne Autoren, die davor bangen, wenn ein Verleger beson-
dere Propaganda zu machen beginnt; der Verleger sagt, es ren-
tiere sich. Das gilt fiir die groBen Serienannahmen und -auf-
fuhrungen, fiir die groBen Tantiemenernter. Der jikigere oder
seltener gespielte Dramatiker gerat in immer tiefere Verschul-
dung. Der Verband der Biihrienschrif ts teller kennt diese MiB-
stande, im Privatgesprach stimimen die Herren des Vorstands
zu, aber sie zucken die Achseln; und es bleibt alles beim alten.
Aus' diesem Grunde wenden sich die Dramatiker immer mehr
546
an den Schutzverband Deutscher Schriftsteller um Rat und
Hilfe gegen die Verleger.
Warum es der Verband mit den Verlegern nicht verderben
will? Sie sind seine Partner im grofien Schiedsgericht gegen
die Biihnen. Dieses Schiedsgericht hat seine Verdienste; es
hat auch seine — viele meinen es — groBern ,,Sch6nheitsfeh-
ler'\ Seit vielen Jahren tagt es immer in der gleichen Beset-
zung, sein Vorsitzender, aber auch die Beisitzer von beiden
Seiten wechseln nie. Die Tendenz lauft im wesentlichen stets
auf einen Vergleich hinaus. Die keineswegs bescheidenen
Kosten tragt, wenn nicht in Ausnahmefallen ein Aufsichtsrat
die ProzeBfiihrung durch die Zentralstelle beschlieBt, der
Autor. In einer einfachen Feststellungsklage gegen einen Ver-
leger muBte ein solcher Ungliicklicher an tausend Mark Kosten
bezahlen.
Der Vorstand, der nach Schuldigen zu suchen beginnt
und den Blick treuherzig von sich wegwendet, hat plotzlich die
bosen Schauspieler-Intendanten entdeckt Er weiB sehr gut,
daB er mit weit groBerer Berechtigung von einer Krise der
Dramaturgie hatte sprechen konnen, von der Isoliertheit und
Ratlosigkeit der Dramaturgen, denen jede Entdeckerfreude ge-
nommen wird oder fehlt. Auch die willigsten — sie sind in
der Oberzahl — sind nahezu machtlos, aber es gibt auch
unwillige und aim ihre eignen Interessen besorgte, die Scha-
den stiften, Gelangen Stiicke, selbst angenommene, erst
dann zur Auffiihrung, wenn sich ihr Autor zu Mnotwen-
digen" Anderungen unter Heranziehung und materieller Be^
teiligung des Dramaturgen entschlieBt, schreitet der Ver-
band nicht dagegen eih. In einem bestimmten Falle wurde ein
Dramaturg einer der groBten Buhnen auf Verlangen eines Ver-
legers sofort entlassen. Doch gibt es Falle, die weniger bos-
artig enden. Der Verband der Biihnenschriftsteller hat fur sie
kein Organ. GewiB nicht, denn er iibersieht auch die Falle,
in denen Mitglieder die eignen Kartellbestimmungen1 verletzen
und in mehr oder minder verschleierter Form ihre Tantiemen-
anspriiche indirekt ermaBigen, um eine Annahme zu erwirken
oder durch Beteiligung an Schauspielergagen, an der Reklame
etcetera dem Biihnenleiter Annahme und Erfolg zu erleichtern,
Ein aufmerksamer Vorstand fande leicht Kollegen, die ihm er-
zahlen konnen, wie so etwas gemachtj wird. Aber man will
nicht sehen, und genau so blind stellt man sich gegen die
Krise. Sonst muBte man sagen: der beriichtigte ,,Niedergang"
ist darauf zuriickzufuhren, daB die Biihnenleiter den Dramatiker
nicht ermuntern; daB sie ihn von der Biihne selbst, also von sei-
nem Leben, abschneiden; daB sie den Anspruch des Schaffen-
den auf Gehor negieren und keine Verpflichtung kennen, den
Dichter und sein Werk zu fordern; daB sie Provinz-Urauffiih-
rungen — auch erfolgreiche, geschweige denn umstrittene ■ —
nicht, wie es sein miiBte, nachspielen, weil sie auBerhalb der
Kasse meist auf auBern Aufputz des Spielplans bedacht sind.
Doch sind dies alles bereits ideelle Forderungen, die dem Ver-
bande deutscher Buhnenschriftsteller Hekuba sind.
Wer schiitzt den Dramatiker? Sein eigner Verband tut
es nicht. Sein Vorstand halt Sitzungen ab und zahlt den Teil-
547
nehmern zwanzig Mark fur jedc Verbandssitzung, obwohl in
den Statutcn nichts d'avon stcht. Um die ideelle Standespoli-
tik kiimmert sich der Verband nur wenig. Er wahrt, durch
die Zentralstelle, die materiellen Rechte seiner Mitglieder; aber
das tut ein Mann allein, Richard Bars, und er tut es gut und
verdient sein goldnes Ruhmesblatt, Ein Vorstand von sieben-
undzwanzig Kopf en ist also dazu nicht notig. Lauter ehrenwerte,
in der Standespolitik leider mutlose Manner. Was tut dieser
Vorstand? Es sei einmal mit aller KraBheit gesagt: er schiitzt,
wenn auch ohne es zu wollen, die Konfektion, nicht aber die
Qualitat; er wahrt scheinbar das Prinzip der Qualitat und ent-
rechtet die Qualitat in- Wahrheit; er tut zweifellos auch
manches Gute im Stillen und hat ftir materielle Beihilfen und
Prozesse fur bedurftige Verbandsmitglieder in seinem letzten
Kassenbericht den Aufwand von 1061 Mark verbucht. Ganz
besonders aber pf legt er die internationalen Beziehungen. Auch
dafiir werden die Aufwendungen verbucht: 3925 Mark wurden
als Jahresbeitrag fiir die Confederation gezahlt und 3846,52
Mark haben die KongreBreisen der Vorstandsdelegierten' nach
Ro;m und London gekostet. Auch das ist sicher verdienstvoll.
Der deutsche Dramatiker wird1 wohl sehr bald im Ausland wun-
derbar geschiitzt sein, wenn er auch in Deutschland zugrunde
geht. Hoffen wir, daB er, der wirkliche Dramatiker, und nicht
der Konfektionar, dank seinem Verband, im Ausland wenig-
stens aufgefiihrt wird, wenn die deutschen Biihnen aufgehort
haben, ihn zu spielen.
Friedrich vergewaltigt Barberina
von Werner Hegemann
p rfreulicherweise kommt der Protest gegen den Fridericus-
Kitsch endlich auch von rechts, Ober den Film „Die Tan-
zerin von Sanssouci" (Barberina war librigens niemals in Sans-
souci) schrieb der ,Angriff (19. 9. 32):
Dieser Film ist so schlecht, so plump und ungekonnt, dafi es
sich nicht verlohnte, auch nur ein Wort dariiber zu verlieren, wenn
es hier nicht darum ginge, wieder einmal festzunageln, wie syste-
matisch das gesunde Gefuhl des Volkes gewaltsam verschiittct wird . . .
Das Volk wird so eingeschatzt, wie est nicht eingeschatzt werden darf:
als dumme Masse, die auf jeden Schwindel hereinfallt . . . Verant-
wortungsbewufite Manner hatten nicht anders gekonnt, als' den Konig
zu zeigen, wie er handelte und kampfte in den Jahren der Not, wie
er fiir sein Volk lebte . . ,, wie er mit dem Kriickstock dazwischen-
fuhr, wie er der erste Diener seines Staates war.
Als MverantwortungsbewuBter Mann" muB ich der Ein-
ladung des .Angriffs' und der ,Weltbuhne' folgen und „zeigen,
wie der Konig handelte". Alle folgenden Angaben sind von
den amtlichen Verteidigern Friedrichs II. als archiyalisch richtig
und nachweisbar zugestanden worden.
Die hochgewachsene Barberina Campanini (geboren 1721)
war von Gott mit den besten Tanzertugenden: Anmut, Kraft,
Leichtigkeit und hoher Schonheit, begnadet. Ihre friih auffal-
lenden muskulosen Beine befahigten sie zu erstaunlich hohen
Spriingen. Mit diesen ,,Capriolen" verschaffte sie der italie-
548
nischcn Tanzkunst auf der pariser Biihne scit 1739 einen durch-
schlagenden Sieg iiber den ruhigeren franzosischen Tanz.
Fast gleichzeitig mit ihrem Weltruhm crwachte der Schlachten-
ruhm, Friedrichs „des GroBen", der 1740 im Bunde mit Frank-
reich plotzlich den deutschen Biirgerkrieg entfachte. Sein er-
erbtes, mit beispielloser Grausamkeit geziichtigtes und skrupel-
los eingesetztes Heer wurde sofort von alien GroUmachten als
neuer Machtfaktor ersten Ranges erkannt, und deshalb um-
buhlte man Friedrichs Freundschaft, Sein Abenteuer mit Bar-
berina beginnt gleich nach der triumphalen Beendigung seines
ersten schlesischen Raubkrieges. Die andern Machte kampf-
ten weiter. Der Sieg hing davon ab, ob Friedrich kiinftig neu-
tral bleiben oder wenigstens nicht zum zweitenmal zum Biirger-
krieg und zum Kampf gegen das deutsche Kaiserhaus bereit
sein wurde. In diese welthistorische Entscheidung sollte das
Schicksal einer groBen Kunstlerin hineingemahlen werden. Aber
sie wuBte sich zu helfen,
Barberina hatte von 1739 bis 1743 wachsende Triumphe
in Paris und London gefeiert; die iZahl ihrer Liebhaber, Fiir-
sten und Lords, war unbegrenzt. Dem eifersiichtigen Prinzen
Von Carignan lieB sie sagen, ,,fur hunderttausend Franken
wiirde sie ihm noch nicht einmal ihre Hande zum Kiissen ge-
ben", Aber fur Friedrich den GroBen — er war neun Jahre
alter und korperlich kleiner als Barberina — war kein Stern
zu hoch oder zu teuer. Er verlangte 1fKaprioleninacher" aus
Paris. Wahrend er durch seinen Gesandten mit Barberina ver-
handelte, reiste die Tanzerin nach Venedig zum Carneval und
zu neuen Erfolgen. Dort lieB Friedrich weiter in sie dringen
und erfuhr, daB sie Mziemlich geneigt" sei, fiir dreitausend
Taler jahrlich, freie Wohnung, Reisekosten und „groBe" sowie
,,kleine Kleidung" nach Berlin zu kommen. (Der Film be-
hauptet, der Konig habe mit, Grazie achttausend Taler geneh-
migt.) Aber der Konig weigert sich schroff, dreitausend Taler
zu bezahlen; begreiflicherweise, ist doch spater die berliner
Berufung des groBen Winckelmann, eines Gelehrten von Welt-
ruf, daran gescheitert, daB Winckelmann zweitausend Taler
forderte und der Konig nur tausend geben wollte. Auch der
Barberina wollte Friedrich nur zweitausend Taler im Jahre
zugestehen. Doch hoffte er die Tanzerin dadurch zu kodern
und/ dauernd an sich zu fesseln, daB er ihr diese Summe auf
Lebenszeit versprach. Barberina wollte nichts davon horen.
Obgleich aber Friedrich ihre Forderung nicht angenommen
hatte, lieB er durch seinen Unterhandler behaupten, die Tanze-
rin sei ihm schon verpflichtet, und versuchte ,,die Barberina
durch den Senat von Venedig zu zwingen, ihre Verpflichtungen
zu erftillen'1. Nun begann ein endloses Hin und Her zwischen
Venedig unid Berlin, wobei der Konig mit all den macchiavel-
listischen Tiicken zu arbeiten anfing, mit denen er spater auch
Voltaire nach Berlin gelockt hat und mit denen er sich gleich-
zeitig in der hohen Politik beriihmt machte. Das Engagement
einer Tanzerin fiir das noch nicht fertig gebaute riesige berliner
Opernhaus hatte langst aufgehort, eine civiler Mofal unter-
worfene Angelegenheit zu sein. Statt dessen wurden die Ge-
sandten von Oesterreich, Frankreich, Spanien und England in
549
Venedig mobil gemacht, die es mit dem grofien Konig nicht
verderben durften, Sein im Hintcrhalt laucrndes Heer sollte
bald entscheiden, ob ELsaB-Lothringen wiedcr dcutsch warden
oder franzosisch blciben muBte, ob dcr deutsche Kaiser oder
der Konig von Frankreich, oder von England die Welt beherr-
schen wurde.
Wahrend der groBe Konig, um die Barberina zu gewin-
nen, alle Register der hohen Politik in Venedig spielen lieB,
legte ihr der junge Lord Stuart de Mackenzie, Mitglied des
englischen. Parlaments, sein Herz und sein Vermogen zuFiiBen.
Er wollte sie heiraten, Sie sollte nicht mehr auf die Biihne
gehen. Er liebte sie leidenschaftlich. In seinen h erzz err eiB en-
den Briefen aus der spatern Zeit redete er sie an ,,My ever
dearest Wife, my lovely sweet iBabby", Es ist unmoglich, sich
aus dem Netz von Intrigen herauszufinden, das Friedrich in
Venedig um Babby spann. Seine Unterhandler behaupteten,
sie liebe den Lord nicht sondern wiinsche gewaltsam entfuhrt
zu werden — nach BerlinI
Der Doge von Venedig, von den Gesandten aller GroBmachte
bestiirrnt, lieB die Tanzerin offentlich mit Verbannung be-
drohen und forderte heimlich den Plan der Vermahlung mit
Mackenzie* Der Doge rechnete damit, daB Friedrich es nicht
wagen wiirde, sich an der Frau eines EJnglanders zu vergreifen.
Friedrich drohte, den auf der Durchreise in PreuBen erwarte-
ten venezianischen Gesandten Capello zu verhaften, was wich-
tige diplomatische Verhandlungen der Venezianer zu schadigen
drohte. Der preuBische Unterhandler mietete eine Horde von
zwolf ,,Bravi", um Barberinas Flucht mit Mackenzie zu ver-
hindern. Der venezianische Senat kam ihm zu Hilfe und lieB
Barberina nach ihrem Buhnentriumph am Sonntag, dem 16, Fe-
bru-ar 1744, abends verhaften. Ihr venezianischer Biihnenvertrag
lief nur noch zwei Tage, bis zum Faschings-Dienstag und Fasten-
beginn, Ihr Fehlen auf der Buhne wahrend der beiden Gipfel-
tage des Came vals wurde zum Stadtgesprach von Venedig
und gait als Triumph Friedrichs, der ,,den Conner seiner mach-
tigen Stimme hatte grollen lassen" und bald Mittel fand, „wie
man diese Kreatur sicher kommen lassen konne".
Nachdem einmal der Kiinstlerin der Schutz des veneziani-
schen Senats entzogen war, hatte Friedrich leichte Arbeit. Die
zwangsweise Einfuhr vergewaltigter Menschen war seit dreifiig
Jahren zum einzigen bliihenden Handelszweig PreuBens ent-
wickelt worden. Von den LandstraBen in aller Herren Lander,
aus friedlichen Dorfern, Universitaten, ja Klostern raubten
preuBische Werber Rekruten zusammen und transportierten sie
auf wohlorganisierten Bahnen mit Gewalt bis an die- preu-
Bische Grenze. Als der preuBische Barberina-Transport im
osterreichischen Gorz auf den vorausgeeilten Lord Mackenzie
stieB, durfte Barberina nicht mit ihm sprechen. Der preuBische
Gefangenen-Spediteur veranlaBte den osterreichischen Platz-
kommandanten, die Pferde des Englanders wegzunehmen. Dem
Lord wurde das schriftliche Versprechen abgezwungen, sich
kiinftighin nicht mehr einzumischen.
Schlufi folgt
550
Vom TragiSChetl von Rudolf Arnheim
F)er Volksmund ist schnell dabei, von eincm ^tragischen'1 Er-
eignis zu sprechen, wean nur irgendwo Blut geflossen ist
und Menschcn auf schreckliche Wcisc urns Leben, gekommen
sind. Abcr auch wer fiihlt, daB Trauriges noch lange nicht
immer Tragisches sei, wird das Schicksal dcs jungen polnischen
Fliegers, der, neulich, vicrzehn Tage nach seinem Sicg im
Europarundflug abstiirzte, unmittelbar als tragisch empfunden
haben.
Was damit gcmeint scin soil, ist nicht ohne weitcrcs klar.
Will man sagen, ein solches Geschehnis ahnle der Handlung
eines Dramas oder eines Romans? Kaum, denn die Begeben-
heit, so wie sie da ist, konnte einem Dichter nicht zum Vor-
wurf dienen, weil ihr das wichtigste Erfordernis, der seelische
Konflikt, fehlt, der in jedem landlaufigen Kinostoff — ein
Mann erschieBt aus Eifersucht seinen Freund — ohne weiteres
enthalten ist (wie denn auch die Lokalchronisten, wenn so
etwas in der Wirklichkeit geschieht, von einem „Drama" zu
reden pflegen). GewiB ware es leicht, einen solchen Konflikt
in den Vorgang hineinzulegen . . . wenn etwa der Dichter be-
schriebe, wie der Flieger im Obermut des Sieges sich an einen
tollkiihneri, gotteslasterlichen Flug gewagt und dabei umge-
kommen sei. Der todbringende Gewittersturm trate dann der
Hybris des Himmelssturmers als Racher entgegen, ahnlich wie
im Marchen vom Fischer und seiner Frau ein ziirnender Orkan
sich gegen den nimmersatten Ehrgeiz der Fischersfrau erhebt.
Ja, der Sturm konnte, wie etwa in Brechts Ballade vom Lind-
berghflug, als Sprecher auftreten und zum dramatischen
Gegenspieler des Fliegers werden, Gerade indem sie solche
Motive hineinarbeiten, pflegen sich ja Dichter wahrer Begeben-
heiten zu bedienen.
Keinerlei faustischer Himmelssturm dieser Art jedoch
wurde uns von dem jungen Flieger berichtet. Kein sachlicher
Zusammenhang verbindet das Gluck des einen Sonntags mit
dem Ungliick des andern. Keine innere oder auBere Notwen-
digkeit forderte, soweit wir wissen, den Unfall. Und dennoch,
und ' wahrscheinlich grade deswegen, griff uns die besondre
Tragik des Ereignisses sofort ans Herz.
Was fur eine seltsame Tragik aber ist das, die dem Zufall
eine tragende Rolle zugesteht. Eine Rolle, die ihm die
Asthetik durchaus verweigert. Wird ' nicht der Zufall in dra-
matischen oder epischen Erzahlungen verpont und verhohnt?
Gilt nicht der Deus wie der Diabolus ex machina als kindlich?
Hat nicht der Kunstler vor allem glaubhaft zu machen, daB die
Losung, die er herbeiftihrt — sei sie eine schlimme oder eine
gliickliche — , unvermeidbar sei. Wird die Losung nicht erst dann
dramatisch, im Gegensatz zu dem Ziegelstein, der unversehens
vom Dach fallt?
Wissenschaftler pflegen, wenn sie das Wesen eines Gegen-
standes erforschen wollen, die Bedingungen seines Atiftretens
experimenteli zu variieren. Versuchen wir dies, im Gedanken-
experiment, auch fiir unsern Fall, so zeigt sich: Weniger tra-
gisch erschiene uns der Vorgang, wenn der Flieger kurz nach
551
seinem Siege an einer Krankheit gestorben ware; und un-
tragisch, wenn der Unfall erst nach langer Zeit, nach Jahren,
geschehen ware. DaB der Sturz unmittelbar auf den Sieg
folgte, bei derselben Beschaftigung, am sel'ben Wochentage, im
selben Flugzeug und mit demselben Begleiter — das erst bringt
die entsetzliche Pointe. Die noch verscharft wiirde, wenn der
Flieger nicht in Bohmen sondern zufallig iiber Berlin ab-
gestiirzt ware, iiber eben der Stadt, die der Schauplatz seines
Ruhmes geweseru ist
Je gleichartiger also die Bedingungen sind, unter denen
die beiden gegensatzlichen Ereignisse auftreten, und je naher
diese aneinander geruckt sind, urn so ausgepragter tragisch
wird der Eindruck. Und hierin finden wir nun die Auswir-
kung eines der grundsatzlichsten Kunstgesetze wieder. Neulich
zeigte mir der russische Filmregisseur Eisenstein ein Photo aus
seinem neuen Mexikor-Film. Man sah darauf eine steinalte
Mexikanerin und ihre kleine Enkelin nebeneinandergehen, jede
hielt mit der gleichen Armbewegung einen groBen Tonkrug auf
dem Kopf. Eisenstein erklarte mir, wie grade durch die Gleich-
artigkeit der Haltung und der Beschaftigung der Alterskontrast
zwischen den beiden Frauen besonders akzentuiert wurde.
Das gleiche Prinzip, wie man sieht! Ein Prinzip ubrigens,
fiir das sich ebenso leicht Beispiele aus der Architektur oder
der Musik beibrkigen lassen, Indem namlich das Kontrastie-
renide, hier Alter und Jugend, dort Gliick und Ungliick, hart
aneinandergeriickt wird, hier raumlich, dort nur zeitlich, und
indem auBer dem einen groBen Unterschied sonst lauter
Gleichheit herrscht, werden die beiden gegensatzlichen Motive
sozusagen auf den gleichen Nenner gebracht, was den Ver-
gleich, die Assoziationsbriicke formlich erzwingt. Mit solchen
Mitteln lenkt der Kiinstler, lenkt die durch einen Zufall zur
Kunstlerin gewordene Natur, den Blick, der sonst im Bereich
der rohen Anschauung ungeleitet umherirrte, mit Sicherheit
auf das Kernmotiv des Vorgangs. Schon an sich sind mit Grei-
sentum und Kindesalter, mit Europasieg und Todessturz die
denkbar scharfsten Ge^gensatze gewahlt, aber sie werden noch
uberspitztdurch die provokante Art, mit der sie auf die gleiche
Ebene gesetzt sind.
Die Nachricht vom Tode irgend eines Menschen wird uns
wenig erregen. Aber schon sowie es sich um einen jungen
Menschen handelt, erhalt das Ereignis den Ton des Tragischen,
weil hier eine besondre Bindung ans Leben der Trennung vom
Leben kontrapunktisch gegeniibersteht. So wirkte der Unter-
gang der ,,Niobe", wennschon es sich um einen reinen Unfall
handelte, tragisch, weil die Besatzung aus Jiinglingen bestand.
Ein Mord muB an sich nicht tragisch sein. Fallt aber ein
Geizhals einem Raubmord zum Opfer, eine Bahnhofsmissio-
narin einem Lustmord, so hat das eine Tragik, die hier einen.
Beigeschmack von entsetzlicher Komik deutlich mit sich fiihrt
ErschieBt jemand aus Versehen seinen besten Freund, so wird
das Minuszeichen zwischen den beiden Menschen eindring-
licher durch das Pluszeichen, das gleichfalls zwischen ihnen
steht. Immer verstarkt die Bindung als Gegenkraft die Tren-
nung, die Ahnlichkeit den Gegensatz. Dies ist ein wichtiges
552
Mittel der Formgebung, der Komposition. Es wird auch fiir
Witze verwertet, findet es sich aber auf Trauriges angewendet,
so sprechcn wir von Tragik. Diese Tragik ist ganz undrama-
tisch, gemaldehaft, denn sic zcigt kcine Entwicklung auf son-
dern Zustandliches, kein Geschehen sondern ein Sein. Es ist
• ein Unterschied wie zwischen elektrischer Spannung und elek-
trischem Strom, Das schmerzhafte Nebeneinander der Gegen-
satze in unsrer Welt wird unter extrem zugespitzten, klaren
Bedingungen vorgefiihrt, und gerade diese Stilisierung sichert
dem Einzelfall die allgemeine Aufmerksamkeit.
Nur hochst selten, nur durch blinden Zufall geschieht ein-
mal in der Wirklichkeit, was der Kiinstler, bewuBt oder un-
bewuBt, erfindet, um sein Thema eindeutig und rein heraus-
zuarbeiten. Grade das Wunder dieses Zufallg aber ist es dann,
was so verbliiffend und erschreckend wirkt. So schafft die
Natur Kunst auf einem Gebiet, das sich der Gestaltung durch
menschliche Kiinstler ganzlich entzieht; denn wahrend der
Kiinstler sich bemiihen muB, das Zusammentreffen iiber-
raschender, eindrucksvoller Bedingungen als notwendig und
sachlich gefordert zu beschreiben, weil der Onkel aus Amerika
und der plotzliche Blitzstrahl vom Himmel komisch wirkent
gibt es in der Wirklichkeit eine Autoritat des bloBen Seins,
Grade daB es so unwahrscheinlich wirkt, wie sich Nichtzusam-
mengehoriges plotzlich und zufallig in einent kunstvoll geklar-
ten Sinnzusammenhang fiigt, grade dies macht das Schlagende
eines solchen Ereignisses aus,
Wie leben die armen Leute itn Film?
von Alfred Polgar
r\ariiber unterrichtet eine witzige Filmkomodk, die jetzt, von
professionellen Lieblingen gespielt, in einem der groBen
Ufa-Theater Berlins vielen Besuchern Freude macht.
Wir lernen da, daB die armen Leute< im Film, auBer wenn
Liebeskummer ihr Herz beschwert, immer bei Humor sind.
Mit gutem Grund. Sie haben Beschaftigung und Zeit und diese
ad libitum auch wahrend jener. Ihre Arbeit, die ihnen zum
Vergniigen gereicht, scheint ein leichtes, lockeres Spiel; man
hat den Eindruck, sie ist es, welche die muntern Reden be-
gleitet, und nicht umgekehrt. Die armen Leute im Film strah-
len Zufriedenheit aus. Selbst ein so ganz armer Mensch wie
der in jenem Kinowerk ,,Vogelscheuche" geheiBene und als
solche auch angetane Habegarnichts liegt gut und weich in
seiner prekaren Lage, und seine philosophische Ausgeglichen-
heit sticht angenehm ab von der sonst im Leben manchmal zu
beobachtenden Unruhe der Besitzlosen. Interessant an dieser
Figur ist iibrigens, daB ausgerechnet auf ihrer Schulter gern
ein lebender Rabe, es kann auch eine Krahe sein, Platz nimmt;
wir haben da also die wunderliche Erscheinung einer fur Vogel
attraktiven Vogelscheuche.
Die armen Leute im Film sind bildhubsch, propre, gepflegt,
sozusagen wohlriechend fiir das Auge, sie entbehren sehr chic,
und ihre Durftigkeit hat etwas bezwingend Elegantes. Ihre
billigen Anziige stammen gewiB von einem teuren Schneider
553
(der allerdings fur so tadellose Figuren wie die der armen
Leute im Film leicht arbeitcn hat), und iiberhaupt klcidet sic
der Mangel hochst vorteilhaft. Es 1st nun einmal so,, daB der
Film, wenn er sich zur niedrigen, groben Wirklichkeit hinab-
laBt, diese doch unwillkiirlich in seine feine Sphare hinaufhebt
Er kann machen, was er will: jede Gesellschaft, die er anriihrt,
wird gute Gesellschaft. Die armen Schlucker, die der Film
darben heiBt, tun dies in der Haltung von Herren, welche die
Not als Sport betreiben, die armen Leute sind Prinzen ihrer
Armut, die Hungerleider haben das Air und Auftreten von
Generaldirektoren der Hungerleiderei. Wie wohnen die armen
Leute im Film? Auf griiner Wiese, in improvisierten lufti-
gen, blumenumrankten Quartieren, welche, die frohliche Ge-
miitsart der Insassen spiegelnd, mit In- und Aufschriften ihre
Armlichkeit ironisieren. Wie wohnt sich's aber da, wenn es
regnet, oder im Winter? Die Frage geht verloren, denn die
armen Leute im Film sind aus der Sonne, wie diese aus ihnen,
nicht wegzudenken, das Klima paBt sich ihren Bedurfnissen,
beziehungsweise ihren Moglichkeiten zu deren Befriedigung,
zartfiihlend an, und der Himmel, im iibertragenen wie im me-
tereologischen Sinn, halt immerblau zu ihnen.
Was aber die armen Leute im Film vor denen im Leben
besonders vor aus haben, ist dieses: sie kommen iiberall hin
und durch, wohin und wodurch sie kommen wollen. Verschlos-
sene Tiiren halten sie nicht auf, Portiers, Diener, Sekretare
sind ohnmachtig gegen den Elan, mit dem die armen Leute im
Film iiber ihren Widerstand hinwegsturmen. So triumphie-
ren sie letzten happy Endes iiber alle Anstrengungen der
Reichen und Machtigen, sich ihrer zu erwehren: denn der Film-
gott, der seine Kreaturen liebt, hat auch die geringsten
unter ihnen gesegnet mit der Gabe der Unhinauswerfbarkeit.
Das Rosenwunder von Lisieux waiter Mehring
T isieux,
^ du Stadt von Normannenart
Altgebeizter Gassen —
Zur Wirtschaftsmesse, zur Pilgerfahrt
Stromen die glaubigen Massen.
Hier feilscht man niitzlich-eitlen Tand:
Traktorcn, Kochherde, Nahmaschinen.
Doch wer da saet, um zu verdienen,
Wird erntcn Nichts — ■ denn Schimpf und Schand!
Wollt ihr, daB diese Welt genese,
Dann gebt die Ehre Gott in der Hoh
Und der
Heiligen Therese
Von Lisieux!
Therese,
Kind von Normannenart,
Aus SpieBertum geboren,
So glaubensstark, so korperzart
Zu ewigem Ruhme erkoren!
Noch mancher, der sie leibhaft sah,
Schleppt heut die Last von Zeit und Laster
GaBauf, gaBab das harte Pflaster
Von Schnapsi zu Schnaps dem Himmel nah,
554
DaB man den Armen auserlese,
Gibt er die Ehre Gott in der Hoh
Und der
Heiligen Therese
Von Lisieux!
Sie fand diese Erde so freudenleer
So starb sie sonder MakeL
Den Himmel und sieben Folianten schwer
Fiillen heut ihre MirakeL
Hat sich in Demut ganz verzehrt,
Nun streut sie aus der Fiille Rosen,
Heilt Ketzerei, Tuberkulosen,
Hat selbst Doktoren schon bekehrt,
Auch Eskimo, Mohr und Chinese
Gaben die Ehre Gott in der Hoh
Und der
Heiligen Therese
Von Lisieux!.
Es safien im Urwald, vom Senegal
Verzweifelnde Missionare —
Sie riefen zu Gott, zu den Heiligen all:
Hilf uns zu unserm Altare!
Und horch! Als Tag und Mut schon schwand,
Da klopft es dreimal an die Planken.'
Ein Eilbrief mit eintausend Franken
Fiel ihnen zu von Ungenannt,
Kein Zweifel blieb und keine These!
Sie gaben die Ehre Gott in der Hoh
Und der
Heiligen Therese
Von Lisieux!
„Rett uns, Therese,
vom jiingsten Gericht
Der Bolschewistenplage!"
Wer diese Fiirbitt mit Inbrunst spricht,
Findt AblaB fur dreihundert Tage!
Ihr ward zuteil das Patronat,
Vom Klassenkampf uns zu entgiften.
Man kann ihr auch Gluhbirnen stiften.
DaU nicht die Kirche, nicht der Staat
Am Mehrwert unsrer Schuld verwese:
Gebet die Ehre Gott in der Hoh
Und der
Heiligen Therese
Von Lisieux!
Lisieux,
du Stadt von Normannenart,
Herzlich tut dich erfreuen,
Wenn Wirtschaftsmesse und Pilgerfahrt
Profite und Rosen dir streuen!
Feilscht ihr um Geld, urn Korn, urn; Flachs:
Ach, wie verganglich scheint der Handel!
Seht' hier Theresens Lebenswandel
Naturtreu nachgeformt in Wachs!
DaB! diese Welt vom Geld genese:
Gebet die Ehre Gott in der Hoh
Und der
Heiligen Therese
Von Lisieux!
555
Amok-Lailf von Bernhard Citron
£)as blinde Wiiten der groBen Kreditkrise, die am 13. Juli
1931 ihren Hohepunkt erreichte und deren Folgen heute
^noch immer nicht bescitigt sindj erinnert an die Taten jener
iurchtbaren Amok-Laufer, die jeden, der ihnen in den Weg
kommt, niederstechen. Nicht nur die besonders leichtsinnigen
.sondern auch viele andre Betriebe, die sich nicht angstlich vom
breiten Markt zuriickgezogen hatten, sind von dem Krisen-
Wahnsinn betroffen worden, Noch immer miissen an dem
schwer verletzten Korper unsrer Wirtschaft Operationen vor-
^enommen werden, lim den im Jahre 1931 erlittenen Schaden
♦einigermaBen wieder gut zu machen. Die Entscheidung dar-
iiber, welche Glieder der Wirtschaft in diese schmerzhafte Be-
handlung einbezogen werden sollen, ist heute wieder akut
geworden. Die Sanierung der Banken, die im Friihjahr
nur einen vorlaufigen AbschluB gefunden hatte, muB solange
unvollendet bleiben, bis die Sanierung der Banken-
schuldner durchgefiihrt sein wird, Zu diesem Zwecke war es
-erforderlich, erstens einem Teil der Schuldner selbst zu helfen
und zweitens den Banken Gelegenheit zu geben, die eingefro-
Tenen Debitoren allmahlich wieder aufzutauen. Auf dem ersten
*Wege kam die Staatshiife fur die Reedereien und die Montan-
industrie zustande, auf dem zweiten Wege will man besondere
Abwicklungsstellen errichten.
Die Namen der beiden ins Leben zu rufenden Stellen haben
3bereits Widerspruch in den beteiligten Kreisen erregt, Ober
die „KiM (Industrie-Finanzierungs-AG) haben sich die Industriel-
len beschwert, da sie nicht den Anschein erwecken wollen,
als handle es sich bei dieser zugunsten der Banken vorgenom-
.menen MaBnahme um eine Finanzierung der Industrie, Die
,,Amok" (Amortisations-Kasse) wird nicht nur wegen ihres
ominosen Namens sondern auch aus sachlichen Griinden von
den Banken ebenso wie von der Industrie abgelehnt. Die Be-
deutung der beiden Institute, die auf, einen Plan des friihern
Staatssekretars im Reichswirtschaftsministerium Trendelen-
burg zuriickzufuhren sind, laflt sich mit wenigen Worten dcfi-
nieren. Die Ifi soil schwer realisierbare Aktienbestande und
die Amok eingefrorene Debitoren von den Banken tiberneh-
rmen, Voraussetzung ist, daB es sich bei den Aktien nicht um
Nonvaleurs sondern um Papiere handelt, deren Markt lediglich
durch die allgemeine Borsenlage ungiinstig beeinfluBt wird.
Auch die eingefrorenen Debitoren diirfen hochstens faul, aber
nicht oberfaul sein, das heiBt mit einer spatern Ruckzahlung
der Schulden soil eigentlich gerechnet werden konnen. Die
Grenzen zwischen Debitoren und Beteiligungen sind bei den
Banken dadurch etwas verwischt worden, daB eingefrorene De-
bitoren vielfach in Beteiligungeru an den schuldnerischen Un-
ternehmungen umgewandelt worden sind. So darf man sagen,
daB beide Institute im wesentlichen der Auftauung friiherer
Kredite dienen sollen. Es ist begreiflich, daB einzelne Ban-
ken, die von den bereits bestehenden Hilfskonstruktionen wie
Akzept- und Garantie-Bank keinen Gebrauch gemacht haben,
eine Beteiligung an dem neuen Institut ablehnen mochten, Der
556
Wiile zur Solidaritat, der in den Tagen der akuten Krisen-
gefahr nicht bestanden hat, diirfte schwcr in eincr Zcit aufzu-
bringen seitn, die jedes Unternehmen zur langsamen Befreiung
von den Fesseln der Krise benutzen will. Was von dem Ver-
haltnis der Banken untereinander gilt, trifft auch fiir die Hal-
tung der Industrie zu jenen Fragen zu, Wenige Tage vor der
SchalterschlieBung der Darmstadter und Nationalbank hatte
man den untauglichen Versuch unternommen, durch eine ge-
meinsame Garantie dei* groBten deutschen Unternehmungen die
drohende Kreditkrise'abzuwenden. Spater fand diese ad hoc
geschaffene Garantie bei der Umlagerung von Stillhaltekrediten
Verwendung. Da ein Teil dieser Garantie demnachst auch er-
lischt — falls die am 1. April 1933 fallige Stillhalterate zuriick-
gezahlt werden kann — , soil die Industriegarantie zum dritten
Male, und zwar fiir die Bildung eines Garantiefonds bei der
Amortisationskasse verwandt werden. Es besteht namlich die
Gefahr, daB ein nicht geringer Teil der in die Amortisations-
kasse eingebrachten Debitoren fiir immer unbezahlt bleiben
wird. Auch; jene Institute, die von Hilfskonstruktionen Ge-
brauch gemacht haben, scheinen in der Amok keine sehr er-
freuliche Losung zu erblicken. Von Bedeutung werden Hi und
Amok moglicherweise fiir einige groBere Bankgeschafte seinr
deren Liquiditat durch eingefrorene Industriebeteiligungen und
-kredite beschrankt ist. Fiir die Mehrzahl der Banken ist aber
nicht die Liquiditat sondern die Rentabilitat die eigentliche
Frage. Zur Wiederherstellung der Rentabilitat sind aber Hilfs-
kassen keine geeigneten Mittel. Man halt die augenblickliche
Lage der Schuldner und damit auch der Banken fiir unnormal,
so daB durch eine solche Institution leicht ein Zustand ver-
ewigt werden konnte, den nur die hinter uns liegende Kredit-
krise bedingt hat.
Ahnliche Gedankengange finden) sich inj den Diskussionen
iiber die Frage der Industriesanierungen. Auch hier scheut
man, Glieder zu amputieren, die bei dem Amok-Lauf der Krise
verletzt worden sind. Man mochte erst die Erfolge der natiir-
lichen Heilung abwarten, ehe man die Gesellschaften durch
scharfe Kapitalzusammenlegungen saniert. Am dringendsten
ist die Entscheidung hieriiber beim Gelsenkirchen-Konzern-
Ob das Reich die Majoritats-Pakete der Gelsenkirchen-AG
ubernehmen soilte, war seinerzeit sehr umstritten. Besonders der
Reichswirtschaftsminister Warmbold, der bereits dem Kabinett
Briining angehort hat, behauptete, daB er von vornherein gegen
diesen Plan eingenommen war. Heute scheint Herr Warmbold,
dessen Ministerium in dieser zum Finanzressort gehorenden
Frage nicht federfiihrend ist, besonders intensiv den Fall Gel-
senkirchen zu bearbeiten. In einer Kapitalzusammeniegung des
Stahlvereins werden erhebliche Verlu&te sichtbar, da man na-
turgemaB die Aktien, die sich im Besitz von Gelsenkirchen
befinden, nicht mehr mit hundert Prozent in die Bilanz ein-
setzen kann. Die Regierung konnte dann allerdings erklaren,
daB jene Transaktion, die von der „bolschewistischen" Regie-
rung Briining eingeleitet worden ist, noch einen ZuschuB von
mehreren hundert Millionen Mark erfordert. Es laBt sich al-
lerdings kaum vorstellen, daB eine Regierung nur um dieser
557
propagandistischen Wirkung willcn Kapital in Bewegung setzt,
das viclleicht noch gespart werd'en kann. Sehr dunkel ist die
Form, in der die Behauptung, daB ein dringender Kapitalbedarf
beim Gelsenkirchen-Konzern bestehen soil, in die Offentlich-
keit lanciert worden ist. Eine Fachzeitschrift, mit der sich
Politiker oder Industrielle, die einen Namen zu verlieren haben,
nicht gerne identifizieren lassen, brachte jene Meldung vor
einigen Wochen. Ein groBer Pressekonzern iibernahm die Nach-
richt, die im AnschluB an die bevorstehende Veroffentlichung
des Gelsenkirchen-Untersuchungsberichts durch den Reichs-
beauftragten Herrn von Flotow in diesen Tagen wieder auf-
getaucht ist. Plotzlich soil die Gelsenkirchen-Sanierung un-
umganglich notwendig sein. Die Regierung miiBte schon zu
ihrem eignen Ankurbelungsprogramm jedes Vertrauen verlo-
ren Jiaben, urn sich einen Zeitpunkt fur die Sanierung auszu-
suchen, zu dem eine vollig anormale Kapazitats-Berechnung
als Wertunterlage dienen wurde. Gegen den Amok-Lauf der
Krise war die Wirtschaft machtlos. Gegen einen nachtraglich
veranstalteten Amok-Lauf, der auf ein bestimmtes Signal star-
ten soil, miifite eigentlich mit der Vernunft angekampft wer-
den konnen.
Wochenschau des Riickschritts
— Das Reichsarbeitsministerium behauptet in einer Erklarung,
daB die Verordnung iiber die Neueinstellung von Arbeitskraften trotz
der damit verbundenen Lohnsenkung keinen Eingriff in das Tarif-
recht darstelle, dafi also alle Kampfmafinahmen gegen diese Verord-
nung eine Verletzung des Tarifvertrages bedeuten.
— Nachdem die erste Nummer der drei Wochen lang verboten ge-
wesenen ,Roten Fahne' erschienen war, wurde das Blatt sofort wieder
auf zwei Wochen verboten. ,Die junge Garde* wurde bis zum 30. De-
zember, ,Der Parteiarbeiter' bis zum 30. Marz verboten.
— Eine Belegschaftsveranstaltung des berliner Betriebes Chrystal-
late mit dem Thema „Gefahren eines Gaskrieges" wurde verbotent
ebenso eine Kinoveranstaltung der Internationalen Kinderwoche mit
dem Film „Igdenbu der groBe Jager", Der Film wurde beschlag-
nahmt. Eine Zola-Veranstaltung der berliner Ortsgruppe des Schutz-
verbandes Deutscher Schriftsteller wurde verboten, weil die Polizei
sie als politische Versammlung ansah, die vorher hatte angemeldet
werden mussen.
— Die berliner Biirgersteuer wurde auf fiinfhundert Prozent er-
hoht,
— Der Norddeutsche Rundfunk hat ohne Angabe von Griinden
den Vortrag „Sow jet-Union" aus seiner Reihe „Richter und Gerichte
der Welt" abgesetzt, der Sudwestdeutsche Rundfunk eine Vorlesung
Alfred Kerrs aus eignen Werken, ebenfalls ohne Begriindung,
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen.
558
Bemerkungen
Funfundzwanzig gegen Einen
In der Nacht zum 4. Oktober
* wurde dcr achtzehnjahrige SA-
Mann Hans Heinz von Belmond
von funfundzwanzig Mannern
iiberfallen, die ihn zu Boden
warfen, mit Koppelschlossern
und Stiefclspitzen bearbeiteten
und endlich eine Bierflasche
mit solcher Wuchfc iibcr sei-
nen Kopf schlugen, daB das
Glas in hundert Scherben sprang.
Die funfundzwanzig Manner hat-
ten die Absicht. den jungen Bel-
mond zuschanden zu schlagen.
DaB sie nur sein linkes Auge
derart zerschlugen, dafi es wahr-
scheinlich nie mehr seben wird,
ist ein gliicklich zu nennender
Zufall, den herbeizufuhren be-
stimmt nicht in ihrer Absicht lag.
„. . . wurde unser stolzer Mit-
kampfer in den Reihen unsrer
berrlichen SA das Opfer eines
feigen und heimtuckischen t)ber-
falls, eines mit viehischer Bru-
talitat ausgefiihrten kommunisti-
schen Mordanschlags . . ."
Das ist die Walze, die der tAn-
griff in solchen und ahnlichen
Fallen aufzulegen beliebt. Selt-
samerweise zog er es hier vor, zu
schweigen.
Warum ? Weil der S A-Mann
Belmond N von funfundzwanzig
Mitgliedern des berliner Stur-
mes 14 besinnungslos gepriigelt
worden war, Man hatte den
Achtzehnjahrigen bei seinem Ein-
tritt in die Partei diesem Sturme
zugeteilt, und just an dem Tage,
an dem er seinen Austritt aus
Partei und SA erklaren wollte,
weil er in seinen Hoffnungen,
seinen Idealen enttauscht war —
just an diesem Tage zogen funf-
undzwanzig wackere SA-Manner
aus, um den schmachtigen Jungen
aufs schwerste zu verpriigeln.
Es sei ausdriicklich bemerkt,
daB wir diese Schilderung nicht
erfunden haben. Sie wurde uns
am Tage nach dem Oberfall von
Heinz von Belmond gegeben, als
er in Mull und Watte gepackt,
mit einer breiten Binde vor den
Augen, Jn der Wohnung eines
seiner Freunde lag und wir lin-
ger als eine Stunde mit ihm
sprechen konnten.
„Ich bin aus idealen Griinden
in die Partei eingetreten. Ich
habe mir das so schon vorge-
stellt . . , Nach vierzehn Tagen
war , ich aber so enttauscht, dafi
ich am liebsten wieder fortgegan-
gen ware. Mir graute vor den
Menschen, denen ich in meinem
Sturm begegnete. Nicht vor alien,
nein, aber vor den meisten. Ich
fand keinen Kontakt. Warum?
Weil ich mich weigerte, auf die
StraBe zu gehen, urn, wie die
Kameraden, Abzeichen von den
Jacken mir vollig fremder Men-
schen herunterzureifien, weil ich
mich auch weigerte, Sozialdemo-
kraten und Kommunisten zu
iiberfallen ... Ich war entsetzt,
als ich den Unterschied zwischen
den gliihenden Propaganda-Arti-
keln des ,Volkischen Beobach-
ters' und der Wirklichkeit be-
merkte. Und weil ich nicht mit-
machte, wurde ich gehaflt. aber
auch deshalb, weil ich adlig
war."
So erzahlte der Junge, der von
Politik wenig versteht und nur
eine sehi- patriotische Erziehung
erhalten hat. Das Sprechen macht
ihm Muhe, sein Kopf schmerzt,
denn iiber die Schadeldecke
zieht sich eine breite Narbe. Sein
ganzer Korper ist voll vonWun-
den und blaugeschlagenen Flek-
ken.
„Sehen Sie", sagte er, f)das
sind keine Menschen mehr. Die
Kameraden meines Sturmes kann-
ten bis auf ganz wenige Aus-
nahmen nur drei Ziele, drei Ide-
ale, deren Erfiillung sie von einer
Machtubernahme erhofften: die
Adligen umzubringen, die Juden
an die Laternenpfahle zu kniip-
f eii und die Kommunisten zu er-
schieBen."
Er hatte, andre Ideale genahrt,
aber „nach drei Tagen kann man,
wenn man zur SA kommt, sehen,
welcher Dreck, welcher Schmutz
dort liegt. In unserm Sturm sind
ganz verrohte Elemente, die jetzt
zu rebellieren beginnen, weil sie
559
die Machtiibernahme nicht er-
warten ktinnen. Man hat ihnen
soviel versprochen. Am vergan-
genen Sonnabend haben sie den
Sturmbannfuhrer, der einen Ka-
meraden geohrfeigt hatte, mit
Bierglasern niedergeschlagen.
Warum? Der Kamerad hatte ge-
sagt, daB Hitler — sie mussen
entschuldigen, daB ich mich so
ausdriicken muB — ein ScheiB-
kerl sei . . ."
„lchj hatte Feinde, aus den ge-
nannten Griinden. Nun besorgte
ich -einigen Kameraden Arbeit,
Ein guter Bekannter von mir be-
sitzt einen Klub, der jetzt zwar
geschlossen ist, dessen Raume je-
doch in Ordnung gebracht wer-
den sollten. Die Kameraden ha-
ben ein gutes Stuck Geld ver-
dient, Dafiir haben sie dann die
Frau dieses Herrn beleidigt,
einen Stuhl zerbrochen und sich
unflatig aufgespielt — und einen
Satz Billardkugeln im Werte von
dreihundertundfiinfzig Mark ge-
stohlen, Zu dunklen Zwecken
Vielleicht, um solenne Totschla-
ger daraus zu verfertigen.
Belmond hatte sich iiber dieses
Verhalten der SA beschwert.
Sein Brief blieb unbeantwortet.
Dann wurde er iiberfallen. Die
SA war mit einem gestohlenen
Schlussel in das Haus gedrungen,
und der Achtzehnj ahrige wurde
in brutalster Weise miflhandelt.
Andre in der Wohnung befind-
liche Personen wurden mit
Pistolen im Schach gehalten, sie
durften ihn, als er besinnungslos
in einer Blutlache lag, nicht ein-
mal verbinden.
Warum ? Wegen seines adli-
gen Namens? Wegen der Bil-
lardkugeln?
Aller Wahrscheinlichkeit nach sei-
ner aristokratischen Abstammung
wegen, denn in den Reihen der
SA gart eine erbitterte Stim-
mung gegen die feudalen Ele-
mente der Partei. Das kommt
iiberall zum Ausdruck, Also ha-
ben ihn die SA-Leute unschad-
lich zu machen versucht, weil sie
in ihren Idealen enttauscht wa-
ren. Sie hatten bei Hitler eine
Arbeiterpartei vermutet — und
eine feudale Fiihrerclique gefun-
560
den. DaB sich dieser Anschlag
nicht gegen einen prominenten
adligen Fiihrer der Partei son-
dern den unbedeutenden Heinz
von Belmond richtete, will nichts
sagen. Hier geht es nur um
Symptome, Als die vom Brau-
nen Haus gegebenen Wechsel
nicht eingelost wurden, rebellierte
die SA. Und die Aktion gegen
Belmond ist einer der Auslaufer
dieser Rebellionen. Das Ideal
von der Volksgemeinschaft hat
sich als bunt schillernde, aber in-
haltlose Luftblase erwiesen,
Belmond hatte die Partei ver-
lassen1 wollen, weil die proletari-
schen SA-Leute eine Revolution
machen wollten. weil ihm der
proletarische Umgangston nicht
gefiel. Weil die Wirklichkeit der
Politik ihn ernuchterte und ab-
stieB, Er ist ein gefiihlvoller
Junge,
Die SA-Leute wollten ihn be-
seitigen, weil er zur Adelsclique
gehorte, feudal erzogen worden
war — weil er ihrer Meinung
nach nicht zu ihnen pafite und
sie ihrem Unwillen, ihrer Erbit-
terung iiber die Fiihrung dieser
„ Arbeiterpartei" Luft machen
wollten. Weil sie zu der Uber-
zeugung gekommen waren, daB
feudale Fiihrer keine sozialisti-
schen Programme verwirklichen
wurden.
Die Ideale Belmonds und die
der SA waren grundverschieden.
Volksgemeinschaft? Die Tat-
sachen sprechen nicht dafiir.
Erich Peter Neumann
Ungarn ohne Akt
T^oktor Bracht schien mit seiner
^Badeverordnung eine Gipfel-
leistung gesetzgeberischer Sitt-
lichkeit vollbracht zu haben.
Hoher, so meinten viele naiv,
konne sich selbst eine Behorde
kaum versteigen, DaB sie es
dennoch kann, bewies, ausnahms-
weise nicht bei uns sondern in
Ungarn, der Minister Karafiath.
Amtshandelnd erliefi er ein Ver-
bot, an dem gemessen Brachts
Schwimmhosengesetz anmutet wie
ein zartes SchoBhundchen neben
einer grollenden Dogge.
Der Ungar hat einen Erlafi ge-
gen die Maler und Bildhauer-
sektion der Hochschule fur bil-
dende Kttnste herausgegeben, in
dem er die Verwendung nackter
Modelle fur Maler und Bildhauer
verbot.
Ein Kiinstler also, der dennoch
weiter auf so unanstandige Weise
schopferisch tatig sein will, wird
sich an Erinnerungen aus scho-
neren Tagen oder an jene Photos
halten miissen, die in Budapests
dunklen Winkeln wahrscheinlich
trotz Karafiaths Sittlichkeitskol-
ler, wenn auch jetzt fur .mehr
Geld, feilgeboten werden, Oder
aber er sehe sich, dies, kann ihm
nicht einmal ein Minister ver-
bieten, schamhaft und nackt hin-
ter verschlossenen Turen in den
Spiegel, Mitnichten aber be-
trachte er, wenn er schaffen will,
ein unbekleidetes Madchen, Denn
der Moral eines Kunstlers kann
man nicht iiber den Weg trauen,
Daher absoluter Fleischentzug
fiir Maler und Bildhauer und
solche, die es werden wollen.
Der Mensch ist, so wie Gott
ihn schuf, nicht gut, sondern be-
kleidungsbedurftiger, als er bisher
glaubte. Dieses festgestellt zu
haben, ist das Verdienst von
Mannern, die, als verkappte Pa-
storen durchs Leben schreitend,
* Macht haben, ihrer Erkenntnis
die Form von Gesetzen zu geben.
Die kallipygische Venus erhielte,
wean sie Deutsche oder Ungarin
ware, einen karierten Unterrock
urn, die iippigen Schenkel und
ihr Schopfer endete, wenn er
nicht das Gliick hatte, Auslander
und rechtzeitig gestorben zu sein,
unfehlbar im Gefangnis, denn die
Moral halt, auf den Beinen des
Gesetzes hinkend, Einzug in das
Land, das sich nicht nach ihr
sehnte.
Welche Perspektiven erdffnet
doch Karafiaths beschneidende-
Tat! Nehmt den jungen Medi-
zinern die Leichen weg, soweit sie
weiblich sind, begeistere sich wer
kann an seiner eignen Anatomie,
schafft die Hunde auf der StraBe
ab, Gott, sie sind auch nur Hunde-
und lass en sich manchmal gehen.
Nehmt weg, schafft ab, streicht,
zensuriert, tobt euch und eure-
Fiinfgroschenmoral hundertpro-
zentig aus. Die Zeit wird mit der
Zeit auch iiber euch hinweggehen*
Peter Kraft
Was Ist Karezza?
7wci lfKarezzisten" gingen ein-
*** mal . . . Wohin die gingen und
was die taten und iiberhaupt
was „Karezzisten" sind, das muE
man in Rudolf Oldens Sammlung
„Das Wunderbare, Propheten in
deutscher Krise" (Rowohlt-Ver-
lag) nachlesen. Man kommt nicht:
aus dem Lachen heraus.
Wenn man Satze liest wie:
,,daC in der hochsten Form und
vollendetsten Ausiibung dieser
Liebeskunst (das ist namiich Ka-
rezza) weder Mann noph Frati
das Verlangen nach einem Orgas-
mus haben" oder
„dafi der gewohnliche Liebes-
verkehr schadlich. fiir den Korper
wie fiir den Geist ist" oder
,,daB der uberschaumende
Rausch vermieden werden soil"
oder
„Vor und wahrend. der Zeit
konnen andachtige Obungen vor-
genommen werden"
und manche andre Satze, die
man hier einfach nicht drucken
kann, dann fragt man sich, wie
weit man den Vertretern dieser
Wenn Sie die wirklichen Ursachen heu-
tiger Weltwirrnis erkennen wollen, lesen
Sie das ,.Gespensl der Freiheit" von
B6 Yin Ra. An diesem Buche konnte die
ganze Menschheit gesunden.
Sie erhalten es in den kuchhandlungen oder von uns dlrekt (Preis RM. 6.—)*
Kober'sche Verlagsbuchhandlung (gegr. 1816), Basel-Leipzig.
561
Lehre von der unvollendeten
Liebe ihren sogenannten Idealis-
mus glauben soil, und wie welt
man von ihrer Verlogenheit uber-
zeugt seln kann. Der deutsche
Verfechter der neuen Liebeslehre,
deren Entdecker naturlich
Amerikaner sind, ein Herr Wer-
ner Zimmermann {er hat neu-
lich in Berlin Vortrage ge-
halten) gestebt selbst, dafi er von
den Dingen nicht sebr viel ver-
steht, wenn er sagt, dafi „nach Be-
richten bekannter Forscher das
Gefiihl einer Erniichterung, fast
eines Ekels, die Folge des nor-
mal en Geschlechtsakts sein soil."
Aus eigner Erfahrung scheint er
das nicht zu wissen. Dafi in den
Augen der Karezza-Anhanger
diese selbstverstandlich bessere
Menschen sind als gewohnliche
Sterbliche, dokumentiert * sich
schon aufierlich dadurch, dafi
alle Substantive klein geschrieben
werden, Und selbstverstandlich
auch durch den GenuB von Roh-
kost.
Die Prophetie der unvollende-
ten Liebe ist aber nur ein Kapitel
des amiisanten Sammelbandes
vom nWunderbaren'\ Wirklich
wunderbar sind die Heilungen
durch berliner Leitungswasser,
auf die hochangesehene Profes-
soren und die groBen in- und aus-
landischen TageszeitUngen herein-
gefallen sind, und andre Heilun-
gen, zum Beispiel in dem Bericht
iiber Zeileis' oder die Christian
Science, Das religiose Getue und
das philosophische Geschwafel
zieht immer, Und naturlich der
Patriotismus. Denn niemals waren
auf den Goldmacher Tausend und
den Erfinder der „Raumkraft",
Schappeller, so viele hochgestellte
Glaubige, die spater zu Glaubigern
wurden, hereingefallen, wenn sie
nicht in Aussicht gestellt hatten,
das Vaterland zu retteh und den
Schandvertrag von Versailles zu
sprengen. DaB Ludendorff und
Wilhelm II. zu ihren Anhangern,
•und zwar zu ihren zahlenden An-
hangern, gehorten, ist nicht so ver-
wundedich wie die Tatsache, daB
bekannte deutsche Groflunterneh-
mer kaum glaubliche Summen fiir
diesen bluhenden Unsinn — man
"kann nicht einmal sagen riskier-
562
ten sondern glatt zum Fenster
hinau swarf en,
Das Hubsche an samtlichen Be-
richten iiber das Wunderbare (mit
Ausnahme des Kapitels iiber Kon-
nersreuth, dessen Verfasser ein
Glaubiger ist, aber ulkigerweise
keini katholischer) ist, daB nir-
gends die Tendenz zu stark her-
vortritt sondern dafi es dem Leser
iiberlassen bleibt, zu glauben oder
zu lachen. Ich habe drei Stunden
gelacht,
Uber das wicbtigste Kapitel
tlAnthrosophie statt Kali", das
Wilhelm Scheuermann behandelt
hat, wird noch spater einmal ge-
sprochen werden,
Johannes Buckler
Unterhaltungs-Fischer
VV7enn dir mal geschieht, was
" mir geschah:
DaB eine Stimme aus Afrika
Dich ahspricht
Und sagt; „Ich bin dir gut."
Unterschatze das nicht!
War offen gestanden
Gar nicht aus Afrika,
Aber aus andern fernen Landen
Und mir doch so nah.
Gift und Liebe gibt es iiberall,
Wo jemals Vogel sangen.
Zartes Netz kann einen runden
Ball,
Doch der Ball kann nicht das
Netz fahgen.
Aber ein zartes! Netz sollte
Gar nicht fangen sondern halten,
tragen.
Was ich noch sagen wollte —
Sag ich nicht.
Jetzt mogen Sie etwas sagen.
Joachim Ringelnatz
Von Klemperer
zum Rosenkavaller
Im Winterprogramm der Staats-
oper ist nicnts so enttauschend
wie die diirftige Beschaftigung
Klemperers. Ist er miide gemacht
worden oder hat er sich selbst
beschieden? Zum Klassischwerr
den ist es wohl noch zu friih.
Furtwangler und Walter wurden
es viel zu schnell, und die
schonste Musik, die sie machen,
ersetzt nicht das wirkliche Neu-
gestalten eines Werkes aus sei-
nem Innern heraus. Das ist zwar
Klemperers besondre Starke, aber
kein Ersatz fiir den Einsatz des
Neuen, der stets erst zusammen
mit dem Erneuern bekannter Mu-
sik ein Ganzes macht. Die ber-
liner Opern konnten heute, unter
musikalischer Ftihrujig Stiedrys
in Charlottenburg und Klempe-
rers Unter den Linden, Arbeit
leisten wie noch nie. Aber was
niitzt diese Moglichkeit, wenn es
iiber ihnen Intendanten gibt, die
die Kontinuitat der Arbeit durch
dekorative, im wesentlichen iiber-
fliissige Gastspiele unterbrechen,
im Westen durch Busch, im Zen-
trum durch Furtwangler.
Klemperer hat das alte Opern-
jahr durch das denkwiirdigste
Ereignis unsrer Mozart-Renais-
sance abgeschlossen, durch eine
„Cosi fan tutte", die endlich Mo-
zart von dem falschen Gespiele
und Genecke eines tanzelnden
Rokokos befreite und diesem so
lange falschlich zu Haydn statt
zu Bach rangierten Genius den
Zauber seines Ernstes und seiner
Seelensprache ganz zuriickgab,
Die miBverstandenste Oper Mo-
zarts wurde dadurch zum ersten
Mai das heitere Vor- und Gegen-
spiel der „Zauberfl6te". Hatte
Klemperer noch bessere Krafte
auf der Biihne gehabt, dann ware
die Auffiihrung allgemeiner als
das Ereignis erkannt worden, das
sie tatsachlich war.
Das neue Jahr begann nun
Klemperer mit einem „Rosen-
kavalier", und ich gestehe gern,
daB, seitdem ich diese Nachricht
las, ein kleiner Pfeil bereit lag,
abgeschossen zu werden. Aber es
wird nichts draus, So unglaub-
wiirdig es erscheint: selbst diesen
„Rosenkavalier" hat Klemoerer
in einer Art und Weise erneuert,
dafi man an den Abend wie ah
ein Marchen von Schonheit zu-
riickdenkt. Freilich, nicht unge-
triibt. Denn auch Klemperer
konnte aus falscher, jovial tuen-
der Heiterkeit keine echte her-
ausholen, vor allem den Dschun-
gel dieser Polyphonie, mit ihren
zahlloaen Stimmverschlingungen
nicht mit einer wirklich vollwer-
tigen Substanz erfiillen. Auch der
stiirmischste Dank fiir diesen
Abend schlieBt kein Bekenntnis
zu Straufi ein. Dahin gibt es
eben kein Zuriick. Selbst die im
Vorjahr erneute „Adriane", de-
ren Vorspiel durch die Gestalt
des Komponisten zum Besten,
weil Menschlichsten von Straufi
gehort, verrat durch die Verklei-
nerung des Orchesterapoarats,
wie peinlich nichtig das Substrat
dieser Musik ist. Die junge
Musikergeneration, fiir die Straufi
erledigt ist, verkennt gewiB nicht
die formale Gestaltungskraft und
die technische maestria dieses
echten Musikers, Aber in alien
Kiinsten konnen uns heute die
Alleskonner gestohlen werden,
Selbst einige groBe Momente der
„Electra" oder die eindrucksvolle
Gebundenheit von „Tod und Ver-
klarung" andern daran nichts,
StrauB ist uns freilich durch
nichts so entfremdet worden wie
durch seine Dirigenten, die an
ihn wie die Kinder glauben und
bis zu den Ellbogen durch die-
sen warmen Brunststrom waten.
Wer das schon findet, hatte frei-
lich recht, von der Harte Klem-
perers eine Beschadigung des
,,Rosenkavaliers" zu befiirchten.
Das Gegenteil trat ein. Klempe-
rer hat fiir den „Rosenkavalier"
alten Stils ein Minus, das fiir uns
ein Plus ist. Er macht weder
den falschen Johann noch den
falschen Richard mit. Was ent-
steht, ist eine Klangherrlichk^it
des ,,als ob", Als ob diese Men-
schen nicht Stelzen geschluckt
hatten; als ob diese Rosenmelo-
dien nicht auf Draht geflochtenes
Schaumsilber waren wie die von
Octavian uberreichte Rose; als ob
diese Volksheiterkeit nicht wohl-
gelaunte Leutseligkeit ware.
Kurz, es war ein Wunder des
„als ob"f eine gradezu denkwur-
dige Betorung, an der nichts ber
dauerlich ist, als daB sie ein
MiBverstandnis erneuert,
Freilich sind StrauB im „Rosen-
kavalier" zwei Stucke groBen
563
Wurfs gelungen: die Arie des
Sangers mit dem pomposen Nach-
spiel, die schonste Barock-
imitation, die ich kenne, und der
Monolog der Marschallin uber
das Altera, Immer wird es rat-
selhaft bleiben, wie ein Kompo-
nist, der einmal so tief aus dem
Herzen der Frau heraufsteigen
konnte, kein zweites Mai mehr
fahig war, ein stilles Gefiihl aus-
zudriicken. Seit 21 Jahren er-
greift diese Szene den Horer,
aber gewifi niemals tiefer, als
wenn Lotte Lehmann sie singt,
die einzige Sangerin der deut-
schen Oper wirklich internatio-
nalen Ranges. Ihre frauliche
Naivitat macht die Marschallin
noch schoner, weil sie mit wun-
derbarem Instinkt eine junge
Frau gibt, die ihr Altern allein
und als erste spiirt. Das Sprechen
Lotte Lehmanns ist einzigartig,
und einzigartig ist, in Deutsch-
land zumindest, ihre Stimme. Hier
ist die Seele selbst Gesang ge-
worden. Wenn sie gar, ein
Schicksal auszudriicken, die
Stimme mit Leidenschaft von
innen ftillt, adelt ihr schones
Timbre selbst eine briichige
Musik.
Wie merkwiir dig : man denkt
an diese Auffuhrung des „Rosen-
kavaliers" wie an etwas selten
Schones zuriick. Und weiB ge-
nau, dafi es doch nicht war, was
es schien,
Felix Stossinger
Die Rute des Herrn Scholz
Das Reichspostministerium hat
eine Erklarung heraus-
gegeben, in der mitgeteilt wird,
dafi die Vorarbeiten zur Um-
wandlung der bisherigen Sende-
Aktiengesellschaften in gemein-
nUtzige Gesellschaften mit be-
schrankter Haftung keinen Ein-
fliiB auf den Sendebetrieb ge-
habt haben. Wortlich fahrt der
Abdruck dieser Erklarung im
.Berliner Tageblatt* vom 4, Ok-
tober fort: „Das Reichspost-
ministerium hat alle Mafinahmen
getroffen, die die luckenlose
Fortfuhrung des Sengebetriebs
sicherstellen".
Endlich einmal eine au-
thentische Bestatigung dafiir, dafi
564
die Tatigkeit des Herrn Scholz
nur darin besteht, alle linkspoli-
tischen Elemente mit dem Rohr-
stock aus den Sendehausern her-
auszupriigeln.
Deutsche Manneszucht
Jm Bahnhofspissoir eines reiz-
* vollen sachsischen Industrie-
stadtchens steht vor der wasser-
iiberrauschten schwarzen Mar-
morwand ein SA-Mann und ist
beschaftigt. Grade in diesem
Augenblick betritt ein mit fescher
Uniform, Silberschniiren und ari-
scher Stupsnase gezierter SA-
Oberbonze das Lokal. Der Mus-
kote sieht ihn, und schon ge-
schieht etwas jeden wahren
Deutschen sicherlich Erhebendes :
der Mann reiflt sich, ungeachtet
aller Gefahr fur sich und die Da-
nebenstehenden, mit einem Ruck
zusammen, die rechte Hand —
eigentlich unabkommlich — saust
empor und ein markiges „Heil!"
iibertont das sanfte Rauschen
der Gewasser.
Zu dieser Notverordnung
p\ie Presse habe ich allein ge-
*-^ treten und von den Volkern
war niemand bei mir und ich trat
sie in meinem Zorn und ich zer-
trat sie in meinem Grimm und es
spritzte ihr Saft auf meine Klei-
der und all meine Gewander habe
tch besudelt,
Jesaia, Kapitel 63, Vers 3
Preisfrage
VV7elches sind die kiinstlerischen
w Ziele der Ufa? Herr Aros,
der es wissen muB, sagte neulich:
„Der Ehrgeiz der Ufa ist, das
durchschnittliche Ullsteinbuch zu
erreichen,"
Liebe WeltbOhnel
P s kam die Rede auf einen
*~J Mann, der durch Btirsenspe-
kulationen drei Millionen verlo-
ren hatte. Wiegte der witzige
Kunsthistoriker Max J. Friedlan-
der unglaubig und nachdenklich
den Kopf und sprach: „Drei Mil-
lionen — manchem Mann sein
ganzes Vermogen!"
Antworten
Reichskommissar Doktor Bracht. Was angeschnittene Beine und
was Zwickel sind, das mufi der gewohnliche Staatsbiirger erst im
Lexikon nachschlagen. Ihnen flieBt so etwas, wie Ihre ncuste Ver-
ordnung iiber das Freibaden im Spatherbst beweist, von der Feder,
als handle es sich um nationale Vokabeln ersten Ranges. Sollten
es welche sein? Wir Kulturbolschewisten sind wieder einmal nicht
auf dem Laufenden. Wie dem auch sei; wenn man in Deutschland
langst wieder bis tief unter die Schulterblatter hinab frei-, familien-
und nacktbaden wird, dann wird Ihnen wenigstens die Trikotagen-
branche ein ehrendes Andenken bewahren, und auf dem Hausvogtei-
platz wird blumengeschmuckt Ihr Standbild stehen, Brust und Leib
an der Vorderseite vollstandig bedeckt, mit angeschnittenen Beinen
und, selbstverstandlich, mit einem Zwickel versehen.
Klub der EIsaB-Lothringer in Berlin. Unter dem Titel „Fest
der Treue" habt ihr im Zoo ein Trachtenfest veranstaltet, ein harm-
loses Biirgerkranzchen, wenn ihm nicht die Presse und def Scholz-
funk ein politisches Relief gegeben hatten. Der Rundfunk verbreitete
eine Festrede im straBburger Dialekt und das StraBburglied, und
selbst die demokratische .Montagspost' sorgte, hoffentlich mehr aus
Ahnungslosigkeit als aus Verkennung der auBenpolitischen Gefahren,
durch Veroffentlichung eines Bildes von dem „Fest der Treue" daftir,
Porzellan zu zerbrechen. Soil das alles einen neuen Propaganda-
feldzug zur Riickeroberung der zwei Provinzen einleiten, die sich
schon im zweiten Reich nicht fur Deutschland entscheiden konnten
und offenbar darauf warten, ins Dritte Reich aufgenommen zu werden?
Und wie steht es mit dem Vertrag von Locarno, in dem Deutschland
freiwillig auf ElsaB-Lothringen verzichtet hat? Sollten wir nicht mehr
zur Unterschrift Hindenburgs unter diesem Vertrag stehn? Oder
wieder ein Fetzen Papier? Wie ware es einmal mit Festen der Treue
zum gegebenen Wort? Man konhte sie brauchen.
Filmfreund, Erstens: einen wichtigen Versuch zur Belebung des
Kulturfilms haben C. Oertel und R, Bamberger mit Ihrem Architek-
turfilm „Die steinernen Wunder von Naumburg" unternommen. Die
ausdrucksvollen, wie in der Bewegung erstarrten Steinfiguren der Pas-
sionsfolge geraten, im Blickfeld der sie umkreisenden Kamera, in
eine Scheinbewegung, die gut zu ihnen pafit. Mithilfe geschickter
Montage sind an Stelle des blofien Bildberichts Anfange von motivi-
scher Arbeit sehr geschickt durchgefiihrt: der Aufbau bringt Span-
nungen und Hohepunkte; und eine herzhafte Lichtgebung ersetzt das
pseudosachliche Grau der iiblichen Kulturfilme, Die groBe Schwie-
rigkeit des Kulturfilms, dem Gegenstand gerecht zu werden und trotz-
dem reizvoll und eigenartig zu photographieren, ist auch hier nicht
ganz gelost. Man vermiBt einen orientierenden Grundplan der Ort-
lichkeit, ohne den die enge Begrenzung der GroBaufnahmen wie
Scheuklappen wirkt, Dem Detail muBte noch anschaulicher sein Platz
im Ganzen angewiesen werden. Zweitens: nicht nur Filme sollst du
ansehen sondern auch in der Joachimsthaler StraBe das kleine Mu-
seum der Filmarchaologie, das, aus den reichen Bestanden des Samm-
lers Andres schopfend, Hunderte von alten Filmbildern zeigt Augen-
blicklich sieht man eine recht voilstandige Greta-Garbo-Ausstellung
und kann Marlene Dietrich als Bauernmadchen mit Schneckenfrisur,
Albers als damonischen Verfiihrer und Ernst Lubitsch als Komiker
bewundern. Wer vor den neuen Filmen immer wieder feststellt, wie
weit vom Ziel wir noch sind, wird sich vor den alten klarmachen,
welche Schreckenskammer dem Film als Kinderstube gedient hat und
wie weit wir es dennoch schon gebracht haben.
Staatsrat Schaffer, In Ihrer Eigenschaft als Vorsitzender der
Bayerischen Volkspartei haben Sie nicht nur die deutsche AuBen-
565
politik kritisiert, die Lautstarke mit innerer Starke verwechsle und
allzusehr militarisch betont sei. Sie haben sogar von einem un-
ertraglich gewordenen MiBbrauch des Artikels 48 gesprochen und er-
klart, dem MiBbrauch mit Artikel 48 miisse ein fiir allemal ein Ende
gemacht werden. Seien Sie froh, daB Sie in Miinchen Staatsrat und
nicht in Berlin Redakteur sind!
Deutscher Vorwarts. In einenn wusten Schimpfartikel gegen Pro-
fessor Gumbel und die Republikanische Beschwerdestelle schreibst du:
„Deshalb mochte sie (die Republikanische Beschwerdestelle) gern, daB
Gumbel wieder in sein Amt zuriickgerufen werde. Geschahe dies,
dann konnten wir aber ihr und dem badischen Staatsministerium nur
versichern, daB dann allerlei passieren wiirde, wofiir wir nicht grade-
stehen wollen!" Wir sind ein biBchen neugierig und mochten gern
wissen, was passieren wiirde, wenn Gumbels Rekurs Erfolg hat, Wem
soil es dann an den Kragen gehen, Gumbel oder dem badischen
Staatsministerium? Ihr als „feutsche" Manner habt doch sicher
Zivilcourage? Also, bitte, etwas deutlicher !
Doktor Th. Scheffler. Sie haben auf der Deutschen Welle ver-
kiindet, viele deutsche Hausfrauen konnten nicht * einmachen, weil der
Zucker zu teuer sei, Und warum ist er zu teuer? Weil wir nicht ge-
nug Zucker haben! Das wagen Sie in einem Lande zu sagen, das an
einen derarti'gen Zuckeruberflufi krankt, daB die Produktion der
Zuckerfabriken auf 63 Prozent ihrer Kapa^itat beschrankt werden
muBte, Nein, verehrter Herr Doktor, der Zucker ist, nicht deshalb
teuer, weil wir zu wenig haben, sondern weil, um ein Wort des seligen
Adolf Stocker zu beniitzen, im Interesse der „Zuckerrubenmammons-
knechte" durch Zoll und Steuer der deutsche Zuckerpreis auf das
Drei- und Vierfache des Weltmarktpreises getrieben wird, Wissen
Sie das nicht, oder diirfen Sie es nicht sagen? Sie sollen Leiter der.
von der thuringer Regierung subventionierten Heimatschule fiir Er-
wachsene* in Bad Berka' sein, Stimmt das, so konnen wir nur sagen,
daB man einen wirtschaftspolitischfen Saugling zum Leiter einer Er-
wachsenenschule gemacht hat,
Pazifist. Der authentische Bericht tiber den AntikriegskongreB
von Amsterdam und alle seine Sonderkonferenzen ist im .Organ des
deutschen Kampfkomitees gegen deh imperialistischen Krieg' erschie-
nen. Das Heft ist fiir zehn Pfennige von Doktor Felix Boenheim,
Berlin-Charlottenburg, SchluterstraBe 33, zu beziehen.
Rundfunkkommissar Scholz o. P. (ohne Partei). Einen Erholungs-
uflaub haben Sie nehmen imissen? Sie haben wohl zu viel Rund-
funk gehort?
Deutsche Liga fiir Menschenrechte. Sie teilen mit, daB sich Pro-
fessor Walther Schucking der Protestaktion der dreiBig Professoren
gegen Gumbels Entlassung angeschlossen hat,
Aufmerksamer Leser. In Hellmut von Gerlachs Artikel aus dem
vorigen Heft „Papens agrarischer Standestaat" ist durch eine Zeilen-
verhebung ein sinnentstellender Irrtum entstanden, Der erste Satz
des zweiten Absatzes auf Seite 494 muB lauten: „Das Lebensinteresse
der gewaltigen Mehrheit des deutschen Volkes gebietet, solange der
freie Handel ein femes Ideal bleibt, eine Politik langfristiger Han-
delsvertrage mit der Meistbegunstigungsklausel",
Manuskripte sind nur an die Redaktion der WeUbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 152, zu '
richten; es wird gebeten, ihnen Riickporto beizulegen, da sonst keine Rucksendung erfolgen kann.
Im Faile hoherer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Anapruch auf Nachlieferung
oder Erstattung des entsprechenden Entgelts.
Das AuffUhrungsrecht, die Verwertung von Titetn u. Text im Rahmen dea Films, die musik-
mechanische Wiedergabe aller Art und die Verwertung im Rahmen von Radiovortragen
bleiben fiir alle in der Weltbtthne erscbeinenden BeitrSge ausdrucklich vorbehalten.
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unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky- geleitet. — Verantwortlich: Walther Karach, Berlin.
Verlag der Weltbuhne, Siegfried Jacobsohn & Co., Charlottenburg.
Telephon: C 1, Steinplatz 77 57, — Poatacheckkonto: Berlin 11958.
Bankkontot Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
XXVIILJahrgang 18. Oktober 1932 Nnmmer 42
Gayl Ufld Severing von Hanns-ErichKaminski
Cs liegt in der Natur jeder revolutionaren wie jedcr gegen-
revolutionaren Situation, dafl sie alles Vorhandene fragwiir-
dig macht, Und im Schicksal Deutschlands ist es begriindet,
daB in solchen historischen Augenblicken immer wieder die
Frage des Verhaltnisses von Reich und Landern auitaucht, die
im Lauf der Jahrhunderte eigentlicb stets nur provisorisch ge-
lost worden ist, Darum ist es auch kein Zufall, daB, wahrend
die Ministerialrate im Reichsinnenministerium eine neue Ver-
fassung ausarbeiten, vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig der
ProzeB um PreuBen gefiihrt wird, in dem wieder einmal die
verschiedensten Anschauungen von der absoluten Souverani-
iat bis zur volligen Bedeutungslosigkeit der Bundesstaaten ver-
iochten werden.
Als Materialien fiir eine kiinitige Nationalversammlung
Iconnten diese AuBerungen und Schriftsatze einen gewissen
Wert haben. Fiir detf ProzeBgegenstand selbst sind sie so un-
wichtig wie die ganze^ Verhandlung- Denn in Wahrheit wird
. gar nicht iiber das verhandelt, was am 20, Juli geschah, son-
dern iiber etwas ganz andres. Verhandelt wird iiber die Reich-
weite des Artikels 48 und iiber die Stellung PreuBens und der
iibrigen Lander zum Reich; was geschah, war aber ein Kampf
der Reaktion gegen eine unter Fiihrung der Sozialdemokratie
stehende Regierung der weimarer Koalition, und dieser Kampf
hat vorlaufig mit dem Sieg der Reaktion geendet.
Bezeichnend fiir die Sachlage ist es, daB die Klager> vor-
wiegend rechtliche, die Beklagten vorwiegend politische Argu-
mente geltend machen, Gegen das Recht steht hier eben die
Macht, womit d'er ProzeB faktisch entschieden ist. Die1 Aus-
einandersetzungen zwischen den Parteien haben deshalb nur
noch akademischen Charakter, und auch das Urteil wird
bestenfalls theoretische Bedeutung erlangen. Fiir die aktuelle
Politik ist das alles ganzlich belanglos.
In der leipzig«r Spiegelfechterei der Professpren gegen die
Reichswehr wurde jedoch eine Szene erwahnt, die festgehalten
zu werden verdient, namlich die Unterhaltung, die kurz vor
dem 20. Juli zwischen dem Freiherrn von Gayl und Severing
stattfand. Als hatte sie ein Dramatiker aufgestellt, so stehen
sich.da die siegreiche Rechte und die auf dem Riickzug be-
findliche Linke gegeniiber, und was sie sind und was sie wol-
Jen, wird hier zusammengjedrangt sichtbar wie selten.
Soeben hat die Reichsregierung eine Anzahl von republi-
kanischer Gesinnung verdachtigen Beamten abgesetzt, darunter
den Ministerialdirektor MenzeL Nun sucht der Reichsinnen-
minister den preuBischen Innenminister auf und fragt ihn, ob
er Herrn Menzel, der als Reichsbeamter untatiglich ist, nicht
im preuBischen Staatsdienst verwenden konne. Severing aber
macht Gayl nicht etwa auf diesen Widerspruch aufmerksam,
er meint nur, es sei schwer, einen ehemaligen Ministerial-
direktor unterzubringen, der seinem Dienstrange nach wohl
Oberprasident werden miiBte, und die Oberprasidien seien
1 567
grade alle besetzt. Die beiden Gegner haben sich also ge-
troffen, die Klingen sind gebunden, jedoch eh die Mensur be-
ginnen kann, sprechen sie erst iiber die ernste Frage, was aus
Herrn Menzel werden soil.
Severing hat noch ein Bedenken, 1st es geraten, in diesem
Augenblick einen Wechsel in der obersten Verwaltung einer
Provinz vorzunehmen? Plant Herr von Gayl nicht fur die
nachste Zeit eine Reichsverwaltungsreform? Er plant sie. Aber
auch Severing hat eine Verwaltungsreform vor. Und nun ha-
ben sich die Herren gefunden. Soil die Verwaltung der kreis-
freien Stadte der Aufsicht der Landrate unterstelit werden,
sollen die Katasteramter selbstandig bleiben, sollen die Pro-
vinzialschulkollegien weiterhin als kollegiale Behorden be-
stehen, soil der Oberprasident der Vorgesetzte des Regierungs-
prasidenten sein, oder soil man eine der beiden Instanzen uber-
haupt abschaffen? Links und rechts sind vergessen; da es
sich um die heiligsten Dinge handelt, schweigen alle Gegen-
satze, und der proletarische wie der feudale Beamte sind nur
noch zwei Bureaukraten, die fachsimpeln, Sie sind sich auch
ganz einig, daB es untunlich sei, ihre Plane vor den Reichs-
tag swahlen durchzufuhren, ..weil", wie Severing meint, 1feine
alte Erfahrung lehrt, daB Anderungen in den unteren Verwal-
tungsgebieten zu Verstimmungen und Verargerungen fuhren, die
man nicht ohne Not in Wahlzeiten schxiren soil", DaB doch
jeder von ihnen ein ganz andres Ergebnis der Reichstagswahlen
erhofft, haben sie im Eifer des Gesprachs vergessen.
Seit ein paar Wochen ist die Prasidialregierung, der Gayl
angehort, im Amt. Ihre Entstehung und ihre Zusammensetzung
kennzeichnen sie als eine Regierung der finstersten Reaktion.
Sie hat zudem iiber ihre Absichten keinen Zweifel gelassen.
Jeder Mensch weiB, daB sie gemeinsam mit den National-
sozialisten den Marxismus bekampfen, die gottgewollten Ab-
hangigkeiten wiederherstellen und Deutschland zu einem Staat
auf christlich-konservativer Grundlage machen will. Uberall
hort und liest man, daB sie vor allem die preuBische Regierung
beseitigen will, auch das PreuBenkabinett hat sich langst da-
mit beschaftigt. Und da der Reichsinnenminister, der fur der-
artige MaBnahmen zustandig ist, und der preuBische Innen-
minister, dessen Ressort sie am meisten angehen, grade von
Verwaltungsfragen sprechen, erwahnt Severing ganz en passant
auch die Frage der angeblich gegen PreuBen geplanten Reichs-
exekiition,
Bisher bin ich der Darstellung Severings gefolgt, der die
Darstellung Gayls nicht widerspricht. Nun jedoch gehen die
beiden Versionen auseinander. Gayl behauptet, Severing habe
erklart, er sei mit der Ernennung eines Reichskommissars mit
beschrankten Befugnissen durchaus einverstanden und die
Reichsregierung solle nicht zu lange damit warten. Severing
dagegen will Gayl vor diesem Schritt gewarnt und im ubrigen
den Eindruck gehabt haben, die Reichsregierung beabsichtige
gar nicht, gegen PreuBen vorzugehen.
Aber auch nach seiner eignen Schilderung kommt Seve-
ring alles andre als gut weg. Zunachst 'will er Gayl darauf
hingewiesen haben, daB die preuBische Polizei alien Ausschrei-
568
tungen gewachsen sei, Er nahm also an, das Prasidialkabinett
wolle, wenn iiberhaupt, einen Reichskommissar nur ernennen,
um Ausschreitungen in PreuBen zu unterdriicken. Welch
ahnungsvoller Engell
Carl Severing ist eben ein Staatsmann, und staatsmannisch
war auch d'er Plan, den er darauf, seiner eignen Aussage nach,
seinem Gesprachspartner entwickelte. Die Wahlen wiirden,
meinte er, einen nicht arbeitsfahigen Reichstag ergeben. Das
konnte zu Unruhen fiihren, und dann wiirde es gut sein.i die
Reichswehr und die preuBische Polizei zusammenzufassen. Dann
erst wiirde die Reichsregierung auch die richtige psycholo-
gische Situation fixr ihre MaBnahmen vorfinden. Und zwar
ware dann der Augenblick gekommen, zwischen dem Reich
und PreuBen eine Personalunion herzustellen, wie sie schon
friiher von iBriining und Braun geplant war. Severing schlug
also Gayl vor, auf (Jnruhen zu warten und alsbald die Reichs-
regierung mit der preuBischen Regierung zu verschmelzen.
Statt ihre preuBischen Machtpositionen, auf die sie so stolz
war, zu verteidigen, sollte die Sozialdempkratie sie freiwillig
auigeben und sich dafiir am Prasidialkabinett beteiligen —
eine geniaLe Idee!
Sollte Severing sie doch nicht gehabt und Gayl unterbrei-
tet haben, so nimmt er sie jedenfalls heute fiir sich in An-
spruch. Wie es wirklich war, ist im ubrigen nicht so wichtig.
Das Wesentliche ist, d'aB eine splche konziliante Unterhaltung
iiberhaupt stattfand, und dariiber, daB sie in den besten For-
men verlief, stimmen die Beteiligten ja iiberein.
Da saBen sie sich nun gegeniiber: zwei Weltanschauungen,
zwei Machte, Revolution und Gegenrevolution, Arbeiter und
Junker. Aber der eine ist kein richtiger Arbeiter und der
andre kein richtiger Junker. Die Tatigkeit Severings als Me-
tallarbeiter liegt weit zuriick, und der Freiherr von, Gayl hat
nie Ar noch Halm besessen. Beide sind groB geworden in
Amtsstuben, der eine in denenj der Arbeiterschaft, der andre
in denen des Staats. Beide gelten als Tatmenschen, und beide
sind doch nur blaBliche ^omantiker, die ihre humanitaren
Sehnsiichte auf eine andre Zeit iibertragen, Gayl auf die Ver-
gangenheit, Severing auf die Zukunft. Im Grunde sind sie sich
ahnlich. Warum sollten sie eigentlich aneinandergeraten?
Ein paar Tage spater wurde dann der Reichskommissar
ernannt, Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett, Handgranaten
im Giirtel, erschienen bei Severing. Der wich nur der Gewalt,
was darin bestand, daB er es erklarte. Da er, nach seinen
eignen Worten, allein den HaB haBt, wollte er den Biirger-
krieg vermeiden, Gayl wiinscht ebenfalls alle Volksgenossen
mit Liebe zu umfassen, und tatsachlich fiirchtete er den Biir-
gerkrieg nicht weniger. „Dies ist ubrigens", sagt Trotzki, „in
der Politik allgemein die Moral der Gegner der Gewalt: sie
lehnen sie ab, insoferrr es sich um die Anderung des Bestehen-
den handelt; doch scheuen sie zur Verteidigung der Ordnung
vor dem erharmungslosen Strafgericht nicht zuriick/'
Fiir Gayl befindet sich die ^Ordnung" ein biBchen weiter
rechts als fur Severing. Das ist der ganze Unterschied zwi-
569
schen ihnen. Und damit sind sie typisch fiir ihre Schicht, der
eine fiir den Herrenklub, -der andre fiir die Sozialdemokratie.
Severing glaubt noch immer, oline die Sozialdemokratie
sei auf die Dauer keine Regierung moglich, seine Politik sei die
einzig richtige gewesen, und er werde bald Gelegenheit haben,
sie fortzusetzen. Otto Braun beklagt sich tiber den Undank
der Reichsregierung, die er doch „ohne Riicksicht auf ihre Zu-
sammensetzung und oft auch unter Schadigung der Werbekraft
seiner Partei" unterstutzt habe. Der ,Vorwarts* verlangt eine
Erklarung des Reichsprasidenten, daB er eine Verfassungsande-
rung auf anderm als dem verfassungsmaBigen Wege niemals zu-
lassen werde. ,,Sollte eine solche Erklarung ausbleiben, so
ware mit der miinchner Rede des Reichskanzlers der Macht-
kampf um die Republik und die Demokratie eroffnet. Zu-
gleich aber waren alle Grundlagen von Treu und Glauben er-
schiittert, auf denen sich jedes geordnete Gemeinschaftsleben
aufbaut" Und Wels hat den Reichsprasidenten durch den
Staatssekretar MeiBner gebeten, er moge auf den Reichs-
kanzler EinfluB nehmen, da durch eine derartige Haltung des
Kanzlers die Stimmung in der Sozialdemokratischen Partei ver-
scharft werde!
Das erscheint uniiberbietbar, Jedoch die Manner, die
augenblicklich regieren, sind weder kliiger noch tatkraf tiger.
Nur tragt die Woge jetzt .sie. Heute laufen sie als Staats-
manner verkleidet herum wie gestern die Braun und Severing.
Herr von Papen rief in Miinchen sogar selbstbewuBt aus:
^Manner1 machen die Geschichte!*'
Das Wort stammt zwar von Treitschke, aber man konnte
beinahe daran glauben, wenn man sich diese Manner und diese
Geschichte ansieht.
General am Reifibrett von Jan Bargentausen
Uor ein paar Wochen war in den bekannten „eingeweihten
Kreisen" viel von Differenzen zwischen Herrn v. Papen
und Herrn v. Schleicher die Rede. Davon ist es still gewor-
den, seitdem der Reichswehrminister offentlich erklart hat, daB
er keinerlei Absichten auf das Reichskanzleramt habe, Eine
sehr loyale Erklarung, gewiB — aber wer ihre Vorgeschichte
kennt, der weiB auch, wie viel, oder wie wenig, sie fiir die Zu-
kunft bedeutet.
Die Vorgeschichte: Da ist zunachst eine veritable De-
missionsdrohung des Reichskanzlers, und da ist weiter ein
Machtwort Hindenburgs. Herr v. Papen hat dem Reichsprasi-
,denten erklart — • es mag wohl Anfang August gewesen sein,
zur Zeit der Besprechungen des Herrn v. Schleicher mit seinen
nationalsozialistischen Vertrauten — , er konne die Verantwor-
tung fiir sein Ami nicht mehr langer tragen, wenn ein Mit-
glied des Kabinetts eine Politik auf eigne Faust treibe. Unter
dem Eindruck des Hitler-Besuches vom 13. August hat Hinden-
burg, der davon unterrichtet war, daB Hitler seine Forderun-
gen im gut«n Glauben gestellt hatte, gestiitzt auf (mehr oder
minder unverbindliche) Zusagen Schleichers, den Reichswehr-
minister wegen dieser Eigenmachtigkeit ganz energisch zur
570
Ordnung gerufen. Herr v. Schleicher hat daraufhin erklart,
er werde dem Oberbefehlshaber der Reichswehr die Treue und
im iibrigen den Mund halten sowie die Politik des Reichskanz-
lers loyal unterstiitzen. Die vor der Offentlichkeit abge-
gebene Loyalitatserklarung unterstrich nur diesen „neuen
Bund".
Aber: die eigentlichen Differenzen sind damit nicht aus
der Welt geschafft. Ihre Wurzeln liegen tiefer. Es handelt
sich ja nicht nur urn den Wettstreit zweier ehrgeiziger Poli-
tiker um die fuhrende Stellung und auch um mehr als nur um
einen Streit fiber taktische Fragen, Es handelt sich um eini-
germaBen grundsatzliche Dinge. Papen will Deutschland reno-
vieren oder restaurieren — Schleicher will es reformieren.
Der Reichskanzler, im rheinisch-westfalischen Revier
ebenso zu Hause wie im Saargebiet, glaubt an die Existenz-
berechtigung des privatkapitalistischen Systems, glaubt an
dessen von politischen Einflussen1 nur geschwachte aber nicht
zerbrochene Lebensfahigkeit. Dem General, der im Kadetten-
korps herangewachsen, im Generalstab beheimatet ist, er-
scheint dies Wirtschaf tssystem mit seinen , , chaotischen' '
Ziigen, der ungeregelten Entwicklung von Produktion und Ab-
satz, hochst suspekt. Er wiirde ein System der planmaBigen
Gestaltung und Orgamisation dem wechselvollen Spiel von An-
gebot und Nachfrage bei weitem vorziehen — selbst wenn der
Hfreie'* Unternehmer dabei durch den Funktionar der staat-
lichen Planwirtschaft ersetzt wiirde, selbst wenn das Ding in
Zukunft ,,Sozialismus", hieBe. Ja, der Staatssozialismus, der
nationale Sozialismus also, ist aus Griinden der nationalen
Verteidigung kaum zu missen: die Soziaiisierung von Kohle,
Eisen, Chemie ist nichts andres als die Nationalisierung dieser
Wirtschaftsprovinzen. Herr Otto Wolff, der von den National-
sozialisten in letzter Zeit so unflatig ibeschimpfte langjahrige
Freund und wirtschaftliche Berater des Wehrministers, hat das
Seine dazu getan, diese Auffassung bei Herrn v. Schleicher zu
festigen; seinen Interessen auf schwerindustriellem Gebiet —
weniger an den Produktionsstatten selibst als an gewaltigen
Aktienpaketen — kame eine Neugruppierung jenes Wirtschafts-
komplexes mit staatlicher Hilfe heute durchaus gelegen,
*
Ohne eine gewisse Kenntnis wirtschaftlicher Fakten und
Zusammenhange kanin heute kein Offizier mehr auskommen,
und deshalfo soil man sich daruber freuen, wenn sagar ein
General die dkonomischen Dinge studiert. Weniger erfreulich
ist es, wenn dabei aus demi Studium der Tatsachen (ach, sie
sind ja so verworren-schwierig!) gar zu schnell der Wunsch
erwachst, eine „konstruktive Neuschopfung" der okonomischen
Welt nach ratiomalen Ordnungsprinzipien vorztmehmen- Und
wenn nun ein General, angefullt mit solchen Ideen, eines
schonen Tages zum Minister avanciert und jetzt also wirt-
schaftspolitische Fragen verantwprtlich mitzubestimmen hat
— heute die Zinssenkung, morgen die Arbeitsbeschaffung,
ubermorgen die Einfuhrkontingentierung — , dann kann das
einigermaBen desiastros werden. Ein Doktrinarismus, der ent-
standen ist, weil das muhevolle Studium der okonomischen
571
Wirklichkeit (aus Zeitmangel, nehracn wir an) nicht geleistet
werden konnte — ein Doktrinarismus, der bald von diesem,
bald von jencm Experten ein Argument zur Sttitzung der eig-
nen festgefaBten Meinung iibernimmt: das ist ein gefahrlicher
Ratgeber in praktischen Frag en.
*
Nach dieser Abschweifung ins Abstrakte diirfen wir uns
wieder dem konkreteni Fall zuwenden: Herrn Schleicher,
der, in semen MuBestunden libers Reifibrett gebeugt, kuhne
planwirtschaftliche Konstruktionen entwirft; Hans Zehrer reicht
ihm den Zirkel, Ferdinand Fried halt das Lineal, Ernst Jiinger
reibt die Tusche an, und Otto Wolff erzahlt, urn die Zeit ab-
zukiirzen, kleine Anekdoten aus dem wilden Wirtschaftsleben
fruherer Napoleons und Ouvrards. An den Fensterscheiben
aber dnicken sich die (JGewerkschaftler" aller Richtungen die
Nasen platt, Gregor StraBer von den Nazis, Imbusch vpn den
, .Christen", Leipart von den „Freien"; weil sie gar zu gerne
wissen mochten, wie denn der echt deutsche ReiBbrett-Sozia-
lismus nun in <ier Wirklichkeit des Zeichenateliers ausschaut . . ,
Sie meinen, dies sei eine weltfremde Idylle, Herr? Ach,
ich fiirchte, Sie sind selber ein weriig weltfremd! Denn so ganz
aus der Welt,- wie kluge Leute meinen, die den planwirtschaft-
lich-sozialistischen General gern mit einem Achselzucken ab-
tun — sot ganz, aus der Welt sind diese Dinge gar nicht. j Sie
haben ihre verflucht aktuelle Seite, und wenn bis vor ein paar
Wochen hie und da von einem Kabinett Schleicher-StraBer-
Imbusch-Leipart gesprochen wurde, so war das (wenn man die
genannten Namen nicht als Ministerkandidaten sondern nur
als Reprasentanten einer „Richtung" gelten laBt) durchaus
mehr als eine bloBe Phantasie. Ein Minister ist nun einmal
eine Realitat, und seine phantastischen Ideen sind immer noch
politische Fakten: das ubersehen die Realpolitiker, die auf den
ersten Blick das Phantastische und Verfehlte einer bloB ge-
danklichen Konstruktxon zu durchschauen vermogen, leider
grade am allerleichtesten. Und die Idee Schleichers von der
parlamentarisch zu fundierenden ,,Volksfront'' der antikapi-
talistisch-sozialistischen Mehrheit aller Deutschen ist nun ein-
mal eime politische Realitat. Die Welt vom Wirtschaftlichen
aus zu verandern, der Erfiiller tiefster antikapitalistisch-
staatssozialistischer Sehnsiichte des Volks zu sein, die natio-
nalisierte Wirtschaft hinter das nationale Volk sheer zu stellen,
als sozialer Erneuerer dem anti-nationalen Kommunismus den
Boden abzugraben — sind das etwa Tag-Traume, deren sich
em General zu schamen hatte?
*
l*'iir uns ist es freilich nicht schwer, die Schwachen unid
Irrtumer dieser kuhnen Spekulationen herauszustellen. Es ist
ja! nicht so, daB sich die Massen, die hinter den antikapi-
tal'istisch firmierenden Parteien stehen — oder die letzthin
noch dort, als Wachter, gestanden haben — , im Positiven einig
seien;1 der „Sozialismus" StraBers ist eine andre Sache als das
Programm Imbuschs fiir die Verstaatlichung des Bergbaus, und
ein Mann wie Tarnow, Hilferding oder Leipart (von den Leuten
572
der? KPD ganz zu schweigen) wird schwcrlioh gemeinsam mit
den Avantgardisten dcr „Dritten Front" die Nationalisierung
der Riistungsindustrien nach den Ideen der jugendlichen Ad-
jutanten im Reichswehrministerium betreiben wollen, GewiB
bejaht die Mehrheit der Arbeiter, Angestelijen urid Beamten
(und der Erwerbslosenl) den flGewerkschaftsgedanken" — aber
sie bejaht damit noch nicht -die staatssozialistisch-planwirt-
schaftlichcn Plane eines Generals. Im Wehnninisteritim frei-
lich, wo man es nicht mit den Gewerkschaftsmitgliedern
selbst zu tun hat sondern stets nur mit den Gewerkschafts-
und Parteifunktionaren — beweglichen Leuten, die auf „Quer-
verbindungen" Wert legen — , dort sieht man eben diese feinen
Unterschiede nicht,
*
Wie die Dinge heute liegen, ist Herr v. Schleicher gegen-
iiber Hcrrn v. Pap en schwer ins Hint ertref fen geraten, Seine
„Patentl6sung'* — die Einigung der antikapitalistisch-gewerk-
schaftlich orientierten Parteien zu einer von ihm gefuhrten
oder doch patronisierten Koalition — * Jiat wenig Aussicht auf
Verwirklichung. Die NSDAP hat sich in eine Agitation von
solch Mklassenkampferischem" ttberschwang hineinbegeben, daO
es kaum moglich erscheint, nach der Wahl die ,,Gewerkschaft-
ler" aller Richtungen am Verhandlungstisch zu vereinen. Fin-
den sich aber nur „Christen" und Nazis zusammen, so ist es
noch sehr die Frage, ob ihre Parteien zur Bildung einer Mehr-
heitskoalition ausreichen (Gerstorff hat auf diese „Chance fiir
Papen" bereits hingewieseni),
Herr v. Papen wird also wahrscheinlich erklaren konnen,
daB der Versuch des'KolIegen Schleicher, die alten Schlauche
mehrheitsparlamentarischer Formen mit dem neuen Wein der
antikapitalistisch-gewerkschaftlich-staatssozialistischen Volks-
front zu ftillen, nicht realisierbar sei, Speziell die Heranziehung
der „aufbauwilligen Krafte" wird er als uberflussig bezeichnen:
mit der Begriindung, daB die Bandigung der Hitler-Bewegung
ja auch schon so recht schone Fortschritte mache , . . Und
selbstverstandlich wird er es aiblehnen, den linksgewerkschaft-
lichen Tendenzen auch nur im geringsten nachzugeben: das
hieBe ja, Wasser auf die Miihlen der Marxistenlresser, der
oppositionedlen NSDAP also, leitenl Es wird also, da der
Reichstag zur Bildung posit iver Mehrheit en unfahig sein diirfte,
beim System der „autoritaren Staatsfuhrung", der Kabinetts-
diktatur, Meiben — ohne sozialistische oder gewerkschaftliche
t,linke Abweichungen" des Kurses. Und der Reformator
Schleicher wird mit der Verwirklichung seiner planwirtschaft-
lichen Ideen und mit der Errichtung einer neuen Volksgemein-
schaft — „PreuBentum und Sozialismus" — noch einige Zeit
wart en miissen.
Denn nicht Oswald Spengler sondern Alfred Hugenberg
regiert die Stunde. Wer es noch nicht glauben* mag, def gehe
hinaus in die Provinz und lese dort die Generalanzeiger und
die Kreisstadtpresse. Alle Blatter, die vor ein paar Jahren
noch „stramm rechts" waren und die dann( seit dem Septem-
ber 1930, raehr und mehr mit dem Nationalsozialismus sym-
pathisieren zu miissen glaubten, sind heute wieder auf der
573
Hugenberg-<Linie; mit Telunion und Wipro fur den Papenkurs,
In hoc signo , . , in diesem Zeichen wurden die Kommunalwah-
len der letzten Wochen durchgefiihrt, wurden uberall die
Hitlerleute auf die Halfte ihrer. Stimmziffern der letzten Wahl
zuriickgeschlagen.
Die Geschafte des Herrn Ouvrard
von Werner Arendt
Cin Eisenindustrieller, Otto Wolff, schreibt ein historisches
" Werk, ist in seiner Art ein Pionier, da er sich ein Gebiet
ausgesucht hat, von dem sich die ziinf tigen Historiker bisher
mit Vorliebe ferngehalteni haben, stiitzt sich hierbei hauptsach-
lich auf sorgfaltig ausgewahlte und, wie der Leser merken muft,
auch innerlich verarbeitete zeitgenossische Quellenwerke oder
Berichte und bringt schlieBlich eine Arbeit heraus, an der die
kunftigen Darsteller jener Epoche nicht mehr vorbeigehen kon-
nen werden, (Erschienen bei Rut ten und Loening, Frankfurt
am Main,)
Gabriel Julien Ouvrard, ein Kaufmannssohn aus Nantes,
Vollblut-Spekulant groBten Formats, kommt als Neunzehnjahri-
ger bei Beginn der groBen Revolution im Vorgefiihl der, kom-
menden Presse-Freiheit auf die geniale Idee, die Produktion
der groBen Papierfabriken Frankreichs aufzukaufen, und ge-
winnt an diesem seinem ersten Geschaft die Kleinigkeit von
dreihunderttausend Francs. Dies ist der Ausgangspunkt einer
Laufbahn, die zu den hochsten Hohen und zu den tiefsten
Tiefen fiihrt, in deren Verfolg Ouvrard des oftern seinen
prunkvollen Herrensitz mit einem Gefangnis vertauscht und
dann wieder vom Schuldturm in ein elegantes Stadtpalais hin-
iiberwechselt. Analyse: Fiinfundzwanzig Prozent Kaufmann,
fiinfundzwanzig Prozent Politiker, fiinfundzwanzig Prozent
Genie,< fiinfundzwanzig Prozent Pirat — ein Mann, auf
den Wedekinds Wort „in alien Satteln gerecht, von
alien Hunden gehetzt, mit alien Wassern gewaschen"
paBt wie selten auf jemanden. Papierspekulant, Le-
bensmittel-GroBhandler, General-Proviantmeister der verbiin-
deten franzosisch-spanischen Flotten, geschaftlicher Kompag-
non (im wahren Sinne des Wortes, laut Vertrag!) Konig
Karls IV* von Spanien, Bankier und Heereslieferant der kon-
sularischen Regierung Frankreichs sowie auch spater unter
dem Kaiserreich, Retter des franzosischen Staatskredits unter
Ludwig XVIIL, Generalproviantmeister des franzosischen
Expeditionskorps, das 1824 zum Schutze Ferdinands VII. und
zur Bekampfung der Insurgenten in Spanien einriickte, — so
lauft diese immer wildbewegte Lebenskurve, und schlieBlich
endet Ouvrard als Borsenspieler im Alter von 76 Jahren in
London,
Bei aller Anerkennung der hohen Intelligenz jenes be-
riihmten Finanziers und Spekulanten darf man nicht in seiner
Bewunderung so weit gehen wie Otto Wolff, der eine
Apologie geschrieben hat, die sich stellenweise zur Apotheose
steigert. Es wirkt ein' wenig grotesk, wenn kein geringerer
574
als Napoleon das ganze Buch hindurch als der ,,Gegenspieler"
Ouvrards bezeichnet wird, gleich als ob cs sich hier um zwci
kommensurable Grofien handele; was fiir William Pitt oder
Clemens Metternich, eventuell noch fiir den Zaren Alexan-
der I. — in Ermangelung wirklicher Weltgenies — gelten
darf, gilt doch noch lange nicht fiir einen Manri, dessen Le-
bensarbeit schlieBlich nur dem Gelderwerb gewidmet war, eine
Tatsache, die auch dann bestehen bleibt, wenn bei den Ge-
schaften des Herrn Ouvrard Staatsoberhaupter und Minister
als Gegenkontrahenten ihre Namen unter die Vertrage setzten.
Es ist nun sehr interessant zu beobachten, wie die mei-
sten Lieferungsgeschafte oder Finanztransaktionen Ouvrards,
gleichgiiltig ob sie sich unter dem Konsulat, unterm Kaiser-
reich. oder unter dem wiederhergestellten Konigtum derBour-
bonen abwickelten, damit endeten, daB die Gewinne Ouvrards
nachgepriift und dieser selbst dann verhaftet wurde, Zu einer
gerichtlichen Verurteilung Ouvrards kam es nie, es wurde
immer alles „im Verwaltungswege" erledigt, indem die je-
weilige Regierung eine Schadenssumme festsetzte, die in jedem
Falle viele Millionen betrug, und Ouvrard es vorzog, immer
die Hochstzeit im Schuldturm abzusitzen, aber das Geld zu be-
halten. Neun Jahre seines Lebens hat Ouvrard hinter Ge-
fangnismauern verbracht, und sobald er freigelassen war, lieB
er sich stets mit eben derselben Regierung auf neue Geschafte
ein, bei denen er sich immer gleich mit Dutzenden von Millio-
nen engagierte. Das tut kein Kaufmann, der, wie Otto Wolff
es darstellen will, stets nur Undank von seinen Gegenkontra-
henten erntete, das kann er (iberhaupt nur tun, wenn eben
die Geschafte so auBerordentlich lukrativ waren, daB ihn auch
die eventuelle Freiheitsentziehung nicht abschrecken konnte.
Da kann es Ottoi Wolff zum Beispiel gar nicht verstehen,
daB man liber die RegreBanspruche des Staats gegen Ouvrard
im Verwaltungswege entschied und daB Napoleon einen grund-
satzlichen Abscheu gegen Heereslieferanten hatte: Was das
erstere betrifft, so darf man doch von einem quasi-absolut
regierten Staate zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht verlan-
gen, daB er Methoden verwerfe, deren sich die deutsche
Reichsregierung noch im Jahre 1923 bediente, als sie jene be-
riichtigte Notverordnung herausbrachte, durch die uber alle
Anspriiche gegen Reich, Staat und Kommunen unter Aus-
schluB des Rechtsweges einseitig im Verwaltungswege ent-
schieden werden sollte, wobei viele Leute, die im Gegensatze
zu Ouvrard nicht einmal im Verdachte strafbarer Hand'lungen
gestanden hatten, durch einen Federstrich gegen jedes Recht
ihres Vermogens beraubt wurden. Die Abneigung Napoleons
gegen die Heereslieferanten beruhte auf gesunden, moralischen
Erwagungen. Er, der die Schrecken des Krieges kannte, hat
sich stets dahin geauBert, er fande angesichts der Leiden und
Entbehrungen der Frontsoldaten den Gedanken unertraglich,
daB sich Menschen an Kriegsgewinnen masten konnten, und
jeder Luxus der Kriegsgewinnler schien ihm schon verdach-
tig, Darum wurde auch, als das Kaisertum auf der Hohe seiner
Macht stand, das Heereslieferungswesen verstaatlicht, eine
heilsame Methode, die Napoleon a'Herdings wahrend der Hun-
2 575
dert Tage unter dem Drucke der Verhaltnisse wiedcr auf-
geben muBte. Das war kcinc Feindschaft gegen den Handel,
wie Otto Wolff es auffaBt, wobei er verkennt, in wie hervor-
ragender Weise grade die friedliche Industrie (zum Beispiel
Seide, Porzellan) unter Napoleon I. gefordert wurden, nein,
das entsprang demselben moralischen Sauberkeitsgefiihl, das
ihn veranlaBte, drei Intendanturbeamte, welche vor der
Schlacht bei Wagram den fiir die Mannschaften bestimmten
Wein verschoben batten, kurzer Hand erschieBen zu lassen,,
wahrend bei uns im Weltkriege . . . Diese Abneigung gegen
Kriegsgewinnler im allgemeinen konnte sich ganz gewal-
tig entladen, wenn eine Gruppe jener Leute ein „so schweres
Ding drehten", wie es sich. die Herren Ouvrard und Genossen
im Dezember 1805 leisteten, als sie unter Ausnutzung der Se-
nilitat des Schatzministers die Bank von Frankreich so griind-
lich pliinderten, daB deren Zahlungsfahigkeit und der Bestand
der Wahrung ernstlich: gefahrdet wurden; und wenn man liest,
wie der Kaiser mit den schuldigen Schiebern Abrechnung halt,
dann muB man mit einem Gefuhl der Wehmut daran denken,
daB 1923 niemand bei uns mit jenen Finanzleuten abgerechnet
hat, die, wie Hugo Stinnes und Konsorten, durch ihre Mani-
pulationen die Inflation gefordert und sich an ihr und somit an
der Verarmung des Volkes bereichert hatten. Otto Wolff
kann es nicht verstehen, daB Napoleon in Leuten wie Ouvrard
nichts andres als Verbrecher sah, ihm erscheint Ouvrard als
ein Opfer kaiserlichen MiBvergniigens, und er sagt von Napo-
leon, daB er f,mit steigender Emporung, mit V{futt die ihn immer
iiberfallt, wenn er Geld verloren, die er niemals hat, wenn
Hekatomben, von Menschen geopfert sind" diese Manipula-
tionen durchschaut habe, Eine vollig sinnwidrige Parallele,
denn Wut und Emporung sind eben Gefiihle, die in keinem
Falle beim Anblick eines Schlachtfeldes in Frage kommen,
wo hochstens Schmerz und Trauer Platz greifen konnen, Wut
und Emporung sind aber wohl am Platze, wenn eine Schieber-
bande von Finanzleuten die Zeit des Feldzuges dazu ausniitzt,
um die Staatskasse zu pliindern. Hatten unsere Ouvrards von
1923 ihren Meister gefunden (ich kann nicht MGegenspieler"
sagen)t so ware es nie zu all den Finanzskandalen der
spatern Zeit gekommen; damals wurde die geschaftliche Moral
bei uns zerruttet, was spater zutage tratf waren nur die Fol-
gen davon!
Das Buch ist aber auch da interessant und lesenswert, wo
man dem Verfasser wegen seiner irrigen Stellung zu seinem
Helden und dessen „Gegenspieler" nicht zu folgen vermag, es
erreicht seine Hohe bei der Schilderung der Restaurationszeit,
wo Ouvrard auf dem Gipfel seiner Macht steht und dann
plotzlich wied'er auf fiinf Jahre im Gefangnis verschwindet.
Die Anordnung des Buches ist vorbildlich, die groBen Ge-
schaftsvertrage Ouvrards sind im Auszuge wiedergegeben,
eine ausfiihrliche Zeittafel und eine gewissenhaft zusammen-
gestellte Bibliographic sind foeigefiigt. Die Abbildungen zeigen
hauptsachlich Stiicke, deren Originale sich in Otto Wolffs
Sammlung befinden und von denen die Gffentlichkeit bislang
wenig wuBte.
576
Der Jfiflger von Thomas Murner
Der Weise sprach zu seine Jiinger:
Wer keine Loffel hat, ifit mit die Finger . . .
A Is vor cin paar Jahren Siegfried Kracauer seine prof unde
^* Studie „Die Angestellten" schrieb, gelang es ihm. mit einem
selten ergiebigen Griff, eben noch vor dem Eintritt in die
Weltkrise das Abbild einer sozialen Schicht zu nehmen, die
wie keine andre fiir die letzten von uns durchlebten Phasen
der nachburgerlichen Zeit charakteristisch geworden ist. Das
neue Buch Ernst Jiingers „Der Arbeiter" (Hanseatische Ver-
lagsanstalt, Hamburg) erinnert in der Einfachheit des Tit els
unwillkiirlich an Kracauers heute schon klassisch anmutende
Leistung. Aber ein Vergleich tut Jiingern nicht gut, er loscht
ihn a us.
Das Buch Jiingers bringt weder untersuchend noch be-
schreibend etwas von Belang. Es bietet nichts als eine mono-
tone Folge bleichsiichtiger Philosopheme, um die nicht mehr
vollig frische These zu sttitzen, da8 es mit dem Burgertum
bergab geht. Dafiir ist jetzt das neue Weltalter des Arbeiters
gekommen, und wenn diese Erkenntnis auch mit dem Anspruch
revolutionarer Gesinnung vorgetragen wird( so laBt sich doch
nicht lange verbergen, auf welchen Meister dieser Jiinger
schwort. Was fiir ein Gesicht die Herrschaft des Arbeiters
haben wird, vor allem aber mit welchen Kraften sie sich durch-
setzen soil, davon wird in Jiingers durchaus nicht wortarmer
Predigt nichts verlautbart. Der Arbeiter, das ist doch etwas
Nahes und Selbstverstandliches; nichtsdestoweniger bringt
es Jiinger fertig, den Gegenstand mit Hilfe einer nicht ohne
Spenglers EinfluB entstandenen Terminologie so weit von uns
zu entfernen, da£ wir am Ende das Gefiihl haben, hier gehe es
um Fakire und Yogis und nicht um Dinge, die zu unserm All-
tag gehoren. Es ist jedenfalls ein beachtliches Kunststiick,
einem; so erregenden und aktuellen Thema so viel Blut abzu-
zapfen, daB nichts als ein Phantom zuriickbleibt, Nebenbei
gesagt: wenn in einer Schrift von dreihundert Seiten, die, wie
von niemandem bestritten wird, den Titel ,,Der Arbeiter"
fiihrt, zwischendurch in einer FuBnote mitgeteilt werden muB,
wie wir das Wort „ArbeiterM zu verstehen haben, so scheint
mir das weder fiir die Gestaltungskraft noch fiir die Kopfklar-
heit des Autors giinstiges Zeugnis abzulegen,
Der „Arbeiter" bleibt also unter Jiingers Beschworung so
stumm wie ein seit dreitausend Jahren toter Pharao. Dafiir
wird aber nach dem ortsiiblichen fascistischen Schema desto
eifriger gegen den „Biirger" spektakelt. Herr Jiinger und die
Seinen wiirden mehr imponieren, wenn sie das zu einer Zeit
get an hatten, wo es noch mit Unannehmlichkeiten verkniipft
war, aber damals retteten die meisten der Herren die biirger-
liche Ordnung in weiBen Freikorps. Grade der Sozialist hat
Anspruch, solche dubiosen Kriegserklarungen an die burger-
liche Zeit nicht unwidersprochen passieren zu lassen, denn da-
mit maskiert der Fascismus nur sein eignes reaktianares
Wesen, das gibt ihm Gelegenheit, sich radikal aufzutun. Was
er der Biirgerzeit vorwirft, das sind ja nicht ihre HaBlichkeiten
577
und Zweideutigkeiten sondern die besten Inhalte ihrer histo-
rischen Mission: die t3berwindung absolutistischer und feuda-
listischer Machte, die Verkiindung der menschlichen Grund-
rechte und ihre Verteidigung gegen Staat und Gesellschaft.
Gegen die vermorschte biirgerliche Epoche wird also der
Arbeiter mobilisiertt aber auch dabei wird ein entscheidender
Gegensatz zum Sozialismus sichtbar. Der Fascismus liebt es
zwar, den Arbeiter zu verhimmeln, aber er nimmt ihn niemals
als Masse sondern immer nur als .einzelnes aus der gepragten
Klassenform geholtes Exemplar. Das mag vor Marx, vor Las-
salle moglich gewesen sein, heute geht das nicht mehr. Wer
es tut, nickt hinter Schultze-Delitzsch zuriick. Einerlei ob
konservativ oder revolutionar, keine Betrachtungsweise stellt
den Menschen mehr in jenen blauen Dunst, wo die soziale
Realitat von abstrakten Rellexionen abgelost wird. Jiinger er-
offnet zwar groBartig genug die Herrschaft des Arbeiters iiber
die Erde, aber der Arbeiter ist ihm nur ,,Typus'\ ,, soziale
Rasse", weder will er einen Stand darunter verstehen- ,,noch
eine Klasse im Sinne der revolutionaren Dialektik des neun-
zehnten Jahrhunderts". Der Sozialismus wird bei Jiinger u^er-
haupt . nicht notiert, dafiir ist viel von einer ,,Arbeitsdemo-
kratie" die Rede, die aber ebensowenig klar wird wie das ge-
wichtige und haufig vorkommende Wort ,,Planlandscha£t". Das
ist alles recht grofiartig und zugleich von qualliger Unverbind-
lichkeit. Vor fiiniundzwanzig Jahren wurde ahnliches von ver-
laufenen Sombartschiilern produziert. Damals gab es aller-
dings noch keinen revolutionaren Tamtam darum, man nannte
dergleichen schlicht und treffend „liberalen Kulturschwafel1'
Wir wollen das auch heute so nennen.
Der Fascismus leugnet die Arbeiterklasse, er will sie auf-
losen. Die Ziele sind bekannt, ebenso die materiellen Krafte.
Wenn man aber die intellektuellen Potenzen betrachtet, die zu
gleichem Zwecke eingesetzt werden, so mochte man fast, ein
stilles Gliick empfinden. Die gesamte fascistische und halb-
lascistische Rechte hat noch nicht einen originellen und wirk-
samen Schriftsteller hervorgebracht, die passabelsten darunter
noch zehren von den geistigen Friihstiicksresten der Gegner,
Dabei haben die Herren jetzt groBe Verlage zur Verfugung und
noch Geld dazu — wo bleiben nun, da ihnen keine judische
Tticke die Schwingen lahmt, die verheifienen deutschbliitigen
Genies? Als Herr Jiinger vor ein paar Jahren mit seinem
1fneuen Nationalismus" startete und auf Grund seiner
Kriegserlebnisse sachkundig und unbefangen iiber das Grauen
der Materialschlacht schrieb, konnte er voriibergehend Beach-
tung erringen. Diese Konjunktur ist abgebluht, eine neae
Epoche hat nicht begonnen. Jiinger, heute als Soziologe
etabliert, kommt iiber die durchschnittlichste Untergangs-
prophetie und Chaosmalerei, an der man sich allmahlich satt-
gelesen hat, nicht hinaus. Nur der Verfall der burgerlichen
Freiheit und die wachsende Ausdehnung der Barbarei in dieser
Zeit wird mit einer Liebe zum Detail ausgepinselt, die uns
besser als die pratentiose Ausdrucksform belehrt, warum
solche Biicher noch immer geschrieben werden.
578
Deutscher Damenklub en avant!
von Alice Ekert-Rothholz
TV/ir waren jahrelang iiberwunden.
" Aber jetzt sind wir wieder aufcrstunden.
Tatu, tata.
Wir sind monarchistische Werbedamen,
Wo wir hintreten, wachst kcin Fortschritt mehr . , . Amen,
Wir sind Kiirassiere. Wie Jrofipapa.
Und kaisertreu bis zum Gedachtnisschwund . .
Wir vom Kaiserin-Auguste-Victoria-Bund.
Wir fabrizieren Aufrufe, deutsche Treuc, Gesinnungsschleim,
Wir sind Vorstand im unehelichen nationalen Wochenheim . . .
Immer feste zuriick!
Wir tragen Moralkorsetts, Haarkronen, Ordensbander. '
In der Markttasche, ruhn Bratkartoffeln und der Adelskalender.
Adligl sein ist cin sehr deutsches Gliick . . .
Sozialistinnen? UnzeitgemaBer Schund !
Im Gegensatz zum Kaiserin-Auguste- Victoria-Bund.
Vor unsi muB jeder Herrenklub sich verstecken.
Wir sind Feldmarschalle in doppelten Unterrocken,
Eiserne Stirn bis zuletzt!
Unsere Hauslichkeit zittert vor unserm Trara.
Dienstboten sind von Geburt aus zum Anschnauzen da!
Gehalt wird. durch Haltung ersetzt , . .
Wir sind reizlos, salzlos und brachtvoll gesund,
Vom Kaiserin-Auguste- Victoria-Bund.
Wir waren Ehefraun mit Stoppuhr und Uberwindung.
Leidenschaft ist: eine fremdstammige Erfindung.
Kikeriki!
Die preuftische Venus liebt leicht verdrossen.
Wir repetierten dabei: „Siege Friedrichs des GroBen."
Oder was dachten Sie?
Kein Seufzer entfloh unserm strengen Mund , , .
Vom Kaiserin-Auguste-Victoria-Bund,
Wir sind: Heldenmiitter, Mit steifen Ohren und steifem Kragen . .
Wir lassen die Sohne und Enkel ans Panzerkreuz schlagen.
Ruhet sanft!
Unser Hirn schmeckt deutsch; Wenig Griitze und.v'iel nationale Sahne.
Auf dem Grab unserer Herzen weht blofi eine Fahne . . .
Unser Muttergefiihl ist zerstampft.
Wir ziichten Sonne ohne Grun-d fur den Meeresgrund.
Vom Kaiserin-Auguste-Victoria-Bund.
Mit Wehrfreude, Wollstrumpf und Reaktiori
So marschieren wir in die Wintersaison,
Tatii, tata.
Eine Kaiserin ist zwar noch nicht da.
Doch die Frau lernt schon wieder das grofie ,tK".
(Das „K" der Auguste Victoria . . .)
Denn womit wird Deutschland die Welt besiegen?
Mit Kuche, Kirche und Kinderkriegen.
579
Friedrich vergewaltigt Barberina
von Werner Hegetnann
SchluB
^achdem es gelungen war, Barberina. nach Berlin zu bringen,
versuchte es der Konig mit der Gefangenen zuerst
giitlich, Sie wurde von der Konigin-Mutter zum Mittag-
essen geladen, und von der Konigin, mit der Friedrich noch in
liebendem Einverstandnis glucklich war, freundlich gelobt:
MSie ist wirklich schon, der Konig war ein wenig davon be-
riihrt." Der bos ha he Voltaire behauptete, die muskulose Mann-
lichkeit der Beine Barberinas habe es dem angeblich homo-
sexuellen Konig angetan. Gleichviel: zu jenem Zeitpunkt ge-
schah es, daB der Konig plolzlich seine Frau verstieO. Er lieC
sie nie wieder an den Hof kommen.
Wenn die in preuBischem Biihnendienst Eingestellten
nicht Order parierten, wurden sie von einem Wachtmeister und
zwei Mann auf die Biihne geschleppt, gleichviel ob es sich urn
Schauspieler handelte (die in Friedrichs Sprache ,,Schurken"
hieBen) oder um Kiinstlerinnen (die in Friedrichs Deutsch „Hu-
ren'1 hieBen). So ging es der groBen Sangerin Mara-Schmeling,
bevor ihr die Flucht aus Berlin gelang. Den galanten Ton, in
dem Friedrich iiber seine Kiinstler sprach, zeigt zum Beispiel
folgende Stelle aus einem seiner Handschreiben an seinen Ver-
trauten Fredersdorf iiber die neue Sangerin Racaille (?):
Eine Canaille hier-her Komen zu lassen, die fukst - aber nicht
Sinhkt, ist nicht Die Muhe werht! die alte hure Casparini sinkt noch
Quasi.
Die praktische Barberina ging Gewaltsamkeiten aus dem
Wege. Es gelang ihr mtihelos, ihre finanziellen Bedingungen
beim Konig durchzusetzen, Er zahlte ihr nicht nur die gefor-
derten dreitausend Taler sondern bald siebentausend. Das ent-
sprach dem Gehalt, das Ludwig XV. der zu Unrecht beriichtig-
ten Pompadour zahlte, und war, wie Voltaire spottete, mehr,
als ein preuBischer Staatsminister erhielt.
Aber Friedrich kam nicht zum Genusse seines Gliickes.
Am selben Tage wie Barberina war Lord Mackenzie in Berlin
eingetrorfen. Seine ruhrende Leidenschait und seine Geldmittel
hatten ihm die verschlossenen preuBischen Schlagbaume geoffnet.
Friedrich befahl, Barberina ,,in ein sicheres Quartier zu brin-
gen und Leute zu ihrer Oberwachung anzustellen, bis man sich
auf gute Art ihres ungestiimen Liebhabers entledigen ' konne,
Vor englischer Macht zuriickschreckend, suchte Friedrich plotz-
lich die Verantwortung eines Ministers, dem er schrieb:
Ich frage Sie, tate ich nicht gut daran, Herrn Mackenzie auf-
heben und ihn, ohne daB jemand erfahrt, was ausi ihm geworden ist,
nach Memel bringen zu lassen?
Nach einer eigentumlichen Liicke in den Akten erfahrt
man, daB der Lord aus PreuBen ausgewiesen wurde. Seine
cuhrenden Briefe aus Hamburg Helen der preuBischen Polizei
in die Hande. Am 8. Juli 1744 lud Friedrich die Tanzerin nach
Charlottenburg ein und fiigte hinzu:
Wenn Ihre schonen Augen bezahlt sein wollen, mussen sie sich
zeigen. So wird es ein Vergniigen «ein, ihnen zu entrichten, was mam
ihnen schuldet.
580
Abcr das Vergniigen hielt ihn nicht f est. Drei Wochen spatcr
fiel er dem deutschen He ere in den Riicken, das grade ElsaB-
Lothringen zuriickerobert haite, und f,rettete" (wie er mit Stolz in
-seinenMemoirenausfiihrteJElsaB-Lothringen fur dieFranzosen.
Diesen siegreichen Krieg schildert der Film ,,Die Tanzerin
von Sanssouci"; namentlich die bekannte Anekdote, wonach
Friedrich, begleitet von einem einzigen Mann, den osterreichi-
schen Generalstab gefangennahm. An dieser viel gemalten
Anekdote, die von andern Erzahlern meist vor die Schlacht
bei Leuthen gelegt wird, ist kein wahres Wort.
Der Film erzahlt, wie der siegreiche Friedrich naoh der
Riickkehr in Berlin seine Barberina an ihren Liebhaber Cocceji
abtritt. ' Friedrich hat sie angeblich nur gebraucht, una seinen
Feinden Friedensabsichten vorzutauschen. Und weiter zeigt
der Film, wie Friedrich bei der Riickkehr die Siegesfeiern mit
Barberina-Ballet verachtlich absagt und nur ein Konzertj von
Sebastian Bach anhoren will. In Wirklichkeit liebte Friedrich
die1 Musi'k des alten Bach nicht. Er zog die Musik des junge-
renj Bach (Philipp Emanuel) vor, den er auch als Hofmusikus
anst elite, ihm aber nur dreihundert Taler im Jahre zahlte* Um
dieselbe Zeit, als Friedrich dem Jammernden eine Gehalts-
«rhohuQg abschltig, klagte er daruber, daB sein spanischer
Lieblings-Tabak zu teuer sei: ,,Alle Mohnaht 1000 Thaler vor
Tobac ist Sehr Teuer!"
Auch hatte Friedrich keine Scheu vor Ballets nach dem
Kriege oder wahrend des Krieges. Im Gegenteil feierte Bar-
berina ihre hochsten Triumphe mitten im Kriege, als Friedrich
aus dem Felde zu den Winterfestlichkeiten nach Berlin kam.
Damals erhohte er die Gage} der Tanzerin auf siebentau-
send Taler, versprach ihr, den Vertrag zu losen, sobald sie sich
verheiraten wolle. Obendrein gab er ihr auf fiinf Monate Fe-
rien, als er sich wieder in den Biirgerkrieg begab. Sie feierte
einen neuen Triumph in Hamburg, wo zur Besichtigung ihres
Einzuges die Fenster vermietet wurden. Bald meldete .das
Geriicht, sie habe den Grafen Gollowin geheiratet. Die schwer
dische Konigin schrieb darum an die Mutter Friedrichs, sie
hoffe fiir Friedrich, daB ,,Mars Amors Pfeile vergessen macht".
Der Siebentausend-Taler-Vertrag der Barberina bedeutet
mit allem, was drum undf dran hing, in heutiger Kauf kraf t ge-
messen, mindestens soviel wie ein Sechzigtausend-Mark-Enga-
gement, Sie entzog sich dieser Leistung des sparsamen Konigs
nichf; sondern kam nach SchluB ihres Urlaubs zu den Sieges-
feiern nach Berlin zuriick.
Bald darauf erweckte den Arger des Konigs der junge
Legationsrat von Cocceji (Sohn des bekannten — und unfahi-
gen — Gesetzgebers). Cocceji lieB eines Nachts einen der Mittan-
zer Barberinas durch vier verkleidete Soldaten ebenso iiibel
verpriigeln, wie Friedrich der Grofle manchmal seine journali-
stischen Kritiker hat verpriigeln lassen. So wurde Barberina
zur Kulturtragerin in PreuBen. Ihretwillen erlieB Friedrich die
bis dahin unerhorte Verfiigung:
Wenn hinfuro allhier junge Leute Exzesse begehen, sollen solche
sofort arretieret wcrden, sie mogen auch von was Stande, Herkom-
men, Verwandtschaffet sein, wie sie wollen.
581
Bis dahin hatten sich in PrcuBen Offiziere und Adlige
ziemlich alles ungestort crlauben konnen. Aber der junge
Cocceji wurde zur Strafe fur seinen Gewaltstreich auf sechs
Monatc nach Spandau .geschickt, Allerdings wurde er schon
nach drei Monaten wieder entlassen.
Der Barberina, so berichtet Hofrat Westarp, drohte der
Konig,, sie werde mangels besserer ,,Conduite" ins Spinnhaus
nach Spandau gebracht werden; Spinnhaus ist gleichbedeutend.
mit Zuchthaus.
1748 lief Barberinas Vertrag ab* Als sie aber abreisen
wollte, wurden ihr zuerst wegen unbezahlter Schulden und
dann mit der Forderung einer kraftigen Geldabgabe (fiir die
Ausreiseerlaubnis) Schwierigkeiten gemacht. SchlieBlich gab
Friedrich nach, weil er „die iible Impression fiirchtete, die es~
im Auslande machen wurde, wenn: Fremde auf solche Art chi-
caniret werden".
In London f and Barberina nichts Besseres als den zuriick-
gebliebenen Cocceji, den sie vielleicht liebte, von dem sie ein
Kind erwartete und der sie durchaus heiraten wollte, Bewunde-
rungswurdig; ist ihr Mut, mit. dem sie sich noch einmal in den
Rachen des Schakals begab und schlieBlich seine Zustimmung;
zu ihrer bald heimlich geschlossenen Ehe mit Cocceji eroberte.
Barberina und Cocceji wuBten, daB der Konig „ihn als seinen
Untertan wurde reklamieren konen, wohin auch in Europa er
sich zuriickzoge". Die Schlacht muBte also in PreuBen ge-
wonnen werden. Der Konig lieB Cocceji wieder auf die Festung
bringen und tat alles, urn ihm ,,die so sehr unanstandige Pas-
sion" zu verleiden, mit der Mdiese verfiihrerische Kreatur dem
jungen Cocceji den Kopf verdrehte".
Als die heimliche EheschlieBung bekannt wurdet setzte
Friedrich seine ganze Maschinerie in Bewegung, lim den (ka-
tholischen) Geistlichen ausfindig zu machen, der gewagt hatte,
das Paar zu „copuliren". Allen verdachtigen Geistlichen solle
man „recht scharf zu Halse gehen" und der MSchuldige, auf
seines Lebens Zeit nach einer Vestung gebracht und bey Was-
ser und Brodt gehalten werden". Die verdachtigen Geistlichen
„wurden bis zum Eide getrieben"^ Als das erfolglos war, gab
Friedrich Anweisung, ,,durch Coccejis zu der Zeit gehabte Do-
mestiquen" zu erfahren, Weri der Geistliche gewesen sei.
Dem Vater Coccejis, dem GroB-Kanzler, zuliebe wurde der
Sohn mit seiner unstandesgemaBen Frau nach Glogau ver-
bannt. Viel Gnade, wenn man bedenkt, daB Trenck, der un-
gliiokliche Liebhaber Amaliens, von ihrem Bruder Friedrich IL
auf Jahre „mit Ketten an Hand und FuB an eine Kerkermauer
festangeschlossen" wurde. In Glogau lieB sich Barberina bald
scheiden. Sie kaufte sich aus ihren kleinen Ersparnissen fur
70 000 Taler das SchloB und die Giiter von Barschau^ wo sie
ein stilles Leben fiihrte, bis der tyrannische. Konig starb . Sein
Nachfolger machte sie zur Grafin von Campanini.
Die bekannte Anekdote, daB Friedrich im Arger iiber sei-
nen MiBerfolg, bei Barberina ihr Bild auf den Abort gehangt
habe, wird von seinen amtlichen Historikern nicht dokumen-
tarisch bestatigt.
582
Religiose Sekten in England paui coben-portheim
Zweiundfiinizigjahrig ist Paul Cohen-Portheim in Paris ge-
storben, in einer der drei Stadte, die ihm reihum Heimat waren,
den dreieckigen Sockel seines Lebens bildeten: Berlin, Paris,
London. Er war einer der wenigen Europaer, die es bisher gibt,
international, ohne viel Aufhebens davon zu machen, ein Freund
der englischen Diplomaten, der franzosischen Kiiche und der
deutschen Biicher. Ungebunden, ohne Familie, ohne Wohnungt
ohne Muttersprache, ging er mit dem lassigen Gehaben eines
Spaziergangers durch sein Leben. Hetze, Betriebsamkeit, t)ber-
eifer waren ihm, der in der Stille sehr fleiBig war, verhafit. Er
schrieb seine Biicher und dickleibigen Ubersetzungen mit der
Hand, in einer kleinen, zierlich-sauberen Schrift, und ebenso
seine Briefe, seine Buchkritiken und seine Artikel, die er in
einem schlichten, fast kindlichen Deutsch abfaBte und derea
Humor nie im Wortwitz bestand sondern stets dem Gegenstand
abgelauscht war. Und die Eisenbahn benutzte er, als sei sie
eine Biedermeierkutsche, Einfuhlsam, still, spottisch, ein be-
zaubernder Anekdotenerzahler, ein Weltmann in des Wortes
doppeltem Sinn, unduldsam nur gegen alles Plebejische: er trug
den Kopf immer ein! wenig hocht schon damit ihm der Rauch
seiner ewigen Gold Flake-Zigarette nicht zu heftig in die emp-
findliche Nase stieg, und wenn er, auf einem hohen Barschemel
hockend, mit einem miide lachelnden Rundblick unter schragen
Augenlidern hervor die Leute rings an den Tischen kontrollierte,
so schien es, als sei die ganze Menschheit von George Grosz
gezeichnet und nicht wert, sehr ernst genommen zu werden.
Rudolf Arnheim
Ich; glaube, daB nicmand die Frage beantworten konnte, wie-
viele religiose Sekten es in England gibt. Schon die Zahl
der allgemein bekannten ist erstaunlich, wenn man sie denen
andrer europaischer Lander vergleicht, und ahnliche Fiille fin-
det man nur noch in den USA, so daB man berechtigt ist,
dieses Sektenwesen als angelsachsische Spezialitat zu bezeich-
nen. Der Englander ist in religioseii Dingen ebensosehr In-
dividualist wie in alien andern, und England in ihnen, eben-
falls wie in alien andern, alien europaischen Landern unahn-
lich, Auf dem Kontinent arbeitet man mit so klaren Be-
griffen wie Katholizismus und Protestantismus, und ein Christ
ist Protestant, wenn er nicht Katholik ist. Das mag in der
ganzen Welt gultig sein, nicht aber in England. Die Katho-
liken zwar bezeichnen sich auch dort als solche, die Nicht-
Katholiken aber nennen sie Roman Catholics, denn die angli-
kanische Staatskirche, Frucht der Reformation, ibetrachtet sich
dennoch als legitime Erbin des Katholizismus: sie ist katho-
lisch, aber der Papst gilt ' ihr nur als der Bischof von Rom,
dessen Pratentionen auf Oberherrschaft sie nicht anerkennt.
Pfotestanten aber sind — ihr zufolge — die Sekten, weiche
sich von der anglikanischen Kirche abgespaltet haben. Sie
selbst zerfallt zwar nicht in Sekten, ist aber voller einander
bekampfender Richtungen. Die High Church ist in ihrer Art
der Zelebrierung des Gottesdienstes, Ausschmiickung der
Kirchen undsoweiter der „r6mischen" so nahe, daB kaum ein
583
Untcrschied zu erkennen ist; die Low Church pflegt Hprotestan-
fische" Schmucklosigkeit und Einfachheit. Wie ,,high" odcr
,,low" er sein will, entscheidet aber jedcr Gcistliche nach eig-
nem GutdtLnken, und so finden die frommeii Gemeinden ein
endloses Diskussionsthema; dem einen ist es bereits zu ,,high",
wenm ein Kruzifix auf dem Altar steht (ein einf aches Kreuz ist
,Jow church"), der andre verlangt nach Einfuhrung der Beichte,
ohne die ihm das ganze zu fflow" erscheint.
Im iibrigen besteht ein intimer Zusammenhang zwischen
Zugehorigkeit zur ,,Gesellschaft" und zur anglikanischen
Kirche; man konrite fast hinzufiigen: und zur konservativen
Partei. Die Katholiken und Juden, beide gerimg an; Zahl, bil-
den anerkannte Ausnahmen, das heiBt, sie konnen trotz dieses
Schonheitsfehlers vornehme Herrschaften sein, den protestan-
tischen Sekten aber gehoren riur Mittelstandler (meist kleine)
oder einfache Leute an. Diese Kegel gilt aber nur fur Eng-
land, deinn in Schottland, Irland, Wales liegen die Verhaltnisse
anders: Schottland hat seine eigne Staatskirche, Irland ist vor-
wiegend katholisch, Wales ist. fast g,anz protestantisch. Alle
Nichtanglikaner sind ,, dissenters", das heiBt, sie sind „Ab-
weicher" von der anglikanischen Lehre, das ist aber auch das
einzige, was ihnen gemeinsam ist, und unter den dissenters
steht das Sektenwesen in der iippigsten BKite, Esi gibt groBe
Sektein; Wesleyans, Presbyterians, Baptists undsoweiter, die
Millionen von Anhangern haben und deren chapels („church"
ist anglikanisch) fast in jedem Dorf zu finden sind; es gibt der
Zahl nach geringe, aber denmoch wichtige Sekten, wie etwa
die der Quaker. Die Quaker genieBen groBes Ansehen, sowohl
wegen ihres wirklich hohen ethischen Standards (so wurde
zum Beispiel wahremd des Krieges jeder Quaker ohne weiteres
als echter ,, conscientious objector" anerkannt und als solcher
vom Kriegsdienst befreit), als auch weil groBe und reiche Fa-
milien zu ihnen gehoren. Die Fry und Cadbury sind seit
Generationen Geldgeber der liberalen Partei, beide sind
Schokoladefabrikanten, und so besteht ein, dem Uninformier-
ten erstaunlicher Zusammemhang zwischen liberaler Partei,
Dissentertum, Kakao Und (hiermit wieder zusammenhangend)
Temperenzlertum. Andrerseits gehoren zu Konservativismus
nicht nur anglikanische Kirche sondern auch Bier- und Brauerei-
millidnare: Beerage und Peerage nannte der Volkswitz diese
Allianz. Baldwin ist, wie jeder konservative Fiihrer, angli-
kanisch, Lloyd George und Ramsay MacDonald sind Dissenters.
Neb en dies en bekannten Sekten gibt es eine Unzahl wenig
bekannter, von denen der Laie nur ab und zu durch Zeitungs-
artikel odef besondre Vorfalle zu horen bekommt, und sie sind
oft auBerst exzentrischer Art. Von der „ Christian Science"
hat die ganze Welt gehort. Ihre Anhanger besitzen in London
zwei groBe representative Kirchen, neben vielen andern Ver-
sammlungsraumen, und die Heilung durch Glauben nach dem
Rezept der Mrs. Eddy hat eine iiber die ganize Erde verstreute
glaubige Gemeinde. Niemand kennt dagegen Mrs. Elizabeth
Mary Sayle Skinner und ihre „Kirche", die aus einemRaum
in einem kleinen londoner Bahnhof besteht, Aber auch sie
war ,,Seherin und Prophetin", schrieb ein neues Gebetbuch
584
und hielt sich fur den Messiah, der alle Volker der Erde ver-
so linen wiirde. Ober dem Altar der Kirche hangt ein in zwei
Dreiecken eingeschlossenes Auge, hinter dem ein Regenbogen
zu seheri ist. Sie hat auch heute noch — lange nach ihrem
Tode — eine kleine Gemeinde. London hat acht Spiritisten-
kirchen, in denen ,, Clairvoyants" predigen, und drei Kirchen/
der Mahrischen Briider, in denen nach dem Gottesdienst Tee
serviert wird. Die Sandemanians sind eine Puritanersekte, die
zwei Kirchen in London besitzt und jede Woche ein Mfeast of
love" abhalt, was zwar nach Orgie klingt aber auBerst ge-
sittet und ziichtig ist. Die Anhanger der „Church of Millennial
Dawn" glauben, daB Christus wieder auf Erden weilt, und er-
warten sein Erschehien und den Beginn des Millenniums in
ihrer Kirche. Die Gemeinde besteht uiberwiegend aus Arbei-
tern. Weitere Rivalen der ,, Christian Science" sind die , .Pe-
culiar people", die im Eastend und andern Arbeitervierteln
Kirchen besitzen und Krankheit durch Gebet heilen, und die
„Church of The Universal Design". Man sieht, wie sich von
jeder Sekte, die eine neue Lehre verkiindet, sofort j,pro-
testantische" Untersekten abspalten, und die Tatsache, daB
stets neue derartige Bewegungen entstehen, zeigt die Bedeu-
tung, die dem religiosen Leben in England auch heute noch
zugestanden werden muB. Ekie merkwiirdige Sekte ist die
, .Brotherhood of The Kosmon Dawn", die nur „Jehovih", den
Schopfer. verehren und Jesus als Menschen betrachten. Sie
haben ihr eignes Evangelium, das ihnen unter anderm das
Rauchen und das Trinken verbietet und sie zu taglichem
Baden verpflichtet. Ihr Priester (sic besitzen nur eine einzige
Gottesstatte) wird Rabha genannt — die Anlehnung, an das
Judentum ist also urtverkennbar. Selbstverstandiich sind alle
Schattierungen der judischen Religion in London) vertreten —
vom portugiesischen, Ritus bis zum ,,liberalen", der sich der
englischen Sprache bedient. Die Mohammedaner haben ihre
Moschee, und in der Nahe von Regents Park befindet sich der
Tempel der buddhistischen Mission, die einige Hundert eng-
lischer Anhanger hat — eine kleine Revanche liir die christ-
liche Missionstatigkeit im Osten, Der Mazdaznan-Tempel liegt
im zweiten Stock eines modernen Bureauhauses und dient
einer Art religiosen Gesundheitkults, bei dem das Atmen die
Hauptrolle spielt. Auch dort heilt man Krankheit durch Beten.
Nach dieser Lehre soil das Millennium im Jahre 1960 be-
ginnen. Endlich muB man auch die Salvation Army und ihre
Rivalin, die Church Army, den religiosen Sekten zuzahlen,
wenn auch ihre Hauptarbeit auf sozialem Gebiet liegt. Es ist
sehr leicht, alle diese Religionen, Sekten, Bewegungen spottisch
abzutun, und in vielen Fallen scheint ihre Naivitat gradezu un-
wahrscheinlich, aber dem Glauben ist mit Verstandesargumen-
ten nicht beizukommen. Hier solF nur festgestellt werden, daB
Religion im Gefuhlsleben der englischen Masse eine weit
groBere Rolle spielt und religiose Probleme nach wie vor weit
leidenschaftlicheres interesse erregen, als man erwarten sollte,
und daB Religion in angelsachsischen Landern auch heute ein
sehr wichtiger Faktor des gesellschaftlichen und politischen
Lebens ist.
585
Schone, leere Photographien von A.Kraszna-Kransz
In Leipzig, im Neuen Grassi-Museum, fiillen zweitausend Bil-
ider zwci Stockwerke, Photos von Amateuren, Berufslcutcn,
Fachschiilern- Aus Deutschland und ganz Europa, aus nord-
und siidamerikanischen Landern, manche auch aus Asien. Es
ist die groBte Photoausstellung, die man bei uns seit langer
Zeit sah.
Die Ausstellung des Deutschen Werkbundes in Stuttgart
— vor drei Jahren — ■ war besser. Die Internationale Auswahl
gleichmaBiger und zielbewuBter. Damals haben zwei, drei
Leute die Sache gemacht, diesmal stellen Verbande aus.
Darum fehlen auch etliche gute Namen, mit die besten. Man
sieht weniger Leistung und mehr Material.
Es sind durchaus gute Aufnahmen — ohne Zweifel. Aber
wie viele Bilder finden sich darunter, derentwegeni man noch
einmal nach Leipzig fahren, die man unbedingt haben und an
seine Wande hangen mochte? Mich haben etwa fiinf Bilder
begeistert. Welche es waren und wessen Anbeitf ist gar nicht
sehr wichtig, ein andrer wird sich andre aussuchen, wichtig
dagegen scheint mir diese Zahl: Fiinf, Fiinf unter zweitausend!
Unter zweitausend Photographien aus alien. Teilen der Welt
und gar nicht nur von heute oder gestern. Unter lauter bei-
spielhalten Beispielen, die zum Teil seit Jahren durch Dutzende
von Veroffentlichungen geadelt sind und nun wieder von dieser
oder jener Jury hergewahlt wurden.
Da stimmt etwas nicht. Eniweder taugt man selbst nicht
mehr zum Schauen und Schatzen und Lieben von Biidern, weil
Zeitungen, Biicher und Filme dem Auge keine Ruhe mehr
lassen. Oder es. liegt doch an den Biidern, diesen Photos, der
Photographie iiberhaupt. Weil man sie zu bald ernst nahm,
Kunst hieB und verwohnte . . .
Die Photographie ist nur eine sehr kurze Weile in den
Handen ihrer ersten Meister vor hundert Jahren geblieben,
die zweckbewuBt, unverschnorkelt und liebevoll allein genaue
Abbilder der Natur zu geben trachteten. Schon wurden die
Maler auf sie aufmerksam. (Gleich dieBarbizoner haben photo-
graphiert)- Richtige Maler und noch mehr solche, denen das
Zeug, nicht aber die Sehnsucht dazu fehlte, welche zu sein.
Massenhaft und gierig griffen sie nach der Kamera — aber nur
um sie zu verleugnen,
Diese ,,malerische" Photographie, diese ,tEdeldrucke", die
Graphik sein wollen, die ,,Lichtbildner" mit Sammetjackett und
Schleife gibt es nur noch in winzigen Provinznestefn, wo ein
von Natur und Romantik beseelter Kitsch hinter seinem Zwil-
lingsbruder, den Technik und Snobismus speisen, um Jahr-
zehnte zuriick ist. Wenige nur noch photographieren heute,
weil sie nicht malen konnen. Die meisten tun es eben, weil
Photographieren so leicht ist.
Diese Photographen verleugnen die Kamera nicht, sie
beten sie vielmehr an. Sie ringen mit ihr wie Jakob mit dem
Engel und wollen einen sportlichen Segen erpressen. Sie wollen
mit Gewalt und Krampf und Witz beweisen, was sie alles
kann und daB sie auch, weil sie es konnen, das kann, was sie
586
nicht konnen sollte. Da werden samtliche Register gezogen,
man wundert sich nur noch iiber neue Variationen, die Me-
lodie aber hat man langst vergessen. Es ist der vollkommene
Sieg der Form iiber den Inhalt. Virtuosentum,
Recht lehrreich, dabei einmal von Einzelbeispielen abzu-
sehen und sich von den Generallinien frappieren zu lassen, die
deutliche Konturen um die Photographie der einzelnen Na-
tionen ziehen. Die Deutschen haben es immer mit dem Bild-
ausschnitt. Den Russen kommt es auf den Einstellungswinkel
an. Die Italiener sehen vor allem Licht und Schatten. Die
Amerikaner sind fiir die dekorative Fassade. Den Japanern
hat es das optische Minimum angetan: Da bemiiht sich die
Linse um die hauchzarten Tone und die sparliche Zeichnung
der japanischen Aquarelle ebenso, wie in den photographischen
Kompositionen aller iibrigen Volker der wohlbekannte Grund-
klang ihres Schrifttums, ihrer Musik, ihrer Psyche herauszu-
horen ist. Jede nationale Kultur schafft ihre besondre psycho-
logische Disposition, gemeinsam aber bleibt — von dem
gleichen Entwicklungsschritt des Arbeitsmaterials bedingt —
die Herrschsucht des Stils. Die Uberscharfe einmal dieser,
einmal jener Schneide des Werkzeugs. Die Subjektivitat der
Kamera.
Mag sein, daB das Kunst ist, Mag sein, daB grade das
sehr Kunst ist- Doch keine zeitgemaBe Kunst. Kaum gemaB
einer Zeit, in der das Schicksal eines Menschen — mein
Schicksal, dein Schicksal, das Schicksal der Arbeitslosen und
das der Chinesen — aufdringlicher, packender, wichtiger er-
scheint als die gereimte Meinung des groBten Dichters aller
Zeiten iiber Harmonien der Natur.
Es bedeutet eine kleine Tragodie, wenn die historische
Entwicklung der objektivsten Kunst ihre Meister grade jetzt zur
MiBachtung des Objekts — des Menschen, der Geschehnisse, der
Dinge um uns — treibt. Wenn sie grade heute um asthetische
Abstraktionen bemiiht bleibt, wahrend sonstwo nur von Brot
die Rede ist. Zweitausend Bilder hangen im leipziger Grassi-
Museum und sind nicht von dieser Welt.
Eine Gegenausstellung ware da notig, Mit Bildern aus
illustrierten Zeitungen, politischen Biichern, kampferischen
Schriften, Aufnahmen von Schlachtfeldern, Elendsquartieren,
Konferenzen, Demonstrationen, Fabrikhallen, Arbeitslosen,
Schaufenstern, Bettlertypen. Meinetwegen schlecht und recht
geknipst. Mit den modernen Miniatur-Apparaten, die nur
noch winzige Automaten sind und die, weil ohne jegliche tech-
nische Umstandlichkeit, sich selbst iiberwinden helfen.
Dann sollte man die sechshundert Aussteller der zweitau-
send Photos vom Grassi-Museum an die Hand nehmen und
ihnen sagen: Schaut, das ware der Inhalt! Die zahllosen Re-
porter wie der, die zu unsrer Ausstellung beigesteuert habenf
sollten ins Grassi-Museum gehen yund bemerken: Hier ist die
Form!
Es ist allerdings wahrscheinlich, dafi dieser Versuch der
Angleichung von Inhalt und Form in der Photographie nicht
nur praktisch sondern auch theoretisch aussichtslos ist. Wenn
man es sich recht iiberlegt, besteht zwischen dem starren,
587
flachigen, schwarzweiBen Objekt der Photographic und dcr
Vielzahl ihrer Gestaltungsmittel — Sichtwinkcl, Bildrahmen,
Beleuchtung, Linienftihrung undsoweiter — ein schr starkcs
MiBverhaltnis, das nur der seltene Meister, dcr sich sehr zu
beschranken wagt, so aiiszugleichen versteht, daB lebende, in
sich lebende Kunst entsteht.
In dcr Regel ist die Photographic keine Kunst, in der nach
dem Wahren und Schonen geforscht wird, sondern ein Leicht-
gelande zur Findung dcs Gefalligen und Wahrscheinlichen.
Eigentlich Mittel zum Zweck, an dem man sich mitunter allcin
der1 Fertigkeit halhcr trainiert. Oder auch Obergangsstadium.
Zum Stereabild, zur Kinematographie, zum Fernsehen —
vielleicht.
Rfickkehr zur dffentlictaen Wirtschaft
von Bernhard Citron
Cin Jubelchor aus alien Kreisen der Privatwirtschaft, vom
Kleinhandler ibis zum GroBindustriellen, begriiBte Papens
Wirtschaftsprogramm, Die Unternehmer sollten nicht nur auf
steuerlichem und sozialem Gebiet Erleichterungen crhalten
sondern auch nach frciem Ermessen uber diese Geschenkc ver-
fiigen diirfen> Dem Einzelnen bleibt es iiberlassen, seine
Steuerscheinc in den Geldschrank zu schlieBen, zu beleihen, zu
verkaufen und Neuinvestitionen vorzunehmcn. Auch in den
Lohnfragen erhielt der Unternehmer weitgehcnde Freiheiten.
Deri Arbeitgeber hat das Recht, die gegebenen Moglichkeiten
einer Tarifauflockerung bis zu einem Lohnabzuge von fiinf-
undzwanzig Prozent auszunutzen, falls er neue Arbeiter in sei-
nen Betrieb einstellt. Diese Gabe an die Privatwirtschaft
erwies sich' sehr bald als Danaergeschenk. In vielen Fallen
waren die Arbeitgeber klug genug, von den ihnen eingeraum-
ten Rechten nur einen sehr beschrankten Gebrauch zu machen,
da ihnen der Arbeitsfriede grade bei steigender Konjunktur
wichtiger als eine Ersparnis auf dem Lohnkonto ist. In den
wenigen Fallen, wo rigorose Lohnsenkungen vorgenommen w'er-
den sollten, haben rasch aufflammende Streiks die verfassungs-
maBigen Rechte der Arbeiter wiederhergestellt. Um rund
150 000 Personen hat sich die Arbeitslosenzitter vermindert,
nur etwa 15 000 Personen sind aber auf Grund der Lohn-
erleichterungen in den ProduktionsprozeB eingestellt worden.
Neunzig Prozent der Arbeitslosenverminderung ist demnach
auf Aussteuerung und auf Vorgange zuriickzufuhren, die auBer-
halb des Ankurbelungsprogramms der Reichsregierung liegen.
Tatsachlich hat sich hier und da die Beschaftigung. seit dem
1. September etwas gebessert, weil ausgehend von einer hoff-
nungsvollern Beurteilung -der Weltkonjunktur auch in d«r
deutschen Industrie Ansatze zu einer leichten Marktbelebung zu
spuren sind. Dennoch kann man nach fast anderthalb Monaten,
ohne ein vorschnelles Urteil zu fallen, die Erfolglosigkeit des
Papenprogramms feststellen. Es scheint sich mit einer „auto-
ritativen Staatsfiihrung" nicht zu vereinbaren, das Programm
auch in den von alien Seiten als undurchfiihrbar erkannten
Punkten — vor allem in der Lohnsenkungsfrage — zu revi-
588
dieren. Die Erkenntnis abcr, daB private Unternehmerinitia-
tive ohne planwirtschaftliche Fiihrung des Rcichcs zur Ober-
windung der Arbeitslosigkeit unzureichend ist, beginnt allmah-
lich auch in der Regierung selbst aufzudammern,
Der Landrat a. D. Gereke, Haupteinpeitscher der Hinden-
burg-Wahlt ist im Gegensatz zu andern Wahlhelf ern des Reichs-
prasidenten im Palais Radziwill gut angeschrieben. Das An-
kurbelungsprogramm dieses noch jugendlichen Politikers, der
heute President der deutschen Landgemeinden ist und die An-
wartschaft auf hohe Reichsamter zu besitzen scheint, stammt
noch aus der Vor-Papenzeit Die Finanzierungsmethoden, auf
die hier nicht naher eingegangen werden soil, haben die Kritik
aller Wahrungsfachleute, besonders aber der Reichsbank, her-
vorgerufen, Nachdem Doktor Gereke selbst auf die famose
Idee <les zinslosen Giral-Geldes zur Finanzierung von Beschaf-
tigungsmoglichkeiten fiir die Wirtschaft verzichtet hat, bleibt
von dem eigentlichen Plan nur noch die Forderung an die
Kommunen iibrig, ein Investitionsprogramm durchzufuhren.
Seit Doktor Schacht seine ersten Anklagen gegendie Betati-
gung der Kommunen auf privatwirtschaftlichem Gebiet erhoben
hat, ist die Kritik an der Finanzpolitik der Stadte und Gemein-
den nicht mehr verstummt. Die Kommunen sind derartig in
Mifikredit gebracht worden, da6 man mit dem Ende der stadti-
schen Selbstverwaltung, die 122 Jahre bestanden hat, in diesem
Jahre rechnen muBte.
Nun mit cinem Mai sollen die Gemeinden zu der groBten
und wichtigsten Auf gab e herangezogen werdent die im Interesse
der deutschen Volkswirtschaft zu bewaltigen ist. Wie auch
immer die Durchfuhrung' des Planes aussehen wird, diirften die
Kommunen doch kaum mehr umgangen werden; Diese plotz-
liche Sinnesanderung, nach der fiir oder neben das Unternehmer-
tum die am me is ten diskreditierten Glieder der offentlichen
Hand gestellt werden sollen, erklart sich aus dem MiBerfoLg
einer Ankurbelung ohne plamwirtschaftliche Fiihrung. Viel-
leicht ist man jetzt zu der Uberzeugung gelangt, daB der Unter-
nehmungsgeist in der Privatwirtschaft des AnstoBes durch die
offentliche Hand bedarf.
Damit befinden wir uns an dem Punkte, wo die deutsche
Wirtschaftspolitik im Sommer. stand, als Papen das Steuer der
Staatsfuhrung herumwerfen wollte. Diese Neuorientierung
einer absolut kapitalistisch gesinnten Regierung auBert sich
auch in der Behandlung jener Reichsbeteiligungen, die zur Ver-
hinderung wirtschaftlicher Katastrophen von der friihern Re-
gierung erworben werden muBten. Von einer Reprivatisierung
ist heute nicht mehr die Rede, Die geplante Zusammen-
fassung der Beteiligungen an Bankinstituten in einer Reichs-
gesellschaft wird uns dem Bankensozialismus naher bringen.
Auch die Stellung des Reiches in der Montanindustrie und in
den Reedereien diirfte in nachster Zeit eher befestigt als ge-
lockert werden. Jene Propheten, die unter dem Beifall privat-
wirtschaftlicher Kreise das Ende des Kapitalismus vorausgesagt
haben, scheinen allerdings Unrecht zu behalten. Der Kapi-
talismus ist nicht beseitigt, die Zerschlagung der Konzerne und
die Wiederaufrichtung eines bodenstandigen.Unternehmertums,
589
von der politische und wirtschaftlichc Reaktionare traumten,
bleibt ein undurchfuhrbarer Anachronismus. Abcr aus der
hochkapitalistischen Privatwirtschaft, deren Tendenz zur Kon-
zernbildung sich nach kurzer Pause wieder. durchsetzen wird,
ist der starke sozialistische Sektor nicht mehr fortzudenken.
Wenn einmal an die Stelle der nSozialisten wider Willen", zu
denen auch die ganz privatwirtschaftlich orientierten Regierun-
gen Bruning und Papen erzogen werden muBten, eine planwirt-
schaftliche Staatsfiihrung treten sollte, dann wird jener sozia-
listische Sektor eine besondere Bedeutung erhalten. Er wird,
wie, einst die preuBischen Domanen, Eigenbetrieb der Staats-
und Vorbild der Privatwirtschaft sein. Von der Uberschatzung
der Unternehmerinitiative ist aber ein weiter Weg durch poli-
tisches und wirtschaftliches Kampfgebiet bis zur Domane des
Sozialismus zuriickzulegen,
Wochenschau des Ruckschritts
— Der deutschnationale charlottenburger Stadtverordnete v. Jeck-
lin hat sich in einer Deputationssitzung fiir die Wiedereinfiihrung des
Herrenhauses und des Dreiklassenwahlrechts ausgesprochen.
— Die sozialdemokratische ,Konigsberger Volkszeitung' wurde auf
vier Tage verboten.
— Zwolf in Essen verurteilte Nazis wurden in Freiheit gelassen,
so daB sie verschwiuden konnten und die Aufforderung zum Straf-
antritt sie nicht erreichte. G. Carl Lahusen wurde gegen eine Kau-
tion von einer Million aus der Haft entlassen.
— Eiiie; Versammlung der KPD in Berlin-Moabit mit dem Thema
,,Warum hat Hitler die Papen-Regierung in den Sattel gehoben?"
wurde verboten. Das berliner Komitee gegen den imperialist is chen
Krieg wollte eine Versammlung mit Barbusse abhalten und erhielt
vom PreuBischen Innenministerium den Bescheid, daB die Versamm-
lung zwar wahrscheinlich stattfinden, daB aber Henri Barbusse auf
keinen Fall sprechen diirfe. Eiae Versammlung der Frauenzeitschrift
„Der Weg der Frau" mit dem Thema „Der Zwickel im Wandel der
Zeiten" wurde aufgelost, weil die Besucherinnen angeblich ein politi-
sches Lied gesungen hatten.
— Ein Karikaturist, der in einer berliner kommunistischen Ver-
sammlung einen Mann mit Stahlhelm und Zwickelbadehose gezeichnet
hatte, wurde wegen ,,Verachtlichmachung des Reichsprasidenten"
verhaftet.
— ■ Wahrend die SA seit Wochen in den StraBen Berlins Geld-
sammlungen veranstalten, sind der Roten Hilfe derartige Sammlungen
untersagt worden, ebenso darf die „Welt am Abend" ihreLeser nicht
mehr auffordern, sich an der Bereitstellung von Kinderfreitischen zu
beteiligen, Zur Begriindung dieses Vorgehens wird eine Bundesrats-
verordnung aus dem Jahre 1917 angeftihrt.
— Die Kriminalpolizei Berlin hat die Raume der Roten Hilfe nach
gestohlenen Schreibmaschinen durchsucht. Im ganzen Reich fanden
.bei der KPD und den ihr nahestehenden Organisationen und Verlagen
politische Haussuchungen statt.
— Zwei Bilder von A. Erbach aus der Ausstellung der revolu-
tionaren Kiinstler wurden beschlagnahmt. In Brandenburg veranlaBte
die Polizei einen Buchhandler auf Grund des Bracht-Erlasses, den
Umschlag eines Buches, der die Venus von Milo darstellte, aus dem
Schaufenster zu entfernen.
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen,
590
Bemerkungen
Renaissance der M on archie
Fiinf oder sechs Jahre ist es her,
da schrieb Walter Lambach, da-
mals Reichstagsabgeordneter der
Deutschnationalen Volksjpartei,
die Monarchie sei fiir Deutsch-
land nur noch eine Kinoangelegen-
heit. Worauf ihn Hugenberg aus
seiner Partei heraussetzen lieB,
weil er zwar tiberzeugt war, daB
Lambach recht habe, aber grade
darum sich in seinen heiligsten
Gefuhlen verletzt fiihlte.
Heute ist nicht mehr ganz
wahr, was vor fiinf Jahren so
schien. Bis zum 13. August 1932
gab es nur eine fascistische Ge-
fahr fiir die Republik. Heute
zeigt sich nachst der drohenden
Militardiktatur oder hinter ihr
wieder das monarchistische Ge-
spenst, Wer von Hitler ent-
tauscht ist, versucht seine Unter-
tanenkomplexe an einem andern
Ob j ekte abzureagieren.
Monarchisten und Pratendenten
vermeinen, Morgenluft zuspiiren.
Ira Bund der Auf rechten batten
sich nach der Revolution die letz-
ten Panoptikumsfiguren der preu-
Bischen Royalisten zusammen-
gefunden, eine sehr kleine, aber
sehr erlesene Gesellschaft. Sie
sandten Telegramme nach Doom
und betatigten sich auch sonst
politisch. Die Republik hatte vor
einigen Jahren den Bund ver-
boten. Bracht hat ihn wieder
erlaubt,
Neben dem wiedergeborenen
Bund der Aufrechten ist vor eini-
gen Wochen neu gegriindet wor-
den die „Sozial-Monarchische
Bewegung", Sie gibt ein Wochen-
blatt ,Die Monarchie* heraus und
domiziliert in der Potsdamer
Strafie.
Nebenan in der LiitzowstraBe
haust die , (Deutsche Kaiserpar-
tei'\ Ihr Organ nennt sich ,Fa-
nal' und hat erst drei Nummern
herausgebracht, wahrend die
tMonarchie' in der Lage war,
dttrch Flugblatt den Ausfallihrer
Nummer 7 anzuzeigen.
Natiirlich sind Aufrechte und
Sozialmonarchisten und Kaiser-
parteiler samt und sonders nur
Erscheinungen aus der Kleintier-
welt. Man fragt sich vergebens,
warum sich der groBe Unbekannte
fiir solche Griindungen in Un-
kosten stiirzt. Ernstzunehmen als
Partei der Restauration ist ledig-
lich die Deutschnationale Volks-
partei. Sie war immer grundsatz-
lich monarchistisch, hat aber
Jahre hindurch ihr monarch isches
Treubekenntnis im Parteisafe
sicher zu verwahren gewuBt.
Jetzt halt sie es fiir zeitgemaB,
es wieder in Gebrauch zu nehmen.
Auf der Reichsfiihrertagung der
Deutschnationalen Volkspartei er-
klarte am 6. Oktober Dr. Quaatz,
das Sprachrohr Hugenbergs, „die
Wiederaufbauarbeit Peutschlands
musse ihr letztes und groBtes Ziel
in der Wiederhersteilung des
Hohenzollernkaisertums finden."
Der Stahlhelm lieB am 9. Ok-
tober auf seinem La ndes verba nds-
tag in Magdeburg die Kron-
prinzessin reden. Gleichzeitig
fiihrte er in Berlin dem Kron-
prinzen und seinen Briidern einige
seiner neuen Filme vor. , Den
Prinzen wurden stiirmische Ova-
tionen gebracht. Herr v. Papen
hielt eine Ansprache und ver-
sprach dem Stahlhelm, daB er
nicht umsonst gekampft haben
solle.
Deutschnationale Volkspartei
und Stahlhelm sind die einzigen
politischen Stiitzen des Kabinetts
Papen,
Die Hohenzollernprinzen haben
ihre Rollen verteilt. Die einen ar-
beiten im Stahlhelm, die andern
in der NSDAP; Den Verbindungs-
offizier zwischen den scheinbar
getrennten Fronten macht der
Kronprinz. Er ist aktiv im Stahl-
helm, Hospitant bei Hitler, fur
dessen Prasidentschaftskandidatur
im zweiten Wahlgang er offent-
lich eintrat.
Wer ist Pratendent fiir den
Thron? Der Kronprinz ist be-
stimmt keine Energie, nicht ein-
mal auf dem Tennisplatz. Aber
Frau Cacilie ist eine Energie. Als
ihr ein paar Jahre nach der Re-
volution Major Anker klarzu-
machen versuchte, daB der einzige
591
aussichtsreiche Kandidat ihr alter
ster Sohn sei — cr hat noch
keine Gelegenheit gehabt, sich mit
negativen Leistungen zu be-
lasten — t erwiderte sic ganz von
oben: „Glauben Sie, ich verspurte
Neigung zur Rolle der Kaiserin-
Mutter?" und wandte ihm den
Riicken.
Der .Vorwarts' hat sehr genaue
Mitteilungen uber die Plane des
Kronprinzen veroffentlicht, sich
zum Reichsverweser machen zu
lassen, gestiitzt auf Reichswehr,
auf die auf das Reich uber-
gegangene Schupo und auf vier-
hunderttausend bewaffnete Stahl-
helmer. Der Kronprinz hat den
.Vorwarts' bisher nicht verklagt.
Er hat ihm nicht einmal auf
Grund von § 11 des Prefigesetzes
eine Berichtigung zugesandt.
Die Regierung allerdings hat
sehr kategorisch erklart, dafi ihr
von solchen Planen des Kron-
prinzen nichts bekannt sei. Kein
loyaier Staatsburger wird an der
Richtigkeit dieser Erklarung zwei-
feln. Sie trifft sicher fur das
Datum zu, an dem sie abgegeben
wurde.
Inzwischen hat Herr v. Papen
in Munchen seine Antiverfassungs-
rede gehalten. Er will zwar den
zweiten Teil der Verfassung be-
stehen lassen, dafur aber den
ersten um so energischer refor-
mieren. Grade in diesem ersten
Teil steht, dafi das Deutsche
Reich eine Republik sei.
Unter den Mitgliedern des Ka-
binetts ist kein einziger Republi-
kaner. Man darf sich nicht wun-
dern, dafi die Monarchisten
aufierhalb des Kabinetts auf die
Monarchisten innerhalb des Ka-
binetts hoffen. Vorlaufig begnu-
gen sie sich damit, fur die Wahl
von Deutschnationalen zu agitie-
ren. Wissen sie doch sehr genau:
wer Hugenberg wahlt, wahlt
Hohenzollern.
Prinzen und Monarchisten hal-
ten die Konjunktur fur gunstig.
Sie sagen sich: wenn nicht unter
Hindenburg, so doch bestimmt
hinter ihm.
Heltmut v. Gerlath
Ankurbelung
YV/ir nahern uns wieder der Zeit
** der Maschinensturmer.
Da haben die berliner Kohlen-
handler mit Hilfe der Gewerk-
schaften beschlossen, die schonen
Greifer und Krananlagen, die
sinngemafi zum Verladen der
Kohlen vorhanden sind, zur ge-
waltigen Attrappe zu degradieren
und in ihrem Schatten vierzig Ar-
beitslose des Segens teilhaftig
werden zu lassen, Kohlen mit der
Hand zu trimmen. Dafur wollen
die Kohlenhandler den Segen der
Notverordnung geniefien, nach der
sie fur j eden neu eingestellten
Mann ein Geschenk von vierhun-
dert Mark erhalten.
Solche Wege weist das neue
Wirtschaftsprogramm.
Die Berliner Hafen und Lager-
haus A.-G. (Behala) jedoch, die
aus ihrer Anlage naturlich den
Nutzen ziehen will, hat den Hand-
betrieb nicht gestattet. Das kon-
statiert die ,Germania* mit folgen-
den Wort en: tl. . . Der Kohlenhan-
del sieht sich. jetzt genotigt, die
bereits eingestellten Arbeiter zu
entlassen, wenn nicht durch Ein-
greifen von andrer Seite die Hal-
tung der ,B«hala\ die mit den Be-
miihungen zur Bekampfung der
Arbeitslosigkeit kaum in Einklang
zu bringen ist, eine Anderung er-
fahrt."
Wir fassen uns ob solcher Be-
mtihungen an unsern okonomi-
schen Kopf. Wenn so die Be-
kampfung der Arbeitslosigkeit
aussieht, fallt es nicht schwer,
sich das Ende vorzustellen:
Im Schweifie ihres Angesichts
und im Anblick herrlicher, arbeit-
und zeitsparender, aber dampf-
und stromloser Maschinen wird
der Arbeiter wieder roboten, nicht
nur als Knecht seines Arbeit-
gebers sondern jetzt auch wieder
als Knecht der Natur, des Stoffes,
des Materials. Und das nur, weil
die kapitalistischen Wirtschafts-
fiihrer auf ihrem Steckenpferd
lieber in die Steinzeit zuriick-
reitem als eine sinnvolle, die
Technik mitzende Wirtschaft auf-
bauen wollen.
Jos, F aense n
592
„Der letzte deutsche Kriegs-
gefangene"
/^\skar Daubmann, in Wahrhcit
^^ Karl Ignaz Hummel, ist als
Schwindler entlarvt worden,
Diese Aufdeckung wird gewiB
den vielen Gazetten peinlich sein,
die mit Daubmann ein so herr-
liches chauvinistisches Geschaft
betreiben konnten, Schrieb doch
der ,Angriff noch am 9. Juli von
einer „ungeheuerlichen, aller Kul-
tur hohnspfechenden franzosi-
schen Schandtat"! Auch die iiber-
fliissigerweise noch immer exi-
stierende „Reichsvereinigung ehe-
maliger Kriegsgefangener", deren
Aufgabe es anscheinend ist, aus
der Kriegsgefangenenschaft einen
Beruf zu macben, ist reingefallen.
Sie stellte noch vor ganz kurzer
Zeit Oskar Daubmann der ber-
liner Presse als wirklich letzten,
echten, sozusagen amtlich zuge-
lassenen deutschen Kriegsgefan-
genen vor. Er hat damals die
Priifung glanzend bestanden. Er
brauchte ja der Presse und
dem sonstigen Publikum ein-
fach nur das zu erzahlen, was
die Herren von ihm so gerne ho-
ren wollten. Die Franzosen sind
nun einmal furchtbare Barbaren.
Sie qualten Daubmann sechzehn
Jahre lang in, Afrika und lieBen
ihn im Kerker schmachten!
DaB auch die Eltern auf diesen
Schwindler hereingefallen sind,
ist die einzige tragische Seite
dieser Angelegenheit. Sie ahn-
ten nicht, dafi heute letzter deut-
scher Kriegsgefangener sein ein
neues Metier bedeutet, um das
sich verschiedene Leute bemuhen,
Jener Alfons Paoli Schwartz,
dessen Schicksal gewifi tragisch
war, deklariert sich ja auch in
seinen Erinnerungen als letzter
deutscher Kriegsgefangener oder
wird als solcher reklamiert Da-
bei ist er 1919 regelrecht in Kehl
wegen angeblichen Kriegsverrats
verhaftet worden.
In Italien gibt es den Parallel-
fall Bruneri, jerien ((Professor",
der seit Jahren um die Anerken-
nung kampft, Bruneri zu sein. Und
er nicht all ein: die Frau des ver-
schollenen Professors Bruneri
kampft mit ihm aus jenem glei-
chen verstandlichen Sentiment,
das die Eltern des verschollenen
Daubmann nach anfanglichem
Zogern veranlafite, in dem Heim-
gekehrten ihren Sohn wiederzu-
erkennen.
Es gibt viele Leute, die heute
f,plotzlich zuriickkehren" und er-
klaren. sie kamen aus der Kriegs-
gefangenschaft, Sie wissen, daB
das auBerordentlich imponierend
wirkt und auch Geld einbringt.
Zunachst einmal verburgt es eine
glanzende Aufnahme in der Hei-
mat, spater veranstalten sie Vor-
tragsreisen (wie Daubmann, der
auf einer solchen verhaftet
wurde) und dann findet sich mei-
stens auch noch ein guter Ver-
leger. Es ist also ein sehr ein-
tragliches Geschaft, und wenn
nicht in dem Auswartigen Amt
Herr Regierungsrat Kundt saBe,
der diese Falle aus langjahriger
Erfahrung kennt und dem ohne
Zweifel neben den badischen Be-
horden auch das Verdienst an
der Entlarvung dieses „Daub-
mann" zugeschrieben werden muB,
wer weiB, wieviele letzte deutsche
Kriegsgefangene es heute schon
in Deutschland gabe.
Als die franzosische Regierung
im Falle Daubmann notifizieren
lieB, daB ein Mann gleichen Na-
mens nie Kriegsgefangener ge-
wesen sein konne, da geriet unsre
nationalistische Presse iiber die
Verworfenheit dieser bosen Fran-
zosen aus dem . Hauschen. Sie
■duard H-.mann Djft SOZlaliStlSChe
Wlrtschaffts- und Arbeitsordnung
Der Sozialismus kann nor dann Wirklichkeit werden. wenn die planende Idee den
Hnt znm Entwurl der sozialistischen Ordnung aufbringt— wonlvereUnden : ans
der heutigen Wirklichkeit heraus. Wir miissen Kduard Heimann dankbar aein(
daB er diesen Entwurt gewagt hat.'
Fordem Sie bitte Verlagsprospekt vom
Alfred Protte Verlag, Potsdam
593
hatten sich ja bloB an den Fall
des Louis Schneider aus Bokitt-
nitz zu erinnern brauchen. Der
hatte doch sogar nachweislich
Weihnachten 1 928 aus einem
franzosischen Zuchthaus ge-
schrieben, seine Angaben waren
daher viel glaubwtirdiger als die
Daubmanns. Aber bei ihm konnte
unschwer festgestellt werden, daB
er nach denx Kriege nach Frank -
reich gegangen war, sich dort
eines Verbrechens schuldig ge-
macht hatte und deswegen nun
im Zuchhaus safi.
Neulich hat Gabriele Tergit
hier das hiibsche neue Gesell-
schaftssnjel „Ich lasse dich an
der LitfaB-Saule verhaften" emp-
fohlen. Es ist schon wieder ab-
gelost von Herrn Karl Ignaz
Hummel alias Oskar Daubmann,
der das neuste Gesellschaftsspiel
„Ich kehre als letzter deutscher
Kriegsgefangener heim" in den
Handel brachte. Das ist noch
vorteilhafter, weil es etwas ein-
bringt, Und so sicher es deutsche
SpieBer gibt, so sicher wird das
immer wieder vorkommen, und
bestimmt fallt auch alles wieder
darauf herein!
Kurt GroSmann
Auswuchse der Prostitution
F^ ie kommissarischen preuBischen
*^ Minister haben verkiindet, daB
sich ihre treuen Untertamen in
alien Landesteilen gar bitter uber
die ,,Auswuchse der Prostitution"
beschwert hatten. Die offentliche
Ordnung sei neuerdings durch
das Verhalten der Prostituierten
derart gestort, daB die Bestim-
mungen des Gesetzes zur Be-
kampfung der Geschlechtskrank-
heiten nicht mehr gemigten, um
dieses Dbel einzudammen. Re-
sultat: die Herren beraten eine
neue Notverordnung. Leider ha-
ben es die „beteiligten Ministe-
rien" unterlassen, gleichzeitig zu
verkiinden, daB die sogenannten
„Auswuchse" bereits mit demgel-
tenden Strafgesetz dauernd ver-
folgt werden, daB alljahrlich Hun-
derte von Prostituierten ebenwe-
gen jener Auswuchse ins Gefang-
nis kommen. Mit Haft wird be-
straft, „wer offentlich in einer
Sitte oder Anstand verletzendea
oder andre belastigenden Weise
zur Unzucht auffordert oder sich
dazu anbietet." AuBerdem: „wer
gewohnheitsmaBig zum Zwecke
des Erwerbes in der Nahe von
Kirchen, Schulen oder andern
zum Besuche von Kindern und
Jugendlichen bestimmten Ortlich-
keiten oder in einer Wohnung,
in der Kinder oder Jugendliche
im Alter zwischen drei und acht-
zehn Jahren wohnen, oder in einer
Gemeinde mit weniger als fiinf-
zehntausend Einwohnern, fiir
welche die oberste Landesbehdrde
zum Schutze der Jugend oder
des offentlichen Anstandes eine
entsprechende Anordnung getrof-
fen hat, der Unzucht nachgeht."
Das sind nicht etwa veraltete und
vergessene Paragraphen, um die
sich niemand kummert. Es sind
die Erganzungsbestimniungen von
1927, die von der Kriminalpolizei
und den Amtsgerichten durchaus
beachtet werden. Allein das
Amtsgericht Berlin- Mitte erlaBt
im Jahr ungefahr siebenhundert
Strafbefehle gegen Prostituierte,
die sich gegen diese Bestimraun-
gen vergangen haben. Es bleibt
ein ungelostes Ratsel, wie die
Madchen bei dem ungeheuren
Uberangebot ihrcn traurigen Be-
ruf auch nur mit kleinstem fi-
nanziellem Erfolg ausiiben kon-
nen, ohne jeden Augenblick ge-
gen das Gesetz zu verstoBen.
Viele sehen so brav und bieder
aus, stehen so verangstigt und be-
scheiden an den StraBenecken,
daB man sie nur an der typischen
Handtaschenbewegung erkennt.
Im auBeren Chaos die innere Ordnung
festigen, lehrt Sie das Buch „Geist und
Form" von Bo Yin Ra.
Was B6 Yin Ra lehrt, lebt er sei bet Er gibt keine Ratschlfige, die sich nicht befolgen
lassen, Sie erhalten das Buch (Preis geheftet RM. 2.-) durch Ihren Buchhandler
oder direkt von uns. Kober'sche Verlagsbuchhandlung (gegr. 1816), Basel -Leipzig.
594
Kleine Gruppen von drei und
vier Fraucn unterhalten sich wie
gesittete Kleinbiirgerinnen unauf-
fallig iiber Miete und Kleider, sie
gehen wortlos auseinander, wenn
sie sich nur ein paar Minuten
lang beobachtet ftihlen. Sie wis-
sen ja genau, daB die Kriminal-
polizei aufpaBt. Wenn sie beim
Ansprechen ertappt werden,
kommt beim ersten Mai eineVor-
ladung und Verwarnung. Beim
zweiten und dritten Mai kommt
schon der Strafbefehl, mit der
Mitteilung, daB sie drei oder
vier, manchmal auch acht o der
zehn Tage Haft im Gefangnis1 ab-
sitzen mils sen.
Als ganz schwerwiegende „t)ber-
tretung" gilt das sogenannte
,fTatlichwerden" beim Anspre-
chen, besonders wenn etwa meh-
rere Madchen einen Mann ein-
kreisen. „Strumpfband ordnen"
als Anreizmittel auf der StraBe
ist auch schon strafbar, von lau-
ten, herausfordernden Bemerkun-
gen gar nicht zu sprechen, Etwa
zwanzig Prozent der Frauen neh-
men den Strafbefehl an und ver-
zichten auf ihr Widerspruchs-
recht. Die Mehrzahl legt Wider-
spruch ein und muB sich dann in
einer besondern Gerichtsverhand-
lung vor dem Einzelrichter ver-
antworten. Da kommen abge-
harmte, elende Frauen von fiinf-
zig Jahren, die schon larige nicht
mehr konkurrenzfahig sind und
nur noch mit den grobsten Mit-
teln Erfolg haben konnen. Es
kommen die HaBlichen und die
Ungeschickten, manchmal ein paar
ganz junge Anfangerinnen, die
noch nicht Bescheid wissen. Die
Zeugenaussag« der Kriminalbe-
amten ist das Beweismaterial.
Bei der ersten Verurteilung kann
der Richter noch einmal Bewah-
rungsfrist geben, die in der Regel
auf anderthalb Jahre bemessen
wird, Kommt in dieser Zeit eine
zweite Anzeige, so miissen die
erste und die zweite Strafe ver-
biiBt werden, Bei allzu haufigen
Ruckfallen wird die Landespoli*
zeibehorde benachrichtigt; das
heifit dann unter Umstanden Ar-
beitshaus, Besserungs- oder Er-
ziehungsanstalt , oder zwangsweise
Verwendung fiir „gemeinnutzige
Arbeiten".
Die neue christlich-nationale
Regierung konnte mit den beste-
henden Bestimmungen zufrieden
sein, selbst wenn es auch einsich-
tige und aufgeklarte Polizeibe-
amte und Richter gibtf die ihre
Machtmittel nur verniinftig und
im Interesse der offentlichen Ord-
nung anwenden, ohne die ausge-
sprochene Absicht, den christ-
lichen Staat durch die Einkerke-
rung seiner arms ten Kinder zu
retten, Wer wird eigentlich durch
die sogenannten Auswiichse be-
leidigt? In den ganz beruchtigten
Stadtvierteln halt sich in der
Regel nur auf, wer an solche An-
blicke gewdhnt ist oder selbst da-
zu gehort. Das Argernis am so-
genannten „hellichten Tag" neh-
men ein paar Ladenbesitzer, die
behaupten, daB das ehrbarePubli-
kum ihre Schaufenster nicht un-
gestort betrachten konne. Sowie
sie eine Beschwerde einreichen,
wird ihre Ecke von der Kriminal-
polizei besonders beobachtet. Die
Fremden? Warum sollen die
Amerikaner nicht wissen, daB es
fiir Tausende deutscher Frauen
REIST MIT PETER PANTER
LEST: EIN PYRENAENBUCH
11. Tausend • Geheftet M 5.— • Leinenband M 7.50
„Dieses Pyrenaenbudi ist wirklidi das Reisebuch. Kaum eines hat mir eine
Landschaft, die ich noch nicht kannte, so nahe gebracht, so zum Freunde
gemacht wie dieses Pantersche. Das kommt daher, dafi es nicht geschrieben,
sondern erlebt ist." 8-Uhr-Abendblatt, Berlin
BERLIN W 50
595
ROWOHLT VERLAG
keine andere Existenzmoglichkeit
mehr fiibt? Die erwachsenen Bur-
ner, die ihrcr Arbeit nachgehn?
Es schadet ihnen nichts, wcnn sie
taglich darauf gestofien werden,
dafi sich Manner fur f linf zig Pfen-
nig und eine Mark eine Frau
kaufen konnen, die vielleicht noch
vor ein paar Monaten genau so
ordentlich in die Fabrik und in
das Bureau gegangen ist wie ihre
eignen Tochter und Schwestern.
Durch eine neue Notverordnung
zur Drangsalierung armer Stra-
fienmadchen wird der Herr
Reichsminister des Innern aus
Deutschland kaum ein Madchen-
pensionat machen konnen,
Hilde Walter
Wo bleibt die HOflich?
lUlanchmal^ selten kommt der
*"* Gliicksfall, dafi Aussehen
und Personlichkeit einer Schau- .
spielerin sich decken rait der Ge-
stalt des Dichters,
Als die Hoflich die Frau
John in den Ratten spielte, trat
dieser Gliicksfall ein, Es ist ihre
Rolie. Die Hoflich, in ihrer Kor-
perlichkeit kein modernes Ideal,
auch ganz jung nie „junges Mad-
chen", deckte sich ganz mit der
Vision des Dichters, Lucie Hof-
lich ist die Frau aus dem Volk,
etwas zergangen, grob und klein-
biirgerlich, aber wenn sie eintritt,
tritt der Mythos selber ins Zim-
mer. Das Schicksal ist sie, die
ewige Moira, Sie ist das Mutter-
tier. Erst bei den breiten Hiiften
der Hoflich ist Unfruchtbarkeit
vernichtend. Sie ist Frau John,
Morderin aus sinnlosem Trieb
nach dem Kind,
Lucie Hoflich hat in den letz-
ten Jahren nicht viel gespielt,
Einmal in Bruckners „Verbre-
chern", einmal in Hamsuns ,,Vom
Teufel geholt", Seitdem beinahe
nichts. Sie lag brach. Jetzt kam
die Neuinszenierung der Ratten,
zugleich Feier von Hauptmanns
siebzigstem Geburtstag, Man holte
die Hoflich nicht. Man! liefi sie
Ziehen, Sie spielt in Hamburg die
Frau John.
Kein Wort gegen die Dorsch,
Aber die Dorsch ist jung, an Jah-
ren, mehr noch an Aussehen, sti-
fles Madchen, Noch in zehn Jah-
ren, in fiinfzehn Jahren hatte sie
die Frau John spielen konnen,
Sie ist immer groBartig, aber eine
Frau John ist sie nicht, Sie ist
eine helle Liebende, eine begna-
dete Frau. keine dunkle Getrie-
bene. Sie kommt nicht aus dem
Reich der Mutter. Wenn irgend- .
wo, wenn irgendwann, dann war
hier die Hoflich am Platze. Geht
es in der Kunst nach Leistung?
Oder geht es nach AuBerlichkei-
ten? Hatte man vielleicht den
Snobismus zu denken: Nun aber
mat j emand andern fur die
John? Wahlte man die Dorsch,
weil ihr Name im Augenblick der
zugkraftigere schien?
Eine Kunstlerin ist ein emp-
findliches Wesen. Es mufi um-
hegt werden. Was man hier ge-
tan hat, ist ein tiefes Unrecht,
schmahliche Undankbarkeit gegen
eine grotfe Frau,
Gabriele Ter&it
Hinweise der Redaktion
Berlin
Deutsche Liga fur Menschenrechte, Ortsgruppe Mitte. Dienstag 20.00. Himburgs Bierh&us
Charlottenstr. 81 : Aktion gegen die Papen-Notverordnung, Hanns-Erich Kaminski. —
Ortsgruppe Schdneberg. Dienstag 20.15. Cafe des Westens, Kurfurstendamm 24
(Blaues Zimmer): Die politischen und sozialen Krafte im heutigen Deutschland,
Arthur Rosenberg. — Jugendliga. Sonntag 11.00. Kamera, Unter den Linden 14:
Politisches Marionettentheater. — Antikriegsmuseum, Parochialstrafie 29 (U-Bahn
Klosterstrafie). Freitag 20.00. Ernst Friedrich liest Kapitel aus seinem Buch
„Festung Gollnow". AnschlieBend freie Diskussion.
Individualpsychologische Gruppe. Montag (17.) 20.00. Klubhaus am Knie, Berliner Str. 27
Individuum und Gemeinschaft, Alexander M&Uer.
Stuttgart
Linkskartell der Geistesarbeiter und freien Berufe. Donnerstag 20.00. Bfirgermuseum: Die
Kulturkrise und die Lege der Geistesarbeiter und der freien Berufe, Edwin Hornle.
Rundfunk
Dienstag. Leipzig 19.30: Aus Cervantes Don Quixote.— DonnersU?. Mtthlacker 19.30:
Figaros Hochzeit von Mozart. — Konigsberg 20.35: Aus den Prosaschriften, Erzah-
lungen und Anekdoten Heinrich v. Kleists. — Leipzig 20.40: Kleists Prinz Friedrich
von Homburg. — Breslau 18.00: Heinrich Schnitzler liest aus Arthur Schnitzlers
unveroffentlichten Schriften.
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Antworten
Jungbannermann Martin. Sie schreiben tins : ,,Seit j enem un-
gliickseligen 20. Juli 1932, der in der Geschichte wohl als unser
schwarzester Tag erscheinen wird, geht ein frisch-frohlicher Oppo-
sitionswind -durch den SPD-Apparat. Daa Murren und Kritisieren ge-
gen Braun, Severing, Grzesinski und auch gegen Wels verstummt
nicht mehr. Wer sind die Oppositionellen und was wollen sie? Wir
wollen in erster Linie Sozialisten und erst in zweiter Linie Demokraten
sein, wir wollen keinen sozialen sondern einen sozialistischen Volks-
staat. Wir, das sind: das Reichsbanner und hier in erster Linie wie-
der die Jungbannerformationen, die Gewerkschaftler der Hammer-
schaften und Teile der SAJ. Wir nehmen urisre Opposition ernster
als Rosenfeld und Seydewitz, wir wollen nicht aus der SPD austreten,
wir wollen die Arbeiterschaft nicht schwachen, indem wir eine neue
Spaltung in der Partei heraufbeschworen. Nein, wir bleiben in der
Partei, wir wollen mit verdoppelter und verdreifachter Kraft in alien
Parteiinstanzen und Veranstaltungen arbeiten, um die Partei von in-
nen heraus wieder schlagkraftig und kampffahig zu machen. Es ware
schade um den Partei- und Gewerkschaf tsapparat, den sich , die Ar-
beiterschaft in ihren jahrzehntelangen Kampfen geschaffen hat, wenn
er durch voreiliges Handeln zerschlagen wiirde. Aber wir sagen
ebenso offen, daB unser Parteiapparat zu schade ist fur eine Politik
von Rauschebarten. Wir wollen unsern Fiihrern nicht den guten Wil-
Ien absprechen, wir wollen ihnen auch ihre Verdienste (es sind leider
allzuwenig) nicht schmalern, Aber das groBte Verdienst eines Fuhrers
ist die Erkenntnis, daB er nicht mehr in der Lage ist, mehr als hun-
dertprozentig seinen Posten zu versehen (denn hundertprozentig allein
geniigt heute nicht mehr), daB seine Zeit abgelaufen ist. Es kann
kein Zweifel bestehen, auch in der heutigen Parteileitung nicht, daB
eini Mann mit fiinfundfunfzig oder sechzig und mehr Jahren, mag er
noch so viel guten Willen haben, nicht mehr der rechte Mann am
rechten Fleck ist, Noch viel weniger sind es aber Leute, denen auch
der gute Wille fehlt und die aus Engstirnigkeit jeden neuen Vor-
schlag ablehnen und es als personliche Krankung auffassen, wenn
Teile der Partei und vor allem die Jugend andrer Meinung sind.
Von der SPD wurde jetzt ein Sozialisierungsprogramm aufgestellt.
Das hat uns sehr gefreut. Wir glauben nur nicht, daB wir damit Er-
folg haben konnen, solange nicht die Fiihrung wechselt. Wir wollen
neue junge Krafte sehen, denen wir die Kraft zutrauen konnen, daB
sie sdch ganz dafiir einsetzen. Unsre alten Ftihrer sind mit zu viel
Verantwortung fur, so viele Unterlassungen der Vergangenheit belastet,
daB das Volk an einen solchen Umschwung bei ihnen einfach nicht zu
glauben vermag. Eine Anderung in der Taktik und in den Absichten
setzt als Fundament einen Wechsel in der Fuhrerschicht voraus, Es
mussen junge Krafte an die Spitze, die weniger staatspolitisches Ver-
standnis aber dafiir mehr Machtwillen, weniger demokratische Duld-
samkeit und Milchbreitoleranz aber dafiir mehr sozialistischen Willen
haben. Und wir haben dieser Krafte genug, ich nenne nur einige:
Seeger, Mierendorf und die vielen Partei- und Gewerkschafts-
funktionare, die in ihrem Kreis unermiidlich tatig sind und nur
dadurch bisher nicht an die breite Offentlichkeit oder gar in deri
Reichstag oder Landtag gelangten, daB sie noch keine sechzig Jahre
alt. sind. Auch bei uns im Reichsbanner mufi mit den alten Leuten
aufgeraumt werden, die die Zeichen der Zeit nicht verstanden haben,
oder nicht verstehen wollen. Wer sich heute noch mit den bisherigen
ungeniigenden Ergebnissen — wenn nicht gar Mifierfolgen — der Wah-
len zufrieden gibt, hat in einer Kampfformation nichts zu tun, erst
recht nicht an irgend einer leitenden Stelle, Wir wollen auch nicht,
daB die SPD-Funktionare gleichzeitig auch die Funktionsposten im
Reichsbanner innehaben, denn dadurch leidet unsre politische Selb-
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standigkeit. Da die ganze Wahlarbeit zu funfundsiehzig Prozcnt von
uns Reichsbannerleuten getragen wird, fordern wir, daB wir auch den
Einflufl haben, der uns gebiihrt. Wir sind uns unsrer Machtstellung
bewuBt, deshalb wollen wir sie auch nutzen. Es ware verfehlt, wollten
wir alle Diskussion iiber begangene Fehler lassen und so weiter ar-
beiten, Weiter gearbeitet soil werden, aber ganz dnders als bisher."
Einsender, Flehentliche Bitte: Schickt uns nichts mehr iiber den
Zwickel, weder Prosaischesi noch gar Gereimtes, weder Besinnliches
noch gar Humoriges. Wir haben gestern das Jubilaum des fiinfzigsten
Zwickelgedichts in kleinem Kreise still begangen. Wenn die Bade-
Verordnung auf die Sittlichkeit ebenso produktiv wirkt wie, nach
unsrer Erfahrung, auf die Schriftstellerei, dann erfullt sie ihren Zweck
in ungeahntem Mafi.
Generalintendant Vollmer, Altenburg, Im ,Volkischen Beob-
achter' steht zu lesen, Sie seien 1914 als Oberleutnant ins Feld ge-
zogen, dann Mjahrelang, in franzosischer Gefangenschaft" gewesen,
1915 zum Hauptmann und 1918 zum Major befordert worden. Wie
macht man das? Wurde Ihre Leistung, sich jahrelang in Gefangen-
schaft befunden zu haben, von Ihren Vorgesetzten so hoch ein-
geschatzt, dafi man Sie deshalb vom Oberleutnant zum Major auf-
rticken lieB? Auch ein andrer Punkt der Meldung ist uns nicht
recht klar. Da heiBt es namlich: „Seine Berufung erfolgte durch
die neue nationalsozialistische Regierung in Thuringen, derea Mit-
glied Vollmer nicht ist. Ein Beweis, daB diese Regierung geeignete
Fachleute an die richtigen Posten setzt." DaB Sie nicht Mitglied der
thuringischen Regierung waren, glauben wir Ihnen ohne weiteres.
Sonst hatte man wohl etwas davon in den Zeitungen gelesen. Nur
daB Ihre Nichtzugehorigkeit zu einer nationalsozialistischen Regierung
den Beweis fur Ihre Qualifikation als Theaterleiter darstelle, ist unserm
nicht nationalsozialistischen Ver stand ein Ratsel. Konnen Sie uns
dies Ratsel losen helfen? Auf alle Falle gratulieren wir den Alten-
burgern zu dem Major als Generalintendanten. Nun wird doch Zug
in den Theaterbetrieb kommen, Augen rechts! Richt euch!
Landgerichtsprasident Soiling. Warum haben Sie die Berufung
in Ihrera ProzeB gegen das ,8-Uhr-Abendblatt' zurtickgezogen? Geben
Sie damit zu, daB die Sie schwer belastende Urteilsbegriindung s^immt?
Im iibrigen, ist es richtig, daB die Deutschnationale Volkspartei Sie
gebeten hat, Ihr Eintrittsgesuch zuriickzunehmen?
Oberstleutnant a. D. von Olberg. Sie waren im Kriege Leiter der
Oberzensurstelle im Kriegspresseamt und sind soeben zum Pressechef
bei der Bundesleitung des Stahlhelms ernannt worden. Erinnern Sie
sich noch eines Vorkommnisses in der Pressekonferenz? Sie hatten
mit grofier Emphase das erste Bombardement Londons durch die
Zeppeline vorgetragen und der Presse empfohlen, dies Ereignis ge-
btihrend zu feiern. Ein Journalist warf die Frage auf, wie man denn
diesen Angriff vor dem Volkerrecht rechtfertigen konne, das das
Bombardement offener Stadte verbiete. Sie gerieten zunachst etwas
in Verlegenheit, erwiderten aber dann:. ,,Aber London hat. doch den
Tower." Nach dieser Leistung muB1 man Sie in der Tat ftir beson-
ders qualifiziert zu dem Posten eines Pressechef s beim Stahlhelm halten.
Manuskripte sind nur an die Redaktion der Weltbuhne^ Charlottenburg, Kantstr. 162, zu
richt en ; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonst keine Rucksendung erfolg-en kann.
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; c
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XXVIII. Jahrgang 25. Oktober 1932 Nommer 43
Diktierte Verfassung
Hellmut v, Gerlach: Jus
r^ic „grundsatzlich neue Staatsfiihrung" bereitet eine grund-
satzlich neue Reichsverfassung vor. Unermiidlich macht
Papen Propaganda dafiir. Er redet und redet. Trotzdem weiB
man immer noch nicht, wie sie aussehen soil. Nur das eine
weiB man, daB sie eine in einem Herrenhaus gipfelnde Verfas-
sung des Herrenklubs gegen das Volk sein wird.
Mochte man Naheres wissen, muB man sich nicht an Herrn
v. Papen wenden, sondern, an seine geistigen Hilfstruppen. Das
sind die Herren vom Tatkreis, die gewissermaBen die Intelli-
genz-Sparte des Stahlhelms darstellen. Sie sind ruhrig und
produktiv. Ihr Organ, die ,Tat', soil etwa dreiBigtausend Ab-
nehmfer haben. AlLenthalben bilden sich Ortsgruppen des Tat-
kreises. Ihre Mitgliedschaft ist eine bunte Platte. Nach. der
Wahl vom 31. Juli stellte die Ortsgruppe Wuppertal fest, daB
aus ihrem Bestande alle Parteien von den Kommunisten bis zu
den Nationalsozialisten Stimmen bekommen hatten, Oberall
produziert man Ideen zur sogenannten Verfassungsreform,
Als maBgebender Produzent darf aber nur Hans Zehrer an-
gesehen werden, der Dirigent der ,Taglicheh Rundschau* und
der ,Tat\ der Duce des Tatkreises.
Herr Zehrer hat in einem Artikel fIAn der Wende" seine
Ge dank en zur Verfassungsreform dargelegt, Sie fuBten auf
einer Entdeckung, die er zum Musterschutz anmelden konnte,
namlich auf der von der „neutralen Staatsgewalt", Wortlich
schreibt er: „Gesichert ist heute lediglich die Neutralitat des
President en und der Armee." Der letzte zwingende Beweis
fiir die Neutralitat der Armee war nach Ansicht Zehrers ver-
mutlich der Schritt Schleichers bei Hindenburg, der unmittel-
bar den Sturz Groeners und mittelbar den Briinings im Gefolge
hatte.
Wie Herr Zehrer sich die neue Verfassung denkt? Eine
Stichprobe mag vorerst geniigen. Zehrer schlagt, unter aus-
drucklicher Bezugnahme auf das Kardinalskollegium und den
Kronrat der Hohenzollern, die Einfiihrung eines Prasident-
schaftsrates vor, der die Autoritat des Reichsprasidenten zu
stiitzen. und zu verbreitern hatte. Allerwichtigste staatsrecht-
liche Funktionen wtirden ihm zugewiesen werden;
,,Er wiirde, um die Tradition und Kontimiitat des Reicbes zu
wahren, ein Vorschlagsrecht zur Prasidentenwahl erhalten, wobei dem
von ihm prasentierten Kandidaten von vornherein die Stimmen der
Nichtwahler zugerechnet wiirden/*
Das Ei des Kolumbus! Um der Rechten die Permanent der
Reichsprasidentenschaft zu sichern, werden dem Kandidaten
des Prasidentschaftsrats die Stimmen der Nichtwahler zuge-
schrieben. Die Anarchisten stimmen grundsatzlich nie. Ergo
— sind sie Bargeld fiir den Vertrauensmann der konservativen
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Senioren. Herrscht zufallig am T age der Wahl cine schwere
Grippeepidemie, bedeutet das ein Plus von einer Million Stim-
men fur denselben Kandidaten.
Der Ausdruck ^genial" ist viel zu schwach fiir die Erfin-
dung Zehrers. Dieser Erfinder miiBte sofort von Herrn v, Papen
in die Verfassungsabteilung des Reiches beruf en werden. Aber
vielleicht niitzt er ihm auBerhalb mehr.
Wir kennen den Verfassungsplan,Papens nicht, Wir ahnen
ihn nur,. Aber eiris wissen wir; Wie er auch aussehen moge,
auf verfassungsmaBigem Wege kann er niemals angenommen
werden.
Herr y. Papen glaubt das natiirlich nicht. Sonst wiirde
er sich die Vorlage an den kommenden Reichstag sparen. Er
ist Sanguiniker. Wie Nora hof ft er. auf das Wunderbare.
Minder glaubige Leute als Papen, die jedoch im Ziel mit
ihm einig sind, sehen das parlamentarische Scheitern der Ver-
fassungsreform vor. Da ihnen das Ziel wesentlich, der Weg
gleichgiiltig ist, bereiten sie allerlei Konstruktionen vor, um
die neue Verfassung auf jeden Fall in Wirksamkeit zu setzen.
Sie sprechen von einem Notstand des Staates, der jedes Mittel
zur Abhilfe rechtfertige, und ahnlich nebulosen Dingen.
Am deutlichsten wird die .Berliner Borsen-Zeitung*. Ihre
finanzielle Abhangigkeit oder Unabhangigkeit ist soeben im
UntersuchungsausscnuB des preuBischen Landtages hart urn-
stritfen worden. - Sicher ist, daB sie mit BewuBtsein nie ein
Wort bringen wird, von dem sie vermutet, daB es im Reichs-
wehrministerium unangenehm auffallen wiirde.
Die ,Berliner Borsen-Zeitung* schreibt am 13. Oktober in
einer Polemik gegen Breitscheid, der an den Verfassungseid
des Reichsprasidenten erinnert hatte:
Gang ahgesehen davon, daB Herr Breitscheid iiberhaupt besser
tun wiirde, sich um seine Angelegenheiten ,als um den Verfassungs-
eid d«s Reichsprasidenten zu kiimmern, mufi bei dieser Gelegenheit
einmal festgestellt werden, dafi in jener Eidesformel an zweiter
Stelle von dem Schutz der Verfassung die Rede ist, wahrend an erster
Stelle das Gelobnis des Reichsprasidenten steht „dem Deutschen Volke
zu niitzen und Schaden von ihm abzuwehren". Unsres Erachtens han-
delt es sich hier um eine primary Verpflichtung, wahrend dem Schutz
der Verfassung sekundare Bedeutung zukommt, und es kann zweifel-
los Situationen geben, in denen das iiberragende Erfordernis, die
Nation vor Schaden zu bewahren, es dem Reichsprasidenten gradezu
zur Pflicht machen konnte, die Reform einer Verfassung zu ermog-
lichen, die dem deutschen Volke bisher nur Unheil gebracht hat.
Der von der Verfassung vorgeschriebene Eid, den Hinden-
burg geleistet hat, lautet:
Ich schwore, daB ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Vol-
kes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, die Ver-
fassung und die Gesetze des Reiches wahren, meine Pflichten ge-
wissenhaft erftillen und Gerechtigkeit gegen jedermann iiben! werde.
Vergleicht man den Text dieser Eidesformel mit dem Ar-
tikel der ,B6rsenzeitung\ so sieht man sofort, daB sie sich eines
gradezu schamlosen Tauschungsmanovers schuldig gemacht hat.
Bei den eidlichen Verpflichtungen des Reichsprasidenten han-
delt es sich nicht, wie bei gewissen Krankheitserscheinungen,
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um primare, sekundare und tertiare, sondern um koordinierte
Pflichten. Sonst ware zum Beispiel das Gelobnis, Gerechtig-
keit gegen jedermami zu iiben, als fast ganz unbcachtlich an-
zusehen, da es zufallig an letzter Stclle stent.
Aus dem Artiket dcr .Berliner Borsen-Zeitung' stinkt der
dolus heraus, auf tausend Meter gegen den Wind, Mit zyni-
scher Offenheit spricht sie aus, was zahllose Reaktionare jetzt
denken, namlich, daB der Staatsstreich im Staatsinteresse ge-
macht werden diirfe, gemacht werden miisse.
Die Verfassung kann legal nur auf zwei Wegen geandert
werden: durch Zweidrittelmehrheit im Parlament oder durch
Volksentscheid, bei dem sich die Mehrheit der Stimmberech-
tigten fur die Anderung ausspricht. Jeder Weg auBerhalb die-
ser beiden ist Verfassungsbruch.
Herr v. Papen denkt nicht an Verfassungsbruch, Aber die
.Berliner Borsen-Zeitung' denkt nicht bloB daran, sie macht
schon jetzt daftir Stimmung. Sie empfiehlt wenigstens „in
omnera eventum", wie die Juristen sagen, den dritten Weg.
und sucht ihn Herrn v. Papen durch die schieberhafte Unter-
scheidung von „primar" und ,,seku.ndar" plausibel zu machen.
Die ,Berliner Borsen-Zeitung' ist offenherzig. Wir wollen
es auch sein und ihr samt ihren Freunden sagen: eine diktierte
Verfassung ist niemals rechtsgiiltig! Nach dem Grundsatz
,,Macht geht vor Recht" kann sie vielleicht dem Volke vor-
iibergehend aufgezwungen werden. Aber der Staatsstreich von
oben sanktioniert die Revolution von unten. In dem Augen-
hlick. wo die Machthaber den Rechtsboden verlassen, gibt es
keine rechtlichen Verpflichtungen fur die Massen mehr.
Staatsstreich ist 'die Erklarung des Biirgerkrieges. In-
nerer Off ensivkrieg. Wer sich gegen diese Offensive zur Wehr
setzt, befindet, sich in Notwehr. Die Staatsstreichler sind Ver-
brecher, die Verteidiger des Rechts gegen den Staatsstreich
haben alle Ethik auf ihrer Seifce.
Der Staatsstreich ist naturlich eine bloBe Hypothese. Aber
diese Hypothese bedarf nach AuBerungen wie denen der ^Ber-
liner Borsen-Zeitung' der offentlichen.Erorterung.
Was die Gegner des Staatsstreichs im Falle des Falles zu
tun hatten, ist lediglich eine Frage dessen, was zweckmaBig
und moglich ist. Moralisch ist es tiberhaupt keine Frage.
Der amerikanische Journalist Knickerbocker hat in den
letzten Monaten die europaischen Staatsmanner and Inhaber
der hochsten Staatsstellen interviewt. Er fand Miklas bekiim-
mert, Masaryk beunruhigt, Mussolini ernst, Herriot abwech-
selnd iovial und besorgt. Nur „Kanzler v. Papen war gleich-
maBig heiter". I
Vom deutschen Volk wird man nicht behaupten konnen,
daB es sich derselben Gem tits verfassung wie sein Kanzler er-
freue. Und wenn dies deutsche Volk liest, daB sein Kanzler
,,gleichmaBig heiter" sei, angesichts unsrer heutigen Wirt-
schaftslage und der Verfassungskampfe von morgen, so wird
es an das einst viel zitierte Wort denken: da s taunt der Laie
und der Fachmann wundert sich.
601
Hanns-Erich Kaminski; Politik
W(Tas Hellmut v. Gerlach iiber die Abwehr cines Staats-
streichs sagt, wird die Zustimmung der gesamten Linken
finden. Aber indem er es juristisch ausdruckt, begibt er sich,
scheint mir, aufs Glatteis. In juris tischen Fragen sind immer
verschiedene Auslegungen moglich, sonst gabe es weder Rechts-
anwalte noch Professoren der Jurisprudenz.
Fur uns ist es selbstverstandlich, daB die Verkiindung
einer oktroyierten Verfassung ein Rechtsbruch ware. Manche
Reaktionare sind, wie aus Gerlachs Zitaten hervorgeht, sogar
dar iiber andrer Meinung. Noch andre behaupten, die ganze
Republik beruhe auf einem Rechtsbruch und die Wiederher-
stellung des Kaiserreichs wiirde nur die Wiederherstellung des
verletzten Rechts sein, Und sollte wirklich eine neue Verfas-
sung durch Diktat zustande kommen, so werden wir vielleicht
noch eine andre Begriindung zu horen bekommen.
Damit man sich gegen einen Staatsstreich zur Wehr setzen
darf, gentigt es — politisch — , daB man dazu imstande ist.
Juristisch aber muBte doch erst bewiesen werden, daB tatsach-
lich ein Rechtsbruch vorliegt.
Wie beweist man aber, daB die Oktroyierung einer Ver-
fassung rechtswidrig ist? Soil man jetzt schon eine Klage
gegen die Prasidialregierung auf Unterlassung einleiten? Oder
soil man zunachst warten, bis die neue Verfassung diktatorisch
in Kraft gesetzt ist, umd dann einen ProzeB wie den in Leipzig
anstrengen? Und wenn der schlecht fiir uns ausginge? Dann
waren wir wohl nicht zur Revolution berechtigt und diirften
gar nichts tun? ' Denn dann ware ja alles in Ordnung. Und
wenn inzwischen die Revolution den Staatsstreich bereits be-
siegt hatte, miiBte wohl die Revolution wieder rfickgangig ge-
macht werden?
Die Frage ist ferner, wo solch ein ProzeB gefuhrt werden
konnte. Jetzt haben wir fiir Verfassungskonflikte den Staats-
gerichtshof. Jedoch selbst der wiirde ein Verfahren ablehnen,
durch das jemand die Rechtswidrigkeit der Weimarer Verfas-
sung beweisen wollte. Ich weiB nicht, ob der Verfassungsplan
der Prasidialregierung ebenfalls einen Staatsgerichtshof vor-
sieht. Ich fiirchte nur, auch vor ihm hatte eine Klage gegen
die fiir die neue Verfassung Verantwortlichen wenig Aussicht,
wenn diese Verfassung erst einmal in Kraft ware.
Und gesetzt den Fall, es wiirde sich ein Gericht finden,
das die Feststellungsklage iiber die Rechtswidrigkeit einer
oktroyierten Verfassung zulieBe, gesetzt sogar, dies Gericht
wiirde sie fiir ungiiltig erklaren — wiirde sie dadurch auch un-
wirksam werden? GewiB nicht.
Die Leute, die dann von ihrem Notwehrrecht Gebrauch
machten, konnten sich allerdings durch ihr RechtsbewuBtsein
stark fiihlen, obgleich Revolutionare wie Gegenrevolutionare
auch schori ohne Gerichtsurteil das Gefiihl, im Recht zu sein,
besessen haben, Klassen, die urn die Macht kampfen, glauben
sich namlich immer im Recht, und wenn sie auch noch das ge-
schriebene Recht auf ihrer Seite haben, so ist das hochstens
eine angenehme Zugabe. Das Ausschlaggebende ist es nicht.
602
Die jeweiligen Machthaber pflegen unter alien Umstanden
auf die schieficn zu lassen, durch die sie bedroht werden. Den
Geschossen aber ist es ganz egal, ob sie aus legalen oder ille-
galen Laufen kommen. Und zum SchluB ist die Illegalitat
immer bei den Besiegten und die Legalitat bei den Siegern.
Nehmen wir an, die preuBischen Minister war en am
20. Juli nicht der Gewalt gewichen sondern hatten ihr mit Ge-
walt geantwortet. In Leipzig mag heute allenfalls zweifelhaft
sein, auf wessen Seite das Recht ist. Dann jedoch ware das
durchaus nicht zweifelhaft gewesen: es hatte auf Seiten der
Sieger gestanden.
Der Satz „Macht geht vor Recht" wird allgemein als un-
moralisch betrachtet. Aber der Satz ,,Macht schafft Recht1'
wird im Staatsrecht allgemein anerkannt; sogar die Juristen
sind sich daruber einig. Oder um es anders auszudriicken:
gegen Revolutionen helfen nur Gegenrevolutionen und gegen
Gegenrevolutionen nur Revolutionen,
Deutschland gleicht augenblicklich einem Mann, der ein
Bild aus seinem Rahmen nahm und es durch ein andres er-
setzte, und der dann sagte; ,fNun ja, es mag ein andres Bild
sein, aber der Rahmen ist doch derselbe." MuB >erst auch der
Rahmen geandert werden, damit man sieht, daQ es sich um ein
andres' Bild handelt? MuB erst auch die Verfassung geandert
werden, damit man sieht, daB ihr Inhalt langst gewechselt hat?
Als Schleicher den Riicktritt Growers erzwang, als Hin-
denburg Briining verabschiedete, als Papen den Reichstag auf-
loste, als die preuBischen Minister gewaltsam ihrer Amter ent-
setzt wurden, als der Reichskommissar in Preufien Beamte ab-
setzte und ernannte und erklarte, er sei d«m Landtag nicht
verantwortlich, als der Reichstag abermals aufgelost wurde —
da blieb alles im Rahmen der Verfassung, selbstverstandlich.
Aber wenn jetzt auch noch die Verfassung, geandert wird, so
soil das plotzlich ein illegaler Akt sein? Nun, vielleicht, doch
es ist* nicht das Wesentliche. Das Juristische ist, wie gesagt,
immer strittig, Politisch jedoch ist klar, daB hier eine fort-
gesetzte Handlung vorliegt.
Jahrelang hat die Sozialdemokratie erklart: ,,Diesen
Schritt machen wir noch mit, aber das nachste Mai, da sollt
Ihr sehen!" Ahnlich schreiben jetzt manche Zeitungen in jeder
Nummer: „Die Re^ierung hat sich mit ihrer neuesten MaB-
nahme auf einen Weg begeben, vor dessen Beschreitung wir
sie aufs ernstlichste warnen." Die Drohungen und die War-
nungen haben sich langst abgenutzt. Wir sollten nicht in den
Fehler verfallen, dieselbe Walze zu drehen.
Damit die Linke in die Lage versetzt wird, kiinftigen
Rechtsbriichen Widerstand zu leisten, miissen wir sie vor allem
vor Illusionen bewahren. Und eine Illusion ist es, etwas, was
langst geschehen ist, abzuschwachen und erst auf das Datum
zu verlegen, an dem das Fazit der Ereignisse gezogen, werden
konnte. Etwas andres ware eine oktroyierte Verfassung nicht.
Sie wiirde die veranderten Verhaltnisse stabilisieren. Darum
soli man sie bekampfen. Jedoch eine neue Situation schaffen
wiirde sie nur juristisch, nicht politisch.
2 603
Vergessen wir nicht, daB PreuBen von 1849 bis 1918 unter
einer oktroyierten Verfassung gelebt hat, Entscheidend aber
war nioht der Tag, an dem Friedrich Wilhelm IV. diese Ver-
fassung unterzeichnete und im preufiischen Staatsanzeiger
veroffentlichen liefi, sondern der Tag, an dem der General
Wrangel an der Spitze der gegenrevolutionaren Armec in Ber-
lin einmarschierte. Dazwischen lagen drei Monate,
Wir wollen uns nicht starker machen, als wir sind. Die
Wahrheit ist, dafll die Linkc nicht nur eine Schlacht sondern
einen ganzen Feldzug verloren hat. Das ist die Voraussetzung
dafiir, daB das Diktat einer neuen Verfassung iiberhaupt er-
ortert werden kann.
Wir wollen uns aber auch nicht schwacher machen, als
wir sind. Die Linke ist noch nicht endgultig geschlagen, und,
was die Hauptsache ist, sie ist noch da. Sie kann fiir ihre
Rechte noch kampfen, und sie wird fur sie hoffentlich noch
kampfen.
Diese Rechte beruhen nicht auf Dokumenten, sie beruhen
auf der Existenz der Arbeiterklasse, die ihre, freilich sehr zu-
sammengeschmolzenen Eroberungen verteidigen und erweitern
muB, wenn sie leben will. DaB sie zum Teil in der Weimar er
Verfassung niedergelegt sind, gibt unserm Kampf auch die
rechtliche Basis. Notig hat er diese Rechtfertigung nicht.
Die Linke und ihr Kern, namlich das Proletariat, waren
konservativer als die Konservativen, wenn sie die Verfassung
verteidigten, nur weil es die Verfassung ist. Sie mussen sie
verteidigen,, weil das heute ein Gebot der Klugheit wie der
Selbsterhaltung ist. Aber damit diese Verteidigung sinnvoll
und wirksam wird, darf sie sich nicht nur an Paragraphen
klammern.
Die russischen Ausschlusse und die KPD
von K. L. fierstorff
A Is ich das letzte Mai in RuBland war, im Herbst 1930, war
^^^ ein Jahr vergangen, seitdem so entschiedene Anhanger
Trotzkis wie Radek, Probraschenski, Smilga aus der Ver-
bannung heimgekehrt waren. Sinowjew und Kamenew,, die
seinerzeit mit Trotzki ein Kampfbundnis gegen Stalin ge-
schlossen hatten, waren — daran muB man grade heute er-
innern — nicht verbannt worden, weil sie schon vorher zu
Kreuze gekrochen waren. Stalin hatte grade in dem Jahre,
als die Trotzkisten aus der Verbannung zuruckkehrten, vom .
Herbst 1929 bis Herbst 1930, begonnen, einen Teil der MaB-
nahmen durchzufiihren, die die Trotzkisten verlangt hatten,
Und man hegte damals starke optimistische Erwartungen uber
die Weitereatwicklung, Ein fuhrender kommunistischer Funk-
tionar, mit dem ich iiber das vollige taktische Versagen der
deutschen KP in alien entscheidenden Fallen sprach, meinte
damals, es b est und e begrundete Aussicht, daB sich hierin in
riachster Zeit eine Besserung! durchsetzen werde. Und er be-
604
griindete das folgendermaBen: bis zum Jahr 1929 hatte Stalin
immer wieder gegen innerparteiliche Oppositionen kampfen
mussexi; Erst waren cs die Trotzkisten, zusammen mit der
Gruppe urn Sinowjew und Kamenew, und dann spater die
Rechtsopposition unter Bucharin, Rykow und Tomski. Jetzt
aber seien die Oppositionen vollig zerbrochen, und der Sieg
Stalins im Rahmen der bolschewistischen Partei sei fiir ab-
sehbare Zeit absolutj gesichert. Dazu wiirde sich in RuBland
auf Basis der Kollektivisierung der Landwirtschaft eine starke
Verbesserung im Lebensniveau der breiten stadtischen Mas sen
und der Bauern ergeben, und1 diese objektive Besserung der
wirtschaftlichen Lage, verbunden mit der unerschiitterlichen
Stellung Stalins in der Kommunistischen Partei, wiirde ihm ge-
statten, in SowjetruBland liberaler vorzugehen, wiirde weiter
den Druck Stalins auf die Parteien der Kommunistischen Inter-
nationale, vor allem auf die KPD, verringern, Es wurde in die-
sem Gesprach ohne jede Einschrankung zugegeben, daB Stalin
wahrend der Zeit, als er die Oppositionen in der russischen
bolschewistischen Partei niederkampfte, auch in den west-
europaischen Parteien keine selbstandigen Kopfe vertragen
habe sondern nur Figuren, die seine Befehle ausfiihrten. JJnd
man erwartete eben mit der Besserung der wirtschaftlichen
Lage in RuBland, daB die kommunistischen Parteien in West-
europa, vor allem die KPD, gesunden wiirden und die
Moglichkeit erhielten, eine wirkliche Fiihrergeneration her-
anzuziehen.
Ich hatte schon damals und in der.kommenden Zeit immer
wieder, auch in der tWeltbiihne', mekie starke Skepsis gegen-
uber diesen Erwartungen ausgesprochen, und die letzten Er-
eignisse in RuBland haben diese Skepsis vollig bestatigt. Der
Fraktionskampf im Lager der bolschewistischen Partei hat
nicht a-ufgeliort; obwohl Stalin im Rahmen des Apparats uber
eine Macht verfiigt wie nie zuvor, hat er es dooh wieder ein-
mal fiir notwendig gehalten, scharfste MaBnahmen gegen die
Opposition zu ergreifen.
Was ist der tiefere Hintergrund der augenblicklichen Frak-
tionskampf e in der russischen Partei? Aus der kommunisti-
schen Presse, die bezeichnenderweise die AusschluBmeldun-
gen einige Tage spater brachte als die Nachrichtenagenturen
und die biirgerliche Presse, wird man wenig dariiber erfahren-
Fiir die kommunistische Presse ist die Sach'e ganz einfach:
wer nicht mit Stalin geht, ist eine „ Agent ur des Kapitals", ist
ein „konterrevolutionarer Agent der Bourgeoisie im Lager der
Arbeit erklasse", ist ein Bundesgenosse der Kulaken etcetera.
Wenn man aber bedenkt, daB unter den Ausgeschlossenen
Sinowjew und Kamenew, die engsten Mitarbeiter Lenins1 sind,
so wird man uber diese Phrasen zur Tagesordnung iibergehen.
Es ist schon notwendig, eine „materialistische" Erklarung der
letzten Vorgange in RuBland zu fmden.
Der erste Fiinf-Jahrespian ist beendet; der zweite Fiinf-
Jahresplan geht seiner Durchfuhrung entgegen. Ohne Frage
wurde mit dem ersten Fiinf-Jahresplan Ungeheures in RuBland
geschaffen. In der gleichen Zeit, wo der gesamte Weltkapi-
talismus von der bisher schwersten Krise betroffen wurde, wo
605
die industrielle Produktion auf ein Niveau sank, das ungefahr
dcm um die Jahrhundertwende entsprach, wo im Weltkapi-
talismus die Arbeitslosenzahlen ein AusmaB angenommen
hatten, fur das wir in keiner friihern Krise eine Analogie be-
sitzen — im gleichen Zeitraum ist die industrielle Produktion
in RuBland auBerordentlich stark gewachsen, ist die Arbeits-
losigkeit liquidiert worden, ist die Zahl der beschaftigten In-
dustriearbeiter betrachtlich gestiegen. Das muB riickhaltlos
anerkannt werden. Ebenso wie eindringlich betont werden
muB, daB die ^staatliche Bewirtschaftung der russischen In-
dustrie die entscheidenden Faktorenreihen beseitigt hat, die
im Kapitalismus zur Krise fiihren: das Auseinanderklaffen von
Produktion und Absatz. Die wirtschaftlichen Erschiitterungen,
die es heute auch in RuBland gibt, kommen nicht wie im Kapi-
talismus von der Oberproduktion her sondern, grade im Gegen-
teil, von der Unter produktion. '■ Und damit sind wir bei einer
ganz entscheidenden Frage. Nach den Voranschlagen des
Fiinf-Jahresplans sollten in allererster Reihe die Produktions-
mittelindustrien in RuBland entwickelt werden, aber man
wollte sioh nicht damit begniigen sondern wollte gleichzeitig,
werun auch in geringerm Umiang, die Leichtindustrien, die
Konsumindustrien, entwickeln. iMan wollte damit eine ver-
starkte <Belieferung der landwirtschaftlich tatigen Bevolkerung
durchfuhren, und auch die Lebensmittelproduktion sollte be-
trachtlich gesteigert werden. Das waren die Ziele, die man
sich mit dem erst en Fiinf-Jahresplan setzte. Sie sind nur zu
einem Teil verwirklicht1 worden. Zunachst die Tatsachen: in
gewissen Industriezweigen ist eine auBerordentlich starke Pro-
duktionssteigerung erreicht worden, in manchen sogar eine,
die iiber die Voranschlage des Fiinf-Jahresplans hinausging.
Aufi dem entscheidenden Gebiet der S oh wer Industrie ist aber
die Zunahme nur sehr geringfiigig gewesen. Das zeigen die
Zahlen fiir^die ganze Zeit des Fiinf-Jahresplans:
Produktionscntwicklung 1928/32 (in 1000 t).
1928 1929 1930 1931 lj**h l^fi-
Rohcisen 3373 4312 4969 4885 2385 2815
Stahl 4278 4917 4632 5306 2650 2925
Walzeisen 3487 3972 4495 4023 1905 2224
DaB auch hier insgesamt eine Aufwartskurve festzustellen ist,
laBt sich nicht verkennen, aber das Tempo der Aufwartsent-
wicklung ist ein auBerordentlich langsames und bleibt sehr be-
trachtlich ihinter den Voransclilagen zuriick. In den Konsum-
industrien war das Tempo ebenfalls nur sehr langsam, und die
Steigerung der Lebensmittelproduktion war kaum groBer als
der Bevolkerungszuwachs, der in RuBland sehr betrachtlich ist
(der GeburtenuberschuB ist heute noch hoherj als drei Millio-
nen im Jahr), so daB die Versorgung der Stadte mit Lebens-
mitteln, vor allem in letzter Zeit, sicherlich nicht besser, viel-
leicht sogar schlechter wurde.
Die Griinde sind mannigfaltiger Natur. SowjetruBland ist
insofern von der Krisis betroffen worden, als der Preisfall fiir
seine Ausfuhrprodukte weit groBer ist als der Preisfall fiir die
606
Einfuhrprodukte, sodaB grade im AuBenhandel die Vor-
anschlage des . Fiinf- Jahresplans immer wieder revidiert wer-
den muBten.. Dazu kommt der auBerordentliche Mangel an
technisch vorgebildeten Kraften, der grade darum eine so
groBe Rolle spielte, weil die Russen bemuht waren, unter Ober-
springung der Zwischenstufen sofort die technisch modernsten
Werke aufzubauen. Als nun die Schwerindustrie hinter den
Voranschlagen so weit zuriickblieb, hat man alle Energie grade
auf sie konzentriert, sodaB die Leichtindustrie in noch star-
kern Riickstand geriet. Dazu kam, daB die drohenden Kon-
flikte im fernen Osten den Aufbau einer starken Vorratswirt-
schait notwendig werden lieBen. Und da die Bauern von den
Stadten so wenig Industrieprodukte bekamen, belieferten sie
ihrerseits die Stadte nur in ge ring em Umfaiig. Sie taten das,
als sie als Einzelbauern wirtschafteten, und taten es auch
dann noch, als sie zu Kollektivwirtschaften zusammengefaBt
wurden. Stalins Anna h me, man werde allein daduroh, daB
man die Bauern in die Kollektiven zwingt, eine Verbesserung
der Ablieferungsmengen durchsetzen, hat sich als falsch er-
wiesen. Der Kampf, den der russische Staat gegen zahlreiche
Einzelbauernwirtsohaften gefuhrt hatte, wurde nun in die Kol-
lektiven getragen. Wenn aber die Stadte in so germgem Um-
iang beliefert wurden, wenn vor allem in zahlreichen neu-
gegriindeten Industrierevieren die Arbeiter nicht geniigend Le-
bensmittel bekamen, danm wuchs die Arbeit sfreudigkeit nicht,
dann stieg die Wanderlust, dann wurde es fur die Werke immer
schwerer, sich einen Stamm qua'lifizierter Arbeiter heran-
zuziehen — und damit wurde naturlich wiederum die Produk-
tivitat der Arbeit geschadigt. Das ist die objektive Lage
fiinfzehn Jahre nach lder Oktoberrevolution. Das ist der oko-
nomische Hintergrund fur die Ausschlusse der Opposition. Die
Opposition vertrat vor allem die Ansicht, daB nur bei einer
gesicherten Lebensmittelbelieferung der stadtischen Massen
die Produktivitat in der Industrie wachsen konne; diese ver-
starkte Lieferung von Lebensmitteln an die Stadt konme man
eben nur mit einer liberaleren Politik gegeniiber den Bauern
durchsetzen.
^ ■ Es ware vollkommen absurd,: ztx glauben, daB die augen-
blicklichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten den Kern des
Sowjetsystems beriihrten. Lenin hat 1921 nach jahrelangem
Biirgerkrieg, als die Industrie vollig darniederlag und kaum
zwanzig Prozent der Fried enslieferung erzeugte, die neue
dkonomische Politik durchgefuhrt, den Kleinhandel etwas zu-
gelassen, den Bauern eine gewisse Bewegungsfreiheit gegeben
— undi diese Politik Lenins hat nicht, wie zahlreiche Xapita-
listen damals hofften, zu der Wiedereinfiihrung des Kapitalis-
mus in RuBland gefuhrt, im Gegenteil, sie hat die Moglichkei-
ten fur den Aufbau des sozialistischen Sektors in RuBland zu-
gleich geschaffen und verstarkt. Das RuBland von 1932 ist
nicht mehr das RuBland von 1921. Das RuBland von 1932
hat nicht nur die Friedensproduktion erreicht, es hat sie bei
weitem uberschritten. Das RuBland von 1932 wird deshalb
nicht dadurch erschiittert werden, daB es ubereilte Kollektivi-
sierungsmaBnahmen in der Landwirtschaft wieder riickgangig
607
macht und dem Bauern — und damit gleichzeitig dem Klein-
handel — emen grofiera Spielraum gibt, als sie 1930 und 1931
hatten. Stalin wird daher, wie so aft nach dem AusschluB der
Opposition, einen Teil der MaBnahmen durchftihren, die sie
vorgeschlagen hat.
Fur RuBland wird sich keine betrachtliche Erschiitterung
aus diesen Dingen ergeben; dagegen ist es sicher, daB der kom-
munistischen Bureaukratie in Deutschland durch die neue Aus-
schluBoffensive Stalins der Riicken gedeckt und gestarkt wird.
Die KPD hatte bei den letzten Reichstags wahlen einen star-
ken Stimmengewinn zu verzeichnen, aber die nachdenkliche-
ren Funktionare lieBen sich durch diesen Wahlerfolg nicht
dartiber hinwegtauschen, dafi grade der 20. Juli die Aktions-
uniahigkeit der KPD am entscheidenden Punkt, im Betrieb, er-
wiesen hat. Die! kritischen Stimmen sind seitdem starker ge-
worden — otone Eriolg: die KPD hat keinen ihrer Fehler besei-
tigt. Der 6. November wird ihr einen neuen Stimmenzuwachs
bring en; sie wird ihn benutzen, um ihren unbequemen Kriti-
kern den Wind aus den Segeln zu nehmen, und wenn die
Stimmen doch nicht zu beruhigen sind, dann wird sie, ge-
stiitzt auf Stalin, wieder eine Sauberungsaktion vornehmen
und die ,,Rechtsopportunisten" und MTrotzkisten", die man
dann entdecken wird, ausschliefien, Der GesundungsprozeB
in der deutschen Arbeit er.be wegung hat durch Stalins Aus-
schluBoffensive zweifellos einen neuen StoB bekommen. Um
so notwendiger ist es, weiter dahin zu arbeiten, daB gegen-
iiber den verstarkten Krafte-n der Reaktion eine aktionsfahige
deutsche Arbeiterklasse geschaffen wird.
Zur Offensive gegen den Materialismus
von Kurt Hiller
Crst revolutionar, dann vulgar, schlieBlich reaktionar: dieser
typische WandlungsprozeB einer Doktrin ist auch das
Lebensschicksal des „historischen Materialismus". Geboren
aus der Auflehnung gegen die Begrif f sspinneweberei der Bieder-
meierzeit, gegen den scholastisch iiberschraubten Idealismus
um 1830, war er in seiner Urkonzeption zweifellos eine gute
revolutionare Gedankentat. Seiner geistesgeschichtlichen Re-
lation, seiner Kontrastbedeutung von damals langst beraubt,
in bedenklicker Abwandlungsform erstarrt, dogma tisiert und
vulgarisiert, obendrein mittlerweile in zahllose Richtungen, in
kaum noch libersehbare Schulen zerspalten, die einander urn
die Wette herabsetzen, ist er heute reaktionar bis auf die
Knochen, und tatsachlich tiefste Ursache des MiBerfolgs der
sozialistischen und iiberhaupt kulturfortschrittlichen Propa-
ganda in Europa.
Zwei groBe Tote der sozialistischen Aktion: Gustav Lan-
dauer und Leonard Nelson, hat ten dies fruhzeitig erkannt; zu
den Lebenden, die den Wald der Dummheit in etwa gleicher
Richtung roden, hat sich neuerdings der frankfurter Staats-
rechtslehrer Hermann Heller gesellt, ein der Sozialdemokratie
608
zuzurechnender odcr nahestehender Gelehrter, dem, in so un-
erfreulicher Manier cr den Klassenkampf dcs Professors gegen
den freien Litteraten auch kampft (das ist durch Zitat beleg-
bar), ich bemerkenswerten Rang nicht absprechen kann und
den zu horen keineswegs nur Lernende sich fur verpflichtei
halten sollten.
Sein Buch ,Sozialismus und Nation', in zweiter Auflagc
unlangst bei Rowohlt erschienen, erweist sich als erregende
Lektiire; durch seine Konzentriertheit aufs Wesentlicbe, durch
(nur gelegentlich aussetzende) Denkscharfe, durch recht un-
professorale Ausdruckskraft und nicht zuletzt durch den
Widerspruch, zu dem es oft herausfordert — besonders den
Pazifisten.
Professor Heller beteuert zwar: „Wir wiinschen denKrieg
nicht. Wir halten ihn auf Grund der Weltkriegserfahrung
auch fiir ein untaugliches Mittel, die europaischen Volker-
beziehungen zu ordnen"; aber das hindert ihn nicht, dasBebel-
wort von 1904 auch heute noch zu unterschreiben („. . . bereit,
die Flinte auf die Schulter zu nehmen und unsern deutschen
Boden zu verteidigen . . .") und den Ruf : ,Nie wieder Krieg!'
anzuhohnen, der sei „vielleicht ein Schrei der Seele, aber
ganz gewiB keine Versicherung der Politik".
Nun, dieser Ruf, den Revolutionare langst durch den an-
packenderen: ,Krieg dem Kriege!* ersetzten, will immerhin
fordern und nicht (jversichern'1; will keineswegs behaupten,
es werde nic wieder ein Krieg gefiihrt, werden, sondern den
Wunsch auBern, es moge, sondern das Verlangen hinausbriil-
len, es durfe keiner mehr stattfinden. Auch etwas vom Ge-
lobnis enthalt dieser ,,SchreiMf der nicht darum weniger des
Geistes ist, weil an jhm die Seele teil hat.
Heller halt ,,die nationale Selbstbestimmung des deutschen
Volkes" fiir ,,das unverruckbare Ziel unsrer auBenpolitischen
Gegenwartsentscheidung"; er ist also absoluter Souveranist.
Er sieht nicht, daB eine schrankenlose Selbstbestimmung des
Volkes von Breslau oder von Darmstadt unvereinbar mit
deutscher Einheit und Friedensordnung und eine schranken-
lose Selbstbestimmung des deutschen Volkes unvereinbar mit
der Einheit und Friedensordnung der Welt ist. MuB das
Individuum etwas von seiner Eigenmacht an den Staat ab-
treten, da mit dieser leben kann, warum sollte der Staat dann
nicht etwas von seiner Eigenmacht an die Gemeinschaft der
Staaten abgeben diirfen, damit die Menschheit leben kann?
Bereits Penn, St. Pierre, Kant sahen das. Heller, der den
Krieg „nicht wiinscht" und rund zwei Jahrhunderte nach den
ersten Pazifisten wirkt, miiBte dem Staate, diinkt mich, diese
Preisgabe seiner Souveranitat zugunsten der Volkergemeinschaft
gradezu vorschreiben! Staatsrechtler sein heiBt am Ende
nicht, Antivolkerrechtler sein.
Aber Hellers zu geringe Kenntnis der Friedensphilosophie
und -wissenschaft laBt ihn ein biBchen rasen. Er behauptet,
jene nationale Selbstbestimmung in „Kultur, Politik unidWirt-
schaft" gestehe ,,das Programm der Bolschewisten selbst den
nomadisierenden Kalmiicken" zu. Das Programm der Bolsche-
wiki denkt nicht daran! Ethnische Kultur, ja; in diesem Punkt
609
sind die Volker der Sowjetunion frei; pplitisch aber und wirt-
schaftlich genieBen sie grade nur soviel Selbstandigkeit, wie
die zentrale Exekutive ihnen einzuraumen fur gut befindet.
Und das ist in der Ordnung so.
Auf die Sow jets darf Heller sich mithin so wenig berufen
wie auf den Weltfuhrer des revolutionaren Pazifismus: Remain
Rolland, dessen groBen Satz: ,,Ich suche nicht den Frieden,
ich suche das Leben" er aufs bizarrste mifiversteht, wenn er
daraus die eigne These ableitet: „Die Selbstbestimmung eines
Volkes ist letztlich nur gesichert durch seine militarische
Macht, im heutigen Maschinenkrieg vor allem auch durch den
Besitz von GroBkampfwaffen."
Hellers Versuch, Gandhi gegen den Pazifismus auszuspie-
len (,, dieser ehrfurchtgebietende Held, der fiir die Religion der
Gewaltlosigkeit mehr gelitten hat als alle unsre religionslosen
Humianitatspazifisten") — dieser Versuch muB gleichfalls
scheitern. Gandhi ist ein monumentales Beispiel fiir die Ver-
einbarkeit der Ideen Nation und Humanitat;' andre Pazifisten
von wirklicher Bedeutung als die hier ,,Humanitatspazifisten"
gescholtenen gibt es liberhaupt nicht j, und die Humanitats-
pazifisten Kurt Eisner, Gustav Landauer, Hans Paasche, Karl
Gareis haben, jeder von ihnen, mindestens soviel gelitten wie
Gandhi . . . davon zu schweigen, daB Martyrertum nichts fiir den
Wert der Idee beweist, urn die einer leidet.
Auch uns ,,ist die Nation kein Durchgangspunkt zu einem
kulturlosen Menschenbrei"t und es ware wiinschenswert, wenn
dieser Professor irgendeinen, ich weiB nicht ob existenten, aber
gewiB bekampfenswerten Breiismus mit einem Pazifismus
zu verwechseln, f ortan unterlassen wollte, den er mangelhaf t
studiert hat. ,,Der iiber den ganzen Globus zerflieBende Inter-
nationalismus muB erst einmal eigenstandige Haltung kriegen",
auBert Heller — ein - Bekenntnis, das weniger kritisiert als
psychoanalysiert sein will
Aber eben darum nehme ichs nicht zu ernst, und ich lasse
mir die Werte dieses Werkes durch seine Inf erioritaten nicht
verekeln. Die Werte bestehn vor allem, und deshalb zeige
ichs ja an, in prazisen Argumentationen gegen den Mate-
rialismus.
Heller bestreitet nicht, dafi „das gesellschaftliche Dasein
der Menschen ihr BewuBtsein durchschnittlich starker be-
stimmt als umgekehrt*'; aber er nennt Marx, Engels, Lassalle,
„diese Sohne der Bourgeoisie", den lebendigen Beweis dafur,
„daB der Sozialismus nicht nur eine Magen- und Massenfrage
ist, und daB es grade die grofien Fiihrer sind, die Epoche
machen eben deshalb, weil sie ihr sittliches BewuBtsein iiber
ihr gesellschaftliches Dasein zu erheben verm&gen", Ihn er-
schiittert an Marx ,,sein leidenschaftlicher Wille zur Gerech-
tigkeit", Er nennt den Sozialismus ,,die menschenwiirdigere
unH gerechtere Ordnung der Lebensbeziehungen". So sehr
ein .Jdealismus", der „die Wirklichkeitswendiing zur Wirtschaft
nicht mitmacht1', der ,,vor der Lohnfrage oder dem Arbeits-
losenproblem versagt", ,,uns augenblicklich gestohlen werden"
konne, so sehr liege doch „die letzte Begriindung des wahren
Wesens des Sozialismus" ,,in der Idee" — namlich „in der
Idee der gesellschaftlichen Gerechtigkeit", Heller ist Aktivist.
610
„Die Verwirklichung des sozialistischen Gemeinschaftsgedan-
kens darf von keinem wunder erwartct werden, am allerwenig-
sten von dem Wunder der sich selbst vollziehenden Dialektik
der Geschichte. Wir sind heutc vor personliche und gesell-
schaftliche Wirklichkeiten gestellt und haben diese mit Geist
und Tat zu durchdringen,"
, Geist' heiBt auf dcutsch , Ratio', Leider schiebt Heller
sich, in einer Polemik gegen den Materialismus, zwischen
Materialismus und Rationalismus ein. Er gestattet sich einen
Ausfall gegen Nelson . . . sehr zu unrecht, Der „falsche Glaube
an die allmachtige Willkiir der Vernunft einem gesellschaftlich-
geschichtlich gegebenen Material gegenuber" wird ja nur von
, Trotteln geglaubt! Wenn Nelson geschrieben hat; „Ist aber
einmal der Glaube an die Ohnmacht der Vernunft als die zu-
letzt allein entscheidend^ Ursache ihrer wirklichen Ohnmacht
erkannt, so ist eben damit auch schon das Mittel entdeckt,
ihrer Ohnmacht abzuhelfen", dann ignoriert dieser groBe
Denker damit keineswegs die Komponente des Irrationalen,
der Materie, der Tragheit, des ,GroBen Krummen*. Die Ohn-
macht der Vernunft bezweifeln, heiBt nicht die AJlmacht der
Vernunft behaupten. Es ist uns Rationalist en weder urn eine
logizistische Ausdeutung des Geschehens, noch gar um seine
„Logifikation" (Paul Oestreich} zu tun, sondern um eine
Starkung der Geist-Komponente im Geschehen,
Zu dieser Aktion des Stark ens ist der Materialismus un-
filing. Heller halt ihn mit Recht fur „absolut unbrauchbar als
Grundsatz des Handelns" und nennt ihn, besonders unter ar-
beiterpadagogischem Gesichtswinkel, einen Mlacherlichen und
gefahrlichen Unfug". Mittels der wirtschaftlichen Abstraktion,
die er darstelle, „kann man immer nur Gesetze des wirtschaft-
lichen Handelns finden; die Wirtschaft ist aber nur eine neben
anderen Kulturbetatigungen der Menschen". ,,Weil . * . Marx-
Engels als Wir tschaftswissenschaf tier immer nur die Gesetz-
lichkeit der Wirtschaft sehen, konnen sie nie zur Eigengesetz-
lichkeit der andern Lebensspharen, insbesondere nicht zur
Eigengesetzlichkeit der Politik kommen." »Det Mensch wird
aber durch die bunte Fiille von Lebensgesetzlichkeiten nicht
nur nacheinander, sondern in jeder einzelnen Handlung gleich-
zeitig bestimmt."
Besonders gliicklich polemisiert Heller gegen die anar-
choide Naivitat bei Engels, die sich in der Theorie zeigt, daB
nach Besitzerfreifung der Produktionsmittel im Namen der
Gesellschaft der Staat von selbst einschlafe und absterbe.
Engels hat das in seiner beruhmten, von Denkfehlern strotzen-
den Schrift ,Die Entwicklung des Sozialismus von der .Utopie
zur Wissenschaft1 ausgesprochen, und noch pointierter in
einem 1875 an Bebel gerichteten Brief, Sehr zutreffend er-
klart demgegeniiber Heller: ,,Wie soil ein sozialistischer Ideal-
zustand, der doch die wirtschaftlicche Anarchie beseitigen will,
denkbar sein unter gleichzeitigem Eintriit der politischen
Anarchie?*' Auch Max Adler, der in diesem Punkt Engels
kompliziert verteidigt, wird von Heller Jiier sportgerecht
knockout geschlagen. Vielleicht iibertreibt Heller, wenn er
Sozialismus und Anarchismus fur „eine Fixsternweite vonein-
ander entfernt" erklart (muB er doch selbst zugeben: „die Idee
3 611
der Herrschaftslosigkeit ist als kritischer Maftstab, als kultur-
kritische Idee durchaus berechtigt"), und er wittert auch
hinter Protesten gegen kritiklose Verabsolutierungen iiber-
individueller Werte wohl etwas zu oft „liberale Staatsfurcht";
aber die Gepflogenhcit des klassischen Marxismus, mit dem
Bade Klassenstaat das Kind Staat auszuschutten, geiBelt er
groBartig.
Was Staat und Nation als Wert und als zu Oberwindendes
dem sozialistisch gewillten Proletariat bed'euten, tiber dieses
vielgliedrige Problem schrieb Heller — ich fasse zusammen —
einen mit Konservativismen gespickten Band, der nichts-
destoweniger zur Revolutionierung des marxianischen Vereins-
lebens erklecklich beitragen kann.
Das Gesicht der amerikanischen Provinz
von Sherwood Anderson
p\ie amerikanischen Kleinstadte machen eine eigenartige Zeit
*^ durch. Wahrend ich dies schreibe, befindet sich das Land
in einer Periode industrieller Depression* Im vergangenen
Sommer herrschte eine lange Zeit der Diirre in den landwirt-
schaftlichen Gebieten Amerikas, besonders im Siiden und im
mittleren Westen, Trotzdem ergab sich eine Oberproduktion
an Lebensmitteln. Die Farmer erzielten mit ihrer Ernte keine
guten Preise; in grofien Teilen des Land'es muBten die Vieh-
bestande mit Verlusten verkauft werden, weil die Weiden ver-
trocknet waren.
In den Stadten droht den Kaufleuten die Gefahr der
Kettenladen. Diese groBen Orgaiiisationen sind offenbar be-
strebt, den Kleinhandel des Landes an sich zu reiBen. Gewohn-
lich werden sie von einem Manne geleitet, der von auBerhalb
kommt, und verkaufen zu herabgesetzten Preisen und nur
gegen bar. Eine groBe Anzahl von Kleinkaufleuten ist aus dem
Handel verdrangt word en, und viele von ihnen werden in der
Arbeiterklasse landen.
Es gibt heute zu viele Arbeiter, Keine Nation der Welt
war erfinderischer und begaibter in der Vervollkommnung auto-
matischer Maschinen. Lange Zeit war das Auto die Leiden-
schaft jedes jungen Amerikaners, dasselbe Gefiihl hat sich
jetzt auf das Flugzeug iibertragen. Jeder Junge sieht sich im
Traum als zweiten Lindbergh.
Die Maschine beherrscht das Leben Amerikas. In den
Fabriken tauchen iiberall neue und exaktere Maschinen auf.
In einer Stadt nahe der, wo ich lebe, ist eine Zi-
garrenfabrik plotzlich geschlossen worden. Der Gesell-
schaft gehorten zwei Fabriken in zwei Stadten; da wurde
eine neue Maschine erfunden, die es der Gesellschaft ermog-
lichte, in einer der Fabriken das gleiche Quantum an Zigarren
zu produzieren wie vorher in beiden. So wurde die eine
Fabrik beinahe iiber Nacht geschlossen und fiinfhundert An-
gestellte — meistens Frauen — wurden arbeitsios. . In dieser
Branche wird fiir sie keine Arbeitsmoglichkeit mehr bestehen.
Diese Branche ist ^rledigt
612
Solchc Dinge ereignen sich allenthalben, Zum beispiel gibt
es eine Maschine, mit der einer — Mann oder Frau — die
Arbeit von zehn, zwanzig oder dreiBig bewaltigen kann. So-
bald einc solche Maschine in einer Fabrik eingefiihrt wird,
miissen sofort alle Fabriken der gleichen Branche sie haben,
Solche Maschinen vermehren sich ins Unendliche. Lange Zeit
machte sich die daraus entstehende Arbeitslosigkeit nicht sehr
fiihlbar. Sie ging unbemerkt voruber. Erst vor ganz kurzem
noch wurde Neuland erschlossen und der OberschuB an Ar-
beitskraften konnte durch den Aufschwung neuer Gebiete aus-
geglichen werden.
Dann wurde das moderne Kreditsystem ausgearbeitet
Jeder, der irgend eine Verdienstmoglichkeit hatte, konnte sich
auf Ratenzahlung ein Auto, einen Frigidaire, ein Radio kaufen.
Manner und Frauen in einigen unsrer Industriestadte mit einem
wochentlichen Lohn von ftinfzehn bis sechzehn Dollar machten
Schulden, um Radios oder Autos zu besitzen. Gebrauchte
Automobile wurden wie neue auf Ratenzahlung verkauft. Die
guten lieben Leute sind dabei nicht einmal zu tadeln — die
Stadtchen wurden mit Handlern iiberschwemmt, die mit Hoch-
druck arbeiteten. Die Radiofabrikanten sagten: MWie toricht,
Autos zu kaufen", die Autohandler sagten: ,,Das Radio hat sie
alle vernickt gemacht.'* „Geld ausgeben! Geld ausgeben!"
wurde die Parole . , . In der Konjunktur — wahrerid des Welt-
krieges und der ersten Nachkriegsjahre — steigerte sich die
Kapazitat fast aller Fabriken.
Die Verbreitung des Kreditsystems auf fast alle Manner
und Frauen, die irgendeine Verdienstmoglichkeit hatten, hielt
die Fabriken im Gang. Der Kleinbiirger >bekam eine neue Le-
bensperspektive. Die Fuhrer, zu denen er aufblickte, die
GroBindustriellen, die Zeitungsmagnaten, alle predigten die
neue Lehre: MGeld ausgeben! Geld ausgeben!"
Amerika stand vor einer neuen Lebensweise, einer bis <la-
hin in dieser Welt vollig unbekannten Lebensweise- Vor der
Tiir des bescheidehsten Hauses mufite ein Wagen stehen. Das
Haus selbst mufite fast automatisch laufen, wie die Fabriken.
Elektrische Waschmaschinen, elektrische Buttermaschinen
durften auf keiner Farm fehlen; Baumwolle rupfen, saen,
pfliigen, ernten, alles machte die Maschine; die Hauser wurden
automatisch geheizt, das Essen automatisch gekocht, In alien
materiellen Dingen war Amerika bereits der ubrigen Welt
voraus. Konnte das so weiter gehen? Nein zu sagen, zu zwei-
feln, war ein Verbrechen, f]Miesmacher! Feigling!" bekam
man da zur Antwort. Der beste Weg, sich unbeliebt oder gar
verhaBt zu machen, war skeptisch zu sein. Ich glaube, das ist
in RuBland genau so. Wer da am Kommunismus zweifelt, der
ist erledigt.
Zufallig hielt ich mich in den letzten Jahren immer in
Kleinstadten auf. Ich geh6re zur Klasse der Kiinstler, bin
Schriftsteller, aber neuerdings fiihle ich wenig oder gar keinen
Drang, in der Welt der Phantasie zu schaffen. Die reale Welt,
die neue Welt der Fabriken, ist fur mich von viel tieferem
Interesse, ist viel phantastischer geworden als die Welt der
Vorstellung,
613
Ich habe einen groBen Tcil der Fabrikcn in den Klein-
stadt en besucht, manchmal bekam ich die Erlaubnis herein -
zugehen. In vielen Fallen gab meine Anwesenheit AnlaB zu
Fragen; wollte ich etwa die Arbeiter aufwiegeln? Nein.
Ich war nur um der Maschinen willen gekommen.
Sie sind faszinierend, Wer konnte heute iiber Stadte
schreiben, ohne sich mit den Fabriken zu befassen! Jede Klein-
stadt, die keine Fabrik hatf plant, eine zu bekommen. Jede
Kleinstadt traumt davon, GroBstadt zu werden. Alles in
Amerika drangt nach GroBe. Nur wenige wunschen sich, klein
zu bleiben, das Leben zu nehmen, wie es ist. Die Bewegung
der Kleinstadt zur GroBstadt hat eine Bewegung des Landes
zur Kleinstadt mit sich gebracht. Die siidlichen Industriestadte;
meist sehr haBliche Orte, sind voll von ehemaligen kleinen
Farmern von den Bergen und aus den Ebenen von South Ca-
rolina und Georgia. Die Kinos locken, die hellerleuchteten
StraBen der Stadte locken. Das Leben in den Bergen und in
den heiBen Ebenen hat Nahrung und etwas Freiheit gebracht,
aber nicht Geld genug, die teuren Kleider New Yorks nachzu-
ahmen. In der Kleinstadt wurde sich schon etwas Geld ver-
dienen lassen, und von dem Geld kann man Kleider kaufen,
schnell und billig maschinell hergestellte Kleider, Man kann
ein Radio kaufen und ein gebrauchtes Auto.
Die Maschine, Die Maschine, Gebt uns die Maschine.
Diese Bewegung hat eine Abkehr von der Natur mit sich ge-
bracht, von den Feldern und den Waldern. Nahrung ifit man
aus Konservenbuchsen, in die sie schnell und ausgiebig von der
Maschine gepackt worden ist.
Sehen wir uns einmal die Fabrik in der Kleinstadt an.
Welch ein Kontrast! Sehr oft liegt sie in dem unordentlichsten,
unansehnlichsten Stadtchen, aber ihre Erbauer sind keineswegs
unordentliche Leute. Sie haben Stolz, Sie konnten wohl die
Fiihrer der neuen Zeit sein. Man kann nicht umhin, die Wider-
lichkeit des physischen Kleinstadtlebens stark zu fiihlen: die
billig gebauten Hauser, oft viele leere Baustellen . . . etwas was
man in europaischen Kleinstadten nur selten sieht - . . diese
Baustellen, haBliche Sammelplatze fiir altes Eisen, Konserven-
biichsen und Zeitungspapier . , , den miiden, wirren Ausdruck
in den Augen der Leute.
Und dann die Fabrik, In den besten, modernsten, neuesten
— weiche Ordnung! Da ist vor der Eingangstiir ein griiner
Rasenplatz mit Blumenbeeten, Und drinnen ist man gepackt,
fasziniert von einer neuenf begeisternden Ordnung.
Die Maschinen stehen in groBen, luftigent hellen Raumen>
Vieles hangt natiirlich davon abf zu welchem Industriezweig
die Fabrik gehort. In einigen Kleinstadt fabriken habe ich Tau-
sende von fast vollstandig automatisch arbeitenden Maschinen
in einem Raum gesehen. Nur wenige Menschen gingen herum,
meist sauber und ordentlich gekleidet. In den Fabriken, wo
kein Staub und Rauch ist, wird den Arbeit ern und Arbeit e-
rinnen vorgeschrieben, sich rein zu haltenY In einer Fabrik
werden alle KlekUingsstucke, die abends unachtsam liegen
bleiben, in den Of en geworfen und verbrannt.
614
Die Maschinen arbeiten mit einer Art absoluter Ordnung
und Prazision in groBen hellcn Raumen. Welch eigenartiger
Kontrast zu dem Leben der Kleinstadt auBerhalb der Fabrik-
raauern! Die Maschinen bewegen sich mit erschreckender Ge-
schwindigkeit. Licht spielt iiber den arbeitendeh Maschinen.
Lichter spielen iiber ihnen und urn sie herum, und ein
Strom von Waren quillt heraus,
Ich habe die Poesie all dessen gefiihlt. Ich habe das Er-
regende gefiihlt. Nachdem ich mehrere Jahre keinen Vers ge-
schrieben habe, spure ich jetzt, nach dem Besuch der Klein-
stadtfabriken, wieder Lust dazu. Es gibt Stimmungen, da will
ich Dichter der Industrie, der Maschine sein. Fur die Ma-
schine, so wie der Amerikaner sie entwickelt hat, fuhle ich
nur Bewunderung und Liebe.
Sie arbeitet so frei, so schnell, so schon. Ein Spiel von
Licht und Farben in einem groflen reinen SaaL Ich mochte
einen Maler hier mit mir haben. Etwas Wunderbares geht
hier vor, Neue Formen treten ins Dasein, wechseln standig,
bewegen sich mit Exaktheit im Licht.
Und Waren, Unmengen von Waren, Strome von Waren.
Bei meinen Besuchen in den Kleinstadten sprach ich, wenn
sich Gelegenheit bot, mit den Besitzern und Leitern der Fa-
briken. „Werden auch in Ihrer Fabrik von Jahr zu Jahr Ar-
beiter und Arbeit erinnen diurch die Maschine abgelost? Und
produzieren Sie trotzdem mehr Ware als friiher?"
„JawohL"
,,Aber richten Sie nicht dadurch die Konsumenten der
Waren zugrunde? Wie konnen die Leute Ware kaufen, wenn
sie keine Arbeit haben?" '
„Ich weiB es nicht/1
„Haben Sie irgend einen Plan, um dieser Situation ent-
gegenzutreten?"
„Nein/* (Etwas argerlichj „Ich tue, was ich kann.",
Alljahrlich uberschwemmen die Fabriken neue Kleinstadte,
und die Kleinstadte, die noch nicht von den Fabriken iiber-
schwemmt sind, werden wenigstens von Maschinen iiber-
schwemmt. Die Fabriken dringen jahrlich tiefer in die ehemals
landwirtschaftlichen Gebiete vor. Allenthalben bemachtigt
sich die Maschine unsres Daseins. Schauspieler kommen nicht
mehr in die kleinen Stadte, sie bleiben in Los Angeles. Wir
sehen nur die Schatten von Schauspielern, wir horen nur die
Schatten von Stimmen, Sogar die Politiker kommen nicht
mehr zu uns, sie bleiben in der GroBstadt und sprechen durch
das Radio zu uns.
Das ist eine verschrobene Welthalfte, in der wir leben. Da
gibt es Felder nahe der Stadt und Hauser und Strafien auBer-
halb der Stadt. Dort liegt die Wirklichkeit, die Stadt selbst.
Denn dort ist dieses andre Leben, das unsre Phantasie
mit neuartigen Ideen foeschwingt, das Innere dieser Fabriken,
das Leben jener Leute in den Tonfilmen, die Stimmen, die so
eindringlich aus dem Radio zu uns tonen. Wir fiihlen uns wie
in einer neuen, befremdenden Welt, halb drinnen, halb
drauBen. Wir sind nur halbgeborene Menschen. Vielleicht ist
615
die neue Welt, von der die Menschheit so lange getraumt hat,
schon da. Wagen wir es, sie zu betreten. Ein wenig zitternd,
unsicher und vor den Kopf gestoBen stehen wir vor ihr.
Wenn eine neue Welt anbrechen soil, so wollen wir, daB
es eine amerikanische Welt sei, Viele von uns sehen eine neue
Zeit der Rastlosigkeit kommen, Da ist vieles dicht hinter der
Oberflache verborgen, Moglich, daB in den kleinen Stadten
Amerikas bald eine Zeit des Protestes, weitlaufiger Dis-
kussionen, eine Zeit des Suchens beginnt. Moglich, daB
eine neue Literatur, eine neue romantische Bewegung, neue
religiose Impulse erwachen, Wenn die Maschine wirklich eine
neue Welt fvir uns geschaffen hat, konnen wir nun jederzeit
beginnen, den Gang in diese neue Welt zu wagen, Gebe Gott,
daB es eine bessere wird.
Girl und Komsomolzin von Axei Eggebrecht
' Aus einem Buch ,, Junge Madchen1 ', das demnachst mit
Photos von Hedda Walther im Verlag Dietrich Reimer, Berlin,
erscheint.
A Is Jeanne d'Arc aus Domremy als teuflische Ketzerin ver-
brannt wurde, war sie neunzehn Jahre und ein paar Mo-
nate alt, Freilich scheint es, daB diese riihrende und erregende
Gestalt, die den groBeri Augenblick einer Nation verkorpert,
eine Ausnahme ist. Im allgemeinen gab sich die Welt-
geschichte nicht allzuviel mit jungen Madchen ab. Es sieht so
aus, als sei dieser weibliche Stern, Gaa, terra, la terre, die
Erde, durchaus und nur fur Manner da, von ihnen umkampft,
verteilt und verwaltet.
Das heutige junge Madchen, das unaufhaltsam in alle Be-
zirke des mannlichen Lebens eindringt, ist eine sehr moderne
Erfindung. Einst wardie erwachende Frau nichts Eigenes, nichts
Besonderes sondern eine Vorstufe zu der Erwachsenen, ein
wenig beachtetes Halbkind- Vor allem aber gab es junge
Madchen nur als Einzelwesen.
Heute bilden sie eine ziemlich geschlossene, zwar schwan-
kende, aber sehr selbstbewuBte Schicht. Vielleicht geschah
das nicht zuletzt unter dem Eindruck, daB die manner-
bestimmte Welt im Kriege und nach ihm versagte. Ober die
Eigenheiten und Gesetze dieser jungen Rasse von Madchen ist
viei geschrieben worden. Man hat eine ganze Theorie der
Girlkultur abgehandelt; und dies war gewiB ein MiBbrauch mit
dem Wort. Immerhin gibt es bestimmte, ihnen gemeinsame
Begritfe und Anschauungen. Die besonderen Formen ihrer
Wirksamkeit stammen wesentlich aus Amerika,
In diesem Lande schlagt ein auf die Spitze getriebener,
ein sozusagen iiberorganisierter Individualismus haufig in un-
echten Kollektivismus um, Ich erinnere mich einer Karikatur:
Ein Mann in Hemdsarmeln steht auf einem Rednerpultj vor
616
ihm sitzen Hunderte von Mannern, ebenfalls in Hemdsarmeln;
der Redner hat ein scharfes Profil und ein bestimmtes Lacheln;
die Hunderte haben alle das gleiche Profil und das gleiche
Lacheln; und der Redner schmettert mit tiefer Uberzeugung
den Satz: Wir konnen stolz darauf sein, dafi wir ein Volk von
Individualisten sind.
In solcher, eigentiimlich iiberdrehten Art kommen die
schrecklichen, leer en und unwiderstehlichen Massenregungen
Amerikas zustande. So auch der Kult, den sie mit ihren Girls
getrieben haben und noch treiben, Sicherlich halt en sie ihre
Tochter ehrlich iiir die Kronung menschlicher Entwicklungs-
moglichkeiten, fur wahre Wunder der Schopfung. Indessen*
sind sie Produkte aus schlechter Erziehung, schlechtem Puri-
tanergewissen, platter Industrialisierung der Begriffe, dumpfen
Erinnerungen an die frauenarme Pionierzeit und einem noch
dumpferen und nichts bedeutenden Idealismus. Schon wahrend
der Gemeinschaftserziehung, der vielgeruhmten Coeducation,
zumeist unter weiblichen Lehrkraften, wird das Madchen mit
Seibstbewufitsein und Oberwertigkeitsgefuhlen vollgepumpt
Nachher kommt so ein Wesen heraus, glatt wie die Figur auf
einer Seifenreklame, geschickt, anspruchsvoll, tief verlogen
und stets bereit, seine Herrschaft uber Gefiihl und Kraft des
Mannes erbarmungslos, ja erpresserisch zu nutzen.
Das ware fur uns nicht gar so wichtig, wenn nicht neben
01, Weizen und Anleihen eben dies Girl das hervorragendste
amerikanische Exporterzeugnis im Jahrzehnt nach dem Kriege
geworden ware. Das Mittel hierzu war vor allem der Film.
Die ermattete Welt hungerte nach neuen Anregungen. Sie
nahm das leicht gebotene, auBerlich angenehme Bild gern an.
Im letzten slowakischen, armenischen, indischen und chinesi-
schen Nest wurde man mit dem Lacheln, dem Seibstbewufit-
sein, der sufilichen Uberdeutlichkeit des Flapper-Madchens
vertraut, Man hungerte. Aber man versuchte, sich nach die-
sem Vorbild zu richten, so gut es ging.
Ein paar Jahre spater indessen stieB dies kiinstliche, nach
unfehlbaren Verfahren hergestellte Ding zusammen mit einem
anderen, gewachsenen, sich langsam entwickelnden Wesen;
dem wirklichen, dem echten neuen Madchen uber all in der
Welt. Neben den modischen Scheinbewegungen begann ein
wirklicher Aufbruch der enttauschten Jugend. Oft war er
schwer und schmerzvolL Oft liefi sie sich, enttauscht, hungrig
nach neuen giiltigen Gesetzen, nach Bindung und ernst-
licher Pflicht, in falsche Richtung, in sinnlose Abenteuer
locken. Indessen, sie kommt nun nicht mehr zur Ruhe, Und
inmitten der marschierenden Jugend des Jahrhunderts sehen
wir das neue, das endgiiltig erwachte Madchen.
Seine Vorkampferin, auch wenn es. in weltanschaulich
ganz fremden und scheinbar feindlichen Lagern steht, ist das
617
junge russische Madchen, die Komsomolzin, das Gegenbild des
amerikanischen Girls.
Was wur-de nicht iiir Unsinn uber die junge Russin ge-
faselt, von der angeblichen Vergesellschaftung der ersten, un-
verstandlich wilden Jahre bis zu den bosartigen, tantenhaften
oder lusternen Marchen von eiher allgemeinen Verkommen-
heit. Freilich ging der Aufbau audi des neuen Menschen
dort drub en unter Entbehrungen, in entsetzlichem Elend vor
sich. Alles in allem war das todlich kranke Land nicht der
gliicklichste Baden Itir, den groBen Versuch, die Zukunft ent-
scheidend. zu gestalten. Aber waren sie daran schuld, die
mutigen, zuversichtlichen Jungbtirger dieses Staates? In Kali-
fornien hatten sie es freilich leichter gehabt.
Heute darf niemand den tiefen Ernst und die beginnenden
Erfol'ge dieser Wandlung mehr abstreiten. Wir brauchen uns
nicht mehr auf die Werke russischer Schriftsteller allein zu
berufen. Auch die Berichte AuBenstehender und sogar die
von Gegnern beweisen es. Das vielleicht schonste, weil durch
seine spiirbare Ergriffenheit uberzeugende Buch iiber die Ju-
gend in SowjetruBland hat ein rechtsstehender junger Deut-
scher, Klaus Mehnert, geschrieben. Ein anderes, hochst leben-
diges Bild der Kamp {generation, die jetzt schon in die Reihen
der alteren einriickt, gibt die Geschichte vom ,,Ersten Madel"
von Bogdanow, eins der aufrichtigsten und wichtigsten Mad-
chenbucher unserer Tage. Unendlich liebenswert ist die Ge-
stalt der kleinen Sanja Jermakowa, die sich als erstes Mad-
chen in ihrem kleinen Landnest bewuBt beim Aufbau einreiht,
die organisiert, agitiert, arbeitet, endlich an den Konflikten
der Obergangszeit und ihrer Umwelt zugrunde geht.
Zwischen . ihr, der Kampferin, und dem verblassenden
Trugbild-e des glatten Girlgeschopfes, stehen wir/ stehen die
Madchen aller Lander der Erde, Sie sollen nicht wahlen
zwischen zwei Wegen. Sie werden ihren eignen Weg gehen,
Aber es scheint mir, alles in allem, nicht sehr zweifelhait, daB
sie daraui verzichten werden, kleine, angebetete, nicht^ge
Gotzenbilder zu sein; d!aB sie sich einsetzen werden, ehrlich
und opferbereit, wie die kleine Sanja,
Eben erst hat ja die Solidaritat des jungen Madchens mit
der verwirrenden Welt der Manner begonnen. Sie ahnt erst
die strenge GroBe ihrer Auf gab e. Zehn, zwanzig Jahre, eine
einzige Generation besagen nichts. Aber es scheint, dafi Jo-
hanna die Stimmen vernommen hat, Sie ist in unserem Feld-
lager erschienen. Sie tritt in unsere Reihen ein und ermutigt
uns. Wir werden nicht dulden, daB man sie als Ketzerin ver-
brennt. Auch auf ihre Heiligsprechung legen wir keinen
Wert. Als Genossih unseres kampferischen Lebens heiBen
wir sie willkommen.
618
Volkslied aus dem Jahr 1848 Adoif GiaBbrenner
Aus dem ,Komischen Volkskalender'
Gesungen nach der Melodie: Immer lan&sam voran!
Immer'n bisken zuriick, immer'n bisken zuriick.
Zu des alte Unterthanenjliick!
Ne nu dauert mir zu lange die Revoluzjohn,
Nu jeh iqk iiber zu de Reakzjohn!
Des is mir ne schone Prefifreiheit,
Da kommt man ja selber in de 6f fentlichkeit !
Da halten sie Reden janz frank und frei,
Und die Gensd'armen, die stehn un rochen dabei!
Ne, man immer zuriick, ne man immer zuriick,
Zu des alte Unterthanenjliick!
Herrjeeses, da sprech'n sie von Republik!
Mir lief es eiskalt iiber s Jenick.
Die Republik war doch's jrofite Malheur,
Da hatten wir ja jar keen Keenig mehr!
Jott, man immer zuriick, Jott, man immer zuriick,
Zu dest alte Unterthanenjliick!
Son Mensch nennt das Volk seinen Sousweeren,
Und laBt den Keenig neben sich stehnl
Wenn man so een Minister sich fruher denkt,
Der ware an de Beene ufjehangt.
Immer'n bisken zuriick, immer'n bisken zuriick,
Zu des alte Unterthanenjliick!
Die Juden, die haben das jroBte Maul,
Die ihre Jesinnung is oberfaul.
Je'm den Adel wagen sie sich noch die Hep-Heps,
Am Ende, da werden wir noch alle nischt als Plebs!
Ne, man immer zuriick, ne, man immer zuriick,
Zu des alte Unterthanenjliick!
Meine Frau, die betet noch monarch'scher als ich:
Lieber Jott, Schick* uns wieder den Metternich! "
Hatt'n wir nich noch das jute Milletair,
Wir hatten' keene jute Hoffnung mehr.
Ne, Herrjees man zuriick, ne, Herrjees man zuriick,
Zu des alte Unterthanenjliick!
Un kurz, die Freiheit, die hab ick nu dick!
Nu jeh ich immer een bisken zuriick.
Immer'n bisken zuriick, immer'n bisken zuriick,
Zu des alte Unterthanenjliick!
619
TeilS gUt, teilS Wichtlg von Rudolf Arnheim
lUfit einem in Jahrhunderten vervollkommneten Formgeftihl
leistet das Burgertum Kunstarbeit, Vcrlicrt diese Kunst-
arbeit ihren Gegenstand und ihrcn Sinn, weil der biirgerlich
f uhlende Kiinstler natiirlicherweise in der heutigen Welt nichts
andres mehr sehen kann als ein unverstandliches Chaos und
weil man ihm verbietet, auch nur ein unrctuschicrtes Abbild
der Wirklichkeit — wennschon nicht ihres Mechanismus! —
zu geben, so entfalten diese dem Boden entrissenen Gestal-
tungskrafte ein unheimliches, bleiches Wachstum ins Leere wie
die Wurzeln der Kartoffeln im Keller, Beim Theater, das sich
aus der Zeit zu den ewigen Inhalten der Klassik retten kann,
wird diese Entartung zumeist erst offensichtlich, wenn das
Publikum wegzubleiben beginnt oder wenn ein Versuch zeit-
gemaBen Theaters sich durchsetzt und an einem Einzelbeispiel
zeigt, wie unsre Buhne aussehen konnte und miiBte. Beim Film
hingegen, dieser an die Wirklichkeit einerseits und an die
politisch-wirtschaftlichen Machte andrerseits! am starksten ge-
fesselten Kunst, laBt sich der Leerlauf der Form liberal! und
immer wieder mit Handen greifen.
,,SchloB im Mond", ein amerikanischer Operettenfilm. Die
Amerikaner traumen von Fiirsten und Prinzessinnen, von der
ganzen dynast is chen Rumpelkammer, aber sie sind andrerseits
zu jungt zu uiibeschwert, zu praktisch, um das altmodische
Innenleben der Prunkschlosser ohne Heiterkeit besichtigen zu
konnen. Den Hofknicks und den Spott zugleich wollen sie —
wie ist dieser verzwickte Wunsch zu befriedigen? Man laBt
sich den alteuropaisch-feudalen Operettenkitsch von neueuro-
paisch-demokratischeni Ironikern servieren, man importiert
nicht nur den Hofknicks sondern zugleich auch den Spott. Fur
den Spott hatte Ernst Lubitsch zu sorgen, jetzt tuts ihm sein
Schiiler Rouben Mamoulian, auch eben kein Yankee, eifrig
nach, indem er die Geheimnisse der Ftirstenhofe stiirmischer
nbch als der Meister Hiftet. Lubitsch ist, auch wenn er hohnt,
gelassen, gutmiitig, ert hat einen besanftigend wirkenden Sinn
furs Melodische, Mamoulian hat die fur den Anf anger typische
Hast, die Lust am Vollstopfen, die Liebe zum Detail auf Kosten
der grofien Linie, Wer seinen Film sieht, verschluckt sich
leicht, wie ein Saugling, dem ein tibereifriges Kindermadchen
die Milchflasche pausenlos in den Mund driickt. Die Kost ist
sehr konzentriert, jede Szene ist eine Freude fiirs Auge, ge-
legentlich auch eine fiirs Ohr, so wenn Mamoulian, nach einer
im Tonfilm nun schon klassisch gewordenen Methode, die
Strophen, eines Liedes iiber alle Stockwerke des Hauses, vom
Boudpir bis hinunter zur Waschkiiche verteilt, indem ein Haus-
bewohner dem andern die Melodie wie einen Feuereimer wei-
terreicht; oder wenn er eineni liberwirklichen Gedankendialog
ins Bild -hmeinflustern laflt — wie er es schon in den „StraBen
der Weltstadt" tat, nach einem Einblick in Eisensteins unver-
filmtes Drehbuch zur ,,Amerikanischen Trag6die'\ wenn wir
Eisenstein glauben diirfen. Sehr deutlich auch hier das, wie
bisher liberal! in der Welt, erfolglose Streben, einen ge-
schlossenen Filmoperettenstil zu schaffen. Geschickt wird zu
620
An£ang ein Rhythmus stiickweise aus Gerauschen der StraBe
aufgebaut und im Crescendo zum ersten Chanson gefiihrt;
aber diese stilisierende Rhythmisierung der Klangwelt hat ihr
Ende, sobald die Spielhandlung beginnt Eine Handlung in den
optisch wie akustisch gebundenen Takt eines Musikfilms ein-
zufiigen, das ist bisher nicht gelungen.
Eine Fiille lustigster Einfalle wird vertan, Es ist alles fiir
die Schneiderpuppe, nioht fur den lebendigen Leib gearbeitet.
Mit geschickten Griffen wird enthiillt, was zu enthiillen weder
notig noch gefahrlich ist. Kiinstler, die alles Zeugj zu scharf-
sten Zeitsatirikern hatten, miissen den Don Quixote spielen.
Chevalier, der ein wirklicher Volksschauspieler sein konnte,
mu0 seinen Strohhut zwisohen Brokatportieren spazieren fiih-
ren. Das ist argerlich, aber wirklich emporend wird diese
Scheinkunstproduktion, wenn sie sich nicht mit einer lustigen
Unwirklichkeit sondern mit der ernsthaften Wirklichkeit be-
faBt. Ein Film wie King Vidors ,, Champ", eine meisterharte
Milieustudie, aufgeputzt durch einen blutigen, sentimentalen
SchluB, reiht sic hi eben durch dies en SchluB in die widerwar-
tige Serie amerikanischer ,,Problem"-Filme ein, die unter dem
Vorwande unerschrockener Realistik raffiniert ausgemalte
Greuelgeschichten erzahlen. Grade weil Regisseur und Schau-
spieler es, so trefflich verstehen, lebendige Menschen auf die
FiiBe zu stellen, grade deshalb wirkt der geschmacklose Sa-
dismus solcher Filme so schmerzhaft. Grade weil Wallace
Beery und der kleine Jackie Cooper so herrliche, sehenswerte
Schauspieler sind, ist das Blutf das iiber das Gesicht des
Boxers lauft, sind die Tranen des kleinen Waisenjungen echt,
Blut und Tranen aber flieBen um nichts, als um die Gefuhle
samt alien ihr en dunklen Unterkellerungen aufzuwiihlen. Die
Gefuhle dienen nicht dem Kunstwerk sondern das Kunstwerk
den Gefuhlen. In solchen Filmen entlarvt sich der Geist von
Filmproduzenten, die Beziehungen nur zum Geld, nicht zur
Sache haben, und sei sie eine so ,,allgemeinmenschliche" wie
der Jammer eines Kindes um seinen blutenden Vater. Wer
darin jiur einen AnlaB zu Nervenkitzel und Sensation sieht,
dem driickt die Brieftasche starker aufs Herz, als man das
selbst bei Dollarmillionaren vermuten sollte,
Wie belebend wirkt gegen solches Gespenstertreiben die
Filmarbeit der Sowjet-Russen, auch wenn sie nicht immer die
Hohe der groBen Eisenstein- oder Pudowkinfilme halt, Dieser
Tage zeigte die russische Botschaft geladenen Gasten einen
Tonfilm ,,Menschen und Dinge", der eine Episode aus dem
Aufbau des Kraftwerks Dnjeprostroj behandelt. Diese Ge-
schichte von dem StoBbrigadenfiihrer, der dem amerikanischen
Ingenieur nacheifert und ihn schlieBlich iibertrifft, ist in der
Grundanlage des Manuskripts wenig geschickt. Jeder Spielfilm
braucht Tempo, wie erst einer vom sozialistischen Wettbewerb
inherhalb des Ftinfjahresplans, Statt dessen bringt der Film
in breiter Schilderung die umstandlichen Versuche des russi-
schen Ingenieurs, seine Krarie richtig bedienen zu lernen, Die-
selben Situationen kehren mehrfach wieder, Ansprachen in
Versammlungeni vor allem, uber deren Wirkung der deutsche
Zuhorer allerdings nichts aussagen kann. Der Held, ein
Mann aus dem Volke, ist gewohnt, Langsam zu denken, sich das
Kiiui zu kratzen, und der Film halt da mit ihm Schritt. Abcr wie
schon ist der schlichte Eifer dieser Arbeit, dieser Heroismus
ohne Heroisierung, diese Verbindung von Bescheidenheit und
SelbstbewuBtsein, dieser Mut zur Selbstkritik und Selbstironi-
sierung, der auf eine Befreiung des Sowjetfilms vom ortho^
doxen Parteischema hindeutet. Manches ist recht schematised
etwa die reichlich gebotenen Aufnahmen dekorativer Ma-
schinen, an denen wir uns wohl schneller Siatt sehen als die
Russen, oder1 die Figur des Amerikaners, der im wesentlichen
durch seine rauchende Tabakspfeife charakterisiert ist, fur die
er wahrend.der dreitausend Meter des Films schlecht gerech-
net zweihundert Gramm Mittelschnitt verbraucht. Recht ge-
spannt ist man natiirlich, wie die Russen, nach so viel theo-
retischen Ankundigungen, das Mittel des Tons verwenden.
Technisch scheinen, die russischen Apparaturen bereits die des
Auslands zu erreiohen, kiinstlerisch gibt es einige sehr ein-
dringliche Wirkungen, etwa wenn der StoBbrigadier unter dem
Gelachter des (unsichtbaren) Amerikaners ruckhaft kleiner
wirdi oder wenn das Qufetschen der schlecht gepflegten Ma-
schinen wie ein Stuck Dialog in eine Szene eingreift, ohne daB
der Vorgang selbst im Bild ware, Dennoch geht man einer-
seits zui wenig sparsam mit dem; Ton um, indem man fiir das
Mas chin enmilieu abstumpfende Gerauschorgien aufbietet, and-
rerseits zeigt sich eine kunstgewerbliche Art, Gerausche vom
Himmel fallen zu lassen, wenn sie grade gebraucht werden.
Die Lokomotive etwa pfcift, wenn von ihr die Rede ist; ihr
klingen die Ohren. Parallele im Optischen: im Zug wird Unter-
richt abgehalten, dem Schiiler fal'lt nichts ein, er stockt, der
Zug fahrt ganz langsam; der Schiiler kommt auf die Losung,
schnattert sie herunter, der Zug rast. Das sind spielerische
Anleihen beim Groteskfilm,
Nur mittelgut, aber wichtig. Dasselbe gilt fiir das neue,
zweite Theaterstiick der MMausefalilen"-Truppe, fiir Gusta\
von Wangenheims „Hier liegt der Hund begraben". Die libe-
ralen Kritiker haben, mit Recht und mit Eifer, dem Autor vor-
geworfen, daB er unklar sei, vielleicht um zu bemanteln, daB
er der unklare Vertreter einer glasklaren Weltanschauung ist,
die unsre Zeit eben nicht chaotisch findet sondern aufdringlich
sinnvoll. GcwiB, Wangenheim bringt vieles durcheinander,
sein Hund liegt gradezu in einem Massengrab begraben, aber
daB er etwa auch die nationalistische Heimatidee behandelt,
darf man ihm nicht als Gesinnungslosigkeit auslegen. Wir
haben die Auseinandersetzung mit diesem Begriff nicht zu
scheuen, fa sie ist so-gar no tig, um den Nationalisten das Argu-
ment zu nehmen, wir seien heimatlose Gesellen. Die alberne
Vorstellung, als seien Heimatliebe und FremdenhaB dasselbe,
ist als ein Geschaftsmanover der Kriegs- und Autarkie-Inter-
essenten zu ehtlarven. Daher ist es schadlich, MAha, die Kon-
junktur!*' zu rufenf wenn einer von uns das Wort „Heimat"
sagt, Ein groBer Kreis linker Leute laBt sich von den Nazis
geistig exmittieren. Das wollen wir nicht mitmachen,
Wangenheims Stuck legt schon vom Textbuch her eine
bestimmte Form der Auffiihrung nahe; das Nebeneinander von
622
Szenen auf der gleichen Biihne, seinerzeit von Meinhard und
Bernauer fur ihre ,,Kreisler-Buhne" als spielerische Sensation
erfunden, dann vom revolutionaren Theater aufgegriffen als
gutes Hiifsmittel, um das Gegensatzliche nebeneinander zu zei-
gen. Der Mann im D-Zug spricht mit seiner Frau im Laden —
auf alle Illusion ist also verzichtet, und] wenn man auch dar-
iiber streiten kann, ob das Loch, das Stuck nackten Buhnen-
bodens, das auf diese Weise zwischeni den Schauplatzen frei-
bleibt, der Forderung kunstlerischer Einheit und Geschlossen-
heit entspricht, so kommt jedenfalls auf diese Weise ein kluges,
zuni Denken, nicht nur zum Schauen anregendes Theaterspiel
zustande. Hier entsteht das neue Theater: aus d<em filmischen
Schauboden wird eine Plattform fur Auseinandersetzungen, wie
sich das fiir1 eine Wortkunst gehort. Dafi bloBes Schildern nicht
iiberzeugt, wissen wir von den Kriegsfilmen. Das Theater
muB heute erklaren, ableiten, Zusammenhange zeigen. Das
versucht Wangenheim, und wenn es ihm nicht eindeutig ge-
lingt, so zum Teil deshalb, weil er neben marxistischen Kennt-
nissen eine schone Theaterphantasie hat, die ihn zu tibermu-
tigen, verbliiffenden Szenen verlockt. Er arbeitet, als Autor
wie als Regisseur, sehr geschickt mit Requisiten, weniger gut
mit den Schauspielern, deren Leistungen leider an der Xjrenze
dessen sind, was auf einer GroBstadtbiihne noch moglich ist,
wennschon sie mit einem Vergniigen auftreten, das sich, wie
bei einer Hochzeitsaufftihrung im Familienkreis, den Zu-
schauern mitteilt.
Dennoch ist, was hier geschieht, bedeutungsvoller als die
kunstvollsten Auffiihrungen der groBen Biihnen. Haben wir
die Wahl zwischen Wichtigem, das mittelmaBig gemacht, und
Gleichgultigem, das groBartig gemaoht ist, so fallt uns die Ent-
scheidung nicht schwer.
Van Gogh alS ZeUge von Heinriette Beth
In der Verhandlung gegen den Kunsthandler Otto Wacker,
zumal bei der Vernehmung der Sachverstandigen, sind zwar
reichlich van Gogh-Brief e zitiert worden, aber dennoch: koiuite
man van Gogh als Zeugen vernehmen, so hatte er recht andres
zu sagen gehabt. Was er gesagt hatte, laBt sich durch eine
bessere Auswahl von Briefzitaten ohne weiteres belegen, Und
so sei wenigstens, wahrend die Berufs verhandlung vonstatten
geht, an einigen Beispielen aufgezeigt, was auf groBerem Raum
noch schlagender bewiesen werden konnte.
„So schlechte Bilder konnen nicht von van Gogh sein!"
haben nicht nur die Kunsthistoriker sondern auch zwei Sach-
verstandige gesagt, in deren NachlaB sich sicher nur gute Bil-
der finden werden. Van Gogh schreibt in seinen Briefen (zitiert
nach Cassirers dreibandiger Ausgabe):
Ich hoffe, Du zerstorst eine Anzahl allzu schlechter Dinge, die
unter dem Haufen sind, den ich Dir schickte, Zum wenigsten zeige
nur die besten Sachen. Nimm vielleicht die gestirnte Nacht und die
Landschaft mit den gelben Wiesen zum Ausstellen, denn die beiden
haben entgegengesetzte Farben. (Brief 580.)
623
Die Rolle, die er Dir bringt, enthalt 35 Studien, Darunter sind
viele, mit denen ich verdammt unzufrieden bin, Ich schicke sie Dir
trotzdem, weil Dir das eine vage Idee von den auBcror dent lichen Mo-
tiven hier gibt . . . Dann gibt es einen Saer, eine Waschkuche und
auch anderes Zeug, das recht schlecht ausfiel und unfertig ist.
(Brief 508,)
Und so ist es immer, Man muB mehrere machen, ehe man ein
wohlgeordnetes Ganzes erreicht. (Brief 586.)
Zur beriihmten Frage der „Repliken":
.— Aber, was noch fehlt, ist — t)bung; ich muB etwa 50 der-
artige Studien malen, ich glaube, daB ich dann etwas haben werde.
Wenn Du nachstes Jahr kommst, so wirst Du die gleichen Gar-
ten, die Ernte sehen, aber mit anderen Farben und einer ganz ahn-
Jichen Handschrift, Und das wird immer dauern, diese Verande-
rungen und diese Abweichungen,
Diese Gartenecke ist ein gutes Beispiel fiir das, was ich Dir schon
sagte. daB man, um den wahren Charakter der Dinge zu treffen, sie
lange Zeit ansehen und immer wieder malen muB/ (Brief 465.)
Du hast mir immer gesagt, man miisse Qualitat und nicht nur
Quantitat machen, also hindert uns nichts daran, die Menge Studien
auch nur als wirkliche Studien anzusehen und darura eine Menge
Sachen gar nicht zu verkaufen.
Oder sind wir friiher oder spater einmal gezwungen, zu ver-
kaufen; dann verkaufen wir die Dinge etwas teurer, die, wenn man.
sie ernsthafter ansieht, sich halten werden.
Ich glaube, daB ich trotzdem nicht lassen kann, Dir in kurzer
Zeit, sagen wir einen Monat, Bilder zu schicken. (Brief 545.)
Zu der Behauptung: was nicht pastos gemalt sei, konne
nicht von van Gogh s ein:
Wahrscheinlich werde ich keine dick aufgetragenen Sachen mehr
machen. Dies ist das Ergebnis des ruhigen, zuruckgezogenen Lebens,
das ich fiihre, wobei ich mich besser fiihle. (Brief 601.)
Da ist kein Pointille, keine Schraffierung, nur flache Farben,
aber es steckt . Harmonie darin. (Brief 540.)
Die Sachverstandigen hatten behauptet, daB Bilder, die
besonders plarm seien, nicht von van Gogh stammen konnten.
Du hast selbst die Bemerkung gemacht, dafi meine Studien im
Atelier mit der Zeit eher besser als schlechter in der Farbe werden,
Sieh, das kommt daher, daB die Farbe so kraftig darauf sitzt, daB
ich kein 01 dazu gebrauche. Wenn sie ein Jahr alt sind, ist auch
das wenige 01, das die Farbe stets enthalt, herausgeschwitzt, und
dann bekommt man die gesunde Farbe, (Brief 416.)
Ich glaube, Du tatest gut, wenn die Bilder ganz trocken sind,
sie mit Wasser und etwas Weingeist zu waschen, um das 01 zu
entf ernen, so das Nachtcafe, den griinen Weinberg, und vor allem die
Landschaft, die in dem Nufibaumrahmen war. Auch die Nacht.
Aber es gibt da neue Retuschen, die infolge des Weingeistes ver-
derben konnten, (Brief 580.)
Etwa fiinfzeihn Stellen in den Brief en beweisen, dafi van
Gogh seine Leinwande nicht nur aus' Paris sondern in grofien
Mengen auch aus dem Suden bezogen hat, Etwa:
Die Leinwande, die ich hier gekauft habe, und das ist wirktich
noch nicht lange her, sind fast alle voll bedeckt. Wenn ich Dir
die Leinwande gerolli schicke, so ist es vorteilhaft, Du bringst sie
auf Rahmen. (Brief 488.)
Wir werden Tasset schon anfuhren, weil wir uns zum groBten
Teil der billigeren Farben bedienen, Gauguin und ich. Die Lein-
wand werden wir uns selbst praparieren. (Brief 542.)
624
Denn ich mufl noch Leinwand kaufen und sic selbst praparieren.
(Brief 530.)
Van. Gogh trieb zwar sehr gewissenhafte Naturstudien,
aber daraus darf man nicht, wie die Sachverstandigen, schlie-
Ben, daB jede Abweichung/ von der Natur ein Gegenihdiz sei.
Ich behalte von der Natur eine gewisse Reihenfolge und eine
gewisse Richtigkeit in der Anwendung der Tone bei, ich studiere die
Natur, um nicht verriickte Dinge zu machen, um verntinftig zu blei-
ben — doch — ob meine Farbe buchstablich genau dieselbe ist, dar-
auf achte ich weniger, wenn sie nur auf meiner Leinwand gut
wirkt, ebenso gut, wie sie im Leben wirkt, (Brief 418.)
Denn in lichteren Landern, unter der starkeren Sonne, werden
Schlagschatten und indirekte Schatten von Objekten und Figures
ganz anders und so farbig, daB man versucht ist, sie einfach zu
unterdriicken, (Brief 544.) /
Aber ich will zu einer unwillkiirlicheren, zu einer freieren und
ubertriebeneren Zeichnung kommen. (Brief 479.)
Die Wacker-Bilder wurden ohne Rahmen von den Sach-
verstandigen geprtift, zum Unterschied von den zum Vergleich
herangezogenen gerahmten van Goghs der Nationalgalerie!
Betrachte sie nicht, ehe Du sie auf Keilrahmen aufspannst und
sie weiB einrahmst, d. h, Du kannst andere Bilder abnehmen und
diese auf die Keilrahmen aufziehen eins nach dem anderen, um Dir
von der Wirkung Rechenschaft geben zu konnen, Denn um das
ganz zu beurteilen, braucht man fur kolorierte Bilder unbedingt den
Gegensatz des weiBen Rahmens. So kann man kaum den Regen,
die grauen Olivenbaume ohne Rahmen sehen. (Brief 630.)
Ob Otto Wacker schuldig ist oder nicht, dariiber soil hier
keine Meinung geauBert werden. Aber die Gerechtigkeit for-
dert, daraul hinzuweisen, daB <uns van Gogh selbst Mitteilun-
gen iiber seine Arbeitsweise hinterlassen hat, die den Behaup-
tungen der Sachverstandigen wider sprechen.
DaS LOCh im Westen von Theodor Timpe
„Dieses wohlorganisierte Gewerbe wirft hohe Gewinne ab
und wird daher offensichtlich von Hintermannern, unter Aus-
nutzung der Notlage der Erwerbslosen, die sich fur einen klei-
nen Lohn zur Verfiigung stellen, mit reichlichen Geldmitteln
unterstutzt. In der letzten Zeit ist es beim Zusammentreffen
von Zollbeamten, mit Schmugglern in einer groBen Anzahl von
Fallen zu lebhaften Feuergefechten gekommen . . ."
Der ReichsHnanzminister vor dem HaushaltsausschuB
des Reichstags am 12. Dezember 1931
T*\ie deutsche Republik hat ein Loch. Ihr westlicher Grenz-
damm ist in einer Lange von fast zweihundert Kilometern
gerissen. Grasgriin Uniformierte sind zum Rettungsdienst ab-
kommandiert, abkommliche Reichswehrtruppen assistieren. Auf
150 Meter Grenzstrecke kommt ein schwerbewaffneter Posten,
Die Strafien sind mit Barrikaden verbaut. Motorisierte Zoli-
streifen patrouillieren in einem Gebiet, das von dem Eifelort
Mpnschau bis in die Stadt Lohengrins, nach Kleve, reicht, wo
der Rhein ins Hollandische einflieBt, Nachtens gehen latrt und
625
oft die Gcwehre der Zollner los. In den dichten Greuzwaldern
fliichten hungrige Tropfe aus dem Lichtkreis der Leucht-
patronen, mit denen das Gelande taghell abgeleuchtet wird.
Und dann fallen die Schmuggler wie die Hasen im Schein-
werferlicht. Es ist ein widerlicher AbschieBsport, der da ge-
trieben wird- Das Loch im W-esten wird mit Schmugglerleichen
zugestopft. Die sind billiger als Sandsacke oder Drahtverhau.
In sieben Monaten, wurden in den Landesfinanzamts-
bezirken Koln, Diisseldorf und Minister 25 800 Schmuggler an-
gezeigt. 18,9 Millionen Zigaretten, 223 000 Heftchen Zigaretten-
papier, 45 000 Zigarren, 30 460 Kilogramm Tabak, 252 000 Kilo-
gramm Getreide, 112 000 Kilogramm Miillereierzeugnisse, 860
Fahrrader, 125 Motorrader und 115 Kraftwagen wurden in die-
ser Zeit beschlagnahmt. Fiinfundsiebzig Prozent der an deoi
Amts- und Landgerichten des gleichen Bezirks verhandelten
Strafsachen sind Schmuggeldelikte. Die ausgeworfenen Geld-
strafen,, die allerdings nur auf dem Papier der Urteilsakten
stehen, gehn in die Millionen- Die Gefangnisse sind uberfiillt.
Der Strafvollzug leidet an unheilvoller Verstopfung. Die
Staatskasse muB am Ende doch die Zeche zahlen,
Und warum?
Weil das Pfund Zucker in Belgien sechzehn Pfennige, in
D.eutschland aber achtunddreiBig Pfennig kostet, weil das Kilo-
gramm Brot in Deutschland dreiundvierzig, im Auslarid aber nur
achtzehn Pfennig kostet, weil der hollandische Tabak und
Kaffee weit um die Halfte billiger sind, weil .der hollandische
Maispreis um mehr als ein Drittel unter den Preisen des deut-
schen Maismonopols Hegt, weil der Wirtschaftswahnsinn der
deutschen Zollpolitik die hungernden und erwerbslosen Ar-
beiter des Ruhrgebiets, des aachener Kohlenreviers und der
bankrotten Landgemeinden zu Tausenden ins Loch im Westen
treibt, aus dem sie oft genug nicht lebend zuriickkehren.
Der Schmuggel an der deutschen Westgrehze wachst pro-
portional der steigenden Arbeitslosigkeit in den Industrie-
stadten des Hinterlands, wo auch seine Agenten und Haupt-
abnehmer sitzen, Mit der Verscharfung desj Zollkriegs, einem
riicksichtsiosen Waffengebrauch, mit der Motorisierung der
Zollkommandos haben sich auch die Formen des Schmuggel-
betriebs geandert. Die Chance fur den sogenamnten ,,Ein-
zelganger" ist immer geringer geworden. Die mit groBkauf-
mannischen Alliiren wirtschaftenden Schmuggelunternehmer,
die in alien Industriestadten sitzen, nachgewiesenermaBen bis
nach Hamburg hinauf, haben ihre Kriegstaktik rechtzeitig
durch den Einsatz regularer) Schmuggelkolonnen revidiert, die
meist sechs bis zwanzig, manchmal auch bis zu hundert Mit-
glieder gleichzeitigt aufweisen.
Bis zu dreiBig Kopf en starke Schmugglerbanden, die nur aus
Frauen bestandent sind verschiedentlich abgefangen worderi.
626
Ein groBziigiges Kundschafternetz mit einem exakt funktionie-
rendcn Nachrichtendienst iiberzieht die Zollstationen, Die Ko-
lonnen werden durch haufig auch bewaffnete Kraftwagen-,
Fahrrader- oder FuBgangerpatrouillen frontal und seitlich ge-
sichert. Kommt es zum ZusammenstoB, tobcn oft genug er-
bitterte Feuergefechte, die auf beiden Seiten Opfer kosten.
Oberfalle der Schmuggler auf einzelne Zollbeamte sind an dcr
Tagesordnung. Die Betriebsform der Schmuggelunternehmen
ist ausbeuterisc'h, die Arbeit bar jeder Romantik. Fiir einen
Tagessold von funf bis zehn Mark sind die Kolonnenmitglieder
angestellt. Entlohnung erfolgt in der Regel erst nach gegliick-
tem AbschluB der Schmuggeltour, Das oft mit dem Leben be-
zahlte Risiko tragt ausschlieBlich der Schmuggelkuli. Der hin-
ter den Kulissen agierende und ihnen namentlich meist unbe-
kannte Unternehmer wird fast nie erwischt,
Der Vertrieb der Schmuggelwaren wird in den meisten
Fallen ebenfalls von einer Zentrale kolonnenmaBig dirigiert.
Neben einer privaten und regelmaBig belieferten Kundschaft
sind Restaurants, Cafes und Konditoreien die Hauptabnehmer.
Die Schmuggelunternehmer sind in ein paar Jahren meist ge-
machte Leute, ihre miserabel bezahlten Angestellten hungern
von del* Hand in den Mund.
Der Schmuggelabwehrapparat ist mit riesigem Material-
und Menschenaufwand organisiert worden. Vom Zollspitzel
bis zum Zolliiberfallkommando ist alles vorhanden. Die untern
Beamten, die einen nicht leichten Dienst haben — < sie liegen
oft bis zu zwanzig Stunden im Freien — werden sehr schlecht
bezahlt. Die Folge: peinlich verschwiegene Korruptions- und
Bestechungsaf faren sind nichts Seltenes, Der Erfolg der Schmug-
gelbekampfung ist trotz dem borabastischen Aufwand minimal.
Im Gegenteil: der Schmuggel wachst unaufhaltsam weiter.
Immer neue Einsehwarzmethoden und Zollkampfformen bilden
sich heraus, Neuerdings sind sogar besonders stark begangene
Grenzabschnitte mit Stacheldrahtverhauen abgeriegelt worden.
Die Schmuggler antworteten mit dem Ein&atz von starkmotori-
gen Kraftwagen, die mit Stahlpanzerplatten umkleidet und mit
einem Pistolenschiitzen bewaffnet waren. Die verscharften
SchieBvorschriften der Zollner wurden mit prompten Rache-
akten der Schmuggler beantwortet. Wiederholt sind Grenz-
beamte auf irgendeiner einsamen Dienststrecke erschossen
oder erschlagen aufgefunden worden. Die later wurden seiten
ausfindig gemacht.
An der deutschen Westgrenze spielt ein Akt jener Tra-
godie, in der das Leben unsrer Zeit in einem seiner erschiittern-
den Abschnitte zur Debatte steht. Das Loch im Westen aber
wird nur der stopfen konnen, der den von Schachten, Werk-
banken und Ackern Vertriebenen zuvor das Hungermaul ge-
stopft hat. Von blauen Bohnen werden die nicht satt.
Wochenschau des Ruckschritts
— Die Sondergerichte verhangten, bisher gegen Angehorige linker
Organisatdonen 258 Jahre 4 Monate Zuchthaus, 427 Jahre 8 Monate
Gefangnis, 64 Jahre Ehrverlust und 570 Mark Geldstrafe, gegen
rechts 25 Jahre 7 Monate Zuchthaus und 121 Jahre 9 Monate Ge-
fangnis.
— Der Gerichtsassessor Best aus Hessen, der Verfasser der
Boxheimer Dokumente, wurde vo.m Reichsgericht wegen mangelnder
Beweise hinsichtlich der Anschuldigung des versuchten Hbchverrats
freigesprochen. Das Schwurgericht III in Berlin, vor dem die Neu-
auflage des Felseneck-Prozesses stattfindet, hat beschlossen, Rechts -
anwalt Litten nicht mehr als Verteidiger oder als Rechtsbeistand
eines Nebenklagerc zuzulassen, Der PreuBische Staatsrat beschaf-
tigte sich mit den Vorschlagen zu einer erneuten Verschariung der
Festungshaft. Danach soil der Stadtausgang ganz beseitigt werden,
Besuche diirfen nur noch unter Uberwachung stattfinden, und die
Briefzensur wird eingefiihrt. Die Vorschlage wurden angenommen.
— Bei einer Durchsuchung in den Raumen der ,Roten Fahne
wurde die Rotationsmaschine beschlagnahmt und versiegelt, auf der
das Blatt gedruckt wird, weil diese Maschine im Jahre 1931 zur
Herstellung von Zeitschriften und Broschtiren gedient habe, die erst
jetzt wegen angeblich hochverraterischen Inhalts beschlagnahmt wor-
den sind. Die kommunistischen Zeitungen .Volksecho' und ,Volks-
wacht* wurden bis 31 . Oktober verboten, die Verof f entlichung der
Verbotsgriinde ist nicht gestattet, Ebenso wurde die Veroffentlichung
der Grunde unteroagt, die zum Verbot der Monatszeitung des All-
gemeinen Verbandes der Kriegs- und Arbeitsopfer Deutschlands fur
die Dauer von sechs Monaten gefiihrt haben. Das sozialdemokra-
tische .Kasseler Volksblatt' und die sozialdemokratische ,Volks-
stimme' (Frankfurt am Main) wurden verboten.
— Die osterreichische Regierung hat den Fuhrer der wiener
Heimwehren,. Major Emil Fey, zum Sicherheitskommissar fur Oster-
reich ernannt.
— Die thiiringische national sozialistische Regierung hat ihren
Justizminister, den Landgerichtsrat Doktor Weber, unter Obergehung
von ftinf altern Richtern, zum Landgerichtsdirektor ernannt. Aus den
offentlichen Bibliotheken Thiiringens sind samtliche Exemplare von
Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues" entfernt worden. Alle
Postsachen der thuringischen Ministerien werden mit dem Stempel
yersehen: „Wer behauptet, Deutschland sei am Kriege schuld, liigt!
Diese Luge ist die Wurzel unserer Not!"
— Eine Versammlung der Roten Hilfe in Berlin wurde aufgelost,
als der Referent Dombrowski ausftihrte, die deutsche Verfassung be-
stehe nicht mehr. Dombrowski wurde verhaftet,
— Der Landrat des Kreis.es Wittenberg hat an jugendliche Er-
. werbslase. die sich nicht zum freiwilligen Arbeitsdienst gemeldet
haben, die Aufforderung gerichtet. binnen drei Tagen ihre Meldekarte
auszuftillen, da sie sonst als nicht mehr hilfebedurftig im fiirsorge-
rechtlichen Sinne anztisehen seien,
— Die Miag, das grofite braunschweigische Industriewerk, hat
350 Arbeiter entlassen mussen, weil ihre hollandischen und danischen
Kunden infolge der Kontingentierungspolitik die Bestellungen zuruck-
gezogen haben.
— Der ehemalige nationalsozialistische Minister Franzen ist zum
preuBischen Amtsgerichtsrat ernannt worden.
— In Berlin wurde eine Lockerung des Nachtbackverbotes ein-
gefiihrt.
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen.
628
Bemerkungen
IG-Farben-Diktatur
p\ie IG-Farbenindustrie erinnert
*■/ in der Methode, sich po-
litische und wirtschaftliche Machte
dienstbar zu machen, an die
grofien amerikanischen Kon-
zerne. Andre deutsche Industrie-
zweige versucheri auch Einflufi
zu gewinnen, Machtpositionen
auszunutzen und ihre Klagen und
Forderungen an das Ohr der zu~
.standigen Minister zu bringen.
Die IG aber ist Insider der Po-
litik. Zwei Minister haben be-
reits im Laufe der letzten Jahre
ihren Vorstandssitz in Frankfurt
mit einem Kabinettssitz ver-
tauscht. Die Verwaltung der IG
bielt es noch nicht einmal fur
angezeigt, die allererste Garni-
tur in die Wilhelmstrafie zu ent-
senden. Der fuhrende Mann des
Konzerns, Gebeimrat Schmitz,
hat sich trotz wiederholte^i Auf-
forderungen stets geweigert, ein
Portefeuille anzunehmen. Mol-
denhauer und Warmbold gentig-
ten, um die Interessen des Kon-
zerns in der Regierung twahrzu-
nehmen. Unter dem Einflufi .
Moldenhauers wurde j ener be-
riichtigte Geheimvertrag zwi-
schen der Regierung und der IG
geschlossen, der den Farbenkon-
zern von der Ausgleichsabgabe
fur inlandische Treibstoffe fast
ganz befreite. Wahrend alle an-
dern Erzeuger 3,80 Mark fur den
Doppelzentner zahlen muflten, be-
trug diese Steuer fur die IG-Far-
benindustrie nur 0,10 Mark. Als
sich die Konkurrenz gegen diese
Bevorzugung auflehnte, wurde die
Ausgleichsabgabe am 14. Juni 1932
allgemein auf den Satz von 0,10
Mark ermafiigt. Die aus fiskali-
schen Griinden am 1. Oktober er-
folgte Wiedererhohung auf eine
Mark ist durch die Erhohung des
Benzinpreises mehr als wett-
gemacht worden. Das Reich und
die Konsumenten miissen noch
immer die Kosten fiir die Fehl-
kalkulation der Leuna-Werke
tragen. Die geniale Idee der
Kohleverfliissigung schien sich
hochst rentabel auszuwirken, so-
lange der Roholpreis etwa das
Vierfache des Rohkohlenpreises
betrug. Rockefeller, der j ahre-
lang der ganzem Welt dieses
Preisverhaltnis suggeriert hatte,
kann sich wahrend der Depres-
sion auch mit geringern Ober-
schiissen begniigen. Olbohrungen
erfordern keinen so grofien Auf -
wand an fixen Kosten wie der
Kohlenbergbau, der unterhalb
einer gewissen Ertragsgrenze
nicht mehr zu produzieren ver-
mag. Hatte man sich rechtzeitig
eine Vorstellung davon gemacht,
dafi jene Preisschere zwischen
Kohle und 01 geandert werden
wiirde, so ware vielleicht das
Hydrierungsverfahren inDeutsch-
land niemals zur Anwendung ge-
kommen. Man rechnete vermut-
lich sogar damit, dafi sich die
Preisschere noch zugunsten des
(Mpreises verschieben werde.
Auch fiir andre Mifierfolge der
IG-Farbenindustrie hat die Of-
fentlichkeit aufzukommen. Der
Bericht iiber die Geschaftslage im
dritten Quartal besagt selbst, die
Erhohung der Stick st off produk-
tion sei in erster Lihie dadurch
bedingt, dafi das Reich fiir den
Herbstbezug eine Ausfallbiirg-
schaft iibernommen habe. Somit
gehort die IG zu den wenigen
Lieferanten der Landwirtschaft,
die als Warenglaubiger kein Ri-
siko einzugehen brauchen. Es
ist nicht unwahrscheinlich, dafi
jene Biirgschaft des Reiches in
einem betrachtlichen Umfange in
Anspruch genommen werden wird.
Schon im zweiten Quartals-
bericht klagte die IG-Farben-
industrie iiber Absperrungsmafi-
nahmen einzelner Lander gegen
die Ausfuhr chemischer Produkte.
Die Ankiindigung deutscher Kon-
tingentierungsmafinahmen hat die-
se auslandische Bewegung noch
verscharft. Herr Warmbold sah
sich daher genotigt, in aufsehen-
erregender Weise den Vater der
Kontingente, seinen Minister-
kollegen Freiherrn von Braun,
offentlich zu desavouieren, Man
spricht sogar davon, dafi bereits
ein der IG sympathischerer Nach-
629
folger in der Person des Ritter-
gutsbesitzers von Knebel-Doebe-
ritz in Aussicht genommen sei.
In ihm erblickt man den kunfti-
gen Liquidator der Agrarpolitik
Brauns. Wenn auch mit einem
volligen Verzicht auf die Kontin-
gentierung nicht gerechnet wer-
den kann, so diirfte sie jeden-
falls in einem der Industrie ge-
nehmen Sinne umgestaltet werden.
Vor einigen Tagen erlebte die
Offentlichkeit eine kleine Sensa-
tion, als in der Generalversamm-
lung der Terra-Film-Aktiengesell-
schaft Vorwiirfe gegen die fruhere
Verwaltung erhoben wurden. In.
diesem Zusammenhange ist be-
sonders die Gegenerklarung des
fruhern Vorstandsmitgliedes der
Terra. Direktor Fasolt, bemer-
kenswert, der im August 1930 die
Verkaufsverhandlungen des ge-
samten Aktienpakets — damals
nominell drei Millionen Mark —
auf der Basis eines innern Wer-
tes von 1,5 Millionen Mark ge-
fiihrt hat. Die IG-Farbenindustrie
hat nach seiner ,Angabe den Wert
nachtraglich mit 2,7 Millionen
Mark angesetzt, was sich aus dem
innern Bilanzwert per 30. Juni
1930 keineswegs rechtfertigen
lieB. Ferrier erklart Fasolt, dafi
er in einer Verwaltungsratsitzung
vom 23. September 1930 einen
sofortigen Zugriff auf das Ver-
mogen des damaligen GroB-
aktionars der Curtis-Melnitz-
GmbH. die der Terra 280 000
Mark schuldete, und sof ortige Zah-
lungseinstellung beantragt Habe.
Beide Ant rage wurden von dem
aus Vertretern der IG-Farben-
industrie bestehenden Aufsichts-
rat abgelehnt. Es ist sehr durch-
sichtig, dafi die IG weder einen
Zugriff auf die ihr nahestehende
Gesellschaft zulassen wollte( noch
kurz vor dem Zustandekommen
des Aktienverkaufs die Zahlun-
gen einstellen liefl. Eigentlich
sollte die groBe politische und
wirtschaftliche Machtstellung dem
Konzern gewisse Verpflichtungen
in der allgemeinen Geschafts-
gebarung auferlegen< Aber das
Wort „nobIesse oblige" steht nicht
im IG-Farben-Katalog.
Bernhard Citron
630
„Vateriandische Verbande"
p* ine sonderbare Sache ist das,
*"* wenn man eines Tages er-
lebt: so also sieht Weltgeschichte
in der Nahe aus.
Zuerst freilich dachte ich nicht
so weit, damals, vor mehr als
sieben Jahren, in Kampen an der
Nordsee, Da war ein Sommer-
tag, einer von fiinfzig andern
gleich heiBen und strahlenden,
nur dadurch auBergewohnlich, daB
S, J, mir auBerhalb der sommer-
lichen Redaktionsstunden ein
Manuskript in die Hand driickte:.
„Bitte lesen Sie das gleich und
erstatten Sie mir beim Kaffee
Bericht; es soil Wichtiges sein."
Nach Tisch fing ich an zu le-
sen. Ein Haufe kleiner Schreib-
maschinenblatter, billigstes Pa-
pier. DrauBen schien die Sonne
vom strahlend blaUen Himmel,
hier und da mahte ein Heide-
schaf, sonst lag tiefste Mittags-
stille iiber der unendlich fried-
lichen Insel. Am Kopf des Ma-
nuskriptes stand ein Titel; Hin-
ter den Kulissen der Vaterlan-
dischen Verbande. Drei Kreuze
darunter.
Es versank Sommer, Sonne und
Frieden. Eine andre Welt stand
auf, eine Welt des Grauens. der
Skrupellosigkeit, dor viehischen
Roheit. Das also lebte neben
uns, zwischen uns, mitten in
einem Rechtsstaat, der vor sie-
ben Jahren Frieden geschlossen,
seit zweien die Schrecknisse der
Inflation hinter sich gelassen
hatte. Das gab es, solche Ab-
griinde, soviel ungesiihntes Blut,
soviel mifibrauchte Jugendkraft.
Nur einmal zuvor hatte mich eine
ahnlich verzweif elte Emporung
gepackt — als ich die Berichte
der englischen Untersuchungs-
kommission iiber den weiBen
Terror in Ungarn las,
Das aber, was ich hier in der
Hand hielt, war unveroffentlich-
tes Material; es der Offentlich-
keit iibergeben. hieB, so schien es
mir, ihr einen ungeheuren Dienst
erweisen und eine Kette vonFre-
veltaten endlich zu beenden.
Eine Stunde spater hatte S. J.
das Manuskript gleichfalls ge-
lesen und den gleichen Eindruck
auBerster Wichtigkeit empfangen.
1(Wer ist der Verfasser?" wollte
ich wissen, Aber S, J. zuckte
die Achseln: „Ich weifl es selbst
nicht, Der Name, den ich kenne,
ist wohl ein Pseudonym- Ich
kenne nur den zuverlassigen
Mittelsmann, der mir das Manu-
skript geschickt hat. Dem Ver-
fasser kann ich nicht direkt
schreiben — er ist auf der
Flucht. Langer als acht Tage be-
halt er weder Quartier noch Na-
men, Er fiirchtet die Feme und
hat alien AnlaB dazu, jetzt, wo
er an die Offentlichkeit gehen
will. Und ich — nun, ich werde
sie wohl gleichfalls furchten miis-
sen, wenn ich ihm dazu ver-
helfe."
Aber er wagtees. In der glei-
chen leidenschaftlichen Empo-
rung, die mich erfafit hatte, die
spater j eden anstandig Denken-
den bei der Lektiire erfafite,
stach S. J, die Eiterbeule auf.
Er veroffentlichte in der ,Welt-
biihne', im Herbst 1925, die Ar-
tikelserie iiberdieVaterlandischen
Verbande, an die sich die Un-
tersuchungsaktion des Reichs-
tages, die Schwarze-Reichswehr-
Debatten undsoweiter anschlos-
sen. Damit waren — damals —
der Feme die Fliigel gelahmt; sie
traf weder den bekannten Her-
ausgeber, noch den unbekannten
Verfasser, noch den ebenso un-
bekannten Mittelsmann.
Der Mittelsmann war Carlo
Mierendorf, heute jiingster Reichs-
tagsabgeordneter der SPD, der
Verfasser i ener Carl Mertens,
der in diesen Tagen, kaum
dreifiigjahrig, das Opfer eines
scheinbar sinnlosen Zufallstodes
— durch Autounfall — geworden
ist.
Ich habe Mertens nicht ge-
kannt und will ihm keinen Ne-
krolog schreiben, nur diesen
einen Augenblick festhalten, in
dem er zum Instrument der
Geschichte wurde; Er hat die Re-
aktion, in jedem Sinne des Wor-
tes, auf diesen Augenblick noch
erlebt; S, J. hat das Geschick
davor bewahrt.
Denn wohl hatte er mit der
Rache der Entlarvten, einem per-
sonlichsten Gegenhieb der in die
Enge getriebenen Desparados ge-
rechnet; und auch mit der ent-
setzten Abwehraktion der nor-
mal empfindenden Mehrheit und
somit des Staates. Nicht gerech-
net hatte er damit, daC einmal >>
der Terror quasi legalisiert, der
Mord glorifiziert und die Auf-
deckung diffamiert werden
wiirde, Kein Wunder, da6 der
einstige Freischarler Carl Mer-
tens den Weg zu Foersters Radi-
kalpazifismus finden muBte.
M, M. Gehrke
Germanischer Dreh
A Is bekannt wurde, dafi Duester-
*^ berg judischesi Blut in seinen
Adern habe, war die Verwirrung
im nationalistischen Lager zuerst
riesengrofi. Doch da der Stahl-
helm weiter zu seinem Fiihrer
hielt, verflatterte die Sensation
sehr bald wieder — und wir
wiirden sie hier nicht aufleben
lassen, wenn nicht unser Freund
Wilhelm Stapel, nachdem er
sicherliph in schlaflosen Nachten
lange iiber diesen peinlichen Zwi-
schenfall nachgedacht hat, im
zweiten Oktoberheft seines ,Deut-
schen Volkstums' zu einem Ergeb-
nis gekommen ware, das nicht
verschwiegen werden darf.
Da hat er sich nun jahrelang
die Finger wund geschrieben und
tausendmal betont, jede politische
Betatigung von Juden gereiche
Deutschland zum Schaden, und
nun bewahrt sich so ein Semiten-
stammling „als ein vortrefflicher
Offizier im Kriege", „arbeitet am
Aufbau einer deutschen Wehr-
organisation nach dem Kriege"
und wird gar ,,zum Fiihrer dieser
Organisation". Was nun? Wenn
B6 Yin Ra hat die Jugend ffUr sich, weil
er den Weg in die Zukunft weistl
Sein letztes Buch, das eine Orientierung Ober sein Gesamtwerk darstellt, hat den
Titel: „Der Weg meiner SchUler" (Preis RM. 6.-). Jede gute Buchhandlung hat die
B6 Yin Ra-BUcher vorrStig. Wb Sie auf Lager fehlen, wenden Sie sich an den Ver-
lag: Kober'sche Verlagsbuchhandlung (gegr. 1816), Basel-Lei pzig.
63!
der Verstand stillzustehn droht,
weil em Faktum seine Ausgebur-
ten widerlegt hat, rettet man sich
in die Arme des lieben Gottes.
Und weil Duesterberg sich nun
einmal nicht wegzuleugnende Ver-
dienste um den Nationalismus er-
worben hat, so ist er zwar f1nicht
volligBlutsdeutscher", „aber er ist
vollig Schicksalsdeutscher". „Gott
entscheidet durch das Blut, er
entscheidet auch durch das
Schicksal." Und das Schick-
sal wollte es eben so,
dafi Duesterberg „seinen Weg
ohne Wissen gegangen" ist. Diese
angebliche Unkenntnis geniigt Sta-
peln, den Mann durch jenes Loch
rutschen zu lassen, das sich selbst
bei den wiitendsten Antisemiten
findet, wenn ihnen einmal ein
Jude begegnet, dessen ganzes Ver-
halten ihre Theorien iiber den
Haufen zu werfen droht/ Man
riecht formlich den SchweiB, den
es Stapeln gekostet hat, bis er
auf diese gradezu geniale Idee
kam. Und da haben wir bisher
immer geglaubt, der Dreh sei
etwas spezifisch Judisches, Man
soil wirklich nicht die Gehirn-
windungen der Gegner unter-
schatzen, eines Tages iiber-
raschen sie doch mal mit einer
Argumentation, die sie selber tal-
mudistisch zu nennen belieben.
Guter Rat an Assimilanten und
solche, die es werden wollen. Ver-
schweigt eure j udische Abstam-
mung, geht in eine nationalistische
Organisation, arbeitet euch dort
empor und vertraut im ubrigen
auf Gott, Der wird euch, wenn
die Welt wirklich einmal euer ju-
disches Blut entdecken sollte, be-
stimmt einen Wilhelm Stapel iiber
den Weg schicken, der wie Herrn
Schnucke Ceterums Gattin in
Meyrinks „Lowen Alois" jeden
Zweifler beruhigt: „Schnucke, was
willst de eigentlich, was hast de
gegen Alois? Schau — er is doch
blond/'
Walther Karsch
Das Gut im Elsafi
YV/as von unsrer epischen Ta-
. " gesliteratur mit dem Kenn-
wort „ZeitromanM plakatiert und
nach den vagen Grundsatzen
einer von heute auf morgen le-
632
benden Sachlichkeit zensuriert
wurde, stellt sich heute als das
Produkt verdienstvoller Spezia-
listen dar, von denen sich jeder
aus Grtinden der personlichen
Neigung oder einer politischen
Aktualitat ein Sonderthema ge-
stellt hat, das im Material mog-
lichst erschopfend sein und in der
Form einigermafien lesbar darge-
reicht werden mufite, wenn es
dem Autor einen voriibergehenden
Erfolg sichern und in der Leser-
schaft das Bediirfnis nach einer
Protestversammlung wecken
sollte. Gegen diese Material-
beschaffer und Tatsachensammler
ist nichts zu sagen, solange sie
sich hinter ihre Sache stellen und
aus der Not ihres bescheidenen
Gestaltungs-Talentes keine kiinst-
lerischen Dogmen ableiten. Ge-
fahrlich wird diese weit ver-
breitete Verwechslung von Repor-
tage und Dichtung erst, wenn an-
gesichts einiger plakathaft konzi-
pierter und titulierter „Tatsachen-
Romane" die dichterischen Deu-
tungsversuche der Wirklichkeit
als romantische Entgleisungen ab-
getan werden. Warum? Weil
diese weniger aufdringlich als
eindringlich sprechcn? Weil sie
nicht diskutieren sondern disku-
tiert werden wollen? Weil es
offenbar schwerer ist zu deuten
als aufzuzahlen, zu gestalten als
zu berichten und weil in den
dichterischen Versuchen an Stelle
der kiinstlerischen Unbefangen-
heit das Ringen um eine ge-
schlossene ktinstlerische Form zu-
weilen spiirbar wird? Die jour-
nalistisch-propagandistische Hal-
tung zu den Fragen des
offentlichen Lebens hat es mit
sich gebracht, dafi heute von je-
dem Buch etwas Endgiiltiges ver-
langt wird; dafl nicht mehr Fra-
gen aufgeworfen oder Behauptun-
gen aufgestellt sondern Tatsachen
verzeichnet werden — etwa nach
dem Rezept: Frag mich was, frag
mich noch was, ich habe die Ant-
worten alphabetisch geordnet.
Im Gegensatz zu diesen kurz-
lebigen „Tatsachen-Romanen" ist
Ernst Glaesers neues Buch „Das
Gut im Elsafi" eine Behauptung
und eine Frage zugleich ; kein
realistischer Roman sondern der
dichterische Bericht von einer fin-
gierten Reise in geistiges Nie-
mandsland, der Bericht von einer
Erholungspause, die in einem
ObermaB von Gesprachen
und Gefiihlen verging; keine
Novelle sondern eine reiz-
volle und erregende Folge Iy-
rischer, dramatischer und novel -
listischer Kapitel, die auch auBer-
lich den Zwiespalt zwischen Le-
benswille und Lebensmoglichkeit
spiegeln. Auf dem Weg, ein
Dichter der Zeit, nicht ein Zeit-
dichter zu werden, verlegt Glaeser
die maBgebenden politischen Tat-
sachen zwischen die Zeilen, Er
nimmt die elsassische Landschaft
als einen neutralen Ort, als eine
Insel geistig interessierter Men-
schen, an deren Horizont sich mit
Wetterleuchten die kommenden
europaischen Gewitter anktindi-
gen, und unternimmt den schwie-
rigen Versuch, unmittelbar die Si-
tuation des europaiscken Burgers
zu zeigen, Rechenschaft abzulegen
und unter Verzicht auf dokumen-
tarisch belegbare Details einen
Oberblick iiber eine Gesellschaft
zu gewinnen, die weder an ihre
Vergangenheit noch an ihre Zu-
kunft glaubt und sich dennoch als
Sachwalter eines zum Fetisch er-
starrten geistigen Erbes fiihlt 1st
es heute zweckmaBig und erlaubt,
das marktschreierische Detail zu
vernachlassigen, Rechenschaft zu
geben statt Forderungen aufzu-
stellen, und in einer ungleich ge-
gluckten aber doch kiinstlerisch
beabsichtigten Synthese von zar-
ten und kraftigen Landschafts-
schilderungen einerseits und Ge-
sprachen und Gedanken melan-
cholisch exaltierter Menschen
andrerseits das geistige Spiegel-
bild eines zwiespaltigen gesell-
schaftlichen Daseins zu suchen?
Mit dem „Gut im Elsafi" bejaht
Glaeser diese Frage. Das „Ich"
diesesi Buches begibt sich frei-
willig, gleichermaBen zur Bestati-
gung und zur Bereicherung seines
andersgearteten Weltbildes, unter
Menschen, die in der Melancholie
des nutzlosen Sterbens befangen
und auf eigne Art in ihre Zivili-
sationsmiidigkeit verspielt erschei-
nen. Unter diesen Menschen, die
am Gelde hangen, weil ihnen das
Geld allein noch die Moglichkeit
gibt, ihre Verzweiflung zu ertra-
gen und ihre Resignation mit
Anstand und Wiirde zu pflegen,
erlebt dieses „Ich" das Schat-
tendasein einer intellektuellen
Schicht an dem Kreuzungs-
punkt deutscher und fran-
zosischer Kultur - Tendenzen,
einer Schicht, die sich in riick-
blickenden Diskussionen ermiidet;
es erlebt die gespenstige, atem-
raubende Exaltation eines sowjet-
feindlichen Chauvinismus, der sich
in Ermangelung eines Besseren
an einem verriickten Interven-
tionskrieg mit Zinnsoldaten nahrt,
und zwischen Grauen und Melan-
cholie ein romantisches Liebes-
abenteuer jenseits von Frankreich
und Deutschland und jenseits von
Rechts und Links, In diesen Ka-
piteln, die reich an Gedan-
ken, an nachdenklicheni und
nachdenklich stimmenden Ge-
sprachen und arf dichterisch scho-
nen Landschaftsschilderungen
sind, begegnen sich auf einer fin-
gierten Ebene weitschweifige
Skurrilitat und sentimentale Ge-
lassenheit, die Unbestandigkeit
des Herzens, die Atemlosigkeit
der heutigen und die satte Trag-
heit der gestrigen burgerlichen
Gesellschaft. Die kommenden Ge-
witter sammeln sich indessen am
Horizont. Es liegt ein eigenarti-
ger, der objektiven Wahrheit sehr
nahe kommender Reiz darin, wie
Glaeser diese Menschen, die die
Personifikationen einer ebenso
riihrenden wie gefahrlichen Rat-
lositfkeit sind, in eine herbstlich
verklarte Landschaft stellt, die
„drdhnt vom Gelaut ihrer
Friichte" und deren Fruchtbarkeit
diese Menschen nicht mehr ztt
nutzen vermogen. Nachdem sich
das Leben ihrer wie welkenden
Gestrauchs entledigt hat, warten
sie angesichts des verlorenen Pa-
radieses auf die Gelegenheit, sich
ihres korperlichen Daseins be-
geben zu konnen. Der Leser aber,
der sich von der Vielfalt der
menschlichen Schwache zu aktiver
Nachdenklichkeit erregen lieB und
von dem Spiel kluger Gedanken
und sprachlicher Schonheiten be-
gliickt ist, fahrt gemeinsam mit
Glaeser aus diesem Elsafi zuriick
nach Deutschlarid, „in das Land
der grofien Verwirrung und der
ewigen Hoffnung" — - der begriin-
deten Hoffnung auf ein neues,
tatig erworbenes und darum un-
verlierbares Paradies.
Hans Georg Brenner
Nachahmung empfohlen
7u Beginn dieses Jahres taten
" sich etwa zwei Dutzend ham-
burger Schauspieler zusammen
und griindeten ein Kollektiv. Sic
wollten ein unverbliimt politisches
Theater mit eindeutiger, namlich
kommunistischer Haltung schaffen,
In der Hamburger Volksoper
fiihrten sie — als nicht eben gern
gesehene Gaste — eine kritische
Zeitrevue auf, die wagemutig und
deutlich war und darum grofien
Erfolg hatte. So grofien, dafi die
Mitwirkenden, soweit sie noch
feste Engagements hatten, fur die
nachste Spielzeit von ihren
Theatern nicht wieder verpflichtet
wurden. Die jungen Mitglieder
des Kollektivs hielten nun noch
fester zusammen. Sie erkannten,
dafi sie nicht mehr in einem biir-
gerlichen Theater gastieren durf-
ten, vor Premierentigern und de-
ren sich sozial gebardenden mon-
danen Madchen — sie wollten und
muBten ein andres Publikum er-
fassen. Aus diesem Grunde fin-
den ihre Vorstellungen jetzt in
verschiednen Volksheimen statt.
Spater soil ein eigner Saal be-
schafft werden.
Das Publikum der Volksheim-
Abende war nun so, wie es ftir
das Kollektiv brauchbar und not-
wendig war, es bestand zum
grofien Teil aus Proletariern. Man
gab ein „politisches Kabarett",
aber dies Kabarett unterschied
sich wohltuend von andern, mehr
oder minder politisch aufgeputz-
ten Kleinkunstbuhnen, die ja,
angstlich geworden, ihre politische
Angriffslust inzwischen in den
Ruhestand versetzt haben. Fur
dies Kollektiv und fur dies Publi-
kum sind die Ereignisse des Tages
zu ernst, um als Anlafi fur
aktuelle Witzchen herzuhalten.
Gerhard Hinze sprach den Pro-
log: „Kunst als Waffe" von Fried-
rich Wolf. Es folgten Szenen,
634
Gedichte und Songs, Die meisten
Songs stammten von der be-
wahrten Firma Brecht und Weill,
und auch wenn andre verantwort-
lich zeichneten, hielten sie sich
getreu an dies Vorbild. Auf dem
Gebiet des sozialen Chansons
herrscht offenbar Mangel und
Ode.
Zwischen den einzelnen- Num-
mern kam ein Ansager heraus,
jedesmal ein andrer, denn es war
eine Kollektivvorstellung, Zum
Gluck kopierte niemand die be-
wahrten Vorbilder: niemand rieb
die Hande schmunzelnd vorm
Bauch (schon, weil niemand einen
hatte), niemand sagte dem Publi-
kum die beriihmten „kl einen
Frechheiten". Die Conference
war lediglich als Form beibehal-
ten, ihr Inhalt vollstandig ausge-
wechselt. Da kam, zum Beispiel,
einer hervor und sagte: „Ein paar
Zahlen, Zahlen sind trocken, aber
sie beweisen", Und er las vor,
wie viel .Weizen in Kanada und
wie viel Kaffee in Brasilien ver-
nichtet worden ist, Dann fugte
er, ohne sich um einen „glatten
Obergang" zu bemiihen, hinzu:
„Sie horen den Song von den
Sackeschmeifiern!" Oder: man
spielte eine Filmparodie „Ein Lied
von Wien bei Heidelberg am
Rhein". Mit vorbildlich wenig
Mitteln wurde die Billigkeit des
Kasernenhof-Rummels und der
Heurigen-Romantik verulkt. In
den prasselnden Beifall hinein
rief Hinze: „Diesen Dreck geben
sie taglich in euren Kinos! Geht
nicht mehr hinein, denn jeder
Groschen, den ihr zahlt, fliefit der
Reaktion zu!" Hier hatte solch
Aufruf Sinn, denn er wendete
sich direkt an diejenigen, die die
Kinos fullen. Gut, was iiber
Kirche, Krieg und Zeitungen ge-
sagt wurde: das Publikum liefi
sich willig aufklaren, es lernte
an diesem Abend.
Eine Form des politischen
Theaters, ausprobiert vor einem
geeigneten Horerkreis. Samtliche
Vorstellungen waren bisher gut
besucht, ein Beweis dafiir, dafi
ein solches Kabarett durchaus le-
bensfahig ist, wenn es frisch und
zielsicher gefiihrt wird.
Erna Michel
Weg damit Sie verteidigen im Prozefi Calm
Politik und Wirtschaft und Genossen?"
verderben Ihre ganze Lebens- i.Ja,"
freude! t)Der Hauptangeklagte Calm ist
Weg damit! Jude, Wie wir horen, planen die
Befassen Sie sich mit den Fragen Nationalsozialisten eine agitato-
der ' rische Ausnutzung der Tatsache,
Kultur und Literatur da8 ein Jude ein mit Todes-
und Sie lassen die Alltagssorgen strafe bedrohtes Verbrechen^be-
hinter sich. gangen hat, Haben Sie aavon
,Die Literarische Welt* auch schon gehort?"
zeigt Ihnen dazu den Weg. MIch mufi gestehen, dafi ich
Vollkommen kostenlos den ProzeB unter diesem Ge-
erhalten Sie die letzten vier sichtspunkt noch nicht gesehen
Nummern, habe. Aber warum sollten die
Inserat Nationalsozialisten das eigentlich
nicht tun?"
Liebe Weltbflhne! Da wollten wir Sie nur dar.
1^ urz vor Beginn des Tot- auf aufmerksam machen: Calm
*"* schlagsprozesses Calm und hat am 27. Juli 1927 vor dem
Genossen (RontgenstraBe) klin- Amtsgericht Charlottenburg sei-
gelt bei mir das Telephon, nen Austritt aus dem Judentum
„Hier Zentralverein deutscher vollzogen."
Staatsbiirger judischen Glaubens, Hans Litten
Hinweise der Redaktion
Berlin
Club der Geistesarbeiter. Mittwoch 20.00. Spichernsale, Spichernstr. 3: Offentlicher
kontradiktorischer Abend: Sozialismus und SoziaKsierung, Julius Kaliski und
K. A. Wittfogel.
Deutscher Monistenbund. Donnerstag 20.00. Kolnisches Gymnasium, InselstraOe 2/3:
Frauenprobleme der Gegenwart, Alice Riihle-Gerstel.
Die Lupe. Donnerstag 20.45. Klubhaus am Knie, Berliner Strafie 27; Moderae Hoch-
stapler, A. H. Zeiz,
Schutzverband Deutscher Schriftsteller, Ortsgruppe Berlin. Donnerstag 20.00. Kammer-
sale, Teltower Strafie 1—4: Zola und die Gegenwart. Es sprechen: Rudolf Olden,
K. A. Witlfogel und Arnold Zweig.
Individualpsychologische Gruppe. M on tag (31.) 20.00. Klubhaus am Knie, Berliner
Strafie 27: Zur Kritik der Individualpsychologie, Michael Schwarz.
Hamburg
Gruppe Revolutionarer Pazifisten. Mittwoch 20.00. Cafe Timpe, Grindelallee 10:
Kritik an den philosophischen Grundlagen des Pazifismus, Fritz Grofi.
Weltbuhnenleser. Donnerstag, 20.30. Timpe, Grindelalle 10.
Kollektiv Hamburger Schauspieler, Sonntag 20.00. Berufsschule Schlankreye Ecke
Bundesstrafie : Politischer Kabarettabend.
Nfirnberg
Film in Sowjetrufiland, Lilli Bechmann.
Stuttgart
Weltbuhnenleser. Montag (31.) 20.30. Wappensaal des Katharinenbaus: Theater und
nd,
Linkskartell der Geistesarbeiter und freien Berufe. Freitag 20.00. Burgermuseum :
Eine Reise durch Sowjetrufiland, Martin Andersen-Nex6.
Bflcher
Henri Barbusse: Zola. Malik-Verlag, Berlin.
Andre Gide; Corydou. Vier sokratische Dialoge. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.
Erich JCastner: Gesang zwischen den Stuhlen. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.
Leo Trotzki: Der einzige Weg. Anton Gryle'wicz, Berlin.
Rundfunk
Mittwoch. Leipzig 18.55: Arno Holz zum Gedachtnis. — Donnerstag. Berlin 21.10: Die
Geschichte vom „Blauen Diamant" von Erich Franzen. — Langenberg 22.20: Das
neue Gedicht in der Musik. — Freitag. Berlin 14.00: Aus Mozarts Opern (Schall-
platten). — Sonn abend. Berlin 15.25: Junge Menschen sprechen uber den Film
„Mieter Schultze gegen alle".
Antworten
Scholz, R. z. B. d. N. Walter Gronostays lustige Rundfunkstunde
„Vom Kintopp zum Tonfilm" hai wieder bewicsen, wie recht Sic, in
Ihrer Eigenschaft als Reichskommissar zur Beforderung des Nacht-
schlafs, taten, als Sie Gronostay aus seiner Stellung ira berliner Funk-
haus vertrieben, Eine so urspriingliche Funkbegabung, ein so prach-
tiger Sinn fiir Satire kann die christlich-nationale Sonntagsruhe Ihrer
Sendepro gramme nur peinlich storen. Wie haben wir gelacht! Da
wurden ein paar neckische Schlagertexte aus Tonfilmen mit Grabes-
stimme deklamiert, umrahmt von den Klangen des Chopinschen Trauer-
marschs. Da wurde, urn die falsch-poetische Sprache gewisser Mlite-
rarischer" Filmmanuskripte zu entlarven, aus Thea von Harbous Dreh-
buch zu den „Spionen" wortlich vorgelesen und durch mikroskopische
Frechheiten der Betonung eine grofiartige Humoreske zustande ge-
bracht. Da kam ein berliner Burger unter dem Eindruck des ersten
Tonfilms besoffen nach Hause, erzahlte seiner Gattin nachts um Drei
die Handlung des „Singing Fool" und schluchzte dazu: Sonny boy!
Es war wunderschon! Sicherlich, Herr Scholz, werden sich Ihre Zwei-
markabonnenten wahrend dieser Sendung, die fast zwei Stunden mit
Heiterkeit fiillte, schmerzlich nach den auf Wachsplatten (welch
charakteristisches Material!) ' aufgenommenen r?rodukten Ihrer Ge-
sinnung, nach Heimatkundgebungen und deutschen Reden, gesehnt
haben, nicht wahr?
Befremdeter Leser, Sie haben die Berichte des Untersuchungs^
ausschusses im preufiischen Landtag genau verfolgt, trotzdem aber
nichts tiber den Fall der ,Deutschen Allgemeinen Zeitung' entdecken
konnen, Auch wir haben kein Wort iiber die Subvention gefunden,
die dies regierungsireundliche Blatt von der Reichsbahn in Form von
fiinftausend Abonnements erhalten hat. Uber die Griinde fur die in
diesem Fall so auffallige Diskretion konnen wir Ihnen leider nichts
verraten,
Fiirst Friedrich von Hohenzollern-Sigmaringen, Sie haben dem
Hochstapler Daubmann, naturlich vor seiner Entlarvung, die Hohen-
zollernsche silberne Verdienstmedaille mit Schwertern verliehen.
Welche Verdienste hatte Daubmann Ihrer Meinung nach grade um
das Hohenzollernhaus ? Darf Daubmann die Verdienstmedaille auch
in der Strafanstalt weitertragen?
Rote Ratten, Dresden* Ihr sucht fiir euer politisches Kabarett
Schriftsteller, die euch gesinnungsmaflig verbunden sind, Da euer
Publikum sich fast durchweg nur aus Arbeitern zusammensetzt, sind
eure Mittel sehr beschrankt. Wer geeignete Arbeiten zur Verfiigung
stellen kann, wird gebeten, tsich an eure Adresse Dresden- A. 1,
Wettiner Platz 10, zu wenden.
Intourist. Sie veranstalten eine Studienreise deutscher Ingenieure,
Architekten und Techniker durch Sowjetruflland, Die Reise beginnt
am 26. November. Alles Nahere konnen Interessenten durch Ihr ber-
liner Bureau erfahren; NW 7, Unter den Linden 62/63.
Rostocker. Geben Sie Ihre Adresse an Herrn Hans Medrow,
bei Resin, Wismarsche Str. 5 III, der regelmafiige Zusammenkunfte der
Leser Ihrer Stadt in die Wege leiten will.
Manuskripte sind nur an die Redaktlon der Weltbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 162, zu
richten; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonst keine Rucksendung erfolgen kann.
Im Falle hoherer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Anspruch auf Nachlieferuog
oder Erstattung des entsprechenden Entgelts.
Das Auf f Uhrungsrecht, die Verwertung von Ttteln u. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechanische Wiedergabe alter AH und die Verwertung im Rabmen von Radiovortragen
bleiben fur all* in der Weltbuhne eracheinenden Beitraye ausdrtlcklicb vorbebatten.
Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v- Ossietzky
water Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet — Verant wortlich: Walther Karsch, Berlin.
Verlag der Weltbuhne, Siegfried Jacobsohn & Co., Charlottenburg.
Telephon: CI, Steinplatz 7767. — Postacheckkonto : Berlin 11958.
Bankkonto; Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
XXVH1. Jahrgang 1. November 1932 Nnmmcr 44
Staatsmannischer Wahlkampf
von Hanns-Erich Karainski
Celten ist eine Regierung mit einem so groBen politischen De-
*■* fizit in den Wahlkampf gezogen wie die Prasidialregierung
Papen-Schleicher-Neurath-Gayl. Defizit auf alien Gebieten, Man
kann dabei nicht einmal sagen, ihre MiBerfolge iiberwogen ihre
Erfolge, denn sie hat iiberhaupt kerne Erfolge aufzuweisen.
Nicht einen einzigen!
Diese glorreiche Regierung hat es verstandeh, Deutschland
in der Welt und sich seibst in Deutschland zu isolieren. Fur
sie ist nur alles, was pleite gegangen ist: die Hohenzollern, die
Junker, die Bankiers, die Schwerindustriellen, die Deutschnatio-
nalen, die Deutsche Volkspartei, die Wirtschaftspartei, der
Bayehsche Bauernbund. Wer noch eigne Krafte in sich spiirt,
wer noch auf sich seibst vertraut, wer noch nicht seine Rettung
allein in der Sanieruixg von oben sieht, der ist gegen sie.
Zu alledem ist das autoritare Kabinett keineswegs einig.
Papen will das sacrum imperium wiederherstellen, Gayl mochte
ganz Deutschland zu einer Kolpnie des preuBischen Adels
machen. , Warmbold kampft fiir den Vorrang der industriellent
Braun fiir den der agrarischen Interessen. Papen tritt fiir die
franzosische, Neurath fiir die englische Orientierung ein/
Schleicher aber, der starke Mann dieser Regierung, ist gleich-
zeitig ihr krassester AuBenseiter, Wahrend die Anschauungen
der iibrigen Minister um die Begriffe Feudalismus, Kapitalismus,
Standestaat und Christentum kreisen, neigt Schleicher zu einem
militarischen Sozialismus, worunter er sich vermutlich so etwas
wie die Kriegswirtschaft vorstellt. Und wahrend seine Kolle-
gen sich zur absolutistischen Diktatur der konservativen Elite
bekennen, ist er bereit, sich mit der| demagogischen Diktatur
der Nazis zu- verbiinden, iiberzeugt, daB eine Garde ohne
Linientruppen, ohne Reservisten, ohne Landsturm, ohne Etappe
und ohne Hilfsdienst auf die Dauer nicht bestehen kann.
Bezeichnend, daB bisher kein Minister in den Wahlkampf
eingegriffen hat. Den Herren ist nicht sehr wohl, sie wissen,
dafi es so nicht weitergehen kann, jedoch jeder mochte eine
andre Richtung einschlagen. Da sie sich dariiber nicht verstan-
digen konnen, schweigen sie lieber.
Nur Herr v. Papen schlagt frisch-frohlich um sich, wie
es seiner Natur entspricht, Kein Mensch nimmt an, daB die
Prasidialregierung jetzt eine Mehrheit finden wird. Niemand
glaubt auch nur, daB sie aus den Auseinandersetzungen, die
ihr bevorstehen, unversehrt hervorgehen wird. Aber Herr
v. Papen ist unentwegt optimistisch.
*
Wie zwischen Kultur und Zivilisation, so macht man hier-
zulande auch zwischen Staatsmannern und Politikern einen
feinen Unterschied. Ein Staatsmann ist danach viel mehr als
ein Politiker. Denn der Staatsmann steht iiber den Parteien
JL 637
und ist folglich tiefsinnig und bedeutend, dcr Politiker hin-
gegen denkt nur an seine Partei und ist folglich beschrankt
und kleinlich.
In diesem Wahlkampf nun gibt es — auBer bei den Kom-
munisten, die fiir bessere Leute sowieso nicht mitzahlen —
nur Staatsmanner, DaB Herr v. Papen einer ist, versteht
sich von selbst, regierende Politiker sind immer Staatsman-
ner. Aber auch sonst: lauter Staatsmanner, wohin man blickt.
Im allgemeinen pflegen ja in Wahlzeiten die Parteien ihre
Grundsatze besonders zu betonen. Die Gegensatze werden
dadurch verscharft und kiinftige Gruppenbildungen erschwert.
Diesmal jedoch kann davon keine Rede sein. Im Gegenteil!
Die zu Staatsmannern gewordenen Politiker verneigen sich
fast alle vor dem Programm der Gegner. Sie sind sehr sachte,
und ihre Kampfe sehen schon wie Vorbereitungen zu Koali-
tionen aus.
Die Nazis verteidigen den Parlamentarismus, die Sozial-
demokraten beteuern ihre nationale Zuverlassigkeit, das Zen-
trum ist gleichzeitig fiir Demokratie und Autoritat, die
Deutschnationalen beklagen, dafi sie im Gegensatz zu den Na-
zis stehen. Hitler erklart, er sei nach wie vor bereit, in eine
Prasidialregierung einzutreten, wenn er nur Reichskanzler
. werde; Kaas, Briining und Wirth stimmen einer Reform der
Verfassung zu; Leipart bekennt sich zur Wehrfreudigkeit;
StraBer verkiindet, eine Zusammenarbeit mit den freien Ge-
werkschaften sei moglich; auch Papen hat seinen kampffreudi-
gen Degen hochachtungsvoll vor Tarnows Aufbauplanen ge-
senkt; selbst die vormals demokratischen Zeitungen stellen
ihren Lesern anheim, Zentrum zu wahlen, obgleich sie doch
die Politik dieser Partei soeben noch bekampft und lacherlich
gemacht haben.
Was in alien diesen konzilianten AuBerungen zart ange-
deutet ist, machen Geriichte schon zu konkreten Tatsachen,
Der .Regensburger Anzeiger', das Organ des bayerischen Mini-
sterprasidenten, behauptet, die Regierung verhandle mit den
Nazis; der fAngriff behauptet, die Regierung verhandle mit
dem Zentrum; die ,Welt am Abend' behauptet, die Nazis ver-
handelten mit den Gewerkschaften; und zwischen den Nazis und
dem Zentrum wirdl ja wohl bestimmt weiter verhandelt.
Im iibrigen sind die meisten d-erartigen Behauptungen
wahrscheinlich iibertrieben. Zu ernsthaften Besprechungen
diirfte es in den wenigsten Fallen gekommen sein, Aber sicher
ist, daB eifrige Mittelsmanner zwischen samtlichen Partei-en
herumgehen und indirekte Verbindungen herstellen,
Alle, die Regierung wie die Parteien, ftihlen sich schwach,
alle empfinden mit Unbehagen, daB sie auf dem falschen Platz
stehen, alle sind auf der Suche nach Stiitzen. Und die Folge
davon ist, daB alle um den Staat mehr werben als kampfen,
mehr hinter den Kulissen fltistern als auf der Biihne schreien
und mehr von ihrer Geschicklichkeit als von ihrer Machtent-
faltung erwarten.
638
Das leipziger Urteil vergroBert noch die Neigung der ge-
niaBigten Linken zu cincr Taktik, die meint, man konne die
.Reaktion niederverhandeln statt niederkampfen.
Bereits als der ProzeB begann, schrieb ich hier:
Was sich am 20, Juli abspielte, war ein historischer Vorgang, und
der Staatsgerichtshof wird ihn nicht ruckgangig machen. Er ist ein
politisches Gericht; sein Urteil kann nur ein© politische Sentenz sein,
Avenn auch in juristischer Form,
Jetzt hat der Staatsgerichtshof gesprochen. Die preu-
Uische Regierung darf sich nun wieder unbestritten Staats-
ministerium nennen; nur Macht ausiiben darf sie nicht, Sie
ahnelt damit den kaiserlich russischen Gesandtschaften, die
es immer noch in Belgrad! und Bukarest gibt. Oder auch
einem baukrotten Kaufmann, der sich auf seinen Visitenkarten
noch als Firmeninhaber bezeichnet, dessen Geschafte aber vom
Konkursverwalter erledigt werdcn. Sehen so die Machtposi-
tionen aus, mit deren Erhaltung die Sozialdemokratie jahre-
lang alle ihre Zugestandnisse rechtfertigte? Hat sie am 20. Juli
nicht mehr verloren? Wo lite sie nicht mehr vor dem Staats-
gerichtshof erstreiten?
Seit Montesquieu seine Theorie von der Teilung der Ge-
walten aufstellte, gait als feststehend, daB die Regierung nur
die Exekutionsgewalt ausiiben diirfe. Die diktatorialen Ten-
denzen der Gegenwart gehen dahin, ihr auch die gesetz-
gebende Gewalt zu ubertragen, die in der Demokratie bei den
Parlamenten liegt. Noch niemandem aber ist es eingefallen, sich
eine Regierung vorzustellen, die weder eine Exekutive zur
Verfiigung hat noch Anweisungen geben darf. Eine solche Re-
gierung ist eben keine Regierung,
Das preuBische Staatsministerium hat immerhin den Vor-
teil, nicht im Hinterzimmer eines Verschworercafes oder im
Exil zusammentreten zu mussen, Es darf seine Amtsraume be-
nutzen, amtliches Brief papier verwenden, von der Regierungs-
bank aus im Landtag sprechen und — das konnte wirklich von
Bedeutung sein — im Reichsrat abstimmen und: Antrage stel-
len. Voraussetzung dafiir ware allerdings, daB der Reichsrat
zusammentreten und Beschliisse fassen wiirde, oder mit andern
Worten: daB wir nicht im Zeitalter der Notverordnungen
lebten.
Tatsachlich kann diese Regierung keine MaBnahmen Pa-
pens verhindern, ob er sie nun als Reichskanzler fiir ganz
Deutschland oder als Reichskommissar fiir PreuBen in Kraft
setzt. Sie kann den Nimbus ihres in Leipzig anerkannten
Tit els nur benutzen, um gegen das Prasidialkabinett und sei-
nen Bracht zu agitieren. Es war der entscheidende Fehler
des 20. Juli, daB die Besiegten nicht durch einen Akt der Ge-
genwehr sinnfallig machten, was vorging. Jetzt haben sie Ge-
legenheit, diesen Fehler wenigstens zum Teil wiedergutzu-
machen, indem sie durch ihr Auftreten unablassig demonstrie-
ren, wohin uns die Reaktion gefiihrt hat.
Grade das aber wollen sie nicht. Schon seine erste Sit-
jsung hielt das auferstandene Kabinett nicht im Gebaude des
Staatsministeriums ab, was sein Recht gewesen ware, sondern
2 639
ganz bescheiden im Wohlfahrtsministerium. Offenbar wollte
man die Herrcn, die sich inzwischen in der WilhelmstraBc 63
eingenistet haben, nicht storen. Dann wurde Brecht zu MeiB-
ner geschickt. Und dann erfolgte kein feierlicher Aufriif ans
Volk sondern einc Bekundung der Loyalitat und des Wun-
sches nach reibungsloser Zusammenarheit.
Die Herren sind auf ihren Erfolg in Leipzig schon wieder
beinahe so stolz wie einstmals auf ihre Machtpositionen. Und
sie gehen mit ihm schon wieder genau so urn wie mit diesen.
Sie sind namlich Staatsmanner, und zum Staatsmann gehort
die Staatspolitik, selbst wenn sie korperlos in der Luft
schwebt.
In Papens Aeneis, die sein Virgil Walther Schotte in der
Sammlung ,, Manner und Machte" herausgegeben hat, ist zu
lesen, wie Schleicher auf ihn aufmerksam wurde. Namlich nach
einer grandiosen Rede, die er in Diilmen gehalten, und nach
einem epochalen Artikel, den er im .Ring' veroffentlicht hatte.
Diese beiden bedeutenden Taten geniigten vollstandig, denn
damit, da8 der ehemalige Zentrumsabgeordnete seine altePar-
tei fiir die nationale Konzentrationsregierung gewinnen konnte,
hat Schleicher — immer nach Schotte — niemals gerechnet
Inzwischen wird auch dem Barden Walther Schotte nicht
entgangen sein, daB Herr v, Papen nicht gehalten hat, was
seine Gonner nach seinen Leistungen in Diilmen und im ,Ring*
von ihm erwarteten* Er hat zwar aus der Not eine Tugend,
aus seiner Isolierung ein Programm und aus seinem Ungeschick
eine Willenskundgebung gemacht. Aber fiir die Verhandlungen
und Vereinbarungen, die jetzt notwendig sind, ist er ein Hin-
dernis. Abgesehen von dem! alten Herrn, der sich schwer an
neue Gesichter gewohnt, will ihn jeder gerne los sein.
DaB die Prasidialregierung sich in einer Sackgasse befin-
det, ist offenkundig. Allein mit der Zustimmung von sieben
bis zehn Prozent des Volkes kann man weder restaurieren
noch reformieren noch langere Zeit diktieren. Ob die Regie-
rung weiterhin als Prasidialkabinett oder sonstwie firmieren
wird, kann dahingestellt bleiben. In jedem Fall wird sie sich
Bundesgenossen suchen mussen.
AuBer Herrn v. Papen begreift das alle Welt. Darum
konnen auch die Staatsmanner der Nazis und des Zentrums
ihre KompromiBofferten mit Angriffen auf den Reichskanzler
verbramen. Die Kaas und Hitler wissen ganz genau, daB bet
einer EheschlieBung sein Kopf Schleichers Morgengabe sein
wird.
Trotzdem so alles zur Verstandigung bereit scheint, ware
es jedoch falsch, diese Stimmung als die Vorfrucht einer na-
tionalen Koalition anzusehen, fiir die nur noch der MacDonald
fehlt. Auf dem linken Fliigel der Nation steht heute das
Zentrum, und die Sozialdemokraten sind langst wieder vater-
landslose Gesellen, auch wenn sie, und die liberale Presse
mit ihnen, noch so gern dazugehoren mochten,
Es handelt sich eben nicht mehr um parlamentarische Kon-
stellationen sondern um ein en Kampf zwischen den Oberresten
640
der demokratischen Republik und der Gegenrevolution. Und
da sollen Kompromissc moglich sein?
Jeder Oberlaufer ist dcr Gegenrevolution selbstverstand-
lich willkommen. Zugestandnisse jedoch konnen die Gegen-
revolutionare nur unter sich machen. Allenfalls konnen sie
noch Parteien brauchen, die bereit sindf sie zu tolerieren.
Die Reaktion ist namlich noch immer im Vormarsch, und
sie wird, gleichgiiltig wie die Wahlen ausfallen, weiter vor*
riicken, wenn nicht mehr unter Papen dann unter Schleicher,
Gordeler, Bracht, GeBler, Frick, StraBer oder sonstwem. Die
Linke aber ist in die Verteidigung gedrangt, und bis sie wie-
der angreifen kann, muB sie sich wehren, indem sie keine Po-
sition preisgibt, alien Versuchungen widersteht, jede Ablen-
kung vermeidet und sich vor allem den Blick fur den Inhalt
ihres Kampfes nicht verdunkeln laBt, Staatsmannisches Ge-
tue ist in dieser Lage, in der es sich una ihre Existenz handelt,
nur verderblich fiir sie. Was sie no tig hat, sind Politiker, die
begreifen, daB Politik nicht blofl darin besteht, Titel zu haben
sondern Macht auszuiiben.
Feinde ringSlim von Hellmat v. Gerlach
In diesen Tagen hat der Alldeutsche Verband in Berlin eine
Versaramlung abgehalten. Doktor Schillmann sprach iiber
Deutschlands aufienpolitische Stellung. Er beschuldigte Frank -
reich, uns von alien Seiten mit Fein den umgeben zu haben,
wobei es ihm leider auch gelungen sei, Oesterreich von
Deutschland zu entfernen. In unsrer bedrohten Lage sei es
unsre selbstverstandliche Pflicht, fiir den Umbau und Ausbau
unsrer Wehrmacht einztttreten,
Manche Leute sehen iiberall weiBe Mause, andre, wie Lu-
dendorff, iiberall Juden, Jesuit en und Freimaurer. Der all-
deutsche Herr sieht iiberall Frankreich, Da kann man nichts
gegen machen.
Doktor Schillmann befiirwortet namens seines Verbandes
den Umbau und Ausbau der deutschen Wehrmacht. Wozu
eigentlich? Wenn wir iiberall nur Feinde haben, dann hilft
uns im Kriegsfall auch eine um- und ausgebaute Wehrmacht
gar nichts. Ob wir gegen Europa zehn Millionen Soldaten oder
nur hunderttausend oder 0,0 aufbringen, das kommt im End-
effekt auf eins heraus. Namlich, daB es uns in dem neuen
Kriege noch viel dreckiger gehen wurde als im letzten, Wol-
len aber die Feinde keinen Krieg gegen uns fiihren, dann ist
es erst recht1 gleichgiiltig, ob wir viel oder wenig oder gar
keine Soldaten haben.
Richtig an dem ganzen Vortrag des Herrn Schillmann ist
das Eine, daB wir nirgends mehr Freunde haben. Liegt das
an den Andern?
Zur Beobachtung der deutschen Wahl sind eine Menge
auslandischer Journalisten nach Berlin gekommen. Ganz lehr-
reich ist es, sich mit ihnen zu unterhalten. Die Herren suchen
diesmal, der Konjunktur entsprechend, in erster Linie die
Kreise des Herrenklubs auff iiberhaupt alles, was moglichst
641
nahe an Schleicher und Papen heranreicht. Oberall finden die
Auslander, auch die Franzosen, offene Tiiren und offenherzige
Plauderer.
t)ber das* was sie so zu horen bekommen, sind sie ent-
setzt
Innenpolitisch wird ihnen von den Herren mit den guten
Manieren und der schlechten Politik allenthalben versichert,
<dafl es mit Demokratie, Parlamentarismus und Weimarer Ver-
fassung auf keinen Fall so weiter gehe. Die Autoritat mtisse
wieder hergestellt werden, Wenn das mit dem Reichstag nicht
zu machen sei, dann eben anders.
AuBenpolitisch wird als Kernstiick der deutschen Politik
die Wiederherstellung der deutschen Wehrhoheit bezeichnet.
Bekomme man sie nicht durch Volkerbund und Abriistungs-
konferenz, so miisse man sie sich selber nehmen. Sie sei ge-
wissermaBen das Naturrecht jedes Staates.
Die auslandischen Korrespondenten sind ohne Ausnahme
Demokraten, naturlich im weitesten Sinne des Wortes. Sie
stellen f est, daB in den Kreisen, die heute fur die deutsche
Politik raaBgebend sind, die MiBachtung der Demokratie und
ihrer Werke das Hauptcharakteristikum ist, Mehrheit, Mehr-
heitsbeschliisse, Verfassungsartikel, interna tionale Vertrage —
alles wird als quantite negligeable behandelt.
Die franzosischen Journalisten insbesondere sind er-
schrocken dariiber, daB es auf einmal fiir Deutschland wieder
eine elsassische Frage zu geben scheint. Viele Jahre waren
sie hier, ohne daB das Wort ^ElsaB" auch nur gef alien ware,
Jetzt auf einmal taucht es immer wieder auf, in alien Kreisen.
Eine Franzosin, leidenschaftliche Kampferin fiir die
deutsch-franzosische Verstandigung, wohnte der Tagung einer
Arbeitsgemeinschaf t im Norden Berlins bei. Alle moglichen
Fragen wurden an sie gerichtet. Plotzlich interpellierte sie
der Leiter der Arbeitsgemeinschaft: „Und was wiirde Frank-
reich machen, wenn Deutschland von ihm das ElsaB yerlangte,
worauf es doqh -einen Anspruch hat?" Die Franzosin war so
erschiittert durch diese ihr nach Locarno unmoglich scheinende
Frage, daB sie nicht wuBte, was sie antworten sollte, Mir
aber sagte sie: „Wo ich noch vor Jahresfrist Tore sah, finde
ich diesmal nur hohe, geschlossene Mauern."
Das franzosische Volk hat den Pakt von Locarno vor allem
d-eshalb mit so ungeteilter Freude begriiBt, weil es ihn fiir die
endgiiltige Bereinigung der elsassischen Frage hielt. Das war
doch einmal «in Vertrag, der von beiden Seiten in voller Frei-
heit unterschrieben wurde. Da konnten die Deutschen nicht
wie bei Versailles behaupten, es handle sich um ein Diktat,
urn eine erzwungene Unterschrift
Und jetzt? Jetzt wird auch dieser Vertrag in Frage ge-
steiit! Soil auch er bloB ein Fetzen Papier sein?
Alle Franzosen ohne jede Ausnahme betrachten das ElsaB
als integrierenden Bestandteil ihres Landes. Alle Elsasser,
von ein paar Eigenbrodlern abgesehen* wollen bei Frankreich
bleiben, Nur uber das MaB der Selbstverwaltung, das dem
ElsaB zuzubilligen sei, gibt es unter den Elsassern Meinungs-
642
verschicdenhciten. Tritt trotzdem in Deutschland die Forde-
rung auf Riickgewinnung des ElsaB zutage, so folgert der Fran-
zose daraus; Deutschland denkt an einen Revanchekrieg.
Und er folgert weiter: Darum also das deutsche Auf-
riistungsprogramm, darum der Boykott der Abriistungskon-
ferenz!
Sicher ist diese SchluBfolgerung falsch. Ich rufe Herrn
v. Papen als Zeugen dafiir an, Allerdings muB ich ihn darauf
auimerksam machen, daB er durch sein eignes Verhalten dem
franzosischen MiBtrauen erst die Unterlage geliefert hat.
Ramsay MacDonald, der Friedensheld des Krieges, ist,
wenn es iiberhaupt unter den Staatsmannern einen gibt, ein
goldechter Abriistungs- und Friedensfreund. Um den schweren
deutsch-franzosischen Konflikt beizulegen, lud er zu der Vier-
Machte-Konierenz nach Genf ein. Sogar Mussolini sagte ohne
weiteres zu. Aber Herr v. Papen lehnte ab: nach Lausanne
— vielleicht Nach Genf — niemals!
Das nennt man ja wohl politische Geographie. Man konnte
es auch politisch-geographische Geheimwissenschaft nennen.
Den Schliissel zu ihr besitzt das Kabinett Papen-Schleicher.
Die Welt versteht das Abrakadabra der deutschen Barone
nicht.
Am 17. Oktober erklarte MacDonald in London:
Ich bedaure es auf tiefste, daB Deutschland, obwohl es seine Be-
reitwilligkeit erklart, an einer solchen Konferenz teilzunehmen, es ab-
lehnt, nach Genf zu gehen, und zwar aus Grunden, deren Triftigkeit
schwer fur mich zu entdecken ist.'
Wer die uberaus abgemessene Ausdrucksweise des eng-
lischen Premiers kennt, weiB, daB die Worte einen schweren
Tadel fur die deutsche Regierung in sich bergen.
Auf drei groBe auBenpolitische Faktoren rechneten unsre
Franzosenfeinde: RuBland, Italien, England.
RuBland hat durch den AbschluB des Nichtangriffspakts
mit Polen gezeigt, daB es aus der Rechnung der deutschen
Militaristen auszuschalten ist.
It alien hat sich mit horbarem Ruck von Deutschland se-
pariert, als es die Einladung nach Genf bedingungslos annahm.
England halt seit d«m ungluckseligen Auftreten Papens in
Lausanne engste Tuchfuhlung mit Frankreich.
Auf keine einzige GroBmacht konnen wir zahlen. Und
die Klein- und Mittelmachte sind durch die deutsche Agrar-
politik in einer Weise verargert worden, daB sie Deutschland
heute mit noch weniger freundlichen Gefiihlen als wahrend des
Weltkriegs gegeniiber stehen. Schweiz, Holland, Danemark,
Norwegen, Schweden — iiberall derselbe Eindruck: Wir sind
die besten Kunden Deutschlands. Aber man opfert uns den
deutsch«n Agrariern. Die ,rgrundsatzlich neue Staatsfiihrung"
in Deutschland bedeutet, daB grundsatzlich die Militar- und
Agrarinteressen alien andern vorangestellt werden.
Sogar4 den Interessen der groBen Mehrheit des deutschen
Volkes selbst!
643
Von dcr deutschen Kontingentspolitik stellt der wiirttem-
bergischc Wirtschaftsminister Doktor Maier fest, daB „ganze
Front eni wichtiger Ausfuhrpositionen in ein paar Wochen zu-
sammengebrochen seien, ohne daB die Landwirtschaft auch nur
einen Pfennig Nutzen hatte ziehen konnen ', Der der Regie-
rung politisch nahestehende Deutschnationale Handlungsgehil-
fen-Verband telegraphiert dem Reichskanzler:
Mitglieder unsres Verbandes, die als Handel svertreter im Ausland
tatig sind, werden von der Kundschaft nicht mehr empfangen. Be-
stellungen deutscher Waren werden abgelehnt, auch dann, wenn sie
preiswerter als die andrer Lander sind.
IG-Farben, die der - Regierung vielleicht noch naher
stehen, melden in ihrem dritten Vierteljahrsbericht, ,,auf den
nordischen Markten habe schon die Ankiindigung der Kontin-
gentspolitik zu solchen Absatzverlusten gefuhrt, daB alle ge-
gen Ende des dritten Vierteljahres festgestellten Belebungs-
ansatze beim Export mehr als ausgeglichen wurden* \
Handelspolitik und AuBenpolitik stehen in untrennbarem
Zusammenhang. Dem Kabinett Papen ist es gelungen, eine
Einheitsfront gegen Deutschlandi zustande zu bringen: bei den
GroBen durch seine unsagbar ungeschickte Aufnistungspolitik,
bei den Kleinen durch seine Antihandelspolitik.
Das Rheinisch-Westfalische Kohlen-Syndikat erklart, f,die
deutsche Einfuhrhemmungspolitik wirkte zerriittend au! den
Ruhrkohlenabsatz, nach Ablauf der laufenden Lieferungsver-
trage werden wir vor einem Trummerfeld stehen*'.
Dies Trummerfeld, das ist das Feld der Politik des Kabi-
netts Papen,
Ein paar Jahrc vor dem Weltkrieg nannte einmal der Zar
den Fiirsten Nikita von Montenegro den einzigen Freund RuB-
lands,
Es diirfte Herrn v. Papen schweriallen, eine Macht auch
nur von dem Range Montenegros zu nennen, die er als Freund
Dentschlands bezeichnen konnte.
Papens Gewinn- und Verlust-Rechnung
von Bernhard Citron
|Wf ehr denn je gilt heute in der Politik der Wahrspruch:
iyi „WeB Brot ich eB, defl Lied ich sing/' Die Zahl derer,
die das Brot der jetzigen Regierung essen, ist gering, so ge-
ring wie die Zahl der Anhanger des Herrn v. Papen. Ihre
Stimmen wurden kaum durchdringen, wenn nicht jene ,/Wohl-
fahrtsempfanger" iiber den Lautverstarker eines ausgedehnten
Press eapparats veritigten. Die Unternehmerschaft aller Rich-
ttingen vom Kleingewerbetreibenden bis zum GroBindustriellen
hat das Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung begruBt*
w«il sie sich in dem Irrglauben befand, daB man auf Kosten der
Arbeit nehmer und Verbraucher fur die Dauer eine bevorrech-
tigte Klasse schaffen konne. Die Kritik an den MaBnahmen
der Reichsregierung muB sich nach zwei Richtungen erstrecken.
Wie teuer ist dieses Programm erkauft, und welche Vorteile
werden Staat und Wirtschaft daraus ziehen?
644
Die Vorbereitungen fur die wirtschaftlichen MaBnahmen
gehen zuriick auf die Juni-Notverordnung, die einen radikalen
Abbau der sozialen Fiirsorge und eine Steigerung der Reichs-
einnahmen vorsah. Man konnte nun nicht gleichzeitig den
Massen Einschrankung ihrer Lebenshaltung in krassester Form
verordnen und auf der andern Seite Geschenke an die Wirt-
schaft verteileh. So lieB man erst zwei Monate verstreichen,
um den katastrophalen Eindruck der Juni-Notverordnung zu
verwischen. Damals hatte man die Dauer der Unterstiitzung
aus der Arbeitslosenversicherung auf sechzehn respektive
zwanzig Wochen beschrankt und nach sechs Wochen die Be-
diirftigkeitspriifung eingefiihrt; die Satze selbst sind derartig
.gekiirzt worden, daB mit einem Schlage aus Versicherten
Wohlfahrtsempfanger wurden. Der Erfolg dieser Mafinah-
men liegt klar zutage, wenn man erfahrt, dafi die Reichsanstalt
fiir Arbeitslosenversicherung in der Zeit vom 1. April bis zum
30. September 1932 dem Reich hundertsechzig Millionen Mark
zur Verfiigung stellen konnte und im Winterhalbjahr schatzungs-
weise weitere zweihundertvierzig Millionen Mark zur Ver-
fiigung stellen wird. Hatte die Reichsanstalt diese Summe be-
halten, so hatte sie im Sommer sechshunderttausend Ver-
sicherte unterstutzen konnen und wiirde im Winter Mittel fiir
neunhunderttausend besitzen. Der Vorgang ist selbst verstand-
lich nicht so primitiv, dafi die Regierung jene Oberschiisse der
Reichsanstalt unmittelbar der Wirtschaft zur Verfiigung stellt.
Aber es konnen jetzt fiir die Wirtschaft jene Betrage frei-
gemacht werden, die bisher fiir die dem Reich obliegende Kri-
senunterstutzung und das kostspielige Vergniigen des freiwilli-
gen Arbeitsdienstes verwandt werden mufiten, da nunmehr die
Uberweisungen der Reichsanstalt fiir diese Zwecke ausgegeben
werden.
,Auch in der Verteilung des Steueraufkommens zeigt es
sich, wer die sogenannte Ankurbelung zu bezahlen hat, Ge-
rechterweise mufi allerdings festgestellt werden, daB die Ab-
walzung der Steuerlast aufc die schwachsten Schultern bereits
unter der Regierung Briining begonnen hat. So sind im Sep-
tember 1932 hundertsechs Millionen Mark Umsatzsteuern auf-
gekommen gegen vierundzwanzig Millionen Mark im September
1931, die Zuckersteuer betrug einunddreifiig Millionen Mark
gegen neunzehn Millionen Mark im gleichen Monat des Vor-
jahr-es. Die Salzsteuer, die erst unter der Regierung Papen
eingefiihrt worden ist, erbrachte 3,6 Millionen Mark und soil
im Steuerjahr 1931/32 vierzig Millionen Mark erbringen. Noch
drastischer wirkt der Vergleich zwischen dem Gesamtaufkom-
men an Besitz- und Verkehrssteuern einerseits und an Zoll-
und Verbrauchsabgaben andrerseits wahrend der Zeit vom
1. Juli bis 30. September 1931 respektive 1. Juli bis 30, Sep-
tember 1932. Die Besitz- und Verkehrssteuern verringerten
sich in diesem Zeitraum von dreizehnhundertundeiner Million
auf neunhundertsechsundfiinfzig Millionen Mark, das heifit um
sechsundzwanzig Prozent, wahrend die Zoll-e und Verbrauchs-
abgaben von siebenhundertsiebenunddreiBig. Millionen Mark
auf siebenhundertsieben Millionen Mark, also nur um vier Pro-
zent ztiriickgingen. So ist klar erwiesen, daB die steuerliche
645
Relastung des Konsums im Vergleich zum Einkomraen und Be-
sitz auBerordentlich zugenommen hat. Dennoch ist die Finanz-
gebarung des Reiches auch vom rein fiskalischen Standpunkt
hochst unerfreulich. Samtliche Steuern, Zolle und Abgaben er-
brachtcn in der ersten Halfte dcs Steuerjahrs 1932/33 drei-
tausenddreihundertzweiundfunfzig Millionen Mark bci einem
Voranschlag von siebentausendvierhundertvierundsechzig Mil-
lioncn Mark fur das ganzc Jahr, Obwohl ein wesentlicher Teil
der direkten Steuereingange in die erste Halfte des Steuerjahrs
fallt, haben die Ertragnisse des Sommersemesters noch nicht
die Halfte des Voranschlages fur das ganze Steuerjahr er-
bracht. Unterstellt man, trotz den durch die Kontingentierungs-
politik verursachten wesentlichen Ausfallen auf dem Zollkonto,
eine gleichbleibende Entwicklung der Steuereingange, so bleibt
der Gesamtertrag des Jahres 1931/32 um siebenhundert-
sechzig Millionen Mark hinter dem Voranschlag zuriick.
Ungeachtet dieser triiben Aussichten und der cinseitigen
Belastung der Konsumenten, der Arbeitnehmer und der Ar-
beitslosen nahm die Reichsregierung ihr Programm in Angriff,
weil sie sich von dem Steuergutschein eine Ankurbelung der
Wirtschaft versprach. Ein ganz unbedeutender Riickgang der
Unterstutzungsempfanger seit Bekanntgabc der Ankurbelungs-
verordnung soil zum Beweis fur das Gclingen des Wirtschafts-
pragramms dienen, Tatsachlich aber hat sich gczeigt, daB
grade die Absichten der Reichsregierung, die Arbeitsplatze zu
vermehren, unerfullt geblieben ist. Die Zahl der in der In-
dustrie geleisteten Arbeitsstunden ist nach der Statistik der
Arbeitgeber um 3,2 Prozent der Kapazitat, die Zahl der Be-
schaftigten dagegen nur um 1,2 Prozent gestiegen. Demnach
ist die Arbeitszeit, nicht die Arbeitsgelegenheit in der In-
dustrie erweitert worden. Der besondere Anreiz, den die
Unternehmer zur Durchfiihrung von Arbeitsstreckungen erhal-
ten hatten, erwies sich als illusorisch. Die Kiirzung des Ge-
samtlohnes bis zu zwolfeinhalb Prozent bei einer Mehr-
beschaftigung von Arbeitern scheiterte am Widerstand der
Arbeiter und teilweise an der bessern Einsicht der Ar-
beitgeber, die auch von ihrer Seite eine solche den Arbeits-
frieden storende MaBnahme ablehnten. Das Lohnsenkungs-
programm der Reichsregierung erlitt bei seiner Verwirk-
lichung eine voile Niederlage. Wahrend die Notverordnung
doch den Arbeitgebern das Recht gab, Lohnherabsetzungen
selbstandig vorzunehmen, sind fast alle Kiirzungen bisher nur
durch Obereinkunit der Arbeitnehmer und Arbeitgeber geregelt
worden. Wenn Reichskanzler v. Papen kiirzlich diese Verein-
barungen begrtifite, so gab er damit selbst die Undurchfuhrbar-
keit seines urspriinglichen Programme zu erkennen.
Das Institut fiir Konjunkturforschung hat in diesen Tagen
iiber die Entwicklung der Industriebeschaftigung im Monat
September Bericht erstattet. Aus diesen Ziffern ist ersichtlich,
da6 in der Verbrauchsguterindustrie eine weit groBere Zu-
nahme der Beschaftigung als in der Produktionsgiiterindustrie
stattgefunden hat, Nach der iiblichen Ansc.hauungsweise ware
es zu begrtiBen, daB die Belebung von der Verbrauchsguter-
industrie ausgeht. In Deutschland aber wird grade die Mehr-
646
produktion an Verbrauchsgiitern zu einer neuen Absatzstockung
fuhrten, da die Kaufkraft der Konsumenten nicht erhoht sondern
geschwacht worden ist. Die unterschiedliche Entwicklung zwi-
schen Produktions- und Verbrauchsgtitern ist wohl in erstcr
Linic daraus zu erklaren, daB sich die mittlere und kleinere In-
dustrie viel leichter als die GroBindustrie suggerieren liefi:
Papens Wirtschaftsprogramm werde von Erfolg sein,
Wenn das Kabinett Papen eine parlamentarische Regie-
rung ware und sich vor seinen Wahiern zu rechtfertigen hatte,
so konnte es als Aktivum lediglich eine ganz geringfugige,
wahrscheinlich durch die Tendenzbesserung am Weltwirt-
schaftsmarkt verursachte Konjunkturbelebung aufweisen. Auf
der Passivseite dagegen befindet sich das weiter anwachsende
Steuerdefizit, der Abbau an sozialen Leistungen und die Vor-
belastung kiinf tiger Steuerertragnisse durch die Ausgabe von
Steuergutscheinen. Die Rechnung der Regierungt daB bereits
die Ankiindigung der Steuergutscheine die Wirtschaft ankur-
beln werde, hat sich als falsch erwiesen. Es scheint eine recht
trugerische Hoffnung zu sein, diesen Erfolg jetzt noch von der
Ausgabe der Steuerscheine zu erwarten. Die Tatsache, daB
sich die Unternehmer iiber die Verringerung ihrer Lasten
freuen, darf man nicht mit dem Willen zur Produktionssteige-
rung verwechseln,
Zehn Jahre Mussolini von k. l. Reiner
T Jber der Piazza Venezia lagern dicke Staubwolken. In der sengen-
**■* den Sonnenglut arbeiten viele hundert halbnackte Manner mit
Spitzhacke und Spaten, urn ein paar Dutzend Wohnhauser zwischen
diesem Platz und dem Forum Romanum aus dem Wege zu raumen.
Die innere Verbundenheit zwischen dem glanzvollen alten Rom und
dem jungen fascistischen Italien soil durch diese raumliche Wieder-
verbindung einen sinnf alligen Ausdruck erhalten. Und an Stelle eines
baufalligen, aneinandergeklebten Hausergewirrs werden breite, lichte
Pinienalleen die Piazza Venezia, das Herz des neuen Italien, mit den
Triumphbogen des kaiser lichen Roms verbinden.
Uberall iiberraschende Aktivitat, auf die der Besucher, aus Krisen-
landern kommend, verbliifft starrt. Neben dem Bahndamm Mestre-
Venedig, der das Festland mit der Dogeninsel verbindet, wird eine
neue wuchtige Betonkonstruktion fur eine AutostraBe gelegt. In Mai-
land ist ein machtiger Bahnhof geschaffen worden, der in seinen Di-
mensionen vielleicht sogar den leipziger Bahnhof ubertrifft. Italien
lebt fiar den Neuankommenden in einem neuen Arbeitsrhythmus, — so-
lange bis der Gast ein wenig hinter die Kulissen sieht, Und dann
entpuppt sich das ganze Aufbauwerk als Bluff.
Wir sind im Lande Kreugers, des politischen Kreugers, Und
hinter der imponierenden Fassade mehren sich immer starker die An-
zeichen des nahen Bankrotts.
Ein* paar Schritte von den breiten ZufahrtsstraBen, die die Piazza
Venezia mit den Kaiserforen verbinden werden, beginnen GaBchen
und Gassen mit all der Verwahrlosung, dem Schmutz und Staub, die
das vorfascistische Rom charakterisierten. In keiner Hauptstadt
Europas sieht man so viel Elend wie bei einem Spaziergang durch die
Vororte Roms. Nackte Wande, keine Habe, ungeniigende Ernahrung,
— so wachst ein Grofiteil der Jugend des fascistischen Italien heran.
Dafiir aber wohlbehutet von Polizei und Klerus. Sieht man in keiner
Stadt Europas so viel Elend wie in Rom, sieht man auch nirgends so
■3 647
viel Polizei, Man fiihlt sich direkt in die schonen Zeiten des wil-
helminischen Deutschlands zuriickversetzt. Rom gleicht einer Stadt in
Belagerungszustand, Uberall Polizei aller erdenklichen Gattungen:
Staatspolizei, Stadtpolizei, Miliz, Carabinieri, Militar aller Art und
SpitzeL Jeder zweite Mensch, mit dem du sprichst, ist ein Geheimer,
Man traut sich nicht, im Kaffeehaus, im Kino, ja nicht einmal auf der
Stral3e ein offenes Wort zu reden, Diese Stadt, einst eine heitere
Stadt, ist duster und schweigsam geworden. Uber Politik wird offent-
lich nicht gesprochen. Und nur daheim, im engsten Kreis, macht man
sich ein wenig frei von der furchtbaren geistigen Bedriickung, die
uber dem Lande lastet.
Bluff zum Groflteil alle Fortschritte. Die AutostraBe von
Mestre nach Venedig ist ebenso notwendig wie ein Schiffahrts-
kanal vom Mars zum Mond. Und entsprechend ebenso teuer, Genau
so unbegriindet der protzige Riesenbau des mailander Bahnhofs, der
mit seinen geschmacklosen Ornamenten weithin das schone Stadtbild
entstellt. Die Riesenhallen machen einen gradezu lacherlichen Ein-
druck, wenn zwischen ihren zyklopischen Quadern jedesmal bei An-
kunft oder Abfahrt eines Zuges fiinfzig bis hundert Menschlein hin-
durchschleichen.
Die Stimmung im Lande ist verzweifelt. Ein unertraglicher
Steuerdruck lastet iiber der Bevolkerung, Die Industrie liegt zum
groBen Teil still. Die Landwirtschaft wirft infolge der Krise fast nichts
ab. Dennoch gibt es in diesem verarmten Lande reiche GroBgrund-
besitzer, die noch immer Jahresrenten von hundert Millionen Lire und
mehr beziehen, Der Gegensatz zwischen Reich und Arm ist enorm.
Eine ubermiitige Herrenschicht beherrscht ein durch Hunger und Aus-
sichtslosigkeit entkraftetes Volk, So viele Monokeltrager gab es vor
dem Kriege nur in Deutschland.
Dazu die Auslieferung der Jugend an den Klerus. Es ist ein
gradezu unheimlicher Eindruckt wenn man durch die engen Strafien
Roms Kuttentrager um Kuttentrager wandern sieht. Neben dem be-
waffneten Unterdriickungsapparat bilden sie die charakteristische Note
des „Neuen Roms"* Der Vatikan bemiiht sich anscheinend, den Fas-
cismus von innen zu zersetzen. Und der Fascismus, der im Volke
seine letzte Basis verloren hat, raumt ihm bereitwillig immer groBere
Rechte ein, um sich an ihn zu klammern. So hat der Generalsekretar
der fascistischen Partei Starace vor kurzem verfugt, daB jede Avant-
guardistenabteilung ihren Feldkaplan haben muB, daB Feldmessen zu
lesen sind. Auf diese Weise wird die italienische Jugend dem Kleri-
kalismus in die Arme getrieben.
In noch starkerm MaBe allerdings dem Militarismus, Die; Jun-
gens haben zwar leere Magen, aber mit dem Maschinengewehr ver-
steht ein siebzehnj ahriger Fascist besser umzugehen als ein alter
Frontsoldat. Die militaristische Vergiftung setzt bereits iin friihesten
Alter ein. Es tut einem in der Seele weh, wenn man fiinf- bis zehn-
jahrige Kinder, die in den Ballilas vereinigt sind, auch Madchen, vor
irgendeiner fascistischen LokalgroBe vorbeidefilieren sieht, die Hande
erhoben zum FascistengruB, wahrend die Lehrerinnen neben den Ab-
teilungen einherlaufen und den trippelnden Kleinen zurufen: „Passo,
Passo" (Schritt, Schritt)!
Unheimliche Erbitterung herrscht unter der Arbeiterschaft. Eine
Million Arbeitslose gibt der Fascismus offiziell zu, vier bis fiinf
Millionen wurden mir von verschiedenen Seiten genannt. Davon wer-
den, nach offiziellen Angaben, eine Viertelmillion unterstutzt — mit
drei Lire taglich fur die Dauer von neunzig Tagen. Dann ist SchluB.
Was von der Industrie noch arbeitet, ist zum groBen Teil
Rtistungsindustrie. Die Lohne werden unaufhorlich gesenkt, wobei
das Korporationsministerium die Komodie des unbeeinflufiten Schlich-
ters spielt. Grade in den letzten Tagen hat dieses — von Mussolini
648
unmittelbar yerwaltete — Ministerium die Lohne in der norditalie-
nischen Textilindustrie um weitere zehn Prozent, die Akkordlohne in
der sizilianischen Schwefelindustrie gar um fiinfzig Prozent gesenkt.
Die Industriellen sind daher nach wie vor trotz den schweren Ver-
lusten, die der Fascismus ihnen zugefiigt hat, die entschiedensten An-
hanger Mussolinis.
Worauf beruht iiberhaupt die Herrschaft der Fascisten, wenn ihre
Basis im Volke vollstandig untergraben ist? Auf zweierlei: auf der
nackten Gewalt und auf der Angst vor der proletarischen Revolution,
Mit beiden erhalt Mussolini die schwankenden Mittelschichten an
seiner Seite.
Graf Sforza bemerkt in einem seiner Bticher, eine wirkliche
kommunistische Gefahr gebe es in Italien erst seit Mussolini, Er hat
nicht unrecht. Gab es vor dem Fascismus eher eine elementare Be-
weguhg proletarischer Unzufriedenheit — die zu der bekannten Be-
setzung der Fabriken fiihrte und die iibrigens bereits langst liquidiert
war, als Mussolini zur Macht gelangte — so hat heute der Kommu-
nismus in Italien tiefe Wurzeln gefafit. In Italien erscheinen heute
dreiundzwanzig illegale kommunistische Blatter. Man bedenke, wel-
chen Umfang die Bewegung erreicht haben muB, wenn dies trotz dem
furchtbaren Unterdriickungsapparat moglich ist.
Mit dem Hiriweis, daB der Fascismus Italien vor der prole-
tarischen Revolution schutze, halt Mussolini die erschreckten Mittel-
schichten an der Stange. Und was sich nicht freiwillig fiigt, — und
es gibt auch im Burgertum eine starke Oppositionsbewegung, die bei-
spielweise an der Universitat Turin zu groBen Studentendemon-
strationen fiihrte — wird durch Polizei und Miliz niedergehalten.
Dreihunderttausend Mann umfaBt die Miliz. Pratorianerbanden, die
nichts zu verlieren haben und vorderhand als Eisenbahn-, Post-,
Forst-, Feldmiliz und schlieBlich als halbmilitarische Formationen dem
Staat zur Last fallen. Die Tatigkeit dieser Schwarzhemden ist gleich
Null. Sie sind lediglich die Gefangniswarter, die ein ungliickliches
Volk niederzuhalten haben.
Der Gewaltapparat, den Mussolini mit unleugbarem Geschick
in Italien aufgebaut hat, kostet naturlich ungeheuer viel Geld.
Fascistische Diktaturen sind nun einmal ein teurer SpaB. Und hicr
stehen alle auslandischen Fachleute vor einem Ratsel. Nach guten
fierechnungen hatte der Fascismus schon im vergangenen Jahre
bankrott sein miissen. Statt dessen gibt er nur eine Erhohung der
innern Schuld auf sechsundneunzig Milliarden von neunundsiebzig
bei seinem Amtsantritt zu. Wer kontrolliert diese Ziffern? Niemand.
Und so wohnen wir dem seltsamen Phanomen bei, dafi in einer
Zeit, wo jeder spart, Ausgaben fur den Fascismus keine Rolle spielen,
Mussolini hat vor kurzem einen groBen Diplomatenschub durch-
gefuhrt, der mehrere Millionen kostet, er hat kurz hintereinander
riesige. Flotten- und Landmanover abhalten lassen, Kurz, es gibt
heute in Europa einen Staat, der noch Geld hat . . .
Oder sollte es mit der Geldwirtschaft nicht so ganz stimmen?
Ebenso wie seinerzeit bei dem gleichfalls so bewunderten Ziindholz-
konig Kreuger? Das konnen wohl erst die Bilanzen der NaphlaB-
verwalter aufzeigen.,
Halb Thersites, halb Hamlet wird Mussolini in die Geschichte ein-
gehen, Er hat Italien nicht vorwarts gebracht sondern in zehn Jahren
innerlich um Jahrzehnte zuriickgeworfen. Und nur in der Dialektik
der Geschichte, nur dadurch, daB er Gegenkrafte wachrief, die ihn
uberwinden und das italienische Volk in seiner Gesamtheit zu wirk-
lichem Aufstieg fiihren werden, findet er seine historische Recht-
fertigung.
649
Prosperitys Untergang von Feiix stossinger
W[ ach schlechter amerikamscher Sitte hat es sich auch in
™ Deutschland eingebiirgert, nur Biicher zu lesen, die „soeben",
das heiBt in den letzten vier Monaten erschienen sind. Was
vor zehn oder gar zwanzig Monaten gedruckt wurde, ist alt
und erledigt. Gegen diese Torheit kann auch die Presse etwas
ausrichten, wenn sie nicht bloB Biicher von gestern sondern
sogar; von vorgestern bespricht und empfiehlt. Aus irgend-
welchen Griinden korame ich erst jetzt dazu, eines der letzten
Biicher von M, J. Bonn , .Prosperity" zu lesen, das schon durch
seinen Untertitel ,,Wunderglaube und Wirklichkeit im amerika-
nischen Wirtschaftsleben" seine begrenzte Aktualitat ausspricht.
Und trotzdem das Buch , schon im Marz 1931 erschienen ist
(S. Fischer, Berlin), hat es selbst im Tempo dieses Erdrutsches
nichts an Bedeutung verloren. Das Tempo, das ja nichts andres
war als die Jagd der Spekulation nach oben, die immer weiter
muBte, immer neue Grundungen und Konsumproduktionen mit-
reiBend, dem unbekannten Hohepunkt der Hausse entgegen-
stiirmte, ist durch die Krise und ihren schleichenden, unabseh-
baren Weitergang auch um ein gut Teil seines Mysteriums ent-
kleidet worden. Wenn auch inzwischen neue Ereignisse
Amerika und die ganze Welt in neue Zerruttung und Auflosung
gedrangt haben, so fehlt dem Buch Bonns nicht das vorlaufige
Ende, weil der Anfang und die Ursachenfolge der Krise von
ihm so klar und zwingend dargestellt werden, daB uns auch
die weitern Ereignisse nicht mehr iiberraschen konnen,
Es ist freilich etwas spat, daB wir zu der Erkenntnis vom
wahren Wesen des amerikanischen Wirtschafts„wunders" ge-
fiihrt werden, dessen Phanomen ja nicht ganz ohne die Mit-
wirkung Bohns zu einem deutschen Dogma geworden war.
Franzpsen und Englander haben sich jedenfalls von Amerika
nie derart imponieren lassen wie Deutschland, das alles Heil
Von Amerika erwartete und sich durch keine gegenteiligen Be-
schliisse des Senats je um seinen Glauben bringen lieB. Dabei
ist doch grade die amerikanische Politik und Prosperityreli-
gion in einem Mafie durchsichtig gewesen, daB, leider erst,
nachtraglich, die Beweise und Griinde fiir ihren Zusammen-
bruch in wahrer Oberf iille zusammenflieBen.
Noch wichtiger als der Zusammenbruch ist die Vorkrise,
die Bonn als Prophet der Vergangenheit analysiert. Fiir aiie
groBen Lander feleibt es eine Warnung, daB grade von der
vollig unrentablen Landwirtschaft her der Krach in Amerika
ausging. Mit dem Bankrott der kleinen Farm en entstand eine
Entvolkerung des Landes und eine Krise der Kleinstadt, die
dann immer breiter werdend unwiderstehlich in die ganze
Konsumentenindustrie und schlieBlich in die GroBstadte ein-
brach. Mit Unterzahlung landwirtschaftlicher Produkte ist in
keinem Lande der Gesamtbevolkerung, auch nicht der Arbei-
terschaft, gedient. Was man zuerst am Preise spart, wird
nachher beim Zusammenbruch tiichtig nachbezahlt. Erst all-
mahlich hat die Rationalisierung der Landwirtschaft und dann
die ungeheure Weizenkonkurrenz Kanadas den amerikanischen
Gesamtzusammenbruch bewirkt. Zur Landwirtschaft kommen
650
weiter groBe Produktionsgebiete, die entweder zuriickgeblieben
sind, das heiBt praktisch niedergingen, wie die Baumwoll-
industrie, odcr in sich selbst ungesund und unrentabel waren,
wie Kohle, Ol und Eisenbahnen, Oberall hat das liberalistische
Prinzip: aiies gehen zu lassen, wie es geht, vollig Schiffbruch
erlitten.
Der eigentliche Zusammenbruch kam aber schlieBlich von
der ungeheuren Spekulation und der Kreditinflation her, durch
die die ganze Welt mitruiniert worden ist. Da sie aber davon
nichts gelernt hat, propagiert sie eine neue Kreditinflation, als
ob die erste nicht geniigt hatte. Das vollige Versagen Ameri-
kas im Finanzierungsgeschaft, das es, wie alles andre, nur als
wildes Spekulationsgeschaft mit schnellem Riesengewinn be-
griff, gehort zu den Hauptgriinden der Weltkrise. Auf alien
Gebieten hat Amerika der Welt und insbesondere Deutsch-
land ein schlechtes Beispiel gegeben. Sehr wichtig ist die
Schuld, die Bonn der festgefahrenen Politik der Bank von Eng-
land wahrend des amerikanischen Borsenkrachs von 1929 gibt.
Die letzte Konsequenz hat Bonn noch nicht ziehen konnen:
daB die Siinden gegen die Gesetze des Zinssatzes und des
Goldverkehrs schlieBlich selbst die Bank von England zerriitten
muBten. Auch die erprobte englische Finanzierungskunst hat
sich schlieBlich von amerikanischen Jobbermethoden iiberren-
nen lassen, an deren Oberwindung sie heute erfolgreich arbeitet,
Wenn schlieBlich Bonn in der amerikanischen Mentalitat
keine Anzeichen daixir findet, daB Amerika weltwirtschaftlich
handeln und auf die Tribute zur Begleichung seiner Kriegs-
gewinnlerrechnungen verzichten wird, so hat vor Lausanne
noch die letzte Tagung des Senats auch diese diistere Voraus-
sage bestatigt. In Deutschland ist man geneigt, den bei solchen
Gelegenheiten gefallenen Worten, soweit sie gegen Frank-
reich gerichtet sind, eine groBe Bedeutung beizumessen, eine er-
staunlich geringe, soweit sie Deutschland betreffen; denn jede
Erklarung Amerikas, daB es keinen Pfennig von den Kriegs-
schulden streicht, trif f t mit voller Wucht Deutschland. Es ist
wahr, daB mehr als ein Echo jener dunkelsten amerikanischen
Provinz in diesen Reden nicht enthalten ist. Aber diese Pro-
vinz bestimmt die Gesamtpolitik des Landes, dessen Osten als
eine Art vorgeschobenes Europa politisch nicht entfernt die
Bedeutung hat, die seiner Leistung zukommt. Bonn klart uns
auch erfrischend iiber die Bedeutungslosigkeit des amerikani-
schen Parlamentarismus auf. Die Namen amerikanischer Ab-
geordneter sind der Offentlichkeit kaum bekannt. Ihre Reden
werden selten gedruckt, noch seltener gelesen, iibrigens auch
selten gehalten sondern einfach als Manuskript dem Protokoll
einverleibt. Auch die offentliche Stellung der Senatoren ist
bedeutungsloser als friiher.
Der Glaube an das amerikanische Wunder ist jedenfalls
zerstort, aber eine Wendung ist in der deutschen Politik noch
nicht spiirbar. Wohl aber in der Weltpolitik. Das kleine Ja-
pan hat erkannt, daB die beiden angelsachsischen GroBmachte
weltpolitisch zunachst zur Ohnmacht verurteilt sind und kei-
nen Widerstand dagegen werden leisten konnen, wenn Japan
die ganze Mandschurei an sich reiBt und die ungeheuren Roh-
651
stoffvorrate mit Beschlag belegt, die an den chinesischen FluB-
mundungen liegen. Wenn Japan die chinesische Kohle besitzt,
wird es an der Westkiiste Amerikas nicht mehr als der ver-
achtete farbige Eindringling sondern als Konkurrent des ost-
amerikanischen Kohlenkapitalismus auftreten, Der Aufbau
des Ostasiatischen Imperiums im Pazific hat begonnen. DaB
dies mit Gewalt und Rechtsbruch geschieht, werden die ameri-
kanischen Imperialisten gewiB nicht beweinen dtirfen, sie, fur
die jede staatliche Freihe'it Mittel- und Sudamerikas nur gait, so-
weit sie den Import amerikanischen Kapitals bei gesicherter
Rente 'garantierte- So wird auch, fur Deutschland .der Augen-
blick kommen, da es zusammen mit Frankreich den Aufstand
der proletarisierten europaischen Tributlander organisieren und
dem amerikanischen Gerichtsvollzieher eine Unabhangigkeits-
erklarung des Vereinigten Europaischen Kontinents iiber-
reichen wird.
Die Toten halten Still von Siegfried von Vegesack
j^ot kennt kein Gebot
* ' und verordnet immer neue Gebote.
Kein Brot,
Aber in Argentinien heizt man mit Weizen die Schlote.
Wir sind noch nicht tot.
Aber jeden Tag gibt es tausend Selbstmorder-Tote:
eine grofie Stillhalte-Aktion.
Aber man hort nicht viel davon:
"vie Gott und Hoover will,
die Toten halten still ...
Dahingegen jammern Direktoren, Aufsichtsrate und Generate,
wenn sie statt zwanzig nur achtzehn Mille erhalten,
lamentieren Bankiersfrauen, weil es ihnen zur Reise nach St. Moritz
fehle,
weil sie statt drei nur zwei Dienstboten halten
Die Toten erkalten,
sind hochstens noch Seele.
Besser: es ware endgiiltig SchluB,
damit der Alpdruck nicht quale:
ob man im Himmel auch stempeln mufi?
Leider konnen Tote nichts konsumieren,
Daher die Not
der Schwerindustrie:
Tote sind tot
und kaufen nie,
Man kann sie nur noch sezieren:
wie. Gott und Hoover will,
Die Toten halten still
Dahingegen laBt man Millionen Bushel Weizen
ganz einfach verheizen,
um keine Preissturze zu riskieren:
Besitz ist Besitz.
Und Gott? Und Hoover? Was tut er?
Keep smiling, — solange der Dollar halt!
Die Welt
ist ein Witz,
Aber kein guter.
652
Sterbende Partei von e. Mintei
T Tnd nun noch zu der politischen Wanderung des Juden-
n^* turns", sagte Pg. Kube in, einer der letzten, der Zersetzung
der Harzburger Front gewidmeten- Kundgebungen im Sport-
palast. „Die 900 000 Jud'en, die im Juli Zentrum gewahlt haben,
werden diesmal deutschnational wahlen . . ."
Hier irrt Herr Kube lediglich in der Zahl. Denn auch das
kliigste judische Kopfchen ermoglicht es den mitgezahlten Kin-
derchen nicht, vor Vollendung des 20. Lebensjahres zur Wahl-
urne zu schreiten. Weniger allerdings laBt sich iiber die Sache
rechten. Die Abwanderung des konservativen Judentums aus
den Mittelparteien ist wohl der Fieberkurve gleichzusetzen, d-e-
ren Steigen den todesnahen Grad der Krankheit anzeigt Pars
pro toto: Judentum und Burgertum sind gleicherweise heimat-
los. Heimatlosigkeit bedeutet noch nicht Verlust der Eigen-
existenz, kann aber dazu werden. Das Judentum ist in einem
fortschreitenden Prozefi der Aufsaugung und Assimilation fce-
griffen. Das Burgertum? Man weiB noch nicht genau.
Vom Zentrum ist naturlich nicht die Rede. Seine Sonder-
stellung gewahrleistet Millionen eine Heimat, die nicht zum
Burgertum gehoren, und muB sie ebenso vielen andern ver-
sagen. Die meisten andern sogenannten biirgerlichen Splitter-
parteien haben sich praktisch und neuerdings auch theoretisch
der Rechten angeschlossen. Tod und Auferstehung liegt hinter
ihnen. Was bleibt?
Es bleibt die Deutsche Staatspartei.
Das Zuvorgesagte als wahr unterstellt, ist ihr Treiben so
traurig grotesk, daB einem das Weinen naher liegt als das
Lachen. Ihre Parteileitung, die den AuilosungsprozeB des Biir-
gertums durch Nichtbeachtung aufzuhalten gedenkt, betreibt
unentwegt eine Agitation des Als ob — als ob namlich hinter
ihr eine normale Wahlerzahl sttinde. Als es langst zu spat
war, bemiihte sie sich, vom Gegner zu lernen. Nicht Durch-
organisation, nicht Massendiszipliri und -wirkung, nicht Selbst-
verleugnung bis zur Selbstaufgabe — denn dann ware sie ja
nicht mehr — sondern schlicht gesagt den Klimbim: Deklama-
tionen, Fahnen und Lieder. So erlebte man etwa vor den Land-
tagswahlen im April dieses Jahres eine Kundgebung in den
wOmersdorfer Tennishallen bei halbleerem Saal' und ganz lee-
ren Tribiinen, mit Einmarsch ' schwarzrotgoldner Fahnen
und einer Musikkapelle, die viele schone Lieder spielte, auch
das Deutschlandlied, und das sang dann die Versammlung
stehend mit. Aber sie konnen das nicht, Sie singen und spie-
len ohne Schwung, und die Fahnentrager kommen wie die
Leichenbitter daher und nicht wie ein Sturmtrupp. Niemand
wird uns hier verdachtigen, daB wir die stramme Haltung als
Qualitat an sich bewerten; aber wenn man sie als Suggestions-
mittel benutzen will, so muB man sie haben. Die Nazis haben
sie, die Eiserne Front hat sie auch, und sie wirkt als eines jener
unergrundlichen, psychophysisch bedingten Mittel^ die niemals
versagen. Man kann sie und den-ganzen Klimbim gebrauchen,
um Werdendes zu stiitzen, Bestehendes zu schiitzen; aber nicht,
um Sterbendes zu halten, Totes zu galvanisieren. Massenregie
653
ohne Masse und in den im wahren Sinn des Wortes leeren
Raum hincin ist etwas Gespenstisches. Man soil das licber
lassen.
Die Parteileitung schcint es nachtraglich gemerkt zu haben
und es im augenblicklichen Wahlkampf wieder in, mochte man
sagen, weiser Beschrankung mit den Waffen des Geistes zu
versuchen, Ihre Wahlaufrufe bemiihen sich um AnschluB an
die Zeit, sie bevorzugen in gerechter Verteilung die Worte , .na-
tional" und ,,frei". Ihre Sprecher sind verniinf tige, wohlmeinende
und leidlich! temperamentvolle Leute, deren Reden man heute
meist Wort fiir Wort unterschreiben kann. Aber wer unter-
schreibt . . .?
Da sind einige wenigei junge Menschen, die man im Ver-
dacht hat, da8 sie zum engern Familienkreis der Wahlkandi-
daten gehoren. Da sind ein paar hundert alte Leute, die noch
aus der Zeit des Demokratischen Vereins stammen und, iiber die
Fortschrittliche Volkspartei weg zur neuen Demokratischen,
der Partei audi unter dem letzten Firmenschild die Treue ge-
halten haben. Da sind einige bezahlte und furchtbar viele un-
bezahlte Parteifunktionare. Da sind uberraschend wenig Ju-
den und auch sonst kaum Leute, die nach GroBkapital aus-
sehen. Da sind aber trotzdem nur und ausschlieBlich Satte,
keine Arbeiter unid keine Arbeitslosen. Im Juli tag ten sie
einmal in den Spichernsalen, da kam einer an die Kasse und
wollte eine EinlaBkarte f,fiir Erwerbslose". Peinliche Verle-
genheit — ein Sonderpreis war nicht vorgesehen. „Ach so —
damit ham Se wohl jarnich jerechnet?" fragte der Erwerbs-
lose, wuBte genug und trollte sich-
Und da darf man sich denn nicht wundern, daB diesmal
bei einer Wahlversammlung der Vorsitzende dem Spitzen-
kandidaten als hochstes Lob bezeugte, er habe „eine
Wahlrede alten Stiles" gehalten, namlich sachlich und ruhig
gesprochen, und die Zuhorer, diese armen letzten Vertreter
einer zerschlagenen Ideologic, freuten sich gebiihrend, ohne
sich durch die herrschende Leichenatmosphare im Germgsten
beengt zu fiihlen und ohne zu begreif en, daB man die alten Ziele
kaum mit neuen, bestimmt aber nicht mit alten Mitt ein jemals
wieder erreichen konne.
Es gibt eine Anekdote von einem Totgesagten, der plotz-
lich zwischen seine entsetzten Stammtischbriider tritt. Der
Erste, der sich faBt, beugt sich zu den Andern und fhistert:
Pst — nichts sagen — er weiB es noch nicht ...
Dieser Partei sagt man es unentwegt, und sie weiB es trotz-
dem noch nicht. Sie kann es auch freilich nicht mehr merken.
Denn sie liegt in der Agonie.
Stlldentenprinzen von Herbert Ihering
VV7enn jemand vor einem Jahr erzahlt hatte, daB die neue
Revue des GroBen Schauspielhauses „Alt-Heidelberg,* zum
Gegenstand haben wurde, er ware ausgelacht worden. Ein ab-
genutztes Thema, erst vor wenigen Jahren im GroBen Schau-
spielhause gespielt, durch hundert Heidelberg- und Wienfilme
der Lacherlichkeit preisgegeben — kein Mensch mit theater-
654
praktischem Verstande hatte cinem solchen Werk grade jetzt
cine Wiederkehr vorausgesagt. Heute aber ist nichts mehr
unmoglich. „Alt-Heidelberg" kommt auf demUmweg iiber Eng-
land und Amerika nach Deutschland zuriick. Eine B-earbeitung
fur Cook-Reisende,
DaB ein solches Stuck angenommen und aufgefiihrt und
beinahe noch gelobt wurde, ist allein aus der volligen Ober-
alterung unsres Theaterbetriebes zu erklaren. Man spricht
nur im Biihnenjargon. Man kennt die Geftihle nur, wenn sie
Kulissenfarbe angenommen haben; Ideen nur, wenn sie im
Biihnenklub diskutiert wurden; Probleme nur aus den Zeitun-
gen. Theaterleute sahen auch friiher me ist ens allein sich selbst,
die Konkurrenten und die Kritiken, iiber sich und die Konkur-
renten. Theaterleute lebten immer hinter einer chinesischen
Mauer. Das ging in ruhigen Zeiten. Aber heute? Man sehe
sich die berliner Spielplane an, GewiB, es gibt die von Hilpert
exakt durchgearbeitete Auffuhrung von Hauptmanns , , Ratten**
in der Volksbiihne, eine gebandigte und farbige, realistische
und gespenstische, geistig elastische und schauspielerisch iippige
Vorstellung. Es gibt den ,,Prinzen von Homburg** im Deutschen
Theater. Es gibt die tapfere ,,Truppe 1931", es gibt den Ver-
such der Jung en Volksbiihne, Bechers. ,,Gro6en Plan** dar-
zustellen; und es gibt zuletzt Shaws neue Komodie „Zu wahrr
um schon zu sein" — ein unheimlich gemischtes Werk, ge-
mischt aus Reminiszenzen an die friiheren Komodien Shaws
und aus der ergreifenden Ratlosigkeit eines groBen Schrift-
stellers, dem aides axis der Hand geschlagen wurde. Jetzt zeigt
sich, daB nicht <einmal Shaw ein en festen, geistig widerstands-
fahigen Grund hatte, dafi auch unter seinen FiiBen der Boden
schwankte, daB auch er sich abgeschieden hatte von Volk und
Masse.
Aber selbst diese interessanten Vorstellungen sind nur
Zufallsereignisse (wenn man von den Auffuhrungen der „Truppe
1931" und dem Versuch der Jungen Volksbiihne absieht, die
planmaBig erarbeitet sind). Zufallsereignisse, die kiinstlerisch
glucklich oder ungliicklich ausfallen konnen, die} aber mit
Dramaturgic und Spielplangestaltung nichts zu tun haben. Sie
verdanken der Dramaturgic der Erinnerung und des Kalenders
ihre Entstehung, der Dramaturgic der Jubilaen und des groBen
Namens. Die Theater direktoren geht das wenig an. Es gibt
keine Wandlung, die sie erschiittern konnte. Kein Ereignis,
das sie aus ihrer freundlichen Bonhomie aufschreckte. Sie
plaudern noch den Vorkriegsdialekt. Wclfremde Causeure,
die aber nichts liebcr tun, als andern ihre eigne Weltfremd-
heit vorzuwerfen. Sie leben nach ihrem eignen Comment, der
sie abschliefit von der Welt. Corpsstudenten des Theaters, Im
GroBen Schauspielhaus wird ,, Alt-Heidelberg** wenigstens zu-
ruckgespielt. Die berliner Theaterdirektoren sehen sich nicht
historisch. Sie spielen sich nicht zuriick. Sie agieren modern
und wissen nicht, daB sie Kostiimrollen sind, Liebenswiirdige
Pessimisten, weltschmerzlerische Optimisten, schmelzen.de
Lyriker und weltverlorene Bonvivants, Domgraf-FaBbaender
war eine falsche Besetzung. Barnowsky und Eugen Robert sind
die wahren Studentenprinzen.
655
FamiHe von Gustav von Wangenheim
Dies ist eine Szene aus der Komodie HDa liegt der Hund
begraben", von der neulich hier die Rede war, Eine groteske
Rauberbande hat den Kolonialwarenhandler Nottebohm aus
Hannover nach China verschleppt. Die folgende Szene zeigt
nun im entlarvenden Nebeneinander dieser neuen Biihnen-
technik den sentimental heimwehkranken Herrn Nottebohm im
Gesprach mit dem deutschen Baron von Griindern, der als Mili-
tarinstrukteur nach China gegangen ist, und auf der andern Seite
der Buhne die sehr unweihnachtliche Stimmung im heimischen
Laden. Der Dialog geht gleichzeitig auf beiden Schauplatzen
und zeigt die Beziehungen auf, die iiber den trennenden Raum
hinweg bestehen,
Frau Nottebohm (im Laden) : Ist ja schon viertel nach, —
aber *s konnt noch einer kommen, (die Stieftochter Inge
tritt auf)
na, du schon da?
Inge: War nischt mehr zu tun.
Konnt er mich beim besten Willen nich mehr schikanieren!
Frau Nottebohm: In der Rohre steht ne Tasse Bouillon, —
nimm dir man immer! Ich hoi noch ne Gurke,
hast du doch so gerne, — ich komm gleich wieder ■
Inge: Die ist ja heut so nett? —
Dienst made hen: Seit dem Ungliick — seit der Herr weg is,
ist sie wie umgewandelt,
Inge: Jetzt ist sie der Herr im Hause.
Nottebohm (in China): Prost!
Warum hab ich nur so ein verdammtes Heimweh?
Ich weifi — weil heut Weihnachten ist!
Dienstmadchen: Jetzt wo ich gekiindigt bin, — wurd ich jerne
bleiben.
Inge: Na, wir miissen doch die Wohnung aufgeben.
Dienstmadchen: Weifi ja,
(harm links drauBen.)
Inge: Was istn das fiirne Schreierei wiederl?
Zum Verriicktwerden! (wirft sich in einen Siuhl)
Dienstmadchen: Sie sind aber och ab.
Inge: Schinderei.
Dienstmadchen: Morgens in aller Friihe raus, (Frau Nottebohm tritt
auf)
janzen Tag Bureau und abends mit die Uberstunden
todmiide in de Falle, Sie verlieren och nich ville
an die schone Wohnung, Hier is ja man bloBn Hinterraum,
aber is auchn Zuhause.
Frau Nottebohm: Arbeit macht das Leben suB.
Inge: Wenn man fur sich arbeitet!
Dienstmadchen: Der Franz will ja nun auch heiraten,
aber 's is doch kein Geld da.
Ehe ich auch arbeitslos werde, mufi ich doch wieder in Stellung.
Inge: Das, geht uns alien so.
Ich mocht auch lieber meinen Haushalt haben.
Frau Nottebohm: Aber Hausfrau mochtest du doch nicht spielen.
Inge: Warum?
Frau Nottebohm: Du mit deinen Ideen.
Als Hausfrau kriegste ja doch ein Gehirn wien Achtel Auf-
schnitt!
Lauter kleine Scheiben, ganz diinn geschnitten!
Inge: Na und hier?
Frau Nottebohm: Hier summiert sichs!
656
Inge: Sieht auch bloB so aus! —
Nottebohm (in China): Sein Weihnachten muB der Mensch haben!
Traute Heimat! Ich bin ja so traurig!
(harm wird starker,)
Frau Nottebohm (horcht): Was schreit die so . . . (geht an die Tiir)
Inge: 1st das wieder die Miiller?
Dienstmadchen: Der konnte sich als Beamter aber auch ...
Inge: Der denkt nich dran, daB er ne Frau vor sich hat, —
daran denkt er zu wenig.
Frau Nottebohm: Zuviel, mein Kind, — aber das verstehst du noch
nicht.
Nottebohm (klopft beim Baron.)
Baron: Herein — (gestort) Herr Nottebohm . . .
Nottebohm: Verzeihen Sie, wenn ich die Ehre habe, Sie zu storen, —
aber ich kann nicht allein sein — Black and White —
an einem solchen Tag,
Baron: Worum handelt es sich denn?
Nottebohm fin der Hand die Black and White-Flasche mit einem
Licht): Sehen Sie, hier hab ich mir meinen Weihnachtsbaum
mitgebracht —
Black and White — fsetzt sich) —
jetzt ziinden sie wohl zu Hause die Kerzen an.
Baron: Aber heut ist doch erst der Zweiundzwanzigstel
Nottebohm: Das macht nichts! Mir ist heut der Vierundzwanzigste.
Trinken Sie — Sie miissen!
In der Heimat da sing en sie jetzt.
(Der Ldrm ist jetzt am stdrksten.)
Frau Nottebohm: Jetzt hats eingeschlagen.
Was denn, urn Gotteswillen, was denn?
(Inge, Dienstmadchen laufen ab und kommen wieder mit Frau Miiller.)
Tiire zu! Tiire zu! (Herr Miiller klopft an der Tiir) Was denn?
Was? — Nee hier is schon geschlossen! Ich verkaufe nichts
mehr!
Sie konnen jetzt nicht rein!
Nein, Herr Miiller, Sie werden Ihre Frau nicht mehr schlagen!
Nee! Jetzt nicht mehr!
Frau Miiller: Ach lassen Sie doch (wimmert).
Frau Nottebohm fwinkt ihr, den Mund zu halten).
Und wenns zehnmal Ihr gutes Recht ist!
Frau Miiller: Es wird doch nur schlimmer,
Frau Nottebohm: Meinetwegen stehts auch im Biirgerlichen Gesetz-
buch!
Ihr gutes Recht. Jetzt is SchluB damit!
Wer Ihnen das sagt? Eine Frau!
Nottebohm (in China): Weihnachten ist das Fest der Familie,
Der Mann ist die befruchtende Sonne,
Das Weib ist die tragende Erde.
Der Mann hat das Schwert in der Hand,
die Frau das Kind auf dem Arm.
Der Mann zeugt,
die Frau — hupp! — empfangt.
Baron: Lieber Herr Nottebohm, Sie sind ja nun ein furchtbar netter
Kerl,
aber ich habe doch noch sehr viel zu arbeiten.
Nottebohm: Aber die Heimat,
Baron: Ich denke auch an die Heimat, — sehrj viel sogar.
Nottebohm: Wenn ich zaubern konnte, dann wiirde ich alle Ma-
schinen
wegzaubern, — hupp, — dann waren alle Frauen
wieder an Heim und Herd und die Familie ware gerettet!
657
Baron.* Ja zaubern konnen wir ja nun leider alle nicht,
Aber wir wollen uns doch auch hier mitten in der Nacht
im fremden Land keine Phrasen vorerzahlen.
Dazu ist mir das zu ernst, — an die Heimat zu denken,
Nottebohm; Wenri die Henne kraht vor dem Hahn
und die Frau redet vor dem Mann.
so soil man die Henne kochen,
und die Frau mit dem Prtigel pochen — —
Frau Nottebohm (im Laden): Das hat ja nun meiner nicht gewagt
Aber kaputtgetoppert hat er mir Vieles.
Das machten seine verruckten Ideen.
Wo kann denn heutzutage ne Frau noch Hausfrau spielen?
Das tragt kein Geschaft, War ja auch bei uns nicht mehr lange
gegangen. Na( so ist mir wohler.
Inge; Weil Vater nicht da ist im Geschaft, Mutter, —
sonst wars doch dasselbe Theater.
Frau Nottebohm: Na ja. — Na beruhigen Sie sich man, Frau Mullerf
Frau Miiller: Wegen unserm Mieter ist es immer.
Na ich kann doch nichts dafur, daB es jetzt
meinem Mann immer zu eng ist,
Frau Nottebohm: Uns alien ist alles zu eng! Das ist es!
Mann und Frau treten sich auf diet Zehen.
Die Nachharn hocken einem auf der Pelle.
Und Kinder diirfte man iiberhaupt nicht haben,
Frau Miiller: Wissen Sie, ich halt das nicht mehr lange aus (weint)*
Baron (in China): Horen Sie nichts?
Gliicklicher Mensch, — Sie horen nichts.
Sie haben Ihr bifichen Verstandt Herr' Nottebohm,
und das vernebeln Sie sich noch dazu mit Alkohol,
und das nennen Sie dann: Der Heimat gedenken!
Frau Miiller (weint).
Baron: Horen Sie nichts?
Nottebohm: Was denn? Mit meinen Ohren kann ich nichts horen!
Sie horen wohl mit der Neese? Das ist gut!
Oder mit'm Herzen? Was?
Kuli (kommt im Dunkeln und spricht zum Baron): Horst du nichts?
Deine Schiiler, die Flieger: des Tschang Kai Tschek,
haben mein Heimatdorf mit Bomben zerstort.
Zerstort sind die Garten meiner Vater! Horst du nichts?
Irgendwo zwischen zerbrochenen Zweigen sitzt meine Mutter
und weint!
Horst du nichts, blutiger Hauptmann?
Herr Nottebohm (singt): Landsknechtsleben, lustig Leben,
in der Schenke hei juchhei!
Sie haben ganz recht, Herr Baron!
Da mufi durchgegriffen werden!
Sie werden schon die Bauern zur Ordnung bringen!
Son paar schicke Weiber warn das Richtige!
Baron: Ja, es ist wohl schon spat, Herr Nottebohm . . .
Nottebohm: Son paar schnucklige,
Na das gehort doch dazu!
Ich als ausgewachsener Familienvater,
ich bin ja vor meinem Stammtisch direkt dazu verpflichtet!
Sonst werd ich ja noch ne komische Figur!
Frau Miiller: Und dann kracht er sich immer mitm Nachbar politisch
und dann soil ich mich nicht drum kummern.
Ich ruinier die Familie! sagt er, ich soli denken,
daB ich ne Frau bin!
658
Fraa Nottebohm: Wenn die Manner nich dran denken, daB wir Frauen
sind,
so die ganze Kleinpolitik mitm Kaufmann "wegen der Preise,
mitm Verwalter wegen der Waschkiiche, mitm Steuerbeamten,
mitm Schulgeld, na und erst in der Markthalle, und die tausend
Arbeitslosen, die klingeln, die kleine Politik, die sollen wir
machen und nich dran denken, daB wir Frauen sind. (Zu Inge):
Aber wenn die Manner dran denken, daB wir Frauen sind,
dann kriegen wir bloB ne neue Arbeit aufm Hals!
DaB die kleine und die groBe Politik nich eins sind,
das ist das Ubel! Die Manner sollten sich um Beides kummern
und wir Frauen auch! Dann gabs auch Familien!
Fraa Miiller: Ein Dienstbote ist man! Alles Schwindel!
Nottebohm (in China): Alles Schwindel!
Baron: Das sind Einzelfalle, Herr Nottebohm!
Nottebohm: Wie? Hupp!
Inge: Wer kann denn heut noch ne Familie gninden?
Baron: Ob Sie nicht auch der Meinung sind,
dafi das Einzelfalle sind?
Dienstmddchen: Mein Brautigam sagt auch, wir konnen noch nicht
heiraten.
Eine Million Menschen haben keine Wohnung in Deutschland.
Na und wenn wir zu meinen Eltern Ziehen wollen?
Zwei Zimmer und Ktiche, acht Menschen, das ist schon so die
Holle!
Baron (macht sich den Kragen auf).
Nottebohm: Ach Herr Baron! Es ist doch zu traurig im Leben!
Wenn man was verloren hat, — dann weiB man erst, —
was man hatte daran haben konnen,
ich hab meine Heimat verloren! fweintj
Baron: Wir sind ja schlieBlich nur ganz fluchtige Bekannte.
Sie haben mir da auf dem Dampfer so dunkle Andeutungen
gemacht.
Sie befinden sich zweifellos in hochst zweideutiger Gesellschaft.
Verzeihung, aber das geht mich natiirlich personlich nichts an.
Darf ich Ihnen aber irgendwie behilflich sein?
Nottebohm: Und das Furchtbarste bei der Sache ist:
Eigentlich hab ich gar keine Heimat gehabtl
Baron: Da sitzt nun so ein Kerl und heult, daB man lachen konnte,
und selber hat man wirklich mal ein Zuhause gehabt —
und Alles ist futsch und * Duett? Nee!
Zum Komiker hab ich vorlaufig noch kein Talent! (Geht)
OllVerture von Else Lasker-Schfller
VV/ir trennten uns im Vorspiele der Liebe,
^* An meinem Herzen glitzerte noch hell dein Wort —
Und still verklangen wir im Stadtgetriebe,
Im Abendschleier der Septembertnibe
In einem schluchzenden Akkord.
Doch in der kurzen Liebesouverttire,
Entschwanden wir von dieser Erde fort,
Durch Paradiese bis zur Himmelsttire*
Und es bedurfte nicht der ewigen Liebesschwure,
Und nicht der Kiisse blauer Zaubermord.
Und meiden doch seitdem uns wie zwei Diebe —
Und nur geheim betreten wir den Ort,
Wo uns vergoldete — die Liebe.
Bewahren wir sie, daB sie nicht erfriere,
Oder im Alltag blinder Lust verdorrt.
Ich weinte bitterlich — wenn ich es einst erfiihre.
659
Die Grenze von Hans Reimann
Internationale Fernverbindungen sind im MEuropa-Touring" rot auf
* Gelb eingezeichnet. Eine dieser internationalen Fernverbindungen
fiihrt iiber Budapest, Belgrad, Nisch, Sofia nach Stambul, Die Strecke
von Nisch bis Sofia muB man genossen haben. Ich schwore, nicht zu
tibertreiben.
Ehe man Serbien verlaflt und bulgarischen Boden betritt, hat man
sich in Caribrod zu melden, Und ehe man sich meldet, ist eine
Atzung verstattet. Am zweckmafiigsten in der Bahnhofswirtschaft.
Die Speisekarte ist folgendermaflen beschaffen:
Caffe* turque
1,50 Dinar
Caffe au lait
. 3,-
it
Un ver du lait .
2,50
ii
Un the avec du citron
2,50
it
Un the avec de cognac
4 —
II
Sirop de framboise
3 —
II
Rahat-locoume
1,50
II
Un verre de biere
2,50 ■
II
Un verre de siphon
1 —
11
Un siphon
3 —
II
Eau de vie
1 —
n
Eau de vie premier
1 —
ii
Benedictine
6~
Klekovatcha
- 2 —
ii
Vin blans du Pays
16 —
ii
Vin ruge du Pays
. 14 —
ii
Eau de vie kostet also das glej
ehe wie Eau de vie
premier, ein
Dinar ist acht Pfennig, Vin blans und Vin ruge sind Druckfehler, und
unter „Rahat-locoume" hat n
lan
etwas schauderhaft
SuBes und
Wabbliges zu verstehen, das in Puderzucker gebettet aus der Tiirkei
bis nach Wien vorgedrungen ist, Wir leisteten uns eine Flasche
Mineralwasser namens Sisatschka, weil sie mit einem so lustigen
Kreuzstich-Aufdruck beklebt war. Und dann gings zum Zoll.
Der Beamte schlief und mufite aus den Federn geholt werden. Es
war nachmittags einhalb fiinf Uhr, Jeder detitsche Beamte hatte ge-
murrt. Dieser war konziliant und nahm das Leben leicht. Ein
Zivilist mit Hut auf dem dichten Haarschopf. Vermutlich hatte er
mitsamt dem Hut der Ruhe gepflogen, denn der weiche Filz war ver-
beult und zerdriickt. Alles in Ordnung. Keine Revision. Bisher hat
sich kein Beamter keines Staates fur unser immerhin auffalliges Ge-
pack interessiert. Wir diirfen weiter. Nach einigen Metern halt uns
ein Militarsoldat an, Und verlangt die Passe. Aus Privatjux. Aus
Machtdtinkel, Um sich wichtig zu tun. Achtzehn Kinder umringen
den Ford. Der Militarsoldat buchstabiert. Aus der Kinderschar er-
tont die Frage: „Parlez-vous francais?" Daraufhin parlieren wir ein
stumperhaftes Franzosisch und werden vollig grundlos fiir Franzosen
gehalten. Und durfen weiter. Nein, wir diirfen nicht weiter. Der
Mann mit dem weichen Filz ist inzwischen munter geworden und hat
eine geniale Eingebung. Er aufiert Verlangen nach meinem Geld.
Ich habe neunhundert Dinar bei mir. Er schnappt danach, ruft einen
des Weges daherschneienden Einwohner Caribrods herbei und schickt
ihn mit den neunhundert Dinar zum Wechseln. Denn in Bulgarien
haben sie den Leva als Miinze. Der Kurs wird vom Mann mit dem
Filzhut aufs Geratewohl bestimmt und sicherlich nicht zu seinem
NachteiL Die Kinderschar vermehrt sich zusehends. Ich gehe ein
zweites Mineralwasser trinken. Eine Viertelstunde verstreicht. Meine
neunhundert Dinar sind dahin. Heut Abend wollen wir in Sofia sein,
Daraus wird wohl nichts werden. Der Mann im Filzhut raucht, Wir
nicht minder. Vor Ungeduld, Eine halbe Stunde ist verstrichen. Der
660
Einwohner des Ortes kehrt unverrichteter Dinge zuriick. Ich zahle die
Summe nach. Es fehlt nichts. Der Mann im Filzhut ist schwer ent-
tauscht. Wir brausen von dannen.
Caribrod liegt hinter uns. Der Wagen rumpelt und pumpelt. Ein
Feldweg. Einsam und verlassen. In den Liiften ein Adler. Berge,
kahl wie Elefantenhaut. Der Weg ist entsetzlich, Wir haben uns ver-
fahren. Vor uns ein knorriges, krummes Ding von einem. Baum als
Barriere. DreiBig Meter dahinter ein zweites. Man konnte ohne Miihe
drumherum kutschieren. Der Sturzacker ist um nichts jammerlicher
als die sogenannte StraBe. Spuren sieht man nicht. Der Boden ist
von Gras iiberzogen. Wir halten.
Aus dem Maisfeld gesprengt kommen zwei Uniformen, ein Wacht-
meister und ein hoffentlich iiberzahliger Gefreiter, Beide aus ver-
schiedenen Richtungen. Den PaB bitte. Auf einen Papierwisch wer-
den die Nummern unsrer Ausweise notiert. Der hoffentlich iiber-
zahlige Gefreite hebt das Baumchen hoch und tragt es beiseite. Wir
diirfen weiter, Durchs Niemandsland bis zum andern Baumchen,
Irgendwas hemmt uns, das kummerliche Mobel eigenhandig zu ent-
fernen. Wir empfinden es als unbefugten Eingriff unsrerseits. Es
muB ein Akt vollzogen werden, der von ordinaren Sterblichen un-
moglich vollzogen werden darf. Also Pause.
Von der bulgarischen Seite kommen zwei Uniformen angesprengtr
ein Wachtmeister und ein hoffentlich iiberzahliger Gefreiter. Bitte die
Passe, Nummern notiert auf eih armseliges Fetzchen Papier. Wir
durfen weiter, nachdem das sperrende Baumchen im rechten Winkel
umgelegt worden ist, Der Wachtmeister schwingt sich aufs Trittbrett,
der Gefreite hintendrauf. Lebensgefahrliches Geschaukel bergan und
bergab auf holprigem Sturzacker, Der Gefreite, dessen aufgepflanztes
Seitengewehr eben noch bedrohlich durch die Scheiben lugte, wird
abgeschiittelt wie eine reife Pflaume und humpelt mit krachenden
Knochen auf seine Pritsche zuriick. Aus einem droben angekitteten
Schilderhaus mustert uns ein bulgarischer Posten durchs Opernglas.
Dann werden wir einem scjiiichternen Herrn mit grfiner Mutze uber-
geben, der sich als Dragoman anbietet. Wir danken hoflichst. Unser
Wagen ist schwer genug beladen, Jede neuerliche Belastung ist vom
t)bel. Aber da waltet ein MiBverstandnis. Der schiichterne Herr mit
der griinen Miitze offeriert sich keineswegs als Dragoman sondern in
seiner Eigenschaft als Zollbeamter hat er uns bis Dragoman zu ge-
leiten. Und siebzehn Kilometer durch unwirtliche Schluchten und auf
abenteuerlichem Pflaster hangt er drauBen, an den Ford geklammert.
Und nimmt, am Ziel angelangt, die Revision so schmerzlos und rasch
vor, daB wir uns mit Recht fragen, was uns in der Heimat an Schikanen
gebltiht hatte.
Zwei Parodieil von Robert Neumann
Kempinski, die Geschichte eines Restaurateurs
Nach Emil Ludwig -
Der gliihenden Jugend Europas als
Vorbild und Warming.
— und schreibt fiinf Stunden spater an seine Wascherinr
,,Ich bitte Sie, die gesamte Wasche zuriickzubringen. Auch
das noch Ungewaschene, Sie haben wieder ein Hemd ver-
dorben! Ich werde Sie nie mehr beschaftigen! Kemp."
Das ist ein neuer Ton. Damon, scheint es, ist nunmehr
vollends Tyche gewichen. Er wird sie nie mehr beschaftigen.
Vielleicht denkt er daran, wie jetzt vor elf Jahren der Ge-
mtisehandler Cotta ihm ein ahnliches Niemehr zurief. Was erf
661
neuaunddreiBigjahrig, damals mit Gleichthut als hingeworfenen
Fehdehandschuh angenommen, schleudert er jetzt, mit voll-
cndetem Lustrum, unerbittlich als Fausthandschuh eincr An-
.gehorigen desselben sachsischen Volksstammcs ins Gesicht, aus
dem der GroBhandler Cotta vor dreiundsechzig Jahrcn als
Tochtersohn eines Handschuhmachers hervorgegangen ist.
Die Antwort laBt nicht lange auf sich warten. Die Wasche-
rin bringt das Verlangte personlich und beginnt das Duell mit
dem messerscharfen Satze:
„Ich habe die Wasche gebracht!"
So befindet man sich schon nach fiinf Wochen in mediis
Tebus. Aber Kempinski bleibt wortkarg. Er pariert mit Ge-
lassenheit: nDanke," Und nach einem vielieicht eigens fur
dieses Gesprach von ihm vorbereiteten Regal weisend: ,,Dort
himiber!" Er ist ein Gegner, den man nicht so leicht tiber-
rumpeln kann.
So ist es denn auch die Wascherin, die ihre Fassung ver-
liert und sich in die Defensive gedrangt fiih.lt, Sie ruft aus:
,,Ich habe das Hemd nicht verdorben!" Und wieder vor-
stoBend: ,,Wahrscheinlich war schon friiher ein Loch darin!"
Und da findet der nun doch >aus seiner Selbstbeherrschung
aufgescheuchte Kempinski das herrliche Wort, das von den
zahlreichen Beschreibern dieser Szene iibereinstimmend wieder-
gegeben wird. Zornflammend hebt er den weisenden Finger
seiner ein wenig weiblichen Hand und ruft: „Hinaus!" In
diesem Augenblick sieht Kempinski — auch dies ist von
Augenzeugen verbiirgt — verteufelt napoleonisch aus, und
zwar ahnelt er dem Kupferstiche, den Lukas Cranach mit der
Unterschrih „Emilius Ludovicus, Kempinski historiae mundi"
seiner Blattfolge „Vanitas" eingeordnet hat,
Mit visionarer Kraft ist hier Weg und Ausgang voraus-
gesehen, Der Himmel aber richtete es so ein, dafi erst Cotta
durch Kempinski halb, dann Cotta und Kempinski durch die
Wascherin ganz, dann das Hemd durch die Wascherin halb,
dann der Leser durch Kempinski, Cotta und die Wascherin zu
drei Vierteilen zugrunde gerichtet wurden. Was aber ware die
Folge gewesen, wenn jener Brief versehentlich statt an die
Wascherin an einen von Kempinskis Stammkunden, etwa an
Mussolini, Hoover, Kemal Pascha, Fuad, Stalin, Rothschild,
Swedenborg oder den Menschensohn adressiert worden ware?
Hatte der fiir die Wascherin bestimmte Brief Mussolini etwas
zu sagen gehabt? Der Duce hatte sich vielieicht erinnert, daB
in dem ovalsten GclaB des Palastes, in dessen viereckigstem
er amtiert, elfdreiviertel Jahrhunderte friiher Caracalla uber
Ahnlichem bnitete. Wie schreibt Kempinski? Es ist nicht das
erste MaL Sie hat wieder ein Hemd verdorben. Dieselbe
Wendung wird er achtunddreiBig Jahre spater gegeniiber
seinem Biographen gebrauchen. Und unterschreibt: „Kemp".
Das Ende ist ihm nicht wichtig. Noch in so kleinen Symptomen
zuckt die groBe Antithese seines Daimonions.
Fiinf Wochen spater erteilen die Patentamter dreier Erd-
teile dem neuen Eintopfgericht f)Kempinski-Gotterspeise mit
biographischer Reichseinheitstunke" den bejiordlichen Marken-
schutz.
662
Sperrfeuer um Deutschland
Nach Werner Beumelburg
Dem Krieg ins Angesicht schauen, erfordert Mut..
Werner Beumelburg
— da man die ehrfurchtgebietende Gestalt dcs greisen
Kaisers zu Wien in solcher Schicksalsstunde, wo das drauende
Gespenst dcs Weltenbrandes sich immer mehr verbreitete, ge-
ma6 der bcschworenen Nibelungentreue preuBischer Tradition
nicht im Stiche lasscn gewollt. Die formale Gewissenhaftig-
keit Deutschlands geht so weit, am 2. August auch Frankreich
die Kriegserklarung zuzustellen. Von Moltke, ein im Herzen
die Sache seines Volkes mit Sorge bewegender Mann, durfte
nicht die Hande in den SchoB stecken, bis Frankreich und
Albion, seit langem durch geheime Vertrage Schulter an Schul-
ter geschmiedet, hinter dem Walle belgischer Sc^einheiligkeit
ihre Schwerter wetzten, um Deutschlands edelster Mannes-
blute auf der rechten Flanke den Dolch in den Riicken zu
stoBen. Und war es bis dahin die Sozialdemokratie, die, von
internationalen Schlagworten irregeleitet, Deutschlands schim-
mernder Wehr im Reichstag in verblendeter Kurzsicht Abbruch
getan, so begriff sie nun doch noch in zwolfter Stunde das Ge-
bot derselben, ihr Scherflein wenigstens einigermaBen wieder-
gutzumachen, indem sie samtliche von der Regierung geforder-
ten Kredite bewilligte, dem Feindbund womoglich so schnell
wie moglich ein Cannae zu bereiten. Noch zogerte zahne-
knirschend der Generalstab angesichts der belgischen Neutrali-
tat. Pommersche Fiisiliere warens, aus Kyritz an der Knatter,
unter Major von Pritzwitz, die mit zusammengepreBten Lippen
an der Grenze gegeniiber Longwy ausgeharrt, bis der Schlach-
tengott ihnen die Rolle zuwerfe, unter des Vaterlandes Sohnen
" die ersten gewesen zu haben, welche das Heft an sich gerLssen
und dem Feindbund von Norden her ein Vae victis bereitet; und
vielleicht jubelte ein noch durchschlagienderer Erfolg dieses
ersten ritterlichen Handstreiches in den Annalen, wenn nicht,
indes in OstpreuBen der deutsche Bauer mit der Sense in der
Hand der russischen Dampfwalze jeden Zollbreit mit Blut «r-
kaufte, in Belgien heimtuckische Heckenschiitzen aus den Krei-
sen der die Sieger mit scheelen Blicken bewerfenden Bevolke-
rung gegen die arglos ihres Weges ziehenden deutschen Marsch-
kolonnen wider alles Kriegsrecht marodiert gehabt wiirden, so
daB der Aar des Vormarschs —
— gehorchen sie zahneknirschend dem Riickzugsbefehi, manch
einer unter ihnen mit zusammengepreBten Lippen gewillt, sich
weiter mit dem Feinde zu messen und ihm, welcher seine be-
gehrlichen Blicke schon bis zu jenent herrlichen Strome vor-
stoBt, welchen kein Deutscher ungeriihrt sehen kann, vielleicht
doch noch die Gottin des Sieges zu entreiBen, um ihm noch in
zwolfter Stunde ein Cannae zu bereiten, wie die deutsche
Flotte der Armada des stolzen Briten am Skagerrak ein Cannae
bereitet, Doch zu spat! Mit grimmer Genugtuung sieht Mar-
schall Foch, wie der DolchstoB in den Riicken des Hinterlan-
663
des vernichtungsgierig das Vac victis vollendet, darum seine
Legionen vergebens vier Jahre lang gerungen. Rote Horden
durchziehen die StraBen der Hauptstadt und ausgehungerte
Menschen, am Rande gesaumt, jubeln den radikalen Elementen
zu, Sind das dieselben Soldatent die einen Petain, einen Nikolai
Nikolajewitsch, einen Cadorna dem Erdboden gleichgemacht?
Schon mischen sichl die Farben zu einem ungeheuren Re-
volutionsgemalde. Die Sonne des 8. November 1918 versinkt
im Norden,' jedoch an ihrer Stelle hebt die Panik grinsend ihr
Medusenhaupt, und zwar arbeiten noch ein paar wackere
StoBtrupps, letzte Reste der alien Armee, nach alter mann-
licher Manier in den StraBen Berlins gegen das rote Chaos,
aber zu tief haben sich Wilsons gleisnerische Friedensver-
sprechungen eingefressen, als daB es noch in zwolfter Stunde
gelingen konnen wurde, das Cannae des Vae victis Schulter
an Schulter, mit dem DolchstoB mitten in die Nibelungentreue
der wackeren —
Aus einem^demnachst erscheinenden Paro-
dien-Buch ..Unter falscher Flagge". Copyright
1932 by Paul Zsolnay. Wien.
Wochenschau des Ruckschritts
— Die kommissarische Preufienregierung hat wiederuin leitende
republikanische Beamte ihrer Amter enthoben-
— Der thuringische Innenminister Saupel hat den Stadtrat von
Zella-Mehlis, in dem sieben Kommunisten und ein Sozialdemokrat die
Mehrheit bilden, aufgelost, da er ,,undurchfuhrbare Beschliisse" ge-
faBt habe.
— Der berliner kommunistische Stadtverordnete Dubring ist
seines Amtes als Lehrer enthoben worden.
— Der nationalsozialistische Standartenfiihrer der Pfalz, Eicke
aus Ludwigshafen, wurde, nachdem er zu zwei Jahren Zuchthaus
wegen Herstellung von Sprengbomben verurteilt worden war, wegen
1(Haftunfahigkeit" entlassen; als er in diesen Tagen als Zeuge ver-
nommen werden sollte, war er nicht aufzufinden.
— Adolf Kochs Nacktkulturschule ist auf Grund einer Verord-
nung aus dem Jahre 1839 verboten worden.
— Ein Vortrag des Sozialistischen Kulturbundes „Der 9, No-
vember und die Arbeiterschaft" wurde von der Deutschen Welle und
der Berliner Funkstunde als „nicht opportun" abgelehnt,
— Die wiener Polizei hat den Reichsbannermann Prinz Hubertus
zu Lowenstein-Wertheim zur sofortigen Abreise aus Wien veranlafit,
da er in einer Versammlung scharfe Kritik an der osterreichischen
Regierung geiibt hatte.
— Das Gesuch um Gandhis Freilassung ist vom indischen Vize-
konig abgelehnt worden.
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen.
664
Bemerkungen
Die ausgebeutete Ehefrau
15 ei den Erprterungen uber den
*-* Anschlag auf die Opernsange-
rin Gertrud Bindernagel wurde in
der Presse lang und breit berich-
tet, wie schamlos Frau Binder-
nagel von ihrem Gatten, dem
Bankier Hintze, wahrend ihrer
ganzen Ehe ausgebeutet worden
ist. Frau Bindernagel soil von
ihrem betrachtlichen Einkommen
kaum einen Pfennig gesehen
haben; ihr Gatte ging stets selber
an die Kasse, urn sicb die Gage
seiner Frau abzuholen, und gab
ihr nur so wenig davon abt dafi
sie ihre personlichen Ausgaben
auf ein Minimum herabsetzen
muflte. Jahrelang hat sich die
Sangerin in einer Weise ein-
schranken miissen, die in keinem
Verhaltnis zu ihrem Verdienst
stand.
Irrigerweise wird in Laienkrei-
sen vielfach angenommen, dafi
eine Frau sich auf Grund der
bestehenden Gesetze gegen ein
derartiges Verhalten ihres Mannes
nicht zur Wehr setzen konne, dafi
ihr als einzige Rettung vor der
Ausbeutung durch den Ehemann
nur die Scheidung bleibe. Ob-
wohl der Gesetzgeber dem Ehe-
manne das Recht gegeben hat,
sowohl in personlicher als auch
in wirtschaftlicher Hinsicht in
alien das gemeinschaftliche ehe-
liche Leben betreffenden An-
gelegenheiten zu entscheiden, so
geht dieses Recht doch nicht so
weit, dafi der Mann der Frau
ihren schwer erworbenen Verienst
abnehmen und nach Gutdtinken
verwenden kann, Nach demBiir-
gerlichen Gesetzbuch erstreckt
sich das Verwaltungs- und Nutz-
niefiungsrecht de9 Ehemannes nur
auf das eingebrachte Gut der
Frau, nicht dagegen auch auf das
Vorbebaltsgut. Das Vermogen,
das die Frau durch ihre Arbeit
erwirbt, gehort aber zum Vor-
bebaltsgut (§ 1367 BGB). Mit
dies em Vorbehaltsgut kann die
Frau schalten und walten, wie
sie will, und der Mann ist weder
berechtigt, ihr verdientes Geld
an sich zu nehmen, wie es die
Gepflogenheit des Herrn Hintze
gewesen sein soil, noch der Frau
wegen der Verwendung des Gel-
des irgendwelche Vorschriften zu
machen. Nur falls der Mann
aufierstande sein sollte, sich selbst
zu unterhalten, hat die Frau die
Verpflichtung, gemafi ihrem Ver-
mogen und ihrer Erwerbsfahig-
keit dem Manne den seiner Le-
bensstellung entsprechenden Un-
terhalt zu gewahren (§ 1360 Abs.2
BGB).
Der Zustand, der seit vielen
Jahren im Hause Bindernagel
herrschte, beruhte also nicht etwa
auf einem gesetzmafiigen Rechte
des Herrn Hintze sondern ist le-
diglich auf die Gutmutigkeit der
Sangerin zuriickzufuhren, die
ihrem Manne ihre gesamten Ein-
nahmen iiberliefi* Um so iibler
ist das Benehmen des Herrn
Hintze im Scheidungsprozefi, wo
er sich, nach einer Prestsenotiz,
nicht davor gescheut hat, seine
Einwilligung in die Scheidung
von der Gewahrung einer Ver-
mogensrente in Hohe von vier-
hundert bis fiinfhundert Mark
monatlicb abhangig zu machen.
Falls das alleinige Verschulden
des Herrn Hintze festgesteilt
wird — an dem nach den letzten
Vorgangen kaum noch ein Zweifel
sein diirfte — , besteht auch
nicht die geringste gesetzliche
Verpflichtung fur Frau Binder-
nagel, ihrem geschiedenen, fiir
allein schuldig erklarten Gatten
eine standesgemafie Unterhalts-
rente zu gewahren. Dieses Ver-
langen des Herrn Hintze stellt
vielmehr einen weiteren Versuch
dar, die Gutmutigkeit. Liebe odef
Angst seiner Frau gehSrig aus-
zubeuten. Gerda Wfescl
Die Uniform
F\ie Liebe zur Uniform ist nur
*-* eine charakteristische, aber
gewifi keine Charaktereigenschaft
des- deutschen Volkes. Von den
Kleidern, die Leute machen, sind
Uniformen die kleidsamsten, und
fehlt es, wie heute^ durch das
blamable Versagen des deutschen
Gottes an bunten Soldaten, so
665
sorgt findiger Kasernengeist als-
bald fur wiirdigen Ersatz und
uniformiert Gesinnung und poli-
tische Meinung. *
Und nun ereignet sich da grade
in der uniformfreudigsten Partei
der uniformfreudigsten Zeit ein
Fall von Sabotage, wie er bisher
einzig dasteht. Er ist gleichsam
ein Vorstofi der Biigelfalte gegen
den Barenstiefel, ein Vorstofi des
Burgers gegen die Kaserne, Er
ist schlechthin ein Wunder.
In Detmold haben sechs natio-
nalsozialistische Stadtratsmitglie-
der ihre Amter niedergelegt, weil
die Parteileitung von ihnen ver-
langte, da 13 sie kiinftig zu den
Sitzungen in SA-Tracht erschei-
nen sollten. Dieses aber wollten
jene nicht, Vielleicht sahen sie
in der ausnahmsweise wirklich
wenig kleidsamen Uniform so
schlecht aus, dafi sie es selbst
bemerkten. Vielleicht hat der
eine einen zu dicken Bauch *und
der andre einen Buckel. Aber
vielleicht hat sich bei den sechs
auch nur die Vernunft ein klein
wenig geregt, die solange ver-
urteilt war zu schweigen, eine
Vernunft, die sie bitter notig
haben.
Der Krach, den die detmolder
Ortsgruppe zu verdauen hat, ist
ein guter Krach. Vielleicht ist er
ein Teilchen jenes Silberstreifens,
von dem es heifit, dafi er am
Horizont erscheinen soil, und
nach dem sich Millionen bisher
vergebens die Augen aus dem
Kopfe sahen.
Peter Kraft
Meisteressays
YV7ie peinlich. Begreift man
" das? Wenn ein Verehren-
der anklagen mufi; ein Anklagen-
der nicht unterlassen kann, wei-
ter zu verehren? Immer wieder
liegen die Dinge verwickelter, als
der Gemeinplatz wahrhaben will*
Das Entscheidende bleibt: man
hat aufrichtig zu sein.
Heinrich Mann, welcher den
Deutschen Biicher schenkte, nun-
mehr ein Dritteljahrhundert lang,
deren Wahrheit, Kraft und Zau-
ber noch kommende Jahrhunderte
bewundern werden, brachte jetzt
einen Band Aufsatze heraus, unter
dem Titel ,Das offentliche Le-
ben* (Zsolnay), die, als Ganzes,
doch wohl wie eine etwas zwei-
felhafte Mischung wirken. Eine
herrliche Rede iiber Lessing; ein
nichi minder schones Bekenntnis
zu Heinrich Heine („er war sach-
lich bei aller seiner Phantasie,
scharf zugleich und zartlich, ein
Zweifler, doch tapfer": wunder-
bar treffende Formel!); ein klassi-
scher Essay ,Gut geartete Men-
schen': gegen eine als Antisemi-
tismus aufgemachte Geistfeind-
lichkeit („,Judischer Intellekt',
das ist kein Angriff auf eine
Schicht, es ist weit dariiber hin-
aus die Verleumdung unseres
Menschlichsten") ; aber was steht
sonst noch drin! Schlechterdings
ist nicht einzusehen, wodurch ein
Schriftsteller sich zwingen lassen
konnte, alles, was er letzthin an
Nebenwerk erzeugt hat, auf einen
Haufen zu werfen, den Haufen
,Buch' zu nennen und zu edieren.
Dieses hier enthalt zwischen
Geistigstem offenkundig Pro-
dukte, die ihre Entstehung kei-
nem innern Mufi des Verfassers
verdanken, sondern einem sehr
aufiern, okonomischen: Feuille-
tons iiber pariser Leben, iiber
heringsdorfer Leben, iiber eine
Schonheitskonkurrenz im Luna-
park, die !Probe zu einer Charell-
revue . . , lauter Mondanitaten,
voller Nachdenklichkeiten, ge-
wifi, und auch sehr geschliffen;
aber selbst Kiesel lassen sich ja
schleifen. Freund des Schliffs,
Mitten im Tageslarm finden Sie die er-
sehnte Stille und Geborgenheit der Seele
durch die Biicher von Bo Yin Ra.
EinfUhrungsschriften und Verzeichnis vermlttelt kostenlos Jeder gute BuchhSndler.
Sonst wenden Sie sich dlrekt an uns. Kober'sche Verlagsbuchhandlung (gegr. 1816>
Basel-Leipzig.
666
ziehe ich ungeschliffene Diaman-
ten da doch vor. Zu alien Zei-
ten gab es eine Jugend, die noch
nicht zu formen vermag, die in-
des griindlich, innerlich, proble-
matisch, vulkanisch, wesentlich
ist; sie moge Form, das Apolli-
nische, Kristallene, die Klarheit
nicht verachten, aber soil wissen,
daB Tiefe, selbst amorphe, iiber
der Routine steht und durch-
geistete Wildheit iiber leererMei-
sterschaft.
Heinrich Manns Meisterschaft,
wahrhaftig geisterfiillt, lauft in
diesem Buche zu oft leer. Es
enthalt schone und bedeutende
Ermahnungen zur deutsch-franzo-
sischen Verstandigung ; ich bin
dariiber eingeschlafen. Das geht
nun seit vierzehn Jahren; die em-
phatischen Deklamationen der
Pazifisten und die polierten der
Prominenten; inzwischen sank die
Temperatur der franko-deutschen
Beziehungen unter die Gradhohe
vor 1914, Warum denkt Hein-
rich Mann nicht iiber die Ur-
sachen dieser bedauerlichen Er-
scheinung nach? Und iiber Mit-
tel, sie fortzuraumen? Am Ende
sind Pazi und Promi selber ein
biBchen schuld. Romain Rolland
hat sich griindlicher in das Pro-
blem hineingebohrt. Dafiir spie-
gelt auch sein Schleiflack gerin-
ger. Mir scheint; Heinrich Mann,
Beispiel (erfreulicherweise!) eines
politoiden Dichtertypus, hat zur
politischen Philosophic kein rech-
tes Verhaltnis. Und iiber den
tatsachlichen Stand der polito-
theoretischen Diskussion kein
prazises Wissen. In* seiner Ant-
wort auf eine franzosische En-
queue iiber den nachsten Krieg
schreibt er; „C'est ce nouvel
humanisme naissant qui sera
notre defense la plus efficace
contre une guerre future." Das
ist, soweit ich ein Urteil habe,
vorziigliches Franzosisch, jedoch
auf die brennende, gliihend um-
strittene Frage: „Wie verhindern
wir den nachsten Krieg?" ist es
keine Antwort, sondern fast ein
Hohn, namlich eine elegante lite-
rarische Wendung, weltmannisch
erhaben iiber den Streit der
Schulen, „Die wichtigsten Ge-
danken, die wir verwirklichen
miissen, sind Volksgemeinschaft
und geeinigtes Europa"; Richard
Paul von Coudenhove-Hinden-
burg? Neinf Heinrich Mann; ein
Satz von Heinrich Mann! Ich bin
vor meinem Gewissen verpflich-
tet, Heinrich Mann1, Ihnen, in al-
ler Verehrung zu sagen, daB man
wertvollen, um Ziel und Wege
ringenden Menschen nicht hilft,
wenn man iiber das unter den
Feurigsten und Reifsten Strittige
in dieser Art geschniegelt hinweg-
gleitet, Gegen Diktatur (ohne
Anhauch einer Unterscheidung
zwischen ihren moglichen sozia-
len Inhalten): „Wir miissen ar-
beiten, Geduld iiben und viel zu
stolz sein, als daB irgend jemand
uns oder unsern Staat retten
diirfte. Das konnen wir allein."
Wer „wir" und wie?
Demokratie : ein von Heinrich
Mann ungepriift ubernommenes
Ideal. Man soil ihm nicht vor-
werfen, daB er Demokrat ist;
m#n muB ihm vorwerfen, daB er
an der Problematik der Demo-
kratie vorbeiphrasiert; daB er tut,
als sei Demokratie selbstver-
standlich und iibrigens etwas Ein-
deutiges und Einfaches, Es gibt
die grofie bolschewistische Lite-
ratur; es gibt, ebenfalls links von
der Demokratie, eine kleine Li-
teratur neo-aristokratischer So-
zialisten und Humanisten; aber
es gibt keine Spur eines Ansatzes
von Auseinandersetzung Heinrich
Manns mit diesen Literaturen,
mit ihren Argumenten und Ideen.
Ich finde, das hat beinah etwas
Emporendes. Dabei weiB Hein-
jean norton cru Wo lst die Wahrheit
iiber den Krieg?
MUller&I.Kiepenheuer, Potsdam Brosch. RM.2.20 6bd. rm.2.85
667
rich Mann: es „behalt kein Ge-
danke dauernd denselben Inhalt,
und was friiher lebenfordernd
war, ist heute falsch und schon
fast eine Schande". Vom, Demo-
kratismus gilt das, wie ich glaube,
insonderheit ; man darf andrer
Meinung sein; aber man mufi
seine Meinung dann begriinden,
Man muB sich mit dem Gegner
dialektisch messen, Einer der
erlauchtesten Schriftsteller unsrer
Nation scheut sich nicht, in sei-
nem Essaybuch folgende Zeit-
genossen durch Erwahnung zu
ehren: Paul Morgan, Max Han-
sen, Siegfried Arno, Trude
Hesterberg, Ralph Benatzky und
den Liederdichter Schanzer; doch
er, der „in den Dienst einer
Macht" trat, „die er verschieden,
meistens aber mit dem Namen
des Geistes bezeichnete", scheut
sich vor philosophischer Kon-
frontation mit Denen, die, dem
allgemeinen ethischen Ziel nach .
einig mit ihra, in der Grund-
legung der politischen Theorie
bezweifeln und bestreiten, was er
als selbstverstandlich und sicher
voraussetzt.
Heinrich Mann sagt das Seine;
er sagt es vollendet; aber er reiht
sich nicht in die groBe Diskus-
sion des Jahrhunderts ein.
Kurt Hiller%
Ueberdeutsche Dichtung
VIeulich traumte mir:
*' Ich stehe Unter den Linden,
eingekeilt in eine riesige Volks-
menge; alles um mich herum
spricht eine Sprache, von der ich
kein Wort begreife. Lettisch?
Nein, das ist es nicht! Chine-
sisch? Nein, so klingt es nicht I
Ich strenge mich — im Traume —
an; ich versuche zu schreien; Re-
den Sie doch deutsch mit mir I
Die Leute sagten immer Dinge
wie; Spurkalender, Klemmdeckel,
Planting.
Nachher merkte ich, dafi ich
iiber der Lektxire des Borsenblat-
tes fur den deutschen Buchhandei
eingeschlafen war und daB die
Traumleute Oberdeutsch sprachen.
Ein Spurkalender ist ein Ka-
lender fur Leute, die gruppen-
weise spazieren gehen — also fur
Pfadfinder, aber das ist ein hafi-
liches Fremdwort. Klemmdeckel
ist fur ein Buch, was der Sarg-
deckel fur den Menschen ist. Was
Planung ist, davon habe ich keine
Ahnung, Dennoch gibt es be-
reits einen ,tVerlag fur Deutsche
Planung", er gehort Niemeyer
und Luddecke, hat seinen Sitz in
Halle an der Saalung und laBt
soeben erscheinen: Hohe Schule
der Fiihrerschaft, geritten von
Doktor Heinrich Wandler. Es
handelt sich anscheinend um eine
Anleitung: Wie werd'e ich Hitler
ohne Berufsstdrung, Und das ist
in der Tat ein niitz liches Buch,
Denn angesichts des heutigen He*
roenyerbrauches kann man nicht
wissen, wie schnell man heran-
kommt.
Der Wandler nennt sein Ganz-
leinenwerk bescheiden „Trainings-
lehre zur Rettung des Abend-
landes". Das wird bald der
deutsche Rundfunk einftihren: Je-
den Morgen von 6 bis 6.10 Kapi--
tel I; ..Geistige Athletik (Schal-
tungslehre)":
Seele — beugt!
Belange — vorwarts streckt!
Ketten — brecht!
Der 1. Sammelband von
Km* T^^^L^r (Peter Panter ♦ Theobald Tiger
Kurt lucholsky I^az Wrobel- Kaspar Hauser):
MIT 5 PS
25. Tausend • Verbilligte Prelse ■ Kartonlert 4.80 - Lelnenband 6.50
„ . . . enthalt eine Auswahl der ungezahlten Aufsatze, Krf tiken, Angrlffe, Satiren, Paro-
dien, Betrachtungen und klelnen lyrlsch-polemischen Gedkhte, die Wodie um Wodie
unerschopflich aus dlesem hellsten Him und frlsdhesten Herzen des jungen, des wlrkllch
Jungen Deutsdiland hervorspringen.* * {Berliner Bdrsen-Covrier)
ROWOHLT VERLAG BERLIN W50
668
Die zweite Ubung: „Die innere
und die auBere Diktatur" wird
wohl bereits am „Fuhrerstab"
vorgenommen werden und damit
zur Ubung III )tMeisterung des
Eros" fiber leiten.
Ob der „Korper als Abbild der
Leistungsfahigkeit" auch eine An-
weisung fur Unbemittelte enthalt,
ist nicht ersichtlich.
Die lfElitenbildung" durfte hin-
gegen eindeutig ein Trustspruch
fur Herrschaften, die ffSiedlung
als Traixungsstatte der Nation"
fur den Rest bestimmt sein,
Ja, unter Doktor Wandler wird
man nichts zu lachen haben, Er
geht mit der Menschheit urn wie
der alte Krupp mit dem GuB-
cisen und erklart obne Wider-
rede: „Der Sport wird hier zum
ersten Male als Mittel der Men-
schenhartung nacb politischen Ge-
sichtspunkten angesetzt."
Wozu braucht man dann nocb
die gute Irene Freifrau von Vel-
degg, die auf der gegenuber-
stebenden Seite bei Rainer Wun-
derlich Leipzig verrat: Was Dir
die Sterne verkiinden im Jahre
1933!
Was sollen einem die Sterne
schon ktinden? Man hat nur um-
zublattern. Da sagt es der Kol-
lege Riemkasten im selbstverfafi-
ten Stahlwaschzettel: „Es ront-
get die vergangene Epoche, es
sieht die neue Epoche im Ei her-
anwachsen, und ich sollte meinen,
daB man mit diesem Buche der
Zeit geradezu zuguckt."
Ja, das wollte ich auch mei-
nen. Allein bei der Lektiire sei-
ner Anpreisiing hort man das
Gras der Zeit im Riemkasten
reifen.
„In dieser Zeit, mitten im
schonsten, siiBesten Schalmeien-
gedudel, begann eine ernste, dran-
gende Trommel ihre ersten auf-
scbeuchenden Wirbel."
Eine herrliche Literatur wachst
da heran.
In Uberdeutsch mit Eli tebil dung
und Klemmdeckel.
Walter Me firing
Der Fascismus
Neue Zuricher Zeitung' vom
24. Oktober Seite 1:
„Mussolinis Rede liber seine
auswartige Politik:
Jenseits der Grenze gibt es Ra-
sende, die dem iascistiscben
Italien nicht verzeihn, daB es
aufrecht dasteht. Fur diese Leute
ist es ein Skandal und unerhort,
daB es ein fascistisches Italien
gibt, denn dieses widerlegt ihre
Prinzipien, die von der Zeitiiber-
holt sind. Sie erfanden den Be-
griff des ,Volkes\ nicht urn dem
Volke offen wie wir entgegen-
zukommen, sondern um ihm ein-
gebildete Bedurfnisse und illuso-
rische Rechte zu geben."
Seite 2:
f)Rom 22. Okt. Tel. der -United
Press. Der Fehlbetrag im Staats-
haushalt fur den Monat Septem-
ber dieses Jahres wird von amt-
licher Seite mit 385 Millionen
Lire angegeben. Somit belauft
sich der gesamte Fehlbetrag fiir
die ersten drei Monate des lau-
fenden Fiskal jahres auf 1090 Mil-
lionen Lire."
Nicht mehr z. K.
r^ er bekannte Dichter Wilhelm
*-^ Kotzde macht in einem Rund-
schreiben an seine weitausgebrei-
tete Gemeinde bekannt, daB auf
Grand" eingehender Familienfor-
schung die gesamte Sippe
Eduard Helmann £>je SOZJa llStJSChe
Wirtschafts- und Arbeitsordnung
BM. 1.20
Der Sdzialismns kann nor dann Wirklichkeit werden. wenn die pJanehde Idee den
Mut zum Entwurl der Bozialistischen Ordnnng aufbringt — wohlverstanden: ans
der heut i gen Wirklichkeit heraus. Wir miissen Kdaard Helmann dankbar sein,
dafi er diesen Bntwuri gt*wagt hat
FordernJSie bitte Verlagsprospekt vom
Alfred Protte Verlag, Potsdam
669
„Kotzde" nunmehr ihren Namen
zuriickverandert; babe in die alte
Form ..Kottenrodt". Ein seit
Jahrzehnten envogener Gedanke
habc damit seine Verwirklichung
gefunden. Die Sippengeschichte
der Kottenrodt ist nun bis fast
zum Jahre 1500 aufgehellt , . ,
Auch die in Schiltach beheima-
tete „WiIhelm-Kbtzde-GemeincW'',
die sich die Forderung des dich-
terischen Leben&werkes des Mei-
sters zur Pflicht gemacht hat,
fiihrt aus dem ahgegebenen Grun-
de kiinftig den* Namen „Wilnelm
Kottenrodt-Gemeinde",
,V6lkischer Beobachter*
Er kurbelt an
IT^as warme Fruhstuck desHerrn
*"^ Reichskanzler von Papen im
Rathaussaale zu Paderborn wurde
auf Gas zubereitet. denn von
Fiihrern der Wirtschaft ist Gas
als zuverlassigste, schnellste und
sparsamste Warmequelle aner-
kannt und wird deshalb im
wirtschaftspolitischen Interesse
Deutschlands bevorzugt und emp-
fohlen,
Inserat der ,Paderborner Zeitung'
Sire, geben Sie ja nlcht
Gedankenfreiheit!
|7 s war der grundlegende Irrtum
■*-* des liberalen Zeitalters, die
unbeschrankte Freiheit des Den-
kens zu proklamieren
Reichskanzler von Papen
im QktoberheH vom ,Tiirmer'
Austausch
F Tnter einer Zeichnung des tref f-
*^ lichen wiener Karikaturisten
Carl Josef hat einmal gestanden:
,,Ehe die Juden verrecken,
werden die Recken ver juden."
Liebe Weltbuhne!
Der Professor Saitzew in Zurich
erzahlt:
Da kommt eine deutsche Dame
auf den Bahnsteig in Basel ge-
lauf en und ruf t: lfSchaf fner !
Schaffnerl Wo ist denn das Da-
menabteil!" — ■ 1(Das haben wir
hier nicht", sagt der Schaffner.
„Bei uns in der Schweiz sind die
Geschlechter voneinander nicht
so verschieden!"
Hinweise der Redaktion
Berlin
Deutsche Liga fur Menschenrechte- Dienstag 20.15. Ortsgruppenversammlungen fiber
das Thema: Vor dem WiederaufnahmeprozeB Bullerjabn. Es aprechen: Rudolf
Olden im Roten Hausr Nollendorfplatz 3. — Carl Misch im Klubhaus am Knie, Berliner
StraBe 27. — Kurt GroBmann in den Akademischen Bierhallen, Dorotheenstr. 80. —
W.v. Hanstein und Paul Dreyfus im Restaurant zur Humboldthutte, Brunnenstr. 94.
Internationales Antikriegsmuseum, Parochialstr. 29. Freitag 20.00: Ernst Friedrich liest
chinesische Marchen und chinesische Antikriegs-Lyrik:
Individualpsychologische Gruppe. Montag (7.) 20.1-0 Klubhaus am Knic, Berliner Str.27:
Die Anwendung der individualpsychologischen Therapie als Problem, dargestellt
an einem Fall von Sidonie ReiB.
Stuttgart
Linkskartell der Geistesarbeiter und freien Berufe. Donnerstag 20.00. Burgermuseum :
Die Freiwirtschaft als Ausweg gegentiber der vermeintlichen Zwangswahl zwischen
Kapitalismus und Sozialismus, Gustav Freynik.
Bflcher
Theodore Dreiser : Die Tragik Amerikas. Paul Zsolnay, Wien.
Lion Feuchtwanger: Der judische Krieg. Propylaen-Verlag, Berlin.
Erik Reger: Das wachsame Hahnchen. Ernst Rowohlt, Berlin.
Romain Rolland: Briefwechsel mit Malwyda von Meysenburg. Engelhorn, Stuttgart.
Rundfunk
Dienstajr Langenberg 16.05: Der Film schminkt das Leben, Rudolf Arnheim. — Konigs-
berg 21.30: Kaiser Friedrich Barbarossa von Chr. Dietr. Grabbe. — Frankfurt 2-1.30:
Lichtenberg, Hdrspiel von Hans A. Joachim. — Leipzig 22.10: Unbekanntes von
J. S. Bach. — Mittwoch. Leipzig 19.30: Inge Stramm erzahlt von August St ramm. —
Wien 20.00 (iiber verschiedene deutsche Sender): Hofmannsthals Jedermann. —
Donnerstag-. Frankfurt 18.25: Der Mensch vor der Linse, Leni Riefenstahl und
Rudolf Arnheim. — Konigsberg 19.00: Bachs Klaviersuiten.
670
Antworten
Freiherr v. Gayl. Sie haben vor dem Verein Berliner Presse die
Verfassungsplane Ihrer Regierung mit der Offenheit entwickelt, die
wir an Ihnen schatzen. Aber wollen Sie wirklich leugnen, daB es sich
dabei um Reaktion und nichts wie Reaktion handelt ? Von al lem
andern abgesehen — die Umwandlung des gleichen Wahlrechts in ein
Plural wahlrecht mufi jeder Mensch in der ganzen Welt Reaktion
nennen. Was versprechen Sie sich iibrigens im Sinne Ihrer Politik
davon, wenn Familienernahrer und Kriegsteilnehmer eine Zusatzstimme
erhalten? Familienernahrer und Kriegsteilnehmer gibt es doch rechts
wie links und in der Mitte ziemlich in gleichem Prozentsatz. In einem
Punkt sind Sie 1 eider ebenso diskret verschwiegen geblieben wie Ihr
Prinzipal: Sie haben uns nicht verraten, wie Sie sich die Durch-
fuhrung der verschlechterten Verfassung auf legalem Wege denken.
Diese Frage ist doch nicht unwesentlich. Oder scheint sie Ihnen so?
Intendant Duske. Es ist recht bezeichnend, daB das Programm
des von Ihnen geleiteten berliner Rundfunks ntir dann noch Aufsehen
erregt, wenn ein Hetzredner durch Geschmacklosigkeiten die Empo-
rung der Horer hervorruft. Die Frechheiten des Herrn C. M. Kohn
sind von den Tageszeitungen gebiihrend gekennzeichnet worden. Wir
verzichten darauf, von seiner Einladung, ihn „einen Lummel und un-
verschamten Kerl zu nennen", Gebrauch zu machen, es geniigt uns,
ihn einen Falscher zu nennen. Kohn, der seinerzeit seinen Posten als
Theaterkritiker der ,Nachtausgabe' verlor, weil er als Kritiker gegen
die Unmoral des Theaters wetterte und zugleich unter einem Pseudo-
nym ein ferkelhaftes Theaterstiick „Was ist denn los mit Balduin?"
herausbrachte, hat sich auch diesmal wieder einen iiblen Coup ge-
leistet, ohne Pseudonym, iiberhaupt ohne Namen — man vervoll-
kommnet sich eben. Bekanntlich hat er behauptet, das Gedicht
„Deutscher Damenclub en. avant" von Alice Ekert-Rothholz stelle
eine Beleidigung der deutschen Frau und Mutter dar. Dabei
ging aus der immer wiederkehrenden Refrainzeile des Gedichts
,,Wir vom Kaiserin-Auguste-Viktoria-Bund" mit uniiberbietbarer
Deutlichkeit hervor, dafi es sich um eine Satire auf die na-
tionalistischen Vereinsdamen handelte. Was hatte auch eine deutsche
Frau fur eine Ursache, die deutschen Frauen zu verhohnen. Herr
Kohn, Mitarbeiter von Hugenbergs ,Nachtausgabe* und Herausgeber
eines Nazi-Witzblatts, also gewissermaBen die letzte Saule der Harz-
burger Front, benutzte diese offenbare Falschung als Ausgangspunkt
antisemitisch gefarbter Gedankengange. Ob er Zusatze zum Manu-
skript oder nur durch Betonungen und Wiederholungen von Worten
seine Rede aufreizender gemacht hat, liefi sich klipp und klar bisher
nicht entscheiden, aber immerhin ist schon im Manuskript von der
„in ein feines System gebrachten teuflischen Absicht" die Rede, die
aus unserm Gedicht spreche, und von einer „gemeinen, • hetzerischen
Sudelei". Auch entblfidete sich Herr Kohn nicht, das korperliche Aus-
sehen seiner Gegner inBausch undBogen zu verhohnen. Wir wissen nicht,
ob Herrn Balduins Akt den Abmessungen des Doryphorps entspricht, wir
wissen nur, daB Pobeleien dieser Art bisher am Rundfunk ganzlich
unmoglich waren. Grade wer von Herzen dafiir ist, daB an die Stelle
der unverbindlichen, angstlichen ,,Objektivitat" am Rundfunk eine
herzhafte, deutliche Sprechweise trete, die jedes Ding beim Namen
nennt, grade der muB verlangen, daB im Kampf der Meinungen der
Anstand streng gewahrt bleibe. Herr Kohn kummert uns wenig. Seine
Redensarten haben die typische gekrampfte Witzigkeit gewisser na-
tionalistischer Literaten, die neidvoll jeden Witz ihrer linken Gegner
schlucken und nun gern ebenso mochten, Uns kummert der Rundfunk.
Wenn Herr Mariaux, der neue Leiter der Abteilung Zeitfunk, am
Wochenende zu abgespannt ist, um eine Hetzerei von einer Ketzerei
zu unterscheiden, so sollte er seinen Posten schleunigst wieder an
671
Herrn Kiirschner abtreten, dessen Taktgefiihl auch Sonnabends durch-
aus frisch zu sein pflegte. Herr Mariaux hat das Manuskript ge-
lesen und genehraigt, er hat sogar nachtraglich verkiindet, er lasse
sich von der Presse nicht tyrannisieren, und von nun ab werde Herr
Kdhn jeden Sonnabend sprechen, Man darf hoffen, daB Sie, Herr
Intendant, nach dem Riiffel des Innenministers von Gayl Herrn
Mariaux in seinen autoritaren Gefuhlen etwas gedampft und daB Sie
selbst den Vorfall gebiihrend ad notam genommen haben, Denn
sonst diirfte die Aufforderung des Ketzers Balduin, wem es nicht
passe, der moge abschalten, eine Resonanz beim Horerpublikum fin-
den, die Ihnen und Ihrem Posten nicht gut bekommen wurde.
Reichsminister a. D. Moldenhauer, Sie machen1 uns im AnschluB
an den Artikel von Bernhard Citron „IG-Farben-Diktatur" darauf
aufmerksam, daB Sie nicht Vorstandsmitglied sondern Aufsichtsrats-
mitglied der IG-Farbenindustrie gewesen sind, und daB die Senkung
der Ausgleichsabgabe fur den Benzinzoll nicht mehr wahrend Ihrer
Ministertatigkeit vorgenommen wurde,
Frau Marie Diers. Sie haben am 11. Oktober in Arigeriminde in
einer Versammlung der Frauengruppe der NSDAP gesprochen und
„den Zuhorern nachzuweisen verstanden, daB auch die Frauen in
die Politik gehoren*1, Wie haben Sie diesen Nachweis erbracht? Viel-
leicht durch den Hinweis, daB Ihre Partei die einzige ist, die grund-
satzlich ftir keine politische Korperschaft eine Frau kandidieren lafit?
Borsenbesucher, Sie schreiben uns, daB im Augenblick Hitler an
der Borse nur noch 190 Brief notiere, Hugenberg dagegen schon 60
Geld. Die Borse hat nicht immer den richtigen Riecher. Diesmal
aber scheint sie uns ziemlich ahnungsvoll.
Gruppe Revolutionarer Pazifisten. Sie schreiben an Frau M. M,
Gehrke: „In Nummer 43 der ,WeltbuhneJ, am SchluB Ihrer interessan-
ten und schonen; Reminiszenz an Carl Mertens, sprechen Sie von
,Foersters Radikalpazifismus. Dieser Ausdruck beruht auf schlichtem
Irrtum. Mit einer Fiille von Zitaten laBt sich belegen, daB Professor
Foerster den Kolonialimperialismus bejaht; daB er die Militardienst-
verweigerung verwirft; daB er, an der internationalen Campagne fur
Abriistung unbeteiligt, gradezu die Aufriistung empfiehlt — allerdings
nicht die Aufriistung Deutschlands, aber der Nachbarn Deutschlands.
Foerster ist Nationalist zugunsten einiger Nationen, unter denen sich
die nicht befindet, der er angehort- ,Radikalpazifismus* bedeutet nach
unbestrittenem Sprachgebrauch vonj alledem das Gegenteil," In eine
Diskussion iiber die Definition des Wortes „Radikalpazifist" mochten
wir uns nicht einlassen. Sie bestreiten, daB Professor Foerster diese
Bezeichnung zukomme. Andre wieder sprechen den Verteidigern des
Biirgerkrieges den Radikalpazifismus ab. Vielleicht konnten wir uns
darauf einigen, daB nur Tolstoianer und Quaker als Radikalpazifisten
anzusehen seien. "
Dieser Nummer liegt ein Prospekt des Schocken-Verlages, Berlin,
bei, der einen ttberblick iiber die Gesamtproduktion dieses Verlages
vermittelt. Martin Bubers und Franz Rosenzweigs Bibelverdeutschung
sind als hervorstechendstes Werk zu nennen. Wir empfehlen die
Lektiire des Prospektes der besonderen Aufmerksamkeit unsrer Leser.
Manuakripte amd nur an die Redaktion der Weltbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 152, ru
richten; es wlrd gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonit keine Rucksenduog erfotgen kann.
Im Falle hoherer Gewalt oder Streika haben unsere Bezieher kdnen Antpruchauf Nachlieferung
oder Erstattung des entaprechenden Entgclta.
Daa AuffUhrungsrecht, die Verwertung tod THeln u. Text im Rahmen dea Films, die mualk*
mechanische Wiedergabe alter AH und die Verwertung im Rahmen Ton Radiorortrlgen
bleiben fur all* in der Weltbuhne eracheinenden BeitrBge auadrucklich vorbehalten.
Die Weltbuhne wurde begrundet Von Siegfried Jacobiohn und wtrd von Carl v. Osaietzky
unter Mitwirkung von Kurt TuchoUky geleitet — Veraotwortlich t Walther Kar»ch, Berlin.
Verlag der Weltbuhne, Siegfried Jaeob»ohn A Co., Charlottenburg.
Telephon: C 1, Steinplatx 7757. — Poitacheckkonto: Berlin 11968.
Bankkonto: Dreadner Bank. Depoaitenkasse Charlottenburg, Kautstr. 112.
XlvnUahrgang 8. November Ifl32 Nmmmcr 45
Der neue Reichstag von Heiimut v. Genach
Die Wahl vom 31. Jul! ergab:
Sozialdemokraten * . . . . . . 133
Nationalsozialisten . . . . . . . . . 230
Kommunisten " . . ■ . - - 89
Zentrum . . ... . - . . . , 75
Deutschnationale Volkspartei . . . . ' .- . 37
Deutsche Volkspartei 7
Deutsches Landvolk . . . . 1
Bayerische Volkspartei . . . , . . . 22
Wirtschaftspartei . . . . . . . . 2
Deutsche Staatspartei . . . . - . . . 4
Christlich-Sozialer Volksdienst ..... 4
Deutsche Bauernpartei 2
Wiirttembergischer Bauern- und Weingartnerbund
(Landbund) . . . . . . . . 2
zusammen: 608
Dies Wahlergebnis bedeutete:
daB eine auf die Linke gestutzte parlamentarische Regie-
rung unmdglich war;
daB beim Zusammengehen der beiden auBersten Fliigel,
der Nationalsozialisten und Kommunisten, jede Vorlage im
Reichstag abgelehnt werden konnte;
daB Nationalsozialisten und Zentrum in der Lage warent
durch eine Koalition ganz fur sich allein, selbst ohne die Bay-
rische Volkspartei! eine Regierungsmehrheit herzustellen.
Deutschnationale und SPD waren gleichermaBen kalt-
gestellt.
Die Kaltstellung der SPD hatte Herr v. Papen wohl ver-
schmerzt. Unendlich peinlich aber war ihm, daB die Deutsch-
nationalen als einzige Regierungspartei der iiberpatteilichen
Regierung durch die Wahler an den Katzentisch verwiesen
worden waren. Der Wiinsch, ihnen aus dem Nichts zu einer
ausschlaggebenden Stellung zu verhelfen, war es in erster Linie,
der ihn zur sofortigen Reichstagsauflosung trieb.
Der neue Reichstag sieht so aus:
Nationalsozialisten 195
Sozialdemokraten 121
Kommunisten . 100
Zentrum - * 70
Deutschnationale Volkspartei . , . . . . 50
Bayerische Volkspartei . . .- . , . -" 18
Deutsche Volkspartei 11
Staatspartei . . ... . . . ' «, 2
Christlich-Sozialer Volksdienst ..... 4
Wirtschaftspartei * 1
Das Ergebnis ist im Negativen vollkommen klar;
Die Linke bleibt von jeder Bestimmung auf den Gang der
parlamentarischen Ereignisse ausgeschlossen. SPD und KPD
sind im neuen Reichstag genau so stark wie im alt en, minus
1 Stimme, bei der geringern Gesamtziffer der Mandate also
relativ sogar starker als vorher. Aber da sie nicht als Block,
1 671
sondern als pro und contra cinzusetzen sind, bleibt ihr EinfluB
so schwach wie vorher.
Die Moglichkeit, jcdcs Gcsetz im Reichstag zu Fall zu
bringen, besteht wciter, wenn die extremen Fliigelparteien zu-
sammenstimmen. Die absolute Mehrheit betragt 278, KPD und
NSDAP haben zusammen 295 Mandate,
Eine Koalition NSDAP und Zentrum wiirde nicht mehr ge-
niigen, urn eine Regierungsmehrheit herzustellen. Die schwarz-
braunen Verhandlungen werden kaum wieder aufleben.
Die NSDAP hat von alien Parteien am meisten verloren,
Zum ersten Mai ist sie bei einer Wahl zuriickgegangen, und
zwar gleich um 35 Mandate. Eine Niederlage kann von jeder
Partei mit Charakter und Programm getragen und wieder gut-
gemacht werden, nicht aber von einer Partei, die nur auf Dem-
agogic sich aufbaut, Die braucht die Suggestion der Un-
besiegbarkeit. Ist die geschwunden, verfallt sie der Schwind-
suoht, die freilich nicht sofort galoppierenden Charakter anzu-
nehmen braucht.
Der Verlust Hitlers ist in der Hauptsache Hugenberg zu-
gute gekommen. Sogar Herr Dingeldey hat ein paar Fallapfel
erwischt. Aber da den 35 verlorenen Sitzen Hitlers nur ein
Gewinn von 17 bei den beiden reaktionaren Parteien gegen-
iibersteht, bedeutet die Wahl eine Schwachung der Rechten
als Gesamtheit.
Fassen Sie das als Vertrauensvotum auf, Herr von Papen?
Allerdings, Ihre personliche Anhangerschaft ist ein klein
wenig gestiegen. Wiirde jetzt im Reichstag ein MiBtrauens-
votum gegen Sie eingebracht, so wtirden nicht mehr nur 42,
sondern schon ganze 61 Deutschnationale und Volksparteiler
dagegen stimmen. Mit Hinzurechnung aller moglichen Splitter
konnten es sogar 70 werden, also etwas iiber ein Zehntel der
Vertrauensmanner des deutschen Volkes. Erhebend, nicht
wahr? Fiihlen Sie sich daraufhin als Vertrauensmann des deut-
schen Volkes, als nicht blo$ autoritarer, sondern als autorita-
tiver und autorisierter Reichskanzler?
Und wie denken Sie eigentlich iiber die Verfassungsfeform,
die Ihnen so am Herzen liegt? Nach der Verfassung brauchen
Sie dafiir eine Zweidrittelmehrheii Was Sie am 6. November
erlangt haben, ist noch nicht einmal eine Minderheit auch nur
eines Sechstels des Reichstags.
Haben Sie auch nur eine Spur von Respekt vor dem
Willen des deutschen. Volkes, miissen Sie sofort auf Ihre Ver-
fassungsreform oder, was noch logischer ware, auf Ihr Reichs-
kanzteramt verzichten. Sie sind von einer Riesenmehrheit des-
avouiert worden.
Wie einst Hitler, stehen jetzt Sie vor der groBen Entschei-
dung Ihres kleinen Lebens: legal oder illegal? Wollen Sie sich
dem Willen der gewaltigen Mehrheit Ihres Volkes unterordnen,
oder wollen Sie versuchen, Ihren Willen dem des deutschen
Volkes aufzuzwingen, vielleicht gar unter Berufung auf den
lieben Gott, wie Sie ihn auf fassen?
Sie gelten als Pferdesachverstandiger.
Der Rennbericht vom 6. November schlieBt; ferner lief der
Herrenreiter Franz von Papen.
672
DaS deUtSChe Ratsel von Leo Trotzki
J}ie politische Lage in Deutschland ist nicht nur schwer son-
*^ dern auch lehrreich. Wie ein Armbruch, so erzeugt auch
der Bruch im Leben der Nation einen Schnitt durch alle Ge-
webe. Das Wechselver-haltnis zwischen Klasscn und Parteien
— zwischen sozialer Anatomie und politischer Physiologie —
ist selten in einem Land mit solchcr Anschaulichkeit zutage
getreten wie im heutigen Deutschland. Die soziale Krise weht
das Konventionelle fort und entbloBt das Reale.
Jene, die heute an der Macht sind, hatten vor nicht
allzu langer Zeit noch als Gespenster erscheinen konnen. War
dean im Jahre 1918 nicht die Herrschaft von Monarchic und
Aristokratie hinweggefegt worden? Qffenbar hat aber die
Novemberrevolution ihr Werk nicht griindlich genug verrichtet.
Das deutsche Junkertum fiihlt sich am allerwenigsten als Ge-
spenst. Im Gegenteil, es geht daran, die deutsche Rcpublik
in ein Gespenst zu verwandeln.
Die gegenwartigen Machthaber stehen fliiber . den Far-
teien'*. Kein Wunder; sie vertreten eine verschwindende Min-
derheit. In der Tat ist ihre Schule und ihre unmittelbare
Stiitze die Deutschnationale Partei, ein hierarchischer Verband
der Eigentiimer unter traditioneller Fiihrung der Junker, der
einzigen Klasse, die in Deutschland zu kommandieren gewohnt
ist. Die Barone mochten aus Europas Geschichte die letzten
achtzehn Jahre streichen, um . .. von vorne zu beginnen- Diese
Leute haben Charakter,
Es ware Unbill, ein Gleiches zu behaupten von deal Fiih-
rern der deutschen Bourgeoisie im eigentlichen Sinne des Wor-
tes. Farblos war die politische Geschichte des deutschen
dritten Standes, ruhmlos sein parlamentarischer Zusam-
menbruch, Der Niedergang des britischen Liberalismus, der
auch heute noch Millionen, Wahler zu sammeln vermag, steht
in keinem Vergleich zur Vernichtung der traditionellen Par-
teien des deutschen Burgertums. Die Demokraten und Natio-
nalliberalen, die einst die Mehrheit des Volkes hinter sich hat-
ten, sind als kompromittierte Stabe zuruckgeblieben — ohne
Armee und ohme Zukunft.
Die buntscheckigen Mass en des Kleinburger turns, ab-
gekehrt von den alten Parteien oder erstmalig zu politischem
Leben erwacht, haben sich um das Hakenkreuzbanner geschart.
Zum ersten Male in ihrer ganzen Geschichte zeigen sich die
durch Lebensbedingungen und Gewohnheiten, durch Traditio-
nen und Interessen geschiedenen Zwischenklassen — Handwer-
kerf Kramer, die „freien Berufe", Angestellte, Funktionare,
Bauern — in einem Marschzug vereint, in einem wunderliche-
ren, phantastischeren, zwiespaltigeren, als es die Bauernziage
des Mitteialters waren.
Das franzosische Kleinbiirgertum fahrt, dank dem okono-
mischen Konservatismus des Landes, auch jetzt noch fort, eine
ansehnliche Rolle zu spielen, Eine selbstandige Politik zu
fiihren, ist es natiirlich nicht imstande. Es zwingt aber die
offizielle Politik der fuhrenden kapitalistischen Kreise, sich
673
wenn auch nicht seinen Interessen, so doch seinen Vorurteilen
anzupassen. Die gegenwartig; herrschende Radikale Partei ist
immittelbarster Ausdruck dieser Anpassung.
Durch die fieberhafte Entwicklung dcs deutschen Kapi-
talismus, der die Zwischenklassen schonungslos zuriickwarf,
konnte die deutsche Kleinbourgeoisie nie einen solchen Platz
im politischen Leben einnehmen wie ihre altere franzosische
Kusiae. Die mit dem Jahre 1914 eingeleitete Epoche der Er-
schutterungen verursachte unter den deutschen Zwischenklas-
sen unermeBlich groBere Verheerungen als in Frankreich: der
Franc fiel aui ein Fiinftel, die alte Mark stiirzte auf Null.
Die jetzige Industrie- und Agrarkrise hat weitaus nicht jene
Entfaltung westlich des Rheins erfa'hren wie ostlich von ihm.
Die Unzufriedenheit des franzosischen Kleinbiirgertums ver-
lieB auch diesmal nicht die alt en Kauale und brachte Herriot
den Sieg, Anders in Deutschland. Die Verzweiflung des Klein-
biirgertums muBte hier den Charakter der WeiBglut anneh-
men, um Hitler und seine Partei auf schwindelnde Hohen zu
erheben.
Im Nationalsozialismus ist alles widerspruchsvoll und chao-
tisch wie ein Fiebertraum. Hitlers Partei nennt sich sozia-
listisch und fiihrt einen terroristischen Kampf gegen alle so-
zialistischen Organisationen. Sie nennt sich Arbeit erpartei,
doch sind in ihren Reihen alle Klassen auBer dem Proletariat.
Sie sendet Blitze auf die Haupter der Kapitalisten herab und
wird gleichzeitig von diesen ausgehalten. Sie verneigt sich
vor den germanischen (Jberlief erungen und strebt nachCasaris-
mus, einer durch und durch lateinischen Einrichtung. Wahreiid
er sich nach Friedrich dem Zweiten umsieht, aift Hitler die
Gesten Mussolinis nach . . . mit Charlie Chaplins Fliegen-
bartchen. Das ganze Weltall ist in den Kopfen der Klein-
biirger eingesturzt, die vollands aus dem Gleichgewicht ge-
raten sind. Aus Verzweiflung, Angst und Erbitterung briillen
sie so laut, daB sie sich selbst iibertonen und den Sinn der
eignen Worte und Gesten nicht erfassen.
Die iiberwaltigende Mehrheit der Arbeiter iolgt der So-
zialdemokratie und dem Kommunismus, zwei Parteien, von
denen die erste ihre heldenmutige Epoche vpr dem Kriege er-
lebte, wahrend die zweite ihre unmittelbare Abkunft von der
Oktoberrevolution in RuBland herleitet. Die Anstrengungen
dcr Nationalsozialisten, die „marxistische Front" zu durch-
brechen, haben bisher keine greifbaren Resultate gezeitigt.
Etwa vierzehn Millionen Kleinbiirger stehen ungefahr dreizehn
Millionen feindlichen Arbeit erstimmen gegenuber.
Einzig die Zentrumspartei stort die scharfe Zeichnung der
Klassenumrisse in den deutschen politischen Gruppierungen. Im
Rahmen des katholischen Lagers bleiben Agrarier, Industrielle,
Kleinbiirger und Arbeiter noch immer zu einein Ganzen ver-
einigt, Man miiBte die gesamte Geschichte Deutschlan ds
durchhlattera, um zu erklaren, warum und wieso das kirchliche
Band bis heute ims tan.de war, den zentrif ugalen Kraft en der
neuen Zeit zu widerstehen. Das Beispiel des Zentrums be-
weist jedenfalls, daB die politischen Beziehungen keineswegs
mathematische Formeln darstellen. Die Vergangenheit keilt
674
sich in die Gegenwart ein und verandert deren Geprage. Die
ailgemeine Tendenz des Prozesses wird aber nicht gestort. Die
Tatsache, daB von Papen und sein nachster Gehilfe, Bracht,
den rechten Zentrumsfliigel verlieBen, um eine Politik zu trei-
ben, deren Entwicklung zur Sprengung des Zentrums fiihren
muB, ist in ihrer Art von symbolischer Bedeutung, Bei weiterer
Verscharfung der sozialen Krise Deutschlands wird das Zen-
trum dem innern und auBern Druck nicht standhalten konnen,
und die klerikale Hiille wird platzen:t seine Bestandteile wer-
den sich ihrem sozialen Gewicht nach verteilen. Dann wird man
vom vorletzten Akt des deutschen Dramas sprechen konnen.
Formeli zahlt Deutschland heute, in den letzten August-
tagen, noch zu den parlamenlarischen Republiken. Doch schon
vor einigen Wochen hat Innenminister von Gayl die Feier der
Weimarer Verfassung in eine Seelenmesse fur den Parlamen-
tarismus verwandelt Viel wichtiger aber ist die Tatsache, daB
die beiden extremen Fliigel des Reichstages, Vertreter der
Wahlermehrheit, die Demokratic als endgiiltig bankrott be-
trachten. Die Nationalsozialisten wollen sie durch die fasci-
stischet Diktatur italienischen Musters ersetzen. Die Kommu-
nisten erstreben die Sowjetdiktatur; Die biirgerlichen Parteien,
die in den letzten vierzehn Jahren versucht hatten, ihre Sache
auf parlamentarischem Wege zu verwalten, haben ihre gesamte
Wahlerschaft eingebiiBt. Die Sozialdemokratie, die die Ar-
heiterbewegung in den Rahmen des Parlamentsspieles hinein-
zwangte, liefi nicht nur die Macht aus den Han den, die der
Novemberumsturz ihr eingebracht hatte, verlor nicht nur Mil-
Honen von Stimmen an den Kommunismus sondern lauft auch
Gefahr, ihrer legalen Stellung als Partei verlustig zu gehen.
Drangt sich nicht von selbst der SchluB auf, daB aijgesichts
allzugroBer Schwierigkeiten und Aufgaben dem demokratischen
Regime das Heft entgleitet? So werden auch in den Beziehun-
gen zwischen den Staaten, handelt es sich um zweitrangige Fra-
gen, Rcgeln undBrauche des Protokolls mehr oder minder beob-
achtet, StoBen aber die grundlegenden Lebensiriteressen an-
einander, so erscheinen statt der Paragraphen Gewehre und
Kanonen auf dem Schauplatz. Die innern und auBern Schwie-
rigkeiten der deutschen Nation haben den Klassenkampf zu
einer Spannung gebracht, wo er sich an die Gepflogenheiten
des Parlamentarismus nicht mehr bind en kann und mag. . Man
kann dies bedauern; kann die extremen Parteien wegeh ihrer
Neigung zur Gewalt' bitter yerurteilen; kann auf eine b ess ere
Zukunft hoffen. Doch Tatsache bleibt Tatsache: die Leitungs-
drahte der Demokratie vertragen keine gesellschaftlichen
Strome von allzu hoher Spannung. lades sind dies die Strome
unsrer Epoche.
Einst hatte der ehrbare Gothaer Almanach Schwierigkeiten,
RuBlands Staatsordnung zu charakterisieren, die eine Volks-
vertretung mit Selbstherrscher-Zaren kannte. Die jetzige Ord-
nung Deutschlands zu kennzeichnen, wollte man von staats-
rechtlichen Kategorien ansgehen, ware wohlnoch schwieriger.
Wendet man s{ch aber der Geschichte zu, kann man den Go-
thaer Aimanachen after Lander helien; Deutschland wird ge-
genwart ig nach dem System d«s Bonapartismus regiert,
2 675
Das grundlegende Geprage wird der politischen Physiogno-
mic des deutschen Volkes durch den Umstand verliehen, daft
es dem Fascismus gelungen ist, die Zwischenklassen gegen die
Arbeiter zu mobilisieren. Zwei gewaltige Lager stehen ein-
ander unversohnlich gegenuber, Auf parlamentarischem Wege
vermag keines zu siegen. Keines der beiden wiirde sich iiber-
dies einer ihm ungunstigen Entscheidung freiwillig unterwerfen,
Ein solcherart gespaltener Zustand der Gesellschaft kiindet
den Biirgerkrieg an, Schon haben seine ersten Blitze das Land
durchzuckt Die Gefahr des Biirgerkrieges erzettgt bei den
herrschenden Klassen das Bediirfnis nach einem Schiedsrichter
und Gebieter, eincm Casar, Das eben ist die Funktion des
Bonapartismus,
Jede Staatsmacht gibt vor, sich iiber die Klassen zu er-
heben und die Interessen des Ganzen zu wahren. Doch die
Resultate in der Soziologie zu bestimmen, ist durchaus nicht
so einfach wie in der Mechanik. Die Staatsmacht selbst be-
steht aus Fleisch und Knochen. Sie ist mit bestimmten Klas-
sen und deren Interessen verbunden. In friedlichen Zeitlauf-
ten scheint das demokratische Parlament die beste Maschine-
rie der gesetzgeberischen Diagonals. Doch tritt der Moment
ein, wo die grundlegenden Krafte nach entgegengesetzten Sei-
ten, im Winkel von 180 Grad zueinander, ziehen und den par-
lam entarischen Mechanismus zerstoren, Dann wird die Stelle
fur die bonapartistische Diktatur vakant.
Im Gegensatz zur Legitimitat, wo die Person nur ein Glied
der dynastischen Kette darstellt, ist detf Begriff des Bonapar-
tismus mit einem Mann verbunden, der durch Begabung oder
Gliick sich emporschwingt. Solch ein Bild steht indes schlecht
zur schwerfalligen Gestalt des ostelbischen Junkers und hohen-
zollernschen Feldmarschalls. Fiirwahr; Hindenburg ist nicht
Napoleon, Posen kein Korsika. Doch eine nur personliche oder
gar asthetische Beschaftigung mit dieser Frage ware vollig un-
zulanglich, ja geeignet, vom Wege abzulenken. Braucht man,
nach einer franzosischen Redensart, zum Hasenragout einen
Hasen, so ist fiir den Bonapartismus ein Bonaparte keineswegs
unerlaftlich. Es geniigt die Existenz zweier unversohnlicher
Lager; die Rolle des bevollmachtigten Schiedsrichters kann
statt einer Person eine Clique erfiillen.
Bringen wir in Erinnerung, daft Frankreich nicht nur Na-
poleon den Ersten, den wahren, gekannt hat sondern auch
einen Dritten, falschen. Dem Onkel und dem vermeintlichen
Neffen war die Mission des Schiedsrichters gemein, der seine
Wahrspriiche mit der Degenspitze verzeichnet. Napoleon der
Erste besafi einen eignen Degen, und Europas Lenden haben
bis heute dessen Spuren noch nicht ganz verloren. Napoleon
dem Dritten genugte der Schatten des Degens seines angeb-
lichen Onkels, um in den Brennpunkt der Macht zu geraten.
In Deutschland ist der Bonapartismus eben ein deutschen
Doch soil man sich bei dem. Unterschieden der nationalen To-
mungen nicht aufhalten, Bei der Ubersetzung in eine fremde
Sprache gehen viele Eigenarten des Originals verloren. Wah-
rend sie auf verschiedenen Gebieten menschlicher Schopfung
die groftten Vorbilder abgaben, haben sich die Deutschen in der
676
Politik wie in der fiildhauerei kaum uber mittelmafiige
Nachahmungen erhoben. Wir werden jedochj nicht die histo-
rischen Griinde dicser Tatsache vertiefen: es geniigt, daB sie
besteht, Posen ist nicht Korsika, Hindenburg kein Napoleon,
In der konservativen Gestalt des Prasidenten ist nicht
die Spur von Abenteurertum. Der achtzigjahrige Hindenburg
hatte in der Politik iiberhaupt nichts gesucht, Dafur suchten
und f and en andre Hindenburg, Unci sie fanden ihn nicht zu-
fallig: diese Leute sind alle vom gleichen altpreuBischen, adelig-
konservativen, potsdamer-ostelbischen Schlage, Deckt er auch
mit seinem Nam en fremde Tat en, so wird Hindenburg sich
nicht aus dem durch die Traditionen seiner Kaste gelegten Ge-
leise werfen lassen. Hindenburg ist keine Personlichkeit son-
dern eine Institution. So war er wahrend des Krieges, „Hin-
denburgs Strategie" war die Strategie von Leuten, die ganz
andre Namen trugen. Dieser Vorgang fand seine Obertragung
auf die Politik. Ludendorff und seine Adjutanten sind von neuen
Menschen abgelost. Doch der Vorgang ist der gleiche ge-
blieben.
Konservative, Nationalisten, Monarchisten, alles Feinde
der Novemberumwalzung, haben Hindenburg als erste im Jahre
1925 zum Reichsprasidenten erhoben. Nicht nur die Arbei-
ter sondern auch die Parteien der Bourgeoisie hatten damals
gegen Hohenzollerns Marschall gestimmt. Doch Hindenburg
siegte; ihn unterstiitzten die Massen des Kleinburgertums, un-
terwegs zu Hitler. Als Reichsprasident hat Hindenburg nichts
geschaffen, aber auch nichts zerstort. Bei seinen Gegnerti
entstand die Vorstellung, Hindenburgs Soldatentreue habe ihn
zum Hiiter der Weimarer Verfassung gemacht. Von der Re-
aktion auf der ganzen Linie zuriickgedrangt, beschlossen die
rein parlament arise hen Parteien nach sieben Jahren, den Ein-
satz auf Hindenburg zu stellen.
Indem sie ihre Stimmen fur den monarchistischen Mar-
schall abgaben, enthoben Sozialdemokratie und katholische De-
mokratie ihn jeglicher Verpflichtung gegeniiber der in voilige
Ohnmacht verfallenen Republik. Im Jahre 1925 durch die
Reaktion gewahlt, hat Hindenburg den Rahmen der Verfas-
sung nicht yerlassen. Im Jahre 1932 mit den Stimmen der
Linken gewahlt, nahm er in Verfassungsfragen den Standpunkt
der Rechten ein. Dieses Paradoxon birgt nichts Geheimnis-
volles. Allein vor seinem MGewissen" und dem f,Willen des
Volkes" — zwei unfaBbaren Instanzen — muBte Hindenburg
unweigerlich zum Vorkampfer jener Kreise werden, denen er
sein ganzes Leben hindurch Treue bewiesen hat Die Politik des
Reichsprasidenten ist die Politik der Landaristokratiespitzen,
der Industriebarone und Bankftirsten romisch-katholischen,
lutherischen und — nicht zuletzt — , mosaischen Glaubens.
Durch v. Papen, an den tags zuvor niemand im ganzen
Lande gedacht hatte, zerriB Hindenburgs politischer Stab mit
einem Male die Faden, die die Wahl des Reichsprasidenten
mit den demokratischen Parteien verband. Dem deutschen
Bonapartismus gebrach es in seinem ersten Stadium an aben-
teuerlicher Wiirze. Durch seine Karriere wahrend des Krie-
677
ges und die magische Art seines Machtaufstiegs machte Papen
in gewissem Grade diesen Mangel wett. Was seine sonstigen
Gaben betrifft. ^— von Sprachkennthissen und untadeligen Ma-
nieren abgesehen — , so laufen die Urteile verschiedener Ten-
denz daraui hinaus, daB von nun an die Historiker nicht mehr
iiber Miehaelis als den farblosesten und nichtssagendsten Kanz-
ler des Deutschen Reiches schreiben konnten.
Wo aber ist der Sabel? In Hindenburgs Handen verblieb
nur der Marschallstab, em Spielzeug fur Greise. Papen ist
nach der wenig ermutigeriden Erfahrung wahrend des Krieges
ins Zivilleben zuriickgekehrt. Der S&bel fand sich jedoch in
Person des Generals Schleicher. Grade ihn muB man gegen-
wartig als den Kern der bonapartischen Kombination betrach-
ten, Und nicht durch Zufall: indein sie sich iiber Parteien
und Parlament erhebt, ist die Regierung auf den bureaukrati-
schen Apparat zusammengeschrumpft Den wirksamsten Teil
des Apparates bildet unstreitig die Reichswehr. Kein Wun-
der, wenn hinten Hindenburgs und Papens Riicken Schleicher
trervortrat. Die Zeitungen schrieben viel dariiber, der Gene-
ral habe in der Stille seines Stabes die Ereignisse von langer
Hand vorbereitet, Mag sein- Weitaus wichtiger aber ist,
daB der allgemeine Gang der Ereignisse einen General vor-
bereitete, "'-.."'
Der Autor steht abseits vom Schauplatz der Ereignisse,
dazu in betrachtlicher Ehtfernung; Das erschwert, den Win-
dungen des Alltags zu (olgen. Doch mochte der Autor meinen,
daB die ungiinstigen geographischen Bedingungen nicht hindern
konnen, sich Rechenschaft abzulegeri iiber die grundlegende
Krafteverteilurig, die letzten Endes den allgemeinen Gang der
Ereignisse bestimmt.
Die Streikwelle von k. l. Gerstorff
in seiner groBen Rede gegen die Papenregierung bemerkte der
* Fiihrer des Zentrums, Pralat Kaas, es sei ein Zeichen der
klugen Staatsfiihrung Brtiriings gewesen, daB in seine Regie-
rungszeit die wenigsten Streiks gefallen sind; in den paar
Monaten dagegen, seit die Papenregierung am Ruder sei, ware
die Anzahl der Streiks stark gestiegen und im AnschluB an die
letzte Notverordnung sei eine direkte Streikwelle iiber ganz
Deutschland gegangen, eine Erscheinung, die sehr beunruhige,
Kaas hat recht In der Geschichte der deutschen Ar-
beiterbewegung gibt es kaum eine Epoche, wo so wenig ge-
streikt wurde wie in der Zeit, daj die Sozialdemokratie die
Bruning-Regierung tolerierte. In keiner Krise des deutschen
Kapitalismus .haben sich die Arbeits- und Lohnbedingungeh
so verschlechtert wie in dieser. Und nie ist so wenig ge-
streikt worden. Der Grund liegt darin, daB die Gewerkschaf-
ten, hinter denen noch heute die Majoritat der aufgeklarten
Arbeiterschaft steht, groBere Streikaktionen f tir unvereinbar mit
ihrer Tolerierungspolitik hielten und diese Aktionen daher von
vornherein verhinderteiL Die fiihrenden Gewerkschaftler er-
klarten dabei der Arbeiterschaft zunachstt daB diese Krise
678
eine Krise wie jede andre sei und bald uberwunden sein
werde; dafi in der Krise die ungiinstigsten Aussichten fur
Streiks bestunden, wcil so riesenhafte Erwerbslosenreserven
vorhanden seicn. Spater erkannte man zwar, da6 diese Krise
an Dauer und Tiefe jede vorhergehende iibertraf — aber
das Argument von der industriellen Reservearmee, die den
Streikenden in den Riicken fallen wiirde, wurde immer wieder
angefiihrt, urn die Arbeiter vom Kampf gegen Briinings Lohn-
abbauverordnungen abzuhalten. Und doch hatte es gar nicht
der Erfahrung der letzten Streikkampfe bedurft, 11m zu zeigen,
daB die so auBerordentlich groBe Arbeitslosigkeit die Streiks
durchaus nicht von vornherein zur Aussichtslosigkeit yer-
urteilt. In Breslau beispielsweise ist die Arbeitslosigkeit
groBer als im Reichsdurchschnitt; als im vergangenen Herbst
die Metallarbeiter gegen den Lohnabbau in den Streik traten,
zeigte es sich wahrend der zwolf Wochen, die der Streik
dauerte, daB die Erwerbslosen gar nicht daran dachten,
ihren Betriebskollegen in den Riicken zu fallen, sodaB
die Unternehmer den Schlichter . anrief en und gleichzeitig
beantragten, den Schiedsspruch fiir yerbindlich zu erklaren.
Was vor einem Jahr in Breslau sich zeigte, geschah im groBen
und ganzen auch diesmal, als in vielen Betrieben Deutschlanas
die Arbeiter gegen die neue Lohnabbauverordnung Papens in
den Streik traten.
Man hat in der schwerindustriellen Presse oft darauf,hin-
gewiesen, daB die Streiks nicht liberschatzt werden diirften,
weil es sich ja nur -urn vereinzelte Auseinandersetzungen
handle, Man mufi aber auf der andero Seite bedenken.jdajfi
die Streiks immer nur dann gefiihrt wurden, wenn durch
Neueinstellungen *der Lohn herabgesetzt werden sollte, Und
es ist ja bekannt, dafi bisher entgegen Papens Wirtschafts-
optimismus die Neueinstellungen nur auBerordentlich gering
waren. Als Papeni in Miinchen seine bekannte Rede hielt,
wurden pikanterweise gleichzeitig Z a hi en veroffentlicht, wo-
nach in ganz Bayern noch nicht einmal sechstausend Neu;-
einstellungen vorgenommen worden waren. Entsprechend der
auBerordentlichen Geringfiigigkeit der Neueinstellungen war
an den Lohnkampfen keine iiberragend groBe Zahl von Ar-
beitern beteiligt Schon jetzt aber haben die Streiks Wirkun-
gen gezeitigt, die weituberdieeinzeinenBetriebe hinausreichen.
Es hat sich in so ziemlich samtlichen Fallen herausgestelit,
daB die Erwerbslosen den Betriebsarbeitern nicht in den
Riicken fallen. Die Erwerbslosen, denen * ja erst vor kurzer
Zeit durch Papens Notverordnung funfhundert Millionen Unter-
stiitzung weggenommen wurden, haben grade in dieser Krise
nur zu deutlich erkannt, daB einer der wesentlichen Faktoreri,
die die Hohe der Erwerbslosenunterstiitzung bestimmen, der
Lohn des beschaftigten Arbeiters ist; daB daher bei einer
neuen Senkung der BetriebsarbeiterlShne bald ein neuer Ab-
bau der Unterstutzungssatze zu erwarten ist. Dazu kam weiter,
daB in den vielen Betrieben, wo Kurzarbeit geleistet wird, das
Wocheneirikommen dieser Kurzarbeiter vielfach- nicht hoher
ist als die Erwerbslosenunterstiitzung. Beriicksichtigt man
noch, daB der Arbeiter im Betrieb najtiirlich fiir die Substanz-
679
erhaltung seines Korpers mehr Ausgaben hat als der Erwerbs-
lose, so war fiir den ErwerbsLosen der okonomische Anreiz
zttra Streikbruch nicht sehr groB,
Wie> ist der materiale Ausgang der Streiks bisher ge-
^wesen? Em absolut exaktes Material besitzen wir bis jetzt
nicht. Auch ist die Bewegung noch in keiner Weise abge-
schlossen; aber es laBt sich schon aus den bisher gefiihrten
Kampfen klar ersehen, daB ein uberraschend groBer Teil der
Streiks mit einem vollen oder mit einem betrachtlichen Erfolg
der Arbeiterschaft ausgegangen ist. In einem Artikel des ,Vor-
warts' heiBt es dariiber:
Der ADGB versuchte, einen statistischen Oberblick iiber den Urn-
fang und die Ergebnisse dieses Abwelirkampfes sowie iiber die Aus-
wirkung-des neuen Mehreinstellungssystems zu gewinnen. Brsher sind
Berichte von sechs Verbanden eingetroffen, die sich auf 167 Betriebe
mit rund 33 400 Beschaftigten beziehen. Im ganzen sind hier 6400 Ar-
beiter (19 Prozent der fruheren Belegschaft) mehr eingestellt worden.
Etwa f iir ein Drittel der Beschaftigten wurde die Lohnkiirzung von der
Belegschaft abgewehrt, fur ein Drittel ist eine zehnprozentige Lohn-
kiirzung fur die 31, bis 40. St uncle eingetreten, bei einem Drittel
schwankt die Lohnkiirzung, zwischen 20 bis 25 Prozent, Dies ist ein
Ergebnis des gewerkschaftlicheu Kampf es, das sich sehen lafit!
Nun konnte man einwenden, der ,Vorwarts* sei daran
interessiert, die Ergebnisse der Streiks moglichst giinstig dar-
zu$tellen; aber es ist bezeichnend, daB auch die Presse des
Monopolkapitals, die Presse, die im allgemeinen mit der Pa-
penregierung durch dick und diinn geht, den MiBerfolg dieses
Punktes seiner Notverordnung of fen zuzugeben: beginnt. So
schreibt die ,DAZ*:
Die Durchfuhrung der Lohnsenkungsverordnung ist auf Schwie-
rigkeiten gestoBen, die uns nicht ganz unerwartet gekommen sind. Bei
aller positiven Einstellung zum Wirtschaftsplan undi seiner Ideologic
haben wir die genannte Verordnung mit einiger Skepsis begruBt, da
Wir ihre inneren konstruktiven Schwachen erkannten, Und da die
Lohnverordnung kein unbedingt wesentlicher Bestandteil des Wirt-
schaftsprogramms, da sie mit dessen Schicksat nicht untrennbar ver-
bunden ist, war es moglich und notwendig, rechtzeitig Kritik zu iiben
und klar festzustellen, dafi der MiBerfolg einer einzelnen Verordnung
kerne psychologische und okonomische Gefahr fiir den ganzen Kon-
junkttirbelebungsversuch nach sich zu ziehen braucht,
Welches sind die Grunde, die hier zum MiBerfolg gefiihrt
haben? Auf einen weist die ,DAZ" im gleichen Aufsatz hin:
grade der Unternehmer, der durch seirien Auftragsbestand in
die gtinstige Position versetzt ist, neue Arbeiter beschaftigen
zu konnen, wird am wenigsten iiber Lohnkampfe erfreut sein.
Der Unternehnier, der in der gliicklichen Lage ist, grofie Auftrage
zu erhalten, wird haufig am wenigsten geneigt sein, grade im Augen-
blick der Mehrbeschaftigung einen Konflikt im Betrieb durchzufech-
Aen. Im Genusse seines Glutkes und seiner Beschaftigungspramien
wird er kaura damit rechnen konnen, daB die weniger gliicklichen
Konkurrenten, die zudem noch hohere Lohne zahlen miissen, sich son-
derlich begeistert zu opferreichen .SoljdaritatsmaBregeln entschliefien
werden, Diese schwache Position der Lohnsenkungsverordnung haben
die Gewerkschaften sofort erkannt und nutzen sie griindlich aus.
Die tDAZ* hat in diesem Punkte recht. Grade in den Unter-
nehmungen, die wegen ihrer Auftrage yerstarkte Beschafti-
gungsmoglichkeiten fur die Arbeiterschaft bieten, sind gleich-
680
zeitig die Streikaussichten am gtinstigsten. Als die Papenregie-
rung trotzdem eine derartige Notverordnung erlieB, hat sie
zweifellos den Streikwillen, die Streikfahigkeit der deutschen
Arbeiterschaft unterschatzt. Die deutsche Arbeiterklasse hat
sich, als die Sozialdemokratie Briinings Politik tolerierte, Lohn*
abbau auf Lohnabbau gef alien lassen, ohne mit groBern Aktio-
nen dagegen Front zu machen. Da die Sozialdemokratie heute
im scharfen Kampf zur Papenregierung steht, so haben die Ge-
werkschaften wieder eine gewisse Bewegungsfreiheit zur Fiih-
rung wirtschaftlicher Kampfe gewonnen. Mit allem Nachdruck
muB aber betont werden, daB die meisten Streiks, die wir
heute in ganz Deutschland erleben, von der Gewerkschaftsf tin-
ning nicht etwa von vornherein organisiert wurden — sie tat
das in zahlreichen Fallen erst unter dem Druck, den die tiber-
wiegende Majoritat der Betriebsarbeiter auf sie ausubte.
Gleichzeitig zeigte sich wiederum, wie falsch die ultra-
linke Taktik der Kommunisten ist. In der kommunistischen
Presse ist vielfach die Rede davon gewesen, daB die Streiks
unter Fiihrung der Kommunisten, unter der Fiihrung der RGO
stattfanden. Sicher sind in zahlreichen Fallen die kommunisti-
schen Arbeiter im Betrieb die Aktiven beim Streik gewesen.
Wenn aber — wie beim hamburger Verkehrsstreik, beim Streik
in den Bayerischen Motorenwerken — die Gewerkschaften den
Abbruch des Streiks erklarten, so hat die RGO niemals auch nur
einenTag denAusstand aliein weiterfiihren konnen. Es wurde
also mit aller Deutlichkeit klar, daB die Kommunisten durch
die Griindung der RGO ihren EinfluB auf die gewerkschaftlich
organisierten Betriebsarbeiter auBerordentlich vermindert
haben. Der Druck auf die manchmal nur widerwilligv den
Streik fuhrende Gewerkschaftsbureaukratie ware sicher weit
groBer gewesen, welm die Kommunisten nicht auBerhalb der
freien Gewerkschaften gestanden sondern in diesen die Oppo-
sition organisiert hatten. Was vom hamburger Verkehrsstreik
gilt, gilt in gleicher Weise vom berliner, Der Streik begann,
da die (iberwiegende Majoritat der BVG- Arbeiter sich fur ihn
erklarte (wenn auch die statutarisch notwendige qualifizierte
Majoritat nicht erreicht wurde). Die Gewerkschaften gingen
nur halb und halb mit. Die Kommunisten erklarten wieder ein-
mal groBspurig, die Fiihrung des Streiks lage bei der RGO. Als
der Schiedsspruch fur verbindlich erklart wurde, setzten die
Gewerkschaften die Wiederaufnahme der Arbeit durch; und sie
konnten sie trotz starkerer Widerstande durchsetzen, weil
grade infolge der Isolierung der Kommunisten durch die RGO
an der innergewerkschaftlichen Front nicht die notwendige
Stofikraft entfaltet werden konnte.
Aber auch der berliner Streik zeigt sehr plastisch die
wachsende Aktivitatsw-elle, die wieder durch die deutsche
Arbeiterklasse geht. Als die ersten Streiks durchgeiuhrt
wurden, hat der Arbeitsminister Schaffer die Notverord-
nung; dahingehend interpretiert, daB die Gewerkschaften
ihre Tarifpflicht verletzten, wenn sie die Streiks tinter-
5tiitzten. Die Gewerkschaften haben sie unterstutzt, wenn
•die Majoritat der Betriebsarbeiter dahinter stand; und
681
die Regierung is.t zuriickgewichen, sie hat die Gewcrkschafteit
nicht schadcnersatzpflichtig gemacht — im Gegente^l: sic ist
heute schon sehr zufrieden, wenn der tiberwiegende Teil der
Unternehmer von dem Recht zur Lohnkiirzung keinen Ge-
brauch macht sondern sich mit seincn Arbeitcrn verstandigL
Daher kommt infolge der neuen Streikwelle die Arbeiter-
schaft wieder starker zu der Erkenntnis, daB vor allem der
auBerparlamentarische Kampf heute geeignet ist, die wenigen
Rechte zu schiitzen, die die Reaktion ihr noch nicht ent-
rissen hat.
Kunstbetrieb von wim woifradt
Im Septemberheft der ,Tat* ist ein kunstpolitischer Artikel er-
schienen, der die zustandigen Kreise gehorig auigebracht hat,
Der; als frischfrohliches enfant terrible schon dann und wana
nicht unsympathisch aufgef allene Verfasser Ferdinand Eckardt
eroffnet da unter dem Feldgeschrei „SchluB mit dem Kunst-
betrieb!" eine wilde Zahlenkanonade gegen die Museumswirt-
schaf t und die Kunstbureaukratie in Preufien und im Reiclu
Um zu demonstrieren, wie iiberflussig dieser ganze kostspielige
und unproduktive Apparat der Galerien und Institute sei.
Nun, auch wenn sein VorstoB weniger piinktlich zusam-
mengetroffen ware mit sonstigen Minierversuchen des Reichs-
wehrregimes, die auf Verabschiedung der gesamten Kunst-
abteilung im Kultusministerium hinarbeiten (Frankreichs Ab-
riistung wird halt Geld kosten!), und selbst wenn dies Zusam-
mentreffen den ausgezeichneten Beziehungen der ,Tat* zur
BendlerstraBe nicht so gut entsprache, wiirden wir nicht alle
seine SchluBfolgerungen aus den herangeschleppten Etatziffern
uns zu eigen machen wollen. Es bleibt einem allerdings die
Spucke weg, wenn man erfahrt, daB ein erster Sekretar des
Archaologischen Instituts in Rom oder Kairo 34 000 Mark Jah-
resgehalt bezieht. Und das MiBverhaltriis zwischen den vier
Millionen, die PreuBen fur Museuniszwecke, und den 200 000
Mark, die es fiir die S chaff enden aufwendet, oder auch den
900 000 Mark, die das Reich in sein Archaologisches Institut
steckt, und den 125 000 Mark, die es den merkwiirdigerweise
noch lebenden Kiinstlern hinwirft, ist drastisch genug. Andre
Zahlen aber erscheinen absolut ungerecht ausgewertet: Wenn
beispielsweise Klage dariiber gef iihrt wird, daB zu Ankauf en
nur ein Drittel der Summe da ist, die der fiir sie erforderliche
Gelehrtenstab kostet — der ja doch nicht nur der Ankaufe we-
gen angestellt ist. Eckardts Zitate aus dem Haushalt verfangen
nicht immer und konnen allenfalls MiBbrauche in der Vertei-
lung der an sich beschamend dtirftigen Mitt el belegen, nicht
aber die Forderung radikaler Streichung und Betriebsaufiassung
irgend foegrunden.
Pagegen trifft Eckardt einen recht wesentiichen Punkt mit
der Behauptung, die Museumspraxis befinde sich im Schlepp-
tau des Kunsthandels. Man hat ihm das natiirlich bespnders
iibel genommen und mit Emphase ehrenruhrige Bezichtigungen
zuriickgewiesen, die gar nicht ausgesprochen worden sind. Wer
682
wird denn die Integrity unsrer Galeriebeamten in Zweifel
Ziehen! Dies aber stimmt: ihre ganze Begriffswelt ist kunst-
handlerisch determiniert. Fragen der Zuschreibung, also der
Sicherung von Namen und Marktwert, ein Abschatzen nach
den Warenkriterien der ,,Qualitat" und der Raritat beherrschen
die Museumsarbeit durchaus, Eckafdt hatte hochstens an-
erkennen diirfen, daB grade in letzter Zeit da und dort mehr
an die geistige Nutzbarmachung des angehauf ten Kunstbesitzes
gedacht zu werden scheint.
Unser offentlicher Kunstbetrieb ist hohl und faul von oben
bis unten. Aber die Museen sind mit alien ihren Defekten im
Grundsatzlichen und Wirtschaf tlichen gewiB noch die f esteste
und .gesundeste S telle darin. Wenn heute von irgendeiner In-
stitution her die Beziehungen der Menschen zu den Kunst-
giitern der Vergangenheit und Gegenwart wirklich gepflegt
werden, so von ihnen. Die Abbauparole ist iiberhaupt nicht
diskutabel. Das ware ein Schritt weiter hinein in die Barbarei
und die kulturelle Selbstzerstorung Deutschlands.
Vor allem ist es einfach absurd, die Polemik wider Leer-
lauff Mittelvergeudung und Interessenverfilzung im Kunst-
betrieb nur grade an die Adresse der Museen zu richten, da
doch ringsumher, wohin man nur blickt, die fatalste Geschaf-
tigkeit, das unerfreulichste Kulissenspiel, der ruinoseste MiB-
brauch sich breit machen und die paar verbliebenen Moglich-
keiten echten und fruchtbaren Kunstlebens vollig zu iiber-
wuchern drohen. Noch immer gibt es in Berlin einen recht
umfanglichen Betrieb regelmaBiger Ausstellungen, hinter dem
aber nichts, gar nichts mehr steht: keinerlei Publikums-
zuspruch, nicht die bescheidenste Kaufneigunig, ja nicht ein-
mal intensivere Bereitschaft der S chaff enden selbst. Noch
immer entfalten die Verbande und Kartelle, die Kommissionen
und Instanzen im Namen der Kunst eine ausgedehnte Wirksam-
keit, die nachgerade etwas Gespenstisches hat. Man hat
sich gewiB zu freuen, daBl die Sache der Kunst nicht einfach
aufgegeben wird und daB sich riihrige Organisatoren und
wohlmeinende Amtsstellen an fede irgend vorhandene Gelegen-
heit klammern, etwas zu veranstalten, ein paar Auftrage her-
auszuschinden, kurzum, aus der nun einmal abgriindigen
Situation iiberhaupt noch etwas zu machen, Kein Verniinftiger
kann wtinschen, daB etwa dieser ganze Apparat stillgelegt
werde. Leider jedoch herrscht hier so ziemlich auf der ganzen
Linie nur geschaftlhuberische Impotenz und Vordrangerei, eine
iiber die MaBen unerquickliche tBuhlerei um Beziehungen und
Ausnutzung von Instanzenkenntnissen, libelste Patronisiererei
und Schmarotzerei. Hier wuchert num wirklich der schiere Be-
trieb unter dem gewaltig geschwungenen Banner der ewig-
revolutionaren und tief in unserm Volkstum verwurzelten, der
volkerverkniipfenden und sorgenverscheuchenden und iiber-
haupt mit jeder grade falligen Phrase ohne weiteres zu ver-
bindenden Kunst, und zu ihrem volligen Verderb.
Will man dem Kunstbetrieb zu Leiber so wird man vor
allem einmal hier anzusetzen haben. Es ist ein zu groBes Ka-
pitel, als daB zunachst mehr denn Stichworte gebracht werden
konnten. Aber wie steht es zum Beispiel mit dem Vierhun-
3 693
derttausend-Mark-Brunnen, dessen Auftrag Herr Lederer noch
aus der fur ihn so eintraglichen BoBwirtschaft rctten konnte
und an dem die Stadt Berlin noch jahrligh Funfzigtausend ab-
zustottern hat? Und ein andres Kapitel stadtischer Kunst-
pflege; die ergotzlichen Ankaufe ihrer nach Parteien zusam-
mengesetzten Kommission, die piinktlich in den groBen Aus-
stellmrgen erscheint, jeder der Herren mit einem Zettel be-
waffnet, darauf die zu unterstiitzenden Parteibriider verzeich-
net sind. So entsteht allmahlich die zukiinftige berliner Stadt-
galerie, die schon jetzt bei gelegentlichem Einblick ein furcht-
barer Angriff auf <Jas Zwerchfell jedes halbwegs Kunstbewan-
derten ist. Eng verkniipft mit diesem Unwesen ist auch der
Betriebspfeiler Baluschek, der als Fuhrer des allumfassenden
Kartells der Ktinstlerverbande Jahr fiir Jahr das reizende
Bellevue-SchloB zu unsagbar diirftigen Schaustellungen miB-
braucht und bei alien moglichen Messeveranstaltungen und
sonstwo die herrlichsten Lokalitaten eingeraumt bekommt, urn
sie mit einem unbeschreiblichen Zeug anzufullen, Daneben hat
der kiirzlich verstorbene Exstaatssekretar Schulz in seiner
Deutschen Kunstgemeinschaft am meisten zur Verwahrlosung
des berliner Ausstellungslebens beigetragen, von sonstigen
wenig sympathischen Praktiken in diesem subventionierten Be-
triebe ganz zu schweigen, Und auch ein so verdienter Organi-
sator wie Sandkuhl stopft neuerdings das ihm anvertraute Haus
neben dem Reichstagsgebaude ganz haarstraubend wahllos mit
allem Beliebigen voll, wie es ihm just unter die Finger! gerat,
so daB der einst sehr giiltige Begriff der ,,Juryfreien" nun voll-
kommen schal geworden ist. Soil ich noch von dem Kuhhandel
der Akademieprofessoren reden bei der ausstellerischen Lan-
zierung ihrer Schuler und Schiitzlinge? Von Beispielen, wie
man in dem ziemlich geschlossenen Kreise unsrer Scheinpromi-
nenzen besonders geschickt herumhorcht, schweifwedelt und
Auftrage. schnappt? Oder von der Wirksamkeit, besser Un-
wirksamkeit unsres Herrn Reichsoberdekorateurs Redslob, der
sicherlich in der Stille ahnen mag, was ihm eigentlich auf-
gegeben ist, der aber mit Meniikarten fiir Amanullah und der-
gleichen zu viel zu tun hat, als daB er etwas fiir die Durchdrin-
gung der Cffentlichkeit mit kunstlerischem BewuBtsein und fiir
die; Erziehupg zum Respekt vor dem gestaltenden Schaffen
leisten konnte? Vom Verein Berliner Kiinstler, der mit dem ihm
zugefallenen Millipnenkapital so gar nichts zu beginnen weiB?
Kurzum: hier gehort, pallenbergisch gesprochen, ein Augias
her!.
Herr Eckardt, urn auf ihn zuriickzukommen, wird seine
Eignung {iir das groBe Ausmisten erst noch nachzuweisen
haben. Der Museumskrieg, den er vom Zaun gebrochen hatt
gewinnt dadurch nicht an Zielsicherheit, daB er sich auf das
Schicksal der Zehntausende beruft, die um der Schatzestape-
lung willen vernachlassigt werden und die man untergehen
laBt, obwohl sie doch die lebendige Substanz bilden, die breite
Fundamentalschicht, aus der sich in nicht vorherzusehender
Weise die Gipfelleistungen erheben werden, Aber die massen-
hafte Existenz yon Hatitierern mit Farbe und Meifiel ist schlieB-
lich mehr ein soziales Problem, Ihnen zu helfen, obliegt nicht
684
eigentlich den Museen. Vielmehr ist es grade der Betrieb von
dem Eckardt nicht spricht, der sie ausbriitet, um sie dann ver-
kommen zu lassen. Er speist die berechtigten sozialen An-
spriiche ab, indem er die unberechtigten kiinstlerischen nahrt
Ihn vor aliem trifft die Schuld am Eingehen all des Wertvollen
und Zeugungsfahigen, dem die nur zum Teil noch ernsthafte
und widerstandsfahige Kunstkritik und der zwar im ganzen und
groBen anstandig bemuhte, aber entkraftete Kunsthandel riicht
den rettenden Ruckhalt zu bieten vermogen.
Der Fall Schreker von Arnold waiter
Ich denke es mir nicht Ieicht, Opernkomponist zu sein in
deutschen Landen. Sehe man sich Franz Schreker an! Da
hat nun einer das seltene Gliick gehabt, ein paar Jahre lang
in Mode zu sein — das heiUt doch nur: bei lebendigem Leib
noch aufgefiihrt zu werderi — es gab mal so etwas wie eine
Schrekerwelle; und jetzt? Jetzt ist man drauf und dran, sich
grimmig an ihm zu rachen, dafiir zu rachen, dafi er einmal
in Mode war. Ist man drauf aus, ihn im feierlichen Namen
der neuen Zeit totzuschlagen, wie man ihn vor zwanzig Jah-
ren im heiligen Namen der alten Meister massakrierte, Dabei:
wie brav und folgsam ist der Mann gewesen, scheinbar wenig-
stens! Da hat er nun seit Jahr und Tag seine Sensibilitat und
Perversitat, Erotik und Neurotik vorgeworfen bekommen; da
wurde seine unbedenkliche Opernmachef seine puccinisierende
Melodik, seine irisierende und irritierende Klangphantastik
streng gerugt; da wurde ihm mitgeteilt, sein hypertrophischer
Subjektivismus konne keineswegs langer mitangesehen noch
angehort werden . . . ' Schon: er objektivierte sich, warf die
Erotik uber Bord und die Perversitat dazu, begab sich auf die
Ebene des vielgeliebten epischen Theaters {ist es seine Schuld,
daB es zu Zeiten eine schiefe Ebene ist?), schaltete sein musi-
kalisches Denken vom Klangvisionaren aufs formal Konstruk-
tive um, wobei sich der Obergang von orgiastischer Harmonik
zu herber Polyphonie von selbst verstand, und schrieb den
,(Schmied von Gent'*. Bei dem man ihm nun prompt all das
libel nimmt, was man von ihm ausdriicklich verlangt hatte,
oder dem tieferen Sinn der Ablehnung nach, soweit solcher
uberhaupt vorhanden war. Freilich war er unvorsichtig genug,
durch Einfiigung einiger alter Melodien den Willen zur
,,Volksoper" zu dokumentieren; und hatte den un,gl(ickseligen
Einfall, das Wortchen „Zauberoper" iiber die Partitur zu set-
zen (nichts als ein Name, Schall und Rauch bekaniitlich) —
woraus sich fur Berlin 1932 selbstverstandlich sofort die Not-
wendigkeit ergab, nicht etwa das Wesen des Werks sondern
das Wesen seiner Beziehung zur Volks- beziehungsweise Zauber"
oper unter besonderer Beriicksichtigung des Wesens der Volks-
und Zauberoper in unsrer Zeit zu diskutieren. Wobei nun
wieder Schreker, auch das ist nicht weiter verwunderlich, in
jeder Hinsicht schlecht abschnitt.
Zum Werk selbst; Ein flandrisches Marchen des Ulen-
spiegeldichters liefert den Stoff — es ist die Geschichte von
685
Smee, dem Schmied, der sich fur sieben Jahre Lebensfulle der
Holle verschreibt, nach alter Marchenweise die Teufel preilt
und nach einigem Hin und Her mit Petrus und dem heiligen
Josef ins Himmelreich einzieht, Vor der Himmclstiir hat die-
ser flamische Kraftkerl allerdings die unglaubliche Frechheit,
mit zweien liiderlichen Kumpanen ein lustiges Saufliedlein zu
singen; hat des ferneren die Stirn (da man ihn nicht einlassen
will) verborgen unter dem Rock seiner Frau der ewigen Selig-
keit teilhaf tig werden zu wollen — was ernsthafte und gelahrte
Manner, im (Lokalanzeiger und in der JDeutschen Zeitung' kann
man es nachlesen, veranlaBte, der ttberzeugung nachdriick-
lichsten Ausdruck zu geben, so was ware grobe Ungehorigkeit,
AnstoBigkeit, ja Blasphemie . . . Dieser undramatische und
auch gar nicht dramatisierte Stoff ziebt in neun Bildern
vorbei; es ist ein geruhsam langsames Wandern aus Breughel-
scher Holle uber Timmermansche Erde in einen flamisch-
herrlichen Himmel, eine reizvolle Wanderung mit vielen musi-
kalischen Stationen. Auf die nun kam es Schreker an, hat es
uns anzukommen, Ich glaube, man kann es auf sich be-
ruhen lassen, wennl einige besonders Gewitzte hinter Smees
sehr gelegentlichem glaubens- und heimatstolzem Pathos Poli-
tik und Reaktion1 andre nicht minder Kluge in den wackeren
Schmieden idealisierte Arbeiterchore, schauerliche Marxisten
also, entdecken zu miissen glaubten.
Zur Musik nun: die hat wirklich keine melodische Kraft,
hat wirklich keine dramatische Gewalt: bei aller klugen Kon-
trastierung bleibt der Eindruck unverbindlicher Szenenreihung;
bei aller Einfachheit vieler melodischer Gebilde (man erin-
nere sich der Chore des ersten, des zweiten Aktes,, des ver-
ruchten Terzetts vor der heiligen Himmclstiir) bleibt ,immer der
Eindruck formaler Verschranktheit und artistischer Feme,
Grade dies war f ruber Schrekers Starke: wirksames Theater
zu machen, die Oper von der Stimme, der Melodie her aufzu-
bauen. Hat man hier nun ohne weiteres das Recht, von Im-
potenz zu reden? Vielleicht wollte und schuf er etwas ganz
bestimmtes Andres, das es erst klar zu erkennen gilt, ehe
man dariiber urteilt, was es uns zu sagen habe und wie es in
diese sonderbare Zeit passe, die mir die Einfaltigen nicht viel-
faltig genug zu sehen scheinen?
Freilich wollte er- Er denkt gar nicht daran, /die Per-
sonen musikdramatisch zu charakterisieren, es war gar nicht
seine Absicht, in Themen und thematischen Variationen zu musi-
zieren, er denkt wirklich episch, denkt in Szenen und Szenen-
kontrasten. Es handelt sich hier gar nicht um dramatische und
Klangvisionen — es handelt sich um kleine unwiederholte sze-
nische Einheiten, die sich (nur in formaler Kohtrastwirkung auf ;
einander bezogen) in musikalische Bilder umsetzen: um ein musi-
kalisches Bilderbuch zu einem flandrischen Marchen sozusagen;
Das Neue und fiir Schreker allerdings Erstaunliche ist die Ge-
burt dieser musikalischen Bilder aus instrumentalem Geist..
Daher ihre relative Wirkungslosigkeit auf dem Theater (auf
dem immer nur primar Vokales wirken wird). Keine Mei-
sterqualitaten in Stil und Technik, Satz und Kontrapunkt, Form
und Instrumentation konnen das wettmachen,
686
Mit MVolksoper" hat das alles freilich niehts zu tun, und
ob das Ding sich Zauberopcr odcr anders nennt, schcint mir
nicht grade wesentlich. We 16 denn heutzutage uberhaupt je-
mand, wie eine Volksoper auszusehen hatte, da es doch nach-
weisbar keine Volksmusik mehr gibt, historisierende Roman-
tik aber leidenschaftHcher Ablehnung verfallt? Wenns ciner
wiiBtc: sic ware sch leschrieben . . ,
Bleibt iibrig, den h ' Sohreker zu Ende zu denken, Wir
halten es fur ein GeU>t primitivster Anstandigkeit in kiinst-
lerischen Dingen, einem Meister wie Schreker jenen gutglau-
bigen Kredit einzuraumen, jenes Wohlwollen entgegenzubrin-
gen, das zu beanspruchen jeder wirkliche Meister «in unzwei-
felhaftes Recht hat, Wir denken nicht daran, im Ernst zu be-
haupten, er hatte etwa aus Konjunkturrucksichten sein w>
sprungliches Schaffensprinzip (Geburt des musikalischen Dra-
mas aus primarer Klangvision) geandert Niramt man aber
auch an, er ware im Laufe natiirlicher Entwicklunj dahin ge-
langt, jene Linie zu verlassen, die er vom ,,Fernen Klang" bis
zum ,,Singenden Teufel" innegehalten, die gUichsam sein musi-
kalisches Selbst symbolisiert hatte, so ist f: edich eine gewisse
Tragik nicht zu verkennen. Denn wenn ^;nreker, einer der
wenigen von der Stimme zur Oper kommenden Musiker, jetzt
zum instrumentalen Prinzip ubergeht, tut er es in einer Zeit,
in der die Uhr des Instrumentalen abgelaufen, seine Entwick-
lung abgeschlossen erscheint, in der alle neuen Krafte zum
Vokalen zuriickdrangen. Schrekers „Schmied von Gent" ist
eine der Spiegelungen der Idee der Oper im Instrumentalen,
wie es deren mehrere gibt. Spateren Zeiten freilich wird es
nicht recht erfindlich.sein, warum man sich bei der einen vor
Begeisterung nicht zu lassen wuBte, bei der andern aber (da
sie doch alle mit letztem artistischem Raffinement gemacht
sind) sich nicht enthalten konnte, mit gerunzelter Stirn Fehlen
von urspriinglicher Kraft, die in diesen Bezirken des Kunstle-
rischen niemand mehr haben kann, feierlich festzustellen und
zum Angelpunkt strikter Ablehnung zu machen.
Worauf man in Europa stolz ist
von Kaspar Hauser
J^ieser Erdteil ist stolz auf sich, und er kann auch stolz
auf sich. sein. Man ist stolz in Europa:
Deutscher zu sein.
*
Franzose zu sein.
Englander zu sein.
Kein Deutscher zu sein.
Kein Franzose zu sein.
*
Kein Englander zu sein.
*
687
An der Spitze der 3. Kompagnie zu stehn.
*
Eine deutsche Mutter zu sein. Am deutschen Rhein zu
stehn. Und uberhauot.
*
Ein Autogramm von Otto Gebiihr zu besitzen;
*
Eine Fahne zu haben. Ein Kriegsschiff zu sein. („Das
stolze Kriegsschiff . . .")
*
Im Kriege Proviantamtsverwalterstellvertreter gewesen
zu sein
*
Rurgermeister von Eistadt a. d. Dotter zu sein.
In der franzosischen Akademie zu sitzen. (Schwer vorstell-
bar.) In der preuBischen Akademie fur Dichtkunst zu sitzen.
(Unvorstellbar.)
Als deutscher Sozialdemokrat Schlimmeres verhutet zu
haben.
Aus Bern zu stammen. Aus Basel zu stammen. Aus Zurich
zu stammen, (Und so fur alle Kantone der Schweiz,)
Gegen Big Tilden verloren zu haben.
*
Deutscher zu sein. Das hatten wir schon. Ein judischer
Mann sagte einmal:
ltIch bin stolz darauf, Jude zu sein. Wenn ich nicht stolz
bin, bin ich auch Jude — da bin ich schon lieber gleich stolz!''
Hotelsolo ftir eine Mannerstimme Erich Tastner
T^\as ist mein Zimmer und ist doch nicht meines.
**^ Zwei Betten stehen Hand in Hand darin.
Zwei Betten sind es. Doch ich brauch nur eines,
Weil ich schon wieder mal alleine bin.
Der Koffer gahnt, Auch mir ist mud zumute.
Du fuhrst zu einem ziemlich andren Mann.
Ich kenn ihn gut, Ich wiinsch dir alles Gute,
Und wiinsche fast, du kamest niemals an.
Ich hatte dich nicht gehen lassen sollen!
(Nicht meinetwegen. Ich bin gern allein.)
Und doch: Wenn Frauen Fehler machen wollen,
dann soil man ihnen nicht im Wege sein.
Die Welt ist grofi. Du wirst dich drin verlaufen,
Wenn du dich nur nicht allzu weit verirrst , . .
Ich aber werd mich heute nacht besaufen
und biCchen beten, dafi du gliicklich wirst.
668
GastfemdSChaft von Elisabeth Hauptraann
Unter dem Titel „Drei8ig neue Erzahler des ncuen
Deutschland" bringt Wieland Herzfelde im Malik-Verlag
einen Novellenband heraus. Die nachfolgende Gcschichtc
gibt ein gutes BeispicI fur den harten Klang revolutio-
naren Erzahlens im Gegensatz zur biirgerlichen Arme-
Leute-Kunst.
A n einem Weihnachtsabend nahm die Familie Streicher, wohlhabende
** Leute, einen fremden arbeits- und mittellosen Mann fur einen
Abend bei sich auf, kleidete ihn, speiste ihn und gab ihm ein Nacht-
quartier. Sie tat es aus Mitgeftihl und erntete keinen Dank.
Er kam direkt aus der Kneipe. Der altere Herr Streicher war
noch kurz vor der Bescherung in die Kneipe gegangen, um ein paar
Flaschen Kognak zu holen. Dort hatte er einen Mann in einem hell-
braunen Sommerpaletot angetroffen, der, em halbleeres kleines Helles
vor sich, iiber dem Blech des Schanktisches lehnte und schimpfte, weil
der Wirt am Heiligen Abend sein Lokal bereits um acht Uhr schlieBen
wollte, und er infolge dessen, anstatt erst abeinhalbzwei Uhr nachts, be-
reits ab acht Uhr abends seine Wanderung <jurch die kal ten Strafien be-
ginnen sollte. Herr Streicher, die Arme voll Flaschen, hatte zwei Sekun-
den iiberlegt und ihn dann kurzerhand eingeladen, mit ihm zu kommen,
Der Mann war auch mitgekommen, murrisch und schweigsam.
Zu Hause bat Streicher den Mann, einige Augenblicke im Flur
zu warten, und ging hinein, um seiner Frau von dem Gast Mitteilung
zu machen. Frau Streicher wunderte sich, dann sagte sie, der Mann
solle sich in die Kiiche setzen. Streicher aber erklarte ihr, das kame
nicht in Frage. Der Mann sehe zwar abgerissen und mitgenommen,
aber durchaus intelligent aus, man miisse ihn entweder gar nicht auf-
nehmen oder als Gast, schliefilich sei es Weihnachten. Und uber-
haupt sei es fur die Kinder mal ganz gesund, sie sollten nur ruhig
lernen, dafi* nicht alle Letite in warmen Zimmern saflen, dafi man
nie wissen konne, wie es einem selber mal gehen wiirde, und was
dergleichen Gemeinplatze mehr sind.
In diesem Augenblick kam das Madchen ins Zimmer, und durch
die halbgeoffnete Tiir sah Frau Streicher den Gast stehen: er sah
wirklich entsetzlich abgerissen aus.
nEr mufl sich aber einen anderen Anzug anziehen", sagte Frau
Streicher erschrocken.
f,Ist das nicht etwas peinlich fiir ihn?" fragte- Herr Streicher,
„Da kann ich ihm nicht helfen", sagte Frau Streicher*
Vor dem Kleiderschrank fand dann folgendes Gesprach statt.
Streicher sagte:
„Dann gib ihm den grauen."
„Das ist doch ein Sommeranzug. Du mufit ihm schon den blauen
geben.",
,fWas er jetzt anhat, das ist auch ein Sommeranzug. IJen blauen
trag ich doch selber."
t,Da kann ich dir nicht helfen", sagte Frau Streicher.
Als Herr Streicher wieder auf den Flur trat, hatte er den blauen
Anzug uber dem Arm, er half dem Mann aus seinem Paletot untl
hangte ihn selber an die Flurgarderobe. Willig folgte ihm der Mann
in das Badezimmer, und mit einem Anflug von Humor sagte er dort,
als die Tiir hinter ihnen zu war; „Geben Sie ihn schon her." Es
schien ihm gar nicht peinlich zu sein..
Dann safi er in deni blauen Anzug noch eine Zeitlang in dem
kleinen Wohnzimmer. Ab und zu sah Herr Streicher hach ihm, ein-
mal kam ein Backfisch herein,, wunderte sich und ging wieder hinaus.
Als dann mit einstuhdiger Verspatung die Bescherung stattfand,
kamen aus dem ersten Stock Herr Streicher junior und seine junge
669
Frau herab, auBerdem waren die beiden jungsten 'Streicher, ein Gym-
nasiast und der Backfisch, sowie die beiden Madchen im Salon ver-
sammelt. Alles wickelte sich „wie am Schniirchen" ab. Auch fur den
Fremden hatte man einige Geschenke hergerichtet: einen Teller mit
Backwerk, einen Schal, eine Pfeife, keinen Tabak, Er stand etwas
unbeiioiiea, aber durchaus nicht geniert nehen dem Gymnasiasten und
betrachtete mit einem unbestimmbaren Ausdruck im Gesicbt dessen
Hauptgeschenk, einen PunchingbalL Dann bekam er einen Sessel hin-
geschoben, den er im Verlauf der Feier immer mehr hinter den Lich-
terbaum bugsierte. Dort safi er, horte den Grammophonplatten zu
und betrachtete den Baum, bis das Essen aufgetragen wurde. Ab und
zu schielte j eman d nach ihm hinf und der alt ere Streicher dachte
einmal bei sich, wahrend er eine neue Krawatte in Empfang nahm;
„Was denkt er wohl jetzt?"
Der Mann hinter dem Lichterbaum dachte:
„Wenn ich gleich auf der Treppe, wie ich wollte, dem Alten ein
paar Kroten abgenommen hatte fiir ein billiges Nachtquartier und
umgekehrt ware, dann ware alles in Ordnung geblieben. Auch in der
Ktiche hatte er mich unterbringen konnen, dann ware auch alles
richtig!"
Dann kam das Essen, und man setzte sich nebenan urn dea
Tisch, und die Familie begutachtete einen Entenbraten. Sie waren
alle schon mit Backwerk voll. Nur der Mann aB gewissenhaftf ruhig.
ohne aufzusehen, unaufhaltsam. (Er aB nicht nur fiir diesen Abend
sondern auch fiir den nachsten Abend mit.)
Eine kleine Schwierigkeit wurde durch Takt behpben: es gab
roten und weiBen Wein, und der jungere Streicher fragte jedesmal
vor dem Einschenken auch die Kinder, was sie wollten, rot oder weifl,
Als er zu dem fremden Mann kam, stutzte er einen Moment, die bei-
den Flaschen in den Handen. Der Mann sah ihn essend diesen Mo-
ment lang von unten herauf an, Dann unterdriickte der Jungere die
Frage: rot oder weiB? und gofi ihm, ohne zu fragen, weiBen Wein ein.
„Hat nicht gefragt. Der ist noch der Vernunftigste", sagte sich
der Mann.
Beim Nachtisch kam ein langeres Gesprach in FluB. Der Mann
erfuhr dadurch, daB die Streichers eine Lederriemenfabrik besafien.
Sie sprachen tiber einen Auftrag fiir die Mandschurei und von, den
Transportmoglichkeiten von der Kiiste aus ins Land hinein. Es fiel
das Wort Dairen und jemand sprach das Wort Lastauto aus.
„Da wird die Speditionsfirma sich schwer tun", sagte der Mann
kauend.
„Wieso? Waren Sie denn in Dairen?" fragte der jungere
Streicher erstaunt, aber nicht aufmunternd.
„Lastautos in Dairen kann man nur bekommen, wenn der Spedi-
teur sie mindestens zwei Monate vorher angefordert hat", sagte der
Mann,
Der jungere Streicher sagte lediglich; „So", und verhinderte eine
weitere Frage des alten Streicher, die Kenntnis seines Gastes uber
Dairen betreffend, dadurch, daB er anfing, lebhaft von etwas an-
derem zu sprechen.
Nur noch einmal griff der Mann im weiteren Verlauf des Abends
in ein Gesprach der Familie ein. Man war darauf zu sprechen ge-
kommen, wer der groBte lebende Deutsche sei. Die alte Frau Strei-
cher war fur Eckener, die Schwiegertochter votierte fur Hindenburg.
Der alte Streicher war im Zweifel, und der jungere betonte dieUber-
legenheit des „Zepp" uber alle andern Systeme, besonders iiber den
neueii englischen Riesentyp, der vie! schwacher sei, wenn ihn auch
die deutschen Zeitungen vielleicht unterschatzten.
1fEine Polarfahrt wurde ich mit dem Englander jedenfalls nicht
riskieren", sagte der jungere Stretcher,
690
,fDas war ein kluger Schachzug von Eckener, die Polarfahrt",
sagte der altere Herr Streichcr.
nDie Mannschaft hat sich geweigert", sagte in diesem Augenblick
leise der Gast.
Der junge Streicher sah erstaunt nach ihm hin:
tfWas meinen Sie damit?"
MNichts Besonderes," sagte der Mann, Mmir, dafi sie sich gewei-
gert haben/*
„Aber die; Leute sind doch alle mit/ iibers groBe Wasser", sagte
der alte Streicher betroffen.
Der Mann lachelte, ,f Ja, aber dieses Mai haben sie sich ge-
weigert." Er schien direkt aufgetaut zu sein.
Die Familie wuBte gar nicht, was er meintet und mehr, als daB
„sie sich geweigert haben", war aus ihm nicht herauszubekommen. Die
Schwiegertochter meinte schlieBIich, sie konne es fast begreifen, daB
die Leute Besorgnis hatten, so ins Ungewisse hineinzufliegen.
„Ausgeschlossen'\ entriistete sich der altere Streicher. „Wer
zweimal iiber den Ozean fliegt, hat keine Besorgnis/1
„So?" sagte der Mann. „Aber an den Pol fiiegen, das haben sie sich
geweigert/' Man muBte das Gesprach abbrechen. Das Essen war auch zu
Ende. Der altere Streicher gab dem Gast eine Zigarre, man ging
in ein andres Zimmer, Dort stand eine Bowie auf dem Tisch, sonst
wuBte man nicht recht, was man jetzt anfangen sollte.
Das Gastrecht war in dieser Zeit in ziemliche Verwirrung ge-
raten. Mit dem Aufkommen der grofien Hotels war die Gastfreund-
schaft um ihre Hauptreize gekommen. In den meisten Wohnungen
fehlten schon seit Beginn dieses Jahrhunderts die Gastzimmer voll-
standig. Heute noch wie in grauer Vorzeit freut sich die Eskimo-
familie, wenn ein Gast zu ihrer Schneehutte kommt. Der Hausherr
bewillkommt ihn sttirmisch, die Schneeschuhe werden an das Feuer
gestellt, das Renntierfleisch damp ft in der Pfanne, und der Gast er-
zahlt von andern Gegenden und von andern Familien. - So ist das
in unsern Zonen nicht. Der Gast ist hier vorwiegend las tig.
Als die Zeit vorrucktej stand der altere Streicher auf, um noch
einmal nach der Fabrik zu sehen. Er for der te den Gast auf, mitzu-
kommen, gedachte, ihm da mit einen Gefallen zu tun, Sie gingen
schweigend fiber den Hof. Der Mann hatte seinen braunen Paletot
wieder angezogen, Ich konnte ihm die Portierstelle antragen, fiel es
dem alten Mann ein. Er ist nicht dumm. Er zeigte ihm die Portier-
loge und erwahnte beilaufig, daB der Portier gekundigt sei. Der
Portier stand tibrigens dabei. Er hatte die Mutze abgenommen, sein
Gesicht sah ebenso unbestimmbar aus wie das des Fremden, als er
den Punchingball betrachtet hatte. '■
„Ein Of en ist auch drinnen", sagte der Fabrikant. „Das weitere
wollen wir Dienstag besprechen, nach den Feiertagen."
Der Mann warf einen Blick hinein, sagte aber nichts. Er sagte
auch nichts, als sie iiber den Hof zurtickgingen. Darauf fing auch
der alte Streicher nicht mehr davon an*
Der junge Herr Streicher miihte sich grade an dem Radio-
apparat ab, den er dem alten Streicher geschenkt hatte. Der Alte
stellte sich neben ihn und sah zu, auch der Fremde sah zuj ; „Der
kann nicht einmal die Batterie richtig anschlieBen", sagte sich der
Fremde. Er war Monteur und hieB Joseph Merg. Er hatte den
Paletot wieder im Flur abgelegt und sah jetzt wieder ziemlich miB-
mutig aus. Er hatte gegessen und getrunken, der Abend war in
Warme dahingegangen, es war jetzt einhalljzwolf Uhr, und er be-
schaftigte sich in seinen Gedanken wieder mit der kommenden Nacht.
Man schien auch in der Familie den Abend fur beendet zu halten
und besprach sich nur noch wegen einer eventuellen zweiten Bowie.
Da man aber die Madchen nicht storen wollte, die unten in der
Kuche feierten, lieB man den Gedanken fallen. Die jungen Stretchers
691
verabschiedeten sich und gingen in den ersten Stock hinauf. Bevor
sie gingen, tat die Schwiegertochter in ihrer Miidigkeit noch erne un-
vorsichtige Frage. „Wo gehen Sie hin?" fragte sie den Fremden.
Eine kleine Stille entstand. Die Frage war unvorsichtig ge-
wesen, aber der Gast hatte immerhin „nach Hause" sagen kdnnen,
nach Hause, wo immer dieses zu Hause liegen mochte, Aber der
Mann sagte nicht nach Hause. Er sah die Leute an, die ihu ein-
geladen hatten, er bemerkte, daB sie diese ganz bestimmte Antwort
von ihm erwarteten, er sah den alten Streicher an und wurde plotz-
lich bose und sagte die Wahrheit: „Ich habe noch keine Unterkunft."
„Sie bleiben hier", sagte die alte Frau schnell,
Man iiberliefi ihm eine Madchenkammer im Dachgeschofi, Der
alte Streicher brachte ihn selbst dorthin, legte ihm einige Zigarren
auf den Nachttisch, kam dann sogar noch einmal und hangte den
Paletot an den Kleiderrechen und legte die Geschenke neben die Zi-
garren auf den Nachttisch, Der Mann safi auf dem Bettrand und
nickte ihm zu, als der alte Mann ihm „Gute Nacht" wunschend hinaus-
ging. Er blieb noch eine Zeitlang; sitzen, in dem blauen Anzug, die
Ellbogen auf die Knie gestutzt. Ab und zu gahnte er. (Hunger
macht mtide und Essen macht faul.) Nach zwanzig Minuten war
alles ruhig im Hause, und der Mann erhob sich. Er zog seinen
Paletot an, steckte die Geschenke ein und trat hinaus. Eine Weile
stand er unschliissig im Treppenhaus. Wer wiirde ihni aufsperren?
Er ging langsam im Dunkeln die Treppe hinunter. Da sah er, zu-
nachst verwundert, daB unten Licht war; aus dem Bescherungszim-
mer kam, mit dem Schlusselbund in der Hand, schon ohne Kragen,
der junge Streicher. Er sah den Gast im Mantel auf der Treppe
stehen. Er machte Licht im Flur und ging voraus.
„Der weifi Bescheid", sagte sich der Gast und dachte an die
Sache mit dem Wein am Abend, Ohne ein Wort zu verlieren, gingen
beide Manner zum Eingang, fast feindlich der Gastgeber, der dem Gast
die Haustiir aufsperrte, und fast freundlich der Gast, der aufatmend
hinaustrat in die kalte Nacht,
Agrarier und Oberagrarier von Bembard citron
l^einc parlamentarische Regierung hat der Offentlichkeit jc
1X1 so tiefe Einblickc in das Gehcimnis der Ressortberatungen
und Kabincttsintrigcn gcwahrt wic das der grundsatzlich neuen,
autoritaren Staatsfiihrung, Allgcmcin bckannt ist, daB der
Ernahrungsminister v. Braun in seinem Kampf fur eine
,,nationale Wirtschaft" von dem Wehrminister gestutzt wird,
wahrend Wirtschaftsminister Warmbold und AuBenminister
v. Neurath die Aufrechterhaltung wirtschaftlicher und politi-
sch-er Beziehungen mit dem Ausland verteidigen. Der Kanzler
steht nicht uber diesen beiden Gruppen sondern zwischen
ihnen, einmal sucht er bei den Autarkisten und ein andres Mai
bei den ,,Internationalisten" AnschluB. So konnte es zu einer
offentlichen Replik des Wirtschaftsministers auf die bekannte
miinchner Rede des Ernahrungsministers kommen. So lieB
Freiherr v. Braun durch das amtliche Nachrichtenbureau ver-
lauten, die autonomen Kontingente se.ien bereits beschlossen,
wahrend er am folgenden Tage desavouiert wurde. SchlieB-
lich auBerte sich Papen einigen deutschnationalen Abgeord-
neien gegeniiber, die Kontingentierung werde nun doch ver-
abschiedet — wiederum verging kaum ein Tag bis zur Ver-
tagung der ganzen Angelegenheit.
Diese Behandlung der schwerstwie^enden wirtschaftspoli-
em
tisehen Fragen isi? nichts andres als ein durchsichtiges Wahl-
man over. Industrie und Handel beruhigt man damit, daB eine
Vertagung der Kontingente so gut wie ein Verzicht sei, und den
Agrariern yersichert man mit einem Augenzwinkern: LaBt erst
das Stimmvieh antreten, dann bekommt ihr doch alles, was
ihr haben wollt; inzwischen geben wir euch als VorschuB die
Magazinierung des Getreides,
Die Entscheidung lautete nicht: Magazinierung statt Kon-
ti'ngentierung — sondern Magazinierung vor Kontingentierung.
Die urspriingliche' For de rung des Reichslandbundes, durch die
Getreidehandelsgesellschaft Getreide aufzukaufen und es vor-
laufig fur Rechnung und Gefahr des Reiches einzulagern, war
vom Ernahrungsminister aufgenommen worden. Gegeri diesen
Plan leistete nur der Finanzminister Schwerin-Krosigk heftigen
Widerstand. Man begegnete seiner Warnung, den Etat erneut
zu belasten, mit dem Hinweis, daB nur so die f ruber gewahrten
Subventionen gerettet werden konnten — was dem Standpunkt
eines Hazard-Spielers entspricht, der seine ersten Spielverluste
durch immer hohere Einsatze zuruckzugewinnen sucht. ,-. In der
amtlichen Begrundung der Getreidestiitzungs-Aktion heiBt es:
Fur die Landwirtschaft tragbare Getreidepreise sind nicht nur
im Hinblick auf die gesamtc wirtschaftliche Bedeutung und die Not-
wendigkeit der Erhaltung des Getreidebaues erforderlich, sondern auch
urn einen Zusammenbruch der Osthilfeaktion, die Gefahrdung der
bisher fiir den Osten aufgewendeten Mittel und die dadurch beding-
ten uniibersehbaren Folgen fiir alle Wirtschaftszweige des ganzen
Reiches zu verhindern.
Mit dieser Begrundung, man miisse dem schlechten Geld
gutes nachwerfen, hat sich wohl auch Schwerin-Krosigk zu-
frieden gegeben. Der Wirtschaftsminister ist ,an der Getreide-
stiitzung uninteressiert, und ebenso der AuBenminister, denn
das Ausland wird sehr erfreut dariiber sein, wenn Deutsch-
land aiuf Staatskosten Getreide aus dem Verkehr zieht Auch
die sogenannte Wirtschaft, die in Handelskammer-Protesten
und Industrie-Resolutionen, in Geschaftsberichten groBer Kon-
zerne und in Eingaben zahlloser Verbande gegen die Kontin-
gentierung Sturm lief, schweigt zu der Magazinierung. Mag
die ganze Ernte verbrennen, wenn nur nicht der deutsche Ex-
port gefahrdet wird!
Der handelspolitische Waffenstillstand ist eine Kapitula-
tion vor Danemark und Holland, Danemark hat man ein Kon-
tingent von 32,3, Holland von 21,1 Prozent zugebilligt. Da-
gegen erhalten Lettland nur 10,4, Pol en 6,6 und Litauen 3,8
Prozent. Finnland, auf das gleichfalls nur 3,8 Prozent entf al-
ien, wird durch ein Sonderabkommen mit Danemark entscha-
digt. Die Beruhigung der Danen und Hollander ist mit einer
Zuriicksetzung der ostlichen Randstaaten erkauft worden. Aber
damit ist der schlimmste Fehler der deutschen Handelspojitik
gegenuber Holland und Skandinavien riicht wettgemacht wor-
den. Die in Ottawa begonnene rieue Handelspolitik des briti-
schen Imperiums hat jene Lander geschadigt und dem Deut-
schen Reich Gelegenheit gebbten, die Erbschaft Englandis in
Skandinavien anzutreten. Deutschland hat nicht nuf die&e Gele-
genheit verpaBt sondern sich sogar in einen Kriegszustand mari6-
693
vriert, der es England ermoglichte, die alten Positionen zuhal-
ten und daruber hinaus den deutschen EinfluB zuriickzudrangen.
Ziel des Wirtschaftsministers und seiner Freunde war es
wahrend der vergangenen Tage und Wochen, die Agrarier mSg-
Hchst von; den Kontingenten abzulenken. Warmbold hat eine
agrarische Jfronde gegen deu Freiherrn v. Braun zusammen-
gebracht, an deren Spitze der presumptive Ernahrungsminister
Knebel-Doberitz stent. Diese Gruppe tritt fur die Ersetzung
der Kontingente durch ein Getreidehandelsmonopol ein. Wenn
politische Gradunterschiede hier noch angebracht erscheraen,
so sind die Warmbold- Agrarier noch reaktionarer alsdieLeute
des Freiherrn v. Braun. Er will die ganze Landwirtschaft von
der ubrigen Bevolkerung ernahren lassen, sein Nachfolger aber
wtinscht, daB ausschlieBlich die groBen Latifundienbesitzer an
dem Getreidemonopol verdienen sollen.
Ein KompromiB zwischen beiden Richtungen ist die Maga-
zinierung. Wahrend in der Offentlichkeit bereits der Betrag
von hundert Millionen Mark als Getreidestiitzungs-Kredit ge-
nannt wurde, will sich die Regierung jetzt nicht mehr auf eine
bestimmte Sumrae festlegen, weil sonst der Getreidehandel
diese Kenntnis zu spekulativen Z week en ausnutzen wurde, Tat-
sachlich aber ist der Grund ein andrer. Der RoggenuberschuB
des Erntejahres 1932 diirfte etwa zwei Millionen Tonnen be-
tragen. Mit hundert Millionen Mark konnen aber nur etwa
0,6 Millionen Tonnen aus dem Verkehr gezogen werden. Wird
man die ubrigen 1,4 Millionen Tonnen auf den Markt werfen,
cder wird man zu ihrer Beseitigung weitere zweihundert Mil-
lionen Mark aufwenden?, Wer die bisherigen Wege der deut-
schen Agrarpolitik verfolgt hat, wird ohne Zogern voraussagen,
daB die zweite Losung gewahlt werden wird. Man kann ver-
stehen, daB sich die Regierung scheut, genaue Zablen zu nennen.
Diirch die Getreidestutzung werden gewaltige Vorrats-
mengen vernichtet. Die Silos, in denen das Getreide auf
mechanischem Wege umgeschichtet und damit vor dem Verder-
ben geschutzt wird, sind samtlich uberfullt. Da die Regierung
durch die Gewahrung von Lagerkosten- und Zinszuschiissen
fur die Getreidelombardierung bisher die Einlagerung finan-
ziert hat, werden die Silos vorlaufig hicht geraumt werden. Die
von der Getreidehandelsgesellschaft aufzukaufenden Vorrate
miissen also groBtenteils in gewohnlichen Lagerboden der Miih-
len und der Landwirte untergebracht werden. Die Ubersicht uber
die gewaltigen Vorrate ist nur schwer moglich, Nach vier bis
sechs Wochen wird das Getreide gewohnlich warm und be-
ginnt, wenn es nicht standig umgehauit wird, zu stinken. Es
erscheint ganz unmoglich, die teilweise ganz primitiv eingela-
gerten Vorrate auf die Dauer vor dem Verderben zu schiitzen-
Friiher mastete man die Schweine hauptsachlich mit Kar-
toffeln, und die Menschen nahrten sich vom Broi Jetzt ist
das Brot zu teuer geworden, sodaB das Volk immer mehr zum
ausschlieBUchen Kartoffelkonsum ubergeht, Dafiir fressen die
Schweine den denaturierten Roggen, damit die Preise nicht
fallen. Durch die Magazinierung wird^ab^r der Roggen nicht
nur der menschlichen sondern auch def tierischen Nahrung
entzogen. Statt Brotverbilligung — Brotvernichtung!
694
Wochenschau des Ruckschritts
— Der IL Strafsenat des Kammergerichts Berlin hat die von
Rechtsanwalt Litten gegen seinen Ausschlufl aus dcm Felseneck-
ProzeB eingelegte Beschwerde zuruckgewiesen.
— Von den durch die Regierung beforderten Beamten gehoren
zwei zum Corps Rhenaniae-StraBburg, einer zum Corps Teutoniae-
GieBen, einer zum Corps Palatiae-Bonn, einer zum Corps Vandaliae-
Heidelberg, einer zum Corps Sueviae-Tubingen, einer zum Corps
Sueviae-Freiburg, einer zum Corps Sueviae-Heidelberg, einer zum
Corps Hasso-Borussiae, einer zum Corps Hasso-Nassoviae und fiinf
zum Corps Saxoniae-Gottingen; Herr v, Papen und Herr v, Gayl sind
alte Herren der Corps Saxoniae-Gottingen, Borussiae-Heidelberg und
Hasso-Borussiae,
— Der nationalsozialistische Regierungsprasident Boehmcker hat
den deutschnationalen Biirgermeister der oldenburgischen Stadt Eutin,
Stoffregen, seines Amtes enthoben und ihn durch ein Kommando der
Ordnungspolizei aus seinen Amtsraumen entfernen lassen,
— Im Zusammenhang mit dem Streik bei der Berliner Verkehrs-
Gesellschaft wurde eine Anzahl von Funktionaren der Revolutionaren
Gewerkschafts-Opposition verhaftet; die ,Rote Fahne' und die ,Welt
am Abend' wurden wegen ihrer Stellungnahme zu dem Streik auf acht
Tage verboten. Die Rotationsmaschine der Citydruckerei, auf der die
,Rote Fahne' gedruckt wird, wurde erneut versiegelt, da die Besitzer
gegen die ihnen auferlegten Bestimmungen verstoBen hatten; danach
sollten auf dieser Maschine keine Schriften mehr hergestellt werden,
,,die zum politischen Massenstreik zwecks* Sturz der Regierung oder
Anderung der Verfassung" auffordern oder „zum revolutionaren Aus-
weg aus der Krise". Die illustrierte Beilage der ,Roten Fahne', fDer
Rote Stern', wurde bis zum 30, Januar verboten.
— Der Kammerherr Elard von Oldenburg-Januschau erklarte in
einer deutschnationalen Wahlversammlung in Elbing: „Wir werden
dem Volke eine Verfassung aufbrennen, dafi ihm Horen und Sehen
vergeht!"
— Verschiedenen Arbeitern, die als Delegierte zur Fiinf zehnjahr-
Feier nach RuBland fahren woliten, sind die Passe verweigert. andren
sind sie abgenommen worden. In Tilsit wurden sechzehn Arbeiter auf
der Durchreise nach RuBIand aus dem Zuge geholt und zur Abgabe
der Passe 'gezwungen.
— Eine Versammlung der JAH in Oranienburg wurde auf gelost,
als der Referent sich gegen die biirgerlichen Wohltatigkeitsvereirie
wandte; eine Versammlung des Clubs der Geistesarbeiter mit dem
Thema „Die russische Revolution und die Geistesarbeiter — Die
deutsche Kulturreaktion und die Geistesarbeiter" wurde verboten; in
einer berliner Erwerbslosenkundgebung wurde der kommunistische
Referent Jendretzki verhaftet; die fur eine Wahlversammlung der SPD
geplanten Vorfuhrungen einer Spielgruppe der SAJ und des Reichs-
banners wurdenv polizeilich untersagt.
— Ein Rundfunkvortrag des nationalistischen Schriftstellers Fried-
rich Hielscher uber den „Staat der Deutschen" wurde abgesetzt, da
der Vortrag nicht „die christliche Grundlage des Staates" betone und
Kritik an der „Wilhelminischen Oberschicht" und an der Privatwirt-
schaft iibe,
— Das Verbot des Bundes „Oberland" ist vom Reich skommissar
Doktor Bracht aufgehoben worden, ebenso das im Jahre 1922 aus-
gesprochene Verbot des „Verbandes nationalgesihnter Soldaten".
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen,
695
Bemerkungen
Herriots Mehrheit
Fjic Debatte, die am 28. Oktober
*^ in der franzosischen Kammer
iiber die Abrustung stattfand, hat
in Deutschland lange nicht die Be-
achtung gefunden, die sie verdient.
Denn den Verlauf und das Er-
gebnis dieser Sitzung machen sie
zu einem Faktum ersten Ranges,
dessen Wichtigkeit fiir Deutsch-
land auf der Hand liegt, das aber
.auch fiir die internationale Po-
sition Frankreichs von hochster
Bedeutung ist.
Bemerkenswert ist schon das
zahlenmaBige Ergebnis, Fiir die
Tagesordnung, die das Ab-
riistungsprogramm der Regierung
billigt, ihr das Vertrauen der
Kammer ausspricht und alle An-
trage der Opposition ablehnt,
stimmten 425 Abgeqrdnete, da-
gegen 25. Es ist richtig, daB es
146 Stimmenthaltungen gab,
Trotzdem hat seit der Union
sacree der Kriegsjahre kaum eine
Regierung eine so groBe Mehrheit
erhalten.
Noch aufschluBreicher ist die
Zusammensetzung dieser Mehrheit,
Sie reicht vom rechten Zentrum bis
zu den Kommtinisten, die unter
dem EinfluB Trotzkis eine eigne
Partei gebildet haben und nur
einen Abgeordneten weniger als
die offiziellen Kommunisten zah-
len. Gegen die Regierung stimm-
ten lediglich die auBerste Rechte
und die auBerste Linke, wahrend
die Stimmenthaltungen zum groB-
ten Teil auf die verschiedenen
Rechtsp&rteien entfielen.
Die Reden, die an diesem Tag
gehalten wurden, standen auf
einem sehr hohen Niveau, Kein
unsachliches Wort, keine person-
lichen Angriffe. Dabei tagte die
Kammer mit zwei kurzen Unter-
brechungen von hachmittags um
drei bis halb zwei Uhr nachts,.
Wer glaubt, auch in Frankreich
sei das Ende des Parlamentaris-
mus nahe, mag sich durch die
Lekture dieses Sitzungsberichts
eines Bessern belehren las sen.
Was Herriot zu seinem groBen
Erfolg verhalf, war nun weniger
sein Abriistungsprogramra, uber
*96
das er verhaltnismaBig wenig
sagte, als die Art, in der er dafur
eintrat. Er bat ausdriicklich, die
Plane der Regierung, die fiir die
bevorstehenden Verhandlungen
mit den andern Machten ja nur
als Grundlage dienen sollten, vor-
laufig nicht zu kritisieren. Ent-
scheidenden Wert legte er viel-
mehr darauf, Frankreich erne gute
Atmosphare fiir diese Verhand-
lungen zu schaffen,
Bereits der Sozialist Leon Blum
hatte sehr gliicklich gegen die
oppositionelle Minderheit polemi-
siert, die Frankreichs Heil nur in
Riistungen und in Militarbiind-
nissen sieht. Frankreichs Grenzen,
so fiihrte Blum aus, seien im Ver-
trag von Locarno durch die Unter-
schriften Englands < und Italiens
garantiert; man diirfe diese Lan-
der nicht beleidigen, indem man
ihre Unterschriften entwerte. Dann
fuhr er fort: „Von Papen und von
Schleicher wollen aufriisten, aber
sie sind gezwungen, ihren Willen
hinter einem Abrustungsangebot
zu verbergen. Man muB sie beim
Wort nehmen , , . Wenn sie ab-
lehnten, ware die ganze Welt
gegen sie, und Frankreich ware
wieder der Mittelpunkt der Frei-
heit der Welt."
Herriot, der betont maByoll
sprach, auBerte sich ganz ahnlich.
Auch er bezeichnete es als eine
Tatsache, daB Deutschland auf-
riisten wolle; die englische Regie-
rung teile darin vollkommen die
Auffassung der franzosischen, Es
sei naheliegend, nunmehr auch die
eignen Rustungen zu verstarken.
Aber Frankreich durfe sich nicht
ins.Unrecht setzen lassen sondern
mtisse alles unterlassen, was die
Abrtistungskonferenz zum Schei-
tern bringen konne. „Wollen Sie
diesem Land ein einziges seiner
Rechtsmittel rauben?"
Herriot schlofi nicht aus^ daB es
schlieBlich doch wieder zu einem
Wettriisten und sogar zu einem
neuen deutsch-franzosischen Krieg
kommen konne, Fiir diesen Fall
mtisse man dafur sorgen, dafi
Frankreich nicht allein bliebe. Die
Unterstutzung Englands und
Amerikas aber werde man sich
.nur sichern, wenn man alles tue,
nm den Frieden zu organisieren.
Vielleicht werde das miBlingen,
jedoch „wenn eines Tages
schwierige Umstande eintreten, die
ich nicht fur unmoglich halte, ver-
stehen Sie mich wohl, meine lie-
ben Kollegen, dann wird Frank-
reich wenigstens in der Situation
des Frankreichs von 1914 sein,
das gewifi zunachst und beson-
ders durch das Heldentum seiner
Sonne gerettet wurde, aber auch
durch seine wunderbare Un-
schuld und durch die Reinheit
seines Gewissens",
Das war der springende Punkt
dieser Rede und dieser Debatte.
Weder Herriot noch die Kammer
sind von den Aussichten ihres
neuen Abrtistungsplans sonderlich
iiberzeugt. Aber sie legen Wert
darauf, vor dem Lande und der
Welt ihren guten Willen zu be-
tonen und sich eine giinstige
Plattform zu schaffen.
So macht man AuBenpolitik.
Und so macht man Propaganda.
Hanns-Erich Kaminski
Die Linke hat Schuld
T^ebatten uber Schuldfragen ha-
*^ ben neben ihrer relativen
Wichtigkeit immer etwas leicht
Komisches, deuteln sie doch an
Fakten herum, die nicht un-
geschehen gemacht werden kon-
nen. Auch mit der praktischen
Bedeutung der Sentenz, man
lerne aus seinen Fehlern, ist es
nicht weit her, denn einer Ge-
neration, die einmal die ihr zu-
gefallene Aufgabe, Geschichte in
ihrem Sinne zu machen, nicht er-
fiillt hat, wird wohl kaum je-
mals wieder die gleiche Chance
geboten werden. Und junge Men-
schen wolleit ja doch ihren Weg
allein gehenjf ihre Fehler, ihre Er-
fahrungen allein machen. So war
es schon immer und ist auch gut
so: erkampfte Ansichten pflegen
besser fundiert zu sein als an-
gelernte.
Doch hat die Linke einen Feh-
ler gemacht (und macht ihn noch
immer) , desse(n Auf deckung
nicht nur theoretische Bedeu-
tung hat sondern eminent prak-
tische Wirkungen zeitigen kann.
Wenn auch im Augenblick keine
Aussicht besteht, dafi .wir ent-
schwundene Machtpositionen in
absehbarer Zeit wieder einneh-
men konnen, so haben wir doch
immer noch die Moglichkeit, in
Wort und Schrift den Gegner zu
bekampfen und zu entlarven.
Und hier ist Jahre hindurch eine
Siinde begangen worden (und
wird noch immer begangen), die
man vielleicht am besten charak-
terisieren konnte als die Sucht,
den Feind kleiner zu machen,
als er ist. Das mag verschie-
dene Ursachen haben : Bequem-
lichkeit - — es macht zu viel
Miihe, sich mit dem Programm,
den Ideen und Argumenten des
Gegners auseinanderzusetzen;
Hochmut gegeniiber allem, was
nicht auf dem eignen Mist ge-
wachsen ist ; intellektuelle Un-
fahigkeit, die Ansichten der an-
dern zu widerlegen — und noch
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Hitler oder Hugenberg, Goebbels
oder Hussong, Miiller oder
Schulze heiBen, die meisten Aus-
lassungen der Linken liefien diese
Figuren als mehr oder minder
groBe Trottel erscheinen. Jetzt
sind diese „Trottel" auf einmal
an der Macht oder bedenkiich
in ihre Nahe geriickt
Niemand gibt gern zu, dafi er
sich geirrt hat Es ware aber
lacherlich, hier Versteck zu spie-
len und nicht einzusehen, dafi
man sich eines psychologischen
Irrtums schuldig gemacht hat,
als man den jetzt so GroBen
tiber die Achseln ansehen zu
konnen vermeinte. Die Linke hat
es sich selbst zuzuschreiben, dafi
sich das Gift der Ideen, Theo-
rien und Argumente der Gegner
ungehindert ausbreiten und die
Gehirne vernebeln konnte. Wie
selten traf man vor dem Septem-
ber 1930 auf eine Arbeit, die den
Versuch unternahm, den Feind
in seinem Hause aufzusuchen,
ihn so zu zeichnen, wie er war,
und dann sein politisches Ge-
baude anzubohren. Jetzt endlich
bequemt man sich dazu, naher
und ernsthaft auf diese Fragen
einzugehen, Vielleicht ist es noch
nicht zu spat . . .
Schon aber hat sich die Ver-
kleinerungsmanie 'wieder einem
andern Objekt zugewandt. Jetzt
mussen die Aufienseiter der Re-
aktion dran glauben: die Jiinger,
Schauwecker, Hielscher, Otto
Strafier, Fried etcetera- Es gibt
sehr wenige, die erkannt haben,
daB grade diese Einzelganger
oder Fuhrer kleiner und klein-
ster Gruppen die Atmosphare
schaffen, in der sich das geistige
Leben Deutschlands wahrend der
* Reaktion abspieleh wird» Hier
ist der Versuch eingehender Be-
schaftigung mit der intellektuel-
len Rechten hanfig gemacht wor-
den — nicht . ohne dafi dies uns
den Spott Derer eingetragen
hatte, die zahlenmaBige Starke
als4 das ausschlaggebende Krite-
rium fiir die politische Bedeutung
einer geafellschaftlichen Erschei-
nung ansehen, Als ob es nicht
immer grade die Einzelganger
698
oder Fuhrer solcher „bedeutungs~
losen" Gruppen gewesen warenr
die den Boden fiir eine Massen-
bewegung vorbereitet hatten."
GewiB, es gehort ein sehr fei-
nes Gefiihl dazu, Sektierer von
jenen Abseitigen zu unterschei-
den, die das Bild der nahen und
fernen Zukunft bestimmen wer-
den; und ebenso liegt bei einer
intensiven Beschaftigung mit die-
sen Leuten die Gefahr nahe, daB
man sie nun wieder groBer macht,
als sie sind. Doch das richtige
Differenzierungs- und Bewer-
tungsvermogen lafit sich nicht
lernen, wer es nicht in sich hat,
lasse seine Finger davon, Aber
die Linke sollte es sich endlich
abgewohnen, aus dem Gegner
einen Popanz zu machen, sich
einen Schemen zu konstruieren,
der der wirklichen Gestalt nicht
entspricht, Auf diese Weise haut
man immer nur in die Luft, so
daB der von diesen Schlagen vol-
lig Unberiihrte immer grofier
wird. Wir wollen sie zerzausenr
daB kein gutes Haar an ihnen
bleibt — aber immer nur auf der
Grundlage dessen, was sie wirk-
lich sagen und lehren.
Der kleine Hitler aus der ver-
raucherten Kneipe in Miinchen
hat Millionen verzaubert. DaB
ers konnte, war nicht zuletzt die
Schuld Derer, die das Mittel in
der Hand, vielmehr im Gehirn
hatten, die immense Gefahr zu
erkennen, die hier heranwuchs*
Walther Karsch
Die Macht
Der MachttrieB, den die In-
dividualpsychologen an Wich-
tigkeit dem Sexualtrieb gleich-
setzen, der Machttrieb, der alter
ist als die Bewufitwerdung des
Menschen, bedarf seit einigen
tausend Jahren zu seiner Be-
friedi^ung eines Hilfsfaktorsj der
fruher verachtet wurde, heute
gehatschelt, immer aber ge-
braucht wird, und der Geld
heifit. Also ist es folgerichtig,
wenn das zweite Buch Robert
Neumanns, ,thandelnd von der Na-
turgeschichte des Gel des", den
Titel „Die Macht" fiihrt. (Bei
Paul Zsolnay in Wien.) Der
Autor hat sich nicht bei histo-
rischen Vorarbeiten aufgehalten.
ja — moglicherweise — nicht ein-
mal bei der Hochbliite des Kapi-
talismus. Mit dem ersten Buch
f,SintfIut'\ einer Standardschilde-
rung der Inflationszeit, und mit
der im Jahre 1929 spielenden
„Macht" hat ef gleich bei einem
Entwicklungspunkt der Wirt-
schaftsgesehichte angefangen, der
tins Mitlebenden als Todes-
.zuckungen des Geldzeitalters er-
scheinen will. Ob wir recht
hatten, wird sich erst spater er-
weisen lassen.
nSintfiut" war ein groBer Wurf;
„Die Macht" ist ein grofier Ent-
wurf. Sie basiert auf dem relativ
j ungen wirtschaf tspolitischen
Leitsatz „Wer das Petroleum hat,
hesitzt die Welt" und schildert
mit beherztem Zugriff das Ranke-
spiel amerikanisch-russisch-eng-
lischer Interessen, in welchem die
GroBen dieser Erde ohne Um-
stande zu personlichem Auftreten
veranlaBt~ werden, teils (Sir Basil
Zaharoff zum Beispiel) unter eig-
nem Namen, teils unter durch-
sichtigem Pseudonym. (Deterding,
LudendoVff etcetera.) Orient und
Occident, Volkerbund und Bun-
desregierung — das grofie Fang-
netz der Olmagnaten und die
Machenschaften der sowjetisti-
schen Handelsdelegationen —
niederes Spitzelwesen nationa-
listischer und kommunistischer
Agenten und die geistvollen
Intrigen der Bankiers und Advo-
katen — Fememord, Stellungs-
schacher, Erpressung — volkische
Belange und Internationale Geld-
mteressen: dies alles zieht auf
nahezu sechshundert Seiten in
einem gewaltigen Mexensabbath
an dem betaubten Leser vorbei,
langatmig und atemraubend zu-
gleich. Mittelpunkt der Hand-
lung ist ein georgischer Furst,
der, die Rechte der Heimat wie-
derherzustellen, von Asien bis
nach Wien geschwemmt und dort
zum unschuldigen Spielball tief-
boser Machte wird, denen er ah-
nungslos-glaubig gegeniiber bleibt
bis zur Zermalmung. Diese glaub-
wiirdig erfundene und durchge-
fiihrte Kontrastierung ist ein
nicht eben neuer, aber hier be-
sonders gegliickter Griff, und der
Einfall, durch den der einge-
kreiste, verarmte und fast zu
Tode gehetzte Karachan zu neuem
Vermogen kommt, das er dann,
verzweifelnd an sich und Europa,
von sich schleudert — dieser Ein-
fall ist wahrhaft dichterisch,
Auch die ganze gottlose Ko-
modie des Geldmachtspieles zu
schildern, ist Neumann wohl
einer der Berufensten; er kennt
sich in den Salen der Borse und
Banken und in den Kanzleien der
Zivilanwalte so gut aus wie in
den spezialisierteren Spielkasinos
der Riviera. Und was das inter-
national e Kraftespiei von Geheim-
vertragen, Tscherwonzenfalschun-
gen, Konterminen, Wirtschafts-
spionen und, was noch allem be-
trifft, so ist ja aus Archiven und
Prozessen genugsam erwiesen,
dafi die Wirklichkeit viel un-
wahrscheinlicher und knalliger
arbeitet als der wusteste Hinter-
treppenroman. Gegen Fabel und
Vorwurf also bleibt nichts einzu-
wenden. Aber allerhand gegen
die Ausfuhrung. Das Buch leidet
schwer darunter, dafi sein Autor
es nicht fertigbrachte, einen na-
menlos komplizierten Gegenstand
einfach darzustellen. Das ist, zu-
gegeben, weitaus schwerer als das
Gegenteil, ware aber notwendig
gewesen, um den Leser restlos zu
Um iiber sein Werk orientiert zu sein,
lesen Sie am besten das neueste Buch
iron B6 Yin Ra: ,,Der Weg meiner Schil-
ler", Oder auch die Erzahlung: „Das
Geheimnis".
lErsChienen in der Kober'schen Verlagsbuchhandlung (gegr. 1816), Basel-Leipzig.
Durch alia Buchhandlungen oder direkt vom Verlag zu beziehen,
699
fesseln und zu uberzeugen, Statt
dessen erstickt er in cinem Ge-
strtipp aus Ironie, Geistreichelei
und wirklichem Geist, dem zwi-
schendurch herrliche Formulierun-
gen gelingen, in einem t)ber-
angebot von spirituellen, senti-
mentalen und sensuellen Motiven,
in einem Bildungsbarock, das
sich zwischen Talmud und Rela-
tivitatstheorie tummelt und dabei
gelegentlich die schonsten
Schnitzer macht (die Ulfilas-
bibel, lieber Autor, existiert nur
singularisch und kann keinem
Bankmagnaten ffzur Ansicht ge-
schickt" werdenl), und formale
Entgleisungen wie der hochst
unwahrscheinliche Brief- und
Telegrammstil Sir Henry De-
terdings (pardon: Vander-
zees) storen ebenso sehr
wie der allzu pratentiose Stil
Neumanns, Autors und „Statthal-
ters auf Erden des obersten Zu-
schauers und Schicksalslenkers".
All dies ist, wie man in Bayern
sagt( reichlich geschwollen daher-
gered't, und das hatte eigentlich
nicht sein dttrfen. Denn urn eine
im Faktischen vulkanische, im
Seelischen vereiste Zeit darzu-
stellen, bediirfte es neben allem
Andern einer auBersten Schlicht-
heit der Darstellung, Alles Andre
ist da, Nur dies Eine fehlt
leider,
M. M. Gekrke
Bruder Chao-Kung
der monch nimmt seine almosen-
schale und geht von haus zu haus
bettetn. er darf nicht sprechen, er
muB vorder htitte sUben bleiben, deren
turen und fenster in heiBen 1 andern
meist groB und offen eind. bekommt
. er eine gabe, spricbt er seinen segens-
wunsch; bekommt er nicht», geht er
stiilschweigend wetter — -
Rhys Davids „Der Buddhismus"
\7ortrag des Monches Chao-
" Kung. stand auf dem Pro-
gramm. In Klammern: Trebitsch-
Lincoln. Man hatte auch lesen
konnen; dargestellt von Trebitsch-
Lincoln,
,,Schlecht geklebt", pflegen
Schauspieler zii sagen, wenn sie
im Leben einem allzulangen Voll-
bart begegnen. Oder: „Maske ein
wenig tibertrieben '„ wenn sie eineh
Menschen sehen, dessen Aussehen
100,
chardiert wirkt, Mit kahlgeschore-
nem BtiBerkopf trat Bruder Chao-
Kung auf. Nicht in der braunea
Kutte des Eiferers Savonarola^
Im lichten Gewande eines Jiingers
des ewig lachelnden Buddha,.
Chao-Kung aber lachelte nicht,
Chao-Kung war zuerst sehr bose
und schimpfte auf die Presse,
Chao-Kung dankte der deutschen
Regierung fiir das Gastrecht, das
sie ihm gewahre, und dann
schimpfte er noch einmal auf die
Presse,
Wir wollen es dem Monch Chao-
Kung zugute halten, es war nicht
sein Karma, das tobte, Es war
noch die Inkarnation Trebitsch,
Er spricht, Manchmal hatte
man das Gefuhl: ein Mensch will
ehrlich sein. Er versucht es, Wenn.
er anfangt: „Ich bin in Ungarn
geboren. Von streng orthodoxen
judischen Eltern — ich konnte
hassen, sehr hassen — wenn
ich den Frauen entsagen wollte,
hatte ich die Kraft nicht da-
zu — " Und es ist beinahe
riihrend, wenn Bruder Chao-Kung
vom Garten der Buddhakloster
erzahlt, etwa wie ein ungarischer
Kurgast vom karlsbader Kur-
park : t1 — da konnen Sie mor-
gens stundenlang spazieren gehen,
da treffen Sie keinen Men-
schen— ".
Dann aber legt er los. Mit wei-
ten Gesten. Mit grofier Emphase.
Ich, Ich und Ich. Wollen wir das
wieder Trebitsch zugute halten,
denn Bruder Chao-Kung mufite
nach des Erleuchteten Lehre doch
auf dem Weg zur Ichlosigkeit
sich befinden. „t)ber keinen Men-
schen wird so viel gelogen wie iiber
mich — Ich, ein ethisch hoch-
stehender Mensch — so ent-
stand mein Konflikt zwischen:
Mir und England — Hab Ich
zu Oberst Bauer gesagt: Machen
Sie keine Putsche! — Hab Ich
gesagt zu chinesischem General:
Sie machen Krieg ohne Mich, Ich
verlasse Sie jetzt — " Die Welt
wird klein in der Hand dieses
Mannes. Amerika, China, „die
Herren Englander" — Spielzeug
wird alles, Braucht es wirklich
nicht mehr Geist, die Welt zu fan-
gen, oder schatzte der Monch nur
den Witz seiner westlichen Briider
im Bachsaal so gering ein?
Denn wie Bruder Chao-Kung
sprach, das war nicht uneigen-
artig. Was er sprach, war be-
langlos. Auch fur das Gefuhl,
Ich mochte wissen, ob ein Ein-
ziger von denen, die ihn horten,
„ihm nachfolgen" wird. Und der
geoffneten Herzen gibt es doch
heute so viele.
Man hatte Trebitsch-Lincoln
gern jenes Lacheln gegeben, das
die unfreiwillige Komik mancher
seiner Ausspriiche einem auch
bei groBter Unvoreingenommen-
heit unwillkurlich aufdrangte,
man hatte ihm gern dies Lacheln
gegeben, das er so gar nicht
hatte und das weit mehr von
Leidesiiberwindung gezeugt hatte
als das immer wieder betonte;
„Was muB ich durchgemacht
haben."
Vor kaum einem Viertel j ahr
sprach und agierte vor den
Schranken des wiener Landesge-
richts Silvester Matuschka. Es ist
viel Gemeinsames in We sen und
Stimme der zwei Landsleute. Hier
wie dort einer, der mit Pathos,
ausladender Geste und dem Ton-
fall, der sich mehr fur Mikosch-
witze eignet, die Menschheit
retten will. Der eine durch Zug-
entgleisungen direkt, der andre
durch Vortrage indirekt fur das
Nirwana werbend. Beides Inkar-
nationen rasend gewordener Pa-
prikaschoten. Hier wie dort Zu-
schauer, die fragen. Im Landes-
gericht: „Krank oder Simulant?'*
Im Bachsaal: f,Ehrlich oder Char-
latan?"
Trebitsch-Lincoln ist weltbe-
riihmt Er weiB es, (Ob er es
weiB!) Er ging ein in die Lite-
ratur, Wenn man das Stuck von
Leo Lania, das vor vier Jahren
in Berlin herauskam, dazu rech-
nen darf .
Damals wurde er von Curt
Bois gespielt. Recht gut gespielt.
Ohne ubertriebene Maske. Viel
richtiger als Trebitsch-Lincoln
sich jetzt selber spielt,
Norbert Schiller
Der Prophet
D ei der Suche nach andern Din-
*^ gen stieB ich auf diesen Satz:.
„Le but de Taction contre-re-
volutionaire Ludendorff — Bauer
etait d'ecarter les social-demo-
crates du pouvoir. lis ne son-
geaient pas a restaurer tout-de-
suite la monarchic Toute-fois,
dans le cas de reussite du corn-
plot, il etait arrete, qu une dic-
tature militaire de Ludendorff se
prolongerait pendant quelques
mois. On songerait ensuite a mo-
difier la constitution de Weimar
pour que le president ait les droit
et le pouvoir d'un-monarque, Cela
fait, on presenterait un „mon-
archiste" comme candidat a la
pr^sidence. Le nom de Hinden-
burg etait envisage, Celui-ci a
un moment favorable devrait ce-
der sa place au Kronprinz."
Und so steht es gedruckt in
,Europe Nouvelle' am 9. April
1921 (4. Jahrgang Nr. 15 S. 476)..
Wer ist der Mann, der 1921
das alles vorauswufite? In einer
Vorbemerkung schreibt .Europe
Nouvelle': „Der folgende Bericht
wurde von einem auslandischen
Agenten vertraulich fur eine ver-
biindete Regierung verfaBt."
Nach den andern Ausfiihrun-
gen scheint es sich urn Trebitsch-
Lincoln zu handeln — jedenfalls
stimmen eine Reihe seiner An-
gaben mit denen seiner Memoiren
uberein,
Seltsam! Seltsam!
Man konnte fast nachuenklich
werden, falls das nicht von der
Zensur verboten ist,
Walter Mehring
LISA TETZNER
DER FUSSBALL
Eine Klndergeschlchte aus GroBstadt unit
Gegenwart / Mit Blldern von Bruno Fuck
MUller & I. Kiepenheuer, Potsdam Kart. rm.lso
Ln. RM. 2.40
701
I
Auftakt
Die Dr&chen stehen wieder steil im Wind.
Die Wehmut schleicht. Und die Saison
beginnt.
Dort an der Ecke weint ein kleines Kind,
dem seine Traume fortgeflogen sind.
Die Stadt rauscht auf. Jedoch es klingt
nicht mehr,
wie es vor Jahren noch betorend klang.
Denn die Gesichter wiirden langsam leer,
und alles Leichte wurde schwer:
Die Aug en und die Stirnen und der Gang.
Es klingt nicht mehr. Die Instrumente
sind angefault und rostig und verstimmt.
Man is t nervos,als wittremanscbon Brande,
von denen eben nur die Ztindscbnur glimmt.
Der fehlt im Kreis — nahm neulich Veronal.
Die Pleite kauert quallig im Foyer.
Das alte Schaukclspiel ? Die alte Qual ?
Und doch — es ist so anders dieses Mall
Es riecht nach Sterben im Cafe.
Frtihherbst, dies lahmende Hinuntergleiten.
Die griinen Rasen werden grau und blind.
Noch sieht man auf den Strafien, auf den
breiten
Boulevards das kraftige, bekannte
Schreiten —
.Nur an der Ecke weint ein Kind.
Helmut Flieg
Syphitis-Autarkie
m Prozefi Gorgulow aufierte
ein Sachverstandiger den Ver-
dacht, dafi der Angekiagte Sy-
philitiker sein konnte, und schlug
vorf es mit der Wassermannschen
Reaktion zu versuchen. Ein and-
rer Sachverstandiger hielt den
Verdacht fiir unbegriindet, sprach
sich aber dennoch — fiir alle
Falle — zugunsten der Anwen-
dung der Vernes'schen Reaktion
aus. Den, eigentlich medizini-
schen, Streit beendetc der Gene-
ralstaatsanwalt Donat-Guique mit
der nicht ohne Pathos vor-
.gebrachten Erklarung: „Warum
nach dem Ausland schielen? Die
Wassermannsche Reaktion ist
deutschen Ursprungs . . . Wozu
dieses fremde Erzeugnis begeh-
ren# wenn wir selber eines in
Frankreich besitzen."
Auch ein Dementi
TJs ist unwahr, daB der natio-
*-* nalsozialistische Stadtrat Co-
burg in seiner letzten Sitzung zur
Ausschmuckung der Stadt Coburg
anlafllich der am 20, Oktober
1932 in Coburg stattfindenden
Hochzeit des Prinzen Gustav
702
Adolf von Schweden mit der
Prinzessin Sybilla von Sachsen-
Coburg und Gotha 1200 Mark be-
willigt hat.
Richtig ist vielmehr, dafi die
Stadt Coburg als Fremdenstadt
durch diese Furstenhochzeit mit
ihrem zu erwartenden aufier-
ordentlich starken Besuch von
Fremden aus nah und fern ver-
anlafit wurde, ihre Bestande an
Dekorationen, Fahnen etcetera im
Interesse des Fremdenverkehrs
auch fur zukiinftige Veranstal-
tungen zu erneuern und zu er-
ganzen, und dafi in dem Betrag
von 1200 Mark allein 650 Mark
fiir Arbeitslohne enthalten sind.
Faber, rechtsk. 2. Biirgermeister.
,Der Angriff, 2, November
Wozubraucht Hitler FuCe — ?
Auf die Welt wird er gebracht,
zur Taufe wird er gefahren,
zur Einsegnung wird er gefiihrt,
zum Altar wird er geschleppt,
in den Konkurs wird er getrieben,
und zu Grabe wird er getragen.
Hitler braucht die Fiifie, um
zu Grunde zu gehn.
Llebe WeltbDhne!
Kleiststrafie Ecke Lutherstrafie.
Nachts ein Uhr. Die Halfte
der Gaslampen brennt aus Spar-
samkeitsgriinden nicht mehr.
Ziemlich leere Strafie. Im Halb-
dunkel steht nur noch eine junge
Dame, die ihrem Beruf nachgeht.
Da biegt ein Mann mit hoch-
geschlagenem t)berzieher um die
Ecke. Er scheint es auf die junge
Dame abgesehen zu haben.
Aber die Dame ist' ihrer Sache
nicht ganz sicher. Der Mann
sieht aus wie ein Verbrecher . . .
Hat er reelle oder unreelle Ab-
sichten? Sie biegt in die Luther-
strafie ein und lafit es darauf an-
kommen. Der Mann ihr nach.
Mit einem Satz ist er bei ihr —
steckt ihr einen Zettel zu —
und ist schon wieder entwischt.
Als die junge Dame sich von
ihrem Schreck erholt hat, geht sie
unter eine Strafienlaterne und
liest den Zettel.
Darauf steht: Jesus liebt dich!
Antworten
Ministerprasident Herriot- Sie haben aus dem Wunsch heraus,
die von Deutschland abgebrochenen Abriistungsverhandlungen wieder
in Gang zu bringen, einen „plan constructif" entwickelt.. Er gipfelt in
der Abschaffung aller Berufsheere und in der allgemeinen Einfiihrung
der Wehrdienstpflicht unter dem Namen „Miliz'\ Die deutschc
Rechtspresse ist iiber Sie hergefallen, weil sie alles, was von Frank-
reich und noch dazu von Ihnen kommt, von vornherein verflucht.
Aber im Grunde sind unsre Rechtskreise auBerst erfreut dariiber, daB
Sie Deutschland einen Weg zur Aufriistung zu weisen scheinen. Alle
Deutschen von auBerst rechts bis hart an die Linke heran, wenn nicht
gar zum Teil bis in sie hinein, wiinschen die allgemeine Dienstpflicht.
Dagegen lehnen alle deutschen Pazifisten die Dienstpflicht ab, selbst
wenn sie als Miliz getarnt auftritt. Und zwar sind unsre Bedenken
keineswegs niir grundsatzlicher Natur. Grade fur Deutschland scheint
es uns verhangnisvoll, wenn die gesamte mannliche Jugend wieder von
militaristisch gesinnten Berufsoffizieren in militarische Zwangs-
erziehung genommen wird, Damit wiirde der wehrfreudige Geist, der
heute die SA- und Stahlhelmkreise beherrscht, kiinftig auch der Ar-
beiter jugend injiziert werden, Bei aller Anerkennung Ihrer guten Ab-
sichten — Ihr plan constructif erscheint uns als ein plan destructif
fur den deutschen Pazifismus und muB deshalb von uns mit aller
Scharfe bekampft werden.
Anton Kun. Auch wer gegen sensationelle Ankundigungen immer
einiges MiBtrauen hegt, kann Ihnen bescheinigen, daB es Ihnen in Ihrem
Stegreifvortrag iiber den Caro-Petschek-Prozefi gelungen ist, das
Thema seines reifierischen Charakters zu entkleiden und Ihre Rede
iiber den Dreckboden, auf dem sie fufite, zu erheben. Sie haben be-
wiesen, daB| dieser Fall mehr als eine Entgleisung Einzelner, daB er
vielmehr ein Charakteristikum fur die Moral des Kapitalismus ist,
Und deshalb hat sich auch die Presse um Ihr Thema gedriickt, sie
hat den Vortrag verschwiegen oder ihn bagatellisiert. Das haben Sie
nicht verdient. ,Vor dem vollbesetzten Hause warfen Sie der Offent-
lichkeit vorf sie nehme brennendes Interesse an einer so iiblen Sache
wie dem Fall Caro-Petschek, nicht aber an dem Geschick, das den
unschuldig hingerichteten Jakubowski und den von jeder Schuld und
jedem Makel freien Carl v. Ossietzky betroffen habe. Darf man glau-
ben, daB der Beifall, der Ihnen fiir dieses schpne Bekenntnis dankte,
mehr war als der Ausdruck einer schnell wieder voriibergehenden
Gefuhlsaufwallung eines Sonntagspublikums?
Das Andere Deutschland. Du bist am 1. November wegen eines
Artikels von Heinrich Strobel in deiner Nummer vom 8. Oktober ver-
boten worden, und zwar auf sechs (!) Monate. Die Dauer des Ver*
bots wird mit der „Gemeingefahrlichkeit" der Ausfuhrungen begriindet.
Wir haben den Artikel Strobel s, genau durchgelesen und festgestellt,
daB die in der Begriindung des Verbots besonders beanstandeten
Stellen hauptsachlich eine Inhaltsangabe des Buches eines franzosi-
schen Obersten Reboul „Non, l'Allemagne n'a pas d6sarm6" enthal-
ten, Ist es wirklich „gemeingefahrlich'\ dem deutschen Publikum von
— allerdings peinlichen, zum Teil auch vielleicht unrichtigen — Ver-
offentlichungen des Auslandes Kenntnis zu geben? Wir haben die
Taktik des Vogel StrauB nie als den Gipfel politischer Klugheit
ansehen konnen.
Anton Zischka. Sie haben mit Ihrer Skizze „Das kostbare Platin"
in der ,Emser Zeitung1 vom 8. Oktober ein Plagiat an Larissa ReiBner
begangen. Stellenweise haben Sie einfach von ihr abgeschrieben, und
im iibrigen ist Ihr. russenhetzerischer Artikel nichts andres als der
nacherzahlte Inhalt des Kapitels „Kytlym (Platin)" aus „Oktober" von
Larissa ReiBner, erganzt durch ein paar besonders phantasievolle
Satze, die dem Leser beweisen sollen, unter welch unmenschlichen
703
Bedingungen die verfluchten Bolschewiken t,Verbrecher und Sklaven*
ftin der Holie von Kytlym" arbeiten lassen, Larissa Reiflner wies,
etwa 1923, auf eilie offene Wunde bin, mahnte zur Abhilfe, zeigte aber
zugleich, wie ein neues Arbeitergeschlecht auch hier Anderungen
schaf f t ; Sic aber verscbweigen dUese neue Arbeitsgesinnung und
lassen den Leser glauben, Ihr ^Bericht" schildere die Zustande des
Jahres 1932, Den Sowjethetzern haben Sie damit eine neue Methode
gezeigt; man schreibe eine Jahre zuriickliegende, scbarf kritische
Schilderung eines Bolschewisten ab, streiche aus ihr alles Positive, ver-
grobere und vermehre das Negative, gebe sich den Anschein der Ob-
jektivitat, indem man einflechte, dafi* auch die Russen die Zustande
als „Schandfleck" bezeichnen — und der Leser des im Zeitungskatalog
„parteilos" genannten Blattes wird bei der Lektiire eines solchen Ar-
tikels bestimmt das Gefiihl haben: das kann nur die reine Wahrheit
sein, denn der Ver fasser bleibt immer sachlich, und die Russen geben
ja selber zu, daft es so ist, Uralzew ist gegen Sie ein Waisenknabe.
Fackelreiter-Verlag, Berlin. Sic feiern in diescn Tagen Ihr zehn-
jahriges Bestehen und legen aus diesem AnlaB in einem Prospckt die
Bestandsaufnahme Ihrer1 Arbeit vor. Viele Ihrer Publikationen sind
hier* gewiirdigt worden;' jedesmal hatten wir den Eindruck, dafi Ihrc
Buchproduktion unter einem einheitlichen Willen stehe, Blattert man
die kleine Broschure durch, dann wird dieser Eindruck zur GewiBheit,
Wir wiinschen Ihnen, dafi Ihre Tatkraft sich weiterhin in der Rich-
tung Ihrer Devise; MIm Dienst einer Gcsinnung, im Kampf fur Friede,
Freiheit. Kultur und Recht'1 auswirke.
Hermann Hillger. Unter ausdrticklicher Bezugnahme auf Ihre
Eigenschaft als Verlagsbuchhandler versenden Sie offenbar ziemlich
wahllos — auch uns wurde ein Exemplar zugestellt — ein Rund-
schreiben zugunsten der Deutscbnationalen Volkspartei. Sie sind
der Ansicht, seit 1918 sei das Kulturniveau gesunken, Dann machcn
Sie Reklame fiir die „aufbauende, pflegende Haltung der Deutsch-
nationalen in alien Kulturfragen". Wenn man Ihre ruhrsamen Worte
liestr fragt man sich: Warum ist es Ihnen nicht gelungen, zur Mit-
unterschrift unter Ihr Werbeschreibeni fiir Hugenberg die Nobelpreis-
trager Gerhart Hauptmann und Thomas Mann zu gewinnen? Das
ware vielleicht noch wirksamere deutschnationale Wahlagitation als
Ihre, von uns natiirlich durchaus nach Gebuhr^geschatzte, aber in
weiten Kreisen doch als Kulturtrager unbekannte Personlichkeit
Neue PreuOische Kreuzzeitung. Mit schoner Leidenschaft setzt
du als Stahlhelmer gern dich fur die Kandidatur von Paul Ernst fur
den literarischen Nobelpreis ein. Das macht deiner Vorurteilslosig-
keit alle Ehre, Denn du weifit nattirlich, dafi Paul Ernst Jude ist
und friiher Sozialdemokrat war. Aber seit der Entdeckung der Ur-
spriinge Diisterbergs hat man in Stahlhelmkreisen sich wohl zur
Nathan-Toleranz durchgemausert?
Rudolf Schlichter. Sie veroffentlichen ,,KunstlerpostkartenM, auf
denen nicht, wie zu erwarten, halbnackte Strafienmadchen und Ver-
brechertypen dargestellt sind sondern betende Arbeiter, der Ge-
kreuzigte vor Fabriken und ahnliches Erbauliche. Recht so, es ist
mehr Freude im Himmel iiber einen bekehrten Vertreter der Neuen
Sachlichkeit als iiber t aus end fingerfertige Nazarener.
Maouskripte sind nur an die RedakHon der Weltbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 162, zu
richten; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonst keine Rucksendung erfolgen kann.
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bleiben fur alle in der WeltbUhne erscheinenden Beitrage ausdrQcklicb vorbehalten*
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XXVIII. Jahrgaog 15. November 1932 Nnmmer 46
Marschroute der Lioken
von Hanns-Erich Karainski
Us gibt jetzt zwei Moglichkeiten: cntwcder wir bekommen
die Koalition von Nazis, Deutschnationalen und Zentrum,
die den pomposen Namen MNationale Konzentration" schon
vor ihrer Geburt fiihrt; oder wir behalten die Herrschaft des
deutschnationalen Kliingels, die sich nicht weniger groBartig
,,Prasidialregierung" nennt,
Ich bin immer der Meinung gewesen, daB man auf die Un-
einigkeit der Reaktion nicht bauen darf. Ober kurz oder lang
werden sich Hitler und Hugenberg in die Arme sinken, und
Briining wird der Dritte im Bunde sein, Aber vorlaufig ist es,
wie Jan Bargenhusen in einem andern Beitrag dieses Heftes
ausfiihrt, durchaus wahrscheinlich, daB die Prasidialregierung
noch eine Zeitlang herumexperimentiert und sich erst in die
nationale Konzentration verwandelt, wenn sie nicht mehr wei-
terkann-
Unzweifelhaft kann Papen noch eine Weile fortwursteln.
Er hat sich, und damit leider auch Deutschland, zwar auBenpoli-
tisch in eine Sackgasse hineinmanovriert, und es wird ihm kaum
gelingen, das bereits sichtbare Desastre als geordneten Riickzug
hinzustellen; er hat zwar den Reichstag, den Reichsrat, die
Landesregierungen und neunzig Prozent des Volkes gegen sich;
es ist zwar sogar sein Kabinett gespalten. Aber mit fortgesetz-
ten Reichstagsauilosungen, mit Diktaten und nicht zuletzt mit
der Reichswehr kann man, wie sich gezeigt hat, eine ganze
Menge machen. Und durch des Gedankens Blasse wird die
unserm Reichskanzler angeborne Farbe der EntschlieBung ge-
wiB nicht angekrankelt*
Formal liegen die Dinge sehr einfach. Wenn die Regie-
rung sich nicht vorher mit den zur Bildung einer Mehrheit
erforderlichen Parteien verstandigt, wird der Reichstag ihr ein
MiBtrauensvotum ausstellen. Dann mxiBte Papen zurucktreten.
Und dann miifite der Reichsprasident versuchen, von sich aus
eine Mehrheit zustandezubringen. Mit andern Worten; er
lmiBte die verschiedensten Leute so lange mit der Regierungs-
bildung beauftragen, bis es einem von ihnen gelaige, eine
Mehrheit zu finden. Erst wenn — was nicht anzunehmen ist —
aile diese Versuche gescheitert waren, diirfte er neue Ent-
schlxisse fassen.
Die Entscheidtuig liegt also beim Reichsprasidenten, Das
festzustellen, ist an der Zeit. Denn solange eine verfassungs-
maBige Regierung vorhanden ist, wird das Staatsoberhaupt
allerdings durch sie gedeckt. In Krisen aber mufi der Feldherr
selber aufs Schiachtfeld, und er ailein tragt dann die Ver-
antwortung.
Hindenburg ist bisher tabu gewesen. Teils aus Schuld-
bewuBtsein, teils aus Furcht haben auch die Linksparteien
immer nur betont, daB er ehrwiirdig und ehrenwert sei. Nun
1 705
erscheint es in Deutschland schon als etwas Besondres, wenn
man einem Andersdenkenden bescheinigt, daB er ein anstan-
diger Mensch ist. Aber eine solche Ausnahme ist doch wo hi
selbst die vornehmste Gesinnurig nicht, daB vor ihr alle gegne-
rischen Stimmen zu schweigen haben!
Der Reichsprasident ist langst keine Reprasentationsfigur
mehr. Er ist ein handelnder Politiker. Und jetzt liegt bei ihm,
ausschlicBlich bei ihm, die Entscheidung, ob Deutschland von
einer kleinen Schicht, hinter der nichts steht als ihr grenzen-
loses Selbstvertrauen, in neue Abenteuer gefiihrt werden soil
oder ob die Riickkehr zu Zustanden erfolgen soil, die wenig-
stens die Grundlagen des Verfassungsstaats unangetastet las-
sen. Diese Entscheidung kann Hindenburg von keinem Papen
und keinem MeiBner abgenommen werden. Die Linke aber
hat das Recht und die Pflicht, die MaBnahmen, die der Reichs-
prasident unter seiner eignen Verantwortung trifft, zu priifen
und zu beurteilen. Wehe ihr, wenn sie davor zuriickschreckte,
weil es sich urn Hindenburg handelt!
Die Wahl, die der hochste Beamte des Landes jetzt fin*
oder gegen die offne Diktatur trifft, hat eine Bedeutung, die
nicht verkleinert werden darf. Im ubrigen wird ihr Ergebnis
freilich weniger den Inhalt als die Formen der Ereignisse be-
einflussen. Die Geschichte hangt nicht vom Votum eines Man-
nes ab.
In Deutschland wird gegenwartig eine groBe Auseinander-
setzung zwischen Rechts und Links, zwischen Bourgeoisie und
Proletariat, zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen
Vergangenheit und Zukunft ausgetragen. Und die Reaktion ist
auf dem Vormarsch — das allein ist wesentiich, daran allein
hat sich die Linke zu orientieren.
Was ist nun besser: daB die Nazis in die Regierung ein-
treten oder daB sie drauBen bleiben?
Treten sie ein, so wird die Regierung zunachst fraglos ge-
starkt. In dem Augenblick, wo ihre Basis breiter wird, muB
sie jedoch schon zu zerbrockeln beginnen. Denn die Nazis
eignen sich schlecht zur Regierungspartei. Solange sie in
der Opposition sind, konnen sie noch einigermaBen vertuschen,
daB ihr Programm nur ein Sammelsurium aus alien andern Par-
teiprogrammen ist. Durchfuhren konnten sie es unter keinen
Umstanden, am wenigsten in einer Koalitionsregierung. Einmal
an der Macht, wiirden sie darum sehr rasch in ihre sozialen
Bestandtejle zerfallen. Vor allem konnten sie dann niemand
mehr einreden, daB sie gar nicht zur Reaktion gehoren, und
man wiirde endlich auch im letzten Dorf Deutschlands wissen,
wer und was links oder rechts ist.
Bleiben sie hingegen auBerhalb der Regierung, so wird
ihnen bald kein Mensch mehr glauben, daB das Dritte Reich
„noch in diesem Jahr" kommen wird. Dann wird der Nimbus,
den ihnen bisher ihr ununterbrochener Aufstieg verlieh, immer
mehr verblassen, und die Zahl der von ihnen Enttauschten
wird immer schneller wachsen. Ferner aber wiirden sie in der
Opposition gezwungen sein, die Regierung mit den .Waffen
des Parliaments und der Verfassung anzugreifen, also mit Waf-
706
fen aus dem Arsenal der Linken, Und auch das konnte ihnen
nur schlecht bekommen.
Gehen die Nazis in die Regierung, so werden sie soziolo-
gisch, bleiben sie in der Opposition, so werden sie mytholo-
gisch zersetzt. Was vorzuziehen ware, ist eine Doktorfrage,
Die Starke der Nazis ist aber die Schwache der Linken.
Auch die deutschnationale Prasidialregierung lebt nur von die-
ser Tatsache. Solange die Nazis, gleichgiiltig ob innerhalb oder
aufierhalb der Regierung, die Reaktion decken, ist die Linke
gehemmt. Die Schwachung der Nazis m-uB demnach das Haupt-
ziel der Linken sein, ohne daB sie deshalb nachsichtig gegen
die Prasidialdiktatur zu sein braucht. Ohne Hitler auch kein
Papen!
Die Frage: Prasidialregierung oder nationale Konzentra-
tion ist somit fur die Linke belanglos. Sie braucht so we nig
fur die eine wie fur die andre Losung zu optieren. Nicht sie
sondern die Reaktion befindet sich in einem Dilemma. Und das
ist gut so. Denn unter diesen Umstanden hat die Linke nicht
notig, nach der Staatspolitik zu schielen oder diplomatische
Eiertanze aufzufiihren. So kann sie vielmehr die Massen in
Bewegung1! halt en, ihr Selbstvertrauen starken und gleichzeitig
Hindenburg, Hitler und Hugenberg bis aufs Messer bekampfen.
Besonders die Sozialdemokratie sollte endlich begreifen,
daB gegen sie regiert wird und daB sie Papen ilen Willen dazu
nicht abkaufen kann. Die Partei mag sich .noch so loyal, noch
so patriotisch gebarden, sie wird dadurch nichts gewinnen. Und
wenn sie zusammen mit den freien Gewerkschaften wegen
irgendwelcher Formalien gar als Streikbrechergarde auftritt,
wie im berliner Verkehrsstreik. wird sie die Demaskierung der
Nazis nur verlangsamen.
In dem ersten Schreck nach den Wahlen dammerte selbst
dem jVorwarts' etwas von der Notwendigkeit, eine andre Talc-
tik einzuschLagen und mit den Kommunisten gemeinsam zu ope-
rieren. Mittlerweile haben die Weisen jedoch schon wieder
ausgerechnet, daB ihre Verluste eigentlich nur fun-f Prozent be-
tragen, Wissen diese Leute nichts von der wachsenden MiB-
stimmung, die langst schon die frommsten Funktionare ergrif-
fen hat? Glauben sie wirklich, eine Partei konnte nicht ebenso
langsam aber sicher zugrundegehen wie eine Republik?
Die Kommunisten sind mit Recht stolz, daB sie nicht nur
der Sozialdemokratie sondern auch den Nazis Stimmen ab-
genommen haben. Leider ist wenig Aussicht, daB sie ver-
stehen werden, mit ihrem Sieg nun auch etwas anzufangen.
Sie wollen weiterhin ihr Gesicht nur der Sozialdemokratie
zukehren, und sie vergessen ganz, dafl sie dabei von der Re-
aktion immer starkere Schlage auf den Hintern bekommen
konnen, Schlage, die die gauze Arbeiterklasse treffen miissen.
Ach, was soil man immerzu dasselbe sag en! Aber gibt
es einen einzigen Kommunisten oder einen einzigen Sozial-
demokraten, der in der Wahlnacht nicht die Stimmen der bei-
den Parteien zusammengezahlt und mit denen der Reaktion
verglichen hat? Nun also!
707
Bleibt Papen? von Jan Bargenhusen
\/or ein paar Wochcn haben einige fuhrende Mitglieder der
sozialdemokratischen Reichstagsfraktion den Reichskanz-
ler aufgesucht, urn bei ihm, als dem Reichskommissar fur
PreuBen, mit beredten Worten daniber Klage zu fiihren, daB
der neue Kurs eine groBe Anzahl fahiger Beamter, speziell
Landrate und Regierungsrate, aus ihren Stellungen entfernt
habe, ganz ohne Ansehen der personlichen Qualifikation, nur
weil sie Mitglieder der SPD seien, Herr v, Papen Heh diesen
Klagen sein bekannt hofliches Ohr und legte dann schlieBlich
auch semen Standpunkt dar mit den klassischen Worten:
,,Ja, meine Herren, haben Sie denn noch nicht bemerkt, daB
das Pendel jetzt nach rechts ausschlagt?" Womit dann die
Uhterhaltung im wesentlichen beendet war, Diese Anekdote,
die so gar den Vorzug haben soil, wahr zu sein, ist, wie mir
scheintf fiir beide Teile redht charakteristisch.
Es ist deshalb auch beinahe ein bifichen verwunderlich,
daB jetzt, nach einigen ziemlich klaren Verlautbarungen der
neuen Manner, wieder das grofie Ratselraten iiber die Ab-
sichten der Reichsregierung eingesetzt hat. Diese Absichten
sollten eigentlich bekannt sein, und da auch im deutschnatio-
nalen Lager und, was vielleicht noch wichtiger ist, in den mit
Hiigenberg nur unter Vorbehalt verbxindeten Kreisen des ost-
elbischen Junkertums dieselben Ideen kultiviert werden, so
ist auch damit zu rechnen, daB die unverantwortlichen Rat-
geber Hindenbur^s ihm keine abweichenden Ideen nahelegen
werden. Man will weiter mit einem Prasidialkabinett regieren
— das ist das ganze Geheimnis. Und da das Prinzip der auto-
ritaren Regierungsfuhrung und die Person des Herrn v, Papen
nun einmal zusammen gehoren, so liegt vom Standpunkt
jener Leute nicht der geringste Grund vor, den Mann an der
Spitze auszutauschen.
All das Gerede uber einen Kanzlerwechsel, das in den
letzten zehn Tagen vor der Wahl einsetzte und das vielleicht
noch einige Wochen andauern wird, ist deshalb einigermaBen
miiBig. Man kann es' verstehen, daB besonders vom Zentrum
her die ,,L6sung Bracht" eifrig ventiliert wird, — aber rund
um den Herrenklub heiBt es: wenn schon Prasidialkabinett,
warum dann nicht mit Papen? Die Kandidatur Bracht ware
sinnlos, wenn nicht mit ihr der beruhmte f,Riickfall in parla-
mentarische Methoden" verbunden ware — und soweit ist
man wohl noch nicht, trotz dem Wort von der nnationalen
Konzentration", das lediglich dazu bestimmt ist, Hitler und
Kaas unter Druck zu setzen,
Eigentlich ist ja die Logik der Gegner des parlamentari-
schen Regimes gar nicht so schlecht. Jedenfalls ist sie besser,
als es die Praxis Bninings und der „Toleran!ten" war. Unter
Briining haben auch Parteien, die sich grundsatzlich zum par-
708
lamentarischen Gedanken bekennen, nichts von der Notwendig-
keit wisscn wollen, daB man auch in einem Reichstag, der eine
Mchrheit von Vcrneinern des parlamentarischen Systems ent-
hielt, wenigstens den Versuch machen miisse, die Spielregeln
des Parlamentarismus anzuwenden. Fur die Leute des autori-
taren Kurses ist die Situation heute noch einfacher als gegen-
tiber dem am 31. Juli gewahlten Reichstag- In diesem war immer-
hin theoretisch erne Majoritat moglich, die bereit gewesen ware,
die Spielregeln des Parlamentarismiis anzuwenden — obwohl
auch damals der groflte Partner der in Frage kommenden
Koalition, die Hitlerpartei, zu den grundsatzlichen Verneinern
des Prinzips gehorte. Heute ist eine solche Koalitionsmehr-
heit, die von Hindenburg verlangen konnte, er miisse einen ihr
genehmen Mann zum Kanzler machen,, zunachst nicht vorhan-
den — namlich solange nicht, bis sich, was reichlich unwahr-
scheinlich ist, die Deutschnationalen zum „Ruckfall" in den
Parlamentarismus bekehren. Hochstens mit Dingeldeys Hilfe
ware eine derartige Majoritatsgruppierung zu schaffen, aber
diese ist weder sehr reprasentativ noch verspricht sie, niit
Hugenbergs Opposition in der offenen Flanke, die geringste
Stabilitat, (Nebenbei: was hatte aus den Deutschnationalen
bei der Konstellation vom 6. November werden konnen, wenn
sie nicht von dem ,,sturen Bock" Hugenberg sondern etwa von
Karlchen Goerdeler gefiihrt in den Wahlkampf hatten gehen
konnen! Die Tatsache, daB sogar Dingeldey eine frohliche
Auferstehung feiern konnte, zeigt deutlicher als vieles andre,
wie stark der Riickstrom der biirgerlichen Element e von Hitler
zur bcmrgeoisen Mitte eingesetzt hat — es fehlte eben nur die
richtige Partei, urn die Riicklaufer und die zum Papenregime
bekehrten friihern Zentrumswahler aufzunehmen,)
DaB die NSDAP in der Woche nach den Wahlen noch
starr an ihrem bisherigeh Kurs festgehalten hat, ohne auf das
freundliche Winken des Zentrums und auf die Parole der „na-
tionalen Konzentration" einzugehen, erklart sich vielleicht,
neben anderm, auch daraus, daB man die Wahlen vom 13. No-
vember — in Sachsen und in Liibeck — noch mit der alt en
Front durchfechten wollte. Bei einem Kurswechsel muBte
man nach dem MiBerfoig der Reichstagswahl nunmehr tatsach-
lich eine Massenflucht der Wahler aus der Partei ohne Fortune
und ohne Charakter befurchten.
Erst jetzt, nach diesen Wahlen zweiter Ordnung, ist Hitler
bewegungsfahiger, und nun fragt es sich, ob nicht vielleicht
von PreuBen her die Stellung Papens im gemeinsamen Vor-
gehen von Zentrum und NSDAP aufgerollt werden konnte.
Man soil sich aber keine iibertriebenen Hoffnungen machen.
Fur Hitler ist es immerhin das geringere Risiko, nichts zu tun,
als sich mit dem Zentrum in PreuBen zu verbiinden. Und das
Zentrum muB sich sag en, daB die Schai fungi -cincs Biindnisses
mit den Nazis in PreuBen nicht nur gefahrlich ist sondern auch
2 709
die Chancen, im Reich etwas zu erreichen, verringert . — wah-
rend umgekehrt ein Bundnis mit Papen-Bracht in PreuBen die
Chancen eines gemeinsamen Vorgehens mit der Hitlerpartei im
Reich verdirbt. Also bleibt auch hier die Parole ,,Abwarten"
die beste Losung. Ebensowenig darf man hoffen, daB von der
alten preuBischen Regierung her, etwa iiber den Reichsrat, die
Stellung Papens ernstlich attackiert werden konne, Der alte
Otto Braun ist mude geworden; er und seine Minister haben
viel zu lange in Staatsraison praktiziert, und das kann man
nicht ungestraft tun, das kann man nicht tun, ohne den Elan
des politischen Kampfes einzubiiBen. Otto Braun vertragt den
Vorwurf nicht, daB er die Staatsautoritat geschadigt, die Ver-
waltung lahmgelegt habe; er muB seinen Frieden mit Papen
machen, das heifit, er wird in alien Punkten nachgeben. So
werden auch die preuBischen Minister ihren Weg gehen ,,nach
dem Gesetz, nach dem sie abgetreten" — an jenem 20. Jul*
namlich. Und inzwischen stellt sich ja auch schon das Zentrum
auf den Boden der gegebenen Tatsachen, von dem es bereits
mit Recht heiBt, daB dort wegen des groBen Andranges fast
kein Platz mehr sei. Der bekannte und mit Recht beliebte
Reichsfinanzminister a. D. Doktor Hermes meldet bereits be-
stimmte Wiinsche fiir die Ausgestaltung des Systems der zwei-
ten Kammer und fiir die Beriicksichtigung der verschiedenen
Berufsstande an, — nicht anders, als ob es sich nur noch urn
das Wie der Verfassungsreform handle und nicht auch um
das Ob.
Manche Leute erwarten oder erhoffen wiederum, daB
Papen, wenn man ihn schon nicht im Reichstag oder von
PreuBen her packen konne, von seinen Freunden gesturzt wer-
den wurde. Man soil aber auoh hier seine Erwartungen nicht
zu hoch spannen, und man soil, um es deutlich zu sagen, nicht
zu sehr auf Schleichers bewahrtes Intrigenspiel bauen — der
General ist, nach der schweren Abfuhr, die er sich an hochster
Stelle geholt hat (damals, nach dem 13. August, dem ver-
ungliickten Hitlerbesuch), einstweilen nicht geneigt, sich -vvie-
der zu exponieren. AuBerdem klappt es mit seiner Idee der
Volksfront (oder Gewerkschaftsfront, oder Parlamentsfrontt
wie man sie grade nennen will) jetzt gar nicht besonders, da
die Zusammenarbeit der radikalen Arbeitergruppen beim ber-
liner Verkehrsstreik hochst unerfreuliche Perspektiven fiir
einen gemeinsamen politischen Einsatz der sogenannten ge-
werkschaftlichen Gruppen aufgezeigt hat. Man sagt, Herrn
v. Hindenburg habe die Roiie der NSDAP bei diesem Streik
nicht im geringsten gefallen, und auch Schleicher sei hochst
bedenklich geworden. AuBerdem sind zwischen dem eigent-
lichen Erfinder der Gewerkschaftsfront, Herrn Zehrer, und
seinem Protektor im Wehrministerium ernstliche Differenzen
entstanden, nicht zuletzt deshalb, weil Zehrers Blatt, sehr zum
Arger des Generals, das gouvernemental-offiziose Getue nicht
sein lassen konnte.
710
Wahrscheinlich kommt der Konflikt zwischen dem Reichs-
tag und dem Prasidialkabinett erst dann zum Austrag, wenn
die Reichsregierung tatsachlich, was immerhin noch einige
Monate dauern wird, ihre groBen Reformvorschlage — Reichs-
reform, Verfassungsreform, Wahlreform — einbringt. Bis da-
hin wird wohl die Angst vor Auflosung und neuem Wahlkampf
die Parteien der Rechten, also NSDAP und Zentrum, vor
einem gar zu schroffen Auftreten gegeniiber der Reichsregie-
rung zuriickhalten.
FiniS BorUSSiae von Hellmut v. Gerlach
\lor kurzera stand in einem bekannten berliner Blatt zu le-
sen, daB bisher noch von keiner Partei ein Antrag auf vor-
zeitige Einberuiung des preuBischen Landtages vorliege.
Vorzeitig! 1st das nicht entzuckend? Am 24. April ist
der Landtag gewahlt worden. Seitdem wurde zwar ein paar-
mal versucht, ihn zu versammeln.-aber Beratungen hat er iiber-
haupt noch nicht abgehaiten. bandtagsprasident Kerrl fand
es offenbar wesentlicher, den Stars seiner Partei zu „dicken"
Hirschen als dem ihm unterstellten Landtag zu gesetzgebe-
rischer Tatigkeit zu verhelfen.
Endlich jetzt hat sich Herr Kerrl auf Drangen von SPD
und KPD veranlaBt gesehen, den Landtag zum 24. November
zusammenzurufen, Praktisch wird damit nicht viel geandert
sein, Der Landtag ist arbeitsunfahig und arbeitsunlustig. Die
preuBische Volksvertretung hat sich selbst durch das Wahl-
ergebnis vom 24, April inexistent gemacht.
Wir haben, de facto, keinen preuBischen Landtag, zum
Ersatz dafiir aber zwei preuBische Regierungen. Regierung
Nummer I hat nichts in PreuBen, dafiir alles im Reichsrat als
Vertreterin PreuBens zu sagen. Regierung Nummer II hat
alles in PreuBen, nichts im Reichsrat zu sagen. Die Regierung
Braun schwebt vollig in der Luft, da ihr durch hochstrichter-
liches Urteil jede Verfiigung iiber PreuBen entzogen ist. Trotz-
dem vertritt sie dasselbe PreuBen, in dem sie 0,0 bedeutet,
vollgultig und ausschlieBlich in der Reichsinstanz.
So oder wenigstens ungefahr so hat der Staatsgerichtshof
entschieden. Er wollte zugieich juristisch und staatsmannisch
vorgehen. Das Ergebnis ist ein KompromiB, das praktisch
einem Konkurse gleichkommt. Die Kompetenzen der beiden
Regierungen lassen sich nicht reinlich von einander scheiden.
In der Praxis gibt es lauter Grenzfalle und damit lauter Kom-
petenzstreitigkeiten. Das Nebeneinanderregieren muB zu einem
ununterbrochenen Gegeneinanderregieren werdem Der Leer-
lauf wird die Dominante der preuBischen Politik.
In Wirklichkeit gibt es seit dem 20. Juli ein PreuBen mit
jener Eigenstaatlichkeit, auf die Bayern so gewaltigen Wert
legt, iiberhaupt nicht mehr. Die preuBischen Minister sind
kaltgestellt. Die Reichsminister Bracht und Popitz regieren
711
PreuBen. Es ist Land nur noch im geographischen, nicht mehr
im staatsrechtlichen Sinne, Denn es ist Reichsland geworden,
also Reichsprovinz,
DaB PreuBen als staatsrechtlicher Begriif verschwinde,
kann kein Linksmann bedauern- Immer war es ein Widersinn,
daB im Reich ein Sonderstaat mit Zweidrittel der Einwohner-
schaft des Reiches bestand. Wer je selbst in der Verwaltung
tatig war, weiB, welche Unsumme von Kraft, und Geld durch
diese unnatiirliche Doppelexistenz Reich — PreuBen verschwen-
det wurde, DaB wir in der Republik mit der Siedlung nur so
langsam vorangekommen sind, lag zum allergroBten Teil an den
ewigen Zustandigkeitsstreitigkeiten zwischen PreuBen und dem
Reich,
Also SchluB mit PreuBen! Damit kann man sich ganz ein-
verstanden erklaren. Unter der einen Voraussetzung: daB, was
danach kommt, besser sei, als was vorher war. So aber sieht
es leider bisher gar nicht aus.
PreuBische Junker regieren das Reich, Sie schlucken
PreuBen uber, aber nur, um das Reich mit echt preuBischem
Geist zu durchdringen.
Das Lassen sich die Suddeutschen natiirlich nicht gefallen.
Sie sind gute Deutsche. Aber das PreuBentum und vor allem
das preuBische Junkertum ist ihrien in tiefster Seele antipa-
thisch, Je junkerlicher und je preuBischer das Reich wird,
um so starker pochen sie auf ihre Eigenstaatlichkeit.
Im Kampfe Brechts gegen Bracht war der beste Bundes-
genosse Brauns der bayrische Ministerprasident. Aber die
Motive des Monarchisten Held sind recht andre als die der
norddeutschen Republikaner. In den letzten Monaten ist Herrn
Held und seinem Kronjuristen Nawiasky viel Lob aus republi-
kanischen Kreisen gespendet worden. Oft hat man dabei iiber-
sehen, daB der bayrische Partikularismus keineswegs eine Sache
ist, die vom allgemeinen deutschen Standpunkt begriifit wer-
den darf.
Eben hat eine Gehefcakonferenz der leitenden Staats-
manner Bayerns, Wurttembergs, Badens, Hessens, Sachsens
und Thiiringens stattgefunden. Spitze: gegen Papen und seine
diktatorische Reichsreformpolitik. Die Mainlinie erscheint
wieder am Horizont, nur erheblich nach Norden verriickt, ein
siid- und mitteldeutscher Block gegen Norddeutschland,
Der heutige Zustand kann an Widernaturlichkeit kaum
liberboten werden, PreuBen ist Reichsland. Aber all die En-
klayen in PreuBen (Mecklenburg, Hansestadte, Braunschweig,
Oldenburg, An halt, Lippe-Detmold und ' Schaumburg-Lippe)
scheint man unverandert leben oder vegetieren lassen zu wol-
len. Dem Foderalismus bringt man das Opf er des gesunden
Menschenverstandes. Oder hat es noch irgend etwas mit ge-
s und em Menschenverstand zu tun, wenn das Reich es fur notig
halt, PreuBen zu verzehren, daftir aber lebensuniahige Operet-
tenstaaten kunstlich am Leben erhalt?
Die Lander, wie sie heute das Deutsche Reich zusammen-
setzen, sind der Unsinn an sich. Die Dynasten hat man weg-
gejagt. Aber die dynastischen Zopfe, in Form der Zwerg-
712
staaten, hat man sorgfaltig konserviert, um nicht zu sagen,
mumifiziert
Nach der Revolution haben verntinftige Deutsche sich ein
verniinftiges Bild von der kiinftigen Gliederung des Reiches
zu machen versucht. Nicht historisches Geriimpel wollten sie
erhalten, sondern nach geographischen, wirtschaftlichen und
landsmannschaftlichen Gesichtspunkten das Reich neu for-
mieren. Es tauchten wohldurchdachte Plane auf, wie man
Deutschland in zwolf oder fiinizehn Reichsprovinzen zerlegen
konne. Das hatte ein zweckmaBiges Verwaltungsgebilde er-
geben und die an sich notwendige Zentralisierung geniigend
aufgelockert.
Am ' Widerstand vor allem Bayerns ist jeder verniinftige
Reforrnplan gescheitert. Bayern will vor allem ein ,,StaatM
bleiben, Sonderrechte in puncto Finanzen, Militar, Polizei
undsoweiter sich sichern, seine Souyeranitat bewahren samt
dem Recht, Gesandte zu entsenden und zu empfangen-
Papens Stellung ist ohnehin schwach und schwierig genug,
Jetzt beginnt sich eine siiddeutsch-mitteldeutsche Koalition
gegen seine Diktaturpolitik zu bilden. Er kann natiirlich nicht
gegen alle Fronten kampfen. Bedauerlich nahe liegt deshalb
der Gedanke fiir ihn, sich freie Hand gegeniiber PreuBen da-
durch'zu erkaufen, daB er dem siiddeutschen Foderalismus un-
absehbare Konzessionen macht. ^
Ein gefahrliches Spiel!
Man kann sehr wohl verschiedener Meinung iiber Fode-
ralismus und Unitarismus sein. Der Unitarier wird in den Re-
servatrechten der Siiddeutschen eine Schadigung der deut-
schen Einheit erblicken. Der Federalist vermeint, daB sein
staatsrechtliches Ideal der Kulturaufgabe des deutschen Volkes
am besten diene. Unitarier und Foderalisten konnen sich
ideologisch uberhaupt nicht verstandigen,
Woriiber sich aber alle verniinftigen Leute einig sein soli-
ten, das ist, daB die von Papen am 20, Juli inaugurierte Politik
auf keinen Fall den deutschen Interessen diene. Es geht nicht
an, die Reichshand gepanzert auf PreuBen niedersausen zu
lassen und gleichzeitig den Siiddeutschen mit KuBhand alle ge-
wiinschten Reservatrechte zuzuwerfen. Es geht nicht an,
PreuBen ohne Befragung des preuBischen Volkes in eine
Reichsprovinz zu verwandeln, aber Mecklenburg-Strelitz und
Schaumburg-Lippe mit all ihren Rechten als seibstandige
Lander aufrechtzuerhalten,
Uns republikanischen PreuBen liegt gar nichts an PreuBen,
nur sehr viel an Deutschland, Was bisher Herr v. Papen mit
PreuBen gemacht hat, empfinden wir nicht als Unrecht gegen-
iiber PreuBen (wenn auch als Unrecht gegeniiber der noch
immer gesetzmaBigen Regierung PreuBens). Aber wir empfin-
den es als eine Desorganisation Deutschlands. Darum wehren
wir uns dagegen. Darum fordern wir, daB an Stelle der bis-
herigen willkiirlichen Pfuscharbeit der Plan einer systemati-
schen Reichsreform trete.
Was auf keinen Fall angeht, das ist, daB nach den Ideen
der Alten Herren des bonner Korps Borussia, wozu ja auch der
Kronprinz gehort, das Deutsche Reich borussifiziert werde.
713
Roosevelts Dilemma von cuus Hartwig
Mur 59 Elektoren wcrdcn bei der offizlellen Wahl dcs ameri-
kanischen Prasidenten Anfang nachsten Jahres ihre Stimme
fur den bisherigen Prasidenten Hoover abgeben, 472 Elektoren
werden dagegen fiir Roosevelt stimmen, der soniit am 4. Marz
als 31, President nach dem groBten Sieg, den die Geschichte
der anrerikanischen Prasidentenwahlen verzeichnet, in das
WeiBe Haiis einziehen wird, wo vor ibm seit dem Biirgerkrieg
nur zwei seiner Parteifreunde dieses einfluBreiche politische
Amt ausgeiibt haben, namlich Cleveland und Wilson.
Vor vier Jahren erlitt Roosevelts Parteifreund, der da-
malige demokratische Kandidat Alfred Smith, die bis dahin
vernichtendste Niederlage, denn er erhielt nur 87 Elektoren-
stimmen von 531. Welch eine Wendung, welch em Erdrutsch!
Dieser Erdrutsch findet auch seinen Ausdruck in einer vol'lig
veranderten Zusammensetzung des Hauses und des Senats.
Von den 96 Senatoren bekennen sich 56 zur demokratischen
Partei, noch starker wird die demokratische Mehrheit im Haus
sein, doch liegen endgiiltige Zirfern noch nicht vor. Viele re-
publikanische Abgeordnete und Senatoren, die unter Harding,
Coolidge und Hoover seit mehr als einem Jahrzehnt das Schick-
sal Amerikas entscheidend bestimmt haben, sind teils nicht
wiedergewahlt, haben teils ihre einfluBreichen Stellungen als
Vorsitzendei van Ausschiissen verloren. Zwar hatten alle mit
einem Sieg Roosevelts und der demokratischen Partei ge-
rechnet, aber keiner mit diesem iiberwaltigenden Sieg, und des-
wegen ist es verstandlich, daB die Frage auftaucht: Deutet
dieser Obergang so bedeutender Wahlermassen von der re-
publikanischen Partei zur demokratischen nicht auf eine ge-
wisse Krise des parteipolitischen Lebens. in USA hin?
Die amerikanischen Parteien sind in weit starkerem MaBe
als die andrer Lander zu Parteimaschinen erstarrt, deren Pro-
gramme sich kaum noch unterscheiden, deren Verschieden-
heiten nur noch historisch und psychologisch zu verstehen sind.
Bei .der Wahl im Jahre 1928 war kaum noch ein Unterschied
in den beiden Parteiprogrammen zu entdecken, 1932 traten aber
immerhin gewisse Unterschiede in Erscheinung, so in der Alko-
hoifrage und in der sozialen Frage. Die Verschiedenheiten
beider Parteien sind am besten aus den von ihnen gewahlten
Symbolen zu erklaren. Die republikanische Partei ist die
Partei des Elefanten, der behabig, zielsicher und sorgenlos ein-
herschreitet, wahrend der dumme Esel der demokratischen
Partei das Nachsehen hat, zuriickgedrangt wird, unzufrieden
den groBen Elefanten anschaut, gegen den er nur ankommen
kann, wenn der Elefant sich eine BloBe gibt. Republikanisch
wahlen die Satten und Zufriedenen, auch weite Kreise der Ar-
beiterschaft, wenn sie iiber ein Bankkonto verfiigen, sich stets
ein Hchicken-dinner" leisten konnen und in der Garage ihr Auto
stehen haben; demokratisch wahlen die unzufriedenen Ele-
ments Das Lager der Unzufriedenen hat oft. gewechselt. Einst
waren vor allem die Staaten des Stidens unzufrieden mit der
Politik der andern Staaten, sie wahlen in alter Tradition auch
714
jetzt noch deinokratisch, Es war anzunehmen, daB in eincr
solchcn Krisc wie der gegenwartigen die von ihr schwer-
bctroffenen Schichten der Landwirtschaft und der Arbeiter-
schaft weitgehend demokratisch wahlen wiirden.
Auf die Gewinnung dieser Stimmen war der Wahlkampf
der Demokraten gerichtet, Roosevelt, der kommende Vize-
prasident Garner und die vielen andern demokratischen Agi-
tatoren stellten hierauf ihre Wahlpropaganda ein, sie vertraten
Forderungen, die 1928 von der Gegenpartei als „bolsche-
wistisch" abgetan wurden, Forderungen, die man als
„marxistisch" zu bezeichnen geneigt sein konnte. Die Demo-
kraten appellierten an die breite Masse der Arbeitslosen und
Besitzlosen, indem sie gegen ,,big business" wiiteten, ein Ein-
schreiten gegen die GroBbanken, gegen die GroBindustrie und
gegen die sogenannten Versorgungsbetriebe versprachen* Sie
stellten soziale HilfsmaBnahmen in Aussicht, ja sogar eine Ar-
beitslosenversicherung. Hoover dagegen trat auch in diesem
Wahlkampf als Vertreter von ,,big business1' in Erscheinung,
symptomatisch war das olfene Eintreten des sozialpolitisch re-
aktionaren und in den Arbeiterkreisen wenig beliebten Ford
fiir Hoover.
So wurde mit Hilfe marxistischer Ideologien, aber auch
mit Hilfe des Finanzkapitals — fiir die Zeit vom 2L Juni bis
zum 2. Oktober hat die demokratische Partei offizieli Wahi-
ausgaben von einer Million Dollar ausgewiesen — und mit Hiife
der Wahlstim-men des immer kpnservativer werdenden Slid ens
Roosevelt gewahlt. Doch die entscheidende Frage wird sein,
wer jetzt nach den Wahlen den Kurs der Regierung Roosevelts
bestimmen wird, ob es die Geldgeber oder der konservative
Siiden oder die von der Krise schwerbetroffenen Arbeiter und
Bauern sein werden. Der demokratische Parteiapparat wird
in Funktion tret en, er gehorcht vor all em selnen eignen Ge-
setzen und seinen Geldgebern. Wichtiger vLelleicht als der
Wahlkampf wird der jetzt unvermeidliche Kampf um die Politik
der demokratischen Partei sein. Was wird nach vier Jahren,
bei der nachsten Wahl, werden, >wenn Roosevelt vielleicht
seine sozialpolitischen Versprechungen nicht erfullen kann und
keinc wesentliche Belebung der Wirtschaft eintritt? Vof vier
Jahren hatte Hoover seinen Wahlern ewige Prosperitat,
Mchicken-dinner" und ein Auto in der Garage versprochen, er
wurde hinweggefegt, weil diese Versprechungen nicht erfiillt
werden konnten. Wenn Roosevelt nun seine Versprechungen
nicht halten kann, wer wird nach vier Jahren an seine Stelle
treten? Wird dann der Sozialismus zum ersten Male als dritte
Partei eine entscheidende Rolle spielen? Und wenn Roosevelt
seine sozialen Versprechungen zu erfullen versucht, was wer-
den die hinter der demokratischen Partei stehenden Kreise von
«,big business", was wird der konservative Siiden sagen? Wer-
den diese Kreise zu den Republikanern iibertreten? Das sind
Fragen, die heute auftauchen, in ihrer Bedeutung nicht iiber-
schatzt werden konnen, aber doch erst in vier Jahren zu be-
antworten sind. Sie werden im Mittelpunkt der nachsten vier
Jahre stehen, in Form eines Kampf es um die Sozialpolitik. Es
715
wird sich darum handeln, ob unter Roosevelt Amerika in die-
seim Sinne „europaisiert" wird oder nicht,
Eine andre entscheidende Frage ist die Alkoholfrage*
Wahrend Hoover s-einen Wahlern nur Geld versprochen hat,
namlich auf dem Wege der Kreditausweitung, versprach Roose-
velt Geld und Bier. Er will den Verkauf leichter alkoholischer
Getranke wieder zulassen. Ob und wie er dies Versprechen
einhalten kann, erscheint noch ungewiB. Eine restlose Erfiillung
setzt eine Verfassungsanderung voraus, die nur moglich ist bei
einer Zweidritteknehrheit in beiden Hausern und bei teiner Zu-
stimmung von drei Vierteln der Einzelstaaten. Bei der Haltung
der meisten Staaten des Siidens und des Westens ist mit der
Erzielung dieser Mehrheiten kaum zu rechnen, man wird nach
irgendeinem andera Ausweg suchen muss en.
Die weltpolitischen und weltwirtschaft lichen Auswirkunr
gen dieser Wahl soil man nicht iiberschatzen. Frag en der
AuBenpolitik traten im Wahlkampf vollig zuriick. Einst hatten
die Demokraten fur diese Fragen mehr Verstandnis als die Re-
publikaner, waren die Demokraten weit liberaler. In letzter
Zeit ab-er haben die Republikaner fiir weltpolitische und welt-
wirtschaftliche Fragen mehr Sinn gezeigt als die Demo-
kraten. Es ist moglich, daB Roosevelt, der ja einst als Mit-
arbeiter Wilsons am Wefden des Volkerbundes mitgeholfen
hat, der Schopfung seines demokratischen Vorgangers erhohtes
Interesse zuwendet, Es ist moglich, daB er europaischen Wiin-
schen entgegenkommt. Viel wird davon abhangen, wen
Roosevelt zu seinen nachsten Mitarbeitern ernennt. Wird
Baker, der Reprasentant des relativ f reihandlerischen Fliigels
der Demokraten, AuBenminister und sein Gesinnungsgenosse
Owen Young Finanzminister, dann kann man sich gewissen
Hoffnungen hingeben, aber auch dann noch sollte man sich vor
Illusionen hiiten,
Viel Aufsehen hat es erregt, daB die Demokraten in sehr
schroifer Form gegen den bestehenden Zolltarif Stellung ge-
nommen haben und eine Revision in Aussicht stellten. Aber
es darf nicht vergessen w-erden, daB der fiir die demokratische
Politik wichtige Suden im Laufe der letzten Jahre aus dem
freihandlerischen Lager ins hochschutzzollnerische abge-
schwenkt ist und daB ehenfalls hochschutzzollnerische In-
dustriegruppen auf die demokratische Partei einen starken
EinfluB ausiiben. In dieser Hinsicht bestehen innerhalb der
demokratischen Partei starke Inter essengegensatze und Mei-
nungsverschiedenheiten. Roos-evelt sieht anscheinend einen
Ausweg darin, daB die amerikanische Handelspolitik den Bo-
den der Meistbegiinstigung verlaBt und wie der zum Prinzip der
Reziprozitat zuriickkehrt. So wird vielleicht der Kampf um
die Meistbegiinstigungsklausel eine erhohte Bedeutung erlan-
gen. Auf diese Konsequenzen einzugehen, wiirde zu weit fiih-
ren, auf der kommenden Weltwirtschaftskonferenz werden
hieriiber wohl entscheidende Verhandlungen getfiihrt werden,
Auf der Weltwirtschaftskonferenz wird die Regierung
Roosevelts auch andre wichtige Fragen zu beantworten haben.
Wie steht es mit Hoovers Antideflationspolitik? Werdet Ihr sie
716
fortsetzen oder viellcicht gar. ausbauen? Werdet Ihr dabei den
Etat im Gleichgewicht halten konnen? Werdet Ihr dem Dollar
behaupten konnen? Glaubt Ihr noch an das Gold? Zui die-
sen schwierigen Fragen werden sich die Amerikaner in Lon-
don stellen miissen. Gegenwartig ist eine Antwort noch nicht
mdglich, denn die Demokraten ha ben sich gehiitet, sich im
Laufe des Wahlkampfes auf eine eindeutige Entscheidung fest-
zulegen. »
Die&e und andre wichtige Fragen sind heute nochl un-
geklart. Wie die Antworten ausfallen werden, hangt weit-
gehend von der Personlichkeit Roosevelts ab. Hoover, der das
Notwendige und Richtige erkannte, der das Moratorium wagte
und in der Abriistungsfrage radikal vorging, erwies sich als
nicht geniigend politisch geschult, urn seine Gedanken durch-
zusetzen. Roosevelt, der schon mit 28 Jahren Senator, 1917
mit 35 Jahren Staatssekretar im Marineministerium und 1928
trotz schwerer Erkrankung Gouverneur des Staates New York
wurde, ist ohne Zweifel eine starkere politische Rersonlichkeit
als Hoover. Ob er aber die vie 1 en schwerwiegenden Fragen
entscheidend beeinflussen kann . .. .
Marx hat doch recht von f. sonderburg
Meben der Theorie von der Konzentration des Kapitals
waren es vor allem zwei okonomische Theorien, die mit
Marxens Namen untrennbar verbunden sind. Erstens; in-
folge der standig wachsenden Rationalisierung, des standig
steigenden Anteils des fixen Kapitals, werden pro Kapital-
einheit immer weniger Arbeiter beschaftigt, die Zahl der un-
beschaftigten Arbeiter mufi auf Kosten der beschaftigten zu-
nehmen, die industrielle Reservearmee wachst und so muB
letzthin der Akkumulation des Kapitals die Akkumulation des
Elends gegenuberstehen; zweitens: der Widerspruch zwischen
Produktion und Konsum, beziehungsweise Absatz, dessen Aus-
druck die Krise ist, steigert sich standig, daher wird die Dauer
zwischen zwei Krisen immer kiirzer, die Krise selbst muB mit
immer starkerer Wucht den Kapitalismus erschiittern, bis zu
der Stunde, wo die Expropriateure expropriiert werden.
Das Kapital von Marx, dessen erster Band in den sechziger
Jahren des vergangenen Jahrhunderts herauskam, schien aber
durch die Wirklichkeit widerlegt zu werden. Die Zahl der be-
schaftigten Industriearbeiter nahm nicht ab, sie nahm zu, sie
nahm um viele Millionen zu. Der Akkumulation des Kapitals
entsprach nicht die Akkumulation des Elends; im Gegenteil:
in England, in Amerika, in Frankreich, spater auch in Deutsch-
land, erhohte sich der^ Lebensstandard der Arbeiterschaft be-
trachtlich. Der Kapitalismus wurde zwar damals auch von
Krisen erschiittert, aber ihre Wucht nahm nicht zu sondern
ab; die Spanne zwischen zwei Krisen verlangerte sich, und es
hatte den Anschein, als ob der Kapitalismus in seinem Auf-
stieg mit seiner schwersten GeiBel, der Krise, immer schneller
fertig werde. Der Reformismus innerbalib der deutschen Ar-
3 717
beiterbewegung, der gegeniiber Marxens t,Kapitar' auf diese
schwerwiegenden Tatbestande hinwies, konnte von den Radi-
kalen nicht widerlegt werden,
Es war charakteristisch, daB in den beiden bedeutendsten
Vorkriegswerken des deutschen Marxismus, in HiHerdings
„Finanzkapitar' und Rosa Luxemburgs ,,Akkumulation des
Kapitals", nicht versucht wurde, eine Analyse der Arbeitslosig-
keit und des Lohns zu geben, und auch die Analyse der Krise
wurde in diesen Werken nicht systematisch vorgenommen.
In seinem 1926 im Malik-Verlag erschienenen Buch ,,Der
Imperialismus" hat Fritz Sternberg in den groBen theoretischen
Streit eingegriffen. Er bekennt sich grundsatzlich zu Marxens
Theorie. Aber er vernachlassigt nicht die Tatbestande, die
sich in der Vorkriegszeit ergeben . batten. Wahrend seines
Aufstiegs hatte der Kapitalismus umfangreiche Moglichkeiten,
tiberall vorzustoBen, Gebiete, die erst kapitalistisch erschlos-
sen werden muBten, in seinen Kreislauf einzubeziehen. Dadurch
wurden auf der einen Seite in den kapitalistischen Landern
Europas immer mehr Arbeiter beschaftigt, auf der andern Seite
ergaben sich fiir viele Millionen Auswanderungsmoglichkeiten,
So entstand eine verhaltnismaBig giinstige Lage auf dem Ar-
beitsmarkt, starke Lohnsteigerungen traten ein. Und da gleich-
zeitig Gebiete, wo Hunderte von Millionen wohnen, durch-
kapitalisiert wurden, wurde der Widerspruch zwischen Pro-
duction undi Absatz wenn nicht aufgehoben so doch gemindert.
Im Inland wie im Ausland fand die Industrie starken Absatz,
so daB die Konjunkturen uberwogen, die Krise diet Ausnahme
bildete. Der Grundgedanke von Sternbergs ,, Imperialismus"
war also: Marxens Theorie ist richtig, sie wurde aber in einer
bestimmten Epoche — die Sternberg als Friihimperialismus
bezeichnet — vor allem durch die Ausdehnung des Kapitalis-
mus iiber die eignen Landesgrenzen kompensiert, ja zura Teil
iiberkompensiert.
Sternberg hat bereits im ,, Imperialismus" nachgewiesen,
daB diese Epoche des Friihimperialismus beendet und Marxens
Gesetzlichkeit nunmehr zur Tatsache geworden ist.
In seinem vor kurzer Zeit bei Rowohlt erschienenen
Buch: (,Der Niedergang des deutschen Kapitalismus"
(kartoniert 7,50 Mark, in Leinen 9 Mark) nimmt Stern-
berg auf der Basis seiner Imperialismus-Theorie zum ge-
samten Entwicklungsgang des Nachkriegskapitalismus Stellung.
Das Buch ist mehr als eine Darstellung der deutschen Ver-
haltnisse. Grade weil Sternberg der Ansicht ist, daB der ge-
samte Weltkapitalismus in eine neue Epoche getreten ist,
behandelt er in umfassender Darstellung zunachst die Entwick*
lung der Weltwirtschaft im letzten Jahrzehnt. Wenn Marxens
Gesetzlichkeit nur voriibergehend auBer Kraft gesetzt war, so
muB sie sich auch in dem Lande auswirken, das als das ge-
siindeste, reichste der kapitalistischen Staaten gilt, in den
USA. Daher nimmt die Analyse der amerikanischen Ver-
haltnisse in Sternbergs Buch einen breiten Raum ein. Gegen-
iiber all den Vulgarokonomen, die immer wieder erklarten, daB
man die amerikanischen Methoden nur nach Deutschland
718
ubernehmen musse, damit auch hier alles gut gehe, erbringt
Sternberg den exakten Nachweis, daB auch in den USA die
letzte Konjunkturepoche wesensverschieden war von denen
der Vorkriegszeit, daB bereits in der Konjunktur die Arbeits-
losenziffern riesenhaft zimahmen und die gesamten Lohnsum-
men ziemlich stabil blieben.
Die Analyse desr Weltkapitalismus schafft die Voraus-
setzung, um zu der besonderen Lage in Deutschland Stellung
zu nehmen, Warum ist im Niedergang des gesamten Kapitalis-
mus der deutsche eines seiner schwachsten Glieder? Bei der
Beantwortung dieser Frage werden die Kriegsfolgen, die Re-
parationen fast immer in den Vordergrund gestellt. Sternberg
tritt dieser These entgegen. In drei umfangreichen Kapiteln
gibt er die unsres Wissens erste zusammenfassende Darstel-
lung des deutschen Nachkriegskapitalismus, Und grade die
methodic hen Gesichtspunkte, von denen die Darstellung be-
herrscht ist, erschweren die Lektiire nichtt im Gegenteil, sie'
machen es den Nichtfachleuten moglich, sich durch die ver-
schlungenen wirtschaftlichen Vorgange durchzufinden. So zeigt
Sternberg die Faktoren auif die bewirken, daB der deutsche
Kapitalismxis in di«se Krise, die zugleioh eine Industrie- und
Agrarkrise ist, mit einer Landwirtschaft eintrat, die durch die
Vorkriegs- und die heutige Zollpolitik weit hinter der Welt-
landwirtschaft zuriickgeblieben ist; er weist weiter darauf bin,
daB durch die Inflation die deutschen Mittelschichten des
groBten T«ils ihres Vermogens beraubt waren, daB also im
Gegensatz zu England und Amerika die Krise hier bereits ver-
nichtete Existenzen antraf. Er betont, daft der deutsche Kapi-
talismus, grade weil er spater als England sich in einem sehr
schnellen Tempo entwickelte und entwickeln muBte, schon ,in
der Vorkriegszeit der rationalisierteste in ganz Europa war
und in der Nachkriegszeit das Tempo seiner Rationalisierung
noch steigerte, so daB die Arbeitslosenarmeen so groB wie die
amerikanischen, weit grofier als die englischen und franzosi-
schen geworden sind.
Da der deutsche Kapitalismus okonomisch am schwersten
erschiittert ist, muBte hier naturgemaB die politische Krise
die groBten Dimensionen annehmen. Sternberg hat die
wirtschaftliche Analyse bis in die Sommermonate 1932 gefiihrt,
Aber er hat sein Buch nioht damit geschlossen. Aus der
okonomischen Analyse gewinnt er die politischen SchluBfolge-
rungen fur die Aufgaben der deutschen Arbeiterklasse. Auf
diesen vielleicht bemerkenswertesten Teil seines Buches
braucht grade in der tWeltbuhne' nicht naher eingegangen zu
werden, da Fritz Sternberg alias K. L, Gerstorff in diesen Fra-
gen den Lesern der ,Weltbuhne* kein Unbekannter mehr ist.
Nach einer umfassenden Kritik des Reformismus folgt ein Ka-
pitel ttber den Fascismus, bei dem mir jener Abschnitt beson-
ders gegliickt zu sein scheint, wo Sternberg auseinandersetzt,
warum die Stellung zahlreicher Mittelschichten im Produktions-
prozeB die Verbreitung nationalsozialistischer Ideologien er-
leichtert hat.
Das SchluBkapitel grenzt sich scharf gegen die Taktik der
KPD ab, Mit besonderem Nachdruck weist Sternberg gegen-
719
iiber der kritiklosen Obernahme russischer Paroicn auf die
entscheidenden Unterschiede hin, die zwischen der gesamiten
okonomischen Struktur und der Klassenschichtung RuBlands
uad Deutschlands bestehen.
Seit dem Tode Rosa Luxemburgs sind Sternbergs Werke
die ersten und einzigen, die von marxistischen Gesichtspunkten
aus zu einer Gesamtanalyse des Weltkapitalismus, des deut-
schen Kapitalismus und der politischen Aufgaben gelangen,
Wer in diesef politisch so bewegten Zeit einen sichern KompaB
sucht, findet ihri hier.
SA manOVriert von Erich Peter Neumann
TV/Farschtritte knallen durch die nebelkiihle Oktobernacht:
giruppenweis ziehen SA-Kolonnen die aufgeschreckte
LandstraBe Giitergotz — Saarmund herunter, die hier nach sie-
ben Uhr herrschende Ruhc ist weggefegt, und statt der ver-
spatet heimkehrenden, leise uber die Sommerwege quietschen-
den Ackerwagen rattern von Potsdam her groBe Lastautos und
rasen hakenkreuzbewimpelte Limousinen vorbei. SA riickt
zum Manover aus.
Ziel sind die Ortschaften Freesdorf und Tremsdorf, die
etwa 15 Kilometer von Potsdam und 45 vom Herzen Berlins
entfernt liegen; zwei Dorf er der Mark, getrennt durch wald-
reiches, hiigeliges Gelande, in dessen Mitte sich der Ziebchen-
Berg erhebt. Westwarts spiegelt der Seddiner See, und wei-
ter nordlich ziehen sich die Schienen der GiiteranschluBbahn
entlang.
DaB Hunderte von SA-Leute nachtens nach diesem Land-
strich marschieren, ist nichts Ungewohnliches, sie haben zwi-
schen den beiden Dorfern des oHern Gelandespiele und ahn-
liche Sportveranstaltungen durcbgefuhrt, Ungewohnlich ist
diesmal, in der Nacht zum 17. Oktober, nur die Starke der
aufgebotenen Truppen, und wer scharfe Augen hat, kann er-
kennen, daB die Numinernschilder einzelner Lastwagen den
Stempel des altonaer Polizeiprasidiums tragen.
Es wird keines der landesiiblichen Gelandespiele trainiert,
das letzte groBe SA-Manover des Jahres 1932 ist fur Sonntag,
den 17. Oktober, angesetzt. Zwischen den Manovern und den
Gelandespielen der SA besteht ein kleiner Unterschied, der
daran zu erkennen ist, daB die ,,sportlichen" . Gelandeiibungen
in Presse und Organisation starkstens propagiert, die Manover
jedoch kaum erwahnt werden.
In den ersten Morgenstunden gleicht der ganze Umkreis
der Freesdorfer Heide einem Heerlager- Rund 2500 unifor-
mierte SA-Leute sind eingetroffen, verteilt auf das freesdorfer
und das tremsdorfer Hauptquartier. Dazu kommen noch die
Sanitatskolonnen und die Ordnertruppen. Die Armeen Rot
und Blau sind wiederum in aktive und inaktive Truppen unter-
teilt; diese riicken nach den umliegenden Dorfern, vornehmlich
SchiaB und Blankensee, als Reserve ab.
Tremsdorf ist auf den Kopf gestellt, Oberall braune Sol-
daten, in Haustoren und hinter Baumen sind Maschinen-
720
gcwehr- und Minenwerferattrappen aufgestellt, Unweit des
Dorfes stcht das Flugzeug D 1312 startbereit, einige Kilometer
entfcrnt sind D 1393 und D 1672, Maschinen der nationalsozia-
listischen Fliegerstaffel, gelandet.
Wer jetzt die Chaussee entlangkommt, begegnet alle hun-
dert Schritt braunen Posten, die Armeegewehren tauschend
ahriliche Attrappen geschultert haben. Die mit gelben Fahn-
chen markierte Operationsbasis der Trupperi ist fur den zu-
falligen Beobachter, der keine besonderen Empfehlungen hat,
verschlosseni, die postierten SA-Leute verstehen es ausgezeich-
net, Nichtzugehorige zuriickzuweisen, Man erkennt jedoch im
Umkreis markierte Artilleriestellungen und kann audi die mit
Laubwerk und Kartoffelkraut verdeckten MG-Stellungen be-
obachten,
Noch dampfen die Feldkiichen, die SA bekommt ihre
Morgensuppe, aber das geniigt kaum, die Stimimung zu heben,
weil es bitter kalt ist. Das Gros der Hitlersoldaten friert. Die
wenigsten besitzen feldgraue Mantel. Und das braune Hemd
ist fiir diese Witterung zu diinn. Fiir den gemeinen SA-
Muschkoten, der im Augenblick nichts andres zu tun; hat, als
die randalierenden und sinnlos-unwichtigen Kommandos der in
funkelnden Monturen steckenden preuBischen Unteroffiziers-
typen des SA-Stabes zu befolgen, mag der Anblick der in
dicke Mantel gekleideten Fiihrer aufreizend wirken. Aber die
Bedeutung der Mantelunterschiede zu bedenken — dazu ist
keine Zeit, Der Krieg beginnt, piinktlich neun Uhr,
NacK der Uhr Krieg zu spielen, ist schon ohnehin etwas
lacherlich. Hier kommt das verscharft zum Ausdruck. Fast
auf die Minute surrt D 1312 in, die Liifte.
Freesdori liegt verlassen, die Armee ist zum Angriff aus-
geriickt, sie bezieht in dem Waldohen ihre Stellung. Phan-
tastisch, in welcher Vielfalt Dutzendc von Telephonkabeln ge-
legt sind, iiber Stoppelfelder und quer durch das. waldige Ge-
biet laufen die Drahte; sie ernioglichen eine muhelose Ver-
standigung der Truppenteile untereinander. Dazu, zu dieser
Apparatur, gehort Organisation und Material.
Die feindlichen Truppen haben Deckung bezogen und sind
unsichtbar. Zwei Flugzeuge kreisen jetzt iiber der Freesdorfer
Heide, und bald setzt auf der einen Seite das Tacken der Ma-
schinengewehre ein. Das Flugzeug wirft mit Hacksel gefiillte
Bomben ab, und dann saust plotzlioh ein Motorrad heran.
Sanitater laufen aus ihrem Depot bei dem groBen Last- und
Privatwagenpark im Sturmschritt vorwarts. Unzahlige Trag-
bahren stehen zur Verfiigung. Minutenlang ist alles vefwirrt,
und die SA-Fuhrer rasen in ihren Automobilen iiber das Feld.
Wo sie voruberkommen, prasentieren die Posten, fliegen die
Hacken der Muschkoten zusammen. Mittlerweile wird der
Kampf hef tiger, werden die einzelnen Truppenteile aktiver,
und die SA-Mannen sind dreckig, verschmutzt, sie liegen auf
dem Bauch in der aufgeweichten Erde, Schiisse fallen, und
auch die holzernen Minenwerfer treten in Aktion, Die Flkger
bombardieren die Stellungen und verschwinden dann wiedcr.
Der vier Stunden wahrende Kampf bringt keinerlei be-
sonders erregende Momente. SchlieBlich gelingt es Blau, den
721
Feind zuruckzutreiben und die eigne Stellung vorzuschieben.
Man ist njcht sachverstandig genug, um die einzetnen Phasen
dieses Kriegsspiels exakt beurteilen zu konnen, aber man kann
voii erfahrenen Militars, die nicht zum SA-Stabe gehoren und
zufallig wie wir hierhertfekommen sind. hnren. daB dieses Spiel
nur Spiel ist und die Mannschaften . iiber ausgesprochen
schlechte Schulung verfiigen. Die Herren in den Limousinen
gebarden sich allerdings wie toll, sie imitieren ,,Feldherren"
und wirken dabei recht komisch, obwohl man sich bewuBt sein
mufi, daB sie hier sohon den Ernst riechen und nur darauf
warten, ihren Leuten statt der Attrappe die Knarre in die
Hand dnicken zu konnen. Es bleibt erstaunlich, wie enorm
der Aufwand an sehr tauschend fabrizierten Attrappen ist, von
der Hackselbombe bis zum MG glaubt man imimer wieder,
echte Mordmaschinen zu sehen.
Miide, erfroren, zerschlagen, verdreckt und miBgestimmt
riicken die Hitlersoldaten der Etappe zu. Wieder dampfen die
Feldkiichen . . . Die Fiihrer lassen ihre Monokels und die vor
der Brust hangenden Klempnerladen in der aufsteigenden Mit-
tagssonne glitzern und- fahren dann Berlin entgegen. Die
Mannschaften vertilgen indes den Inhalt der Goulaschkanonen
und sammeln sich zum Abmarsch. .
Das Manover ist vorbei. Trotz dem vielen Geknall ist man
nicht erschreckt wegen der Durchfiihrung dieses Manovers, die
iibrigens merkwurdig undiszipliniert geschah, sondern wegen
der Routine dieser Truppe. Diese Leute sind im HFelddienst"
schon abgestumpft, sie wurden durch plotzlichen Alarm gar
nicht itberrascht sein. Man weiB, daB diese Manover den
ganzen Sommer hindurch in alien Teilen Deutschlands statt-
faade^ und daB die Sturm e wirklich1 gedrillt sind. Die oberste
SA-Fiihrung hat kurzlich auch zu verstehen gegeben, daB sie
mit den Resultaten durchaus zufrieden ist und daB etwa vierzig
Prozent der aktiven SA und samtliche SS-Leute wenigstens
einmal zum Manoverdienst herangezogen werden konnten. Es
muB den Militarfachleuten uberlassen bleiben, die tatsachliche
Schlagkraft der Truppen zu beurteilen. Die oberste SA-
Fuhrurig ist aber davon viberzeugt, auBerordentlich verwen-
dungsfahige Mannschaften hinter sich zu haben. Beachtlich ist
neb en dem ungeheuer groBen Attrappenmaterial die Tatsache,
daB' die SA ihre Gelandespiele, falls das Wort Manover um-
gangen werden soil, nunmehr mit Unterstiitzung von drei
Flugzeugen durchfuhrt.
Die Zweitausendfiinfhundert, die der berliner, branden-
burger, altonaer und hamburger SA angehoren, wareni beson-
ders ausgesiebte Leute, sie bilden den Kern der braunen
Armee, der en Zuverlassigkeit gegenwartig ja nicht mehr so
grofl ist wie noch vor einigen Monaten.
Weder der ,Angriff noch der ,Volkische Beobachter'
brachten auch nur ein einziges Wort iiber die Exkursion der
S A, obwohl sonst alle Kneipabende und Bezirksauf marsche
dieser ^erwachenden Deutschen ' spaltenlang gefeiert werden.
Das diirfte ein besonders bedeutsames Merkmal dieses Ma-
novers sein.
722
Zum deutschen Biirgerkrieg wemer Fegemann
\/ielleicht hat die .Deutsche Allgemeine Zeitung' noch nie ein
so wahres Worf geschrieben wie die Oberschrift ,tGustav
Adolls Tat wirkt fort", die sie eben uber die Festreden des
Reichsinnenministers v. Gayl und des ,,Hof- und Dompredigers"
Doehring, MdR, gesetzt hat. Gustav Adolf hat Deutschland
zerrissen, und der spater notdurftig iiberkleisterte RiB zwi-
schen Nord- und Sud deutschland wird heute von Gayls Ge-
nossen wieder aufgeri&sen und vertieft. Es handelt sich kei-
neswegs mehr nur um Religion, lutherisch oder katholisch,
sondern vor allem um die sozialen Untergriinde von Religion
und sozialer Gerechtigkeit, die das Leben in Suddeutschland,
Rheinland und Oesterreich ertraglicher machen, wahrend es
im junkerlichen Ostelbien zur Demiitigung wird.
Festreden zum dreihundertsten Todestag des ,,groBen"
Schwedenkonigs erschallen schon seit mehreren Wochen: in
Berlin, Frankfurt an der Oder und im Rundfunk, auch in
Leipzig (am Volkerschlachtdenkmal! mit SA, Stahlhelm und
klingendem Spiel, vor hunderttausend Menschen) und auf den
Schlachtfeldern von Breitenfeld und Niirnberg, zum Teil in
Anwesenheit schwedischer Offiziere in Uniform. Alles zu
Ehren des ,pwahrhaften Helden, der vor dreihundert Jahren
auf deutscher Erde bei Liitzen seine Oberzeugung mit dem
Heldentode besiegelte".
So sprach Herr v. Gayl im November, am hundertsten Ge-
burtstag des MGustav-Adolf-Vereins" und zur Kundgebung des
MEvangelischen Bundes" in Berlin. Noch frommer sagte Gayl
im September bei der leipziger Feier, schon halb lateinisch:
,,Ich schame mich des Evangelii in Christo nicht" (in dessen
Namen Deutschland verwiistet wurdel),
Wer statt protestantischen Kiichenlateins uber Gustav
Adolf deutsch red en diirfte, miiBte das heute etwa im Sinne
Franz Mehrings tun, dessen ausgezeichnete Studie ,, Gustav
Adolf, ein Furstenspiegel" ihm 1894 beim dreihundertjahrigsten
Geburtstag Gustav Adolf s gerichtliche Verfolgung (vergebens!)
und dreiBigtausend Kaufer gebracht hat. Sie ist soeben in
dritter Auflage (bei Rudolf Liebing, Leipzig, zum Preise von
einer Mark) neu erschienen. Man muBte' feststellen: Gustav
Adolf war das Werkzeug der schwedischen Junker oder
— richtiger — des ^franzosischen Imperialismus", der seinen
schwedischen Parteigangern jahrlich vierhunderttausend Taler
zahlte. Sie hatten an Stelle ihres erbbercchtigten (katho-
lischen) Fiirsten den Thronbewerber Gustav Adolf zu ihrem
Konig gemacht. Dieser Usurpator war; dann so streng luthe-
risch, wie sie wiinschten, und half ihnen, die bis dahin freien
schwedischen Bauern fiir Kriegsdienst und Seerauberei zu be-
geistern. Fiir das (katholisch-)fromme Frankreich-und fiir den
ebenso (lutherisch-)frommen wie kreugerhaft unternehmungs-
lustigen schwedischen Adel begann dann der fromme Gustav
Adolf den frucht- und furchtbarsten Raubzug durch Deutsch-
land, dessen nordliche Teile er zur Schwachung der deutschen
Macht dem schwedischen Reiche angli^dern sollte.
723
Teile Pommerns sind bis zum Sturze Napoleons schwe-
disch geblieben. Wismar bis 1903! Trotz drei ,,GroBen" Hohen-
zollern, Bci einem Besuche jammerte dort Treitschkc brief lich:
1st doch Wismar noch heute eigentlich schwedisch , . .; unsere
H*>iitsr.lie G^scliinlitft war doch tfranwiTn; wie viel Blut hat es £ekostet.
bis wir die abgerissenen Stiickc unseres Reiches, Glicd fiir Glied zu-
riickeroberten!
,,Wenn ich siege, so sind die Deutsohen meine Beute"; mit
diesen Worten war Gustav Adolf in Deutschland eingebrochen.
Doch trieb unfeldherrliche Rauflust den fetten Riesen stets
mitten ins Getiimmel, wo er dann, nach zwei beutereichen
Jahren, auch umkam. Da es keine Miihe machte, ihn durch
gleichwertige Bandenfuhrer zu ersetzen, konnte der schwe-
dische Adel Deutschland noch weitere sechzehn Jahre lang
brandschatzen. Schiffsladungsweise wurden — schon unter
Gustav Adolf — Edelsteine, goldenes Kirchengerat, Kunst-
werke und Schatze aller Art (auch viele fromme Bibliotheken)
nach Schweden geschafft. Das fromme Heer Gustav Adolf s
hat die deutschen Bauern so graBlich miBhandelt — stets unter
Leitung eines f,Standartenpfarrers", wie ihn soeben auch unser
neuer groBer Adolf bei jeder „Sturmabteilung" wieder ein-
fiihrte — , daB sie im, Freiheitskriege von 1813 noch vor den
damals befreundeten schwedischen Truppen davonliefen. Von
der Einascherung Magdeburgs, die als ewiger Schandfleck des
deutschen Kaisertums gilt, schreibt der protestantische Histo-
riker Hans1 Delbriick:
Es ist nicht unwahrscheinlich, dafl der schwedische Kommandant*
den Gustav Adolf gesandt hatte, den Brand hat anlegen lassen.
Als 1648 Frankreich endlich dem Deutschen Reiche den „Ver-
nichtungsfrieden" diktiert hatte, schmiB der schwedische Raub-
heLd Wrangel, der letzte Nachfolger Gustav Adolfs, vor Wut
seinen Generalshut zu Boden und zertrampelte ihn. Den
glucklicheren Gustav Adoll dagegen storte noch hiemand bei
der Rettung der ,,reinen Gotteslehre" und der Plunderung des
Deutschen Reichs, das heute dem ,,L6wen aus Mitternacht"
,,ohne sich zu schamen" in ,,Christo" ergeben Dankesfeste
feiert. Nicht einmal Napoleon (dem Deutschland doch — we-
nigstens vorubergehend — etwas Bauernbefreiung und andre
Realien verdankte) ist so maBlos gefeiert worden von den
Deutschen, die er ,;grundlich gehauen hat, wofiir sie ihm eine
Dankbarkeit beweisen, die ich durch kein zpologisches Bei-
wort charakterisieren will" (Bismarck, 29. 1. 1886).
Es ist ungewohnlich grotesk,1 daB grade der ,,anstandige"
v. Gayl sich fiir den schwedischen Mordbrenner begeistert:
der fromme Notverordner der deutschen Junker weint sehn-
suchtsvoll am Grabe des frommen Henkersknechts der mach-
tigeren schwedischen Junker? Gayl ware unschuldig, wenn
er sich wenigstens auf die meist zuverlassig falschenden
Klassiker der preuBischen Geschichtsschreibung berufen
konnte. Niemand wird ja von Herrn Gayl erwarten, daB er
Mehring liest, Aber miiBte nicht grade ein ^nationaler" Mi-
nister, der vor versammeltem Volk geschichtsphilosophisch
reden mochte, doch wenigstens seine Gewahrsleute Ranke und
Treitschke und deren Testamentsvollstrecker Hans Delbriick
724
etwas sorgfal tiger studieren? Selbst von den offiziellen preuBi-
schen Geschichtsf£rbern konnte die Wahrheit iiber den „evan-
gelischen Heiland" Gustav Adoli (Richelieu nannte ihn, ,,Mes-
sias") nicht so ganz erfolgreich versteckt, werden, d'aB eine
deutsche Obrigkeit an den Feiern zu Ehren des schwedischen
Einbrechers heute noch mit Anstand teilnehmen konnte. Ge-
wi6, Ranke erklarte:
Die norddeutschen Kirchen sollten noch heute auf dem Schlacht-
felde von Breitenfeld dem Konige ein Denkmal errichten, ohne dessen
Hilfe sie vcrloren gewesen waren.
Und fur Treitschke gar ist Gustav Adolf nur dem Aller-
hoohsten vergleichbar:
Luther und Gustav Adolf waren die beiden einzigen Helden vor
Friedrich dem GroBen, deren Bild sich den Massen unsres Volkes
unvergefilich ins Herz pragte. Seit den Tagen jenes Lowen aus
Mitternacht hatte Deutschland nicht mehr das Bild eines Helden ge-
sehn, zu dem die gesamte (!) Nation bewundernd emporblickte , , ,
und der die Deutschen zwang, wieder an das Wunder des Helden-
tum& zu glauben.
Aber der Vergleich mit Friedrich dem GroBen ist (wie der
konigstreue Gayl wissen miiBte) schon deshalb unerlaubt, weil
er allzugenau zutrifft und deshalb von dem ,, groBen" PreuBen-
konige selbst abgelehnt wurde. Friedrich II. sagte wahrend
einem seiner selbstentlarvenden Anfalle voltaifescher Wahr-
heitsliebe:
Ist es recht, fiir solche Dingef wie Gustav Adolf sie vollbrachte,
das menschliche Geschlecht dem Blutvergiefien zu weihen, urn den
Ehrgeiz und die Laune eines einzigen Menschen zu befriedigen?
Hatte Herr v, Gayl seine Klassiker sorgfaltiger studiert,
dann ware ihm auch nicht entgangen, daB nach Ranke ,,die
norddeutschen Kirchen" und ,,die gesamte deutsche Nation*
gar nicht dem Schwedenkonig allein sondern auch dem groBen
Kardinal Richelieu Denkmaler errichten miissen, Ranke er-
klarte namlich:
' Wenn sich Gustav Adolf entschloB, das groBe Werk zu unter-
nehmen, so geschah das nicht etwa auf Antrieb Brandenburgs oder
andrer deutschen Fiirsten von Bedeutung,. sondern vor allem unter der
Einwirkung des Kardinals Richelieu, der, obwohl katholischer Kir-
chenfiirst, durch seine personliche Lage dazu angetrieben wurde, den
Protestantismus in Deutschland zu retten,
Obgleich also der protestantiscbe Kurfiirst von Branden-
burg ein ,,Fiirst von Bedeutung" war (Ranke versicherte so-
gar, ,fseine geistige Begabu-ng stand nicht unter dem gewohn-
lichen MaBe"), wollten er und der andre protestantiscbe Kur-
fiirst (der sogenannte Bierkonig von Sachsen) sich durchaus
nicht von Gustav Adolf retten lassen. Warum? Ranke er-
klarte das Ratsel:
Die deutschen Fiirsten der Zeit waren zu behaglich situiert und
durch herkommliche Rticksichten beschrankt, als daB sie selbstandig
etwas unternommen hatten. Eben das macht den welthistorischen
Mann, daB er in dem Streit des Tages die beherrschenden Momente,
den Gegensatz der Gedanken begreift und erfaBt. So erschien Gustav
Adolf im Sommer 1630 in Deutschland: er stieg in Pommern,an das
Land, wo der Kurfiirst von Brandenburg ihn nicht zu^sehen ge-
wiinscht hatte, und setzte sich daselbst fest. Nebe**/ Kardinal
Richelieu nahm Gustav Adolf eine eigenartige gro.B« $teUtmg ein . . ,
725
So begreift man, warum Treitschkc immer wieder von dem
nhartcn" Luthertum dcs Schwedenkonigs spricht, das, zusam-
men mit der cbenso harten Realpolitik Richelieus, die wider-
strebenden deutschen Fiirsten dazu zwang, gcgen ihren selbst-
gewahlten Kaiser und gcgen ihren eignen Vorteil zu kampfen.
Treitschke versichert:
Wer der kaiserlichen Majestat widerstand, verlor den Boden,
unter den FuBen. „Halte ich zum Kaiser, so bleibe ich und mein
Sohn immer noch Kurfurst!" — mit solchen Worten hatte der zau-
dernde Georg Wilhelm von Brandenburg die Antrage Gustav Ado If s
zuriickgewiesen.
Mit andern Worten, Richelieus Furcht vor der Einigung
eines dann libermachtigen Deutschlands war berechtigt. Gegen
die Gefahr, daB Deutschland durch seine Kaiser ebenso geeint
werden wiirde wie Frankreich und England durch ihre Konige,
haben Frankreich und England seit Richelieu immer neue Sold-
nerheere ins FeLd gefuhrt. Die erfoigreichsten dieser Mord-
brennerheere wurden von den beiden Condottieri Gustav
Adolf und Friedrich II. befehligt. Oder mit den Worten
Bismarcks:
Auch der preuBische Partikularismus entstand nur in Auflehnung
gegen das gesamte deutsche Gemeinwesen, gegen Kaiser und Reich,
im Abiall von beiden, gestutzt auf papstlichen, spater franzosischen,
in der Gesamtheit welschen Beistand, die alle dem deutschen Ge-
meinwesen gleich schadlich und gefahrlich waren.
Auch der fromme Protestant Gustav Adolf, ,,Retter", Er-
oberer und Verwiister Brandenburg-PreuBens, stiitzte sich
nicht nur auf franzosischen sondern auoh auf papstlichen Bei-
stand. Der Papst und der tiirkische Sultan fuhlten sich von
der drohenden Obermacht Deutschlands genau so bedrangt wie
Richelieu und halfen eintrachtig dem Schweden. Der Papst er-
klarte, der Krieg gegen den deutschen (katholischen) Kaiser
sei kein Religionskrieg. Hans Delbriick schreibt:
Uber den Sieg des katholischen Kaisers am Weifien Berge jubelte
die eifrig-lutherische Bevolkerung der Mark. Aus Berlin schrieb der
Kanzler Pruckmann dem Kur fiirsten nach Konigsberg; „Hi^r ist ein
solches Frohlocken unter dem gemeinen Haufen, schnauben und
schnarchen dabei, dafi es nicht auszusprechen."
Dagegen las der Papst die Messe fur den protestantischen
Gustav Adolf: ,,Gott hat den Schwedenkonig auferweckt, daB
er uns beschiitze/' So gar der Papst war zur Duldung b ere it!
Auch der deutsche Kaiser war viel mehr an der Duldung ver-
schiedener Religionen interessiert, und Wallenstein trat viel
nachdriicklicher fur Duldung ein als Gustav Adolf, der in
Schweden jeden Katholiken zum Tode verurteilte. Aus dem
eroberten Erzstift Magdeburg vertrieb Gustav Adolf nicht nur
alle Katholiken — trotz alien gegenteiligen Versprechungen —
sondern auch alle reformierten Protestanten, weil er nur die
„reine Lehre Luthers" gelt en lieB. Als die Schweden Wiirz-
burg gepltindert hatten, lieB Gustav Adolf seinen Hofprediger
Fabricius versichern: „In einem halben Jahre wird das Stift
Wiirzburg zur evangelischen Religion gebracht werden."
Ober das spatere Gedeihen des von Gustav Adolf ge-
retteten Luthertums schrieb der preuBische Klassiker
Treitschke:
726
£s ist nicht anders, das Luthertum jener Tage stand nicht nur
politisch, sondern auch sittlich tief unter dem verjiingten Katholizis-
mus, der soeben alle seine Bekenner wie ein Heer des Glaubens in
der festen Burg seiner alten, jetzt neu geordneten Hierarchie ge-
sararaelt hatte . . . Die unsittliche Lehre vom leidenden Gehorsam sog
den Lutheranern das Mark des Willens aus den Knochen.
Der protestantische Pfaffenwahn, ohne Gustav Adolf
ware die „Geistesfreiheit" aus der Welt geschwunden, ist
durch Treitschkes Nachfolger Hans Delbruck lacherlich ge-
macht worden. Einige Stichproben von Delbruck:
Die Jesuiten waren weltfreundlicher als ihre theologischen Geg-
ner und die bedeutendsten Machte des Abendlandes- waren katho-
lisch . . . Die franzosische klassische Literatur, wenn auch auf katho-
lischem Boden erwachsen, war doch soweit frei von Confessionalismus,
daC auch Hugenotten und Freidenker, Jesuiten wie Jansenisten sie
annehmen konnten. Es ist eine in vol I em Sinne nationale Literatur.
Sie ist aber noch mehr. Sie war geeignet, Weltliteratur zu werden.
Auch die aufklarerischen Versuche Friedrichs des GroBen
stammten nicht etwa aus der Geistesfreiheit Luthers, den er
Meine mitt elm aBige Pfaffennatur" nannte, sondern von Voltaire,
dem Jesuitenschuler. Auch der groBe Descartes war ein
Jesuitenschiiler. Er hat unter Tilly aul Seiten des deutschen
Kaisers gekampft und ist dann ein Freund der Tochter Gustav
Adolf s geworden! Sie ist besonders beachtenswert, Denn auf
sie hofften einmal die preuBischen Sezessionisten: der ,,GroBe"
Kurfiirst wollte sie heiraten und damit das nordische Reich
vorbereiten, das ,,der preuBische Partikularismus in Auflehnung
gegen das gesamtdeutsche Gemeinwesen" stets aufzurichten
hoffte. Delbruck schreibt:
Aber die Tochter Gustav Adolfs lehnte diesen Plan ab , , . Stolz,
bildungsdurstig, freigeistig wie sie war, . . . legte sie die Krone nieder,
Sie verlieB Schweden/ trat zum Katholizismus uber, der liberaler war
als das lutherische Zelotentum, und ist spater in Rom gestorben,
Selbst als Souveran konnte sie den protestantischen
Pfaffen- und Adelsmuff nicht ertragen. Und doch war die
schwedische Militarmonarchie, verglichen mit ihrer spatern
preuBischen Nachahmung, noch ein freier und gebiideter
Staat! Nicht nur der Adel sondern auch die Bauern bewahr-
ten in Schweden standische Rechte, die in PreuBen von den
„groBen" Hohenzollern geschoren wurden, Auch des Freiherrn
vom Stein verspatete preuBische Bauernbefreiung ist wieder
riickgangig und vor allem zu einem groBen Bauernlegen be-
nutzt worden, Und Briining wurde gestiirzt, weil er auf den
ostelbischen Latifundien wieder kleine Bauern ansiedeln wollte.
Hier droht uns die groBte Gefahr aus Gustav Adolfs sieg-
reichem Kampfe fiir das Ifharte" Luthertum. Luther hat mit
scheuBlichen Schimpfworten die Junker und Fiirsten zur Nie-
derknebelung der Bauern angefeuert. Dieser Geist der Un-
duldsamkeit und sozialen Ungleichheit herrscht noch hente in
groBen Teilen Norddeutschlands. Er ist gefahrlicher als irgend
eine Mainlinie. Er droht, gegen das koloniale norddeutsche Neu-
land den kulturell alteren Westen, den Siiden und Oesterreich
zusammenzuschlieBen im gemeinsamen Widerspruch und wieder
zur Freude Frankreichs. MGustav Adolfs Sieg iiber den deut-
schen Einheitsstaat wirkt fort!"
727
Mariauxnetten des Rundfunks von * * *
r\as Drama der Umorganisation beim Rundfunk lauft zwar
langsamer, ist aber anscheinend noch iramer nicht zum
AbschluB gekommen, Wenigstens wird derjenige, der heiitc
das Funkhaus durchwandert, feststellen miissen, daB das
Wichtigste im Funkhaus ununterbrochenes Umziehen ist.
Tiiren werden durchbrochen', Telephone umgelegt, neue Wande
gezogen und — ■ wenn alles gliicklich fertig ist — beginnt das
gleiche Spiel von vorn, Es ist eben leichter, einen Bureau-
apparat zu organisieren als ein Programm.
Immerhin; ein tiichtiger Dampfer aus deni Munde der
5ffentlichkeit erreicht ja manehes, und ganz so menschen-
fresserisch, wie die braunen Herren aus der Masurenallee tun,
sind sie doch nicht. Das zeigen am besten -die „Ketzereien am
Wochenende". Nachdem namlich die Mariauxnetten, die so
urplotzlich aus ihrem Dunkelschlaf herausgerissen worden
war en, ordentlich eins auf den Kopf bekommen hatten, ist von
ihrem Spiritus nichts andres ubrig geblieben als ein chro-
nischer Rampenlicht-Katzenjammer.
Wie uberhaupt die neuen Herren der Zeitfunk- und Vor-
tragsabteilung ins Funkhaus gekommen sind, das wissen nur
die Unsterblichen und einige wenige Eingeweihte. Aber man
geht nicht £ehl, wenn man die Drahte, an denen sie empor-
klettern konnte, in den Kreisen rund um den Herr en-Club
sucht. Von Doktor Mariaux jedenfalls erzahlt sich der
Funk-Mund, dafi er reiche Verwandte im Rheinland habe,
Schwerindustrielle ihres Zeichens, die liber die besten Be-
ziehungen zu den Gebietern von heute verfugen,
Aber alle Geriichte beiseite: Tatsache ist, daB alle drei
Herren — Mariaux, Harald Braun und Laukisch — eines Tages
den Ruf erhielten, so schnell wie moglich ins Funkhaus zu
kommen; dort wurden sie um ihr, prinzipielles Einverstandnis
gebeten, Dienste im Funkhaus zu nehmen. Kurz darauf waren
sie eingestellt. Niemand weiB: waren sie beim kommissari-
sohen Intendanten, waren sie beim Rundfunkkommissar? Nie-
mand weifi, wervon den beiden sie nun eigentlich zu sich be-
stellt hat — auf alle Falle: sie waren und sind — noch
immer — da.
Was sind sie vordem gewesen? Harald Braun war Lei-
ter des Evangelischen Pressedienstes, Herausgeber des ,Eck-
hardt' und Redakteur bei Scherl — von alien dreien hatte er
die meiste Erfahrung im Umgang mit Mikrophonen; denn unter
der Ara Flesch-Kurschner hat er mehrere Male Gelegenheit
gehabt, seine Ungeeignetheit fiir das Mikrophon zu er-
proben, zum Beispiel bei der Reportage ,,Durch die Hingabe-
Ausstellung". Fritz Laukischs Beriihrung mit dem Sender war
etwas mehr platonischer Natur: er safi als kleiner Redakteur
bei Scherl, bebilderte dort die Seiten einer Funkzeitsohrift und
brauchte dazu weder Verantwortung noch Initiative. Franz
Mariaux dagegen war der Gliicklichste; in seiner Eigenschaft
als freier Journalist wuBte er, bis zu seiner Berufung ins Funk-
haus, nur vom Horensagen, daB es so etwas wie Sender und
Empfanger gab,
728
Von den dreien, die da neu kamen, schcint Harald Braun
noch dcr Beste. Er hat wenigstens den eincn Einfall gehabt,
die Vortrage abzukiirzen und zwischen die einzelnen Darbie-
tungen mehr Musik einzustreuen; im iibrigen hatte er nur noch
den Einfall, sioh wiederum aufs Mikrophon loszulassen. Seine
affektierte, mit wohlberechneten Seufzern durchtrankte mo-
notone Redeweise muB unfehlbar alle Harer am Lautsprecher
einschlafern. Er hat Richtlinien ftir die Bearbeitung von Vor-
tragen herausgegeben; sollte er sich diese (im iibrigen nur fur
Philosophen verstandlichen) Richtlinien nicht selber zu Ge-
imite fiihren, ehe er das Publikum anodet? Wie die November-
programme zeigen; die Abteilung Harald Braun ist eine zweite
literarische Abteilung geworden, ohne die erste an Giite zu
erreichen; was die friihere Vortragsabteilung an Gebieten be-
arbeitete — - Technik, Wirtschaft, Wissenschaft, Handel —
ist ihm so fremd, da6 er es kaum in seinem Programm be-
riicksichtigt. Wo sind die ,,Rechtsfragen des Tages", wo die
Mmedizinisch-hygienische Plauderei", wo all dk netten und
unterhaltenden Vortrage geblieben, nach denen die Horerschaft
diirstet? Soil uns dafiir das t,Gelebte Leben" entschadigen?
Vielleicht, Herr Harald Braun, ,tDiirfen wir Ihnen raten?" sich
auf die ,,Pflicht ohne Ende" eines Leiters der Vortragsabtei-
lung zu besinnen!
Laukisch konnte nicht anders, als sich aus einem unter-
geordneten Redakteur zu einem ebenso nichtssagenden Funk-
handlanger zu entwickeln. Das erste, was er in seiner neueii
Position tat: er erprobte die neugewonnene Machtfiille und
fabrizierte eine Reportage von der berliner Stadtrandsiedlung.
Er machte sie so ngut", daB selbst die ihm nahestehenden
Kreise rieten, er solle sich lieber nicht ofter versuchen< Er ist
jetzt das Sieb, durch das die ,,Stimmen zum Tag" und die Re-
portagen zu Doktor Mariaux gelangen beziehungsweise nicht
gelangen
Was aber ist aus der „Aktuellen Abteilung" geworden
— aus jener Abteilung, die so glatt und reibungslos funktionierte?
In Jahren aufgebaut, in wenigen Wochen zerschlagen. Un-
beantwortete Briefe haufen sich zu Bergen. Aktuelle Vor-
schlage versinken hinter diesen Briefstapeln zur Unaktualitat.
Neue Reporter tauchen auf wie Sand am Meer. Namen wie
Wulf Bley, Haupt, Hauser, Holzapfel, Anton, Peter Bam wei-
sen eine eindeutige Richtung in das braune Lager,
Das ist kein TrugschluB: die erste MaBnahme Mariaux
war, sich mit „Saohberatern" fiir bestimmte Fachgebiete zu
umgiirten: Holzapfel vom Aero-Klub wahlte er zum Fachmann
fiir Luftfahrt, den natiohalsozialistischen Kapitan zur See a. D.
Busch zum Fachmann fiir Marinefragen. Wer diesen Herren
nicht genehm ist, haf keine Aussicht, Luftfahrt- oder Marine-
reportagen zu machen.
Eine alte Tatsache: je unfahiger jemand zur Ausiibung
eines Amtes ist, desto mehr Hilfspersonen zieht er heran.
Was Kurschner allein machen konnte, das bedarf bei Mariaux
eines Aufgebotes von sechs Kopfen: Mariaux selber, Laukisch,
Busch, Holzapfel, ein Sachberater fiir Heeresfragen und dem-
729
nachst noch cin Assistent fur Mariaux, der ihn weiter ent-
lastcn soil.
Frage ist, wer das alles bezahlt. Nun, diesmal zahlen es
nicht die Horer, Diesmal zahlen es die, mit deren Hilfe und
Kraften das Programm eigentlich rfemacht wird: die Mitarhei-
ter. Das sind freie Leute, die nur von Fall zu Fall engagiert
werden — Leute ohne festes Einkommen, Leute, denen nie-
mand ihre Auslagen und Spesen ersetzt. Ihnen sind die Hono-
rare gekurzt worden. Ein Vortrag ist auf 75 Mark, eine Re-
portage auf 75 bis 120 Mark heruntergesetzt worden; jeder Auf-
wand bei Reisen, wie Essen, Hotel und Obernachtung, muB da-
von bestritten werden. AuOerdem ist die Moglichkeit der Mit-
wirktuig nochmals urn ein Drittel verkiirzt worden, Hier ein
Beispiel: Konnte friiher jemand in der Vortragsabteilung, ar-
beiten, so waren im Durchschnitt vier Vortrage im Jahr sein
Maximum. Daiiir bekam er rund 600 Mark. Heute kann er
giinstigenfalls nur noch dreimal vor das Mikrophon treten und
erhalt dafiir insgesamt 225 Mark im Jahr.
Freie Berufe sind bekanntlich okonomisch schwache
Faktoren — die schwachsten, die es im Wirtschaftskampfe
gibt. Und weil diese Berufe zu schwa ch sind, sich zu wider-
stezen, muB in erster Linie an ihnen gespart werden, was. die
neuen Leute kosten. Das sind nicht nur die Herren Harald
Braun, Laukisch, der zukiinftige Assistent von Doktor Ma-
riaux und Herr Hartmuth Braunl — das sind auch die Herren
Scholz, Strunden und wie die iibrigen Kommissare alle heiBen,
und es sind die Herren Krukenberg, Beumelburg und Kolb,
Aber auch an andern Stellen muB gespart werden — und
das f reilich zahlt der Horer, Nicht* nur, daB der Sender jetzt
Sonntags nachmittags eine halbe oder gar eine ganze Stunde
stillgelegt wird: auch sogenannte ,,wertvolle" Darbietungen
literarischer oder musikalischer Art werden kurz hinter-
einander mehrfach wiederholt. Wenn auch der einzelne Autor
solcher „wertvolIer" Sendungen ein etwas hoheres Honorar
erhalf, so ist auf der andern Seite die Moglichkeit fiir andre
Autoren fortgefallen, nun ihre Horspiele oder Kompositionen
zur Aufftihrung zu bringen, Fiir den Horer bedeutet das ein en
Verlust an Abwechslung und Fiille der Darbietungen, fiir die
Autoren eine EinbuBe um zwei Drittel ihrer Arbeitsmoglich-
keit. Die Sender allein profit iereri: denn was sie bei dies en
Autoren sparen, das bekommt der Autor einer ,,wertvollen
Sendung" bei weitem nicht mehr bezahlt.
Zwischen die Leistungen ein und derseiben Person ist ein
,,offizieller*' Abstand von mindestens vier Wochen gelegt
worden — eine weitere Kiirzung der Arbeitsmoglichkeiten.
Aber das gilt nicht fiir alle. Personae gratae wie Herrn Holz-
apfel, Herrn Doktor Walter Hagemann, Herrn Wulf Bley ge-
noB man innerhalb eines Monats mehrere Male , . .
Man hat dem alten Funkhaus vieles vorgeworfen. Aber
im Vergleich zu dem, was sich heute in der Masurenallee ab-
spielt, hat der alte Rundfunk im bliitenweiBen Engelskkide
dag est and en.
730
HaUptmanilpUbliklim 1932 von Herbert Ihering
p s gibt nichts Tauschenderes als ber liner Erfolge, Das Pre?
*-* mierenpublikum ist seit Jahren, seit Jahrzehnten dasselbe,
feindlich oder freundlich eingeschworen auf Autoren, Stiicke
und Schauspieler. Dieses einstmals beweglichste und leben-
digste Publikum der Welt ist heute in den groBen und repra-
sentativen Theatern nicht mehr aufnahmefahig fur umnittel-
bare Eindriioke. Je mehr die Premieren nach dem
Westen rutschten, desto weniger wurde an den Publikums-
nachwuchs gedacht. Es gab nur Logenbesucher und Parkett-
zuschauer. Die Galerie starb aus. Nur in der Volksbiihne, im
Staatstheater und allenfalls noch im Deutschen Theater gab
es eine Galerie.
Das fiihrte immer mehr zu einer Verkliquung und Versip-
pung des berliner Theaterpublikums, Es fehlte jede Bewegung,
jeder Zustrom. Alles kannte sich. Jeder wuBte van vornher-
ein: der Nachbar denkt so tiber Kortner und so iiber KnauB,
reagiert so auf Zuckmayer und so auf Georg Kaiser. Alles
war voraus bestimmt und voraus berechnet. Oberraschungen
wurden selten. Der Wechsel, der eintrat, war hdchstens ein
Wechsel der Mode. Nur aus dieser Zusammensetzung des
Publikums und aus der Kenntnis der Theaterdirektoren von
dieser Zusammensetzung ist es zu erklaren, da6 das Risiko
eines unbekannten Diqhters kaum noch eingegangen wird,
daB Beziehungen alles sind und ein klagliches Rechtsanwalt*
stiick wie Erich Freys MMeineid'\ das selbst juristisch ohne
jede Beweiskraft ist, eher aufgefiihrt wird als das Werk eines
Dichters.
Das berliner Premier^npublikum ist das Publikum der ge-
sellschaitlichen Cliquen geworden. Aber es gibt heute die
Hauptmannfeiern, der alte groBe Hauptmannspielplan wird
wieder aufgerollt. Hier miiBte sich das alte Publikum bewah-
ren oder ein neues sich bilden. Und doch ist grade hier die
Erstarrung am deutlichsten. Nicht in der Volksbiihne, selbst-
verstandlich. Aber man erlebe heute eine Hauptmannpremiere
am Gendarmenmarkt oder in der SchumannstraBe. Man blicke
ins Parlcett, in die Wandelgange, ins Foyer, es hat sich nichts
geandert, Oder vieknehr doch. Dieselben Leute, die friiher
Hauptmann durchsetzen halfen, die friiher kampfteri, denen
Hauptmann eine menschliche, geistige und kunstlerische Welt
bedeutete, die sich vor ihm in der Gemeinsamkeit eines Be-
kenntnisses fanden, protzen heute mit diesem geistigen Besitz
und tragen ihn zur Schau. Nirgends stoBt man im Theater
sonst auf einen solchen Kastengeist. Das geht limner, fiihlt
sich geborgen, benimmt sich auffallend, kramt vor aller Ohren
Intimitaten aus und verachtet die andern. Eine herrschende
Klasse, die wieder nach oben gekommen ist, Emi-
granten, die wieder ihren Boden gefunden haben, Ein litera-
rischer Herrenklub, der jeden feindselig ablehnt, der nicht dazu
gehort Alte Kampfer der Literaturrevolution gehen wie mit
Orden und Diplomatenfracks herum. Jeder Blick der Klub-
mitglieder untereinander wirkt wie ein verabredetes Zeichen,
731
Jeder GruB wie ein Signal. Man glaubt, in cincn Geheimbund
gcraten zu sein, der cincn GroBfiirsten inthronisieren will.
So komint der siebzigjahrige Hauptmann nur scltcn an
ein neues Publikum heran. Grade diejenigen, die das groBte
Vefdienst an seiner Durchsetzung haben, riegeln die Weiter-
wirkung ab. Der Volksdichter Hauptmann wird gefeiert wie
der Vorsitzende einer Vereinigung von Auserwahlten. Ku klux
klan geht um, Wahrend die Theater langst vom Westen sich
wieder an die Peripherie schieben, wird Hauptmann exklusiv
und autoritar gefeiert (immer mit Ausnahme der Volksbuhne).
Hauptmann, als Emigrant, Hauptmann als GroBfiirst — nicht
die Theater, nicht die Regisseure, nicht die Schauspieler sind
schuld. Schuld ist das Hauptmannpublikum 1932.
Kultus, Kunst und Kestenberg von Arnold waiter
"^Jicht weniger als zweiundzwanzig kiinstlerische Verbande hatten
* ' untcr Fiihrung des neuen Akademieprasidenten Max v. Schillings,
der doch wirklich kein Kulturbols chew ist ist, gegen die Beseitigung
der Kunstabteilung im preuBischen Kultusministerium feierlichen Pro-
test eingelegt. Mit dem Erfolg, daB man die Ansichten und Wiinsche
der Fachleute zwar zu den Akten, keineswegs aber zur Kenntnis nahm.
Im Rahmen und Namen der Verwaltungsreform soil der Geist der
Nachkriegsjahre moglichst ausgerottet, sollen seine Auswirkungen
annulliert werden. Sollen die Fachreferenten ausgeschaltet, ihre
Ressorts Verwaltungsjuristen iiberantwortet werden; so daB es fortan
wieder nicht so sehr darauf ankommen wird: . was. — als daB ver-
waltet wird.
Dies geht so zu: Von den bisherigen von fiinf Ministerialdirektoren
geleiteten Abteilungen des Ministeriums bleiben lediglich die „Zentral-
abteilung" und die „geistliche Abteilung" bestehen. Fiir alles andre
werden zwei neue geschaffen, die „Abteilung fiir Unterricht und Er-
ziehung" namlich und die „fur Wissenschaft und Kunst". Damit er-
lischt die selbstandige Existenz der Kunstabteilung; damit ist gluck-
lich ein Zustand wieder erreicht, der lange vor dem Kriege bereits der
Abanderung fiir wert befunden worden war. Mit dem Unterschied frei-
lich, daB sich die wissenschaftlichen wie kunstlerischen Agenden des
Ministeriums gewaltig vergrofiert und dements-prechend an Bedeutung
gewonnen haben: man erinnere sich nur der (seinerzeit in der Ver-
waltung anders eingegliederten) frtiheren Hoftheater, Schlosser und
Garten; des Funkwesens, das es gar nicht gab!, des Lichtspielwesens,
das j etzt vom Innenministerium iibernommen wird ! Der neu auf -
gebauten staatlichen Musikpflege! Man vergegenwartige sich, was es
heiBt, wenn zu all dem Bisherigen Angelegenheiten des Wohlfahrts-
Laridwirtschafts- und Handelsministeriums, in Zukunft vielleicht sogar
des Reichs, mi tuber nommen werden miissen.
Macht man heutzutage den Versuch, die Beziehung zwischen Kunst
und Staat so zu ordnen, wie es vor einem Vierteljahrhundert der Fall
war, so ist dies (selbst fiktionsgewohnte Juristengehirne hatten das
begreifen miissen) keineswegs eine restitutio in integrum sondern eine
soziologische Absurditat. Ist es in Zeiten, in denen Kunst von starken
und intakten Schichten getragen wird, durchaus denkbar, daB sie der
Staat sich selbst und ihrem wirklichen oder vermeintlichen organischen
Wachstum iiberlafit, so ist es undenkbar und unsinnig, das gleiche Ver-
halten in Zeiten beobachten zu wollen, in denen sich die gesellschaft-
liche Struktur entscheidend andert, die Schichten zerfallen, die Kunst
732
heimatlos wird: wie wir es alle Tage erleben, Da hilft kein Hoffen
auf gar nicht mehr mogliches organisches Weiterwachsen, da gilt kein
Abscheu vor dem Organisieren geistiger Giiter — hier fragt es sich nur:
bckennt man sich uberhaupt zu ihnen und ihrer Erhaltung? (Wer
aber wollte ©9 heute versaumen, dieses Bekenntnis moglichst laut und
deutlich, iiberdeutlich, abzulegen?) Tut mans, dann ha$ man freilich
bereits die Aufgabe ubernommen, durch bewufite Willensbildung und
planmaBiges Handeln das unvollkommen oder gar nicht mehr funk:
tionierende Kraftespiel historischen Geschehens zu ersetzen, Nichts
andres meint iibrigens das immer wieder mifiverstandene Wort „Kunst-
politik", das nur kritiklose Dummheit im parteipolitischen Sinn zu
interpretieren vermochte.
Wachst also fur einen Staat, der den Ehrgeiz hat, alle wertvollen
Kulturgiiter zu erhalten, unaufhaltsam die Verantwortung der Kunst
und den Kiinstlern gegeniiber, dann ist es reichlich unverstandlich und
nur aus politischen Motiven zu erklaren, wenn man daran geht, difc
kiinstlerischen Interessen wie vor Jahrzehnten zu einem Anhangsel der
wissenschaftlichen zu machen. Ob man das „Vereinfachung der Ver-
waltung" nennen kann, wenn ein Beamter zwei so disparate schwer
ubersehbare Gebiete beherrschen und verantwortlich leiten soil (was
in Wahrheit unmoglich ist), wenn Verwaltungsjuristen Sachen zur Be-
arbeitung zugewiesen werden, von denen sie schlieBlich doch nichts
verstehen — das steht dahin, Immer werden sie auf Urteile und Voten
andrer, Einzelner wie Korperschaften, angewiesen bleiben; hier wird
ein unkontrollierbares Halbdunkel herrschen, die Frage der Verant-
wortlichkeit wird niemals ganz klar zu beantworten sein; auch diirfte
dies* Alles eher zur Komplizierung als zur Vereinfachung beitragen.
Nur der Fachreferent, diese unumganglich notwendige Personalunion
eines Beamten und kiinstlerischen Menschen, war und ist imstande, die
Beziehung zwischen Staat und Kunst wirklich fruchtbar zu gestalten.
Das Sinnlos«ste, das Beschamendste an der ganzen Aktion, die in
Wahrheit krasse Reaktion ist, das ist der Abbau des preufiischen
Musikreferats. Es ist hier nicht der Ort und nicht der Raum, die
einzigartige Aufbauarbeit, die da geleistet wurde, im einzelnen zu be-
leuchten; etwa von der Neuformung der Hochschule fiir Musik oder der
Akademie fiir Kirchen- und Schulmusik zu reden, von dem Schul-
musik-, dem vielumkampften Privatmusiklehrerlafi. Noch wenigersoll
den zahllosen Gegnern der preufiischen Musikreform die Ehre angetan
werden, sie umstandlich zu widerlegen: sie hatten niemals zureichende
oder nur faBbare Argumente, sie hatten immer nur MiBtrauen gegen
die ganze Richtung, ubelwollen und HaB.
Mag es auch fiir Nicht jurist en oft schwer s=ein, den Unterschied
zwischen einem Fachreferenten und einem Minister zu begreifen oder
gar sich das Funktionieren eines Amtes vorstellen zu konnen
— es zeugt andrers«its auch nicht von all zu grofier Einsichtr
wenn selbst ernsthafte Leute materielle Arbeit und formale Verant-
wortung nicht zu trennen wuBten. So hatte Leo Kestenberg, der
Schopfer der Musikreform, nicht nur seine Absichten, so hatte er auch
den durch alle immer vorhandenen Gegenkrafte veranderten Erfolg
dieser Absichten zu verantworten . . . Was nicht immer leicht gewesen
sein mag. Nicht auf Einzelheiten aber, nicht auf Feindschaft, Erfolg
oder MiBverstandnis kommt es an sondern auf den Sinn des Amts, die
Absicht seines Tragers, auf Aufbau und Zusammenhang der Arbeit.
Die Grundabsicht all der Reformen? Sie war die denkbar schonste und
edelste: da es so vielt so herrliche Musik gab, sollte keiner mit leeren
Handen und leerem Herzen leben miissen; sollte jeder teilhaben
konnen an dieser klingenden Zauberwelt; Musik sollte kein Ornament
des Lebens bleiben, lebendig wirkende Kraft sollte sie werden im Da-
sein des Volks. Wer das will, der wird immer bei der Jugend,
733
bei der Erziehung, ihren Einrichtungen und ihren Reformen anfangea
mussen, der wird so anfangen, so fortsetzen, so handela mussen wie
Leo Kestenberg, Damit ist alles gesagt.
Ich weifl nicht, wie weit man Zelters musikpolitische Bedeutung
zu seinen Lebzeiten eingeschatzt hat: heut schilt man die, die seine
Arbeit fortsetzen; in spateren, in weiseren Zeiten (dazu wird gar nicht
ein Jahrhundert notig sein) wird man die preufiische Musikreform der
letzten vierzehn Jahre mit andern Augen ansehn, wird ihre unerlaft-
liche Notwendigkeit wie ihre notwendige Unvollkommenheit begreifen
gelernt haben; wird sie zu den wenigen Wegen zahlen, die aus unsern
Tagen in die Zukunft fiihren. Was hier ohne alien Stolz und in Be-
scheidenheit prophezeit wird: denn es ist nicht schwer, vor der Ge-
schichte gegen den ,Lokal-Anzeiger' etwa recht zu behalten.
Das Himmelreich annonciert
von Alice Ekert-Rothbolz
r\as Himmelreich lafit alle Leute rein, Alle Farben! Auch die rotenl
*-^ Nebenan wird das deutsche Himmelreich sein. Mit der Aufschrift:
„Eintritt verboten . . "
Ihr werdet immerzu Erbsen mit Speck und Arbeit (Arbeit!) haben,
Dadurch fallt erstens das Arbeitsamt weg, Und: Verhungern durch
milde Gaben . . .
Merkt: das himmlische Brot schmeckt wie richtiges Brot und nicht wie
gebackener Schimmel . . .
Denn sonst wars ja wie hier unten, Mensch!
Und der Himmel war kein Himmel,
Das Himmelreich besteht iiberhaupt aus lauter Feldern und Wiesen.
Und die Luft ist selbstverstandlich entstaubt. (Wie immer in Para-
diescn.)
Ihr alle habt Euer Hauschen dort. Und Sonne und Blumen nach Noten,
Die Fabrik fallt selbstverstandlich fort. Hungerldhne sind oben
verboten , , .
Merkt: statt Radio-, Partei- und Liebeskrach machen Kuhe ein
Glockengebimmel t . ,
Denn sonst wars j a wie hier unten, Menschl
Und der Himmel war kein Himmel.
Im Himmel wird himmlischer SpaB gemacht. (Olymp III, Eingang
rechts: „Chaplin-HallenM.)
Da wird gelacht, dafi der Bauch* Euch kracht und die Psalmen vom
Stengel fallen.
Fur ArbeiterengeL ist Eintritt frei. Dafiir sorgt ja die himmlische
Leitung-
TInd Hans Reimann ist naturlich dabei. Und predigt auf sachsisch
die Zeitung.
Merkt: Steuern und Sterbe- Angst fallen weg. Sowie Krieg samt
Kanonengebimmel , . .
Denn sonst war der Ewige Friede ein Dreck!
Und der Himmel war kein Himmel.
Leute 1 Alles wird es geben, Alles, Nur kein Hundeleben!
Sondern: SpaB und Rotwein.
Niemand wird vor Kalte beben. Fette Engel werden schweben.
Niemand wird nach Brot schrein!
Docb um sowas zu erleben, zu erleben, zu erleben
miiBt Ihr eben tot sein I
734
PolitlSCher Treibstoff von Bernhard Citron
p\ie Niederlage Hoovers hat die protektionistische Politik der
Rcpublikaner zu Fall gebracht Auch dcr Clzoll, dcr erst
im Friihjahr 1932 eingefiihrt wurde, wird allmahlich abgebaut
werden. Abcr so wenig Amcrika bereits am Tage nach denr
Einzug des neuen Prasidenten ins WeiBe Haus in Alkohol
schwimmen wird, so wenig wird cs auch 1933 wieder in 61
schwimmen, 01 ist in den USA nicht etwa ein Reservat fiir
wenige GroBkonzerne sondern auch der Nahrboden vieler
kleiner und mittlerer Existenzen, Man wird also den Benzinzoll
nicht von heute auf morgen, aber von morgen auf iibermorgen
verschwinden lassen. Damit wird die Entscheidung im groBen
Machtkampf der Olkonzerne, die mit der Einfiihrung des Zolls
scheinbar bereits gefallen war, wieder riickgangig gemacht
werden. Von den fiinfzehn Millionen Tonnen 01, die der Shell-
Konzern bishel: in den USA abgesetzt hat, werden in. den
Staaten selbst nur etwa vier Millionen Tonnen gewonnen, den
Rest bezieht Shell aus seinen Olfeldern in Venezuela. Durch
den Benzinzoll, um dessen Anwendung augenblicklich ein Pro-
zeQ vor dem obersten Gerichtshof in Washington schwebt, ist
der Shell-Konzern in die groBe Gelahr geraten, in den USA
keinen Absatz mehr fiir seine aus Venezuela importierte Erzeu-
gung zu find en. Ober kurz oder lang hatte der Benzinzoll
Shells amerikanischen Absatz fast ganz zum Erliegen gebracht.
Der Kampf zwischen Shell und Standard-Oil hatte dann mit
der Alleinherrschaft des Standard-Oil-Konzerns geendet. In der
Wahlkampagne hat daher Shell die Demokraten untersttitzt, von
denen der Abbau des Benzinzolls zu erwarten war. Der Sieg
Roosevelts kann wohl als die Rettung des Konzerns vor dem
Zusaramenbruch oder vor der Aufsaugung durch Standard-Oil
betrachtet werden.
Nach dem russisch-japanischen Kriege muBten die Russen
den Siidteil der Insel Sachalin an Japan abtreten und sich mit
der unwirtlichen und fiir Europaer kaum bewohnbaren Nord-
halfte begniigen. Damals hat man wohl kaum vermutet, daB
der Wert Sachalins grade in jener Nordhalfte liegt. Schon jetzt
kann die Sowjetunion rund eine Million Tonnen Rohol — das
ist ungefahr das Vierfache der deutschen Produktion — auf der
Insel gewinnen. Vor einigen Wochen wurde bekannt, daB die
Russen einen Vertrag mit Japan geschlossen haben, nach dem
sie die Ollieferung fiir die japanische Flotte ubernehmen. Man
rechnet anscheinend damit, daB der ostasiatische Olabsatz
RuBlands kiinftig aus dem Olvorkommen der Insel Sachalin be-
stritten werden soil. Die, Produktion bietet dort ungeahnte
Entwicklungsmoglichkeiten und laBt sich vielleicht in wenigen
Jahren auf das Zehnfache des gegenwartigen Umfanges er-
hohen.
Das Schwergewicht der russischen Glproduktion liegt vor-
laufig natiirlich noch im Kaukasus. Die Furcht vor dem Ex-
port des Naphta-Syndikats veranlaBte Sir Henry Deterding
bald nach dem Kriege zu seinem Kreuzzug gegen das ,,ge-
stohlene" 5L (Kurz zuvor hat er allerdings mit den Russen
Verhandlungen gesucht.) Heute ist RuBland langst ein wesent-
735
lichcr und von den Olkonzernen respektierter Faktor dcr Welt-
produktion. Auf der Internationalen Olkonferenz, die im Som-
mer stattfand, hat man sich ganz besonders urn die Vertreter
des Naphta-Syndikats bemuht. Die Prasidentenwahl in Amerika
diirfte auch fur das Verhaltnis RuBlands zur amerikanischen
Wirtschaft von Bedeutung sein. Die Demokraten haben sich
sehr energisch fiir die Auinahme freundlicher Beziehungen zur
Sowjetunion eingesetzt. Damit diirfte wahrscheinlich auch in
dem Kanipf urn die Olmarkte der Erde ein neues Stadium ein-
getreten sein.
Paneuropa, wie es sich auf der Erdkarte Coudenhove-
Calerghis darstellt — also Europa mit AusschluB Englands und'
RuBlands — hat nur einen minimalen Anteil am Olvorkommen
der Welt In Deutschland bemuht man sich augenblicklich sehr
intensiv urn die Mutung neuer Olquellen. Erst kiirzlich hat
die Deutsche Erdol AG in der Nahe von Halberstadt Mutungs-
rechte erworben. AuBerdem wird in steigendem MaBe aus
den Kalibergwerken das 01 gewonnen, das man fniher als Ver-
unreinigungen der Kalistocke betrachtet hat. Die Olgewinnung
wird auf den Gruben Elverath und Volkenroda — von denen
diese allerdings durch einen schweren Brand in ihrer Ergiebig-
keit sehr beeintrachtigt worden ist — mit wechselndem Erfolg
betrieben. Oberdies beschaftigt sich seit Jahren die IG-Farben-
Industrie mit der Herstellung des synthetischen Benzins, das
allerdings vorlaufig mehr einen Erfolg der Wissenschaft als der
Wirtschaft darstellt,
Zur Olautarkie wird weder Deutschland noch das iibrige
Europa vordringen. Man wird wohl stets auf die Einfuhr aus
Rufiland, Amerika und dem britischen Imperium angewiesen
sein. 01 ist aber ein zu verlockendes Geschaft, als daB sich
die europaische Industrie ganz ausschalten lieBe. Schon vor
dem Kriege haben sich versohiedene Lander um die Olkon-
zessionen in Vorderasien bemuht. Der Bau der Bagdadbahn
sollte das Gebiet des heutigen Irak grade fiir die deutsche
Wirtschaft sichern. Nach Beendigung des Krieges und der Ab-
trennung dieses Gebietes vom turkischen Reich verstarkte sich
der EinfluB des englischen Shell-Konzerns im Irak. Auch die
Unabhangigkeitserklarung des Landes hat an diesem Zustande
nichts geandert. Als Gegengewicht gegen die ganz von Deter-
ding beherrschte Iraque Petroleum Compagnie ist eine unter
dem EinfluB der britischen Regierung sowie einer franzosisch-
schweizerischen, einer italienischen und deutschen Grupp*e
stehende Mossul Oil Fielde Company gegriindet worden. Die
deutsche Gruppe, die aus den Firmen Otto Wolff, Mannesmann,
Vereinigte Stahlwerke und Gutehoffnungshutte besteht, ist nur
mittelbar an der Olproduktion interessiert. Fiir diese Montan-
gesellschaften iiberwiegt das Interesse an dem Bau der Rohr-
leitungen. Die Ausfalibiirgschaft, die das Reich ahnlich wie bei
den Russengeschaften iibernommen hat, ist zweifellos eine
volkswirtschaftlich berechtigte Transaktion. Grundsatzlich
aber muB bei dieser Gelegenheit betont werden, daB in Zukunft
vom Deutschen Reich fiir derartige Geschafte, die der Industrie
groBen Nutzen versprechen, Garantien nicht mehr ohne Ge-
736
winnbeteiligung getragen werden diirfen. Wenn die deutsche
Industrie in den letzten Jahren zum Beispiel fur fiinf Milliarden
Mark nach RuBland exportieren konnte und das Reich hierfiir
Ausfallbtirgschaften ubernahrn, so hatte nicht der Staat ledig-
lich am Risiko und die Industrie; nur an dem sehr groBen
Nutzen beteiligt sein d'urfen.
Das Ol flieOt in mannigfachen Windungen dufch Kanale,
die Technik, Wirtschaft und Politik gegraben haben. Das
Zentrum der Olproduktion und die Richtung des Absatzes ist
noch immer nicht genau abgegrenzt. So bildet das 51 auc'h
jetzt noch ein bewegtes Element in den Auseinandersetzungen
zwischen kapitalistischen Konzernen und aufbauwilligen
Nationen.
Wochenschau des Ruckschritts
— Die Sondergerichte verhangten in der Zeit vom 17. August bis
zum 2. November gegen Angehorige linker Organisationen 300 Jahre
4 Monate Zuchthaus, 466 Jahre 10 Monate Gefangnis und 3800 Mark
Geldstrafe; gegen rechts 29 Jahre 1 Monat Zuchthaus und 132 Jahre
10 Monate Gefangnis; fiinf gegen Nationalsozialisten ausgesprochene
Todesurteile, wurden in lebenslangliohes Zuchthaus umgewandelt.
Sechs Teilnehmer einer Rauferei, die sich bei einer Kirehweih in der
Nahe von Erlangen abgespielt hatte, wurden auf Grund der Sonder-
gerichtsnotverordnung zu je 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. In den
Sondergerichtsprozessen gegen Arbeiter; und Erwerbslose, die im Zu-
sammenhang mit dem Streik bei der BVG wegen „Sabotage" verhaftet
worden waren, wurden schwere Zuchthausstrafen gefallt.
— Die BVG hat anlafilich des Streiks 2500 MaBregelungen vor-
genommen.
— 140 republikanische Ministerialbeamte sind aus ihren Stellen
entfernt worden. Die preuBische Regierung hat den Vertretern des
Bundes der Freunde der Sowjetunion erklart, sie werde kiinftig weder
Arbeiterdelegationen noch Studienreisen nach SowjetruBland zulassen.
Otto Lehmann-Rufibiildt wurde, nach der Riickkehr von einer Vor-
tragsreise im Ausland, der PaB abgenommen.
■ — Nach dem Oktoberbericht des Wiirttembergischen Industrie-
uncTHandelstages haben sich die Ausfuhrmoglichkeiten der im hohen
Grade auf den Weltmarkt angewiesenen wiirttembergischen Industrie
durch die fortschreitende Drosselung der Aufienhandelsbeziehungen
erheblich verringert.
— Die kommunistischen Zeitungen .Volksecho* und .Volkswacht'
(Provinz Brandenburg) wurden bis zum 13. November verboten, die
JFanfare', das Organ des Antifascistischen Kampfbundes, auf vier Mo-
nate, das zeitzer SPD-Blatt .Volksbote' auf drei Tage.
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen,
737
Bemerkungen
Frankreich zittert
Cchon bevor die Wahlresultate
*^ bekannt waren, hatte man
hier, in Siidfrankreich, tiber die
Stimmung nach den deutschen
Wahlen schreiben konnen. Denn
die Zeitungen der ganzen Kiiste
von Nizza bis Marseille, insbeson-
dere der .Eclaireur de Nice', waren
so ausgezeichnet informiert, dafi
sie das Resultat fast aufs Haar
genau vorhergesagt haben. Im
Gegensatz zum .Matin', der sich
grundlich geirrt hat.
Was auf den in Frankreich wei-
lenden Deutschen den starksten
Eindruck macht, ist die Tatsache,
dafi das Sinken der national-
sozialistischen Stimmen hier weit
weniger wichtig genommen wird
als das Anwachsen der Deutsch-
nationalen. Wenn man dabei an
die furchtbare Aufregung aller
franzosischen Kreise denkt, die
die Starke der Hitlerbewegung im
ganzen Land seit Jahren verur-
sacht hat, so ist dieser Umschwung
sehr erstaunlich. Er erklart sich
aus einer bestimmten fixen Idee,
die seit Wochen das gauze Land
ergriffen hat. Ob man mit Arbei-
tern aus Nordfrankreich spricht
oder mit Kleinbiirgern aus der
Provence oder mit der reichen
Bourgeoisie — auch der nicht-
franzosischen — , die sich an der
Cote d'Azur angesiedelt hat, es
gibt nur eine Frage: Kommt der
Kronprinz?
In den vierzehn Nachkriegs-
jahren habe ich in Deutschland
den Namen des Kronprinzen nicht
so oft gehort wie in den letzten
vierzehn Tagen in Frankreich. Und
sofort nach dieser ersten Frage
kommt die zweite: Wird es Krieg
geben? Das Anwachsen der Mo-
narchisten halt man fur gleich-
bedeutend mit Krieg, und man
kann es sich uberhaupt nicht vor-
stellen, dafi ein Volk noch einmal
so dumm sein konnte,
Drei Transportarbeiter aus
Reims, mit denen ich. am Abend
vor der Wahl sprach, erzahlten
vom Wiederaufbau ihrer Stadt.
738
Dafi er langst ganz beendet sei,
aber dafi die Stadt nur etwa halb
soviel Einwohner habe wie vor
dem Kriege. Im ubrigen inter-
essierten sie sich mehr fur den
Ausfall der amerikanischen Wah-
len. Denn wenn die Prohibition
fallt, erwacht Reims zu neuem
Leben: der Champagnerexport
nach den Staaten kann wleder be-
ginnen. „Wenn das nur nicht
wieder anfangt", sagten sie. „Was
soil nicht wie der anf angen ? "
fragte ich. „Der Krieg" antwor-
teten sie resigniert.
Dabei spricht aus alien diesen
Menschen niemals der Hafi son-
dern immer nur die Angst. Es ist
wahr, sie haben keine andern
grofien Sorgen, denn die Arbeits-
losigkeit ist noch gering, sie spielt
keine ausschlaggebende Rolle, und
Bettler sieht man fast nicht. Und
diese Angst erzeugt die merkwur-
digsten Geriichte. Ich erinnere
mich, dafi man 1912 und 13 in
Paris von unterirdischen Tunnels
unter dem Rhein sprach, die die
Truppentransporte sichern sollten.
Diesmal laufen andre Marchen
urn. Sie haben dazu gefuhrt, dafi
ein vornehmes Restaurant in
Cannes daran denkt, seine Keller-
raume auszubauen und einzurich-
ten, damit der Restaurationsbetrieb
„bombensicher" weitergehen kann.
Diese kiihnen kommerziellen
Plane haben nun diesmal nichts
mit Deutschland zu tun, sie be-
ziehen sich auf einen andern
Staat, dessen Fuhrer gesagt haben
soil, das Land von Marseille bis
Mentone sei italienisch, und man
wurde es sich schon wiederholen.
Aber die franzosich-italienische
Spannung hat grade in den letzten
Tagen durch die Erklarungen
Herriots auf dem Kongrefi in Tou-
louse merklich abgenommen. Und
die neuesten franzosischen Ab-
nistungsvorschlage geben der Re-
gierung Herriot eine so breite und
feste Basis, wie sie kaum jemals
da gewesen ist. Eine Basis, um
die sie sicher von mancher and-
ren Regierung beneidet wird.
Johannes Buckler
Das Museum der russischen
Revolution
PVe bekannten Raurae des Eng-
*S lischen Klubs im ehemaligen
Palast des Grafen Rasumowski in
Moskau beherbergen heute das
Museum der russischen Re-
volution.
Wie in alien Museen riecbt es
auch in diesen marmornen und
tapezierten Raumen nach Naphta--
lin und Panoptikum. Die Un-
mengen vergilbter Flugblatter und
altraodischer Trommelrevolver
aus Nickel, die mit Napthalin be-
streuten Kosakenknuten auf grii-
nem Tuch, die von der Zeit ge-
bleichten Photographien und die
zahllosen Totenmasken — im
Grunde sind das nur Abfalle,
Scherben, an dem groBen Wege
aufgelesen, den Jahre und Jahre
die Massen zur Freiheit wander-
ten. £s sind kargliche Uberreste,
der Besucher mufi eine eigne, ge-
naue Vorstellung von diesen Er-
eignissen haben, urn sie zu wlir-
digenf die verbeulten blechernen
EBnapfe der Verbannten, die
Photos vom letzten Gange der
eum Tode Verurteilten, das Glas,
aus dem Murawiow getrunken hat,
die Unterschrift des Zaren unter
einem Todesurteil, die Schlag-
ringe der Polizei una das Por-
zellan aus der Revolutionsmanu-
faktur.
Irrenhaus, Galgen, nachtliches
Verlesen des Todesurteils im.
Schein einer Talgkerze, heimliche
Zusammenkiinfte, terroristische
Ausfalle mit Bomben und Pisto-
len — Symbole der russischen
Revolution, aufbewahrt als histo-
risches Material in den Glas-
schranken dieses hollischen Pa-
noptikums. Tausende und Aber-
tausende unbekannter und namen-
loser Toter sind Wegweiser unci
Meilensteine auf dem Wege der
Bewegung, die mit dem triumpha-
len Lenin-Saale ihren Abschlufi
findet. Da sind Raume aus der
revolutionaren Bewegung der
sechziger, siebziger, achtziger
Jahre, das Material chronologisch
geordnet, Briefe, Photographien,
Mobel- und , Kleidungsstticke,
Waffen, illegale Presse, Broschu-
ren und Biicher; Dokumente der
Periode von Tschaikow (1873—74)
bis zu der Griindung der Bolsche-
wistischen Partei (1903) und der
Revolution von 1905; Dokumente
einer Zeit, die ein unaufhorliches
Massakrieren und Strangulieren
brachte, Tote auf dem Pflaster
und im StraBengraben, sibi risches
Entsetzen, Brande und Tod.
Unerbittlich genau dokumeu-
tiert, ersteht die Geschichte in
schrecklichen Visionen. In der
Zeit von Dostoevski bis Gorki,
von den Dekabristen bis zum
Blutbad vor dem Winterpalast,
von Stephan Halturin bis zum
Leutnant Schmidt, dem Komman-
danten der aufstandischen Flotte
des Schwarzen Meeres, wiederholt
sich immer ein und dasselbe,
immer wieder: Schusse an der
Newa, Schusse an deri Lena*
Schusse in Odessa. Rote Flaggen
auf den Masten der Panzerschiffe
und rote Fahnchen in Kinderhan-
S O E B E IV ERSCHIEN
ein neuer Joseph Conrad
DEB GOLDENE PFEII
Unvergleichlich die Schlichtheit, mit der die Leidenschqfit
eines Mannes, der unergriindliche Zauber einer Fran
hingestellt und gestaltet sind. VossUcke Zeitung, Berlin
Leinen 6 RM, kartoniert 4.50 RM S. FISCHER T JERI, AG
7Z9
<den; blutiger Schnee, nachtliche
Momentaufnahmen von Militar-
formationen, Maschinengewehre
und Lagerfeuer in den StraBen,
umgeworfene StraBenbahnwagen
und Barrikaden, Bauernrevolten,
OberfalleaufEisenbahn^uge, Atten-
tate, Agents provocateurs,Nagaikas,
Schnellfeuergewehre und Schlag-
ringe, Zeitungen und Affichen,
die ersten Proklamationen des
Zaren nach niedergeworf enen Auf-
standen — das alles spricht in
diesem Museum die stumme
Sprache lebloser Gegenstande, die
oft hartnackiger und eindring-
Hcher ist als das lebendigste
Wort.
In solcher Luft entwickelt sich
unsichtbar und geheimnisvoll der
russische Marxismus. Langsam
keimt er in den empfanglichen
Seelen der russischen Kinder, be-
gleitet von den Trommelwirbeln
der Pelotons, in die Seelen ge-
brannt durch die Feuersbrunste
der Judenpogrome und genahrt
von den Tranen der Mutter und
Witwen unter den zahllosen Gal-
gen von Tschita bis Warschau
und Riga,
An den Wanden in altmodi-
schen schwarzen Ovalrahmen in-
telligente, hochstirnige Kopfe,
weise und herrliche Augen, kurz-
sichtige Gelehrtenphysiognomien
russischer Intellektueller, die
ihren Leidensweg als Revolutio-
nare schon als Schulkinder an- *
traten, Sie waren es, die zur Zeit
des urn sich greifenden Idealis-
mus in der Musik und der Re-
ligion und in der national istischen
Romantik des Panslavisinus kon-
sequent die scheinbar unbedeuten-
den und alltaglichen Interessen
der breiten Menschenmassen zu
wahren wuBten, Und mit dem
Augenblicke, da diese russische
Jugend dem russischen Prole-
tarier die Hand reichte, begann
das groBe Ringen der letzten
dreiBig Jahre, entfaltete sich die
Kraft des revolutionaren Willens,
zog man die Folgerungen aus den
Ergebnissen des Denkens, in
einem ZielbewuBtsein, das zur
Niederlage des Kapitals fuhrte.
Miroslav Krleza
Elisabeth Bergner
kommt, als Hanna Elias in „Ga*
briel Schillings Flucht", schwarz
und slavisch, Sehr interessant,
wie (iberzeugend ihr dieses be-
drohliche Madchen aus dem Osten,
Vamp mit Geist-appeal, gerat.
Die Rolle liegt ihrer schauspiele-
rischen Besonderheit zwar fern,
aber doch, sozusagen, auf dem-
selben Breitengrad wie jene. Be-
wundernswert, mit welcher Folge-
richtigkeit Elisabeth Bergner sich,
fur die Figur, ins Schwarzliche
transponiert, Nicht nur das Haar,
auch Mimik und Gebardenspiel
sind dunkelfarben, und die
Stimme noch, urn einige Grade
tiefer als sonst. Von der ruhren-
den Zartheit, einem vielbesunge-
nen Wirkungselement der Elisa-
beth Bergner, ist das Riihrende
weggedunkelt. Bezwingend tritt
dafiir ein andrer Grundzug ihrer
Theater-Personlichkeit in Erschei-
nung; die Intensitat im Einsatz
der zarten darstellerischen Mit-
teL Diese Hanna. Elias ist, das
konnen wir dem Gabriel Schilling
nachfiihlen, unentrinnbar. Ihr
Blick und Tonfall, Schritt und
Geste reichen aus, das Opfer
festzuhalten, von andern klam-
mernden Organen ganz zu
schweigen. Die Gebrechlichkeit
der Erscheinung, bereits von Na-
tur aus biegsam bis zur Unzer-
brechlichkeit, wird mehr als kom-
pensiert durch den Willen, der in
ihr lebt und wirkt Er offenbart
sich besonders sinnfallig im Ein-
dringlichen, Agitatorischen der
Rede und der sie unterstutzenden
Gebarde. Von den scharfen Was-
sern, mit denen die Figur ge-
waschen ist, wird ein kraftiger
Hauch spiirbar, und mehr als ein
solcher. von dem gefahrlichen
Geist, der fiber jenen schwebt.
Mit sicherstem Gefiihl fiir das
Hintergrundige der Gestalt, gibt
ihr die Bergner auch eine Spur
von Damonischem, die Melancho-
lie und nie zu beruhigende Un-
ruhe eines ahasverischen Ge-
schopfs, das, immer darauf aus,
andre zu erlosen. im Grunde doch
nur von sich selbst erlost zu wer-
deni wunscht. Schwach gerat die
Szene mit Eveline Schilling (der
740
groBartigen Koppenhofer) : hier
macht Elisabeth Bergner Hitze
auf kaltem Wege. Aber solche
Komodianterei, solchcr Ausbruch
eincr Erregung, der friiher da ist
als diese selfost, laBt sich/ wenn
man will, auch miihelos in das ge-
fugig schwankende Charakterbild
der Hanna Elias hineindeuten ;
und hatte dann sogar seine hohere
Richtigkeit.
Alfred Polgar
Die Streikbremse versagt
Gerstorff hat bereits im letzten
Heft auf die Streikwelle als
Ausdruck fur die wachsende Ak-
tivitat der deutschen Arbeiter-
klasse hingewiesen. Die Gewerk-
schaften stehen vor der unaus-
weichlichen Beantwortung der
Frage: Konnen sie, entgegen ihrer
zur Tradition gewordenen Ge-
pflogenheit, wieder den Streik als
das wichtigste Mittel ihrer Tatig-
keit, mit alien seinen Konse-
<juenzen, anerkennen? Der Ver-
lust ihrer entscheidenden Posi-
tionen, die Basis ihrer „wi'rt-
schaftsdemokratischen" Politik
waren, miiflte im Grunde aus-
reichen, diese Frage zu bejahen.
Daruber hinaus ware es fur die
Gewerkschaften ziemlich leicht, so
aus ihrer Krise herauszukommen,
das schwer erschiitterte Vertrauen
bei Millionen ihrer friiheren Mit-
glieder zuriickzugewinnen.
Der berliner Verkehrsstreik hat
aber deutlich gezeigt, dafi manche
Hoffnungen, die an die Sanktio-
nierung einiger Betriebskampfe
gekntipft wurden, zumindest sehr
verfruht waren. Die Gewerkschaf-
ten scheuen nichts mehr als die
grundlegende Wandlung ihrer Po-
litik und Praxis nach links. Von
vornherein wollten sie keinen
Streik in der BVG, Selbst wenn
die von der Betriebsvertretung
(ubrigens nicht von den Gewerk-
schaften) veranlafite Urabstim-
mung eine qualifizierte Streik-
mehrheit ergeben hatte, hatte sich
der Gesamtverband darauf beru-
fen konnen, daC seine Statuten fiir
eine Kampfsanktion voraussetzten,
dafl mindestens drei Viertei der
beteiligten Arbeiter mehr als
26 Wochen gewerkschaftlich orga-
nisiert sind, oder andre gut aus-
getiiftelte formale Einwande auf
Grund seines Streikreglements an-
fiihren konnen, Andrerseits — und
das ist fiir seine Haltung wichtig —
ist der Verbandsvorstand jederzeit
in der Lage, einen Streik zu pro-
klamieren, vollig unabhangig von
den Statuten, Auch das Argument,
daB die Arbeiter nach der Verbind-
lichkeitserklarung nicht kampfen
durften, trifft daneben. Abgesehen
davon, daB sich der Bevollmach-
tigte des Gesamtverbands, Herr
Schaum, vor dem Schlichter gar
nicht gegen die Verbindlichkeit
wehrte, sie sogar herbeisehnte, es
also noch zweifelhaft ist, ob nicht
allein die moralische Unter-
stxitzung des Streiks durch die Ge-
werkschaften uberhaupt die Di-
rektion zum Nachgeben bewogen
hatte, reichen Schadensersatz-
klagen, ja sogar Mittel des Straf-
rechts kaum aus, um in dieser
Situation ein gunstiges Kampf-
ergebnis, von den Gewerkschaften
errungen, zu vereiteln,
Warum aber wollen die Ge-
werkschaften nicht streiken? Die
von ALMA M. KARLIN
Kartoniert RM.4,20
Leinen RM. 6,20
MOLLER & I. KIEPENHEUER, POTSDAM
741
Erwagung, bei Herrn v. Papen
koalitionsfahig zu warden, stellen
wohl (trotz den recht naiven Be-
strebungen Naphtalis) die wenig-
sten Fiihrer ernstlich an, Indes
haben die Gewerkschaftsspitzen
gar keine Garantien daftir, dafi
groBere Arbeitskampfe, die sich
zudem unter den gegebenen Ver-
haltnissen zu politischen Kampfen
entwickeln konnen, nicht iiber die
von ihnen gewollte Grenze hinaus-
gehen; sie sind sich sogar nicht
sicher, ob sie liberhaupt die
Kampffiihrung bis zuletzt in der
Hand behalten werden, Ihre Si-
tuation ist doch in dieser Be-
ziehung heutzutage sehr heikel,
denn sie haben nicht mehr den
fiir derartige Kampfe notwendigen
Einftufi auf den Staat; sie konnen
weder „oben" noch „unten" im
Falle einer zu weitgehenden Ver-
scharfung der Gegensatze „brem-
sen". So ist es zu verstehen, daB
die Gewerkschaften im BVG-
Streik , unmittelbar vor den Wah-
len sich so oUnpopular", wie schon
lange nicht, verhielten, obwohl
sich doch daraus, wenigstens fur
Berlin, ein starker Riickgang der
sozialdemokratischen Stiramen
(besonders in den Arbeiterbezir-
ken, wo die Nazi-Stimmen nur
winzige Verluste aufweisen) cr-
geben mufite,
Dadurch, daB der Streik zu-
sammengebrochen ist, wurde aber
die Lage fur die Gewerkschaften
nicht besser. Es ist nicht von der
Hand zu weisen, daB die Gewerk-
schaften ihr imaginares Eigen-
interesse durchzusetzen glaubten,
wenn die RGO den Streik ver-
liert. Die Kommunisten haben
jedoch einen moral ischen Erfolg
errungen, wie noch nie in den Ar-
beitskampfen der letzten Jahre.
Uberhaupt darf man die RGO
nicht schablonenhaft beurteilen.
Sie hat schwere, unverzeihliche
Fehler gemacht, aber deshalb ist
nicht ausgeschlossen, daB sie kiinf-
tig gute Beweise fur ihre Berech-
tigung als unentbehrliche gewerk-
schaftliche Oppositionsbewegung,
niemals als Gewerkschaft selbst,
zu geben vermag.
M. Bergmdnn
Protest gegen die beabsichtigte
WiedereinfQhrung der allge-
meinen Wehrpflicht
t^l leichheit der Riistung ist ein
^* Anspruch, den ein groBer, be-
siegter, teilweise abgerusteter
Staat verstandlicherweise gegen
Siegerstaaten erhebt, die voll ge-
riistet blieben. Der Anspruch,
selbst ohne Vertrage, auf die er
sich stiitzen . kann, leitet sich aus
der Gerechtigkeit her. Die For-
derung der gegenwartigen deut-
schen Regierung nach Abrustung
der Andern bis zum MaBe der
erzwungenen deutschen Abrustung
ist gerecht, und wir unterschrei-
ben sie.
Aufs entschiedenste aber treten
wir dieser Regierung entgegen,
wenn sie, fur den Fall der Ab-
lehnung ihrer gerechten Forde-
rung, mit Mafinahmen droht, die,
trotz alien spitzfindigen Ableug-
nungen, nichts andres bedeuten
als Aufrustung. Rustungen
sichern nicht den Frieden, son-
dern gefahrden ihn: weil sie den
Gegner herausfordern. Eine mo-
ralised Waffe, schlagkraftiger als
die starkste Armee, ist der un-
beirrbare Friedenswille eines ab-
geriisteten Volkes. Wir verwerfen
den Krieg, als das grauenvollste
und sinnloseste aller Verbrechen;
also auch die Vorbereitungen zum
Kriege; den nachsten, der droht,
zu verhindern, erkennen wir als
Pflicht gegen Nation und Mensch-
heit; diese Pflicht nach Kraften zu
erftillen, ist unser leidenschaft-
licher Wille. Der ProzeB allmah-
licher Weltbefriedung verlauft,
durch die Schuld der Imperien,
viel zu langsam; er darf durch
eine deutsche Aufrustung nicht
nicklaufig werden, Wir wollen
keine leere nationale Prestige-
politik, sondern Menschenschutz-
politik.
Mit aufierster Scharfe wenden
wir uns vor all em gegen die ver-
kundete Absicht, in Form einer
„Miliz" die allgemeine Wehr-
pflicht in Deutschland wieder ein-
zufuhren, die Schmach jener
Staatssklaverei, durch die der
Mensch amtlich gezwungen wird,
fur fremde Interessen und gemiB-
billigte Ideen Unschuldige zu
742
toten und sich selber toten zu
lassen. Wirf die wir die Ab-
schaffung des Wehrzwangs auch
in den Landern der Sieger for-
dernf erklaren die Riickkehr zu die-
sem System, die man in Deutsch-
Iand plant, fur ein fluchwiirdiges
Attentat auf die Freiheit der
Person und auf den Gedanken
des Volkerfriedens, Schon heute
sprechen wir aus, was wir von
den jungen deutschen Kriegsgeg-
nern erwarten, die man in die
barbarischste aller Knechtschaf-
ten zu ore&sen versuchen sollte:
daB sie, Helden ihrer Uberzeu-
gung, sich wie ein Mann weigern
werden, dem Einberufungsbefehl
zu folgen. Man kann den Krieg
nicht anders achten als durch die
Tat.
Gruppe Revolutiondrer Pazifisten:
Kurt Hiller, Pfarrer A. Bleier,
Eugen Brehm, Gerhard Friters,
Ernst Hirschlaff, Heinz Kahn,
Rudolf Leonhard, Walter Meh-
ring, Emtl Rabold, IgnazWrobel,
Kurt Zornig.
Diesem Protest schlieBen sich an: ,
Anita Augspurg, Hans Bauer,
Gertrud Eysoldt, Hellmuth Fal-
kenfeld, A. M. Freyf Heinzi Gol-
longt Walter Hammer, Vitus
Heller, Lida Gustava Heymann,
Walther Karsch, Erich Kastner,
Harry Graf KeBler, Augusfe
Kirchhoff, Otto Lehmann-RuB-
buldt, Theodor Lessing, Klaus
Mann, Peter Rifi, Magnus
Schwantje, Walther Victor,
Neues vom Arbeitsdienst
y\ us der Liineburger Heide
*^ kommt eine Nachricht, die
zeigt, wie auch die Idee des
freiwilligen Arbeitsdienstes durch
die hemmungslose politische Agi-
tation gefahrdet wird. In Melbeck
bei Ltineburg muBte namlich ein
vor einiger Zeit eingerichtetes La-
ger des Freiwilligen Arbeits-
dienstes aufgelost werden, weil
die Mitglieder dieses Arbeits-
lagers an der Sabotage einer
landlichen Zwangsversteigerung
teilgenommen und sich zu An-
griffen auf eine Gerichtskom-
mission hatten miBbrauchen las-
sen. Dieses Arbeitslager bestand
aus Mitgliedern des „ Werwolf ;
,Vossische Zeitung'
Zuviet Hdtlichkeit
Wor der Wahl. Der groBe Otto
v Bauer, Fiihrer der machtigen
osterreiphischen Sozialdemokratie,
spricht als Gast der bedrangten
deutschen Bruderpartei im Ber-
liner Sportpalast, GroBer Tag,
voiles Haus, am Vorstandstisch
Kiinstler, Toni Sender und
Rausehebart Crispien,
Der geschmeidige Mann am
Mikrophon hats nicht leicht:
scharf hat er oft in der ,Arbeiter-
zeitung' die Taktik der Deutschen
kritisiert, noch scharfer im inter-
nen Kreia, aber hier muB er sich
vorsehen, Er dreht und windet
sich gedanklich und korperlich, er
verbeugt sich lachelnd nach alien
Seiten, setzt sein Wienertum in
politische Taktik um Tak-
tische Meinungsverschiedenhei-
ten", ruft er aus, „wird es in der
Arbeiterbewegung immer geben,
aber sinnlos und unmarxistisch
ware es, von Verratern zu
sprechen", und macht, ohne daB
ers weiB, eine kleine, freundliche
Verbeugung zuriick zum Vor-
standstisch. Eine ganz kleine Ver-
beugung, aber alie haben sie ge-
sehen — und schon drohnt ein be-
freiendes Massengelachter durchs
Haus. Otto Bauer kann mit sei-
nem berliner Erfolg zufrieden sein.
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743
Antworten
Schmidt-Hannover, MdR. Sie haben an Ihre Deutschnationalen
am 7, November den Heeresbefehl gerichtet; MNach dem Siege schnallt
den Helm fester/' Ihre Partei war nach der Maiwahl von 1924 die
starkste im Reichstag. Heute steht sie an fiinfter Stelle, Wenn Sie
das als Sieg einschatzen — an soviel Bescheidenheit ist man sonst
grade bei Ihrer Partei nicht gewohnt.
Schutzverband deutscher Schriftsteller. Sie versenden gemeinsam
mit dem PEN-Club an Ihre Mitglieder Einladungen zu einem Fest-
bankett zu Gerhart Hauptmanns sieb'zigstem Geburtstag. „Anzug;
Frack", auf deutsch: AusschluB all Ihrer jiingeren Mitglieder, denen
naturgemaB bisher die Mittel gefehlt haben und auch weiterhin fehlen
werden, sich einen frack zuzulegen, Sie werden also ganz unter sich
sein, das glanzende Bild im berliner Marmorsaal wird durch keine bose
Opposition gestort werden, die vielleicht unehrerbietigerweise daran er-
innern konnte, dafi der Gefeierte einst „Die Weber" geschrieben hat,
die ganz und gar nicht zu einem Festbankett mit Frack passen.
Centralverein Deutscher Staatsbiirger jiidischen Glaubens. Die
,Weltbuhne' hatte in ihrer Nuinmer 40 einen jiidischen Kaufmann
gefragt, warum er nicht seine Organisation veranlasse, gegen die
Boykotterklarungen der Nazis so vorzugehen, wie das Hugenberg ge-
gen Goebbels getan habe. Du schilderst uns daraufhin deinen Kampf
gegen den antisemitischen Boykottkrieg, fugst jedoch hinzu:1 „Auf
jeden Fall ist die Annahme irrig, dafi der Central -Verein selbst die
Boykottaufforderungen bekampfen kann, Hierzu ware er nicht legi-
timiert im Sinne der Gesetze, Zum Vorgehen berechtigt sind viel-
mehr nur die von der Boykottaufforderung betroffenen jiidischen Ge-
schaftsinhaber. Wo diese sich an den CV wenden, hat der Verein
stets mit Rat und Tat Hilfe gewahrt, und zwar, wie mit Genugtuung
festgestellt werden kann, in der weitaus liberwiegenden Zahl der
Falle erfolgreich."' Wir sind davon iiberzeugt, dafi nichts den Nazis
peinlicher ist, als wenn die von ihnen mit Boykott Bedrohten sich
auf dem Rechtswege zur Wehr setzen. Wer das aus Bequemlichkeit
unterlafit, wird zum Helfershelfer der Nazis.
Professor Riemann, Leipzig. Sie haben in Frankfurt a. M. im
Bund fiir Volksbildung einen Vortrag uber Goethe und die Humani-
tatsreligion der Klassiker gehalten und dabei gesagt: „Ob die Ideale
der Klassiker noch Gegenwartswert haben? Es scheint doch so! Sehen
Sie in den zweiten Teil der Weimarer Verfassung. Dort finden Sie,
sie: Freiheit der Personlichkeit, Gleichheit vorm Gesetz, Toleranz,
Recht auf Bildiing usw, Ein Stein ist wohl uns alien vom Herzen ge-
fallen, als wir horten, daB Herr von Papen diesen Teil der Verfassung
erhalten wissen wolle." Herr Professor, Ihnen scheinen Steine ziera-
lich leicht vom Herzen zu fallen, Wir haben noch einige darauf. Viel-
leicht lesen Sie einmal unsre Wochenschau des Riiekschritts, um sich
dariiber klar zu werden, was Herr von Papen unter „Freiheit der Per-
sonlichkeit", „ Gleichheit vor dem Gesetz" und „Toleranz" ver steht.
Sozialist. Das fiir Sie unentbehrliche „Kommunistische Mani-
fest" von Marx und Engels ist jetzt in einer ganz billigen vollstan-
digen Ausgabe, fiir zwanzig Pfennige, im Internationalen Arbeiter-
Verlag erschienen.
Manuskripte sind nur an die Redaktion der Weltbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 152, zu
richten; es wird gebeten, ihnen Riickporto beizulegen, da sonst keine Riicksendung erfolgen kann.
Im Falle hoherer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Anspruch auf Nachlieferung
oder Erstattung des entsprechenden Entgelts,
Das Auff uhrungsrecht, die Verwertung von Titelnu. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechanische Wiedergabe aller AH und die Verwertung im Rahmen von Radiovortragen
bleiben fur alle in der Weltbuhne eracheinenden BeitrSge ausdrQcklich vorbehalten.
Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet — Verantwortlich : Walther Karsch, Berlin.
Verlag der Weltbuhne, Siegfried Jacobsohn & Co., Charlottenburg,
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Bankkonto: Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
XXVIII. Jahrgang 22. November 1932 Hammer 47
Datierkrise von Haniis-Erich Kaminski
F^ic Leser der tWeltbuhne' werdcn durch den Riicktritt Papens
nicht uberrascht worden sein, Imnier wieder wurde hier
auf die optimistische Naivitat und den abenteuerlichen Di-
lettantisms dieser Regierung hingewiesen, die durch ihr groB-
spuriges AuHreten ihre innere Schwache nur noch deutlicher
machte. Gegen alle Realitaten der inneren und auBeren Politik
kann auf die Dauer niemand regieren; jedoch das erste Pra-
sidialkabinett ware an seiner Unzulanglichkeit auch zugrunde
gegangen, wenn es alle Realitaten fur sich gehabt hatte.
Sein Wirken wird gekennzeichnet durch seinen Fall, Die
Geriichte von einem drohenden Generalstreik und von einer
Abwehraktion Bayerns, das angeblich vor keiner Konsequenz
zuriickschrecken wiirde, hatten sich verdichtet, aber neue Tat-
sachen waren nicht eingetreten, und im Grunde war die
Situation die gleiche wie seit Wochen und Monaten, vermehrt
hochstens um einige weitere MiBerfolge der Regierung. Plotz-
lich warfen nun die Herren, die bisher ihre Einsatze immer
nur verdoppelt hatten, ihre Karten auf den Tisch und erklar-
tent sie hatten genug. Drauf ganger? Nun ja, aber neu-
rasthenische.
Man kann eben nicht ein Kabinett zusammenstellen wie
man zu einem Herrenabend einladt, und auch die Kameraderie
des gottinger Corps Saxonia geniigt noch nicht, um eine
„grundsatzlich neue Staatsfiihrung" zu untermauern, Selbst in
Aufsichtsrate werden im allgemeinen auBer liebenswiirdigen
und reprasentativen Rotweintrinkern ein paar Leute auf-
genommen, die sich wenigstens durch) Erfahrung iiber den
Durchschnitt erheben. In dieser Regierung wurde die poli*
tische Erfahrung durch Verwaltungspraxis und das politische
Talent durch gar nichts ersetzt.
Besonders Papen selbst hielt als Reichskanzler durchaus,
was er als Militarattache versprach. Auch sonst linksgerichtete
Deutsche, die sich schlecht an die Katastrophenpolitik des
Kaiserreichs erinnern, begannen schon wieder zu glauben, die
Kavaliere, die gelemt haben, in feudalen Kavallerieregiinentern
zu kommandieren und in exklusiven Studentenverbindungen
sich zu benehmen, hatten die Regierungskunst als Erbteil im
Blut Papen hat fiir sich und seine Mitarbeiter diesen Irrtum
berichtigt, und das ist immerhin etwas. Damit sind seine Leistun-
gen freilich erschopft. Die Vorstellung, man konnte jemals auf
ihn zuriickgreifen, fallt schwer, Doch moglich ist alles!
Den EinfluB der Parteien zu brechen und den Staat un-
abhangig zu fiihren, sollte der Sinn der autoritaren Regierung
sein, t,denn jede Obrigkeit ist letzten Endes von Gott", wie
Papen sagte. Mit s einem Fiasko ist auch diese Idee unheilbar
kompromittiert. Kann die Autoritat denn demissionieren?
Kann sie die Macht der Parteien auch nur vorubergehend
wiederherstellen? Kann sie ihr Gottesgnadentum pausieren
lassen und dann auf einen neuen Reichskanzler ubertragen?
1 745
Der Reichsprasident, der Papen feerufen und so lange ge-
halten hat, scheint zu begreifen, daB mit dem Prasidialkabinett
auch seine Theoric zerbrochen ist, Plotzlich geht es bei uns
ganz konstitutionell zu, und Hindenburg empfangt die Partei-
nihrer, hort sie an und versucht, sie auf ein Programm, zu
einigen, um eine Mehrheit zu bilden. Wahrhaftig, Frankreichs
Staatsoberhaupt wiirde in einer Krise nicht anders handeln,
Man mag es drehen und deuteln wie man will, tatsachlich
ist das eine Riickkehr zum parlamentarischen System. Sollte
auf diese Weise eine Regierung zustande kommen, so wiirde
es eine parlamentarische Regierung sein. Wozu brauchte sie
beispielsweise Notverordnungen zu erlassen, da sie ihren Willen
ja durch ordnungsmaftig beschlossene Gesetze durchfuhren
konnte? Selbst wenn sie sich ein Ermachtigungsgesetz geben
lieBe und daraufhin diktatorisch regierte, ware sie noch eine
parlamentarische Regierung. Und wenn sie den Reichstag ver-
tagte, wurde sie auch nur von einem Recht Gebrauch machen,
das, wenigstens nach LSbes Auffassung, der Mehrheit zusteht
Trotzdem sind die schonen Tage von Weimar vpriiber, und
sie werden nicht wieder beginnen. Die Nazis sind zwar 'bereit,
zu verhandeln und Koalitionen einzugehen, jedoch was dabei
herauskommt, soil urn Gotteswillen nicht nach Parlamentaris-
mus aussehen, Beinahe noch wichtiger als die Diktatur selbst
ist ihnen ihr Name. Von Hugenberg aber weiB man iiberhaupt
noch nicht, ob und wie weit er bereit ist, sich der Demagog ie
Hitlers anzupassen. In jedem Fall wird er darauf bestehen,
daft, wenn schon nicht die ganize Romantik derPapen undGayl,
wenigstens die Bezeichnung ,, Prasidialkabinett" erhalten bleibt
Die wichtigsten Partner der „Nationalen Konzentration" sind
sich also mindestens darin einig, daB ihre Regierung nicht ein-
mal den Anschein von Demokratie hervorrufen dtirfte. Das
Zentrum wird hierin sein erstes Zugestandnis zu machen haben.
Der Wunsch der Reaktion nach der Diktatur beruht nun
selbstverstandlich nicht blofl auf einer ideologischen Vorliebe.
Die Demokratie setzt der Willkiir gewisse Schranken, selbst
wenn man die Mehrheit hat. Die Demokratie legitimiert vor
allem auch die Opposition, sie gibt ihr die Moglichkeit, zu er-
starken und sogar zu siegen. Die Diktatur aber macht poli-
tisch unsterblich.
So wird der Sieg des parlamentarischen Systems tiber
Papen dem Parlament nicht die Stellung zuruckgeben, die es
schon unter Briining verloren hat. Die Mittel des Parlamenr
tarismus sollen vielmehr nur helien, die Diktatur Papen in eine
andre Diktatur umzuwandehv Und die Schwierigkeit der
gegenwartigen Krise besteht grade in der'Notwendigkeit, eine
parlamentarische Majorifat gleichzeitig zu schaffen und lahm-
zulegen, ein Koalitionskabinett in ein Prasidialkabinett zu ver-
zaubern und aus der Demokratie die Diktatur durch Selbst-
zeugung entstehen zu lassen.
Erst dadurjeh wird das erforderliche KompromiB zwischen
den drei Parteien so kompliziert. Erst dadurch werden die
personellen Fragen bedeutsamer als die sachlichen. An der
Unernigkeit fiber Art, Form und Umfang der Diktatur konnen
denn auch die Verhandlungen viel ieichter scheitern als. an den
146
Zielen, die die verschiedenen Partner der Koalition stecken
wollen. Ganz bestimmt werden diese Verhandlungen nicht weniger
lange dauern als sonst in deutschen Regierungskrisen. Die
Losung aber, die man schlieBlich finden wird, kann unter alien
Umstanden nur eine Zwischenlosung sein.
Als Schleicher Groener stiirzte, also noch b«vor Briining
fiel und Papen an seine S telle trat, schrieb ich hier: „Am
12. Mai 1932 hat ein neuer Abschnitt der deutschen Geschichte
begonnen." An diesem Tag erhielt die demokratische Republik
den entscheidenden Stofl. Seitdem riickt die Gegenrevolution
vor, und seitdem ist Krise, Dauerkrise, Staatskrise. Auch diese
Regierungskrise ist nur ein Teil davon. Die Staatskrise; aber
wird erst beendet sein, wenn sich ein neues System stabilisiert
haben wird, sei es durch. den Sieg der Rechten oder der Lin-
ken, Bis dahin muB jede Regierungsbildung den Charakter
einss Provisoriums tragen.
Grundlegend hat sich durch die Demission Papens nichts
geandert. Besonders ftir die Linke ist sie weder ein Erfolg
noch ein MiBerf olg. Die Gegenrevolution tritt lediglich in eine
neue Phase, man weifl noch nicht in welche, aber jedenfalls
bleibt sie die Gegenrevolution,
Mit oder ohne Nazis, gegen die Linke wird auch weiterhin
und vielleicht sogar noch scharfer regiert werden. DaB der
Reichsprasident die Vertreter der Sozialdemokratie nicht ein-
mal nach ihrer Meinung uber die Lage fragte, ist deutlich.
Und die auf das Zentrum hoffen, werden bald sehen, daB es
weniger die Republik als sich selber retten will. Nichts ware
darum diimmer, als wenn manche Sozialdemokraten nun glau-
ben wollten, sie muBten Rticksicht auf das Zentrum nehmen,
urn ihm seine Dompteurrolle zu erleichtern,
Bisher mufite die Haltung der Linken entweder Papen oder
Hitler zugute kommen, und unleugbar haben sie* indem sie
zur Beseitigung Papens beitrugen, auch dazu beigetragen, Hitler
den Weg in die Regierung freizugeben. Jetzt aber ist es Hitler,
der sich von zwei Obeln das kleinere aussuchen muB. Jetzt
muB er sich demaskieren und erklaren, ob er weiter demo*
kratische Opposition mimen oder die Koalition mit der Partei
Jakob Goldschmidts e in g eh en will. Die Ratschlage, die der
Oberduce in Rom Goering mitgegeben hat, werden ihm diese
Wahl nicht erleichtern. Die Linke hingegen kann sie in Ruhe
abwarten.
Wir so 11 ten die Bedeutung der gegenwartigen Krise uber-
haupt nicht uberschatzen, Gb Goerdeler oder StraBert GeBler
oder Schnee Reichskanzler wird, ob Hitler oder .Hugenberg
sich einigen oder ob gar Papen wieder aus der Versenkung
auftaucht, das alles wird das Schicksal des Landes nicht ent-
scheiden. Nicht in Hindenburgs Empfangszimmer und auch
nicht im Reichsrat werden die Kampfe ausgefochten, die heute
Furcht und Hoffnung saen.
Die Linke ist geschlagen, doch sie ist noch nicht besiegt.
Deutschland steht noch vor groBen Auseinandersetzungen, und
wahrscheinlich werden noch bose Tage fiir uns kommen. Aber
nur keine Furcht 1 Auch die Gotter sind sterblich.
747
Die MillZlegende von Hellmut v. Oerlach
LJerriot hat sich vor seinen Ministerkollegen dariiber be-
schwert, daB sein Abriistungsvorschlag bei dcr deutschen
Regierung so unfreundlich aufgcnommcn worden sei.
Seine Beschwerde ist begrtindet. Sein Plan bedeutete sehr
weites Entgegenkommen in der Richtung der Schleicher-
Papenschen Forderung auf Gleichberechtigung, Herriot hatte
seine Forderungen nur in schwerem Kampf mit den fran-
zosischen Generalen durchdriicken konnen. Tardieu, sein in-
timster politischer Gegner, hat in dem militarfrommsten Blatte
Frankreichs* dem ,Echo de Paris'* einen formlichen Feldzug
gegen die Abriistungspolitik seines Nachfolgers begonnen.
DaB franzosische Militaristen Herriot entgegentreten, ist
selbstverstandlich. DaB die deutschen es taten, ist nur aus
einer bestimmten Gemiitsverfassung, um nicht zu sagen Ge-
miitsverirrung heraus zu erklaren,
Ich sah einmal in einer antisemitischen Familie einen
Hund. Dem konnte man das verlockendste Stiick Wurst hin-
halten, wenn sein Herr gleichzeitig sagte: MVom Juden!'1, so
blieb sein Maul geschlossen. Erst wenn das erlosende MVom
Christen!" erklang, schnappte er zu.
Was von Frankreich kommt, ist ungenieBbar. Das ist
Glaubenssatz jedes deutschen Nationalisten, Will man diesen
Glaubenssatz einem vielleicht nicht ganz so verrannten Publi-
kum glaubhaft machen, schreckt man vor dem tollsten Schwin-
del nicht zuriick. Noch am 15, November schrieb die .Deutsche
Zeitung', Herriot habe zu erwahnen vergessen, daB es in
Frankreich seit 1928 eine gesetzliche militarische Jugend-
ausbildung gabe. Merkwiirdig nurf daB von dieser von Herriot
angeblich vergessenen staatlichen Militarisierung der fran-
zosischen Jugend in Frankreich selbst noch niemand etwas
gemerkt hat. Weil es dort namlich eine militarische Jugend-
ausbildung iiberhaupt nicht gibt.
Deutsche Militaristen muBtenf wenn sie unvoreingenom-
men sein konnten — was allerdings ein Widerspruch in sich
ware — , den Grundgedanken Herriots begrtiBen, wenn sie
auch Einzelheiten seines Planes zu kritisieren hatten.
Deutsche Pazifisten aber miissen grade dem Grund-
gedanken des Pazifisten Herriot grundsatzlich entgegentreten.
Dieser Grundgedanke ist namlich die Einfiihrung der all-
gemeinen Dienstpflicht fur alle europaischen Kontinentai-
staaten. Allerdings — Dienstpflicht in Form der Miliz. Aber
was ist damit geholfen?
Zwischen dem Heer, wie es Deutschland bis 1918 hatte
und wie es Frankreich noch heute hat, und der Miliz in der
Schweiz besteht nur ein gradueller, kein grundsatzlicher
Unterschied. Alle tauglichen Manner miissen dienen, Sie wer-
den von einem langdienenden Korps von Berufsoffizieren und
Berufsunteroffizieren ausgebildet. Die Ausbildungszeit in dem
sogenannten stehenden Heere ist langf die in der Miliz kurz.
Dafiir wird man bei dem stehend«n Heer seltener als bei der
Miliz zu Reserveubungen eingezogen.
748
Fur die schweizer Miliz besonders kennzeichnend ist, daB
jeder Mann sein Gewehr mit nach Haus nimmt. Die Ober-
tragung dieser Einrichtung auf Deutschland diirfte ihre Be-
denken haben, Mit den paar illegalen Waffen werden schon
genug Biirgermorde erzielt. Hatte jeder Deutsche seine legale
Flinte im Hause, so wiirde die Ankurbelung der deutschen
Wirtschaft von der Seite der Patronenfabrikanten und der
Totengraber her ein allzu amerikanisches Tempo annehmen.
August Bebel und Jean Jaures haben sich mit all ihrer
herrlichen Beredsamkeit fur die Ablosung der stehenden Heere
durch die Miliz ins Zeug gelegt, Dadurch ist die Miliz mit dem
Zauber der Volkstiimlichkeit umgeben worden.
Natiirlich ware es ein ungeheurer Fortschritt gewesen,
wenn an Stelle des Hohenzollernheeres die Miliz getreten
ware. Natiirlich bedeutet auch heute noch fur Frankreich der
Ersatz des stehenden Heeres durch die Miliz einen Fortschritt.
Aber fiir Deutschland ist das Soldnerheer der Hunderttausend
Mann ein urivergleichlich geringeres Ubel, als wenn jeder junge
Deutsche gezwungen wiirde, die Uniform anzuziehen undi sich
dem Kommando von Offizieren zu unterwerfen.
Miliz erzeugt Militarismus. Das hat ein so grundlicher
Sachkenner wie Professor Leonhard Ragaz in Zurich immer
wieder seinem Volke klarzumachen versucht. Das hat mit
dichterischer Eindringlichkeit der Schweizer Paul Ilg in sei-
nem unendlich eindrucksvollen Kriegsroman T,Der starke
Mann" auf Grund eigenster Erfahrungen dargelegt. Dem
schweizer Berufsoffizier erschien als Ideal das best gedrillte
Heer, das preuBische. Je militaristischer die Miliz, um so
mehr naherte sie sich seinem Ideal.
Die Schweiz ist ein kleines Land. Nie wird sie einen
Nachbar bedrohen, selbst wenn ihre Miliz noch so vie! mili-
tarischen Geist ausstromt. Ob sie notig oder gar niitzlich
sei, geht nur den Schweizer selbst an.
Aber wenn man die Veroffentlichungen der schweize-
rischen Zentralstelle fiir Friedensarbeit kennt, so weiB man,
welch ehrliche Besorgnis vielen guten Schweizern die durch
ihre Miliz verbreitete Gesinnung einfloBt. DaB sie auBerdem
die Ausgaben fur die Miliz fiir ein zweckloses Opfer haltent
weil im Ernstfall die Heeresmacht eines so kleinen Landes
keinen wirksamen Widerstand gegen Invasionsplane machtiger
Nachbarn bieten konne, sei nur nebenbei vermerkt.
Bebel und Jaures erwarmten sich fiir die Miliz, weil sie
es fiir unmoglich hielten, daB sich dann die bewaffnete Macht
fiir innenpolitische Zwecke miBbrauchen lasse. Die dreizehn
Todesopfer von Genf — Opfer aus einer unbewaffneten Menge
von Demonstranten heraus — beweisen, daB auch Milizsol-
daten sich von ihren Offizieren zur Fiisilierung ihrer Mitbiir-
ger im Biirgerkleid kommandieren lassen. Und das in der
wahrhaftig nicht imperialistischen, sondern demokratisch-pazi-
fistischen Schweiz!
Was aber wiirde eine deutsche Miliz aus dem deutschen
Volke machen?
Ein ganzes Jahrhundert lang ist PreuBen durch die mili-
tarische Zwangserziehung gegangen, Der Militarismus steckt
2 749
ihm noch ticf im Blut. Es bedarf einer langen Entziehungs-
kur, urn allmahlich immun zu werden. GewiB ist die Reichs-
wehr ein Obel, wie jcdes Militar. Aber ein viel groBeres Obel
ware es, wenn jedcs Jahr viele Hunderttausende von jungen
Deutschen, die hcute praktisch mit dcm Militar iiberhaupt
nicht in Beriihrung koramen, von Ottizieren und Unteroffizieren
gedrillt wiirden.
Die Milizfreunde, die es auch heute noch auf dcr Linken
gibt, iibersehen das. Sie bedenken nicht, daB das starke Ofli-
zier- und Unteroffizierkorps, das eine deutsche Miliz er-
heischen wiirde, das aktive Zentrum eines das ganzc deutsche
Volk ergreifenden Militarism us scin wiirde. Und sie bedenken
auch nicht, daB grade das deutsche Volk mit seiner langen
militarischen Vergangenheit und seiner trostlosen wirtschaH-
lichen Gegenwart besonders willig sein wiirde, dem ,,vater-
landischen Unterricht" seines fast ausnahmslos reaktionaren
Offizierkorps geneigtes Ohr zu leihen.
Ein Blatt der Linken war es, die .Vossische Zeitung', die
bei einer Erorterung des Herriotschen Plans schrieb, unser
Ziel musse sein, „den Wehrgedanken wieder praktisch zu einer
Sache des ganzen deutschen Volkes zu machen/'
Das Gegenteil ist unser Ziel, Wir wollen den Wehr-
gedanken auzurotten versuchen, bei uns wie uberall.
Die Miliz wird Volkssache, Das grade ist die Gefahr. Wer
heute in der Schweiz gegen die Miliz auftritt, kommt in den
Geruch, ein schlechter Schweizer zu sein, wahrend er in Wahr-
heit nur ein besonders einsichtsvoller Schweizer ist. Haben
wir erst, dank Herriot, eine deutsche Miliz, so wird die Ent-
waffnung der Welt, die doch das Ziel jedes Kulturmenschen
sein sollte, in unendlich weite Feme hinausgeriickt. Die
Reichswehr wird als Fremdkorper empfunden. Ihre allmahliche
Verminderung wird von der Volkssympathie getragen werden.
Die Abschaffung der Miliz, nachdem sie einmal eingefuhrt ist,
wiirde als Angrifi gegen die heiligsten nationalen Gtiter ge-
deutet werden.
Von alien Abriistungsvorschlagen muB noch immer der
von Hoover als der weitaus beste gelten: Kiirzung der Mili-
tarausgaben zunachst einmal urn 33 % Prozent! Das hatte
Hand und FuB, das ware klar, das ware praktisch, das wiirde
von alien Steuerzahlern der Welt begriifit werden. Das ginge
dem Obel des Militarisnjus wirklich an die WurzeL Entzieht
man jhm den nervus rerum, stirbt er ab.
Darum sind alle Generalstabe der Welt gegen Hoover.
Darum miiBten wenigstens alle PaziHsten der Welt fiir
seinen Plan sein.
Wer hemmt die Einheitsfront? K. l. oTrstortf
F\ie Sozialdemokratie hat Papen eine scharfe Absage erteilt.
Sie hat sich geweigert, Vertreter zu Verhandlungen niit
ihm zu entsenden, Sie will zunachst also in ihrer Oppositions-
stellung bleiben, die sie nach den Ereignissen vom 20. Juli be-
zogen hat. Es ist selbstverstandlich und ergibt sich mit Not-
wendigkeit aus der politischen Arithmetik, daB mit dem Ende
750
der Tolerierungspolitik und mit der Entfernung sozialdemo-
kratischer Minister und auch eines Teils sozialdempkratischer
Regierungsrate die SPD starker nach links AnschluB sucht. Da-
her ist es kein Zuf all, wenn von fiihrender sozialdemokratischer
Seite der Gedanke der Einheitsfront mit den Kommunisten,
der Gedanke einer Zusammenarbeit zwischen der 2. und der
3. Internationale wieder einmal starker in den Vordergrund
tritt, Auf dem Parteitag der osterreichischen Sozialdemo-
kratie erklarte Paul Lobe:
In der deutschen Arbeiterschaft des sozialdemokratisehen und
kommunistischen Lagers lebt eine tiefe Sehnsucht nach der Einheits-
aktion. Wenn sie trotz unserer Bereitwiiligkeit bisher nicht zustande
kam, so miissen wir das der Tatsache zuschreiben, daB die andere
Seite einem auBerhalb des Landes gelegenen EinfluB unterliegt. Je
raehr aber auch bei uns die demokratischen Volksrechte bedroht er-
scheinen, urn so unwiderstehlicher wird der Wille zur Einheit auch
im deutschen Proletariat werden.
DaB Lobe hier nicht seiner personlichen Meinung Aus-
druck gegeben hat, sondern daB starke Krafte der 2. Inter-
nationale in der gleichen Richtung tatig sind, ergibt sich aus
der Rede Otto Bauers. Nach dem Bericht des ,Vorwarts( er-
klarte der Ftihrer der osterreichischen Sozialdemokratie:
In alien Landern aktuell ist die Frage der Einheitsfront, Ich
mochte vor allem eins aus der Debatte ausschlieBen: Einheitsfront -
manover sind kein Weg zur Einheitsfront. Es gibt nach meiner festen
Oberzeugung nur einen Weg zur Einheitsfront des Proletariats im
internationalen MaBstab, das sind direkte Verhandlungen zwischen
der sozialistischen Arbeiterinternationale und der Komintern. Nur
von Internationale zu Internationale, nur zwischen Zurich und Moskau
kann die Einheitsfront gegriindet werden. Wir miissen uns fragen,
ob der Augenblick dazu reif ist, Heute schon die Verhandlungen
einzuleiten, dazu ist der Moment noch nicht da. Ich bin uberzeugt,
daB dieser Augenblick kommen wird, weil geschichtliche Notwendig-
keiten sich durchsetzen mussen.
Zweierlei ist an diesen Ausfiihrungen wichtig. Einmal
halt Bauer es zur Zeit noch nicht fur richtig, direkte Einbeits-
frontverhandlungen einzuleiten; auf der andern Seite hat er
eine politische Perspektive, von der er annimmtf daB sie die
Einheitsfront mit geschichtlicher Notwendigkeit erzwingen
werde. Diese politische Perspektive Bauers griindet sich auf
die okbnomische Analyse. Was ich hier in der ,Weltbuhne'
und in meinen Biichern immer wieder betont habe* daB im
niedergehenden Kapitalismus die Krise das Normale, die Kon-
junktur die Ausnahme ist, wird auch von Bauer in der glei-
chen Rede betont:
Wir stehen am Beginn einer Zeit mit schweren langen Krisen,
die nur von kurzeh Erholungsperioden unterbrochen sein werden.
Darum miissen wir die Arbeiterklasse zu der materialistischen Er-
kenntnis erziehen, daB der Kapitalismus naturnotwendig aus seinem
eigenen Wesen heraus, nicht nur infolge der Bosheit seiner Trager,
zur Verelendung der Massen fiihrt, dafi der Weg nicht zuriickfuhren
darf zur Bourgeoisiepolitik, zur Monarchie und zu Diktaturen.
Die sozialdemokratische Politik deckt sich allerdings bis-
her in keiner Welse mit den Erkenntnissen Otto Bauers.
Wenn die Krisen immer scharfer werden, wenn sich notwen-
digerweise eine Verelendung der Arbeiterklasse ergibt, wenn da-
751
mit das Gefiige des kapitalistischen Systems bis ins Fundament
crschiittert wirdf damn ist es selbstverstandlich, dafl die herr-
schenden Klassen daraui politisch antworten, daB sie mit der
parlamentarischen Demokratie immer mehr aufraumen und an
ihre Stelle immer brutalere, diktatorischere, terroristische
Methoden setzen. Ist dem aber so, dann mufl die Arbeiter-
klasse erkennen, daB der Schwerpunkt ihrer Arbeit heute
weniger denn je im Parlament liegt, sondern daB der auBer-
parlamentarische Kampf, und nur er, die entscheidenden poli-
tischen Krafteverschiebungen einleiten und durchsetzen kann.
Dagegen wehrt sich die Sozialdemokratie, und von ihrer Hal-
tung am 20. Juli bis zu ihrer Haltung beim berliner Verkehrs-
arbeiterstreik fiihrt eine grade Linie. Wie sie am 20, Juli dem
politischen Kampf auswich, so wich sie beim Verkehrsarbeiter-
streik aus, immer in der Sorge, die wirtschaftlichen Kampfe
konnten in politische umschlagen.
Die Taktik der Sozialdemokratie hat ihre Folgen gehabt;
Seit dem 20. Juli hat die Partei etwa 1,25 Millionen Stimmen
verloren. Wenn sie nicht mehr Verluste erlitten hat, so liegt
das vor allem an der falschen Taktik der KPD, die es in keiner
Weise versteht, die politische Situation zu gestalten.
Die Reaktion stoBt auf alien Gebie'ten vor, wirtschaftlich,
politisch urud kulturelL Die deutsche Arbeiterklasse aber ist
nicht aktionsfahig, wie die Ereignisse vom 20. Juli bewiesen
haben. Es ware also von entscheidender Bedeutung, wenn
man ihre Defensive mit der Sammlung aller Krafte beenden
konnte, urn dann selber vorzustoBen. Die KPD aber verbreitet
nur Illusionen iiber die politische Lage und liber ihre eigne
Starke. Immer wieder, seit dem Mai 1929, erklart sie den
Arbeitern, daB revolutionare Situationen unmittelbar bevor-
stiinden; immer wieder verbreitet sie die tollsten Hoffnungen
iiber ihre eigne Starke und ihre Aktionskraft; immer wieder
glaubt sie, die Aktion der gesamten Klasse durch diei Aktion
der eignen Partei ersetzen zu konnen. Und obwohl sich grade
am 20, Juli gezeigt hat, daB die KPD durch ihre falsche Be-
triebs- und Gewerkschaftstaktik an der entscheidenden Stelle
des aufierparlamentarischen Kampfes, im Betrieb, fast vollig
aktionsunfahig geworden ist, benutzt sie die Wahlergebnisse,
urn aus ihnen die Berechtigung ihrer bisherigen Taktik ab-
zuleiten.
Dieselbe kommunistische Partei, die in ihren Aufrufen die
von der Sozialdemokratie langere Zeit in der Arbeiterschaft
erweckten parlamentarischen Illusionen standig bekampft, be-
rauscht sich an, den Zahlenergebnissen vom 6- November, be-
rauscht sich daran, daB sie in Berlin zur starksten Partei
wurde, obwohl sie es am 20. Juli nicht vermochte, auch nur
in einem einzigen berliner GroBbetrieb einen Proteststreik von
einer Stunde zu organisieren. Wahrend es heute heiBt, in der
Defensive die Arbeiter zu sammeln, unter bestimmten poli-
tischen Parolen eine Einheitsfront gegen Reaktion und Fascis-
mus zu schaffen — erlaBt die KPD eine^ Proklamation iiber
die Ergebnisse der Reichstagswahl, in der zwar mit Recht
festgestellt wifd, daB die kommunistischen Gewinne' zum
groBten Teil aus dem sozialdemokratischen Lager stammen,
752
dann aber daraus die absurde Folgerung gezogen wird, da6
der Hauptfeind die Sozialdemokratie sei und daB man sich
gegen; sie in der Hauptsache zu wenden habe.
Durch diese falsche Taktik der KPD, die die sozialdemo-
kratische Fiihrerschaft als Sozialfascisten bekampft, die Heinz
Neumann aus seiner Stellung entfernt, weil er in einem lich-
ten Augenblick einmal fur die Einheitsfront von unten bis
oben eingetreten ist, wird es der sozialdemokratischen Fiihrer-
schaft erleichtert, die Mauern zwischen ihren und den kom-
munistischen -Arbeitern zu verstarken.
Natiirlich ist die KPD hier vielfach Sklave ihrer bis-
herigen Taktik. Auf der andern Seite aber gestatten es
wiederum sehr gewichtige objektive Tatbestande der kommu-
nistischen Partei, ihren so verhangnisvollen ultralinken Kurs
fortzusetzen. Auch innerhalb der KPD werden kritische
Stimmen rege, die sich gegen . den nationalbolschewistischen
Kurs aufbaumen, eine starke innergewerkschaftliche Oppo-
sitionsarbeit verlangen, die fur eine wirkliche Einheitsfront
eintreten und nicht fur Theateraktionen, die eine Einheits-
frontaktion vorspiegeln. Wieso setzen sich diese Krafte bis-
her nur in so geringem Umfange durch? Sicher spielt dabei
der Mangel jeder innerparteilichen Demokratie eine wesent-
liche Rolle, wie tiberhaupt die totale bureaukratische Ent-
artung der KPD. Aber daneben ist ein Faktor wichtig, dessen
Bedeutung meiner Ansicht nach kaum uberschatzt werden
kann. Das ist die soziologische Zusammensetzung der KPD.
Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daB etwa
neunzig Prozent ihrer Mitglieder heute aus Erwerbslosen be-
stehen. Was hat diese Obermacht der Erwerbslosen mit der
ultralinken Taktik zu tun? Der Betriebsarbeiter, der im Pro-
duktionsprozeB steht, der in seiner eigentlichen Lebens- und
Betriebserfahrung reale Krafte einschatzen muB und der jede
falsche Einschatzung dieser Krafte am eignen Leibe spurt, ist
ultralinken Phrasen nicht so leicht zuganglich. , Der Erwerbs-
lose dagegen, und vor allem der, der seit Jahren aus dem
ProduktionsprozeB ausgeschaltet ist, der keine HoffnungJ mehr
hat, in irgend einer absehbaren Zeit wieder zu einer Arbeit
zu gelangen, ist nur zu leicht geneigt, seine eignen Wiinsche
und Hoffnungen fiir die Wirklichkeit zu halten. So glaubt er
nur zu gern der KPD, wenn sie ihm wieder einmal erklart,
daB eine akute revolutionare Situation bald bevorstunde* wenn
sie ihre eignen Krafte maBlos uberschatzt und ihre Aktionen
mii denen der gesamten Klasse verwechselt. Wenn aber der
Erwerbslose durch seine politische Praxis einsieht, daB die
KPD in ihm Illusionen iiber die gesamte politische Lage und
iiber ihre eigne Starke hervorgerufen hat, wenn er ihre Aktions-
unfahigkeit begreift, dann kampft er im allgemeinen nicht
innerhalb der Partei fiir ihre Gesundung sondern tritt aus und
wird) indifferent. So ist die KPD heute nicht nur im groBen
und ganzen eine Erwerbslosenpartei geworden sondern auch
eine Partei, die jahrlich fast die Halfte ihres Mitglieder-
bestandes wechselt.
Es diirften in der KPD nicht einmal mehr sechs Prozent sein,
die bereits vor 1923 ihre Mitglieder waren. Mit Hilfe der im
753
allgemeinen erst kurze Zeit in 4er Partei stehenden Erwerbs-
losen, die, wie gesagt, die ungeheure Majoritat darstellen, ge-
lang' es der Bureaukratie bisher, mit den kritischen Stromun-
gen in der Partei leicht fertig zu werden. In nachster Zeit
wird sich auch hier voraussichtlich nicht viel andern. Die
Arbeitslosigkeit ist riesenhaft groB, und selbst biirgerliche
Wirtschaftspraktiker erklaren, selbst wenn Papens Wirt-
schaftsprogramm gliicke und man wieder zu einer Konjunktur
komnie, werde die gesamte Arbeitslosigkeit auf die Dauer doch
nicht unter fiinf Millionen sin ken. Dieses dkonomische Funda-
ment also, das der kommunistischen Bureaukratie die Auf-
rechterhaltung des ultra link en Kurses so erleichtert, wird
auch in nachster Zeit bestehen bleiben,
Daneben aber muB manleststellen, daB die Erwerbslosigkeit,
und grade die langdauernde Erwerbslosigkeit, nicht etwa ein-
deutig im revolutionierenden Sinne wirkt. Im Gegenteil: bei
einem schon ziemlich betrachtlichen Teil der Erwerbslosen
ist die Ant wort auf ihre Situation eine konterrevolutionare*
Es ist ja aus der Geschichte bekannt, daB das Lumpenprole-
tariat oft von der Reaktion ausgenutzt wurde, und wir wissen,
da fi von den SA im Durchschnitt sechzig Prozent, an manchen
Orten ein noch hoherer Prozentsatz, aus Erwerbslosen be-
stehen. Ein Teil der Arbeitslosen hat sehr unklare Vorstellun-
gen iiber cine deutsche sozialistische Revolution. Aber zu-
nachst muB er einmal bis zur Revolution leben. So geht er
zu Hitler. Ein andrer Teil der Erwerbslosen ist, grade weil
die Arbeiterparteien in dieser Krise so aktionsunfahig sind,
miide und passiv geworden. Der Schrebergarten ist ihm wich-
tiger als die Politik. Und nur ein wenn auch betrachtlicher
Teil wurde durch die /Verelendung, durch die Erwerbslosig-
keit im revolutionar marxistischen Sinne politisiert, Wirk-
liche Aktionen konnen also von Erwerbslosen vielleicht be-
gbnnen, doch niemals durchgefuhrt werden. Zu wirklichen
Aktionen ist die Einheitsfront von Erwerbslosen und Betriebs-
arbeitern notwendig. Sie ist nicht unmoglich. Die uberwie-
gende Mehrheit der letzten Streiks hat bewiesen, daB es
Klammern gibt, die Erwerbslose und Betriebsarbeiter zusam-
menschlieBen. Die zwischen Erwerbslosen und Betriebsarbei-
tern errichteten Mauern werden heute durch die politischen
Parteien verstarkt. Anstatt die ultralinken Stromungen bei
den Erwerbslosen zu bekampf en, hat -die KPD ihnen nach-
gegeben und so nicht nur die Kktft zwischen kommunistischen
und sozialdemokratischen Arbeit erh sondern auch die Kluft
zwischen Erwerbslosen und Betriebsarbeitern vergroBert In
dieser ultralinken Taktik steckt heute das entscheidende
Hemmnis fur die Einheitsfront* Wird sie liquidiert, treibt die
KPD eine Einheitsfront won unten und von oben, dann, und
nur dann, werden sich gemeinsame Aktionen der gesamten Ar-
beiterklasse ergeben, dann, und nur dann, wird man esdurch-
setzen, daB die sozialdemokratischen Arbeit er, die ehrlich mit
der Einheitsfront sympathisieren, auch den organisatorischen
Bruch mit dem Ref ormismus vollziehen, Heute sind wir noch
nicht so weit, aber die weitere Zuspitzung der wirtschaftlichen
und politischen Entwicklung treibt in dieser Richtung.
754
Gombos und Mussolini von seia Menczer
Anfang November war Julius Gombos, ungarischer Minister-
"' president im Dienst und k. u. k. Generalstabler auBer
Dienst, in Rom zu Besuch, In Jugoslavien finden standig
Hochverratsprozesse statt. Ende November werden nach ver-
schiedenen Zeitungsberichten einige Tausend fascistische Mili-
zier in Tirana landen, um sich an der Zwanzigjahrfeier der al-
banischen Unabhangigkeit zu beteiligen, Besteht hier ein Zu-
sammenhang?
Hauiig bestehen Zusammenhange grade dort, wo man sie
am wenigsten vermutet Seit langer Zeit gart etwas in Jugo-
slavien. Die Kroaten, aber auch unter den Serben die wahr-
haft jugoslavisch. Gesinnten, haben die altbalkanischen Regie-
rungsmethoden des Hauses Karageorgewitsch satt. Breite
Bauernmassen, mit einer guten Volksintelligenz an der Spitze,
wollen die Abschaffung des militarisch-dynastischen GroB-
serbiens, das Ende der Monarchic und der Herrschaft jener
Militar- und Bureaukratenclique, die mit der zwar primitiven,
aber politisch sich doch nach dem Vorbild der deutschen
Schwerindustrie gebardenden belgrader Industrie und mit dem
Bankkapitalismus verbiindet ist. Kroatiens Bauerntum, Kroa-
tiens und Serbiens Mittelstand, ein Teil des serbischen
Bauerntums und die diinne Arbeiterschicht des Landes
sind in Bewegung. Keine der vielen oktroyierten Ver-
fassungen, keine der kurzlebigen belgrader Militardikta-
turen und Parteiregierungen vermochte die groBe Bewe-
gung zu besanftigen, die auf eine foderative jugoslavische
Republik drangt, auf eine Regierung ohne die GroBserben,
diese PreuBen des Siidslaventums. Die Bewegung 1st in der
letzten Zeit besonders stark geworden. Sie hat sogar auf die
Armee iibergegriHen, in der die fanatischenPatrioten aus der
HSchwarzen Hand" des Obersten Apis-Dimitriewitsch anschei-
nend nicht ganz ausgestorben sind. Die „Schwarze Hand" der
antiosterreichischen Verschworungen vor 1914 geriet schon
wahrend des Krieges in Saloniki in todlichen Gegensatz zu
Karageorgewitsch, Heute ist sie entschieden republikanisch.
Neben ihr und der groBen Volksbewegung gibt es in Kroatien
extreme Separatisten und in Mazedonien Oberbleibsel des
Komitadschiwesens, rechtabenteuerliche Elemente, diedauernd
von Italien und von der fascistischen Tzankoff-Liaptscheff-
regierung in Sofia unterstiitzt wurden, moglicherweise auch
von Ungarn. Auf sie hoffte Mussolini, auf sie haute er
seine Mare Nostrum-Politik, Nun sind die Tage Karageorge-
witschs vermutlich gezahlt, und in Bulgarien entwickeln sich
die Dinge stark nach links, in der Richtung der Bauernpartei
Stamboliskijs, die einen AnschluB Bulgariens an die jugo-
slavische Konfoderation und das Ende der bulgarischen Ko-
burger anstrebt Die groBe siidslavische Einheit wird vielleicht
geschaffen, aber durch die politische und soziale Revolution
von der Adria bis zum Schwarzen Meer.
Um diese Revolution und das durch sie erfolgende Ende
aller Mare Nostrum-Traume zu verhuten, setzt sich der Fascis-
755
mus in Bewegung. Er wiinscht sich einen Vor wand, um die
garantierten italicnischen Rcchte auf Zara und in Dalmatian
zu schiitzen; kroatische Scparatistcnexzesse wiirdcn ihin einen
solchen bieten. Er wiinscht Komitadschitrubel in Mazedonien,
der es Italien ermoglichen wtirde, im Auf trage Etiropas in Maze-
donien die Ordnung wiederherzustellent noch viel griindlicher,
als es schon einmal am Anfang des Jahrhunderts geschehen
ist, Diplomaten und Militars siegreicher Konterrevolutionen
haben eben ,,nichts gelernt und nichts vergessen". Oder nur
wenig vergessen. So hat der k. u. k. Offizier Gombos ver-
gessen, daB die Italiener Katzlmacher und Treubnichige sind.
Er verehrt sie jetzt als ,,groBe Nation", genau so groB wie vor
1918 eine andre Nation war, die jetzt vielleicht wieder die
groBe sein wird, eine Nation, deren Ministermorder H,err
Gombos zu beherbergen fur gut befand und an deren Mit-
glieder er jetzt durch einen in Berlin eingesetzten ungarischen
Bevollmachtigten nachtraglich Kriegsorden in alien Preislagen
von drei bis zwanzig Mark verteilen laBt (Interessenten mo gen
sich schriftlich oder telephonisch an den Herrn kgl. ung.
Obersten a. D. von Farkas, Berlin- Wilmersdorf, Detmolder
StraBe 4, wenden).
Angesichts der jugoslavischen Situation hat Mussolinis
Diplomatic Gombos, den MBauernfiihrer" — wie er heiBt, seit-
dem auch Ungarn die Agrarrevolution droht — , in Buda-
pest eingesetzt wie vor ein paar Jahren den Operettenkonig
Achmed Bey Zogu in Tirana. Gombos ist ein fescher ICerl, Er
hat einst die andern Feschacks, die Legitimen bei Budaors be-
seitigt, seine eigne k. u. k, Herkuntt vollkommen vergessend.
Fesche Kerls g-ef alien den Gottern, das heiBt Mussolini und
den Presse- und Filmgewaltigen samt ihrer Herde. Catonen,
denen die Opfer der feschen Kerls gefallen wiirden, gibt es
bekanntlich nicht mehr.
Fesch und stramm ist Gombos an die Sache gegangen.
Zuerst wurden zwei Kommunisten gehangt. Versuchsgalgen
waren das, potences d'essai. Die Welt hat reagiert, sogar
Herriot protestierte. Mit der Neubelebung des weiBen Terrors
ging es nicht. Unter die italienische Fahne zu eilen, ist es
noch zu frtih. Aber etwas muB doch geschehen. Man gehe
halt an die nationale Aufbauarbeit. Und zwar wie immer,
fesch und stramm. Gombos will den Ungarn das 1tFaulenzen
abgewohnen*1. Es gibt namlich auch in Ungarn viele jener
Faulenzer, deren Zahl in , Deutschland sich auf etwa sieben
Millionen und in Italien auf eine falsche Ziffer der offiziellen
Statistik belauft. Mit Ideen uber die Weltwirtschaft, die eines
Tertianers wiirdig waren, geht Gombos an die Arbeit. Das
Publikunv in Ungarn klatscht. Es liebt eben auch dort die
feschen Kerls und besonders den General Gombos, der Fascist
, ist und zugleich Philosemit, seitdem er seine Anweisungen an-
. sqheinend nicht mehr aus dem Braunen Hause sondern aus-
schlieBlich aus dem Palazzo Chigi bezieht, wo es keinen
Rassenschutz sondern sogar einige Juderi gibt. Man stellt sich,
so sagte Gombos, den Ungarn mit dei* Pfeife im Mund als
orientalischen Faulenzer vor. Hier irrt er. Man stellt sich
den Ungarn, der Ufa set Dank, als lachelnden Tanzleutnant
756
vor, so wie Gombos einer ist und wie cr sich sclbst Tvieder-
erkannt hat, als cr vor kurzem einem GroBen dcr Nation, dem
Kurfiirstendammamuseur Kalman, Rang und Wiirde verlieh,
Gombos tragt die Kultur. In seincm Lager ist Ungarn, beson-
dcrs jenes* das der Ufa Text und Melodie Hefert. Wir andern,
wir stellen uns den weiBen Ungarn anders vor, mit dem Blut
Wehrloser an der Hand und die Hand auf der falschen Noten-
presse. Und jenes Ausland, das auf uns hort, jenes Ausland.
das noch nicht vergessen hat, was vor achtzehn Jahren an der
blauen Donau und an der noch blaueren Adria geschah, zu
einer Zeit, da das k. u. k. Reich nur erst an fortgeschrittener
Verkalkung und Paralyse litt, aber noch nicht den Pestgeruch
einer ausgegrabenen Leiche um sich verbreitete, wird sein
Ohr auf die Chansons des gekronten Operettentenors in
Tirana scharfen und auf das Duett des feschen Julius mit dem
Fremdenindustrie-Casar in Rom. Die traditionelle Verehrung
der Ungarn fur Italiens Kulturwerte hat sich einmal in der
Bombardierung Venedigs durch den k. u. k. Admiral Horthy
manifestiert, Der Regent HortHy hat eine solche Nostalgie
nach seinem Meer! Er wiirde sich heute sogar mit Zara oder
Ragusa begniigen, es kann ja nicht immer die Konigin der
Adria sein.
Notverordnung des Kammergerichts
von Hans Litten
FVe Zeitgenossen, die inmitten der Klassenkampfe des 20. Jahrhun-
^ derts mit dem Windmiiller von Sanssouci in dem Kammergericht
noch immer den Hort emer metaphysisch uber den kampfenden Klas-
sen waltenden Gerechtigkeit erblickten, sind enttauscht worden. Nach-
dem der Dritte Strafsenat des Kamm«rgerichts den ersten Versuch
des Schwurgerichts beim Landgericht III, im Felsenecke-ProzeB durch
rechtswidrigen BeschluB einen unbequemen Verteidiger auszuschalten,
zuruckgewiesen hatte, hat jetzt der Zweite Strafsenat mit seinem Be-
schluB vom 28, Oktober 1932 vor dem zweiten Versuch des Schwur-
gerichts kapituliert.
Nachdem die Richter des alten Schwurgerichts aus Arger dariiber,
daC das Kammergericht ihre Ansicht, aufklarende Fragen uber das
Verhalten von SA und Polizei wahrend und nach der Tat stellten
eine Sabotage des Prozesses dar, denn doch nicht gebilligt . hatte,
unter dem Vorwande, die Angeklagten konnten jetzt ihnen gegeriiiber
die Besorgnis der Befangenheit haben, den ProzeB sabotiert hatten,
aufierte der Staatsanwaltschaftsrat Doktor Doktor Stenig vor Zeugen,
ich wiirde im nachsten ProzeB nach hochstens zwei Wochen wieder
ausgeschlossen werden, Man war also darauf gefaBt, daB das Schwur-
gertcht unter irgend einem Voxwand wiederum versuchen wiirde, die
Verteidigung der kommunistischen Angeklagten durch den von ihnen
gewahlten An wait zu verhindern. Der Vorwand fand sich, Einen
Tag vor Beginn der neuen Verhandlung produzierte Stenig ein Proto-
koll, das der nationalsozialistische Angeklagte Schwarz zwei Tage
zuvor als Beschuldigter in einer andern Strafsache abgegeben hatte.
Wie dieses Protokoll, dessen Inhalt mit jener andern Strafsache nicht
das mindeste zu tun hatte, zustandegekommen ist, ist bis heute nicht
geklart. Schwarz behauptet darin. ich hatte^ wahrend der fruheren
Verhandlung versucht, ihn zur wahrheitswidrigen Belastung eines
andern Nationalsozialisten zu bestimmen. In Wahrheit hatte ich dem
Angeklagten Schwarz bei diesem Gesorach, das auf seinen Wunsch
3 757
stattfand, lediglich zugeredet, wahrheitsgemaB alles auszusagen, was
er wisse. Obwohl der Rechtsanwalt Cohn-Bendit, der bei dcm Ge-
sprach zugegen war, und ich diesen Sachverhalt zu Protokoll gaben,
erklarte das Schwurgericht den Verdacht einer strafbaren Begtinsti-
gung fur nicht widerlegt und verftigte mcine AusschlieBung, Das
Kammergericht verwarf die gegen diesen BeschluB eingelegte Be-
schwerde. In den . Griinden des Kammergerichtsbeschlusses wird ge-
sagt, man kpnne zu meinen Gunsten meine eigne Darstellung als
richtig unterstellen, und es konne auch dahingestellt bleiben, ob mein
Verhalten als strafbare Begiinstigung zu werten sei. Dann heifit es
wortlich:
„Inwieweit der Verteidiger iiberhaupt neben den Strafverfol-
gungsbehorden als ein gleichberechtigtes Organ der Rechtspflege
befugt ist, eigene Ermittlungen zur Aufklarung des Sachverhalts
vorzunehmen, wie dies die Bescbwerde geltend macbt, kann hier
dahingestellt bleiben. Jedenfalls hat im ProzeBstadium der Haupt-
verhandlung das Gericht allein iiber Art und Umfang der Ermitt-
lungen zu bestimmen, sodafi weder die Staatsanwaltschaft noch
der Verteidiger berechtigt sind, in diesem Verfahrensabschnitt
ohne Einvernehmen mit dem Gericht derartige Beweiserhebungen
anzustellen, geschweige denn gar von] ihnen ganz nach ihrem Be-
lieben dem Gericht jegliche Kenntnis vorzuenthalten; sie sind ledig-
lich befugt, Beweistatsachen oder Beweismittel dem Gericht zum
Befinden iiber deren Erheblichkeit zu unterbreiten, oder in der
Hauptverhandlung in Ausiibung ihrer gesetzlichen prozessualen
Rechte den Angeklagten oder Zeugen die ihnen erforderlich
scheinenden Vorhaltungen zu machen oder sonstige Aufklarungen
herbeizuf iihren.
Diese Entscheidung bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als
daB mit einem Federstrich das Institut der Verteidigung beseitigt wird.
Die Auffassung ist vollig neu. Noch im Jahre 1927 hat der frtihere
Oberreichsanwalt Ebermayer, dem gewiB niemand tibergroBe Ver-
teidigerfreundlichkeit nachsagen kann, in der ,Deutschen Juristen-
zeitung' anlaBlich einer Polemik gegen Wolfgang Heine ausdrucklich
erklart, das Kecht auf Ermittlungen jeder Art werde „dem Verteidi-
ger wohl von keiner Seite streitig gemacht" (.Deutsche Juristenzeitung'
1927, S- 134 fL)- Dafl die Auffassung des Kammergerichts im Gesetz
keine Stutze findet, bedarf keiner Erorterung, Die Entscheidung ist
eine im Wege der Rechtsprechung erlassene Notverordnung zur Ab-
schaffung der Verteidigung,
Jeder Anwalt weiB, daB seine Tatigkeit in der Hauptver-
handlung nur einen Bruchteil und sehr haufig nur den unwesentlich-
sten Bruchteil seiner Aufgaben umfafit. In vielen Fallen besteht
grade, die Hauptaufgabe des Verteidigers darin, zugunsten des An-
geklagten Ermittlungen anzustellen, die die staatlichen Untersuchungs-
organe nicht anstelten konnten oder wollten. Es ist reinei Willkiir,
das Recht zu solchen Ermittlungen auf die Zeit vor Beginn der Haupt-
verhandlung zu beschranken. Grade in groBen Prozessen, die die
Offentlichkeit erregen und in denen vor allem die Presse bei der
Wahrheitsfindung mitarbeitet, werden dem Verteidiger haufig erst
wahrend der Hauptverhandlung, Zeugen und andre Beweismittel zu-
ganglich, die das Gericht nicht kennt, Wie oft kommt es vor — und
nicht nur m politischen Prozessen — , daB sich Auskunftspersonen
melden, die aus irgendwelchen Griinden nicht selbst im ProzeB auf-
treten wollen, aber dem Verteidiger im Vertrauen auf seine berufliche
Schweigepflicht Mitteilungen machen, die fixr seine weitere Ermitt-
lungstatigkeit von grfifiter Bedeutung sein konnen. Nach der Ansicht
des Kammergerichts muBte der Verteidiger sich weigern, Mitteilungen
eines solchen Besuchers entgegenzunehmen, und sich darauf be-
schranken, ihn dem Gericht als Zeugen zu benennen. Schon das hatte
758
seine groBen Schwierigkeiten, da der Verteidiger, wenn er jede private
Information zuruckweist, ja gar nicht in der Lage ware, ein kon-
kretes Beweisthema anzugeben. Aber selbst wenn er das konnte,
wtirde ein solcher Zeuge vor Gericht mit seiner Aussage so sehr zu-
riickhalten, daB damit nicht s anzufangen ware, Auch Zeugen, die
zur Aussage vor Gericht bereit sind, darf der Verteidiger, wenn er
pflichtgemafi handelt. nicht einfach benennen, ohne sie vorher iiber
ihr Wissen zu befragen. Denn es ist ja durchaus moglich, daB ein
Zeuge, der dem Verteidiger benannt wird, Angaben zu machen hat,
die den Angeklagten belasten. In diesem Fall darf der Verteidiger
ihn nicht benennen, denn bei aller Verschiedenheit der Auffassungen
vom Wesen der Verteidigung herrscht Einstimmigkeit dariiber, daB der
Verteidiger sich einer schweren Pflichtverletzung schuldig macht, wenn
er in irgendeiner Weise zur Oberfiihrung und Verurteilung seines
Mandanten beitragt. Das Kammergericht, das den Verteidiger zwin-
gen will, einen Zeugen zu benennen, ohne ihn vorher iiber sein Wissen
zu befragen, mutet also dem Verteidiger eine schwere Pflichtver-
letzung zu. Schliefilich gibt es aber auch zahlreiche Falle — und
das gilt ganz besondefs fur politische Prozesse — , in denen die
Wahrheitsfindung einfach verhindert wird, wenn der Verteidiger
Spuren, die ihm bekannt werden, sofort in Form vonf Beweisantragen
dem Gericht mitteilt, anstatt sie selbst vorher eingehend nachzu-
priifen. Grade der Felsenecke-ProzeB ist reich an solchen Beispielen.
So ware zum Beispiel die Enthiillung, daB der Polizeiwachtmeister
Oldenstadt in der Tatnacht dem SA-Sportlehrer Grewen seine Dienst-
pistole uberlassen hat und daB er iiber diesen Punkt zu Beginn der
Hauptverhandlung unter Eid die Unwahrheit gesagt hat, ohne die
eingehende Ermittlungsarbeit der Verteidigung niemals moglich ge-
wesen. Das hat sogar der Vorsitzende des friiheren Schwurgerichts,
Landgerichtsdirektor Bode, ausdriicklich anerkannt. Hatte icht dem
Ansinnen des Kammergerichts folgend, die Ehefrau des Angeklagten
Schwarz einfach als Zeugin benannt, als mir bekannt wurde, daB ihr
Ehemann ihr gewisse Dinge iiber Grewen und Oldenstadt erzahlt
habe, anstatt sie durch Mittelspersonen genau ausforschen und mir
iiber das Ergebnis berichten zu lassen, so hatte Frau Schwarz vor
Gericht jede Kenntnis der Vorgange abgestritten (was ihr um so
leichter gefallen ware, als sie als Ehefrau uneidlich vernommen
wurde), und der Polizeiwachtmeister Oldenstadt hatte niemals das
Gestandnis abgelegt, daB seine friihere eidliche Aussage falsch war.
Schwurgericht und Kammergericht halten es „im Interesse der
Wahrheitsfindung" fur zulassig, daB das Gericht einen Verteidiger,
der sich nicht mit dem ihm vom Kammergericht zugewiesenen Schat-
tendasein begnugen will, ,,nach pflichtmaBigem Ermessen" ausschlieBt,
Diese Begrundung wirkt grade im Felsenecke-ProzeB besonders auf-
reizend. Denn grade im Felsenecke-ProzeB ist in einem Ma Be wie
selten in einem Strafverfahren durch die staatlichen Untersuchungs-
organe die Wahrheitsfindung erschwert wordent und das wenige, was
iiber haupt noch ermittelt werden konnte, wurde durch die intensiven
Bemiihungen der Verteidigung zutage gefordert. Ich mufl mich aus
Raumgrunden auf Andeutungen beschranken, Aber die Tatsache, daB
man' in der Tatnacht die vierzig f estgenommenen National sozialist en
auf der Polizei in einem Gemeinschaftsraum unterbrachte und ihnen
damit Gelegenheit gab, ihre Aussage in alien Einzelheiten zu verab-
reden, wahrend man die festgenommenen Kolonisten selbstverstand-
lich in Einzelzellen unterbrachte; daB man zwei nationalsozialistischen
Angeklagten noch im Untersuchungsgefangnis Moabit Gelegenheit gab,
sich stundenlang ohne Auf sicht in einer gemeinsamen Zelle zu ver-
standigen; daB der Untersuchungsrichter den Versuch machte, meinen
Mandanten zu verbieten, mir Angaben iiber den Tathergang zu
machen; daB die Staatsanwaltschaft gegen den Sturmbannfiihrer
Werner Schulze keine Anklage erhob, obwohl er nach dem Wortlaut
759
der Anklageschrift der Anstiftung zum Morde schuldig isi; daB das
Schwurgericht unter dem Vorwand, ein Angeklagter, der sich sclbst
verhandlungsiahig fiihlte, sei nicht raehr verhandlungsfahig, am
2. Juni nach dem Gestandnis Oldenstadts die Sitzung abbrach
und damit verhinderte, daB Oldenstadt weiter befragt wurde, wobei
wahrscheinlich noch mehr zu erfahren gewesen ware; daB endlich das
Schwurgericht in voller Kenntnis der Tragweite dieses Beschlusses
samtliche Fragen an die nationalsozialistischen Zeugen ablehnte, die zur
Ermittlung der Wahrheit iiber den Anmarschweg nach der Kolonie
Felsenecke hatten fiihren konnen — diese wenigen herausgegriffenen
Tatsachen geniigen wohl, um die Behauptung zu rechtfertigen, die ich
in vollem BewuBtsein ihrer Tragweite aufstelle: Polizei, Staatsanwalt-
schaft, Untersuchungsrichter und Schwurgericht haben hier in zahl-
reichen Fallen mindestens grob fahrlassig die Wahrheitsfindung ver-
hindert oder erschwert. Und das Kammergericht verbietet dem Ver-
teidiger ausdriicklich, solchen Versuchen gegentiber seinerseits die
Wahrheit zu erforschen.
Ein Anwaltsstand, der seine Aufgabe ernst nimmt und es nicht
zulassen will, daB das Institut der Verteidigung zu einer bloBen Farce
herabsinkt, kann auf diesen BeschluB des Kammergerichts nur eine
Antwort geben: Er muB es zur, Standespflicht erklaren, daB jeder
Verteidiger diesem BeschluB zuwiderhandelt, wo immer er eigne Er-
mittlungen im Interesse der Sache fur erforderlich halt.
Das Ausland schaltet ab von Nathan Gurdus
Der deutsche Rundfunk dient dem deutschen Volke
und dem Ansehen der deutschen Kultur im Ausland . . ,
Aus den neuen Richtlinien des Rundfunks
|i/|an kann zu den Programmen der deutschen Rundfunk-
sender wahrend der,,,Aera Flesch" stehen, wie man will,
und es laBt sich auch nicht ableugnen, daB es schon damals
vieles gab, was mit Recht kritisiert wurde, aber eins muB man
doch zugeben: der deutsche Rundfunk hatte sich in den langen
Jahren zaher, kiinstlerischer Arbeit eine Position errungen, die
in der ganzen Welt anerkannt wurde* Auslandische Rundfunk-
leute wiesen oft darauf hin, daB der Rundfunk in seiner Bltite-
zeit dem deutschen Ansehen im Auslande gedient hat, Der
scharf e aber friedliche Kampf zwischen dem englischen und
deutschen Rundfunk ging nicht nur um die Erreichung der
Hochstzahl von Inlandshorern sondern auch um die Horer des
Auslands. Der deutsche Rundfunk hatte die meisten Horer in
ganz Europa. Kein Programm wurde so nachdriicklich be-
sprochen wie das der deutschen Sender. Mit groBter Auf-
merksamkeit verfolgte man die bahnbrechenden Versuche
vieler deutscher Sender, So horte ganz Europa den doch so
kleinen Sender Breslau, weil die Horspielversuche der dortigen
Regisseure (die von Herrn Scholz kaltgestellt oder entlassen
worden sind) Weltruf errungen hatten. Berlin, wiederum war
bekannt als Forderer der modernen Musik. Jeder deutsche
Sender hatte sein Spezialgebiet, auf dem er fur die ganze Welt
von grofiter Bedeutung war.
Das alles gehort der Vergangenheit an, Heute ist der
Niedergang des deutschen Rundfunks Tagesgesprach unter den
Horern Europas, Die Flucht von den deutschen Wellen hat
namlich nicht nur im Inlande sondern auch im Auslande ein-
760
gesetzt, Der Rundfunk des Herrn Scholz ist nicht mehr der
Rundfunk mit der Weltgeltung und dem Weltansehen im Ather.
Auslandische Funkblatter sagen, daB das Programm der deut-
schen Sender heute an die Kindertage des Rtmdfunks erinnere.
Nicht nur sei das einseitig tendenziose Vortragsprogramni der-
ari, daB es sich nicht mehr lohne, urn seinetwillen Deutsch zu
lernen, sondern b-edauerlicherweise sei auch die Kunst im deut-
schen Rundfunk von dieser Tendenz iiberwaltigt worden. Die
Horspiele, die man heute von Deutschland hort, konnen nur
den begeistern, der die akustische Kulisse der Militarmusik
liebt. Ein sehr bedeutender skandinavischer Rundfunkexpert
sagte kiirzlich; ,,Das Wort Kunst ist vom Programm der deut-
schen Sender verschwunden, Nicht nur, daB man alles, aber
auch alles, in eine unertragliche Tendenzform bringt, auch das
tut man ohne jede Begabung und ohne einen Schimmer von
Rundfunkkenntnis! Wo bleiben die deutschen Rundlunkleutet
die auch fiir uns Pioniere waren?" Nun, wo sie bleiben, wird
man ja jetzt auch im Auslande wissen. Der begabte deutsche
Funkregisseur Doktor Engel aus Breslau beispielsweise ist jetzt
vom Radio Wien ubernommen worden. Breslau hat ihn ver-
Ioren,
Lase man im Auswartigen Amt aufmerksam die aus-
landische Radiopresse, dann miiBte man den ,,SchoIzrundlfunk,,
verbieten wegen ,,Schadigung des deutschen Ansehens im Aus-
lande". Englands Rundfunk profitiert in der ganzen Welt
durch Herrn Scholz, Noch nie wurde in Europa so viel Lon-
don gehort und so wenig Berlin wie jetzt, Schon bilden sich
in Skandinavien, in der Schweiz, in Holland und anderswo
Horergruppen, die Londons Sendungen abhoren wollen. Im
Reichspostministerium faBt man jetzt Plane zur Verstarkung
aller deutschen Sender und geht auch schon an die Arbeit.
Aber die Kilowattriesen werden auch mit ihren ungeheuren
Energien die Horer nicht dazu bringen konnen, diese Pro-
gramme zu horen. Die Auswahl ist ja heute im Ather ge-
niigend groB, .
Wie weit der Scholzkurs dem Ansehen des deutschen
Rundfunks im Auslande geschadet hat, zeigen auBer den ver-
schiedenen Pressestimmen des Auslandes auch folgende zwei
Tatsachen. In Skandinavien war es, als die Sendungen von
den deutschen Wellen noch horenswert waren, ublich gewor-
den,L Horergruppen zu bilden, die gememsam eine deutsche
Sendung abhorten, Zu diesem Zweck hatten einige groBe
Horerverbande in Kopenhagen Unterricht in der deutschen
Sprache fiir ihre Mitglieder eingerichtet. Besonders die Sen-
dungen der Deutschen Welle wurden dann von Deutsch ver-
stehenden Horern abgehort. Man interessierte sich fiir die
Diskussionen zwischen Vertretern verschiedener weltanschau-
licher Gruppen und fiir die sozialen Horspielet die im Rahmen
des Arbeiterfunks gegeben wurden. Heute hat man in Skandi-
navien keine Lust mehr, die nationalistisch gefarbten Pro-
gramme und die einseitigen Tendenzvortrage abzuhoren. Be-
zeichnend, daB heute in Skandinavien kein einziger Club mehr
Gemeinschaftsempfang deiitscher Sender vornimmtf Der
deutsche Unterricht unter den Mitgliedern ist vcm kopen-
761
hagener Horerverband (Lytterforeningen) eingestellt worden.
Auch dcr groBte danische Horerverband, der ARC, hat den
Gemeinschaftsempfang deutscher Sender eingestellt.
Auch die Obertragungen deutscher Sender auf auslan-
dische werden imnier seltener, Viele auslandische Sender
unternehmen einige Male in der Woche sogenannte ,,Radio-
reisen", Streifziige durch die auslandischen Rundiunk-
programme. Qeutschlands Sender dominierten rruher in alien
diesen Obertragungen. Aber seit zwei Monaten habe ich,
auBer in der Wahlnacht, keine einzige Obertragung deutscher
Sender gehort. Der kopenhagener Sprecher sagte einmal wah-
rend einer solchen Obertragung vom franzoslschen Rundfunk;
„Einen deutschen Sender konnen wir leider nicht tibertragen,
weil das Programm nichts Interessantes bietet." Und dasselbe
hort man bei jeder Obertragung rremder Sender, nicht nur
von Danemark sondern auch aus Holland, Norwegen, Schwe-
den. Selbst Konzerte werden nicht mehr tibertragen, weil man
im Auslande mit Recht behauptet, daB auch das .Musik-
programm der deutschen Sender unter der Diktatur stehe, Im
moskauer Rundfunk teilte kiirzlich der Intendant mit, daB in
der kommenden Rundfunksaison von der moskauer Welle viele
prominente Mitarbeiter des deutschen Rundfunks zu horen sein
wiirden. Der neue Kurs in Deutschland, so sagte der moskauer
Intendant, habe wertvolle Rundfunkkrafte entlassen, kalt-
gestellt und vom Rundfunk entfernt. Linke Autoren, die Hor-
spiele geschrieben halten, konnten heute, nur weil sie links
seien, am deutschen Rundfunk nicht mehr mitarbeiten. Es
werde eine Ehre fur Moskau sein, diese Krafte zu sich her-
tiberzuziehen und im kommenden Winter auch Horspiele deut-
scher Autoren in deutscher Sprache von Moskau aus zu
senden.
Deutschland hat heute knapp vier Millionen Horer. Vor
einem halben Jahr sprach man noch von fiinf Millionen und
von einer Oberholung Englands, Dieser Tage aber hat England,
wie ira londoner Rundfunk angesagt wurde, die fiinfte Million
erreicht, wahrend Deutschland zuriickgeht, als einziges Land in
Europa! Oberall bringen neue Sendebauten neue Horer. In
Deutschland hat man in den letzten Monaten und Wochen den
GroBsender Breslau eroffnet, den GroBsender Leipzig und hat
andre Sender verstarkt. Die Horerzahl aber ist auch in diesen
Bezirken zuriickgegangen. Die Rundfunkherren werden ver-
suchen, das Abgleiten des Rundfunks mit der wirtschaftlichen
Kris-e zu erklaren. Das wird ihnen aber schwer gelingen, denn
grade in den Landern mit groBer wirtschaftlicher Krise steigt
die Zahl der Horer, weil sich die Leute, wenn schon nichts
sonst, wenigstens die Zerstreuung des Rundfunkhorens leisten,
Selbst die ubermaBig hohen Gebuhren in Deutschland hatte
man sich bei einem guten Programm vom Munde abgespart.
Aber das Trompetengeschmetter lohnt nicht, „Obergangszeit,
Neuorganisierung" sagen achselzuckend die Rundfunkkritiker
von Reehts, denen Herr Scholz auch schon ungemutlich ge-
worden ist. Die „Obergangszeit" hat dem deutschen Rundfunk
bereits sein Weltansehen genommen. Sie wird ihm auch viele,
sehr viele Horer im Inlande nehmen.
762
Rapprochement in Oel von Rudoit Amheim
r^cr praktische Arzt Doktor Holderliri, edel wie der Name,
haBt die Franzosen, weil sein Sohn im Kriege gefallen ist.
Er lernt den Morder seines Sohnes, einen reizenden jungen
Franzosen kennen, den er fur einen Studienfreund des Gefal-
lenen halt und der sich zum Gatten fiir die verwitwete
Schwiegertochter eignet. So wird der HaB zur Liebe. Zwischen
Deutschland und Frankreich? Zwischen zwei Herren.
Ein schones happy end: Pflaster und Wunde finden sich, '
und im Hintergrund bleibt der Sabel scharfgeschliffen stehen.
Denn die HaBgefuhle, die sich, wie Beispiel zeigt, im Einzel-
fall beschwichtigen lassen, sind nur AnlaB, nicht Ursache der
Feindschaft und beruhen ihrerseits auf sehr unsentimentalen
Wirtschaftstatsachen, die zu schildern Aufgabe eines anti-
kriegerischen Films ware. Gewifi liegt es imWesen dies Spiel-
films, daB er Allgemeines am Schicksai Einzelner aufzeigt.
Findet er aber fiir den Einzelfall eine Losung, die sich auf das
groBe Ganze nicht ubertragen laBt, so treibt er Taschenspiele-
rei. Im Hause Holderlin und vielleicht sogar am Stammtisch
mag ein gutes Herz allerhand ausrichten. In der Wilhelm-
straBe aber findet es, mit Recht, kein Betatigungsfeld. Und
so ist der Geltungskreis einer solchen Erzahlung nicht groBer,
als wenn si-e etwa von einem Chauffeur handelte, der zwecks
Siihne in das Elternhaus eines von ihm Oberfahrenen pilgerte.
Das Grundmotiv die&es Lub it sch films MDer Mann, den
sein Gewissen trieb" (es lafit sich nicht verheimlichen, daB
er auf amerikanisch „Broken Lullaby" heiBt) trifft ein Grund-
problem kriegerischer Betatigung kiihn im Kernpunkt:
wahrend im Kampf der einen namenlosen Masse gegen die
andre die Begriffsunterscheidung zwischen Mord und Landes-
verteidigung auf den ersten Blick plausibel erscheint, gerat
dieser abstrakte Schutzwall gegen das schlechte Gewissen
leicht ins Wanken, sowie der einzelne Soldat leibhaftig vor
die Eltern des Getoteten tritt. Die Auseinandersetzung und
das happy end aber, die hier moglich gewesen waren, werden
vermieden: es konnte im Sprechzimmer des Arztes iiber die
heftigen Gefiihle die Einsicht siegen, daB im Kriege nicht durch
die Schuld Einzelner sondern durch falschen, schadlichen Ein-
satz menschlicher Kraf te von oben her junges Leben sinnlos
zerstort wird, Und gerade Menschen, deren Herz der Krieg
tief verletzt hat, waren besonders geeignet, hellsichtig und
klug zu werden und sich zusammenzuschlieBen zum' groBen
AufkJarungsfeldzug gegen die wirklich Schuldigen.
Statt solcher Losung hat, wie nicht verwunderlich, die
Paramount ein junges Madchen parat, das infolge eines auf
den Hinterkopf applizierten Flechtenkranzes bis zur Penetrans
das verkorperlicht, was die Franzosen ,,un gretchen" nennen.
Der Franzose und mit ihm die amerikanische Kundschaft der
Herstellerfirma findet die deutsche Familie, wie sie im Natur-
kundebuch steht: der Haushaltungsvor stand fiihrt schon nach
dem ersten Loffel Suppe den MaBkrug zum Munde, und auch
an der Nationalist der Stammtischherren ist — in einem fur
763
geniigsame Menschen pcinlichen Grade — keini Zweifel moglich.
In einem scharfgeschnitzten Rahmen von Sternheimfiguren er-
scheint sanft schimmernd das Pluschsofa. Lubitsch betatigt
sich als Chargcnsatiriker, um ; das Harmonium erschallcn
zu lassen, sobald es um Zentraleres geht. Deshalb wird man
auch nicht recht froh, wcnn in groBartigen, aber durchaus
nebensachlichen Bildcrn die Sabel aus den Kirchenbanken ras-
seln und in einer wundervoll bosartigen Einstellung das Leder-
etui des Armeerevolvers das Gesangbuch zudeckt. Denn eben
diese distanzierendet konigliche Einstellungskunst laBt Lubitsch
vermissen, sobald die Mutter am Grabe weint oder die Eltern
sich kn neuen Gliick sonnen. Schon an sich sind zum Himmel
gereckte Bibberkinne, Zusammenbriiche mit Handen vorm Ge-
sicht und verklarte Augenaufschlage jenseits der Gfenzen des
Erlaubten, aber selbst da, wo die Ruhrseligkeit nichts andres
ist als wirklichkeitsgetreues Abbild einer Biirgersfamilie, selbst
da versagt der Regisseur, indem er -die Affekte in langen Sze-
nen ausweidet. Denn es gibt einen HKitsch der Einstellung",
der sich darin kundtut, was, wielange und von woaus man
etwas aufnimmt, was an sich naturgetreu und daher nicht
kitschig ist. Geriihrtes Elternpaar auf dem Sofa ist Natur.
Dies aber aufzunehmen und zwar lange und im Glorienlicht der
en face-Einstellung ist blutiger Kitsch! Denn Gefiihle sind nie
Gegenstand und Selbstzweck eines Kunstwerks sondern nur die
Triebkrafte in dem Konflikt, auf dessen Austragung alles an-
kommt. In einem Film wie diesem aber erscheint das Riih-
rende um des Ruhrens willen, wahrend die eigentlich wich-
tigen Eckszenen der Auseinandersetzung entweder nur an-
gedeutet werden, wie das entscheidende Gesprach zwischen
dem Franzosen und dem Madchen, oder groblich unterschla-
gen, indem beispielsweise die beiden Alien gar nicht erfah-
ren, daB sie den Morder ihres Sohnes ins Haus nehmen,
Lubitsch darf sich Beiwerksatire leisten, weil er die tra-
gische Spitzengruppe wie von Gott retuschiert zeigt, Er singt
das Lob eines Milieus, dessen „Ausgeburten" er am Rande
persifliert. Und man hat immer wieder den Eindruck, als fiihle
er sich formlich erlost, wenn er von Kriegergrab und Feier-
stunde weg zu den klatschenden Kleingewerbetreibenden des
Stadtchens fliichten kann, deren Ladenklingeln er denn auch
sogleich zu einer meisterhaften SpieBermusik orchestriert, Was
aber wirklich anpackende Satire ware, daran erinnert uns ein
Blick auf Erich von Stroheim, dessen Filme ja denn auch im
Gegensatz zu denen von Lubitsch Geld kosten statt einbrin-
gen. Stroheim versteht es als einziger, die ekelhafte SiiBe des
Filmkitschs, so wie sie ist, als kiinstlerisches Gestaltungsmittel
zuverwenden, Die Puderwangen der Heldin und die blinken-
den Uniformen setzt er in einen grauenvollen Kontrast zu aller
Grausamkeit, Unnatur, Vertiertheit der menschlichen Seele.
Diese geniale Benutzung auBerer Hiibschheit zur Entlarvung
innerer HaBlichkeit scheint auf die Spitze getrieben in einem
Film ,,Queen Kelly", den Stroheim mit Gloria Swanson fur an-
geblich drei Millionen Mark gedreht hat und der nie in
Amerika gezeigt worden ist. Ober die Urauffiihrung dieses
Films in einem pariser Avantgarde-Kino berichtet der Korre-
764
spondent des ,Film-Kuriers' mitvzitternder Feder, und was er,
mit alien Zeichen des Abscheus, von dem Inhalt mitteilt,
klingt so packend, daB es hochst wichtig fiir tins ware, den
Film kennenzulernen. Wenn er schon nicht, aus Zensur- und
Geschaftsgriinden, dem grofien Publikum gezeigt werden kann.
so sollte nian ihn wenigstens in kleinem Kreise laufen lassen,
so wie die Paramount dankenswerterweise die englische Ori-
ginalfassung des Lubitschfilms einer geschlossenen Gesellschaft
vorfiihrte.
Lubitsch ist ein schlimmes Beispiel fiir die Vergeudung der
Kunst in dieser Zeit. Kein Grundi zu glauben, er konnte nur
Operettenmatzchen machen. Allein der Einfall mit der Uhr im
Zimmer des Toten, dieser pochenden Herzseele, die da ein
akustisches Gespensterleben fiihrt, zeigt, was wir ohnehin von
Lubitschs stummen Filmen her wissen. Man mag nicht daran
denken, was fiir Filme er uns schaffen wiirde, wenn er seine
Zigarren statt in Hollywood etwa in Moskau rauchte.
Buchkritik
Der einzige freie Beruf von Annette Koib
p\ic deutsche Literatur befindet sich unverkennbar im Aufschwung,
^ und es fehlt ihr gewiB nicht an jungen und vielversprechenden
Talenten. Die Buchkritik dagegen liegt wohl nirgends so sehr im
Argen wie bei uns. Wie viele Besprechungen vermag der Autor, ob
er sich gelobt oder getadelt sieht, gar nicht zu Ende zu lesen, so
sehr bden sie ihn durch ihre vollige Belanglosigkeit an. Die vier,
sagen wir die fiinf, die etwas besagen und die ihn forderri) konnen,
empfindet er als frohe Oberraschung und Geschenk, Das Obel kommt
daher, daB bei uns. die denkbar ungiinstigsten Leute, Herren wie
Damen, unbeanstandet Biicher begutachten diirfen. Wenn einer sonst
nichts leistet, wenn er es zu gar nichts brachte und gar nichts lernte,
wenn er gar nichts weiB, winkt ihm als letzte Moglichkeit die Ober-
nahme von Rezensionen, Hier ist, wie gesagt, der einzige wirklich
freie Beruf.
Infolge dieses Mifistandes ergeben sich bei jedem neuen Buch fiir
den armen Schriftsteller dieselben Erfahrungen. Flogen ihm dabei
nicht die vier bis fiinf weifien Raben entgegen, so muBte er sich mut-
los fragen, wozu er denn schreibt.
*
Uflter alter Kritik! von Erich Kastner
A lien, also den wenigen, die sich und der deutschen Kultur wiin-
"■ schen, die Literatur moge jenen EinfluB nehmen, der ihr gebiihrt
und dem sich das Volk nicht entzoge, — alien diesen, also diesen
wenigen, ist klar, daB die deutsche Buchkritik zu den besonders trau-
rigen Kapiteln gehort. Wir haben zwar Theaterkritiker, Kunstkritiker
Musikkritiker und Filmkritiker, aber Literaturkritiker haben wir
nicht. Und wir haben keine, weil die Buchkritik in Deutschland kein
Beruf sondern ein Nebenberuf ist. Menschen, die das Bediirfnis und
die Begabung zum literarischen Rezensenten haben, sind vor die
Alternative gestellt: entweder zu verhungern oder keine Biicher zu
besprechen. Die meisten ziehen das Letztere vor.
Nun konnte der Laie einwenden, daB doch aber, soweit er sich
entsinne, in den wenigen Zeitschriften und in den vielen Zeitungen,
die es gibt, Biicher besprochen wiirdeni Ja. Nur leider nicht von
765
Rezensenten, Und das ist das Entscheidende. Gelegentlich schreibt
ein Schriftsteller uber das Buch cines andern; mitunter findet der
Feuilletonredakteur Zeit, einen wichtigen Roman sachkundig und ge-
buhrend anzukiindigen; aber das sind Ausnahmen, Normalerweise
geschieht, vor allem in der Provinz, etwas ganz andres. Normaler-
weise geraten die Bucher an Leute, deren kritisches Talent kaum zum
Lesen ausreicht, geschweige zur Rezension. Wie kommt schlieBlich
auch die Frau des Sportredakteurs dazu, etwas von Literaturkritik
zu verstehenJ Sie Hest gern, sie liest gern gratis, sie stellt das Ge-
lesene gern in den Bucherschrank, weiter reichen ihre Fahigkeiten
nicbt. Drum frisiert sie den Waschzettel, manchmal vergifit sie auch
noch die Frisur, und schon stent die „Buchbesprechung" im Blatt.
Und erst Tage spater landet sie (die Bucbbesprechung) dort, wo sie
hingehort,
Es ist nicht immer so schlimm. Docb auch: daB einigermafien
befahigte Mitarbeiter der Redaktionen darauf aus sind (und wegen
der miserablen finanziellen Entschadigung darauf aus sein mussen),
in moglichst kurzer Frist moglichst viele Bucher zu „verarzten\ ist
nur urn weniges besser. So sind schon der Charakter und der Wert
des einzelnen Referats unter aller Kritik. Vollig hoffnungslos wird
aber der Betrachter, wenn er die ganzen oder halben „Literatur-
seiten" mustert, um zu erfahren, welche Gesinnung, welche Ordnung,
welcber Kunstgeschmack wohl darin walten und dariiber schweben.
Es ist ein Zufall, wer schreibt. Es ist ein Zufall, was besprochen
wird. Es ist ein Zufall, wie ausfuhrlich das Einzelreferat ausgefallen
ist. Ein neues Buch von Andre Gide wird, ein Jahr nach Erscheinen,
von einem Analphabeten in zwanzig Zeilen abgewiirgt. Daneben machen
sich hundert Zeilen uber Blumenzucht breit. Nichts ist so unvor-
stellbar, daB es auf der Bucherseite nicht doch geschahe. Der Unfug
dieser Art von Buchkritik macht vor den berliner Zeitungen kernes -
wegs halt, Ich erinnere mich eines Referats uber einen Novellenband
von Hermann Kesten; und dieses Referat stand in einem berliner
Blatt von Weltruf. Der Herr Referent verglich dieses Buch angestrengt
mit Kestens Gedichtbanden; er zitierte einen der Bande; der war
aber von Erich Kastner. Und nun schmifi er mit wahrer Virtuosi-
tat Kestens Namen und Kastners Bucher und Kestens Romane und
Kestens lyrische Qualitaten \derartig durcheinander, dafi Kesten, als
er das Referat las, beinahe selber glaubte, meine Gedichtbande seien
von ihm. Wir gingen dann, frohlich vereint, auf die Redaktion und
gaben dem Redakteur der Literaturbeilage auf diese unmifiverstand-
liche Weise zu erkennen, daB es sich um zwei Autoren handle. Er
glaubte es schlieBlich. Und auch der Referent, den man davon in
Kenntnis setzte, widersprach nicht langer.
Und solche Leute lehnen Bucher ab, empfehlen Bucher, tiben
EinfluB auf das Publikum aus, das sich zu informieren sucht. So
kommt es, daB die deutsche Buchkritik von der Leserschaft nicht
mehr ernst genommen wird. Und so kommt es, daB die deutsche
Literatur ihres wichtigsten Echos beraubt: wurde.
Man schaffe endlich den fest angestellten, fix bezahlten Buch-
kritiker, so wie e9 den Theater- und Filmkritiker, den Kunst- und
Musikkritiker schon lange gibt! Es gibt gescheite und belesene Man-
ner genug, die zu diesem Beruf berufen sind.
Buchkritik und Tageszeitung von m. m. oetuke
Dessort- und budgetmaBig ist Buchkritik ein Stiefkind der Tages-
*^- zeitungen, Kein Verleger zahlt uns die Arbeitsstunden, in denen
wir einen dicken Walzer lesen, Auszuge machen, Quellenforschung
treiben. Er zahlt lediglich die Zeilen, die wir daruber schreiben und
uber denen in 95 Prozent die Mahnung prangt: „3itte moglichst kurz."
766
Die materiell niedrige Rangordnung schlagt naturgemaB ins Ideelle
urn. Bedeutende Feuilletonleiter sind im Stillen der Auffassung,
Buchkritik sei eine Sache fur Anfanger, und die Nichtanfanger iiben
vielfach den Brauch, ein Buch nur durchzublattern, beziehungsweise
„anzulesen" — dann wissen sie genug und kritisieren munter drauf
los.
Zum Beispiel so: die Schriftleitungen miifiten Lesehonorare zah-
len; dann konnte der Referent nicht nur auf jeden Fall sorgfaltigst
arbeiten sondern wiirde auch davor bewahrt, Unwesentliches anzu-
zeigen, was er jetzt urn des lieben Zeilenhonorares willen oft genug
tut. (Man sollte tiberhaupt, auBer bei Fachliteratur, nur aus einem
leidenschaftlichen Dafiir oder Dawider Bucber anzuzeigen brauchen!)
Wenn man weiB, mit welch glaubiger Aufmerksamkeit grade das
Publikum, das nie eine literarische Fachzeitschrift zur Hand nimmt,
das Literaturblatt „seiner" Zeitung liest, dann erscheint einem eine
solche Forderung durchaus nicht als Donquixoterie. Weitere Richt-
linien: nicht immer Gleiches von Gleichen rezensieren lassen, zum
Beispiel Frauenbucher von Frauen. Das Ideal ware die Doppel-
kritik, bei der der (mehr oder minder) Fachmann gleichzeitig
mit dem AuBenseiter zu Wort kame. Also; ein. burgerlicher
Literat und ein Sozialpolitiker referieren gleichzeitig tiber ein Ar-
beiterbuch, ein Laie und ein Fachmann iiber ein populaf-wissen-
schaftliches Werk, ein Mann und eine Frau iiber einen Frauenroman
und neben der Erwachsenen-Kritik eines Kinderbuches stiinde das,
was das Kind der Mutter oder dem Lehrer daruber sagt. Doppel-
kritik an sich ist (ibrigens nicht neu, wurde aber, soviel ich weifi,
noch nicht unter dem angeregten Gesichtspunkt versucht. Ferner
naturlich: nicht immer nur die Neuerscheinungen anzeigen. Viel mehr
Hinweise auf ..vergessene Bucher". (Die .Frankfurter Zeitung' machte
es, jetzt macht es auch der Rundfunk.) Grofie Modeerfolge sol I ten
nach zehn oder ftinfundzwanzig Jahren iiberpruft und neu besprochen
werden, von einem, der sie erst jetzt liest, Und erst recht die Werke,
die keinen Modeerfolg hatten und deren Wert man durch gluck-
lichen Zufall nachtraglich entdeckt, Denn das Beste in diesem frag-
wiirdigen Beruf ist ja nicht die Zustimmung aus Kollegen- und
Publikumskreisen sondern die schonen Augenblicke, in welchen der
kritisierte Autor die Berechtigung einer Ausstellung anerkennt, und
noch viel mehr die ganz seltenen wunderbaren Stunden, wo man
nichts mehr zu analysieren und zu kritisieren vorfindet sondern ein-
fach einmal wie der unbefangene Leser sagen kann: wie wunderbar
ist dieser Dichter...!
*
Kritlk der Literaturkritlk von Hermann Kesten
Dienste! Talente! Verdienst! Geht doch, gehort zu
einer Clique!
Telemaque
I^ie Mangel der Literaturkritlk sind unter anderen folgende:
*-^ 1. Viele Redakteure haben keine literarische Meinung, oder sie
nehmen keine literarische Partei. Sie treiben keine Literaturpolitik.
Wer will, schreibt, was er will, uber wen er will, und wo er will.
2. Literaturkritiker sind entweder Redakteure, die manchmal zu
beschaftigt sind, urn ein wahres Bild des literarischen Lebens zu
haben und die zuweilen die Literatur nicht achten;
oder die Frauen von Redakteuren;
oder Oberlehrer;
oder Anfanger, die kein Geld haben und zu geringe Honorare er-
halten, urn die Bucher, uber die sie schreiben, zu lesen;
oder Schriftsteller, die letder nur gelegentlich schreiben, aus Freund-
schaft fur einen Autor, aus HaB gegen einen Autor.
767
3. Berufsliteraturkritiker gibt es nicht,
4. Honorare fur Buchkritiken werden entweder gar nicht oder in
lacherlicher Hdhe gezahlt,
5. Buchkritiken stehen unter dem Strich oder auf einer im Inse-
ratenteil versteckten Buchseite, abgetrennt vom wichtigen und eigent-
lichen Inhalt der Zeitungen. Das heifit, die Kritik des Geistes, die
erste Angelegenheit des kulturellen Lebens, wird zu einer zweitrangi-
gen Sache gemacht.
6. Die falschen Schlagworte, die von Jahr zu Jahr trostloser und
dummer werden,
7. Die Verachtung, die Literaten fur Literaten und Literatur hegen,
*Literatf Literatur sind Schimpfworte geworden statt Ehrennamen.
8. Die allgemeine Verachtung der Vernunft durch angeblich den-
kende Menschen.
9. Der Satz, der in Literaturkritiken aller Zeitungen und Zeit-
schriften von links bis rechts wiederkehrt: Dieses Buch (diese Litera-
tur!) ist keine Literatur sondern ein Stuck Natur! Was geschahe
mit einem Architekturkritiker, der, urn ein Wohnhaus ekstatisch zu
loben, schriebe: Dies Haus ist' kein Haus sondern eine Tropfstein-
hohle?
10. Die weitverbreitete, selbst von angesehenen Literaten aus-
gesprochene Meinung, dafi ein Buch, in falschem Deutsch geschrie-
ben, trotzdem ein gutes Buch seih konne, Und dafi Stil, Form und
Inhalt gleichgiiltig sein konnten, weil nur der Mensch wichtig sei,
der dahinter stehe. Ebenso wie ein Sanger, der falsch singt, kein
guter Sanger sein kann, so kann kein Buch, das in falschem Deutsch
geschrieben ist, ein gutes Buch sein. Eine Briicke, die einstiirzt, ist
nicht trotzdem eine gute Briicke sondern auf jeden Fall eine schlechte
Briicke,
11. Die Cliquenangst mancher objektiver Redakteure, die das
Buch eines Marxisten prinzipiell einem Nationalisten zur Besprechung
geben, das Buch eines Expressionisten einem Naturalisten, das Buch
eines Gottlosen einem Frommen, das Buch eines gebildeten und intel-
ligenten Autors einem ungebildeten Dummkopf, ohne im ubrigen die
eine oder andre Tendenz stiitzen zu wollen. Grade diese Oberangst-
lichen sind gewohnlich die Opfer nicht nur der eignen sondern der
meisten Cliquen.
12. Die Meinung, das Zusammengehorigkeitsgefuhl einer literari-
schen Gruppe oder geistig einander nahestehender Schriftsteller sei
Folge einer Korruption oder einer Clique.
13. Die allgemeine Dummheit.
14. Die deutschen Literaten haben die Rezensenten, die sie ver-
dienen. Denn
15. die deutschen Schriftsteller sind in ihrer iiberwiegenden Mehr-
heit ohne einen literaturpolitischen Willen. Es fehlt die Uberzeugung
von der Schonheit und Wiirde und Macht des Geistes und der
Literatur,
*
Sinn der Buchkritik von Alfred Poigar
pur das Buch, beziehungsweise fur Autor und Verleger, hat Buch-
* kritik vor allem den Wert einer Reklame. Diesem Zweck kann
auch die abfallige Kritik dienen: etwa, wenn sie pornographische Ab-
sichten des Buches riigt, oder tadelt, dafi in seinen Figuren lebende
Vorbilder allzu deutlich erkennbar gespiegelt sind.
Die Annahme, dafi der Schriftsteller durch die Buchkritik, von
ihr auf seine Fehler und Schwachen hingewiesen, verleitet wiirde,
in sich zu gehen, in tiefes Nachsinnen iiber die eigene Uiizulang-
lichkeit zu verf alien und sich zu bessern, die Annahme also, dafi
Kritik einen padagogischen Sinn fiir ihn haben kdnnte, ist lediglich
eine Annahme. Solchen Glauben an die erziehende Wirkung der
768
Zeitung heucheln, ihren Richtern zu Gefallen, nur die Schauspieler.
Wenn sie von der Presse genotigt werden, uber sich und ihren
Werdegang etwas auszusagen, mimen sie gern die braven Kinder,
denen das Geziichtigt-Werden zum Vorteil gediehen ist und die des-
halb von Herzen dankbar sind fur erhaltene PriigeL Aber natiirlich
hilft' auch ihnen das ungerechteste Lob mehr als der gerechteste Ta-
del, und zwar auf dem indirekten Weg der Selbstbewufitseins-Star-
kung, der Ermutigung, der gesteigerten Freude am Beruf und der
gesteigerten Zuversicht in die eignen Moglichkeiten,
In ihrer saubersten und ergiebigsten Form tritt Buchkritik in
Erscheinung, wenn der Besprecher mit dem Besprochenen personlich
befreundet oder verfeindet ist. Im ersten Fall wird der freundschaft-
lich illuminierte Geist des Kntikers nicht umhin konnen, das Objekt
vorteilhaftest zu belichten, die ihm bekannten Werte des Verfassers
an Stelle der fehlenden Werte des Buches zu setzen und durch
dessen etwa geringes Konnen das grofie Wollen des Schreibers blen-
dend durchschimmern zu lassen. Im zweiten Fall, dem der Feind-
schaft, mufi der Beurteiler die Saure, die hotwendig ist, um auch die
widerstandsfahigsten Qualitaten des Buches zu zerstoren, nicht erst
aus dessen Lektiire gewinnen, sondern er hat sie, hochprozentig,
schon in sich, und wir bekommen, dank ihr, von dem, was das, Buch
nicht kann und nicht ist, ein ungemein klares Bild, wie es der so-
genannte objektive Kritiker niemals herzustellen vermochte.
Gultiger noch als von sonstiger Kritik darf wohl von der Buch-
kritik gesagt werden, dafi sie weniger die Eindriicke spiegelt, die
der Betrachter vom Werk, als vielmehr jene, die das Werk vom Be-
trachter empfangen hat,
Fur den im Irrgarten der Literatur umhertaumelnden Lese-
Willigen ist sie kaum ein brauchbarer, Fiihrer, und ein ganz ohn-
machtiger Heifer im Kampf gegen den Buchwurm (nicht zu ver-
wechseln mit dem Bucherwurm: Ptilinus pecticornis L.), der sich,
besonders zur Weihnaphtszeit, aus hundert Verlagen bedrohlich rin-
gelt. Selbst wenn der Leser Sowieso an gedruckte Buchkritiken wie
an autoritare Spriiche glaubte, ware ihr Nutzen* fur ihn ein frag-
wiirdiger. Wer weifi, wie sehr gerade diesem Leser das Buch,
das dem Kritiker untauglich erschien, taugen konnte, wie kraftig es
seinen Lebenstonus zu erhohen, seinen Appetit zu fordern, seine
besseren Gefiihle wachzurufen imstande ware! Auch dann, wenn
es als Kunstwerk nichts bedeutete. Die Chemie des Gedruckten,
seine umwandelnde Wirkung auf die Seele, ist eine dunkle Wissen-
schaft. Ein dummes Buch kann auf sehr gescheite Gedanken brin-
gen, ein verlogenes die Wahrheit im Busen des Lesers anziinden wie
die Nacht die Sterne, ein riihrseliges vielleicht bewirken, dafi er
seiner Freundin keine herunterhaut, was zu tun er vor der Lektiire
noch fest entschlossen war. Oder umgekehrt. Den Menschen geistig
wie moralisch zu erhellen: dies ist doch die eigentliche Mission der
schonen Literatur. Es kommt also nicht so sehr darauf an, dafi ein
Buch die richtigen Leser, als vielmehr darauf, dafi die Leser die
fur sie richtigen Biicher finden. Dazu kann ihnen Buch-Kritik nicht
helfen, welche naturgemafi mit literarischen Mafien mifit und nach
kiinstlerischen Gesichtspunkten wertet.
Wichtigkeit fiir Viele erlangt (oder konnte erlangen) die Buch-
kritik dadurch, dafi sie die Lektiire der Biicher, auch der angeprie-
senen, erspart. In diesem geist-okonomischen Sinn kame ihr grofie
Bedeutung zu. Leider legen aber Buchkritiker meist geringeren
Wert darauf, vom Was und Wie des Buches einen Begriff zu geben,
als darauf, dieses mit ihren eignen Anschauungen, Grundsatzen und
Forderungen zu konfrontieren.
Und wie soil der Lesewillige, der doch nur einen bestimmten
Fassungsraum hat, unter den Buchern, die ihm als wertvoll, als
769
notwendig, als wesentlich von der Kritik empfohlen werden, wahlen?
Seine Situation ist in den ,(Meistersingern'\ 2. Akt, 5, Szene, gut
umschrieben; ,,Oberall Meister..,! — Aus alien Ecken, — Auf alien
Flecken, — Seh ich zu Haufen — Meister nur laufen..." Bedeu-
tung uberschuttet ihn. Einen Berg von Wichtigstem miiflte er durch-
fressen, urn auch nur das Unentbehrliche in sich hinein zu kriegen.
Beklommen murmelt er: ,,Wo faB ich dich, unendliche Literatur?"
Und setzt mechanisch fort: ,,Euch Bruste, wo?", was ihn auf andre
Gedanken bringt,
Ihren einzig unbestreitbar guten Sinn hat Buchkritik fiir den
Buchkritiker. Sie gibt ihm Gelegenheit, durch Feststellen von
Anderer Minderwertigkeiten seinen eignen Minderwertigkeits-Kummer
zu besanftigen und in der Verdunklung fremden Geistes das Licht
des etgenen leuchten zu lassen.
Der Herr in der Kutsche von Hans Baner
|^\ie gelernten Patrioten konnen wirklich nicht klagen.
*-* Augenblicklich wird Vaterland sehr getragen.
Und wer Naheres daniber zu wissen begehrt,
Dem wird es als Schicksalsgemeinschaft erklart.
So weit, so gut.
Nationalismus ist heute die grofie Mode,
Und die Klugen, die heulen jetzt mit den Wolf en,
Ich personlich aber, ich kann mir nicht helfen:
Ich denke immer an eine kleine Episode
Lassen Sie sich mal erzahlen:
Wir lagen in Masmes, dem Etappennest
Immer ftinfzehn Mann in ein Loch von Zimmer gepreBt.
Zwar kamen hier nicht die Granateu geplauzt,
Dafur wurden wir fiirchterlich angeschnauzt
Und bekamen ein Schweinefutter als FraB,
Mein Gott, wird man sagen, ein Krieg ist kein SpaB!
Sicherlich richtig.
Aber wenn wir uns nun aus den Fenstern bogen,
Wurden wir einer Kutsche zuweilen gewahr,
Die wurde von herrlichen Schimmeln gezogen
Und ein Herr saB in ihr mit silbernem Haar,
Unnahbar die Miene, das Kleid ohne Tadel,
Irgendson alter franzdsischer Adel.
Er lebe, so hieB es, in dritter Ehe
Und bewohne ein SchloB irgendwo in der Nahe.
Und wie er dahinfuhr so an der Wiese,
AB er morgen gewiBlich kein Dorrgemuse.
Da dachten wir fronterfahrenen Krieger:
Der ist nun Besiegterl Und wir sind die Sieger!
Ausgerechnetl
Die Schicksalsgemeinschaft wird vorgeschoben.
Es gibt die unten, und es gibt die oben,
Wie immer die unten furs Vaterland siegen:
Ihnen bleibt nur der Dreck und das blutige Getummcl.
Und selbst wenn die oben mal unterliegen:
Es ziehen sie Schimmel.
Man notiere:
Der Heldenlorbeer nur wenig nutzt,
Wichtig ist, wer in der Kutsche sitzt.
770
Zehrer Mid Fried von Thomas Murner
r^as Chaos ist des Deutschen Himmelreich. Das lateinische
Genie mag in heller Mittagshohe bliihen, der deutsche Geist
entfaltet sich am reichsten, wenn durch graue Nebelschwaden
schon rot die Katastrophe leuchtet. Der wankende soziale
Baden unter ihm ist gleichsam der ideale Exerzierplatz seiner
Spekulationen. Neben Otto StraBer und Ernst Jiinger repra-
sentiert der Mitarbeiterkreis der ,Tat* heute am deutlichsten die
Verwirrung liberalistischer Burger, die sich vor dem drohenden
okonomischen Weltuntergang laut schreiend und mit ekstati-
schen Gebarden dem Rechtsradikalismus in die Arme werfen.
Jahrelang haben die Ullsteinredakteure Hans Zehrer und
Friedrich Zimmermann in der KochstraBe gewirkt, ohne eine
seherische Begabung merkbar werden zu lassen, Aber als die
groBe Krise hereinbrach, als die Kurse stiirzten, die Markte
yerkrachten und das ganze Bankiergewerbe suspekt zu werden
begann, da wurde den beiden apokalyptisch zu Mute. Sie hat-
ten Gesichte und redeten in Zungen, spitze, blaue Sankt-ELms-
Flammchen iiber der Stirn. So zogen sie in das bekommliche
Seelenklima der Diederichsschen ,Tat* ein, wo Zehrer eine aus
reaktionaren und sozialistischen Elementen geniischte roman-
tische Staatslehre entwickelte, wahrend ZLmmermamt, der sich
nunmehr Ferdinand Fried nannte, die Autarkie proklamierte
und sich in tiefgreifenden Wirtschaftsanalysen sachkundig
iiber das Alter der Aufsichtsrate auBerte. Hier wurde also mit
vereinten Kraften das Chaos angesagt, hier wurde Hitler liber-
hitlert und der Nationalsozialismus in eine moderne Bildungs-
sprache iibertragen, ohne aber in dieser Verkleidung etwas von
seinem natiirlichen Charme einzubiiBen,
In der letzten Zeit kann man nun bei den Apostela des
Chaos, das, wohlgemerkt, immer hochst gesittet ist und so, daB
der deutsche Burger sich darin am Sonntag wohlfuhlt, einen
offensichtlichen Umschwung wahrnehmen. Das prophetische
Feuerwerk prasselt nicht mehr so dicht, eine gewisse Orien-
tierung an politischen Fakten wird angestrebt. Die Herr-
schaften verfiigen jetzt in der ,Taglichen Rundschau' auch iiber
ein in Berlin erscheinendes Journal. Vielleicht nicht ohne
Rticksicht auf dessen hohe Gonnerschaften, iiber die sich die
.Weltbiihne* schon wiederholt geauBert hat, ist die ,,totale Re-
volution" einstweilen zuriickgestellt worden. Dagegera wurde
der enge AnschluB an das autoritare Regime oder wenigstens
an dessen militarische Teilhaber perfekt; nur Herr v, Papen
wird, als der Gemeinde der Efleuchteten nicht wtirdig, ab-
gelehnt. Zelirer propagiert jetzt den prasidialen Absolutis-
mus: MSolange sich der Volkswille noch nicht formiert hat und
solange er noch keine Einheit, Geschlossenheit und Zielsetzung
besitzt, hat die Koalition zwischen auctoritas und potestas die
Moglichkeit, den Volkswillen zu reprasentieren." Nicht ia die
Geheimlehre der ,Tat' Eingeweihte werden damit nicht mehr
anfangen konnen, als wenn dort statt , .auctoritas" und ,, po-
testas" „Wilimersdorf" und „Friedenau" stiinde, Aber Zehrer
belehrt uns, daB Hindenburg die „auctoritas" verkorpert und
die Reichswehr die f, potestas" und daB er diese Einsichten
771
dem namhaften Staatsrechtler Carl Schmitt verdankt, der vor
ctwa zehn Jahrenf als er sich noch - Schmitt-Dorotic nannte,
ein interessantes Buch iiber ttPolitische Romantik" gcschriebcn
hat, Adolf Hitler, gestern noch der Hausgott der ,Tat\! wird
yon Zehrer kuhl in die Reserve verwiesen. ,,Es wiirde eine
Verkennung seiner Aufgabe sein, wollte er sich und seinen
Mytlios heute durch die Obernahme eines Amtes gefahrden."
Ordnung muB sein: der Mythos gehort in de,n Glasschrank.
Die „neutrale Staatsgewa.lt*' der tTat* soil aus Reichsprasi-
dent, Armee und Bureaukratie bestehen. Denn der Volkswille
hat sich noch nicht kristallisiert und kann deshalb nicht be-
riicksichtigt werden, Sollte er sich aber doch mausig machen,
so gibt Zehrer fiir alle Falle wertvolle Winke zu seiner Eska-
motierung. MuB erst lange bewiesen werden, daB diese ffNeu-
tralitat'* des Staates eine Fiktion ist? Noch jede Staatsgewalt,
die der Volksvertretung Rechte abringen wollte, hat sich bisher
iiberparteilich getarnt, hat sich neutral genannt. Es ist ganz
unmoglich, daB in revoltttionaren Phasen, wo alle sozialen Schich-
ten zu rotieren beginnen, der Staat allein von der allgemeinen
Dynamik nicht ergriffen werden sollte. Der absolute und fest
in sich ruhende Staat, der einen erhabenen Bogen iiber das
klein-e Menschengewimmel wolbt, ist eine Philosophenfabel aus
der Metternichzeit. Die Herren von der ,Tat* aber packen
ihrer ,,neutralen Staatsgewalt*' die Zentnergewichte eines anti-
kapitalistischen Reformprogramms auf: sie soil Kohle und Eisen
nationalisieren, ganze Industrien in Monopole des Reichs ver-
wandeln und iiberhaupt die Ablosung der Erwerbswirtschaft
durch Gemeinwirtschaft vorbereiten. Nun haben die groBen
Sozialisten des vorigen Jahrhunderts der Arbeiterklasse den
Sozialismus als historische Aulgabe gestellt, ihn damit also un-
abhangig gemacht von dem guten Willen der jeweils Regieren-
den. Ob das eine befriedigende Antwort ist oder nicht, der
Sozialismus ist damit aus der Utopie in die Wissenschaft ge-
riickt, niemand hat bisher eine bessere Antwort gegeben.
Wenn Zehrer und Fried die neue Gesellschaft lieber von Hin-
denburg und Schleicher dekretiert wissen mochten, so braticht
man nicht erst Karl Marx zui beschworen: es ist eine durch-
aus vormarxistische Erfahrung, daB die Weltgeschichte keine
Gottergeschenke macht. Auch der Sozialismus fallt nicht wie
eine goldene Herbstfrucht vom Baum, er muB muhsam er-
kampft werden.
Es ist doch eine etwas naive Vorstellung, eine aus kapi-
talistischenf militaristischen und agrarfeudalistischen Elemen-
ten zusammengewurfelte Staatsmacht konnte jemals bereit sein,
ihre eignen gesellschaftlichen Fundamente zu zerstoren, Glaubt
Herr Zehrer wirklich, Hindenburgs Unterschrift geniigte, urn
den Sozialismus durch das legale Hauptportal einzulassen? Ge-
wiBt was dem Reichsprasidenten heute von einem byzantini-
schen Telierleckertum an Machtfiille zugesprochen wird, dafiir
gibt es iiberhaupt keine profane Analogic Das erinnert an
die katholische Lehre vom Gnadenschatz der Kirche, iiber den
nur der Papst die Schliisselgewalt besitzt, oder gleich an den
Dalai Lama, Wenn aber Herr von Hindenburg wirklich den
Schlussel gebrauchen wollte, um das staatssozialistische Him-
772
mclreich zu offneh, so wfirde das hochst dramatischc Folgen
nach sich ziehen. Dieselbe Korona serviler Juristen, die sich
in Leipzig eben noch um die Statuierung prasidialer Allmaclit
bemiihte, wiirde mit der gleichen Beredsamkeit dasRecht der
Auflehnung gegen eine schlechte Obrigkeit begrunden. „Pro-
fessoren und Huren kann man immer haben", sagte der selige
Konig von Hannover, Er hatte gewiB nicht viel Geist, aber
er sprach aus der Erfahrung der Macht.
Es tut nichts zur Sache, daB Herr v. Schleicher mit den
Yorsteilungen des ,Tat'-Kreises lebhaft sympathisiert und zu
den fuhrenden Herren die angenehmsten Beziehungen unterhalt.
Zehrer und Fried mogen sich nicht wenig geschmeichelt fiih-
len, daB der Reichswehrminister sich von ihnen theoretisch
versorgen laBt wie Cesare Borgia von Macchiavelli, aber es
spricht gegen ihre praktische Lebenserfahrung, daB sie sich
dadurch zu Hlusionen verleiten lassen, Es ist das Kennzeichen
von Salonpolitikern und Amateuren alletf Grade, der Mensch-
heit dadurch auf die Striimpf e hehen zu wollen, daB sie ftir ihre
Originalidee einen iMillionar oder Minister zu gewinnen trach-
ten. Jeder von uns ist schon einmal dem freundlichen Dilet-
tanten begegnet, der nur noch die hunderttausend Mark von
Rothsphild braucht, um die Armiit ftir immer aus der Welt zu
schaffen. Mogen sich Staatsmanner noch so autoritar und ab-
solut gebarden, sie vertreten niemals nur einen Einzelwillen
sondern den Geist einer Klasset der ihr Vollbringen und Ge-
wahren abmiBt und bindet. Bertha v. Suttner wollte den Welt-
frieden auf den Zaren von RuBland griinden. Adolf Stocker,
der doch auch antikapitalistische Reformplane walzte, glaubte,
auf Wilhelm II. bauen zu konnen, der sich damals grade als
„Arbeiterkaiser" aufmachte. Coudenhove-Kalergi wirbt fiir
sein Paneuropa jene rosigen Exzellenzen genf er Provenienz, die
vor allem schuld sind, daBEuropa so aussieht. Und Hans Zeh-
rer hat sich da so ehvas wie Sozialismus zurecht konstruiert
und appelliert nun an Hindenburg und Schleicher, die Macht-
trager, als die Berufenen. Die brauchen nur ja zu sagen, und
dann klappt die groBte Veranderung seit tausend Jahren. Dar-
win hat einmal gesagt: ,,Wenn jemand zu mir kommt und be-
hauptet, die Bohnen wachsen schneller, wenn er Violine spiele,
so antworte ich nur: Well, machen Sie das vor!" Diese Chance
hat auch Herr Zehrer noch fiir sich. Well, machen Sie das vor!
Was Herr Zehrer an Griinden fiir seinen Optimismus anf iihrt,
ist herzlich diinn: ,,Die deutsche Staatsgewalt hat heute diese
groBe Chance. Sie ist einmal neutral, das heiBt, den Gegen-
satzen der Organisationen nicht verhaftet und insofern keinem
Interesse verpflichtet, und sie ist am Zuge, wahrend die Or-
ganisationen unfahig sind, eine handlungsfahige Gewalt zu-
stande zu bringen." Herr Zehrer spricht, mit Verlaub, aus
einem hohlen FaB. Wo . ware die gegenwartige Regierungs-
gewalt einheitlich und ,,den Gegensatzen der Organisationen
nicht verhaftet"? Falls Herr Zehrer es inzwischen nicht aus
der Zeitung erfahrenhat, diirftedie potestas es ihmwohli per-
sonlicK zugefliistert haben, daB in dieser Regierung sich agra-
rische und industrielle Interessen scharf wie Sensenklingen
kreuzen und daB diese autoritare Regierung so sehr wie keine
773
andre unter dem Diktat machtiger Wirtschaftsgruppen steht
Obrig ens ist es noch ein wahrer Segen, daB die EinfluBsphare
dcr ,Tat* sich auf die BendlerstraBe beschrankt und sich nicht
auf das Finanzministerium oder gar auf die Reichsbank er-
streckt. Ferdinand Fried, der Okonomist, riihrt an gefahrliche
Bezirke, wenn er die Behauptung auf s tell t', daB es in Deutsch-
land nicht an Kapital fehlt, wohl aber an Geldumlaufsmitteln
und daraus unerbittlich folgert: „Es muB Geld geschaffen wer-
den!" Damit waren wir wieder bei der Inflation angekommen,
die ja zum eisernen Bestand aller von rechts stammenden so-
zialen Umbauprojekte gehort. Fried trommelt zwar in gewohn-
ter Weise sehr heftig fur die Verstaatlichung des Kredits, aber
der verniinftige Gedanke wird durch Vermengung mit inflatio-
nistischen Tendenzen nur diskreditiert. Die Auf fas sung, wonach
,,die Wahrung unangetastet" bleiben soil, bezeichnet Fried weg-
werfend als Mliberal-kapitalistisch". In dem ausfuhrlichen So-
zialisierungsprogramm, das er im gleichen Zusammerihange
veroff entlicht, vermissen wir den GroBgrundbesitz. Der ist
wohl allein nicht bresthaft sondern bliihend und gesund. Oder
will man das der auctoritas nicht zumuten?
Nach dem Fanfarengeschmetter, mit denen der ,Tat'-
Sozialismus vor ein paar Jahren ins Leben trat, ist das Ergeb-
nis kiimmerlich. Die Autarkie, an die Fried zunachst sein be-
trachtliches publizistisches Temperament setzte, ist beileibe
nicht seine Erf indung sondern ein schon recht bemooster agrari-
scher HerzenswunscL So bleiben also nur Zehrers Apologie
der absoluten Prasidialgewalt und Frieds Begeisterung fur ein
biBchen Inflation, Das nennt man ein Fazit, Dennoch sei gern
zugestanden, daB sich der ,Tat'-KreLs seine Sache nicht leicht
gemacht hat, daB er zu dies en Resultaten, die andern am hel-
len Tag zugeflogen sind, nuri durch viele Ekstasen und Visio-
nen gelangen konnte. Jetzt aber sind die Seher aus dem Hoch-
schlaf erwacht, sie reiben sich die Augen und sind ganz zu-
frieden, Zehrer konstatiert, daB die 1918 begonnene Bewegung
endlich zum Stillstand kommt, Wahrscheinlich hat die fTat'
schon genug der Tat en getan. Wir machen jetzt grade Mdie
Wende" durch: „Heute ist die Revolution des Stimmzettels be-
endet, die Fronten der Parteien sind abgesteckt, eine Verschie-
bung ist nicht mehr zu erwarten. Die Fronten erstarren jetzt
langsam, Wahlen vermogen sie nicht mehr zu erschtittern."
Das ist fiir so wortreiche Revolteure, fiir so heiBe Agitatoren-
kopfe, die sich nicht beruhigen wollten, ohne die ,,Totalitat"
durebzusetzen, ein allzu bequemer Riickzug ins Privatleben.
Die Herren wollen grade jetzt nach Hause gehen, wo es an-
fangt, interessant zu werden. Mogen die politischen Fronten
auch in dem letzten Monaten geronnen sein, wir wissea nicht,
wie Iange sie es bleiben werden. Und, was viel wichtiger ist,
die sozialen Fronten sind es nicht. Die sind, im Gegenteil,
wieder hochst fliissig geworden. Es ist nicht ohne Humor, daB
Zehrer, der den groBen Kladderadatsch unermtidlich an die
Wand gemalt hat, heute, wo ein eigner Wille der Arbeit er-
schaft wieder manifest wird, wo diese sich zum erstenmal seit
der unseligen Tolerierungsperiode wieder in sicher durchgefiihr-
ten Streiks der Sozialreaktion erwehrt, die Krafteverschie-
774
bung in Deutschland 'fur beendct erklart und hintcr Prasidial-
gewalt und Reichswchr Deckung bezieht.
Das ist zwar cin wenig komisch, aber es ist nicht ab-
sonderlich, Mit dem Nachlassen dcr Depression im Klassen-
kampf verschwinden auch die eilfertig etablierten Zwischen-
gruppen; die besonders aufgeregt tuenden intellektuellen
Schrittmacher der Hitlerei erklaren ihren Helden zum Mythos
und suchen wieder solide Positionen im Schatten der reaktio-
naren Staatsmacht. Das bedeutet durchaus nicht Verzicht auf
radikalistische Phraseologie; dadurch entwickelt sich eine
Phase voll ideologischen Durcheinanders, und davon profitie-
ren auch Zehrer und Fried. Ihr Programm hat mit Sozialis-
mus nicht das mindeste zu tun. Die Quintessenz ihrer Staats-
idee ist eine Art nationalistischer Kollektivismus; die Armee
dominiert, ihr Interesse steht obenan, und zu ihrer besseren
Versorgung gehen eir± paar Industrien in die offentliche Hand
iiber. Ein Militarstaat, ein Mameluckenstaat; der ganze Staat
ein einziges Kriegsarsenal. Handel und Wandel1 reglementiert,
nur die Herren Agrarier erfreuen sich einer unange taste ten
peitschenknallenden Individuality, Eine sehr preuBische Vi-
sion, also keine schone. Seit Clausewitz gibt es so etwas wie
eine borussische Kasinophilosophie, die dem Militarismus eine
besondere volksbegluckende Mission zuspricht, Und dennoch
sind die Sorgen der ,Deutschen Allgemeinen Zeitung' vor einem
Mfeldgrauen Sozialismus", wie sie die Richtung Zehrer-Fried
nennt, nicht am Platze. :Wenn wirklich ein General daran den-
ken so lite, Banken und Schwerindustrie zu nationalisieren, so
wird sich schon ein zweiter finden, dem seine Theoretiker nach-
weisen, daB es sich auch hier um kostliche Erbgiiter der deut-
schen Seele handele, die nicht von dem rohen Materialismus
des Staates verschluckt werden diirfen. Und ein General kann
immer von einem andern geschlagen werden, das ist das ein-
zige wirkliche imilitarische Geheimnis auf der Welt. Damit er-
offnen sich fur die deutsche Zukunft zwar nicht die heitersten
Aspekte, aber solche bolivianischen Konsequenzen sinduber-
all da unvermeidlich, wo die naturlichen sozialen Tendenzen
unter militarisches Patronat geraten.
Wochenschau des Rfickschritts
— In Chemnitz wurde der kommunistische Arbeitcr Ferdinand
Bartel wegen Beteiligung an der ErschieBung eines Nationalsozialisten
zum Tode verurteilt, obwohl das Gericht festgestellt hatte, daB
Bartel den TodesschuB nicht abgegeben hat. Den Verteidigern der an
der bielefelder Gefangnisrevolte beteiligten Haftlinge ist der Zutritt
zu der Strafanstalt untersagt worden,
— Die Universitat Breslau muBte geschlossen werden, da die
nationalsozialistischen Studenten den Professor Cohn an der Abhal-
tung seiner Vorlesung hinderten,
— Das Verbot politischer Versammlungen ist bis zum 2, Januar
verlangert worden.
Wochenschau des Fortschritts
— Der spanische Justizminister hat funfzehn hohere Justiz-
beamte und Staatsanwalte wegen republikfeindlicher Haltung pensio-
nieren lassen, Im ganzen sind 130 Pensionierungen vorgesehen.
775
Bemerkungen
Eine verworfene Revision
A Is am 23. November vor
**" einem Jahr das Reichsgericht
Carl v. Ossietzky wegen unlieb-
samer Kritik am Etat der Reichs-
wehr eine achtzehnmonatige Ge-
fangnisstrafe zudiktierte, hatte
der deutsche Militarismus bereits
von neuem gegen die ,Weltbuhne*
ausgeholt. Weil Ignaz Wrobel
hier am 4. August des vorigen
Jahres, im Antikriegsheft der
,Weltbuhne't geschrieben hatte:
„Soldaten sind Mftrder", setzte
der damals noch in Amt und
Wurden befindliche Herr Groe-
ner die Justiz erneut in Bewe-
gung, damit sie gleich ein zwei-
tes Mai ihre ganze Strenge gegen
den verantwortlichen Redakteur
des verhaBten Blattes, gegen Carl
v, Ossietzky, in Anwendung
bringe. Diese zweite Offen-
sive des seligen Reichswehr-
ministers ist nun , endgultig zu-
sammengebrochen. Schon ihr
Beginn gestaltete sich nicht
sehr aussichtsreich, denn die mit
der Anzeige befafite Kammer
lehnte die Eroffnung des Haupt-
verfahrens ab, weil die Voraus-
setzung der Anklage, namlich
eine Beleidigung der Reichswehr,
nicht gegeben sei. Und als sie
doch das Hauptverfahren eroff-
nen miifite, weil die Be-
schwerde des Staatsanwalts gegen
den Einstellungsbeschlufi Erfolg
hatte, sprach sie am 1, Juli dieses
Jahres Carl v, Ossietzky frei.
Eine richtige preuBische Staats-
anwaltschaft aber weifi, was sie
dem deutschen Heere schuldig ist.
Obwohl das Schoffengericht Char-
lottenburg unter dem Vorsitz des
Landgerichtsrats Thielemann Stuck
fur Stuck ihrer Argumentation
zerpfliickt und den Freispruch
mit einem Fundament aus Eisen
unterbaut hatte. wurde doch Re-
vision eingelegt. Das Wehrmini-
sterium, das inzwischen zwar sei-
nen Herrn aber nicht seine Ge-
sinnung gewechselt hatte, wollte
sich nicht damit zufrieden geben,
dafi Carl v, Ossietzky, der Wider-
sacher der deutschen Militar-
776
politik, fur achtzehn Monate
im Gefangnis sitzt, es hatte
gar zu gern gesehen, dafi zu die-
sen achtzehn noch jene sechs1 Mo-
nate gekommen waren, die der
Staatsanwalt mit mehr Pathos
als Uberzeugungskraft von den
Richtern gefordert hatte. Mutig
begab sich die Anklagebehorde
noch einmal in die Feuerlinie und
forderte in ihrer Revision Auf-
hebung des Urteils und Riickver-
weisung des Prozesses an das
gleiche Gericht, das den Frei-
spruch gefallt hatte.
Konnte der Anklagevertreter
vor dem Schoffengericht, Staats-
anwaltschaftsrat Herf, die juri-
stische Unzulanglichkeit der mi-
nisteriellen Attacke wenigstens
durch entrustete Betrachtungen
uber die Gesinnung des Angeklag-
ten verdecken, so standen dem
Revisionsvertreter, seinem Kolle-
gen Ebel, solche Hilfsmittel leider
nicht zur Verfiigung, mufite er
sich doch lediglich auf das Formal -
juristische beschranken. So ent-
ledigte er sich denn auch der un-
dankbaren Aufgabe, die hart-
geschmiedete Urteilsbegrundung zu
durchlochern, mit bemerkenswer-
ter Unsicherheit. Kaum einmal
wandte er sich den Richtern zu
sondern schien mit stierem Ernst
die Maserung seines Tisches
zu studieren, als er dem Senat
einzureden versuchte, dafl hier
deswegen eine Verurteilung er-
folgen miisse, weil der Aus-
druck „Soldaten" einen Stand
bezeichne, Beleidigung elnes Stan-
des nach der Praxis des Reichs-
gerichts aber strafrechtlich zu
ahnden sei. AuBerdem habe
Ignaz Wrobel doch ganz deutlich
die deutsche Reichswehr gemeint.
Carl v. Ossietzkys Verteidiger,
Doktor Apfel, konnte sich in
seiner knappen Replik auf
die Judikatur des Reichs-
gerichts berufen, nach der nur
dann eine Beleidigung vorliegt,
wenn sich eine Beziehung auf
einen bestimmten Personenkreis
nachweisen lafit. Dies sei in Ignaz
Wrobels Glosse nicht der Fall,
der Ausdruck Soldaten sei dort
als ein reines Abstraktum ge-
braucht.
Der Senat zieht sich zuriick,
und als er aus dem Beratungs-
zimmer wicderkehrt, hat die
BendlerstraBe endgiiltig eine Nie-
derlage erlitten. Die Revision
wird „auf Kosten der Staats-
kasse" verworien, zura zweiten
Mai hat ein berliner Gericht die
Wehrmacht in ihre Schranken ver-
wiesen, als sie sich von neuem
durch einen Akt der Justiz an
der ihr unbequemen ,Weltbuhne'
und besonders an der en Heraus-
geber rachen wollte, Allerdings
macht die am 17. November er-
gangene Entscheidung des Kam-
mergerichts jenes Unrecht nicht
wieder gut, das am 23, November
1931 geschah, als ein Reichs-
gerichtssenat zur Genugtuung des
gleichen Ministeriums aus einer
Etatkritik Landesverrat herauslas.
Walther Karsch
Sechstagerennen
Cs gibt Sporthabitu^s, die einem
*-* den Sinn selbst dieses Wider-
sinns zu erklaren vermogen. Sie
sagen, es sei eine Sache feinster
Berechnung, an welchem Zeit-
punkt ein Partner den andern
mit dem bekannten freundlichen
Schulterklaps ins Rennen schobe,
urn selbst in den traumerischen
Zuckeltrab des naturfrohen Sonn-
tagsradlers zu verfallen; es er-
fordere eine enorme Gehirntatig-
keit, sich im richtigen Augen-
blick vom Feld abzuhangen, zu
spurten, zu uberrunden. Und
selbst wenn man — verachtlicher
Seitenblick — fur all das kein
Verstandnis habe, so bliebe doch
das, fabelhafte Publikum, sudlich,
feurig, aufgelost wie sonst nie.
Schon das stimmt nicht. Bei
einem interessanten Fufiballwett-
spiel ist das Volk genau so siid-
lich, feurig, aufgelost und zahl-
reich wie beim Sechstagerennen;
beim Boxkampf erst recht. Nun
habe ich allerdings Leute getrof-
fen, die zu keinem Boxkampf
gehen, weil sie das roh und blu-
tig finden; hingegen gehen sie
mit Begeisterung zum Sechstage-
rennen. Es ist ihnen nicht bei-
zubringen, daB Boxen geistvoll
sein kann, dafi heute fast kein
Match mehr ausschlieBlich durch
brutale Muskeluberlegenheit ent-
schieden wird, daB gute Bein-
arbeit dem Tanzbezirk benach-
bart ist und daB bei diesem
Sport das asthetische Wertungs-
moment eine Rolle spielt. Hin-
gegen Sechstagerennen , . .?
Hat man erst einmal den Ein-
druck lahmender und gahnender
Langeweile iiberwunden, der
sechsmal dreiundzwanzig Stun-
den von den sechsmal vierund-
zwanzig des Unternehmens cha-
rakterisiert, so gerat man iiber
fassungslosesi Staunen weg als-
bald in die tiefste Niedergeschla-
genheit. Die Paare, ihre Far-
ben und Nummern, sind rasch er-
kannt, auch ihre Aussichten.
Und wenn die selbst undurch-
schaubarer waren. und Hoffnung
auf stensationelle Oberraschun-
gen boten — was schiert einen
das? Die amorphe Masse, die
da unten in grauenvoll millionen-
facher Wiederholung einer immer
Dei-JVj Fritz Sternberg
Kartonlert RM 7.50 ^ ^Cflfifft
Lelnenband RM 9.- ^*m
Die Weltbuhne, Berlin: „Selt dem Tode Rosa Luxemburgs sind Stembergs Werke die ersten und
elnzigen, die von marxlstisoben Gesldifspunkten aus zu einer Gesamtanalyse des Weltkapltalls-
mus, des deutsdben Kapitalismus und der politlschen Aufgaben gelangen. Ein sidherer Kompafi.
Sozialdemofcrat, Pragt. ^Sternberg gehdrt 2u den begabtestenunter den Jungeren soziaUstischen
SchriftsteUern Deutsdiiands."
Neue Zurdier Zeitung: ,»Eln glanzend gcsdiricbenes Budb."
Soeben erschienen im ROWOHLT VERLAG BERLIN W SO
777
und ewig gleichbleibenden Bewe-
gung durch die Kampfbahn
stramjielt, diese Masse ist eine
Karikatur der Menscbheit und
weniger als das: sie ist schlecht-
liin die Annullierung dessen, was
die Mensjchheit aus dem sinn-
losen Cbaos herausgehoben hat,
namlich eben jeglichen Sinnes,
jeglichen Gedankens, jeglicher
Bewufitheit, LaBt Maschinen ren-
nen — sie sind Maschinen, die
der menschliche Geist erfunden
hat, der , menschliche Wille be-
schwingt. Lafit Menschen wett-
laufen — es sind beseelte Kor-
per, die Kraft und Wille von-
einander verschieden machen in
einem ehrlichen Kampf. In den
Sechs-Tage-Radlern aber sind
Mens'chen zu Maschinen er-
niedrlgt, die sie nicht einmal er-
reichen konnen. Nicht mehr Men-
schen und noch keine Maschinen
stellen sie sich als das vollkom-
menste Symbol unsrer heutigen
Mechanisierung darf die j e ein
teuflisches Gehirn ersonnen hat.
Es ware eine dankbare Auf-
gabe fur ein Konsortium von
Philosophen, Experimentalpsycho-
logen und Analytikern, heraus-
zufinden, worauf die Anziehungs-
kfaft dieses „Sports" beruht, der
sich sogenannte Geistige so we-
nig entziehen wie die breite
Masse. Blutrausch kann es nicht
sein; denn die Stiirze sind sel-
tenf und gebrochene Beine sind
weniger sensationell als Blut auf
den nackten Korpern der Boxer.
Kampf spannung kann es nicht
sein; denn das endlose Gestram-
pel durcfy die kleine begrenzte
Kampfbahn steht nicht nur hinter
jedem Pferderennen sondern
auch hinter dem lebhaften Hin
und Her des Rugby- oder FuB-
laallf eldes urn etliche Licht j ahre
zuruck. Nicht einmal mehr die
psychologische Spannung auf das
Verhalten der Fahrer fur den
Pall der Rundenpreise verfangt;
denn mit dem Preisstiften sieht
es nicht mehr sehr uppig aus.
Was also ist es? ^
Es kann nichts andres sein als
die unterbewuBte, untermensch-
liche, grauenhafte Freude an der
Selbstzerstorung, die in diesen
778
sechs Tagen und Nachten betrie-
ben wird. Nicht nur etwa, dafi
die Fahrer das Letzte aus sich
herauspumpen, mechanisch nur
noch, todmude, ohne Anteilnahme
ihren Kontrakt erfiillen, ihre
physische Existenz opfern bis an
die Grenze des Moglichen. Nein,
diese Selbstzerstorung, es wurde
schon angedeutet, geht viel tiefer.
Indenx die Masse dem triumpha-
len Symbol des mechanisierenden
Zeitalters zujohlt, negiert sie die
Menschenwiirde, verzichtet auf
den letzten Widerstand, bejaht
ihre eigne innere Vernichtung.
Der Teufel lacht dazu*
Hans Glenk
„Wenn schon . . .«
pjer Mann mit der Maske ist
*"^ erschienen, Der an Sensa-
tionen reiche ProzeB Bullerjahn
hat einen Hohepunkt erreicht.
Gedrangt voll der Zuschauer-
raum, der Pressetisch besetzt.
Und siehe da: Oberreichsanwalt
Werner hat neben Reichsanwalt
Nagel Platz genommen,
GroBer Tag in Leipzigl Zeugen-
aufruf. Geschaftig eilt der Ge-
richtsdiener, um die Zeugen zu
holen. Illustre Gaste : Doktor
Quandt, der gegenwartige Vor-
sitzende der Berlin-Karlsruher
Industriewerke, und General -
direktor Paul v. Gontard, jener
iiber alle Zweifel erhabene und
vollkommen unbeteiligte Zeuge,
dem dieser ProzeB seine Grofle
verdankt.
Da steht ein breitschultriger
Mann, der die siebzig uberschrit-
ten hat, was man ihm nicht an-
zusehen vermag. Schon kurz nach
Beginn der Vernehmung stiirzt
ein Diener mit einem Stuhl her-
bei, und der Oberreichsanwalt
fordert den Gewaltigen der
Rtistungsindustrie auf, Platz zu
nehmen. Etwa dreiBig Zeugen
sind in diesem ProzeB bereits
vorbeimarschiert, aber noch kei-
nem ward solche Fursorge zuteil.
Jener alte Arbeiter Kuschmieder
konnte sich nur muhsam aufrecht
halten, keiner der Herren hielt
es fur notwendig, fiir einen Stuhl
zu sorgen.
Hcrr v. Gontard sagt aus:
Aus den Kreisen dcr englisch-
amerikanischen Kolonie habe er
gehort, daB ein Angestellter sei-
nes Werkes, der sich Bullerjahn
nannte, bei der Interalliierten
Kontrollkommission erschienen
sei, um an Hand eines Situations-
planes wertvolle Waffenlager sei-
nes Werkes zu verraten. DieVer-
teidiger wiinschen zu wissen, wer
Gontard diese Mitteilung gemacht
hat. MIch weiB es nicht." „Wo
ist Ihnen diese Mitteilung ge-
macht worden?" „Ich weiB es
nicht." „War es ein Englander
oder mehrere?" „Ich glaube
mehrere."
Wenn in einem der berliner
Sondergerichtsprozesse ein Kom-
munist so zu antworten gewagt
hatte, da ware sicher der Staats-
anwalt aufg«sprungen: „Herr
Zeuge, ich mache Sie darauf auf-
merksam, daB Sie geschworen
haben: nach bestem Wissen und
Gewissen. Meineid wird nicht
unter einem Jahr Zuchthaus be-
straft!" Herr von Gontard aber
durfte auf die Vorhaltung: „Herr
Zeuge, es ist auffaliig, dafi Sie
sich in wichtigen Punkten -nicht
mehr erinnern konnen," antwor-
ten: „Wenn schon!"
Ja, mag nur die Verteidigung
ihn angreifen. Wenn schon. Da
sitzt ja der Herr Oberreichs-
anwalt, der seine Anwesenheit bei
diesem ProzeB nur dann fur not-
wendig halt, wenn Herr v. Gon-
tard am Zeugentisch steht.
Was geht diesen Zeugen das
tragische Schicksal eines An-
gestellten an? Hier steht Paul
v. Gontard, der Prototyp der
herrschenden Klasse. Er ist ge-
wiB. daB ihm kein Harchen ge-
krummt wird, und iiber die klag-
liche Rolle, die er mit seinem
„Ich kann mich nicht erinnern"
spielt, hilft er sich mit einem
,,wenn schon" hinweg.
„Im Kriege gingen die Ge-
schafte glanzend, das wurde aber
anders mit dem 9, November!"
Was kuramert ihn ein in seinem
Gerechtigkeitsgefuhl getroffenes
Volk. Seine Millionen sind in
Sicherheit und damit seine Moral.
Kurt GroBmann
Ludwig Hoffmann gestotben
lUlit einer auffallenden Gleich-
1V* giiltigkeit behandelte die
berliner Presse den Tod Ludwig
Hoffmanns, der doch mehr in die-
ser Stadt gebaut hat als alle
Schliiter, Eosander, Knobelsdorff,
Gontard, Langhans und Schinkel
zusammen. Fiinfundzwanzig Jahre
lang war Hoffmann Stadtbaurat
von Berlin, und er hat dieses
Amt zu einer unerschiitterlichen
Machtposition ausgebaut, zeitlich
und raumlich noch iiber seine
Amtstatigkeit hinaus, Er baute
in der Zeit des groBten Auf-
schwungs der Stadt eine unab-
sehbare Zahl von Schulen jeder
Art, baute Krankenhauser, Ver-
waltungsgebaude, Bader und
Heime, und seine groBe Arbeits-
kraft wurde noch nebenher vom
PreuBischen Staate in Anspruch
genommen: die Erweiterung der
Universitat und, sein Lebenswerk
abschlieBend, die Durchfuhrung
der Messelbauten auf der
Museumsinsel gehoren ihm. Das
Reichsgericht in Leipzig fallt vor
die berliner Zeit. Wenn also
irgend einer in neuerer Zeit das
Gesicht Berlins formal bestimmt
hat, so Ludwig Hoffmann. Die
kalte Knappheit, mit der die ber-
liner Presse seine Bestattung hin-
ter dem Ietzten Stand des Sechs-
tage-Rennens registrierte, mochte
doch etwas ungerecht und un-
dankbar sein.
Die Machtigkeit der Leistung
ist nicht zu verkennen und auch
nicht das groBe Konnen, das alle
Register der Wirkung auch bei
Riesen-Dimensionen altmeister-
lich zu ziehen weiB. Es ist zu
bewundern, daB Ludwig Hoffmann
es als Chef eines riesigen stadti-
schen Bau-Bureaus verstanden hat,
ein sehr anstandiges ktinstlerisches
Niveau durch alle Jahre und in
BETTINA LEVETZOW HELENE HILL
MUller & I. Kiepenheuer, Potsdam Kart rm. 2,85 Ganziein. rm. 3,80
779
alien vier Himmelsrichtungen der
Stadt zu wahren. Einheit
und Qualitat durchzuhalten.
Hoffmann hat ein gut Stuck Er-
ziehungsarbeit am berliner Bau-
handwerk geleistet, und es ware
recht kurzsichtig, dem Ganzen
dieser Baumeister-Arbeit die
historische Bedeutung abzuerken-
nen.
Und doch war der Wider-
spruch, den Ludwig Hoffmann
namentlich bei den Jungeren
fand, sachlich begriindet.
Hoffmann war der Architekt,
der alle Bauauftrage der Stadt,
so wie sie kamen, mit Geschmack
und Talent ausfuhrte, wobei es
in der Hauptzeit seines Wirkehs
auf ein paar Millionen Mark
mehr oder weniger im Jahre
nicht sehr ankam. Die tiefern
sachlichen Voraussetzungen der
Aufgabe untersuchte und kriti-
sierte er nicht weiter. Jeder Bau-
auftrag war ihm recht, auch wenn
die Sache selbst nicht berechtigt
war. Wir denken da an eine
groBe Reihe von Hoffmannschen
Schulen, die dem StraBen-Pas-
santen die nette behabige Fas-
sade eines wurdigen Patrizier-
hauses zeigen, aber hinter der
Fassade an Enge der Hofe wahre
Mietskasernen sind. Gewifi trifft
die Verantwortung dafiir. daB
Schulbauten in die zufalligen
Baulucken des Viertelsv hinein-
gepreBt wurden, nicht Hoffmann
allein. Aber er hat kaum je ge-
gen solche Methoden angekampft.
Er hat die vielen Schulbauten
zum AnlaB genommen, reizvolle
Fassaden hinzustellen, die — wer
wollte es leugnen — in den Stra-
Ben Berlins oft Oasen des guten
Geschmacks sind, abert er hat fur
die wichtige Frage des Schul-
baues kaum einen sachlichen
prinzipiellen Beitrag gegeben. Er
steckte allzutief in dem steiner-
nen Formenpanzer der Renais-
sance. Nicht einmal die Aufgabe
eines Spielbrunnens fiir Kinder
im volkstumlichen Friedrichshain
lieB ihn.einfach und unpathetisch
werden, Wir empfinden heute die
Diskrepanz zwischen der moder-
nen Volkshaftigkeit der Aufgaben
und der patrizierhaften Wiirde
seiner Losungen als peinlich. Da
780
ist der Eingang zu einem
Schwimmbad prachtig wie fiir
Fiirsten ausgebildet, und ein
nachtragliches Plakat schreit von
der pomposen Tiir her: MManner-
Abteilung". Niemals und nir-
gends hat Ludwig Hoffmann
eine „Manner-Abteilung" ge-
baut..,; er baute, in der Haupt-
sache besorgt, die „Stadt" wtir-
dig zu reprasentieren, stets den
noblen Palazzo. Er baute nicht
so sehr fur das Proletariat, fiir
die Masse, die doch iiberall der
eigentliche Inhalt seiner Hauser
ist, sondern fiir die wurdigen
Senatoren des Magistrats.
Chef eines gewaltigen Bau-
Kollektivs und vor Aufgaben von
ausgesprochen kollektivem Cha-
rakter gestellt, blieb Ludwig Hoff-
mann Personlichkeit. Gegen die
Natur seiner Stellung konnte er
das nur durch ein riicksichtsloses
Ausspielen seiner Macht, die" je-
der Architekt zu spuren bekamf
der nicht in der klassischen Saule
das A und O der Baukunst sah.
DaB Ludwig Hoffmann seinen
Willen selbst gegen einen Dicta-
tor wie Wilhelm Bode bei der
phantastischen Baugeschichte der
Museen durchsetzte, grenzt an
das Wunder.
Adolf Behne
Zschorllch hdrt Gieseking
Die ,BZ' vom 26. Oktober be-
richtet:
„Gieseking laBt durch An-
schlag bekanntmachen, daB der
Verband zur Wahrung der musi-
kalischen Autorenrechte von ihm
fiir das Spielen je eines kurzen
Stuckes von Debussy und Ravel
eine so hohe Tantieme verlangt
habe, daB er, auBerstande, sie
zu zahlen, statt der anderen
Werke etwas von Chopin spie-
len werde ... V, Z."
,Deutsche Zeitung* vom 8. No-
vember, Bericht iiber Gieseking:
„. . . Debussy und Ravel, in
dessen schwieriger ,Ondine* er
wieder einmal seine ganze tech-
nische Meisterschaft zeigen
konnte, sind bei ihm bis ins
letzte Sechzehntel ausgehorchi
In ihrer Ausdeutung ubertrifft er
sogar die franzosischen Piani-
sten . . . Paul Zschorlich."
Der Mann, der solches schrieb,
war also an jenem Abend gar
nicht im Konzert, sonst hatte er
den im Pressezimmer affichierten
Anschlag Iesen miissen. Zumin-
dest kann er doch wohl Chopin
von Ravel unterscheiden, Giese-
king hat, wie ersichtlich, kei-
neswegs Debussy oder Ravel
gespielt, kam also gar nicht in
die sicherlich beneidenswerte
Lage, die Franzosen bis ins
letzte Sechzehntel „auszu-
horchen" (wundervolles Bild
tibrigens) — fur die ,Deutsche
Zeitung' und ihren Bannertra-
ger aber steht . es unzweifelhaft
fest: der Deutsche iibertrifft die
Franzosen, iibertrifft sie selbst
in der Ausdeutung franzosischer
Musik, iibertrifft sie darin selbst
dann noch, wenn er sie gar
nicht spielt . . .
Das diirfte j a nun wohl mit
der Handern musikalischen Ge-
sinnung" zusammenhangen, die
Herr Zschorlich und die
.Deutsche Zeitung* so beharrlich
propagieren.
Epilog auf Papen
f^ie ,Tagliche Rundschau* vom
■-^ 18. November bringt am Tage
der Demission Papens als ihre
Tageslosmng den nachfolgenden
Bibelvers;
„Unser Herr ist grofi und von
grofter Kraft; und ist unbegreif-
lich, wie er regieret/1 (Psalm 147,5)
Liebe Weltbflhne!
Psychiater sind bekanntlich
ihren Patienten bedenklich nahe*
Der Professor Wagner-Jau-
regg in Wien hat einmal
von einem gesagt; f,Ja, ja, der
Soundso . . . Den haben wir zum
Professor gemacht: das ist die
mildeste Form der Internierung!"
Hinweise der Kedaktion
Berlin
Diskussionsgemeinschaft parteipolitisch And era deck en der. Dienstag 20.00. Nollendorf-
Casino, Kleittstr. 41: Hat es noch Zweck, fur die Republik einzutreten ? Referent:
Hubertus Prinz zu Ldwenstein, AnschlieBend Diskussion.
Gesellschaft zur Forderung individualpsychologischer Arbeit. Dienstag 20,00. Neues
Schdneberger Rathaus, Rudolf- Wilde-Platz: Aussprache zwischen Fachleuten und
Jugendlichen zur Frage des freiwilligen Arbeitsdtenstes und des Arbeitslagers.
Schutzverband deutscher Schriftsteller, Ortsgruppe Berlin. Cafe Wittelsbach, Bayrischer
Platz. Arbeitsgemetnschaft, Dienstag 20.00: Weltanschauung und Literatur. — Don-
nerstag 20.(0: Die Krise der gegenwartigen deutschen Literatur. — Montag (28.)
20.00: Schriftsteller und Gewerkschaft.
Club der Geistesarbeiter. Mittwoch, 20.00. Musikersale, Kaiser -Wilhelm-StraBe 31:
Die okonomischen und geistigen Grundlagen des Sozialismus, Otto StraBer und
Karl August Wittfogel.
Deutsche Liga fur Menschenrechte. Mittwoch 20,30. Reichawirtschaftsrat, Bellevue-
straBe IS: Autarkic Freihandel oder was sonst? Es sprechen: Georg Bernhardt
Wilhelm Grotkopp, Robert Kuczynski, Walter Loeb und Rudolf Wissel.
Gruppe Revolutionarer Pazifisten. Donnerstag 20.00. Cafe Adler am Donhoffplatz.
Offentliche Diskussion: 1,5 Millionen sozialistische Stimmen in USA, Gerhard Filters.
Internationaler sozialistischer Kampfbund Donnerstag 2000. Schwedter Festsale,
Schwedter StraBe 23/24: Die Lehren des Streiks der berliner Verkehrsarbeiter.
Offentliche Diskussion.
Marxistische Arbeiterschule, Schicklerstr. 6. Jeden Donnerstag 20.00 : Sonderkurs der
Liga gegen Imperialismus fiber die nationale Frage, mit besonderer Berucksichtigung
der Unterdrfickung der nationalen Minderheiten in Europa.
Individualpsychologische Gruppe. Montag (28.) 20.00. Klubhaus am Knie, Berliner
Str. 27: Der Hochstapler, A. H. Zeiz.
Hamburg
Timpe, Grindelallee 10: Kulturreaktion in Kino
Die soziale Situation der
Weltbtihnenleser. Donnerstag 20.30.
und Rundfunk.
NOrnberg
Weltbtihnenleser. Montag (28.) 20.30. Katharinenbau :
deutschen Buhne, H. Neuberger.
Stuttgart
Linkskartell der Geistesarbeiter und freien Berufe. Montag (28.) 20.00. Burgermuseum :
Sexuelle Menschenrechte, Heinrich Meng.
Rundfunk
Mittwoch. Berlin 20.55: Kleiner Mann — was nun? Horspiel nach Fallada von Klaus
Herrmann. - Breslau 20.55*. Es geht auch so. Kom5die von Walther von Hollander. —
Donnerstag. Mtinchen 21.10: Drei junge mfinchener Lyriker. - Fre>tay. Kdnigs-
wusterhausen tO.lO: Pygmalion by bernard Shaw (englischer Schulfunk). — Ham-
burg 18.30: Was will das fublikum fur sein Geld? Jurgen Fehltng und Jochen
Klepper. — Munchen 21.00: Mozarts Schauspieldirektor.
781
Antworten
Republikanische Beschwerdestelle. Du bist ja wieder einmal
einer konzentrischen Offensive ausgesetzt. Die Deutsche Volks-
partei hat ihre Restbestande im sachsischen Landtag mobilisiert,
um durch eine lfAnfrage" deine Tatigkeit lahmzulegen, und in Berlin
riickt man deinem Geschaftsfiihrer mit einem Zeugniszwangsverfahren
zuleibe. Nur Mut, die Sache wird schon schief gehen! Unbegreif-
lich ware iibrigens nicht blofi uns sondern wohl jedem Unvorein-
genommenen, wenn das Zeugniszwangsverfahren fortgesetzt wtirde,
obwohl das Gericht deinem Geschaftsfiihrer bescheimgt hat, daB er
aus „anstandigen Beweggriinden" das Zeugnis verweigert habe,, Kann
ein Richter die Absicht haben, jemand einer moralischen Tortur zu
unterwerfen?
Baron v. Vietinghofi-ScheeL Sie haben in einer Versammlung
des AUdeutschen Verbandes in Steglitz fiber ,,Kulturordnung im vol-
kischen Staat" gesprochen und dabei nach dem Bericht der ,Deut-
schen Zeitung' ausgefuhrt: „£ine vollstandige Neueinrichtung werde
das Amt des Drosten sein, dessen Hauptaufgabe die Auslese der Min-
derwertigen und Begabten sei, Auf je 6500 Kopfe der Bevolkerung
entfiele je ein Droste, der der gewahlte Vertrauensmann seiner Gruppe
sei und, untersttitzt von vier Beiraten, die gemeinschadlichen Menschen
seines Amtsbereiches auszusieben und in Verwahrung zu bringen
habe. Diese Verwahrung sei endgiiltig. Keineswegs wtirde der vol-
kische Staat es dulden, daB die friedliche werteschaffende Bevolke-
rung wie bisher der Bedrohung durch ein ruchloses Verbrechergesindel
preisgegeben werde/' Wir haben bisher gar nicht gewufit, daB die
AUdeutschen ein so scharfes Vorgehen gegen einen wesentlichen Teil
der Hitleranhanger fordern.
Kurt Hiller. Seit etwa zwei Jahren versenden Sie ziemlich haufig
Exemplare der .Weltbuhne' an reichsdeutsche Freunde in der Sow jet-
Union. Bisher wurden die of fenen Drucksachen auch stets befor-
dert. Neulich aber bekamen Sie die Hefte 31, 40 und 43 dieses Jahr-
gangd und Ihre Broschiire „Selbstkritik links" zurtick, weil laut dem
aufgestempelten Vermerk ein Teil des Inhalts durch die Pressestelle
beanstandet worden ist, Ftirchten die Sowjets denn wirklich. daB
ihre Aufbauarbeit gefahrdet wird, wenn ein sich in ihren Grenzen
auihaltender Reichsdeutscher ein paar kritische Bemerkungen iiber
Theorie und Praxisi des Bolschewismus zu lesen bekommt?
Nazis in Danzig. Wie das , Andre Deutschland* berichtet, be-
zieht ihr eure Plaketten (1Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-
partei" von der Firma Jablonski in Posen, Inhaber der Pole Taddaus
Ratajczak und der Oesterreicher Ratz, eure Schaftstiefel von der
Firma Balorient im polnischen Starograd, eure Hosen von der pol-
nisch-jiidischen Firma Kindermann in Lodz, eure Bademantel von der
polnischen Fabrik Glawinski in Lodz. Ein Gluck noch, daB ihr nicht
auch die deutsche Seele und das deutsche Gemiit zu herabgesetzten
Preisen aus Polen beziehen konnt!
Weltjugendliga. Ihr habt in Frankfurt am Main eine Ortsgruppe
gegrundet. Die Mitglieder treffen sich jeden Freitag 20.30 Uhr im
Haua der Jugend, Zimmer 36.
Manuskripte sind nur an die Redaktion der Weltbuhne. Charlottenburg, Kantstr. 152, zu
richten; es wird gebeten, iboen Ruckporto bentulegen, da sonst keine Rucksendung erfolgen kann,
Im Fall© hohcrer Gewalt oder Streiks haben unsere Betfeher keinen Anspruch auf Nachlteferuog
oder Erstattuog des entsprechenden Entgelts.
Das AuffUhrung'srecht, die Verwertung von Titeln u. 1 ext im Ranmen des Films, die musik-
mechanische Wledergabe aller Art und die Verwertung tm Rahmen tod Radiovortr&gen
bleiben fur alle in der Weltbdhne eraeheinenden Beitrflge anadrflcklich Torbehalten.
Die Weltbuhrie wurde begrSndet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
unter Mitwirkung von Kurt Tucholaky geleitet — VerantwortHch: Walthjer Karsch, Berlin.
Verlag der Weltbuhne, Siegfried Jacobsohn & Co., Charlottenburg.
Telephon: C 1, Steinplatz 7757. — Postschedckonto: Berlin 11958.
Bankkonto: Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
XXV11L Jattrgaog 29. November 1932 Nuramer 48
Talmudist Hitler von Hellmut v. Oerlacta
D nde Oktober erklarte der nationalsozialistische Abgeordnete
" Mcrker in Alt-Reetz in der Neumark:
Wir stehen mit einer Million Gewehre da. Wir werden nach dem
6. November eine Revolution erleben, die wir mit den Kommunisten
zusammen machen.
Am 19/ November schrieb der tAngriff nach Bekanntgabe
des verlangerten Burgfriedens:
Angesichts wichtiger bevorstehender Entscheidungen enthalten
wir tins jeglicher Stellungnahme zu der Verordnung.
Am 24. November kiindigte Goring namens seines Fuhrers
und seiner Partei den Kampf jedem Kabinett an, ob es nun
Papen oder anders heiBe. Opposition sans phrase!
Die Tage folgen einander, aber sie gleichen sich nicht,
heiBt es in einem franzosischen Sprichwort, Erst Ankiindi-
gung der Revolution, dann Verzicht aul jedes Wort der Kritik,
dann wieder Ansage des Kampfes bis aufs Messer — das ge-
niigt iiir knapp vier Wochen.
Vor fiinfzig Jahren prangte an hundert Hauserecken Ber-
lins eine Rieseninschrift; „F. v. Schirp macht alles!"
Adolf Hitler hat die Erbschaft F. v. Schirps angetreten.
Er gehort bestimmt nicht der nordischen Edelrasse der
blonden und blauaugigen Langschadel an, sondern hochstens
der dinarischen Haibedelrasse. Dieser Tatsache verdankt er
vielleicht seine unzweifelhaften Gaben. Fiir ganz kritische
Augenblicke reichen diese allerdings nicht a us. Da muB er
seine Zuflucht zu dem Geistesgut einer von ihm sonst so miB-
achteten Unedelrasse nehmen,
Die Lektiire des Hindenburg-Hitlierschen Briefwechsels ist
ein intellejctualistischer Festschmaus. Rabbi und Monch dis-
putieren: was soil es werdenf ein Prasidialkabinett mit parla-
mentarischen Bind un gen oder ein parlamentarisches Kabinett
mit prasidialen Bindungen? Fur eine Doktordissertation ware
es eine wundervolle Untersuchung, die Unterschiede zwischen
diesen beiden Begriffen festzustellen. Der Laie allerdings
konnte geneigt sein, diese Haupt- und Staatsangelegenheit mit
der lassigen Geste des Zeugen von Gontard abzutun: wenn
schon!
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts schleuderte mein
Namensvetter Ludwig v. Gerlach der preuBischen Demokratie
den Kampf ruf entgegen: Aiitoritat, nicht Majoritat! Erfunden
hatte er allerdings diese Parole nicht. Ihr Vater war der ein-
zige groBe Staatsrechtslehrer, den die konservative Partei je
in ihren Reihen gezahlt hat, Friedrich Stahl, geb- Schlesinger.
Bei den Verhandlungen zwischen dem 21. und 24. Novem-
ber lautete die Frage nicht: Autoritat oder Majoritat, sondern:
wie amalgamieren wir das autoritare und das majoritare Prin-
zip? In welchem Prozentsatz mussen autoritare und majori-
iare Elemente gemischt werden, um ein Kabinett zustande zu
bringen, das gleichzeitig sich des Wohlgefallens des Reichs-
prasidenten und des Reichstages erfreut? Eine nicht ganz
1 783
leicht zu findende chemische Formcl. Sie ist ja auch nicht
gefunden worden.
Der Gedanke Hindenburgs war gar nicht schlecht Ihm
ist nicht wohl zumute bci dem Zustand des ewigen Rcgicrcns
mit Notvcrordnungen gcgcn den Reichstag. Er berief Hitler
als den Fiihrer der starksten Partei und iibertrug ihm die Re-
gierungsbildung unter der Voraussetzung, daB er eine parlamen-
tarische Mehrheit finde, Bieim Gelingen dieses Versuches
muBte unter alien Umstanden eine fiir die Linke sehr unerfreu-
liche Regierung herauskommen, der sie vom ersten Tage an
Opposition zu machen gezwungen gewesen ware. Aber es war
wenigstens ieine Regierung, die korrekt nach den Regeln des
parlamentarischen Schachspiels zustande gekommen ware.
Hitler war im ersten Augenblick durchaus willig, die
Offerte des Reichsprasidenten zu akzeptieren. Sein Sehnen,
endlich vom Regierungsrat zum Reichskanzler zu avancieren,
ist unbeschreiblich groB. Aber er ist Fiihrer nur unter der
Voraussetzung, daB er sich von seinem Generalstab fuhren laBt.
Wie mag man ihn im Kaiserhof empfangen haben, als er
mit der 95prozentigen Zusage an Hindenburg eintraf? Men-
schenskind, Fiihrer, Held, Retter, Sie sind zwar allmachtig und
unfehlbar, aber so geht das auf keinen Fall! Und dann setzte
sich der Hohe Rat des Braunen Hauses zusammen und fabri-
ziert© eine Antwort an MeiBner, die der dialektischen Geris-
senheit von Goebbels hochste Ehre machte.
Freilich, schon dieser erste Brief setzte alien Aussichten
Hitlers auf das Kanzleramt ein Ende, Das hat er selber wohl
nicht gemerkt, Sonst hatte er kaum seinen Namen unter das
Schriftstuck geschrieben. Aber den schlauen Verfassern des
Schriftstucks muB der EndmiBerfolg natiirlich von Anf ang an
klar gewesen sein.
Alles, was an weiteren AuBerungen von beiden Seiten er-
folgte, war eigentlich nur noch Drumherumgerede, um das
Scheitern der Yerhandlungen nicht sofort in Erscheinung tre-
ten zu lassen. Keiner glaubte mehr an den Erfolg. Jeder ver-
suchte nur noch, dem andern vor der 5ffentlichkeit die Schuld
in die Schuhe zu schieben, DaB bei diesem Versuch MeiBner
sich nicht nur sachlich in der giinstigeren Position befand, son-
dern auch formell Hitler und seinem Kollegium von Schrift-1
gelehrten weit uberlegen war, sei nur am Rande vermerkt,
Jiingst hat ein Biograph Hitlers, der nicht zu seiner Partei
gehorige Herr Heiden, als hervorstechendste Eigenschaft seines
Helden die Logik bezeichnet. Offen gestanden, Herr Heiden
und ich scheinen unter Logik etwas sehr Verschiedenes zu
verstehen.
In einem der von Hitler unterzeichneten Briefe an MeiBner
steht der Satz:
Der Schritt von 200 Abgeordneten zu 300 wird leichter sein, als
der von 50 oder 60 zu 200.
Vielleicht nennt Herr Heiden das Logik. Ich nenne es
einfach Unsinn. Natiirlich ist die Differenz zwischen Zwei-
hundert und Dreihundert geringer als die zwischen Fiinfzig und
Dreihundert DaB Hitler das Rechnen der Elementarschule
beherrscht, hat noch niemand bezweifelt. Aber wenn der
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Hauptgewinn auf 100000 fallt, so bin ich von ihm ganz gleich
weit entfernt, einerlei ob mein Los die Nummer 1 oder die
Nummer 99 999 tragt. Die Frage ist nicht die: wieviel Stim-
men fehlen der Hitlerpartei zur parlamentarischen Mehrheit,
sondern die, ob sie auch nur die geringste Aussicht besitzt, die
fehlenden Stimmen zu bekommen.
Das glaubt Hitler offenbar selbst nicht.' Sonst hatte er
den ihm vom Reichsprasidenten mit vollem Recht auferlegten
Schritt unternommen und sich mit den andern Parteien in Ver-
bindung gesetzt, urn zu sehen, ob und unter welchen Bedin-
gungen sie bereit seien, ein von ihm prasidiertes Kabinett zu
stiitzen oder wenigstens zu tolerieren,
Offen gesteht Hitler:
Ich habe davon abgesehen, in diesen Tagen mit einer Partei Fiih-
lung zu nehmen,
Hatte sich Hitler irgendwelche Hoffnungen auf Erfolg eines
Schrittes bei den Parteien machen konnen, ware er irrsinnig
gewesen, wenn er ihn nicht unternommen hatte,
Mit dem Unterlassen dieses Schrittes hat Hitler die voile
Verantwortung fur das Scheitern des Versuches, ihn zum Chef
einer parlamentarischen Regierung zu machen, auf seine Schul-
tern genommen.
Am SchluB des gescheiterten Versuchs ist f estzustellen,
daB es sich bei den ganzen Verhandlungen viel weniger um
eine Komodie der Irrungen als um eine solche' der Tauschun-
gen gehandelt hat, wenigstens auf der einen Seite.
Herr Alfred Rosenberg, Hitlers rechte Hand, hat im (Re-
gime fascista* erklart: ,,Hindenburg konnte, wenn Hitler Reichs-
kanzler ware, Reichsprasident bleiben, in Italien habe man ja
auch den Konig und Mussolini nebeneinander."
Da der Konig von Italien neben dem Duce nur die Rolle
einer Null und einer Nulpe spielt — seine einzige ernsthafte
Tatigkeit besteht im Sammeln antiker Miinzen — , so erkennt
man, welche politische Stellung Hindenburg im Programm Hit-
lers zugedacht war.
Hitler hat den obersten politischen Grundsatz verkannt,
daB man nie seinen Gegner unterschatzen diirfe, Offenbar hat
er die Ratgeber Hindenburgs weit unterschatzt.
Als zweiter Sieger verlaBt er den Kampfplatz. Wieder hat
er eine Schlacht verloren. Aber wir wiirden uns seines eignen
Fehlers schuldig machen, wenn wir ihn fur erledigt hielten.
Seine Krone verliert einen Zacken nach dem andern. Aber
er ist noch immer eine sehr groBe Gefahr fur die Republik.
Wer ist Sieger?
Hindenburg wird es ablehnen, als solcher zu gelten, Sein
Wunsch war offenbar durchaus ehrlich, die Rechtsregierung
mit den Notverordnungen durch eine parlamentarische Rechts-
regierung abzulosen. Diesem Wunsch brachte er sogar seine
personliche Antipathie gegen Hitler zum Opfer.
Sieger ist Hugenberg, Er wollte um jeden Preis die Wieder-
annaherung Hindenburgs an Parlament und Parlamentarismus
verhindern. Das ist ihm gelungen, weil Hitler ihm den Weg
bereitete — Hitler, der so gern ein Fuchs gewesen ware und
nur ein Tapir war.
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Die Regierungsbildung ist miBlungen. Dafiir orakeln die
Zeitungen von nNotregierung fur den Winter". Ein neuer Be-
griff kommt in unser jetzt so strapaziertes Staatsrecht, der des
Saisonkabinetts.
Sein Firmentrager steht in dem Augenblick der Nieder-
schrift dieser Zeilen noch nicht fest. Wie er auch heiBen
moge, nur zwei Wege stehen ihm of fen: der in die Illegalitat
oder der zur neuen Reichstagsauflosung.^
Stalin und Trotzki von Kurt inner
{"lewiB tritt ins Fettnapfchen, vielmehr gleioh in zweie, wer
sich erdreistet, der Meinung Ausdruck zu geben, daB Stalin
und Trotzki sich wechselseitig unrecht tun. Meine Meinung
ists. Naturlich begeht Stalin das argere Unrecht. Denn wah-
rend Trotzki gegen Stalin mit Argumenten kampft (auf, wahr-
scheinlich, unsterbliche Art), kampft Stalin gegen Trotzki mit
Gewaltmafinahmen, kampft Stalin wider dessen physische
Existenz, kampft Stalin am Geiste vorbei. Dieser MiBbrauch
der Macht hat fur jeden Menschen gehirnlichen Anspruchs, mag
er zur Sache Trotzkis stehn wie er will, etwas Verletzendes,
ja Widerwartiges.
Dabei ist noch lange nicht heraus, welcher Methodik
Trotzki sich gegen Stalin bedienen wiirde, wenn Trotzki in der
Macht saBe und Stalin in der Opposition; das heiBt, wenn
Stalin ihm eine ebenso fundierte, blitzend-scharfe, schopferisch-
haBvolle, zahe und gefahrliche Opposition bereitete, wie er
heute jenem.
DaB Trotzki, dieses Genie der permanenten revolutionaren
Analyse und Kritik, iiberlebensgrofier Ungerechtigkeit fahig ist
und krassester Selbstbornierung durch HaBf hat er unlangst
mit seiner AuBerung uber Rolland und Barbusse bewiesen.
Diese sind fur ihn Vertreter eines ^kleinbiirgerlichen Pazifis-
mus", dessen Wesen darin bestehe, MdaB er, heuchlerisch oder
ehrlicherweise, Gewalt iiberhaupt verurteilt" — eine Behaup-
tung, die um keinen Grad wahrer ist als die der Stalinisten,
Trotzki sei konterrevolutionar und ein Agent der Bourgeoisie,
Er wirft alle Richtungen des Pazifismus, ,,das heiBt des Schein-
und Wortkampfes gegen den Krieg'Y geflissentlich in Einen
Topf; nicht im Angriff auf Volkerbiindler, sondern auf offne
und erbitterte Gegner der Genferei, eben auf Rolland und Bar-
busse, kreischt er, Schaum vor dem Munde und mit vorquellen-
den Augen: ihre Doktrin sei ,,gefahrlicher als alle Sprengstoffe
und Giftgase, denn Melinit und Senfgas konnen ihre Arbeit er-
fiillen nur dank dem Umstande, daB die Volksmassen in Frie-
denszeiten durch die pazifistischen Diinste vergiftet werden".
Diese Worte, wie die vorerwahnten, stehn in jener ,Erklarung
der Bolschewiki-Leninisten* zum Amsterdamer KongreB, die
Trotzki verfaBt hat, und sie verraten Hysteric Denn schlieB-
lich ist Trotzki kein Nobelpreisprofessor, der Kriegsgegner
abweichender Richtung gemiitlich schulmeistert, ohhe ihre
Schriften studiert zu haben; sondern er ist Leser, Kenner,
Kopf; EntschluB zur Sachlichkeit, Wille zur Gerechtigkeit
hatten den sonst so feinen Zerleger und so prazisen Durch-
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leuchter zu einer scharfen Differentialdiagnose der Pazifismen
genotigt, und er wiirde sich gehiitet haben, einen rechtschaffe-
ncn, Revolutionar wie Romain Rolland, der grade neuerdings
die letzten Reste von Friedenslyrismus und bequemer Quakerei
innig-energisch van sich gestreift hat, einfach deshalb als
^.Salonpazifisten" zu beschimpfen, weil Stalinist Miinzenberg
-sich mit jenem Manne vorubergehend verbunden hat — was
iibrigens, trotzkische Maximen zugrundegelegt, hochst verstan-
dig war. Denn sind, immer nach Trotzki, ,,die Kommunisten
im Kampf e rait demFaschismus verpflichtet, ein praktisches Ab-
kommen nicht nur mit dem Teufel und dessen GroBmutter zu
treffen, son dem sogar mit Grzesinski" (ein durchaus intelligen-
tes Verlangen!}, dann bleiben sie doch wohl zumindest berech-
tigt, im Kampfe gegen den Krieg — und mogen sie auch nur
den fimperialistischen' wider die Sowjetunion meinen — sich
jnit Leuten zu verbunden, die gar nicht etnmal zur Verwandt-
schaft des Teufels, geschweige denn zur Partei Grzesinskis ge-
horen, vielmehr den franzosischen Grzesinskis von links her
tuchtig zusetzen. Was aus jenem AntikriegskongreB tatsachlich
geworden ist, ob vielleicht Parade, Theater, Phrasenschwall,
erfolgreiche Umgebung des Wesentlichen, so daB Trotzkis ge-
pfefferte Krltik an Miinzenberg ihre berechtigte Seite hatte,
bleifot etne Frage fur sich.
Es soil hier nicht behauptet werden, der amtliche Kommu-
nismus stehe der Friedensbewegung prinzipiell freundlicher
oder auch nur unterscheidsamer und gerechter gegeniiber als
der in diesem Fall fuchsteufelswilde Trotzki. Ich habe ledig-
lich zeigen wollen, daB Trotzki imstande ist, Leute, die schlieB-
lich auch keine SpieBer und auch keine Schurken sind, akkurat
so zu behandeln, wie 'der amtliche Kommunismus ihn. Ich halte
Trotzki ftir einen der wenigen wirklich groBeni Geister unsres
Jahrhunderts, und meine Bereitschaft zum Geniekult geht sehr
weit; ich erniedrige mich aber vor niemandem zur Kritiklosig-
Iceit. Kritiklosigkeit gegeniiber groBen Mannern: doch wohl
kein geringeres Laster als Ehrfurchtlosigkeit gegeniiber groBen
Mannern.
Wie sehr wir aber Trotzki unter die groBen Manner zu
rechnen haben, erkennen wir, wenn wir uns in das Gedanken-
gewitter seiner neuen Kampfschrift begeben: ,Der einzige Weg*
(durch Anton Grylewicz, Berlin-Neukolln, Brusendorfer Str. 23,
gegen zwanzig Pfennig zu beziehen). Diese Schrift, wie
die yorangegangenen, in Seinsschau, Zielsichtung und Weg-
wei$ung ein genialer Wurf; gamz groBe revolutionare Literatur
der Zeit. Deutung des gegenwartigen deutschen Zustands:
i,Steckt man zwei Gabeln symmetrisch in einen Kork, kann
dieser sich sogar auf einem Stecknadelkopf halten." ,,Die Da-
seinsquelle der Papenregierung" (fiir die Nachfolgerin gilt ohne
Frage das Gleiche) besteht „in der Neutralisierung der
unversohnlichen Lager". „Die paralysierte Kraft des Prole-
tariats hat die triigerische Form einer ,Kraft* der bonapartisti-
schen Clique angenommen, Darin liegt die politische Form el
des heutigen Tages." (Die Analogic, mit dem Bonapartismus
wird geistreich durchgefuhrt; dem naheliegenden Einwand: „wo
ist unser Bonaparte?" hat Trotzki in Heft 45 der -Weltbuhne'
2 78?
bedeutsame Argumente entgegengestellt, Dennoch diinkt mich:
man sollte auf historische Analogien ein fiir allemal verzichten;
sie haben meist etwas Krampfhaftes; sic vergewaltigen; Licht
werfen sic auf cine Lagc fast nie, Man kann aus der Ge-
schichte nichts lernen. Sclbst dcr Einzelne wcnig aus seiner
eignen, Denn kcinc Situation im Leben wiedcrholt sich. Es
gibt immer nur Treppenwitz.} In der Sache ist Trotzkis Deu-
tung prachtvoll-richtig.
Quintessenz; ,,Die Fraktionen der besitzenden Klasse konnen
sich nur deshalb untereinander raufen, weil die revolutionare
Partei schwach ist. Die revolutionare Partei konnte unermeB-
lich starker werden, wenn sie die Rauferei zwischen den be-
sitzenden Klassen richtig ausnutzen wiirde." Bel aller erfor-
derlichen Kritik der sozialdemokratischen Fiihrung: die Theorie,
daB der Sozialdemokratismus tSozialfaschismus' sei, „muB
man endlich als untauglichen Plunder fortwerfen". Auf Ein-
heitsfrontpolitik, proletarische, komme es an, nicht nur- „von
unten", sondern auch der Spitzen; und sie mtisse ,,darauf ge-
richtet sein, schon in der nachsten Zukunft auf Grund der
proletarisch-demokratischen Vertretung die Schaffung von
Kampforganen der Klasse . . . zu ermoglichen". Trotzki nennt
diese iiberparteilichen Kampforgane des Proletariats „Arbeiter-
sowjets'1; ich habe sie, als ich sie schon vor fast zwei Jahren
als pringendstes vorschlug, erst in der Antwort auf eine
nuinzenbergische Rundfrage, dann in der ,Weltbuhne* (3. Marz
1931), MRotc Ausschiisse" genannt.
Sowjets sind ein russisches Wort und eine (halb) russische
Sache; wir leben in Deutschland, bei andrer Schichtung. Ge-
dankenlose Nachahmerei fiihrt nie zum Ziel, Wir haben aus
unsrer besondren Lage, aus der hiesigen und der gegenwartigen
Lageruhg der Dinge (ihre Spiegelung im BewuBtsein ein-
geschlossen) schopferisch herauszuholen, was zugleich ihr und
dem Zielgedanken gemaB ist. Be id em ungemaB ware, beispiels-
weise, die Beschrankung auf Arbeiter. Es gibt nachgrade
Proletaricr auch auBerhalb des Arbeiterstandes, zumal in diesem
Deutschland; und Sozialismus ist schlieBlich, seiner Idee nach,
dem Proletariat gewidmet, nicht bloB einer Gruppe des Prole-
tariats; der unterdriickten Klasse; nicht: einer Klasse dieser
Klasse. GewiB soil der Aktive sich niemals an Worten stoBen,
Aber Worte sind einmal Fetische; sie haben mindestens soviel
Realitat und soziale Potenz wie die Begriffe, die sie decken;
manchmal, wo sie falsch lauten, meinen sie richtige Begriffe —
umso schlimmer dann, daB sie falsch lauten. Was fiir Irrefiih-
rungcn! Welche MiBverstandnisse! Ewige, diamantene Er-
kenntnis des Konfuzius; „Stimmen die Worte nicht, so kommen
die Werke nicht zustande/'
Das Werk, das morgen in Deutschland zustandekommen
muB: DaB in alien Stadten Ausschiisse von Vertretern der ver-
schiedenen Richtungeti des Sozialismus zusammentreten, um
durch sachliche Beratungen endlich eine Atmosphare der Ge-
meinsamkeit zu erzeugen und um einheitliche Aktionen zu er-
moglichen . . . im Geiste klassenkampferischer Radikalitat und
Besonnenheit. Diese Ausschiisse miiBten im Schema des Rate-
systems zusammengefaBt sein? Pyramide der Roten Einheit.
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(Die kleinen Gruppen, -die politischen Zwischengruppen fanden
hier ihre historische Mission: Bindemittel, Mortel, Zement
zwischen. den groBen Blocken zu werden,)
Rote Ausschusse, leidlich. paritatisch — ,der Funke dieses
Gedankens laBt sicli nicht austreten, so redliche Miihe die rote
Bureaukratie sich auch gibt, Trotzki rat dem deutschen
Proletariat das Richtige, wenn er ihm ;,Schaffung von Kampf-
organen der Klasse" rat und wenn er darunter alles andre be-
greift als, zum xten Male, einj offiziell ^uberparteiliches" und
in Wahrheit parteikommunistisches Institute
Der sorgende Kopf am Bosporus fordert ferner, fiir .die
KPD, ,,einen auBerordentlichen Parteitag", dem ,,selbstver-
standlich eine allseitige Diskussion vorausgehen" miisse; sogar
die Geflogenen hatten teilzunehmen. Eine gute Forderung;
nur erscheint sie mir zu eng. Die Zeit ware reif, jawohl, fiir
einen gesamtsozialistischen KongreB in Deutschland. Fiir eine
Art Parlament, eine Art Nationalversammlung des klassen-
bewuBten, kampfgewillten Proletariats aller Richtungen,
Woran scheitert immer wieder das, was nottut und was
wir alle wollen? An der Enge, an den psychologisch notwen-
digen Kollektiv-Egoismen der Parteien. Die Kraft der Klasse
wird durch die Parteien in Gegenkrafte zerlegt, die einander
aufheben. Der Riese entmannt sich durch Selbstspaltung; der
Zwerg, der ihn zwackt, triumphiert.
Wie lange soil er. denn noch triumphieren?
Nattirlich konnen die Parteien nicht von heute auf morgen
aufgehoben werden; noch weniger kann eine die andre im Nu
verschlingen, wie die Schlange (fas Kaninchen. Aber ihre
Krafte, statt sie gegeneinander wirken zu lassen, zusamraen-
legen — das konnen die Proletarparteien; das konnten sie,
wenn nicht die Apparate
Sind die Partei- Apparate vom Gott? — .
Ein groBes GMck, daB ein beglaubigter Praktiker der Be-
wegung wie Trotzki den grundsatzlich richtigen, den erlosen-
den Gedanken findet und in die Massen wirft.
Ich glaube, daB Stalin, dachte er iiber diese Wunsche, Kri-
tiken, Projekte nach, gar nicht Nem dazu sagen wiirde. Er ist
an AuBerrussischem, an der Internationale, an der Welt-
revolution uninteressiert, seit Jahren und auf Jahre; er ist voll-
kommen absorbiert von der Aufgabe der Industrialisierung
RuBlands, vollig konzentriert auf den Gosplan, Das bedeutet
weder „StaatskapitalismusM noch nNationalismus", wie Mecke-
rer und Mystiker zu versichern belieben; sondern die In-
dustrialisierung dieser riesigen Republik, die einstweilen sozia-
listische Insel im kapitalistischen Weltmeer blieb, die Herstel-
lung ihrer wirtschaftlich-technischen Unabhangigkeit von den
kapitalistisch organisierten Staaten, ist, mit Stalins Augen ge-
sehn und auch objektiv, eine unumgangliche, ja entscheidend
wichtige Etappe auf dem Wege zur sozialistischen Erdgesell-
schaft Das Konstruktive ist hier, seiner mittelbaren Wirkung
nach, revolutionar (davon zu schweigen, daB die Destruktivitat
der sozialistischen Revolution in ihrer Endabsicht ohnehin kon-
struktiv ist),
DaB Stalin, unter dem Druck seiner gigantischen Aufgabe,
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innerpolitisch lavieren muB, versteht sich. Er kann weder rein
antibauerlich verfahren, hundertprozentig im Interesse des
stadtischen Proletariats, dieser ja immer noch kleinen Minder-
heit der russischcn Nation; noch kann er dem konservativen
Landvolk allzuviel nachgeben. Uber -den realisierungspolitisch
gebotenen Grad des Nachgebens und dcs Drucks laBt sich, von
Fall zu Fall, unter Zielgenossen und Kennern streiten. Wie
wenig bcsagen da, aus cinigcm Abstand gcsehn, ,,rechte" und
,,linke" f1Abweichung'en"j Mir scheint, rein sachlich und. alles
in allem, daB Trotzki dem Innenpolitiker Stalin unrecht tut.
Psychologisch begreifen laBt sich auch hier der Verbannte, der
Verleumdete; gewiB; nicht allein. von seinem Schicksal, sondern
schon von seinem Charakter her, welcher sein Schicksal schlieB-
lich erzeugen half. Er: der Analytiker, der kultiviert*kompli-
zierte Kritiker, der Zersetzer, der ewige Revolutionar, der
Jude; jener: der Synthetiker, der GroBlinig-Primitive, der Ge-
stalter, der Baumeister, der Kaukasier; er: das Feuer; jener:
der Schmied. Typus wider Typus.
DaB Einer Beides isit, passiert ja wohl hochstens alle tau-
send Jahre einmal! Obwohl, wiederuan, chemisch rein beide
Typen wohl genau so selten vorkommen; auch in dem Fall, von,
dem die Rede ist, steht ein zergliedemder Geist nicht ganz
ohnebauende Kraft ' gegen erne bauende Kraft nicht ganz ohne
zergliedernden Geist Die Geistnaturen, die Feuernaturen
werden mit Trotzki sympathisieren (soweit sie nicht Sejbst-
hasser sind); die Kraftnaturen, die Schmiednatureu mit Stalin,
Man soil aber nicht nur , sympathisieren", man soil auch ge-
recht sein. Je weniger Stalin das gegen Trotzki, je weniger
Trotzki es gegen Stalin ist, umso mehr wollen wirs gegen
beide sein. Also auch gegen den Schmied.
Was uns nicht hindern kann, die Stichflammen zu bewun-
dern, die aus Trotzkis Prosa der Dummheit, Sturheit, Unfahig-
keit, Subalternitat der Kominternleiter entgegenzucken, ihrem
vollkommenen Mangel an Blick fur Moglichkeiten, an re-
volutionarer Strategie, an Verwirklichungsgeist; ...die Keulen-
hiebe seines in der Sache beleidigten Geistes herrlich treffend
zu f inden. Die deutsche KP hampelt ja leider an den Kasperle-
faden deir Kominternbureaukraten; der auf seine Art brave
Thalmann kann einem nach der Lektiire dieser Streitschrift
nur noch leid tun. Stalin trifft kaum die Schuld; er ist wesent-
lich russischer Internist, nicht Kominternist.
Stalin — seine klare, bedeutende Rede ,Neue Lage, neue
Aufgaben', im vorigen Sommer, schloB so:
Die Realitai unsres Produktionsplanes, das sind die Millionen
Werktatiger, die ein neues Leben schaffen. Die Realitat unsres Pro-
gramms, das sind lebendige Menschen, das sind wir alle miteinander,
das ist unser Arbeitswille, unsre Bereitschaft, auf einc neue Art zu
arbeiten, unsre Entschlossenheit, den Plan zu erfullen. Haben wir
diese Entschlossenheit? Ja, wir haben sie! Also kann und muB
unser Produktionsplan verwirklicht werden,
Detanach: der Verwirklichungswille zielverbundener Men-
schen macht Geschichte. — Und Trotzki, in seiner neuen
Schrift, schreibt: f
Die revolutionare Partei beginnt mit einer Idee . . . Nicht Kader
schaffen die Idee, sondern die Idee schafft die Kader,
790
Schafft die Kader derer, die dann die Idee durch Einsicht,
Arbeitswillen, Entschlossenheit, Tatkraft verwirklichen; (siehe
Sfalm).
Welch eine Ubereinstimmung der Antipoden! Und: was
sagen eigentlich Materialistens dazu?
Ein Arbeitsvertrag aus dem Dritten Reich
von Erich ScbrSter
Bedingungen fiir die Annahme der Holzhauer im Wirtschaftsjah'r 31/32
Die Holzhauer verpflichten sich, zu den Lohnsatzen zu arbeiten,
die die Forstverwaltung festsetzt. In Anbetracht der schlechten
Wirtschaftslage konnen die Lohne keine Steigerungen fur einzelne
Schlage erfahren.
Die Holzhauer verpflichten sich, alle Arbeiten einschl, Schalen von
Nadelholz, die von ihnen verlangt werden, auszufiihren, und zwar bis
zu dem Zeitpunkt, an dem sie die Forstverwaltung entlafit Wer seine
Arbeit fruher verlafit, verliert den Anspruch auf Deputatholz,
Die Forstverwaltung allein bestimmt, was geschlagen werden solL
Sie kann das Hauen ohne weiteres und zu jedem Zeitpunkt beenden.
Die Forstverwaltung wird bemuht sein, die ATbeiter alle 14 Tage
bis 3 Wochen zu entlohnen. Sollte die Lohnung durch irgend einen
Umstand zu'dem oben angefuhrten Zeitpunkte nicht moglich sein,
haben die Holzhauer diesem Umstand Rechnung zu tfagen und haben
zu wartcn, bis die Lohnung stattfinden kann. Die Verwaltung oder
den Forster mit diesbeziiglichen Redensarten zu belastigen, kann
nicht geduldet werden.
Die Holzhauer verpflichten sich, auBer dem Deputatholz. der
Forstverwaltung noch 6 rm Derbholz pro Person, Scheit und Knuppel,
zur Taxe abzunehmen.
An den Treibjagden haben sich die Holzhauer als Treiber zu be-
teiligen und werden mit Holz entlohnt.
Lenderscheid, den 21, Oktober 1931, gez. von Baumbach
Dieser Arbeitsvertrag ist Gegenstand einer Klage, die
unter dem Aktenzeichen A C 838 — 847/32 vor dem Arbeit s-
gericht in Kassel von zehn Arbeitern gegen den Diktator
dieser Arbeitsbedingungen, den Herrn Baron v, Baumbach zu
Lend-erscheid, gefiihrt worden ist und vor einigen Tagen mit
dem Siege der Klager geendet hat, Herr v. Baumbach muB
die Differenz zwischen den gezahlten Lohnen und den Lohhen
des Tarifvertrages nachzahlen.
Das Dokument hochedler sozialer Gesinnung wird hier
wortlich mitgeteilt, weil daraus ersichtlich ist, wie notwendig
es ist, gewerkschaftlich organisiert zu sein, Denn abgesehen
von den fiir allgemeinverbindlich erklarten Tari£vertragen ge-
niefit nur der organisiert e Arbeit er den Vorteil der Unabding-
barkeit tariflicher Arbeitsbedingungen. Nur der organisierte
Arbeiter kann im Streitfalle vor dem Arbeitsgericht den
Rechtsschutz gewerkschaftlicher Vertretung beanspruchen.
Wie so oft, hatte $ich auch hier der Arbeitgeber die Hilf-
losigkeit der nichtorganisierten Waldarbeiter zunutze gemacht.
Ganz nach Beiieben entlohnte Herr v, Baumbach seine Wald-
arbeiter. Im Durchschnitt verdienten sie an weit entlegenen
schwierigen Arbeitsplatzen etwa 1,20 Mark pro Tag, Die
sozialen Beitrage behielt er ein und verbrauchte sie zunachst
fiir sich, Nur ein einziger von den zehn Arbeitern hat seine
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Invalidenkarte sechs Monatc nach Beendigung der Arbeit zu-
rtickerhalten. Die librigen wurden abgewiesen mit dem Be-
merken, die Karten seien tioch nicht in Ordnung. Vielleicht
sind sie bis heute noch nicht geklebt.
Es ist kaum glaublich aber als wahr verbiirgt, daft die
Arbeiter Weihnachten 1930 von diesem national gesonnenen
Hauptmann und Millionar keinen Pfennig Lohn bekommen
batten, wenn nicht ein Waldarbeiter der Rotte, der Schfeiner
Sahl aus Lenderscheid, fur seine Arbeitskollegen durch Hin-
gabe eines Wechsels in Hohe von siebenhundertundftinfzig
Mark das Geld zur Auszahlung des Lohnes beschafft hatte.
Aber erst als der Kreisleiter des Deutschen Landarbeiter-
Verbandes in Kassel eingriff, sind diesem gutmiitigen Arbeiter
fiinfzehn Monate spater die dadurch entstandenen Diskont-
verluste und Spesen in Hohe von etwa zweiundzwanzig Mark
zuruckvergtitet worden,
Der Lohn, der von der Forstverwaltung des Herrn v. Baum-
bach gezahlt wurdef war um etwa fiinfzig Prozent ge-
ringer als der im Staatsforst gezahlte Haulohn, Doch nicht
nur einmal wurde. dieser Hungerlohn nicht punktlich aus-
gezahlt, Auch in diesem Jahre ist er von dem gleichen Ar-
beiter durch Hingabe eines Wechsels in Hohe von dreihundert
Mark wiederum kreditiert worden,
Zu alledem hatten die gutmiitigen Arbeiter noch ge-
schwiegen; denn sie waren infolge ihrer Armut und Hilfs-
bediirftigkeit auf die Hungerpfennige angewiesen und lebten
in dem guten Glauben, ihr national gesonnener Arbeitgeber
werde sein Unrecht einsehen, wenn sie es ihm vorhielten, und
sich dann auf gutlichem Wege zur Zahlung eines angemesse-
nen Lohnes bereitfinden, Als er sie aber nur hohnisch auf
ihre Notlage und den unterschriebenen Vertrag verwies, da
riB ihnen die Geduld.
Letzten AnlaB, die Arbeitsstelle zu verlassen und sich
zu organisieren, gab eine Bemerkung des Forsters Stiegel,
der den unter seiner Aufsicht tatigen Waldarbeitern im An-
schluB an eine Diskussion iiber die Akkordsatze erklarte:
Euch mussen die Hunde naBseichen, wenn ihr fiir den Hunger-
lohn arbeitet, ihr dummen Saue! Als ich noch in der Zuckerfabrik
in Wabern gearbeitet habe, hat man mir auch meinen Lohn nicht aus-
zahlen wo lien, damals bin ich zu den Gewerkschaften gegangen und
habe schlreBlich auf diese Weise erreicht, daB mir mein Lohn aus-
bezahlt wurde.
Was wird Herr v. Baumbach dazu sagen? Aber der
Forster Stiegel hatte durchaus recht, denn fiir die Kiefern-
stangen L bis IV, Klasse, geschalt und nach Starke genau
sortiert, wurden sage und schreibe zw6lff zehn, acht und sechs
Pfennige bezahit,1 Bei diesem Lohn sind in manchen schwie-
rigeii Schlagen haufig nur wfenig mehr als die sozialen Beitrage
verdieht worden. Fur den Meter Scheitholz gab es 1,20 Mark,
fur Kmippel eine Mark, fiir zehn Raummeter Reisig 2,50 Mark.
Diese Lohrie und Arbeitsbedingungen wurden den Arbeitern
ini Walde, sechs Kilometer vbn ihrem Wohnort eritfemt, be-
kanntgegeben mit dem Bemerken, daB sie den Wald sbfort zu
verlassen hatten, wenn sie sich weigerten, diese Arbeits-
bedingungen zu unterschreiben,
792
Solchc „Vogel-friB-oder-stirb"-Politik muBte ebenso ge-
ahndet wcrden wie politischer Mord. Aber zur Erhaltung der
Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit werden kcinc Notverord-
nungen erlassen. Zwar ist nach Artikel 157 Abs. 1 der Reichs-
verfassung die Arbeitskraft unter den besonderen Schutz des
Reiches gestellt, doch hat schon Herr v. Papen in Minister er-
klart, dafi den Axbeitern der letzte Schutz gegen die Ausbeu-
tung ihrer Arbeitskraft, die Unabdingbarkeit des Xarifvertrages,
genommen werden soil.
Romanze vom Stehkragenproleten
von M. M. Gehrke
Die Masse der Angestellten unterscheidet sich vom Ar-
beiterproletariat darin, daB sie geistig obdachlos ist. Zu den
Genossen kann sie vorlaufig nicht finden, und das Haus der
burgerlichen Begriffe und Gefuhle, das sie bewohnt hat, ist
eingesturzt ...
\M anchmal, wenn keiner dran denkt, geschieht ein Wunder,
und ein Btich wird ein Sensationserfolg. Fast nie aus
formal-asthetischen, fast stets aus inhaltlichen Gninden. Es
trifft eine tBereitschaft des Publikums, von der dieses selbst
nichts wuBte und die nur hier und da ein kluger Lektor ahnt.
Dann erscheint das Buch, hebt die Bereitschaft ins Ober-
bewuBtsein, der Erfolg ist da.
So geschah es Hans Falladas drittem Roman MKleiner
Mann — was nun?'1 (erschienen bei Rowohlt, Berlin. Kartoniert
4,50; Leinen 5,50). Ein kleines Motiv und ein groBer Wurf.
Seitdem man von den Helden schlechthin auf die t,Helden
des Alltags" gekommen ist, hat sich das Gesicht des burger-
lichen Romans betrachtlich gewandelt. Allmahlich lieB man
den Helden iiberhaupt weg und hielt sich an den Alltag und
den Alltaglichen. Fontane hat das, im Rahmen des GroB-
burgerlichen, am Schonsten gekonnt, Spater kamen wieder die
Helden dran, aber die von unten, die Praleten. Und jetzt
sind wir beim Kleinbiirger.
Der Dichter Fallada hatte, als er ihn zu schildern unter-
nahm, die Moglichkeit, den Zusammenprall des alltaglichen
Menschen mit einem unalltaglichen Geschehnis zu schildern
und daran, wie viele vor ihm, den Ablauf einer ungewohn-
lichen Handlung zu schlieBen. Er verzichtete und beschrankte
sich auf die un drama tische Begegnung des alltaglichen Men-
schen mit dem ebenso alltaglichen Schicksal, eine Begegnung,
die heutzutage zur Zerreibung zu fiihren pflegt. Sein kleiner
Mann, Herr Johannes Pinneberg, ist Angestellter; ein Ver-
kaufer, der aus der Konfektion in die Futtermittelbranche ent-
^leist, aus der Kiistenkleinstadt nach Berlin verschlagen wird,
dort mit Hilfe' sanfter Schiebung in die Konfektion zuriick-
findet und nach Jahr und Tag das erwahnte uninteressante
und graBliche Allgemeinschicksal erleidet: Abbau, Arbeits-
losigkeit! Erwerbslosenunterstiitzuiig, Verelendung. Verheiratet
ist Pinneberg mit einer Arbeitertochter und fruheren Ver-
kauferin, einer resoluten und ungemein mutterlichen Weibs-
person die nichtsdestoweniger HLammchen" heifit, fur ihn
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„das Schonste und Bcstc auf der Welt'* bcdeutct und den
Hausstand durch einen ^Murkd" komplettiert. Und da Pinne-
berg nichts hat und nichts ist und seine Qualitat des guten
Verkaufers dank schikanoser Schicksalsschlage nicht mehr
verwerten kann, so bleibt ihm wenigstens etwas, der einzige
Trost des kleinen Mannes: ein tief bruthafter Familiehsinn,
der vom Blut in das sehr durchschnittliche Hirn reicht und ihn
aus alien ScheuBlichkeiten seines Lapperlebens immer wieder
hochreifit. Es gibt Leute, die das Pinneberg und seinem Dich-
ter gewaltig iibei1 genommen haben; von ihnen spater.
Zunachst muB gesagt werden, daB die ganze Pinneberg-
Lammchen-Murkel-Geschichte bezaubernd geschrieben ist,
nicht wie ein Roman, nicht wie ein Soziologiewerk, geschweige
wie eine Tendenzschrift sondern eben wie eine Geschichte
„aus dem Lebeii", der man dies zu Unrecht in MiBkredit ge-
ratene Charakteristikum getrost wieder als Lob anhangen
darf. Jedes Wort, jede Zeile in dem iBuch, sei sie beschrei-
bend oder dialogisch, ist von einer verbliiffenden Identitat mit
der Wirklichkeit, angefangen vom ersten Kapitel beim Frauen-
arzt iiber das Moblierte Zimmer-Elend und die verschiedenen
Verkauferposteri weg bis zu der erschutternden SchluBszene;
4a Pinneberg endlich auf das letzte Requisit der gehobeneti
Sozialstufe, den verdreckten Stehkragen, verzichtet hat und
deswegen durch einen aufmerksaraen Schupo vom Fenster des
Lebensmittelgeschaftes auf den Fahrdamm geschubst wird
und daran ja nun doch beinahe zugrunde geht . \ . Richtig,
goldrichtig jede winzige Episodenfigur des Buches, Pinnebergs
munter zweideutige Mama .samt gutmiitigem Liebhaber, Pinne-
bergs nach Klein- und GroBstadt so sehr verschiedene Kollegen
und Vorgesetzte, jede Geschaftsfrau, jede Krankenschwester,.
jeder Kneipenkellner. Da stehen Dinge, die man tausendmal
gehort hat und die grade in dem Zusammenhang, in den*
Fallada sie setzt, zum ersten Mai ihren Sinn deutlich zu
machen scheinen. MAlle Manner sind feige!" denkt Lamm-
chen mit Recht, aber nicht ctwa, weil beispielsweise ihr
Hannes sich weigert, eine Friihere abzuschutteln, sondern weif
er sich nicht traut, der Vermieterin die storend laute Ubir ins
eigne Zimmer zu bringen. Kaum je haben wir so gut wie hier
begrif f en, daB groBes Gliick und noch mehr groBes Ungliick
des Lebens aus den Kleinigkeiten kommen; gesagt hat man
es immer -^ gezeigt hat es wohl noch keiner so gut wie-
Fallada, Neuer Naturalismus? GewiB. Aber Naturalismus
ohne Schwarz-WeiB-Manier, ohne Tendenz, ohne in Worte ge-
faBte soziale Anklage. Da liegt, um es mit einem revorutio^
naren Titel auszudrucken, der Hund begraben.
Das Buch vom kleinen Mann hat ein merkwtirdiges
Schicksal gehabt. Es erschien, kaum gekiirzt, im Vorabdruck
in einer groBbtirgerlichen Zeitung und land hymnische Zustim-
mung der btirgerlichen Leser. Und da wurden die Linksleute
erst miBtrauisch und dann bose, sie werfen Fallada bitter vor,
daB er ein Lauer sei, sogar ein Abtriinniger, der aus der Auf-
deckung emporender Tatbestande nicht die einzig mogliche
revolutionare Konsequenz zoge sondern seinen unheldischen
Helden der Beschwichtigung durch kitschiges, wenn auch
794
&eine$wegs sattes, kleinburgerliches Familiengliick ausgeliefert
habe. ..-'■.
Diese Auffassung, die nichts beweist als die . Exist enz
parteipolitischer Scheuklappen bei ihrea Vcrfechtcrn, ist
immerhin so haufig, daB man Fa 11a da und seinen kleinen Mann
dagegen in Schutz nehmen muB, Selbst wenn wir, im Sinn des
klassenbewuBten Proletariats, jede kiinstlerische Wertung als
Gefahr eines iiberholten 1'art pour Fart-Standpunktes ausschal-
ien wollten, so bliebe immer noch ein soziologischer Tatsachen-
bericht, der einen ebenso dokumentarischen Wert hat wie die
Untersuchung Kracauers, aus der das diesem Artikel vorstehende
Motto entstammt. Wenn man den Versuch iiber die Angestell-
ten gelesen hat tind wenn man vor allem mit offenen Augen
und Ohren den kleinen Leuten des eignen Alltags gegeniiber-
tritt, so weiB man sehr gut, daB es eine betrachtliche Schicht
Von Kleinburgern gibt, die unter gar keinen Umstanden dem
Proletariat zugezahlt werden wollen und sich noch aufs
Verzweifeltste gegen die soziale Gleichsetzung wehren,
wrenn sie praktisch sie langst erlitten haben. Diese
Menschen kampfen wie Pinneberg gegen sadistische Vor-
jgesetzte und faule K und en, sie kampfen mit bureaukratischen
Krankenkassen und Wohlfahrtsamtern, sie sagen wie Pinne-
berg; Das nachste Mai wahle ich doch kommunistischl und ge-
nau wie Pinneberg lassen sie es sein oder tun es einmal und
mit schlechtem Gewissen, Die Pinnebergs haben keine Ten-
denz, keine Parteiinteressen und nicht so viel Sinn fiirs groBe
Ganze, daB er der Wichtigkeit ihres noch so nichtssagenden
Privatlebens gleichkame oder gar sie ubertrafe. Die Pinne-
bergs wollen,da sie das „geistige Obdach" verloren haben,
wenigstens ihre Ruhe, ihre Arbeit, bescheidenes, aber sicheres
Auskommen, eine ganz kleine Aufstiegsmoglichkeit, ein biB-
chen Natur- oder Kinoromantik, ihr Lammchen und ihren
MurkeL Die Pinnebergs sind keine klassenbewuBten Pro-
letarier und werden es auch niemals werden, Aber: sie
existieren. Sie existieren genau so gut wie ihre Widersacher
und sind genau so daseinsberechtigt. Sie werden nicht aus-
sterben, da sie unsterblict sind wie der menschliche Urtrieb
nach Beharrung und Sicherheit.
Wenn aber eine spatere Zeit einmal wissen will, wie diese
Menschenklasse zur Zeit der Weltwirtschaftskrise um 1930 be-
schaffen war: dann wird sie sich Falladas „Kleinen Mann" aus
der Staatsbibliothek holen.
*
K I eines Nachwori der Redaktion: Es ist anzunehmen, daB jenem
nachgeborenen Besucher der Staatsbibliothek am Ausleihschaltef der
iibliche Bescheid zukommen wird, Falladas Roman set noch beim
Buchbinder. Aber setzen wir selbst den giinstigsten Fall: ware einem
solchen WiBbegierigen nicht besser mit einer gut belegten Abhandlung,
mit Zahlenangaben, mit einer ganzlich undichterischen, aber von
alien wirklichen Angestellten, statt von einem erfundenen handeln-
den Reportage gedient, da ja nun einmal Fallada nur das Wirkliche,
den Tatbestand gibt und nicht das, was wohl auch noch unsre Nach-
fahren erwarten werden, wenn sie sich an einen Dichter statt an
einen Berichterstatter wenden; Sinn, Einordnung und Schicksals-
gestaltung?
3 795
Schiller fiber Kastner von Radon Amheim
In der Satire wird die Wirklichkeit als Mangel dem Ideal
als der hochsten Realitat gegemibergestellt. Es ist iibrigens gar
nicht notig, daB das letztere ausgesprochen werde, wenn der
Dichter es nur im Gemiit zu erwecken weifl; dies mufi er aber
schlechterdings, oder er wird gar nicbt poetisch wirken. Die
Wirklichkeit ist also hier ein notwendiges Objekt der Ab-
neigung; aber, worauf hier alles ankommt, diese Abneigung
selbst muB wieder notwendig au9 dem entgegenstehenden Ideal
entspringen.
In s ein em groBartigen Aufsatz iiber naive und sentimentalische
Dichtung, dem auch die obigen Satze entstammen, sagt
Schiller, die Dichter seien iiberall, schon ihrem Begriffe nachr
die Bewahrer der Natur. Wo sie das nicht ganz mehr sein
konnten, da traten sie entweder als Zeugen oder als Racher
der Natur auf. ,,Sie werden also entweder Natur sein, oder
sie werden die verlorene suchen/'
Gewisse Leute, die fur reichliche Schillerlekture in den
Schulen eintreten, weil sie sie aus Unbildung fur ungefahr-
Hcher halten als den „zersetzenden*' Geist moderner Schrift-
steller, verubeln es Erich Kastner, daB er sich zum Racher der
Natur macht, statt in jenen engumzirkten Schutzparks nach
ihr zu suchen, in denen sie sich noch — auf eine fur die iibrige
Welt recht unbezeichnende Weise — unverfalscht erhalten
hat. Sie verubeln ihm vor allem, daB er an diese Aufgabe mit
dem Handwerkszeug des lyrischen Dichters herangeht, denn
sie merken wohl, daB seine Verszeilen Schlagzeilen sind, die
sich im Gedachtnis hartnackiger einnisten als Prosa. Und sie
sagen, dafi er verabsaume, sich um das Gehob'ene und das
Schone zu bemuhen, weil sie namlich nicht wissen, daB es
keine bessere Gehobenheit gibt als die allgemeinguitige Ein-
sicht und keine bessere Schonheit als die Wahrheit. Es ist
eigentlich eine seltsame Zumutung, daB der Dichter das
Schone suchen solle, wo das HaBliche so nah liegt,
Bezeichnend, wie Schiller die Moglichkeit, „Zeuge" zu
sein, dem Dichter nur in bezug auf die Natur, nicht aber auck
in bezug auf die haBliche, unharmonische Wirklichkeit ein-
raumt. Hier verlangt er die Konfrontation mit dem Ideal, den
sentimentalischen, das heifit: den denkenden Dichter. Und so*
diirfen wir es Erich Kastner als Vorzug anrechnen, daB er nie-
mals bis iiber den Kopf im HaBlichen versinkt. Der Kopf
schaut immer heraus, und so gerat Kastner nie in die Ver-
suchung, das zu machen, was die Revolutionare in gerechtem
Abscheu MArmeleutekunst" nennen, Er klagt weder noch
schildert er. Er demonstriert Widerspriiche. Davon zeugen
sowohl die Themen wie der Stil seiner Gedichte.
Es ist zweckmaBig, den neuen Gedichtband ,,Gesang
zwischen den Stiihlen" (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart,
Berlin. Kartoniert 3,60; Leinen 5,75) rasch zu besprechen, ehe
ihn eine Kastnerverehrerin auf Nimmerwiedersehen ausborgt,
Kastnerbande sind untreu, und so tut man gut, diese Gedichte
auswendig zu lernen, was sich bei vielen von ihnen sowieso
empfiehlt und haufig auch ohne den Willen des Lesers ge-
schieht. Denn'wied^r enthalten die Gedichte manche Zeile, in
796
der irgendein groBerWiderspruch imsresLebens in einemschlicht
gesagten Paradoxon wie in ciner mathematischen Formel er-
starrt, Der Widerspruch zwischen Fortschritt und Riickschritt-
Iichkeit, zwischen Liebe und Untreue, zwischen Liebe zum Kind
undAbneigung gegen Ehefrauen, zwischen Kunst und Geldver-
dienen, zwischen Gemeinschaft und Einsamkeit, zwischen
Putz und HaBlichkeit — das sind die Themen der ersten sechs
Gedichte dieses Bandes, und es ware leicht, die Fonneln fur
die iibrigen aufzuzahien. Kastner bedient sich einer geschwin-
den und behenden Sprache, seine Verse klappen wie Ma-
schinenhebel, und grade daB in der Form alles so ver bluff end
klappt, gibt den kiinstlerisch fruchtbaren Gegensatz zum In-
halt dieser Gedichte, die von all dem handeln, was nicht
klappt. Die Diskrepanzen fangt er gem im Wortspiel, indem
er zeigt, wie ein einziges Wort — ebenso wie eine einzige
Welt — Gegensatzliches nebeneinander beherbergt, „Wer zu
verstehn beginnt, versteht nichts mehr." Und iiber einen Kur-
ort: „Hier nehmen alle ein. Sogar die Arzte.'* Fast immer
geht das iiber den Kalauer hinaus, und wenn man die gedruck-
ten und ungedruckten Gedichte der zahllosen Kastner-
Imitatoren priift, so merkt man sogleich, daB sie zwar die
Wortspiele und das geschwinde Reimen, nicht aber die un-
erbittliche, auch im Allgemeinsten eigenartige Hellsichtigkeit
zu kopieren verstehen.
Kastner macht die platten Attribute der Wirklichkeit zu
durchsichtigen Gedankentragern. Er erhebt sich nicht iiber
das, was er behandeln will, sondern steht von selbst dariiber,
Ich horte dieser Tage einige Vortrage von Nationalisten, die
mir die Abneigung der Deutschtiimler gegen Alltagsworter in
schonem Lichte zeigten. Die Herren erklarten, volkhaft
sei nicht popular, soldatisch sei nicht militarisch, Volk sei
nicht Publikum, Wert sei nicht Preis. Sie verachteten im
Fremdwort (wenn wir den Begriff einmal etwas weitherzig
verwenden) das Greifbare, Irdisclje, Praktische und hielten
sich an das feierlichere, deutsche Urwort, das keine un-
bequemen Erinnerungen an Nachpriifbares hervorruft. Gegen-
iiber diesem billigen Verzicht auf das FaBliche finden wir bei
Kastner eine Vorliebe fur den niichternen terminus technicus.
Er scheut sich weder vor „subkutan" noch vor MKlimakterium",
und von einem Ungliick sagt er: lfIch konnte die Annahme
schlecht verweigern'\ so daB das Schicksal wie ein Ein-
schreibebrief auf Dichter und Leser niederplatzt. Richtig
sicherlich, daB in der groBen Kunst das Dichterwort auch
ohne postalische und kommerzielle Reminiszenzen die Wirk-
lichkeit packt, aber gegeniiber der nichtssagenden Feierlich-
keit der iiblichen „Dichter" zeigt Kastners Sprache die mutige
Absicht, sich der Welt zur Kontrolle zu stellen. In seinen
Gedichten scheint der Mond, auch wenn er „im Landgericht
versinkt" statt hinter malerischen Biischen, und sein Zorn
wird nicht unfeierlich, wenn er ein Madchen „ein Stiick Mist"
nennt.
Erstaunlich ist Kastners Blick fur die tiefsinnige Anekdote,
Oft wahlt er wahre Geschichten, so jenen todlich verlaufenen
Handstand eines Herrn auf dem binger Loreleyfelsen — treff-
797
liches Symbol des Heldischen ohne Zweck, oder die Kinder,
die Hinrichtung spielen. Immer findet er Vorfalle, in denen
sich eine bestimmte Idee am reins ten zuspitzt oder spiegelt,
und recht gern verlaBt er bier die Wirklichkeit und dichtet
Legenden und Marchen. Kinderspiele hat er schon immer
gern erfunden, und so ist es nicht wunderbar, daB Kastner
unser beiiebtester neuer Kinderdichter geworden ist. Das
Kind ist ihm der naturlichste, von alien Vorurteilen, Kom-
plikationen und Denkschwierigkeiten des praktischen Be-
triebes unbelastete Vertreter des gesunden Menschenverstan-
des und der urspriinglichen Moral. Horen wir wieder Schiller:
„Wenn ein Vater seinem Kinde erzahlt, daB dieser oder jener
Mann vor Armut verschmachte und das Kind hingeht und dem
armen Mann seines Vaters Geldborse zutragt, so ist diese
Handlung naiv; denn die gesunde Natur handelte aus dem
Kinde, und in einer Welt, wo die gesunde Natur herrschte,
wtirde es vollkommen recht gehabt haben, so zu verfahren.
Es sieht bloB auf das Bediirfnis und auf das nachste Mittel,
es zu befriedigen; eine solche Ausdehnung des Eigentums-
rechts, wobei ein Teil der Mehschen zugrunde gehen kann,
ist in der bloBen Natur nicht gegriindet. Die Handlung des
Kindes ist also eine Besehamung der wirklichen Welt, und das
gesteht auch unser Herz durch das Wohlgefallen, welches es
iiber jene Handlung empfindet." Diese Worte konnten als
Motto iiber Kastners Kinderromanen stehen, deren dritter,
(,Der funfunddreiBigste Mai", soeben bei Williams & Co., Berlin-
Grunewald, erschienen ist. (Halbleinen 2,50 Mk.) Wahrend sich
derDichter inMEmilunddieDetektive" und ,,Punktchen und An-
ton" bei aller Lust am Fabulieren auf dem stabilen Trottoir der
GroBstadt hielt, schwingt er sich diesmal auf ein mit Rollschuhen
bewehrtes RoB namens Negro Kaballo und reist mit dem Jun-
gen Konrad und seinem Onkel Ringelhuth durch erstaunliche
Phantasiereiche. Das Buch steht in seiner Anmut und Erfin-
dungsfiille, in der lustigen Zuspitzung des Dialogs und in der
Weisheit der Begebenheiteri eigentlich noch iiber den beiden
ersten. Die Einfalle sind iibermiitig, aber nie erkliigelt son-,
dern in ihrer schlichten Sinnfalligkeit ganz kindlich, so der von
dem schwarz-weifl karierten Mulattenkind. Dabei phantasiert
Kastner nicht ins Blaue, denn das Fesselnde dieser unwirk-
lichen Geschichten liegt grade in der Wirklichkeit, die in
ihnen steckt; das Schlaraffenland zeigt den Widersinn des
Faulenzens* in der Ritterburg benehmen sich gepanzerte Feld-
herren von gestern, als seien sie uniformierte von heute, und
in der Automat ens tadt Elektropolis vollfuhrt die allmachtige
Elektrizitat plotzlich einen Staatsstreich und zerstort, was sie
geschaffen. Dabei ist das Lehrhafte und Moralische diesmal
viel unauffalliger als in den friiheren Biichern., Aber wer es
nicht horen will, der wird es ftihlen. Eine verkehrte Welt
wird gezeigt, auch in Bildern (die dem Zeichner Walter Trier
besbnders gut gelungen sind), und diese verkehrte Welt ist
der Versuch, die Verkehrtheiten der wirklichen ins rechte
Licht zu riicken. So lebhaft, so untheoretisch, so zeitlos zu
erzahlen und doch so klug und zeitgemaB, das macht so leicht
keiner nach,
798
Kastner beweist, daB er unbefangen, rechtlich und lach-
lustig wie ein Kind ist. Das kommt den Kindern, und das
kommt seinen Gedichten zugute. Wenn er seinen Gesang
zwischen den Stuhlen anstimmt, so liegt das nicht an seiner
Ungeschicklichkeit im Sitzen sondern an der seltsamen Kon-
struktion der StiihJe. Er sucht einen Sitz. Schiller, der, seiner
Zeit entsprechend, ein rousseauisch ruckwarts gewandter Re-
volutionar war, meinte, der sentimentalische Dichter suche die
verlorene Natur. Aber die Zukunft liegt nicht im Garten
Eden. Wer heute zwischen den Stuhlen sitzt, der sucht etwas,
was zwar nicht Natur ist, wohl aber mit ihr eine wichtige
Eigenschaft gemein hat: Sinn.
StehgeigerS Leiden von Erich KSstner
A ch( wie gern lag ich in meinem Bctte!
Nacht fur Nacht schlaft Hildegard allcin.
Wenn mein Fiedelbogen Zahne hatte,
sagte ich die Geige kurz und klein.
Keinen Abend weiB ich, was sie treibt.
Jeden Abend steh ich hier und spiele.
Ob sie, wie sie sagt, zu Hause bleibt?
Schlechte Frauen gibt es ziemlich viele,
GraBlich haut der Krause aufs Klavier.
Wie sie staunten, wenn ich plotzlich ginge!
Keine Angst, Herr Wirt, ich bleibe hier,
geige mir den Buckel schief und singe:
„Die deutschen Madchen sind die schonsten.
Hipp hipp hurra, hipp hipp hurra!
Denn bei den blonden deutschen Madchen
ist alles da, ist alles da!" .
Ich trau ihr nicht. Sie Ifigt. Ich habe Proben.
Ach, wenn sie lugt, sieht sie so ehrlich aus.
Wie im Gefangnis stehe ich hier oben,
Ich mufl verdienen und darf nicht nach Haua.
Eines Tages pack ich meine Geige,
£)enn sie ist mein einziges- Gepack.
Krause spielt Klavier. Ich aber steige
schnell vom Podium und laufe weg.
Und die Gaste und der Wirt und Krause
werden sehweigen, bis ich draufien bin,
Und dann seh ich: sie ist nicht zu Hause I
Und wo geh ich denn dann hin?
799
Oper und Oratorium
Der Vorrang der Oper von Felix stossinger
f"}ie Oper hat in den letzten Jahrcn die Offentlichkeit stark
*"^ beschaftigt. Aber es war nicht die Oper als Schaff ensform
sondern die Oper als Theater. , In diesen Auseinandersetzun-
gen haben die Opernfreunde, da sie mit den Motiven von
gestern fur eine Sache von morgen kampften, eine Schlacht
verier en: die Klempereroper. Aber den Feldzug haben sie ge-
wonnen, Obwohl Berlin nur noch iiber zwei Opera gegenuber
21 Sprech- und Operettenbiihnen verfiigt, stent die Oper un-
erwartet im Mittelpunkt des geistigen Lebens. Das Theater
des Dramas befindet sich in einem Niedergang, den niemand
mehr iibersehn kann, wahrend gleichzeitig das Theater der
Oper einen Aufstieg erlebt, der, und das ist das Entscheidende,
nicht bloB musikalisch sondern endlich auch geistig wesentlich
ist. Wahrend die Staatsoper noch immer ohne eine Fiihrung
ist,' deren Entschlossenheit sich jedem Besucher aufzwange,
geniigte bereits in der Stadtischen Oper der Giiicksfall, der
Karl Ebert mit dem Dirigenten Stiedry zusammengefiihrt hatt
um uns ahnen zu lassen, welcher Wirkung die Oper von
gestern auf den Menschen von heute tahig ist. Und schon spurt
man eine Zukunft der Mtisik auf der Opernbuhne, die ver-
schiittete und vergessene. Welten erweckt und das Schaffen
der Gegenwart zu einer Kraft macht, die iiber die Oper hin-
aus ins Allgemeinste und Gegenwartigste eingreift.
Der Niedergang des Theaters tritt regelmaBig dann eint
wenn der Dramatiker so schwach ist, daB sich der Schauspieler
sichtbar an die Rampe spielt. Die Dramatiker pflegen die
Schuld des Buhnenverfalls dem Mimentheater zu geben. Und
doch muB dieses zwangslaufig aufkommen, wenn das Dichter-
theater .versagt. Das Repertoire der dramatischen Buhne ist
nun einmal hinten und vorn zusammengebrochen, das klassische
Drama ist zunachst erledigt — womit ich nichts iiber seinen
Wert aussage sondern nur iiber seine heutige Funktion — und
das modern c Drama reicht mit seiner Wirkung seit Jahren nur
in seltenen Fallen iiber ein Spieljahr hinaus.
Die Situation der Oper ist dagegen vollig anders. Ihre
iiberragende Stellung gewinnt sie aus der Renaissance der alten
Produktion und aus der Bedeutung der neuen. Wahrend das
Drama seine altesten Provinzen verloren hat, hat die Oper sie
wiedergewonnen oder ist auf dem Wege dazu, Und wahrend
das neue Drama auf die Dauer grade den geistigen Menschen
durch seine Nichtigkeit abstoBt, hat die Oper eine Reihe we-
sentlicher Aufgaben ubernommen, vor denen der Dichter ver-
sagt hat.
Daruber hinaus fcii-llt die Oper einen Raum im Menschen
aus; der seit langem leersteht. Sie stellt ihn vor Gestalten, die
grofii sind durch ihre Musik, ihr Schicksal, durch die aus der
Musik geborene Unbedingtheit ihrer Entscheidungen. Wahrend
die Musik als solche den Menschen iiber den Tag hinausfuhrt,
hat ihm grade die Oper den. sozialen, den mpralischen und den
religiosen Inhalt seines heutigen und seines ewigen Lebens
800
in vielcn denkwiirdigen Gestaltungen gebo'ten. Von vielcn Sei-
ten her wuchs so die alte und die neue Oper zu einer Einheit
zusammen, die eine neue Ganzheit darstellt.
Das Erleben der Musik ist heute nur noch der Form nach
mit dem vor oder nach dem Kriege identisch. Ein Teil der
Musik, die damals fur ewig gait, hat schon Patina angesetzt.
Die Probleme von damals existieren nicht mehr. Eine neue
Menschheit hat sich ein neues Horen geschaffen. In der
Musik beherrscht wieder die melodische Linie den analytischen
Aufbau. Der Mensch und die von ihm ausgedriickten Dinge,
also der Gesang, stehen im Zentrum der Oper, wahrend die
Streitfragen von damals, Dissonanzen, MiBlaut, Orchester-
umfang, Fragen geworden sind, die niemand mehr ernsthaft
interessieren. Es kann nach der Aufhebung der Tonalitat kein
,,MiB"klang erfunden, keine Orchesterfiille gehauft werden, die
auch nur den gewohnlichen Dilettantenzuhorer beunruhigen
konnte. Man hat gelernt, alles zu horen, Es bedurfte auch
dieses Wegs durch die Auflosung der alten Klangwelt, um den
Riickweg zur melodischen Linie, zur geschlossenen Form, zum
Kammerorchester zu finden.
Unabhangig davon hat unter franzosischer Fiihrung die
Musik alle Gebiete zuruckerobert, die seit dem neunzehnten
Jahrhundert verloren gingen. Die gewaltige Musik des
Barock ist der tagliche Umgang der ganzen Musikwelt gewor-
den, ja sogar der Massen. In ihr erlebt der moderne Mensch
den Gesang der ewigen Ordnung, den Atem und den sicheren
Gang des Unendlichen. • Er bedarf dieser machtigen Versiche-
rung, wenn er in der Oper der folgenden Jahrhunderte das
Schicksal des Ganzen im Schicksal des Einzelmenschen er-
leben solL
Diese Renaissance des Musikerlebens hat ftir die Oper
Folgen gezeitigt, die noch uniibersehbar sind. Nach einer
Periode, die nur bei Wagner das musikalische Drama sah und
in alien andern Opernschopfern Vorlaufer, also Unvollkomme-
nes, oder Gegensatze, also Verwerfliches, steht uns jetzt eine
Welt offen, so groB wie noch keiner Oper vor uns, und doch
erst ein Teil dessen, was in den nachsten Jahren noch hinzu-
kommen durfte. Das Werk Wagners hat sich gewandelt, steht
aber als Ganzes unerschiittert da, Fiir viele ist es geistig ge-
wachsen, seitdem die wirklich modernen Dirigenten das
Orchester zu einem geschmeidigen, bei aller Gewalt herrlich
knappen Klangkorper gemeiBelt haben, iiber dem Gestalten
von oft niederschmetternder GroBe ihr Schicksal wortdeutlich
aussprechen. Die neue Qualitatsreihe stellt Tristan an die
Spitze, ihm folgt Siegfried, Gotterdammerung, dann der Hol-
lander. Wahrend Verdis Werk fruher fiir uns aus hochstens
sechs Repertoireopern bestand, sind ihm allein in den letzten
Jahren acht bis zehn zugewachsen, Wer darf sagen, daB die
Erweckung Verdis. beendet ist?
Aber wie Wagner ist auch Verdi erst heute grade durch
seine geistige Einheit zu einem Eriebnis geworden, das iiber
das musikalisch Schone hinausweist. Sein Werk hat moralisch,
national, sozial, philosoDhisch, reiigios Ausblicke gezeigt, von
801
seiner Musik in eine Ferae prbjiziert, aus der eine tiefe Bewe-
gung tins ergreift. Was wir an Verdi gelernt haben, beginnen
wir auf andre italjenische und franzosische Meister der melo-
dischen Oper zu iifcertragen. Bald werden Donizettis Lust-
spiele nicht mehr urn ihren Rang betteln miissen, und wenn
auch sicher politische Einfliisse die begonnene Renaissance der
franzosischen Spieloper behindert haben, so kann doch nichts
mehr die Entwicklung hemmen, Wir haben uns von der Dikta-
tur der symphonischen Musik des neunzehnten Jahrhunderts
freigemacht und einen Formsinn bekommen, der alien von
Wagner verdrangten Werken gerecht wird und ihm selbst auch.
Dank unsrer leidenschaftlichen Verbindung mit der Musik
des Barock, harren noch weiter riick warts neue Gebiete, der
Oper erschlossen zu werden, Leider hat sich hier das neue
Deutschland noch lange nicht bewahrt. Diesem Versagen ist
der Abbruch -der Renaissance Handels zuzuschreiben, die auf-
horte, kaum daB sie uns die iiberwaltigende Schonheit einiger
seiner Opern sehen lieB, Die Opernhorer sind doch noch
nicht so weit wie die des Konzertsaals, Eine andre Erklarung
gibt es nicht dafiir, daB heute Tausende stundenlang Schiitz
und Bach horen konnen, aber das Opernwerk der Monteverdi,
Handel, Rameau, Gluck, Lully fur sie noch nicht existieren
kann. Einer, der viel mehr mit dieser klassischen Linie zu-
sammenhangt als Wagner, der es beanspruchte, Berlioz, muBte
daran glauben, als die Wiedererweckung seiner delacroix-
haften Trojaner voriges Jahr miBlang,
Das neuste Opfer dieses Unverstandnisses ist der unsag-
bar schone ,,IdonieneoM Mozarts. Er schenkt Stunden einer
Erhebung, einer aristokratisch-tragischen Feierlichkeit, deren
gleichen sich selbst im Werk Mozarts, wie er selbst gewuBt
hat, nicht wieder findet. War Klemperers MCosi fan tutte"
der Anfang eines neuen Mozartstils, der kein Biscuitrokoko
mehr duldete, so war es ein Riickfall in eine Vergangenheit,
die langst entschwunden sein sollte, daB man die iiberflussigen
und klanglich beleidigenden Zusatze von Richard StrauB zum
f,Idomeneo'* zulieB. Und das in einer Zeit, die der alten Musik,
auch Mozart, gegeniiber auf den Urtext und die urspriingliche
Spielart zuruckgreift! Wallersteins dramaturgische Verbesse-
rung ist taktvoll und gut. Fur „Idomeneo" und „Titus" sind
die Zeiten nicht, wie man immer lesen muB, vorbei — sie
kommen erst,
Wie in der Oper uberhaupt, ist in der modernen Oper
der soziale Gedanke und dariiber hinaus die religiose Aus-
einandersetzung Gegenstand der Produktion. Wahrend bei
Weill und Hindemith das Soziale um seiner selbst willen dar-
gestellt wird, greift bei dem Krenek der „Zwingburg" das So-
ziale ins Religiose, bei dem „Wozzek" von Berg ins Damo-
nische iiber. Die einzige Gleichung zwischen Dostojewski und
der Biihne, so oft vom Dramatischen aus versucht, ist nur Leo§
Jana^ek im „Totenhaus" gelungen, wo die Musik uns das Er-
lebnis des Mitschuldigwerdens vermittelt. Die grofie Synthese
zwischen sozialer Anklage und religioser Gebundenheit fand
Darius Milhaud in Claudels „Columbus", zugleich eine drama-
tische Form des epischen Theaters wichtigster Art. Und
802
schlieBlich ist diese Mysterienoper nur cine a rid re Form von
dem, was Strawinskij entschlossen zu seinem Opera- Oratorio
,, Oedipus Rex" getrieben hat: die Uberwindung des Dramas
durch den Bericht und die Vision,
Wie sehr alle geistigen Probleme der Dichtung, auch die
ungelosten, in die Musik eindringen, zeigt die netie Entwick-
lung des Chorwerks. Edmund Nick hat Gedichte von Erich Kast-
ner, Hanns Eisler hat Texte von Brecht zu sozialen Kantaten
umgewandelt, Hindemith hat aus einer philosophischen Dich-
tung Benns „Das Unaufhorliche" ein weltliches Oratorium ge-
schaffen, Karl Salomon aus dem „Ton" von Arno Nadel ein
religioses. Die Aufgaben, die durch die Oper nicht mehr losbar
sind, drangen also auf andre' Weise in die Musik. Programm-
musik im alten Sinn ist ej-ledigt. Eine neue Synth ese der ab-
soluten, nur Bewegungsgesetzen gehorchenden Musik mit dem
Wort und dem Geist wird frisch ergriffen. Und da iiberall
der Hang besteht, aus der nur fur die Elite gemachten Musik
herauszukommen, pflanzen sich alle diese Bestrebungen in
Schulopern, Lehrspielen, Laienspielmusiken fort, ja sie sind
mit ihnen identisch.
Die neue Oper, die neue Musik — sie ist ein ideologischer
Oberbau ube'r den Kampfen dieser Tage, uberraschend reich,
vielteilig, vieltonig. Und da nicht die materiellen Bedingungen
die geistigen Form en und nicht die geistigen die materiellen,
sondern allein ihre Wechselwirkung die Welt neu gestaltet, ist
die Neugestaltung der Musik nicht nur eine Folge unsrer ver-
anderten Welt sondern auch eins der Mittel zur Gestaltung
des neuen Lebens.
*
Oratorium heute von Arnold Walter
Matiirlich ist sie nicht von Bach, diese uns durch, seine Hand-
schrift iiberlieferte Lukaspassion, die Carl Orff in der ber-
liner Volksbiihne zum Klingen brachte; die primitive Homo-
phonie des Choralsatzes, die konventionellen Imitationen der
Turbae, die italienisierenden Arien uberzeugen einen bei der
Auffiihrungaugenblicksdavon; nach dem Vorbild der alteren
mitteldeutschen Passionen gearbeitet, ist sie stilistisch ein Werk
des ausgehenden siebzehnten Jahrhunderts, warm immer sie
auch niedergeschrieben worden sein mag. Sie im Hinblick auf
die spatere Entwicklung der Gattung als unvollkommen zu
etikettieren und abzutun (das ganze musikhistorische Abstrak-
tionsverfahren), sagte iiber das Werk selbst wenig aus. Wie
jede Passion, bindet es kiinstlerische und auBerkiinstlerische
Krafte, enthalt es Liturgisches und Musikalisches, Darstellungs-
willen und geistige Architektur, Empfindungsrealismus und
asthetische Reflexion. Gerade seine Schlichtheit aber begiin-
stigt den Versuch, Zusammen- und Gegeneinanderwirken die-
ser werkgestaltenden Krafte in der Darstellung deutlich zu
machen, statt um der Musik willen alles andre vollig zu ver-
nachlassigen. Erinnern wir uns der landlaufigen Passionsauf-
fiihrungen! Mag der musikalische Qualitats- und Intensitats-
unterschied noch so groB sein, darin gleichen sie sich wie ein
803
Ei dem andern; daB sic zum biblischen Vorwurf kcin Verhalt-
nis mehr haben, auf rein artistischer Ebenc ablaufen; und daB
sie sich, das ist nur cine Folge davon, der nivellierenden Kon-
zertform unterordnen, statt eine eigne auszubilden oder zu be-
wahren.
Dies wird einem blitzartig deutlich, erlebt man ein Werk
dieser Art auBerhalb des Konzertrahmens und in lebendiger
Verbindung mit der Liturgie. Was geschah denn da viel in der
Volksbiihne? Dunkler Zuschauerraum, schwach beleuchtete
Biihne; der Evangelist an einem Kanzelpult; in einer Art
Kirchen- oder Gerichtsbank Christus, Petrus, Pilatus; die Tur-
bae hinter den Solisten, der Choralchor links und rechts,
Holzschnittprojektionen — alles sicherlich mehr Andeutung und
Symbol des Szenischen als Szene selber. Dem innem Sinn der
Auffuhrung nach ging es freilich nicht so sehr um kluge Kon-
traste musikalischer Formen als um Wort, Bild, Gleichnis der
Schrift und ihre Wirkung auf die durch den Choralchor in die
Darstellung einbezogerie Gemeinde, Der Evangelist, Christus
— in erster Linie waren sie nicht Sanger, Tenor und Bariton
mit siiBer Kantilene: plastischer Berichterstatter der eine und
Apologet des Worts, gleichnishaftes Altarbild der andre. Die
Chorale endlich waren als starke und heftige Reaktionen
einer realistischen Gemeinde begriffen.
So war die Liturgie in ihre Rechte wieder eingesetzt, das
Konzert uberwunden, die eigne Form bewahrt, das Epische und
Dramatische plastisch unterschieden; war die Musik in funktio-
nale Abhangigkeit verwiesen, was sief da sie ja so entstanden
war, eher starkte als schwachte. Das Kraftespiel zwischen
Liturgischem und Artistischem deutlich zu machen, eine innige
Verbindung von Wort und Ton zu schaf f en, der Musik den Rah-
men zuriickzugeben, aus dem sie zu Unrecht gelost wurde —
dies wird man bei alien Passionen beobachten konnen und
mussen: hier liegt das Zukunftsweisende von Orffs Versuch.
Nicht etwa, um nach dem Rezept dieser Auffuhrung zu verfah-
ren, sondern nur, um die immer wieder vcrschiedenen Krafte-
beziehungen zur Grundlage immer anderer Interpretations-
visionen zu machen. Das wird schon historisch richtiger sein
als die einseitige Obersteigerung des Musikalischen.
Erstaunlich, ja verbluffend war die innere Verwandtschaft
dieses Reproduktionsstils mit manchen fruchtbaren Stromun-
gen unsrer Zeit: das epische Theater, der grofie und der kleine
Chor, der Erzahler, Spiegelung der Vorgange in anonymer Ge-
meinschaft, Zweckhaftigkeit der kiinstlerischen Mittel — wem
fiele da nicht die ,tBurgschaft", die ,,Geschichte vom Soldaten"
ein! Kein Wunder, daB dies Zusammenklingen gestaltenden und
nachgestaltenden Wollens nicht einem auf Stilreinheit bedach-
ten griibelnden Historiker sondern dem erstaunlichen Instinkt
eines produktiven Musikers gelang: Carl Orff, der nicht nur
durch das ,,Schulwerk" bekannt geworden ist, das vollig neue
und originelle rhythmische Erziehung versucht, ganzen Schlag-
zeugorchestern die faszinierendsten Wirkungen entlockt und zu
Chorimprovisatibnen anregt; auch kostliche Chore nach Catull,
Werfel, Bert Brecht verdanken wir ihm. Hoffentlich werden
auch diese in Berlin bald zu horen sein,
804
Geburtenregelung Mannessache!
von Walther v. Hollander
Wenn jemand etwas Neues, Radikales sagt, so soil man iha
anhoren, auch wenn seine Behauptungen zunachst verbliiffend
und unbewiesen sind. Was Walther v. Hollander hier vertritt,
wird nicht unkommentiert bleiben. Die tWeItbuhne* will dem-
nachst XuBerungen zum Thema von mafigebender Seite bringen,
r\ie Frage der Na'chkommenschaft liegt genau im Schnittpunkt des
Personlichen und des Sozialen. Sie ist die einzige Frage, an der
jeder Mensch mittelbar oder unmittelbar interessiert ist und zumeist
sowohl unmittelbar wie mittelbar, als Individuum also und als Mit-
glied der Gemeinschaft.
Diese Tatsache allein erklart es schon, daB der Kampf um dea
Paragraphen 218 jederzeit fahig ist, eine Volksbewegung zu entfachen,
in der der Staatsbegriff, der Individualbegriff, der Kollektivbegriff
und der Begriff der sozialen Verantwortung umgeschmolzen werden
konnte. Sie erklart es aber auch, daB diese Bewegung fur und wider
die Freiheit des Einzelnen, fur und wider den Eingriff des Staates
in das Leben der Familie, fur und wider den Eingriff des Einzelnen
in den Ablauf des Naturvorganges ist, daB sie mit so verschiedenen
Zielen und von so verschiedenen Ausgangspunkten aus gefiihrt wird.
Darum konnen die einen in der Bewegung gegen den § 218 fur die
Freiheit des Einzelnen kampfen, andre fur die Befreiung einer Klasse
vom sozialen Druck, die einen gegen die Oberspannung des Kollektiv-
begriffs und die andern fur die Planwirtschaft in der Menschen-
produktion.
Das geht alles auf natiirliche Welse in die gleiche Volksbewegung
hinein. Aber es macht die Bewegung nicht klarer. Es macht sie
nicht kraftiger, Es macht, daB die Wirrkopfe mitmachen konnen. Es
macht, daB die Politiker in dieser wichtigen Sache nicht nach der
Einsicht entscheiden sondern nach bestimmten Parteigesichtspunkten.
Es macht, daB halbgare wissenschaftliche Begriffe wie Eugenik, Rasse,
soziale Indikation von Halbwissern hin- und hergeschoben werden
und daB wissenschaftlich Unabweisbares — wie die Frage, ob Schwan-
gerschaft oder Schwangerschaftsunterbrechung, im Ganzen betrachtet,
die Frau mehr schadigt, oder die Frage, ob dieses oder jenes Mittel
gegen Empfangnis schadlich oder unschadlich ist — bald so, bald so
wissenschaftlich entschieden wird.
Heute ist noch Ketzerei, was morgen endlich selbstverstandlich
sein wird: daB jede soziale Frage in eine individuelle mtindet und
letztlich naturlicherweise nur vom Individuum zu losen ist (ein nicht
umkehrbarer Satz; denn es gibt zahlreiche Individualfragen, die nicht
im Sozialen munden). Die Verwirrung um den § 218 kann auch erst
geordnet werden, wenn man zunachst die Frage von all em staatlichen
und sozialen Beiwerk lost und sie auf die Ursprunge, auf die Men-
schen, zuruckfiihrt. Man wird sehr bald sehn, daB mit der Ordnumf
bei den Menschen die staatliche und soziale Ordnung sicherlich
leichter durchzufuhren ist als jetzt, da man beim sozialen Organismus
anfangt.
Zuvor muB noch gesagt werden, daB bisher der Staat immer noch
Verwirrung gestiftet hat, wenn er Dinge beiohlen hat, die er weder
805
iiberwachen noch in ihren Konsequenzen verantworten kann, wenn er
durch Vorschriften zu erseizen sucht, was er an Erziehung nicht zu
geben vermag. Vom Standpunkt der Staatsraison aus kann man also
nur fur die Abschaffung des § 218 sein. Vom Standpunkt der Be-
volkerungspolitik aber, vom Standpunkt der Sozialpolitik kann man
unter der Herrschaft der Maschine nur fur eine Verminderung der
Bevolkerung sein. Selbst vom Standpunkt der imperialistischen
Machtpolitik spricht im Zeitalter des Maschinenkrieges nichts mehr
fur die grdfite Zabl von Kindern. Und die beruhmte Frage nach der
Qualitat der Spatgeborenen, unter denen sich verstandlicherweise
einige Genies befunden haben, aber klarerweise aucb ein* Heer von
unerwunschten, freudlosen, schlecht erzogenen und ernahrten Kindern,
diese beruhmte Frage ist bis jetzt keine Frage der Wissenschaft son-
dern eine Frage des Glaubens. Wer glaubt, daS Genies durch Zufall
in die Welt geblasen werden und unter anderm Zufallswind nicbt
hineingekommen waren, der muB fur die paar Eventualgenies den
ganzen Haufen der tatsachlichen Zufallskinder in Kauf nehmen. Der
mtifi fur die qualitatslose Zufallsproduktion von Menschen sein.
Wir andern glauben, dafi durch den Glauben an den Zufall, das
Beugen unter den Zufall und das Hinnehmen des Zufalligen in der
Frage der Nachkommenschaft die Rasse sicher nicht verbessert wird.
Soweit das Allgemeine, aus dem der Einzelne schon genug Lehren
fiir sich ziehn konnte. Fur die einzelne Ehe liegt es nun so, dafi der
Mann der Suggestion der Gesetzgebung erliegt und die Sorge, ob
Kinder kommen oder nicht, in der Mehrzahl der Falle der Frau iiber-
lafit. Daher konnte es auch kommen, daB die Verhutungsmittel, die
vom Mann gebraucht werden, immer mehr in den Hintergrund treten
und daB die Verhutungsmittel fur die Frau in der Forschung und in
der chemischen Industrie die Hauptrolle spielen. So konnte es auch
kommen, dafi nach Versagen dleser Mittel die Frage der Abtreibung
und damit der Kampf urn den § 218 so in den Vordergrund treten
konnte.
Die primare Frage ist: wie bringt man dem Mann bei, daB er
allein die Verantwortung hat fur die Frage der Zeugung oder Nicht-
zeugung? Wie schiebt man also die Verantwortung dem Verantwort-
lichen zu?
Logisch betrachtet liegt die Sache so einfach wie moglich. Warum
soil man das Ubel beseitigen, wenni es schon seinen Lauf genommen
hat, da man es an der Quelle beseitigen kann. Naturlich betrachtet
liegt es aber so, dafi die Angst aller Frauen uberflussig ist, die Sor-
gen aller Manner uberflussig, die chemischen Mittel uberflussig und
naturlich die Abtreibung mit allem Elend ebenso uberflussig wie die
ungewunschten Kinder^ wenn ...
Ja, wenn eine einzige winzige Sache erfullt wird. ' Wenn der
Mann erzogen wird. Wenn der Mann, der sich so gern als der Be-
schutzer und der tlberlegene aufspielt, endlich lernt, auf diesem einen
Gebiete wenigstens der Fuhrer zu sein, wo alles von ihm abhangt.
Wir sind nicht naturlich genug erzogen, um uber diese natur-
lichen Dinge mit natiirlichen Worten zu reden, Darum kann hier nur
so viel gesagt werden, daB ein riesiges Wissensmaterial vorliegt uber
die Beherrschung der sexuellen Vorgange durch den Mann. Die
806
Ethnologen und die Erforsclier fruherer Kultureri, die Kulturhisto-
riker der Primitivstufen berichten alle gleichmaBig, daB von den
mannbaren jungen Mannern in vielerlei Obungen und Erprobungen
die absolute Beherrschung des Sexualvorganges verlangt wird, ehe es
ihnen gestattet ist, sich der Frau zu nahern, und daB nirgends, wo
die Promiskuitat herrscht oder der vorehelicbe Geschlechtsverkehr,
die Frage der unerwiinschten Nachkommenschaft eine Rolle spielt
Man weiB nicht recht, wozu unsre Ethnologen und Kulturhisto-
riker leben und gelebt haben, und man kriegt einen recbt geringen
Begriff vom Nutzen der Wissenschaft, wenn man siebt, dafl die An-
wendung dieses Wissens, die Anwendung aller Forscherresultate ein-
fach fehlt, fehlt auf einem Gebiete, wo Millionen ohne dieses Wissen
in die scbrecklicbsten Verwicklungen, in die f urchtbarsten . Note
kommen. Ja, die allermeisten jungen Menschen, deren Gedanken
und Wunsche vielfach ausscbliefilich um diese Dinge kreisen, wissen
nicbt einmal, daB es die Sicherheit gibt, daB sie von jedem norma I -
sinnigen Menscben, der ein biBchen seine Krafte und Sinne in Zucht
nehmen kann, ohne weiteres erlernt werden kann, wenn er nur den
Willen dazu hat.
Notwendig ist zur Erlernung dieser Beherrschung der Sexualvor-
gange (die naturlich nicht nur die Frage von Kind oder (1Nicht-Kind"
sondern die Frage' nach Befriedigung und Unbefriedigung im Ge-
schlechtlichen mitlost), notwendig ist zunachst ein gewisser Einblick
in die allgemeinen biologischen Vorgange und das Einfuhlen in die
personliche Veranlagung. Notwendig ist das sorgfaltige Selbststudium
und das Training des Willens und der Gedanken. Es handelt sicb
darum, den ProzeB ganz und gar aus dem gewohnten Tempo, das
durch Gier, Uberreizung, Unsicherheit bestimmt wird, herauszulosen
und in die Ruhe, in die absolute Entspanntheit, die heitere Gelassen-
heit und Ergriffenheit himiberzuleiten.
Die Volker, die von Liebesdingen etwas verstehen, wissen jeden- »
falls, daB man zur Liebe sehr viel Zeit haben muB. Schon diese Tat-
sache muB die Liebesdinge aus dem Bereiche des jetzigen Barbaris-
mus, der jetzigen Wahllosigkeit und Unbeherrschtheit herausfuhren,
wahrend es fiir jemanden, der die wahre Liebe, die ' wirkliche Liebes-
kunst einmal kennen gelernt hat, eine Ruckkehr zu den beute fib-
lichen barbarischen Formen nicht mehr geben kann. Um MiBver-
standnissen vorzubeugen: Es handelt sich nicht um die gewaltsame
Unterbrechung, vor der von den Medizinem mit Recht gewarnt wird,
sondern um die Tatsache, daB die sexuellen Funktionen des Mannes
zweifach und mit ganz verschiedenem Ergebnis eingeschaltet werden
. konnen:
Erstens namlich in die Bahn des „Laisser faire, laisser aller", und
dann ist man dem ausgesetzt, was tles", das heiBt die Zeugungskraft
mit einem macht Das ist das GewBhnliche, das Verhalten, zu dem
es keiner Erziehung bedarf und das so auBerordentlich viel Ungluck
iiber die Menschen bringt.
Zweitens aber kann der Mann es lernen, dem ersten Ansturm
durch vorsichtiges Einspielen zu begegnen und kann danach dem
weiteren Ablauf beliebige Dauer und beliebige Intensitat geben. Man
hat von einem bestimmten Augenblick an die Macht iiber den Ablauf,
807v
Das Vorhandensein der zweiten Moglichkeit ist den meisten
Mannern in Europa unbekannt. In Amerika wird sie unter der Be-
zeichnung „Carezza" vielfach miBbraucht und miBverstanden (und es
ist also nicht Carezza, was hier gemeint ist, sondern nur etwas im
Ansatz Ahnliches, im Verlauf vollig Verschiedenes). Die genaue
Analyse dieser Methode kann hier nicht gegeben werden, und da sie
ohne die Selbsterprobung und Selbsterforschung vom Einzelnen her
nicht benutzt werden kann, soil sie auch nicht gegeben werden. Fur
dieses erste Mai genugt es, zu sagen, daB ein Weg zur Beherrschung,
zu einer ganz natiirlichen Beherrschung existiert, und! daB jeder ihn
finden kann, der die notige Selbstbeobachtung und Selbsterziehung
aufwenden will.
Alle diese Tatsachen und die Tatsache dazu, daB mit dieser Art
von Liebe die Unbefriedigung ebenso aus der Welt verschwindet wie
die Wahllosigkeit, weil schon die Zeitdauer der Vereinigung die
Wahl eines ungelicbten Partners nahezu unmoglich macht . , . das
alles sind in unserm Zusammenhang nur unwichtige Nebendinge. Die
Hauptsache bleibt, daB bei dieser Art von Vereinigung der Mann die
Beherrschung der Zeugungssafte ubt und lernt. Der Liebeskunstl'er
hat es, ganz und gar in der Hand, ob er ein Kind zeugen will
oder nicht.
Jeder Mann kann das lernen, und wenn man konnen muB, was
man konnen kann, so muB jeder Mann das lernen. Die Mediziner-
schaft wird hierdurch aufgefordert, diese langst geloste, Jahrtausende
lang schon geloste Frage in jene wissenschaftlichen Formeln einzu-
kleiden, die dem heutigen Menschen leichter eingehn als die Tatsache,
daB von vielen Menschen zu vielen Zeiten und in vielen Gegenden
der Welt so gelebt wird. Es wird dann vielleicht gelingen, auch jene
Worte zu finden, jene Oberzeugungskraft, die es moglich macht, das
Wissen von diesen wichtigsten Dingen ohne weiteres auf andre Men-
schen. zu ubertragen,
Damit ware der Streit um den § 218 dorthiri zuriickgefuhrt, wo-
hin er gehort: auf den Mann. Der Mann hat die Verantwortung, weil
er die Moglichkeit der Beherrschung hat. Inwiefern die Frau die
gleichen Moglichkeiten hat, weiU ich nicht. Manche alte Kulturen
behaupten es, und alle Wahrscheinlichkeit spricht dafiir. Darum
sollen sich die Frauen kummern. Klarf daB in dieser Selbsterziehung
ein groBer Teil der Gesamterziehung enthalten ist. Klar, dafi wenn
man hierin das Schicksal beherrscht, man es auch anderswo besiegen
kann. Klar, daB die sozialen Fragen von dieser Individualerziehung
aus zu einem Teil mitgelost sind und klar endlich, daB mit dieser
Beherrschung erst der Anfang der ganzen Weisheit der Liebe und
der Weisheit des Schopferischen tiberhaupt gelehrt ist.
Aber es ist wenigstens ein Anfang gemacht. Eine Verantwortung
eindeutig bestimmt und eine Basis geschaffen, auf der sich alle ver-
standigen konnen, denen tiberhaupt an einer Erziehung des Menschen-
geschlechtes gelegen istt in unserm Fall also Sozialisten, Kommu-
nisten, Glaubige aller Religionen. Und die Unglaubigen konnen so-
gar auch ihr Teil lernen:! namlich, daB die Macht des Menschen
wpit«»r reicht. als er selbst ahnt.
808
Erkiarung
Das Reichsfinanzministerium hat den Herausgeber der
,Weltbiihne\ Carl v. Ossietzky, und den Schriftsteller T. H.
Tetens wegen Beamtenbeleidigung verklagt. Der Anklage liegen
die in den Heften 5 und 13 dieses Jahres erschienenen Artikel
„System Reemtsma" und lfReemtsma kauft" zugrunde, Der fur
den 22. November angesetzte Verhandlungstermin wurde auf
unbestimmte Zeit vertagt. Carl v. Ossietzky bat dem Gericht
die nachstehende Erkiarung zugestellt:
Die beiden unter Anklage stehenden Artikel der ,Welt-
buhne* vom 2, Februar 1932 und 29. Marz 1932 beruhen auf
gutglaubig entgegengenommenem Material
Als die Richtigkeit des Materials bezweifelt wurde, habe
ich noch vor der Erhebung der Anklage meinen langjahrigen
Verteidiger, Herrn Rechtsanwalt Doktor Apfel beauftragt, das
gesamte Material durchzupriifen. Das Ergebnis dieser viel-
monatigen Priifung liegt dem Gericht und mir vor. Das Gut-
achten bestatigt meines Eracbtens einwandfrei, daB die Vor-
wtirfe, die Gegenstand des Strafverfahrens bildent unbegriindet
sind. Ich nehme daher die gegen das Reichsfinanzministerium
und feegen die Herren Ministerialdirektor Ernst und President
Schroder erhobenen Vorwiirfe mit dem Ausdruck des Be-
dauerns zuriick.
Berlin-Tegel, den 21. November 1932
gez. Carl v. Ossietzky
Wochenschau des Rfickschritts
— Der (Kampfruf, das Organ der kommunistischen Arbeiter-
Union, wurde auf sechs Monate; ,Die Rote Fackel', eine Zeitschrift
der KPD, auf drei Monate, alle sozialdemokratischen Organe im
Rheinland und in Westfalen ftir fiinf Tage; ,Der Funke', die Tages-
zeitung des ISK, bis zum 18. Dezember; die ,AIZ* auf zwei Wochen
verboten; die Rotationsmaschine, auf der die ,Rote Fahne'
gedruckt wird, wurde nur unter der Bedingung freigegeben,
dafl die Druckerei ein Verzeichnis aller ihr zum Druck vorgelegten
Schriften fiihrt, es jederzeit zur Einsicht der Polizei bereithalt und
der Polizei von jeder Druckschrift drei Exemplare zustellt; die Klage
des ,Vorwarts'-Verlags gegen den Reichskommissar Bracht auf Zah-
lung der Insertionsgebuhren fur die Auflagenachricht zum ohlauer
ReichsbannerprozeG, „wegen MiBbrauchs der offentlichen Gewalt",
ist abgelehnt worden. Seit Marz dieses Jahres wurden in Preuften
400 Zeitungsyerbote erlassen. i
— Professor Bondi, der als Gutachter in verschiedenen Prozessen
vernichtende Kritik an dem Fursorge-Erziehungssystem geubt hat, ist
von der thiiringischen Regierung seiner Stellung als Direktor des Ju-
gendgefangnisses in Eisenach zum 31. Dezember enthoben worden.
Landgerichtsdirektor Franke, der durch seine reformerischen Schriften
auf dem gleichen Gebiete bekannt geworden ist, ist vom Jugendgericht
an eine Kammer fur Mietsstreitigkeiten versetzt worden.
— Egon Erwin Kisch wurde von den osterreichischen Regierung
die Einreiseerlaubnis verweigert. Die Auffiihrung von Bruckners
„Krankheit der Jugend" wurde in Budapest und Prag verboten.
Wochenschau des Fortschritts
— r Gestrichen.
809
Bemerkungen
Des Kaisers neue Welder
A us unsrer Kinderzcit kennen
wir das Marchen Andersens,
in dem ein Schneider beauftragt
wird, fur den Kaiser . Kleider an-
zufertigen. Der Schneider fertigt
sie nicht an; der Kaiser bleibt
unbekleidet. Als der Minister
aber erklart, wie schon des Kai-
sers Kleider seien, glaubt man
allerseits, die Kleidung des Kai-
sers zu erkennen, his ein Kind
laut losschreit: „Der Kaiser ist
doch nackt."
Wenige Monate sind es her, da
glaubte die ehemalige Papenregie-
rung zu erkennen, daB in der
Weltwirtschaft das Tief der Krise
erreicht sei und daB es nur noch
notwendig sei, der deutschen
Wirtschaft einen starken StoB zu
geben, damit sie im AnschluB an
die Konjunkturbelebung des Welt-
kapitalismus selber wieder auf-
wartskomme, Der groBte Teil der
Presse machte diesen Optimismus
mit. Wenn man aber die „nack-
ten" Tatsachen betrachtete, er-
gaben sie schon damals kemen
Raum fur Papens Optimismus.
Wenn in der Weltwirtschaft das
Tief der Krise bereits erreicht
ware, dann miiBten Produk-
tion und AuBenhandelszahlen
steigen, auf der andern Seite
die Arbeitslosenzahlen zuriick-
gehen. Aber der WeltauBen-
handel verharrt auf seinem Tief-
stand, die Produktionszahlen wei-
sen hier und da mal eine leichte
Belebung auf, bleiben aber im
groBen und ganzen so gering wie
vordem, und auch die Weltarbeits-
losigkeit zeigt durchaus keine
Besserung, Die Hoffnungen, die
man auf das zeitweilige Ansteigen
der Rohstoffpreise gesetzt hat,
sind auch wieder zuschanden ge-
worden. Nach der Verkiindung
von Papens Wirtschaftsprogramm
sind sogar zahlreiche Rohstott-
preise wieder rticklaufig gewor-
den. So sieht es im Weltkapita-
1 ism us aus. und im deutschen Ka-
pitalismus durchaus nicht besser.
1,5 bis- 2 Millionen Arbeitslose
sollten nach dem Programm durch
die Milliardenbetrage, die man
den Unternehmern zur Verfugung
stellte, wieder in den Produktions- '
prozeB eingestellt werden. Schon
heute, nachdem immerhin ein
Vierteljahr seit dieser Notverord-
nung vergangen ist, kann man
feststellen, daB die Tatsachen
diesen Teil des Programms als
Illusion enthullen.
Nach dem letzten Bericht der
Reichsanstalt ist die Zahl derf Ar-
beitslosen wiederum um reichlich
150000 gestiegen, und wenn diese
winterliche Steigerung hinter der
der vergangenen Jahre zuruck-
bleibt, so vor allem darum, weil
infolge des katastrophalen Stan-
dee der gesamten Finanzen die
Bautatigkeit bereits im Sommer
minimal war, die Arbeitslosigkeit
unter den Bauarbeitern riesen-
groB, so daB auf diesem Gebiet
im Winter nicht mehr eine grofle
weitere Steigerung eintreten
konnte.
Das Krisentief ist weder im
WeltkapLtalismus noch in Deutsch-
land erreicht, Auf der andern
Seite — das ist ja nach den vielen
Jahren der Krise nur zu verstaiiid-
lich — hat sich das Tempo in der
weiteren Vers char fung der Krise
etwas verlangsamt, Und es ist
nicht zuletzt die Verlangsamung
des wirtschaft lichen Abstiegs, die
auf dem politischen Gebiet die
Machte der alten Reaktion ver-
. anlaBte, explosionsartige poli-
tische Erschutterungeri moglichst
zu vermeiden.
Weder ist ein schneller wirt-
schaftlicher Anstieg in nacbster
RUDOLF FRANK
GEORG LICHEY
MUller & I. Kiepenheuer, Potsdam
810
DER SCHADEL DES
NE6ERHAUPTLIN6S
MAKAUA
Kriegsroman fur die junge Generation
Kart. RM. 2,85 Ln. RM. 3,80
Zeit zu er war ten noch eine steil
gerichtete Abwartskurve der
Wirtschaft — sondern die Ana-
lyse der Tatsachen zeigt als
wirtschaftliche Pefspektive fur
die nachste Zeit ein Verharren au!
dem bisherigen Tiefstand der Pro-
duktion bei. eirier weitereri Steige-
rung der Erwerbslosenzahlen, wie
sie sich aus der Jahreszeit ergibt.
Thomas Tarn
1st das Saargebiet deutsch?
T Tm es gleich vorweg zu sagen:
^ Diese Frage soil hier von der
Handwerksburschenperspektive aus
beantwortet werden, Es steht je-
dem irei, sich daruber zu ent-
riisten. Sie wird gestellt, obwohl
die Saarbevolkerung und die saar-
landische Presse sie oft genug
heftig bejaht haben.
Wie steht es denn im Saargebiet
mit der Fiirsorge fiir mittellose
Wanderer, wie sie von deutschen
Gemeinden selbst unter groBten
Opfern allgemein geubt wird und
bestimmt nicht das unwesentlichste
Merkmal des Deutschtums ist?
Soziale GroCtaten haben die deut-
schen Stadte mit dem Ausbau der
Wandererftirsorge geleistet Wenn
heute mittellose Wanderer in
Asylen ubernachten, die, wie in
Mannheim, Wiesbaden, Dresden
und anderswo, an Sauberkeit und
Behaglichkeit mit jedem mo-
dernen Sanatorium wetteifern
konnen, so geschieht das gewiB
nicht, um arbeitsscheuen Vaga-
bunden das Leben zu verschdnern,
sondern aus der Erkenntnis, dafl
das gewaltige Heer der arbeits-
losen Wanderer aus hilfswurdigen
Volksgenossen besteht und nicht
aus asozialen Elementen.
Zu dieser Erkenntnis ist die
Saarbevolkerung noch nicht ge-
langt. Es gibt im Saargebiet fast
keine Gemeinde, die Durchreisen-
den. wenigstens fur eine Nacht
eine menschenwurdige Unterkunft
gewahrt, dem muden, hungrigen
Wanderer einen Teller Suppe
oder ein Stuck Brot bietet. Der
deutsche Handwerksbursche ist ein
Fremder im Saargebiet.
Als nach der Rheinlandrauimung
die von Franzosen benutzten
Wohnungen desinfiziert werden
muBten, wurde diese Tatsache
nirgends in so uberheblichem
Ton breitgetreten wie in der saar-
landischen Presse, Etwa so :
„Franz6sische Kultur!*' Aber da-
mals gab und noch heute gibt es
zum Beispiel in Homburg a, Saar
fiir mittellose Durchreisende keine
andre stadtische Ob er nacht ungs-
gelegenheit als eine Arrestzelle
bei der Polizei im Rathaus, in der
das Ungeziefer auf den Holzprit-
schen Felddienstiibungen abhalt,
Mit welchem Recht diinkt sich da
die Kultur der Saarlander besser
als die der Franzosen?
„Saarbrucken nicht vergessen",
mahnt das Fremdenwerbeplakat
der Landeshauptstadt. Wer ein-
mal in ihrem Asyl hat ubernach-
ten miissen, wird diese Mahnung
beherzigen. Es ist das Musterbei-
spiel eines Asyls, wie es nicht
sein soil. Zwei matiig groBe
Raume mit Holzpritschen und ver-
gitterten Fenstern. Das ist alles,
was die Stadt den Heimatlosen
bietet, Aber auch den Einheimi-
$£e6en Sie:
Broschiert RM 4, Ganzleinen RM 6
J)ie neunte
Symphonic
Das ganze Buch schwingt von Poesie und Musik
EDEN/VERLAG / BERLIN W62
811
in Kiinstlerroman
schen. Denn hier nachtigen mehr
Saarbriicker als Handwerksbur-
schen, Es mag fur jene immcr-
hin trostlich sein zu wis sen,
daB wenigstens das Oberhaupt
ihrer Vaterstadt keine Not leidet.
Bezieht doch der Oberburger-
mcister Saarbriickens mehr Gehalt
als ein preufiischcr Minister, Der
Mehrzahl der deutschen Stadte
geht es erheblich schlechter als
Saarbrucken. Trotzdem geben sie
nicht unerhebliche Summe'n fur
die menschenwiirdige Unterbrin-
gung ibrer Obdachlosen aus.
Zu den besten Eigenschaften
einer deutschen sozialen Kommu-
nalwirtschaft aber gehort die
Sorge fiir die Gesundheit der Be-
volkerung. Die Bekampfung an-
steckender Krankheiten und der
Ansteckungsgefahr. In Bous, einer
auch ,, deutschen" Gemeinde des
Saargebiets, sind im Rathauskeller
zwei vor Schmutz nur so starrende
Betten fiir Durchreisende vorhan-
den. Wer nur einigermafien emp-
fanglich ist, holt sich da jene
Hautkrankheit, die unter dem
schlichten Namen Kratze angeb-
lich nur bei kulturell niedrig-
stehenden Volkern vorzukommen
pflegt. Oben beraten die Stadt-
vater uber das Wohlergehen der
Einwohner, und unten fuhrt der
Ortspolizist ahnungslose Wande-
rer zum Gemeindenachtlager, wo
sie hochste Gefahr laufen, sich
mit dieser ansteckenden Krank-
heit zu infizieren. Diese Vor-
stellung entbehrt nicht einer bit-
teren Ironie. Die Kratze unter
Polizeiaufsicht.
Die Verbundenheit des Saarge-
biets mit dem Reich ist eine
schone Phrase, die nichts kostet.
Umgekehrt aber kostet dem Reich
diese Verbundenheit sehr viel.
Ohne die enormen Reichszuschusse
ware zum Beispiel die Saarknapp-
schaft gar nicht in der Lage, die
Renten auszuzahlen. Tauseude
von Witwen und Waisen, Kiriip-
peln und Invaliden wurden ohne
diese Hilfe der Wohlfahrtspflege
zur Last fallen. Der Ausbau der
Wandererfiirsorge im Saargebiet
wiirde nur einen Bruchteil der
durch die Reichshilfe ersparten
Summen erfordern. Wann wird
man sich zu dieser Ausgabe ent-
schlieCen? Wann wird das Saar-
gebiet deutsch?
Artur Enskat
Saturnalien der Ubermudung
jUTein langjahriger Freund, Herr
^** Zivildbmpteur Hans Glenk,
hat neulich an dieser Stelle den
manischen Stumpfsinn und viehi-
schen Unfug des Sechstagetretens
gekennzeichnet, Und hat zugleich
der gelehrten Seelenforschung die
Aufgabe gestellt, herauszufinden,
worauf denn eigentlich die ma-
gische Anziehungskraft dieses so-
genannten Sports beruhe.
Eine authentische Erklaruhg
haben vor kurzem die Rennfahrer
selbst geliefert. Es war von der
berliner Sportpresse der gemein-
schaf tliche Vorschlag gemacht
worden, die Sechstageleute in den
ohnehin toten Vormittagsstunden
schlafen zu lassen, das Rennen
also von 6 bis 12 regelmafiig aus-
zusetzen. Die Berufsfahrer-Or-
ganisation hat diese vorge-
schlagene Ruhepause nach man-
chem Hin und Her abgelehnt, mit
der recht aufschluBreichen Be-
griindung, dafi doch grade die
auBergewohnliche Beanspruchung
und Leistung der Fahrer fiir das
300000 km PRO SIK.
MIT DR. UBERALL
RM 4.90
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Ein Buch, daB
sich viel, vlel spannender liest
als eln Roman. Ostmarken-Rundfunk.
WILLIAMS & Co. YERLAO BERLIN-ORUNEWALD
812
Publikum der Sechstagerennen
Voraussetzung sei, Es wolic eben
sehen, wie die enorme Er-
schopfung iiberwunden werde.
Die Akteurc und Veranstalter
solcher Saturnalien der t)ber-
mtidung scheinen sich wenigstens
nicht dariiber zu tauschen, dafi sie
ihre Popularitat wie ibre Ein-
kiinfte der perversen Lust an
einer widernatiirlichen Tortur,
an einer SelbstmiBhandlung
verdanken. Merkwiirdig nur,
daB man noch, immer nicht dazu
iibergegangen ist( den hollischen
Reiz dieser ubernachtigen Orgie
folgerichtig dadurch zu steigern,
daB man die Fahrer noch weite-
ren und starkeren Harten, Qualen,
ZerreiBproben unterwirft, Dafi
man also nicht endlich dazu iiber-
gegangen ist, statt Paare lieber
Einzelne start en zu lassen, die
nun wirklich tagelang nicht vom
Rade herunterkommen, DaB man
ihre sportliche Leistung nicht
multipliziert, indem man sie durch
ein strikte durchgefuhrtes Sechs-
tagehungern erganzt. Wenn es den
Wert des Rennens und die Be-
geisterung der Sportfreunde min-
derte, daB die Fahrer ihre
Kprper durch Ausruhen in einen
leistungsfahigeren Zustand ver-
setzen, so mufi logischerweise jede
kunstvolle Zermiirbung der Arena -
helden die Kostlichkeit der ganzen
Veranstaltung wundersam heben.
Ein weites Feld fur eine genieBe-
rische Phantasie!
Willi Wolfradt
Schon wieder Herr Zischka!
In Nummer45 der .Weltbiihne* ist
* iiber einen Herrn Zischka be-
richtet worden, der Larissa ReiB-
ners aus iriiheren Jahren stam-
mende Reportage iiber MiB-
stande und Schwierigkeiten in
Sowj etruBland zu Hetzartikeln
gegen das heutige RuBland ver-
wendete, indem er teils abschrieb,
teils nacherzahlte. Nun veroffent-
lichte die pariser Wochenschrift
,Voila* eine Reportagenserie „Le
Diable en 1932", Diese Reportage
ist keine sondern ein grobes
Plagiat und stellenweise eine
skrupellose Falschung. Der Her-
ausgeber der Zeitschrift hat, als
er davon erfuhr, die Serie abge-
brochen, ^
Verfasser? Anton E. Zischka.
„Der Teufel im Jahre 1932"' ta-
handelt Erscheinungen deS Irratio-
nalen und Wunderbaren in den
verschiedenen europaischen Lan-
dern. Zum weitaus groBten Teile
ist diese Reportage eine Zusam-
stellung und Obersetzung wesent-
licher Stellen aus der vor eiriigen
Monaten im Ernst Rowoblt-Ver-
lage erschienenen Sammlung ,,Das
Wunderbare oder die Verzauber-
ten. Propheten in deutscher
Krise", Anton E. Zischkas Repor-
tage beginnti mit Berichten iiber
das Wunderbare in Rumanien.
Von ihnen konnen wir nicht be-
haupten, daB sie Plagiate sind;
aber vielleicht fehlt uhs dazu nur
die einschlagige Literatur. Genau
dasselbe gilt fur die Teile der
Reportage, die England und
Frankreich behandeln,
Spricht Zischka aber iiber das
Wunderbare in Deutschland und
Oesterreich, so ist das eines der
diimmsten Plagiate, die man
kennt. Alles was er sagt, hat er
aus dem deutschen Buch zusam-
mengeklaubt. Die Satze wurden
nicht geandert, spezifisch deutsche
Witze mitiibersetzt, und seitenlang
wird einfach abgeschrieben. Dann
kurzt er und kondensiert, flickt
H. LOFTING
OOKTOR DOUTTLE
AUF DEM MONO
RM 4.50
o©
L.»**°
**s<*1
****1
WILLIAMS ft Co. VERLACI MRLIN.QRUNEWALD
Das relzendste
und rflhrendste Kinderbuch!
8 Uhr-Abendblatt
zusammen und setzt von Zeit zu
Xeit ein HIch"f urn den Leser
glauben zu machen, er selber habe
das alles gesehen, und er be-
richte nur Selbsterlebtes.
Gleich im * ersten Artikel, in
dem Zischka von Weifienberg er-
zahli, beginnt das Plagiat. Was
Zischka schreibt, kann man in dem
Buck ,Das Wunderbare* auf
Seite ,22 bis 34 wortlich wieder-
f inden. Auf Seite 22 schreibt
Rudolf Olden: MDie Predigerin
heifit Grete Muller, und so sieht
sie auch aus/* Seelenruhig
schreibt Zischka ab: „Elle
s'appelle Grete Muller , . . et son
physique correspond bien a son
nom."
Am schlimmsten sieht der Ar-
tikel aus, den Zischka iiber
Oesterreich geschrieben hat. Hier
ist jeder Satz aus dem deutschen
Text gestohlen, Auf Seite 99 des
deutschen Buches- schreibt Kal-
mar: „Als Adam , von: dem ver-
bptenen Baum aC, hat die
Menschheit das Paradies verloren.
Sie mufite auf den pensionierten
Postbeamten . Karl Schappeller
warten, damit er es ihr zuriick-
gewinne." Zischka: „Lorsque
Adam mangea le fruit defendu,
Thumanit^ perdit le paradis ter-
restre et elle dut attendre Tem-
ploye retraite des postes Karl
Schappeller pour quil le lui
restitue/' Und so geht das fort.
In der deutschen Sammlung be-
richtet A. H. Zeiz uber flDie Ok-
kultisten", Er spricht von Pro-
fessor Schroder und schreibt (auf
Seite 257): t,Und dann erzahlt
Professor Schroder folgende selt-
same Geschichte." Zischka berich-
tet ebenfalls von Professor Schro-
der und schreibt: (fpuis il me (!)
raconte cette etrange histoire."
Die Geschichte, die folgt, ist bei
A. H. Zeiz gekneipt,
Ein letztes Beispiel. Auf Seite
264 bis 271 wird fiber den Hell-
seher Moecke gesprochen, Zischka
faCt diese Seiten zusammen und
ubertragt die wesentlichen Stellen
wortwortlich ins Franzosische.
Anton E. Zischka, den ,Voila'
bei Erscheinen dieser Reportage
noch einen „grofien internationa-
len Reporter" nannte, hat allein
im letzten Halbjahr Reportagen
iiber Sudamerika, uber Rufiland,
iiber Japan-China veroffentlicht,
Reportagen, die alle hochstwahr-
scheinlich aus demselben Holz ge-
schnitzt waren wie ,Der Teufel im
Jahre 1932*, namlich aus fremdem
Holz.
Hinweise der Redaktion
Berlin
Bund GeUHger Berufe. Dienstag 20 00. Caf6 Wittelsbach, Bayrischer Platz : Welt-
anschauung und moderne Wissenschaft, A. Bolgar. — Freitag 20.00. Restaurant Kottler,
Motzstr. 69 : Theorie des Nationals ozialismus, Johann Jager.
Gruppe Revolutionarer Pazifisten. Donnerstag 20.00. Cafe Adler am Donfa off platz
{Kommandantenstr. 84). Wissenschaftlicher Ausspracheabend : Stalin und Trotzki.
Diskussionsleitung : Kurt Hiller.
lndividualpsychologische Gruppe. Montag (5. 12.) 20.00. Klubhaus am Knie, Berliner
Strafle 27: Erziehung der Erzieher, Doktor Brandt.
Staatliche Kunstbibliothek, Prinz Albrecbtstr.: A. Renger-Fatzsch : Landschaft- und
Portratphotos.
Hamburg
Kollektiv Hamburger Scbauspieler: Wir sehen hell. Donnerstag 20.00 im Colosseum
Hoheluftchaussee. Freitag, Sonnabend und Sonntag 20.00 im Volksheim Barmbeck,
Marschnerstr. 36.
Bficher
Axel Eggebrecht: Junge Madchen. Dietrich Reimer, Berlin.
Else Lasker-Schuler; Arthur Aronymus. Ernst Rowohlt* Berlin.
Robert Neumann: Unter falscher Flagge. Paul Zsolnay, Wien.
ioachim Ringelnatz: Die Flasche und mit ihr auf Reisen. Ernst Rowohlt, Berlin,
.eo Trotzki: Geschichte der russischen Revolution. Oktoberrevolution, S. Fischer, Berlin.
Rundfunk
Dienatag. Konigswusterhausen 18.30: Das heutige RuBIand und die Welt, Nikolaus
Feinberg. — Hamburg 21.00: Gerrit Engelke. — Mittwoch. Berlin 19.10: Martin
Buber liest. — Donnerstag. Frankfurt 18.25: Film auf Papier, Rudolf Arnheim und
Friedrich Raff. — Leipzig 21.10: Wedekinds K5ni£ Nicolo. — Sonnabend. Konigs-
wusterhausen 18.05: Neue SchaUplatten, Felix Stossinger.
8*4
Antworten
Deutsche Zeitung, Du verlangst, man solle „Hellmut v. Gerlach
einsperren, bis er wenigstens die franzosische Gesetzgebung mit ihren
Bestimmungen uber die militarische Jugendausbildung auswendig
weifl". Hellmut v. Gerlach ist sehr geruhrt uber die Milde der ihm
auf erlegten Strafe. Da namlich die franzosische Gesetzgebung solche
Bestimmungen uberhaupt nicht enthalt, diirfte er zum Auswendiglernen
nicht allzuviel Zeit brauchen. Fur deine Redaktion haben wir einen
Gegenvorschlag: sie solange einzusperren, bis sie den Unterschied
zwischen Gesetzesvorlage und Gesetz kapiert hat! In der Tat ist nam-
lich 1928 der franzosischen Kammer eine Vorlage iiber militarische
Jugendausbildung zugegangen. Sie ist jedoch nie verhandelt oder gar
angenommen worden sondern spurlos in der Versenkung ver-
schwunden.
Musiker. Sie haben vollig recht, auf den bald zur Entscheidung
kommenden auBerordentlich wichtigen ProzeB hinzuweisen, den die
Gema gegen die ,BBZ' beziehungsweise ihren Musikreferenten einer
Buchkritik wegen angestrengt hat, in der auf die Gema-Methoden der
Verwertung musikalischer Auffuhrungsrechte in einer Weise hinge-
wiesen wurde, durch die sie sich gekrankt glaubt. Nicht nur die Mu-
siker selbst, die ganze Offentlichkeit, die schlieBlich als Musikver-
braucher die Gel der zahlen mu6, die hier zur Verteilung gelangen, hat
ein unzweifelhaftes Recht zu erfahren, wie es derm eigentlich mit
jenem Schatzungsverfahren bestellt sei, gegen das immer und immer
wieder von den verschiedensten Seiten her Stimmen Iaut werden; hat
ein Interesse daran, daB das Gericht auf die in den Schriftsatzen
niedergelegten Beweisstticke der Beklagten eingehe und sich nicht
etwa mit der formal juristischen Erwagung zufrieden gebe, ob eine Be-
leidigung als solche vorhanden sei oder nicht. Mehr noch: der Klage-
rin selbst nuifite an vollkommenster Klarung des Tatbestandes liegen,
denn nicht darauf kommt es an, die Presse mundtot zu machen, son-
dern darauf, sie in aller Gffentlichkeit zu uberzeugen. Die Gesell-
schaft aber ist anscheinend noch weit davon entfernt, dies einzusehen:
Sie leistet sich selbst einen schlechten Dienst, wenn sie — wie es in
dem ProzeB gelegentlich eines Vergleichsversuchs tatsachlich der Fall
war — das Ansinnen stellt, der Referent (beziehungsweise das Blatt)
sollten sich verpflichten, in Zukunft alle auf die Gema bezuglichen
Artikel ihrer Zensur zu unterstellen, das heiBt, iht vor der Veroffent-
lichung vorzulegen! Es isi nur selbstverstandlich, daB diese Forde-
rung als nicht akzeptabel zuruckgewiesen wurde, daB der Vergleich
scheitern muBte. Was nun aber weiter? Was niitzt es, was kann es
der Gema in den Augen der Offentlichkeit nutzen, wenn sie sachliche
Artikel unerwidert laBt, urn sich ein paar scharferen Wendungen
gegeniibef feierlich in Positur zu werfen? Was ware schon-damit be-
wiesen, wenn einer eine Sache wirklich beim (formal juristisch) un-
richtigen Namen genannt hatte? Nicht auf den Namen und Wendun-
gen, auf die Sache kommt es an, nicht um Beleidigungen geht es hier
sondern um Vert retb ark eit oder Unvertretbarkeit, Haltbarkeit oder
Unhaltbarkeit eines Systems.
Centralverein Deutscher Staatsbiirger Jiidischen Glaubens.
Rechtsanwalt Litteh hat in Nummer 43 der .Weltbuhne iiber ein Tele-
phongesprach berichtet, das er mit einem Ihrer Herren iiber den Ront-
genstraBe-ProzeB gefiihrt hatte. Sie verwahren sich in einem Schrei-
beri) an uns gegen die Auslegung, die Hans Litten dem Gesprach in
unserm Blatt gegeben hat, und stellen fest, daB lediglich in Ihrer
Absicht lag zu erfahren, „ob etwa in den Schriftsatzen irgendwelche
antisemitischen Momente zum Ausdruck gekommen seien", weil Sie
es als Ihre Pflicht ansahen, gegen antisemitische Angriffe, die in die-
sem Zusammenhang hatten fallen konnen, da der Hauptangeklagte
Calm Jude war, gewappnet zu sein. Die Bemerkung, Calm sei aus
815
dem Judentum ausgetreten, sei nur nebenbei gefallen, nicht aber in
der Absicht, Calm vom Judentum zu distanzieren.
Berliner Theaterircunde. Die HMauseialle" klappt ihre Tiir wie-
der auf. Wer von euch diese wichtige Auffiihrung der „Truppe 1931"
nicht gesehen hat, der begebe sich stehenden FuBes ins Renaissance-
Theater. Wenn eine Schauspielertruppe die Aufgabe (ibernimmt,
neues statt populares Theater zu machen, ist es eure Pflicht zu be-
weisen(1 dafi' solche Arbeit nicht ins Blaue hinein geleistet wird son-
dern ein Publikum hat.
Frankfurter Rezensent. Zu unsern Artikeln iiber Buchkritik ein
schones Beispiel; Am vorigen Sonntag erschien im Literaturblatt der
frankfurter Zeitung' unter dem Motto: „Jeder kann seine eigne
Meinung haben, aber manche verdient Prugel" eine ebenso ausfiihr-
liche wie vernichtende Besprechung eines Kritiken-Sammelbandes
von Emanuel bin Gorion. Der Kritisierte wird unbefugt, unertraglich
unwiss«nd, unverschamt, ahnungslos genannt. Schon. Aber Litera-
turkritiken eben dieses bin Gorion hat dieselbe .Frankfurter Zeitung'
an ehrenvollster Stelle gebracht, ja manches aus dem, sicherlich mit
Recht, geschmahten Sammelband stand zuerst in der Frankfurter in,
so die ausfiihrliche Kritik iiber Feuchtwangers „Erfolg" und, aus
einem friiheren Band, die iiber Ludwigs „Menschensohn". Was\ also
liegt vor? Hat die Zeitung Ihre Meinung iiber Ihren Kritiker ge-
andert? Identifiziert sie sich mit dem vefnichtenden Urteil iiber
sein Urteil? Halt sie es mit den Verrissen oder mit demVerreiBer
des Herrn bin Gorion? Es wird nicht, gesagt. Und den Frankfur-
tern bleibt nur iibrig, sich zu wundern.
,Deutscher Vorwarts.' Du hattest geschrieben, wenn Gumbel
ins Amt zuriickkehrte, werde ,,allerlei passieren". Wir hatten dich
ersucht, etwas deutlicher zu werden und zu sagen, wem was passieren
wiirde. Deine Antwort konnten wir uns vorher denken: du kneifst!
Indem du schreibst, du habest keine Veranlassung, ,,die pazifistischen
Herren aus ihrer Angst zu befreien", Armer Narr! Die „pazi-
fistischen Herren" haben keine Angst, weil sie genau wissen, dafi
Leute deines Schlages keine Helden sondern nur Maulhelden sind.
Wer Angst hat, das bist nur du, teutscher Vorwarts. Du hast sie vor
den Gerichten. Darum wagst du nicht, deine unbestimmten Drohun-
gen zu pirazisieren.
Stahlhelm. Jetzt endlich haben wir eingesehen, dafi der frei-
willige Arbeitsdienst doch seine sehr gute Seite hat, Du hast deinen
freiwilligen Arbeitsdienst im Schlofihof in Altenburg ein Denkmal fur
Herzog Ernst I. von Sachsen-Altenburg errichten lassen, offenbar,
um einem tiefgefiihlten Bedurfnis abzuhelfen. Wir kennen all er dings
die grofien Verdienste dieses Herzogs nicht. Aber welcher Monarch
eines noch so kleinen Landes verdiente nicht sein Denkmal!
F. H,f Charlottenburg. Sie schreiben uns: „Ein junges Paar be-
sprach mit dem Kiister einer hiesigen Kirche die Trauung. Der
Kiister erkundigte sich diskret, von welcher Partei der Pfarrer sein
solle — man habe einen Nationalsozialisten, einen Demokraten, einen
Sozialdemokraten und einen Kommunisten zur Verfiigung. Das junge
Paar geriet in Verlegenheit. Es war namlich parteilos. Einen partei-
losen- Pfarrer aber hatte die Gemeinde nicht auf Lager."
Manuskripte sind nur an die Redaktion der WeltbGhne, Charlottenburg* Kantstr. 152, zu
richten; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonst keine Rucksendung erf ol gen kann.
fan Falle hoherer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Anspruvh auf Nachlieferung
oder Erstattung des entsprechenden Entgelts.
Das AuHUhrungsrecht, die Verwertung von Titeln u. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechanische wiedergabe aller Art und die Verwertung im Rahmen von RadiovortrSgen
bleiben fur alle in der Weltbflhne erscheinenden Beitrage ausdracklich vorbehalten.
Die Weltbuhne wurde begrimdet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet. — Verantwortlich : Walther Karsch, Berlin.
Verlag der Weltbuhne, Siegfried Jacobsohn & Co., Cbarlotienourg.
Telephon: CI, Steinplatz 7757. — Postscheckkonto: Berlin 11958.
Bankkontot Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
XXVIII. Jabrgang 6. Dezember 1932 Nnmmer 49
MilltarherrSChaft von Hellmut v. Gerlacta
VV/enn jemand, so hatte Herr v. Papen AnlaB gehabt, dem
Niveau seiner Leistungen entsprechend still und leise vom
Schauplatz abzutreten.
Statt dessen tritt er groBspurig mit einer Kundgebung vor
das Volk, um die groBen mid leeren Worte zu wiederholen, die
den fast einzigen positiven Inhalt seiner Amtstatigkeit dar-
gesteilt haben. Er sonnt sich noch einmal in der Erinnerung
an seinen Kampf um autoritare Staatsfiihrung gegen Partei-
herrschaft.
Autoritare Staatsfiihrung! Was sie bedeutet, haben die
letzten drei Wochen mit erfreulicher Deutlichkeit gezeigt. Die
ganz auf Reaktion eingestellte .Deutsche Zeitung' faBte am
30. November ihr Urteil in dem einen Satz zusammen;
Der offentliche Zustand Deutsch lands hat, seitdcm das Kabinett
Papen seine Entla&sung eingereicht hat, eine Ent wick lung genommen,
die nicht anders als chaotisch bezeichnet werden kann.
Wenn die autoritare Staatsfiihrung zum Chaos fiihrt —
kanns die Parteiherrschaft Schlimmeres bringen? Einen Kom-
parativ von Chaos kennt wohl auch die (Deutsche Zeitung'
nicht.
Kein Politiker hat je daran gezweifelt, daB das Kabinett
Papen eigentlich ein Kabinett Schleicher war. Als die danische
Zeitung .Politiken' Herrn v. Schleicher nach seinem Eintritt in
das Kabinett Papen interviewen lieB, sagte der danische Jour-
nalist zu ihm: ,,Man sagt, Sie seien die Seele dieses Kabinetts."
Worauf Schleicher:
Die Seele? Nein! Vielleicht sein Wille!
War er in der Tat, wofiir er sich selbst ansah, der Wille
des Kabinetts Papen, so ist er verantwortlich fur alles, was
dieses Ungliickskabinett gewollt und nicht gekonnt hat.
Auch einem politischen Gegner und grade ihm gegeniiber
soil man gerecht zu sein versuchen. So belastend fiir Schlei-
cher seine Zugehorigkeit zum Kabinett Papen ist, auch er hat
Anspruch darauf, nicht mit Dialektik erledigt, sondern mit fair
play empfangen zu werden. Man braucht nicht in die hym-
nischen Tone gewisser Blatter zu verfailen, die noch vor nicht
allzu langer Zeit sich demokratisch nannten, Aber eine ge-
wisse Karenzzeit mufi man jedem zubilligen, der zum ersten-
mal auf einen verantwortlichen politischen Posten tritt. Es
konnte doch sein, daB das Amt auch einmal Einsicht gibt.
Ein auslandischer Gesandter erzahlte mir;
Man spricht so oft von Schleicher als von einer Sphinx oder gar
von einer Napoleonsnatur. Neulich war ich in angeregter Gesellschaft
mit ihm zusammen. Schleicher war der namentlich von den Damen
umringte Mittelpunkt. Er spriihte. Von Verschlossenheit keine Spur,
im Gegenteil, eine fast uberwaltigende Offenherzigkeit oder wenig-
stens scheinbare Offenherzigkeit. Was er alles gesagt hat! Eigent-
1 817
lich hatte ich gleich danach meiner Regierung tausend WorU chiffriert
telegraphieren miis9©n. Ich habe gar nicht telegraphiert. Denn —
grade bei offenherzigen oder scheinbar offenherzigen Staatsmannern
weiB man nic, welche ibrer Worte von der Absicht getragen sind, zu
einem bestimmtcn Zweck weitcr v«rbreitet zu werden,;
Politisierende Generate sind ein Malheur, politische Gene-
rale fast immer ein Ungliick.
Was ist Schleicher?
Seitdem er 1919 als Major Referent fur Politik im Reichs-
wehrministerium wurde, hat er sich viel mit Politik befaftt
Manchmal sogar sehr gliicklich, wenigstens fur seine eigne
Person. Freiherr Kurt v. Reibnitz gibt in seinem soeben ver-
offentlichten Buch („Im Dreieck Schleicher-Hitler-Hindenburg",
Carl ReiBner-Verlag) ein recht aufschluBreiches Beispiel;
Immer war es eine Forderung der Linken gewesen, zur
Kontrolle der Militarpolitik des Reichswehrministeriums einen
parlamentarischen Staatssekretar einzusetzen. Als die Wah-
len von 1928 der Linken die Mebrheit gebracht hatten, schien
die; Gefahr akut, daB die alte und wahrhaftig begrundete For-
derung durchgesetzt werde. Fiir alle Offiziere war der Ge-
danke einer Zivilkontrolle ein Greuel. Besonders emport dar-
iiber war Herr v, Hindenburg. Die Moglichkeit einer Prasi-
dentschaftskrise zo,g herauf. Da schaltete sich Schleicher ein,
Er suggerierte Groener die Idee der Schaffung des MMinister-
amtes*', das nicht der Leitung der Reichswehr, sondern dem
Minister direkt (also einem Zivilisten) unterstand. Das war
naturlich nur eine Scheinkonzession an den Reichstag. Aber
er gab sich damit zufrieden. Er war ja immer so bescheiden,
als «r noch etwas zu sagen hatte.
Chef des Ministeramtes wurde der damalige Oberst
v. Schleicher. Er hatte einen gewaltigen Schritt nach vorn
in seiner politischen Karriere getan. Von nun an war der
Chef der Heeresleitung politisch kaltgestellt. Herr v. Schlei-
cher aber gewann die ihm so wichtig scheinenden Beziehungen
zum Reichstag und zu anderen einfluBreichen Korperschaften.
Seine Beziehungen zum Reichsprasidentenpalais brauchte
er nicht mehr zu verbessern. Sie waren immer glanzend ge-
wesen. Hatte er doch seine erste Offizierszeit in demselben
dritten Garderegiment zu FuB verbracht, in dem einst Herr
Paul v. Hindenburg und spater d ess en Sohn und Adjutant ge-
dient hatten. Zugehorigkeit zu demselben Offizierkorps aber
stellt ein mindestens ebenso engesr Band her wie Zugehorigkeit
zul demselben studentischen Korps.
Im Fruhjahr 1932 war es so weit, daB Herr v. Schleicher
seines Chefs Groener Nachfolger werden konnte. Niemand
wird zu schreiben wagen, daB er ihn verdrangt habe. Wir
haben eine Pressenotverord'ming. Der Chronist dar£ nur fest-
stellen, daB, als Groener stiirzte, Schleicher ihn ersetzte.
Schon ehe Schleicher Minister war, gait er als, Minister-
macher. Briining set von ihm ,,erfunden" worden, horte man
oft sagen. Ende 1931 wurde im Rheinland von Personen,} die
sich gewisser Beziehungen zu hohen Reichswehroffizieren er-
freuten, vertraulich erzahlt, im Laufe von 1932 werde Pap en
818
Reichskanzler werden. Wohlgemerkt: damals dachte kein
Politiker an Herrn v. Papen; der lediglich seiner eignen Zen-
trumfraktion als «in nicht sehr ernst genommenes Mitglied be-
kannt war.
Als Reichskanzler, Wehrminister und Reichskommissar
fiir PreuBen zugleich erfreut sich jetzt Herr v. Schleicher einer
Machtfiille, wie sie rechtlich in PreuBen-Deutschland hoch
nie in einer Hand gehalten wurde, nicht einmal von Bismarck.
Tatsachlich ist die Machtstellung Schleichers nur mitl der Lu-
dendorffs im letzten Abschnitt des Krieges zu vergleichen.
Ludendorff ist nicht lange seiner unerhorten Machtfiille
froh! geworden.
Wie einst der General, der Schleicher im Kanzleramt vor-
anging, Leo v. Caprivi, ein Mann ohne Ar und Halm war, ist
das auch Herr v. Schleicher. Mit der Schwerindustrie verbin-
den ihn keine Interessen. Wie- sich diese Freiheit von Bin-
dungen nach den beiden machtigsten Interessengruppen hin
innenpolitisch und sozialpolitisch auswirken wird, muB man
abwarten. Obertragt man einer sogenannten Sphinx die hochste
Staatsgewalt, ist die Sphmxrolle bald ausgespielt.
MiBtrauen ist die oberste Tugend der Demokratie. Das
tiefe MiBtrauen, mit dem jeder Linksstehend'e der Kanzler-
schaft Schleichers entgegensieht, wird nicht einmal dadurch
abgemildert werden konnen, daB die .Deutsche Zeitung* am
30. November schrieb: j
Damit 1st die politische Personlichkeit des Reichswehrnnnisters
wieder so sehr in den Vordergrund geruckt, dafi man zu fragen hat
ob von ihm als Reichskanzler die Rettung des Vaterlandes erwartet
werden konnte. Uns will scheinen, daB niemand von einigem Ver-
antwortlichkeitsgefuhl dieser Frage ausweichen darf, und wir stehen
nicht an, sie zu verneinen.
AuBenpolitisch ist es eine schwere Vorausbelastung, daB
zu dem Feldmarschall-Prasid'ent ein Reichswehr-Reichskanzler
getreten ist. So etwas gibt es in der ganzen Welt nicht zum
zweiten Mai. Deutschland ganz und gar militarisiert! Das ist
das Gefiihl, das alle Volker durchdringt. Die hoflich abwarten-
den Pressestimmen des Auslandes durfen nicht daruber hin-
wegtauschen. Das WeltmiBtrauen, das uns die Regierung
Papen eingetragen hat, wird, wenn nicht gesteigert — das ist
kaum noch moglich '»-*-, so doch konsolidiert.
Falls Deutschland wieder AnschluB an die Abriistungs-
konferenz findet, soil vielleicht der deutsche Reichswehr-
minister als deutscher Reichskanzler Fiihrer der deutschen Ab-
nistungsdelegation werden?
Die Lebenserinnerungen des friiheren englischen Kriegs-
ministers Viscount Haldane sind von einem Neffen des Reichs-
prasidenten, dem Gesandten a. D. Herbert v. Hindenburg,
ubersetzt und herausgegeben worden. Im Vorwort findet sich
folgender Satz des Herausgebers:
Esi ist gut, wenn die Wehrmacht der Zivilgewalt gehorcht. Wir
wissen, wohm es fuhrt, wenn Generale und Admirale sich mit Politik
befassen,
Der Herausgeber heiBt nicht Paul, sondern Herbert
v. Hindenburg. Immerhin . . .
819
Hitlers Angst vor der Macht von k. l. Gerstorn
piner der entscheidenden Faktoren, die Hitler daran gehindert
*-* haben, eine Koalitionsiregierung zu, bilden, die sich auf eine feste
parlamentaxische Majoritat von den Nazis tiber die Deutschnationalen
bis zum Zentrum stiitzt, ist die Entwicklung der wirtschaftlichen Ver-
haltnisse in Deutschland. Als Papen seine Regierung bildete, ver-
kiindete ef, in def gesamten Weltwirtschaft sei das Tief der Krise er-
reicht, das Ansteigen der Rohstoffpreise ktindige unter anderm an,
dafi in Amerika und England ein starker Konjunkturumschwung un-
mittelbar bevorstunde, es sei daher an der Zeit* dafi eines kiihne Re-
gierungsinitiative die Kluft zwischen der englisch-amerikaniscben und
der deutschen Entwicklung uberbrucke. 1,5 bis1 2 Millionen Arbeits-
lose sollten durch den Papenplan in nachster Zeit wieder in den Pro-
duktionsprozefi eingegliedert werden.
Die seither verflossenen Monate haben gezeigt, dafi man sich hier
grtindlich getauscht hat. Zwar hat sich das Tempo der Krisenvertie-
fung in letzter Zeit gemindert, aber grade die Verhaltnisse in England
und Amerika haben deutlich bewiesen, dafi auch dort der Konjunktur-
umschwung noch nicht eingetreten ist, und man wird sehr froh sein,
wenn^er vielleicht im Friihjahr' erf olgt. Das Steigen der Rohstoff-
preise ist wieder von einem Fallen abgelost worden, und weder der
AuBenhandel noch die Produktion noch die Zahl der beschaftigten
Arbeiter in den grofien angelsachsischen Landern zeigen bisher, dafi
das Krisentief ilberwunden ist. Die grundlegende Voraussetzung ftir
Pa pens Wirtschaftsplan hat sich damit als irrig erwiesen, und so
nimmt es nicht wunder, dafi seinen Ankurbelungsversuchen in Deutsch-
land kein grofier Erfolg beschieden ist- Auch hier hat sich zwar in
letzter Zeit die Krise nicht weiter vertieft, aber nirgends ist eine auch
nur geringiugige Besiserung eingetreten. Die Arbeitslosenzahlen sind
in der ersten Novemberhalfte wieder urn 150 000 gestiegen„ und wenn
die amtlichen Ziffern ein verhaltnismafiig etwas giinstigeres Bild zeigen
als im vergangenen Jahre, so spielt dabei eine sehr wesentliche Rolle,
dafi immer mehr Erwerbslose, heute woh] schon 2,5 Millionen, von der
Statisiik nicht mehr registriert werden. Die Aufstellung der Gewerk-
schaften iiber ihre arbeitslosen Mitglieder zeigt denn auch in den
letzten Monaten bis Oktober nur eine minimale Verringerung. Und
auch hier ist das statistische Bild noch giinstiger als die Wirklichkeit.
Die Gewerkschaften haben in dieser Krise einen nicht unbetrachtlichen
Teil ihrer Mitglieder verloren, und sicher sind grade die Arbeitslosen
ausgetreten, wahrend die noch beschaftigten Arbeiter so gut wie rest-
l.os bei den Gewerkschaften geblieben sind. Der Arbeitsmarkt zeigt
also weiter ein vollig trostloses Bild. Und es ist nicht anzunehmen,
dafi hier bis zum Friihjahr ein wesentlicher Umschwung eintritt.
In einer solchen Situation ware es fur Hitler ein grofies Wagnis
gewesen, in eine Koalitionsregierung einzutreten. Es ist charak-
teristisch, dafi von dem allgemeinen Stimmenruckgang der Nazis die
Lander am meisten betroffen wurden, wo die Nazis in der Regierung
safien, obwohl sie angesichts der Verschlechterung der wirtschaftlichen
Lage immer wieder erklarten, die deutsche Wirtschaft konne nattirlich
nicht von Oldenburg aus gebessert werden sondern nur durch eine
nationalsozialistische Wirtschaftspolitik des Reiches.
Hitler aber als Chef einer parlamentarisch gebildeten Reichs-
regierung in einer Zeit, wo eine gewisse Stabilisierung des wirt-
schaftlichen Tiefstandes eingetreten ist, in einer Zeit mit sieben bis
acht Millionen Arbeitslosen, mit einer weiteren Verarmung der Mittel-
schichteri — das hatte Millionen seiner Mitlaufer bald die Augen ge-
dffnet, dafi die nationalsozialistische Demagogie nicht im mindesten
imstande ist, ihren Anhangern eine Verbesserung der Lebenslage zu
820
s chaff en. Hitler fand im Jahre 1932 erne vollig andre wirtschaftliche
Situation vor als Mussolini im Oktober 1922, wo in der gesamten
Weltwirtschaft und auch in Italien ein gewisser wirtschaftlicher Auf-
stieg festzustcllen war. Mussolini konnte daher den Millionen Nach-
laufern des Fascismus erklaren; MIch am Ruder, und es geht euch
besser." Hatte Papen mit seiner Einschatzung der wirtschaftlichen
Lage recht gehabt, waren seine Ankurbelungsversuche von Erfolg
gewesen, hatten wir bereits jetzt eine ins Gewicht fallende
Verminderung der Arbeitslosigkeit und bestiinde fur Millionen die
Wahrscheinlichkeit, in der nachsten Zukunft wicder in den Produk-
lionsprozeB eingeschaltet zu werden — dann ware fur Hitler die Ubef-
nahme eines parlamentarischen Kabinetts sehr viel leichter gewesen.
Er hatte wie Mussolini den Massen seiner Anhanger erklart: MDa ich
die Regierung fuhre, geht es euch besser." Die Stabilisierung des
wirtschaftlichen Tiefstandes schloB diese Moglichkeit fiir ihn aus.
Auf der andern Seite aber war und isti Hitler zur Zeit fiir die
alte Reaktion nicht so notwendig wie noch im Fruhjahr dieses Jahres.
Damals nahm die Verscharfung der wirtschaftlichen Lage Tag urn Tag,
Woche um Woche in schon fast forciertem Tempo zu. Deshalb hatten
sich bereits weite Kreise, die mit dem Herrenklub Beziehungen unter-
hielten/damit abgefunden, Hitler die politische Macht abgeben zu miis-
sen, um die okonomischen Positioneh zu halten.
Hier ist nun ein betrachtlicher Umschwung eingetreten. Die Sta-
bilisierung des wirtschaftlichen Tiefstandes fallt in eine Zeit, wo von
einer aufsteigenden nationalsozialistischen Welle nicht mehr die Rede
ist, wo zugleich der Stimmenverlust von zwei Millionen zeigt, wie
wenig festgefiigt Hitlers Partei ist* Wahrend eine starke wirtschaft-
liche Aufwartsentwicklung Hitler es erleichtert hatte, auch in eine
parlamentarisch gebildete Regierung zu gehen, weil er dann nicht
den Verlust von Millionen Anhangern befurchten mufite, so hatte
andrerseits eine explosive Verscharfung der wirtschaftlichen Lage die
Machte der alten Reaktion veranlafit, sich Hitler in die Arme zu wer-
fen, damit er die gesteigerten sozialen Spannungen mit scharfsteh
terroristisch-fascistische^i Methoden bekampfte. Die Stabilisierung der
Wirtschaft auf dem heutigen Tiefstand schafft die unerhorte Kompli-
ziertheit der a ugenb lick lichen Lage. Die Koalitionsregierung hatte fiir
Hitler eine sehr zweischneidige Angelegenheit werden konnen. Bei
den friihern Koalitionsverhandlungen mit dem Zentrum waren die
Nazis circa zweieinhalbmal so stark wie das Zentrum. Bei einer
Koalition nach den Stimmenverlusten der Reichstags wahlen, bei
einer Koalition, an der sich die Deutschnationalen etcetera beteiligen
sollten, hatten die Nazis nur um wenig mehr Stimmen und Mandate in
die Wagschale zu werfen als ihre Koalitionsgenossen. Dazu waren
sie durch die prasidialen Vorbehalte gehindert, die augenblickliche
Wirtschaftspolitik in irgendeinem wesentlichen Punkte umzugestalten.
Hitler ware so nicht der Fiihrer der Koalition gewesen sondern ihr
Gefiihrter. Und da er nach der Unterredung mit Schleicher auch noch
befurchten muBte, wenn er in eine Koalitionsregierung ginge, nicht
mehr iiber die SA verfiigen zu konnen wie bisher, so ergab sich fur
ihn die Absage fast zwangslaufig.
Damit ist aber eine auch fiir die Kreise der alten Reaktion alles
andre als erfreuliche Situation entstanden. Hitler in der Koalition,
das hatte zumindest betfeutet, daB die NSDAP bei vielleicht einigen
Abspaltungen der Regierung zur Verfugung gestanden hatte. Und
angesichts der Radikalisierung der Arbeiterschaft, die sich nicht nur
im Stimmenzuwachs der KPD sondern auch in der neuen Streikwelle
zeigt, ware diese Massenbasis fiir das Kabinett natiirlich ein auBer-
ordentlich starker Gewinn gewesen. Wenn man Hitler dann doch
nicht, nach dem er ein parlamentarisches Koalitionskabinett abgelehnt
hatte, die Fuhrung einer Prasidialregierung anbot, dann nur darum,
2 821
weil man befurchtete, daB er, grade wenn ihm die Massen nach
links wegzulaujen drohten, die Arbeitetrorganisationen zerschlagen
wurde, damit kein Auffangbecken iiir diese Massen vorhanden ist,
Und die alte Reaktion wie das Zentrum wollen, solange es geht,
diese terroristische Zerschlagung der Arbeiterorganisationen ver-
hindern,
Doch drofat ihnen jetzt von den Nationalsozialisten eine andre Ge-
fahr. Die NSDAP hatte gespiirt, daB ihr bei breiten mittelstandischen
Massen die Koalitionsverhandlungen mit dem Zentrum auBerordeat-
lich geschadet hatten, und ebenso die Tolerierung Papens, Und sie
hatte daher in der demagogischsten Weise beredts die letzten Monate
vor den Reichstagswahlen einen Kampf gegen die Herrenklubregie-
rung gefuhrt, bei dem sae wie der das sozialistische, das prole tar ische
Element innerhalb der Bewegung betonte. So waren es vor allem
wahltaktische Griinde, die die Nazis zu einer so prononzierten Stel-
lung fiir den berliner Verkehrsstreik veranlafiten, Natiirlich kann
Demagogie von den Massen leicht miBverstanden werden, und es ist
sicher, daB eine Unzahl Anhanger der NSDAP wirklich fiir den Ver-
kehrsarbeiterstreik waren und nicht nur aus taktischen Grunden fiir
ihn eintraten. Wenn nacb der Erledigung der Kanzlerkandidatur
Hitlers die Gegnerschaft der Nazis zu einer neuen Regierung so
scbarf wird wie beim Kabinett Papen oder vielleicht noch scharfer,
dann kann sicb die politiscbe Lage unermeBlich weiter zuspitzen, Bei
einer scharfen Frontstellung der NSDAP gegen die Regierung ist
est durchaus moglich, daB der proletarische Fliigel der Partei
einen betrachtlichen Aufschwung nimmt. Die ,DAZ' weist in jeder
Nummer darauf hin, daB NSDAP, SPD und KPD etcetera sieben
Zehntel der Wabler binter sich haben, und daB es eine kaum los-
bare Aufgabe sei, die Regierung zu fiihren, wenn diese drei Parteien
in scharfsiter Opposition zu ihr stehen.
Nicht zuf allig haben sich ' im preuBischen Landtag die National-
sozialisten noch einmal vor breitester Offentlichkeit/ fiir den berliner
Verkehrsarbeiterstreik erklart. Sicher haben sie auch hier wie sonst
bei Wirfcschaftskampfen ein doppeltes Spiel getrieben. Dieselben
nationalsozialistischen Arbeiter verschiedener Werke, die sich auf das
GeheiB ihrer Zentrale schriftlich rechtzeitig zur Arbeit! meldeten, urn
kerne Entlassungsursache zu geben, sprachen gleichzeitig in Arbeiter-
versammlungen fiir die Fortsetzung des Streiks. Und es hing
sicher damit wie mit den weiteren Koalitionsbesprechungen zusam-
men, daB wahrend des Verkehrsstreiks die ,Rote Fahne* verboten
wurde, weil sie fiir den Streik eintrat, wahrend der ,Angriff trotz
seiner streikfreundlichen Haltung weiter erscheinen konnte.
Je gespannter aber die politische Situation wird, desto schwerer
ist es, oppositionelle Massen, die man aus taktischen Grunden nur
bis zu einer gewissen Grenze einsetzen will, dann noch in der Hand
zu behalten. Es besteht fiir Hitler durchaus die Gefahr, daB be-
trachtliche Massen seiner Partei proletarisch-sozialistische Losungen
ernster nehmen als die Fuhrerschaft.
Hitler ging in keine parlamentarische Regierung, weil das wirt-
schaftliche Barometer nicht steil nach oben zeigt. Die Machte der
alten Reaktion wiederum wollten ihn nicht unumschrankt in einer
prasidiaien Regierung walten lassen, weil das wirtschaftliche Baro-
meter nicht explosiv nach unten fallt.
Hitler aber weder in einer parlamentarischen noch in einer prasi-
diaien Regierung sondern in der Opposition. Das muB die politische
Lage weiterhin aufs auBerste zuspitzen. Dies die Hintergrunde fiir
die Versuche, zumindest fur die nachsten Monate zu irgendeiner
Zwischenlosung) zu kommen.
822
Nur ein Konkordatsstreit? von r. g. Haebier
Dadische Kohkordate haben ihre Geschichte.
u Es ist urns Jahr 1860. Vorbei sind die Tage, da Badens
GroBherzog bei Nacht und Ncbel fliichtete, auf dem SchloB die
schwarzrotgoldne Fahne wehte und Baden eine Republik ward.
Die Barone sind heimgekehrt. Und die Kirche braucht fur ihren
Altar nicht mehr zu fiirchten. Die Republikaner modern in
den Festungsgraben von Rastatt oder sitzen in Bruchsat hinter
Gittern, Die Zeit ist reif fur ein Konkordat. Man verhandelt
Und als Oesterreich in Oberitalien verliert und aus Preufien
schlechte Nachrichten komraen, drarigt der Kardinalstaatssekre-
tar Antonelli auf raschen AbschluB. Die Regierung sagt zu,
Aber am 30. Marz 1860 sagen die beiden Kammern: Nein! Das
Konkordat ist gefallen, /
Wieder eine Revolution. Wieder ist Baden Republik. Seit
vierzehn Jahr en regieren im Musterlandle (damals, 1860, bekam
es diesen Namen) Zentrum und Sozialdemokratie, manchmal
sind die Demokraten mit dabei, zuletzt dann die VolksparteL
Aber was der frommen Vater Schar hochster Wunsch und
Sehnen war: das Konkordat, dieser Wunsch ist geblieben.
Immer wieder versucht das Zentrum, es herbeizufiihren,
Je weiter man sich von 1918 entfernt, um so eindringlicher
werden die Wiinsche, die Anregungen, die Bedingungen, 1929
steht es in der Regierungserklarung. Unterrichtsminister ist
der Sozialdemokrat Remmele. An der Spitze des Zentrums
steht damals noch der Pralat Schofer, ein kluger und realer
Kopf, der warten kann. Er stirbt. Ihm folgt Doktor Baum-
gartner, der Mann, der, politisch wie beruflich, von Stufe zu
Stufe gestiegen ist, unermiidlich seiner Sache dienend, Der
President des letzten Katholikentages. Es kommt 1930. In
der Schweiz sitzt Pacelli, und der Che{ des badischen Zentrums
ist bei ihm. Eines Tages lautet es im Kultusministerium; Fern-
gesprach aus der Schweiz. Eine kleine Anirage: Wie ware es
mit Verhandlungen? Der Ministerialdirektor erhalt Weisungen
von Remmele. Und kehrt zuriick: An ein em Konkordat, in
dem keine Schulbestimmungen stehen, an einem Konkordat
wie das preufiische habe Rom kein Interesse. Bald darauf
scheidet Remmele als Unterrichtsminister aus; an seine Stelle
tritt der Zentrumsmann, Doktor Baumgartner (der Gumbel
seines Amtes enthoben hat)- Ein neuer Entwurf wird im Mi-
nisterium fertiggestellt. Nun ist Rom bereit zu verhandeln.
Das alles weiB man seit einigen Tagen, und es ist sehr
interessant, es zu wissen. Denn all die Jahre hindurch hatte eine
geschaftige Geheimdiplomatie die Dinge in Handen. Nichts
verlautete nach auBen. Zwar las man: Baumgartner und der
neue Chef des badischen Zentrums, F6hr, MdR, Priester, jung,
fleiBig, ehrgeizig, seien nach Rom gefahren. Und dann, Herbst
1932, hort man: im Kloster Hegne am Bodensee hat die ba-
dische Regierung den Vertrag mit Pacelli ebgeschlossen. Nun
mufi noch der Landtag die Zustimmung geben. Andern darf
. er nichts am Vertrag; es gibt nur Ja oder Nein.
Aber wochenlang umgibt man noch den Vertrag mit dem
Schleier eines groBen Staatsgeheimnisses, Das weckt die Neu-
823
gierde; das schafft MiBtrauen. Nicht imraer ist die Taktik dcs
Centrums klug. In den Zeitungen wird es lebendig; das frei-
heitliche Biirgertum rcgt sich; die Lehrer horchen auf; in der
Sozialdemokratie hebt ein Kampf an, ein Kampf, der bisher
noch nie in der Partei gefiihrt wurde: Parteivorstand gegen
Fraktion, Er wird nicht nur hinter den Tiiren der Beratungs-
zimmer gefiihrt; er dringt hinaus, in die Presse, in die Ver-
sammlungen. Und als der Inhalt des Konkordats bekannt
wird, sieht man erst die Gefahr genauer; Hunderttausende sind
zu zahlen, und das soil fur alle Zeiten bindend heute fest-
gelegt werden, in einer Zeit, wo Hunderttausende nichts zu
essen haben; in wesentlichen Punkten begibt sich der Staat
seiner Schulhoheit; auf dem Umweg (iber den Religionsunter-
richt soil die Kirche liber Verwendung und Anstellung der
Lehrer entscheid^n; die Wissenschaft wird klerikalisiert, un-
abanderlich, durch einerf Vertrag, der einseitig bindet. Zwar
zitiert man den Artikel 149 der Reichsverfassung, der die Ge-
wissensfreiheit fur Lehrer und Kind sichern soil. Aber eben
diese Bestimmungen la.8t man weg und nimmt heraus, was
der Kirche daringenehm ist: daB der Religionsunterricht
ordentliches Lehrfach und nach den Grundsatzen der Kirche
zu erteilen ist. Diese Grundsatze aber sind das kanonische
Recht. Die Formulierung ist so dehnbar, daB sie jeder Aus-
legung fahig ist. Schon jetzt widersprechen sich Fohr und
Baumgartner, der Parteichef und der Minister, bei den Ver-
handlungen im HaushaltausschuB. Die geltenden Rechte der
Kirche werden sanktioniert in einem Vertrag, der ohne Zu^
stimmung des Partners nicht kiindbar ist. Was ist nicht alles
geltendes Recht der Kirche? Wie ein schwarzer Faden zieht es
sich durch das Konkordat : aus Staatsrecht wird Kirchenrecht.
> Eine schwere Entscheidung liegt bei der Landtagsfraktion
der Sozialdemokratie. Die Mehrheit ist zuerst gewillt, zuzu-
stimmen. Die Partei greift ein. Man entschlieflt sich, kurz
vor dem 6. November, vor der Reichstagswahl, zu einer Re-
solution: )(Dem Konkordat ist die Zustimmung zu versagen."
Jeder denkt: das heiBt ablehnen. Nach der Wahl legt die
Fraktion diesen BeschluB als Stimmenthaltung aus. Das ist
das schlimme Spiel der PanzerkreuzerpolitikJ Aber schon
sind die Massen in Bewegung. Der Parteivorstand brandmarkt
das Verhalten der Fraktion als parteischadigend; «in gefahr-
licher Vorwurf! Im gahzen Land uberfiillte Versammlungen.
Die Entscheidung kann nur noch ein Parteitag bringen.
Der Parteitag hat gesprochen. Mit einer Majoritat, die
Einstimmigkeit bedeutet; denn die eine ab-weichende Stimme
Remmeles war mehr diplomatische Geste als sachliche Not-
wendigkeit. Diese Einstimmigkeit hatte einen besonderen Grund
seit! vierundzwanzig Stunden. Tags zuvor hatte das Zentrum
erklart: Ablehnung der sozialdemokratischen Fraktion sei ein
schwerer VerstoB gegen Treu und Glauben und politische Moral,
sei Zerstorung der Koalition und Auflosung der derzeitigen
Regierung. Das nennt man, dem Partner die Pistole auf die
Brust setzen. Wobei freilich der SchuB nach hinten losging.
Denn dieses Ultimatum, wiirdig einer Kriegserklarung, zwang
auch die Befurworter des Konkordats zum Nein,
824
Die letzte Linksregierung in Deutschland ist gefallen. So-
eben wurde das Konkordat in erster Lcsung mit Stimmengleich-
hcit angenommen. Damit ist die konterrevolutionare Situation
im Reich und in den Landern ganz klar. Die Legende vom
demokratischen badischen Linkszentrum ist zerstort. Baden
liefert zum Vormarsch der Restauration einen neuen, ganz ein-
deutigen Beitrag: diese Reaktion wird nicht nur verfassungs-
feindlich, nicht nur antipazifistisch sein, nicht nur politisch die
Traditionen Metternichs lebendig machen; sie wird auch, und
mehr und mehr, kulturelle Reaktion sein.
In dieser Situation kann es nur grundsatzliche und keiner-
lei taktische Entscheidungen geben; hier diirfen, hier konnen
kerne Kompromisse zugelassen werderi.
Filmpleiten von A. Kraszna-Krausz
FJas „Institut fiir Konjunkturforschung" gibt die Bruttoein-
nahmen des Filmverleihs mit 55 Millionen an, den Wert
der Filmherstellung mit 40 Millionen.
Es gibt auch andre Ziffern. Seit Anfang 1931 wurden im
Bereich der Herstellung und des Verleihs folgende Verluste ge-
meldet; Hegewald 3,5 Millionen, Terra 3,5 Millionen, Emelka
3,5 Millionen, SudBlm 0,6 Millionen, Deutsches Lichtspiel-
Syndikat 2,5 Millionen. Die Passiva der MeBtro, die soeben
ihre Zahlungen eingestellt hat, sind noch ungeklart. Die vie-
len Zusammenbruche kleiner und kleinster Firmen konnen
zahlenmaBig gar nicht erfaBt werden, (Sie gelangen nicht an
die Offentlichkeit, hochstens in die Arbeitsgerichtsklagen un-
bezahlt gebliebener Schauspieler und Stenotypistinnen.) Es
ist bestimmt zu niedrig, wenn man die Verluste im Film-
geschaft der letzten zwei Jahre: auf 15 Millionen schatzt. (Eine
Mittagszeitung hat kiirzlich die ganze Toniilmara mit 30 ver-
lorenen Millionen charakterisiert.)
Damit das Verhaltnis des Verlustes zum Gesamtumsatz
aber deutlicher wirdt wollen wir statt nach Mark nach Filmen
rechnen; Der deutsche Markt braucht jahrlich 280 lange Spiel-
filme. Davon waren 1931 144 deutschen Ursprungs. Die Pro-
duktion der Firmen, deren Verluste wir angefiihrt haben, be-
trug in der gleichen Zeit 46 Filme. Von den ubrigen nicht
ganz 100 Filmen produziert 19 die Ufa, AuBer der Ufa bleiben
noch drei Firmen, die mit ihren mitteigroBen Produktionen auf
insgesamt 18 Filme kommen. Die restlichen 61 deutschen
Filme verteilen sich auf eine vielleicht ebenso groBe Zahl von
Produzenten, Das sind zum groBten Teil Gelegenheits-
industrielle, notgedrungen produktive Maklerfiguren — Leute,
durchweg ohne Produktionsmittel, meistens ohne Produktions-
kapital und immer ohne Produktionserfahrung, Eine fluk-
tuierende Masse, die man nicht recht als bestandigen Teil die-
ser Industrie einsetzen kann. Der „bestandige" Teil dieser In-
dustrie aber ist — siehe oben — zu drei Fiinfteln bankrott
oder sanierungsbedurftig.
Es. ist eigenartig und bezeichnend, wie. wenig mit diesen
Zusammenbruchen die Auswahl der Stoffe und das Niveau der
825
Produktion zu tun haben. Die Siid-Film AG hatte zum Bei-
spicl Chaplin und Rene Clair im Verleih. DLS und Terra be-
yorzugen ein in den mittleren Lagen nach oben und unten
schattiertes Programm, Die Emelka oder gar Hegewald pro-
duzierten und vertrieben konsequent MarktreiBer, Auch der
alteste Filmhase schnuppert eben umsonst nach dem Publi-
kumsgeschmack, wenn sein Verstand und Vermogen den grund-
satzlichen Fragen der Wirtschaft nicht gewachsen sind,
Diese Fragen sind nicht allein und uberwiegead aktueller
Natur. Natiirlich geht das allgemeine Abwarts im taglichen Le-
ben nicht spurlos an den Kinos vorbei. Die Abwanderung des
Publikums von den teuren Preiskategorien nach billigeren
ist fur Lichtspielhauser und Stadte aller GroBenordnung
ebenso eindeutig nachgewiesen wie das Sinken der Eintritts-
preise liberhaupt Das neueste ,,Handbuch der Filmwirtschaft"
errechnet einen Riickgang aller Kinoeinnahmen urn 85 Millio-
nen Mark seit 1929. Das waren 33 Prozent. Immerhin; kann
dieser fixe Ausfall mit Hilfe einer konsequenten Rationierung
ausgeglichen werden, wie das die Ufa beweist, Ihr Aufbau
— vom Atelier bis zum Lichtspielhaus — entspricht dem Quer-
schnitt des ganzen Gewerbes genau. Wahrend aber die iibri-
gen Pleite machen, schlieBt die Ufa-Bilanz am 31. Mai 1932
mit einem Gewinn von 2 Millionen Mark und Dividenden.
Der Unterschied liegt darin, daB die Ufa ihr Arbeits-
progranxm an Hand ihrer Produktionsanlagen und ihres
Theaterparks bemessen kann, wahrend die andern im luft-
leeren Raum wirtschaften. Lafit sich auch ein bestimmter
Programmbedarf der 5000 deutschen Lichtspielhauser errech-
nen, so konnen die notwendigen Filmmeter dennoch nicht amor-
tisiert werden, wenn an ihnen bis zu 80 Produktionsfirmen und
ebensoviel Verleihbetriebe hangen. Genau lassen sich diese
Zahlen durch das uniibersichtliche Netz von zentralen und
provinziellen Vertnebsgeschaftenf in dem ununterbrochenen
Durcheinander von Neugrundungen, Umgriindungen und Kon-
kursen nicht bestimmen. Dafiir steht fest, daB die Halfte des
ganzen deutschen Filmgeschaftes ,,Betriebe" besorgen, die ein
ganzes Jahr aus dem Ertrag eines Films — bestenfalls aber
zweier Filme — existieren mochten* Womoglich pikfein,
Daran geht die Branche alle paar Jahre zugrunde, und
nicht an den bosen Streichen jenes Priigelknaben, den sie von
Pleite zu Pleite in einer andern Person, in einem andern Teil-
problem entdeckt und fur alles verantwortlich macht. Wahr
ist allerdings, daB der letzte dieser Figuranten in dem windi-
gen Bau des Films einen morschen Balken wirklich angesagt
hat. Das hat mit seinen Patenten der Tonfilm getan.
Die Hunderte von europaischen Tonfilmpatenten, die auf
die Nachricht amerikanischer Tonfilmerfolge hin einige ge-
schickte Erfinder, Kaufleute und Spekulanten in Gestalt der
Tobis zusammengetragen haben, wirkten urspriinglich als
Schutzwall, der eine Invasion der Elektromachte von driiben
abwehren half und hinter der der deutsche Tonfilm heran-
wachsen konnte, Dieser Krieg ist langst zu Ende, und im
pariser Abkommen von 1930 haben sich dieHeere der Patent-
halter friedlich iiber die Landesgebiete geeinigt, die jedem von
826
ihnen den Sold weiterzuzahlen haben. Die Emporung und die
AbwehrmaBnahmen der Filmindustrie gegen dieses System sind
erstaunlich radikal. Sie scheint unverwandt zu iibersehen, daB
in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung Patente Besitz be-
deuten, deren Entwicklungsspesen ' abgetragen und verzinst
werden wollen. Sie ruft atlfgeregt nach SozialisierungsmaB-
nahmen und bejubelt jeden erfinderischen Condottiere, der die
Patentwalle einzureiBen verspricht. Der Staat aber hat andre
Sorgen, und die kleinen Patentbelagerungen wickeln sich sche-
matisch ab. Entweder ist der Angreifer zu schwach, und dann
verschwindet er bald — oder sein Waffenbesitz an neuen Pa-
tenten erscheint wertvoll genug, um das vorhandene Arsenal
zu bereichern, und dann wird er gekauft. Der Patentkreis
wachst, und die Lizenzen bleiben. Die Filmproduktion rech-
net bei jeder Gelegenheit vor, daB 25 Prozent ihres Aufwan-
des auf die Herstellung des Tons entfallen, ist aber nicht kraf-
tig genug, giiristigere Bedingungen zu schaffen, verschuldet
immer mehr und wird in ihren Resten von der groBten Glau-
bigerin, eben der Tobis, geschluckt.
Auffanggesellschaften gruppieren sich rund um die Pro-
duktionsanlagen der Tobis und wachsen offensichtlich zu dem
einzigen Wirtschaftsfaktor zusammen, der neben der Ufa und
gegen sie in nachster Zeit noch stehen wird* Es ist zweifel-
haft und von dem MaBe der bisherigen Verluste abhangig, wie
lange der nun bestfehen kann. Vor einigen Tagen erst hat auch
die Tobis ihr Aktienkapital von 12 auf 5,4 Millionen zusammen-
gelegt. Es bleiben wohl die Patente und die Anlagen von
JohannistaL Die Emelka-Ateliers von Gaselgasteig wurden
grade versteigert, und es ist nicht recht heraus, wer ihr neuer
Besitzer wird. In Staaken dreht Fritz Lang seinen vielleicht
letzten Film in Europa. Es gibt auch noch zwei kleinere
Atelierbetriebe in Berlin, die vorlaufig arbeiten, Fest aber
steht nur in Neubabelsberg und Tempelhof die Ufa, mit 45 Mil-
lionen Aktienkapital und der t,Spitzenorganisation der deut-
schen Filmindustrie".
Der Vorsitzende dieser Spio ist der Generaldirektor der Ufa,
ihre Tatigkeit entspricht der Fachpolitik der Ufa. Dieser Zustand
ist ebenso begrundet und dauerhaft wie die Kritik an ihm be-
greiflich und ohnmachtig. Die Unzulanglichkeit und Abhangig-
keit der Abwehr, die das ubrige Filmgewerbe gegen die Ober-
macht der Ufa mitunter sich zu leisten traut, wird charakte-
ristisch von der Begeisterung widergespiegelt, mit der man den
neuesten Spio-BeschluB allgemein begriifit. Dieser BeschluB
kiindigt die Absicht an, alle dem Film zuganglichen Kapital-
quellen ausschlieBlich jenen Produzenten, Verleihern und
Kinos nutzbar zu machen, ,fwelche die von der Spitzen-
organisation gegebenen Richtlinien und Grundsatze beziiglich
Programmgestaltung und Eintrittspreisregelung und Platz-
angebot beachten/' Das sieht theoretisch nach Planwirtschaft
aus und wird praktisch zur Monopolherrschaft. Eine Diktatur
iiber Kiinstlerschaft, Lichtspielhaus und Publikum. Notverordnet
und verwaltet durch die Ufa. Soil man ihr Vorwiirfe daraus
machen, daB sie eine Macht zu niitzen versteht, die ihr heute
niemand streitig machen kann?
827
Politik und Theater von s. J. ,
Zam sechsten Todestage Siegfried Jacobsohns
r^as ware das naturlichste Ding von der Welt: daB jetzt eine Massen-
*~J flucht in tibernaturliche Regionen stattfande — in den Geist aus
dem Stoff; in das Wunder aus dieser Wirklichkeit; in den bauenden
Glauben aus der zerstorenden Gottlosigkeit; in den Himmel aus solcher
Holle, Offenbar aber hat uns die Holle noch nicbt genugend gebrannt.
Der Auf schwung ist lahm. Auf dem Wege bleiben wir an der Erde
kleben. Deren Schmutz warmt auch, und in diesem Brodem zebrt uns
die Liige, ,,die verruchte Liige'\ das Mark aus -den Knochen, daB wir
nicht einmal abwehrend mehr den Arm werden heben konnen, wenn uns
alle die Sintflut, die Sttndflut, verschlingt. Hier wird bald einmal da-
von zu reden sein, daB die Zeit, die nachste Gegenwart, keinen Sanger
hervorgebracht hat; und vielleicht ist &s gar nicht so falsch, das Sprich-
wort umzukehren und1 uns Menschen zwischen Krieg und Frieden, die
wir keine Lieder haben,. schlechte Menschen zu nennen, mit denen sich
niemand niederlassen will, Ein Dichter ist ebenso wenig weit und breit
zu erblicken. Die alte Generation gibt in Leitartikeln billige Ratschlage
oder stachelt sich zu Verschworungen an, Die haben 1 eider, Gickstone
des bosen Gewissens, keinen Klang und sind ohne Wirkung schon
deshalb, weil selbstverstandlich der Horer erst recht weifi, daB der
Trompeter mitschuldig ist, wie Jeder, der hemmungslos den ganzen
deutschen Kriegsschwindel mitgemacht hat. Und die neue Generation?
Einst verkundete sief daB die Poesie von der Politik befruchtet wer-
den musse. Heute rettet sie sich aus dem Larm des Tages in ab-
gelegene Gefilde. Nun, in welchem Bezirk und aus welchera Boden
immer ein Kunstwerk ents.teht; kein Wort dagegen, wenn' es entsteht!
tWeltbiihne* 1919, Nr. 6
Meine Lieben: jetzt muB man wirklich Politik machen! Jetzt
hat der Geist zu verhiiten, dafi seine Todfeinde wieder ans Ruder
kommen, Schon ruhren sie sich ringsum und verkiinden, es sei^ fruher
schlieBlich gar nicht so schlimm gewesen, und man solle naturlich
revoltieren, aber nicht grade bei ihnen. Aber grade bei ihnen! Was
an meinem Teil liegt, so will ich, bei der grauenhaften VergeBlichkeit
des genus homo, uriablassig auf die Verbrecher weisen, die uns in
diesen Jammer gebracht haben, seien sie Offiziere oder GroBfabri-
kanten, Diplomaten oder Beamte, Zeitungsschreiber oder Agrarier,
Lakaien oder Blaubliitler, Mit ihnen ist der laublutige Bourgeois
schuldig, der sich wedelnd alles gefallen liefi^ Wie ihm heut davor
bangt, daB sich etwas andert ! Wie er die Entscheidung hinaus-
geschoben sehen will, von der Revolution bis zur Nationalversamm-
lung, von der Konstituante bis zum Dauerparlament, vom Plenum bis
zu legislatorischen Ausschussenl Wie er feige und hinterhaltig ist!
Wie er gehauen zu werden verdient, daB die Wolle aus seiner Schlaf-
mutze f liegt! ^^ ,Weltbiihne' 1919, Nr. 3
Horvath: „Kasimir und Karoline" Aifred°poigar
l^asimir, Chauffeur und abgebaut, ist ein anstandiger Mensch.
*^ Aber seine Anstandigkeit niitzt ihm gar nichts, Karoline
verlaBt ihn doch. Sie hat kein schlechtes Herz, man kann sie
vielmehr einen guten Kerl nennen: nur fehlen ihr die sittlichen
Grundsatze. Eine negative Eigenschaft, die sie mit samtlichen
Versuchspersonen des Horvathschen Laboratoriums tcilt- Den
Geschopfeh dieses scharf en Dramatikers ist das sittliche Prinzip
ausgenommen worden; mit solcher Vivisektor-Geschicklichkeit
allerdings, daB kein sonst wichtiger Teil ihres seelischen Or-
828
ganismus durch dem Eingriff verletzt wurde. Sie folgcn, ganz
wie ganze Mcnschcn, den Gesetzen, die in die Kreatur ein-
gesenkt sind, meiden Schmerz, suchen Lust, sind, je nach auBe-
rem Reiz und innerem Bedarf, gut oder bose, entwickeln Treue
im Festhalten an ihrem Selbst, die sich manchmal geradezu bis
zum sogenannten Charakter steigert. Nur eben das Mora-
lische ist, bis auf ein geringes Flacker-Restchen,. in ihnen er-
loschen, jenes wunderliche Etwas, das die Beziehungen zum
eignen Ich und zum Nebenmenschen ebenso veredelt wie ver-
falscht. Es ist also eine liigelose Welt, die sich in solcher
Horvath-Komodie offenbart, eine Welt, die ihre Niedrigkeit,
Roheit und Lacherlichkeit ohne Scham zeigt; und es ist ein in
jeder Hinsicht Schwindel-freier Dichter, der den Fiihrer durch
sie macht.
Dieser Dichter hat eine besondere Kunst, an seinem Ge-
stalten das, was uns alle bindet: das Gemeine, sichtbar, be-
ziehungsweise das, womit dieses All-Bindende zugedeckt ist,
transparent zu machen. Die Menschenwurde seiner Menschen,
so durchleuchtet, erscheint um diese nur noch als blasse Kon-
tur, kaum zu merken; was aber hinter ihr steckt, Tun und
Lassen eigentlich bestimmend, tritt um so klarer ins Bild. Mit
besonderem Eifer ist Odon Horvath darauf aus, zu schauen und
schauen zu lassen, was die Gotter gnadig bedecken mit, dem
Namen: Liebe. Kein Wunder also, daB den Zuschauer aus den
Theaterstucken dieses glanzenden Desillusionisten das ziemlich
Trostlose einer entzauberten, in ihrem schnoden Mechanismus
bloBgelegten Welt kalt anweht, Zum Ersatz freilich auch die
ganze Komik einer solchen. Nichts ist witziger als die Wahr-
heit. Und kein skurrilerer Anblick als jener, den sie bietet,
wenn sie sich nackt unter die Leute mischt.
Dramatische Kraft bewahrt, wie in seinen fruheren Komo-
dien, Horvath auch in ,,Kasimir und Karoline". . Hier dient
ihm die munchner Oktoberwiese zum Schauplatz vielen, auBerst
geschickt ineinander verflochtnen kleinen Geschehens. Im
engen Kreis des Spiels, wie er ihnj betrachtet, wird es so un-
heimlich und doch auch possierlich lebendig, wie im Wasser-
tropfen unterm Mikroskop. Fiir den Dichter und Dramatiker
zeugt das Symbolhalte mancher Vorgange und Bilder, diesen
verbunden wie ein Schatten dem Korper, der ihn wirft. Es
ist, zum Beispiel, mehr als nur ein, sbzusagen, ausgefallener
Einfali, wenn der Liliputaner dem Zeppelin huldigt, die mensch-
liche Abnormitat mit der technischen konfrontiert wirdr
Der Spielleiter, Francesco v. Mendelssohn, in den bizarren
Geist und SpaB des Siucks verliebt, halt dieses doch durchaus
auf dem Boden der Wirklichkeit.
Fritz Kampers ist wunderbar als Strolch mit konsequen-
ter Weltanschauung in Wort und Tat. Dem Kampers seine
Erna, verEallen dem Gebieter, macht, sanft und spitz, Blandine
Ebinger. Ein Lamm auf dem Strich, dem diinnen Strich, der
Gut von Bose, Tugend von Laster scheidet. Reizend, wie sich
im Spiel der Luise Ullrich die helle Beschranktheit, die un-
verlogene Verlogenheit der Karoline spiegelt, und wie gut sie
die stilisierten Naturlaute trifft, in denen so gemischtes wesen
sich rechtens offenbart,
829
Vom Fischer and seiner Frau
Aus einem Kabarettmarchen von Rudolf Arnheim
(Ein Haus in Form eines Nachttopfs. Davor sitzt August Piftpott und
hat die Schnur seiner Angel in einen Wassereimer gehangt. Frau
PiBpott fdhrt aus dem Haus.)
Frau P: Gib mir Geld, Mann, ich muB zu Mittag einkaufen,
P: Geld? Du bist wobl narrisch. Woher soli ichs denn nehmen?
Frau] P: Na, wer nicht will, der hat schon. Gibts eben wieder
Kartoffeln mit Salz. Schweineschmalz, Gott erhalts, (Fdhrt ins Haus.)
P: Verfluchte Zucht. Die denkt wohl, ick angel hier Goldfische.
Keine Hilfe von die Menschen, nicht raal von die eigne Frau. Die hat
stattn Kopp n Kochtopp auf die Schultern zu sitzen. Kann nicht
denken, Det lernt man beis Angeln. Wer stille sitzen muB, der lernt
denken.
Trillerfritze (auf): Petri HeiL
P: Stille! Verjagen Sie mir nicht meine Gedanken. Petri HeiL
Was ist denn das wieder forne neue Partei?
Tr: Partei, Partei. Sie als Fischereifachmann, Petri HeiL
Kennen Sie nicht den Erfinder des Angelsports: Geheimrat Petri?
P: Ich fange auch ohne Geheimrati nischt.
Tr: Geheimrat Petri wurde sich im Grabe umdrehen, wenn er
sahe, dafi Sie hier im Wassereimer angeln. Was wollen Sie denn da
fangen?
P: Ick angle nich, damit ick wat fange; ick angle, damit ick wat
zu angeln habe. Haben Sie neulich im Run d funk gehort von die
Danaiden?
Tr: Danaiden? Solche jtidischen Sachen sollte der Rundfunk gar
nicht bringen.
P: Da hatten sie seinerzeit bei die ollen Griechen eine Herde
Weiber, die schopften taglich acht Stunden Wasser in ein FaB. Und
det FaB war durchlochert. Da drangt sich unsereinem die Frage auf:
Waren die nu beschaftigt oder waren v sie arbeitslos? Heutzutage
wurde man sagen: sie hatten Arbeit!
Tr: Ich kann Ihnen nicht ganz folgen.
P: Da mtissen Sie angeln. Det schult dem Kopf. Ich habe mir
in meine gelegentliche MuBestunden ein Spruch gemalt, iibers Bette
zu hangen. Mit Brandmalerei, wie man friiher hatte. Der Spruch
heiBt: Man bittet,v die Wirtschaft vor Gebrauch anzukurbeln.
Tr: Sie sind ein heller Kopf. Ein Mann mit Einf alien. Sie sollten . . .
Frau P (fdhrt aus dem Haus): Kommlieber rin, Kartoffeln scha-
len, statt daB du da mit fremde Leute die Zeit totschlagst. (Wieder
hinein )
P: Det is nicht strafbar, die Zeit totzuschlagen. Son Totschlag
ist die Regierung wohlgefallig.
Tr: Sie sollten Ihre Zeit nicht vergeuden. Im einfachen Volk
wurzeln unsre besten Krafte. Was Ihnen fehlt und Ihrer prachtigen
Frau Gemahlin, ist der Wirkungskreis, die Umgebung, der imponie-
rende Hintergrund. GewiB, Sie haben es hier ganz gemtitlich, Ein
schmuckes Hauschen . . . oder vielmehr , , , o, ich sehe eben erst , . ,
verzeihen Sie.
P: Ihnen habe ich nischt zu verzeihen. Ihnen nich. Gestatten
Sie ubrigens: PiBpott. August PiBpott. Ehrenamtliches Mitglied der
deutschen Republik.
Tr: Was Sie beide braucben, ist ein Titel, eine Etagenwohnung,
Eleganz. Das ubrige ergibt sich dann von selbst,
P: Immer jehmse her, wennse haben.
Tr: Sie sollen alles sofort haben. Achtzimmerwohnung im alten
Westen, Warmwasser, Zentralheizung, Doktortitel, Frau Doktor, Biblio-
thek mit fiinftausend Banden. Und das alles . . ,
830
P: Den Zauber kenn wa, und denn kann ick Raten abzahlen bis.
an mcin selig Ende. Kommt nicht in Frage,
Tr: Keineswegs. Das kostet Sie keinen Pfennig, weder jetzt noch
spater. Das sind Notstandsarbeiten, die werden mit Hilfe des Frei-
willigen Arbeitsdienstes kostenlos geleistet, Zur Aufmobelung unsres
gemeinsamen Vaterlandes, Passen Sie auf. Freiwillige vor. (Er
pfeift auf der Trillerpfeife. Man hbrt Kommandos. Die Arbeits-
dienstfreiwilligen kommen in Reih und Glied und singen nach: „Das
Wandern ist des Mullers Lust":)
Der Arbeitsdienst ist unsre Lust
Der Arbeitsdienst starkt uns die Brust
Der Arbeitsdienst
Der Landrat kennt nicht Rast noch Ruhn
Weil wirs aus freiem Willen tun
Weil wirs aus freiem Willen tun
Freiwillig — willig — freiwi-i-i-Ilig
(Sie bauen an die Stelle des Nachttopfs ein Haus.)
Tr: Bitte schon. Bitte FiiBe abtreten. Und wenn Sie mich
brauchen, driicken Sie auf diesen Knopf. Direkte Leitung zu meinem
Biiro. (Ab.)
P: Junge, Junge, Na, ich habe schon im Pifipott iiber meine
Verhaltnisse gelebt. Das macht nu auch keenen Unterschied. (Tritt
sich die Fu8e ab.)
Dienstmddchen: Frau Doktor Potchamberl empfangen im Salon.
P: Sie wohnen auch bei uns? Kaum hat man Platz in die Bude,
denn hat man auch schon Zwangsmieter. Also: ich lasse bitten.
Frau P (auf einer Couch. Bunter, seidner Morgenrock): Leider
kommst du zu friiher Stunde. Ich fuhle mich unpaBlich. Der Arzt
vermutet eine leichte Influenza.
P: Ja, wenn mans warm hat, kann man sich leichte verkiihlen.
(Die folgende Szene zeigt, daB sich die Frau auch jetzt
nicht wohl fiihlt. Daher macht der Trillerfritze sie auf Bitten
des Mannes zur Frau Generaldirektor.)
Tr: Frau Generaldirektor? Selbstverstandlich. Die Fabrik baut
Ihnen unser Freiwilliger Arbeitsdienst, Vier Stockwerke, amerika-
rische Maschinen, zweitausend Mann Belegschaft, neuzeitlich geliiftete
Raume, dazu eine Villa mit Garage, Silberfuchsfarm und Haus-
telephon. Freiwillige vor!
(Er trillert. Der Arbeitsdienst zieht auf und singt wie aben:)
Wir bauen dir ein neues Haus
Und gleichen auch die Klassen aus
Die Klassen aus
Wir kommen, weil die Heimat rief
Und driicken gratis den Tarif
Und driicken gratis den Tarif
Den Ta-rif, Ta-rif, den Ta-a-a-rif . , ,
(Sie bauen einen jungen Empfangschef im schwarzen Gehrock vor
die Tur.)
P: Ob der mir rinlaBt?
Empfangschef: Bitte fixllen Sie diesen Meldezettel aus. Name?
P: Pifipott, August.
E: O, das macht nichts. Beruf ?
P: Pensioner.
E: Wohnsitz?
P: Ick veranda mir momentan,
E: Wohnsitz: Zur Zeit auf Reisen. Zweck des Besuches?
P: Ich wolltei nur mal meine Frau, wollte ich nur mal , , .
E: Zweck des Besuches: Riicksprache zwecks ebelicher Gemein-
schaft. Frau Generaldirektor Chamberpot empfangen nicht, Einen
Moment. (Ab. Sofort wieder auf.) Frau Generaldirektor Chamberpot
83!
bitten, sich einen Augenblick zu gedulden. (Ab. Sofort wieder auf.)
Frau Generaldirektor Chamberpot lassen bitten.
(Frau P im Klubsessel. Tischchen mit Telephon.)
Frau P: Sawitzke, lassen Sie den Herrn Platz nehmen. Ich bin
momentan verhindert. Die allgemeine Depression zwingt uns zu einer
Hochkonjunktur. Die Danaiden-AG arbeitet in drei Schichten,
P: Da habt ihr woll dicke Auftrage, wa? Kommt ville Geld ein?
Frau P: Wir haben keine Auftrage, und es kommt kein Geld ein.
Wir arbeiten, um unsre Arbeiter zu beschaftigen.
P: Ah, ihr seid sone Art Kindergarten fur die Ollen. Damit sie
nicht einrosten oder auf gute Gedanken kommen.
Frau P: Indem wir unsre Arbeiter beschaftigen und entlohnen,
heben wir die Kaufkraft des* Volkes.
P: Und von was bezahlt ihr die Lohne?
Frau P: Das Reich zahlt uns Zuschiisse. Die Zuschiisse des
Reiches stammen aus den Steuergeldern. Die Steuergelder zahlt das
Volk; aus den Lohnen, die wir ihm zahlen. Das< ist der Kreislauf
der Wirtschaft und ganz logisch. (Ins Telephon:) Ich bin nicht zu
sprechen, ich spreche selbst!
P: Eine Frage: Und wer kauft eure Autos?
Frau P: Welche Autos? Es werden keine Autos fertig, denn wir
haben die Maschinen stillgelegt. Maschinen schadigen den inneren
Raum des deutschen Wesens. Die Maschinen sind\ die Ursache des
Marxismus. Es lebe die deutsche Handarbeit!
P: Komme nach. Deutsch sein heiBt eine Sache mit den Fingern
tun.
Frau P: Unsre Karosserien werden nach dem AugenmaB- gebogen.
Die Sprungfedern fiir die Polsterung werden von jungen Madchen
gedreht. Die Zahnrader fiir die Kupplung werden von arbeitslosen
Dentisten ausgestanzt, Die Glasscheiben fiir die Schiebefenster wer-
den mit dem Handrucken glattgewalzt. Hundert Arbeiter sind auf
der Insel Riigen angesiedelt worden, um eine Gummibaumplantage ins
Leben zu rufen und so fiir unsre Pneumatiks einen handgeschopften
deutschen Gummi zu schaffen.
P: Denn kannste mir vielleicht auch verwenden. Ich habe ne
starke Lunge. Ich konnte diei Reifen aufpusten.
Frau P: Ich werde dir einen Laufzettel an die Personalabteilung
mitgeben. Unser erstes Auto wird Ostern 33 fertig. Es dient Aus-
stellungszwecken. Man mufii die Kauflust wecken.
P: Na, denn haste ja zu tun. Nu sage mir bloB: fiihlste dir jetzt
gliicklich als. Frau Generaldirektor Chamberpot?
Frau P: Als Kaufmann ja, als* Mensch nein. Ich beschaftige zwei-
tausend Leute, aber sie danken es mir nicht. Die Leute gehen fiir mich
durchs Feuer, beispielsweise in der SchweiBerei, aber nur weil sie
miissen. Das Volk tragt mich nicht, es ertragt mich. Ich mochte , . .
P: Ja, dann miiBtest du . . ,
Frau P: Ich muB Kaiserin werden.
(Die nachste Szene zeigt die Frau als Kaiserin und
endet so:)
P: Nu biste popular. Wenn du vorbeifahrst, denn jubelnse. Biste
nu glucklich?
Frau P: Die Monarchin hat kein Privatleben. Wenn sie ungliick-
lich ist, dann kommt es in die Zeitung. Daher ist sie stets zwar
ernst aber heiter.
P: Unter uns, Aujuste, was paBt dir nicht?
*Frau P: Ich gehore nicht mehr mir. Meine Freistunden sind
Dienst am Kunden. Sitze ich mit einem Buch am Kaminfeuer, so er-
schrecken mich die Blitze der Pressephotographen. Ich muB zum
Sechstagerennen und ins Sauglingsheim. Man spricht nicht mit mir,
832
man halt mir Reden. Ich darf nie cssen, ich muB stets speisen. Und
mein Mundsptilglas ist ein Pokal.
P: Zu ein Mundspiilglas kann ebcn das Volk nicht beten,
Frau P: Ich schne mich nach kleinen Raumen, nach einfachen
Speisen, nach Menschen, die mir gleichgeordnet sind.
P: Gegen den Katzenjammer wird unser Trillerfritze was tun
konnen. (Er driickt den Knopf. Trillerfritze geschwind herein.)
Tr: Bescheidenes Eigenheim? Gute Luft? Selbstverstandlich
sofort. Freiwillige vor! (Er trillert. Chor der Arbeitsdienstfrei-
willigen:)
Es wird jetzt Zeit, dafi was geschieht
Denn Deutschland hat viel Sumpfgebiet
Viel Sumpfgebiet
Wir treten an in scharfem Trab
Und graben euch das Wasser ab
Und graben euch das Wasser ab
Das Wasser, Wasser, das Wa-a-a-asser . . .
(Sie batten den Nachttopf wieder auf.)
Trillerfritze (zu Pi8pott und seiner Frau im Kaisermantel): Sie
sehen hier ein Eintopfhauschen modernsten Typs. Neue Sachlichkeit.
Ein flaches Dach mit kreisrundem Oberlichtfenster. Ungepolsterte
MobeL Kein Herd, da Rohkost. Keine Kinderstube, kein Madchen-
zimmer, Ein einziger Raum, ohne individualistisches NebengelaB.
Gestatten Sie mir, daB ich Ihnen zum Einzug Salz und Brot iiberreiche,
Frau P: Salz und Brot. Das muB ich doch schon mal wo ge-
gessen haben.
P: Sage mal, das ist doch ...
Frau P: Das ist doch unser PiBpott,
P: Ich habn erst gar nicht erkannt.
Frau P: Der Trillerfritze hat uns angeschmiert. (Will den Knopf
driicken.)
P: Wie mans nimmt. Er hat dich nischt vorenthalten. BloB
gliicklich bist du nicht bei geworden.
Frau P: Hier in Pifipott hamwa Sorgen, hamwa Arger und wis-
scn nicht, wozu wir uff die Welt sind. Aber wenn du Geld hast und
wenn du was zu sagen hast, denn fuhlste dir auch nicht besser,
P: Nee, mit die Sorte Karriere is nischt gefallig. Das ist wie
mit die Eichhornchen in Kafig. Loofen imma hoch und merken nicht,
det sie sich im Kreise drehn. Uff die Weise kommste nich zum
Gliick. Uff die Weise nich.
Frau P: Da kannste umziehn, wohin du willst und wie hoch du
willst: erster Stock, zweiter Stock, dritter Stock, Die Sorge sitzt
vorn bein Mobelwagen uffn Kutschbock.
P: Nee, det is nich der Weg zum Gliick, Seh mal, wenn einer
keine Beene hat und kann nicht loofen. Ob sien da in Handwagel-
chen fahren, oder er hat dreiste n kleenen Ford odern Mercedes
odern Rolls Royce. Wo er denn mit seine zwei Stummels drin sitzt.
Oder er hatn Fluchzeuch mit Laufrader und Wasserkufeni zum Ab-
wechseln. Mach ja janz scheen sind, da drinne zu sitzen. Aba wie
zwee Beene zum Loofen is det nich.
Frau P: Prothese is Prothese.
Beide: Da mufi es noch ne andre Losung geben.
Chor der Arbeitsdienstfreiwilligen (der hereingekommen ist): Da
mufl es noch ne andre Losung geben. (Singt:)
Ob einer aufsteigt, bleibt sich gleich,
r Und auch wer Geld hat, ist nicht reich
Ist heut nicht reich.
Denn sieh: ein Gliick kommt nie allein
Wir miissen alle gliicklich sein
Wir miissen alle gliicklich sein
Wir alle, alle, wir a-a-alle!
833
Kinderbticher von Peter Gosing
pur wen werden eigentlich Kinderbucher geschrieben? Natiirlich
* fiir Kinder; aber gekauft werden sie von Erwachsenen. Das hat
gewisse Nachteile. Die meisten Erwachsenen fiihlen sich verpflichtet,
Kindern gegeniiber standig eine erzieherische Haltung einzunehmen,
und tun das leider auch, wenn sie Biicher fiir ihre Kinder einkaufen,
Da Waren fiir die Kaufer gemacht werden, so stellen sich auch die
Hersteller von Kinderbiichern auf ihre Kaufer ein. Billig aber mo-
ralisch! Die Biicher sollen namlich erzieherische MaBnahmen, zu
denen der Erwachsene keine Zeit oder keine Lust hat, ersetzen. Um
die Weihnachtszeit liegen sie dann zu Hunderten in den Buchhandlun-
gen herum. Die Auswahl auf dem deutschen Kinderbiichermarkt ist
ja recht groB. Schlagt man aber eines dieser Biicher auf, so kann
man etwa ein merkwiirdig lehrerinnenhaft aussehendes Kanguruh sehen
und liest erstaunt darunter die schonen Verse:
Dies ist das Fraulein Kanguruh,
der Kinder gute „Tante Gum";
weil sie mit Weisheit und mit Liebe
durch viel Geduld und wenig Hiebe
den Kindern fiir ihr junges Leben
so manches Gute weiB zu geben.
WeiB sie das wirklich? Solcher guten Tanten, die dann am Weih-
nachtsabend das beschenkte Kind strafend aber giitig ansehen, gibt es
namlich in den deutschen Kinderbiichern sehr viele. GewiB, diese
Tanten verhauen nur die bosen Kinder, Aber sie verhauen sie — auf
irgendeine Weise, Was sagen die Kinder, die das lesen, dazu? Wieso
kommen sie iiber einen schiichternen Protest wie den: „Wenn Kinder
in einem Buch vorkommen, sollen sie nicht so viel verhauen werden!"
nicht hinaus?
Kinder mochten gerne groB und gut sein. Solche „erzieherischen"
Biicher bieten ' ihnen diese Moglichkeit auf besondre Weise, ; Das
lesende Kind kann sich gut und artig vorkommen, weil es dem bosen
Kind so schlecht geht. Es kann sich ganz warm und wohlig fiihlen,
aber nur dadurch, daB es schlechte Kinder gibt, die bestraft werden
und iiber die man sehr erhaben ist. Es kann sich) auf diese Weise
groB und gut vorkommen und wird kaum fiihlen, dafi es in Wahrheit
nur unsolidarisch, schadenfroh, unkameradschaftlich ist.
Erwachsene, die solche Biicher verschenken, glauben, die Kinder
wiirden einigen moralischen Gewinn haben und im iibrigen die Biicher
so lesen, wie sie selber* zu lesen pflegen; mit etwas Sentimental i tat,
einigen guten Vorsatzen, zwei Erkenntnissen, die nach drei Tagen ver-
gessen sind und im ganzen ohne jede groBere Wirkung. Aber 'Kinder
sind beim Lesen viel ernsthafter als es Erwachsene zu sein pflegen.
Kinder konnen kaum spiiren,( wie lacherlich und armselig diese Er-
zieherei auf Kosten der Unartigen ist, und da Biicher wirklich noch
Ereignisse in ihrem Leben sind, werden sie sich nach ihnen richten
und artige Zoglinge irgendeiner Tante Gruh sein wollen. Es bleibt
dann nur zu hoffen, daB es ihnen nicht gelingt.
Leider werden Kinderbucher nicht nur von Erwachsenen gekauft
sondern auch von Erwachsenen geschrieben. Diese Tatsache hat die
MAbenteuerbucher" zur Welt gebracht. Sie gehen von einem ganz
richtigen Tatbestand aus; Kinder sind klein und mochten gern groB
sein. Darum lieben sie in ihren Biichern Helden der Tat: tapfere
Manner, die siegen und alles iiberwinden miissen. Diesen naturlichen
und berechtigten Kinderwunsch haben die Schriftsteller iibertrieben
und vergrobert, sie haben die Gelegenheit beniitzt, um sich all ihren
ungestillten Tatendrang hemmungslo& vom Herzen zu schreiben. Da
werden Tomahawks geschwungen, Zahne knirsche^ und auf eine
Leiche mehr oder weniger kommt es nicht an. In Karl Mavs beriihm-
834
tern „Winnetou" wird der ,,Weifle Biber" gleich 2weimal hinterein-
ander erschossen, Der Autoi4 hat das in der Aufregung des Schrei-
bens (ibersehen, und das Kind iiberliest es auch. Hauptsache, er ist
tot, der Schuft! Das sind dann die „Abenteuerbucher", die man zwar
nicht seinen Kindern, aber seinen Neffen schenkt.
Heute wird die Sache langsam anders. Die Helden bezwingen
nicht mehr durch ihre unfehlbare Uberlegenheit in moralischer oder
korperlicher Beziehung sondern durch ihren Humor. Der erste Held,
der hier bahnbrechend gewirkt hat, war der gute Doktor Dolittle. Er
kam eigentlich ganz leise, aber es zeigte sich, was ein Buch bei Kin-
dern vermag, wenn es an ihre besten Eigenschaften riihrt, Sie liebten
ihn, sie wollten ihn aufgefiihrt sehen, ihn selber auffuhren, sie rissen
die Erwachsenen mit, die etwas verblufft jedes Jahr einen neuen Band
verschenken nufiten. In diesem Jahr heifit er t,Doktor Dolittle auf
dem Mond" (Williams & Co. Verlag, Ganzleinen 4,50). Dieser Doktor
Dolittle ist naml^ch humorvoll giitig und ohne dafi der Autor das stan-
dig an bestraften bosen Menschen zeigen muB. Ob die Kinder den
feinen Humor, der aus jeder Seite spricht, verstehen? Verstehen viel-
leicht nicht, aber fiihlen sicherlich, und das ist ebenso richtig,
Kinderbiicher konnen durchaus von Kindern oder Tieren handeln,
aber die sollten dann auf so anstandige Weise mit sich und der Welt
fertig werden, wie das eben nur Kinder konnen. Da gibt es zum Bei-
spiel eine Barengeschichte, ,,Petra Possierlich" (Williams & Co., Halb-
leinen, 2,50} heifit das Buch, in der es ebenso sauber wie vergniigt
zugeht. Das Kind findet sich darin, und seine Anstandigkeit wird
nicht erst an bosen Beispielen sichtbar; sie ist eben da und bildet den
Grundton des Buches.
Auch Mut braucht sich nicht auf Blut zu reimen. Heute gibt es
bereits eine Anzahl von Kinderbiichern, die vom Alltag des Kindes
erzahlen und doch sehr mutig sind, wie etwa Ruth Rewalds ..Miiller-
strafie Jungensvon Heute" (Verlag B. Gundert, Halbleinen 1,90). Die
Eltern dieser Jungens von heute sind arbeitslos oder haben wenig
Geld, Es gehort viel kindliche Tatkraft dazu — in diesem Buch ist
davon die Rede — , aus1 einem Sommer, den man in Berlin verleben
mufi, trotz aller Schwierigkeiten etwas Verntinftiges zu machen, Sehr
spannend kann solch eine Erzahlung sein, und wie gut ist das Gefuhl
am Ende*. Fein, die habens geschafft!
Es kann in einem solchen Buch ebenso technisch wie heldenhaft
zugehen. Bekanntlich lieben ja unsere Kinder die Technik. Sie sehen
gerne Bilder, auf denen „links das neueste Motorflugzeug" — so
schreibt ein Kind — „und daneben das alteste und dadrunter das
neueste Rennauto und die alteste Rumpelkiste" zu finden sind. Kin-
der lieben es, darauf hingewiesen zu werden, wie weit wirs bereits
gebracht haben. Das ist verstandlich, wenn man bedenkt, dafi sich
das Kind in unsrer Welt erst einmal zurechtfinden mufi. Es gibt heute
bereits eine ganze Anzahl von Biichern, die diesem sehr berechtigten
technischen Bediirfnis der Kinder Rechnung tragen.
Fast schien es, als wollte man das Irrationale den Tante Gruhs
als Wirkungskreis iiberlassen. Das ware eine gefahrliche Verkennung
kindlichen Wesens. Im Kinderbuch darf man Wirklichkeit und Un-
wirklichkeit, Lustiges und Ernstes, Technik und Phantastik bunt durch-
einander mischen, wenn man versteht, das alles durch Humor zu einer
festen Einheit zu verkitten. Carl Capek zum Beispiel ist das in
seinem neuen Kinderbuch „Post, Polizei, Hunde und Rauberei"
(Williams & Co. Verlag, Halbleinen, 2,50) besonders gut gelungen.
Dieses Buch lafit die Kinder lachen und macht ihre Welt, die in vieler
Hinsicht eine sehr eigenartige Welt ist, reicher; es gibt ihnen viel,
ohne sie zu beschweren.
Das muB wohl uberhaupt das Ziel des neuen Kinderbuches wer-
den: Bereichern ohne zu belasten! Die Zeit der heldenhaften Helden
835
und der iiberlebensgrolten Gute ist vorbei. Die Helden der Kinder-
biicher werden langsam anstandig und mutig, so wie Menschen von
heute mutig scin miissen: mil hellen gcschcitcn Augen und einem
Mund, der vielleicht etwas zu groB ist aber daftir gegebenenfalls
tiichtig lachen kann.
Und anders geht das heute nicht. Wir haben diese Welt fiir
unsre Kinder nicht grade sehr einladend hergerichtet. So helfen wir
ihnen auf jede Weise, daB sie mit ihr fertig werden! Dazu miissen
sie moglichst kraftig und moglichst unbelastet sein. Beim Kind kann
ein Buch wirklich noch eine groBe Wirkung haben, Darum schenken
wir unsern Kindern Biicher, die sie freier und starker machen. Es
gibt schon solche, obwohl es schwer ist, sie zu schreiben. Denn der
Autor muB anstandig und phantasievoll wie ein Kind, ehrlich wie ein
Mann und humorvoll wie ein sehr kluger Greis sein. Die Biicher der
moralischen kindischen T ant en aber und der blutigen Abenteurer soll-
ten nicht mehr verschenkt werden, Zum mindesten nicht an Kinder.
Geburtenregelung auch Mannessache
von Th. H. Van de Velde
W/alther von Hollander verteidigt in seinem Aufsatz „Ge-
burtenregelung Mannessache", wenn ich ihn recht verstehe,
in der Hauptsache zwei Thesen. Bei der ersten handelt es
sich um eine Frage der psychologischen und physiologischen
Technik des Geschlechtsverkehrs. Sie lautet: Der Mann kann
und muB lernen, den Ablaui des Sexualakts so zu beherrschen,
daB sich durch diese Beherrschung der Eintritt einer nicht ge-
wiinschten Schwangerschaft mit Bestimmtheit vermeiden laBt.
Die zweite These ist grundsatzlicher Art. Sie fuBt auf
der Annahme der in dem ersten Leitsatz angeiiihrten Fahig-
keit; setzt die Moglichkeit, diese Fahigkeit zu erwerben, als
allgemeingultig voraus; und laBt sich dahin zusammenfassen,
daB der Mann die Verantwortung fiir die Folgen der gemein-
samen geschlechtlichen Handlung tragt, weil er die Moglichkeit
der Beherrschung hat,
Als ich die Aufforderung der Schriftleitung dieser Zeit-
schrift, zu den vorgebrachten Leitsatzen Stellung zu nehmen,
mit einer sofortigen Zusage beantwortete, da war das Inter-
esse, das ich ihnen entgegenbringe, ausschlaggebend. Bei der
Ausfuhrung meines Vorhabens sehe ich mich aber sofort vor
die Schwierigkeiten gestellt, denen auch von Hollander, wie
aus seinen Darlegungen zu ersehen ist, nicht entkommen
konnte. Sie bestehen darin, daB es sowohl der Knappheit des
zur Verfiigung stehenden Raumes wegen als vor allem infolge
der Beschrankung, die man sich in der Ausdrucksweise auf-
erlegen muB, nicht moglich ist, die Punkte, auf die es bei der
Erorterung dieser Fragen im Wesentlichen ankommt, in einer
allgemeinen Zeitschrift mit der Deutlichkeit, die fiir ihr rich-
tiges Verstanidnis notwendigf ware, herauszuheben. Grade
dort, wo man das Was und Wie moglichst genau von ihm horen
mochte, weil es doch grade darauf an erster Stelle ankommt,
muB von Hollander sich auf Andeutungen, die verschiedene
Auslegungen zulassen, beschranken. Bei der Bedeutung, die.
der Gesamtheit der durch diese Thesen aufgeworfenen Fragen
836
und der Kenntnis und Unkcnntnis von den damit in Verbin-
dung stehcnden physiologischen, psychologischen und ethno-
logischen Tatsachen und Forschungsaufgaben zukommt, ware
es zu wiinschen, daB von Hollander sich entschlosse, die ihm
zur Verfiigung stehenden Angaben und Erfahrungen, moglichst
genau beschrieben, in einer sexualwissenschaftlichen Zeitschrift
oder aber in Buch- oder Broschiirenform zu veroffentlichen.
Wenn er zum Beispiel Material zur Klarung der Angaben
und Tatsachen beibringen konnte, auf die er seine Hilfsthese
stutzt, daB nirgends, wo bei primitiven Volkern die Promis-
kuitat herrscht oder der voreheliche Geschlechtsverkehr, die
Frage der unerwiinschten Nachkommenschaft eine Rolle spielt,
so wiirden die Wissenschaftler, die sich den Kopf daruber zer-
brechen, wie das zu erklaren sei, ihm aufrichtig dankbar sein.
Allem Anschein nach ist viel Wahres daran. Betreffs der Ur-
sachen dieser Erscheinung tappen wir aber so ziemlich im
Dunkeln.
Malinowski, der sich wohl am eingehendsten bemiiht hat,
das Geschlechtsleben primitiver Menschen kennen zu lernen,
und dessen BeobachtungeA in dieser Beziehung groBtenteils
mit den zerstreuten Berichten andrer Ethnologen betreffs der
Zustande bei andern primitiven Volkern ubereinstimmen, wird
durch seine Nachforschungen bei den Trobriandern (Bronislaw
Malinowski: Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-
Melanesien. Grethlein & Co., Leipzig) auch zu der Frage ge-
fiihrt: Wieso gibt es dort so wenige uneh'eliche Kinder? Er weifi
sie, obwohl er etn paar Jahre unter diesen Menschen gelebt
hat, nicht zu beantworten. Dennoch sind die Bemerkungen,
die er zum Thema macht, fiir die Frage, die uns hier beschaf-
tigt, wichtig, grade weil sie zeigert, daB wir nicht annehmen
konnen, jene Erscheinung beruhe auf einer dem „Karezza"-
Verfahren ahnlichen Methode, wie sie Hollander vorschwebt.
Eins weiB er mit absoluter Sicherheit: Verhiitungsmittel irgend-
welcher Art sind unbekannt, wie auch die leiseste Vorstel-
lung davon, daB es so etwas geben konnte. Das ist' ganz na-
tiirlich, ,,Da die Befruchtungsfahigkeit der Samenflussigkeit
unbekannt ist, da ihr Austreten nicht nur als harmlos sondern
als wohltatig angesehen wird, so besteht fiir die Eingeborenen
kein Grund, warum sie der Samenflussigkeit den freien Zugang
zu jenen Teilen, die sie doch geschmeidig machen soil, wehren
sollten." Auch die Abtreibung wird, obwohl ihr ja hier keine
gesetzlichen Hindernisse entgegenstehen, wahrscheinlich durch-
aus nicht in groBem Umfang betrieben. So bleibt das Problem
ungelost, sagt Malinowski, und er fragt sich, ob es irgend ein
physiologisches Gesetz gibt, wonach Empfangnis unwahrschein-
licher wird, wenn die Frauen sehr jung mit dem Geschlechts-
verkehr beginnen, ihn unermiidlich betreiben und ihre Lieb-
haber ausgiebig wechseln — eine Frage, die der Gynakologe
infolge gelegentlicher Beobachtungen bei der Sterilitatsbehand-
lung und der Biologe auf Grund seiner Untersuchungen beziig-
lich der Spcrma-Immunitat zu bejahen geneigt ist, wahrend
iibrigens schon der Mann der StraBe oder, besser gesagt, der
vom Lande seit jehcr erkannt hat, daB ,,auf einem vielbegan-
genen Pfade kein Gras wachst",
837
. Wenn also die Hilfsthese Hollanders (bis zu einem gewis-
sen Grade!) den Tatsachen entspre^hon mag; so ist sie doch
zur Unterstiitzung seines erst en Haupuensatzes unbrauchbar,
weil — es sei denn, daB er unbekanntes Material dafiir bei-
bringen kann, was ja die Ethnologen und die Mediziner
gleichermaBen erfreuen wiirde — keine Daten vorliegen, die
es erlauben, dieses Ausbleiben unerwiinschter Nachkommen-
schaft auf die Anwendung „Karezza"ahnlicher Methoden zu-
ruckzufiihren,
Wenn ich ihn nun aber nicht vollig miBverstehe, so be-
steht doch die von ihm verteidigte ,,Beherrschung der Zeu-
gungssafte", durch welche „der Liebeskiinstler es ganz und
gar in der Hand hat, ob er ein Kind zeugen will oder nicht"
in der Ausiibung des Coitus reservatus, dessen Characteristi-
cum auf korperlichem Gebiet in der Vermeidung des Samen-
ergusses gesehen werden mu8. Dieses Characteristicum besitzt
auch die sogenannte MKarezza('-Methode, die sich im Obrigen
durch ihr Streben nach moglichst weitgehender Vergeistigung
der Geschlechtsgemeinschaft und durch die Betonung einiger
wissenschaftlich mehr oder weniger unhaltbarer Theorien, die
auBer Betracht gelassen werden konnen, unterscheidet.
In welchen Hinsichten das von Hollander gemeinte Ver-
fahren der 1(Beherrschung der Zeugungssafte" sich nun von
,,Karezza" unterscheidet und ob es mehr oder weniger iden-
tisch mit dem Coitus reservatus der (,Mazdaznan,l-Anhanger
oder mit in korperlicher Hinsicht ahnlichen Methoden, andrer
Ethiker ist — es wird mich sehr interessieren, das zu erfahrenf
aber es hat mit der Frage, die uns hier beschaftigt, namlich
ob der Coitus reservatus ein allgemein brauchbares Mittel zur
Geburtenregelung sein kann, nichts zu tun. Noch weniger tut
es zur Sache, dafi ich in letzter Zeit durch die personliche
Aussprache mit wertvolleri Mannern, die den zu ,,Karezza'*
und verwandten Handlungen fuhrenden Ideen ergeben sind,
mehr als fruher von der Bedeutung uberzeugt worden bin, die
ein derartiges Vorgehen iiir bestimmte Menschen oder Gruppen
voni Menschen im Sinne der Bereicherung haben kann.
Worauf es hier ankommt, ist, daB der Coitus reservatus
weder ein geniigend sicheres noch ein fur die groBe Masse der
Menschen geeignetes Mittel zur Geburtenregelung darstellt.
Die ungeniigende Sicherheit, die er bietet, zeigt sich praktisch
durch die verhaltnismaBig zahlreichen Falle, in denen die Me-
thode fehlschlagt. Theoretisch laBt sie sich, noch abgesehen
von dem gelegentlichen Versagen der den natiirlichen Ablauf
der Reaktionen eindammenden KraHe, schon erklaren durch
die unter andern von Abraham Stone betonte Tatsache, daB
mi der, wahrend der sogenannten Vorlust, aus der mannlichen
Harnrohre hervortretenden Absonderung in einem gewissen
Prozentsatz der Falle lebende Spermatozoen nachgewiesen
werden konnen. Und die Ungeeignetheit der Methode zur all-
gemeinen Anwendung wird man ohne weiteres erkennen, wenn
man bedenkt, daB die Willenskraft in diesem Fall dazu her-
halten muB, eine mit elementarer Gewalt ablaufende Reihe
von naturbedingten Vorgangen zu unterbrechen und am wei-
teren Ablauf zu verhindern. Zweifellos ist bei manchem Men-
838
schen der Geist dazu fahig; er kann sich zu noch schwereren
Leistungen durchringen. Die Zahl derer aber, die zu der hier
gemeinten Leistung imstande sind, ist, besonders, weil es sich
nicht um erne einmalige sondern um eine immer notige Be-
herrschung handelt, verhaltnismaBig sehr klein. Weitausdie mei-
sten Manner werden die Zumutung iiberhaupt ablehnen; viele der
tibrigen konnen ihr, auch beim besten Willen und eifrigsten
Bestreben, nicht entsprechen, weil ihre psychosexuelle Konsti-
tution es ihnen nun einmal nicht erlaubt,\und bei diesen ver-
fehlten Versuchen setzen sie sich der Gefahr psychischer
Schadigung aus; andern wieder wird es gelingen, aber auf die
Dauer werden auch sie an Leib (Prostata) und Seele (Neurose)
gefahrdet. VerhaltnismaBig wenige — wenn auch an absoluter
Zahl nicht allzuwenige — werden die Aufgabe ganz im Sinne
der „Meister" dieser Idee bewaltigen, ohne Schaden zu nehmen,
Fraglich ~Weibt dann aber auch in diesen giinstig gelegenen
Fallen, wie die Frau darauf reagiert. Denn mag sie, wenn sie
dieselbe Neigung zur Vergeistigung besitzt wie der Mann, in
dieser Weise auch eine voile seelische Befriedigung finden, so
darf man doch bei der Beurteilung des Verfahrens zwei Dinge
nicht vergessen: Das erste istt daB genitale Reize, die nicht den
naturgewollten Ablauf nehmen, auf die Organe selbst und auf
die Seele (wenn sie sich dessen auch nicht bewuBt zu werden
braucht) eine schadliche Auswirkung haben konnen und daB
die Frau in dieser Beziehung im allgemeinen sehr empfindlich
ist. Und das zweite, was nicht auBer Acht gelassen werden
darf, ist das Fehlen der giinstigen tonisierenden Einwirkung,
die sowohl die resorbierten Spermastoffe als die normale Lust-
losung selbst auf den gesamten Organismus der Frau und auf
ihr ganzes Befinden und Betragen ausiiben.
Damit glaube ich wohl fiir meine Uberzeugung, daB der
Coitus reservatus als Methode der Geburtenregelung nicht
taugt, geniigende Beweisgriinde beigebracht und damit die erste
These Hollanders widerlegt zu haben. Und weil sein zweiter
Leitsatz auf dem ersten fuBt, wird dieser dadurch ebenfalls hin-
fallig. Wenigstens was den begnindenden Teil betrifft und so-
mit auch in bezug auf die alleinige Verantwortung des Mannes
fiir die Folgen der gemeinsamen geschlechtlichen Handlung.
Eine solche alleinige Verantwortlichkeit braucht iibrigens auch
nicht in jenen Fallen zu bestehen, in denen der Mann die von
Hollander geforderte Beherrschungsfahigkeit besitzt, Denn
auch dann kann die Frau, wenn ihr Bestreben nicht in dem
gleichen Sinne gerichtet ist, ihm durch ihr Verhalten die Be-
herrschung glattweg unmoglich machen. Mann und Frau tragen
also auch dann zusammen die Verantwortung.
Das tun sie, meiner Auffassung nach, immer. Da viele
Manner diese Verantwortung immer noch nicht anerkennen
sondern sich damit begniigen, die Frauen nachtraglich zur Be-
seitigung der Folgen zu drangen, betrachte ich es als ein
groBes Verdienst Hollanders, durch seine weitgehende Forde-
rung ^Geburtenregelung Mannessache" immerhin den Weg mit
bereitet zu haben zur allgemeinen Anerkennung des meiner
Meinung nach allein richtigen Grundsatzes ,,GeburtenregeIung
auch Mannessache".
839
Prof essoren in der Politik Hermann Budzisuwski
Mit den Krediten ist auch, das wirtschaftliche Denken ver-
eist. Darum der zeternde Protest gegen alle Experimente.
Wagemann: Was ist Geld? November 1932
pin Professor fand das Rezept, die kranke WirtschaH zu
kurieren. Aber der Patient hat Angst vor der Medizint die
ihm in kleinen Schlucken eingege?ben werden soil; vor zehn
Jahrcn hat er dreselbe Medizinflasche leer getrunken, fast ist
er daran gestorben. Den Arzt, der seit Jahren junge Kandidaten
seiner Wissenschaft schulen darf, halt er nun fur einen gemein-
gefahrlichen. Kurpfuscher. Die Industriellen, die Bankiers, die
GroBhandler und die Sparkassen haben ihre Syndizi zur
Reichsregierung geschickt und gebeten, dem Prasidenten des
Statistischen Reichsamts und Direktor des Instituts fiir Kon-
junkturforschung, dem Professor Wagemann, den Mund zu
schlieCen. Die Regierung hat die Eingabe der zustandigen
Stelle zugeleitet, und das war Reichswirtschaftsminister Warm-
bold, Wagemanns Schwager. Der Erfolg? Eine Woche darauf
erklarte Wagemann seine Plane nochmals in aller Offentlich-
keit, ein neuer Vortrag ist auf den 5. Dezember angesetzt.
Wenn die vier machtigsten deutschen Wirtschaftsverbande
nicht einfluBreich genug sind, einen deutschen Beamten zum
Schweigen zu bringen, miissen hinter diesem Mann sehr be-
deutende Krafte stehen. Wer ist Wagemann?
In Canarcillo in Chile wurde er als Sohn eines deutschen
Kaufmanns geboren, in Valparaiso hat er die Schule besucht.
Immer blieb sein Biick auf die Welt gerichtet. Er arbeitete am
Kolonialinstitut in Hamburg, reiste drei Jahre in der Welt um-
her und schrieb iiber britisch-indische Wirtschaftspolitik, iiber
Wirtschaft in Chile, iiber deutsche Kolonisten in Brasilien. Be-
weglich, draufgangerisch wie sein Name — wozu erst wageti?
Wage manl — kam er rasch vorwarts. Mit 35 Jahren Pro-
fessor, wurde er im selben Alter Vortragender Rat im Reichs-
wirtschaftsministerium, dessen Staatssekretar Julius Hirsch ihn
1923 zum Prasidenten des Statistischen Reichsamts machte.
Zwei Jahre darauf wurde er auch Direktor des neugegriinde-
ten Instituts fiir Konjunkturforschung, das die Wirtschaftsent-
wicklung hinterher gut schildert und sich in letzter Zeit be-
miiht, den Wendepunkt der Krise, den Papen brauchte, als tat-
sachlich eingetreten zu beweisen.
Als Leiter der beiden wissenschaftlichen Staatsinstitute, die
das Zahlenmaterial zur Rechtfertigung der Regierungspolitik
herbeizuschaff en haben, entwickelte sich in Wagemann jene herz-
liche Zuneigung zur wissenschaftlichen Theorie, die wegen ihrer
unedlen Nebenabsichten eine ungluckliche Liebe werden muBte.
Er verfaBte eine Geldlehre, eine Konjunkturlehre, er schrieb viel
und nicht schlecht, aber unklar, und wo die okonomische Theorie
nicht reichte, um die Wirtschaftspolitik seiner mittelbaren Auf-
traggeber zu begriinden, schreckte er auch nicht davor zuriick,
das Wesen der Wirtschaft im „lebendig Seelischen" zu suchen.
So denkt ein deutscher Professor der - Nationalokonomie
iiber das Wesen des Geldes nach: Das Geld ist „nicht wirt-
schaf tlicher, sondern politischer und magisch-kultischer Her-
840
kunft". Gold war das Symbol der Sonne, Silber das des Moii-
des („Was ist Geld?", Seite 40). Weil sich die Umlaufszeiten
von Sonne und Mond wie eins zu dreizehneinhalb verhalten,
muBte ein Kilo Gold wahrend vieler Jahrhunderte dreizehn-
einhalb Kilo Silber wert sein. Das alles und dazu die Tatsache,
daB die Indianer des Missourigebietes zwei Led-erzelte gegen
ein Weib tauschen, muB man wissen, meint Wagemann, um
dann geneigt zu sein, die Patentmedizin zur Heilung der Wirt-
schaftskrise zu schlucken. Die Medizin besteht aus bedruck-
tem Papier, aus neuen Banknoten. Noch im Januar glaubte
Wagemann, daBdieserKur nicht einmal Mder Geruch des bloBen
Experiments anhaftet". Jetzt , brustet er sich schon, Ex-
perimentator zu sein, und verachtet die Kleinmutigen.
Er kampft verbissen, aber nicht wie ein fanatischer Ge-
lehrter, der er nicht ist, sondern wie ein Interessentenvertreter,
der er ist. Der Wagemann-Plan entstand in einer Arbeits-
gemeinschaft, deren wichtigster Mann Direktor Schmitz von
der IG war. Schmitz war Bninings Wirtschaftsberater. Er
machte Warmbold, den Direktor im Chemietrust, zum Wirt-
schaftsminister, er enthiillt durch Wagemann sein Wirtschafts-
programm: ,,SchluB mit der Konsumfinanzierung! Beseitigung
der Unterbilanz der Unternehmungenr*
Die Konsumfinanzierung erfolgte, ohne daB die Konsumen-
ten es merkten. Im letzten Jahr, sagt Wagemann, sind etwa
zwei Milliarden Mark Konsumentengeld geschaffen worden,
zum groBen Teil Silbergeld zur Deckung des Staatsdefizits, zur
Bezahiung der Beamtengehalter. Das Konsumentengeld ist in
die Kassen der Unternehmer geflossen und dqrt geblieben.
SchluB damit! Wenn jetzt Geld geschaffen wird, dann unmittel-
bar fur die Unternehmer, die von den Steuern und Soziallasten
zu befreien sind. ,,In der Depression, in der es einer Ent-
lastung der Betriebe bedarf, kann die offentliche Hand sich
meist unbedenklich verschulden, um die durch Steuersenkun-
gen entstehenden Ausfalle zu decken". Es ,,ist sogar in ge-
wissen Grenzen die S chaff ung von Reichsbankgeld fiir diese
Zwecke zu verantworten'\
Und nun wird Doktor Luther bose. Er vertritt namlich
andre Interessen, seine Freunde, die Bankiers, wollen von
Wagemann nichts wissen, der die Banken reglementieren will.
Dafiir findet Wagemann neue Bundesgenossen. Er hat vor-
geschlagen, Geld gegen die Verpfandung von Getreide auszu-
geben, das freut die Landwirte. Darum beruft sich der Land-
rat Gereke Mitte November vor den Landwirten der> preuBi-
schen Landgemeinden auf Wagemanns Kreditschopfungsplane,
die er in seinen eignen Arbeitsbeschaffungsplan einordnet.
DaB die Landwirte gegen Professor Warmbold, Wage-
manns Stiitze in deri Kabinetten Briining und Papen, Sturm
laufen, wahrend Wagemanns Feinde in Finanz und Industrie
den Wirtschaftsminister Warmbold schatzen, beleuchtet die
Vielfaltigkeit der innerbiirgerlichen Gegensatze. Warmbold,
Sohn eines Landwirtes, war sieben Jahre selbst praktischer
Landwirt. Nach Ansatzen, die in die Hochschullauibahn fiih-
ren sollen, wird er Sekretar Iandwirtschaftlicher Organisationen.
Reine Forschungsarbeit liegt ihm nicht; er hat kein grund-
841
legendes Werk veroffentlicht, nur an einigen Broschuren mit-
gearbeitet, Scin Format ist klein, mit Recht tragt cr den
Titel Okonomierat. Dennoch wird er im Krieg Professor und
Direktor der Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim.
Aber dieses Amt ist nur ein Spriingbrett Bald wird Warm-
bold in das Preufiische Landwirtschaftsministerium geholt, 1921
ist er Landwirtschaftsminister.
Ist damit der Gipfel erreicht, der Ehrgeiz befriedigt? Kei-
neswegs. Aiifang 1922 ist er Vorstandsmitglied der Badischen
Anilin- und Sodafabrik, er wird Direktor der IG, das ist mehr
als preuBischer Minister. Bedeutet demnach die Ubernahme
des Reichswirtschaftsministeriums schon einen Abstieg? Nein,
denn die IG bleibt im Riicken, steift ihm den Riicken. Sie
macht ihn hart gegen weichliche Sozialpolitik, Stegerwalds
reformistische Arbeitsstreckungsplane treiben ihn aus dem
Kabinett. Doch einen Monat spater ist Warmbold wieder
Minister, unter Papen sind sozialpolitische Entgleisungen nicht
zu befurchten. Mit Steuergutscheinen und Lohnabbau wird der
trugerische Silberstreifen an den Horizont gezaubert, Borse
und Industrie sind zufrieden. Die IG erhalt hohere Benzinzolle,
man nennt das Protektion. Doch bei der Landwirtschaft macht
der Protektionismus des friiheren Landwirtes halt. Die Kon-
tingente storen den Export. Warmbold gehort jetzt zur In-
dustrie, die agrarische Vergangenheit ist erledigt.
Jetzt haben sie sich alle auseinandermanoveriert, Warm-
bold und der Freiherr von Braun, Wagemann und Luther, In-
dustrie und Landwirtschaft und Finanz, So muBte die Ka-
binettskrise iiber 14 Tage dauern. Die Professoren mit ihren
kurzbefristeten Zwecktheorien konnen nichts gestalten. Der
Kampf der Interessenten geht weiter.
Wochenschau des Ruckschrltts
— Die kommissarische PreuBenregierung hat weitcre republi-
kanische Bcamte in den Ruhestand versetzt.
— Der nationalsozialistische Minister Freyberg hat samtliche
sozialdemokratischen Zeitungen Anhalts auf 8 Tage verboten; die
,Rote Fahne' wurde auf drei Wochen(! die kommunistische ,Nord-
deutsche Zedtung* auf funf, und die kommunistische , Arbeit erzeitung*
Bremens auf 14 Tage verboten. *
— Vor dem berliner Sondergericht wurde eine Frau zu achtzehn
Monaten Zuchthaus wegen Transportgefahrdung verurteilt, obwohi die
belastenden Aus&agen des Polizeibeamten im scharfsten Widerspruch
zu den Zeugenaussagen von Privatpersonen standen. Der national-
sozialistische Biirgermeister von Dessau hatte in einer Wahlversamm-
lung der Staatspartei gerufen; „SchmeiBt die Schweine raus!" Der
Oberstaatsanwalt lehnte ein Verfahren ab, obwohi er offentliche Be-
leidigung als vorliegend ansah, aber Lemmer, der Redner dieser Ver-
sammlung, sei „nicht in seiner Eigenschaft als Reichstag sabgeordneter
angegriffen worden sondern als Politiker einer Parted".
— Minister Klagges hat alle gegen nationalsozialistische Studenten
der braunschweiger Technischen Hochschule gerichteten MaBnahmen
des Rektors aufgehoben und diesen verwarnt, weil er drei Studenten
das Betreten der Hochschule untersagt hatte.
Wochenschau des Fortschritts
— ^ Gestrichen.
842
Bemerkungen
Der Fait Renn
P\ie Marxistische Arbeiter-
*-*' schule, unsern Behorden als
geheime Bomb en- und Giftgas-
fabrik der Kommunisten sattsam
bekannt, war infolgedessen der
Schauplatz einer gut durch-
organisierten Polizeirazzia. A lie
die jungen Leute, Burschen und
Madels, Studenten, kleinen An-
gestellten, die in den Unter-
richtszimmern safien und, selbst-
verstandlich zum Schein nurt die
Vorlesungen iiber die Geschichte
der Arbeiterbewegung, iiber die
Werttheorie von Marx, iiber die
Geschichte der europaischen Re-
volutionen etcetera mitanhorten,
wahrend sie in Wirklichkeit na-
tiirlich nichts andres taten, als
zu zersetzen, wurden einer hoch-
notpeinlichen Untersuchung un-
terzogen. Man lieB sich die
Passe und sonstigen Ausweise
zeigen, und wer nichts der-
gleichen bei sich hatte, was wirk-
lich schon sehr verdachtig ist,
wo man heutzutage jede Minute
verhaftet werden kann, der wurde
denn auch mit aufs Polizeiprasi-
dium genommen. . Aufier einigen
Biichern und Notizblocken fand
die Polizei keine Waffen. Aber
das geniigte ja auch vollauf.
Unter denen, die vom Kathe-
der der Marxistischen Arbeiter-
schule mittels Polizeiwagens ins
Presidium transjportiert wurden,
befand sich auch der Schriftstel-
ler Ludwig Renn. Auf Ludwig
Renn haben die Behorden schon
lange ein Auge geworfen, £r ist
so eine Art Scheringer, nur mit
dem fur die Behorden ausschlag-
gebenden Unterschied, dali er
nicht hinter Gittern sitzt. Viel-
mehr: noch nicht.
Ludwig Renns sozusagen bur-
gerlicher Name ist hochst adlig,
und im Weltkriege stand er nicht
nur seinen Mann sondern sogar
seinen Hauptmann. Aber danach
fing er an, sich zu zersetzen.
Weder trat er dem Stahlhelm
bei,* noch wurde er Sturmfuhrer
bei der SA, sondern er schrieb
ein Buch „Krieg", das ihn mit
Recht beruhmt machte, er kauite
sich aber nicht, wie etwa Re-
marque, daraufhin Autos und
Hauser in der Schweiz sondern
pfiff auf alles und ging konse-
quent dorthin, wo er innerlich
schon langst hingehorte.
Man hat seitdem in der Offent-
lichkeit nicht mehr viel von Renn
gehort, Er wollte kein Mode-
autor sein, wohl aber vertiefte er
sich, eben als alter Offizier, in
militartechnische Probleme. Er
schrieb in Zeitungen und Zeit-
schriften popularwiss«nschaft-
liche Artikel iiber die modernen
Waffen, iiber die Entwicklung
der Flugzeuge, iiber die Starke
der franzosischen oder japa-
nischen Armee, iiber den Ausbau
der amerikanischen F lot tens tiitz-
punkte im stillen Ozean. Mit
Interesse und Sachkenntnis
Christian Morgjensterii
Alio Cralgcnliedcr
UngekUrzte Volksausgabe
ineinemGanzleinen-Band M. 3,50
„Diese Sammlung alter Galgen-
liederbande ist eine wirklidte
TatdesVerlagesi" Neue nun<u<hau.
RRUXO 1 AS HIRE K
YKHLAC; KEKIJW W 3*
843
sttirzte er sich auf j ede Neu-
erscheinung auf militartechnischem
Gebiete und klagte mir mehr als
einmal vor« wie siindhaf t teuer
diese Fachliteratur sei, Schon im
Somraer dieses Jahres hatte er
den Plan gefafit, ein jJrofies Werk
tiber die modernen Armeen zu
schreiben und begann eifrig Ma-
terial zu sammeln. Wer etwa das
,Militarwochenblatt\ das amt-
liche Organ der Reicbswehr, re-
gelmaBig liest, weiB, wie offen-
herzig die Fachleute sich hier
aussprechen.
Als man Ludwig Renn aufs,
Presidium brachte und seine
Aktentasche durchsuchte, fand
man Manuskriptfragmente fiir
sein kiinftiges militarpolitisches
Werk. Auszuge aus ofliziellen
Statistiken, die jedem zuganglich
sind, der sich dafiir inter essiert.
Daraufhin behielt man ihn gleich
da und leitete die Untersuchung
gegen ihn ein, Eine Durch-
suchung seiner Wohnung forderte
weiteres Material zutage.
Nun raufl man wissen, daB Renn
iiber militartechnische Probleme
nicht nur Artikel schrieb und
ein grofieres Wefrk vorbereitete
sondern dariiber auch ganz offi-
ziell in der Marxistiscben Arbei-
terschule Vorlesungen hielt und
mit einigen interessierten jungen
Leuten Kurse veranstaltete. Alles
das wird offenbar als „erschwe-
render" Umstand angesehen, als
so erschwerend, daB die Anklage
wegen nur literarischen Hoch-
verrats vielleicht ausgedehnt wird
auf Vorbereitung zum vollende-
ten Hochverrat.
Aus Zettel- und Manuskript-
fragmenten laBt sich viel heraus-
lesen, besonders wenn ihr Ver-
fasser ein ehemaliger Hauptmann
und jetziger Kommunist ist, Der
Anwalt hat Renn bisther iiber-
haupt noch nicht allein sprechen
durfen sondern nur in Gegenwart
eines Richters. Das Material ist
an die Oberreichsanwaltschaft in
Leipzig gegangen, deren Vierter
Strafsenat zu entscheiden hat, ob
das Verfahren eroffnet wird.
Wenn sich ein deutscher
Schriftstellcr mit militarwissen-
schaftlichen Dingen ernsthaft be-
schaftigt, so ist das schon ver-
dachtig, ist der betreffende
Schriftsteller gar Kommunist, so
ist der yollendete Hochverrat be-
reits so gut wie erwiesen, Um-
somehr hat die Offentlichkeit die
Pflicht, im Falle Ludwig Renn
alles zu tun, daB hier nicht wieder
ein literarischer oder sonstiger
Hochverratsprozefi exekutiert
wird, der d ass-el be Ergebnis hat
wie Dutzende solcher Prozesse
gegen linksradikale Schriftstel-
ler und Journalisten: namlich
Festung, Gefangnis, oder Zucht-
haus fiir mehrere Jahre.
Heinz Pol
Ostpreufiisches
In der groBten Buchhandlung
* Konigsbergs sind saratliche
Ausstellungstische voll von Bii-
chern iiber die polnische Ge-
fahr, das polnische Heer, die pol-
nische Angrif f slust, den pol -
nischen DeutschenhaB, iiber den
nachsten Krieg mit Polen* iiber
die Schutzlosigkeit OstpreuBens
und iiber militartechnische und
strategische Fragen. Auch die
.Konigsberger Allgemeine Zei-
Soeben ersMen: CLAUS SCHREMPF
DIKTATUR DER TATSACHEN
Wohln sic Deutschlands Vol k und Wirtschaft ffOhrt
Die Bilanz unserer ZeiU Tatsadten statt Sdtlag-
worte. Wirtschaft statt Politik. Ein konstruktives
Zukunftsbild, mit kuhnen vollig neuen Perspektiven.
Kart. 3.50 RM, in Leinen 4.50 RM. S. FISCHER VERLAG
844
lung1 hat eine wehrpolitische
Beilage.
Der ehemalige Putschist RoB-
bach zieht mit seiner „Schar"
durch OstpreuBen und veranstal-
tet uberall Ubungen zur Abwehr
von Gasangriffen. In zahlreichen
Geschaften werden Gasmasken
verkauft. Die konigsberger Feuer-
wehr macht zu maftigen Preisen
jeden Keller gas- und bomben-
sicher. Vi?le Leute huten sich,
Geriimpel und besonders Maku-
latur auf den Hausboden aufzu-
bewahren, weil man ihnen gesagt
hat, dafi beim Abwurf von
Brandbomben die Feuersgefahr
dadurch vergrdBert werden wurde.
Eine Bank in Konigsberg hat
zwei Fuhren Kies bereitgestellt,
um Brandbomben sofort ab-
loschen zu konnen,
Sonnabend abend in einem
Hotel der Provinz. An einem
Tisch sitzen mehrere j unge
Reichswehroffiziere in ZiviLs
Nach und nach kommen eine
Menge Stahlhelmer und Nazis in
die Gaststube, einige in Uniform,
einige nur mit Abzeichen. Bevor
sie Platz nehmen, raiBt'jeder von
ihnen die Knochen vor den Offi-
zieren zusammen und erweist
ihnen die militarische Ehren-
bezeugung.
*
t,Ich schlieBe", sagt ein Red-
ner bei einer geselligen Veranstal-
tung zu wohltatigem Zweck, „mit
den Worten unsres Kaisers; Ich
kenne keine Parteien, ich kenne
nur Deutsche."
Hanns-Erich Kaminski
Buchkritik?
Wirtschaft, Horatio!
p\ie Ausfiihrungen der fiinf
*-* Autoren in der vorletzten
.Weltbuhne* tiber und gegen die
Buchkritik in den Zeitungen er-
innern ans Jo-Jo-Spiel: die Ge-
danken rollen glatt die Spule
herab, kehren aber yor dem Ende
jedesmal zuriick.
Die Literaturseiten der groBen
berliner Blatter, auch der frank-
furter und der kolnischen Zeitun-
gen, sch rump fen immer hafilicher
zusammen, werden mit immer
weniger kritischem Verantwor-
tungsbewufitsein redigiert. In den
Provinzzeitungen leeren schlecht-
oder gar unbezahlte Zufalls-
rezensenten ihre Schulbildung
iiber die Autoren aus* „Alles
ist so gut wie richtig . . /'
Und wer ist schuld? Die
Feuilleton-Redakteure? Oder die
Honorarabteilungen? Oder der
Mangel an „literaturpolitischem"
Willen? Aber nicht doch . . ,
„Schuld" daran ist der privat-
wirtschaftliche Aufbau unsrer
Zeitungen. „SchuId" daran ist
das kapitalistische System. Die
btirgerliche Gesellschaft hat jetzt
immer weniger Mufie und Sinn
fiir die Pflege von Kulturwerten.
Fur die von der Krise schwer be-
troffenen burgerlichen Zeitungen
gilt dasselbe. Der Zeitungsver-
leger kann sich in dieser Zeit
keine ideal ist isch en Grillen er-
lauben und kein iibriges Geld fiir
Literaturpflege ausgeben, wenn
seine heiligeren Giiter bedroht
sind,
Der Umfang und die Gute der
Literaturseiten dieser Zeitungen
Graf Carlo Sforza
Soobon
GPschienon g
DIE FEINDLICHEN BRUDER
In halt: Franzosen und .
Deutsche / Selbstmord der |
deutschenSozialisten jWie-
derkehr der Junker / Irr-
t&mer von Locarno / Ruhr /
Entwaffnung u. a.
Geh.5.—, kartoniert 6.—. Leinen7.50 \
Sw FisohGi* Veniag
Inventur
der europdischen
Probleme
845
standen immer im proportiorialen
Verhaltnis zur Qualitat und
Quantitat der Buchlektiire ihrer
Abonnenten und zum Preis und
zum Umfang der Buchinserate.
Je weniger die Buchverleger in
den Zeitungen inserieren, desto
weniger Interesse bringen die
Zeitungsverleger ihren Produkten
entgegen. Die Buchverlage gehen
aber immer mehr von Zeitungs-
anzeigen ab, der Unkosten wegen
und weil, wie ihre statistischen
Erhebungen zeigen, der Nutzen
der Inserate fur sie verhaltnis-
maCig gering ist. Traditioneller-
weise mehren sich die Inserate zu
Weihnachten; dann wachsen auch
die inseratenumrankten Literatur-
seiten, sie werden abet, wie jede
Konjunkturerscheinung, in der
kurzen Zeit nicht besser,
AuBerdem: das unvergleichlich
groBere Interesse der Zeitungen
am Theater und Film entspricht
vollkommen ibrer unvergleichlich
groBern wirtschaftlichen Bedeu-
tung< Ein Film kostet Hundert-
tausende, und Millionen Menscheh
geben Millionen Mark aus, um
ihn sich anzusehn, Ein Buch
wird von zwei-(l drei-, gunstigen-
falls von zehntausend Menschen
gelesen, seine Herstellung kostet
ein paar tausend Mark und
bringt ein paar tausend ein —
also eine Lappalie im Kreislauf
der modernen Wirtschaft. Er-
langt ein Buch ausnahmsweise
eine beachtenswerte wirtschaft-
liche Bedeutung, so steigt auch
das Interesse der Zeitungen.
(Zwei Musterbeispiele: Emil Lud-
wig und Remarque,) Mit einer
t,Literaturpolitik" hat das aller-
dings nichts zu tun.
Die immanenten Gesetze der
Wirtschaft wirken sich in alien
Spalten der biirgerlichen Zeitun-
gen aus. Ein Buch mag als Kul-
turwert Aufnahme in der Zeitung
finden, den Zugang regelt seine
Bedeutung als Ware. Und der
Zugang wird heute desto schma-
ler, je gehemmter der Waren-
umsatz ist.
Naiv zu glauben, der Feuilleton*
Redakteur brauche nun literatur-
politisch zu entflammen, und
neues Leben sprosse aus den
Ruinen. Und abgesehen von der
Frage, was denn eigentlich der
altersschwache Kapitalismus, der
sich nicht einmal mehr eine
schone Sterbeliteratur leisten
kann, nun gar in dem neu zu er-
offnenden Laden einer Literatur-
politik verkaufen sollte, — sind
die Buchkritiken, als wider-
standsschwachster Teil des Zei-
tungsorganismus, dem allgemeinen
Verfall der biirgerlichen Presse
vorausgeeilt.
Die Buchkritiken waren nur
durch den Idealismus der Zei-
tungsverleger zu retten. Also
sind sie nicht zu retten.
Die kommunistischen Zeitungen
brauchen daruber nicht zu
lachen. Sie wiederum haben
noch nicht gelernt, sich ernst und
wiirdig mit geistigen Werten aus-
einanderzusetzen.
Walter Abel
Nur Wirtschaft? Nur Ware?
Co richtig es von Walter Abel
•^ ist, das okonomische Moment
in die Debatte zu tragen, so ver-
kehrt ist es wiederum, ihm eine
derartig ausschlaggebende Bedeu-
tung einzuraumen, Gewifi lafit
sich keine Literaturpolitik aus
dem Boden stampfen, aber grade
die von Abel angeftihrten Aus-
nahmebeispiele, Remarque! und
Emil Ludwig, zeigen, daB die
okonomischen Verhaltnisse keine
geheimnisvolle, uniiberwindHche
Macht sind, denn als die Werke
der Beiden auf den Markt ka-
men, war das eine Ware genau
wie jedes andre Buch. DaB aber
diese Ware eine besondere wirt-
schaftliche Bedeutung fur die
Zeitungen gewann, lag doch ne-
ben der Bereitschaft des Publi-
kums unstreitig auch an der
petsrpons MDER 6R0SSE ZEITVERTREIB"
mit Zeichnungen von George Grosz
Mni|ai, d, I ^jQno«km.«H d~+„w„~ Brosch. RM, 2.80, sehr gut kartoniert RM. 3,20
MUlier &, I. Kiepenneuer, Potsdam Ganzieinen rm.4,50
846
Kritik, die sich fast einhellig fur
diese Biicher einsetzte. Man
kann zwar sagen, daB grade
diese Biicher keine weltanschau-
lichen oder wirtschaftlichen
Interessen der Verleger bedroh-
tenf aber man. sehe die Situation
nicht zu grob, vergesse nicht, daB
es eine ganz breite Literatur-
schicht gibt, innerhalb derer auch
beim heutigen Zustand der Presse
vieles verbessert werden kann,
was jetzt schlecht ist!
Gabe es in den Zeitungs-
redaktionen so etwas wie einen
einheitlichen literaturpolitischen
Willen (wie Kesten das hier ge-
nannt hat), dann wiirde fiir die
Werke, die diese Literaturpolitik
bejaht, auch ein wirtschaftliches
Interesse des Zeitungsverlegers
vorhanden sein, weil der Ver-
leger der betreffenden Biicher
selbstverstandlich starker in dem
Blatt inserieren wiirde, (Muster-
beispiel: Die ,Tagliche Rund-
schau'!) Ware die Kritik besser,
so ware sie einfluBreicher und
also auch wirtschaftlich bedeu-
tungsvoller.
Es findet hier, wie iiberall, eine
Wechselwirkung zwischen Geisti-
gem und Okonomischem statt.
Die Frage nach dem Primat des
einen oder des andern zu be-
antworten, wurde zu weit vom
Thema wegfiihren. Aber wir diir-
fen nicht alles von der Ldsung
der wirtschaftlichen Fragen ab-
hangig machen, nur weil diese
heute so im Vordergrund stehen.
Nicht zuletzt wird das Okono-
mische vom Zustand des geistigen
Lebens, zu dem die Literatur-
kritik gehort, mitbestimmt, und
es kann nicht unsre Aufgabe sein,
auf den Spezialgebieten die
Hande in den SchoB zu legen,
bis die groBe politische Grund-
schwierigkeit gelost ist.
Walther Karsch
Fitmnotizen
T^\as wirklich groBe Kunstwerk
*-^ ist kaum zu verstiimmeln.
Bleiben auch nur die rohesten
Grundelemente unzerstort, so
schlagt sein Zauber durch die
dickste Tunche. So verhext dife-
ser Tage die Venus von Milo als
Filmplakat in der grausen Ver-
kleidung einer Lockenperucke,
eines Nuttengesichtes und schwar-
zer Handschuhe ein ganzes Volk
durch die geniale Kontrapunktik
ihrer Korperachsen, die Zick-
zackkurve der Kopf-, Brust-f
Leib- und Schenkellinien, des
Gegenspiels von Schulter- und
Hiiftverschiebung. Was Schonheit
war, wird in der Pervertierung
zum Sex appeal. Aber der Zau-
ber bleibt.
*
Eine schone Frau wirkt bei
ernster Beschaftigung, am Koch-
herd, auf dem Fiihrersitz des
Autos, besonders verlockend. So
wird in dem Paramount -Film „Die
blonde Venus" die Mutterlichkeit
der Marlene Dietrich auf eine
etwas unreinliche Art zum Appetit-
CAPITOI
AN
EIN M«tro pt&UwMwcr TONFILrt %P^^^I I ^#fc ZOO
TSgtlch 5, 7, 9.15. Vorverkauf 12-2 Uhr. Barb. B6 706a
847
bissen iiit die Manner; die Kin-
deswasche dient als Reizwasche;
Mutterbrust und Busen in Per-
sonalunion. ■ Andrerseits liegt
eine gewisse Reinlichkeit in der
Steroberg-Dietrich-Methode, Men-
schenschicksale kalt, schnoddrig
und ohne lautc Worte zu erledi-
gen. Die Erstarrung, die bei der
kaufmannischen Verarbeitung von
Gcfiihlen notwendig eintrittf spie-
gelt sich in einer hochmutigen
Wurschtigkeit^ die zwar billig ist
aber ehrlich. Nichts ist wider-
wartiger als Leidenschaft auf
Bestellung.
Die Erich Pomraer-Produktion
ist die kulturbolschewistische Re-
nommierzelle der Ufa. Hier wer-
den, wennschon kaum der Wahr-
heit, so doch den grofistadtischen
Spdttern Zugestandnisse gemacbt,
Deshalb zeigt der Film „Ich bei
Tag und du bei Nacht" nicht den
plumpen Aufstieg des Armen zum
Reichtum,; sondern sehr geschickt
dient hier der Reichtum zwei
Halbproletariern — dem Reich-
tum genugend benachbart, um
einander irrtumlich fur Lebeleute
halten zu konnen — als eine Art
Maskenverleih. Sie sind und wer-
den nicht reich, aber sie sehen
eine Weile so aus, und darauf
kommts dem Kinobesitzer ja ar,
Das uneheliche Paar teilt zwar
Tisch und Bett, als Konzession an
die rauhe Wirklichkeit, aber nachts
schlaft sie und tags schlaft er, zur
Besanftigung Brachts. Es werden
zwar schmelzende Schlager auf
prunkvollen Freitreppen gesun-
gen, aber diesmal in satirische
Absicht und in einem der Hand-
lung als Kitschdependance lose
angegliederten Tonfilmkino, La-
cherlichkeit totet, hoffentlich je-
denfalls, denn sonst wird die Ufa,
wenn sie wieder einmal Frei-
treppen, Lakaien und prinzliche
Tenore zeigt, ein Diapositiv vor-
ausschicken miissen'. „Das Publi-
kum wird ersucht, iiber* die sati-
riscben Szenen nicht zu lachen."
Dank j edenf alls dafiir, daB es
diesmal erwunscht war, Dank fur
das lustige, wennschon faust-
dicke Spiel der Schauspieler,
Dank fiir die Liebesszene zwischen
historischen potsdamer Mobiliar,
die in dem bemerkenswerten Satz
gipfelte; „Wer kann schon in
Sanssouci Flote spielen?" Man
besuche diesen Film in Begleitung
junger Madchen.
Rudolf Arnheim
Hinweise der Redaktion
Berlin
Bund Geistiger Berufe. Dienstag 20.00. Kurfiirstendamm 50: Wie reagiert die Frau
auf Wirtschafts- und Gesellschaftskrise und wie konnte sic reagieren? Elsa
Gindlcr. — Mittwoch 20.00. Vegetarisches Speisehaus, Potsdamer Str. 27: Siedlung —
ein Ausweg aus der Krise? P. Massay. - Freitag 20.00. Kottler, MotzstraOe 69:
Was muQ man vom Nationalsozialismus wissen? Johann Jager.
SDS. Ortsgruppe Berlin. Cafe Wittelsbach, Bayrischer Platz. Dienstag 20.00: Welt-
anschauung und Literatur. — Mittwoch 20.00: Kammersale, Teltower Str. 1-4:
Protestversammlung gegen die Verhaftung von Ludwig Renn. — Oonnerstag 20.00:
Die Krise der gegenwartigen deutschen Literatur.
Gruppe Revolutionarer Pazifisten. Donnerstag 20.00. Cafe Adler am D.onhoffplatz:
Wissenschaftltcher Ausspracheabend: Proletariat, Armee und der Standpunkt der
KPD, Wilhelm Prifcel.
individualpsychologische Gruppe. Montag (12. 12.) 20.00, Klubhaus am Knie, Berliner
StraBe 27: Shakespeares Julius Caesar im Lichte derlndividualpsychologie, OttoKaus.
Kunstklub, Meineckestr. 27 (geoffnet ab 14.00): Ausstellung garactiert falscher Falsch-
kunst aus dem Besitz eines unbekannten Runen.
Hamburg
Weltbiihnenleser. Donnerstag 20.30. Timpe, Grindelallee 10: Theater unserer Zeit.
Nurnberg
Weltbuhnenleser. Montag (12.12.) 20.30. Katharinenbau, Wappensaal: Paneuropa,
Helldobler.
Bficher
Arnold Zweig: De Vriendt kehrt heim. Gustav Kiepenheuer, Berlin.
Rundfunk
Mittwoch. .Berlin 18.30: Junge Madchen, Axel Eggebrecht. — Donneratajr. Mtinchen
15.25: Ein Lebenaratsel, Erzahlung von Bjornstjerne Bjornson. — Berlin 20.30: Der
Bankrott, Schauspiel Von Bjornson. — Leipzig 20.30: Zum 1C0. Geburtstage von
B)5mson. — 20.45: Ober unsere Kraft, II. Teil.
848
Antworten
Die Linkskurve. Hellmut v. Gerlach schreibt: ,,Die ,Linkskurve'
wtinscht Aufklarung von mir daruber, wic die Tschechoslowakische
Gesandtschaft Kenntnis von edner Einsendung aus der Tschecho-
slowakei an die tWeltbiihne' erhalten habe. Ich kann ihre
WiBbegierde befriedigen. Die .Weltbuhne' hatte eine Glosse Bruno
Heiligs gebracht, die sich — mednes Erachtens mit voilem Recht —
sehr erfreut uber die von der prager Regierung vorgeschlagene Ande-
rung des- Abtreibungsparagraphen auslieB, Es lief daraufhin aus der
Tschechoslowakei — medner Erinnerung nach aus Reichenberg — eine
mir nicht sehr sachlich erscheinende Erwiderung ein, die von mehreren
Personen im Namen einer mir unbekannten Vereinigung unterzeichnet
war. Weder ausi den Namen dieser Vereinigung noch aus dem In-
halt der Zuschrift konnte ich! erkennen, ob es sich bei den Pro-
testierenden um Personen kommunistischer oder natiorialsozialistischer
Richtung handle. Zufallig traf ich in jenen Tagen auf gesellschaft-
lichem Boden mit einem mir befreundeten tschechoslowakischen
Diplomaten zusammen. I-ch sagte ihm, dafi ich mit Bezug auf eine
Notiz in der ,Weltbuhne' uber die tschechoslowakischei Abtreibungs-
gesetzgebung eine Zuschrift aus der Tschechoslowakei von der und
der Vereinigung erhalten habe, und fragte ihn nach den Tendenzen
dieser Vereinigung. Er erwidierte mir, daB er zum erstenmal von
dieser Vereinigung hore, Seit diesem Gesprach ist mir bis zu der
' Veroffentlichung in der ,Linkskurve* nichts weiter von der Angelegen-
heit zu Ohren gekommen. Naturlich wurde ich aufierordentlich be-
dauern, wenn den Einsendern irgendwelche Unannehmlichkeiten
durch die tschechoslowakischen Behorden bereitet wiirden, Dazu
hatten die Behorden nicht den geringsten Anlafi, „Die Einsendung
war redaktionell zu beanstanden, politisch eine vollkommen unver-
fangliche Sache." Und Kurt Hiller schreibt; „In der letzten .Linkskurve'
prescht ein Jaeger vor und erbricht iiber meine Broschfire ,Selbstkritik
links!1. Die, um mich zu dlskreditieren, dabei erfundenen Unwahr-
heiten aufzupieken, lohnt sich nicht. Argumente gegen meine Argu-
mente wird man in dem Publikat vergebens suchen- Der wesentliche
Einwand gegen den Inhalt der Schrift lautet, dafi sie bei W. R. Lind-
ner erschienen ist, einem Verleger, dessen Produktion auch Bticher
des Otto Strafier-Kreises aufweise, woraus fur anflunkerbare Leser
abgeleitet wird, dafi auch ich straBerisch und )tgegen alien Rationalis-
mus" sei, „mystisches Gewasch" und „GasnebeI" liefere. Ich mochte
jene klugen und loyalen Kopfe, die es in der Kommunistischen Partei
zweifellos gibt, fragen: obsie meinen, daB die Herabzerrung detr Dis-
kussion auf diese Ebene im Interesse des Proletariats liegt."
Rektor Willi Andreas in Heidelberg. Am Schwarzen Brett
Ihrer Universitat prangt ein Anschlag, wonach die Studenten zu er-
mafiigten Satzen den Reitsport pflegen konnen, Sie als Rektor und
anscheinend Reiter zugleich schreiben auf diesem Anschlag; „Ich be-
E. KKSTfiER
DER 35. MAI ODER A cQ»
KONRAD REIST IN DIE SUDSEE ^at| f O*
' ^ lrttS»^ Unnachahmllcho
•Ad}*" ** Elnfaile. KeB, kfistner,
Clft »* am kSstnersten. Berliner Tageblatt
WILLIAMS ft CO. VERLAO BERUN-GRUNEWALD
grtiBe diese Mafinahme als den ersten Schritt, dem Reiten wieder die
Bedeutung zu verschaffen, die es vor dem Kriege an unsrer Uni-
versitat hatte. Es ware mir eine Freude, bald zahlreiche Kommilitonen
als Reiter begriiBen zu konsnen," Hat nicht durch den Sturz des
Herrenreitersl Papen die edle Reitkunst wieder etwas von ihrer aka-
demischen Bedeutung eingebufit?
Doktor PaUl Ernst* Sie schreiben uns: „Ich bin kein Jude und
habe weder von vaterlicher noch von rautterlicher Seite einen jii-
dischen Vorfahren." Es stent also nichta im Wege, daB die ,Kreuz-
zeitung' fur Ihre Nobel kandi da tur Propaganda macht. Denn daB Sie
in jungern Jahren Sozialdemokrat waren, stellt nur eine laBliche
Siinde dar, wahrend jeder judische Blutstropfen eine Todsiinde be-
deuten wiirde,
Lernbegierige. Ibr schickt uns folgendes bemerkenswerte Tele-
gramm: „Betrifft Hollander: Wohin?" Es scheint, ihr wollt das
Problem ernstlich beim Zwickel nehmen,
Gruppe Revolutionarer Paziiisten. Ihrem in Nummer 46 der
jWeltbuhne* veroffentlichten Protest gegen die beabsichtigte Wieder-
einfuhrung der allgemeinen Wehrpflicht haben sich inzwischen noch
angeschlossen: Ernst Blass, Franz Hammel, Walter Hasenclever,
Georg Lichey, Ernst Toller und Bruno Vogel.
Intourist, Sie veranstalten in der nachsten Zeit wieder besondere
Studienreisen fiir Lehrer, Arzte, Ingenieure, Architekten, Techniker,
Sttldenten, Arbeiter und Angestellte. Die Programme sind von Ihrem
Bureau, Berlin, Unter den Linden 62/63,. zu beziehen,
Bilderfalscher. Deinesgleichen hats mit den Kunstverstandigen
nicht leicht. In Nummer 556 des ,Berliner Tageblatts' wird tiber
acbt neugefundene Durerzeichnungen der wiener Albertina berichtet,
deren Echtheit und Da^ierung mit dadurch festgelegt ist, daB sie fast
alle Vorstudien zu bekannten Durer-Gemalden sind., 1 Unmittelbar
darunter liest man in einer Notiz iiber den ProzeB gegen Otto Wacker:
„Thormaehlen unter nahm den Nachweis, worauf diese False hungen
zuruckgingen: est befande sich unter ihnen kein Bild, fiir das nicht
in Zeichnungen van Goghst Reproduktionen nach Bildern oder echten
Bjldern des Meisters eine Vorlage vorhanden sei," tJber Otto Wackers
Schuld braucht man sich nicht so einig zu sein, wie es nach den
Presseberichten scheint — iiber die Kunstverstandigen aber kann nur
eine Meinung herrschen.
Dieser Nummer liegt ein Prospekt bei „Neue Biicher im Carl-
Reissner-Verlagt Dresden1. Wir, empfehlen die Lekture der Beilage
der besonderen Aufmerksamkeit unsrer Leser.
Dieser Nummer liegt eine Zahlkarte fur die Abbnnenten bei, auf
der wir bitten,
den Abonnementsbetrag fiir das L Vierteljahr 1933
einzuzahlen, da am 10. Januar 1933 die Einziehung durch Nachnahme
beginnt und unnotige Kosten verursacht.
Manuskripte sind nur an die Redaktion der Weltbunne, Charlottenburgv Kantstr: 162, xu
richten ; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da sonst keine Rucksendung erf olgen kann.
Im Falie hohcrer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Anapruch auf Nachlieferung
oder Erstattung des entsprechenden Entgelts.
Dan AuffUhrungsrecht, die Verwertung von Titelnu. Text imRahmen de» Films, die musik-
mechanische Wiedergabe aller Art und die Verwertung im Rahmen von RadiovortrSgen
bleiben fUr alle in der Weltbtthne erscheinenden Beltrage ausdrlicklich vorbehalten.
Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobiohn und wird von Carl v. Ossletzky
unter Mitwirkung von Kurt Tudioliky geleitet — Verantwortlich: Walther Karsca, Berlin.
Verlag der Weltbiihne, Siegfried Jacobiohn & Co., Charlottenourg.
Telephon: Cl, Steinplatz 7757. — Postscheckkonto: Berlin 11968.
Bankkonto: Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
XXVHUahrgang 13. Dezember 1932 Nmnmcr 50
Der Sabel von Hanns-Erich Karainski
r^as Parlament, mit dem die Regierung angeblich arbeiten
will, ist versammelt, aber das Kabinett stellt sich ihm
nicht vor. Die Regierungserklarung ist noch nicht fertig!
Die Nazis haben der Regierung „schar£sten Kampf" an-
gesagt, aber der Kampf soil erst Mitte Januar beginnen. Bis
dahin stimmen sie der Vertagung des Reichstags zu.
Diese Uaehrlichkeit ist kennzeichnend fur unser gesamtes
offentliches Leben. Alles tarnt sich, die Regierung wie die
Parteien, und besonders von der heimlichen Liebe der Nazis
zu Schleicher, einer Liebe, die sicher aufi Gegenseitigkeit be-
ruht, soil beileibe niemand nichts wissen.
Die Limke darf diesen Zu stand auch' nicht stillschweigend
unterstiitzen, Ihre Aufgabe ist es, die Tolerierung des Kabi-
netts durch die Nazis sob aid wie moglich und immer von
neuem auf die Probe zu stellen, urn die Uneinigkeit und Un-
fahigkeit der Reaktion sichtbar zu machen. Das ware zu-
gleich das beste Mitt el, den Konflikt zwischen Hitler und
StraBer zu vers char fen und seinen sozialen Gehalt bloBzulegen.
Eins der" Geheimnisse der deutschen Politik besteht nam-
lich in der Tatsache, da8 Erfolge hierzulande niemals durch
die eigne Leistung sondem immer durch die Fehler der Gegen-
seite erzielt werden. Solange die Linke am Ruder war, hatte
die>Rethte Erfolg. Jetzt herrscht die Rechte, jetzt macht sie
die Fehler.
Von Erfolgen der Link en kann allerdings noch nicht die
Rede sein. Aber ohne Zweifel ist der Rechten so ziemlich alles,
was sie unternommen hat, in den let z ten Monaten schief ge-
gangen. Zuerst wurde als Vorlauferin der Monarchie die Pra-
sidialdiktatur inthronisiert. Der talent voile Reitersmann, den
man sich fiir das Experiment ausgesucht hatte, hat sehr schnell
Pleite gemacht, und bei der jetzt stattfindenden Zwangsver-
steigerung werden die schonsten Stiicke der Kankursmasse ver-
schieudert, Arbeitsdienstpflicht, Studentenwerkjahr, Sonder-
gerichte, Einstellungspramien, Kontingente, alles, was Papen
mit leichter Hand angekurbelt hat, zerflattert ins Nichts, selbst
Neurath verhandelt schon mit den Feindmachten iiber die
R iist ungsf rage. Sic transit gloria mundi!
Dann probierte man es mit der Nationalen Konzentration.
Doch „da keiner wollte leiden, dafl der andre fiir ihn zahle,
zahite keiner von den beiden", und die reaktionare Verbriide-
rung kam nicht zustande. Ungerecht ware es, diesen Urns t and
dem parlamentarischen System zur Last zu legen. Zwar
wandte man e& plotzlich wie der an, aber nur zu fiinfzig Pro-
851
zent, und auch die dicnten nur dazu, den Intrigen eine Form
zu geben. Hatte man wixklich zum parlamentarischen System
zuruckkehren wollen, so hatte man, nachdem die Bildung einer
Rechtsregierung miBlungen war, die Bildung einer Linksregie-
rung versuchen mussen. Der Reichsprasident hatte also genau
wie mit den Deutschnationalen und den Nationalsozialisten
auch mit den Sozialdemokraten und — verzeihen Sie das harte
Wort, wie Wippchen sagen wiirde — mit den Kommunisten
verhandeln miissen. Aber an eine so frivol genaue Anwen-
dung des Parlamentarismus hat natiirlich kein Mensch gedacht.
Das parlamentarische System ist bekanntlich langst begraben
und verwest, und exhumiert wurde es nur, um die Diktatur-
wiinsche Hitlers und Hugenbergs in Ubereinstimmum| zu brin-
gien, was obendrein auch nicht ehrlich gemeint war.
Hitler verstand mit der Legalitat ebenso wenig anzufangen
wie einst mit der Illegalitat. Wie manche Kokotte ihr Schlaf-
zimmer, so mochte er ganz Deutschland mit Spiegeln aus-
stafiieren, durch die seine Person auf sich selbst zuruckstrahlt
Mussolini hat thn mit dem Schandmaul des Konkurrenten
,,keinen Politiker sondern einen Erloser" genannt. Nun sitzt
der Erloser da und kammt sich mit goldenem Kamme, und
unten flieBet die Zeit vorbei. Und wahrend er nach dem fer-
nen Segel Ausschau halt, das das dritte Reich bring en soil,
schwimmen ihm die Felle weg, jedes Fell ein Wahler, und
schon sind auch groBere Felle darunter, vor allem ^in4
Gregor StraBer, wie Goebbels sich bereits ausdriickt. Hitlers
Bereitschaft, auch Schleicher zu bekampfen, wird dadurch
wohl noch wachsen. In jedem Fall wird die Partei fiir langere
Zeit mit internen Auseinandersetzungen beschaftigt sein.
Hugenberg aber benimmt sich wie die bayrische Kochin,
die in Munehens to lien Jahren den klassisch gewordenen Aus-
spruch tat: ,,I bin a BoLschewik, i will mein Kini wieder ham/'
Der Herr Geheimrat will seinen Konig wieder haben, alles
iibrige ist ihm egal. Jedoch, auch ihm ist der schonste Plan
zunichte geworden, Hindenburg wird durch kein politisches
Testament den Kronprinzen zum Reichsverweser einsetzen
konnen, denn die Pgs der weiland Harzburger Front haben die
Fulle der hugenbergschen Gesichte gestort und bis zur Neu-
wahl des Reichsprasident en - den Reichsgerichtsprasidenten
Bumke ziim Thronfolger gemacht.
Ja, man muB zahlen, wenn man obenauf ist. Reiche Leute
sind me ist nmgenkrank, und machtige Leute haben meist Bauch-
schmerzen, das ist der Lauf der Welt. Nur haben, leider die
Armen nichts von den Magenkrankheiten der Reichen, und die
Unterdruckten haben nichts von den Bauchschmerzen der
Unterdr ticker, wenigstens nicht, solange sie nicht den Ablauf
der Natur mit FuBtritten in besagte Bauche unterstiitzen. (Was,
hohe Gerichtshole, selbstverstandlich nur bildlich gemeint ist.)
852
Jahrelang ist an dieser Stelle die leichtfertige Auffassoing
bekampft wordcn, es wiirde der Republik nichts scha'den, wenn
man ihr die FiiBe absage und sogar ehien andern Kopf auf-
setze. Jetzt ist eher Grund zum Optimismus, doch damit die
Fehler und MiBerfoIge der Rechten sich in Erfolge der Link en
umwandetn, muB die Linke sie ausnutzen. Vor allem darf sie
an dem, was nunmehr ,,das System" ist, nicht mitsch/uldig
werden!
Dies System ist, auch unter Schleicher, die Reaktion, und
die Deutschnationalen wie die Nazis sind die Systemparteien,
mogen sie in der Regierung oder in der Opposition stehen, mit-
einander oder gegeneinander auf tret en. Das Schick sal hat sie
zusammengeschmiedet, sie sind ztisammen aufgestiegen, und sie
werden zusammen untergeheiL
Erwiesen ist, daB keine der beiden Parteien allein ihre
Herrschaft errichten kann. Erwiesen ist ferner, daB sie sich
nicht zu einigen vermogen, Und wie immer in solchen Fallen
hat man seine Zuflucht zum Sabel genommen. Wir wollen
Schleicher nicht zu nahe tret en, indem wir ihn mit einem Erb-
feind wie Bonaparte vergleichen. Aber seine Regierung kann
zum Bonapartismus fiihren, wenn die Linke das nicht ver-
hindert.
Trotzki schrieb in Nr, 45 der ,Weltbuhne':
Grade ihn (Schleicher) muB man gegenwartig als den Kern der
bonapartistischen Kombination betrachteh, Und nicht durch Zufall:
indem sie sich iiber Parteien und Parlament erhebt, ist die Regierung
auf den bureaukratischen Apparat zusammengeschrumpft. Den wirk-
samsten Teil des Apparates bildet unstreitig die Reichswehr. Kein
Wunder, wenn hinter Hindenburgs und Papens Riicken Schleicher her-
vorgeht.
Der Bonapartismus steigt zwischen den Klassen auf, die
sich grade im Gleichgewicht belinden. Damit er jedoch eine
dritte Macht werden kann, bedarf er ihrer Zustimmung oder
mindestens ihrer Duldung. Vorlaufig ist Schleicher also nur
fur die Reaktion der Trager des Bonapartismus. DaB er es
nicht fur ganz Deutschland wird, hangt ausschlieBlich von der
Linken ab;/
Nun gibt es kluge Leute auf der Linken, ach, wir kennen
sie gut, es sind unsre alten braven Reaipolitiker, die sagen,
man dtirfe den Kanzler nicht der Reaktion in die Arme trei-
ben, man miisse um ihn werben oder doch seine Tat en ab-
warten. Und eben damit stellen sie ihn erst zwischen die
Klassen. Diese in jeder Hinsicht pensionsberechtigten Greise
wollen nach dem KavaHeristen, Papen nun auch <dem Infante-
risten Schleicher seine Chance geben, nach dem Monarchismus
dem Bonapartismus, und sie sehen nicht, daB sie auf diese
Weise nur den Platz vernebeln, auf dem Schleicher wirklich
steht, namlich nicht zwischen den Klassen sondern zwischen
den Deutschnationalen und den Nazis.
853
Ein General regiert mit Generalsmentalitat, und die Re-
aktion unterstiitzt ihn, teils offen, teils verschleiert. Um so
besser fur uns, wenn sie sich mit ihm verkracht. Dem Sabel
aber auch nur erne Chiance geben, heiOt auf die eigne Chance
verzichten.
Die rUSSiSChe Mete von Hellmut v. Gerlach
C*s wird Zeit, daB sich. die deutsche Offentiichkeit wieder ein-
mal um die AuBenpolitik kummere. Wahrend sich bei uns
die Morgen-, Mittags- und Abemdblatter nur mit der allerdings
erregenden Frage befaBten, ob Papen oder Schleicher der vom
Himmel vorgesehene legitime Vertreter des Autoritatsprinzips
sei, hat sich namlich auBerhalb Deutschlands mancherlei er-
eignet, was fur die Zukunft Deutschlands nicht ganz unwesent-
lich ist
RuBland und Frankreich haben einen Nichtangriffspakt
abgcschlossen. Das sagt sich, so leicht bin und kommt doch an
Bedeutung fast dem russisch-franzosischen Zweibunde g'leich,
der einst als Gegengift geg;en Bismarcks Dreibund zustande
kam,
Der Nichtangriffspakt ist natiirlich kein Biindnisvertrag.
Im Positiven besagt er nicht viel, im Negativen um so mehr,
Er beraubt uns namlich des einzigen Beinahe-Bundesgenossen,
den wir bisher hatten,
Seit 1922 war die russische Freundschaft das Kernstiick
der deutschen AuBenpolitik.
Walther Rathenau war sehr stolz auf den Rapallo-Vertrag,
den er 1922 mit den Sowjets vere mb arte. Die Verhandlungen
mit den Westmachten auf der Konf erenz von Genua verliefen
schleppend. Da fuhr Rathenau nach Rapallo, schloB mit RuB-
land ab und liberraschte die Welt durch dies en coup de
theatre.
Der Rapallo-Vertrag hat RuBland auBerordentlich geniitzt.
Nachdem es bis dahin als internationaler Paria dagestanden
hatte, erschieii es plotzlich als Vertragspartner einer europai-
schen GroBmacht Mit einem Schllage war es aus seiner Isolie-
rung' heraus,
RuBland, war der Gewinner. Seine Weltrevolutionsplane
waren gescheitert. Es bereitete sich darauf vor, an dem tra-
ditionellen diplomatischen Spiel wieder teilzunehmen. Deutsch-
iand als befreundeter Mitspieler war ihm eine unbezablbare
Hilfe.
Rathenau fuhlte sich als Gewinner. Zu Unrecht. Was er
im Osten gewann, verlor er doppelt und dreifach im West en.
Auf Jahre hinaus wurde das MiBtrauen gegen Deutschland der
ausschlaggebende Faktor. GewiB, der Wortlaut des Rapailo-
Vertrages war ziemlich harmlos. Aber gab es daneben nicht
noch geheime Abmachungen, vielleicht gar ein Militarbiindnis?
Jedenfalls wurde von da an das Verhaltnis zwischen der
Roten Armee RuBlands und der nichts weniger als rot en
Reicbswehr sehr intim. In Deutschland sorgte der Landesver-
854
ratsparagraph daftir, daB von dieser Intimitat nichts laut wer-
den durfte. Aber das Ausland bemerkte das Techtelmechtel,
das beinahe den Charakter eines Liebesverhaltnisses (gltick-
licberweise ohne Folgen) anzunehmen schien. Offiziersdeputa-
tionen besuchten sich gegenseitig. Man hatte keinc Geheim-
nisse voreinander. Man unterstiitzte einander werktatig bei
Waffenherstellung und Waffenaustausch.
Alles das durfte man in Deutschland erst sagen, als es
durch Reichstagsverhandlungen dem Oberreichsanwalt gegen-
liber unangreifbar geworden war. Und als man endlich; dar-
iiber red en und schreiben durfte, da war es fast schon vorbei.
Seit Jahren ist das deutsch-russische Verhaltnis erheblich
abgekiihlt. Der Eintritt Deutschlands in den Volkerbund und
iiberhaupt die ganze Politik Stresemanns war dent Russen ein
Strich durch ihre Rechnung. Sie batten nur Inter esse an
Deutschland, solange sie glaubten, es als Sturmbock gegen Po-
len, Frankreich und England ausspielen zu konnen. Die Sym^
pathien. im Reichswehrministerium geniigten ihnen nicht Sie
wollten vor allem auf das AuBenministerium sich stiitzen kon-
nen, um ihren Feldzug gegen die demokratischen GroBmachte
zu fundieren.
Die Sowjetdiplomatie ist nicht stur, sondern wendig. Als
sie erkannte, daB Deutschland nicht willenloses Instrument der
ru&siscben Ressentimentspolitik sein wolle, stellte sie sich ge-
rauschlos um, naherte sich dem Volkerbund und bandelte mit
England wie mit Frankreich an.
Die deutschen Revanchepolitiker sind stur. Sie waren im-
mer Todfeinde des Bolschewismus. Aber sie rechneten be-
st immt darauf, daB bei dem erhofften Kriege gegen Pol en ge-
meinsamer HaB die Russen an die Seite der Deutschen fiihren
werde. Auf England und Italien hofften sie. RuBland schien
ihnen miindelsicher,
Und nun fallt ihnen der franzosisch-russische Nichtangriffs-
pakt auf den Schadel. Ein Pakt, der nicht bloB die gegensei-
tige Verbindlichkeit enthalt, sich nicht mit Krieg zu iiber-
ziehen, sondern nooh allerlei dariiber hinaus. Er schafft eine
Verstandigungskonvention, die dem Ausgleich von Differenzen
aller Art dient. Er verpflichtet RuBland, auf alle Agitation in
den franzosischen Kolonien, Protektoraten und Mandatsgebie-
ten zu verzichten und' die Grenzen dieser auBereuropaischen
Besitzungen anzuerkennen. Er verbietet jeden Wirtschafts-
krieg und schafft die Grundlage fur einen russisch-franzosischen
Handelsyertrag.
Ein Ungliick kommt nie allein, Gl-eichzeitig mit dem Ab-
schluB des franzosisch-russischen Paktes hat Pilsudski den pol-
nisch-russischen Nichtangriffspakt ratifiziert. Niemand sollte
mehr von Todfeindschaft zwischen dem bolschewistischen RuB-
land und dem diktatorisch regierten Polen sprechen. Polen
ist frei auf seiner Ostgrenze. RuBland verbiirgt den polnischen
Territorialbestand gegen jede Angriffsabsicht.
Auch die letzten Trumpfe gehen unsern Revanchepoli-
tikern durch die Nase, Vorbei, vorbei!
855
Sail es bei dieser Feststellung einer Tatsache sein Bewen-
den haben? Das ware das Bekenntnis zu einer Passivitat, die
im Leben des Privatmahnes wie der Volker immer ein hochst
unbefriedigender Zustand ist.
Die AuBcnpolitik muB aktiv sein! So haben immer die
deutschen Nationalisten gefordert.
Sehr richtig! Es fragt sich nur, in welcher Richtung und
mit weichem Ziele. Aktivitat darf nicht verwechselt werden
mit GroBmauligkeit oder gar Handelsucherei.
Stresemann war aktiv. Er brachte Deutschland in den
Volkerbund und nach Locarno. Seine Aktivitat trug uns als
Frucht, auBer manchem andren, vor allem die vorzeitige Rau-
mung des Rheinlandes, die immerhin mehr bedeutet als irgend
etwas, was uns ein nationalist ischer Politiker seit der Revolu^
tion verschaff t hat.
Curtius wollte aktiv sein. Er schlofi die Zollunion mit
Oesterreich, Seine Absicht war nicht schlecht, um so schlech-
ter Zeitpunkt und Art seines Vorgehens, Die Folge war eine
vernichtende diploma tische Niederlage Deutschlands, Die Zoll-
union kam nicht nur nicht zustande, Oesterreich wurde gradezu
auf die andre Seite gedrangt.
Nach dem Nichtangriffspakt RuBLands mit Polen und Frank-
reich brauchen wir dringend auBenpolitische Aktivitat. Nur
um Gottes willen nicht auf dem Aufnistungsgebiet! Damit
Schmieden wir den uns umspannenden internationalen Reif
nur noch fester.
Wie ware es, wenn wir dem russisch-polnischen Nicht-
angriffspakt einen deutsch-polnischen an die Seite zu stellen
versuchten? Das deutsch-polnische Problem ist volkspsycho-
logisch am schwierigstenanzupacken. Grade darum soil man
ihm nicht ails dem Wege gehen. Driickebergerei ist schlech-
teste Politik.
Dafl nach den(Pakten RuBlands mit Frankreich und Polen
militarise!! fur uns im Osten nichts mehr zu suchen ist, sollte
eigentlich der primitivste S A- Mann einsehen. Der realpoli-
tische Englander sagt in solchem Fall; versuchen wir, to make
the best of it!
Gegen Pilsudski als Innenpolitiker mag noch so viel ein-
zuwenden sein. AuBenpolitisch ist er uns nie zu nahe getre-
ten. Er hat, obwohl man ihn 1916 — 1918 in Magdeburg grund-
los eiugesperrt hatte, nie Rankiine empfunden. In keiner sei-
ner Reden hat er je ein aggressives Wort gegen Deutschland
gesprochen. Er hat einen Handelsvertrag mit uns abgeschlos-
sen, den leider Deutschland nicht ratifizierte. Er hat neuer-
dings die chauvinistische Organisation ,,Lager des GroBen Po-
len** verboten, um ihre deutschfeindliche Agitation zu unter-
binden. Er ware sicher zu einem Nichtangriffspakt als Grund-
lage vor allem audi zur Verbesserung der deutsch-polnischen
Haridelsbeziehungen mit Freuden bereit.
Wenn Deutschland die Initiative zu einem deutsch-polni-
schen Nichtangriffspakt ergrif f e!
Allerdings, dazu gehort Zivilcourage.
856
Kaiser Karl — Agent Frankreichs? von • , *
D
ie deutsche und osterreichische Offentlichkeit kennt von
Karls GroBtaten eigentlich nur die Affaire des Sixtus-Briefes
und halt den Ietzten Kaiser darum schlimmstenfalls fur eihen
schwachen, unaufrichtigen Menschen, DaB er weit mehr ge-
wesen ist, daB er sich wahrend des Krieges als richtiger Spion
der Entente betatigte, ihr geniaue ziffernmaBtge Berichte iiber
Deutschlands Krafteverhaltnisse ubermittelte und mit Frank -
reich Verhandlungen iiber ein osterreichisch-franzosisches
Biindnis sowie iiber die MogLichkeit einer Kooperation der
osterreichisch-iuigarischen Armee mit Enteritetruppen gegen
Deutschland verhandelte — alles das wird von Karls Schwa-
ger behauptet und ist der deutschsprachigen Offentlichkeit un-
bekannt. Und zwar aus folgendem Grunde:
Nach dem Kriege HeB Prinz Sixtus von Bourbon, der Bru-
der der Exkaiserin Zita, im Verlag Plon, Paris, in franzosischer
Sprache ein Buch erscheinen, das den Titel tragt ,,L'offre de
paix separee de TAutriche". Als Mitglied einer Familie, die
auf Frankreichs Thron Anspruch erhebt, war Prinz Sixtus be-
strebt, seinen Schwager Kaiser Karl den Franzosen sympa-
thisch zu machen. Er verschwieg darum in seinem Buche
keinen der vielen Dienste, die Kaiser Karl, der treue Nibe-
lunge, den Ententemachten wahrend des Weltkrieges geleistet
hat.
Schriftstellern, die sich um die tfbersetzungserlaubnis be-
warben, lieB Prinz Sixtus — nachdem er in Steenokerzel an
der GroBjahrigkeitsfeier Otto Habsburgs teilgenommen hatte
— mitteilen, er konne keine Bewilligung zur Ober&etzung sei-
nes Buches ins Deutsche geben.
Die Grunde sind durchsichtig: Exkaiserin Zita hat ihren
Bruder anlaBlich der GroBjahrigkeitserklarung Ottos beschwo-
ren, der deutschen Offentlichkeit doch nicht jenes so schwer
belastende Tatsachenmaterial auszuliefern, das den .Thron-
aspirationen Ottos in Osterreich und Ungarn den furchtbarsten
moralischen Schaden zufiitgen miiBte. Aber grade deshalb
scheint es uns wichtig, die von Prinz Sixtus gesammelten Tat-
sachen in Osterreich zu publizieren.
Man ist vielfach geneigt, das schandliche Verhalten Karls
Deutschland gegenuber milde zu beurteilen, da ja das Streben
nach einem edlen Ziele, nach dem Frieden, den Kaiser zu sei-
nem Verrat getrieben hatte. Die dokumentarischen Veroffent-
lichungen Sixtus' lassen aber sein Verhalten in ganz neuem
Licht erscheinen: Danach war Karl nioht Bringer sondernVer-
eitler des Friedens. Er lieB namlich ein iiberaus giinstiges ge-
heimes Friedensangebot des italienischen Hauptquartiers, das
auf Deutsch-Siidtirol, auf Triest und alle adriatischen Lander
feierlich Verzicht leistete, im Friihling 1918 durch imperiali-
stische Forderungen nach afrikanischen Kolonien scheitern.
An diesem anstandigen Frieden, der in korrekter Weise zu
schlieBen war, weil er von seiten Italiens gleichzeitig auch
Deutschland angeboten wurde (mit der Bitte, Oesterreich zur
Annahme zu bewegen}, land Karl keinen Geschmack; denn er
hatte ein minimales territoriales Opfer im italienisch sprechen-
2 857
4en Siidturol (Treaty) erf prdcrt, ;, , Up4? >. das \ polite %ax\ , 4u*$»
An&exioji yon Spmaliland ro^er^ythrea; kompqMiirtrib%*p;;
Karl lehnte dlrek£ie> ,.Yei^ii^v^^c.^iiiiIt^UeQ .rafc4weg ab.
Vergnugen machts ihm offenbar n\ijr xUeldc? ^ines unanstandi^
gen Friedensr iiber dent ;$r o^mal$ sclion ^— hinte* ; dem Rucked
peutschlaacls — mit £ fankreiphj verhandelte. , .,
Man mochte denr iraperialjstischen Kn^ge^ 4en, .WilhfllmjL
und Ludendorf S ■. zur ; Jvrkan^piung eines; ; ^Siegfrieflens" : f uhrten,.
mit noch so berpcht^gtem |f^ ;geg^iiherstBhe»,ir^ ein einzigex
Ma»n in Buropa hatte kein; Jleehtlf ;an, ;dLfesem &riege, zum Ver-
rajter zu warden: '/.{Jer ^y Habsburg^^keLi Dcpn^ „um d^r ,Ehre
Habsburgs willenV batte rr: naqh den $cjjussen, vpn Sarajevo -rr
der Kxieg begonnen.
Es ist eine flache.Ge^qbic^tsklijtteruiig^ wenn Jtarls letzter
Kahinettschei, dej Grai ^PoJzer^Hp^itz;, tieute hefiauptet, .$&
Yerhaudlungen, die Sfxiiis im. Attftr;ag;e i Karls fuhrte,, hatten
das Ziel gehabt, a;ueh peutscbla^nd ,den Frieden zu bringen.
,,;Was natte da$ Oewisqbe Reich I£a;ser Karl zu yerdahken ge-
habt'Y schreibt Pqlzer-Hoditz; '[ scfyeinljeilig, .„hatie xfer Frie-
densversuch* im r?rtftj$hr 19,13 den Frieden; gebracat? Pie ;Er—
haltung von HunderttajUsen^e^ von I^en^chenleben, der JOyr
nastie,; der Armee, der plotte, (ler bjUrgerlichen Ordnungr des-
Volksvermogens/' . i;. . ,.,'""
Was Deutschland dem, ^C,arl > rja^sburd damals ( in Wajir-
hetit zu danken, gehabt; hatte, dariiber belehrt tins das fran-
zosische Buch des: Printed Sixtus.
Die Prinzen Sixtus, unci Xavier von Bourbon,' Brtider $er
Kaiserin Zita, waren noch drei Woehen nach Ausbruoh- des
Weltkrieges dank der Intervention Karls vonWien nach Paris
gefahren. Sie traten ^-: da ! das Botirboiiengesetz ihnen den
Eintritt in die franz5sische Atmee verwehrtfe -^* in das bel-
gische Heer ein, wurden Artilleriehaiiptleute und nahmen so?
gar noch an der Besetzung ides geschlag^hen Deutschland teil.
In Crefeld machten sie Piensi, ttnd jn> thj-en Feldpostbrieien be-
zeichneten sie die ihrer Schwester, der Kaiserui von Oesterr
reich, verbtindeten Deutschen grundsatzlich nur als ,,Boches".
Was Deutschland von der VermittlUngsaktion diese^r grimmi-
gen Deutschenhasser zu erwarten gehabt hatte, ist nach die-
sen biographischen Notizen nicht zweifelhah. In seinem Buche
aber wird Sixtus noch deutlicher. Seine vielen Interventionen
bei den Regierungen in Paris und Lbndott hattea — nach Six-
tus eignemi Bekenntnis — nur den einen Zweck: durch Ver-
mittlung eines Sonderfriedens und eines Biindnisses zwischen
der Entente und Qesterreich-Ungarn das Deutsche Reich seines.
Bundesgen6ssen zu beraiiben (Mpriver") und dadurch rascher
vollstandig zu besiegen. Denn — ,so sagt er am 31;.Marz 19i7
zum Prasidenten der Franzosisctien Republik, zu Poincare, *,U
ne peut sagir de paix avec 1'Allemagne avant son ecrasement'*
(,tes konne Von einem Frieden mit, Deutschland keine Rede
seiri vor» Deutschlands volliger Zermalmung'*). Sollte das
Deutsche Reich von den geheimen Friedensverhandlungen
Karls mit Frankreich errahren und versuchen, daran teilzuneh*
men, dann — so sagt Prinz Sixtus am 12. April 1917 zu Poin*
care ^- „ ware dies der< Augenblick,- :den germanischen Block:
S58
zu-sjSaitert (,scin&er ); indem man jede Verfraodliung mit Deutseh-
land zuruckweist, wahrend man die mit Oesterreich fortsetztP'
Was das deutsche VoHc dcm Kaiser Karl im Falle des Ge-
lingens seiner Friedensaktion zu Mverdanken" gehabt hatte,
driickt der hier einzig kompetente Mann; Prinz Sixtus, also
etwas anders atis als Polz^r-Hoditz: „Die Zermalnmngr Und
die ware noch weif griindliclier ausgef alien, als sie im Jahre
1918 dann erfolgte, Demi Habsburg sollte fur seinen Verrat
auf Kosten Deutschlands ein Lohn zugeschanzt werden, der
— wie Foch in einer Geheimnote vom 4, August 1917 vorschlug
— aus folgeoden nKleinigkeitenM bestelien sollte: Schlesien
mit Breslau, Bayern mit Miinchen und Polen in denGfenzen
von 1772 inklusive Danzig 1
Die Tatsache der beiden Besuche, die Sixtus und Xavier,
von der franzosischen Front kommend, beim Kaiser in Wien
machten — am 20. Marz und am 5. Mai 1917 — ist der Of-
fentlichkeit bekannt, Aus Prinz Sixtus' Buch aber erfahren
wir zum ersten, Male den genauen Wortlaut der damals auf
SchloB Laxenburg gefuhrten Unterredungen. Hire Wiedergabe
und die wortliche Obersetzung der Nachrichten uber Deutsch-
Iand, die Kaiser Karl am 12. Mai 1917 dtirch seinen Vertrauens-
rnann den Vertretern der Entente -Anne en in Neuchatel iiber-
raitteln liefl, enthiillen vollends seine Rolle als Hochverrater
und Spion im Dienste Frank reichs.
In Laxenburg erklart Prinz Sixtus, seiner eignen Darstellung ge-
mafi, er konne mir fur f,eineu franzosischen Frieden eintreten, der
Frankreich, das das Hochstmafi an Op fern gebracht habe, auch das
Hochstmafi an Entschadigungen sichert. Der Kaiser erwidert, dies alles
entspreche vollkommen auch seinen eignen Wiinschen. Osterreich
wurde spater mit Frankreich, durch dieses mit England und vielleicht
auch mit Amerika ein Bundnis schliefien, um sowohl seine Unab-
hangigkeit wie den Weltfrieden zu sichern . . , Osterreich werde die
franzosische Vorherrschaft im Orient unterstutzen gegen entsprechende
wirtschaftliche Hilfe von seiten Frankreichs," Der Kaiser sagte weiter,
„er kenne genau die franz6sischen Gefiihle beziiglich Elsafi-Lpth-
ringens und anerkenne die absolute Notwendigkeit fiir Frankreich,
die verlorenen Lander zuruckzuholen,"
Er kenne aber auch die Gefiihle der Elsasser und Lothrin-
ger selbst und sei an der ErftilLung ihrer Wiinsche nach Riick-
kehr zu Frankreich „als Chef des Hauses Lothringen und Ab-
kommling der Grafen von ElsaB" besonders interessiert.
Bei seinem zweiten Besuche von der franzosischen Front
in Wien war der Prinz durch Kaiser Karls Haflausbriiche ge-
gen Deutschland und durch seine Freundschaftsbeteuerungen
fur Frankreich bereits hinreichend ermutigt, von seinem Schwa-
ger einige sehr wichtige Auskiinfte uber die nachsten Absich-
ten Deutschlands zu erbitten, — Ansichten, die Kaiser Wilhelm
seinem tlVerbundeten" Karl kurz zuvor, anlaBlich einer ver-
traulichen Zusammenkunft in Homburg, entwickelt hatte. Die
pariser Regierung interessierte sich damals machtig dafiir, was
Wilhelm in Homburg angekfindigt habe. Der Prinz hatte frei-
lich selbst das Gefiihl, derartige Auskiinfte Karls bedeuteten
Land es verrat, denn er sagte dera Kaiser, er habe nun eine ,t viel-
leicht ein wenig indiskrete Frage" an ihn zu richten, Und
nun bat er Karl um Auskunft iiber den Inhalt seiner mit Wil-
859
helm gefubrten, homburger Besprephungen. „Man hat bei tans
{in Frankreich) — sagt der \Prinz — die Idee verbreitet, Kaiser
Wilhelm habe in Homburg mit Oesterreich eine neue politiscbe
und militarische Offensive gegen die Entente heimlich yer-
abredef* (f,complote") , - * Es sei bespnders die politische Of-
fensive, die den Prinzen bekiimrnere. t )fDenn wenn sie exi-
stiert, erweckt sie den Anschein, Oesterreich sei nur das In-
strument Deutschlands, Ein Friedensyorschlag Oesterreichs
ware dann also in Wirklichkeit nur ein versteckter Friedens-
vorschlag Deutschlands/' , ,
Darauf erwidert Kaiser Karl, )fderlei zu glauben ware vol-
liger Irrtum", Er wa:hre sich das Recht, selbstandig Frieden zu
machen, Sollte es aber'dabei zu einem Bruch zwischen Oesier-
reich-Umgarn und Deutschland kommen, dann, so erklart Kai-
ser Karl, „musse er in der Lag$ sein, auf die HUf e der Entente
rechnen zu konnen '. Der Prinz hat denn auch dem Kaiser
wiederholt die Hilfe von Ententetruppen gegen Deutschland
zugesichert, und zwar werde die Entente im Falle einer' mili-
tarischen Aktion Deutschlands. gegen, Oesterreich-Ungarn die-
sem, „mit all seinen Kraft en helfeh, den unerwarteten Angriff
zuruckzustoBen".
Sein Meisterstiick als richtiger Spion im Dienste Frank-
reichs vollbrachte Kaiser Karl aber — wenn, woran wir nicht
zweifeln, Prinz Sixtus' Angiaben der Wahrheit entsprechen —
am 12. Mai 1917, Zu Neuchatel in der Schweiz hatten sich an
diesem Tage ein hoher Offizier des franzosischen Generalstabs
und die beiden bourbonischen Prinzen als Vertreter der bel-
gischen Armee eingefunden. Von osterreichisch-ungarischer
Seite war des Kaisers engster Vertrauensmann, Graf Tamas
Erdody, nach Neuchatel entsanldi word en, der den geniannten
Vertretern der Ententearm.ee n folgende Naohrichten Kaiser
Karls iiber Deutschland iiberniittelte, Sie sind so unfaGbar,
daft es notig ist, sie im Wortlaut zu iibersetzen:
,,Was das Getreide betrifft" — lafit Karl sagen — „so habe
Deutschland in Rumanien etwas mehr gesat als Osterreich. Die in
der Ttirkei gemachte Saat sei von geringerer Bedeutung. Der Kaiser
wisse nicht die genaue Menge, doch sei es ihm ein leichtes, diese
Da ten zu verschaffeiL Die Schwierigkeiten des Transporter sttinden
iedoch im Vordergrunde, so sehr, dafi Deutschland gegenwartig noch
nicht einmal die gauze rumanische Ernte vom vergangenen Jahr ab-
transportiert habe und dafi es seine Rekruten nach Sudungarn ge-
sandt habe, damit diese an Ort und Stelle die Ernte verzehren konn-
ten, Graf Erdody erklart, dafi die Menge riimanischen Getreides
nicht genugen wiirde, urn den Mangel in Deutschland zu lindern.
Unter der fruheren Regierung habe Ungarn urigeheure Mengen Ge-
treides nach Deutschland geliefert. Das rumanische Getreide allein,
ohne ungarische und osterreichische Unterstiitzung (die, wie der
Kaiser betonen will, im Falle eines Sonderfriedens ausbleiben wiirde;
der Vearlasser) sei vollkommen unzureichend fur Deutschland. Was
Deutschland vor allem fehle, sei Fett und zwar sowohl fur die Nah-
rung wie fiir die Maschinen . . , In Deutschland (so lafit Karl den
Vertretern der Entente welter berichten) sei es kiirzlich zu sehr
erosten Aufstanden gekommen, verursacht durch Hunger . . . Waggons
mit Ruben, die, von Holland und Norddeutschland kommend, fiir
Suddeutschland bestimmt waren, wurden kiirzlich unterwegs aufgehal-
ten( durch die d.eutschen Militarbehor-den requiriert und von diesen
eilends nach Essen dirigiert, urn die dortigen Arbeiter zu beruhigen.
860
Allgemein wachsc die Verstimriiimg zwischen Deutschland und Oster-
reich, dadurch verursacht, daB die Osterreicher besser genahrt seien
als <Be Deutschen/'
Am Ende laBt Karl den Entente-Vertretern die Eroffnung
machete er wiirde den Deutschen ihre Flottenbasis in der
Adria cntzichen, so daB die Ententemachte im Mittelmeere von
deutschen U-Booten nichts mehr zu. fiirchten hatten, wenn erst
der Sondervertrag; mit Oesterreich geschlossen sei.
DaB die wirtsohaftlichen, politischen und militarischen
Nachrichten iiber Deutschland, die Kaiser Karl da eineinhalb
Jahre vor Kriegsende den feindlichen Machten iiberraitteln
lieB, den Tatbestand diet einlachen Spionage begriindeni wird
keih Jurist der Welt! leugnen kottnen,
Nur allzu begreiflich, daB Zita und Otto Habsburg alles
daran setzen, dem deutschen Publikum jene Dokumente habs-
burgiscfoer Schande yorzuenthalten.
Die Lehren des Falles Bnllerjahn
von Knrt Rosenfeld
ftAit demi Freispruch Bulferjahns hat ein Wiederaufnahmever-
fahren s-einen AbschluB gefunden, das die Aufmerksamkeit
der Offentlic'hkeit in ho hem MaBe ferregt hat,
Nicht der ProzeBstoff gab AnlaB, daB schlieBlich so vielc
Menschen sich mit dieser Sache beschaftigten. Wederspan-
nende politische noch aufregende sexuelle Konflikte waren
Gegenstand des Verfahreris. Was in diesem Prozefi alarmierte,
das war das Geneimnisvolle, das iiber dem ganzen, mit der
Verurteilung des Angeklagten abgeschlossenen Verfahren lag:
Die Durchfiihrung des Prozesses unter vollem AusschluB der
Cffentlichkeit und die Benutzurig der Aussage eines geheim
gebliebenen Zeugen, der sogar dem Gericht unsichtbar blieb.
Was mit Recnt als etwas vollkommen Neues in der deutschen
Justiz empfunden wurde. Das Rechtsgefiihl des Volkes war
dadurch verletzt, Und als «s dann der Presse, die sich ebenso
wie die Liga fur Menschenrechte in dieser Sache so viele
Verdienste erworben hat, gelang, den groBen Unbekannten
in der Person des Generaldirektors v. Gontard zu ermitteln,
da war die Offentlichkeit fiir die Wiederaufnahme des Ver-
fahrens gewonnen,
Aber* noch nicht das Reichsgericht!
Es bedurfte eines dreijahrigen Kampfes, um die Wieder-
anfrollung des ganzen Prozesses zu erzwingen,
Einer der schwersten Mangel in den gesetzlichen Be-
stimmungen iiber die Wiederaufnahme eines rechtskraftig er-
ledigten Strafverfahrens besteht darin, daB dassplbe Gericht,
das verurteilt hat, zur Ehtscheidung dariiber bertiren ist, ob
ein Wiederauinahmegesuch zugtelassen werden soil. Nur'toei
fast ubermenschlicher Unparteilichkeit ist vorstellbar, daB ein
Richter ohne innere Hemmungen sein eignes Urteil aufheben
wir<L Da aber noch hinzu kommt, daB die StraiprozeBordnung
nur, wenn ganz bestimmte Griinde vorlregen, eine Wieder-
aufnahme fur zulassig erklart, so kann man sich denken, wie
schwer eine Wiederaufnahme durchzusetzen ist. Die Entschei-
861
dung tlber die Zulassung eines , Wicderaufnalxmege^chs muB
den Richterri geitommen werden, die den A^ek^ien- verr
urteilt h&benv
Nach Zulassung ' eines Wiederaulnabmegesucbs darf '.'? auch
nicht dasselbe Gericht zur Fallung des neuen Urteils be^ufen
sein, das die erste E&tscheidung r'ge^fteto^Lii'QGwfarfaty+teit
Viert e Straf senat des Reichsgericnts in ' vorb ildlicner; Grund-
lichkeit den ganzen! ProzeBstoff gepriift, und: gewiB halt der
Senat keinerlei Befangenheit erkennen Jassen; aber , docb ist
kein Zweifel, daB bei einem andern Ausgang des ifcpzesses
sofort der Verdacht entstanden ware, daB das: iGericbt be-
fangen war. Im Interesse des Ansehens der Rechtspflege mufi
deshalb, urn jeden Zweifel an der Uninteressiertheit des Ge-
richt s auszuschlieBeh, gef order t werden, dafi auch die Fallung
des zweiten Urteils nicht den Richtern iiberlassen bleiben
darf, die im ersten Veriahren die Schuld eine$< Angeklagten
festgestellt habea,
Ganz allgemein ergibt sich aus dem ProzeB Bullerjahn
fur jedes Strafverfahren die Lehre,, dafi die Offentlichkeit, eine
der wichtigsten Rechtsgarantien der Angeklagten, nicht ohne
ganz zwingende Griinde ausgeschlossen werden sollte. Der
jetzt durchgefuhrte ProzeB konnte sich fast vollstandig im
Lichte der Offentlichkeit und damit unter der heilsamen Con-
trol le des Volkes und seiner Presse abspielen. So batte auch
der erste ProzeB geftihrt werden konnen, Dann w$re es sicker-
lich nicht zur Verurteitung des Angeklagten gekommen, da die
Geheimhaltung eines Zeugen und die Verwendung seiner Aus-
sage, ohne daB er vor Gericht erschien, nur dureh die 4ier-
metische Ausschlieflung der Offentlichkeit moglicb war, Diese
Zeugenvernebmungsmethode verstieBauBerdem gegen die Straf -
prozeBordnung, mindestens gegen ihren Geist,
Gontard batte bei Omleitung des Verianrenis (gegen
Bullerjahn dem inn* vernehmenden Kriminalkommissai' erklart,
daB er nur aussagen wolle, wenn seia Name geheim btiebe.
Und diese Erklarung wurde beach tet! Beachtet bis zumReichs-
gericht ! Was wurde aus der Rechtspflege werden^ wenn jedem
Zeugen, dem seine Vternehmung unbequem ist, Derartiges ge-
stattet wurde. Auch. zwei Untersuehungsrichter, dip Gontard
dann vernahmen, lieBen seine Aussage so protokoUieren,, daB
entgegen den Bestimmungen der Straf prozeBordnung; sein Name
nicht genannt wurde. Und das Reichsgericht begnugte sich in
der (allerdings geheimen!) Hauptverhandlung damit, die drei
Beamten zu vernelunen, die ihn gehort- hatten. Eia glatter
VerstoB gegen den Grundsatz des Gesetzes, daB jer Richter
die Zeugen unmittelbar horen, sich also nicht damit jegnugen
soil, Beamte , zu vernehmen, die nur: wiedergeben, was der
Zeuge ihnen gegemlber bekundet hat. Der Grundsatz der Un-
mittelbarkeit der Zeugenvernehmung muB gesetzHpn ?o fest-
gelegt werden, daB keine Ausnabme mehr ^no^ch ,is.t.
Die Benutzu^g der Aussage Gontards verstieB aber audi
insof ern gegen wichtigste Grunds^tze einer Zeugenvemebmung,
als er aus eignem Wisse^ gar nichts sagea, vielmehr nur w^ie-
dergeben konnte^ ^as ^r von[ dritteu* vierten oder lunf ten Perr
spnen . gebort babea: , >wul, -iSolche vtZeugen ■ vom Horeasagea *
sollten ausi alien.' Proz^^en;^ecscbwittdeiii
862
Wie gefahrlich es war, dafi das Reichsgericht sich in
seine m den Angeklagten verarteilenden Erketaitnis atif dicsc
Aussage stutzte, ergab sich im Verlaufe des Wiederaufnahme-
verfahrens mit grofiter Deutlichkeit. Schwerste Bedenken
stellten sich gegen die Personlichkeit des Zeugen, ja sogar
gegen seine Glaubwiirdigkeit herausi Wie stark hatte es bis
zum ersten Urteil auf manche ProzeBbeteiligten gewirkt, daB
<es sich urn einen Manm von „Ansehen" handelte. In der
Gerichtsverhandlung zeigte dr sich nackt, und sein Anblick
war ganz gewiB nicht erfreulich. Mit der ganzen Oberheblich-
keit eines Mannes vom Herrenklub sprach er von dem An-
geklagten als von einem ehemaligen Unteroffizier. Er be-
reicherte den deutschen Sprachschatz um das Wort ,fKriegs-
risiko", worunter er aber nicht das Risiko der Millionen ver-
stand, die ihr Leben im Felde aufs Spiel setzten, sondern das
Risiko, das die Kriegsindustriellen im Falle des plotzlichen
Kriegsendes triigen und das daher in die Preise fur Waffen
und Munition einkalkuliert werden miiBte. Auch das Reichs-
gericht muBte erkennen, daB seine Aussage, schon weil er
keine bestimmten Bekundttngen machen konnte, als einwand-
freie Grundlage fur eine Entscheidung nicbrt zu verwenden war.
In dem ganzen Verfahren zeigte sich' weiter als ein groBer
Mangel des Gesetzes, daB der ProzeB vor dem Reichsgericht
verhandelt wurde, also vor einem Gericht, dessen Aufgabe im
allgemeinen nicht in der Feststellung von Tatsachen sondern in
der Oberwachung der Gesetzesauslegung besteht, vor einem
Gericht, gegen dessen Urteile es keine.Rechtsmittel, wederBe-
rufung noch Revision, gibt. Hatte der erste ProzeB alsbald
nach der Verurteilting des Angeklagten in einer Berufungs-
instanz nachgepriift werden konnen, so hatte sich schon da-
mals vieles von dem, was das Reichsgericht glaubte feststellen
zu konnen, als unrichtig herausgestellt, und Bullerjahn hatte
nicht so viele Jahre auf den Tag seiner Befreiung zu warten
braucben, (Obrigens ebenso wie viele von denen, iiber deren
Schicksal jetzt Sondergerichte in erster und letzter Instanz
entscheiden und die nicht unter die Amnestie fallen.)
Das erste Urteil hatte einer sorgfaltigen Nachpriifung in
einer Berufungsinstanz um so weniger standgehalten, als es
auf Indizien beruhte, die immer ein sehr zweifelhaftes Urteiis-
fundament bilden und die in diesem Falle vollig unzureichend
waren. ZwSlf Indizien zahlte das verurteilende Erkenntnis auf.
Ihrer sieben muBte sogar der Reichsanwalt in der zweiten
Verhandlung fallen lassen. Von den ubrigen funf lehnte das
Reichsgericht zwei weitere ab und erklarte die drei (nach
Ansicht des Gerichts) verbliebenen fur Anzeichen, die nicht
ausreichen, eine Schuldfeststellung gegen den Angeklagten zu
begriindea.
Diesem Spiel mit den Indizien entspricht das Spiel mit
den gegen den Angeklagten beantragten und festgesetzten
Strafen: Am 11. Dezember 1925 wegen Landesverrats zu
15 Jahren Zuchthaus verurteilt; Aufhebung dieses Urteils im
Wiederaufnahmeverfahren; am 26. November 1932 vom Reichs-
anwalt wegen Landesverrats angeklagt mit dem Antrag auf
Verurteilung zu 12 Jahren Zuchthaus; am 3, Dezember 1932
freigesprochenf So ward ein Mensch zum Spielball der Justiz.
863
' Als Indiz triuBte unter anderm herhalten, daB der An-
geklagtc sich auffallig benommen hatte. Er war in den Ver-
dacht geraten, Verrater zu sein. Was er auch getan hatte,
alles, aber auch alles konntc leicht so ausgelegt wcrdcn, als
ob es Anzeicben der Schuld waren. Das cine Mai iiel auf , daB
er sich fiir die Waffenkontrolle nicht interessierte, die von
der Interalliierten Militar- und Kontrollkommissioii in den ihm
unterstellten Lagern vorgenommen wurde, das andre Mai, daB
er sich eifrig erkundigte, was die Kommission gefunden habe.
Manigelndes Inter esse und ebenso stark es Inter esse wurden
gegen ihn verwandt. Er soil verdachtig weggesehen haben, als
er ztir Durchsuchung hinzugerufen wurde, die die fremden
Of fiziere vomahmen. Hatte er sie angesehen, ware es auch
auf gef alien. Einer der fremden Of fiziere soil ihn scharf an-
geschaut haben. Hatte er weggesehen, so ware es noch ver-
dac'htiger gewesen.
Solche und ahnliche, manchmal gradezu lacherlichea In-
dizien spiel ten in dem erstenProzeB eineRolle. Daroalswardie
Ruhrbesetzung noch nicht vergessen. Obelste nationalistische
Vefhetzung wirkte noch nach. Und in solcher Atmosphare
wurde leicht zum Landesverrater gestempelt, auch wer weit
davon entfernt war, wirklichen Landesverrat begangen zu
haben.
Die Waff enfunde in Wittenau erregten die Offentlichkeit.
BuUerjahn geriet in den Verdacht, der Verrater zu sein. Die
Erregung wandte sich gegen ihn. Eine Bullerjahn-Psychose
brach aus. Sie wirkte auf die Angestellten des Werks, auf die
Pollzei und schlieBlich bis ins Reichsgericht hinein. Das war
Rachejustiz, Tendenz-Justiz. In dem jetzt durchgefuhrten Ver-
fahren wurde der Tatbestand ruhig und sachlich gepriift. Und
dieser Priifung hielt das Urteil nicht stand.
Erfreulicherweise War es schlieBlich nur die Reichsanwalt-
schaft, die das erste Urteil; noch als richtig ansah, Auf Grund
einiger Indizien beantragte die Reichsanwaltschaft die Ver-
urteilung Bullerjahns, und zwar zu nichts weniger als zwolE
Jahren Zuchthaiis. Die Reichsanwaltschaft wahrte die Kon-
tinuitat der Rechtsprecbung. Die Reichsanwaltschaft allein
hielt durch. Ihr imponlerte nicht einmal, daB dasselbe Aus-
wartige Ami, das vor siebeii Jahren die Nich tramming der
Rheinlande als Folge der Auffindung von Waff en in den witte-
nau er Wer ken bezeichne.t hatte, jetzt zugeben muBte, daB die
Aufrechterhaltung der Resatzung lange vor diesen Funden be-
schlossen war. Die Reichsanwaltschaft hat mit alien Mitteln,
uber die sie verfugt, die abermalige Verurteilung Bullerjahns
betrieben.
Die Reichsanwaltschaft hat sich selbst urn das hochste
Verdienst gebracht, das eine Behorde, die objektiv sein wilt
und soil, sich erwerben kann; um das Verdienst, Fehler zu-
zugeben, die vorgekommen sind, und ein unhaltbar geworde-
nes Urteil nicht mehr zu verteidigen.
Das Reichsgericht hat sich als objektiver erwiesen.
Das Reichsgericht hat sein eignes Urteil auigjehobea.
Das Reichsgericht hat sein en, Irrtum off en eingestaniden.
Das Reichsgericht hat dadurch moralische Ererberungen
gemacht.
864
Trotzdem, so erfreulich der Freispruch, ganz befriedigt
das Urteil nicht. Wenn das Gericht schon nicht mit der Ver-
teidigung die Uberzeugung von der Unschuld Bullerjahns er-
langte, so hatte es doch mindestens den begriindeten Tatver-
dacht von ihm nehmen und ihm damit einen Schadenersatz-
anspruch zusprechen sollen. So bleibt die Tatsache: EinMann,
dem die Schuld nicht nachgewiesen werden konnte, hat sechs
Jahre drei Monate achtzehn Tage im Zuchthaus gesessen,
hat Schaden genommen an Leib und Seele, und der Staat, der
ihm diesen Schaden zugefiigt hat, ersetzt ihm nicht einmal die
vermogensrechtlichen Folgen des ersten Urteilsspruclis. Ganz
zu schweigen von dem moralischen Schaden, von dem Makel,
mit dem jeder ,,Zuchthausler" behaftet ist. Es muB endlich
Gesetz in Deutschland werden: Wer durch eine Behorde auch
nur einen Tag seiner Freiheit beraubt war, hat Anspruch auf
voile Entschadigung, wenn ihm seine Schuld nicht nach-
gewiesen werden kann. Eine solche Schadenersatzpflicht
wiirde auch erzieherisch auf Polizei, Staatsanwaltschaft und
Gericht wirken. Wenn der Staat zahlen muB, sieht sich jeder
Beamte vor, ob er eine Festnahme vornehmen soil. Wenn der
Staat zahlen muB, wird er auch dafiir sorgen, daB die gesetz-
lichen Bestimmungen so gefaBt werden, daB ungerechtfertigte
Verhaftungen nicht so! leicht vorkommen. Die jetzt geltenden
Bestimmungen schiitzen die Freiheit der Staatsbiirger nicht
ausreichend.
Hauptlehre aus dem ProzeB Bullerfahn; Mehr Rechts-
garantien fiir die Freiheit der Person!
NationallStlSChe Splitter von Gregor Berthold
Meben der NSDAP existiert etwa ein Dutzend Gruppierun-
gen verschiedener GroBe, Organisationsform und ideo-
logisch-politischer Farbung. Als soziale Basis weisen diese
Gruppen fast durchweg Schichten auf, die in der Vergangenheit
verwurzelt sind und vom modernen Kapitalismus hedrangt
werden; deklassierte Mittelstandler, ehemalige Offiziere, unter
Steuerlasten seufzende Bauern, ,,Jugendbewegte'\ einige Ar-
beiter und Angestellte. Wegen der Kleinheit dieser Gruppen
und ihres geringen Einflusses fehlen Karrieristen und gewerb-
liche Unternehmer. Aus der Tatsache, daB diese Gruppen
„AuBenseiter" der Politik sind, ergibt sich im Vergleich zur
NSDAP, daB bei ihnen romantische Vorstellungen starker vor-
wiegen als realpolitische Erwagungen. Gemeinsam ist der
Ideologic all dieser Kreise die Betonung des „NationaIen", das
immer antikapitalistisch gefaBt wird; die Entwertung des Ver-
standes, gegen den ,,irrationale Krafte"; Blut, Scholle, Mythos
etcetera, ausgespielt werden; der Kampf gegern die Entzaube-
rung der Welt mittels einer Anbetung des „Heroischen"; die
Feindschaft gegen Individualismus, Liberalismus und Humani-
tat und die Vergotterung von Staat, Volk und andern iiber-
greifenden ,,Ganzheitsgebilden". In der Ahnengalerie der Ideo-
logen findet man Adam Miiller, Moeller v. d. Bruck, Spengler,
Spann und, bei den radikaleren Richtungen, Spuren von Marx
und Lenin. Da ausgearbeitete Programme zum Teil ganz feh-
3 865
len, zum Tcil nur gering bewertet werden, ist cine politische
System atisierung dieser Gebilde nur schr schwer durchzuf tin-
ren. Immerhin Lassen sich — wenn auch mit Vorbehalt — die
Gruppen in ftrechte" und fflinke" einteilen; bei jenen uberwiegt
das nationalistisch-reaktionare, sie sind mehr oder weniger
fascistisch; bei diesen das sozialistisch-revolutionare Moment,
sie sind mehr oder weniger nnational-bolschewistisch". Mannig-
faltig sind auch die Organisationsprinzipien. Man findet nbun-
dische" Gebilde neben parteimaBigen, und wieder kleinste
Kreise, die doch entweder ideologisch groBen EinfluB ausiiben
konnen oder ihre geheimen Verbindungsleute in andern Organi-
sationen haben. Mitgliederzahl und realer EinfluB entsprechen
einander jedenfalls keineswegs. (Die angegebenen Zahlen be-
ruhen auf Schatzungen inforrnierter Personen.)
Als starkste Organisation auf der rechten Seite dieser
Gruppen ware der Tannenbergbund Ludendorffs zu nennen
(Organ .Ludendorffs Volkswarte'). Man konnte diesen Bund
am besten mit der Terminologie einer t,politischen Neurosen-
lehre" charakterisieren: alles Bose kommt von den ,,uberstaat-
lichen" Machten der Juden, Freimaurer und Jesuiten, die ge-
heimnisvoll die Welt beherrschen; das Christentum ist eine
judische Erfindung, der man sich zu entledigen hat; Kommu-
nisten, Sozialdemokraten, Demokraten sind Gestaltungen des
Judentums ; das Zentrum — eine Einrichtung der Jesuiten,
bei den Nationalsozialisten entscheiden jesuitische und frei-
maurerische Einfliisse etcetera, Durch diese Wahnvorstellungen
und die mythische Person Ludendorffs zusammengehalten, zahlt
der Bund immerhin an die 35- bis 40 000 Mitglieder, von denen
ein nicht unbetrachtlicher Prozentsatz auf hysterische Frauen
entfallt.
Die „Deutsch-V6lkische Freiheitsbewegung" (Wulle) mit
den Organen .Deutsche Nachrichten1 und .Mecklenburgische
Warte' zahlt 3- bis 4000 organisierte Anhanger, die zum groBen
Teil in Mecklenburg beheimatet sind. Im Gegensatz zu Luden-
dorff wird das protestantische Christentum starker betont und
— im Gegensatz zu fast alien andern Gruppen — der mpn-
archische Gedanke.
Zur „Rechten" ist wohl auch die letzte Abspaltung von
der Hitlerpartei, die ..Deutsche Sozialistische Arbeiterpartei".
gefuhrt von Klute und Arno Franke, zu zahlen. In ihrem
Organ fDer deutsche Weg* werden absolut fascistische Gedan-
keni vertreten. Die Gruppe hat sich von der Hitlerpartei ge-
trennt, weil sie den Glauben an der en revolutionare Kraft ver-
loren hat. An der Spitze stehen langjahrige Funktionare der
NSDAP und SA-Leute. In Berlin und in Sachsen ist einiger
Anhang vorhanden. Doch diirfte die Mitgliederzahl dieser
(allerdings noch im Aufbau befindlichen) Gruppe 1500 bis 2000
nicht iiberschreiten. Vermutlich ist auch das noch zu hoch
gegriffen.
In dem schon zur Mittelgruppe gehorigen .jWefyrwolf"
(Organ ,Wehrwolf\ Bundesleiter Kloppe, Sitz der Leitung
Halle an der Saale) herrscht keine einheitliche Meinung vor,
Ein Teil neigt mehr zu Hitler, ein andrer zu Otto StraBer, da-
neben findet man noch radikalere Auffassungen. Nach offi-
866
zieMen Angaben zahlt der Bund liber 8000, in Wirklich-
kcit wohl nicht mehr als hochstens 4- bis 5000 Mitglieder. Er
hat in seinen Reihen verhaltnismaBig viele Arbeiter und wird
durch gemeinsame Tradition, „TreueM sowie eine auBerst un-
klarc Ideologie, die den schonen Namcn „Possedismus" fuhrt,
zusammengehalten. Seinem Wcscn nach stellt er eine sol-
datische, Wehrorganisation dar und ubt daher einigen EinfluB
auf SA-Kreise aus.
Die „Schwarze Front" Otto StraBers ist eine Sammel-
organisation mehrerer Gruppen. Wenn sie auch in letzter Zeit
gewachsen ist, diirfte sie doch nicht mehr als etwa 5000 Mit-
glieder im Reich umfassen. Diese auBenpolitisch entschieden
ostlich orientierte Gruppe hat wichtige Verbindungen nach
mehreren Seiten. Sie hat uber nicht unbetrachtliche Gelder
verfiigt, deren Quelle in den engsten Kreisen der ehemaligen
olfiziellen Reichs- und Staatsstellen vermutet wird. Heute
unterhalten einige prominente Mitglieder enge Verbindung mit
leitenden Personen der NSDAP und zugleich — (iberdie ,Tat*: —
mit Kreisen um Schleicher. Unter ihrer Fiihrung stehen
einige revolutionare Landvolkgruppen, ftir die der ehemalige
Sekretar StraBers, Richard Schapke, die in Liegnitz erschei-
n-ende ,Schwarze Fahne* herausgibt. Zu den Prominenten zah-
len neben StraBer der Organisationsleiter Kiibler, der vom
Kiistriner Putsch her bekannte Major Buchrucker (der mit der
Bildung der „Schwarzen Garde" betraut ist) und der Schrift-
steller Herbert Blank, der unter dem Pseudonym Weigand
v. Miltenberg das Buch „Adolf Hitler — Wilhelm III." ge-
schrieben hat. StraBer eng verbunden ist auch Klaus Mehnert,
der Verfasser des Buches f)Jugend in SowjetruBland" und Mit-
herausgeber der Zeitschrift ^steuropa*. StraBer hat auch
einige Verbindungsleute innerhalb der KPD und unterhalt Fiih-
lung mit dem sogenannten Scheringer-Kreis (Organ fAufbruch').
Die Beziehung zu Kapitahleutnant Ehrhardt (via Stennes) ist
inzwischen gelost, Ehrhardt hat noch eine Landsknecht-Ge-
folgschaft (einige Gruppen in Thiiringen), Verbindungsleute in
ein paar Organisationen und ein „Bureau" in Berlin. Hier sitzt
sein engster Mitarbeiter Hartmuth Plaas, der auch ,Die Ehr-
hardtzeitung' herausgibt. Ehrhardt war auch der Geldgeber
des inzwischen eingegangenen ,Nationalsozialistischen Montags-
blattes*, das durch seine gute (also teuere) Aufmachung und
durch den pro-franzosischen und „burgerlichen" Kurs Er-
staunen hervorrief. Gut informierte Leute berichten.von Ver-
bindungen mit wichtigen franzosischen Stellen in der^ engsten
Umgebung Tardieus. Zugleich aber wurden seiner Zeit offiziose
deutsche Stellen genannt.
Der ehemalige Schriftleiter von Ehrhardts ,Vormarsch\
Friedrich Hielscher, hat sich mit einem engern Kreis (zu dem
die bekanntesten Vertreter der nationalistischen Intelligenz:
Jiinger, Schauwecker, E. v. Salomon zahlten) schon sqit langem
von Ehrhardt abgewandt und gibt in Berlin eine hekto-
graphierte, ungemein gut unterrichtete Zeitschrift fDas Reich*
heraus. Dieser Kreis verfiigt iiber gute Gewahrsleute und
weist eine ernste ideologische Plattform auf.
867
Die fTat*-Kreise stellen eine iibcr das ganze Reich ver-
breitete, sehr lose ,, Organisation" dar, die politisoh durchaus
nicht homogen isk So wurden entschiedene Stimmen
gegen die papeirfreundlichei Haltung der Fiihrenden laut.
Zur internen Information dienen die ,Tat-Kreisbriefe\ die
aufieren Organe sind die ,Tat* (AuHage etwa 25 000) und die
.Tagliche Rundschau'. Die fiihrenden Leute kommen zum Teil
aus dem Sozialwissenschaftlichen Institut der heidelberger
Universitat: Giselher Wirsing, ,,Leopold Dingrave" (Esch-
mann); zum Teil aus den Redaktionsstuben des Ullsteinhauses;
„Ferdinand Fried" (Zimmermann), Hans Zehrer und W. . F.
v. Oertzen, der als direkter Verbindungsmann Schleichers an-
zusehen ist. In der gut informierten berliner Privatkorrespon-
denz, ,Deutsche Fuhrerbriefe', wurde behauptet, Schleicher sei
mit einem nicht unerheblichen Betrage an der Finanzierung
der fTaglichen Rundschau* beteiligt. Von hier aus gehen auch
Faden zu den christlichen Gewerkschaften, vor allem zum
DHV und seiner Hanseatischen Verlagsanstalt, deren Ideologe
Wilhelm Stapel (.Deutsches Volkstum') ist.
Auf der f1Linken" nimmt die „Widerstandsbewegung" des
ehemaligen Raterevolutionars, spateren SPD- und ASPD-
Mannes Ernst Niekisch (Organ ,Widerstand') fiir sich. „in An-
spruch, Trager des Selbstbehauptungswillens, des Freiheits-
willens und des Geschichtswillens des deutschen Volkes zu
sem'\ Gegen den westlerischen Geist, dessen Ausdruck der
Kapitalismus ist, predigt sie die Revolution fur den preuBischen
Sozialismus in Anlehming an RuBland. Sie ist fiir Abschaffung
des Privateigentums und war fiir unbedingte Autarkie und Ent-
stadterung. Das scheint sich gewandelt zu haben, seit Niekisch
in RuBland war, wo er angeblich auch eine langere Unterhal-
tung mit Radek hatte, Jetzt schwarmt Niekisch fiir Kollekti-
visierung und Technik, beruft sich gleichzeitig auf Moeller
v. d, Bruck, Radek und Ernst Jiingers letztes Buch und hof f t,
einmal eine nationalkommunistische Partei auf die Beine stellen
zu konnen. (Friihere Unterredungen mit dem hamburger ehe-
maligen KAP-Fuhrer Wolfheim zeitigten kein Resultat.) Ein
paar hundert Leute sind mit dem neuen Kurs nicht recht ein-
verstanden, was sich bei der Septembertagung auf der
Schwarzburg zeigte (wo unter anderm der Schriftsteller undv
Drehbuch-Autor Reck-Malleczewen sprach). Es bestanden
bisher Verbindungen zu einigen Teilen des Landbundes. Seit
Oktober erscheint ein neues Organ .Entscheidung*.
Im engern Sinne ,,national-bolschewistisch" sind drei
Gruppierungen, die miteinander in Fuhlung stehen und zusam-
men vielleicht 2000 bis 2500 Leute zahlen. Von diesen eiitfallt
das Gros auf die Eidgenossen unter der Fiihrung von Werner
Lass, mit dem Organ .Umsturz*. Es handelt sich hier vor allem
urn Leute, die aus der Jugendbewegung kommen, und um eine
Anzahl ehemaliger SA-Manner. Die zweite Gruppe ist der
tlVorkampferkreis'* um Ebeling, der in Westdeutschland An-
hanger hat. Hier ist vor allem der geistige EinfluB des
gieBener Professors Lenz groB, der um eine Synthese von
Marxismus und Nationalismus bemiiht ist. Lenz hat eine wis-
senschaftliche ^Arbeitsgemeinschaft zum Studium der russi-
868
schen Planwirtschaft" ins Leben gerufert, Als dritte Gruppie-
rung ware hicr noch die zahlenmaBig sehr kleine „Gruppe so-
zial-revolutionarer Nationalisten" zu nennen. Ihr Fiihrer ist Karl
0. Paetel, der ehemalige Schriftleitcr dcs Jugendbewegungs-
organs ,Die Kommcnden', aus dem er in der Hauptsache wegcn
einer zu klaren revolutionaren Haltung vertfieben wurde.
Paetel gibt jetzt ein kleines Organ ,Sozialistische Nation' in
Berlin heraus.
Genannt werden miissen noch der Kreis um das ,,Geist-
christentum" Arthur Dinters; die einen sehr bescheidenen Mit-
gliederbestand mit einem hochst unbescheidenen Namen ver-
bindende ,,Deutsch-Sozialistische Kampfbewegung" (Schild*
Oldenburg) ; eine von der NSDAP abgespaltene Gruppe in
Hamburg unter Krebs, die mit Franzen und Groh in Braun-
schweig in Verbindung stent; eine^ kleine oldenburger Gruppe
mit dem feierlichen Namen ,,Nationalsozialistische deutsch-
revolutionare Kampfbewegung GroBdeutschlands", die sich
freilich vorlaufig auf vielleicht hundert bis zweihundert Leute
in Oldenburg beschranken muB.
All diese Gruppen und Griippchen zahlen zusammen etwa
60- bis 70000 Mitglieder, vermehren sich durch Spaltung und
leiden meist an krankhafter Selbstuberschatzung, an jenem
weitverbreiteten Laster von Sekten, sich selbst als Mittelpunkt
des Weltalls und den eignen Willen als Triebfeder der Ge-
schichte zu betrachten. Immerhin haben einige von ihnen eine
nicht zu unterschatzende ideologische Bedeutung, die sich bei
einer Krise der NSDAP auswirken diirfte.
Kurzbericht fiber RufilandbucherF. c. Wehkopf
Deter Panter schrieb einmal an dieser Stelle, er wiinsche sich
nach den vielen Buchern fur oder gegen endlich einmal ein
Buch iiber diei Sowjetunion, Ich weiB nicht, ob man diesen
Wunsch wortlich nehmen, also unter einem Buch „uber" die
Sowjetunion ein ,,objektives" Ruftlandbuch verstehen soil.
Ware dem so, dann wird, furchte ich, dieser Wunsch unerfiillt
und unerfullbar bleiben, es sei denn, daB wir ein ohne Autor,
gewissermaBen auf dem Wege der Selbstzeugung, entstandenes
RuBlandbuch prasentiert bekommen, denn nur ein solohes
Buch konnte objektiv iiber ein Thema berichten, dem heute
schon jeder Leser, von dens Autoren gar nicht zu reden, ,,un-
objektiv'\ das heiBt mit mehr oder weniger bestimmter Ab-
neigung oder Zuncigung, mit MiBtrauen, Abscheu oder Be-
geisterung, jedenfalls aber nicht mit volliger Unbefangenheit
gegeniibersteht Man wird sich, wohl oder iibel, damit abfin-
den muss en, daB jedes 'Buch uber zugleich ein Buch fiir oder
gegen, in manchen Fallen vielleicht auch fiir und gegen, die
Sowjetunion ist, Objektivitat wird man von den Verf assern
von RuBlandbuchern billigerweise nicht fordern konnen; wohl
aber darf man von ihnen verlangen, daft sie den eignen Stand-
punkt unzweideutig kennzeichnen, daB sie die Unmoglichkeit
einer objektiven Berichterstattung nicht zum AnlaB nehmen,
um zu entstellen und zu frisieren.
86$
Soviel als Vorbemerkung zu einem kurzen Bench t iiber
eine Handvoll newer RuBlandbucher.
*
Fiir jeden, der sich iiber die Sowjetunion im a 11 gem einen
und uber den Fiinfjahrplan im besondern wirklich unterrichten
will; fiir jeden, der umfassendes Zahlen- und Dokumenten-
material sucht, ist das zweibandige Werk „Die Sowjetunion"
von Hermann Remmele, einem ebenso iiberzeugten Anhanger
wie genauen Kenner des Sozialistischen Aufbaus unentbehrlich.
(Erschienen im Verlag Carl Hoym, Hamburg — < Berlin; gebun-
den pro Band 2,85,) Julius Hajdu gibt in seineoi Buck „Ru0-
land 1932" (Phaidon-Verlag, Wien-Berilin, Leinen 5,50)
eineni durchaus positiv gehaltenen Oberblick iiber alle wichti-
gen Gebiete des Sowjetlebens im vierten Planjahr. Manchmal
laBt er seiner Phantasie freien Lauf , so wenn er von Lenins ,,Trau-
mereien'' spricht oder di© hundert Milliomen Bauern und Ar-
beiter des alien RuBland in lauter romantische Oblomows ver-
wandelt, — aber wenn er, statt zu dichten, berichtet, ver-
miftelt er dem Leser eine Menge wertvqller Erkeimtnisse. Der
moskauer Ingenieur M, Iljint selbst aktiv an der Erfiiliung des
Fiinfjahrpla&s beteiligt, hat fiir Kinder, nein iiberhaupt fiir
alle, in denen das planwirtschaftliche Riesenprojekt der Sow-
jets kerne oder nur eine sehr blasse Vorstellung erweckt,
eine ,,Erzahlung vom GroBen Plan*' geschrieben: ,fFunf Jahre,
die die Welt verandern" (Malik Verlag, Berlin; kart. 2,85,
Leinen 3,75), Iljin erzablt wirklich; er berichtet nicht nur von
Dingen <und Vorgangen, er laBt sie vor dem Leser •entsiehen und
sich ereignen. Zahlen, Plane, Beschreibungen technologischer
und wirtschaftlicher Prozesse werden bei Iljin zu anschaulichen,
lebendigen Geschehnissen eines leibhaftigen nMarchens der
Wirklichkeit".
Iljin behandelt den Fiinfjahrplan als Ganzes, Sergej Tret-
jakow gibt in seinen v.Feld-Herren'1, (Malik- Verlag; kart. 2,85,
Leinen 4,80) einen Aussohnitt; das landwirtschaftliche Plan-
segment, die „Kollektivierung'\ Wie Iljin ist auch Tretjakow
Augenzeuge und aktiver Mitarbeiter des Fiinfjahrplans. Er
reportiert nicht nur, er erstattet auch, als Mitglied eines Dorf-
rats, als Vertrauensmann und Berichterstatter einer Kollektiv- -
wirtschaft, als „operierender Schriftsteller" Rapport iiber die
Schwierigkeiten und Erfolge einer Aufbauarbeit, in deren Ver-
lauf aus Muschiks Menschen, aus verlotterten, riickstandigen
Dorfern sozialistische Agrarkommainen werden sollen. Bei die-
ser Gelegenheit sei auf zwei Romane hinge wiesen, die die
Kollektivierung der Landwirtschaft behandeln: Konstantin Fins
im Agis-Venlag, Berlin, erschienene: „Dritte Geschwindigkeit"
(geb. 3,75, kart. 2,85) und Fedor Gladkows vom Verlag fiir
Literatur und Politik, Berlin, herausgegebene „Neue ErdeM
(brosch. 2,85, geb. 3,75).
Einen Ausschnitt andrer Art, einen geographischen, gibt
Egon Erwin Kisch in einem Buch, dessen Waschzettel nicht
flunkert, wenn er von ,,atemraubender Spannung" und „er- ,
schiitterndem Geschehen" spricht. „Asien griindlich ver-
andert" (Erich ReiB-Verlag, Berlin; kart. 3,80, Leinen 4,80) ist
870
das erste Buch, das dem auslandischen Leser ein lebendiges
Bild des neuen Asien vermittelt, Weil es Dinge und Menschen
im FluB, in ihrer Entstehung .und Entwicklung, weil, es den
Sprung aus der mittelalterlichea Welt der „Tausend und einen
Nacht" in die Epoche der sozialistischen Planwirtschaft, in
seiner ganzen GroBe mit alien Widerspriichen und Anachronis-
men zeigt, "Eine Geburt wird geschildert, mit tiefer Freude
iiber das, was geboren wird, doch ohne daB dabei die Schmer-
zen vergessen werden, die zu jeder Geburt gehoren, Kisch be-
richtet iiber Usbekistan und Tadschikistan, die russische Arztin
L. Argutinskaja iiber Kasakstan. Ihre Aufzeichnungen „Eine
Seite aus einem groBen Buch" (Verlag fur Literatur und Politik,
Berlin, brosch. 1, — , geb. 1,75) ein sehr aufschluBreicher
Rechenschaftsbericht iiber ein Jahr „gesellschaftlicher Arbeit"
in den Auls der halbnomadischen Kasaken (Kirgisen): Streitig-
keiten mit den reichen Beys; Kampf gegen Unsauberkeit,
Aberglauben und Kurpfuscberei; Agitation tfiir die rechtzeitige
Getreideablieferung; groBe Schwierigkeiten und der groBe
Triumph: „Der Plan ist zu 106 Prozent erfullt!"
Wenn man sioh uber die Frauenfrage in der- Sowjetunion
informieren will, darf man an Fannina W. Halles umfangreichen
Werk: „Die Frau in SowjetruBland" (Verlag Paul Zsolnay,
Wien-Berlin; brosch. 9 Mark, L einen 14 Mark) nicht vorbei-
gehen. Durchdrungen von der „t)berzeugung, daB sich im neuen
RuBland ein SchopfungsprozeB von ungeheurer Tragweite, im
gewissen Sinne ein ProzeB der Vermenschlichung vieler Mil-
lionen" vollzieht, geht Fannina Halle mit groBer Sympathie fiir
die Arbeit der Sowjets, aber durchaus nicht unkritisch an die
Aufgabe heran, den Leser mit der Lage der Frau im alten RuB-
land, mit der dtirch die Oktoberrevolution neu geschaffenen
Situation und mit den bisherigen Stadien der Emancipation
oder, wie sie sagt, der „Menschwerdung der russischen Frau"
bekannt zu machen. Ihr Buch ist ein Standard werk.
Rein Standardwerk ist hkigegen, obwohl das fettgedruckt
auf dem Umschlag stent, der van Gerhard Dobbert heraus-
gegebene Sammelband „Pie Rote Wirtschaft" (Ost-Europa-
Verlag, Konigsberg und Berlin; brosch. 6,40). GewiB, einige
Beitrage, so der des Herausgebers, sind von hoher Qualitat,
aber daneben gibt es ahnungslose PJaudereien und stumper-
haft e Schreibiibungen. Wenn man schon ,,zum groBten Teil
das ,kapitalistisch' gesinnte Europa und Amerika iiber die so-
zialistische Wirtschaft" urteilen lassen wollte — ein inter-
essanter und niitzlicher Versuch — warum hat man dann nicht
statt des ahnungslosen Plauderers Poppelmann beispielsweise
Artur Feiler oder Louis Fischer uber „Wirtschaftsfuhrer" und
statt des von begreiflichen Ressentiments erfullten fascistischen
Journalisten Sessa den moskauer Korrespondenten der ,New
York Times' Duranty iiber die „Soziale Lage" schreiben lassen?
„Der Nationalismus in der Sowjetunion" nennt Hans Kohn
eine Untersuchung, die „aus theoretischeim Studium und aus
der lebensmaBigen Benihrung mit der neuen Atmosphare RuB-
lands wahrend einer im Sommer 1931 im Auftrage der (Frank-
furter Zeitung* unternommenen Reise" entstand, (Sozietats-
verlag, Frankfurt am Main; kart. 2,70.) Der Titel ist vielleicht
871
irrefuhrend. Da sich das Buch in der Hauptsache mit der
Losung der nationalcn Frage, mit der Nationalitatenpolitik der
Sow jets .beschaftigt, ware ein Titel wie „Die nationale Frage
in der Sowjetunion" wohl bess«r am Platz gewesen. Hans
Kohn l>eherrscht die Materie, Seine Darstellung ist klar unci
iiberzeugend . . , allerdings nur so lange er sich an die Materie
halt; wenn er jedoch, was ab und zu geschieht, von derUnter-
suchung und Darstellung der Tatsachen zu philosophischen Be-
trachtungen hinuberwechselt, gehen Klatfheit ;und Uberzeu-
gungskraft leider verloren,
*
Die Redaktion hat mich gebeten, auch mein eignes Buch
„Zukunft im Rohbau" (Malik-Verlag, Berlin; kart, 2,85; Leinen
4,25) hier anzuzeigen. Ich mochte diese einzigartige Gelegen-
heitt eine nBoimbenkritik*' zu bekommen, nicht benutzen son-
dern mich auf ein paar Zitate aus dem Vorwort des Buches
beschranken, Hier sind sie;
Wir sahen die Opfergerate schamanischer Priester und Bloomings
aus USA; wir lauschten oirotischen Marchenerzahlern und horten
die Rede des Roten Direktors von Magnitogorsk als der zweite Hoch-
ofen angeblaserj wurde . , , Wir schliefen unter den Zedern des Hohen
Altai und an den Lagerfeuern einheimischer Jager und Hirten; wir
liefien uns von kleinen, kraftigen Pferden uber wilde Fliisse tragen
und folgten in den Ajilen nomadisierender Kolchose den Diskussionen
tiber den Fiinf jahrplan.
Mein Bericht erhebt keinen Anspruch auf Vollstandigkeit oder
Unparteilichkeit. Zwei Augenpaare konnen ein Sechstel der Welt
nicht uberblicken, und zu dem groBen Geschehen im Osten keine
Stelluntf zu nehmen, sei objektiven Subjekten iiberlassen, Aber ich
habe mich bemiiht, auch das zu sehen und zu horen, was mir nicht
gefiel, und auch davon zu berichten - , ,
Es gilt als Tugend des Schriftstellers^ zu zeigen und: zu sagen,
was ist. Aber mit dieser Tugend allein kommt man in der Sowjet-
union nicht weit; denn charakteristisch fiir diese neue Welt ist nicht
das Sein, sondern das Werden, Wer nur Zustande sieht, sieht das
Wichtigste nicht: den Prozefl des Entstehens einer Wirtschaftsreform,
der die Zukunft gehort und die aus Mushiks und Nomaden neue
Menschen gemacht hat. Der neue sozialistische Mensch ist gewifi
noch nicht fertig, er ist, wie sein Werk, noch im Rohbau. Aber in
einer Gesellschaft, in der Ausbeutung achtet und Arbeit ehrt, statt
wie sonst auf der Welt bestenfalls nicht zu schanden , . . sind alle
Voraussetzungen dafur gegeben, daB der Bau einer besseren Zukunft
auch gelingt.
Falsch links — falSCtireChtSvon Herbert Ihering
In der g arizen Welt kann man vom Theater die Haltung oder
die Inter ess en eines Volkes ablesen, und seien es auch nur
die Haltung undi die Interessen, die es nicht hat. Mogen die
Buhneti in New York, in London und Paris noch so sefor das
Unter halt ungsst lick pflegen, so erfahrt man eben daraus, wie
man sich in New Yorkt in London und Paris unter halt. Man
erfahrt, daB das Theater eben nur zu den Menschen spricht,
die sich ablenkenwollen, d'aB das Theater nur fiir bestimmte
Schichten da ist und daB die Schichten noch stark genug sind,
die Zuschauerraume zu full en. Man erfahrt vom russischen
872
Theater, was alle eriulit, welcheLosung ausgegeben ist, welche
Generallinie geistig und kiinstlerisch eingehalten werden soil.
Has Theater der ganzen Welt unterrichtet, mag es Vorstadt-
theater oder mondane Boulevardbuhne, Volkstheater oder
Frackbiihiie sein, iiber das, was die Nationen in ihren Klassen
und Schichten bewegt oder nicht bewegt.
In Deutschland, in dem sich die Meinungsbildungen und
politischen Wandlungen leidenschaftlicher ankiindigen als
irgendwo sonst in Ettropa, merkt man auf dem Theater davon
nichts. Man erfahrt nicht einmal, wie sich das Publikum
imterhalt. Man konnte sich vorstellen, daB die Erregtingen des
Tages den Leuten im Theater den Geschmack an wesentlichen
Fragen, an tragischen Erschutterungen oder denkerischen Auf-
gaben verleiden, Man konnte annehmen, daB das Publikum
sich von der Not des Lebens in den Wirbel der Revueen oder
vornehmer Unterhaltungsstiicke stiirzen mochte, Nicht einmal
das ist richtig. Nicht einmal die Revuen, nicht einmal die
Operetten, nicht einmal (die Salonkomodien stimmen. Die Ber-
liner wollen nicht d&a ^Studentenprinzen", wollen nicht Mol-
nars )fHarmonie", wollen nicht ,,Das Marchen vom Wolf". Die
Konzessionen werden einem Publikum gemacht, das es nicht
mehr grbt.
Also wird es Biihnen geben, die der „v6lkischen Bewegung"
durch! Auffuhrungen zum Durchbruch verhelfen? Also werden
auf dem ernsten Theater sogenanaite Linksstiicke durch so-
genannte Rechtsstucke ahgelost? Auch das ist nur zum Teil
richtig. Gewifi, man sieht einige brave patriotisch wallende
Uniformstiicke, aber es ist der Patriot ismus der Vorkriegszeit
Man sieht wackere, gemiit voile Philist ers tiicke, Aber grade das,
was groBe M'enschengruppen erfiillt, grade die „rechte" Lebens-
auffassung, grade der Drang aus der Zivilisation auf das Land,
von der GroBstadt zur Erde, grade die neuen Gruppenbildurigen,
grade die bimdische Bewegung linden in den Stiicken, die auf
die Biihnie gelassen werden, kemen Ausdruck. So paradox es
klingt, so wahr ist es: die wirklichen, die echten Rechtsstucke,
wurden nur aufgefiihrt, als das Theater von einer Links-
bewegung getragen wurde. Ich denke an die Werke von Bar-
lach. Niemals wurde Barlach weniger aufgefiihrt als heute. Ich
denke an die , .Michael Kohlhaas"-Bearbeitung von Arnolt
feronnen.
So ist es nicht verwunderlich, daB iiberall wieder falsche
Begriffsbildungen Platz greifen. Die Worte „rechts" und „ links*'
rich ten von neuem Verwirrung an. Wie die Theaterdirektoren
im Banne des Wortes Mrechts" die odesten patriotischen Schin-
ken auffuhren, so ist das andre MiBverstandnis noch groBer.
Solange die reprasentativen Biihnen, die freiziigigen, liberalen,
modern genannten Theater das ubliche Luxusrepertoire geben,
solange eine ziellose Ironie, eine spielerische, nirgends ver-
wurzelte, aber iiberall sich tummelnde Witzelei bevorzugt wird,
solange ist es nicht verwunderlich, daB die nationalistische
Polemik diese Kunst im Ernst fur links halt- Die auBerste
Programmlosigkeit wird programmatisch genommen, die letzte
Verlegenheit fur planvoll gehalten/ der klaglichsten Hilflosig-
873
kcit eineAbsicht unterschoben. Moluar avanciert zum Kultur-
bolschewisten und Frantisek Langer wird zu einer wichtigen Figur.
Dabei entspr^cht die Haltumg links genau der Haltung
rechts. Wenn rechts patriotiscbe Phrasen der Ersatz fur Kraft
sind, so ist links die Ironie, die in der Luft hangt, der Ersatz
fiir Geist, Wenn rechts schon das kriegerische Klcid oder der
Sabel symbolischen Wert erhalten, so bekommt links einc
menschliche oder humane Bemerkung bereits den Rang des
Dichterischen. Ersatzkunst iiberall, Taimipoesiet Talmigeist.
Haargenau in der Mitte stent ein Stuck wie Frantisek Langers
Legende „Engel unter tins", das deshalb charakteristisch fiir
die MiBverstandnisse auf beidero Seiten ist. Hier stammt, auf
eine banale Formel gebracht, die falsche Poesie von rechts, die
falsche Ironie von links, Engel werden auf die Erde gesandt
und leben in Menschengestalt ein zweites oder drittes DasetrL
Engel — ein Arzt, der unheilbar Kranke vom Leben erlosh
Engel — auchder Sdhuhfabrikanit Bata, der die ,,SendunigM hat,
die Menschheit mit Schuhen zu yersorgen. Engel — ein
Schutzmann, ein StraBenbahnschaffner, ein Schuhmacher-
meister. An die Stelle der Splidaxitat der Klassen- oder Volks-
genossen tritt die Solidaritat der Engel (tatsachlich). Poesie
des Optimismus, Poesie der Ankurbeiung. Das snobistische
Theaterpublikum, das verziickt an Dichtung glaubt, wenn es
himmlische Posaunen vom Schniirboden vernimmt, darf aber
nicht zu lange in diesen poetischen Gefiihlen gelassen werden.
Es konnte sonst d'och anfangen, selbstandig zu denken und die
Kontrolle zu iibernehmen. Also schlagt die blaBfarbige Poesie
in ebehso blasse Ironie urn, die den Dichter und den Zuschauer
aus der Verantwortung lost. Sanft erhoben und sanft gefrozzelt
— es ist dasselbe. Die Einen glaiuben an eine Dichtung, die
Andern an eine Verappelung. Die -Mischung des Stuck es ist
natiirlich keine Absicht, schon deshalb nicht, well Frantisek
Langer das deutsche Publikum kaum kennt. Aber sie trifft die
deutsche Theatersituation, das Halb und Halb, die Ersatzkunst.
Es gibt kein linkes Theater in Berlin, obwohl es rechts
behauptet wird. Es gibt kein rechtes Theater in Berlin, ob-
wohl es links behauptet wird, Auf der einen Seite laBt man
sich lieber die abgedroschenste Mvaterlandische" Phraseologie
gefalJen als daB man Bariach auifuhrt (fiir den erst jetzt die
Zeit gekommen sein miiBte). Auf der andern Seite hat man
lieber mit Molnar sichere Mifterfolge als daB man mit Brechts
tfHeiliger Johanna der SchLachthofe", dem bedeutenidsten
Drama des letzten, Jahrzehnts, die Unsicherheit eines Erfolgs
aui sich nimmt. In einer haltlosen Zeit will der Zuschauer auf
der Biihne wenigstens Halt firnden. Er findet ihn nicht. Was
gespielt wird und fiir wen gespielt wird, ist das Theater jerier
Mhauchdunnne Schicht", die keine Bewegung mehr tragen
kann, Selbst Bernard Shaw spricht in seinem letzten Stiick
die Erkenntnis aus, daB der Geist wurzellos geworden ist und
aus seiner Isolierung heraus muB. Man kann es idem Fiinlund-
siebzigjahrigen nicht verdenken, wenn er in dieser tragischen
Situation nicht weiB, wo er AnschluB suchen soil. Die Theater-
direktoren haben alle seine Werke aufgefuhrt. Seine Fragen
aber haben sie sich niemals gestellt.
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Das Neue Paradies von Alfred Poigar
Cine vieraktige Komodie von Julius Hay (dessen starkes und
" intcrcssantes Schauspiel „SigismundM demnachst in Berlin
zu sehen sein wird). Volksbuhne.
Der paradiesische Zustand, da Lamm und Lowe friedevoll
nebeneinander weiden, wird hergestellt sein, wenn dem Lowen
die Krai I en ausgefallen oder dem Lamm welche gewachsen
sein werden. Hays Komodic entscheidet sich, als fiir die
einzig mogliche, fiir die zweite Variante.
Das Stiick spielt urn- die Mitte des vorigen Jahrhunderts,
in Amerika. Ein junger Mann, Schiiler Robert Owens, will
die Welt von ihren sozialen Obeln auf sanfte Art befreien,
Er verwirft jede Gewalt. Er griindet eine Siedlung, in der
alle gleiche Rechte und Pfliohten haben, gemeinschaftlich fiir
ihre gemeinschaftlichen Interessen arbeiten und wie Briider
lieblich nebeneinander leben sollen. Eine steinreiche lustige
Witwe, die der Zufall dem Schwarmer in den Weg fiihrt, be-
geistert sich fur seine Ideen. Das heiBt: die Ideen sagt, aber
den Idealist en meint sie. Jedenfalls gibt sie das Kapital her
fiir die antikapitalistische Unternehmung. Das wird im ersten,
quicklebendigen, Akt heiter und anregend exponiert. Im Ge-
flecht der vielen, kraftig pulsierenden, Aderchen des Dialogs
ist der Interessen-Kreislauf biirgerlicher Welt (wie sie damals
war und, tun ein paar Schraubenwindungen hoher, heute
noch ist) erkenmhar. ' Die Figuren sind spaBig iibertrieben, aber
nicht mehr, als den Lichtbrechungs-Gesetzen komodischer Luft
gemaB. Nachher andert sich das gewaltig.
Akt zwei und drei zeigen die Siedlung im Betrieb. Von
Gleichheit keine Spur, die Gemeinschaft zerfallt, kaum, dafi
sie sichi gebildet hat, in Ausbeuter und Ausgebeutete, die Idee
siirbt an dem Leben, ztt dem sie erweckt wurde, und die
Komodie fallt senkrecht ab in die Posse. Es ist die Schwache
des Stiicks, daB es sofort ins Absurde setzt, was doch erst
ad absurdum gefuhrt werden sollte. Es wird nicht gezeigt,
wie derVersuch, auf f riedlichem Wege die Menschen von Hab-
gier und Eigennutz zu erlosen, mit Notwendigkeit scheitern mufi,
sondern es wird ein so lacherlicher Versuch dieser Art ge-
zeigt, daB sein Scheitern nicht die Spur von Beweiskraft hat.
Die Satire des Spiels, beziehungsweise des Beispiels, das dieses
gibt, lauft leer, weil ihr das Objekt," dem sie gilt, gar keinen
ernsten Widerstand entgegensetztt sozusagen schon tot ist, ebe
sies erschlagt.
Im SchluBakt erscheint das Paradies Iiquidiert. Ein ge-
schaftstiichtiges Mitglied der neuen Gemeinschaft hat es ver-
standen, sie kapitalistischen Zwecken dienst- und nutzbar zu
machen, Der Weg, auf dem der Tiiohtige zu seinem Ziel ge-
langte, bleibt unklar, und noch unklarer bleibt, warum die
Paradiesvereinler ihm auf solchem Weg geduldig und gehor-
sam folgten. Wie vom geplatzten Himmel heruntergefallen,
ist plotzlich eine SchluBsituation da, in, welcher der Kapitalist
sich ins Faustchen lacht, der Prolet dieses ballt, und der Autor
dort stent, wo er hinaus will. Damit wir dies deutlich merken,
wird der Geschichte, aus welcher sie nicht zwingend folgte,
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die Moral der Geschichte, in Rede und Gegehrede, angehangt:
daB namlich reine bessere Ordnuhg der Welt nicht den herr-
schenden Ge wait en abgeschmeichelt sondern erkampft sein will.
Gewisserma Ben: die starke Lehre muB das schwa che Bei-
spiel, aus dem sie gezogen ist, rechtEertigen.
Unter Hilperts Regie blunt das Stuck in lebhaften Farben.
Manchmal in peinlich grellen, etwa wenn ein Jude, in den
der Handelsgeist gefahren ist, von dem Darsteller Trenk-Tre-
bitsch im budap ester Orpheumstil iiberjudelt wind. Adolf
Wohlbriick mimt den Edelkommunisten. Man kann keine Se-
kunde glauben, daB die Ideen, als deren Verkiinder er auftritt,
ihm wirklich in Herzv und Hirh sitzen; er ist nur wie parfuiniert
mit innen. Ton und Haltung beglaubigen Paul Verhoeven als
Wortfiihrer der Proletarier, die des rechten Wegs bewuBt sind;
in Spiel und ' Rede dieses eigentlich zarten Schauspielers
schwingt Geistiges, schallverstarkend, mit. Paul Dahlke spielt
mit iiberzeugender Temperatur den Mann, der vom kalten
Fieber des Geschafts geschiittelt wird, und als mulattisches
Naturwesen ist Brigitte Horney mit Leib und Seele elementar.
Die schauspielerische Oberraschung des Abends bring t Gerda
Maurus. So frei und sicher hat man sie auf der Biihne noch
nicht gesehen. In der richtigsten Dosierung gibt und mischt
ihr Spiel das 'Kindliche, Pretiose, Ahnungslose der Dame, die
nicht aufhoren kann, eine zu sein, und es ist reizend, wie sie
die fibers charfe Lacherlichkeit der Figur durch einen f einen
Schleier von Selbstironie zu mildern weiB.
Gustav Meyrink-J*
Eine Montage aus seinen Geschichten
VV7ie es sich fiir einen Schriftsteller deutscher Nation geziemt,
bin audi ich kiirzlich — Sie werden es wohl in den
miinchner Zeitungen in der RubTik fur t)Kunst", knapp unter
den iiblichen Leitartikeln: „Maul- und Klauenseuche in
Bayern", gelesen haben — eines unnaturlichen Todes gestor-
ben. Miide, dem unabwendbaren Dichterschicksal: dereinst
im Golde qualvoll ersticken zu miassen, von friih bis spat ins
Auge zu sehen, beschloB ich, schnellerhand me intern Leiden
ein Ende zu bereiten . , . Doktor Schmuser, der unverbesser-
Iicbe Gewohnheitspropbet und Grander der theosophischr
anthroposophisch-rosicruci-pneumatotherapeutischen GeseU-
schaft wandelte in den Wolken, mit der einen Hand einen
Biirstenabzug der ihm vom Werkmeister des Weltalls anver-
trauten Akashachronik korrigierend, mit der andern die Gotter
rastlos griiBend, und hinter ihm als Ehrengarde: zwolf aus-
gewahlt vermogende alte Damen , . . Als ich schliefllich ihre
Seele vom Korper losgetrennt und in der groBen Glasflasche
isoliert hielt, lieB mich eines Tages ein unerklarlicher Geruch
nach Ziegenmilch Boses ahnen, und ehe ich noch den Hertz-
schen Oszillator, der of f enbar einen Augenblick versagt hatte,
wieder in Ordnung bringen konnte, war das Ungluck bereits ge-
scbehen und die anima pas tor is ? unwiederbringlich entwichen,
Augenblicklich wandte ich wohl die starksten Lockmittel an,
legte ein Paar Frauenunterhosen aus rosa Barchent (Schutz-
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marke ,Lanra') aufs Fensterbrett, einen elfenbeinernen Ruck en -
kratzer, ja ein Poesiealbum aus giftblauem Sammet mit golde-
nen Geschwiiren — aber alles umsonst! . . . ,,Wird auf [ den
Wesenskern der Pastorenweibse ein Reiz ausgeiibt, — welcher
immer — so — hakelt sie, — und bleibt er ungereizt — ", dcs
Meisters Stimme wurdc lcise und unirdisch, „ — so — so ver-
me'hrt sie sioh — bloB " Tot sank der Adept zuriick . , , Und
damt wurde HilligenJtei offentlich auf dem Gansemarkt vorge-
lesen — von Frau Oberkonsistorialrat Suschen Thaden — und
das dauerte nu vier Tage. Und wahrend diese Zeit blieb mi
die Sonne sstarr am Himmel sstehen, und hie und da horte man
n doll unterirdisch Tosen, Als ob die Erde laut gahne. S war
iiberbaupt, als sei die ganze Natur eingeschlaf en . . . Jetzt lag
Zavadil nackt — die letzten*Fetzen hatte der Wasserstrahl
fortgerissen — auf dem Vorhofe des Missionsgebaudes, dampfte
wie ein Biigeleisen und schamte sich seiner B16Be. Ein findiger
Jesuitenpater warf ihm einen alt en Asbestanzug, der einmal
einem Lavaarbeiter gehort hatte, vom Balkon zu, in den sich
Zavadil unter Dankesworten Mllte . . . Wir ha ben uns eben*
falls das GesaB mit Flitter geschmiickt, und wenn wir beim
Herannahen der Tiere nur jede IntelligenzauBerung scharf
unterdriicken, so werden wir fur Offiziere gehalten und hoch
geachtet und sind vollkommen sicher, Du wirst vielleicht
sagen, es sei das charakterlos von mir, aber ich bitte dich, was
muB man nicht alles tun, wenn man nun schon einmal unter
Orang-Utangs leben muB. Jetzt aber heiBt es hastig schlieBen,
drauBen — ganz nahe schon — bore ich das schneidige „Gwaah
— Gwegg; — Gwaah — Gwegg" der Vaterlandsaffen, Herz-
lichst griiBt dich daher in EilcJ dein alter Egon Ipse.
Queen Kelly von Rudolf Leonliard
In den Zeitungen steht als Neustes aus Hollywood; „Erich von Stro-
1 heim dreht seit acht Wochen seinen Film Broadway-Spaziergaag.
Nichts, was er zu brauchen glaubt, wird ihm im Atelier verweigert;
aber es ist dies die groBe Prufung in, seinem Regisseurleben. Gelingt
der Film, so wird Stroheim den Platz einniehmen, der ihm von Rechts
wegen in Hollywood zukommt; fallt er durch, so wird er sich trotz
seines unbestreitbaren Talents damit abfinden mussen, in Hollywood
nur noch als Schauspieler zu wirken,"
Wer ist dieser Stroheim, der nach einem und trotz einem halben
Dutzend wenig bekannter, aber doch weltberuhmter Filme von- den
strengen Amerikanern noch einmal in ein fiir alle Beteiligten kost-
spieliges und gefahrliches Examen genommen wird?
Ich sah ihn zum erstenmal in einem riesdgen und, wenn ich mich
recht erinnere, wenig belangvollen Film, Stroheim spielte einen
osterreichischen Offizien Dieser Offizier zog sich einmal die Hand-
schuhe an. Die Bewegung dauerte ftinf, zehn, zwanzig, hundert
Meter, eine Ewigkeit lang; er zog die Handschuhe auf und strich sie
fest, Finger fiir Finger, und uber diesen im weiBen Leder prallen
Fingern lachelte ein knochiges, rundes, mit straffer Haut fest be-
spanntes, breites, kurzes, hartnustriges, knappes und kaltes Junker-
gesdcht. Ich sprang vom Sitz auf: diese Geste, dies ekelhafte unauf-
horliche Plattstreichen des langst festsitzenden Leders — . so widerlich
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ist ja die Uniform, ist ja der Militarismus; und diese Szene, dies
leicht grinsende Knochengesicht — dieset1 Mann ist ja, was er spieltt
und hafit ja^ was er ist!
Im Werk Stroheims, dessen spatere Filme diesen. ersten Eindruck
erweitert und bereichert, aber immef bestatigt und befestigt haben,
wird ein HaB, ein hollisch'er, ein allgemeiner und kcine Ausnahme
kennender HaB achopferisch, ein HaB vor allem auch gegen seinen
Trager und sich selbst.
Erinnert man sich des Anfangs yom „Hochzeitsmarsch"? Wo die
Freuden des Ehestandes in der ausfiihrlichen Aljwicklung des nor-
malen Morgendialogs zwischen zwei alten furstlichen wiener Ehe-
gatten gezeigt wird; wo zwei wiirdige Vater die Verlobung ihrer
Kinder im Bordell besprechen; wo der Held mit seiner Geliebten,
vollkommenste, siiBeste Liebesszene, starren Gesichts und mit ge-
blockten Kiefern unter einem Bliitenbaume sitzt, und es fallen so
viele Bliiten auf das Paar herab, wie es in der ganzen Welt auf ein-
mal nicht geben kann; und fallen so hart, als wollten sie das Paar
erschlagen!
Diese SuBigkeit in Stroheims Filmen, die „kitschig" erscheint, ist
oft nicht verstanden worden. Auch sie, auch ihre teuflische Ober-
treibung kommt aus dem HaB; ihr wollt Sufie? Hier habt ihr dicken,
geronnenen Zucker, kiloweise, und klebrig. Erstickeri sollt ihr drin!
Genau so ist der Reichtum, die Dekorationsfiille, die Verschwen-
dung in Stroheims Filmen nicht die sonst in Hollywood iibliche, kalt
kalkulierte, demonstrative Protzerei. Er erzielt, indirekt, eine ne-
gative Wirkung: Ihr liebt den Pomp, ihr laBt euch gern bluffen? Hier,
ihr sollt damit erschlagen, zugedeckt* darin vergraben werden. Die
zwei kurzen' Szanen des Verlobungsmahls in „Queen Kelly'* miissen
allein Millionen gekostet haben; aber ihr Detail iiberwachst und er-
driickt das Spiel, sie benehmen dem Zuschauer den Atem
„ Queen Kelly" ist ein stummer Film Stroheims, zu sehen in einem
kleinen pariser Kino, in Amerika ist er, obwohl mehr als zwanzig
Millionen Franken Kosten zu amortisieren sand, nicht gezeigt worden.
Denn es ist ein echter StroHeimfilm.
Die Hand lung ist belanglos. Wieder liebt ein Prinz, der morgen
die halb verrttckte Konigin heiraten soil, eine Klosterschulerin, die er
grade heute kennen gelernt hat; er entfuhrt sie, indem er die Kloster-
gange mit Rauch ftillt, einen Brand vortauscht und das ohnmachtige
Madchen auffangt; er macht sie fur eine Nacht zu seiner Konigin —
das kommt nicht recht heraus, von allem Koniglichen kriegt die
Armste nur ein furstliches Abendessen; am nachsten Morgen wird sie,
die nur ein fiemd tragt, von der Konigin, die mit einem Pelz bekleidet
ist, aus dem Schlosse gepeitscht; sie springt ins Wasser; der Prinz
ertrotzt die Heiratserlaubnis und findet eine Leiche, neben der er
gegen sich den Degen zieht.
Das alles ware nichts; aber die Konigin ist ein Tier, dem keine
Grenzen gezogen sind; der Prinz ist ein schon nicht mehr leicht-
sinniger sondern schwachsinniger Bursche, der grade wegen dieses
verantwortungslosen Schwachsinns geliebt wird; die Liebende ist ein
hi 1 Hoses Geschopf mit yerzerrten Augen; Soldaten sind Maschinentiere,
die erst dann eine eigne und zwar eine freudige Regung zeigen, wenn
ihr. Kla&sengenosse vor ihnen halb tot geprtigelt wird. Einmal taucht
ein Menschengesicht auf, in der GroBaufnahme der Oberin, die Kelly
bestrafen mufl; wie dies alte, schwere, gutige Gesicht das Lacheln ver-
halt und dann doch straft, diese eine GroBaufnahme ist allein schon
eine ganze Tragodie.
Der Regisseur Stroheim beherrscht die filmischen Ausdrucks-
mittel in einem ganz ungewohnlichen MaBe. Fast unmerklich, wie
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dcr Zu^ der Klosterschulerinn«n Und die Reiterschwadton in •pria*
gend«n Bildern diesclbfen Wcuduagcn und Umk^hrungcii ausftihr^ in
einer lieblichen Landschaft, die aie zerreiBertf abcr das nHhert die
Liebenden einander unentrinnbar, und ihr , Kreis verengert sich, , Die
Gefangeuachaft des Prinzen wird gauz fuhlbar, weil yor seinem Fen-
sterder brennende schrage Strich eines belichteten Bajonetts bin und
her vgleitei,; ;V/ir fiihlen, nachdem wir wissen, was wir am Sprechfilm
gewonnen haben, wieder einmal, was. wir am stummen Film verloren
haben. Wie der Prioz seiner Geliebten mit einigen Hand- und Kopf-
bewegungen diet Brandstiftung schildert (und wie er sich dabei cha-
rakterisiert), ist ein Meister stuck des Filmausdrucks.
Ein Meisterwerk des Films. Das Werk eines brennenden, engen,
besessenen Gehirns und eines kranken Gemuts. Ein Hassender, der
im Hassej und vor lauter HaB genial ist; das ist der Strobeim, den
Amerikas Filmwelt heute noch zu furchten Recht und Grund hat und
den sie morgen vielleicht verbannt.
Gereke Und Sein Plan von Hermann Badzislawski
Cine Firma ging ; zugrunde, weil die Inhaber verschiedene
" Intere&sen hatten. Innerlich uneinig, konnte sie sich in auf^
geregter Zeit nicht gegen die Konkurrenten im Kundenfang
behaupten. Nun wurde das bankrotte Unternehmen umgegriin^
det. Hat der Serriorchef den GroBagrarier oder den GroBindu<!
striellen ausgeschifft, weil sie sich nicht vertragen konnten?
Neon, er hat die friihere Konkurrenz, soweit sie sich zug&ng*
lich zeigte, in die Firma aufgenommen; nun ist, so denkt eYf
von atiBen,; weniger zu furchten. Im Chefkabimett der Firina
haben sich tfreilich die Gegensatze vermehrt. Dem GrbBgrund-
besitzer ist der GroBbauer gegeniibergetreten. Aber alle ver-
sichero, daB sie keine eignen Interessen, vertreten; nur detti
Nutzen der Gfesamtfirma wollen, sie dieneri. Man. \yird ja sehen!
Der GroBbauer heiBt Giinther Gereke. Er ist neunund-
dreiBig Jahre alt und bewirtschaftete bis jetzt ein Gut von un-
gefahr funfhundert Morgen ledchten Bodens in der Nahe von
Torgau. Auf einem schmachtigen Korper thront ein ausdrucks*
voller Kopf mit uberhoher Stirn. Gereke gilt als schoner Mann.
AJs Kriegsfreiwiliiger wird er torgauer Husan Wird fasch hin^
tereinander mehrmals schwer verwundet und darauf aus deni
Heer entlassea.. Den Referendar und doppelten Doktor Gereke
macht die, pptsdamer Regierung — es ist Krjeg, Manner sind
knapp — zum kommissarischen Biirgermeister de^ brandein-
burgischen Landstadtchens Meyenburg, und die braven Meyen-
burger ernennen den Zweiundzwanzigjahrigen zum, Enfenbiirge^
derT Stadt! Das muB gewaltiges SelbstbewuBtsein und nn^ezur
gelten Ehrgeiz wecken.
Eine glanzende Laufbahn tut sich vor, Gereke auf. Mit
funfundzwanzig Jahfen ist er Landrat seines Heimatkreijse^s Tpr^
gau. Er gehort dem. StahLhelm an( er funrt im; Werwoli. /Der
volkischej Xandrat behagt der sozialdemokratischen Regierung
nicht, die ihn hach Hannover versetzt. Gereke lafit sich nichts
gefallen; er nimmt seinen Abschied, bewirtschaftet sein< Gut
Presjsel bei Torga-tJ. Von dort aus dringt er m die tand>yirt-
schafiUchen; Organisationen einf zunachst in den Landbtind der
Provinz Sachsen. Gleichzeitig arbeitet er am ZusammeiischJu{J
allcf preuBischen Landgemeinden. Den beiden Stadteorgani-
sationen tritt einc kommunale Interessenvertretung des flachen
Landes entgegen. Am 28. Oktober 1922 wird der Verband der
PreuBischen Landgemeinden gcgriindet, dann folgt der Zusam-
menschluB iiber PreuBen hinaus zum Deutschen Landgemeinde-
tag. Jetzt ist Gcrcke Prasident beider Kprperschaf ten. Er
hat sich selbst die Waffe geschmiedet, mit der er atif politi-
schem Kampffeld antreten kann.
Auch auf parlamentarischem Boden versucht er sich. Von
1924 bis 1928 gehort er zu Hugenbergs Getreuen im Reichstag,
Bald spinnt er jedoch Faden, an denen er spater aus dem
deutschnationalen Lager berausgezogen werden soli. Am
12, November 1926 erscheint neben dem Professor Popitz, der
jetzt als Reichsminister zu Wa^emann und Gereke halt, auch
der zu jener Zeit wenig bekannte Zentrumsabgeordnete Briining
auf der Haupttagung der preuBischen Landgemeinden. 1929
trennt sich Gereke von Hugenberg, den er nun an der Spitze
der Landvolkbewegung bekampft. Doch Briinings zahe Arbeit,
linke Gruppen von Hugenberg abzusprengen, bringt einen MiB-
erfolg. Nur Parlamentarier kommen, die Massen gehen nach
rechts, zu den Nationalsozialisten. Dennoch trennt sich Ge-
reke nicht von Briining, dem er oft die zur Mehrheit fehlenden
Stimmen heranschafft. Im Friihjahr 1932 benutzt Briining Ge-
rekes weitreichende Beziehungen und sein unbestreitbares Or-
ganisationstalent, urn die Hindenburgwahl durchzufiihren. Nun
erfreut sich der Landrat a. D. auch groBer Sympathlen an
allerhochster Stelle.
Als Vorsitzender der Hindenburgausschusse beweist Ge-
reke seine Fahigkeit, politische Angelegenheiten unpolitisch
aufzuziehen und zur Sache des ganzen Volkes zu stempein.
Nach den Prasidentenwahlen erweitert er seine Beziehungen
nach rechts und nach links, zu den Nationalsozialisten, dem
Reichsbanner und den Gewerkschaften. In der Kulisse der
Kommunalpolitik sammelt er die Mannschaften, die den Kampf
fur die Rettung des Staates und der Gesellschait ausfechten
sollen. Er erzahlt den Truppen, er konne Arbeit und damit
den Wohlstand bringen. Die neue Illusion ist notig, denn Ge-
reke sieht dunkle Gewitterwolken iiber seinem Acker herauf-
ziehen. Ja, die Gesellschaft ist gefahrdet, schon „ist zu be-
achten, daB in zahlreichen Gemeinden . . . die . , . in ihren Un-
terstiitzungs- und Rentenbeziigen gekiirzten Personen in radi-
kaler Weise zur Selbsthilfe greifen und die Lebensmittel vom
Felde wegholen. Der Zusammenbruch der staatlichen Ordmuig
ist also in allerbedenklichste Nahe geruckt". Nicht minder be-
drohlich erscheinen ihm die erfolgreicben Streiks gegen die
TariHockerung.
Arbeit gibt es in Fiille, das sieht Gereke. Den Boden
konnte nian verbessern, neue StraBen waren von Gutshof zu
Gutshof zu ziehen, Schnellbahnen miiBten den Landmann in
die Stadte bringen. Der Acker ist unersattlich, mit SchweiB
will er gediingt werden. Doch warum laBt man die Menschen
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in den Stadten versumpfen, warum sind sie arbeitslos? Gerejce
glaubt, gerecht zu sein, wenn er nicht borniert trompetet; Ver-
lomer Krieg! Reparation en! Goldmangel! Das auch, gewiB.
Aber der Deutsche soil ini sich geheh und nicht alles auf die
Weltwirtschaftskrise schieben. Schuld am Ungliick, so meinen
die Wortfiihrer der Landgemeinden, ist nicht zuletzt die
„Stnikturwandlung der deutschen Bevolkerung", nam lie h der
Geburtenruckgang. Gesunde Bauern haben vide Kinder,
Stadter sind dekadent und sterben aus. Eigentlich ware das
zu begruBen, weil dann weniger Arbeitskrafte nachwachsen?
Weit gefehlt! ,,Der Hauptantrieb fur die Entialtung einer Wirt-
schaft ist das natiirliche Wachstum der Bevolkerung. LaBt die
innere Spannkraft der Bevolkerung nach'\ wird es schlimm,
dean „fehlende Kinder sind fehlende Nur-Konsumenten". Als
ob es hetite an Menschen fehlte, die den Bauern Butter und
Eier abkaufen mochten! Als ob die Arbeiterkinder in den
Grofistadten, diese erwiinschten Nur-Kpnsumenten, konsumieren
diirften! Aber dieser Unsinn paBt in die reaktionar-baurische
Gedankenwelt, erklart sich durch die Verachtung der Stadter,
nahrt Stolz auf das gesunde Land mit seinem Kinderreichtum
— durch den der Bauer fremde Arbeitskrafte spari
Diese seltsame Krisentheorie ist in der Programmschrift
der Landgemeinden scharfsinnig und unsinnig ausgebaut wor-
den. Wo viele Kinder sind, braucht man als wichtigste Giiter
Nahrung und Kleidung. Was verlangen aber die Erwachsenen?
Bier, Tabak, Auto, Radio, Film, Reise, Vergniigen, Sport. Zur
Erzeugung von Nahrung braucht man viele Arbeiter — wenig-
stens m der riickstandigen deutschen Landwirtschaft, die durch
Schutzzoile vor der Anwendung amerikanischer Mabdrescher
bewahrt worden ist. Die Freuden des erwachsenen GroB-
stadters, die er sich langst nicht mehr leisten kann, entstehen
dagegen, soweit sie uberhaupt noch entstehen, in maschinen-
reichen Betrieben. Und die Moral dieser Moralpredigt gegen
die sundige Stadt: Je weniger Kinder, desto geringer die Nach-
frage nach Arbeitskraften. Je mehr Erwachsente, desto
groBeres Angebot an Arbeitskraiten.
Wohnten in Berlin kinderreiche Bauern, ware offenbar
alles gut. So aber gibt es nur eine; Rettung: ,,Ruckentwick-
lung zum plat ten Land!" Vor allem die Grenzlande miissen
besiedelt werden. Nicht nur ini diesem volkischen Gedanken
stimmt Gereke mit den Nationalsozialisten iiberein. MiBtrauen
gegen die Privatinitiative zwingt zur Arbeitsbeschaffung durch
die offentliche Hand. Reformistischer Sozialismus? Nein,
derm die Auftrage sollen an die mittleren und kleinen Unter-
neJhmer vergeben, keineswegs in eigner Regie durchgefiihrt
werden. Auch Siedlungsbolschewismus liegt Gereke fern.
Selbstverstandlich ist „an eine vollige Aufteilung des GroB-
grundbesitzes gar nicht zu denken, die Landgemeinden ver-
wahren sich gegen eine ,trevolutionare Anderung des Charak-
ters unsrer Landwirtschaft". In zehn Jahren sind 180 000Sied-
lerstellen zu schaffen. Weit mehr Krafte sind bei der Melio-
ration von 13 Millionen Hektar Bod en einzusetzen, was zehn
MilLiarden Mark kosten wiirde. Neue Flugplatze braucht
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Deutschland, aber kerne Badeanstalten und Stadien* fur die
rote Stadtverwaltungen das Geld verschwendet haben.
Niemand hat bishen daran gezw^ifelt, daB die Kommuaen
Geld auszugeben und dabei Menschen zu beschaftigen ver-
stehen. Haben Sie das Geld? Bekanntlich nicht; dagegen sind
sie sehr verschuldet. ' Doch die Finanzierung bereitet keine
Schwierigkeiten. Wozu haben wir das ,,Hoheitsrecht der
pffentlichen Hand'1? Naturlich zur Kreditschopfung! Inflations-
gefahr spjl nicht bestehen, falls fur das neue Geld — Buchgeld,
Giralgeld — neue Werte geschaffen werden. Zu Unrecht be-
ruit sich Gereke dabei auf Wagemann, Ganz so konfus ist der
doch nicht. Gottfried Feder hat unverkennbar Pate gestanden,
als dieses ,, Wert geld" aus d'em Nicht s gezanbert wurde.
Die Obereinstimmung mit dem nationalsozialistischen Wirt-
schaftsprogramm geht noch weiter, Stammt nicht von Fedex
die ,,Brcchung der Zinsknechtschaft"? Auch die Anleihen, die
Gereke bei den ofientlich-rechtlichen Kreditanstaiten aufneh-
men will, soil ten nach der erst en Fassung des Plans nicht ver-
zinst werden- Warum wurden denn die Arbeiten, die Gereke
nun beschaf fen will, nicht schon langst von privaten Unter-,
nehmern in Angriff genommen? Weil , sie keine Zinsen ab-
geworfen hatten. Mit andern Worten: Gereke fordert, kapi-
talistisch gesprochen, einige Milliarden fur Fehlinvestitionen,
Nie wird der Kapitalismus diese Milliarden denBauern zur
Erfullung- ihrer Wunsche bewilligen, Mogen Zweihunderttau-
send fiir ein Butterbrot Wege schippen, wenn sie sich beschaf-
tigen wollen. Der Arbeitsminister Syrup ist President des
Freiwilligen Arbeitsdienstes g-eblieben, weil er eine so erziehe-
rische Sache nicht einem Illusionisten wie Gereke ausliefern
wollte. Weder er noch Warm-bold noch Luther den ken daran,
dem neuen Reichskommissar fiir Arbeitsbeschaffung viele Mil-
Harden in die Hand zu geben, Eine Abschlagszahlung viel-
leicht, Sie glauben noch nicht an die Gewalt der Massen, vor
denen Gereke ebenso zittert wie die Bureaukratie der Bunder
Gewerkschaften nnd Parteien, die sich fiir seinen zusammen-
gestoppelten Plan einsetzen, weil der Druck von unten wachst.
Sie glauben, mit Taktik darum herumzukommen, die Rechnung
zu bezahlen, die ihnen eines Tages vorgelegt werden wird,
Wochenschau des Ruckschritts
— Der Bezirksparteitag der KPD in Nurnberg wurde wegen
„hochverraterischen Charakters" verboten; die Protestversammlung der
berliner Ortsgruppe des SDS gegen die Verhaftung Ltidwig Renns
wurde ebenfalls verboten.
— Die Beschwerde gegen das Verbot des .Anderen DeutschlancT
wurde zuriickgewiesen.
— ■ Der Devisenschieber Geheimrat Tillich, der mit verschiedenen
Nazis zusammengearbeitet hatte, wurde gegen Kaution aus der Haft
entlassen.
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen.
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Bemerkungen
Reservations ; auch f Or Anwalte ?
T\ er deutscfce Anwaltverein, pri-
■ ;vilegierter Huter idealistisch
gef arbter ; Standesvorurteile, hat
sich in 4ic Niederungen grob
materialistischer Berufsauf fassung
begeben. '. : Seine letzte Abgeord-
netenversammlung in der vorigen
Woche forderte die sofortige
Sperre der Ztilasstmg zur Rechts-
anwaltschait ■ • uhd im AnschluB
daran die Emfuhrung des „numc-
rus clausus". Begrundung: „Pro-
letarisierung und Verelendung
eines Sondes Hat den Verlust
seiner Zuverlassigkeit und Lauter-1
keit zur zwingengen Fdlge/' Man
mufl Doktor Dix, dem Pr&sidenten
des Deutschen Anwaltvereins,
gradezu dankbar sein, dafl er mit
so bewundernswerter Offenheit,
fur seine Berufskojlegen die glei-
chen Erfahrurigsgrundsatze gclten
laBt wfe fur gewohnliche Sterb-.
liche. AUerdings folgt dem ehr-
lichen Bekenntnis -die weniger
ehr liche Verkoppelung von Stan-
desinteresse und _ Staatsinteresse;
es soil dem Staat eingeredet
werden, daB er urn seiner selbst
willen den Anwaltsstand vor
weiteren Entgleisungen bewahren
musse. Er soil den Anwalten die
Konkurrenz vdm Halse halten, da-
mit nicht allzuviele unter ibnen
vom .tOrgan der Rechtspflege" zu
einem „Objekt der Rechtspflege"
degradiert werden,
Es 1st ziemlich kurios, wenn ein
Stand mit ausgesprochen hyper-
trophischen Vorstellungen von der
etbischcn Mission seiner Mitglie*
der die ganze Ethtk fur baxikrbtt
erklart, well er das okonomische
Schtcksal eiq.es ganzexv Volkes tei-
len muB. Selbst die altesten und
liberalsten Vprkampfer der freien
Advokatur haben jetzt ihre Prin-
zipien geopfert ' und sich bereit
gezeigt, ihreh Stand als jnittel-
alterliche Zunft zu etablieren. Sie
haben sich nicht daran gestoBeh*
dabei mit jenen Machten zu pak-
tieren, die vdraussichtlich Mittel
und Wege finden wuxden, vor
alien Dingen den politisch un-
liebsamen Nachwuchs vom Beruf
fernzuhalten.
Von dem BeschluB des Deut-
schen Anwaltvereins bis zur
Durchfuhrung ist zum Glfick rioch
ein weiter Weg. Der Reichsju&iiz-
minister Gurtner hat als Gast der
Anwalte keineswegs seine Zustim-
mung in Aussicht gesteilt. ' Eine
groJBe Anzahl burgerlicnef Zeitun-
gen hat energisch gewarnt.
Sie haben die unverantwort-
liche Rucksichtslosigkeit gegen-
uber der Jugend gegeiBelt und
teils politische, teils , praktische
Bedenken geauBert. Man hat
sich auch gar nicht geniert, den
Herren deutlich unter die Nase
zu reiben, daB die iibelsten Kor-
ruptionserscbeinungen nicht in den
Bureaus der jungsten oder der
besonders notleidenden Anwalte
gewachsen sind.
Es lohnt sich bei dieser Ge-
legenheit, an die Urteile zu er-
st
c»c«
Bcotchiert RM 4 Ganzleinen RM 6
J)ie neunte
KiUutlerroman. ^WJ^ettH?
Das ganze Buch schwingt yon Poesie und Musik
EDEN.VERLAG/ BERLIN W6i
883
innern, die der Ehr eager ichtshof
fur deutsche Anwalte als Be-
rufungsinstanz fur' die Ehren-
gerichte der Anwaltschaft im
Laufe des letzten Jahrs gefallt
bat Dort sind die offiziellen
Auffassungen von der ! „Wurde
des Standes" und von dem ,,hohen
Beruf* niedergelegt; sie Vertragen
sich keineswegs mit der jetzt ge-
forderten brutalen Beseitigung
drohender Konkurrenz.
Fur standeswidriges Werben um
Praxis gab es in einem Fall Geld-
strafe/ in einem andern Fall einen
Verw^is, Der eine Anwalt hatte
einem „Zutreiber" Prozente ver-
sprochen und nicht bezahlt, der
andre die Justizbeamten um be-
vorzugte Zuweisung von Armen-
sachen gebeten. Beide Strafen
sind allerdings nicht sehr hart;
sie interessieren nur im Vergleich
zu den welt groBzugiger angeleg-
ten Metbo den bedeutender er
Kollegen, die nicht so leicht vof
das Forum des Ehrengerichts ge-
bracht werden. Das gleiche gilt
von der unzulassigen Reklame
durch die Presse. 4 von 118
Entscheidungen beschaftigen sich
mit diesem weit verbreiteten De-
likt, „Dem Angeklagten ist zur
Last gelegt, durch Fahrlassigkeit
die Veroffentlichung eines markt*
schreierischen Zeitungsberichts
nebst seiner Photographie ermog-
Hcht zu haben." Nachdem ein-
gehend geschildert wird, daB der
Anlati zu der Veroffentlichung
viel zu geringfugig ge,wesen sei,
um die groBe Aufmachung in dem
Lokalblatt zu rechtfertigen, wird
ein sehr komischer Milderungs-
grund bewilligt: MStrafmildernd
ist beriicksichtigt worden, daB
der Angeklagte immerhin den
Lockungen des Berichterstatters
- erlegen ist und offensichtlich in
einem falschen Ehrgeiz gehandelt
hat."
Die Lockungen des Bericht-
erstatters, ein herrliches Bild.
Man sollte die in Moabit tatigen
Journalisten einmal vor den
Ehrengerichtshof laden und sich
von ihnen schildern lassen, welche
Lockungen sie aufbieten mussen,
um von den Anwalten die Erlaub-
nis zur Namensnennung zu er-
schleichen. Dabei wiirde aller-
dings nur das kleine und relativ
bescheidene Kapitel der ProzeB-
berichterstattung geklart werden.
Die ganz groBe Pressereklame mit
alien Schikanen wird ja nicht ein-
mal in den Gerichtssalen abge-
schlossen. Sie spielt sich in
Spharen ab, in denen ein paar
hundert Mark Geldstrafe nichts
ausmachen; vor allem aber in
Formen, die kaum jemals zu
einer hochnotpeinlichen Unter-
suchung ftihren diirften.
Man kann aus den Entschei-
dungen, in denen selbstverstand-
lich die Angeklagten nicht ge-
nannt sind, nicht ohne weiteres
ersehen, ob es sich hier um einen
„GroBen" oder um einen t1Klei-
nen" gehandelt hat. Man hat
nur allzu oft den Eindruck, daB
eine grofie Reihe der Strafurteile
in dieser Form und mit dieser
Begrundung bestimmt nicht gegen
die ganz Prominenten erlassen
worden ware, auch wenn sie die
gleichen „Verbrechen" gegen den
heili^en Geist der Standesvorur-
teile begangen hatten.
HERMANN B RO C H
DIE SGHLAFWANDLER
Romantrilogie
1888 Pasenow Oder die Romantik, RM. 5.40
1903 Esch Oder die Anarchie. RM. 5.40
1918 Huguenau Oder die Sachlichkeit RM. 6 —
DER GROSSE INTERNATIONALE ERFOLG
RHEIN-VERLAG ZURICH / MUNCHEN
884
Nun soil also der Staat helfen,
daB die sorgsam gepflegte, kost-
bare Standesehre nicht ganz vor
die Hunde geht. Die Anwalte
liefern ihm die moralische Aus-
rede dafiir gratis und franko, sie
haben ja geniigend historische
und zeitgenossische Vorbilder an
andern burgerlichen und feudalen
Schichten ; alle wollen j a be-
kanntlich nur die Nation, das
Volk, das Recht oder die Religion
retten, wenn sie Staatshilfe zur
Bekampfung der Konkiirrenz an-
fordern. Warum sollen also nicht
auch die Anwalte ..Christus" sa-
gen, wenn sie ,,Kattun" meinen?
Hilde Walter
Corydon
heiBt ein gelehrtes, prazises,
zartes und wunderbar mutiges
Buch von Andre Gide, das, auf
215 Seiten, einem einzigen Ge-
genstande gewidmet ist: dem
Androtropismus des Mannes, der
Liebe zu Junglin£en, demnach
der gesellschaftlich bedeutsam-
sten Erscheinung im Bereich der
leider so genannten Homosexuali-
tat. Das Buch besteht aus vier
„sokratischen Dialogen" und
bringt biologische, asthetische, ge-
schichtliche, philosophisch-pad-
agogische Argumente fiir eine
These, die ja der juridischen
Wendung in Frankreich entraten
kann (seit dem Code Napoleon).
Gide ubertrifft die Arzte, die
iiber diese Frage schrieben, selbst
die wissendsten wie Hirschfeld,
an Weisheit; Leute wie Bliiher an
kritischer Klarheit; er begnugt
sich weder mit Kompilation
auBerer Tatsachen, noch gestattet
er sich Mystik; Kenntnisreichtum
und Erlebnistiefe vereinigen sich,
wahrhaft schopferisch, in diesem
vorbildlich ordnenden Kopf. Der
intellektuelle Hauptreiz des Wer-
kes> beruht auf dem Umstand,
daB alle typischen, alle zu er-
wartenden Einwande gegen An-
sichten, die das Buch vortragt,
darin selbst schon geltendgemacht
werden (und, versteht sich, wider-
legt werden); einer der beiden
Gesprachspartner erhebt sie, und
zwar der# den der Autor als „ich"
einfuhrt. Die Gidismen legt Gide
seinem Widersacher in den
Mund. Das gibt dem Ganzen
nicht nur jenen Charme, den alles
Indirekte und Achtel-Ironische hat,
sondern auch einen Zug von Dis-
kretion. Nirgends bekennt der
Bekenner Gide bekennerischer als
grade in diesen Dialogen: in
denen er als sein eigner Gegner
auftritt. Ein Kunstgriff? GewiB.
Aber ein Kunstgriff des Takts!
Der Verfasser distanziert sich
von sich und damit auch die
Leser von einem den meisten
peinlichen Stoff, den sie nun
freier betrachten kdnnen, Reine-
res als die Luft dieses Buchs, Ge-
stinderes, Trockneres als sein
Klima ist unvorstellbar — und
wenn Horden Farbenblinder Farbe
Christian Jffiorgenstern
Alle
Galgenlieder
Vngekflrzte Volks-
ansgabe in einem -, q -^
„Dlese Sammtung alter Qatgenllederb&nde ist
eine wirktiche Tat des Verlagesl"
Die Neue Rundschau
„Es ist ein ausgezeichneter Qedanke, Morgen-
sterns berQhmte, heute schon fctassisdt gewor-
dene Vers-Qrotesken in einer Volksausgabe zu
vereinigen." Dr. Moritz Seeler Im 12-Uhr-Blatt
Bruno Cassirer . Berlin
885
und Malerei umgrunzen! (fWarum
wollen Sie nicht zugeben, daB
auch diese Form der Liebe, wie
jede andere, dcr Selbstverleug-
nung, der Aufopferung und
manchmal sogar der Keuschheit
fahig ist?" auBert Corydon;
die Gesinnung des Satzes durch-
dringt das ganze Werk. Man
atmet den Ozon der Hohen
Griechenlands ; wenn tiber den
Eros jemals in der Nachfolge
Platons philosophiert* ward, dann
hier. Aus einer Sphare, die das
Sinnliche, ohne es etwa schlecht-
zumachen oder auch nur von ihm
abzusehen, tief unter sich lafit,
.Corydon' erschien zuerst 1911,
„in zwolf Exemplaren, die in
einem Schubfach untergebracht
wurden". In der Vorrede zur zwei-
ten Auflage (1920) heiBt es:
„. . . kam ich jedoch zu der Ober-
zeugung, daB dies Buchlein, so
umsturzlerisch es sich auch aus-
nehmen moge, schliefilich nichts
anderes bekampft als die Luge,
und daB es . . . fur den Einzelnen
wie fur die Gesellschaft nichts
Ungesunderes gibt als eine be-
glaubigte Luge/' Sie blieb unter-
des fast in der ganzen Welti be-
glaubigt, die Luge von der
..Widernaturlichkeit" (jeneHeilige
Schar der Thebaner eine Rotte
von Monstren! Michelangelo eine
MiBgeburt!}; und darum ist es
eine tapfre Tat der Deutschen
Verlags-Anstalt Stuttgart Berlin,
den Band , Corydon' ihrer Ge-
samtausgabe der Werke Gides ein-
vgefugt zu haben. Er wurde soeben
ausgegeben, in einer unauffallig-
ordentlichen tlbersetzung von
Joachim Moras. (Leinen 5,50).
Zeitungsnotiz zwischen Nieder-
schrift und Drucklegung: »,Der
deutsche Geschaftstrager, Bot-
schaftsrat Doktor Forster, hat im
Namen des Reichsprasidenten
dem Schriftsteller Andr6 Gide die
Goethe-Medaille uberreicht."
Kurt Hiller
Palucca
Schon haufig ist hier — in Kon-
kurrenz mit Fraulein Ratu
die es hinter der Buhne zu tun
pflegt — zu Paluccas Tanzen das
Schlagzeug geruhrt worden. Denn
Palucca ist eine Tanzerin; die
nicht nur ohne den Aufwand der
Kosttime. sondern auch ohne den
falscher Geftihle auskommt.
Nichts von der Wichtigtuerei, die
sich gern einstellt, wenn Madchen
Kunst machen. (Diese Schwierig-
keit hat j a der Tanz gegemiber
andern Kunsten: dafi zum klugen
begabten Kopf ein schoner, klu-
ger und geschmeidiger Korper
sich gesellen muB — zwei Gabenr .
die' ungern zugleich auftreten.
Schone Mens|chen als Kiinstlerr
eine Seltenheit in einem Zeitalter,
das Schonheit gern mit Dumm-
heit paart!)
, Mit dem menschlichen Korper
lafit sichs leichter wagnerisch als
bachisch musizieiren. Seine na-
turliche AuBejung ist ja die Aus-
drucksbewegung, und so wird er
eher noch als Musikinstrumente
dazu bereit sein, statt der kunst-
lerischen Formeni die bloB see-
lischen zu bieten, statt des Schnell
und Langsam, Auf und Ab, Rund
und Eckig die blofie Freude,
Trauer, Hingabe, Wut. Von sol-
chem tJberwuchern des Ausdrucks
halt Palucca sich .fern. Ihr Tanz
wurzelt fest in der Tonleiter der
gymnasttischen Urformen, immer
ist sein Ausdruck zugleich ein-
fach beschreibbare Gliederbewe^
gung ; sie erf indet aus Tango-
schritten ein Zogern, ein lahmes
Zuruckfallen, findet in einem
schlichten Auf- und Abspringen
den Glanz der Freude, in einem
Rumpfkreisen die richtungslose
Unruhe der Sehnsucht. Dieschon-
sten Tanze enthalten kaum mehr
als ein einziges, einfaches Grund-
motiv, so im „Fernen Schwingen'*
das Vor- und Zuruckwiegen der
Schritte, ergreifend Hind schlicht
peter pons m0ER GROSSE ZEITVERTREIB"
mit Zeichnungen von George Grosz
*«Mii o i !•• t_ ■-* * j Broach. RM. 2.80, sehr gut kartonlert RM.3,20r
MUller &. I. Kiepenheuer, Potsdam Ganzieinen rm.4.60
886
wie die Bewegung eines Korn- jedem, den die Stiickhaftigkeit,
feldes im Wind. Ratlosigkeit und Unreinheit der
Mit einem ersiatinlich siche- heutigen Kunst erschreckt, rater*
ren Gefiihl fur den Bereich ihres darf, sich die Erholung dieses
Erlebens halt sie sich an Uber- Anblicks zu gonnen.
mut und Anmut, an Schmieg- Rudolf Arnheim
samkeit und Zartlichkeit und an
den kindlichen Affekt des pani- Das gibt es noch
schen Schreckens. Niemals para- — . . , , . , nM*~,M:«u«.
dieren die GHcder mit ungelebtem R%C^HLn£ A R?,f tUO 6to
Pathos, mit Ballermen-Charme .£*?**?**£ ™t Ritrfl
£ ai2e as ssr im£sxrHs .
sion eines neckiscnen otrauli- *„ , •* 11 t« i. * r* u
„i __•! t? Li 1 j fur das mix allernocnster uenen-
waizers mit Fuchtelarmen und . . 7 * ? ■ t> * 1 x«
klei^r Impekoven-Anleihe) Klug Jfg fidffi^'lgfiS
ZLT F1„r^anS^d,e S± J«^« v°* ™d *u Lichtenstcm
22S^ tSSS^TTw^S? anlSfllich des 20. Geburtstages Sr.
arts. TasJSJsa s'T«hJS?Siii2aB
nur an. Immer ist der Aufwand °!to ,st?ttf'°de?de. Huldigungssmcl
im richtigen Verhaltnis zum Ge- -Austria* Verdun* von M. Wo-
genstand, und dennoch ist fast mafZ, a'
jeder dieser bescheiden dargebo- Zcit: 10- Dezember.
tenen Tanze mit so verbluffender Ort: Saal des mil, wiss. Kasino-
Erfindung ausgestattet, mit so viel vereins Wien I, Schwarzenberg-
Geschmack aufgebaut, dafi man platz 1.
Hinweise der Redaktion
Berlin
Bund Geistiger Berufe. Arbeitsgemeinschaften. Dienstag 20.00. Kurfurstendamm SO:
Wie reagiert die Frau auf die Wirtschaftakrise 7 — Mittwoch 20.00: Siedlung — eia
Ausweg aus der Krise? Vegetarisches Speisehaus, Potsdamer Str. 22. — Freitag 20.00.
Kleist*Restaurant, Kleiststr. 32: Was mufl man vom Nationalaozialismus wissen ?
Deutsche Liga ffir Menschenrechte. Dienstag 20.30. Langenbeck-Virchow-Haus, Luisen-
strafle 58: Der ProzcB Bullerjahn und seine Lebren. Es sprechen: Walter Bullerjahn,
Kurt GroBmann und Kurt Rosenfeld.
Anti-Kriegsmuseum. Freitag 20.00. ParochialstraBe 29 : Weihnachtsfeier.
Gilde freibeitlicher Bticherfreunde. Freitag 19,30. Oberrealschule Weinmeisterstr. 15*
Vierter Gitdenabend: Rudolf Rocker, Gustav Urban, K. E. Klossi, Gildenkollektiv.
Aktuelle Bucherschau: Die Welt von Heute und Morgen. Leipziger Str. 54/56.
Hamburg
Kollektiv Hamburger Schauspieler. Sonntag (18.) Oper im Scbillertbeater. 11.00: Dem,
Nagel auf den Kopf.
BQcher
Paul Cohen-Portheim: Die Entdeckung Europas. Paul Neff, Berlin.
Ruth Fischer und Franz Heimann: Deutsche Kinderfibel. Ernst Rowohlt, Berlin.
Kurt Heuser: Abenteuer in Vineta. S. Fischer, Berlin.
KMhe Kollwitz: Das neue Kollwitz-Werk. Carl ReiBner, Dresden.
Roda Roda: Ausgewahlte Werke in 2 Band en. Paul Zsolnay, Wien.
Roda Roda: Roda Roda und die vierzig Schurken. Paul Zsolnay, Wien.
Carlo Sforza : Die feindlichen Bruder. S. Fischer, Berlin.
Rundfunk
Dienata?. Konigswusterhausen 18.00: Neue Musikpadagogik, Carl Orff. — 19.00: Nietzsche
vom Nutzen und Nachteil der Historie Mr das Leben, A. Dietrich. — Konigsberg.
19.25: Klaviersuite von Bach. — Frankfurt 21,00: Maria Tudor von Victor Hugo. —
Berlin 21.25: Zeitgen5saische Musik (Fortulo und Hindemith). — Mittwoch. Frank*
furt 15.05: Herrn Direktors Zigaretten (aus Schkid, die Republik der Strolche). —
Kanigswusterhausen 18.< 0. Finnische Musik. — Berlin 20.05: Bachs Aria mit 30 Ver-
Snderungen. — 21.05: Goethea Stella. — Donnemtajf. Muncben 19.05: Theater ohne
Geld, Hermann Poersgen. — Hamburg 19.30: Walther Victor liest. — Breslau 20.00 r
Shakespeares Romeo und Julia. — Berlin 20.45: Scherze mit Schallplatten, Walter
Gronostay. — Stuttgart 22.00: Alfons Paquet liest.
887
Antworten
Alle Leser. Das Gesctz uber die Amnestie ist beschlossen. Es
enthalt einen Absatz, der auch fur Landesverrat Straffreihcit fest-
legt, wcnn dieser nicht aus Eigennutz begangen wordcn ist. Wir
rechnen mit aller Bestimmthcit darauf, dafi Carl v. Ossietzky in
wenigen Tagen seine Freiheit wiedererlangt haben wird.
Herbert v. Hindenburg. Auf Ihren Wunsch geben wir das Zitat
aus Ihrem Buch, von dem in unsrer letzten Nummer nur die beiden
er&ten Satze angefuhrt waren, vollstandig wieder: „Es ist gut, wenn
die Wehrmacht der Zivilgewalt gehorcht. Wir wissen, wohin es
fiihrt, wenn Generate und Admirale sich mit Politik befassen. Aber
wer befiehlt, ist verantwortlicb. Von der Verantwortung, die fran-
zosischen Revancheideen und den russischen Eroberungsdrang er-
muntert zu haben, wird die Geschichte das Kabinett Asquith und das
so einflufireiche .Komitee fiir die Reichsverteidigung1, das Haldane oft
erwahnt, nicht freisprechen."
Weihnachtsmann, Sic erbitten Tips fiir den Einkauf. von Schall-
platten. Warten Sie noch: in der nachsten Nummer wer den wir
Ihnen einen kleinen Sack voll auftischen.
Naphtali. In der .Weltbuhne' stand der Satz: „Die Erwagungen,
bei Herrn v. Papen koalitionsfahig zu werden, stellen wohl (trotz der
recht naiven Bestrebungen NaphtaliS') die wenigsten Fuhrer ernstlich
an," Sie schreiben uns, daB durch die Klammer offenbar der Ein-
druck erweckt werden sollte, als ob Sie Forderer irgendwelcher Be-
strebungen waren, die Gewerkschaften oder die Sozialdemokratie bei
Herrn v. Papen koalitionsfahig zu machen, Sie wiirden solche Be-
strebungen nicht fiir naiv sondern fiir im hochsten Grade politisch
verderblich halten. Da weder Ihr literarisches noch Ihr sonstiges Wir-
ken auch nur den geringsten Anhaltspunkt fiir derartige Bestrebungen
biete, empfinden Sie den versteckten Vorwurf als eine Verdachtigung,
die Sie mit Entrustiing zuriickweisen. Wir bedauern sehr, dafi unser
Mitarbeiter Sie in einen vollkommen unbegriindeten Verdacht ge1-
bracht hat.
Frau Freund-Hoppe, Dresden. Sie teilen uns mit, dafi bei Ihnen
bereits zweimal das Stiick ,,t)bermorgen" der Frau Kathe Meifiner mit
grofiem Erfolg (sogar Kassenerfolg!) aufgefiihrt worden, ist, In sei-
nem Mittelpunkt stehen die Schrecken des ktinftigen Gaskrieges. Die
Wichtigkeit des jetzt von so vielen Seiten, insbesondere naturlich von
Seiten der Interessenten, propagierten „zivilen Luftschutzes" wird
durch das Stuck in das hells te Licht gesetzt. Wir pflichten Ihnen
durchaus bei, wenn Sie meinen, daB es dem von den Fabrikanten der
Gasmasken so intensiv bearbeiteten Publikum sehr mitzlich ware,
wenn! es Gelegenheit bekame, auch in andern Stadten sich von „t)ber-
morgen" aufklaren zu lassen.
Dieser Nummer liegt eine Zahlkarte fiir die Abonnenten bei, auf
der wir bitten,
den Abonnementsbetrag fiir das I. Vierteljahr 1933
einzuzahlen, da am 10. Januar 1933 die Einziehung durch Nachnahme
beginnt und unnotige Kosten verursacht.
Manuskripte sind nur an aie Redaktion der WeUbiihne, Charlottenburg, Kantstr. 152, zu
richten; es wird gebeten, ihnen Riickporto beizulegen, da sonst keine RUckseodung erfolgen kann.
Im Falle boherer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Anipruch auf Nachlieferung
.oder Erstattung des entsprechenden Entgelts.
Das AuffUhrungsrecht, die Verwertung von Titeln u. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechanische Wiedergabe aller Art und die Verwertung im Rahmen von Radiovortragen
bleiben fur alle in der Weltbutme eracheinenden Beit rage ausdrilcklich vorbehalten.
Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohri und wird von Carl v. Ossietzky
•unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet. — Verantwortlicb: Walther Karscfa, Berlin.
Verlag der Weltbuhne, Siegfried Jacobs oh n & Co., Charlottenburg.
Telephonr C 1, Steinplatz 7767. — Postscheckkonto : Berlin 11958.
Bankkootot Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
XXVllWahrgang 20. Dczember 1932 Nummcr 51
Die Stimme deS Generals Banns-Erich Kaminski
Und ich sah einen andern starken Engel vom Himmel herab-
konunen; der war mit einer Wolke, bekleidet, und ein Regen-
bogen auf seinem Haupt und sein Antlitz wie die Sonne und
seine FiiBe wie Feuersaulen. Und er hatte in seiner Hand ein
Biichlein aufgetan, und er setzte seinen rechten FuB auf das
Meer und den linken auf die Erde. Und er schrie mit groBer
Stimme, wie ein Lowe briillt; und da er schrie, redeten sieben
Donne r ihre Stimmen.
Offenbarung Johannis 10, 1 — 3
r\er Reichskanzler v, Schleicher ist mit einer feldgrauen
Uniform statt mit einer Wolke bekleidet, und der Regen-
bogen auf sein em Haupt wird durch Raupen, Spiegel, Biesen
und andre farbige Attribute ersetzt, Aber er tritt durchaus
biblisch auf und variiert das Wort Jesu; ,,Ich bin riioht gekom-
men, das Schwert zu bringen sondern denFrieden", und durch
das Mikrophon mit Lautverstarker klingt seine Stimme wie sie-
ben Donner. Nur die Gramma tik des Buchleins, das er aufgetan
hat, ist nicht in Ordnttng; die Nebensatze horen nimmer auf,
und vor die Wahl zwischen Indikativ und Konjunktiv gestellt,
greift der Verfasser blind zu, wobei das Gliick ihm selten hold
ist, Man hort, wie der Vorleser die Blatter des Buchleins um-
wendet, vor schwierigen Wortern macht er erne Pause, urn
einen Anlauf zu nehmen, und nach einer Viertelstunde wird der
Donner erstickt durch so vie! Papier. Er erhebt sich erst wie-
der zur vollen Starke, wenn das Auge auf gewohnte Dinge
fallt, auf milit arisen e Fragen und auf Drohungen gegen die
Kommunisten und die bose Presse.
Der General v. Schleicher, der eigentlich ein Hauptmann
a. D. ist, denn seit seiner Hauptmannszeit hat er keine Truppe
mehr gefuhrt und sich weniger mit militarischen als politischen
Angelegenheiten beschaftigt, hat trotzdem nicht die Kunst er-
lernt, Gedanken in Worte zu fassen und diese Worte von sich
zu geben. Die Stabsquartiere sind ihm vertrauter als die Ka-
sernen und die Vorzimmer vertrauter als die Versammlungs-
sale. Seine Tribune ist der Feldherrnhugel. Da gibt es keine
Debatten, da macht niemand Zwischenruie, da geht es ganz
ahnlich zu wie vor dem Mikrophon.
Mancher Horer wird nach dem bald erm tide ten und er-
mudenden Vortrag dieser Regierungserklarung gedacht haben:
,,Nein, ein Bonaparte ist er nicht!" Der neue Diktator 1st
einfach durch die Rangliste aufgestiegen, von Beruf aber ist er
Reichswehrmmister. Und wie viele Leute zu sagen pf legem
,,Ich, als alter Gewerkschaftler" oder: „Ich, als alter Beamter",
so sagt Schleicher gern: ,,Ich, als Reichswehrminister'1, ohgleich
er dies en Beruf erst seit einem halben Jahr austibt.
Seinem Beruf entspricht sein Gesichtskreis. Mussolini
verdient Dank, well er das Gewehr ftir das Symbol des freien
Deutschen erklart hat. TraditionsgemaB besteht zwischen den
Soldaten und der landwirtschaftlichen Bevolkerung ein ganz
889
. besondres Verhaltnis. In Ostelbien mufi gesiedelt werden, wcil
ein gesunder Bauernstamm den best en Grenzschutz darstellt.
Formlichl genial aber wird Schleicher, wenn er von Wirt-
schaftsfragen spricht. „Die Arbeitslosigkeit kann auf die Dauer
nur durch die Wiederbelebung der Wirtschaft bekampft wer-
den/4 Und an andrer Stelle: „Die Arbeitslosigkeit kann auf
die Dauer nur vermindert werdeA, wenn es gelingt, den Umfang
der gewerblichen und industriellen Tatigkeit erheblich zu ver-
breitern/' ja, man hore und staune: die Arbeitslosigkeit kommt
von dem Mangel an Arbeit wie die Armut von der Powertee.
Um zu Arbeit und Wohlstand zu gelangen, <gibt es da nur zwei
MitteL Erstens muB der Reichskommissar fur Arbeitsbeschaf-
fuag .ijeder Arbeitsmoglichkeit nachspiiren" und zweitens soil
man „in der Wirtschaft das tun, was im gegebenen Moment
verniinftig ist und aller Wahrscheinlichkeit nach zu den besten
Resultaten fur Volk und Land fuhrt". Wenn das nicht hilit,
hilft gar nichts mehr.
Interessengegensatze? Kleinigkeit! Man sperre die Inter-
essenvertreter zusammen in ein Zimmer, wie es der Reichs-
kanzler mit dem Reichsernahrungsminister und dem Reichs-
wirtschaftsminister get an hat. ,,Aus der Tatsache, daB die
beiden Herren heute friedlich und arbeitstreu im Kabinett zu-
^sammensitzen, konnen Sie den Erfolg dieses Verfahrens er-
sehen/' Schade, daB Schleicher nicht schon bei Erschaffung
der Welt Reichskanzler war. Hatte er seine Methode schon
am achten Schopfungstag anwenden konnen, die Geschichte
der Menschheit ware harmonischer verlaufen.
Nun, das Gltick kehrt nie zu spat ein. Nachdem Jahr-
tausende lang die Menschen in Unkenntnis solcher Regierungs-
kunst nie ,,die richtige Mittellinie" ihrer Interessen gefunden
habere wird jetzt wenigstens der Gegensatz zwischen Kapitalis-
mus und Sozialismus aufhoren. „Ganz einfach, weil es diese
Begriffe in absoiuter Reinheit im Wirtschaftsleben gar nicht
mehr gibt, auch gar nicht mehr geben kann/' Warum nicht,
hat Schleicher verheimlicht, Wahrscheinlich meint er, die bei-
den Wirtschaftsformen gingen bereits ineinander iiber.
Leute, die ihre Vorstellung vom Sozialismus nicht bei der
Reichswehr erworben haben,! werden verwundert fragen, was
in unsemi Vaterland eigentlich sozialistisch sei, Jedoch der
vielbe sun-gene Sozialismus des Reichskanzler s ist iiber derartige
Zweifel erhaben. Sein Sozialismus hat allerdings nichts mit
Karl Marx zu tun, es ist vielmehr der Sozialismus der preuBi-
schen Konige und der allgemeinen Wehrpflicht^ Und das ist
in der Tat ein Sozialismus, der sich ausgezeichnet mit dem
Kapitalismus vertragt.
Die preuBischen Konige, die der Uberzeugung waren: „Ge-
gen Demokraten helfen nur Soldaten", werden sich freilich im
Grabe herumdrehen, wenn sie erfahren, ein General habe sie
des Sozialismus verdachtigt. Und was sagen eigentlich die
Suddeutschen dazu, dafi man ihnen statt ihrer eignen Landes-
vater immer wieder Friedrich den , GroBen und nun auch noch
Friedrich Wilhelm I. als Vorbild hinstellt?
Was aber den Sozialismus der allgemeinen Wehrpflicht
und gar des deutschen Heeres im Weltkrieg anbelangt, so sei
890
hter nur ein Satz des doch wohl einigermaBen kompetenten
Ludendorff angefuhrtl Als der in einer Kabinettssitzung im Ok-
tober 1918, also schon mitten im Zusammenbruch, gefragt
wurde, ob sich nicht die ungleiche Lebensweise von Offizieren
und Maxmschaften. beseitigen lieBe, antwortetc er, dem amt-
liohcn Protokoll zufolge, wortlich;
Im Schiitzengraben essen ja Mann und Offizier aus derselben Feld-
kuche. DaB der Stab sich die Sachen besser zubereiten lafit, ist doch
zu verstehen, man wird uns nicht zumuten, aus der Feldkuche zu
essen.
Jedenfalls wissen wir jetzt, was Schleicher unter Sozialis-
mus versteht, Und wenn er da vor warnt, das Intellektuelle zu
iiberschatzen, ist er dnrchaus folgerichtig. Sein Ideal derVoIks-
gemeinschaft kann in der Tat nur ohne das Intellektuelle „neu
erlebt werden", besonders ohne den intellektuellen Wunsch,
daB auch die Stabe aus der gleichen Kiiche essen sollen,
Gegenuber den allgemeinen Ideen, die der Kanzler zum
Besten gab oder die man aus seinen Worten heraushoren
konnte, trat sein konkretes Programm zuriick. Bisher ist die .
zweite Prasidialregierung eigentlich nur den Weisungen des
Reichstags gefolgt, der ja im Negativen einig ist. Auf den
Wunsch des Reichstags und nicht dank einer Initiative der
Regierung sind insbesondre die schlimmsten Notverordnungen
Papens aufgehoben oder gemildert worden. Der Schutthaufen
der Papen-Experimente miiBte freilich von jeder Regierung
weggeraumt werden, Darum war es auch unvermeidlich, daB
der Reichskanzler in der AuBenpolitik, statt ,,in groben Militar-
stiefeln" einherzuschreiten, zunachst einmal auf Socken den
Riickzug zur Abrtfstungskonferenz antrat.
Dariiber hinaus hat Schleicher sich mit dem vagen Ver-
sprechen begnugt, Arbeit zu suchen und weder neue Steuern
auszuschreiben noch weitere AbbaumaBnahmen vorzunehmen.
Man kann also sagen, das Programm Papens, ,, dieses Ritters
ohne Furcht und Tadel", sei halbiert wie sein Werkjahr, das
zu, einem Werkhalbjahr geworden ist. In seinen Grundziigen
aber bleibt Papens Programm, das dem Kapitalismus seine
letzte Chance geben sollte, unverandert. Auch Schleichers Fiir-
sorge gilt in erster Linie der Landwirtscha-t, selbst die Frage
der Kontingente ist noch nicht endgultig geklart, obgleich er
Herrn Krupp v. Bohlen und Halbach mit beflissener Zustim-
mung zitierte. Unverandert bleiben vor allem die Verhaltnisse,
die Papen in PreuBen geschaffen hat, und daB Schleicher bereit
ist, unter Umstanden auch dem Reichstag gegenuber in die
FuBtapfen seines Vorgangers zu treten, beweisen die Warnun-
gen und Mahnungen, die er an die Adresse des Parlaments
richtete.
Trotzdem ist nicht nur der groBte Teil der Rechten son-
dern auch die gemaBigte Linke mit diesem Regierungsprogramm
ziemlich einverstanden. Ihrem gut en Willen erscheint die Ba-
nalitat als gesunder Menschenverstand, die Oberflachlichkeit
als Raffinement, die Jovialitat als Vorurteilslosigkeit und die
Verschwommenheit als Idealismus. Diese Leute haben fur Hire
Haltung eine wunderbare Phrase gefunden, sie lautet: Wach-
samkeit, und vor lauter Wachsamkeit sehen sie gar nichts.
2 891
Sic klammern sich an den Buchstaben, der all er hand Deutun-
gen ermoglichen mag, und sie spuren nicht denGcist, dcr dcr
unverfalschte Ungeist des preuBischen Militarismus ist.
Die Wahrheit uber das Programm Schleichers hat unmitt el-
bar nach seiner Vorlesung ein Unachtsamer gesagt, namlich
der Ansager des Rundfunks, dfcr vergafi, daB Schleicher jetzt
Reichskanzler ist, und die Sendung mit den Worten schloB; ,,Es
sprach General v. Schleicher."
Das arme Amerika von f. pitcaim
FVe VorsteUung, die man sich heute in den europaischen
Schuldrterstaateii allgemein iiber den Glaubiger Amerika
macht, ist erstens die, daB die amerikanische Regjerung und
besonders der amerikanische KongreB weit diimmer und
geizigcr sei als die entsprechenden Korperschaiten in andern
Landern, und zweitens, daB die Amerikaner bei nur etwas
gutem Will-en und nur einem wenig Verstandnis fur die
Saahlage die ganze Schuldenirage leicht in ciner fur alle Be-
teiligten erfreulicben Weise losen konnten. Diese Vorstel-
lung ist falsch. Zum Teil werden diese Gedankengange
durchaus plarunaBig und vorbedacht von gewissen Finanz-
gruppen und Indus triekonzernen in die Welt gesetzt und! ver-
breitet. An der Spitze dieser Drahtzieher dcr offentlichen
Meinung stehen insbesondere die interna tionalen Bankiers in
New York und Boston, die wiederholt versucht haben, ihre
privaten Auslandsdarlehen durch Beeinflussung des amerika-
nischen Kongresses zur Generalabschreibung aller zwischen-
staatlichen Kriegsschulden zu retten. Sie haben sich dabei
ebenso gewissenlos aufgefuhrt wie die bigot test en Gcgncr der
Schuldentilgung im KongreB. Sic haben es verstanden, die
Lage der Dinge so zu entstellen, daB ftir Millionen Europaer
der amerikanische KongreB und die Regierungspolitik der USA
mit Wall Street verschmilzt.
Derartige BiLder von der Lage sind grade durch ihre
scheinbare Einfachheit gefahrlich: sie bestehen aus nationalisti-
scher GefuhLsduselei und falsch em Optimismus hinsichtlich des
wahren Ursprungs der okonomischen Krise. Die eine Vorstel-
lung erweist sich so als ein Versuch, sich die amerikanischen
Volksvertreter als auBergewohnlich dumm und geizig vorzu-
stellen, um auf diese Weise einen Siindenbock fur die Ver-
gehen des ganzen Wirtschaftssystems zu haben, und die
andre als eine krampfhafte Bemuhung, die Last der Kriegs-
schulden als den wichtigsten Faktor, wenn schon nicht als den
Urgrund der Krise, aufzuzeigen, die heute durch die ganze
kapitalistische Welt geht. So kann naturlich vermieden wer-
den, zuzugeben, daB die ,, Depression" eine Folgeerscheinung
von Faktor en ist, die in der Natur des Kapitalismus lie gen
und von denen die Kriegssohuldenfrage nur ein kleiner
Teil ist.
In den Debatten der Parlamente und in der Presse der
Schuldnerstaaten haben sich diese nationalistisch-gefuhlvollen,
aber ganzlich unwissenschaftlichen Ansichtcn iiber die Frage
der Kriegsschulden durch ihre vorherrschende Heftigkeit aus-
892
gezeichnet. Grade in dieser Atmosphare von absichtlichem
Nichtverstehenwollen und MiBverstandnis aus Unwissen ist
es wichtig, die wirklichen Grtinde und die wahren Faktoren,
die hinter den Dingen stehen, zu erkennen.
Die wichtigste Tatsache in dies em Zusammenhang ist die
derzeitige Lage der Vereinigten Staaten, die sich nicht etwa
nur in einer temporaren Krise, einer kleinen Abweichung von
der breiten StraBe der „ Amerikanischen Prosperitat" befin-
den, die sie zehn Jahre lanig gegangen sind, sonde rn offenbar
schon mitten in einem Zustand, den man als okonomische Re-
volution ansprechen darf. Es wird in USA schon zugegeben,
daB, selbst wenn die ,, Prosperitat" wiederkehren sollte, doch
noch eine Armee von 6 000 000 Arbeitslosen standig un-
fa eschaftigt bleiben miiBte. Die Lajge der landwirtschaftlichen
Bevolkerung hat sich so weit zugespitzt, daB man wohl sagen
kann, selbst ein plotzliches und erhebliches Steigen der Markt-
preise fiir landwirtschaftliche Produkte wiirde keineswegs aus-
reichen, den Farmern die Tilgung iihrer gewaltigen Schulden-
lasten zu ermoglichen. Diese Schulden vernichten mit bei-
spielloser Geschwindigkeit den unabhangigen Farmbesitzer und
ver wand ein ihn in einen iandlosen Landarbeiter. In dies em
Zusammenhang muB dem europaischen Leser die Tatsache ins
Gedachtnis zurtickgerufen werden, daB die Gesamtlast der
landwirtschaftlichen Hypotheken in den Vereinigten Staaten
heute ungefahr gleich ist der Gesamtstimme aller Kriegsschul-
den an Amerika (ohne die Zinsen). Unter solchen Umstanden
ist es nicht verwunderlich, daB die Aktionen fiir ein rasches
Einschlagen einer sozialreformistischen Richtung, als ein-
ziges Mittel zur Verhinderung der sozialen Revolution so
stark geworden sind, wie es sich noch vor drei Jahren kein
Mensch in Amerika hatte traumen lassen konnen. Die Kosten
einer selbst nur minimalen Hilfeleistun^ fiir die 13 000 000 Ar-
beitslosen der Vereinigten Staaten werden eine ungeheure Last*
fiir das Schatzamt sein und unter den Steuerzahlern eine
Panikstimmung hervorrufen. Gleichzeitig wird sich dieBundes-
regierung genotigt sehen, eineni fast unberechenbar kostspieli-
gen Hilfs- und Unterstiitzungsplan fiir die Farmer auszuarbeiten.
Die schreiende Notwendigkeit und die iiberwaltigende
politische: Bedeutung der Hilfeleistung fiir den amerikanischen
Farmer kann nicht begriffen werden, wenn man nicht versteht,
daB der Ausdruck ,, Farmer" keineswegs gleichbedeutend ist
mit ,, Bauer". Die iiberwiegende Mehrzahl der amerikanischen
Farmer hat keine Moglichkeit, je eine autarke Wirtsdiaftsform
fiir sich zu erreichen. Die Bod enbeschaffenhe.it und das Klima
haben, zusammen mit der Kreditpolitik der Banken, die Far-
mer gezwungen, ausschlieBlich mit einer einzigen Frucht eine
sofort verkaufliche Ernte zu produzieren, sei es nun Weizen,
Mais oder Baumwolle, Als ein besonders krasses Beispiel fiir
die Dimensionen, die dieser iBrauch anigenommen hat, sei er-
wahnt, daB liberal! in den groBen, Weizen oder Baumwolle
bauenden Staaten Amerikas die Farmer hauptsachlich von
Konserven leben, die sie in den Lebensmittelgeschaften der
groBeren Stadte bestellen miissen. Wenn dann die Preise der
einzigen Frucht, die die Farmer angebaut haben, so fallen, wie
893
sic ia den letzten drei Jahren gefallen sind, dann sind die
Farmer nicht nur auBerstaikte, ihrc Hypotheken abzuzahlen,
die Zinsen der Banks chulden und die Raten fur ihre landwirt-
schaftlichen Maschinen und Gerate, sondern sie sind fast eben-
so unmittelbar inGeiahr, buchstablich zu verhungern wie der
stadtische Arbeiter, der seinen „job" verloren hat.
Schon im jetzigen KongreB sind in den letzten zwei Jah-
ren deutliohe Zeichen der Bildung ernes sozialreformistischen
Blocks in Erscheinung getfeten, der sich aus Mitgliedern bei-
der Parteien zusammensetzt, Im meuen KongreB, der im Marz
nachsten Jahres zusammentritt, wird dieser Block noch viel
groBere Bedeutung haben.
Schon haben mehrere, zum Teil blutige, Aufstande der
Farmer in der Union den Ernst der Situation erkennen lassen,
zum Teil haben sie auf groBere Gebiete ubergegriffen. In
alien diesen aufruhrerischen Bewegungen ist der bedeutungs-
voile Schlachtruf: (,Warum ein Moratorium fur Europa und
kein Moratorium iur uns?" angestimmt worden. Vor diesen
Forderungen nach kostspieliger sozialer Gesetzgebung,
mit einem riesigen Defizit in den Bundeskassen und
einem unausgeglichenen Budget, ist der amerikanische Steuer-
zahler heute viel angstlicher und besorgter bei der Aussicht,
die Kriegsschuldenzahlungen zu verlieren, als vor zwei oder
drei Jahren — besonders seit das Hoover-Moratorium so voll-
standig versagt hat in der „Wiederherstellung ider Prosperitat' \
die die Bankiers so marktschreierisch in Aussicht gestellt
hatten,
Ein groBer Teil der amerikanischen Steuerzahler ist sich
wohl bewuBt, daB die Streichung der KriegsschuLden ein not-
wendiger Schritt zur Wiederherstellung der Weltwirtschaft ist
und damit auch. der amerikanischen business. Andrerseits be-
finden sie sich selbst in einer so miBlichen Lage, daB sie mit
Besorgnis einer Periode entgegensehen miissen, in der die
wohltatigen Folgen der Kriegsschuldenstreichung sich noch
nicht fuhlbar gemacht haben wurden, in ider sie selbst aber eine
auBerordentlich hohe Besteuerung auf sich zu nehmen haben
wurden. Daher sind sie vorderhand geneigt, einer Politik des
Von-Heute-auf-Morgen den Vorzug zu geben. Obschon sie wis-
sen, daB die Streichung ider Kriegsschulden schlieBlich nicht
nur unausbleiblich sondern sogar wunschenswert ist, sind sie
doch angstlich darauf bedacht, keine Gelegenheit zu ver-
passen, noch einzukassieren, was immer sich fur die Bundes-
finanzen eintreiben lassen konnte.
Weder unter denen, die bereit sinid, die Schulden-
streichung resigniert anzunehmen, noch unter denjenigen, die
— wie die groBen Exportindustrien — sie offen und aktiv be-
fiirworten, findet sich irgendjemand, der dazu zu haben wars,
einfach zu „streiohen" und die Frage der Kompensation dem
blinden Zufall zu uberlassen, Alle so wie jeder einzelne, und
mehr als alle andern Roosevelt, der kpmmende President, sind
uberzeugt, daB cine derartige Kompensation festgelegt werden
muB, Diese Kompensation soil eine Er ho hung der Absorptions-
kraft der europaischen Markte sein. In Europa nimmt man
894
an, daB die Streichung der Kriegsschulden automatisch diesen
Erfolg habcn wurde. Die amerikanischen Geschaftsleute sind
aber nicht so naiv, dies fur geigeben anzunehmen, ahne Schritte
zu unternehmeni, nicht nur die europaische Kaufkraft an
und fur sich zix steigern sondern auch Sicherheiten dafiir
zu schaffen, daB diese erhohte Kaufkraft zum Ankauf amerika-
nischer Waren verwendet werden wird. Dies ist der Punkt,
urn den sich der eigentliche Kampf um die Kriegsschulden ent-
spinnen wird. Er beginnt schon jetzt, sich bemerkbar zu
machen, und wird auf der Weltwirtschaftskonferenz noch
Stiirmei entfesseln.
Die Weltwirtschaftskonferenz wird einen neuen Ab-
schnitt des Eindringens der Vereinigten Staaten in den Kon-
kurrenzkampf der Welt bezeichnen, und die Schuldenfrage
wird eine d-er Hauptwaffen Amerikas im internationalen Kampf
um die Weltmarkte darstellen, der sich dort abspielen wird.
Obwohl im Augenblick die Spannung zwischen Frankreich
und Amerika die groBte Aufmerksamkeit auf sich lenkt und
die Stimmung in USA und die offentliche Meinung England
gegenuber eine unvergleichlich bessere ist als gegeniiber
Frankreich, wird sich der Hauptstreit in den kommenden Mo-
naten und auf der Weltwirtschaftskonferenz doch zwischen
den InteresSengruppen des Britischen Empire, das seine Krafte
erst kiirzlich in Ottawa gegen die Welt gesammelt hat, und
denen der Vereinigten Staaten abspielen.
Sammlung fiir Hindenburg
Ludendorffs .Volkswarte* veroffentlichte am 27. November folgenden
Brief:
Dr. Bernhard Grund
President des Deutschen Industrie- Breslau 1. 15. Oktober 1932
und Handelstages SchlieBfach 230
Personlich und vertraulich.
Sehr geehrter Berr Kollege!
Wie Ihnen wohl bekannt ist, wurde aus den Kreisen der Deut-
schen Wirtschaft dem Herrn Reichsprasidenten Generalfeldmarschall
von Hindenburg zu seinem 80. Geburtstag das Stammgut Neudeck im
Kreise Rosenberg und seiner Familie geschenkt. Zu diesem Zweck
vereinigten sich damals unter Fiihrung von Herrn Geheimrat Dr. Duis-
berg die groBen Verbande der Deutschen Wirtschaft, und zwar auf
Seitc von Industrie und Handel die auf freiwilligem ZusammenschluB
beruhenden fachlichen Organisiationen. In der Folge erwies sich, daB
die Gebaude zum groBen Teil wegen Baufalligkeit eingerissen und
vollig erneuert werden muBten. Der Kostenvoranschlag wurde hier-
durch sehr erheblich uberschritten. Obwohl zur Deckung weitere
sehr erhebliche Mittel aufgebracht wurden, fehlt noch eine SchluB-
summe von 450 000 Mark. Wie dringend zu wiinschen ist, daB diese
Summe nun aufgebracht und damit die Schenkungsabsicht voll erfullt
wird, brauche ich nicht naher darzulegen. Die Dringlichkeit dieses
Wunsches wird dadurch gewifi nicht vermindert, daB der HerrReichs-
prasident selbst auf die Angelegenheit niemals zuriickgekommen ist.
Als jiingst die Frage im Kreise der Prasidenten der Spitzen-
verbande *der gewerblichen Wirtschaft und der Landwirtschaft erortert
wurde, ergab sich der einmutigei Wunsch der Prasidenten der ubrigen
Spitzenverbande, daB ich es ubernehmen mdge, meine Kollegen von
895
den Handelskammera fiir die Angelegenheit personlich zu interessie-
ren. Das Vorgehen ist in der Weise gedacht, dafi von einer ent-
sprechenden; Zahl von Personlichkeiten je ein> Betrag von 500 Mark
aufgebracht werden solltc, wobei selbstverstandlich je nach Sachlage
die Zeichnung hoberer Betrage dringend erwiinscht ist; ausnahmsweise
wird! man auch an den Zusammentritti mehrerer Personlichkeiten zur
gemeinsamen Zeichnung des Bet rages denken konnen, Daneben kon-
nen natiirlich entsprechende Betrage auch von Korperschaften gezeich-
net werden. Es kann sich hierbei natiirlich nur urn eine durchaus
freiwillige und personliche auBeramtliche Aktion handeln. In diesem
Sinn-e aber glaube ich nach dem Ergebnis der} Besprechung! und ins-
besondere auch uater Billigung meiner Kollegen vom Vorstand des
Deutschen Industrie- und Handelstages, mit denen ich vor wenigen
Tagen die Sache besprochen habe, Sie bitten zu diirfen, sich zu dem
dargelegten Zwecke an Personlichkeiten Ihres Bezirkes, die in der
Lage sind, unbe&chadet der Erfullung der uns alien obliegenden so-
zialen Pflichten sich an dem gewifi uns alien am Herzen liegenden
personlichen Zweck dieser Aktion zu beteiligen, wie allenfallsi auch
an geeignete Korperschaften mit der Einladung zu wenden, einen ent-
sprechenden Betrag zu uberweisen. Wichtig ist dabei der personliche,
durchaus freiwillige Charakter der Aktion und ihre Beschrankung auf
einen nicht zu groBen Kreis der Angegangenen,
Gezeichnete Betrage bitte ich an die Dresdner Bank, Depositen-
kasse B, Berlin W 9, Potsdamer Strafie 20, unter Hindenburgdank zu
uberweisen. Zur Benachrichtigung des Herrn leitenden Geschafts-
fiihrers der Kammer, an den ich hiermit ebenfalls die Bitte urn For-
derung dieses Anliegens richte, gestatte ich mir einen Abdruck dieses
Schreabens beizulegen.
In vorziiglicher Hochachtung bin ich Ihr sehr ergebener
gez. Grund
Professoren-Auf ruhr gegen Klagges
von Alfred Ander
r\cr jiingste Konf likt an ' der braunschweiger Technischen
Hochschule hat gegeniiber alien bisherigen den besond'eren
Reiz des Bruderstreites fiir sich. Grade batten inierfraktionelle
Besprechungen -die Differenzen zwischen dem deutschnationalen
Finanzminister und dem nationalsozialistischen Minister fiir
Alles beigelegt, als der deutschnationale Rektor Gafiner den
Zorn von Klagges heraufbeschwor, indem er gegen das Treiben
der Nazis Indent en Front machte. Der Konf likt ist mehr als ein
Kompetenzstreit uber das Recht zu DisziplinarmafJnahmen. Es
handelt sich uni den Ruf der Hochschule, der durch die natio-
nalistische Atmosphare ernstlich gefahrdet ist. Selbst in den
nationalen Professoren regt sich der Professor. Zweifellos ist
dabei die Sorge urn den Ruf der Hochschule mehr eine Sorge
um den Ruf des Standes.
Anfang des Jahres! sollte Adolf Hitler Professor an der
Technischen Hochschule in Braunschweig werden und den
freien Lehrstuhl fiir Padagogik an der Kulturabteilung einneh-
men. Die geheimen Vertaandlungen platzten an einer vorzei-
tigen Press emeldung und an dem Widerspruch des deutsch-
nationalen Ministers Kuchenthal, der — selber Akademiker —
die Un-mogliohkeit der Situation begrif f , die sich durch diese
MaBnahme ergeben hatte. SchlieBlich land sich fiir Hitler die
896
Ireie Stelle eines Regierungsrates fiir das Kanalisationswesen,
die stillscbweigend in eine Diensts telle zur ,,K^Lna:Iisierung" der
Wirtscfoaft des Land as Braunschweig verwandelt wurde. Die-
ser Ausweg hat unter der Professorenschaft die aniangliche
Erregung nur noch gesteigert, da ihnen die ganze Angelegen-
heit nunmehr noch besc'hamender vorkam.
Die wiiste Hetze gegen Paulsen und Jenssen, zwei um-
strittene sozialdemokratische Padagogen an der Kulturabtei-
lung, bekam durch die beabsichtigte Professur Hitlers einen
iiblen Beigescbmack. Nachdem Klagges diese beiden in den
Ruhestand versetzt hatte, wurde Ewald Banse berufen, derbis-
her nur als bescheidener Schrifts teller gewirkt hatte. Die Pro-
fessur Banse — ngestaltende Geographie" — ist, rund heraus
gesagt eine Ungeheuerlichkeit. Diese MaBnahme steigerte die
Erregung der durchaus rechtsstehenden Professoreni immer
mehr.
Hier kommt noch die MaBregelung 4es gleichfalls rechts-
stehenden Professors Schmitz hinzu. Der ProzeB gegen ihn wurde
vor dem Disziplinargericht geheim gefiihrt, denn nebenandern
Ursachen wirkte die Tatigkeit von Schmitz fur SowjetruBland
mit, an der das Reichswirtschaftsministerium ebenso wie das
Reichswehrministerium interessiert gewesen sein dtirfte. Die
geheime Verhandlung macht eine Erorterung iiber das inter-
essante Material leider unmoglich. Fiir die Situation an der
braunschweijger Hochschule ist der gegen Schmitz erhobene
Vorwurf von besonderem Interesse, er habe gegen die Berufung
eines nationalsozialistischen Professors durch MiBbrauch von
Amtskenntnissen gewirkt. Es handelt sich dabei urn denNazi-
Padagogen Ernst Kriegk, iiber dessen wissenschaitliche
Leistungen nicht grade die best en Urteile vorlagen. Wieder
ist es also die Berufung eines nationalsozialistischen Professors,
die Konfliktstoff schafft. Die Vorgange nehmen allmahlich
klare Formen an. Sieht man sich nun die Professur Ewald
Banses an, so bleiben keine Unklarheiten mehr,
Banse Lst Verfasser maBiger geographischer Biicher und
Nationalsozialist. DaB dieser Professor vor wenigen Tagen in
der braunschweiger ,, Nationalsozialistischen Kulturvereini-
gung" wahrendj eines Vor t rags iiber das germanische Rass en-
problem als der Typus eines reinrassischen ,,dalischien" Men-
schen im Lichtbild gezeigt wurde, erhoht gewiB nur den Reiz,
sich mit ihm zu beschaftigen. Da im Deutschland der Gegen-
wart sachliche Untersuchungen nicht mehr ganz ungefahrlich
sind, muB es unterbleiben, bei Banse und seiner Professur nach
irgendwelchen Zusammenhangen zu forschen. Erlaubt bleibt
da gegen, eine Tatsache neben ein Zitat Banses zu stellen.
Kurz nach seiner Berufung st elite der ,,Asta'\ der gleiche
Ausschufi, der vor wenigen Tagen in der Studenten-Vollver-
sammlung eine vernichtende Niederlage hinnehmen muBte, bei
Klagges den Antrag, an der Tecnnischen Hochschule einen
Lehrstuhl fiir „Wehrwissenschaft" zu errichten mit obliigato-
rischen Vorlesungen fiir alle Studenten. Als Erlauterung die-
ser Forderttng erschienen in der braunschweigischen Rechts-
presse gleichzeitig einige Artikel von Professor Ewald Banse.
Banse sollte also der Professor fiir ,,Webrwissenschaft" werden,
897
darani best and en kaum noch Zweifel. Vollends bestatigte das
ein ParteierlaB aus: dem (.Braunen Haus":
Wehrpolitisches, Amt der NSDAP, Verfiigung (Nr. 201/32). Zum
Refer en ten lie (Wehrwissenschaft) ernenne ich mit sofortiger Wir-
kung den Pg. Ewald Banse, Professor an der Technischen Hochschule
zu Braunschweig. Miinchen, den 25. Oktober 1932, gez. v. Epp.
Die mit dieser Verfugung auigedeckten Zusammenhange
haben unter der Proiessorenschait helles Entsetzen ausgelost.
Nunmenr erlangten auch die zuUhrecht unbeachtet gebliebenen
Artikel Banses uber die nWehrwissensobaft" Interesse. Wer
sie liest, faBt sich an den Kopf, Das ist hysterischer Natio-
nalisms, der nach dem Kriege schreit. Von Wissenschaftlich-
keit kerne Spur.JDen reaktionarsten Professor muBte das in den
Harniscb bringen. So plump, so ungeschickt, so geistlos zu pol-
tern, das konnen sich selbst Professoren nicht leisten. Minister
KLagges hat den Lehrstuhl fiir , .Wehrwissenschaft" nicht er-
richtet, Einige Zitate von Banse aber zeigen, wie sich hinter
der ,(gestaltenden Geographic" des Professors die ,, Wehrwis-
senschaft" des Parteireierenten lie auch obne offizielle Pro-
fessur austoben kanm.
Professor Banse definiert die von ihm ,,auf den Lehren des
Weltkrieges aufigebaute Wehrwissenschaft" als ,,die Lehre von
den Volkern unid Landern, von ihrer Raumlichkeit und Wirt-
schaftsleitung, von ihrer Verkehrskraft und ihrer Psycholagie
zum, Zjwecke der Erzeugung mogjichst gunstiger. Vorbedingun-
gen zukiinftiger, um das Dasein des eignen Volkes zu fuhren-
der Kriege". Von eben dieser Lehre1 fordert ert daB sie „zur
ob erst en Wissenschaft und , Nationalphilosophie" erhoben
werde. . Um wehrwissenschaftliches Denken und Fiihlen in das
ganze Volk zu tragen, miisse die ,tWenrwissenschaft" in das
Bildumgswesen einigebaut und ,,obligatorischer Unterrichts-
gegenstandi der Volks- und hoheren Schulen, Universitaten und
Hochsohulen werden", Banse betrachtet es als seine Lebens-
aufgabe, alle mit dem Krieige zusammenhangenden Fragen in
ein „lehrbares System" zu bringen, „damit der nachste Krieg
uns besser gerustet findet als; der letzte."
Banse will die ^Volkerpsychologie als Kriegswaffe" be-
nutzt -wissen, wobei die ,,anigewandte Kenntnis der Volker-
seele" darin besteht, indas Feindvolk seelisch am wunden
Punkt zu packen,, seinen inneren Widerstand zu unterhohlen,
zu zermurben, zu brechen", dagegen das ,, eigne Volk fiir die in
Fraige stehende Kriegsidee mitzureiBen; es mit Zorn unid HaB
auf den Feind zu erfiillen, ihm unzerbrechbaren Kriegswillen
einzufloBen, kurz alles zu tun, es mit dem leldenschaftlichen
Vorsatz zu erfullen, den Krieg, nur mit der Niederringung des
Gegners zu beenden/' Mit diesem Ziel „ist Wehrwissenschaft
Begriffsbildung des heldischen Empfindens, die groBe mili-
targeistige Zielsetzung des Seelischen einer Volkheit, die sich
nicht' unterkriegen1 lassen will." Dieser, Unsinn hat Methode,
di« sich am klarsten in der verheiBungsvollen Auslegung der
bekannten Worte von Clausewitz zeigt, daB der Krieg die Fort-
setzung der Politik mit andem Mitteln sei. Dieser Ausspruch
„soll offenbar heiBen, daB das Schwert zu vollenden hat, was
die Feder vorbereitet"
898
NationalsozialistischeGeschichtsauffassung
von Walther Karsch
A nfang 1931 schrieb sich bei Ernst Rowohlt ein Parteiganger
" Otto StraBcrs unter dem Pseudonym Weigand v. Milten-
berg seine Wut gegen den braunen Charlatan , .Adolf Hitler —
Wilhelm III." von der Seele. Herbert Blank, wie sein richtiger
Name Iautet, fuhr dort mit ein em bis dato unbekannten Ma-
terial auf, das seine Broschiire auch fin* den wertvoll machte,
dem die theoretischen Ausfiihrungen hochst zuwider waren.
Wer nun Miltenbergs neustes Elaborat , .Schleicher, Hitler? —
Cromwell!" in die Hand nimmt — das fiir lt80 Mark bei Wolf-
gang Richard Lindner in Leipzig herausgekommen isi\ — wird
enttauscht sein, wenn er glaubt, neues Material iiber Hitler
und Enthiillungen iiber Schleicher zu finden. Der Titel ist,
vornehm gesagt: eine Metapher; weniger yprnehm ausgedriickt:
eine Irrefiihrung. Eher sagt schon der Untertitel ,,Der Rhyth-
mus in der Geschichte", was zur Debatte stent; eine neue Ge-
schichtsdeutung, fiir die der— ebenfalls bei Wolfgang Richard
Lindner, fiir 2,20 Mark, in zweiter Auflage erschienene —
,,WeichenstelIer Mensch" die praktischen Beweise liefern solL
Dem aufmerksamen Leser des Feuilletons der Rechts-
blatter wird nicht entgangen sein, daB sich dort eine neue
Ideologie herausbildet, die alle Erscheinungen des gesellschaft-
lichen Lebens unter einer bestimmten Perspektive vereinigen
will. Was dort meist noch sehr vieldeutig und unklar ist und
wie aufgeklebt wirkt, konkretisiert sich bei Miltenberg-Blank,
der diese Verwandtschaft sicher entriistet bestreiten wird,
weil er sich fiir eineni ehrlichen Revolutionar halt. Doch
hier sind die Quellen, aus denen diese Ideologie stammt, wenn
sie natiirlich auch bei jenen Blattern stark mit den noch
immer wirksamen Tendenzen einer zusammensturzenden
Epoche vermischt ist.
Otto StraBer und Blank bauen da weiter, wo Spenglers
Konstruktion abschlieBt „Spenglers organisches Gesetz vom
Kreislauf der Kulturen wird . , . er,ganzt durch! die Lehre vom
bipolaren Rhythmus innerhalb eines Ablaufs solcher Kultur."
Nach Spengler gibt es keine Fortentwicklung, sondern das
Leben eines Volkes geht, wie das des Menschen, von der Ge-
burt iiber die Jugend, das Mannesalter, das Greisenalter bis
zum Tod. Spenglers blutleeres Geschwatz steigerte sich
schlieBIich zu der Prophetie vom „Untergang des Abendlandes",
die nichts weiter als eine Verabsolutierung von Analogien ist.
Da fiir Blank aber grade in unsrer Zeit Deutschiands Wand-
lung zur „Nation" beginnt, was schlecht zu einem Untergangs-
gemalde paBt, biegt er an dieser Stelle ab und schiebt den
von Spengler fiir die nachste Zukunft geweissagten Tod um
einige Jahrhunderte hinaus.
Im Ablauf der abendlandischen Kultur sei nun ein „bipo-
larer Rhythmus" erkennbar, der einen Wechsel von „Kon-
servativismus" und „Liberalismus" bewirke, deren Herrschaft
jedesmal 150 Jahre wahre. In der „liberalistischenM/der „IchM-
Epoche sei die Wirtschaft ungebunden, der Staat stehe „unter
3 899
dem Zjeichen des Iridividualismus" („das heiBt der moglichst
groBen Geltendmachung des ,Ich* in Bezug auf die staatlichen
und gesellschaftlichen Formen"), und die Kultur sei „ratio-
nalistisch"; in der Mkonservativen", der „Wir"-Epoche dagegen
gehe die Wirtschaft vom Gemeinschaftsgedanken aus und
werdc vom ,,Sozialismus" getragen, der Staat vom ,,Nationalis-
mus" und die Kultur „von der Schicksalsidee, der Mystik und
dem Idealismus". Genau an der Wende zwischen dem ver-
dammernden Liberalismus und dem heraufdammernden Kon-
servativismus stiinden wir nun.
So weit das alles auch von Hitler und vom Herrenclub
entfernt ist: mit diesen Phraseologien liefert Blank den „autori-
taren" Herren von heute die ideologische Sauce, mit der sie
ihre politischen, wirtschaftlichen und kulturellen MaBnahmen
schmackhaft machen konnen, Der Unterschied ist nur ein
terminologischer- Mag Blank Autarkie, Staatsmonopolismus
und Standestaat Sozialismus nennen, es ist genau das gleichet
was die Regierenden heute bereits mit liebenswerter Offen-
herzigkeit durchzufuhren beginnen, Wie nah sich die schein-
bar so Entfernten sind, zeigt eine FuBnote im ,,Weichen-
steller Mensch", in der Blank sagt, ,,daB die Reichsreform
unter Beseitigung des liberalistischen Ministerialsystems und
der Hardenbergschen Prafektur auf die konservativ-organische
Regierungseinheit unter Friedrich Wilhelm IL" zuruckgehe —
woraus sich ergibt, daB der RausschmiB der hundertvierzig
preuBischen Ministerialrate nichts mit ihrer republikanischen
Gesinnung zu tun hat sondern allein dem Pendelausschlag der
Geschichte zuzuschreiben ist.
Um der Gefahr zu entgehen, daB der Glaube an die
GesetzmaBigkeit des historischen Ablaufes als Schicksals-
glaubigkeit ausgelegt wird, definiert Otto StraBer im Vorwort
zum Miltenberg das Schicksal als ,,die Bestimmung des Lehns-
vertrages, innerhalb dessen ;unsre eigne Verantwortlichkeit
ungemindert besteht". So ein Lehnsvertrag zwischen Gott
— f(Herzog und Kamerad*', wie Blank sagt — und dem Men-
schen verliert doch aber vollig seinen Sinn, wenn nichts gegen
das einmal statuierte Gesetz geschehen kann. Mit der Weicheri-
stellertatigkeit des groBen Mannes ist es dann nicht sehr weit
her. Am SchluB jedes Versuches, aus der Geschichte Gesetz-
maBigkeiten herauszulesen, steht die Pradestination, . der
Fatalismus — ganz gleich, obi sich das nun „Gesetz der drei-
einigen Bipolaritat1' oder MOkonomik'* nennt, wobei allerdings
dieser der Vorzug vor jenem zu geben ist, weil der Materialis-
mus sich doch wenigstens noch an die Realitaten halt, wah-
rend -das andre Spekulation bleibt.
Nicht bestritten soil werden, daB die ungebundene Wirt-
schaft schlieBlich zum Kapitalismus gefiihrt hat. Komisch wirkt
aber, was Blank dem Zeitalter des „Liberalismus'\ der
— nebenbei — niemals geherrscht hatt noch alles anhangt.
Kann man denn wirklich guten Glaubens sagen, eine Staats-
auffassung sei individualistisch, wenn zu gleicher Zeit die all-
gemeine WehrpHicht eingefiihrt wird, das Anti-Individuali-
stischste, was sich denken laBt? Und von einer Herrschaft
900
der Vernunft kann nun -schon gar nicht die Rede sein. Oder
ist, Sie Weiser des Dritten Reiches, eine Welt vielleicht ver-
niinftig, die am UberfluB erstickt und Millionen hungern laBt,
die erdballumspannende Erfindungen zeitigt und die Mensch-
heit durch Kriege auseinanderreiBt?
Man kann sieh denken, was bei solchen Perspektiven her-
auskommt: eine neue Vergewaltigung der Geschichte, GewiB,
Blanks historische Portraits sind manchmal recht pittoresk,
wohltuend lebendig gegeniiber der Seziertatigkeit unsrer Semi-
nare, aber seine Auslegungen sind von einer so unuberbiet-
baren Subjektivitat, daB sich gegen jede These ein Schock
dokumentarisch belegter Tatsachen anfiihren laBt, von den
Widerspriiehen ganz zu schweigen,
Doch diese Unwahrheiten, Halbwahrheiten und, Schief-
heiten sind gar nicht mehr verwunderlich, wenn man erkannt
hat, daB die ganze Spekulation an einem Widerspruch elemen-
tarer Natur krankt, Wenn namlich das „organische" Welt-
bild das richtige ist, muB das „liberalistische" mit sein em Fort-
schritts- und Entwicklungsglauben das falsche sein. Und doch
ist auch dieser Geschichtsabschnitt „organisch", sonst ware er
ja nicht Logischerweise miiBten dann auch die Kinder dieser
Epoche mit alien ihren Anschauungen durchaus im Recht sein,
also auch mit ihrem Fortschritts- und Entwicklungsglauben,
Wenn Blank nun sagen wollte: jawohl, in diesen hundertfiinf-
zig Jahren ist das richtig, in den nachsten hundertfunfzig
dieses, so ware das zwar nicht weniger unsinnig, aber immer-
hin konsequent. Doch beide Geschichtsauffassungen als den
richtigen organischen Ausdruck zweier kontrarer Epochen in-
nerhalb eines Weltbildes gelt en zu lassen, das nur die eine als
richtig statuiert, oder weniger kompliziert aiisgedriickt, zu
fehren; A hat recht, B hat aber auch recht, weil in der An-
sicht von A vorgesehen ist, daB B recht hat, dies diirfte wohl
doch nichts andres als krasse Denkunfahigkeit sein.
Es ist bedauerlich zu sehen, wie hier ein Kreis, der sich
gewiB ehrlich bemuht, im Wirrwarr dieser Zeit einen KompaB
der Orientierung zusammenzusetzen, aus purem Minderwertig-
keitsgefiihl gegeniiber allem Geistigen eine Orgie von Irratio-
nalismus, Mystik, Metaphysik und Schwammigkeit auffuhrt. Es
wird fur die Herren ein schreckliches Erwachen geben, wenn sie
einst merken werden, daB sie durch die Vernebelung des Bodens,
den die Philosophic der letzten Jahrhunderte gliicklich entsumpft
hat, durch die Statuierung der Staatsallmacht als rocher de
bronze, durch die Herabdriickung des Individuums zu einem
Werkzeug dieser Staatsallmacht der Reaktion Handlanger-
dienste geleistet haben. Denn die wird es bestimmt nicht ver-
saumen, sich hier die ideologische Rechtfertigung ihrer Politik
zu holen.
In eine theoretische Auseinandersetzung gehort nur Sach-
liches. Darum das Folgende separat:
1928 nennt Blank in der Erstausgabe seines Weichen-
stellers „Emil Ludwig-Cohn" einen „Skribenten ', der ein Buch
liber Bismarck MdahmgeschmiertM habe; Anfang 1931 wird
901
dieser Skribent auf einmal, richtig, Emil Ludwig genannt und
avanciert ztim fiKiindcr4* Wilhelms IL; 1932 aber schimpft ihn
derselbe V^tfasse;r. w^de* . eiixeu .S^rijbfentcn, seine historischen
Anschauungen ^Hiraa&robatlk, plaittesten Materialismus'',
Als Herr v. Miitcnberg: Ludwig cinen Kundcr nannte, tat
er das in cinem Buch, das dcr gleichen Verlagsproduktion an-
gehorte wie, damals noch, die Werke desselben Emil Ludwig.
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902
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taten sich nicht nur auf politischem sondern auph auf kulturellem und
wirtschaftlichem Gebiete hervor. Die Schopfer der Salem-Zigaretten
verdienen wahrhaftig ,ein Denkmal im Herzen der Raucher, denn sie
schenkten dem deutschen Volke seine Natiooalzigarettc. Die milde
Salem mit Gold-Filmbildern in naturlicher Farbwiedergabe.
„Jaf Herzchen, jetzt bhiben wir immer blond/'
Sonnig goldenes Lockenkopfchen , .. . entztickendes Blondhaar.
Mutter und Tochter b lei ben zusammen jung — daok Nurblond. Dies
einzige Spezial-Shampoo zur Pflege der feinen emp find lichen Struk-
tur blonden Haares verhiridert nicht nur das Nachdunkeln sondern
gibt auch bereits nachgedunkeltem oder farblos gewordenem Blond-
haar seinen ursprtinglichen Goldton zuriick, das Haar wird seiden-
weich. Nurblond enthalt keine Farbemittel, keine Henna und ist
frei von Soda und alien schadlichea Bestandteilen. Auch das Blond-
haar Ihres kleinen Lieblings verlangt nach Nurblond. Dberall er-
haltlich. Nurblond Laboratorien, Berlin W 62.
Jllustrierter Beobachter'
Gustav Meyrink und das deutsche Prag
von Anton Kuh
Am 28, Oktober 1918 geschah in den Speisezimmern der deut-
schen Wohnungen Prags etwas, wovon man sonst bei Erd-
stoBen zu lesen pflegt: die Ubren bliebeh plotzlich stehen.
Zwar wurden sie sofort wieder aufgezogen tind auf tschechische
Staatszeit gestellt. Aber sie erhalten sich von dem Chok
nicht mehr; fortan ginigen sie um ein paar Minuten nach. Und
dabei hatte es am Geburtstag der tschechoslowakischen Re-
publilc nicht einmal ein richtiges Erdbeben gegeben.
Vor dem Haus „zur letzten Laterne" am Starnberger; See
saB um dieselbe Zeit ein schJanker, wettergebraunter Mann
von funfzig Jahrem in seine m Ruderboot, las die Zeitung und
hielt inne. Also hatte die Weltgeschiohte fur ihn Vergeltung
geubt! Zwei Feinde lagen unter dem gleichen Schlag hin-
gemaht: das k. u. k. Oesterreidi und Golems, des Familien-
schirmers und Rachegespenstes, Machtreich; beide einander
ahnlich durch ihren Reichtum an Schlupfwinkeln und Sack-
gassen und ihre Mischung aus Gemiitlichkeit und! Furchtbar-
keit. Dabei hatte er der Schreckerinnerung, die ihn mit jenen
beiden verband, dankbar zu sein. Qhne sie saBe er nicht hier
im Kahn sondern wie vor zwanzig Jahren im Schachzimmer
des ,, Continental". Und ware noch imiher der Herr Meyer aus
dem gleichnamigen kleinen Bankgeschaft am Wenzelsplatz.
Der Mann mit dem unauflalligen Namen und dem noch un-
auffalligeren Beruf hatte damals im Widerspruch dazu eine
Eigenschaft gehabt, die ein Polizeistaat nie und das Ghetto nur
seinen echtbltitigen Sprossen verzeiht; AuffaJligkeit, Er war
keiner von den Musterknaben — wie sie die Leumundsnote
liebt — die beim ersten Anruf Hauseinandergehen ', Beleidigun-
gen ruhig einstecken, mit gesenkten Augen einherwandeln,
kurz: im weitesten Umlang des Wortes kein Argernis bieten.
Viehnehr war schon seine Erscheinung (foocngewachsen, sport-
903
lick, souveran — und doch kein Offizierl) unter den stiefrniit-
terlicher Bedachten dicser Stadt ein Argernis. Noch mehr der
blanke, niemandem ausweichende Blick in die Welt, der den
vermeintiich Bevorrechteien sowohl wie den Brillengeduekten
ja bereits als Provokation tgilt. Am meisten aber seine Unnah-
barkeit gegeniiber Cliquen und IKlungelh und deren klaglichen
Beian£en, In der Kleinstadt nentit man einen Mann, der sioh
so verhalt, einen Sonderlinjg.
Ziindstqff war hierdurch bereits bis zum Explodieren an-
gehauft. Es bedtirfte noch eines Anlasses. Man land ihrt in
der Gestalt eines dentschbbhmischen Oberleutnants, der ihn
einmal mit ,(Hehe" odei* ,fPsst, psst" anrief. Die Folge war ein
WortwechseL Daran schloB sich eine Duellforderung auf
schwere Sab el. Aber zu dem Duell kam es nicht. Dieser Ban-
kier Meyer, der den Offizier gefordert hatte, war riainlich als
Fechtkikistler bekannt; sich mit ihm schlagen hieB von ihm ge-
schlagen werden. Der Oberleutnant beriet mit seinem Anwalt
Lederer und den andern Freunden, was zu tun seL Man sagte
ihm: Stecken Sie sich hinter das Korpskommando! Der Rat
wind afnigenommen. Das Korpskommando, um Beistand er-
sucht, ruft die Polizei an: Da ist ein Bankier Meyer — konnte
man den nicht im Handumdrehen satis fa ktionsunfahig machen?
Otic, der gefiirchtete Geheimchef, antwortet: Verhaften! — das
andrej wird sich findem, „Z'erscht verhaften" — Weisheit des
alt en imd des neuen Oesterreich.
Gesagt, getan. Man verhaftet den Bankier, sperrt ihm das
Geschaft. t1Was; hab ich denn verbrochen?" — ,,Das 'werden
Sie schon erfahren."
Man wind es selber erst erfahren. Bci kleinen Bankiers ist
das ja nicht ailzu schwierig, Immer igibt es ein paar norgel-
suchtige, querulantische Kunden, die sich im Borsenspiel iiber-
vorteilt iglauben. Sie erstatten eine vorschnelle Anzeige und
Ziehen sie beim nachsten Gewinn zuriick. Gibt es keine solche
Anzeige gegen Gustav; Meyer? Ja, sie ist vier Jahre alt und
langst abgelegt. Die Unter such ung wurde damals gar nioht
eingeleitet. Heute ist es etwas andres. (Die Lederers sind
kluge Kopfe.) Gesgen* Bankier Meyer laixft das Betrugsver-
fahren.
Nicht lanige. Nach einer Woche bricht bei ilim vo*nt der
Furchtbarkeit des Erlebnisses ein altes Ruckenmarksleiden
aus, er verliert die Fahigkeit, sich auf s einen Beinen fortzu^
bewegen, kommt ins Inquisi tens pi tail. Da er inzwischen nicht
bloB zum Krtippel sondern auch zum Bettler geworden ist (das
,Prager Tageblatt' that seinen Klienten die Aug en geoffnet,
wem da Papiere anvertraut wurden), kann man! Milde walten
lassen, Gustav Meyer verlaBt zwei Monate spater als unschul-
dig in Haft Gesetzter auf zwei Kriicken das Spital.
Und verschwindet aus Prag.
Ein paar Wocnen spater erscheint in Hardens .Zukunft1
ein satirischer Atitsatz, der wie eine Bombe in Prag einsch'lagt.
Die alten Kommerzialrate ^und die jungen Intellektuellen, die
grade bei Rilkes Silberschalen und opal enen Glanzen halt en,
stehen auf dem Graben zusammen und lassen das kleine^ hell-
904
braune Heft mit dem Aufsatz ,fPragM von Hand zu Hand gehen.
Da ist ja alles mit vollem 'Nam-en der Wirklichkeit entnommen:
dcr Doktor Lederer, der Garderobier Halm, der kaiserliche Rat
Sonnenschein. Und wo ein fingierter Name den eigentlichen
vertritt, findet erst recht das prager Lieblingsspiel Stoff: „Wer
ist damit gemeint?" Sie argern sich, aber sie lachen, (Denn
vor dem auBern Feind haben sie Achtung.) Doch vor allem:
sie staunen iiber die Inform iertheit; Wer mag es nur sein, der
diese Bosheit au&geheckt hat — wer ist dieser Gustav Meyrink?
Sie erfahren es, als seine nachsten Satiren in die Welt
fliegen und das alte Motiv Prag darin unendlich ahgewandelt
erscheint: Meyrink ist Meyer. Er ist wieder 711m Vollbesitz
seiner graden Glieder igekommen — wie er beschwort: dtirch
Spiritismus und den Umgang mit Yoglhis, doch die Psycho-
ana lytiker sag en: nur deshalb, weil er jetzt Hihlte, es „gehe
wieder mit ihm", wahrend er vordem iiberzengt war, ,,es gehe
nicht weiter'* — ; hat sich eine Weile als Vertreter einer Sekt-
firma betatigt (ungefahr zur selben Zeit, als Wedekind in Sup-
penwurfeln reiste); und betginnt jetzt — an der Vierziger-
Schwelle — sein Dasein als Schriftsteller. Hier hat sich (von
Courteline, dem entlasseraen Marine-Beamten abgesehen) der
einzigartige Fall begeben, da8 jemanden die personliche Not-
wehr in die Literatur drangte; daB er seine' Kunst zunachst nur
als Rache treibt, in ihr aber eine Kraft entwickelt, die ihn an
die Spitze der deutschen Satiriker stellt. Mit andern Worten:
daB Michael Kohlhaas sein eigner Kleist wird, Denn wenn
auch nicht der HaB, so doch der Albdruck bleibt ihm lebens- '
langlicL Kein Nobelpreis der Erde konnte ihn davon befreien.
Er ist seinen Feinden in den Weltruhm entwischt, gleichsam
heimlich aus der Ghett6-Tur ausgebroohen. Bleibt die, Stadt,
die er im Riicken lieB, nicht trotzdem unverandert, ein hun-
dertturmiges Gespenst der Rachsucht?
Er sitzt am klaren Starnberger See, angelt nach Blau-
felchen. Da tanzen Geister urns Boot: Lederer, der Ober-
leutnant, die Heuschreckfigur des Bettlers Haschileh, ein Rei-
gen MiBwachsener, Schiefschultriger, durch Brillen Grinsender.
Er wehrt ihnen mit der Angelstange — aber sie sehen ihn plotz-
lich ganz demutig und tratirig an und sa£en: Wir sind doch
Prager, Herr Meyer! Da wird ihm ganz seltsam. Er sieht die
schone, lebens voile Stadt vor sich, mit ihren Heimlich keit en
und Unheimlichkeiten, die beiden Adels-Ghettos links und
rechts der Moldau steigen vor ihm auf, von denen das eine,
mit seinen verwaisten Palais der Waldsteins, Rohans, Kinskys,
Bouquoys sich bis zu den luxemburgischen Kaisern zuriick-
schreibt, und das andre, mit seinen Durchhausefn, Fenster-
gangen, Winke^gassen bis zum hoben Rabbi Low, er nimmt im
Geist unter gemutlichen Tscheohen am Tisch einer Soldaten-
kneipe Platz und freut sich an Qualm, Tratsch und Wiirstel-
geschmack. Es erscheinen ihm, die alten Handelsrate, brave,
biedere, iiber dem Durchschnitt .gebildete Menschen, die am
Abend im Kasino gern die Belange des Fortschritts und
Deutschtums vertreten; ihre S6hne, seltsamerweise vom Geist
des Famiiientiims unschoner gezeichnet als jene (wahrschein-
lich grade, weil sie dagegen rebellieren), schwach von Statur
905
doch stark in der Debatte, nach jedem Schlupflogh spahend,
das sie aus der Enge uber (Berlin und Wien dirckt zu den
Gipfeln der deutschenl Literatur entiuhren k 6 ante; er sieht sie
mit ihren verkindlichtea GroBmamagesichtern am Stammtis.ch
liber Gott, Kierkegaard1 und1 den Sozialismus disputieren, hort
ihre weibisohen Gellstimmen und wiinscht ihnen Gliick auf den
unausbleiblichen Ruhmesweg. Was kdnnen sie, Alte wie Junge,
dafiir, daB sie aui einer Insel leben — einer zumal, die der
deutschen Kultur viel Gutes und GroBes gegeben hat — , daB
sie einj Volk obne Volk sind, sozusagen: drei Orchesterreihen
Bourgeoisie ohne Galerie und' Stehparterre? In einem solchen
Pferch gibt es nur Ehrgeiz und Eitelkeit, Und die wechsel-,
seitige Beauigung, di© davon bleibt, reicht uber den Heimats-
ort hinaus, sie veriolgen den Gieichentstammten iiber alle
Wege und Stege Europas, voll Bosheit und doch zuletzt voll
freudigem Stolz, Denn das ist das heilige und unbeugsame Ge^
setz der Ghetto-Stadte: wer hier durch Geburt und Leib fur
das Bose mitgehaitet hat, dem wird es am Riohttag vergeben
— das ,(Mitgefangen, mitgehangen" entsiihnt ihn, Doch wer
aus der Fremde herkam, unverantwortlich und unbelastet, der —
Hilfe! — schon greifen die Gespenster wie zuvor nach dem
Einsiedler am Starnberger See. Er versteht jetzt, was sie im
Gut en wie im Schlimmen damit meinten: Wir sind doch Pra-
ger! , . , Es hieB: Wir sind die Lieblingsgestalten deiner Welt!
— aber auch: Du gehorst nicht zu uns, denk an das Inquisiten-
spital und wie wir das ararische Oesterreich gegen dich zu
Hilfe riefen! Der SchriftsteLler Meyrink wird bis an sein
Lebensentde nicht <lamit fertig, was dem Bankier Meyer pas-
sierte. Immer wieder formt ert zwischen Verachtung und
Liebe, zwischen Mitleid und Angst entzweigeteilt, dessen Er-
lebnis um, Nennt es einmal den „Golem" (man erinnere sich
aus diesem Roman des Kampfes zwischen dem Verge ssen-
■W alien und dem Wissen-Wollen), ein andres Mai das ,,Grtine
Gesicht" und kann es nie zu Ende schreiben. Denn er weiB:
unverandert bleibt die Stadt.
Sie ist bis heute unverandert geblieben. Die Uhren im
Speisezimmer sind neu aufgezagen word'en, aber das Kalender-
blattd.es deutschen Pragers zeigtf den 28. Oktaber 1918, man
hat es abzureifien vergessen. Zwar iiihren mehr Tiiren nach
Europa; auch hat die An pas sung an den neuen Staat die Alten
weltklug gemacht, sie ^sind jetzt weniger bildungserpicht, doch
freier. Aber immer noch spuken die/ Gespenster von damals,
sitzen die selben Biirgersohne um die selben Dispute und
Idole versammelt, dem Beschauer den vorzeitlichen Anblick
eines Menschenschlags gewahrend, der im iibrigen Europa be-
reits ausgestorben ist: des Intellektuellen, Freilich, ihr DreB
hat sich ein wenig verandert. Sie bevorzugen (in der Meinung,
auch die Umwelt halte noch bei 1918) die gemaBigt-soziale
Wind ja eke — doppelt sonderbar in einer Stadt, der en deutsch-
sprachige Proletarier man an den Fingern abzahlen kann! Der
Kenner laBt sich nicht tauschen. Er weiB, daB sich der Fall
Meyrink heute so gut wie damals ereignen kann. Nur wiirde
der Dak tor Lederer gegen seinen Verewiger heute vermutlich
an Stelle des k. u. k. Aerars eine Partei um Hilfe rufen.
906
Eine bunte Schussel Schallplatten
von Felix Stflssinger
Erklfirung der Abkurzungen : B = Brunswick. C — Columbia. E — Elect rola.
G = Grammophon, die Stimme seines Herrn. H = Homocord. K =
Kaotorei. O — Odeon. T = TeIefunken.
7u Weihnachten werden wieder viele Schallplatten in bunten Schfts-
^* seln liegen. Wie werden sie ausgesucht? Es gibt in Deutschland
drei bis vier Geschafte, die Bescheid wissen. Die andern verkaufen
ihr Lager nach Beatellnummern, meist unter Berucksichtigung bestimm-
ter Fabrikate. Kataloge iiber die Gesamtheit der Platten, iiber die
bi&her erschienenen etwa 400 000 Titel, gibt es nicht. : Die Schatzung
eines bestimmten Kiinstlers sagt fiir den Wert seiner Platter ooch gar
nichts aus. Einmal weil Konzert- und Mikrophonwert nicht identisch
sind, zum andern, weil es kerne Aufnahmetechnik gibt, die auch nur
die Zuverlassigkeit einer Filmkamera hatte, Und schlieBlich gibt es
nicht, wie bei Biichern, literarische, will sagen mttsikalische Erfolge,
die wegweisend .sind. Die groBen Plattenerfolge beziehen sich fast
ausnahmslos auf leichte Musik, auf Qualitaten des Apparats, etwa auf
das Orchester, das Stokowski beriihmt gemacht hat, ohne daB es ihn
zu einem groBen Dirigenten gemacht hatte, oder auf einzelne Stimmen.
Die Kenntnisi der guten Platten ist also eine Wissenschaft geworden,
fieilich eine frohliche.
Klassische Musik ist auf Schallplatten nicht so iiberwaltigend ver-
treten wie Gesang und Oper, das Repertoire wird aber, trotz der
schlechten Plattenzeiten, konsequent aufgebaut. Bach, Mozart, Beet-
hoven, zum Teil Haydn, sind erstrangig zu haben, was dazwischen
liegt, unvollkommen. Bachs Orchester strahlt in den Suiten und Bran-
denburgischen Konzerten, von denen das sechste vom pariser Kammer-
orchester der ecole normale unter Leitung Alfred Cortots (E) alles,
was es sonst an Bachorcheaterplatten gibt, durch Reinheit des Stils
und Warrne der Soli iibertrifft. Im Wert folgt die Suite H-moll (zum
Teil falschlich G-moll etikettiert) , deren Flotensolo aus dem Orchester
Mengelbergs (C) ungewohnlich kraftvoll auffahrt. Das funfte Branden-
burgische liegt f ragmentarisch unter der Cembalofuhrung von Alice Ehlers
vor (H), die sich als die beste Rhythmikerin ihres Instruments bewahrt,
Violinwerke fehlen in letzter Vollendung, weil keins. von Hubermann
vorliegt. Menuhin war fiir die Sonate C-dur (E) noch zu jung, man
merkt das erst auf der Platte, aber immerhin tonlich ist vieles erst-
rangig. Die Partita D-moll mit der grofien Chaconne tragt Adolf Busch
magistral vor (E). Hier wie in der tief versponnenen, vor einigen Jah-
ren entdeckten G-dur-Sonate, die er mit Serkin nachdichtet (E),
wachst Busch durch seine gefiihlszarte Geistigkeit iiber die Materie
hinaus, die bei keinem deutschen Geiger die Leuchtkraft der wirklich
groBen Geiger hat. Die C -moll -Sonate, die Licco Amar mit Gtinther
Ramin am Cembalo spielt (G), die von Georg Walter selbst im Miih-
samen innig glaubig gesungenen Tenorarien (K), die langsamen Satze
in Cellotransskriptionen, die Casals mit atherischer Noblesse spielt
(E), und schlieBIich die groBe Orgelkunst von Edouard Commette, dem
Meister der lyoner Kathedrale (C)» sindi die Grundlage jeder Bach-
sammlung. Ein Wunsch; daB die fiber wa It igenden Chore* der. Hohen
Messe, die noch nie so gro0 gesungen wurden wie am 5. Dezember
unter Klemperer, auf Schallplatten verewigt werden.
Mozarts Universalitat, die unsre Zeit erst ganz begreifen und ge-
stalten wird, kommt in vielen Schopfungsformen auf Platten zum Aus-
druck. Enttauschungen habe ich nur mit seinen Opernplatten, freilich
den meisten, erlebt. Aber grade in der Oper gibt es Ausmahmen. Die
groBte: die von Schaljapin gemimte, gefeixte, gestikulierte und trotz-
dem groBartig gesungene Registerarie (E), den von mir verehrten Vor-
trag der Ouvertiiren unter Pfitzner (G), die Ottaviokavatine RoBwaen-
ges (G). Den Rest stellt Italien: Battistini (E) und Mariano Stabile
907
(C) als Don Juan, die schmetternde und dock tiefblau getonte Konigin
der Nacht der Guglielmetti (C). Von der Kamtnermusik hat das
Klarinettenquintett (G) monatelang meine Abende beschlossen. So-
lange es keine hessere Auffiihrung als die des Wendlingquartetts gibt,
mag jeder auch in dieser Fassung die Melodie der Klarinette als
Talisman fur sein Leben empfahgen. Die Symphonic erhalt cinen groBen
Stil durch Toscanini (E). Blech und Kleiber sind nicht im Ganzen als
Personlichkeiten aber in Einzelfallen, wenn ihre Begeisterung sic
fortreifit, Interpreten der Verve der letzten Satze, die wohl niemand
mehr* zierlich tuend zu nehmen wagt. Violinkonzerte spielen Kreisler
und Menuhin (£), Klavierkonzerte Dohnanyi (C) und Rubinstein (£).
Von Beethoven gibt es auf Schallplatten mehr oder weniger alles,
aber man trifft auf die groBten Diskrepanzen zwischen Kunstlerrang
und Plattenwert. Klemperers Symphonie-Platten sind offenbar uralt
und schlecht (G). Mengelberg ist immer gut (E und C), nur die dritte
Leonore hat einige Aufnahmefehler (C).. Pfitzner ist als Beethoven-
dirigent etwas trocken (G), aber es sind doch Interpretationen, die
tiefcn und getreuen Eindruck machen. Das wirklich vergeistigte Beet-
hovenerlebnis vermittelt das Klavierwerk, das vollstandig Artur
Schnabel nachschaffen wird. Die bisher erschienenen Sonaten und das
Konzert Es-dur (E) bereiten aul eine Schopfung vor, in der der Klavier-
klang die feinnervigste Bebung hat, die es heute gibt. Besitzt man
dann noch die Kreutzersonate Hubermanns (C), die Fidelioarie von
Lotte Lehmann (C), die Cellosonate von Casals (E), die Violinsonate
in G^dur mit Rachmaninow und Kreisler (E), die Klaviersonate D-moll
um des letzten Satzes willen in Giesekingis gespensfcischer Romantik
(C), dann ist Beethoven zur Geniige besetzt. (Seine Quartette so sum-
maris ch aufzuzahlen, ist unmoglich.) '
Lied und Gesang sollen uns zur Oper leiten, iiber Schumanns
Frauenliebe, die Lotte Lehmann (O) mit ihrer fraulichsten Warme
singt. Die Obertragung des Klaviersatzes auf Streichquartett gibt Schu-
mannsi Melos eine Farbe, die man nicht mehr missen mochte. Mahler-
lieder hore ich vor allem um der Lieder willen an, obwohl Schlusnus
fur das Rheinlegendchen nicht genug Humor, fur den Tambourmajor
nicht genug Damonie hat. Aber hier ist auf einer Platte der ganze Mahler
(G). Der biblische Ernst eines Mussorgskij, mit dem die moderne
Musik beginnt, ohne dafij sie und er es wuBten, erfaBt uns in den
Todesliedern, von denen Schaljapin,' leider nur eines singt (E), un-
heimlich, wie seinen Boris Godunow (E) und seinen weniger bekann-
ten sterbenden Muller der Oper Russalka von Dargomiszkij (E). Der
Ausklang dieser Platte mit dem Tenor Pozemkowskij ergreift wie eine
Passion.
Es gibt nicht vie! von dem Ernst Mussorgskijs, der ja iibex
Theater, iiber Kunst hinausgeht. In gleichem MaBe ergreift in der
Welt der Oper die klagende Konfessdon Tristans von seinem Schick-
sal als trauriger Weise (die es aber auf Platten nicht gibt) und dann
der Monolog Othellos, den der groBte Tragode der italienischen Oper,
Renato Zanelli* aufwiihlend singt (E). Zanelli verwendet den bel canto
im Dienst einer Menschengestaltung, die auf der Opernbuhne ohne-
gleichen ist. Seine Othelloplatten, erganzt durch den Andre Chenier
vonj Giordano (E), versdchern, daB dieser groBte Tristan der italie-
nischen Btihne auch der groBte der deutschen ware. Im Aus-
druck ist Zanelli selbst einem Caruso uberlegen, wie ein Vergleich
beider Othelloplatten zeigt. Unter den alteren Carusoplatten (E) soll-
ten Nina von Pergolese, die Garibaldihymne, das ewig schone O sole
mio, Bois epais von Lully in keiner Carusosammlung fehlen. Sein
Addio aber, eine nach seinem Tod erst erschienene, schon moderoe
Aufnahme gehort zum Ergreifendsten, was es iiberhaupt auf Platten
gibt.
Und die Oper? Da sind Ensemblesatze wie das Sextett aus Lucia
mit Gigli, Galli-Curci, Homer (E), das „unvergleichliche" Rigoletto-
908
quartett auf der Platte des kompletten Rigoletto (C), das Quintctt
des Barbiers von Rossini (C), dessen Sprachbrio als Ensembleleistung
phenomenal ist, abcr das largo al factotum singt Tita Ruffo (G) noch
schneller, ini unglaubhaftesten Tempo mit letzter Deutlichkeit. GroBe
Sanger der italienischen Oper (all E und C) sind, ohne Punktwer-
tung, Cortis, Borgioli, Martinelli, Pertile, Gigli, Schipa, Merli, Gran-
forte, de Muro Lomanto, Volpi, Solari, Inghilleri, Stracciari. Von
Frauen; bedingungslos die erste ist Toti dal Monte, dann, in Zufalls-
folge, Capsir, Galli-Curci, Besanzoni, Guglielmetti, nur in gewissen
Rollen Giannini, Carena, Sanchioni. Zwei Platten, die man iibersehn
konnte, hebe ich besonders hervor, den Monolog des Philipp aus
Verdis Don Carlos, den Nazareno de Angel is mit/ einer GroBe singt
(C), nicht allzuweit von einem Schaljapin, und das aufwuhlende 1fA,
Manon, mi tradisce", gesupgen von Pertile (E), fiir mich das schonste
von Puccini uberhaupt.
Moderne franzosische Musik hort man am besten von den Fran-
zosen selbst, etwa Debussy unter Straram (C), Ravels Bolero in seiner
eigenen Interpretation (G), Poulenc als Begleiter seines wundervollen
Liederzyklus Le bestiaire (C), Miniaturgebilde von hochster Intensitat.
Der Zauberlehrling von Dukas lebt durch Toscanini auf (E), Mus-
sorgskijs Nuit sur le mont chauve — die Kleiber wieder einmal spie-
len sollte — wird von den pariser Philharmonikern (O) mit modern-
ster Farbigkeit dargestellt.
Und nun, da iiber Chansons noch eine besondre Anmerkung folgt,
nur einige Varietaten: Die Arbeitersongs von Eisler singt Ernst Busch
(H). Ich habe sie schon Tausenden von Arbeitern vorgefiihrt, stets
wurde das Lied der Arbeitslosen da capo verlangt. Der unverbliihten
Dreigroschenoper sei, so popular sie ist, gedacht (T). Unter; neuen
Tanzpiatten fand ich nur eine, sagen wir, weniger alltagliche: das
Quartett der Mills Brothers (B). Bei Duke Ellington (B) ist das Kla-
vier oft hervorragend. Negerjazz ist das alles nicht. Dafiir kann man
die Neger des Urwalds im Chor trommeln und singen horen, auf der
Platte^ die dem „Schrei der Steppe" von Lutz Heck (Verlag Knorr
& Hirth, Miinchen) beiliegt. Diese erste Verbindung von Buch und
Schallplatte ist vollig gelungen- Der Kommentar auf der Plattentiite er-
moglicht auch ohne Aufsuchen der Bezugsstellen im Buch, das Abend-
lied des Glanzstars vom Gezank der Mantel paviane auf den Schlaf-
platzen, das Elefantentrompeten vom) Lowenbriillen zu unter-scheiden.
Die Synthese von Buch und Kulturtonfilm bedeutet eine Revolte
im vergreisten Buchgeschaft, deren Auswirkung der nachste Weih-
nachtsmarkt spuren wird. Nicht: Buch „oder" Schallplatte sondern
das Buch „mit" Schallplatte fullt die bunten Schiisseln der Zukunft
Kurbeln und Knipsen von Rudolf Amheim
r\As Kino spielt heute eine groBe, das Theater eine kleine
*"^ Rolle. Wer aber daraus schlieBt, der Geist des modernen
Menschen sei theaterfeindlich, sieiht oberflachlich oder durch
Brillen, Beide Kiinste kranken heute am. Mangel an Auf gab en.
Der Film darf die nutzliche Aufklarungsarbeit, die er zu leisten
hatte, nicht leisten; er betatigt sich betaubend und zerstreuend
und findet dafiir ein dankbares Massenpublikum. Das Theater
versucht, mit Ehekomodien, VoLksstucken, Operetten und Klas-
sikern, das gleiche, aber sein Publikum ist nicht anspruohslos
genuig, um sich die Schreckensjahre des Zusammenbruchs uber-
klimpem lass en zu konnen, und findet andrerseits, wahrend
Firma, Religion und Staat verkrachen, nicht menr die Ruhe,
sich in die Seelennote der Rose Bernd und des Geheimrats
Clausen zu vertiefen. So verkummert das Theater, wahrend
909
der Film mit demVertrieb yon Rauschgiften anrucmge, abcr
groBe Geschafte macht, Heifit das: Tod des Theaters, Sieg
des Films? Fedor Stepun, russischer Emigrant, behauptet cs
in seinem Buch ,, Theater und Kino'* (Buhnenvoiksbund-Verlag,
Berlin; kart. 2,70, Leinen 3,20). Er fallt aui den Scheinverfall
der einen, das Scheinlebem der andern Kunst herein und be-
grtindet tiefsinnig, was sioh durch auBerlichere Motive richtiger
erklaren laBt. ,,UnH' das ist es, was den Kampf gegen das
Kino fur Menschen, die um die religios-metaphysische Wurzel
des Theaters wissen, zuri inneren Pflicht macht," Stepun ge-
hort, wie man sieht, zu dem gesprachigen Geheimbund derer,
,,die um die Wurzel wissen" — wir kennen die, Melodic Er
ist religios, glaubt also, daB mit dem lieben Gott aller Glaube
iiberhaupt sterbe; er sieht in den Leninbiisten, roten Fahnen,
in Pudowkins Muttergestalt k einen Glauben, weil er so etwas
— im Gegensatz zu Weiihrauch und Marienbildern — lieber
Fanatismus nennt, Und! so begriindet er den angeblichen Tod
des Theaters damit, daB dessen religios-metaphysische Wurzel
keine Nahrung mehr finde. Er sprioht vom sakularisierten
Theater und liefert schone Beispiele fur das Prinzip der ,,Meta-
physik als Ausrede", wie es von denen, die um die Wurzel
wissen, gern verwendet wird: ,,Sie haben die groBe Tragodie
des Krieges und: der Revolution) aus dem Metaphysischen ins
Sozial-Politische ubersetzt und sie dadurch schopferisch un-
fruchtbar gemaoht." Und: ,,...die Herabwiirdigung der meta-
physischen Problematik zu einer bloB soziologischen." Meta-
physik als Ausrede Iiir die Ruckschrittler.
Verstandlich, daB Stepun das neue ,,Podiumtheater" der
revolutionaren Lehrstiicke und Schulopern gar nicht bemerkt,
obwohl jhier der von ihm geforderte ,tErlebnisdialog zwischen
Schauspieler und Zuschauerensemble" seit Jahrhunderten zum
ersten Mai wieder verwirklicht wird. SeJhr richtig sagt er, daB die
Gleichsetzung von reinem Sprechfilm und Sprechth eater, die
sich in meinem Buch ,,Film als Kunst*' findet, nur fur das
heutige Rampentheater gelte, nur fallt ihm nicht a'uf* daB die
Rampe inzwischen ins Wanken geraten ist. Freilich nicht in
den Kellern einer ,,intensiven Katakombenkultur", wie sie
Stepum zur Erziehung eines kiinstlerisch aktiven Zuschauer-
Ensembles herbeiwunscht, sondern oben an der frischen Luft.
Stepun spricht viel vom Geist des Films und wenig von
der Technik, die er ganz offensiohtlich nur vom Horensagen
kezuxt Und so verfallt er auch in den beliebten und gefahr-
lichen Irrtum, zu glauben, nur der Spielfilm kdnne Kunst sein.
Dies auch fiir den ,,wissenschiaftlichen, bildnerischea, publi-
zistischen Film" zu beanspruchen, sei ganzlich unsinnig. In
Wirklichkeit macht es keinen grundsatzliohen Untersohied, ob
man die richtige Einstellung fur ein Kulturfilmkaninchen oder
eine Liebesszene der Greta Garbo sucht. Die kiinstlerischen
Formprinzipien gelten fiir jeden Wochenschaustreifen. Und fiir
jeden Amateurfilm. Klebt der Amateurfilmer seine Schmal-
filmmeter wahllos Ihintereinander, so ist sein Film nicht un-
geschnitten und jenseits der Kunst sondern schlecht geschnit-
ten, schlechte Kunst! Wie man einen Amateurfilm „gestaltet",
davon erzahlen zwei kleine Bucher, das eine — ,,So wollen
910
wir fiLmen'V von A. Stiiler (Frankhsche Verlagsbuchihandlung,
Stuttgart; kartoniert 3,20 Mark , Ganzleinen 4 Mark) — mehr
lehrhaft und tabellarisch, das andre — ..Kind unid Kegel, vor
der Kamera" von Alex Strasser (Verlag Wilhelm Knapp, Halle;
kartoniert 4,20 Mark) — ■ in der Einkleidung einer mit be-
zaubemdem Humor durchgefuhrten ,,Spielhandlung'\ Beide
Biicher bemiihen sich, dem Schmalfilmer die Spielfilm-Ambi-
tionen auszutreiben und ihm daftir auf das unblutige Jager-
handwerk des Pirschens und Belauschens Lust zu machen. Es
gilt, die uhgestellte Wirklichkeit in kurzen, charakteristischen
Einstellungen zu erhascben. Das Leben fiihrt Regie, und so
konnen die sehr zahlreichen, detaillierten Manuskriptentwurfe,
die zumal Staler bringt, nur ungefahre Hinweise auf bestimmte
Stoffgebiete geben. GewiB konnen solche Lehrbiicher nicht
konkret undbeispielsreichgenuigsein, aber vielleicht sollte man '
dooh, statt den Schiiler vor das fait accompli von Miniatur-
Drehbuchern zu stelleh, lieber grundsatzlicher diskutieren,
welches die Funktion der GroBaufnahme ist, wie man ein un-
ubersichtliches Gebilde, etwa eine Stadt, in Einzelausschnitten
schildert, wie man mit der perspektivischen Oberschneidung,
der charakterisierenden Beleuchtung und Einstellung arbeitet.
Dies geschteht in beiden Biichern nur gelegentlich und unsyste-
matisch, und das hubsche Bildermaterial dient weniger zum
Experimentieren als zur Illustration. Strasser verlegt das Grund-
satzliche fast vollig in die lustigen Vortrage des Herrn Blix,
statt an den praktischen Filmversuchen, die er beschreibt, die
Stadien der Entwicklung, das ,,Warum so und nicht anders"
in Wort und Bild aufzuzeigen. Dennoch bleibt genug Praktiker-
weisheit, genug Warnung und Anregung. Mancher, der sich
bisher damit begniigte, die Familienmitglieder in wechselndem
Kostiim und vor wechselndem Hintergrund ins Objektiv lacheln
zu lassen', wird sich, besonders durch Strassers Buch, zu kunst-
voUerer Handhabung des kleinen Zauberapparats veranlafJt
fiihlen,
Kunct der Formgebuii^, nicht Stilisierung des Modells, heiBt
es f iir den Amateurfilmer, aber eines s chick t sioh nicht fur alle.
Beschaut man die Photographien, die Hoyningen-Huene von
Badenden und Skifahrem gemaoht hat („Meisterbildnisse", Ver-
lag Dietrich Reimer, Berlin; Ganzleinen 4,80), so wird man
vielleicht erschrecken vor den ahgezirkelten Stellungen, den
kalt aufigesetzten Scheinwerferschatten, der Luftleere dies-er
Bilder. Aber das Erschrecken ist ungerecht, denn nicht die^>
Welt des unvollkommenen, mannigfach getrubtenZufallslebens
ist der Bereich dieses Photographen * sondern die gepflegte,
uberwirkliohe Atelierschonheit der grand e dame. Stort in sei-
nen Sportbildern der Gegensatz von Inhalt und Form, so findet
derselbe Photograph fur das Mode-Portrat unubertreffliche L6-
sungetL Man folgt ihm in den gewift engen Bezirk des Kikist-
lichen und Gescluminkten und staunt fiber die verbliiffende
Sicherheit, mit der das Licht iiber Stoffe spielt, Kontraste her-
ausarbeitet, seltsame Schatten wirft. Folgeriohtig ist die Wirk-
lichkeit auch aus dem Hintergrund verbannt: aus der Jeeren
Samtschwarze oder einem glatten Grau arbeitet sich die Figur
heraus; ohne Zwang und dooh zwingend wird das Rechteck in
911
Schwarz-, Grau- und WeiBkomplexe aufcgeteilt. Ganz frei vom
bclebcntdcn Reiz des Wirkliohen sind die Bilder, aber noch
selteni wurde diese Freiheit so meisterlich zur graphisch-kunst-
gewerblichen Gestaltung des Blattes verwendet. Damit sind die
Vorzuge, aber zugleich auch die Grenzen Hoyninigea-Hueaes
angegeben. Der Herausgeber des appetitlich ausgestatteteo
Sammelbanidchens, H. K, Frenzel, hebt mit Recht den Wert
solcher Photographien fur das Kunstgewerbe, fur Reklame tind
Mode, hervor; hier ware in der Tat ein Weg, uns von dem
heulenden Elend zu heilen, das uns vor den heutigen Mode-
kataloigen und Plakaten ergreift. Aber grade deshalb sollte
der Herausgfeber nicht andrerseits seinen Schiitzling, in ein
Licht setzen, das er nicht vertragt, inn nicht mit Kokoschka
vergleichen und die MaBstabe wirklicher Kunst lieber aus dem
Spiel lassen, Hoyningen-Huene kann zwar Josephine Baker
wie ein schleichendes Raubtier im Urwald iiber einen Divan
kriechen lassen, zuckende Kaminfeuerlichter auf dem geolten
Negerhaar, er kann das Seidene, Artistische eines Jean Cocteau
bis in -die gespreizten Finger hinein trefflich portratieren, aber
nicht umsonst deckt auf seinem schonsten Photo der leuchtend-
weiBe Handschuh das Gesicht der Portratierten zu, Einen
Ktinstler, der seine Grenzen so geschmackvoll zu wahren weiB,
soil man, nicht aus der Enge seines parfumierteri Meister-
studios in die rauhe Luft der Kunst hetzen,
Landarbeiter von Gabriele Tergit
r^iei Grenze zwisehen Europa und Asien verlauft an der Elbe, und
*-^ wenn man hundert Kilometer von Berlin nach Osten fahrt, so
kommt man ebenso viele Jahre zuruck. Das Land ist flach und grau,
und, es liegen dort die groBen Rittergiiter, eine Welt fur sick Das
ist die soziale Stufenleiter: der Gutsherr, der Herr Inspektor, die
Gutssekretarin, die Handwerker: der Stellmacher — der Treckerfuhrer
— der Schmied — der) Monteur, da sind die Mamsell undl der Kut-
scher oder Chauffeur, da kommen zuletzt die Arbeiter, die auf so
ednem Gute wohnen, und es gibt Freundschaften und Zankereien.
Auf Ritthagen in der Uckermark hat zum Beispiel der Obermelker
zum Pferdepfleger gesagt: „Die Pferdepfleger sind alle Hornochsen,
fehlen. ihnen blofi noch die Horner", weil der den Dung immer an
eine falsche S telle tat. Seitdem hat der Pferdepfleger nicht mehr
mit dem Obermelker gesprochen. Dann gab es einen Streit zwischen
dem Obermelker und dem Stellmacher wegen des Radios. Der Ober-
melker ging immer zum Stellmacher, um Radio zu horen. Als einmal
Briining sprach, machte der Obermelker, der Nazi ist, immer Bemer-
kungen dazwischen, was den Stellmacher asrgerte und storte, und er
verbot ihm, weiter bet ihm Radio zu horen. Und dann war da noch
die Sache mit dem Schrott und den Brettern. Auf alien Giitern wird
geklaut, Sogar machtig geklaut. Es liegt alles herum, und das
meiste ist efibar, Wenn die Gutsbesitzer mit den Gewerkschaftsfuh-
rern wegen der Lohntarife verhandeln, dann sagen sie; „Wozu Lohn-
efhohung? Was zu wenigj gezahlt wird, wird ja doch geklaut." Vor
kurzem wurde in Prenzlau ein Vorschnitter verurteilt, weil er acht-
unddreiBig Ferkel im Laufe der Zeit, sagen wir, requiriert hatte, Auf
Ritthagen warf der Obermelker dem Stellmacher vor, daB er Holz ge-
stohlen, zwolf Rodelschlitten gebaut und in Prenzlau verkauft habe.
Der Stellmacher konnte <ien Kauf des Holzcs nachweisen und warf
daraufhin dem Obermelker vor, daB er massenweise Schrott stehle,
was dieser nicht ableugnen konnte und weshalb er angezeigt wurde.
912
Diese ganzen Streitigkeiten und den Arger frafien die Betroffenen.
still in sich hinein. Sie schwiegen, wie man schweigt in der grofien
Tiefebene, die sich bis zum Ural hinzieht. Erst wenn sie Alkohol ge-
trunken haben, dann fallen die Hemmungen. Auf dem Erntefest, das
der Besitzer den Leuten gab — mit Fleischverteilung, Tanzerei, Frei-
bier und Keilerei — fielen die Hemmungen, Die Keilerei war infolge
einer Zigarette entstanden, dem einen war sie runtergef alien, der
andre wollte sie haben. Sie hatte sich so fortgesetzt, dafi der Stell-
macher am Auge getroffen wurde, dafi ihm das Blut herunterlief, dafi
ein grower Knauel en t stand, dafi den Scheme In die Beine ausgerissen
wurden, dafi der Pferdepfleger, die Wut iiber den Hornochsen noch
im Leibe, den Melker schlug, dafi der Melker Steine sammelte, dafi
ein Alter am Kopf getroffen wurde, dafi der Pferdepfleger wirklich
roh die harmlose Frau des Melkers mit dem Schemelbein iiber die
Nase schlug. Nach dieser Keilerei sagte der Besitzer, sie sollten
doch weiter tanzen und vor a Hem das Freibier austrinken. Und dann
kam auch noch die schwere Stunde fiir eine Kuh, aber leider waren
die Schweizer so betrunken, dafi der Gutsherr selber das Kalbchen
rausziehen mufite, dam it das Tier nicht einging. Das war ein Ernte-
fest, wie es ublich ist.
An diese Sache geriet ein nationalsozialistischer und noch dazu
ehrgeiziger Oberleutnant der Landjagerei, welcher keinen Sinn dafur
hatte, dafi zu einem Erntefest auch eine Keilerei gehort. Er sah in
dieser harmlosen Rauferei sofort den feigen Oberfall marxistischer
Arbeiter auf Anders den kende. Er brachte die Unbescholtenen, die
ubrigens keinesiwegs marxistisch waren, in die Gefahr, auf ein bis
zehn Jahre ins Zuchthaus zu kommen, indem er in s einem ersten
Polizeibericht die harmlose Schlagerei als eine Sache aufzog, auf die
die Terror-Notverordnung Anwendung finden mufite, alles nur des-
halb, weil er die Arbeiter fiir linksr hielt.
Vor Gericht erschienen der Stellmachermeister, der eine schwere
Giftgasvergiftung im Kriege erlitten hatte, fiinfzig Prozent erwerbs-
unfahig ist und, wie ein .weiterer Angeklagter, der demokratischen
Gewerkschaft der deutschen Landarbeiter angehort. Ein dritter An-
geklagter war Mitglied des Stahlhelms, ein Vierter vollig unpolitisch.
Ein, Funfter hat einen Onkel, der der KPD angehort. Das alles hat
geniigt, damit der Landjageroberleutnant von „marxistisch" eingestell-
ten Arbeitern schrieb, die „der Iinksstehenden Parted" angehoren.
Es ergab sich sofort nach der Vernehmung der Angeklagten, dafi von
Politik keine Rede sein konnte.
Wie unpolitisch es in Ritthagen war, zeigten auch die Betriebs-
ratswahlen, fiir die zwei Listen, eine sogenannte Iinke und eine
nationalsozialistische, aufgestellt waren. Einer der Betriehsrate wurde
vor Gericht gefragt, wie er „eingestellt" sei. Sozial sagte er, womit er
offenbar die SPD meinte. „Sie sind doch aber auf der Liste der
Nationalsozialisten aufgestellt worden?" — „Ich kenn mich in der
Politik nicht so aus", meinte er darauf verlegen.
Der verpriigelte Obermelker ist tatsachlich Nazi, „darum hassen
ihn die marxistisch eingestellten Arbeiter", schrieb def Oberleutnant
in seinem Bericht, aus dem der ganze Prozefi entstand. Aus HaB
offenbatj spielte den ganzen Abend einer der marxistischen Angeklag-
ten auf der Ziehharmonika, die ihm der Nazi geliehen, und aus Hafi
brachte er ihm seit Wochen Lebensmittel aus der Stadt. Hier auf
kleinem Fleck war die politische Differenz schon deshalb nur mikro-
skopisch vorhanden, weil eigentlich keiner wuftte, worin sich der
Nationalsozialist von „den Linken" unterscheidet. Der Hauptteil der
Zeugen wufite von gar nichts: „Dazu war ich zu besoffen." Und
das druckt offenbar die Gefuhle, aus denen die Priigelei entstand, am
richtigsten aus. Der Angeklagte, der durch einen Onkel in der Stadt,
der noch dazu der KPD angehorte, schwer kompromittiert erschien,
hat seit elf Jahren schmerzhaftes Eiterlaufen aus dem Ohr. Trotz-
913
dem er seit seeks Jahren in der Krankenkasse 1st, war er noch nie
beim Arzt. Jetzt im Gefangnis hat er zum erstenmal iiberhaupt vom
Institut des Arztcs erfahren, als der ihm Watte veror/nete. Ira „Segen
der Erde" schildert der groBe {Conservative Hamsun, wie das Ge-
fangnis die Menschen die Zivilisation kennen lehrt und so fur das
einfache Landleben verdirbt, in Norwegen ist es die Nahmaschine, in
der Uckermark der Arzt.
Dann aber erschien die bewaffnete Macht, die schimmernde
Wehri zwar nicht die Armee selber sondern nur die Landjagerei.
Aber welch ein Glanz! Hier in dem barbarisch bunt angestrichenen
Raum eines preuBischen Gerichts, vor der strengen Kargheit der
ubrigen Beamten, erschien der Leutnant in einer Extrauniform von
dem Glanz der alten * Garderegimenter, mit so viel hell em Leder urn
den Leib wie ein Tscherkesse, mit geputztem Metall, mit langem, klir-
renden Schleppsabel, eine bedrohliche Erscheinung! Er unterschied
klar: „Die national gesinnten Arbeiter", sagte er, und warf damit die
andern, „die den Hnken radikalen Parteien angehoren", in den Ab-
grund der Verachtung. Er stand da, die objektive Behorde, die
Staatsgewalt selber, als verkorpertes Parteiinstitut, kein Zweifel, er
wollte ein! Exempel statuieren und die Arbeiter auf Grund der
Terror-Notverordnung ins Zuchthaus bringen, was ihm gelungen
ware, ware nicht alles zu grotesk gewesen. Das, was der Oberleut-
nant mit „die nationalgesinnte Arbeiterschaft" bezeichnete, hatte nam-
lich schwarzes und lockiges Haupthaar, hieB zum Beispiel Jersinska
und sprach schlecht deutsch und war zwar kriegerisch, aber aus
Polen. Auf der Anklagebank hingegen saB das, was sich die Nazis
unter der germanischen Rasse vorstellen- Blonde Leute, die deutsche
Namen trugen und im Felde fur ihr Vaterland gelitten hatten.
So weit geht die Verwirrung. In O-stpreuBen sollen die pol-
nischen Schlatter geschlossen Hitler gewahlt haben und einem Mann
der preuBischen Polizei, einem Anhanger des Uberdeutschen Hitler,
kommen Polen, die Hitler wahlen, deutscher vor als Deutsche, die
teils dem Stahlhelm, teils einem Berufsverband angehoren, und er
hetzt die Staatsmacht auf sde. Der Reaktionar alter Schule, freund-
licher ausgedriickt, der kon&ervative Richter, sah von Anfang an die
Lacherlichkeit dieser Anklage. Er sah auch die Hemmungslosigkeit
dieses Reaktionars neuer Schule. „Was verstehen Sie unter den radi-
kalen linken Parteien?" fragte der Verteidiger Olden den Oberleut-
nant. Bevor er antworten konnte, verhinderte das Gericht diese pein-
liche Frage. Der Richter erklarte nach zwolfstundiger Verhandlung,
daB edn politisches Vergehen nicht in Frage komme, und so wurden
die Rauienden mit zwei Monaten und Bewahrungsfrist bestraft,
Man sollte nun annehmen, daB die Polizei das Urteil des Ge-
richts beherrscht hinnehmen wiirde. Nein, keineswegs. Der Ober-
leutnant gab seine Verachtung dieses Urteils mit hemmungslosem Ge-
sichtsausdruck kund. Offenbar nantnte er den Richter innerlich einen
Schlappschwanz, der keinen Sinn daffir hatte, daB man eine andere
politische Gesinxiung selbst dort noch bestrafen muB, und zwar mit
Zuchthaus, wo sie sich auf ein innerliches Rasonieren beschrankt.
KrisetlWende? von Thomas Tarn
VVTarum halten die meisten Prophezeiungen tiber die weitere Ent-
" wicklung der Krise einer grundlichen Kritik nicht stand? Weil
immer noch, obwohl die Krise nun tiber drei Jahre dauert, mit
Analogievorstellungen aus demVerlauf der Vorkriegskrisen gearbeitet
wird. Aber grade die nahere Analyse zeigt, daB diese Krise in ihrem
Ablaui wesensverschieden von frtihern Krisen ist und so die Analogie-
vorstellungen versagen) miissen* Das haben auch allmahlich die Bc-
arbeiter der ,Vierteljahrshefte zur Konjunkturforschung' erkannt.
Nachdem sich ihre Prognosen immer wieder als falschi herausgestellt
914
haben, suchen sie sich im letzten Bericht ein Alibi zu schaffen. In
der Untersuchung iiber Deutschland findet sich ein Abschnitt mit der
schonen Oberschrift: „Phasenschematisnius?" Es heifit da: „Zunachs,t
kannj keine Rede da von sein, da 6 die Feststellung der Position, die
eine Volkswirtschaft im Konjunkturzyklus erreicht hat, ausreichend
ist fiir die Kennzeichnung auch der kiinftigen} Entwicklung- Zu viele
auBerokonomische Einfliisse sind wirksam, urn den Konjunkturverlauf
als AusfluB einer strikten Periodizitat des Wirtschaftslebens betrach-
ten zu konnen. Anj sich ist es daher nicht ausgeschlossen, dafi ein
Riickfall in eine vorangegangene Konjunkturetappe erfolgt, oder dafi
sich der Ubergang zur nachsten Etappe ohne eigentlichen Obergang
vollzieht,"
Nun hat man, was man braucht. Wenn die Besserung der Kon-
junktur prophezeit wurde und sie tritt ein, dann hat man recht ge-
habt. Ergibt sich aber eine weitere Verscharfung der wirtschaftlichen
Spannungen, dann hat man das auch vorausgesagt. Denn man hat
ja ausfuhrlich erklart, daB ,,ein Riickfall in eine vorangegangene
Konjunkturetappe" erfolgen kann, Mit dieser Art „Wissenschaftlich-
keit" kann alles bewiesen werden — und wird heute alles bewiesen.
Halten wir uns daher lieber an die konkreten, realen Tatbestande.
Wie spielte sich friiher der Umschwung von dem Tiefstand; der
Krise zu einer gewissen Ankurbelung der Produktion ab? In der
Krise wurden die unmodernen, schlechten, zu wenig rationalisierten
Betriebe abgesagt. Nur die modernsten, lebensfahigsten blieben ubrig.
Produktion und Absatz gingen zuriick; die Betriebe, die noch in Gang
waren, machten Profit; dasi Kapital, das sich aus dem Profit bildete,
wurde zunachst nicht angelegt, weil man noch nicht geniigend Ver-
trauen zur Wiederankurbelung der Wirtschaft hatte. Infolgedessen
ergab sich nach einiger Zeit eine immer starkere Geldfliissigkeit- Die
Zinssatze fiir kurzfristiges Kapital gingen immer mehr zuriick. Und
wenn diese Entwicklung ein gewisses Ausmafi erreicht hatte, dann
waren es diese geringen Zinssatze, die es den Unternehmerkreisen
nahelegten, groBere Kapitalien neu in den Betrieben zu investieren,
da infolge der billigen Zinssatze die Rentabilitat immer grofier wurde.
Neue Investitionen der Unternehmer fiihrten zu einer starkeren Be-
schaftigung der Arbeiterschaft, erweiterten so den Konsum. Und da
der Umschwung nicht auf ein einzelnes Land beschrankt blieb sondern
allmahlich die gesamte Weltwirtschaft umfaBte, stieg nicht nur der
Absatz der Produktionsindustrien infolge der Investitionen der Unter-
nehmer, stieg nicht nur der Absatz der Konsumindustrien infolge der
wachsenden Beschaftigungszahl der Arbeiterschaft, sondern stieg auch
die Produktion der Exportindustrien, da im Anschlufi an die Auf-
wartsentwicklung auf den Weltmarkten der Aufienhandel zunahm.
Wie steht es heute? Fraglos ist auf den -Geld- und Kapitalmarkten
eine gewisse Entspannung eingetreten. Die Betriebe, die noch ar-
beiten, machen auch heute noch Profit, und da das Kapital bisher
nur in einem verschwindenden Umfange zu Neuinvestitionen verwandt
wird, herrscht eine starke Geldfliissigkeit; die Zinssatze fiir tagliches
Geld sinken immer starker, und wenn man den Krisenablauf analog
dem Ablauf friiherer Krisen beurteilt, «rgibt sich aus der Betrachtung
der Geld- und Kapitalmarkte, daB der Tiefpunkt der Krise bereits
eingetreten ist. Aber die Unternehmer glauben nicht daran. Sie
investieren nicht. Das gilt nicht; etwa nur fiir Deutschland sondern
ebenso fiir die Vereinigten Staaten.
Ein Teil der Okonomen, der sich vor dieser Tatsache nicht ver-
schlieBen kann, macht sich die Erklarung sehr leicht. Wenn der
Krisenablauf nicht dem iiblichen Schema entspricht, miissen eben
,rauBerokonomische'* Faktoren wirksam sein, die die Ankurbelung so
erschweren. Dieser Erklarungsversuch ist denn doch etwas zu billig.
Die Unternehmer wollen nicht investieren. Daran ist Papens Wirt-
schaftsplan vollig gescheitert. 700 Millionen wollte Papen neben
915
den Steueranrechnungsscheinen den Unternehmern zur Verf tilting stel-
len, wenn sie in entsprechendem Umfange Arbeiter neu einstellten.
Reichlich 600 000 Arbeiter sollten bis heute neu eingestellt werden.
40 000 sind es ungefahr geworden* Und diet Unternehmer haben von
den 700 Millionen, die Papen ihnen zur Verfiigung stellen wollte, nur
etwa 100 Millionen in Anspruch genommen. Warum? Weil sie das
Risiko der Erweiterung ihrerj Betriebe fiir so groB ansahen, daO sie
trotz der staatlichen Pramie nicht glaubten, dabei mit Profit arbeiten
zu konnen. Es 1st eben das Charakteristische am dieser Krise, daB
nicht nur sie sondern auch die vorangegangene Konjunkturepoche als
Epochen des niedergehenden Kapitalismus wesensverschieden von den
Epochen im aufsteigenden, im Vorkriegskapitalismus sind. Damals
wurden in der Konjunktur die Betriebe voll ausgenutzt. Und wenn
in der Krise die unmodernsten Werke ausgemerzt waren, konnte man
ohne allzu grofies Risiko neu investieren. In der letzten Konjunktur
aber sind die Betriebe schon nicht mehr voll ausgenutzt worden, hat-
ten wir Industrien, in denen der Ausnutzungsgrad kaum jemals zwei
Drittel uberstieg, batten wir bereits groBc Arbeit slosenarmeen. Und
wenn heute in vielen Gebieten der Produktionsmittelindustrien die
Kapazitat der Werke nur mit eiriem Fiinftel bis hochstens einem Drit-
tel ausgenutzt wird — dann reichen die bisherigen Konkurse, die bis-
herigen Zusammenbruche nach der Ansicht der Unternehmer nicht aus,
um grofiere Investitionen fiir Neu-Anlagen rentabel erscheinen zu
lassen. (Wo in den Produktionsindustrien eine geringfiigige Verstar-
kung der Produktion festzustellen ist, hangt sie im grofien und gan-
zen damit zosammen, daB man den Produktionsapparat schlecht und
recht reparierte, um ihn weiter in Gang zu halten.) Wenn die Unter-
nehmer aber in den Produktionsindustrien nicht investieren, verringern
sich die Arbeit slosenarmeen nicht, sodafi der Absatz von der Wieder-
belebung des Konsums keine starke Anregung bekommt.^
Woher kommt dann aber die Erhohung der industriellen Produk-
tion, die wir im WeltmaBstab in den letzten Monaten festzustellen
haben? Die Vierteljahrshefte berichten dariiber: „Auf der Giiterseite
hat im Anschlufi an die Preis- und Kurssteigerungen der Sommer-
monate eine bis in die letzten Wochen anhaltende Belebung von Pro-
duktion und Umsatz; eingesetzt. In der Hauptsache handelt es sich
dabei um die Wiederanpassung der Produktion an den laufenden
Bedarf, zum Teil auch um Lagerauffullungen . . . Den Beginn einer
neuen konjunkturellen Aufwartsbewegung bildet sie aber nicht: Eine
Erhohung der Investitionstatigkeit, die gewohnlich den AnstoB zum
Aufschwung gibt, ist in Anbetracht der zumeist noch prohibitiven Hohe
der Kapitalzinsen aus der Dynamik der Markte heraus vorerst nicht
zu erwarten. Ebenso macht die gegenwartige Einkommensentwicklung
eine vom Konsum ausgehende Belebung, der Weltwirtschaft unwahr-
scheinlich, zumal die Aufnahmefahigkeit der Weltagrarwirtschaft nach
wic vor auBerordentlich gering ist.'1
Hier konnen wir im groBen und ganzen beipflichten. Die Ver-
starkung der industriellen Produktion beruht nicht auf verstarkten
Investitionen der Unternehmer, beruht nicht auf einer Erhohung' des
Konsums der breiten Massen sondern im wesentlichen auf der Lager-
auffullung des Handels, Im ersten Halbjahr 1932 hat der Handel
vielfach von der Industrie nicht einmal das gekauft, was er verkaufte,
weil er mit aller Macht darauf lossteuerte, seine Vorrate moglichst
gering zu halten, um sein Risiko zu verkleinern. In letzter Zeit
aber hatten sich die Vorrate beim Handel auBerordentlich stark ge-
lichtet, und die starke Unsicherheit der Preisentwicklung, vor allem
auf den Rohstoffmarkten, veranlafite die Handelskreise, ihre Lager in
gewissem Umfange wieder aufzufullen. Die Steigerung der Industrie-
Produktion bedeutet also lediglich eine Verschiebung zum Handel hin.
Sie beruht nicht auf dem steigenden Konsum, der steigenden Kauf-
kraft der Massen. Und so sind auch die Vierteljahrshefte gezwungen,
916
zuzugeben: „Einen eigent lichen Kon j unkturauischwung vermogen der-
artige aus Lagereindeckungen entstehende Belebungen von sich aus
jcdoch nicht herbeizuf (ihren. Sic erschopfen sich spatestens inl dem
Augenblick, in dem eine weitere Auffiillung der Lagerbestande nicht
mehr ratsam erscheint. So scheint auch gegenwartig die Belebung
der Verbrauchsgiiterindustrien sich nicht fortzusetzen."
Auch die andern objektiven Faktorenreihen wirken nicht in der
Richtung, den Absatz zu steigern; alle Hoffnungen, daB die Welt-
agrarkrise sich allmahlich totlaufen und damit die Kaufkraft der land-
wirtschaftlich tatigen Bevolkerung wachsen werde, haben sich als triige-
risch erwiesen. Die Not der Bauern ■ — das gilt ganz international —
ist heute mindestens so grofi wie urn die Mitte des Jahres.
Von der Entwicklung der Weltwirtschaft ist ebenso wenig eine
Belebung zu erwarten. Wahrend im 2. Vierteljahresheft 1932 bei
einem weitern Riickgang der industriellen Produktion die WeltauBen-
handelszahlen stabil blieben und man vielfach von dieser Entwick-
lung her einen neuen dkonomischen Silberstreifen konstruierte, ist in
den letzten Monaten der Welthandel nicht nur wert- sondern auch
mengenmaBig wieder weiter zuriickgegangen. Von England hatten
die Vierteljahrsberichte lange angenommen, daB es die neue Konjunk-
tur einleiten werde. Aber grade England zeigt sich durch die weitere
Pf undent wertung und die standigen Pfundschwankungen als ein Faktor,
der die Unsicherheit auf den Weltmarkten noch verstarkt. Dazu
kornmt, dafi der Schuldenkampf zwischen den Vereinigten Staaten
einerseits, Englaftd und Frankreich andrerseits sicherlich nicht dazu
angetan ist, belebend! auf den gesamteri Welthandel zu. wirken.
Fassen wir zusammen: Die verstarkte Fliissigkeit auf dem Geld-
markt mit ihren geringen Zinssatzen wird zur Zeit begleitet von einem
mangelnden Investierungswillen infolge der auBerordentlichen Uber-
kapazitat der Produktionsanlagen; von bestenfalls einer Stabilisierung
im Konsum der breiten stadtischen Massen, in vielen Fallen von
einem weiteren Riickgang; von einer auBerordentlichen Not der Bauern-
massen der Welt und von einem weiteren Riickgang im Welthandel.
Das sind die Ursachen, warum die Krise so anders verlatift und
jeder Versuch, ihren Ablauf analog den fruherri Krisen abzuleiten,
von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.
Wochenschau des Rtickschritts
— In PreuBen wurden weitere republikanische Beamte ihrer
Amter enthoben.
— Der Parteitag der KPD, Bezirk Ruhrgebiet, wurde wegen
„dringenden Verdachtes der Vorbereitung illegaler Handlungen"
polizeilich aufgelost; die Teilnehmer des pommerschen Bezirks-
parteitages der KPD wurden polizeilich untersucht, dem Haupt-
referenten wurde die Erstattung seines Referats verboten, da schon
„die Themenstellung Vorbereitung zum Hochverrat" sei.
— In den letzten sechs Monaten wurden 45 Verbote gegen sozial-
demokratische Blatter ausgesprochen; die gesamte kommunistische
Presse des Rhein-Ruhrgebietes wurde bis zum 31. Dezember verboten,
die Veroffentlichung der Verbotsgriinde ist untersagt.
— Gegen einige thiiringische Studienrate, die sich geweigert hat-
ten, die Verordnung des Volksbildungsministeriums zu erfiillen, nach
der mit den Schiilern eine Protestformel gegen den Versailler Vertrag
geiibt werden soil, sind mit gleichzeitiger Dienstentsetzung Disziplinar-
verfahren eingeleitet worden.
Wochenschau des Fortschritts
— Direktor Brolat von der Berliner Verkehrs-Gesellschaft ist auf
BeschluB des Aufsichtsrates* entlassen worden.
917
Bemerkungen
Aufienpolitik des Als-ob
Preude herrschtc in den deut-
*■ schen Pressehallen, als aus
Genf die Kunde kam, Deutsch-
land habe sich mit den vier an-
dern Grofimachten geeinigt auf
eine Formel, die den Deutschen
die Gleichberechtigung in der
Riistungsfrage zuerkenne und
ihrien damit die Riickkehr zur
Abriistungskonferenz ermogliche.
Nun mufite sich alles, alles wen-
den. Baron Neurath hatte ftir
sich. und sein Kabinett einen Er-
folg zu buchen. Das deutsche
Prestige war gerettet. Germania
triumphatrix I
Die entscheidende Nummer Eins
des Abkommens lautet:
DieRegierungen desVereinigten Konigreichs,
Frankreichs und Italiens haben erklart, dafi
einer der Grundsatze, die die Konferenz leiten
sollen, darin bestehen mufi, Deutschland und
den anderen durch Vertrag abgerusteten
Staaten die Gleichberechtigung zu gewahren
in einem System, das alien Nationen Sicher-
heit bietet, und daft dieser Grundsaiz in dem
Abkommen, das die Besch|usse der Ab-
riistungskonferenz enthalt, verkorpert werden
soil.
Diese Erklarung schlieBt in sich, dafi die
Rustungsbeschrankungen fur alle Staaten in
dem in Aussicht genommenen Abriiatungs-
abkommen enthalten sein mussen. Es besteht
Einigkeit daruber, das die Art und Weise
der Anwendung dieser Gleichberechtigung auf
der Konferenz erortert werden soil.
Auf Grund dieser Abmachung
ist das noch immetr so glaubens-
starke deutsche Volk in den
Wahn gewiegt worden, die
deutsche Gleichberechtigung in
der Riistungsfrage sei eine ab-
gemachte Sache.
Wer den Text auch nur ein
wenig kritisch mustert, kommt zu
einem ganz andern Ergebnis,
Nichts ist abgemacht, alles ist
nach wie vor in der Schwebe.
Gewifi, einer der leitenden Grund-
satze der Konferenz soil die
Gleichberechtigung Deutschlands
sein, aber nur „in einem System,
das alien Nationen Sicherheit
bietet" Also Gleichberechtigung
unter der Voraussetzung, dafi
gleichzeitig die franzosische These
von der Sicherheit ihrei Verwirk-
lichung findet. Mit andern Wor-
ten: stimmt Deutschland nicht
den franzosischen Sicherheitsfor-
derungen zu, wird seiner eignen
918
Gleichberechtigung der Boden
unter den Fiifien fortgezogen. Zu-
dem soil erst auf der Konferenz
selbst „die Art und Weise der
Anwendung der Gleichberechti-
gung erortert werden". Auf die
Anwendung aber grade kommt es
an, nicht auf das Prinzip. Die
Anwendung ist die Realitat, das
Prinzip eine leere Prestige-
phrase.
Obrigens — was heifit in der
Praxis ..Gleichberechtigung"?
Doktordissertanten an Hie Front!
Es diirfte leichter sein, eine
deutsch - franzosische Zollunion
zustandezu bringen als eine Eini-
gung der deutschen und franzosi-
schen Rechtsgelehrten iiber Aus-
legung und Auswirkung des Be-
griffs „Gleichberechtigung".
Schon j etzt hat die of f iziose
Agence Havas eine Auslassung
veroffentlicht, die sich gegen die
„zuminde?,t tendenziosen" Aus-
legungen der Einigungsformel in
der deutschen Presse wendet.
Ein Mifibrauch der Gutglaubig-
keit des deutschen Volkes ist es,
wenn man ihm vorredet, in der
Hauptsache sei bereits die Eini-
gung Deutschlands und Frank-
rcichs iiber die Rustung erzielt
und damit den deutschen Forde-
rungen Rechnung getragen. Die
Bibel spricht von ubertiinchten
Grabern. Die sogenannte Eini-
gungsformel ist eine iiberttinchte
Kluft. Der deutsch-franzosische
Abriistungs- oder Aufriistungs-
streit ist nicht am Ende, er wird
mit verdoppelter Heftigkeit in
Form eines Interpretationskamp-
fes anheben. Grade an der Eini-
gungsformel mufi sich tiefste Un-
einigkeit entziinden.
In der Aufienpolitik haben die
Deutschen eine besondere Gabe,
Illusionen fiir Realitaten zu neh-
men. Sie glaubten vor demWelt-
krieg, dafi wir im Kriegsfall auf
unsere Bundesgenossen Italien
und Rumanien zahlen konnten, sie
glaubten wahrend desi Weltkrieges,
dafi die Proklamierung des Heili-
gen Krieges uns alle Mohamme-
daner der Erde zu Kampfgenos-
sen machen werde, sie glaubten
nach dem Weltkrieg, daB man
vier Jahre Krieg fiihren und ihn
verlieren konne, ohnc cine ent-
sprechende Kostenrechnung zu-
gestellt zu erhalten. Und sie
glauben jetzt, dafl einc Einigungs-
formel, die von Heraklit dem
Dunklen verfaBt sein konnte, Eini-
gung bedeute.
Sie glauben vielleicht sogar, daB
es fiar uns von Nutzen sei, wenn
sich Frankreich und Amerika we-
gen der Schuldenfrage in die
Haare geraten. Wenigstens leuch-
tet aus einem groBen Teil der
deutschen Presse eine gewisse
Schadenfreude heraus, wenn der
bittre Ton in dem franzosisch-
amerikanischen Zeitungskriege
kommentiert wird.
Schadenfreude ist so ziemlich
das Diimmste, was es in der
AuBenpolitik tiberhaupt gibt. Den-
ken denn die Herren, die jetzt
Amerika gegen Frankreich und
Frankreich gegen Amerika scharf
zu machen versuchen, gar nicht
daran, daB wir bei der Geschichte
per Saldo als der tertius plan-
gens dastehen konnten? Frank-
reich will nicht an Amerika zah-
len, weil wir nicht mehr an Frank-
reich zahlen. Eine Verstandigung
auf unserem Riicken ware die
einfachste Losung fur beide.
Noch ist namlich Lausanne
nicht ratifiziert. Deutschland, das
das Hauptinteresse an der Rati-
fikation hatte, hat nichts zu ihrer
Herbeifiihrung getan — aus Angst
vor den Nationalsozialisten. Aber
es hat gehandelt, als ob das lau-
sanner Abkommen schon unter
Dach undl Fach ware. Das kann
sich jetzt bitter rachen.
Die Philosophie des Als-ob ist
eine geniale Sache. Die Politik
des Als-ob ist Scharlatanerie.
Hellmut v. Gerlach
Die deutsche MusikbQhne
hat als erster Versuch einer
Opernwanderbiihne und wegen
ihrer bemerkenswerten kiinstle-
rischen Leistungen von sich reden
gemacht. Erst dieser Tage wieder
brachte sie in Berlin eine aus-
gezeichnete Figaro-Auffiihrung.
Was ist die deutsche Musikbiihne?
Sie bedeutet:
Fiir das* Publikum: Das Erleb-
nis einer jungen, ungewohnlich
charmanten und von starker
kiinstlerischer Vitalitat getragenen
Wanderoper, deren Leistungen
sich durch Gesinnung und Sauber-
keit von dem Durchschnitt der
landlaufigen Betriebs-Auffuhrun-
gen unterscheiden.
Fiir den Theaterfachmann: Den
seit Jahren herbeigesehnten Be-
weis dafiir, daB man mit einem
Minimum an Geld und Apparat,
mit einem auBerst beschrankten,
dafiir mit letzter Sorgfalt eingeub-
ten Repertoire und mit einem
Kreis von jungen, begabten San-
gern und Musikern ein erfolg-
reiches, starkes und freies Opern-
kollektiv ins Leben rufen und am
Leben erhalten kann.
Fiir den Mitarbeiter: Die Be-
statigung einer menji'chlich-
kiinstlerischen Gemeinschafts-
Idee, die — unentwegt verfolgt,
KURT HE USER
\Soeben
Yerschienen!
Geh. 4.80t kt 5.50, Ln. 6.80
I Ein Mann aus unserer
I Zeit gerat in das ver-
tsunkene Vineta, das
I einmal in hundert
I Jahren aus derTiefe
\taucht und an un-
8 sever Welt teilhat.
In den 24 Stnnden, die der Stadt vergdnnt sind, erlebt er ihr
Schicksal mit, das in seltsamer Parallele dem unserer deutschen
Gegenwart gleicht „Ein poetisch hinreifiendes Mdrchen, gemischt
aus Traum und Realit&t, Symbol* no/Mirnv/rm a^\
und Aktualitdt." (N. Wiener Journal) O. HbCHER VERLAG
919
Abenteuer
in Vineta
ROMAN
selbstkritisch aufrechterhalten
und kompromiBlos gesteigert —
allmahlich einmalige Meistcr-
schaft herauskristallisieren konnte.
Eine Gcmeinschaft mit unbegrenz-
ten Entwicklungsmoglichkeiten,
fur deren Verwirklichung und
Gestaltung jeder Einzclne mitver-
antwortlicK ist.
Das kurzc Leben dieser Wan-
derbiihne bildet eine ununter-
brochene Kette von Kampfen und
dramatischen Ereignissen. Als sie
vor kauni einem Jahr unter un-
ermeBlichen Schwierigkeiten so-
zusagen dem Nichts abgerungen
wurde, wurzelte der Optimismus
ihrer Griinder und Fiihrer in
einer damals berechtigten Hoff-
nung auf regelmaBige Staats-
zuschiisse, die den weitern Auf-
bau, in ruhiger Entwicklung und
auf lange Sicht ermoglichen soil-
ten. Unter dieser Voraussetzung
probierten alle Mitglieder monate-
lang ohne Gagen, unter dieser
Voraussetzung wurde die erste
Reise angetreten, die den inter-
essierten Ministerien als Visiten-
karte dienen und die Lebens-
berechtigung des neuen Unterneh-
mensi beweisen sollte.
Obwohl aber der Monats-Etat
dieser Reise nicht wesentlich
hoher war als der Tages-Etat
eines groBen Staats-Theaters, ob-
wohl die Reise selbst einem
Triumphzug glich, gelang es nicht,
eine teste okonomische Basis,
einen Normal-Etat fur die kom-
mende Spielzeit zu erringen. Die
maBgebenden Stellen waren durch
die allgemeine- wirtschaftliche
Not zu schwer belastet, um neue
Verpflichtungen auf sich nehmen
zu konnen.
Somit stand die Musikbiihne
Mitte August vor der Alternative:
Auflosen — oder auf eignesj Ri-
siko weitermachen. Ohne Zogern
und einstimmig entschloB sich das
Ensemble fur das letztere. Die
Mitglieder entwarfen selbst — in
geradezu selbstmor dense her
Opferbereitschaft — einen Not-
Etat, dessen Einzelposten' weit
unter dem Existenzminimum la-
gen; ein Mindestbetrag zurVoll-
endung der Probenzeit und zur
Anschaffung der primitivsten
Ausstattung wurde durch einen
interessierten und aktiven Freun-
deskreis aufgebracht, und nach
schwierigen Wochen in Berlin,
deren Durchfuhrung zu den groB-
ten inneren Erfolgen der Gemein-
schaft gehoren, konnte die Spiel-
zeit am 25. September mit „Han-
sel und Gretel" in Gera eroffnet
werden. Die Kostiime waren von
den Damen des Ensembles ver-
fertigt worden.
Seitdem fahrt die Deutsche
Musikbiihne — nur von ihren Er-
folgen getragen — durch das
Land. Sie hat eine mitteldeutsche,
eine schlesische und eine west-
deutsche Tournee hinter sich,
gastierte mit groBem Erfolg bei
der Festspielwoche in Trier und
wurde von der luxemburgischen
Presse als Propaganda-Instrument
fur die Internationale Verstandi-
gung begriiBt. Zur Zeit spielt das
Ensemble in Berlin, im Januar
geht es- nach Norddeutschland
und wieder nach Schlesien.
Nur diejenigen, die, wie ich, in
das alltagliche Kampfleben dieses
Theaters Einblick gewonnen ha-
ben, wissen, welche Summe an
Geduld, Zuversicht und Opfeni
die Einzelnen aufbringen muBten,
um diese Biihne bis auf den heu-
tigen Tag zu erhalten.
Erwin R> Bergh
Ein HBrer in Holland
Cehr geehrte Redaktion,
*^ Mit grosser Einstimmung las
ich den Artikel Ihres Mitarbeiters
Gurdus im heft No. 47 der Welt-
btihne. Das ausland schaltet tat-
sachlich ab. Wir in Holland sind
ohne Ausnahme der Meinung, daB
ITALO SVEVO
MUller & 1. Kiepenheuer, Potsdam
920
EIN
6ELUN6ENER SCHERZ
UND ANDERE ERZAHLUNGEN
Kart RM. 2;85 Ganzlein. RM. 3,80
es mit der deutschen Rundfunk in
letzter Zeit ganz schldmm ist.
Es wird hier nur geschimpft auf
diesen verfluchten Deutschen, die
mit ihrem bloeden und iiberlautem
Gerede leider verschiedenen guten
franzosischen, englischen mid pol-
nischen Stationen storen. Dieses
Gezeter ueber Deutschtum, das
man fast tagtaglich zu horen be-
kommt, dieses stinkende Eigen-
lob macht uns unpafilich^ Die
Herren vom Rundfunk machen es
genau so vvie die beriichtichten
Deutschen im Ausland vorm
Krieg, die man in der ganzen
Welt scheute oder bestens aus-
1 a elite.
Und auch die deutsche Funk-
musik ist unbeliebt. Am meisten
hoert man eine Art Bier- und
Wirtschaftsmusik zweiter oder
vierter Guete. Sind die Deutschen
wesentlich unmusikalisch? Lieben
sie nur den musikalischen Larm?
Ich habe mir das friiher auch
schon roal gedacht wenn ich in
Deutschland musikalische Ver-
anstaltungen mitmachte und
spiirte mit wie ganz wenig das
Publikum schon zufrieden war.
Aber eins ist sichen die deut-
schen Funkhorer sind ganz an-
spruchslose Leute, wenn sie sich
bieten lassen was heute durch das
Radio gebracht wird. Es ist alles
so erbarmlich Klein- und spieflbiir-
gerlich so richtig fuers Ledersofa
beim Kartoffelsalat oder Hering
met Pellkartoffeln. Habt Ihr denn
nichts wie Schlager und Kaffee-
hausmusik?
Wir moechten die deutschen
Stationen ganz abschirmen, damit
nur kein Laut durchkommt. Es
ist alles so zu sagen „Nur fuer
Unteroffiziere". Diese Barbarei
gefaellt uns nicht. Wenn wir a
tout prix Deutsch hoeren wollen
schalten wir den Zweizerischen
Landessender ein oder auch ein-
mal Strassburg. Die deutschen
Sender ergehen sich in eine; Art
Kultur- inflation und von deut-
schen Inflationen welcher Art
auch hat das Ausland, d. h. die
zivilisierte Welt die Nase voll.
Inzwischen konnen Sie froh
sein, daB der Aether frei ist und
Sie hoeren koennen was Sie
wollen. Ich glaube, diese Freiheit
ist die einzige die Sie noch be-
sitzen . . . wenn jedenfalls schliefi-
lich das Horen vom Franzosischen
oder Polnischen Funk nicht bald
zum „Landesverrat" wird, und mit
Gefangniss oder Zuchthaus be-
straft. Man kann nie wissen.
Seien Sie weiter gliicklich mit
Ihrem Rundfunk. Wir schalten ab.
Mit vorzueglicher hochachtung
Dr. J. de Kruijfr
Medizinisches
Coll der Arzt die Wahrheit
*-' sagen?
In Linz an der Donau —
Doktor Toff zu einer Patientin:
„Gnadigste, horen Sie es mu-
tig an: machen Sie sich auf Ihr
Ende gefafit," Er glaubte nam-
lich, es sei ein bosartiges Neu-
gebilde; es war aber nur ein
Wespenstich. Vor Schrecken
kriegte die Frau die Herzneurose
und starb nach ein paar Tagen.
So hat Doktor Toff im Grunde
doch recht behalten.
Oft erortert man die Frage:
„SoU der Arzt die Wahrheit sa-
gen?"
Ich meine: Ja. Aber nur: wenn
er sie weifi.
Roda Roda
00***
C. CAPEK
POST, POLIZEI, HUNDE
UND RAUBEREI
«M 2.50 ^iHO*118
^* ^ £ *^ Capek versteht es,
\*~ lebendlg und phantasievoll
das moderne Klndermarchenbuch
zu gestalten. Dortmunder Generalanzeiger.
WILLIAMS & Co. VERLAG BERLIN-GRUNEWALD
O**
ei
Helden
pigentlicli —
" bin audi ich em Held,
gef alien am 1. IV. 1930
auf dem Felde der Arbeit
furs Vaterland.
Aber —
uns errichtet man kein Denkmal,
uosere Nam en
glanzen nicht, in Goldschrift gemeifielt,
in vaterlandischem Granit.
Eigentlich —
trage auch ich — ausgefranste Hose,
abgelatschte Schuh -
einen Ehreniock,
gleich jenen Helden in Feldgrau.
Aber —
wer ehrt dicb,
Mensch in Ziehharmonikahose,
mit dem wuchernden Christusbart
urns Ktnn?
Merke :
Du bist unbequem, weil du noch lebst.
Jene anderen Helden
fordern nicht mehr,
sind stumm und zufrieden
fur immer.
Lagst du erst verendet
im Massengrab der Arbeitslosigkeit,
warst auch du ein Held;
denn Phrasen sind billig,
werden kost«nlos nachgeliefert ins JenSeits.
So aber
bist du verdachtig,
Unruheherd, und lediglich Gegenstand
erhohter Aufmerksamkeit
einer hohen Polizei.
Karl Pax
Wenn das nicht hilft!
Dei der Eroffnung der Sitzung
*~* des amerikanischen Parla-
ments sorach der Hauskaplan ein
Gebet, in dem er die Wiederkehr
der Prosperitat erflehte.
United PreB
Schon wieder unmodern?
T Toter Bezugnahme auf § 1 Ab-
^ satz 5 des mit Ihnen abge-
schlossenen Vertrages teilen wir
Ihnen hoflichst mit, daB wir an
Stelle des Films „Deutschland, du
kannst nicht untergehen" den
Fritz Servos-Film
„Der verliebte Blasekopp"
herausbringen. Der Film ist fer-
tiggestellt und ab 25. 12. 32 liefer-
bar. Wir bitten Sie hoflichst, den
Film zu diesem Termin einzu-
teilen. Anbei eine Terminkarte
zur gefalligen Bedienung. Wir be-
grtifien Sie und zeichnen hoch-
achtungsvoll Albo-Film GmbH.
Liebe Weltbuhne!
Der Berliner im Bett: Au ver-
flucht, Schwester, mir schmerzt
aber det Kreuz.
Die fromme Schwester (sanft
verweisend) : Wir tragen unser
Kreuz woanders!
Der Berliner im Bett: Ach wat,
Sie haben Ihren Hintern auch
nicht ann Bindfaden zu hangen.
Hinweise der Redaktion
Berlin
Deutsche Liga fur Menschenrechte, Monbijouplatz 10. Eing. IV/III. Montag 20.00.
Polizeioberst Lange : Gibt es einen Giftgasschutz ? — Dienstag 20.00. Otto Lehmann-
Russbuldt: Die Abrustungskonferenz wird zur Aufrustungskonferenz.
Arbeitsgemeinschaft fiir Industrieform. Mittwoch 20.00. Roteskreuzhaus, Fasanenstr. 23:
Industrielle Binnenwanderung und landliche Siedlung als entwicklungsbedingte Er-
scheinungen, Gustav Bronner.
Hamburg
^Friedenskartell und Weltbuhnenleser. Dienstag 20.00. Hamburger Hoff Jungfernstieg 26:
Anti-Kriegs-Kabarett des Kollektivs Hamburger Schauspieler.
Gruppe Revolutionarer Pazifisten. Mittwoch 20.00. Heimstatte, Nagelsweg 10: Warum
kommen wir nicht zur Einheitsfront ?
Freireligiose Gemeinde. Montag (26.) 16.00: Gemeindeabend. Hotel zu den drei Ringen.
Mannheim
Stadtische Kunsthalle. Ausstellung: Gestalt und Gestaltung.
Bucher
Kurt Caro und Walter Oebme: Schleichers Aufstiee. Ernst Rowohlt, Berlin.
Ilja Ehrenburg: Moskau glaubt nicht an Tranen. Malik-Verlag, Berlin.
Upton Sinclair: Alkohol. Malik-Verlag, Berlin.
Dreiflig neue Erzahler des neuen Deutschland. Malik-Verlag, Berlin.
Rundfunk
Dienstagi Frankfurt 18.50: Serben und Deutsche, Hermann Wendel. — Hamburg 21.10:
Etagenhaus, Horspiel von O. A. Palitzsch. — Mittwoch: Frankfurt 21.00: Shakespeares
Timon v. Athen. — Freitag-. Leipzig 17.30: Stunde mit Buchem, Erich Kastner. —
Moskau (Komintern): Dezeraberaufstaud von 1905. — Sonnabend: Moskau
( [Comintern): Marxismus — Leninismus.
922
Antworten
Amnestierter. Sie warten auf Ihre Befreiung. Der Reichsrat,
dessen Genehmigung notwendig ist, damit die Amnestie Gesetz wird,
hat seines Stellungnahme um fast eine Woche hinausgeschoben. Wir
erwarten, dafi es dann keine weitere Verzogerung gibt. Denn wean
der Reichsrat 'nicht will, dafi die mit der Amnestie angestrebte Be-
ruhigung in das grade Gegenteil umschlage, mufi er das Seine tun,
damit Carl v. Ossietzky und mit ihm die grofie Zahl der andern
Amnestierten noch vor Weihnachten ihre Freiheit wiedererlangen. Un-
ertraglich ist der Gedanke, dafi kleinlicher Partikularismus diesen
Akt der Menschlichkeit behindern konnte.
Weltfriedensbund der Mutter und Erzieherinnen. Sie send en
uns nachstehenden Aufruf : „Der Weltfriedensbund der Mutter und
Erzieherinnen tritt in eine grofie Aktion gegen die Militarisierung der
deutschen Jugend ein und bittet um Unterzeichnung und Einsendung
der diesem Heft beiliegenden Karte. Der Weltfriedensbund der Mutter
und Erzieherinnen ist vor drei Jahren in Frankreich durch Frau Eiden-
schenk-Patin gegriindet worden, die eine leitende Stelle im franzo-
sischen Unterrichtsministerium viele Jahre lang innehatte. Der Bund
zahlt heute in Frankreich iiber 62 000 Mitglieder und wachst taglich.
Die deutsche Sektion des Weltfriedensbundes der Mutter und Er-
zieherinnen, die von Constanze Hallgarten, Miinchen, geleitet wird,
hat in anderthalb j ahriger Werbearbeit 10 000 Mitglieder gewonnen.
Die im Weltfriedensbund der Mutter und Erzieherinnen vereinigten
Frauen glauben an die Moglichkeit eines dauernden Weltfriedens
durch ihren gemeinsamen Willen. Sie sehen ihre Hauptaufgabe in
der Verbreitung dieses, Glaubens und der Starkung dieses Willens
unter alien Frauen der Welt und in der Erziehung ihrer Kinder im
Geiste der Gewaltlosigkeit. Fiir den Weltfriedensbund der Mutter
und Erzieherinnen setzten sich eine ganze Anzahl in der Offentlich-
keit bekannter Personlichkeiten ein. Wir werben in alien Landern.
Keine Frau darf fehlen! Wo wir viele sind, wird kein Krieg mehr
sein. Tretet uns bei! Anmeldung an die Zentrale Miinchen, Schon-
feldstrafie 28/0. Aufnahmegebiihr 20 Pfennig, Jahresbeitrag 60 Pfen-
nig in Briefmarken oder auf das Postscheckkonto 198 79 Miinchen."
Wilhelm II. Wir kondolierenl Aber von vornherein war an-
zunehmen, dafi nur ein Verriickter auf den Gedanken eines Atten-
tates gegen Sie kommen konne.
Otto Merker, M. d. L. Sie schicken uns die nachstehende Be-
richtigung: Es ist nicht wahr, dafi der nationalsozialistische Land-
tagsabgeordnete Merker in Alt-Reetz in der Neumark die Aufierung
getan hat: ,,Wir stehen mit einer Million Gewehre da. Wir werden
nach dem 6. November eine Revolution erleben, die wir mit den
Kommunisten zusammen machen." Wahr ist vielmehr, dafi der Land-
tagsabgeordnete Merker noch niemals in Alt-Reetz gewesen ist und
auch nie die erwahnte Aufierung getan hat.
Bauhausler. In Nummer 29 der .Weltbiihne' ist iiber die seltsame
Schreckensherrschaft im dessauer Bauhaus berichtet worden. Auch
der Umzug nach Berlin scheint hier keinen Wandel geschaffen zu
haben. Direktor Mies van der Rohe fiihrt nach wie vor ein rauhes
Regiment. Mies van der Rohe hatte als „letzter" Direktor laut Ver-
trag das Recht, den Namen Bauhaus mitzunehmen. Aus dem Bau-
haus Dessau ist nunmehr ein „Unternehmen" des HerrnMies van der
Rohe geworden, das zwar aus spekulativen Griinden den Namen Bau-
haus fiihrt, von dem Geist dieser Schule aber nichts mehr spiiren
lafit. Das einzige Recht, das den Studierenden an dieser einstmals
freien Schule geblieben ist, besteht darin, dafi sie jahrlich 300 bis
600 Mark an das Institut abzufiihren haben. Alle bisherigen Rechte
923
der Studierenden, Koalitionsrecht, Studierenden-Vertretung, Selbst-
bestimmungsrecht und freie MeinungsauGerung hat der Direktor ge-
strichen. Studierende, die in einer Studierendenversammlung gcgcn
die MaBnahmen des Diktators Mies van der Rohe protestierten, wur-
den ohne jedes Rechtsverfahren aus der Schule ausgeschlossen. Als
die Reklameklasse des Bauhauses kiirzlich fiir ihre Schulgeld-
leistung durch ihren Obmann eine Lehrkraft forderte, wurde dieser
ohne die Moglichkeit einer Rechtfertigung aus dem Hause gewiesen,
Das Bauhaus gait bisher als die fortschrittlichste Kunstschule der
Welt. Das Bauhaus ist tot. Der grofite Teil der Kunstschulen in
Deutschland ist heute bereits fortschrittlicher als das Unternehmen
Mies van der Rohes in Steglitz,
E. K, Holler, Dortmund. Sie lassen uns einen „Appell an Alle"
zugehen, in dem Sie an die Eltern die dringende Bitte richten, ihren
Kindern zu Weihnachten keinerlei militarisches Spielzeug zu schenken,
und ebenso keine Bilderbiicher, Gesellschaftsspiele und Unterhal-
tungsliteratur, in denen das Soldatenhandwerk verherrlicht, entschul-
digt und begehrenswert gemacht wird. Wir schlieBen uns Ihrer Bitte
an, denn leider trifft man auf der Linken ziemlich haufig gegeniiber
diesen Dingen jene Gedankenlosigkeit an, die derartiges 1(Spielzeug"
als harmlos ansieht und nicht merkt, daft es die Kinder zum Mili-
tarismus erziehen hilft.
Arnold Bauer. Sie haben, auf einen Beschwerdebrief hin, mit
dem neuen Leiter der Vortragsabteilung am berliner Rundfunk, Herrn
Doktor Harald Braun, eine Auseinandersetzung gehabt, tiber die Sie
uns einiges verraten Doktor Braun bestritt, daB der neue Kurs des
Funkprogramms im Gegensatz zu der Gesinnung der berliner Horer-
massen stande. Die Proteste seien eine „MassenpSiychose", geschiirt
durch die „Taktik der Presse". Die kontradiktorischen Thes-en-Dis-
kussionen seien gestrichen worden, weil sie unfunkisch seien und bei
solchem Aneinandervorbeireden nichts Produktives herauskomme. „Die
Moglichkeit zu innerer Freude trotz aufierer Bedrangnis" solle betont
werden. Studentendiskussionen sollten vorlaufig nicht mehr siattfin-
den, weil die Jugend ihre weltanschaulichen Gegensatze besser abends
in der Stube bei Lampenschimmer und im kleinen Kreise austrage
statt vor der Offentlichkeit. Doktor Braun libersieht offenbar, dafi
die Mehrzahl dessen, was der Rundfunk unter dem neuen Kurs bringt,
formlich danach schreit, nicht vor der Offentlichkeit sondern in klein-
slem Kreise und bei moglichst viel Lampenschimmer vorgetragen zu
werden.
Dresdner. Falls Sie Interesse an regelmaBigen Zusammenkunften
der Weltbiihnenleser Ihrer Stadt haben, geben Sie bitte Ihre Adresse
an unter Dresden Hauptpostlagernd 6100,
Dieser Nummer liegt eine Zahlkarte fur die Abonnenten bei, auf
der wir bitten,
den Abonnementsbetrag fiir das I. Vierteljahr 1933
einzuzahlen, da am ,10. Januar 1933 die Einziehung durch Nachnahme
beginnt und unnotige Kosien verursacht.
Manuskripte sind nur an die Redaktion der Wellbuhne, Charlottenburg, Kantstr. 152, zu
richten; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen» da sonst keine Rucksendung erfolgen kann.
Im Falle hoherer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher keinen Anspruch auf Nachlief erung
oder Erstattung des entsprechenden Entgelts.
Das Auff Ubrungsrecht, die Verwertung von Tileln u. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechanische Wiedergabe alter Art und die Verwertung im Rahmen von RadiovortrSgen
bleiben fur alle in der Weltbtthne erscbeinenden Beitrage ausdrticklich vorbehalten.
Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v. Ossietzky
unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet. — Veraritwortlich : Walther Karsch, Berlin.
Verlag der Weltbuhne, Siegfried jacobsohn & Co., Charlottenburg.
Telephon: CI, Steinplatz 7757. — Postscheckkonto: Berlin 11958.
Bankkonto: Dresdner Bank. Depositenkasse Charlottenburg, Kantstr. 112.
IXVI1L Jahrgang 27. Dezember 1932 Nnmrner 52
RuCkkehr von Carl v. Ossietzky
Im Gefangnis gewesen sein, das ist ein groBes Erlebnis, das
kein politischer Mensch aus seinem Dasein streichen kann.
Es ist die Benihrung, mit einer abgesonderten Welt, die
eingemauert zwischen uns ragt und von der wir weniger wissen
als von Tibet oder der Osterinsel. Das Gefangnis, das heute
in Deutschland nicht mehr strafen sondern bessern und er-
ziehen soli, ist damit sozusagen zum Lazarett der biirgerlichen
Ordnung avanciert. Ich habe das Gefangnis nicht als ein Haus
der -gewollten Harte und der traditionellen Qualereien kennen
gelernt, aber auch so bleibt es ein Haus des Jammers, in dem
hinter jeder Eisentiir ein andrer trauriger Globus kreist, durch
schicksalsmaBige Verstrickung in dieser Bahn gehalten.
Schuld — ? In diesem Ha use faJlt das Wort nicht, hier gibt es
nur Opfer. Als ich zwei Tage vor Weihnachten hinausging,
hatte ich ein Wurgen im Halse, das so etwas wie schlechtes
Gewissen war, weil ich heimkehren durfte und die Andern
blieben.
Ich nehme nicht fur mich in Anspruch, daB dieses Gefiihl
etwas Apart es ist. Unzahlige haben so empfunden, und ganz
frei davon scheint nur eine Kategiorie zu sein, namlich der
Richterstand. Wenn der Rechtsprecher nur endlich einmal
mit dem Geheimnis der Zeilenhaft vertraut wiirde, wie anders
miiBten selbst die Urteile der biirgerlichen Justiz aussehen!
Bei der Amnestiedebatte im Reichstag hat ein deutschnatio-
naler Abgeordneter die Meinung vertreten, durch haufige Straf-
erlasse werde die Berufsfreudigkeit der Richter gelahmt. Ein
sehr strammer Herr, dieser Deputierte. Aber was fiir eine Auf-
fassung von richterlicher Tatigkeit!
Ober manches Gesehene sail noch gesprochen werden,
wenn die Eindriicke wirklich verarbeitet worden sind. Heute
sei mir nur das SchluBwort zu einem gewissen Kapitel gestattet.
Es ist in der ,WeItbuhne' in der letzten Zeit von mir etwas
zu viel die. Rede .gewesen, Zeitungsmenschen soil man nur
horen aber nicht sehen. Ich1 beklage aufrichtig, daB dieser
kleine Stilfehler vermerkt werden muB, und ich schreibe die
Verantwortung dafiir Umstanden zu, die keiner der freundlichen
Schreiber verschuldet hat. Jetzt, wo ich in die Redaktion zu-
riickkehre, ist es mir ein Herzensfbediirinis, alien, die meine
Freilassung durch Wort und Schrift, durch offentliche Zustim-
mung und politische Handlung unterstiitzt haben, alien, die
Zeichen von Sympathie in meine Zelle gelangen lieBen, meinen
Dank auszusprechen. Es ist selbstverstandlich, daB ein be-
trachtlicher Teil davon der Sach© und nicht der Person gait.
Der Kampf urn die Amnestie ging diesmal nicht um den Ein-
zelnen, wie etwa noch im Falle Max Holz. Es ist ja bekannt,
dafi schlieBlich die sozialdemokratische Fraktion den Ausschlag
gab, indem sie darauf beharrte: wenn der Landesyerrater nicht
freigegeben wird, so fallt das Ganze ins Wasser! Als dann spa-
ter die erforderliche Zweidrittelmehrheit zustande kam, be-
1 925
merktc ein sozialdemokratischer Abgeordneter resigniert: So*
jetzt kann er wiedcr auf uns schimpfen! Hm,
Die' ,Weltbu'hTie' hat ein kampfreiches halbes Jahr hinter
sich, und sie hat Geist und Bestand gewahrt. Das leipziger
UrteiL vom 23. November 1931 hat sich als Blindg anger er-
wiesen. Das ist das Verdienst der Mitarbeiterschaft mit Hell-
mut v. Gerlach an der Spitze. Wir wollen uns nicht gegen-
seitig feiern und fur groBe Manner erklaren, denn wir sind,
wenn man will, eine Verschworung, jedenfalls kein Verein.
Wenn auch getrennt, haben wir gemeinsam «ine drama tische
Zeit durchschrittent und das bindet mehr als St at ut en oder ein
ZeremonielL
Die Sitzung geht weiter.
Die NeudeCker Luft von Hellmut v. Gerlach
C s gibi einen Ausspruch Wilhelms IL, der ihm zur Ehre ge-
reicht: ,,Man darf mir nicht zumuten, Brotwucher zu trei-
ben." Oft in seinem spatern Leben hat er ihm zuwider gehan-
delt. Aber als er ihn Anfang der neunziger Jahre tat, stand
er unter dem Einfluft Leo v. Caprivis, der sich bemuhte, mit
Oesterreioh und RuB'land Handelsvertrage abzuschlieBeni, wo~
bei, Voraussetzung die ErmaBigung der deutschen Getreide-
zolle von 5, — Mark fur den Doppelzentner auf 3,50 Mark war.
Bismarck hatte immer Agrarpolitik zugunsten des GroB-
grundbesitzes getrieben, Er selbst war Latifundienbesitzer.
Ihm gehorten drei Herrschaften: Varzin, Schonhausen, Ffied-
richsruh. Die immer erhohten Zolle, die er seit 1879 durch-
gedriickt hatte, steigerten seine eignen Einnahmen sehr be-
trachtlich,
Sein Nachfolger, Caprivi, war General, und nichts wie
General. Die angesessenen Junker Ostelbiens verhohnten ihn
als den Mann ohne Ar und Halm. Sie fiihrten eine Campagne
voll Gift und Galle gegen ihn. Fur sie handelte es sich darum,
keinen Prazedenzfall entstehen zu lassen; ein Kanzler, der
die Wirtschaft nicht nach den engen Interessen der zwanzig-
tausend Rittergutsbesitzer, sondern nach den weiten Inter-
essen der Allgemeinheit behandelte, Der Kaiser, der zuerst
ganz auf Seiten Caprivis stand, wich vor der Fronde der
,,Stutzen des Thrones" zuruck. Nach wenigen Jahren war
Caprivi ein erledigter Mann.
Nie wieder seitdem ist auch nur der Versuch gemacht
worden, die Agrarinteressen der kleinen Minderheit den Ge-'
samtinteressen unterzuordnen.
Als Hindenburg Reichsprasident wurde, war er, wie
Caprivi ein General ohne Ar und Halm. Das muBte natiirlich
in den Augen der Ostelbier als ein Mangel erscheinen. Hin-
denburg stand ihn en nach Abstammung und Gesinnung sehr
nah. Aber inter essenmaBLg war er nicht mit ihnen verbunden.
Der weitaus schlaueste aller preuBischen Junker ist der
alte Herr Elard v. Oldenburg, GroBgrundbesitzer auf Janu-
schau in dem ostpreuBischen Kreise Rosenberg. Seit seinem
beriihmtent Ausspruch uber den Leutnant mit den zehn Mann
schatzt ihn das groBe Publikum als brutalen Polterer ein. In
926
Wirklichkeit ist er jedoch ein f einer Fuchs, Alles, was das
preuBische Junkertum so gefahrlich macht, findet sich in ihm
konzentriert und in gewissem Sinne sogar sublimiert.
Mit Herrn v. Hindenburg verbinden den Januschauer
engste Freundschaftsbande.
Als der achtzigste Gcburtstag Hindenburgs herannahte,
hatte der schlaue Elard den schlauesten Gedanken seines Le-
bens. Er veranlaBte die deutsche GroBindustrie, die damals
noch recht potent war, zu einer umfassenden Geldsammlung.
Mit diesem Gelde wurde das Gut Neudeck erworben. Es hat
sehr maBigen Boden und war zudem total heruntergewirt-
schaftet. Aber es gehorte Verwandten Hindenburgs und lag in
der Nahe der oldenburgischen Herrschaft.
Zum achtzigsten Geburtstag iiberreichte Herr v, Oldenburg
Neudeck als Geburtstagsangebinde seinem alten' Freunde. Das
Geschenk war in der Hauptsache gestiftet von der Industrie.
Aber durch die Person des Oberbringers muBte es fast wie
eine Gabe der Agrarier erscheinen. Obrigens wurde es im
Grundbuch nicht auf den Namen des alten Herrn, sondern auf
den seines Sohnes eingetragen,
Seitdem verbringt Hindenburg seine Ferien nicht mehr
unter den bayrischen Bauern Dietramszells, sondern unter den
Granden OstpreuBens* Der ihm seelisch so nah stehende
Januschauer ist ihm auch raumlich besonders nahe geriickt.
Sieht Hindenburg aus dem Fenster seines Schlosses, so
schweift sein Blick nach dem einst deutschen Korridor, was
kaum dazu angetan sein durfte, besonders freundliche Ge-
fuhle gegenuber Polen' aufkommen zu lassen, Sieht er sich
die Gutsrechnungen an, so bekommt er einen erschreckenden
Einblick in die Not der Landwirtschaft Bei einem devasti-er-
ten Gut von schlechter Bodenqualitat muB sie sich naturlich
besonders- bemerkbar machen. Auch hat weder Hindenburg
sen. noch Hindenburg jr. Landwirtschaft studiert. Keiner
von Beiden kann sich also mit Sachkunde um die Verwaltung
kummern, selbst wenn ihm sein Amt die Zeit dazu lieBe.
In wie schlechtem Zustand Neudeck an den damit Be-
schenkten gelangt ist, geht aus dem Rundschreiben hervor,
das die ,Weltbuhne' in ihrer letzten Nummer veroffentlicht
hat. In diesem Schreiben setzt Doktor Bernihard Grund, Prasi-
dent des* Deutschen Industrie- und Handelstages, auseinander,
daB nach der Obergabe des Geschenkes zwar noch „weitere
sehr erhebliche Mittel" aufgebracht worden seien, trotzdem
aber noch 450 000 Mark f ehlten, um das Loch ganz zu stopfen.
Er appelliert an seine Berufsgenossen, diese gewaltige Summe
durch Spenden a funfhundert Mark aufzubringen.
Es gibl im Osten eine ganze Anzahl von GroBgutern, die
immer nur ein fressendes Kapitai dargestellt haben. Sie sind
Musterbeispiele fiir den sanierungsunfahigen GroBgrundbesitz.
Nach dem Rundschreiben des Prasidenten Bernhard Grund
scheint Neudeck typisch fiir diese Abart des GroBbetriebes
zu sein,
Naturlich kanai auch ein Besitz wie Neudeck erhalten blei-
ben. Aber das ist dann ein Kunstprodukt, nicht das Ergebnis
einer rationellen Wirtschaf t, Mit Volkswirtschaft hat eine
927
solche Operation — standige Hineinstopfung von Kapital von
auBen her — nicht das Mindeste zu tun. Volkswirtschaftliche
Schliisse aus den Ertragsergebnissen eines Besitzes wie Neu-
deck zu ziehen, ware grober wirtschaftlicher Unfug.
Im Friihjahr hatte Minister Schlange-Schoningen einen
Plan ausgearbeitet, um die sanierungsunf ahigen Outer des
Ostens in Siedlungsland zu verwandeln. Herr Schlange ist ein
konservativer Mann, allerdings ein moderner Konservativer.
Er bewirtschaftet selbst mit Erfolg ein Mustergut in Pommern,
scheint also von Landwirtschaft etwas zu verstehen. Sein
Plan war keineswegs grundstiirzender Natur, Er wollte nur
an Stelle lebensunfahigen GroBgrundbesitzes lebensfahigen
Klein- und Mittelbesitz setzen. Schlange-Schoningen hielt
es eben fur unmoglich, immer weiter jedes Jahr Hunderte und
Aberhunderte von Millionen aus der Reichskasse den groBen
Giitern zu opfern, ohne etwas andres zu erreichen, als ihr
Sterben zu verlangsamen.
Hindenburg verbrachte einen kurzen Ferienaufenthalt in
Neudeck, Die ostpreuBischen Magnaten beschuldigten Schlange-
Schoningen des Agrarbolschewismus. Er muBte gehen. Er-
nahrungsminister wurde Freiherr v. Braun, der des Agrar-
bolschewismus nicht verdachtig ist.
Die Osthilfe wurde weiter zwecklos ausgegeben. Zu
welchen Absurditaten sie fiihrt, das beleuchtete sehr auf-
schluBreich eine Zeitungspolemik, die sich in den Spa 1 ten des
,Seelower Tageblattes* zwischen Nazis und Deutschnationalen
abspielte. Im Laufe dieser Polemik kam namlich unter anderm
zu Tage, daB der groBte Besitzer des Kreises Lebus, Graf
Hard^nberg auf Neuhardenberg, auch von d«r Osthilfe profi-
tiert hat. Dabei verfiigt dieser Herr tiber dreiBigtausend Mor-
gen Besitz. Ihm muBten die iiberlasteten Steuerzahler des
Reiches einen ZuschuBi leisten. MuB nicht jeder Arbeiter, je-
der Bauer, jeder Beamtc sagen; Zum Teufel, warum soil en
wir zahlen, damit dieser Graf seine dreiBigtausend Morgen be-
halt? Warum mussem wir ihn sanieren, wenn er sich selber
so leicht dadurch sanieren konnte, daB er von seinem Riesen-
besitz die Halite verkaufte? Mit funfzehntausend Morgen
. stand e er noch immer ganz anstandig da.
Freiherr v. Braun fugle der Osthilfe und den Zollen den
Kontingentierungsplan hinzu, dessen bloBe Bekanntgabe der
deutschen Industrie unabsehbaren Schaden gebracht hat. So-
gar sein Kollege Warmbold rebellierte dag eg en. Zwischen
der relativen Wirtschaftsvernunft Warmbolds und der abso-
luten Wirtschaftsunvernunft des Freiherm v. Braun schien kein
Ausgleich moglich.
Doch siehe da: Herr v. Schleicher nahm sie beide in sein
Ministerium auf. Sie haben, wie es nach den letzten Kabinetts-
beratungen scheint, ihren Frieden miteinander gemacht, auf
dem Riicken der deutschen Verbraucherschaft und des deut-
schen Exports. Von Kontingenten ist es allerdings still oder
wenigstens stiller geworden. Dafiir aber soil das arme Volk
durch Verteuerung oder Verschlechterung der Margarine biiBen,
dafiir soil die deutsche Handelsvertragspolitik durch eine Un-
menge neuer Agrarzollerhohungen geziichtigt werden.
928
Der Wille der Agrarier war Trumpf unter Papen (ubri-
gens, wie urn der Gerechtigkeit wille'n hinzugefiigt werden
muBf schon unter den republikanischen Regierungen vorher).
Der Wille der Agrarier bleibt Trumpf unter Schleicher.
Neudeck wirft seine Schatten ii'ber ganz Deutschland,
Wenn die Sammlung des Herrn Doktor Grund den erstrefe-
ten Erfolg hat, wird Neudeck bald in Glanz erstrahlen.
In der deutschen Wirtschaft wird erst dann eine Wendung
zum Bessern eintreten, wenn der Agrarpolitik von Januschau
und Neudeck das Kommando zugerufen wird: Das Gaiuze halt!
Wer regiert in China? von Asiatics
In Nanking, in der sogenannten Nationalregierung, herrscht der all-
■ chinesische Generalissimus Marschall Tschiang Kai-Schek. Diese
Regierung ist zwar international anerkannt, nicht aber national.
Kiangsu, wo Nanking, die Reichshauptstadt, und Schanghai, das groflte
chinesische Handels- und Industriezentrum und zugleich der wich-
tigste Platz der auslandischen Interessen in China, liegen, und einige
Nachbarprovinzen horen auf ihn; doch trifft auch dies nur cum grano
salis zu. In den nordchinesischen Provinzen mit Peiping als Haupt-
quartier Tegiert Marschall Tschang Hsue-Liang. In der Mandschurei
hat er ausgespielt, konnte seine Truppen aber, da er sie dort nicht
gegen Japan hatte kampfen lassen, groBtenteils behalten und regiert
nun mit ihnen in Nordchina, Er wird in Nanking anerkannt, da er
Tschiang Kai-Scheks Gegner, Jen Schi-San und Feng Ju-Hsiang, in
Schach halt; er bekleidet deshalb auch den Rang eines stellvertre-
tenden Generalissimus und erhalt bedeutende finanzielle Zuwendun-
gen zur Erhaltung seiner Truppenmacht. Die National regierung hat
aber in seinem Machtbereich nichts zu bestimmen. In Kanton regiert
jetzt der General Tschen Tschi-Tang, ohne die Anerkennung Nan-
kings. Dann existiert ein sogenannter Siidwestlicher Politischer Rat,
eine Art Zentralregierung fur Siidchina, die ihre Aufgabe darin sieht,
die siidlichen Provinzen bis an die westlichen Grenzen unabhangig von
Nanking zu vereinigen, sie von der Allianz Tschiang Kai-Scheks
und Tschang Hsue-Liangs zu separieren.
Die nun schon iiber zwei Jahrzehnte, seit dem Niederbruch des
Kaiserreichs, anhaltende Generalsherrschaft ist sicherlich der tra-
gischste Abschnitt der chinesischen Gesellschaftskampfe. Wahrend
ein wichtiger Teil des Reiches wegoperiert wird, regieren die Gene-
rale das iibrige China off ensichtlich in den Abgrund, reiBen es immer
mehr auseinander. Die Gefahr, dafl China in mehrere groBe Burger-
kriegslager zerfalle, war noch nie so grofi wie jetzt, wo der japa-
nische Eroberungskrieg doch das genaue Gegenteil bewirken mtifite.
Die Generalsherrschaft knebelt die Krafte des nationalen Wider-
stands, verschlingt den Lowenanteil aller offentlichen Einnahmen,
steht der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung im Wege und
verhindert durch die Konzentrierung ihrer militarischen Krafte auf
den Bxirgerkrieg nicht nur die gewaltsame Auseinandersetzung mit dem
auswartigen Eroberer sondern forciert noch den, Zerf all des Riesen-
reiches. Das gilt sowohl fiir die etwas fortschrittlicheren Generale
Kantons oder Nankings als auch fiir die rtickstandigeren Nordchinas.
Mogen sie subjektiy auch andre Ziele haben, ihre Handlungen gehen
alle in dieser destruktiven Richtung.
Die Generalsherrschaft ist die Spitze einer Pyramide, deren
Fundament die Hunderte von Millionen unter barbarischen Ausbeu-
tungsverhaltnissen darbender Bauern bilden. Seit ihre Produkte auf
dem Weltmarkt verhandelt werden, sind ihre Lebens- und Arbeits-
2 929
verhaltnisse noch viel schlechter geworden. Der Grundherr, der
Wucherer, dcr Kaufmann, der Bankier alten und neuen Stils, der
Industrielle, der auslandische Exporteur zehren an seinem Produkt,
der ihm verbleibende Rest wird immer kleiner und kleiner, wahrend
seine Landwirtschaft verfallt. Die Generalsherrschaft aber wacht dar-
iiber, dafi diese „Ruhe und Ordnung" nicht gefahrdet oder, wo das
der Fall ist, wieder hergestellt wird. Die Massen der entwurzelten
Bauern verwandeln sich teils in marodierende Banden, teils in Lands-
knechte eines Generals, der iiber sie ganz selbstherrlich verfiigt. Je
groBer eine solche Armee ist, um so grofier ist auch der Macht-
bereich und die durch sie erprefiten Einnahmen des Generals. Von
diesen Marschallen zu erwarten, sie sollten die von den Stadten
und dem Land geforderten Freiheiten und wirtschaftlichen Erleich-
terungen gewahren und eine groBziigige Reform der gesellschaftlicben
Verhaltnisse verfiigen, ist gleichbedeutend mit der Forderung, sie
sollten ihrer Herrschaft ein Ende bereiten.
Die im Allgemeinen noch geringe Industrialisierung der Stadte
ermoglicht es der Generalsherrschaft, von der kommerziellen und
industriellen Bourgeoisie besondre Tribute dafur zu verlangen, daB
sie den ZufluB der Rohstoffe vom Lande sichert, die Wege schiitzt
und das Banditentum niederhalt, worunter sie nicht nur marodie-
rende Banden sondern natiirlich auch die Auflehnung der Bevolke-
rung versteht. Die Stadte sind fur diet Generate konzentrierte Ein-
nahmequellen. Nach diesem Gesichtspunkt behandelt die Nationale
Regierung die Provinzgenerale. Die zivilen Verwaltungen sind meist
nur Attrappen des Provinz- oder Stadtgenerals. Forderungen nach
auch nur halbwegs demokratischen Stadtverwaltungen, die offentlicher
Kontrolle unterstehen, werden zwar manchmal akzeptiert, aber nir-
gends durchgefiihrt.
Die republikanische Staatsreform, die das Kaiserreich abgelost
hat, ist nur eine leere Hiille geblieben. Mit dem Schwinden der
Zentralgewalt, die in der Niedergangsperiode der letzten Dynastie
ohnehin nur sehr kummerlich war, wurde' das provinzielle Soldnertum
der ruhende Pol in der Erscheinungen Fluent. Nach der Nieder-
werfung der groBen Taipingerhebung und des Boxeraufstandes ging
der Kurs scharf in dieser dezentralisierenden Richtung. Das Kaiser-
reich verlor den letzten Halt, und die zunachst um seine Vizekonige
sich bildenden provinziellen Generalsmachte verselbstandigten sich
immer mehr. 1911 schwenkten sie zum grofiten Teil, sich den all-
gemeinen HaB gegen die verendende Mandschudynastie zunutze
machend, zu der durch Sun Yat-Sen in Nanking proklamierten Repu-
blik iiber, jagten die Vizekonige davon und gaben dem Kaiserreich
den Rest, Nun kam ihre Blutezeit und mit ihr die Aera der standigen
Burgerkriege; groBe Generalscliquen mit ihren Marschallen bildeteo
sich direkt oder indirekt, begiinstigt durch die verschiedenen imperia-
listischen Inter essenspharen.
Die Kuomintang verdankte dem wachsenden HaB gegen dieses
System ihren Aufschwung zu einer groBen biirgerlich-revolutionaren
Volkspartei, die mit Unterstiitzung der russischen Revolution zum ge-
fahrlichsten Gegner der Generalsherrschaft wurde. Unter der Fahne
der Befreiung vom Imperialisms und Militarismus, unterstutzt von
den Arbeitern und Bauern, fegte sie 1926/27 mit ihrer verhaltnis-
maBig kleinen Truppenmacht uber den Suden und Norden hinweg.
Aber diese Maienbltite der chinesischen Bourgeoisie war nur sehr
kurz. Der rasche Aufschwung der Arbeiterbewegung unter kommuni-
stischer Fuhrung bedrohte ihre Interessen. Aber fast noch mehr be-
unruhigte sie das stiirmische Erwachen des Dorfes, die Forderungen
der Bauernschaft nach Befreiung aus den verschlimmerten altchine-
sischen Ausbeutungsverhaltnissen. Da sie auf ihren Anteil an der
Versklavung der Bauernschaft nicht verzichten konnte, suchte sie schon
930
wahrend der Entfaltung des Kampfes in Sudchina, unter Fiihrung
Tschiang Kai-Scheks, nach Verbtindeten gegen die Arbeiter- und
Bauernmassen( deren Unterstiitzung sie andrerseits noch nicht ent-
behren konnte. Sie brauchte nicht lange zu suchen. Da die Kuo-
mintang gegen die Arbeiter- und Bauernmassen Front machen woll-
ten, war das auslandische Kapital zur Anerkennung ibrer Macht be-
reit. Die alten Generale aber, erschreckt von der Wucht der Bewe-
gung, hatten schon vorher, wie einst den Vizekonigen und dem Kaiser,
jetzt ihren Marschallen die Gefolgschaft versagt und waren mit flie-
genden Fahnen — natiirlich unter guten Bedingungen — zur Militar-
macht der Kuomintang iibergelaufen. Nachdem Tschiang Kai-Scbek
seinen Einzug in Nanking und Schanghai mit dem Terror gegen die
. Verbtindeten von gestern gefeiert hatte, waren schlieBHch auch die
Marschalle, soweit sie noch nicht geschlagen waren, zu Verhandlun-
gen bereit. Bald waren sie alle, neue und alte Marschalle, im mili-
tarischen Rat der Nankingregierung vereint, und auch der verhafite
Mandschu-Militarismus unter Tschang Hsue-Liang schloB sich scblieB-
lich dem Reigen an. Was von der Kuomintang tibrig geblieben war,
wurde von der aufpolierten Generalsherrschaft mit Haut und Haaren
gefressen.
Die Niederlage der Revolution war eine sebr schwere und fur
lange Jahre besiegelt. Auf dieser Grundlage konnte sich die Konter-
revolution wieder stabilisieren. Die Aufstande der Bauernschaft in
einzelnen Teilen Sud- und Mittelchinas mit ihren roten Armeen und
Sowj etlosungen sind nur sporadische Ausbrtiche, von der arbeiten-
den und kleinburgerlichen Masse der Stadte meist teilnahmslos hin*
genommen. Diese sehr heroische und fanatische Kampfbewegung zeugt
davon, daD die Verhaltnisse auf dem Lande fur die Bauernschaft
immer unertraglicher werden, daB das Agrarproblem immer dringender
eine Losung verlangt. Die brutalen Strafexpeditionen der Generale
mit ihren massenhaften Hinrichtungen und der Konfiszierung des
Landes zeigen, daB die gegenwartige Generalsherrschaft sich von der
fruhern nicht im Geringeten unterscheidet.
Die Kuomintang ist in mehrere Richtungen, meist nach den ein-
zelnen Machtbereichen der Generalscliquen, gespalten, und jede von
ihnen hat ihre Generale, oder besser: die Generale haben sie. Sie
hat sich inzwischen eine solche Reputation erworben, daB aus*-
gerechnet die Generale sie offentlich einer korrupten Politik bezich-
tigen konnen. Das stimmt zwarf doch was sie zusammenraffen, macht
nur einen Bruchteil dessen aus, was sich die Generale aneignen.
Das ist das Gesicht der chinesischen Generalsherrschaft von heute.
Die Verwendbarkeit ihrer Truppen gegen auswartige^ moderne mili-
tarische Gegner ist darum naturgemaB sehr gering; gar nicht zu
sprechen von der Ausrustung, der Schulung und Kampfmoral der
Soldaten. Der groBte Teil unterscheidet sich uberhaupt kaum von
marodierenden Banden und wechselt oft auch hin und her. Eine
Ausnahme bilden ganz wenige kleinere Armeen, die aber, teils in der
Hand der sudlichen, teils in der der nordlichen Generalsmacht, meist
gegeneinander operieren. So hat sich die 19. Armee, die jetzt in
Fukien fiir die kantoner Militarmacht Biirgerkrieg fuhrt, in Schanghai
sehr gut gegen die an Zahl und Ausrustung viel starkere japanische
Armee gehalten, allerdings mit aktivster Teilnahme der Bevolkerung.
Da sie aber zur sudlichen Armee gehortf hat ihr der allchinesische
Generalissimus auch wahrend der Kampfe die Besoldung verweigert.
Nur der Ruhm, den sie sich in Schanghai erworben hat, soil sie
davor bewahrt haben, daB Tschiang Kai-Schek sie nicht entwaffhen
liefi, weil sie urspriinglich mit feindlichen Absichten gegen ihn nach
dem Norden gekommen war. Ebenso ist es mit der Flotte. Die eine
Halfte davon gehort dem kantoner General, ein andrer Teil wiederum
Tschang Hsue-Liang und ein dritter, der kleinste iibrigens, Nanking,
wo das Ministerium der Flotte seinen Sitz hat.
931
SA kehrt marSCh! von Erich Peter Neumann
Cs 1st anzunehmen, daB Hitler die Treueschwiire seiner Amts-
waiter richtig zu bewerten weiB. Wenn er beim Antritt
seiner letzten Deutschlandreise noch geglaubt hatte, alle StraBer-
Elemente seiner Partei und alle oppositionellen Mitglieder der
SA allein durch seinen schonen Aiblick besanftigen zu kon-
nen, dann diirfte ihn sein hallenser Debut eines Bessern be-
lehrt ha ben- Dort verpnigelten in den festlich geschmiickten
Versammlungssaal eindringende SA-Leute die den Osaf be-
wachende SS. Beinahe hatte Hitler seine Rede, nicht zu Ende
fiihren konnen.
Wer heute von einer Garung in den Reihen der SA spricht,
drischt keine Phrase mehr. Der Stiirme hat sich eine flaue
Stimmung bemachtigt, die nicht allein durch StraBers Bestra-
fung erzeugt wurde. Sie bestand bereits vor dem Fiihrerkonflikt.
Die zahlreichen Meutereien und die auf der ganzen Linie
anhaltende Inaktivitat der SA wurzeln tiefer, als daB sie durch
einen Krach zweier Fiihrer hervorgeruien sein konnten. Das, was
den kleinen SA-Mann vor den Kopf gestoBen hat, was seinen
Glauben an das Dritte Reich erschiittert und was ihn zu Auf-
sassigkeiten gegen die Funktionare vom Sturmbanniuhrer auf-
warts verleitet hat, ist der „neue Kurs'\ der zu Miinchen in
kopfschmerzreichen Beratungen ausgeknobelt und dessen
Durchfuhrung den Unterhauptlingen als vorweihnachtliche
Oberraschung anbefohlen wurde,
Worum es sich handelt, ist aus einem vorsichtig andeuten-
den Interview zu erfahren, das der Stabsleiter der SA-Gruppe
Berlin-Brandenburg, Major v. Arnim, dem (Angriff gegeben
hat. Am 28. November konnte man in dem Goebbels-Blatt lesen,
es sei geplant, „die SA mehr aus dem rein politischen Dienst,
wie Saalschutz, Propaganda etcetera, herauszunehmen, urn sie
desto mehr im Wehr- und Gelandesport einzusetzen". Wenn
ein nationalsozialistisches Parteiorgan soviel zugibt, steckt ein
Vielfaches dahinter. Und in der Tat verbirgt Arnims Aus-
spruch den BeschluB der obersten SA-Fuhrung, die braune
Armee zu entpolitisieren, das heiBt aus ihr eine Rekruten-
truppe zu machen, die Soldaten spielen darf — aber nur spie-
len. Die Ausfiihrungsbestimmungen- der Verfiigung sind kurz
und biindig. Bei Zusammenkiinften in den Sturmlokalen darf
hochstens eine halbe Stunde iiber politische Geschehnisse ge-
sprochen werden. Daiiir hat man den Manoverdienst ver-
starkt. Dafiir miissen die erwerbslosen SA-Leute mit Sammel-
biichsen auf die StraBen gehen, um die ramponierte Partei-
kasse fiillen zu helfen. 2800 SA-Manner wurden zu diesem
Zweck am Silbernen Sonntag in den StraBen Berlins eingesetzt.
Als diese „neue Linie" stiickweise verkiindet wurde, ging
ein Entriistungssturm durch die SA. Heftige und erbitterte
Diskussionen setzten ein — sie wurden verboten. Aber die
— gleichfalls vexstimmten — Sturmfiihrer bissen auf Granit,
zum ersten Male lieBen sich die Hitlersoldaten nicht den Mund
verschiieBen, In dem berlin-friedenauer Sturmlokal „Ameise"
ist es zu ernsthaften Schlagereien gekommen, als ein Sturm-
fiihrer allzu energisch wurde.
932
' Die Masse der SA-Leute hatte die richtige Witterung, als
sie erklarte, daB die neue Linie von unverfalschter Kasernen-
hofluft begleitet werde. Ein betrachtlicher Prozentsatz der
SA-Leute hat daniber hinaus eingesehen, daB die durch Herm
Rohm verkiindete Entpolitisierung hauptsachlich das Ziel ver-
folgt, die politische Indifferenz der einfachen SA-Mitglieder zu
festigen. In dem berliner Sturm 9, Sturmbanh III/2, haben sich
etwa zwanzig langjahrige SA-Leute zusammengeschlossen, urn
eine Oppositionsgruppe aufzuziehen, ,,weil sie endlich mal fest-
stellen wollen, was Nationalsozialismus richtig ist"; und ihre
Meinung, daB alle neuen SA^Mitglieder keine Ahnung vom
Programm der Partei haben, ist keinesfalls falsch. Ihr Vor-
gehen hat bei den andern berliner Stiirmen starke Sympathie
gefunden. Und man erwagt ahnliche VorstoBe. Vorerst aber
bildet sich eine weiteste Kreise umfassende innerparteiliche
Opposition,
Dieses Echo hat man in Munchen nicht erwartet. In der
Post des Herrn Rohm befand sich mancher Brief, der respekt-
volle, aber entschiedene Beschwerden von Sturmfiihrern uber
die i^eue Linie enthielt. Aber so sehr man auch Meutereien
wie die in der kasseler SA fiirchtet, so sehr man tiber die Re-
bellionen im hamburger „Marinesturm" ent^etzt 1st, — so
wenig beabsichtigt man, den Kurs abzubiegen.
Das ist in den Ursachen der Reform begriindet, und um
sie zu begreifen, muB man kurz repetieren: durch die Befehls-
gewalt uber die SA war Hitler zu einem moglicherweise ge-
fahr lichen und darum begehrenswerten innenpolitischen Faktor
geworden. Die Existenz der SA beschwerte und beschwert
alle Regierungsverhandlungen, denn Herr Schleicher wurde
keinen Kollegen dulden, der eine Privatarmee unter-
halt. Und Hitler kdnnte die SA nicht, mit bestem Dank daiiir,
daB sie ihm in den Kanzlersessel verholfen habe, nach Hause
Schick en,
Cber einen Wehrsportverein SA hStte man mit sich reden
lassen. Die Verfiigung der neuen Linie war darum ein Ver-
such der Nazifuhrer, wieder einmal den sehr abgewetzten
Boden der Tatsachen zu strapazieren, Beim Wehr- und Ge-
landesport ware den SA-Leuten der groBe Traum vom Dritten
Reich langsam ausgetrieben worden. . . GewissermaBen als „Ab-
findung" wollten die Osafs die iberuhmte Forderung durch-
setzen: f,Drei Tage StraBe frei fiir die SA!"
Die Regierungsverhandlungen Hitlers sind; inzwischen zum
zweiten Male gescheitert, aber er diirfte Griinde daiiir ha.benf
die strikte Durchfuhrung des einmal erlassenen Entpolitisie-
rungs-Befehls zu fordern. Vielleicht ist man im Braunen Haus
nicht vom Ernst der Situation iiberzeugt, GroBere Konflikte
will man durch neue Koder vermeiden, Die iilegale Arbeit der
SA, die Zahl der geheimen Ausbildungskiirse ist verdoppelt wor-
den, und allerorts finden Instruktionsstunden an Geraten statt,
die man fiir langere Zeit in diverse Kisten und Schranke ver-
packt hatte. Die miBtrauischen SA-Leute sollen in dem Glau-
ben bestarkt werden, daB die NSDAP eine revolutionare Par-
tei ist. Aber die Koder geniigen nicht, der Besuch der Kurse
ist schwach, die Klagen der Sturmbannfiihrer haufen sich.
933
Die Zexsetzung der SA ist intensiver denn je. Der dtinne
Kitt des Volksgemeinschaftsmarchens, der die Klassenunter-
schiede kurzfristig verwischen konnte, platzt. Die Stiirme
haben den Elan verier en/ Die proletarischen Elemente der
SA haben aus den Diskussionen, in die sie die kommunisti-
schen Arbeiter systematisch und massenhaft hereingezogjen
haben, wenigstems soviel gelernt, daB sie ihren Fiihrern nicht
uber jeden Weg trauen diirfen, Der wirklich sozialistische
Fliigel5 der Mitgliederschaft ist am bittersten enttauscht.
Die Landsknechtsnaturen, diejenigen, die bisher Roilkom-
mandos gegen Antifascisten organisierten, beginnen jetzt, die
„LinientreuenM zu verprugeln, weil ihr politisch.es Ideal, die
Laternenpfahle so zu garnieren, wie sie es mochten, durch den
neuen Kurs eibenfalls der VerwirkUchungsmoglichkeit entruckt-
Es ist naturlich f alsch, zu glauben, daB die SA in die
Briiche geht, Aber sie macht eine schwere, vielleicht ihre
schwerste Krise durch. Nicht nur die berliner Stiirme rebellie-
ren, in alien Teilen der Provinz sieht es ebenso aus. Wie
raschi diese bei der sozialen Struktur des SA-Korpers friiher
oder spater zwangslaufige Entwicklung sich durchsetzen- wird',
kann man nicht prophezeien. Fest stent, daB die SA keine
Bef order ungschancen mehr sieht, und daB sie sich darum nicht
widerstandslos dirigieren lassen wird. Das Kommando, das
einer politischi interessierten SA „Keihrt — marsch!" befiehlt,
hat die ..Schlagkraft der Bewegung" nicht erhoht, wie es
Hitlers neue Anordnungen im Parteiapparat erreichen wollen.
DaB sie verlieren, wenn sie ihre politische Rolle gegen Sammel-
biichse und ledigliclr korperstahlenden Manoverdienst ein-
tauschen — das haben sogar die fanatisierten SA-Leute ein-
gesehen, Trotz der zwanzig Prozent, die ihrienj von dem Er-
gebnis der f,Winterhilfs-Sammlungen" zuflieBen « * *
Deutsche BeSprisOmiS von Gabriele Tergit
p\urch die berliner Presse ging vor kurzem folgende Polizeinachricht:
*-^ „In der; nordlichen Gegend Berlins hat die Unsicherheit fur das
Eigentum der Anwohner Formen angenommen, die fur den Winter
das schlimmste befiirchten lassen. Die Einbrtiche und Diebstahle, die
von zumeist jugendlichen Banden in Scbeunen und Bauernhauser und
Sommervillen ausgefiihrt werden, nehmen von Tag zu Tag zu. In den
allermeisten Fallen handelt es sich um Diebstahle von Nahrungs-
mitteln, also Kartoffeln und Riiben, die gleich mietenweise gepliindert
werden. Die Anwohner und Landjager* sind dem Treiben gegentiber
so gut wie machtlos. In einigen Ortschaf ten ist man im Begrif f ,
freiwillige Wachen zu bilden, um so das Eigentum der Kleinbauern
und Siedler, von denen viele kaum selbst das Notdiirftigste zum
Leben haben," zu schiitzen, Mehrere Verhaftungen, die in letzter Zeit
vorgenommen wurden, haben die erschreckende Tatsache ergeben, daB
die Tater meist jugendliche Arbeitslose aus Berlin sind. Die weiteren
Feststellungen der Polizei liefien erkennen, daB die Festgenommenen
tatsachlich aus bitterer Not zum Verbrechen getrieben worden sind.
Nur in den wenigsten Fallen ist die Beute in Berlin weiterverkauft
worden, vielmehr haben die Diebe sie untereinander geteilt, um so
fiir den schweren Winter vorzusorgen."
Ihre Geburt fiel in die Zeit des Kriegs. Ihre Mutter drehten
Granaten. Ihre Nahrung waren Kohlrtiben. Spater gingen sie rudel-
934
weisc auf Raub aus. Sie wurden, wie* wir alle, die wir versuchten,
hintenherum etwas Magenfullende9 zu bekommen, findige Raubtiere,
um Kartoffeln, ein Stuck Fleisch oder einen Salzhering. Als sie vier-
zehn waren, begann die Krise. Nie haben sie gearbeitet, Aus Fiir-
sorgeanstalten brachen sie aus. Kamen nach Berlin. Ohne Nahrung,
ohne Obdach. Wo bleiben sie? Die ganze Nacbt hindurch rumlaufen,
immer hin- und hertippeln, in Schneematsch und Strippenregen, mal
auf Boden, mal in leeren Kellern. Woher das Essen nehmen? Man
kann ein Kleiderstiick fur ein paar Pfennig verkaufen in der groCen
Warmehalle, Hier fragt keiner, woher und wohin. Der Topf Kaffee
kostet fiinf Pfennig. Dort ist der groBe Handelsplatz. Erbettelte
Stullen und schlechte Zigaretten und Westen und Jacken werden
verscharft. Vom Leib weg fur funfunddreiflig Pfennig. Gute Schuhe
werden fiir eine Mark hergegeben. So ungeheuer viel wert ist hier
das Bargeld, denn damit kann man sich fur vierzig Pfennig eine
Matratze fiir eine Nacht in irgendeinem Keller mieten, wo nicht nach
der Anmeldung gefragt wird. Mit dem Geld kann man den ganzen
Tag bei einer Molle in den paar Lokalen sitzen, zwischen Biilowplatz
und Mtinze, wo diese ganze Jugend immer wieder hemmkriecht. In
diesen ftirchterlichen, schmutzigen, schmierigen Lokalen, in denen ein
ewiges Bockbierfest herrscht und ein ewiger Katzenjammer. Papier-
girlanden und Lautsprechergebrull, oder falsche Exotik mit Lampions
und schwuler Musik, von morgens um sechs bis morgens um drei Uhr.
Wo die Luft der Holle herrscht von Korpern, die den ganzen Winter
nicht baden, von uralten Lumpen, von undurchdringlichem Zigaretten-
qualm, von Fusel und schlechten Fetten. Wo sich fiinfzehnjahrige
Jungen wie Madchen anbieten. Als vielbenutzte Nachmittagswarme-
halle hat der Obdachlose noch die gepflegte saubere schone Stadt-
bibliothekt aber die wird um neun Uhr geschlossen. Wo soil man bis
friih um sechs Uhr bleiben, bis di-ej Lokale mit Lautsprechergedrohn
und Grammophon wieder anfangen? Bis acht Uhr, wo in Arbeits-
amtern oder sonstigen Wartehallen einige Sitzgelegenheit zu finden
ist, vor klebrigen Mauern, was bleibt als Schlafstatte wieder andres
als Hausboden oder Keller oder eine eisige leere Laube draufien
im Laubengelande?
In diesem Elend, wo der Handel mit alten Sachen, die einzige
mit winzigem Kapital mogliche Erwerbsquelle ist, wo es vielleicht
noch einen Zufallsverdienst an der Markthalle gibt, oder ein, zwei
Tage Schnee schippenf da schlieBt man sich an andre an. Fiinf bis
zehn Jungen tun sich zusammen und bilden eine Clique, Fiihrer ist
der Oberlegendste an Korperkraft und Intelligenz, der Cliquenbulle.
Sie bilden eine Blutsbriiderschaft. Aufgenommen wird jeder nur nach
einem Paradestuck sexueller Hypertrophic Dann halten sie zusam-
men. Wo fiir? Wozu? Eine Weile findet der oder jener eine Arbeits-
gelegenheit. In diesen Cliquen findet sich nicht nur das Elend zu-
sammen, nicht nur der entlaufene Fiirsorgezogling ohne Papiere son-
dern Asoziale aller Gesellschaftsschichten. Sehr bald werden Diebes-
banden gebildet, auf Markten, Markthallen und dichtgefiillten Bahnen
werden den Arbeiterfrauen ihre paar Groschen entwendet. Homb-
sexuelle Beziehungen werden zum Erpressen ausgenutzt. Die Anstan-
digen oder die Schwachen oder die weniger Verbitterten miissen mit-
machen. Nichtmitmachen heifit Verrat. Auf Verrat steht die grau-
samste Eigenjustiz. Die Roheit siegt. Wer aus der Clique heraus-
will, kann nur fliehen, und zwar genugt schon die Flucht von der
Miinze bis Neukolln. Meist endet das alles im Gefangnis.
Es ist ein fast zu spannendes Buch, ein ungewohnlicher Bericht aus
intimer Kenntnis der Verhaltnisse, der dieses Leben der berliner Bes-
prisornis zeigt, der letzten, der armsten Opfer des Kriegesi und der
ersten armsten Opfer der Krise: Ernst Haffner „ Jugend auf der Land-
straBe Berlin" (Verlag Bruno Cassirer; 4,50 und 3,80).
935
LandstraBe Berlin! Denn das ist es. Alle LandstraBen Deutsch-
lands fiihren nach Berlin. Hier au! der Munze ist fur zehntausende
arbeits- und obdachloser Jugend der Rendezvousplatz. Aus alien
Fiirsorgeanstalten, aus alien Gefangnissen, vom Lande, von zu
schwerer Landarbeit, tippeln sie straBauf, straBab nach Berlin, sie
fabren als blinde Passagiere nach Berlin, sie fahren mit ordentlichen
Billetts nach Berlin, immer nach Berlin. LandstraBe Berlin ist die
Miinz- bis LinienstraBe. Diese Welt schildert, von der andern Seite
gesehen, auch das sehr wichtige Buch von Justus Ehrhardt „Strafien
ohne Ende" (Agis-Verlag; 3,75 und 2,85), Erhardt ist Fiirsorger am
Jugendamt Berlin, und das Buch ist vor allem durch den charakter-
vollen, seltnen Mut ausgezeichnet, die Fiirsorgeerziehung, diese Abtei-
lung der Jugendfiirsorge, ja den ganzen behordlichen Apparat derart
anzugreifen, Der Apparat totet die Menschen, treibt den, der guten
Willens ist, dem Verbrechen itx die Arme. Das ist das vollkommen
eindeutige Urteil. Die einmal tingeleitete Fiirsorgeerziehung wird
auch dann aus Bureaukratie aufrechterhalten, wenn man erkennt, daB
sie ungeeignet ist und sehr anstandige Eltern ihr einmal kriminell
gewordenes Kind wieder nach Haus nehmen wollen. Ein fiirchter-
licher MiBstand, der wieder Tausende zu Besprisornis macht, zu
Landstreichern auf den LandstraBe Berlin,
Es ist ein wunderbarer Mann, der sich mit Tolstoischer Men-
scbenliebe einer etwas ho hern Schicht dieser Jugend annahm: Albert
Lamm, Er hat ein ergreifendes, stilles, kunstloses Buch tiber diese
Jugend geschrieben, „Betrogene Jugend" (Bruno Cassirer; 4,50 und
3,80), Es sind nichts als Auf/eichnungen von Erlebnissen mit jugend-
lichen Arbeitslosen in einem Tagesheim der Stadt Berlin, wo Lamm
Zeichenunterricht gibt, Zuerst ein schweres Zusammenleben. Diese
Jugendlichen erkennen nichts an. Mutwillig wird das gemeinschaft-
liche wie dasi private Eigentum gestohlen und zerstort, keine Zeich-
nung ist sicher, keine Jacke, keine Mutze, aber auch nicht die gemein-
same Einrichtung des Heims. Die Lichtleitungen werden heraus-
gerissen, die Wande beschmiert, die geringe Ordnung in so einem
Heim, der Arbeitszwang von einer Stunde wird nur hochst widerwillig
ertragen. von Solidaritat ist keine Spur. Langsam wird die Schale
gelost, die eine Abwehrschale ist, geformt von Not, Hunger und vielen
Priigeln. Lamm tastet, findet auf vielen Wegen das Einfache, daB die
Unruhe und Sehnsucht dieser armen Menschen ins Leere stoBt, ins
Nichts. Lamm weiB, daB unter den Heimbesuchern regelrechte Ban-
dendiebe sind. Der Polizei anzeigen kann er keinen, denn das wtirde
den Charakter des ganzen Heims zerstoren. Was tun? An welche
sittliche Weltordnung, die ihre Triebe bandigt, sollen sie glauben?
Und Lamm stellt die Dostojewski-Frage; Warum ist das Kindlein
arm?
Die Sehnsucht der Jungen ist eng begrenzt, eine Zigarette und
ein Kino fur vierzig Pfennig erscheint die ergreifend geringe Er-
ftillung, Er meint, sie hatten ein sittliches Ideal, das Ideal des „an-
standigen Menschen", der nichts- mit dem moralischen Menschen zu
tun hat. Er findet bei ihnen ein£ mystische Hingabe an die Natur,
eine neue Metaphysik. Er bekommt es fertig, ihnen zu beweisen,
was Solidaritat bedeutet, DaB der Mensch es ist, der seinem Neben-
menschen das Wichtigste zu geben und leisten hat. Hier wurde ein
Heim geschaffen, das eine wirkliche Hilfe war, auch fiir jene voll-
kommen Vereinsamten, die vom Leiden schon so kaputt gemacht
sind, daB sie nichts weiter wollen, als Andre leiden machen, Man
sollte meinen, dieses Heim von Lamm fur jene Jungen, die oft genug
auf der StraBe hungern und frieren, miiBte sich des auBersten Wohl-
wollens der Behorde erfreuen, Aber nein! Dieses Heim, in dem die
Jungen jahrelang blieben, wurde durch einen unbegreif lichen Beschlufi
einer ehrenamtlich wirkenden Kommission aufgelost. Lamm schreibt,
der Beweggrund zu solcher Auflosung sei politisch gewesen, „in der
936
traurigsten Verirrung politischcn Denkens, man will mit diesen Ver-
ordnungen eine moglichst groBe Zahl erwerbsloser Jugendlicher er-
fassen. Das erreicht man, indem man bei groBer Beschrankung der
Ausgaben fur Heime und Personal , recht viele Jugendliche durch
diese Heime marschieren laflt und keinen 1 anger en Aufenthalt als
ein Vierteljahr erlaubt. Wenn die Alten zu mir kommen, weil sie
Hunger haben, weil sie auf der Strafie liegen und nicht wissen, wo
sie bleiben sollen, weil sie nur einmal wieder zusammen sein wollen,
mufi ich sie fortschicken, weil sie schon vor einem Vierteljahr hier
waren. Dazu miissen die ohnedies iiberlasteten Beamten des Arbeits-
nachweises nebenbei statistische Arbeiten iiber Zu- und Abgang der
Jugendlichen fiihren, die nur den einen Zweck haben, Zahlen fur
politische Bierreden zu gewinnen, ein wie hoher Prozentsatz von er-
werbslosen Jugendlichen durch diese Arbeitskurse erfaBt werden-
Sogar Kurse fiir den Bau von Segelflugzeugen sind eingerichtet, da-
fiir weifi man die Mittel zu schaffen. Aber das gibt schone Photo-
graphien fiir die SpieBerfeigheit, die beim Kaffee im Morgenblatt-
chen gern liest, wie herrlich alles cirgerichtet wird. Dafi mit all dem
Unsinn das Gegenteil einer sozialen Fiirsorge erreicht wird, erfahrt
ja kein Mensch. Es gibt Heimbesucher, die lieber nach Hause gehen,
weil ihnen das Essen zu Hause besser mundet,"
Liest. man diese Biicher, so halt man es nicht fiir moglich, mit
wieviel Torheit auch in den einfachsten Sachen verfahren wird. Es
wird genau das Falsche getan. Alle sind sich einig iiber die Mangel
bei den ungemein hohen Kosten der Fursorgeerziehuhg. Es geschieht
nichts. Und hier hilft man, statt Wenigen wirklich, Vielen, aber
denen gar nicht.
In diesen Biichern aber weht auch der Sturm jener garenden, be-
gabten, brodelnden neuen Jugend, der jugendlichen Erwerbslosen von
Berlin, in denen die Zukunft ruht und von denen jetzt nur die Poll-
zeiberichte melden.
Kille mit SchmUS! von Walter Mehring
Anstatt einer literarischen Vorbemerkung folgen einige per-
sonliche Daten, die meine Berechtigung zur Niederschrift der
bei den Bande ftDie Nation greif t an" und „Front des , Natio-
nalismus" dartun: Mit 16 Jahren Kriegsfreiwilliger im Garde-
Fusilierregiment, Mit 18 Jahren aktiver Leutnant im Infanterie-
regiment 46. Somme, Flandern, Tankschlacht, Marzoffensive,
Abw.ehrschlachten, Grenzschutz, Ehrhardtbrigade, Kapp-Putsch,
Oberschlesien, Schwarze Reichswehr, Ruhrkrieg, Feldherrnhalle.
Viermal verwundet. Schwerkriegsbeschadigt. Sechsmal ver-
haftet. Vierzehn Gefangnisse des Staates von Weimar kennen
gelernt. Nicht vorbestraft.
Co beginnt der chemalige Stahlhelmredakteur, spatere Na'zi-
** fiihrer, seit 1929 „keiner Bcwegung mehr angehorende"
Friedrich Wilhelm Heinz eine Niederschrift, die anders, als er
es glaubt, ein Krankheitsbild aus dieser Zeit geworden ist.
Wie er aus Lebensdaten die Berechtigung zum Schreiben ab-
leitet, so sucht er aus einem nur medizinisch kommentierbaren
Wust von Blutrausch, Lyrik, gefalschter Historie, verirrter
Griibelei das Recht zum Menschentoten zu erweisen. Was er
an ScheuBIichkeiten aufzahlt — die stets heldisch sind, wenn
sie von seinesgleichen veriibt werden, viehisch, wenn sie der
Gegenseite angeschrieben werden — das erzahlt er kollektiv,
Stellt aber als literarischen Aktivposten eine Bilanz seiner
Privatleiden voran: das habe ich durchgemacht! Denn nur er
3 937
und seinesgleichen hat gelitten. Juden, Polen, Gcgncr tiber-
haupt leiden nie.
Am 1. und 2. Mai machte nach kurzem blutigen Kampf der kon-
zentrische Einmarsch norddeutschert bayerischer und wiirttembergischer
Frcikorps dem mtinchener Blutrausch cntsprungcner Tollhausler, un-
gewaschener Literaten und syphilitischcr Sadisten ein Endc. Die
bestial ischsten der Geiselmorder wurden standrechtlich erschossen.
Ernst Toller, der sich mit roter Perucke und in Frauenkleidern in
einen verschwiegenen und sonst nur „Fur Frauen" bestimmten Ort
zuriickgezogen hatte, blieb der Literatur erhalten.
Toller hat alle Kriegsgreuel erlebt Das zahlt nicht. Toller
hat fiinf Jahre gesessen. Das verschweigt der deutsche Mann.
Hingegen:
Die feinnervigen Gesichter der Balten des Major Fletscher zuck-
ten auf unter den Peitschenhieben der Geriichte, die wie schwarze
Todesvogel schaurig das Land dufchflatterten.
Diese Fuhrernaturen sind furchtbar feinnervig; sie reiten
immer gen Ost, brandschatzen die Logik, requirieren das Ge-
miit in weitem Umkreis, nahren sich von den Lesefriichten
deutscher Klassenaufsatze und waten bis an den Nabel in
metaphorischem Blut. Blut wird in alien Spielarten verschwen-
det, weil wirs ja dazu haben; der deutsche Nationalismus ist
eine Einheit von Glauben, Blut und Geschichte; Blut wird von
Quellen aus Dom und Dorf, aus Wald und Lied gespeist, und
blutmaBiger JudenhaB lodert aui; die Wesensgeschlossenheit
des Fuhrers reiBt in blutiger Strenge die Beherzten fort; beim
Spartakusaufstand gibt es viehische Blutorgien, bei denen sich
entmenschte Weiber besonders auszeichnen; und Blut in fein-
sten Qualitaten: Auswanderung leitet wagemutiges Blut nach
Amerika abt das dort versickert, und Hekatomben besten Blu-
tes werden fur Kurlands Freiheit geopfert. Was nicht blutig
ist, ist mindestens deutsch; die Definition ist einfach — un-
deutsch sind alle andern:
Die sogenannte Novemberrevolution fuhrte alle diejenigen Krafte
und Elemente zur Alleinmacht, die von der nationalistischen Front
als undeutsch erkannt worden waren ...
Polen und Franzosen begehen Meuchelmorde, hingegen:
Die „Fememorde", die nicht das mindeste mit „Morden" zu
tun hatten, sondern gewissenhaft vollzogene Akte staatlicher Not-
wehr darstellten, bildeten die Voraussetzung fur den Erfolg des Frei-
heitskampfes,
Befreien ist iiberhaupt die Lieblingsbeschaftigung des
Friedrich Wilhelm Heinz. Befreit wird das Baltiktim vom
Bolschewisnrus mit dem Endergebnis, daB ,,das rotleuchtende
Fanal blutiger Raserei den Ruckzug sichert", Befreit wird
Deutschland von den Westmachten durch ein Biindnis niitRuB-
land, die Welt vom Marxismus, das Volk sowohl von der All-
macht des Geldes wie von materialistischer Klassenwertung.
„Von jener iiberwaltigenden Offenbarung der deutschen Inner-
lichkeit in Mozart und Beethoven, . Goethe und Schiller, Kant,
Fichte und Hegel'1 — welche Liste sich muhelos durch Schme-
ling und Hanns Heinz Ewers, Otto Gebuhr, Goebbels und
Hjalmar Schacht erganzen lieBe — springt er iiber zur „Gna-
denlosigkeit, wie sie dem Biirgerkrieg zwischen Briidern des
gleichen Volkes anhaftet" und sich so auswirkt:
938
Oberleutnant Marloh nahm in der Franzosischen StraBe 29 Mann
der Volksmarinedivision gefangen und HeB sie durch rasch herum-
geworfene Maschinengewehre zusammenschieBen, In Lichtenberg
, schlachteten die Aufstandischen blaue Schutzleute, die kaum am
Kampfe teilgenommen hatten, ab. Die Harten des Kampfes hielten
sich die Wage, ScheuBlichkeiten wurden jedoch weniger von der
Truppe, dafiir aber ura so mehr vom Mob verubt.
Was in diesen wenigen Satzen sich mcngt, lafit sich kaum
noch erlautern. Mit dem Begriff; Gnadenlosigkeit soil alles
veredelt werden. Aber gleich wcndct er sich mit deutlichem
SchmiB zu rasch hcrumgcworfcnen Maschinengewehren. Und
gleich bereut er wieder und flicht die beriichtigte Luge von
Lichtenberg ein. Und gleich schrickt er zuriick und will ge-
recht erscheinen: Die Harten des Kampfes hielten sich die
Wage. Und dann ist es aus; nichts mehr van Gnadenlosigkeit
und Briidern des gleichen Volkes; , .ScheuBlichkeiten wurden . .
urn so mehr vom Mob verubt". Angst vor dem Herrentum;
Angst vor der Nivellierung in der Masse; Angst vor dem Le-
ben; und selbst Angst vor dem Tode. Daher diese Fluent in
den Fatalismus; ,,So kehrte die iibriggebliebene Auslese der
Nation heim."
Die Auslese; wagt er nicht zu schreiben. Und schrankt
ein zum Widersinn: iibriggebliebene Auslese. Die grauenhafte
Unsicherheit fiihrt zu Denkexzessen, die in einem Katzenjam-
mer aus Nietzsche, Marx und Kasernenhof enden;
Aktivismus der Tat!
Magie des politischen Mordes.
Alle Entscheidungen von geschichtlichem Rang fallen im Seelischen
und Geistigen, ehe sie sichtbar und verwirklicht werden. Der Mensch
ist immer nur Werkzeug und Vollstrecker jener Gottesurteile, die er
hinterher Vorsehung nennt. Die Kugeln der Morder und die Todes^
keime der Seuchen, die Geschosse der Schlacht und die todlichen
MZufalIe" des Alltags sind nur denen gefahrlich, deren grofle oder
kleine Aufgabe er fill It ist. Wer in der Wirksamkeit seines Amtes den
Spruch der gottlichen Macht vollzieht, in deren Dienst und Schutz
er steht, ist gefeit. Wer fallt, ist zu schwach fur das Werk, und die
Idee wird nicht von seinem Tode betroffen . . . Der Fatalismus ist die
dem Nationalismus am meisten entgegengesetzte Haltung,
Und man fragt sich, wo man diese Art zu philosophieren
schon mal gelesen hat? Wo war das bloB? Ach, richtig:
Wie de Wald «ndschdandn iss? Nu, das iss ganz eefach. Da
machj gar kee Geheimnis draus, De Wald iss uff de nadierlichsde
Weise dr Wald endschdandn.
Bei Hans Reimann! Und dann ist einem wieder wohler.
Unn middr Historje da isses ahmd ganz genau so, Versailles:
Todliches Schweigen der ordensbunten Versammlung, uber welcher
der Parfumduft der wie zu einem Schauspiel herbeigeeilten Minter-
alliierten" Damen lag, nahm diese Kampfansage des deutschen Aristo-
kraten entgegen.
Oder;
Als es moglich war, im Jahre 1905 die Umstande zu beseitigen
durch einen Angriffskrieg gegen das schwache Frankreich oder das in
Ostasien geschlagene RuSland, wurde der Augenblick verpafit.
So etwas spricht zu andern Menschen. So etwas geht so-
gar wahrscheinlich in kritiklose Hirne ein. Solcher Wahnwitz
erhalt die verfiihrerische Bestatigung durch Drucklegung;
939
Die Vision steht nicht minder erhaben und beschamend am Him-
mel der verpaBten weltgescbichtlichen Moglichkeiten . . .: Ablehnung
des Friedens, Fortfiihrung des Krieges als Volksr evolution, Hinein-
wachsen der Volksrevolution in die proletarische Klassenfront, die da-
mit zur Front der proletarischen Nation geworden ware, Uberrennung
Polens und der Tschechei, Ausblutung Frankreichs und Englands in
der ostlichen Weite, zwangslaufiges Bundnis mit Rufiland, damit aber
ein friihes und fur die Entscheidungen rechtzeitiges BewuBtraachen
des russischen Nationalgefiihls*
Dieses Programm ist aber keineswegs erhaben sondern
ein Plagiat an bolschewistischer Revolutionstaktik, vermehrt
urn eine Oberlehrervision. Das Pathos des neurasthenischen
Helden reicht von Kosmos bis Klosett:
Die Antike kennt den Begriff der Schicksalsherausforderung und
nennt ihn Hybris . . . Der Jude Walther Rathenau auf dem Platz, der
einst das Vorrecht Bismarcks gewesen . . . verletzte die geheimen und
ungeschriebenen Gesetze des Reiches zu sebr, als dafi der Mythos des
Reiches es auf die Dauer hatte ertragen und binnehmen konnen.
Auf gut deutsch aber heiBt das: Kille mit Bildung! Kein
Ereignis, das nicht den Wissensschatz der Denker und Dichter
bereichert:
Schulz und Tillessen entkamen ins Ausland, nicht ohne vorher die
bald darauf beschlagnahmten Akten durch den Entwurf einer „Ver-
nichtungsordnung fur verfangliche Dokumente" bereichert zu haben,
deren wichtigster Satz lautet: „Ohne Zeugen personlich verbrennen,
Asche dreimal umruhren, in die W. C.-Schussel werfen, Wasser
ziehen" . . ,
,,Die Glaubenstiefe Ekkehards . . . die unpersonliche
Pflichtversunkenheit Friedrichs, die Allverbundenheit Goethes
und die eiskalte Methodik Hegels" haben bci dieser Erkennt-
nis wahrscheinlich Pate gestanden. Aber das wahre Ideal sieht
ganz anders aus. Namlich so:
Der Krieger, der das Leben ebenso liebtt wie er den Tod verachtet,
vermag in keinem Falle dem Leben einen Eigenwert zuzusprechen . . ,
In friedlichen und gesicherten Zeiten mag es dem Krieger verstattet
sein, mit gelassener Nachsicht auf das verachtliche Gewimmel derer
herabzusehen, denen das Leben zum Selbstzweck geworden ist,
Hochstes Gliick dieses Erdenkindes: als Lieutenant die
Linden. Lang flanieren, voll wblutmaBigem JudenhaB" und mit
gelassener Nachsicht fur das verachtliche Gewimmel des eig-
nen Mobs sowie der gesamten iibrigen Welt Ganz folgerichtig
erwahlt er sich drei Vorbilder: Bismarck, Brockdorff-Rantzau
und Noske:
Noske war nie Soldat gewesen. Aber er hatte den klaren und
gesunden Sinn des einfachen Mannes, dem die marxistische Theorie
niemals den Blick fur die Erfordernisse einer Lage truben konnte.
Das ist so wahr, daB man es auf den Grabstein dieses So-
zialdemokraten setzen sollte. Noske kann stolz auf solches
Urteil sein, denn sein Bewunderer ist so streng, daB er selbst
Hindenburgs Schicksal bemakelt:
Hindenburg . . . hatte drei Kaisern gehorcht und war in ' Krieg und
Revolution zur bewahrenden Kraft geworden fur alle mythisch-volk-
haften Bestandteile der deutschen Seele. Sein Wesen strahlt Ehr-
furcht aus. Sein Untergang im Kampf hatte ihn unter die groBen
Heroen der Geschichte gesetzt.
Ein wirklich kiihner Konjunktiv!
940
Und so — um mit der ,BZ* zu sprechen — ,*gibt Friedrich
Wilhelm Heinz aus einer Distanz heraus, die er in den letzten
Jahren gewonnen hat, eine schon historische Obersicht" — die
sich wohl in seiner Feststellung zeigt: Die demokratische Presse
der Ullstein und Mosse habe den Beweis erbracht, MdaB ihren
Verfertigern die kotige Sprache des rattenhaft emportauchen-
den Untermenschentums innig vertraut war'*. Und stent am
SchluB vor diesen zwei kiimmerlichen Notwendigkeiten:
Die Wiederherstellung des karolingischen Zustandes vor der Tei-
lung von Verdun im Jahr 843, das heiflt unter den heutigen Umstan-
den das bedingungslose Aufgehen Deutschlands im grbflfranzosischen
P^neuropablock zwischen den Pripjetsiimpfen und den Pyrenaen oder
den deutschen Kampf bis zur volligen Vernichtung Frankreichs ein-
schliefilich seines polnischen Vasallen. Die nachsten Jahrzehnte wer-
den im Zeichen dieses Vernichtungskampfes stehen.
Der Verlag: Das Reich bcehrt sich vorzufuhren; eine aui-
bauwillige Kraft!
Zu Joseph Roths „Radetzkymarsch"
von Alfred Polgar
rjer Roman Joseph Roths: „Radetzkymarsch" (Verlag Kiepen-
heuer; brosch. 5,20; geb. 6,80), viel gelesen und viel ge-
rtihmt, an Ehren und Auflagen reich, kurz, mit dem Odium
des allseitigen Erfolgs belastet, ist dennoch ein bezwingendes
Buch, ein mit groBer kiinstlerischer Prazision geformter, geist-
durchhellter Bau aus Worten, in dem ein ganzes Reich und
seine besondre Ideologic, verkorpert in Menschen und
Menschen-Schicksalen, Unterkunft gefunden hat.
Die Monarchie Franz Josephs lebt in dies em Roman ihr
letztes Leben. Noch geht alles seincn altgewohnten, in Jahr-
hunderten eingewerkelten, Gang und MiiBiggang, noch tun der
Mechanismus und die Menschen, die ihn bedienen, als hatte die
hymnische Liedzeile ,,Oesterreich wird ewig stehn" die Giil-
tigkeit eines Weltgesetzes. Aber es mischen sich in dieses
Konzert des unbeirrten Nur-so-weiter-Machens Stimmen aus
dem Dunkel, Klopftone der Geister, die den nahen Untergang
ankiindigen, das Tacken des Totenwurms im Hause, im Haus
Oesterreich, das feme Sausen des Finsternis-Windes, der
groBe Beben zu begleiten pilegt. Diese macabren Gerausche
vcrdichtet Joseph Roth, ein Moll-Toner ersten Rr.nges, zur
schwermiitigen Musik und verwebt sie in seine alt-oster-
reichische Partitur (so wie sie sich las, als Lemberg noch ganz
fest in unserem Besitz war),
Er nimmt an und erzahlt, daB in der Donau-Monarchie
schon lange vor 1914 ein .grofies Ahnen umging von komfnen-
der Auflosung und Zerstorung des wunderlich-unnaturlichen,
wunderlich-reizvollen Mosaiks aus Volkern und Nationen, die
sowohl eng beieinander wohnten wie sich hart im Raume
stieBen. Hier ware vielleicht skeptisch anzumerken, daB aus
dem, was eingetroffen ist, Ahnungen, dieses Eingetroffene
werde eintreffen, leicht nach vorne zu datieren sind, daB, vom
Endpunkt ihres Ablaufs betrachtet, eine Entwicklung schon in
ihren Anfangen als auf diesen Endpunkt hinstrebend sich er-
941
kennen laBt. 1918 stellten Histbriker fest, b ere its die Staaten-
griindung Rudolphs von Habsburg sei faul gewesen und babe
den Keim des Verfalls in sich getragen. Wie recht hattcn sic!
Knapp sechshundert Jahre spatcr — und schon war auch dcr
Krach unabwendbar da.
In typischen Figurcn, als deren typischste Franz Joseph
gezeichnet ist, spiegelt Roth die besondere Denk-, Gefiihls-
und Wesensart des osterreichischen Menschen, von dem es
hieB, er sei schwarz-gelb bis in die Knochen, und dessen Sen-
dung es war, dort, wo die Farbe1 nicht so tief ging, sie min-
destcns als auBeren Anstrich unversehrt zu erhalten. Das
groBe Wetter wusch sie dann rasch genug herunter. Bewun-
dernswert, wie die Kunst des Erzahlers Roth das private und
symbolische Dasein des alt en Kaisers in eins verkntipft, den
Menschen und den Mythos, die wechselseitig voneinander
lebten. Klein erscheint die Gestalt, aber riesengroB der Schat-
ten, den sie wirft. Die Schilderung dieser Mittelpunktfigur, auf
welche alles Tun der, die eigentliche Romanhandlung uns vor-
handelnden, Hauptpersonen d^s Buchs geheimnisvoll be-
zogen' ist (alt-osterreichische Gravitation!), wirkt vollkommen
iiberzeugend, sie ist sozusagen von groBter seherischer Int imi-
tate Roth wa^ im Arbeits- und Sterbezimmer des Kaisers, da-
bei, obwohl er ja bestimmt nicht dabei war, und was er er-
zahlt, hat seine Wirklichkeit, wenn es auch in Wirklichkeit
ganz anders gewesen sein mag, als er es erzahlt Wahrheit,
obschon Dichtung. Man konnte auch sagen: Wahrheit, weil
Dichtung.
Weniger uberzeugend ist Joseph Roth, wo er, in seiner
Freude an motivischen Beziehungen und Verkniipfungen, in
das Seelenleben seiner Gestalteni hineinsetzt, was er aus sol-
chen Beziehungs- (und vielleicht auch Stimmungs-) Griinden
dort braucht- Wenn €twa der Leutnant Trotta, in einem
schicksalhaiten Augenblick, unwillkiirlich an den langbartigen
rabbinischen GroBvater des toten Regimentsarztes denken
muB, so konnen wir das glauben oder auch nicht. Ich glaube
es. Aber zwingend ist es keineswegs. Was fur ein Schrift-
steller, dem man nichts Schlimmeres vorzuwerfen hat, als
einen UberschuB an psychologischer Phantasie!
Auf ziemlich einsamer Hohe steht die Sprachkultur dieses
„Radetzkymarsch'\ An seinen Verben sollt ihr den groBen
Prosaisten erkennen. Sie sind das eigentlioh lebentragende,
Reiz un4 Spannung vermittelnde; Nervengeflecht der Sprache.
Ich bewundere Roths Zeitworter sehr. So gesattigt sind sie
mit Inhalt, so viel Besonderes des Tuns und Leidens, das sie
ausdriicken, geben sie wieder, so viel adjektivische Farbe ist
in sie eingeflossen. Bau-meisterlich) ist der ganze Roman ge-
fiigt und gegliedert, musikalisch ausgewogen jeder Satz, un-
iibertrefflich gut die Akustik des Gedankens in diesem so
stark wie schon gefiigten Sprach-Bau.
Eine sonderbare Caprice Roths ist es, daB er nicht ,,Pferde"
schreibt, auch nicht ftRosse'\ sondern stets: „R6sser'\ Nach
allgemeinem Sprachgebrauch wird diese Vulgarform selten an-
gewandt, wenn von Pferden, meistens nur, wenn von Menschen
die Rede ist.
942
Jagd aUf Greta GarbO von Berthold Viertel
Greta Garbo in Europa? In London? In Paris? In Budapest?
In Wien?
Greta Garbo entdeckt, verfolgt, gestellt, entwischt?
Ich sehe folgendes Bild; Reporter und Verehrer sttirzen sich auf
eine Frau, umringen sic, umdrangen sie, betasten sie, reifien ihr eine
schwarze Brille von der Nase, starren in ein Gesicht, in das sie ihren
Atem hauchen, Der Atem ist nahe, der Atem ist schlecht. Das Ge-
sicbt ist erblaBt, die Lippen zittern, Diese Lippen versuchen Worte
zu bilden, es klingt wie: „Ich bin nicht Greta Garbo." Die Frau
bittet, sie ihres Weges gehen zu las sen.
Ich habe Szenen dieser Art in New York als Augenzeuge mit-
erlebt. Damals war Greta Garbo dort unter einem Decknamen in
einem grofien Hotel abgestiegen. Der gefurchtetste Sensationsrepor-
ter von New York, der Mann, der im Auftrag einer Zigarettenfirma
allabendlich die Privatgeheimnisse der Prominenten „an die Luft"
bringt — jede Eheschwankung auf Radio- Wellen uber den ganzen
Kontinent, vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean, verbreitet, dieser
wahrhaft rasende Reporter, dieser Conferencier des Skandals, der ein
Ruhm ist, und des Ruhms, der ein Skandal ist, hatte zuerst eine An-
naherung mit einem Huldigungsgedicbt versucht, Nicht beachtet, trach-
tete er, die Polizei auf die Kiinstlerin zu hetzen, unter dem Vorwande,
es handle sich una eine Hochstaplerin, die sich wie Greta Garbo ge-
barde. Dieser Despot der indiskreten Liifte war mit grofiem demo-
kratischen Pathos uber die . Unnahbarkeit eines- offentlichen Objekts
entrustet, denn er sah sich in einem hohen Zweck durchkreuzt Er
hatte vor, am Heiligen Abend dem amerikanischen Volke zugleich mit
der Verkundigung der Zigarettenmarke die RadiogriiCe Greta Garbos
zu „senden"t zu Ehren Gottes im Himmel und der Zigarettenfirma
auf Erden. Weigerte sich die Garbo, so handelte sie gegen die
Interessen zweier grofier Industrien, der Presse und der Zigaretten-
etrzeugung, zugleich aber auch gegen die Herzensbedurfnisse des
amerikanischen Volkes, und das am Heiligen Abend, in der Stunde der
Liebe, der elektrisch beleuchteten Christbaume und der Weihnachts-
nummern der Skandalblatter! Wiirde die vergotterte Auslanderin
hier ein Nein wagen? Aber sie horte den Versucher gar nicht, an.
So konnte er senden, was er wollte. Der Glaube fehlt nicht, und die
Liebe war gerettet, Ebenso das Ansehen eines Gewaltherrschers uber
alle Geruchte. Wenn er die Kiinstlerin spater ein wenig verunglimpfte,
so rachte er nicht nur die Bedrohung seiner eignen Macht und Autori-
tat sondern auch seine schwachern Kollegen, die mit Blitzlicht und Biichse
— man nennt eine photographisch« Aufnahme in Amerika mit Recht
einen Schufl — die Hotelhalle besetzt hielten und doch nur Bilder
zustande brachten, auf denen eine laufende Frau die Hande vors
Gesicht hielt wie eine Indianerin, die den bosen Geist der Kamera
furchtet — oder wie ein Verbrecher, der sich auf dem Wege ins Ge-
fangnis seiner Identitat schamt, statt auf die so teuer erworbene
publicity eitel zu sein! Und dabei standen die armen Reporter nicht
nur Tage lang, Nachte lang vergeblich herunx sondern auch dicht vor
dem Hinauswurf, wenn sie dem Chef nicht das authentische Wort-
und Bildmaterial heimbrachten, das die Leserschaft wiinscht — die
tagliche Sensation, die so manchem Arbeitslosen heute statt des tag-
lichen Brotes gereicht wird, Und um sein tagliches Brot brachte
die renitente Schwedin, wenn sie sich nicht ergabe, so manchen braven
amerikanischen Journalisten — in der Zeit der grofien Not, in der
schrecklichen Krisenzeit. Aber auch dieses Argument, das ihr aus
hcisern, im Eifer der Verfolgung ausgetrockneten Kehlen von Herren
und Damen der Presse zugeschrien wurde — die Amazonen eifer-
voller noch al$ ihre mannlichen Kollegen — , nahm sich die Garbo
nicht zu Herzen, sie horte es wohl gar nicht. Denn sie ist kaum im-
943
stande, zu vcrnchmcn, was auf sie eingeredet wird, wahrend sie flieht
und ihre Bedranger sich ihr teils in den Weg stellen, teils mit ihr
Schritt zu halten suchen. Und die Verfolgung wurde zur Hetzjagd.
Sie war deutlich Sport und Manie und gestaltete sich iiberaus auf-
regend. Das Hotel wurde zur Holle. Die Halle, alle Ausgange, die
umliegenden StraBen zu jeder Tages- und Nachtstunde von StoB-
und Sturmtrupps — Verehrern und Reportern — besetzt, die der
Kunstlerin, in bereitstehenden Autos, iiberall hin nachjagten, ins
Restaurant, ins Theater* Zwischen den Tischen der Essenden, zwi-
schen den Sitzreihen des Zuschauerraums, rasten die Trupps herein,
das Blitzlicht flammte auf, eine Explosion — ein Nervenchoc! Der
Bissen blieb einem im Halse stecken. Wortwechsel mit dem Manager,
mit dem Oberkellner, die den Gast zu schutzen versuchten, Drohun-
gen im Namen einer rachenden, strafenden Allmacht, der Presse im
Dienste des Kunden. Und das Publikum, das verbliifft war, be-
unruhigt die Halse drehte, aber sich vollig gesittet benahm- Das
Publikum mag eine Bestie sein, eine beuteltisterne, wenn es das noch
rauchende Morgenblatt verschlingt. Zwischen den Mahlzeiten ist es
zahm und brav — wenigstens in New York. Ich erinnere mich des
alten Herrn, der drei Akte einer Vorstellung lang neben der Kiinst-
lerin safi, ohne auch nur nach ihr hinzuschielen — und knapp vor
dem letzten Vorhang leise riet, nunmehr den Augenblick wahrzu-
nehmen, wenn ein Verlassen des Theaters' ohne weitere Belasti-
gungen erwiinscht sei. Es fehlte nicht an nobet diskreten Zeichen
der Sympathie, nicht an ritterlichen Kelfem. Auch nicht unter
dem Hotelpersonal, obwohl sie alle — Liftboys, Zeitungsverkaufer,
Blumenhandler, Theaterkartenversorger, Zimmerkellner und Telephon-
frauleins mit hohen Trinkgeldern zu Privatdetektivdiensten gedungen
waren.
Unmoglich, die tolle Aff are leicht oder mit Humor zu nehmen.
Unmoglich zu vermitteln, zu besanftigen. Es blieb nur eines iibrig:
die Flucht tiber Hals' und Kopf, durch geheime Gange, iiber Hinter-
treppen, durch Seitentiiren, wie in einem Schauerroman, in einem
Detektivstiick. Diese Art der Popularity ist eine Nervenfolter, wirkt
wie eine schwere Strafe* Sie ist Freiheitsberaubung, Verhinderung
jeder unbefangenen Bewegung, jedes Spaziergangs, jedes Einkaufs, ja
jedes ruhigen Verweilens in einem Hotelzimmer, da Telegramme und
Telephonanrufe, unter der Ture durchgeschobene Zettel, vor der
Ture promenierende Treiber und Jager das Wild auch noch aus
diesem Schlupfwinkel aufstoren. DaB sich so die Huldigung vor der
Schonheit, der Dank fur kunstlerische Gaben auBern soil, ist nicht zu
fassen. Es blieb die Hoffnung, dafi in Europa, in jeder Stadt Europas
jeder Mensch auch furderhin seine voile Bewegungsfreiheit haben
wiirde — jeder Mensch, sogar Greta Garbo.
Die phantastischen Vorfalle in Wien jedoch machen diese
Hoffnung zunichte. Wien gebardete sich „amerikanischer" als
New York. In New York hatten nur die „Tabloids" ^— die populare
Bilderpresse, die den Skandal monopolisiert hat — ihre Treiber ent-
sendet, nur sie brachten taglich aufregende Bulletins iiber die Ergeb-
nisse der Jagd. Die groBen Tageszeitungen. die Blatter von An-
sehen, nahmen von den Vorfallen keine Notiz. In Wien erstreckte
sich der Rummel fast iiber die ganze biirgerliche Presse.
Ein Mittagsblatt lafit die Nachricht von der Ankunft der Garbo
aufflattern, serviert sie — wie eine andre Zeitung sagt — als ein
ugepfeffertes Gabelfriihstuck". Und sofort wird ,,das Hotel derartig
belagert, daB die Polizei einschreiten muBte". Die .Wiener All-
gemeine Zeitung* bekennt sich zu dem Triumph daruber, daB der
Garbo „der groBe Vermummungsbluff, den sie in jeder europaischen
Stadt durchgefiihrt hat, miBlungen ist". Und bekennt weiter: „Man
verzeichnet diese Wahrscheinlichkeit mit ebensoviel journalistischer
Bef riedigung als menschlicher Anteilnahme." Unwahr ! Die Be-
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friedigung ist weit groBer als die Anteilnahme, auch wcnn das Blatt
die Garbo vor dem „bekanntlich ganz besonders sadistischen
Enthusiasmus der Wiener" warnt, dem sie sich „wohl nur durch eine
schleunige Flucht entziehen" konnte. Denn gleichzeitig sendet das
Blatt, in gewaltiger Schlagzeile, einen Steckbrief hinter der Fluch-
tenden her: „Achtung, hellbrauner Pelzmantel I" und macht das Publi-
cum aufmerksara, daB die Garbo, „falls man sie auf der Gasse an-
spricht, glatt leugnen wurde, die Garbo zu sein". Also sich durch
Leugnen nur nicht abschrecken lassen. So setzte denn auch richtig
auf der KarntnerstraBe „ein groBerer Korso" ein. Welche Chance
fur hellbraune Pelzmantel, die angesprochen werden wollen.
Aber das Hotel dementiert: eine Personenverwechslung! Keine
Greta Garbo, keine Greta Gustafson — nur eine Schauspielerin Erna
Kaiser ist aus Paris angelangt, eine Wienerin. Unglaubige Gesichter
derer, die das Hotel belagern, urn „Autogramme, Kinofreikarten, Pro-
tektionen oder Darlehen" und Interviews zu, ergattern. Es folgt nun
der „Sturm auf den Kontrollzettel des Hotels", es folgt die grob-
liche Belastigung der als Garbo verfolgten Dame, von der berichtet
wird, daB sie „hochst indigniert" war, daB sie „schrie und wetterte,
zahlte — und fort war sie . . ." Und zwar durch den Hinterausgang,
ganz wie die richtige Garbo, sonst ware sie nicht „ohne hundert
Autogramme, beschadigten Pelzmantel und Auflauf" — von den
hundert Manuskripten ganz zu schweigen — davon gekommen, ob-
wohl sie niemand anders war als Erna Kaiser.
Riickblickend: ein „Greta-Garbo-RummeI ohne Greta Garbo.,"
Nur Wiener unter sich., Trotzdem nimmt man der Garbo, die nicht
dabei war, den Vorfall /bitter iibel.
Die Presse handelt — wahrhaft grofizugig und international ge-
sinnt — solidarisch mit der amerikanischen Skandalpresse und ge-
braucht leider auch dieselbe Methoden, iibernimmt deren Fiktionen.
Dort, wenn die abgewiesene Bewunderung in Beschimpfung der Be-
wunderten umschlug, deutete man die Reklameflucht als besonders
schlaue Reklamesucht, als einen Trick, den die Garbo ihrer Firma
oder die Firma ihrer Garb6 eingefliistert habe. Wie ware denn sonst
das regelwidrige Benehmen eines Stars erklarlich? AuBer etwa noch
mit der Unfahigkeit der Garbo, Rede und Antwort zu stehen, mit
ihrer Dummheit, welche die Firma zu vertuschen genotigt sei. Of fen-
bar besitze sie weder Geist noch Geistesgegenwart genug, urn im
rechten Moment das rechte Wort zu finden: etwa auszusagen, daB
sie gern im Meer schwimme, daB Amerika ein groBes Land oder das
Land der Jugend und New York die modernste, Wien die gemiit-
lichste Stadt der Welt sei.
Reklametrick! Managerschlauheitf Eine andre Erklarung ist
diesen trickreichen und schlauen Gehirnen nicht moglich.
Diese Leute sehen wohl, daB Greta Garbos Verhalten im Leben
in einem ganz gewissen Sinne ihre schauspielerische Linie fortsetzt
— aber grade deshalb glauben sie, die Arrangeure, an ein Arran-
gement, und zwar an eines, das sich gegen sie richtet.
Was ist es denn eigentlich, das Geheimnis der Garbo, durch das
sie verlockt — und das sie nicht ausliefern will? Sie hat die nor-
dische Seele der Ibsen-Frauen, der Hamsun-Madchen im Film durch-
gesetzt und setzt sie auch noch gegen die miserabelsten Manuskripte
durch. Ihre wahrhaft internationale Popularitat ist nicht nur ein
Sieg der edlen Form, die von der bewegten Photographie aufgefangen
und verklart wird, sondern die Wirkung eben dieser Garbo-Seele.
In einem Augenaufschlag, einem Senken der Wimpern, einem Lacheln
und dem Schatten iiber einem Lacheln gibt sie diese Seele kund,
offenbart sie sie an dem verganglichen und verfanglichen Stoff von
Lesebuchgeschichten. Sie bewahrt sich dabei eine erstaunliche Wider-
standsfahigkeit. Sie bleibt, im Film und Leben, die Einzelne, die
Fremde, die das Interesse der Menschen anzieht und davon un-
945
beriihrt scheint, die sich huldvoll dem gemeinen Leben neigt oder
sich. peinvoll daran vergibt, verliert, sich wegwerfend bis zur Selbst-
zerstorung, urn sich wiederzugewinnen und, fremd geblieben, erst recht
fremd geworden, weiterzuwandern, in die unaufholbare Distanz der
zur Einsamkeit Yerdammteh. Darin besteht ihr Geheimnis und das
ihrer Wirkung: dafi sie keine Konzessionen macht, wo es> urn dieses
ihr inner stes Wesen geht. Und deshalb soil sie zu jener Konzession
gezwungen werden, die ihr am unertraglichsten scheint?
Sollte nicht vielmehr ihr-e nun seit Jahren durchgehaltene Auf-
fassung, dafi sie alles, was sie zu geben babe, als Schauspielerin. zu
geben trachte — und dafi der Rest ihr Privateigentum seit ihr Privat-
leben, auf das keiner ein Recht besitze, dem sie nicht selber dieses
Recht einraume; sollte dieser ungewohnte Standpunkt einer Film-
schauspielerin nicht sogar an sich Kulturwert haben? Ware es nicht
die Aufgabe der Presse, das Publikum — oder den hysterischen Teil
des Publikums — uber die tiefe Berechtigung dieser Anschauung, die
so unerbittlich streng zwischen der off entlichen und privaten Sphare
scheidetf auf zuklaren? Mindestens die Aufgabe einer Presse, die
sich fur europaisch halt und sich selbst einen Rest von offizieller
Wtirde, von privatem Stolz gewahrt hat.
Unheimlicher Treppenwitz Mice EkeVt-Rothhoiz
l-Jerr Kuhmilch stieg totenblafi aus der Untergrundbahn,
* * Man hatte ihn frisch entlassen.
Die Bureauhpllen schwankten im Fieberwahn.
Doch Herr Kuhmilch sah blofi seine Ktindigung an.,.
Was interessierten ihn StraBen?
Haha.
Herr Kuhmilch betrat sein Treppenhaus.
Seine Frau wartete oben . . . die Gute!
Er ging langsam ans Treppensteigen ran.
Er sah sich wie durch die Zeitlupe an . . .
Die Ktindigung stak ihm am Hute.
Haha.
Herr Kuhmilch starrte die Treppe an.
Doch was dieselbe betrifft
so wuchs sie plotzlich urn zehntausend Stufen.
Herr Kuhmilch begann urn Hilfe zu rufen
sowie nach einem Lift.
Haha.
Er sah hinab in das stockfinstre Treppengrab.
Es war ihm, als tanzten die Treppen.
Wann wflrde er diese hopsenden Berge ersteigen?
Wann seiner Frau die Ktindigung zeigen?
Wie hoch sollte er sie noch schleppen?
Haha.
Die Ktindigung wog schwerer als Marmorstein.
Kuhmilch rief hilflose Hilferufe.
Die Treppe wuchs langst durchs Dach. Kuhmilch stieg, eiliger,
SchlieBlich stand er als Treppenheiliger
auf der funfhundertsechzigsten Stufe.
Haha.
Frau Kuhmilch war tot. Herr Kuhmilch bevolkerte weiter das
Treppenhaus.
Hob noch immer ein Bein wie ein forscher Wanderer.
Manchmal rief en Kinder: ftMutter, der steinerne Mann steht wieder
da!"
Doch das war ein Treppenwitz Hahaha.
Denn der Mann war immer ein andrer . . .
946
Baltikumer
Die „christliche Rucksichtslosigkeii"
l^as Komitee des deutschen Theatervercins hat es gewagt, den
*^ Deutschen Rigas das Stuck ,,Revolte im Erziehungshaus" vor-
fuhren zu las sen, bei dessen Lesen oder Horen jedem sittlich denken-
den Menschen die Schamrote ins Gesicht steigt. Es wimmelt von
Schmutz und Perversitaten und verherrlicht den mit der Gottlosigkeit
untrennbar verbundenen Bolschewismus. Wir unterzeichneten Pastore
ermahnen unsre Gemeindemitglieder, das St tick nicht zu besuchen,
und durch ihr Fernbleiben von den Auffiihrungen zum Ausdruck zu
bringen, dafi unser Vol k stum nicht gewillt ist, sich alles bieten zu
lassen. Wir erwarten, daB der Theaterverein sich ein Komitee wahlt,
das ein Verstehen dafur aufbringt, was niederreifit und was aufbaut.
Stiicke dieser Art drohen zu zerstoren, was uns Balten heilig und
wert, woftir wir gelitten und gestritten. Darum fort mit solchem
Schmutz von unsrer einzigen deutschen Buhne. Der Martyrer Pastor
Aug, Eckhardt sagte in seinem Tes lament e: „Es kann nicht besser
werden, solange die, welche sich Christen nennen, so entsetzlich nach-
giebig sind und sich jeder Richtung beugen, die rucksichtslos ihr Ziel
verfolgt. Wir wollen eine christliche Rucksichtslosigkeit dem ent-
gegensetzen."
Propst Burchard, Pastor A. Brusdeylins, Pastor Aug. Czernay,
Pastor A. Dobbert, Pastor E. Geiersberg, Oberpastor lie, V. Gruner,
Pastor Dr, H. Girgensohn, Pastor1 J. Kirschfeld, Pastor A, Meyer,
Pastor Hermann Poelchau, Pastor E« Savary, Pastor D. 0. Schabert,
Pastor Arn. Schabert, Pastor M. Stender, Pastor Th, Taube,
Erklarung der deutschen Schauspielleitung
Die fur Donnerstag, den 15. Dezember* angesagte Abonnement-
B-Vorstellung „Die Revolte im Erziehungshaus" von Peter Martin
Lampel , wurde vom Spiel plan abgesetzt, weil bei der Leitung des
Theaters sehr grofte Demonstrationen gegen das Werk angekundigt
waren. Da einem solchen Unternehmen nur durch Einsetzen eines
groBeren Polizeiaufgebots energisch begegnet werden konnte, aber die
deutsche Leitung des Deutschen Schauspiels nicht wiinscht, dafi
Arrest- oder Ordnungsstrafen gegen Angehorige der deutschen Be-
volkerung angewendet werden, so zog sie es vor, diese offene Vor-
stellung abzusagen.
Es finden dagegen einige geschlossene Aufftihrungen fur Inter-
essenten an diesem Stuck unter gewissen Bedingungen statt, an denen
selbstverstandlich auf Wunsch auch die Abonnements B und C teil-
nehmen konnen. Die erste dieser geschlossenen Vorstellungen ist fur
Sonntag, den 18. Dezember, 8 Uhr abends, geplant. Interessenten er-
halten Karten gegen eine entsprechende schriftliche Verpflichtung in
der Kanzlei des Deutschen Schauspiels. Weitere Vorstellungen sind
fur Dienstag, den 20. Dezember, Abonnement C, und ftir Donnerstag,
den 22. Dezember, Abonnement B, in Aussicht genommen.
Die Corps an den Theaterdirektor
Sehr geehrter Herr Direktor!
Angesichts dessen, daB die Direktion des Deutschen Schauspiels in
Riga es fur moglich befunden hat, ein Sttick wie ,,Die Revolte im
Erziehungshaus" von P. M, Lampel auf die Buhne zu bringen, sehen
sich die Convente der unterzeichneten deutschen Corps gendtigt,
scharfsten Protest gegen die Auffuhrung dieses Stuckes einzulegen.
Es erscheint ihnen untragbar, daB das Ansehen des hiesigen Deutsch-
tums vor den eignen Volksgenossen in der Heimat und im Reich,
sowie auch vor den Angehorigen andrer Nationalitaten durch die Auf-
ftihrung eines solchen Stuckes in diesem gefahrlichen Mafie beein-
trachtigt wird. Ein Sttick dieser Art gehort nach Inhalt und Form
947
nicht auf die einzige und daher representative deutsche Buhne des
Ostens.
Die Direktion des Deutschen Schauspiels hat bisher grade die
deutsche studentische Jugend aufgefordert, durch moglichst regen
Besuch des Theaters zur Forderung und Erhaltung deutscher Kultur
beizutragen. Dieser kulturelle Wert des Deutschen Schauspiels ist
nun durch die Auffuhrung dieses nicht nur aus ethischen und kiinst-
lerischen Grunden sondern auch vom weltanschaulich-politischen Ge-
sichtspunkt aus zu verurteilenden Stiickes aufs starkste in Frage ge-
stellt. Die unterzeichneten deutschen Convente sehen sich daher, so-
lange ein derartiges Stiick zur Auffuhrung gelangt und gelangen kann,
nicht in der Lage, ihren Gliedern den Besuch des Deutschen Schau-
spiels weiter zu empfehlen, im Gegenteil werden sie sich veranlaBt
sehen, sie vor diesem Besuch zu warnen und ihnen jede Moglichkeit
des Ausdrucks ihrer Mifibilligung solcher Stiicke zu gestatten.
Die Convente der unterzeichneten deutschen Corps richten an
die Direktion des Deutschen Schauspiels die Bitte, das Stiick von
P. M. Lampel „Revolte im Erziehungshaus" noch heute vom Spiel -
plan zu nehmen.
Hochachtungsvoll
Fur den CI der Curonia: gez. Th. v. Boetticher Cur.
Fiir den C! der Fraternitas Rigensis: gez* Manfred Pabst fr. Rig.
Fur den C! der Fraternitas Baiticai gez. G. Rosenpflanzer frat. Bait.
Fur den C! der Concordia Rigensis: gez. H. Dauge frat. Cone. Rig.
Fiir den C! der Rubonia: gez. Henrik Fischer Rub.
Fiir den C! der Gotonia; gez. H. Janson, Got.
Scharlster Protest, aber schliefilich , . ,
Anlafilich der in der .Rigaschen Rundschau' Nr. 285 vom 16. De-
zember a. c. veroHentlichten Kundgebung der rigaschen Pastoren-
schaft, ersucht das Theater- Komitee die Redaktion, folgende Erkla-
rung zu veroffentlichen;
Das Theater-Komitee stellt fest:
U dafi das Stiick von Peter Lampel „Revolte im Erziehungshaus"
im Verlage Kiepenheuer in Potsdam verlegt ist, in Berlin im Les sing-
Theater und sodann von der „Gruppe junger Schauspieler", die das
Stiick in Berlin im Theater am Schiffbauerdamm spielten, in den
meisten Stadten Deutschlands aufgetiihrt worden ist. Dem Theater-
Komitee ist nicht bekannt, dafi, aufier bei der Premiere, an irgend-
einer deutschen Biihne anlafilich der Auffuhrung des genannten Stiickes
ein Theaterskandal stattgefunden hat. Desgleichen ist dem Theater-
Komitee nicht bekannt, dafi in irgendeiner Stadt Deutschlands Pro-
teste seitens der Kirche oder andrer Organisationen gegen dieses Stiick
stattgefunden haben. Das Theater-Komitee hat es daher, nach reif-
licher Uberlegung und mehrfacher Besprechung, fiir moglich erachtet,
das genannte Stiick auch an unserer Biihne aufzufiihren, und dies um
so mehr, als
2. das Theater-Komitee nach wie vor, im Gegensatz zur An-
schauung der Pastorenschaft, der deutschen Studentenschaft und des
Landeswehr-Vereins, der Uberzeugung ist, dafi das genannte Stiick
nicht das geringste mit irgendwelchen bolschewistischen Tendenzen
und einer damit verbundenen Gottlosigkeit zu tun hat. Das Komitee
ist vielmehr der Ansicht, dafi „Die Revolte im Erziehungshaus" in
politisch vollig tendenzloser Weise schwerste Mifistande und schwerste
Not schildert und in krasser und darum eindringlichster Art das
Problem der Erziehung verbrecherisch veranlagter Jugendlicher auf-
rollt, ohne zu einem abschliefienden Urteil und zu einer abschliefien-
den Kritik der bisherigen Erziehungsmethoden zu kommen.
Das Theater-Komitee halt sich daher fiir berechtigt, die offenen
und versteckten Unterstellungen und Vorwiirfe, die in der Kund-
948
gebung der deutschen Pastorenschaft enthalten sind, auf das scharfste
zuruckzuweisen.
Das Komitee des Deutschen Theatervereins.
*
Das Theater-Komitee teilt mit, dafi infolge vielfacher Proteste, im
Einvernehmen mit dem Vorsitzenden der deutschen Volksgemeinschaft
und der Theaterleitung, das Stuck „Revolte im Erziehungshaus" vom
Spielplan endgiiltig abgesetzt ist.
Vorsitzender des Theater -Komi tees:
W. Sadowsky.
Der SOZiale Symp von Hermann Budzislawski
Oonig fur Alle," schrieen die Arbeitsbienen, ,,und wenn es
w l im Winter nicht rcicht — fort mit den Drohnen, den
unniitzen Fressern!" Die wohlgenahrten Drohnen fanden die
Lage gefahrlich. Sollten sie sich allein auf die Stacheln der
Leibgarde verlassen? Die Leibgarde bestand aus Arbeits-
bienen. An sie hielt die kliigste der Drohnen eine Ansprache:
t,Vdlksgenossen, wir alle bilden eine Bienenvolksgemeinschaftj
Wenni der Honig, den wir Drohnen, eure Vater, (ibrig lassen,
im arbeitslosen Winter nicht fiir euch geniigt, so helfen wir
euch mit bestem sozialen Sirup. Niemand soil hungern!" Im
Brockhaus lasen die Arbeitsbienen:1 „Sirup — eine gesattigte,
dickfliissige Auflosung von Zucker, die je nach ihrer Abstam-
mung auch mehr oder weniger fremde Bestandteile gelost
enthalt." Manche gaben sich mit diesem kummerlichen Er-
satz zufrieden. Hier endet die FabeL Ob schon einmal durch
sozialen Sirup die Dronnenschlacht vermieden wurde — dar-
iiber sollte man sich nicht bei Fabulanten sondern in wissen-
schaftlichen Biichern unterrichten.
Wer andern den innern Fried en bring en will, muB ihn,
um uberzeugend zu wirken, in sich selbst haben. Der Reichs-
arbeitsminister Friedrich Syrup hat ihn. Er ist der Typ des
jovialen Mannes, der mit Leidenschaft gut iBt und gut trinkt,
der eine gute Zigarre schatzt und sich durch nichts aus der
Ruhe bringen laBt. Ein Arbeitspferd, das viel Futter ver-
langt und dem es schmeckt. Zah hat er sich emporgearbeitet,
seine wachsende Macht bereitete ihm Freude. In der Metall-
industrie fing er an. Dann studierte er Maschinenbau, an-
schlieBend Jura. Mit sechsundzwanzig Jahren trat er in den
Staatsdienst, In der Gewerbeinspektion stieg er auf, wurde
Gewerberat und Regierungsrat, Seine Aufgabe war es, die
Arbeiter in den Fabriken vor Unfallen zu schutzen und fur
ordentliche Arbeitsbedingungen in den Betrieben zu sorgen,
ohne dem Unternehmer durch groBe Forderungen wehe zu tun>
Gegensatze auszugleichen, Arbeiter und Chef an einenTisch
zu bringen, das lernte er schon damals.
1918 sitzt Syrup im preuBischen Handelsministerium, Der
Krieg ist aus, die Truppen kehren heim. Wichtigste Aufgabe,
damals wie heute: Arbeit schaffen. Syrup kommt in das De-
mobilmachungsamt, soil aus entlassenen Soldaten wieder Ar-
beiter machen. L Erst tragen sie zerschlissene feldgraue Rocke,
949
daim geflickte Joppen; erst liegen die Alteren auf der Strafle,
dann auch die jungen Burschen. So oder so: das Gespenst der
Arbeitslosigkeit bleibt, wird in Deutschland zur Dauererschei-
nung. Um es zu batmen, wird eine Behorde geschaffen: die
Reichsar beits verwaltung. Syrup wird ihr President und bleibt
es, bis er 1927 an die Spitze der neugegriindeten Reichsanstalt
fur Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung tritt.
Es ist die Zeit scheinbarer wirtschaftlicher Stabilisierung.
Aus der Erwerbslosenunterstiitzung wird die Versicherung der
Arbeit er gegen Arbeitslosigkeit. Unterstiitzung — das war Al-
mosen, war entwiirdigend; Versicherung aber ist Anspruch,
gutes Recht. Von entwiirdigenden wirtschaftlichen Verhalt-
nissen, die em, Recht auf Arbeit nicht zulassen, ist nicht die
Rede. Was bedeutet aber die Umwandlung der Unterstiit-
zung in die Versicherung, die Syrup durchfiihrt, nun wirklich?
Staat und Gemeinden werden entlastet, Arbeit geber und Ar-
beitnehmer sollen gemeinsam fur die Zeit der Arbeitslosigkeit
vorsorgen. Die Illusion der Wirtschaftsfamilie, zu der alle ge-
horen, Arbeiter, Angestellter und Unternehmer, wird vom
Zentrum ausgesprochen, von den Gewerkschaften nicht be-
kampft, und findet ihre Stiitze fm damals ausgebauten Schlich-
tungswesen. Der klassenkampferische Streik wird uberflus-
sig; wenn die Familienmitglieder um den Suppentopf streiten,
bringt Vater Staat durch den Schlichter Frieden.
Aber Arbeitslosenversicherung und Schlichtungswesen
haben noch eine andre Seite. Den Erwerbslosen wurde* von
den Kommunen geholfen, die Unterstiitzung war dezentralisiert.
In den Grofistadten haben oft Sozialdemokraten und Kom-
munisten die Majoritat; das war giinstig fiir die Erwerbslosen.
In der Reichsanstalt Jierrscht die staatliche Bureaukratie.
Syrup hat einen machtigen Apparat aufgebaut, der mit seinen
dreizehn Landesarbeitsamtern, deren Wirkungsbereiche nicht
mit den Grenzen der Lander zusammenf alien, nach dem
Wunsch des Schopfers das Gerippe fiir die kiinftige Reichs-
reform abgeben soil. Zweiundzwanzigtausend Beamte unter-
stehen ihm; nun konnen die Arbeitslosen im ganzen Reich
nach seinen Anweisungen regiert werden, wahrend der Ein-
fluB der roten Stadtverwaltungen geschwacht wird. Und
man muB ihm noch dankbar sein, daB er auch in der Krise den
,,Kern der Versicherung1' erhalten will. Niemand soil ver-
hungern, wenn auph der Riemen immer enger geschnallt wird.
Solange der Tisch der Wirtschaftsfamilie reichlich ge-
deckt ist, kann Vater Staat leicht Ordnung halten. Wenn
es aber knapp wird? Auf den Konferenzen der Arbeitnehmer
und der Arbeit geber, bei denen Syrup den Vorsitz fiihrt, wean
es um Unterstiitzung geht, oder der Schlichter, wenn iiber
Lohne gestritten wird, wird immer dieselbe Taktik verfolgt.
Die Parteien- reden sich heiser, der Vorsitzende laflt sie toben.
Aber dann spricht Syrup, der die Verhandlungstechnik meister-
haft beherrscht, spricht der Schlichter das entscheidende Wort.
Dabei darf den Unternehmer n nicht s Unmogliches zugemutet
werden.
Man muB die Menschen zu nehmen verstehen. Syrup ist
die Bonhomie selbst. Mit den Gewerkschaftsfiihrern kommt
950
er gut aus. Personlich bleibt er bescheiden; scin Hiiuschen in
Zehlendorf wirkt von innen und auBen kleinburgerlich. Wo
er politisch steht? Aber er ist doch ein unpolitischer Beamter,
dcr die ,DAZ* liest, seit einem halben Jahr auch den ,Ring\
die Zeitschrift des Herrn von Gleicheni, Ja, er steht tiber den
Part ei en, verkehrt im Herrenklub, steht gut mit Luther und
ist schon lange mit Schleicher befreundet. Schlecht sind nur
die Beziehungen zu den Nationalsozialisten, obwohl sein Sohn,
der noch studiert, Nazi ist; das hat dem Vater schon Schere-
reien gemacht.
Die Nationalsozialisten waren Syrup zu aufgeregt, zu ver-
hetzt, er wurde wohl sag en: zu revolutionar. Wie Br lining,
wollte ihnen auch Syrup den Wind aus den SegaLn nehmen.
Jahrelang hatfen sie nach der Arbeit sdienstpflicht geschrien;
im August vorigen Jahres schui Syrup den Freiwilligen Ar-
beitsdienst, den FAD. Vorsichtig ging er ans Werk. Mit hun*
dert Arbeitsfreiwilligen wurde be go nn en, im Dezember waren
es dann siebentausend. Aber im Juli dieses Jahres waren
fast hunderttausend im FAD vereinigt, Stahlhelmer, Jung-
deutsche, Reichsbannerarbeiter, Gewerkschaftter und SA-
Leute. Die Nationalsozialisten treten hier unter neuer Firma
auff sie nennen sich Verein zur Umschulung freiwilliger Ar-
beitskrafte. Damit war es Syrup als erstem gegliickt, „unpoli-
tisch" Krafte vom Reichsbanner bis zur SA zusammenzufas-
sen; Gereke mit seiner Einheitsfront fiir Arbeitsbeschaffung
und General von Stiilpnagel mit dem Reichskuratorium fiir
Jugendertiichtigung haben erst vom ihm gelernt. Auch das
jetzt geschaffene „ Not werk fiir die deutsche Jugend" steht
auf der gleichen Linie. Zum Dank wurde Syrup zumReichs-
kommissar fiir den Freiwilligen Arbeitsdienst ernannt und
hat dieses Amt auch behalten, als er jetzt Reichsarbeits-
m blister wurde.
Hier entwickelt sich eine Volksgemeinschaft nach Schlei-
chers Herzen. Da konnen ruhig ein paar Millionen fiir die
hungerndan Erwerbslosen aufgewandt werden; solche GroB-
ziigigkeit wird sich noch bezahlt machenl Besondere Sorgfalt
wird auf die Schulung der Fiihrer von Arbeitslagern verwandt.
Da im Monat durchschnittlich Zweihunderttausend im FAD be-
schaftigt sein sollen und da zu dreiBig bis vierzig Mann inuner
ein Fiihrer gehort, brauchte man etwa sechstausend Fiihrer, die
jetzt vorhanden sein mogen, Sie sollen den Geist der Kame-
radschaft pflegen, in der freien Zeit Gelandesport treiben und
iiberhaupt fiir die innere Durchbildung der Truppe sorgen. Der
Truppe? In seiner Ruttdfunkrede hat Schleicher gesagt; „Eine
Frage, die dem Wehrminister besonders am Herzen liegen muB,
ist die korperliche und geistige Ertiichtigung der Jugend . . .
Das ist auch ein Hauptgrund, warum ich mich wieder und wie-
der fiir die allgemeine Wehrpflicht im Rahmen einer Miliz
einsetze. Solange das Diktat von Versailles uns diese wirkliche
Losung unmoglich machte, mufiten andre Mittel gefunden wer-
den. Das Kuratorium fur Jugendertiichtigung und die Organi-
sation des, Freiwilligen Arbeitsdienst es sind neben den staat-
Iich unterstiitzten Sportvereinen aller Art die Friichte dieser
Bemuhungen."
951
Die drei Organisationen Syrups, Gerekes und Stiilpnagels,
die im Grunde dasseibe Ziel verfolgen, betrachten sich gegen-
seitig mit MiBbehagen, Das sind Eifersiichteleien und Res-
sortstreitigkeiten des bureaukratischen Apparats, weiter nichts.
Das Ziel istt der isolierten Bourgeoisie wieder Hilfsmannschaf-
ten, zuzufiihren, Dabei wird eine Aushohlung der Biinde und
Vereine versucht. Meist sind in einem Lager nur Mitglieder
desselben Bundes vereinigt. Neuerdings werden aber auch
Stahlhelmer, Reichsbannerarbeiter, Jungdeutsche und Nazis in
Gemeinschaftslagern zusammengefaBt. Die ersten Versuche
dieser Art sind gegluckt. Die Verbande, die urspriinglich den
FAD in die Hande bekommen wollten, aber durch Syrups ge-
schickte Taktik daran gehindert wurden, erhalten ihre Mit-
glieder nicht in derselben geistigen Verfassung zuriick, wie sie
sie hineingesteckt haben. Den Arbeitsfreiwilligen, denen man
erlaubt, umsonst Wege zu bauen, und die nur ein Taschengeld
bekommen, geht es so immer noch besser, als wenn sie auf
der StraBe lagen. Das merken sie, wenn sie nach vier
bis acht Wochen das Lager verlassen miisseiL Der Staat
hat ihnen gekolfen, sie half en dafiir am Aufbau Deutschlands
— diese Gesinnung sollen sie mit nach Hause nehmen.
Aber es hat schon Rebellionen in den Lag em gegeben. Es
wurde schon gestreikt, auch in Nazilagern. Das Taschengeld
war zu knappf das Essen nicht gut genug, der Zucker schmeckte
nicht. Darum fordern die Scharfmacher, so der nicht sehr be-
kannte, aber an zustandiger Stelle wohl beachtete Hugo Pieper,
den Obergang zur Arbeitsdienstpflicht. Ob Syrup dies en Erwa-
gungen nicht fern steht? Ob er glaubt, dann die Mannschaften
der Verbande besser auf die Linie des Staates, der Bourgeoisie
bringen zu konnen? Es ist wahrscheinlich.
Ein wenig Entgegenkommen an die Arbeitsbienen — da-
mit will man es schaffen.
Wochenschau des Ruckschritts
— Der kommunistische Reichsta^sabgeordnetc Scheer wurde unter
Bruch der Immunitat verhaftet.
— Der Kraftfahrer Jager wurde vom Reichsgericht wegen Kriegs-
verrats zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt, obwohl da durch, dafi er
dem Franzosen den ersten geplanten Gasangriff verraten hatte, nach-
weislich kein Schaden entstanden war.
— Die halberstadter GroBe Strafkammer hat einen Tag yor Ver-
kundung des Amnestiegesetzes einen Arbeiter wegen Holzdiebstahls
zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt.
— Der fur die berliner Buchausstellung ,,Die Welt von heute und
morgen" geplante Vortrag des japanischen Gewerkschaftsfiihrers Sen
Katayama wurde verboten.
— Rektor und Senat der Universitat Breslau haben sich dem
Terror der antisemitischen Studenten- gebeugt und Professor Ernst
Cohn fallen lassen.
— In Thiiringen wurde die Schlachtsteuer eingefuhrt.
— Die breslauer Postverwaltung lehnte einen Antrag auf Ein-
richtung einer Radio-Empfangsanlage ab, weil der Antragsteller
staatenlos war.
Wochenschau des Fortschritts
— Gestrichen.
952
Betnerkungen
Ein staatliches Ueberschufi-
unternehmen
Ta seiner Rundfunkrede erklarte
*• der Reichskanzler, die gesamte
Politik seines Kabinetts solle
unter der Devise stehen: Arbeit
zu beschaffen. Seitdem ist eine
weitere Steigerung der offiziell
registrierten Arbeitslosen urn eine
Viertelmillion festzustellen, so dafi
wir zur Zeit 5,6 Millionen re-
gistrierte Arbeitslose haben und
2 bis 2,5 nicht registrierte. Selbst
wenn die Arbeitsbeschaffungs-
plane der Regierung zu einem
Teil sofort in Angriff genommen
werden, konnten sie im besten Fall
die Wirkung haben, das winter-
liche Steigen der Arbeitslosigkeit
etwas zu verringern. Denn wir
dtirfen nicht vergessen, dafi im
vergangenen Jahr allein in der
zweiten Halfte des Dezembers ein
neues Ansteigen der Arbeitslosig-
keit um 300 000 festzustellen war.
Die winterliche Arbeitslosigkeit
wird also kaum unter acht Mil-
lionen liegen, Daher ist neben
den Fragen der Arbeitsbeschaf-
fung die Unterstutzung der Ar-'
beitslosen selbst eine der ent-
scheidenden Fragen. Die Papen-
regierung hatte ihnen 500 Mil-
lionen genommen. Sie hatte die
Unterstiitzungssatze aller Er-
werbslosen abgebaut, ob sie nun
in der Arbeitslosenversicherung
oder in der Krise oder in der
Wohlfahrt standen, sie hatte wei-
terhin die Priifung der Hilfsbe-
diirftigkeit aufierordentlich ver-
scharft. Der damals dekretierte
Abbau der Arbeitslosenunter-
stiitzung hat jetzt zu Konsequen-
zen geftihrt, die, wenn sie nicht so
schaurig waren, nur grotesk zu
nennen waren.
Es ist selbstverstandlich, dafi im
Kapitalismus in der Krise die be-
sitzenden Klassen die Lasten der
Krise mdglichst auf die breiten
Massen abzuwalzen versuchen.
Und es ist daher klar, dafi mit
der Dauer der Krise die Unter-
stiitzungssatze fur den einzelnen
Arbeitslosen immer mehr abge-
nommen haben. Bis zum Jahre
1932 reichten die Einnahmen der
Arbeitslosenversicherung zur Dek^
kung ihrer Ausgaben infolge der
steigenden Arbeitslosenzahlen
nicht aus, und das Reich muBte
daher erhebliche Zuschiisse
leisten. Seit dem Sommer dieses
Jahres haben sich die Verhalt-
nisse umgekehrt. Infolge der ver-
scharften sozialpolitischen Bestim-
mungen wird nur noch ein ver-
schwindend geringer Prozentsatz
der Erwerbslosen von der Arbeits-
losenversicherung unterstiitzt. Von
den sieben bis acht Millionen Ar-
beitslosen, die wir augenblicklich
haben, sind es nur etwa zehn Pro-
zent. Die Einnahmen fur die Ar-
beitslosenversicherung betragen
monatlich etwa 80 Millionen. Nach
Berechnungen der Gewerkschafts-
presse stellten sich in der letzten
Zeit die Ausgaben fur die Arbeits-
losenversicherung, selbst wenn
man die gesamten Verwaltungs-
ausgaben etcetera hinzurechnet,
auf nur knapp 40 Millionen. Das
heifit: die Arbeitslosenversiche-
rung ist zur Zeit ein Oberschufi-
unternehmen, das nur die Halfte
der ziir Verfiigung stehenden Gel-
der fur die Arbeitslosen verwen-
det. Wohin der ubrige Teil flieflt,
ist nicht klar ersichtlich. Ein Teil
ist bisher direkt in die Staatskasse
gegangen. Auch der Uberschufi, den
man in den letzten Monaten ge-
macht hat, soil zum groflten Teil
in die Staatskasse gehen; man be-
absichtigt aber auch, eventuell da- a
mit zum Teil den freiwilligen Ar-
beitsdienst zu finanzieren* obwohl
neben alien andern Grunden, die
da^egen sprechen, noch hinzu-
kommt, dafi beim freiwilligen Ar-
beitsdienst Studenten, Handwer-
ker undBeamtensohne etcetera ver-
wendet werden, das heifit Schich-
ten, die mit den Arbeitslosen-
beitragen nicht das mindeste zu
tun haben. Die Papenregierung
hat die Grofikapitalisten- und
Junkerkreise in riesenhaftem Um-
fange subventioniert. Sie hat mit
ihren Steuerscheinen und Neuein-
stellungspramien wiederum dem
Grofikapital Millionenbetrage zu-
geschanzt. Bei der Winterhilfe
dagegen hat man das Parlament
953
darauf aufmerksam gemacht, dafi
fur jeden seiner Antrage Deckung
vorhanden sein mtisse, Fiir die
Winterhilfe ist zum grofiten Teil
keine Deckung — die Beziige der
Arbeitslosen bleiben unerhort
niedrig und auf der andern Seite
werden die Oberschiisse der Ar-
beitslosenversicherung dazu ver-
wandt, einen Teil des Staats-
defizits zu deck en, das im wesent-
lichen durch die Subventionen an
das Grofikapital und die Junker
entstanden ist.
K. L. Gerstprff
Ein Weifirusse
rtie .Weltbiihne* gehoft zu den
*-' wenigen Blattern in Deutsch-
land, die eine Politik der Ver-
standigung nicbt nur mit unserm
westlichen sondern auch mit
unserm ostlichen Nacbbarn ver-
langen. Und weil wir wissen, dafi
Verstandigung nicbt moglich ist
ohne Verstandnis, haben witf uns
stets benniht, auch den polniscben
Interessen gerecht zu werden.
Aber so wenig wir jemals die
Hetze gegen Polen mitgemacht
haben oder mitmachen werden, so
wenig wollen wir zu den Exzessen
des polniscben Nationalismus
schweigen,
Ein solcher Fall ist die Ver-
urteilung des Professors Bronis-
law Taraszkiewics zu acht Jahren
Kerker. Das ist ein Terrorurteil
schlimmster Art, das Polen ent-
ehrt und den Protest aller an-
standigen Menschen herausfordert,
Denn bier ist ein Mann zum
Opfer seiner tJberzeugung gewor-
den, dessen ganzes Verbrechen
darin besteht, fiir die nationale
und soziale Freiheit seines Volkes
einzutreten.
Taraszkiewicz ist WeiBrusse. Er
gehort also einem Volk an, das
im russischen Foderativstaat eine
autonome Republik bildet. Im
Nordosten Polens hingegen, wo
mehr als fiinfzig Prozent der Be-
volkerung Weifirussen sind, wird
ihre Existenz einfach ignoriert.
Da es sich hauptsachlich urn arme
analphabetischef Arbeiter und
Bauern handelt, geht das verhalt-
nismafiig leicht.
954
Taraszkiewicz, der vor dem
Krieg Professor in Leningrad war,
hat sich die Erweckung dieser
Menschen zum Ziel gesetzt. Er
versuchte es zunachst im Rahmen
und mit Hilfe des polniscben
Staats. Sehr bald wurde er je-
doche in die Opposition gedrangt.
Die „Hromada", die Organisation
der Weifirussen, deren Griinder
und Fiihrer er war, wurde ver-
boten, ihre Mitglieder, einschliefi-
lich ihrer Abgeordneten, wurden
eingesperrt und vor einigen Jah-
ren wurde das polnische Weifirufi-
land mit denselben beriichtigten
Methoden „befriedet" wie die pol-
nische Ukraine. Taraszkiewicz
selbst ist nicht' weniger als funf-
mal verurteilt worden, darunter
einmal zu zwolf Jahren Kerker,
von denen er anderthalb Jahre
absitzen muBte,
Dafi seine Amnestierung seine
Uberzeugung nicht anderte, ist
selbstverstandlich. Die Antwort
der polnischen Diktatur darauf ist
diese neue Zuchthausstrafe. Den
Gegenstand der Anklage bildete
ein Flugblatt, in dem Taraszkie-
wicz bei den letzten Wahlen das
Selbstbestimmungsrecht fiir Weifi-
rufiland forderte, Dafi er in dem
Prozefi, der vor vier Wochen in
Wilna stattfand, erklarte, er trete
fiir die Loslosung der Weifirussen
ein, da er das Vertrauen verloren
habe, Polen werde ihnen Auto-
nomic gewahren, war vielleicbt
nicht sehr ges chick t; in jedem
Fall beweist es nicht nur seinen
Mut sondern auch die Reinheit
einer Gesinnung, die an die eigne
Person zu allerletzt denkt.
Wir wollen uns gar nicht auf-
spielen. Leider konnen wir die
Zustande, die bei uns herrschen,
dem Reich Pilsudskis nicht als
Beispiel hinstellen. Aber grade
weil wir jedes Unrecht im eignen
Land brandmarken und be-
k amp fen, haben wir das mo-
ralische Recht, auch gegen das
Zuchthausurteil von Wilna zu pro-
testier en und die Befreiung Ta-
raszkiewiczs zu einer Sache des
europaischen Gewissens zu
machen.
Hanns-Erich Kaminski
Simultanfilm
Der Film verftigt fiber reiche
kiinstlerische Mittel. Die
Produzenten bedienen sicb ihrer,
urn dem Zuscbauer die sinnlose-
sten und dtimmsten Geschichten
so zu prasentieren, dafi sie seine
„Erlebnisse" werden. Der Film-
schnitt beispielsweise hat sich als
rythmisches Ausdrucksmittel un-
geheuer verbreitet, weil er den
Filmen auf ungefahrliche Art den
Anschein hoher kiinstlerischer
Qualitat verleiht. Die „Montage"
dagegen — wie die Russen den
Filmschnitt in einem engern
Sinne nennen — wurde bis jetzt
nur von wenigen Regis seur en
richtig verwendet, denn diese Me-
thode hemmt, ja verhindert so-
gar das Produzieren von Unter-
haltungsware. Montage ist die
bewufite Hersfellung von Zusam-
menhangen auf andrer als rein
handlungsmafiiger Basis. Selbst
dann, wenn auf solche Sinn-
gebung gar nicht ausgegangen
wird, also beim einfachen An-
einanderkleben von Vorgangen
entsteht haufig ungewollte, zu-
fallige Montage, und da werden
dann oft die unangenehmsten
Wahrheiten sichtbar. So -wenn
zum Beispiel in einer Wochen-
schau erst die Bekampfung eines
Hungermarsches durch die lon-
doner Polizei gezeigt wird und
dann unmittelbar dahinter die
Futterung eines Raubtiers im
Zoo. Bei der Uberpriifung eines
andern Wochenschaustreifens er-
eignete sich folgendes: An Bilder
aus der japanischen Invasion in
China waren Bilder geklebt, die
ein Tanzturnier in Europa zeig-
ten. Die Leitung erschrak ehrlich
bei dem Gedanken, die Zuschauer
konnten in dieser Reihenf olge
einen Sinn erblicken. Die beiden
Sachen, die so garnicht anein-
ander paBten, und die beiden
Aufnahmen wurden schleunigst
wieder getrennt. Der Zuschauer
darf nicht nachdenklich werden,
voroder bei Filmen, die vielmehr
dazu geeignet sein sollen, den
Menschen in einen Zustand zu
bringen, der ihm die Erfullung
seiner staatsburgerlichen und
ehelichen Pflichten erleichtert.
Also weg mit der Montage!
Dasselbe gilt fur die vielenEx-
perimente zur Entwicklung der
Filmtechnik, die gemacht oder
verhindert worden sind. Der prak-
tische Erfolg eines Experiments
hangt heute davon ab, ob es den
Tendenzen unsrer Filmproduk-
tion dienlich ist, und man glaube
nicht, dafi sich diese Tendenzen
nur im Inhaltlichen ausdrucken.
Da hat beispielsweise der junge
pariser Regisseur Lara einen Film
gedreht, der auf dem Prinzip der
Simultaneitat beruht, Mit Hilfe
einer besondern Optik fiir die
Aufnahme und auch furl dieVor-
fuhrung kann man auf zweiLein-
wanden, tibereinander oder ne-
beneinander, mehrere Vorgange,
die gleichzeitig spielen, aufein-
ander wirken oder in sonst einem
geistigen Zusammenhang stehen,
zugleich zeigen. Laras Film
zeigt, wie ein Mensch aus einer
anderbaren Situation durch fal-
sches Verhalten allmahlich . in
eine unveranderliche kommt.
Nicht das Schicksal ist esf das
ihn in diesen ausweglosen Zu-
stand treibt sondern seine Hand-
lungsweise, die wiederum durch
die Lage, in der er sich befindet,
bestimmt wird. Dem Zuschauer
wird der psychische Zustand des
Helden nicht zum Zwecke des
Miterlebens nahergebracht, &on-
dern es wird ihm sichtbar ge-
macht, wie ein Individuum den
Kampf aus seiner Situation her-
aus fiihrti und welches die Ur-
sachen dafiir sind, dafi es diesen
Kampf verliert. Dadurch be-
kommt die Kunst eine neue
Funktion. Die Tragodie beispiels-
weise wird untragisch. Der Zu-
schauer, Betrachter eines Kamp-
fes, verlafit nachdenkend, an-
statt menschlich erschiittert, den
Zuschauerraum. (Ahnliche Ver-
AUGUST EWALD
IDEE UND LIEBE
StudieninDichtungundKunst
WUIIer &. I. Kiepenheuer, Potsdam Kart. rm. 3.80 Ln. rm.4,8o
955
suche machte Bert Brecht auf
dem Gebiete des Theaters.)
Der Simultanfilm, ein neues
technisches Mittel, stellt den
Autor, den Regisseur, denSchau-
spieler, aber auch den Zuschauer
vor neue geistige Aufgaben. Der
Autor hat nicht mehr einfach die
Fabel dramatisch zu steigern, er
muB die fur die weitere Entwick-
lung wichtigsten, in den Vorgan-
gen enthaltenen Widerspriiche
aufzeigen. Diese Widerspriiche
sind namlich von unserm heuti-
gen Standpunkt aus die Haupt-
sache. Regisseur und Schau-
spieler sollen die Antinomien be-
rucksichtigen. Und der Zuschauer
soil nicht mehr nur „erleben"
sondern Widerspriiche begreifen,
etwa den zwischen einer Volker-
bundskonferenz und dem Krieg
zwischen Japan und China,
Die Moglichkeiten, ytfies Prin-
zip der Simultaneity auch fur
den Spiel film zu yerwenden, sind
noch grdfier, .wenn auch schwie-
riger. Lara hat es versucht, (Die
drei Leinwande in dem Napoleon-
film von Abel Gance haben mit
diesem Experiment wenig zu tun,
denn Gance wollte nichts als den
Schauplatz fiir die geschichtlichen
Ereignisse vergroBern, urn eine
prachtigere, monumentale Wir-
kung zu erreichen.) Das Manu-
skript von Lara ist nach einer
Jack-LondonrNovelle geschrie-
ben und handelt im Schlufiteil
von einem Goldgraber, dem, auf
den Hohen von Alaska, der FuB
naB geworden und erfroren ist,
so daB er sein Dorf nicht mehr
erreichen kann. Die Kalte ist so
groB, daB er, wenn er oben uber*
nachtete, ganz erfrieren wiirde.
Nun wird gezeigt, was dieser
Mensch unternimrat, urn sich zu
retten. Er macht Feuer unter
einer Tanne, die mit Schnee be-
deckt ist. Der Schnee fallt wegen
der auf steigenden Warme von den
Zweigen und verschuttet das
Feuer. Der Goldgraber versucht
nun mit seinem letzten Streich-
holz, anderswo Feuer zu machen.
Da auch seine Hande erfroren
sind, nimmt er das Streichholz in
den Mund. Beim Anziinden rei-
zen ihn die sich dabei entwik-
kelnden Gase zum Niesen, und
956
so loscht er sein letztes Streich-
holz aus . Er macht noch ein
paar ergebnislose Versuche, utn
sich zu retten, dann stirbt er vor
Kalte. Bei j edem dieser Vor-
gange legt der Regisseur den
Hauptakzent auf die Anderbar-
keit der Situation und das falsche
Verhaltenl Wahrend der Gold-
graber das Feuer anzundetK kon-
trastiert der Regisseur gleichzei-
tig das Feuer mit dem Schnee.
Wurde man denselben Vorgang
sukzessiv darstellen, so mtifite
der Zuschauer, wahrend er den
Schnee sdeht, an das Feuer den-
ken, das heiBt: jenen ProzeB sel-
ber vollziehen, den ihm der Simul-
tanfilm zeigt. Da aber der Zu-
schauer diesen DenkprozeB, we-
gen der Eindringlichkeit des
einen Bildes vor seinen Augen,
kaum vollzieht, wird in ihm
nichts als die Illusion des Dabei-
seins erweckt. Der Simultanfilm
hingegen kann dem Zuschauer
Zustande, bewuBt machen, in die
der Mensch entscheidend ver-
andernd eingreifen kann. Nicht
der unveranderliche Mensch und
sein unabanderliches Schicksal
sondern der veranderliche Mensch
und die von ihm zu andernden
Zustande konnen gezeigt werden.
Die kiinstlerische Methode des
Simultanfilms, die noch entwik-
kelt und ausprobiert werden muBf
bietet die Moglichkeit, neue, . fiir
den bisherigen Film undarstell-
bare Prozesse, die in den heuti-
gen Menschen und in der heuti-
gen Gesellschaft stattfinden, zu
schildern. Sicher ist diese Me-
thode nicht fiir alle gesellschaft-
lichen Funktionen ,des Films
brauchbar, aber ebenso sicher ist,
daB man mit dem Simultanfilm
Vorgange zeigen kann, die man
mit den bisherigen Mitteln nicht
in so pragnanter Weise oder
uberhaupt nicht darstellen kann.
Die Filmindustrie allerdings hat
kein Interesse daran, diese Ver-
suche zu fordern, denn dem Un-
terhaltungsfilm konnen sie nichts
mitzen. Trotzdem miiBte man
dieses wichtige Experiment auch
in Berlin, zumindest vor einem
dafiir interessierten Publikum,
zeigen.
S. Th. Dudow
Nationalisierte Wis sen sen ait
Tn der polnischen Zeitschrift
•^ .Wiadomsci Literackie* hat der
bekannte Kritiker Boy-Zelenski
mit seiner vor kurzem eroffneten
Polemik tiber den Tod des groBen
polnischen Dichters Adam Mickie-
wicz eine Frage zur Debatte ge-
stellt, die zweifellos etwas mittel-
aiterlich anmutet, die aber leider
nicht nur in Polen am Platze ist.
Allerdings ist am Beispiel Pol ens,
wo die nationalen Interessen noch
immer als besonders brennend
empfunden werden, am leichtesten
zu zeigen, welche Folgen sich fur
die Wissenschaft ergeben, wenn
■der f,nationale Gedanke" ent-
scheidenden EinfluB auf ihre Ziel-
setzungen und Methoden gewinnt
.Mickiewicz ein unruhiger Geist,
ein Dichter von elementarer
Gewalt, von wenigen. geliebt und
wie kein andrer von bestimmten
Kreisen seiner Volksgenossen an-
gefeindet, nach seinem Tode
plotzlich zum Volksheros er-
hoben und zum starren „bronze-
nen" Mann der vielen Denkmaler
zurechtgeglattet — , ist unter
merkwurdigen und nie ganz ge~
klarten Umstanden gestorben.
Die offizielle Version aller pol-
nischen Lehrbiicher und Literatur-
geschichten besagt, Mickiewicz sei
in Konstantinopel an der Cholera
verschieden. Indessen, diese offi-
zielle Angabe scheint auf recht
schwacher Grundlage zu ruhen,
denn Boy-Zelenski konnte den
Beweis erbringen, daB sie, wenn
nicht wissentlich falsch, so doch
zum mindesten sehr anfechtbar
ist und dafi sich eine Reihe von
Tatsachen nicht in den Rahmen
der amtlichen Lesart einfugen
lassen, ja gradezu dafur sprechen,
daB Mickiewicz im Auftrage einer
prominenten Personlichkeit der
damalitfen polnischen Emigration
vergiftet worden ist.
Zelenski ftihrt eine Reihe selt-
samer und anders schwer deut-
barer Stellen aus authentischen
Berichten an und bringt den Tod
Mickiewiczs mit dessen enger Be-
ziehung zu dem damals schon sehr
angefeindeten, zum mohammeda-
nischen Glauben tibergetretenen
Michael Czaykowski, Sadyk-
Pascha( in Zusammenhang, vor
allem aber mit seinem leiden-
schaftlichen Eintreten fur die
Schaffung judischer Legionen in
polnischem Dienst, — eine heiB
verfochtene Lieblingsidee des
Dichters, die zur hellen Erbitte-
rung der national-klerikalen pol-
nischen Kreise beinahe Wirklich-
keit geworden ware, als die ganze
Bewegung mit dem plotzlichen
Tode Mickiewiczs zusammen-
brach . , .
Nicht der schreckliche Gedanke,
daB der groBte Dichter der Nation
als Op fer einer lappischen Intrige
elend verendet sei, lafit die
Gemiiter der Gegner Boy-Zelens-
kis erzittern sondern die Angst
vor einer nationalen Blamage.
Nicht der Wunsch, die Wahrheit
zu erfahren, ist der Grund des
Aufruhrs in der einfluBreichen
rechtsstehenden Presse; eine Flut
von Vorwurfen und Verdachti-
gungen schmutzigster Art trifft
Boy-Zelenski, weil er es gewagt
hat, eine prominente Personlich-
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957
keit der polnischen Emigration —
das will sagen; einen Kampfer fur
die Freiheit des Vaterlandes,
einen Helden, einen Patrioten ■*-
eines Verbrechens zu verdachtigen.
Wie kann ein Pole gegen einen
Polen . . . Skandal . . . und auBer-
dem Luge: weil — mit Morgen-
stern zu sprechen — nicht sein
kann, was nicht sein darf, nicht
wahr sein kann, was unter der
Perspektive nationaler Ehre ein-
fach nicht gewesen sein darf.
Und die Historiker, die Ge-
schichts wis sens chaft des Landes,
die berufene Stelle zur Klarung
solcher Fragen? Sie schweigt — ■•
offiziell. Sie flustert — inoffiziclL
Zwar tuschelten einzelne Gelehrte
ihren Freunden ins Ohr, daB die
Vergiftung Mickiewiczs in den
einschlagigen*Kreisen schon langst
alle Spatzen von den Dachern
pfif fen . , . aber still 1 Man kann
sich doch nicht — ich zitiere wort-
lich — wegen einer Zweitage-
sensation die ganze Laufbahn ver-
derben, Denn: die Dokumente, die
unzahligen Unterlagen historischer
Forschung sind hier nicht in staat-
lichen Institute^ gesammelt und
of fentlich registriert sondern be-
finden sich zum grofien Teil noch
immer im Besitz der alten Adels-
geschlechter, in den privaten
Bibliotheken der Czartoryski, der
Radziwill etcetera — und welche
unter diesen Sammlungen sollte
nicht Geheimfacher haben, die un-
liebsamen Gelehrten als hochst
private Familienarchive ohne
weiteres unzuganglich gemacht
werden konnen? Wehe jenem
Forscher, der versuchen wollte,
den national-patriqtischen Glanz,
die sture, unwandelbare, in Gold
verfertigte Glorie offizioser Uber-
lieferung zugunsten der Wahrheit
auch nur im geringsten zu truben!
Seine Laufbahn ware so gut wie
beendet,
Boy-Zelenski behauptet, es gebe
in bestimmten Bibliotheken Doku-
mente, die den unnaturlichen Tod
Mickiewiczs beweisen, die aber
nicht bekanntgegeben werden und
nur durch Zufall dem einen oder
dem andern jungen Forscher bei
seinen Studien in die Hande ge-
raten. Die aber huteten sichwohl,
958
die Sache an die groBe Glocke
zu hangen. Diese Behauptung, es
gebe also in Polen neben der offi-
ziellen, gedruckten, noch eine „ge-
heime"i ungedruckte Wissenschaft,
versetzt die Gegner Boy-Zetenskis
in den gleichen Wutparoxysmus
wie die „nationale Schmach", die
dieser Unerschrockene durch die
Aufrollung des ganzen Fragen-
komplexes auf das Haupt Polens
gebracht haben soil. Indessen, die
vielen Hinweise Boy-Zelenskis,
die zu einer ehrlichen Deutung
des tragischen Lebensi und des
tragischen Todes Mickiewiczs
sehr dienlich waren, verhallten ins
Lcere, und es scheint, als musse
dieser zerrissene, problematische
Dichter, dessen NachlaB sein eig-
ner Sohn der allerseits angestreb-
ten Idealisierung entsprechend
„verwaltet", fiir ewig der glatte
und tote „bronzene" Mann auf
dem marmornen Sockel bleiben . . ,
Noemi Eskul
Hitler in Jerusalem
Jerusalem ist rund sechsund-
dreifiigmal erobert worden*
Jebusiter, Israeliter, Kreuzfahrerr
Tiirken, und noch ein Dutzend
Volker, alle moglichen Leute
schlugen sich um den Besitz die-
ser Stadt. Seit funfzehn Jahren,
seit dem Tag, da die Ttirken sie
den Englandern tibergeben habenf
ist aber Ruhe, Das heiBt: war
Ruhe. Im Oktober 1932 namlich
schickte sich Hitler, oder besser
die Vogtlandische Kunststickerei
Karl Leihkamm an, f,die Mitte der
Welt" zu erobern. In diesem Mo-
nat traf in Jerusalem, und zwar
bei einem judischen Kommissio-
nart eine Ansichtskarte ein. Pa-
pier sehr mafiig, Druck noch
mafiiger. Auf der Textseite in
einem Rechteck: ein kleines ge-
fiedertes, nach rechts schauendes
Tierchen, eine Art Pleitegeier, in
etwas wie einem bayrischen Kno-
del, der vermutlich die Sonne
darstellen soil, da er nach alien
Seiten wildbewegte Strahlen ver-
schieBt* Dieses wahrhaft originelle
Arrangement balanziert auf einem
Miniaturknodel, der eine blut-
rote und eine weiBe Schichte er-
kennen laBt, welch letztere von
einem Hakenkreuz besetzt ist. Das
Ganze steht auf einem, von sym-
metrisch angeordneten Gemusen
griin umkranzten Oval von etwa
sieben Z en ti meter Hohe, das mit
einem Stuck Leinen beklebt ist. 'In
diesem Leinen aber — bitte, sich
zu erheben — ist der Kopf
Hitlers eingewebt. In Blau auf
WeiB, wahrscheinlich, um. der jii-
dischen Nationalfahne entgegen-
zukommen. Damit keinerlei Ver-
wechslung vorkomme, ist der
Name Hitler gleich miteingewebt,
und uberdies stebt unter dem
Oval, mit Rufzeichen versehen,
eine in Jerusalem zwar nicht
ganz verstandliche, aber immerbin
beherzigenswerte Aufforderung
an Deutschland: zu erwachen*
Auf der Adressenseite aber ist
zu lesen (in Maschinenschrift) :
„Offeriere als besondere Neuheit!
1000 Stuck M, 8,00. Karl Leih-
kamm, Auerbach i. V." Darunter,
gedruckt: „D.R.G.M. Nr. 1220 393
Vogtlandische Kunststickerei.
Bildnis waschecht, zum Abtiehmen
und Einnahen in Wasche, Klei-
dungsstucke usw/'
Dies ist das neue, waschechte
Mittel zur Eroberung Jerusalems.
Fur etwa einen Pfennig kann je-
der Einwohner dieses arabisch-
judischen Landes seine Unter-
wasche, die sich infolge des
warmen Klimas zumeist nur auf
eine Unterhose reduziert, mit
einem Hitlerbild versehen. Konnen
wir noch glucklicher sein?
Diese Art deutscher Kultur-
propaganda wird, besonders in
den Fellachendorfern, wo man in
kiinstlerischen Dingen noch nicht
so verderbt ist, sicherlich guten
Eindruck machen. Bei den andern
besteht allerdings die Gefahr, dafi
die vogtlandische Offensive nicht
gelingt. Ihnen wird es zu umstand-
lich sein, immer wieder die Bein-
kleider hinunterzulassen, um die
hitlerbildgeschmuckte Unterhose
als Erkennungszeichen der Ideen-
gemeinschaft vorzuweisen. Aufier-
dem: bei uns heifien die Deut-
schen im Volksmund „die Jeken"
(mit langem e)„ -. Da kann leicht
aus dem „Juda verrecke" ein
„Juda verjeke" werden, was dem
Plan des vogtlandischen Kultur*
pioniers im hebraischen Palastina
schaden konnte.
Bei dieser Gelegenheit sei auf
zwei Tatsachen verwiesen, die
wohl nicht allbekannt sind. Das
Hakenkreuz war bei uns in Pa-
lastina bereits zu einer Zeit hei-
raisch, als es im Vogtland sicher-
lich noch kerne Leihkammanstal-
ten gab und Braunau kaum am
Inn, geschweige denn in der
Historie lag. Auf dem Ruineni
feld . der Synagoge von Kaper-
naum in Galilaea fand ich einen
sehr gut erhaltenen Fries mit Ha-
kenkreuzen. Ich weiC nicht, ob
der Kreishauptmann von Kaper-
naum dem Verein Nationaldeut-
scher Juden des Herrn Naumann
angehorte, und, vor rund zwei-
tausend Jahren, aus Demon-
strationsgrunden die Hakenkreuze
an der Synagoge anbringen liefl
— aber wie dem auch sei: sie sind
da. Und dann konnte ich bei der
Bearbeitung des Forschungsmate-
rials tiber ein im Aussterben be-
griffenes mongolisches Urvolk in
der sudostlichen Tayga, an der
Grenze der Mandschurei also,
UnsereZeiterkennen unci helfen sie zu verSLndern
Unsere Zeit
ii
will f f
unter diesem Namen erscheint die bekannte von Willi MUnzenberg herausgegebene Zeit-
schrift „Der Rote Aufbau" In erweitertem Umfang mit einem literarischen Teil, vlelen
Rubriken, dte eine Uebersicht Uber die neuenBOcher, die fQhrendSnZeitschriften usw.geben.
„Unsere Zeit" behandelt alle aktuellen Fragen. Das Heft hat 64 Seiten und kostet
30 Pfg. „Unsere Zeit" erscheint 14-tfigig. Vierteljahresabonnement durch die Post 1,44 RM.
Probeheftesind anzufordern u. Bestetlungen aufzugeben beim
Verlag Berlin W8, wiiheim*ir.48
959
mit Vergniigen feststellen, dafi
diese palao-asiatischen Gentlemen
seit j eher ihre Dachpf osten mit
Hakenkreuzen schmiicken. Doch
das nur nebenbei.
Ein furchtbares Bild steigt vor
meinem Auge empor: Ich sehe die
Legionen des Lowenherz Hitler
und des Balduin Leihkamm gegen
„die Hochgebaute" heraufziehen,
die . erzenen Legionsadler stehen
auf einem bayrischen Knodel, ein
Wald von griinem Gemtise umgibt
sie, in der Mitte der Vogtlander-
Legion reitet, auf einem mit Sei-
denpapier umwickelten Leihkamm
anfeuernde Lieder spielend, Hit-
ler in eigner Person, und durch
die Wuste Juda rast der Schlacht-
ruf: „Juda verjeke!"
M. Y. Ben-Gavriel
Bayern und die Am nestle
A uf dem hamburger Hauptbahn-
** hof wird ein Zug gereinigt.
Da Hamburg, falls dies kein Ver-
rat militarischer Geheimnisse istt
in Deutschland liegt, so reinigen
den Zug ein Oberputzer und ein
Hilfsputzer.
Als der Hilfsputzer mit einem
Abteil f ertig ist, ruft er: „Fertig!"
(sprich; (tFettich!"),
Da fahrt ihn aber der entrtistete
Oberputzer an. „Was?" sagt er.
nWer ruft hier Fettich? Kain ain
ruft hier Fettich! Wenn es fet-
tich ist, dann' rufe blofi ich Fet-
tich! — Fettich!"
Siehe die Uberschrift
Wilhelm II. ein Jude?
T^\er „Semi-Imperator*\ eine ge-
*S nealogische Abhandlung, die
sich mit dem letzten Kaiserhaus
befafit, wei&t nach, dafi Wil-
helm II. mutterlicherseits ju-
discher Mischling ist. Er stammt
von dem letzten judischen Konig
Zedekias ab. Auch das Haus Ko-
burg ist in diesem Zusammenhang
hebraisch belastet.
Falls sich August Wilhelm und
der Herzog von Koburg daftir
interessieren sollten, das auf-
schluBreiche Biichlein ist 1919 im
Verlag Franz Eher, Mtinchen, er-
schienen.
Deutschland 1932
Ich sah im Traum von Militar-
flugzeugen ein dickes Gewim-
mel.
Sie stiegen auf, mehr, mehr,
immer mehr,
Sie verfinsterten Sonne und Him-
mel.
Sie fiihrten mit sich, in meinem
Traum,
Giftbomben und ahnlichen Segen.
Mit denen wollten im feindlichen
Raum
Sie eine Grofistadt belegen.
Sie ordneten sich, die tod-
bringende Schar,
In schwierigstem Wenden und
Drehen.
Der Giftangriff sollte offenbar
In kunstvollster Form geschehen.
Und sieh, als endlich die ganze
Wehr
Aufstieg zur Abendrote,
Erschien, gebildet aus Militar-
flugzeugen, am Himmel Goethe*
Lion Feuchtwanger
Hmweise der Kedaktion
Berlin
■Club der Geistesarbetter. Sonnabend 21.00. Sylvesterfeier in den Bismarcksalen,
Neue Grfinstr. 28, atn Spittelmarkt. Es wirken mit: Erich Kaitaer, Walter 'Hehring,
Julia Marcus, Dodo von Ooereu, Franz Leschnitzer, Alexander Granach und and ere,
Bflcher
Alfred Polgar: Ansichten. Ernst Rowohlt-Verlay, Berlin.
Leo Trotzki: Ueber Lenin, Verlag Oeffentlichea Leben, Berlin.
Rundfunk
Mittwoch: Breslau 16.00: Hans Reimann uber Griechenland — Freitag: Leipzig 14 30:
Zwei politische Sendschreiben Dantes. — Moskau ({Comintern) 20.00: 10 Jahre
Kampf fur die Ab rustling. Stuttgart 21.00 Lessings Emilia Galotti. - Sonnabend:
Hamburg 18 30: Was will das Publikum fur sein Geld 7 Jochen Klepper und
Jurgen Fehling.
960
Antworten
Deutscher Ausschufi fur Abriistungspropaganda. Sie tibersenden
uns die nachstehendeErklarung: „DieHauptaufgabe de<r Abriistungskonfe-
renz ist, die Grundlage fur die Organisierung des Friedens zu schaf-
fen. Neuerdings ist in die Abriistungsverhandlungen der Gedanke
geworfen worden, den Staaten, denen durch die Friedensvertrage die
Abschaffung der Dienstpflicht auferlegt worden ist, die Wiedereinfuh-
rungi zu gestatten. Dieser Vorschlag, ist von franzosischer Seite als
Entgegenkommen gegeniiber. Deutschland gedacht. Der Deutsche Aus-
schufi fur Abriistungspropaganda, dem 16 pazifistische und freiheit-
liche Organisationen angehoren, warnt dringend vor der Einfuhrung
der Dienstpflicht in irgendwelcher Form, selbst wenn versucht werden
sollte, sie als Miliz dem Volke schmackhaft zu machen. Die Dienst-
pflicht wiirde in Deutschland zu einer verhangnisvollen Militarisierung
des ganzen Volkes fiihren, den inneren Frieden bedrohen und keinen
Schritt zur Weltabriistung bedeuten sondern vielmehr die Verewigung
der nationalen Riistungen und damit der interaationalen Unsicherheit."
Otto Lehmann-RuBbtildt. Ihren 60. Geburtstag miissen Sie am
1. Januar in der teuren Heimat begehen, da Ihnen die deutsche Re-
gierung fiirsorglich und vorsorglich den Pafi abgenommen hat. Gliick-
licherweise bediirfen Ihre Biicher keines Passes und keines Visums,
um in alle Teile der Welt zu gelangen. Soeben hat der Fackelreiter-
Verlag eine vollstandig umgearbeitete Neuauflage Ihrer „Blutigen
Internationale" (die bereits in zehn Sprachen ubersetzt ist) heraus-
gebracht. David Lehmann gegen Goliath Rustungsindustrie ! Wenn
Ihnen ein Freund wiinschte, dafi Sie Ihre Kampfeslust in der
zwetten Halfte Ihres Lebens behalten mochten, wtirden Sie wahr-
scheinlich nur erwidern; Das sowieso. Darum unser Wunsch einfach:
von Auflage zu Auflagel
Der Rote Aufbau, Du schreibst in deinem Heft vom 15. De-
zember: „Der ,Weltbiihne' und ihrem derzeitigen Leiter, dem beriich-
tigten Antisowjethetzer Hellmut von Gerlach, bleibt es vorbehalten,
die Nichtangriffspakte der Sowjetunion mit Frankreich und Polen als
angebliche geheime Militarbtindnisse gegen, Deutschland nach dem
Muster des alten russisch-franzosischen Zweibundes zwischen dem
Zaren und Poincare" zu denunzieren. Wir begmigen uns damit, diese
alberne und dumme Verleumdung niedriger zu hangen." Wenn du
von „Verleumdungen" sprechen willst, mufit du die Adresse andern.
In dem Artikel „Die russische Niete" in Nr. 50 der ,Weltbuhne\ auf
den sich deine Bemerkung bezieht, hat Hellmut v. Gerlach selbstver-
standlich mit keinem Wort davon gesprochen, dafi die russischen
Nichtangriffspakte irgend etwas . mit geheimen Militarbiindnissen zu
tun hatten.
Briefschreiber. Sie warten auf ein Schlufiwort Walther von
Hollanders zu seinem Aufsatz „GeburtenregeIung — Mannessache*'.
Es wird, zusammen mit zwei weiteren Aufierungen zum Thema, in
der nachsten Nummer erscheinen.
Generalleutnant a. D. Ernst Kabisch. In der fK6lnischen Zeitung'
haben Sie kiirzlich einen Beitrag zur Nahrung der Dolchstofilegende
veroffentlicht. Nach einer phantastischen Schilderung der angeb-
lich durch Propaganda erzeugten Stimmung gegen den Krieg schreiben
Sie wortlich: „ Jener Propaganda standen aufier der tatigen und geld-
lichen Mitwirkung berliner Kreise um Witting, den Bruder Maxi-
milian Hardens, Millionen Pfund, Franken, Dollar zur Verfugung, um
in Millionen von Hetzschriften und Flugblattern ihr Gift in Volk und
Heer zu verbreiten." Sie beschuldigen also gewisse Kreise um Witting
und damit auch in erster Linie Witting selbst, wahrend des Krieges
Geld ftir die Verbreitung von Hetzschriften in Heer und Volk gegeben
961
zu haben, Wollen Sie nicht gefalligst mit Ihren Beweisen heraus-
rticken? Richard Witting war ein prachtvoll tapferer Kriegsgegner,
Aber jeder, der ihm riahc gestanden hatf weifi, daB er seine Kriegs-
gegnerschaft auf ganz andre Weise zum Ausdruck brachte als durch
die Finanzierung von Meutererliteratur fur das Heer, Gewifl, histo-
rische Wahrheit iiber alles! Habeh Sie Belastungsmaterial gegen
Witting, bitte, heraus damit! Andernfalls setzen Sie sich dem Vorwurf
aus, einen Toten leichtfertig verdachtigt zu haben.
,Kolnische Volkszeitung*. Unter der Spitzmarke „Millionare als
Bettler" berichtest du tiber eine Schoifengerichtsverhandlung in Siegen.
Drei Industrielle hatten die von ibren Arbeitern eingezogenen Beitrage
fiir die Sozialversicherung unterschlagen, der eine 4400, der andre
4300, der dritte 3900 Mark. In Anbetracht ibrer t,NotlageM erkannte
das Gericbt auf die Mindeststrafe von j e 100 Mark, Of fenbar huldigt
dies Gericht nicht der Abschreckungstheprie, wenigstens nicht gegen-
tiber Arbeitgebern.
Major a. D. Moll in Rendsburg* Mit wahrem Vergnugen haben
wir die Kritik gelesen, die Sie zu der Auffuhrung der ,tEndlosen
Strafle" in der ,Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung' vorgenommen
haben. Sie beanstanden, daB der Leutnant den Hauptmann einfach
siezt, daB der Fahnrich redet, ohne gefragt zu sein, daB der Leutnant
eine zu lange Marine tragt, daB der Feldwebel kein dickes Notizbuch
zwischen dem ersten und dritten Knopf, im Dienst nicht umgeschnallt
und auBerdem die Miitze schief aufgesetzt hat, daB die Kopfhaltung
des Gefreiten nicht die eine9 Gefreiten sondern eines Rekruten ge-
wesen sei, daB die Musketiere beim Alarm nicht sorgfaltig genug um-
geschnallt hatten. Sie Ziehen aus dem Ganzen den SchluB, daB der
Registseur gut getan hatte, vor der Auffuhrung den Rat eines alten
aktiven Offiziers einzuholen. Wir ziehen aus der Sache den SchluB,
daB die Redaktionen gut tun wiirden, die Kritik an Stiicken, in denen
Militarpersonen vorkoramen, alten Offizieren zu tibertragen. Da kame
dann wenigstens an Stuck und Auffuhrung das Wesentliche bei der
Besprechung zu seinem Recht.
Volksspende „Niobe", Ihr habt ein Buch von Korvettenkapitan
a. D. Busch herausgebracht und vetrtreibt es fiir 2,25 Mark. In euren
Reklamezetteln heiBt es, daB der Ertrag den „Grundstock fur den
Neubau eines Schulschiffs" bilden solle. 1st der Bau eines Schul-
schiffs nicbt eigentlicb Sache der Admiralitat und der Reichskasse?
Diese Kasse ist allerdings ziemlich leer. Dafiir aber haben wir noch
eine Auswahl von recht tiberflussigen altern Kriegsschif fen, Aus
denen konnte doch recht gut eins als Schulschiff bereitet werden.
Das scheint uns zweckmaBiger, als wenn das Geld, das jemand fiir
Biicher parat hat, in die „Niobe" des Korvettenkapitans statt in ein
literarisch wertvolles Erzeugnis investiert wird.
Dieser Nummer liegt eine Zablkarte fiir die Abonnenten bei, auf
der wir bitten,
den Abonnementsbetrag fiir das I. Vierteljahr 1933
einzuzahlen, da am 10. Januar 1933 die Einziehung durch Nachnahme
beginnt und unnotige Kosten verursacht.
Manutkripte sind nur an die Redaktion der Weltbulroe, Charlottenburg, fCantstr. 152, zu
richten ; es wird gebeten, ihnen Ruckporto beizulegen, da const keine Rucksendung erf olgen kann.
Im Falle hoherer Gewalt oder Streiks haben unsere Bezieher kein en Anspruch auf Nachlieferung
oder Erstattung des entsprechenden Entgelts.
Das Auff uhrunflrsrecht, die Verwertung vonTHeln u. Text im Rahmen des Films, die musik-
mechanische Wiedergabe aller Art and die Verwertung im Rahmen von Radiovortr&gen
bleiben fur alle in der WeltbQhne erschetnenden Beitrage ausdrdcklich vorbehalten*
Die Weltbuhne wurde begrundet von Siegfried Jacobsohn und wird von Carl v, Osiietzky
unter Mitwirkung von Kurt Tucholsky geleitet — Verantwortlich: Walther Karscb, Berlin.
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